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4. Einleitungsfragen in:

Marcel Dagenbach

"Ewiger Trost und gute Hoffnung", page 187 - 214

Die Eschatologie des zweiten vor dem Hintergrund des ersten Thessalonicherbriefs

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4461-2, ISBN online: 978-3-8288-7483-1, https://doi.org/10.5771/9783828874831-187

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
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Einleitungsfragen Nach erfolgter Bearbeitung des 2Thess aus eschatologischer Sicht, die maßgeblich auf den Prätext 1Thess, zum Teil auch auf das Corpus Paulinum bezogen war, sollen nun die Einleitungsfragen beantwortet werden. Dabei werden die erzielten Ergebnisse berücksichtigt und darüber hinaus auch weitere Erwägungen miteinbezogen. Verfasser Die Verfasserfrage ist seit über 200 Jahren strittig496 und wird bis heute diskutiert.497 Im englischsprachigen Raum wird der 2Thess tendenziell als echter Paulusbrief angesehen,498 im deutschsprachigen Raum votiert eine Mehrheit für die Unechtheit.499 Umfassende und eindrückliche Untersuchungen führte beispielhaft Wolfgang Trilling durch, der aus der Summe der Indizien zum Ergebnis der Pseudepigraphie kommt.500 Welche Beobachtungen lassen eher an eine paulinische Verfasserschaft denken oder sprechen nicht eindeutig für ein Pseudepigraphon? Diese Arbeit zeigt auch Beobachtungen, die auf paulinischen Stil und Sprache hinweisen. Darunter fallen z.B. die Präferenz des 2Thess für finite Verben, präpositionale Wendungen und bildhafte Ausdrücke. 4. 4.1 496 Vgl. z.B. Trilling, Thessalonicher, S. 22ff. mit umfangreichen Verweisen; Zur Forschungsgeschichte vgl. Trilling, Untersuchungen, S. 11–45. 497 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 39f. bietet einen aktuellen Überblick über Vertreter der Echtheit und Unechtheit. 498 Z.B. Malherbe, Thessalonians, S. 364; Jewett, Correspondence, S. 3.17f.; Übersicht bei Carson, Einleitung, S. 644–670. 499 Vgl. Darstellung bei Schreiber, 2Thessalonicher, S. 39f. 500 Vgl. Trilling, Untersuchungen, S. 45: „kein Argument gegen die Echtheit von II allein könnte überzeugen, sondern nur die Summe mehrerer Argumente“. 187 Grundsätzlich ist festzuhalten, dass im Vergleich zum Corpus Paulinum fehlende wichtige Vokabeln nicht automatisch den Schluss zu lassen, dass 2Thess nicht authentisch ist. Dies kann z.B. der Situation oder dem Kontext geschuldet sein, zudem ist 2Thess ein recht kurzer Brief. Der „amtliche Ton“ wird ebenso als Grund für ein Pseudepigraphon angeführt.501 Hier könnte man anführen, dass „[d]er Situationsbezug […] auch für den ganz unterschiedlichen Ton der Briefe verantwortlich [ist], der vom sachlich-ruhigen Ton des Röm bis zur hitzigen Polemik des Gal reichen kann.“502 Der 2Thess muss keinen durch und durch persönlichen Ton anschlagen, je nach Anlass, z.B. bei starker Verfolgung und intendiertem Zur-Ordnung-Rufen der Gemeinde können sich unterschiedliche Formulierungen nahelegen. Durch die auffällige Zahl der brieflichen Fürbitten im recht kurzen 2Thess werden persönliche Anteile beigemischt. Das oftmals als Hinweis auf ein pseudepigraphes Schreiben verstandene Echtheitszeichen kann nicht eindeutig für die Verfasserfrage herangezogen werden.503 So musste der falsche Paulus damit rechnen, dass seine Unterschrift mit anderen handschriftlichen Zeugnissen des Paulus verglichen werden konnte. Oder 2Thess 3,17 könnte eine zeitnahe Reaktion auf „falsche“ Verkünder sein, wie sie auch in 2Kor geschildert werden. Nach 2Thess wäre es möglich, dass dieses Zeichen wieder abgeschafft bzw. nur zum Teil erhalten wurde. Vielleicht wurde es bei Abschriften auch nicht mehr reproduziert. „Der Verfasser hat […] neben dem ersten Brief wahrscheinlich Paulusbriefe gekannt, die keine eigenständige Unterschrift trugen. Es waren ganz überwiegend 501 Z.B. Trilling, Untersuchungen, S. 63f. 502 Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 256. 503 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 15 f.: „Das Echtheitszeichen lässt sich als pseudepigraphisches Mittel verstehen. Derjenige, der einen echten Brief nachahmt und seiner Nachahmung einen Echtheitsanspruch verleihen möchte, sucht nach Mitteln, Echtheit zu suggerieren. Eine eigenhändige Unterschrift mit einer gegenüber dem sonstigen Briefschreiben veränderten Handschrift, die beim Abschreiben sowieso nicht mehr erkennbar ist, ist ein gutes Mittel dafür. Das darf jedoch als Argument des pseudepigraphen Verfassers gegen die Authentizität des ersten Briefes nicht überbewertet werden. In 1Thess fehlt wohl ein expliziter Hinweis auf eine eigenhändige Unterschrift. Diese aber war bei einer Abschrift ohnehin nicht mehr erkennbar.“ 4. Einleitungsfragen 188 Abschriften, und er konnte davon ausgehen, daß eigenhändige Unterschriften nicht in jedem Fall kopiert worden waren, oder daß Stellen wie 1Thess 5, (26-)28; 2. Kor 13, 12–13; Gal 6,11–18; Phil 4,21–23 im jeweiligen Brieforiginal die Handschrift des Paulus aufweisen.“504 Marcion nahm den Brief in seinen Kanon auf, ebenso fand sich 2Thess im Kanon Muratori wieder, insofern kann man zumindest eine frühkirchliche Akzeptanz des Briefes annehmen. Aus diesen und weiteren Erwähnungen des Briefes aber zu folgern, dass 2Thess echt sei,505 greift zu kurz, da „sich in ähnlich gelagerten Fällen diese Überlieferung als ungenau oder falsch erwiesen hat“506 und zur damaligen Zeit die Methoden der historisch-kritischen Exegese noch nicht zur Verfügung standen. Warum ist das Schreiben wahrscheinlich ein Pseudepigraphon? Ein wichtiger Hinweis für die Unechtheit ist der Stil des 2Thess, der umfassend untersucht wurde mit dem Ergebnis, dass kein originaler Stil des Paulus vorliege.507 Als weiterer Grund für die Annahme eines Pseudepigraphons sind Sinnverschiebungen im Vergleich zu 1Thess und anderen Paulinen zu nennen, „bei nahezu identischem Vokabular“508. Der Autor des 2Thess „scheint den I Thess nachzubilden, indem er nicht nur dessen Struktur übernimmt, sondern auch versucht, seine eigenen Gedanken in die Worte des Paulus zu kleiden.“509 Diese Arbeit hat gezeigt, dass 2Thess zwar teilweise sinnwahrend auf dem 1Thess aufbaut, aber eben auch an vielen Orten Vokabular in einer anderen Bedeutung verwendet. Recht bezeichnend ist, dass sich in 2Thess trotz literarischer Abhängigkeit und weiterer Parallelen kein ausdrücklicher Bezug auf 1Thess findet. Einen solchen könnte man bei Echtheit des Briefes erwarten. 2Kor ist anzuführen, ein authentischer Brief zusammengesetzt 504 Reinmuth, Thessalonicher, S. 163; Vgl. Phlm 19: „Ich, Paulus, gebe es dir hier schriftlich: Ich will es bezahlen! Dabei brauche ich dir nicht zu sagen, daß auch du mir etwas (oder: noch mehr) schuldig bist, nämlich dich selbst.“ 505 So z.B. Carson, Einleitung, S. 649. 506 Trilling, Untersuchungen, S. 24. 507 Beispielhaft Trilling, Untersuchungen, S. 65f. 508 Metzger, Katechon, S. 59; Vgl. ebd. S. 55–70. 509 Ebd., S. 57. 