Content

1. Einleitung in:

Marcel Dagenbach

"Ewiger Trost und gute Hoffnung", page 1 - 24

Die Eschatologie des zweiten vor dem Hintergrund des ersten Thessalonicherbriefs

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4461-2, ISBN online: 978-3-8288-7483-1, https://doi.org/10.5771/9783828874831-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Theologie, vol. 11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Betrachtet man die vermeintlichen Gewissheiten des baldigen Endes der Welt in den letzten fast 2000 Jahren seit dem Tod und der Auferstehung Jesu Christi, so ist eine gewisse Resignation in eschatologischen Fragen verständlich. Ebenso ist es einleuchtend, dass die Fackel der Naherwartung nicht durch alle Jahrhunderte hindurch brennen kann, möglicherweise sogar durch neutestamentliche Schriften beeinflusst.1 In der bereits zwei Jahrtausende währenden Kirchengeschichte ist aber ein stetes Wiederaufleuchten der Naherwartung zu beobachten.2 In einer möglichen Mischung aus Sehnsucht und Ungeduld wurden immer neue Zeitpunkte bestimmt, an denen die Vollendung der Welt endlich erfolgen sollte. Man kann sagen: „Die ursprüngliche Naherwartung flammt angesichts krisenhafter geschichtlicher Ereignisse neu auf.“3 Die Botschaft des Neuen Testaments ist sicherlich durch und durch eschatologisch. In Offb 22,20 ist als eine Art Krönung der viel- 1. 1 Vgl. Müller, Thessalonicher, S. 240: „Paulus hingegen rechnet damit, bei der unmittelbar bevorstehenden Parusie Christi noch am Leben zu sein, so dass die Glaubenden die Spannung zwischen dem „schon jetzt“ und „noch nicht“ aushalten müssen. Diesem Anliegen will auch der Vf. des 2Thess dienen, indem er – nun freilich ganz unpln. – die Parusie auf unbestimmte Zeit hinausschiebt und damit weitgehend die bestimmende Erwartungshaltung reduziert; diese Tendenz des 2Thess hat sich theologiegeschichtlich konsequent so ausgewirkt, das phasenweise das eschatologische Bewusstsein in der Theologiegeschichte und Kirche wie auch in unserer Gegenwart weitgehend geschwunden ist.“. 2 Z.B. Bonwetsch, Hippolyt I/1, S. 236–238: ἐν τῷ Πόντῳ, καὶ αὐτὸς προεστὼς ἐκκλησίας – Ein kirchlicher Vorsteher verkündet nach „Traumgesichten“ seinen Brüdern den nahe bevorstehenden Tag des Herrn: γινώσκετε ἀδελφοί, ὅτι μετὰ ἐνιαυτὸν ἡ κρίσις μέλλει γίνεσθαι. 4 οἱ δὲ ἀκούσαντες αὐτοῦ προλέγοντος, „ὡς ὅτι ἐνέστηκεν ἡ ἡμέρα τοῦ κυρίου“, μετὰ κλαυθμῶν καὶ ὀδυρμῶν ἐδέοντο τοῦ κυρίου νυκτὸς καὶ ἡμέρας πρὸ ὀφθαλμῶν ἔχοντες τὴν ἐπερχομένην τῆς κρίσεως ἡμέραν.; Es gab zudem in allen Epochen zahlreiche Christen und christliche Bewegungen, die ein baldiges Eintreten der letzten noch ausstehenden Dinge erwarteten. 3 Roh, Thessalonicherbrief, S. 130. 1 fältigen biblischen Aussagen zu lesen: „Ja, ich komme bald!“ (ναί, ἔρχομαι ταχύ.). Das sichtbare Kommen, die Parusie des Herrn, ist offensichtlich noch nicht eingetroffen. Das Neue Testament hat jedoch in vielstimmiger Weise die Parusie angekündigt, wenn auch verbunden mit einer gewissen Entwicklung der Argumentation. So wird das Thema der Parusieverzögerung verarbeitet, ebenso unterschiedliche Grade der Verwirklichung des Heils, bis hin zu einer sehr stark präsentischen Eschatologie im Johannes-Evangelium.4 Doch welche Antwort gibt der 2Thess zu eschatologischen Fragen? Der 2. Brief an die Thessalonicher greift das große Thema Eschatologie auf und zielt dabei explizit auf die Sichtbarkeit der künftigen Ereignisse, was