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5. Ergebnis in:

Marcel Dagenbach

"Ewiger Trost und gute Hoffnung", page 215 - 218

Die Eschatologie des zweiten vor dem Hintergrund des ersten Thessalonicherbriefs

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4461-2, ISBN online: 978-3-8288-7483-1, https://doi.org/10.5771/9783828874831-215

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Ergebnis Der vermutlich kurz vor 70 n. Chr. erstellte pseudepigraphe 2Thess liefert einen wichtigen und unverzichtbaren Beitrag im Kampf um das Erbe des Paulus. Dieser Kampf setzte recht bald in der ungewissen Situation nach seinem Tod ein. Das Ableben des Apostels vor der Parusie hinterließ, so ist anzunehmen, Unsicherheit und eine große Lücke. Im zweiten Schreiben an die „Thessalonicher“ wird an vielen Stellen ein Ringen um den rechten, paulusgemäßen Glauben deutlich (1,10; 2,2.14.15; 3,4.6.14). Der 2Thess will entscheidend zur Aktualisierung und Transformation des 1Thess in einer veränderten, aber zum Teil auch ähnlichen Situation beitragen. Das Ringen um die Wahrheit gipfelt darin, dass es das Evangelium des „Paulus“ ist, welches „zum Erlangen der Herrlichkeit“ beruft und damit Bedeutung im Eschaton erhält. Dreh- und Angelpunkt des 2Thess ist die Parole in 2,2, die aus Sicht des „Paulus“ fälschlicherweise behauptet, dass der „Tag des Herrn“ schon da sei. Diese Aussage mag zunächst befremden, erklärt sich aber wahrscheinlich durch eine einseitige Fokussierung auf bestimmte Aussagen in Briefen des Corpus Paulinum, die die schon jetzt zu erlebende Präsenz Christi in den Gemeinden betonen. Aus diesen Aussagen konnte nach dem Ableben des Paulus und der noch nicht eingetretenen Parusie des sichtbar zu erwartenden Herrns rasch eine Verlagerung der eigentlich noch ausstehenden Ereignisse in die Gegenwart geschehen. Jesus Christus, so vertraten es gemäß dem 2.Thessalonicher vermutlich einige Gläubige, ist in unsichtbarer Weise bei den Seinen, es braucht keine Parusie und kein Gericht mehr. Gegen diese nicht auf Paulus zurückführbare Sichtweise schreibt der „Paulus“ des 2Thess vehement an, indem er an zahlreichen Stellen die Sichtbarkeit der endzeitlichen Ereignisse betont, die gleichzeitig allesamt noch ausstehen (1,5.7–12; 2,1.8; 3,5). Diejenigen, die die falsche Parole beherzigen, verlieren – so ein plausibler Schluss – die notwendige Wachsamkeit und lassen die angemessene Distanz zur paganen Umwelt mis- 5. 215 sen. Die Betonung der noch nicht vollendeten Berufung zeigt diesem Kreis die noch ausstehende Parusie auf (1,11). Die Adressaten, so legen es die diverse Ausführungen des „Paulus“ nahe, leiden unter einer stärkeren Verfolgungssituation als die eigentlichen Thessalonicher, die Bedrängnisse machen ihnen zu schaffen, so dass ein „Aufatmen“ dringend notwendig erscheint. Der reichlich ausgeschmückte Strafteil, der den Bedrängern kommendes Unheil zuspricht, macht dies überdeutlich. Die heidnische Gesellschaft in Verbund mit den herrschenden Römern setzen der Gemeinde zu. Die „Menschen“ werden als böse und bedrohlich eingeordnet (3,2f.). Es besteht also Grund zur Annahme einer konkreten Bedrängnis aus der umgebenden Bevölkerung. Anzunehmen ist, dass den Christen aufgrund ihres „neuen“ Königs Jesus, die erforderliche Loyalität abgesprochen wurde (vgl. Apg 17,7) und sie das geschäftliche, religiöse und kultische Treiben ihrer Umgebung störten (vgl. Apg 19,22–40). Bereits 1Thess beschreibt Verfolgungen durch „Stammesgenossen“ (2,14) und benutzt Vokabular, das die römischen „Heilsversprechen“ negativ thematisiert. 2Thess baut die negative Thematisierung aus und hebt das grundsätzlich blasphemisch anmutende römische Herrschaftsgebaren in 2,1–12 bis auf ein satanisches Niveau. Der Katechon, ein negativer Faktor, der das die Gemeinde entlastende Gericht schlussendlich aufhält, lässt sich mit dem Imperium Romanum und ihren Kaisern in Verbindung bringen. Der Widersacher trägt mindestens Züge des Caligula, zudem vielleicht des Nero. Die chiffrierte Sprache bezüglich der Verfolgungen und Bedrängnisse lässt einen römischen Hintergrund vermuten. Die herrschenden Römer werden in Form von einigen Andeutungen nur verdeckt unter den mächtigeren Herrn Jesus gestellt, da bei offener Schreibweise Repressalien drohen konnten. Die formelhafte und geprägte Wendung „gute Hoffnung“ (2,16) lässt möglicherweise die römische Göttin Spes oder die Eleusinischen Mysterien mitschwingen. Dafür ist aber nur eine unsichere Untersuchungsbasis gegeben. Zudem sind weitere Bezüge zu Eleusis oder anderen Mysterien denkbar. In jedem Fall verdeutlicht „Paulus“ die christliche Botschaft gegen alle anderen Heilsversprechen. So bieten der „ewige Trost und die gute Hoffnung“ den Adressaten positive Perspektiven, die konkurrierende Heilsangebote der heidnischen Welt in 5. Ergebnis 216 den Schatten stellen. Den heidnischen, Gott nicht kennenden Verfolgern winkt „ewiges Verderben“, fern der Herrlichkeit Gottes (1,9) – den Adressaten Aufatmen und ewige Gemeinschaft beim Herrn (1,7; 2,1). 5. Ergebnis 217

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Abstract

This volume examines the structurally parallel texts of 1 and 2 Thessalonians from an eschatological perspective. This helps a better understanding of the literary relationship of the two letters and to prove 1 Thessalonians as a pre-text of 2 Thessalonians. A dense structure of connections between corresponding sections becomes visible and enables new approaches to the intention of the author of 2 Thessalonians.

Among the motifs whose contemporary and religio-historical background is examined, the Eleusinian Mysteries are particularly mentioned. Not least from the connotations of "anti-god" and "adversary", Dagenbach concludes a composition between 66 and 70 AD – uncommonly early for a pseudepigraph.

Zusammenfassung

Der vorliegende Band untersucht die strukturparallelen Texte der beiden Thessalonicherbriefe unter eschatologischen Aspekten. Dies hilft, das literarische Verhältnis der beiden Schreiben besser zu verstehen und den 1Thess als Prätext des 2Thess zu erweisen. Ein dichtes Gefüge von Verbindungen zwischen den korrespondierenden Abschnitten wird sichtbar und ermöglicht neue Zugänge zur Intention des Verfassers des 2Thess.

Unter den Motiven, deren zeit- und religionsgeschichtlicher Hintergrund untersucht wird, finden die Eleusinischen Mysterien besondere Erwähnung. Nicht zuletzt aus den Konnotationen von „Anti-Gott“ und „Widersacher“ schließt Dagenbach für den 2Thess auf die für ein Pseudepigraph frühe Abfassungszeit zwischen 66 und 70 n. Chr.