4.1 Verfasser 189 aus mehreren Briefen,510 wo in 2,3; 7,8 ein klarer Bezug zu 1Kor fehlt. Vielmehr ist ein Bezug zu einem unbekannten Brief zu konstatieren, dem sogenannten „Tränenbrief “, der wohl zwischen dem 1. und 2. Brief geschrieben wurde. Das Schreiben weist allerdings die von den Thessalonicher-Briefen bekannte starke und einzigartige literarische Abhängigkeit zum ersten Schreiben nicht auf, insofern ist dieses neutestamentliche Zeugnis hier nicht einschlägig. Auch das von 2Thess geforderte Festhalten an der Lehre wird als Zeichen einer späteren Zeit und damit als Hinweis für vorliegende Pseudepigraphie gesehen. Dazu ist zu bemerken, dass zwar bereits 1Kor 11,2 das Festhalten an den Überlieferungen erwähnt, das Schreiben aber weitaus deutlicher auf Gott und Jesus Christus als Legitimation zurückgreift als 2Thess, der die paulinische Lehre und Autorität als überwiegend maßgeblich erscheinen lässt. Die in 2Thess umfangreich und ausführlich offerierte strafende und ausgleichende Gerechtigkeit Gottes weist auf ein Pseudepigraphon hin, da Paulus diese sonst eher vorsichtig andeutet (z.B. Röm 2,6ff.; 3,5f.; 1Thess 1,10; 2,16) bzw. das Heil der Gläubigen bei ihm mehr Raum einnimmt (z.B. 1Kor 15; 1Thess 4,13–18). Zwar steht die Eschatologie des 2Thess nicht im Gegensatz zu 1Thess – wie man beim Zeitpunkt der Parusie meinen könnte – dennoch hat diese Arbeit gezeigt, dass Unterschiede vorliegen. Der 2Thess erweitert das eschatologische Spektrum des 1Thess und entfaltet Aussagen des 1Thess, allerdings übersteigen diese Aussagen den Horizont des 1Thess, so dass die Annahme eines anderen Autors als Paulus nahe liegt. Dies wird durch die Heranziehung eschatologischer Themen aus 1Thess bestätigt, die dann sehr deutlich transformiert werden (s.o.). Auf ein Pseudepigraphon weist auch hin, dass „Paulus […] in seinen unumstrittenen Briefen weder eine Anspielung auf die Caligula-Erinnerung noch eine solche auf einen Aufhalter vor dem Ende [bot].“511 Diese Arbeit zeigt die Anzahl der Hapaxlegomena und der einzigartigen Wendungen in den untersuchten strukturparallelen Texten auf. Hieraus ergibt sich eine große Fülle entsprechender Worte in 2Thess, die deutlich über 1Thess hinausgeht (Zwölf Fälle in 1Thess, 18 Fälle in 510 Vgl. Schmeller, Thomas, in: Ebner, Einleitung, S. 326ff. 511 Karrer, Thessalonicherbrief, S. 129. 4. Einleitungsfragen 190 2Thess, zusammen mit 2Thess 2,1–12 beachtliche 32). Somit liegt ob der genuinen Sprache und der sich deutlich mehr als 1Thess vom restlichen Corpus Paulinum und dem NT abhebenden Wortwahl ein zusätzliches Argument für ein Pseudepigraphon vor. Aus den Beobachtungen dieser Arbeit und weiteren Erwägungen hat sich ergeben, dass Paulus nicht selbst der Autor sein kann, wenn auch Unsicherheiten und Zweifel bleiben. Die Annahme eines Pseudepigraphons wird durch die grundlegenden Untersuchungen Trillings gestützt.512 Wer ist der pseudonyme Verfasser? Es spricht vieles dafür, dass ein Mitglied einer von Paulus gegründeten Gemeinde der Schreiber des 2Thess ist, da der Brief an Paulus anknüpft. Der Verfasser markiert seine Position, indem er den 1Thess deutlich aufgreift und paulinische Gedanken aktualisiert.513 Er kennt also definitiv 1Thess, wahrscheinlich auch noch weitere Paulus-Briefe, am ehesten Röm, 1Kor, 2Kor und Phil. Darauf weisen einige Beobachtungen in dieser Arbeit hin (vgl. u.a. semantische Untersuchungen und Einleitungsfragen). Die kreative Fortschreibung paulinischer Gedanken lässt einen in der theologischen Welt des Paulus beheimateten Autor vermuten,514 wenngleich diese Vertrautheit auch literarisch vermittelt sein könnte. Die Annahme der Beheimatung im paulinischen Denkkosmos begründet sich vor allem in der Aufnahme und Weiterführung paulinischen Gedankengutes aus 1Thess (Eschatologie, politische Spitzen wie „Friede und Sicherheit“) und wird durch die Beobachtung gestützt, dass sich der Verfasser der antirömischen Chiffrie- 512 Vgl. Trilling, Untersuchungen. 513 Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 443: „Die Indizien deuten auf einen späteren Verfasser, der auf Paulus als zentrale Autorität zurückgreift und ihn interpretiert. Er versteht sich und die Adressaten in der Tradition des Paulus; es handelt sich also um ein Mitglied einer pln Gemeinde. Sonst bleibt er für uns unbekannt (Autorenfiktion). Wir sprechen von einem pseudepigraphischen Brief.“ 514 Nicklas, Thessalonicherbrief, S. 56 hierzu: „Wir haben es ganz offensichtlich mit einer Figur zu tun, die als direkter Schüler bzw. zeitweiliger Begleiter oder aber indirekt als Mitglied einer paulinisch geprägten Gemeinde zu bezeichnen ist.“ 4.1 Verfasser 191 rungstechniken des Paulus (vgl. u.a. 1Thess 5,3) bewusst ist und diese – so ein Ergebnis dieser Arbeit – auch anwendet. Bei einem Pseudepigraphon liegt der Gedanke nahe, dass ein Schüler des Paulus der Autor sein könnte. Die Antike bietet derartige Beispiele, die aber „nicht einfach auf alle Schulen und alle Autoren übertragen“515 werden können. Es ist auch aufgrund der wahrnehmbaren Nähe zu Paulus und seinen Gedanken zumindest denkbar, vom Phänomen der Deuteronymität, d.h. von einem besonders engen Lehrer-Schüler-Verhältnis zu sprechen.516 Dies im Bewusstsein, dass ein gebildeter Verfasser, der in der paulinischen Tradition steht, Nähe erzeugen kann und eine solche zum literarischen Phänomen der Pseudepigraphie dazu gehört.517 Bei einem engen Lehrer-Schüler-Verhältnis wäre an Silvanus und Timotheus zu denken. Dies ausdrücklich nicht in dem Sinn, dass sie den Brief von Paulus quasi als Diktat oder ähnliches empfangen hätten. Allerdings könnten sie den 2Thess nach dem Tod des Paulus verfasst haben. Silvanus Silvanus, im Brief selbst erwähnt, ist eine mögliche Option, da er als langjähriger Begleiter des Paulus ihn und die Beziehung zu den Thessalonichern und anderen Gemeinden aus dem paulinischen Missionsgebiet kennt. Er wurde zudem von Paulus für dessen zweite Missionsreise ausgewählt (Apg 15,40) und war mit ihm inhaftiert (Apg 16,23ff.), was deren Verhältnis und Austausch sicher beförderte.518 2Thess 2,13 beinhaltet die Formulierung ἐν ἁγιασμῷ πνεύματος, die in 1Petr 1,2 vorkommt und die Bearbeitung hat ergeben, dass weitere Parallelen zu 1Petr existieren: Das oftmalige Vorkommen von „offenbaren“ und „Offenbarung“, genau wie in 2Thess nur auf das zukünftige 515 Schreiber, Pseudepigraphie, S. 239. 516 Klauck, Briefliteratur, S. 302: „Deuteronymität ist eine neue Wortschöpfung, die in Analogie zu „deuteropaulinisch“ geprägt wurde, um das besonders enge Lehrer- Schüler-Verhältnis zu charakterisieren, in dem die Verfasser des Kol, des Eph und evtl. auch des 2Thess zu Paulus stehen“. 517 Vgl. Schreiber, Pseudepigraphie, S. 238. 518 Der Begleiter des Paulus wird nur in 2Kor 1,19; 1Thess 1,1; 2Thess 1,1 und 1Petr 5,12 „Silvanus“ genannt, in der Apg durchgängig „Silas“. 4. Einleitungsfragen 192 Heilsgeschehen bezogen,519 das sublimierte Heil und das Schicksal der Ungläubigen (1Petr 4). Auch könnte Silvanus, vorausgesetzt es handelt sich um dieselbe Person, laut 1Petr 5,12 der Autor des 1Petr sein, sofern ihm der Brief nicht von Petrus diktiert wurde. Trotz allem sind diese Beobachtungen hinsichtlich des ersten Briefes des Petrus nicht eindeutig genug, um eine ausreichend hohe Wahrscheinlichkeit für eine Verbindung beider Briefe herzustellen. Für Silvanus spräche, dass er Judenchrist ist, was sich mit dem hebraisierenden Stil des 2Thess decken würde.520 Darauf weisen auch einige alttestamentliche Parallelen zu 2Thess hin, die in dieser Arbeit aufgezeigt werden. Der häufige Begleiter des Paulus stammt zudem aus Jerusalem und der Tempel spielt eine wichtige Rolle in 2Thess. Laut Apg 15,22 nimmt Silas, d.h. Silvanus eine führende Rolle ein, insofern ist ihm ein autoritatives Schreiben zuzutrauen, zumal er bereits Mitverfasser des 1Thess ist. Er scheint außerdem prophetisch begabt, stärkt seine Brüder (Apg 15,32) und wirkt zusammen mit Paulus und Timotheus als Verkünder (2Kor 1,19). Silvanus könnte die mündliche Überlieferung des Paulus verschriftlicht haben, wie sie in 2Thess 2,5.15 und 3,10 angedeutet wird. Allerdings ist zu diesem Argument abschwächend zu bemerken: „Wenn 2 Thess 2,5 und 3,10 an die mündliche Verkündigung des Paulus vor Ort erinnert, kann damit ein Rückgriff auf Paulus-Überlieferung signalisiert sein.