von vornherein ausschließt, dass die Parusie unbemerkt geschehen ist oder geschehen wird. Dieser besondere Brief, der die Christenheit vor allem in eschatologischen Fragen geprägt hat, bewirkte eine große und breite Auslegungs- und Wirkungsgeschichte, die Bände spricht.5 Dabei trieb die Auslegung auch wunder- und seltsame Blüten, bis hin zur Gleichsetzung des Papsttums mit dem „Antichristen“.6 Der „Antichrist“ wird im 2Thess nicht ausdrücklich benannt, wenngleich eine Gestalt auftritt, die gegen Gott und Jesus Christus arbeitet, sich gegen sie erhebt, sich selbst als Gott ausgibt und in den Tempel setzt. Die spezielle Konzeption des „Antichristen“ des 2Thess „stellt eine Art Spitzenaussage im Neuen Testament“7 dar. Viele Ausleger stellt der 2Thess ob seiner für spätere Leserinnen und Leser doch recht geheimnisvollen Ausdrucksweise vor ein großes Rätsel.8 Exemplarisch spricht Augustinus zu 2Thess 2,6: „Nam quid est: ‚Iam enim mysterium iniquitatis operatur. Tantum qui modo tenet, 4 Vgl. Theobald, Johannes, S. 65.72.272 u.a. 5 Übersicht exemplarisch bei Müller, Thessalonicher, S. 243–245 und Trilling, Thessalonicher, S. 94–109. 6 Haeusler, Art. Antichrist, Sp. 746: U.a. Luther, der im Papsttum an sich, nicht im einzelnen Papst den Antichristen sieht; Leppin, Volker, Art. Antichrist, Sp. 532f.; Schmalkaldische Artikel, II, 4. Vom Papsttum: „…Dies Stück zeigt gewaltig, dass er der rechte Endchrist oder Widerchrist ist, der sich über und wider Christus gesetzt und erhöht, weil er die Christen nicht selig sein lassen will ohne seine Gewalt, welche doch nichts ist, von Gott nicht angeordnet noch geboten. Das heißt eigentlich, „über Gott und wider Gott sich setzen“, wie St. Paulus sagt (2 Thess 2,4)“; Kern, 2Thess, S. 179f.; Dobschütz, Thessalonicherbriefe, S. 262.292. 7 Trilling, Thessalonicher, S. 87. 8 Vgl. Roh, Thessalonicherbrief, S. 9. 1. Einleitung 2 teneat, donec de medio fiat; et tunc revelabitur iniquus’? Ego prorsus quid dixerit me fateor ignorare.“9 Der im Brief auftretende „Katechon“ ist schwer zu bestimmen und hatte eine sehr vielfältige Auslegungsgeschichte zur Folge.10 Zunächst soll geklärt werden, was Eschatologie im Sinn des 2Thess bedeuten soll. Zur verwendeten Terminologie: Eschatologie und Apokalyptik Als Eschatologie oder eschatologisch kann umfassend gesagt alles bezeichnet werden, was im Zusammenhang mit dem im Neuen Testament verkündigten Christusereignis steht. Darunter fallen u.a. das Reich Gottes, der Kreuzestod, die Auferstehung und Parusie Jesu sowie deren rettende Funktionen. Eschatologie kann sowohl bereits realisierte als auch futurische Elemente aufweisen. Der 2Thess weist allenfalls Rudimente einer bereits realisierten Eschatologie auf (2Thess 2,16: δοὺς παράκλησιν αἰωνίαν καὶ ἐλπίδα ἀγαθὴν ἐν χάριτι) – Tod und Auferstehung spielen keine Rolle. Im Brief steht vielmehr die futurische Eschatologie im Fokus, die präsentische Elemente aufweist. Menschen sind „berufen“ und „erwählt“, am ewigen Heil jetzt schon teilzuhaben und in die Vollendung miteinzugehen (2Thess 1,11; 2,13f.). „Auf die Endgültigkeit des Heilshandelns Gottes in Jesus Christus bezogen, umfaßt die E[schatologie] in ntl. Perspektive […] auch schon gegenwärtige Heilsvermittlungen, die die künftige Vollendung antizipieren.