“521 Zudem könn- 519 Vgl. Trilling, Thessalonicher, S. 53f.: „»Offenbarung« (ἀποκάλυψις) und »Parusie« (παρουσία) sind auch in 2Thess synonyme Ausdrücke. Nicht begegnet jedoch, ebensowenig wie in 1Petr, »Offenbarung«/»offenbaren« für das gegenwärtige Heilsgeschehen, die geschehene eschatologische Enthüllung des Geheimnisses Gottes in Jesus Christus“. 520 Ebd., S. 39 sieht z.B. in 2Thess 1,3–12 „hebraisierenden Stil“; Ebd., S. 55: „Daß der Text mit atl. Reminiszenzen gespickt ist und auch in spezifischer Weise atl. Empfunden ist, steht außer Frage.“; Müller, Thessalonicher, S. 240: „Viel stärker als der 1Thess greift der 2Thess auf das AT und das zeitgenössische Judentum zurück; der unbekannte Vf. erweist sich gerade dadurch als Judenchrist, bewandert im apokalyptischen Gedankengut seiner Zeit und der vorausgehenden jüd. Literatur.“; Vgl. Blass, Grammatik, S. 421: „Der von der LXX griechisch gefaßte atl Parallelismus hat auf Paulus nicht weniger Einfluß ausgeübt als der – oft schmuckreich gestaltete – Parallelismus griechischer Art, wie ihn auch der damalige heidnische Predigtstil aufwies.“ 521 Schreiber, 2Thessalonicher, S. 49. 4.1 Verfasser 193 ten Hinweise auf mündliche Aussagen des Apostels zur Stärkung der Brieffiktion beitragen. Timotheus Manche Eigenschaften des Silvanus treffen auch auf Timotheus zu. Er ist ebenso als Autor denkbar, vor allem weil der 2Thess viele Inhalte aufweist, die einen Judenchristen als Schreiber vermuten lassen.522 Er ist zudem Mitarbeiter des Paulus (Röm; 1Kor; 2Kor; Phil; Philem; 1Thess) und begleitete ihn wiederholt, was die Apg an verschiedenen Stellen bezeugt (Apg 16,1; 17,4f.; 18,5; 19,22; 20,4). Timotheus nimmt in der pastoralen Beziehung zur Gemeinde der Thessalonicher eine wichtige Rolle ein, indem er von Paulus gesandt, die Gemeinde stärkt, sich nach ihrem Stand im Glauben erkundigt und Paulus dann positiv berichtet (1Thess 3,2.5f.). Bei einem Pseudepigraphon ist allerdings recht unsicher, ob die Gemeinde in Thessaloniki adressiert ist. Mit Sicherheit ist die Frage der Autorenschaft nicht definitiv zu klären, da die Argumentationsbasis nicht groß genug ist. Es sprechen zwar einige Argumente für Silvanus und/oder Timotheus, ein Nachweis ist aber nicht möglich. Welche Briefe kennt der Autor? Es gibt einige Hinweise, dass „Paulus“ neben dem 1Thess weitere Briefe kannte.523 Hier ist festzustellen, dass in dieser Untersuchung keine umfangreichen Vergleiche zwischen 2Thess und anderen Paulinen intendiert sind, sondern lediglich Übereinstimmungen von Worten und Inhalten herangezogen werden. Insofern können nur Tendenzen der Kenntnis weiterer Briefe benannt werden und keine sicheren Aussagen getroffen werden. 2Thess könnte aufgrund des Echtheitszeichens Gal, 1Kor und Kol kennen – insbesondere 1Kor ist wegen der wörtlichen 522 Vgl. Trilling, Untersuchungen, S. 32f.: „Der alttestamentlich-jüdisch-apokalyptische Charakter, den Harnack stark betonte, hatte schon A. Spitta zu der Auffassung geführt, dass Timotheus der Verfasser des Briefes sein könne.“ 523 Vgl. dazu Trilling, Thessalonicher, S. 28: „Von den Paulusbriefen ist, soweit es unser Brief erkennen läßt, mit Sicherheit nur 1Thess, mit Wahrscheinlichkeit auch 1Kor dem Autor bekannt. Die Möglichkeit, daß er schon eine Sammlung von Paulusbriefen kannte, ist gegeben, aber nicht erweisbar.“ 4. Einleitungsfragen 194 Übereinstimmung wahrscheinlich. Es wäre denkbar, dass im Original noch weitere dem „Paulus“ bekannte Paulinen ein Echtheitszeichen enthalten. Diese Arbeit beschreibt einige Parallelen zu 2Kor (um 55 n. Chr.524), die nahelegen, dass dieser Brief unserem „Paulus“ bekannt gewesen könnte. Auch zu Röm und 1Kor ergaben sich viele sprachliche oder inhaltliche Gemeinsamkeiten. Erste Danksagung: Mehr oder weniger starke Parallelen finden sich neben 1Thess 1,2 in Röm 1,8; 1Kor 1,4; Phil 1,3 und Phlm 4. „Auffällig ist der Zusatz der Dankespflicht [in 2Thess], die singulär im Corpus Paulinum ist, dafür aber Parallelen bei den Apostolischen Vätern hat.“525 Metzger, der den Brief Ende des 1. Jh. entstanden sieht,526 zeigt zudem καταξιόω (2Thess 1,5) als Vokabel, die nicht im Corpus Paulinum, allerdings bei den Apostolischen Vätern auftaucht. Letztere findet sich allerdings auch bei Lk 20,35; 21,36; Apg 5,41. Für eine mögliche Datierung in die Zeit der apostolischen Väter sind diese Parallelen etwas zu dünn. Zudem finden sich zu den entsprechenden Vokabeln gute Parallelen bei Lk. Erweiterung des Gnaden- und Friedensgrußes: Die Erweiterung des Gnaden- und Friedensgrußes durch „von Gott [unserem] Vater und dem Herrn Jesus Christus“ findet sich in allen späteren Paulusbriefen. „Daraus lässt sich schließen, dass Paulus ab dem II Thess entweder sein „Standardformular“ gefunden hat oder dass der Verfasser das paulinische Präskript in seiner ausgereiften Form kennt.“527 „Tag des Herrn“: Das alttestamentliche Motiv „Tag des Herrn“ findet sich neben 2Thess 2,2 auch in 1Thess 5,2.(4), 1Kor 1,8 und 2Kor 1,14. Weitere Parallelen zu Röm, 1 u. 2Kor: – Der Begriff ἀπαρχὴ kommt bei Paulus auch in Röm 8,23 (τὴν ἀπαρχὴν τοῦ πνεύματος), 11,16 (ἡ ἀπαρχὴ ἁγία), 16,5 (ἀπαρχὴ τῆς Ἀσίας εἰς Χριστόν) und 1Kor 15,20 (Χριστὸς ἐγήγερται ἐκ νεκρῶν 524 Vgl. Schmeller, Thomas, in: Ebner, Einleitung, S. 337. 525 Metzger, Katechon, S. 57. Vgl. Barn 5,3; 7,1; I Clem 38,4. 526 Vgl. ebd., S. 90. 4.1 Verfasser 195 ἀπαρχὴ τῶν κεκοιμημένων), 15,23 (ἀπαρχὴ Χριστός), 16,15 (ἀπαρχὴ τῆς Ἀχαΐας) vor. – Sublimierung des Leides in Röm 5,3; 8,17f. – Die Vokabel ἄνεσισ kommt außer in 2Thess dreimal im NT vor, zweimal im 2Kor (2,13; in 8,13 in Zusammenhang mit θλῖψις, dort allerdings für Gläubige). Aus den Beobachtungen hier und in der gesamten Arbeit (wörtliche und inhaltliche Parallelen) lässt sich schließen, dass „Paulus“ am ehesten Röm und 1+2Kor kannte. Verhältnis 1Thess – 2Thess Literarische Abhängigkeit Aufgrund einiger Beobachtungen kann man es als gegeben ansehen, dass der 1Thess den Prätext für 2Thess darstellt.528 Beispielhaft sei hier William Wrede genannt, der zahlreiche Übereinstimmungen feststellt.529 Weiter muss die „auffallend ähnliche Struktur beider Briefe erklärt werden“.530 Mit Trilling ist festzuhalten, dass es „noch keinem Vertreter der Echtheit gelungen [ist], das literarische Verhältnis zu I, den Text und die Eigenart von II in einer durchgehenden Kommentierung so einsichtig zu machen, daß er weitgehende Zustimmung erhalten hätte.“531 Strukturparallelen können dabei natürlich nicht das einziges Indiz für eine Unechtheit sein, sind aber als gewichtig anzusehen. Insofern bestätigen die Gedanken Wredes und Trillings die Entscheidung für ein Pseudepigraphon. 4.2 527 Metzger, Katechon, S. 56. 528 Vgl. Schnelle, Einleitung, S. 368; Metzger, Katechon, S. 61. 529 Vgl. die Übersicht bei Wrede, Echtheit, S. 4–12.24–28 u.a. 530 Metzger, Katechon, S. 51. 531 Trilling, Untersuchungen, S. 35. 4. Einleitungsfragen 196 Verdrängung/Ersetzung Einige Autoren sehen den 2Thess als Verdrängung oder Ersetzung des 1Thess an:532 Er sei „also entgegen der üblichen Deutung kein »Kommentar« zum l Thess, sondern […] geradezu als dessen Widerlegung bzw. »Rücknahme« konzipiert worden.“533 Natürlich wäre es möglich, dass des „Paulus“ des 2Thess in der Formulierung „alle Briefe“ (3,17), verbunden mit 2,2, den 1Thess diskreditieren wollte.534 Dies erscheint jedoch unwahrscheinlich, da sich der 2Thess an den 1Thess anlehnt.535 Auch die Untersuchungen in dieser Arbeit, die darauf hinweisen, dass der 2Thess auf dem 1Thess aufbaut und diesen ausbaut, schließen eine Verdrängung des 1Thess aus. Die Tatsache, dass 2Thess bereits in den frühesten Sammlungen von Paulusbriefen auftaucht, schwächt das Argument der Ersetzung des 1Thess zusätzlich ab. Ergänzung/Aktualisierung Der Verfasser des 2Thess „setzt bei seinen Lesern voraus, dass sie den ersten Brief kennen und den zweiten von vornherein nur als Ergänzung zu ihm lesen.536 Deshalb meint er, sich eine solche christologische Einseitigkeit [lediglich wiederkommender Christus und Gericht statt Tod und Auferstehung Jesu] in seinem Brief erlauben zu können.“537 Gerade weil der 2Thess ein solch starkes Augenmerk auf die Eschatologie wirft, müsste bei einer Ersetzung des 1Thess eine breitere und umfassendere eschatologische Palette angeboten werden. Auch weitere wichtige Elemente des 1Thess werden nicht ersetzt, dafür ist auch der Umfang des 2Thess viel zu gering. Weiter sind Aktualisierungen der paulinischen Eschatologie zu beobachten. 2Thess 2,1–12 etwa ist nicht als Korrektur oder Ersatz des 532 Vgl. Hilgenfeld, Thessalonicher, S. 225—264; Holtzmann, Einleitung, S. 214.216. 533 Lindemann, Abfassungszweck, S. 45. 534 Vgl. ebd., S. 40. 535 Vgl. Wrede, Echtheit, S. 60. 536 Vgl. auch Müller, Thessalonicher, S. 238: „Diese Ergänzungshypothese erklärt auch am einfachsten, warum 2Thess reibungslos in die um 90 bis 120 n. Chr. arrangierte Sammlung der Paulusbriefe aufgenommen werden konnte und warum der 2Thess als fester Bestandteil des vorkanonischen Corpus Paulinum ohne Schwierigkeiten in den Kanon des NT Aufnahme fand.“ 537 Roh, Thessalonicherbrief, S. 17. 4.2 Verhältnis 1Thess – 2Thess 197 1Thess zu lesen. Die Naherwartung wird nicht verneint, es wird aber auf Dinge hingewiesen, die noch zu passieren haben. Man kann so weit gehen, dass der Verfasser des 2Thess auch in der Zeit der unerfüllten Naherwartung die paulinische Theologie des „Schon“ und „Noch nicht“ mittels eines „apokalyptischen Fahrplans“ aufrecht erhält.538 Der 2Thess will „die Erstverkündigung […] im Blick auf die innergemeindliche Entwicklung neu […] reflektieren“539. „Die starke formale Orientierung am ersten Brief sowie die Wiederverwendung von Ausdrücken bzw. Worten des ersten Briefes können [zudem] als eine Art Rekapitulation angesehen werden.“540 Adressaten Als Adressat ist wie in 1Thess die Gemeinde in Thessaloniki genannt, die „Vorbild für alle Gläubigen in Mazedonien und in Achaia“ (1Thess 1,7) geworden ist und damit als Mittelpunkt der Region bezeichnet werden kann. „So kann der II Thess an alle Gemeinden in diesem Umkreis gerichtet sein, weil damit gerechnet werden durfte, dass der Brief ausgetauscht wird.“541 Jedenfalls müssen die Adressaten 1Thess kennen, ansonsten macht sein starkes Aufgreifen in 2Thess keinen Sinn.542 Entweder ist die im Präskript angeschriebene Gemeinde gemeint oder eine andere Gemeinde zu einem späteren Zeitpunkt, die mit dem ersten Schreiben vertraut ist. Beim Phänomen der Pseudepigraphie liegt es allerdings in der Regel nahe, dass sowohl die Verfasser- als auch die Adressatenangabe fiktiv ist.543 4.3 538 Vgl. Merklein, Art. Eschatologie, Sp. 870: „Mit einer gewandelten Situation muß sich der (deutero-pln.) 2Thess auseinandersetzen. Gegen die These v. 2,2, die das Problem der Parusieverzögerung im Handstreich aus der Welt schaffen will („der Tag des Herrn ist schon da“), stellt 2,1–12 einen „apokalypt. Fahrplan“ auf u. hält so den eschatolog. Vorbehalt des Paulus aufrecht.“ 539 Hoppe, 2Thess, S. 317. 540 Roh, Thessalonicherbrief, S. 20. 541 Metzger, Katechon, S. 81. 542 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 21. 543 Vgl. Schreiber, Pseudepigraphie, S. 250f. 4. Einleitungsfragen 198 „Dass II Thess 1,6f mit seinem […] Vergeltungsschema die bedrückende Gegenwart der Adressaten aufnimmt, ist angesichts der apokalyptischen Denkstruktur, die der Brief aufweist und die die Funktion hat, die leidende Gemeinde zu trösten, durchaus plausibel. Deshalb wird der Brief […] an eine Gemeinde gerichtet sein, die unter Verfolgungen leidet.“544 Ob eine Gemeinde in der Umgebung Thessalonikis, z.B. Philippi oder im paulinischen Missionsgebiet, beispielsweise Ephesus angeschrieben ist, kann nicht geklärt werden. Jedenfalls stehen die Adressaten in der Tradition des Paulus, wenngleich diese gefährdet scheint (2,2). Anlass des Briefes „An drei Stellen läßt der Verfasser die Situation erkennen, in der er seine Leser sieht: Nach 1,4 lebt die Gemeinde inmitten von Verfolgungen und Bedrängnissen, nach 2,2 ist sie durch eine Parole verwirrt, nach 3,11 gibt es in der Gemeinde Leute, die unordentlich wandeln.“545 Der unordentliche Wandel bedingt sich durch die aus Sicht des „Paulus“ falsche Annahme, dass der Tag des Herrn bereits gegenwärtig sei. Diese aus seiner Sicht unpaulinischen Gedanken, die eine bestimmte Gruppe wahrscheinlich aus Ansätzen präsentischer Eschatologie in der Lehre des Apostels zieht, bedingen weniger Wachsamkeit und Distanz gegenüber der Gesellschaft und ihren Heilsoptionen. Umgekehrt führt der Weg mangelnder Anpassung an die Gesellschaft, die stark von quasi-religiöser römischer Herrschaft und mit christlicher Lehre nicht konformen paganen Sichtweisen durchzogen ist, zu Problemen und Bedrängnissen. In jedem Fall bleiben Kaiser und Kaiserkult in ihrer gottgleichen Verehrung hochproblematisch für Christen. „Paulus“ will also die Gemeinde in ihrem Dilemma stärken und auf dem rechten Weg, den Paulus vorgab, bewahren. Anlass des Briefes ist somit auch ein Kampf um das richtige Paulus-Bild, um die angemessene Auslegung des apostolischen Erbes. Dieses Erbe enthält, so sieht es der Verfasser des 2Thess, zwingend eine sichtbare und unbestreitbare 4.4 544 Metzger, Katechon, S. 82. 545 Marxsen, Thessalonicherbrief, S. 41. 4.4 Anlass des Briefes 199 Parusie und ein machtvolles und endgültiges Gericht des Herrn. „Paulus“ hält die Worte und Traditionen des Völkerapostels für so eminent, dass er sie als heilsrelevant betrachtet und sich genötigt fühlt, einen zweiten Brief an die „Thessalonicher“ zu senden. Ort Roh schlägt Philippi wegen Parallelen in Polykarps und Paulus Briefen an die Philipper und der räumlichen Nähe von Thessaloniki und Philippi vor. Auch die Angabe von Phil 4,15, dass Paulus in Philippi wohl zuerst missioniert hat (ἐν ἀρχῇ τοῦ εὐαγγελίου), werde von 2Thess 2,13 (ἀπαρχὴν) unbewusst aufgegriffen, da „der Verfasser hier ungewollt seine Abfassungssituation preisgegeben“ habe.546 „Der Verfasser“ – so Roh – „bewegte sich hier möglicherweise unbewusst in seiner eigenen Tradition, nämlich der philippischen Gemeinde und ihres Philipperbriefs.