“11 So sind auch die Verfolgungen in 2Thess auf das Eschaton bezogen, da sie Anzeichen des „gerechten Gerichts“ Gottes sind, welches der angeschriebenen Gemeinde Ruhe und Aufatmen im Reich Gottes verspricht (vgl. 2Thess 1,4–7). Verfolgungen und Bedrängnisse können also Vorzeichen der letzten Dinge sein. Futurisch-eschatologisch ist auch das Leben des Menschen bei Gott oder eben fern von ihm einzuordnen. Dies wird vor allem im Gericht am Ende der Zeit, das für 2Thess ein positives Hoffnungsgut dar- 1.1 9 Augustinus, De civitate Dei, Buch XX,19,46–50. 10 Vgl. dazu beispielhaft Metzger, Katechon, S. 15–47. 11 Söding, Art. Eschatologie, Sp. 859. 1.1 Zur verwendeten Terminologie: Eschatologie und Apokalyptik 3 stellt, offenbar werden. Außerdem sollen auch das in 2Thess 2,3ff. beschriebene Offenbaren und Auftreten des Bösen, welches mit dem göttlichen Heil konkurriert, zu den eschatologischen Inhalten gezählt werden. Eine Unterscheidung eschatologischer und apokalyptischer Aussagen ist schwierig, da „[d]ie ntl. Eschatologie […] wesentlich v. der Apokalyptik beeinflußt [ist]. Eine Antithese v. E[schatologie] u. Apokalyptik wird daher beiden religionsgeschichtlich u. sachlich nicht gerecht.“12 Dennoch können die beiden Begriffe unterschieden werden.13 Vor allem wenn es um einen detaillierten „Fahrplan“ mit einem genauen Wissen der endzeitlichen Ereignisse geht, kann man von apokalyptischen Aussagen sprechen.14 In diesen Aussagen schwingen dennoch immer eschatologische Elemente mit, da im Gegensatz zum AT, wo das Heil in den apokalyptischen Schriften sich abgekoppelt von geschichtlichen Heilserfahrungen erst in der Zukunft zeigen wird,15 im NT bereits realisiertes Heil durch Gott und Jesus Christus im Hintergrund steht, was sich in Tod und Auferstehung des Kyrios erwiesen hat. Die apokalyptischen Aussagen des NT sind dem geschichtlichen Christusgeschehen zugeordnet und verleihen der christologisch begründeten Hoffnung der Christen Ausdruck, so auch in 2Thess. 12 Merklein, Art. Eschatologie, Sp. 868; Zur Schwierigkeit die Begriffe „Eschatologie“ und „Apokalyptik“ zu unterscheiden vgl. Rahner, Grundkurs, S. 407f. 13 Filoramo, Art. Eschatologie, Sp. 1542: Apokalyptik „ist mit der lit. Gattung der Apokalypsen verknüpft und bezieht sich […] auf die Enthüllung des göttlichen Geschichtsplans und gipfelt in der Beschreibung des katastrophalen Endes der Welt“, Eschatologie unterscheidet sich von der A., „weil diese versucht, nicht nur die Ereignisse beim Ende der Welt zu beschreiben, sondern vielmehr das, was nach den Ereignissen geschieht, die von der Apokalyptik beschrieben werden.“ 14 In apokalyptischen Texten werden zudem vergangene oder zur Zeit der Abfassung aktuelle Krisen und Bedrängnisse mittels „Enthüllungen“ und „Offenbarungen“ bald eintretender Ereignisse bewältigt – so z.B. im Danielbuch (vgl. Jeremias, Theologie, S. 448ff.). 15 Müller, Apokalyptik, S. 52: „Denn während für die Gesamtheit der älteren Überlieferungen Israels die Erinnerungen an das von Gott in der Vergangenheit bereits zugewandte Heil die je aktuelle Zukunftshoffnung konstituierten, wird jetzt [im Danielbuch] das Heil ausschließlich von einer Zukunft erwartet, für deren Konturen die bekannten zurückliegenden Modelle göttlichen Rettungshandelns mit ihren umständlichen innergeschichtlichen Veranstaltungen keine Verlässlichkeit mehr besitzen.