“547 Nun gibt es einige Parallelen zum Philipperbrief, so zeigt es auch diese Arbeit, allerdings gibt es auch viele Parallelen zu weiteren Paulinen. Polykarp lebte von ca. 70 bis 155/156 n. Chr. Die Datierung des Briefes ist mit vielen Fragen behaftet. Zumindest ein Teil seines Briefes an die Philipper wurde wahrscheinlich 155/156 n. Chr. geschrieben. Der Polykarpbrief scheidet also als Argument für den Abfassungsort aus. Philippi als Abfassungsort ist zu unsicher. Einige Ausleger denken an eine Entstehung in Kleinasien.548 Metzger sieht den 2Thess nicht für Thessaloniki bestimmt, sondern bringt den Gedanken auf, dass mit dem Brief Gemeinden in Kleinasien in der Deutung und Bewältigung ihrer Situation unterstützt werden sollen.549 Konkrete Hinweise in 2Thess oder im NT finden sich dafür allerdings nicht, wenngleich die Gemeinde in Ephesus gemäß Apg 19 unter – allerdings früher zu datierenden – Problemen mit der heidnischen Gesellschaft litt. Wäre der Brief von Paulus, so käme unter Zuhilfenahme von Apg 17,15 Athen als Abfassungsort in Frage. Müller erwähnt eine Hand- 4.5 546 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 24–27. 547 Ebd., S. 25. 548 Vgl. Darstellung bei Metzger, Katechon, S. 90; Schnelle, Einleitung, S. 366. 549 Vgl. Metzger, Katechon, S. 90. 4. Einleitungsfragen 200 schrift, die „Geschrieben in Athen“ in die Subskriptio des 2Thess einfügt.550 Die Apg selbst erzählt jedoch die Ankunft des Silas und Timotheus in Athen nicht. Apg 18,15 berichtet von einem Zusammentreffen der drei in Korinth. 1Thess 3,1–7 würde die Athen-These nur bei einem authentischen Brief des Paulus stützen. Für Athen würde die Nähe zu Eleusis und den Eleusinischen Mysterien sprechen. „Paulus“ hätte dann diese unchristliche Frömmigkeit, die auch die meisten römischen Kaiser pflegten, in chiffrierter Weise in den 2Thess miteingewoben (s.o.). Allerdings wurde Demeter, eine Protagonistin in Eleusis, zudem in Thessaloniki und Korinth verehrt551, es ist dazu denkbar, dass der Kult auch in anderen griechischen Städten gepflegt wurde.552 Athen wirkt als Abfassungsort zu unsicher, die Frage des Ortes muss offen bleiben. Datierung Frühdatierung In diesem Abschnitt sollen mögliche Argumente erwogen werden, die mehr für eine Abfassung des Briefes um 70 n. Chr. oder früher sprechen. Eine Gruppe von Auslegern vertritt eine Abfassung um 51 n. Chr.553 Die enge Beziehung zwischen beiden Briefen spräche angeblich dafür, dass 2Thess kurz nach 1Thess geschrieben worden sei.554 Der 1Thess wurde vermutlich 50 oder 51 in Korinth verfasst.555 Die im Brief vorkommenden negativen Aussagen über Juden (1Thess 2,14– 17) haben wahrscheinlich unter anderem ihren Grund in Aufwiegelungen, Behauptungen und Denunziationen, die den Christen in Thessaloniki schadeten (vgl. Apg 17,5–7.13–15). Dieses Auftreten der Ju- 4.6 4.6.1 550 Vgl. Müller, Thessalonicher, S. 243. 551 Vgl. Otzen, Hoffnung, S. 285: „Spuren der Demeterverehrung“. 552 Vgl. Klauck, Umwelt I, S. 95. 553 Z.B.: Carson, Einleitung, S. 659; Bei Merk erst Frühdatierung: Merk, Nachahmung, S. 326; Dann später datiert: Würtwein, Verantwortung, S. 153. 554 Vgl. Carson, Einleitung, S. 659. 555 Vgl. Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 390. 4.6 Datierung 201 den in Thessaloniki müsste sich zwischen 49 und 51/52 n. Chr. ereignet haben, da in Apg 18,2 das Edikt des Claudius (49 n. Chr.) angesprochen wird und 18,12 Gallio erwähnt, der laut einer antiken Inschrift in den Jahren 51/52 n. Chr. Statthalter in Achaia war. Beachtlich ist auch, dass Paulus in beiden Briefen nicht als ἀπόστολος bezeichnet wird,556 was zunächst für eine frühe Datierung des 2Thess kurz nach dem 1Thess spricht. Diese Möglichkeit wird aber durch das veränderte Präskript abgeschwächt, das den späteren Briefen sehr ähnlich ist. Eine Datierung kurz nach dem 1Thess ist laut Metzger unwahrscheinlich, da 2Thess auf potentielle Fälschungen von Briefen hinweise, die aber für diese Zeit sonst nicht überliefert seien.557 2Thess 2,2 allerdings vermittelt mehr einen allgemeinen als einen konkreten Hinweis auf einen gefälschten Brief des Apostels. Zudem ist hier an 2Kor 11 zu denken. Dort finden sich Hinweise auf falsche Apostel und betrügerische Arbeiter, die einen anderen Jesus predigen, einen Jesus, den Paulus nicht verkündet hat. Die falschen Apostel vermitteln einen anderen Geist oder ein anderes Evangelium (11,4). Es ist möglich, dass der Verfasser des 2Thess den 1Thess, vielleicht weitere, sogar alle Briefe des Paulus, im Original kannte, da er von einer eigenhändigen Unterschrift spricht, die „in jedem Brief “ vorkäme. Ob alle Briefe des Paulus so unterzeichnet sind, oder ob ein solches eigenhändiges Zeichen nur typisch für seine Schreiben sein soll, ist nicht mit Sicherheit zu sagen. Bei Originalen läge eine Unterschrift nahe – erst Abschriften konnten naturgemäß keine Unterschriften bzw. handschriftliche Grüße des Paulus beinhalten. Sollte „Paulus“ viele Originale gekannt haben, würde das für eine Frühdatierung sprechen, somit wären bereits die 50er-Jahre als Abfassungszeit denkbar. In 1Kor (16,21–24), auf 54 oder 55 n. Chr. zu datieren,558 liegt eine wörtliche Übereinstimmung des eigenhändigen Zeichens vor. Kol 4,18 stimmt ebenso mit dem Satzteil Ο ἀσπασμὸς τῇ ἐμῇ χειρὶ Παύλου überein. Der Kolosserbrief könnte noch in den 70er-Jahren entstanden sein.559 556 Anders Röm, 1Kor, 2Kor, Gal, Eph, Kol, 1Tim, 2Tim, Tit. Ohne ἀπόστολος: Phil, Phlm, Heb. 557 Vgl. Metzger, Katechon, S. 75–77. 558 Vgl. Schmeller, Thomas, in: Ebner, Einleitung, S. 314: 54 oder 55 n. Chr. 559 Vgl. Theobald, Michael, in: Ebner, Einleitung, S. 435. 4. Einleitungsfragen 202 Für die Datierung des Briefes aus den Beobachtungen zum Echtheitszeichen ergibt sich somit als früheste Abfassungszeit 55 n. Chr., da zumindest ein Paulusbrief mit Echtheitszeichen vorgelegen haben sollte. Unter der Annahme eines Pseudepigraphons ist allerdings eine solch frühe Datierung kaum vorstellbar, da Paulus zu diesem Zeitpunkt noch lebte. Spätdatierung In diesem Abschnitt werden einige Argumente für eine Abfassung nach 70 n. Chr. bedacht. Untersuchungen des syntaktischen Stils des 2Thess ergaben eine Nähe zu Kol und Eph (70–90 n. Chr.560) und klare Differenzen zu authentischen Paulusbriefen.561 Nun existieren auch Gemeinsamkeiten mit 1Thess und vermutlich anderen Paulinen. Eschatologisch hebt sich 2Thess zudem darin ab, dass er keinen Himmel kennt, in den die Christen schon jetzt versetzt wären (vgl. Eph 2,6 und ähnlich auch Kol 3,3). 2Tim 2,18, um 100 n. Chr. oder später zu datieren,562 weist eine mögliche eschatologische Parallele zu 2Thess auf, indem die Meinung zitiert wird, „die Auferstehung sei schon geschehen“ ([τὴν] ἀνάστασιν ἤδη γεγονέναι). 2Tim verwendet allerdings ἀνάστασις statt ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου und ein anderes Verb. Auch diese Arbeit verdeutlicht, dass weitere Parallelen zu verzeichnen sind. So findet sich beispielsweise ἐν τῇ ἡμέρᾳ ἐκείνῃ (2Thess 1,10) im Corpus Paulinum nur in 2Tim 1,12.18; 4.8.563 Die Parallelen reichen allerdings nicht aus, um 2Tim bei Datierungsfragen des 2Thess heranzuziehen. Der Erste Petrusbrief weist Parallelen zu 2Thess auf. Der Begriff ἐν ἁγιασμῷ πνεύματος aus 2Thess 2,13 kommt im NT nur in 1Petr 1,2 vor. Weitere Parallelen in 1Petr werden im oftmaligen Vorkommen von „offenbaren“, „Offenbarung“, im sublimierten Leiden und im Schicksal der Ungläubigen deutlich (1Petr 4). Gielen hält eine Abfas- 4.6.2 560 Vgl. ebd., S. 418.435: Eph zwischen 80–90 n. Chr., Kol [v]ielleicht […] noch in den 70er Jahren entstanden.“ 561 Vgl. Schmidt, Style, S. 383–393. 562 Vgl. Häfner, Gerd, in: Ebner, Einleitung, S. 462f. 563 „Mein Evangelium“ findet sich in Röm 2,16; 16,25 und 2Tim 2,8. 4.6 Datierung 203 sungszeit während der Herrschaft Domitians (81–96 n. Chr.) am wahrscheinlichsten und begründet dies mit Hinweisen im Brief, die „als präzise Zurückweisung des domitianischen Selbstanspruchs zu verstehen“ seien.564 Ihrer Argumentation folgend läge hier eine weitere neutestamentliche Quelle antirömischer Argumentation vor, die auf den wahren Herrschaftsanspruch des christlichen Kyrios hinweist. Allerdings genügen all die genannten Beobachtungen nicht, die Abfassung des 2Thess mit 1Petr auf eine gemeinsame zeitliche Schiene zu setzen. Gegen eine sehr späte Datierung des 2Thess spricht, dass das Problem der Parusieverzögerung nicht in der Weise angesprochen wird, wie es 2Petr 3 um 120 n. Chr. sehr deutlich macht.565 Vielmehr, so Trilling, wird im 2Thess „eine hochgespannte Naherwartung dadurch gedämpft, daß zwischen Antichrist-Auftritt und Gegenwart noch eine Frist zu veranschlagen ist, in der die »aufhaltende Macht« wirkt.“566 2Petr hingegen bezieht Stellung zur längst erwarteten, aber ausgebliebenen Parusie. Gleichzeitig ist die Behandlung der Naherwartung kein zwingendes Argument einer frühen Datierung. „Die Naherwartung hat es auch nach 70 durchaus noch gegeben, wie u.a. 1Petr 4,7; Offb 22,10.12.20; Ign. Eph. 11,1; Barn 4, aber auch Hippolyt und Celsus bezeugen“567. Manche Exegeten sehen die in 2Thess sehr häufig vorkommende Kyrios-Nennung im Zusammenhang mit Jesus/Jesus Christus als Hinweis für eine „Spätphase innerhalb der neutestamentlichen Entwicklung“.568 Diese Arbeit weist mehrfach darauf hin, dass dieser Umstand auch bedeuten kann, dass gegen einen falschen Herrn, den Kaiser, angeschrieben wird. Müller will den 2Thess gar in die „spätapostolische Ära der Zeit 100 bis 120 n. Chr.“569 datieren. Er führt dafür u.a. die „Hinauszögerung der Parusie Christi“ und „v.a. aber [den] fortentwickelte[n] Tradi- 564 Vgl. Gielen, Marlis, in: Ebner, Einleitung, S. 519. 565 Vgl. ebd., S. 527: Datierung 2. Petr. um 120 n. Chr. 566 Trilling, Thessalonicher, S. 26: Möchte 2Thess deshalb ähnlich datieren wie 2Petr und auch 1Cl. 23, was aufgrund der nicht identischen Behandlung des Parusie- Themas unwahrscheinlich ist. 567 Broer, Einleitung, S. 464. 568 Z.B. Trilling, Untersuchungen, S. 128. 569 Vgl. Müller, Thessalonicher, S. 234. 4. Einleitungsfragen 204 tionsbegriff an, der zwischen mündlichem „Wort“ und verschriftlichtem „Brief “ unterscheidet und die ethischen Weisungen wie auch lehrhafte Aussagen des Paulus schon als verfestigtes Traditionspaket in kirchlicher Verwaltung anbietet“ – so sei „im 1Thess pln. Tradition erst im Werden, wobei auf Jesus-Traditionen und Herrenworte zurückgegriffen wird, [..] [und im] im 2Thess pln. Theologie und Autorität selbst schon zu verfügbarer Tradition geworden“.570 Dem ist entgegenzuhalten, dass zum einen auch kurz nach dem Tod des Paulus dessen Erbe schnell gesammelt und verfestigt werden konnte, zum anderen ist in 2Thess nicht die Art von Parusieverzögerung zu sehen wie in 2Petr (s.o.). Terminus ante quem „Die älteste Bezeugung des Briefes findet sich im Kanon des Markion, da die Parallele bei Polykarp (11,3f.) den Kriterien für ein Zitat oder eine Anspielung nicht genügt. Zu einer wesentlich früheren Bezeugung würde(n) uns aber auch der/die Polykarpbriefe nicht führen.“571 „Über das 1. Jh. wird man dabei besser nicht hinausgehen, da 2Thess bereits Bestandteil von frühen Paulusbriefsammlungen des 2.Jh. war (z.B. Markion); nach K. Aland existierten ab ca. 90 n. Chr. verschiedene anfanghafte Sammlungen von Paulusbriefen. Nicht eindeutig sind Anspielungen bei […] Phil 11,3f. auf 2Thess 1,4; 3,15.“572 Gedankengut des 2Thess findet sich in ähnlicher Weise auch in der vermutlich im 2. Jahrhundert entstandenen Didache, Kapitel 12,1–5, wo es um solche geht, die „im Namen des Herrn“ kämen, keiner Erwerbstätigkeit nachgehen wollten, trotzdem von der Gemeinde Geld verlangten und somit mit ihrem christlichen Glauben gewissermaßen Geschäfte machten (2Thess hingegen meint wohl nur Gemeindemitglieder).573 570 Vgl. Müller, Thessalonicher, S. 234. 571 Broer, Einleitung, S. 468. 572 Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 445. 573 Vgl. Wengst, Didache, S. 85f. 4.6 Datierung 205 Neutestamentliche Parallelen Offenbarung des Johannes Es sind einige Parallelen zur Offenbarung des Johannes zu verzeichnen,574 die wohl in den 90er Jahren des 1. Jahrhunderts entstand.575 Diese könnten sich durch schon länger vorhandenes Traditionsgut erklären lassen, zudem gibt es auch Unterschiede zur Offb. So ist in 2Thess z.B. keine Mahlausschlussformel wie in Offb 22,15 zu konstatieren und schwach gewordene Brüder sollen in der Gemeinschaft verbleiben.576 Wesentliche Unterschiede zu 2Thess bestehen auch darin, dass in Offb das Ende sehr nah geschildert wird (1,3: ὁ γὰρ καιρὸς ἐγγύς.; 22,20: ναί, ἔρχομαι ταχύ.) Einen „Katechon“ wie in 2Thess „braucht es dort theologisch nicht mehr“577. Die Offb kommt zudem „ohne Caligula-Reminiszenzen“ aus und bedient sich stattdessen der Nero redivivus-Sage.578 Verbunden mit der Tatsache, dass keine weiteren Amtsträger erwähnt werden und auch keine Amtsverfestigung wie in den Pastoralbriefen behandelt wird, ist es wahrscheinlicher, den 2Thess näher an den echten Paulusbriefen zu sehen als an der Offenbarung des Johannes.579 Was das potentielle gemeinsame Traditionsgut von Offb und 2Thess betrifft, so könnten in Offb auch negative Erfahrungen mit den Römern während des jüdischen Krieges (66–70 n. Chr.) verarbeitet sein.580 4.6.3 574 Offb 13,10: ἡ ὑπομονὴ καὶ ἡ πίστις τῶν ἁγίων.; 14,12); „Antichrist“-Vorstellung in Offb 13, wenn auch nicht als „Widergott“ wie in 2Thess; 16,7: δίκαιαι αἱ κρίσεις σου; 19,2.; ἀπαρχὴ in 14,4, allerdings in einem anderen Kontext. 575 Vgl. Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 570. 576 Vgl. Karrer, Thessalonicherbrief, S. 105. 577 Ebd., S. 129. 578 Vgl. ebd., S. 129f.130: „Nur bis zur Verschriftlichung der synoptischen Apokalypse war die Caligula-Erinnerung stärker als die an Nero.“ 579 Vgl. ebd., S. 104f. 580 Vgl. Ebner, Anfängen, S. 56. 4. Einleitungsfragen 206 Markinische Apokalypse Im Markusevangelium, wohl kurz nach 70 n. Chr. entstanden,581 tauchen Parallelen zu 2Thess auf. Mk 13,21f.582 par. bietet ein ähnliches Konzept wie 2Thess 2, indem „Pseudochristusse“ auftreten, „die Zeichen und Wunder“ tun und eine falsche Gegenwart des „Christus“ propagieren, um die Auserwählten „irrezuführen“ (πρὸς τὸ ἀποπλανᾶν). σαλεύω und θροέω (2Thess 2,2) kommen nicht im Corpus Paulinum vor, sondern nur in Mk 13,7.25 par. – θροέω nur in Mk. Das Verb σαλεύω wird auch bei den Synoptikern in einem eschatologischen Kontext verwendet (Mk 13,25; Mt 24,29; Lk 21,26). Die Parusie/ Offenbarung vom Himmel her (1Thess 4,16; 2Thess 1,7), die begleitet ist von „Engeln seiner Macht“ (2Thess 1,7), hat ebenfalls Parallelen in der markinischen Apokalypse (Mk 13,26f.). Ähnlich wie in 2Thess wird vor Eintritt der Parusie Einschneidendes erwartet, es soll eindeutige Zeichen dafür geben (Mk 13,24–26). Die Sichtbarkeit der Parusie des Herrn erinnert wiederum an 2Thess, wo das die Sichtbarkeit unterstreichende „Offenbaren“ des Herrn eine große Rolle spielt (s.o.). Es besteht aufgrund der doch vorhandenen Unterschiede und nicht identischen Kontexte keine direkte literarische Abhängigkeit des 2Thess zu Mk 13 par., dafür steht wohl eine gemeinsame Apokalypse im Hintergrund. Eschatologische Argumentation Verfolgungen Zuvorderst wäre insbesondere das Claudius-Edikt 49 n. Chr. zu nennen, das jedoch (vornehmlich) die Stadt Rom betraf. Die vertriebenen Juden waren wegen dieses Ediktes den Christen gegenüber sicher nicht gut gestimmt und betrieben zumindest in Thessaloniki Aufwiegelungen und Denunziationen (vgl. Apg 17,5–7.13–15). Urchristliche Missi- 4.6.4 581 Vgl. Ebner, Martin, in: Ebner, Einleitung, S. 171; Bei einer echten Prophetie der Tempelzerstörung entsprechend 70 n. Chr. oder zuvor entstanden. 