“ 1. Einleitung 4 Ziel der Arbeit Ziel dieser Studie ist es, die eschatologischen Aussagen des 2Thess in Verbindung mit den entsprechenden Aussagen des 1Thess zu stellen, um so im Vergleich die Intentionen des Verfassers des 2Thess besser profilieren zu können.16 Die auffälligen Strukturparallelen in beiden Briefen sollen dabei die Grundstruktur der vergleichenden Untersuchungen bilden. Die Untersuchung will vor den oben genannten Rätseln nicht kapitulieren, sondern den spannenden Fragen und Problemen nachgehen, welche die eschatologischen Aussagen des Schreibens aufwerfen, die auch mit dem Widergöttlichen verbunden sind: Was hat der 2Thess zur Parusie und zu ihrem Zeitpunkt zu sagen? Was ist die intentio textus im Zusammenhang mit den eschatologischen Aussagen? Was will er in seine Zeit hineinsprechen? Ist der Verfasser überhaupt Paulus? Wer ist der oder das „Katechon“, wer der „Widersacher“? Es gibt Indizien, dass der 2Thess genau wie der 1Thess gegen römischen Machtanspruch anschreiben will. Diesen Hinweisen soll im Rahmen der strukturparallelen Untersuchung nachgegangen werden. Ziel dieser Arbeit ist es zudem, Fragen der Eschatologie des 2Thess historisch-kritisch zu beantworten, das Verhältnis von 1 und 2Thess zu bestimmen und dabei das eschatologische Konzept des 2Thess hermeneutisch zu verorten. Hier wird unter anderem die historisch rückgebundene Frage beantwortet werden, warum „Paulus“ die „gute Hoffnung“ stärkt. Eventuell stehen „falsche“ Hoffnungen aus der Umwelt der Gemeinde im Hintergrund. Zudem soll geklärt werden, wer hinter den im Brief beschriebenen Verfolgungen steht, die ohne offensichtliche Anhaltspunkte benannt werden. Die Gläubigen scheinen unter starken Verfolgungen zu stehen und in ihrer Glaubensidentität akut bedroht zu sein. 1.2 16 Zu möglichen hermeneutischen Problemen eschatologischer Aussagen etwa im Sinn einer „Reportage“ (Karl Rahner) vgl. Rosenau, Art. Eschatologie, Sp. 1569; Vgl. auch Greshake, Art. Eschatologie, Sp. 874. 1.2 Ziel der Arbeit 5 Voraussetzungen literarischer Art Der 2Thess hat in Struktur und Vokabular einige starke Parallelen zu 1Thess, daher ist der Forschungsmehrheit zu folgen, dass der 1Thess den Prätext des pseudepigraphen 2Thess darstellt.17 In den folgenden Kapiteln soll gezeigt werden, dass 2Thess als Fortführung paulinischer, explizit auch eschatologischer Gedanken zu sehen ist. 2Thess ist also so etwas wie ein Kommentar, im Sinn einer Entfaltung des 1Thess und spricht in eine Gemeinde-Situation einige Jahre später hinein. Die erweiterte Eschatologie wird in paulinisches Gut eingebettet und legitimiert. Der 2Thess ist eine Schrift in der theologischen Linie des Paulus und vermutlich ein Pseudepigraphon. Trilling hat bezüglich der Verfasserfrage überzeugende Argumente erarbeitet, die in ihrer Summe stark auf ein Pseudepigraphon hinweisen.18 Diese Arbeit soll mit ihrem spezifischen Untersuchungsansatz diese These verifizieren. Forschungsstand Nachfolgend werden relevante Monographien und Aufsätze zu 2Thess dargestellt, deren Thema der Vergleich der Eschatologie der beiden Thessalonicherbriefe ist und die möglichst die Analogie des Aufbaus der Briefe (Strukturparallelen) und die in beiden Schreiben vorkommenden eschatologischen Themen in angemessenem Umfang berücksichtigen. F.Ch. Baur (1855) untersucht in einem Aufsatz die Echtheit der beiden Briefe und berücksichtigt im Besonderen die Parusie Christi.19 Zunächst stellt er fest, dass der 1Thess ein Verwandtschaftsverhältnis zu den Korintherbriefen habe und begründet dies mit angeblichen Parallelen zwischen diesen Briefen. 