582 Mk 13,21f.: Καὶ τότε ἐάν τις ὑμῖν εἴπῃ· ἴδε ὧδε ὁ χριστός, ἴδε ἐκεῖ, μὴ πιστεύετε· 22 ἐγερθήσονται γὰρ ψευδόχριστοι καὶ ψευδοπροφῆται καὶ δώσουσιν σημεῖα καὶ τέρατα πρὸς τὸ ἀποπλανᾶν, εἰ δυνατόν, τοὺς ἐκλεκτούς. 4.6 Datierung 207 onare und Paulus verzichten auf jüdische Sitten wie Beschneidung und „getrennte Tische“, somit wurde das staatsrechtliches Konstrukt der Juden, das ihnen „eine eigene, unterscheidbare Kultur innerhalb des Römischen Reiches und der Städte garantierte, empfindlich gestört“, daher „wehrten sich jüdische Gemeinden vehement gegen die Dekonstrukteure in den eigenen Reihen. Die ‚Unruhen‘, von denen in römischen und neutestamentlichen Quellen die Rede ist, dürften genau diesen Konflikt spiegeln.“583 „Die Juden“ finden 2Thess jedoch keine Erwähnung, insofern scheiden derlei Verfolgungen aus. Zu Beginn der Herrschaft Neros, der von 54 bis 68 n. Chr. regierte, wurde das claudische Edikt und weitere Anordnungen wahrscheinlich aufgehoben.584 Dann allerdings wird von verheerenden Verfolgungen unter Nero berichtet, die wohl 64/65 n. Chr. in Rom stattfanden. Natürlich kann es sich im 2Thess auch um lokale, geschichtlich nicht festgehaltene Verfolgungen handeln, in diesem Fall fiele eine Datierung derselben schwer. Tempel und Widersacher Der jüdische Krieg (66–70 n. Chr.) endete 70 n. Chr. mit der Tempelzerstörung. Grundsätzlich ist anzunehmen, dass der 2. Thessalonicherbrief vor der Zerstörung des zweiten jüdischen Tempels geschrieben wurde.585 Wäre der Brief nach der Zerstörung des Tempels verfasst worden, könnte sich der „Widersacher“ (2Thess 2,4) nicht mehr hineinsetzen und die eigentliche Intention des 2Thess, die Gläubigen zu beruhigen, im paulinischen Glauben zu stabilisieren und von einem noch kommenden Tag des Herrn zu überzeugen, würde nicht zum Tragen kommen. Das Anschreiben des 2Thess gegen eine Parole, dass der Tag des Herrn gegenwärtig sei, wäre obsolet, da die Adressaten bei einem zerstörten Tempel ja gemäß 2,8 gerade die Parusie unmittelbar erwarten würden oder diese bereits geschehen sein konnte – nicht als 583 Vgl. Ebner, Anfängen, S. 53; Vgl. ebd. S. 31.54. 584 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 56; Sueton, Nero 33. 585 Mit Tempel ist aller Wahrscheinlichkeit nach der Jerusalemer Tempel gemeint; Karrer, Thessalonicherbrief, S. 121: Tempel-Auslegung muss Ansatz beim irdischen Ort haben; Trilling, Thessalonicher, S. 86 und Schreiber, 2Thessalonicher, S. 167 plädieren ebenso für den Jerusalemer Tempel. 4. Einleitungsfragen 208 Gericht, sondern in Form dauerhafter Präsenz von Jesus Christus in den Gemeinden (Vgl. Ausführungen zu 2,2). Zudem schreibt der 2Thess im Gegensatz zu den Synoptikern nichts von einem zerstörten Tempel,586 hinzu würde ein durch Titus entweihter und zerstörter Tempel die Frage aufwerfen, warum denn dieser „Widersacher“ nicht offensichtlich von Jesus getötet wurde (1,8). Die Sinnhaftigkeit des Tempelarguments wäre also dahin, wenn die Anbetungsstätte gar nicht mehr existierte. Es ist also in jedem Fall eine Datierung vor der Zerstörung des Tempels, also 70 n. Chr. oder vorher zu erwarten. Trilling nimmt einen bereits zerstörten Tempel an, begründet dies mit dem freien Umgang des „Apokalyptiker[s] mit seinen Stoffen und Motiven“587, sieht die Anbetungsstätte als „eine apokalyptische Größe, [als] ein Real-Symbol für Gottes Gegenwart“ und hebt die „Anmaßung des Gott-Seins“ und die „Inthronisation des Wider-Gottes“ an einem „irdischen Ort“ als relevante Aussagen des Tempel-Bildes hervor.588 Schreiber, von einer Abfassungszeit nach 70 n. Chr. ausgehend, argumentiert, dass „der apokalyptisch chiffrierte Bezug auf den Tempel […] die Integration der politischen Wirklichkeit [erlaube]“, zudem „die chiffrierte Nennung des Tempel-Motivs“ ein Spiel „mit den Zeitebenen“ (Pompeius; Caligula; „prophetische Begabung des „Paulus“) sei und alles der besseren Fiktion des Briefes diene.589 Nun sind die Argumentationen der beiden Ausleger nachvollziehbar, wenn auch bei weitem nicht zwingend in ihrer Logik. Neben bereits genannten Gründen für die Annahme einer Datierung in den 60er Jahren tritt allerdings das eben erwähnte starke Argument der Beruhigung und Stabilisierung der Gemeinde. Zudem liegt ein weiterer Grund für eine Datierung vor der Tempelzerstörung darin, dass Rom in 2Thess nicht als Babylon bezeichnet wird, wie beispielsweise in den später verfassten Schreiben 1Petr oder Offb. Vor der Tempelzerstörung 586 Vgl. Mk, 14,58; Mt 26,61. 587 Trilling, Untersuchungen, S. 126. 588 Vgl. Trilling, Thessalonicher, S. 86. 589 Vgl. Schreiber, 2Thessalonicher, S. 168f. 4.6 Datierung 209 gab es wohl auch keinen Anlass dazu, Rom entsprechend zu bezeichnen.590 Mit dem jüdischen Krieg gegen die Römer, der von 66–70 n. Chr. anhielt, stieg die Gefahr einer Tempelschändung immens an. Dieser Umstand führt, verbunden mit den anderen Überlegungen, zu einer Datierung zwischen 66 und 70 n. Chr. Der Tod des Paulus geschah nach christlicher Überlieferung um 64 n. Chr. unter der neronischen Verfolgung. Unter der Annahme der Pseudepigraphie ist ein Brief an die „Thessalonicher“ eher früher als später wahrscheinlich, da er so mehr Akzeptanz findet und nicht trickreich in das Corpus Paulinum integriert werden musste. Denn: „Wie soll man sich vorstellen, dass die zur Zeit des 2 Thess wahrscheinlich z.T. noch lebenden Mitglieder der Frühzeit der Gemeinde auf den zweiten Brief reagiert haben, wenn dieser zum allerersten Mal in ihrer Stadt nach langer Zeit auftauchte.“591 Eine mögliche Antwort ist die Annahme einer späten Datierung zu einem Zeitpunkt, an dem die Gemeindemitglieder von 50 n. Chr. alle verstorben sind. Oder es ist eine frühe Datierung und Akzeptanz des Briefes anzunehmen – bei einem Pseudepigraphon müsste dies also kurz nach dem Tod des Paulus, also in den 60er Jahren sein. Entscheidend ist jedoch, dass der pseudepigraphe Brief in einer anderen Stadt als Thessaloniki platziert werden konnte, die potentiellen Reaktionen der vermeintlichen Adressaten daher nicht relevant sind. Merk ordnet den Brief deuteropaulinisch ein und sieht ihn als Aktualisierung des 1Thess kurz nach dem Tod des Paulus oder gar als er noch am Leben war.592 Auch Karrer will den 2Thess „kurz nach dem paulinischen Wirken“ verorten.593 Er sieht den Brief in den 60er Jah- 590 Vgl. Gielen, Marlis, in: Ebner, Einleitung, S. 517: „pejorativer Deckname Babylon für Rom, der unter dem Eindruck der Zerstörung Jerusalems durch die Römer (70 n. Chr.) entstand“. 591 Roh, Thessalonicherbrief, S. 23. 592 Vgl. Würtwein, Verantwortung, S. 153: „2Thess ist wohl aus der Diskussion um das bisher ausgebliebene Ende (2Thess 2,1–12; vgl. 1 Thess 4,13–17; 5,1–11) schon zu des Apostels Paulus Lebzeiten (oder sehr bald nach seinem Tod) als eine die Predigt unterstützende Aktualisierung (2Thess 2,15) im Bereich des Einflusses der Gemeinde zu Thessalonich entstanden“, […] „die Ausführungen“ des 2Thess „bleiben an Paulus (1Thess) in gewandelter Form gebunden.“ 593 Vgl. Karrer, 2Thess, S. 188. 4. Einleitungsfragen 210 ren, was er mit einem sich nach innen verfestigenden Missionserfolg, sozialen Abgrenzungen durch die die Gemeinde umgebende Umwelt und der Verwendung in diese Zeit passender apokalyptischer Traditionen begründet.594 „Als die Gemeinde von außen zunehmend stigmatisiert wird“, so Karrer, bemühe sich „der Briefautor mittels apokalyptisch-dualistischer Denkfiguren die Gemeinde nach innen hin zu festigen.“595 In die 60er würde auch passen, dass Paulus in seinen unumstrittenen Briefen weder einen κατέχων vor dem Ende, noch einen Hinweis auf die Caligula-Erinnerung kennt.596 „[D]as Denken des 2Thess [verbreitet sich] auch im Deuteropaulinismus wenig; der „Aufhaltende“ wie der „Widersacher“ fehlen in Kol, Eph und Past nicht minder als bei Paulus.“597 In der Gesamtbetrachtung aller Argumente ist eine Datierung in den 60er-Jahren anzunehmen. Eine engere Eingrenzung zwischen 66 und 70 n. Chr. erscheint aufgrund des jüdischen Krieges plausibel. Ergebnis Einleitungsfragen Viele Beobachtungen legen es nahe, dass 1Thess den Prätext für 2Thess darstellt und diesem als Vorlage dient. Dies ergibt sich insbesondere aus Analogien im Aufbau und übereinstimmenden Worten und Sätzen. Die „auffallend ähnliche Struktur beider Briefe“598 spricht eher für die Unechtheit des 2Thess, als für die Echtheit. 2Thess will 1Thess nicht verdrängen oder ersetzen, schon allein deshalb, weil sich der 2Thess an den 1Thess anlehnt. Auch die Untersuchungen in dieser Arbeit, die darauf hinweisen, dass der 2Thess auf dem 1Thess aufbaut, schließen eine Verdrängung des 1Thess aus. Ein so knapp gehaltener Brief wie der 2Thess mit seiner thematischen Begrenztheit kann den weitaus längeren 1Thess kaum ersetzen. Der 2Thess stellt eine Ergänzung und Aktualisierung des 1Thess dar und kommentiert diesen im 4.7 594 Vgl. Karrer, Thessalonicherbrief, S. 101–131. 595 Ebd., S. 101. 596 Vgl. ebd., S. 129. 597 Ebd. 598 Metzger, Katechon, S. 51. 4.7 Ergebnis Einleitungsfragen 211 Sinn einer Verdeutlichung und Entfaltung, fest und zugleich kreativ auf der paulinischen Linie verbleibend. So wird auch die paulinische Eschatologie nicht aufgehoben, sondern vielmehr situationsbezogen aufrechterhalten und erweitert. Als Adressaten sind entweder die Gemeinden in Thessaloniki und Umgebung anzunehmen, oder andere Gemeinden im paulinischen Missionsgebiet, die in ähnlicher Situation, wie sie 2Thess beschreibt, waren. Die starke Verbindung mit 1Thess setzt jedenfalls die Kenntnis desselben bei den Angeschriebenen voraus. Die Adressaten müssen unter „Verfolgungen und Bedrängnissen“ leiden (2Thess 1,4), was neben der verwirrenden eschatologischen Parole (2,2) und den unordentlich Wandelnden (3,11) einer der Hauptanlässe des Briefes ist. Die Annahme, der „Tag des Herrn“ sei bereits eingetroffen, Christus also dauerhaft in den Gemeinden präsent, ohne je sichtbar wiedergekommen zu sein (s.o.), bedingt fehlende Distanz zur Gesellschaft, eventuell auch unordentlichen Wandel und Treiben „unnützer Dinge“ (3,11). Als weitere potentielle, aus verschiedenen Indizien ableitbare Anlässe, ergeben sich die römischen Machtansprüche und deutlich unsicherer möglicherweise die Eleusinischen Mysterien. Der Entstehungsort muss offen bleiben, es ergaben sich keine haltbaren Hinweise. Die Datierung muss vor der Tempelzerstörung im Jahr 70 n. Chr. erfolgen. Andernfalls wäre die Intention des 2Thess, die Gläubigen zu beruhigen, hinfällig und die Parusie stünde kurz bevor oder wäre bereits eingetreten. Diese zeitliche Einordnung wird durch Beobachtungen gestützt, die eine Datierung nach 70 n. Chr. unwahrscheinlicher machen. Dies ist zum einen die vergleichsweise geringe Zahl von Indizien, die eine Spätdatierung ergeben, zum anderen die Abschwächung von Argumenten (z.B. Kyrios-Titel und „Lehre“ als vermeintlich sichere Zeichen einer späteren Zeit). Auch andere eschatologische Denkmuster (Eph; Kol), die vor allem das Problem der Parusieverzögerung nicht in der Weise ansprechen, wie es 2Petr 3 um 120 n. Chr. sehr deutlich macht, machen eine Spätdatierung unwahrscheinlicher. Die Sinnhaftigkeit des Tempelarguments wäre wie oben erwähnt dahin, wenn die Anbetungsstätte nicht mehr existieren würde. Es ist daher in jedem Fall eine Datierung vor der Zerstörung des Tempels, also 70 n. Chr. oder vorher zu erwarten. Ein weiterer Grund für eine Datierung vor der Tempelzerstörung ist darin zu sehen, dass Rom in 2Thess nicht als Babylon bezeichnet wird, wie beispielsweise in den 4. Einleitungsfragen 212 später verfassten Schreiben 1Petr oder Offb. Mit dem jüdischen Krieg gegen die Römer, der von 66–70 n. Chr. anhielt, stieg die Gefahr einer Tempelschändung immens an. Dieser Umstand führt zu einer Datierung zwischen 66 und 70 n. Chr. Umfassende Untersuchungen zur Frage der Verfasserschaft führte Wolfgang Trilling durch, der aus der Summe der Indizien zum Ergebnis der Pseudepigraphität kommt.599 Unter Berücksichtigung sämtlicher Argumente dieser Arbeit und beispielhafter Untersuchungen ergibt sich, dass Paulus nicht selbst der Autor sein kann, wenn auch Unsicherheiten bleiben und manches auf einen authentischen Brief hinweist. Es spricht vieles dafür, dass ein mit Paulus verbundener Verfasser der Schreiber des 2Thess ist. Dieser muss in der Lage sein, die Gedankenwelt des Apostels zu verstehen, die Ansätze des Apostels kreativ fortzuschreiben und in autoritativer Weise situationsbedingte Anweisungen zu geben. Die Frage der Autorenschaft ist nicht definitiv zu klären. 599 Vgl. Trilling, Untersuchungen, S. 45: „kein Argument gegen die Echtheit von II allein könnte überzeugen, sondern nur die Summe mehrerer Argumente“. 4.7 Ergebnis Einleitungsfragen 213

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References

Abstract

This volume examines the structurally parallel texts of 1 and 2 Thessalonians from an eschatological perspective. This helps a better understanding of the literary relationship of the two letters and to prove 1 Thessalonians as a pre-text of 2 Thessalonians. A dense structure of connections between corresponding sections becomes visible and enables new approaches to the intention of the author of 2 Thessalonians.

Among the motifs whose contemporary and religio-historical background is examined, the Eleusinian Mysteries are particularly mentioned. Not least from the connotations of "anti-god" and "adversary", Dagenbach concludes a composition between 66 and 70 AD – uncommonly early for a pseudepigraph.

Zusammenfassung

Der vorliegende Band untersucht die strukturparallelen Texte der beiden Thessalonicherbriefe unter eschatologischen Aspekten. Dies hilft, das literarische Verhältnis der beiden Schreiben besser zu verstehen und den 1Thess als Prätext des 2Thess zu erweisen. Ein dichtes Gefüge von Verbindungen zwischen den korrespondierenden Abschnitten wird sichtbar und ermöglicht neue Zugänge zur Intention des Verfassers des 2Thess.

Unter den Motiven, deren zeit- und religionsgeschichtlicher Hintergrund untersucht wird, finden die Eleusinischen Mysterien besondere Erwähnung. Nicht zuletzt aus den Konnotationen von „Anti-Gott“ und „Widersacher“ schließt Dagenbach für den 2Thess auf die für ein Pseudepigraph frühe Abfassungszeit zwischen 66 und 70 n. Chr.