1Thess, so sein Schluss, sei lediglich das 1.3 1.4 17 Z.B. bei Schreiber, Stefan, in: Ebner, Einleitung, S. 441: „Damit [nahezu identisches Präskript] gibt II zu erkennen, daß er I als intertextuellen Prätext verstanden wissen will.“ 18 Vgl. Trilling, Untersuchungen. 19 Baur, Thessalonicher. 1. Einleitung 6 „matte Nachbild eines Originals“20. Die Polemik gegen Juden sieht er als Zeichen der Unechtheit des 1Thess, weil kein echter Brief im Corpus Paulinum dergleichen aufweise.21 Bezüglich der Frage der Echtheit oder Unechtheit sieht er beide Schreiben ob ihrer inhaltlichen Verwandtschaft und „durch einzelne Stellen […] in einer so nahen Beziehung zu einander, dass aus dem kritischen Urtheil über den einen sich auch das über den anderen zu ergeben scheint.“22 Schlussendlich zweifelt er die Echtheit beider Briefe an23 und erkennt Merkmale eines „umgekehrten Abhängigkeitsverhältnisses“ der beiden Schreiben, 1Thess 4,15–17 z.B. sei nur die Entfaltung der ἐπισυναγωγή in 2Thess 2,1.24 Baur schließt, dass 1Thess nach dem 2Thess geschrieben worden sein muss, u.a. habe sich das Warten auf den Antichrist abgekühlt und dann sei die Frage nach der Parusie in Anbetracht immer mehr verstorbener Gemeindemitglieder immer virulenter geworden.25 Baur sieht in 1Thess die Parusie als wichtigsten Punkt des Autors (1,3; 1,10; 2,12.19; 3,13; 4,13) und merkt konsequent hinsichtlich seiner doch recht fraglichen Annahme, dass der 1Thess vor dem 2Thess geschrieben worden sei, an: „Vergleicht man die die Parusie betreffenden Abschnitte der beiden Briefe, so fällt hauptsächlich der Unterschied in die Augen, dass während doch zwischen beiden Briefen nur ein sehr kurzer Zeitraum liegen soll, gerade von demjenigen, was dem zweiten eine so wichtige Angelegenheit ist, in dem ersten keine Spur sich findet. Er will die Leser nur wegen der Entschlafenen beruhigen und über den Zeitpunkt, in welchem die Parusie zu erwarten sei, belehren, von einem Antichrist aber und von allem, was seine Erscheinung begleitet, ist hier mit keinem Wort die Rede.“26 Insgesamt deutet Baur den eschatologischen Vergleich der beiden Briefe nur an, handelt ihn in wenigen Sätzen ab und hat dabei kein Interesse an Strukturparallelen. 20 Vgl. Baur, Thessalonicher, S. 142. 21 Vgl. ebd., S. 147. 22 Vgl. ebd., S. 150. 23 Vgl. ebd., S. 164. 24 Vgl. ebd., S. 168. 25 Vgl. ebd., S. 165f. 26 Ebd., S. 164. 1.4 Forschungsstand 7 William Wrede (1903) setzt mit seiner Monographie „Die Echtheit des zweiten Thessalonicherbriefs“ einen Meilenstein in der Frage der Verfasserschaft und plädiert dabei für ein Pseudepigraphon. Im ersten Kapitel beschreibt er zunächst das literarische Verhältnis der beiden Briefe und benutzt hierzu u.a. die Darstellungsform einer Synopse. Dabei geht er allerdings nur selten und knapp auf eschatologische Themen ein. Im zweiten Kapitel wird die Absicht und Situation des Autors beleuchtet. Hier ist der Vergleich zwischen 1Thess 5,1ff. und 2Thess 2,1ff. zu nennen, mit dem Ergebnis, dass in 2Thess eine veränderte Situation vorliege und „Ungeduld und Aufregung“ bezüglich der eschatologischen Erwartung gedämpft werden sollen.27 Das dritte Kapitel geht auf Form und Vorgehen des Schreibers ein, das vierte Kapitel beschreibt 2Thess als Fälschung und im fünften Kapitel wird ausgehend vom „Tempel Gottes“ (2Thess 2,4) die Datierungsfrage virulent. Trotz erheblicher Zweifel, dass der Brief nach 70 n. Chr. und nach der Zerstörung des Tempels verfasst worden sein könnte, entscheidet sich Wrede schließlich doch für eine Datierung um 100 n. Chr.28 Wrede geht in seiner Arbeit, die zuvorderst der Beantwortung der Frage der Echtheit oder Unechtheit des Briefes dient, nur gelegentlich und knapp auf eschatologische Themen und Verbindungen ein und zieht auch keine relevanten Schlussfolgerungen aus der Benennung solcher Stellen. B.N. Kaye (1975) thematisiert in einem Aufsatz die Verknüpfung von Eschatologie und Ethik in 1 und 2Thess. Dabei hat er lediglich drei Passagen im Fokus (1Thess 4,13–18; 5,1–11; 2Thess 2,1–12), die zeigen sollen, dass das eschatologische Material in 1 und 2Thess positive Auswirkungen habe und eben nicht zu ethischem Fehlverhalten führte. Es handle sich bei den ethischen Problemen vielmehr um Zustände, die bereits bei Paulus erster Ankunft vorgelegen hätten.29 So behandle 1Thess 4,13–18 das „Wie“ der Parusie und nicht das „Wann“, entsprechend schieden negative Handlungsableitungen aus diesem Abschnitt aus.30 1Thess 5,1–11 benutze ethisch gefärbte Spra- 27 Wrede, Echtheit, S. 44. 28 Vgl. ebd., S. 114. 29 Vgl. Kaye, Eschatology, S. 46.56f. 30 Vgl. ebd., S. 49. 1. Einleitung 8 che, die aber entweder eschatologisch zu verstehen sei oder auf angemessene Reaktion auf Gottes Heilshandeln abziele. Keinesfalls seien daraus unordentliche Lebensweisen abzuleiten.31 2Thess 2,1–12 sei eben gerade nicht mit 2Thess 3,6–13 verbunden, aus 2,1–12 könnten also keine falschen ethischen Verhaltensweisen entstehen. Insgesamt sei das Problem der Unordentlichen in 1 und 2Thess also nicht mit falschen oder einseitigen eschatologischen Lehren des Paulus verbunden, sondern bereits vor seiner Ankunft existent gewesen.32 Festzuhalten ist, dass Kayes Vergleich der beiden Briefe nur rudimentär vorhanden und auf ethische Themen begrenzt ist. Christopher L. Mearns (1981) thematisiert in einem Aufsatz eschatologische Entwicklungen in der Frühphase des Wirkens des Paulus unter besonderer Berücksichtigung der beiden Briefe an die Thessalonicher und Betrachtung des 1Kor. Dabei geht er von einer ständigen Entwicklung paulinischer Theologie aus, die sich vor allem in seinen beiden frühesten Schreiben überdeutlich zeige.33 Schon in 1Thess erweise sich, dass zu „realisierter Eschatologie“ – ausgelöst durch den Tod einiger Christen – „futurische Eschatologie“ komme, also die Erfahrungen der Endlichkeit vor der Parusie gleichsam ein „stimulus to futurist eschatology“ sei.34 Bezüglich des „zweiten Kommens“ des Herrn sieht er Parallelen in der Thessalonicher-Korrespondenz: „Both I and II Thessalonians therefore disclose a similar pattern used by Paul in his strategy for introducing second adventism. He starts cautiously by being somewhat ambiguous; then he expounds the new teaching, and ends with exhortations which assume and reinforce the new teaching.“35 Eine von Mearns postulierte Entwicklung futurischer Eschatologie in den frühesten Schreiben zeige sich anhand von vier Faktoren. Erstens im Ableben einiger Christen vor der Parusie (1Thess), zweitens in einer Korrektur eines „charismatischen Enthusiasmus“ (1Thess; 1Kor), drittens aus einer falschen Erwartung des Tages des Herrn 31 Vgl. Kaye, Eschatology, S. 49–52. 32 Vgl. ebd., S. 56f. 33 Vgl. Mearns, Development, S. 137. 34 Vgl. ebd., S. 139–141. 35 Ebd., S. 145. 1.4 Forschungsstand 9 (1Thess), die in 2Thess durch die Einführung von vorausgehenden „Zeichen“ angegangen würde und viertens die negativen Erfahrungen mit Caligula, deren Stoßrichtung den „Antichristen“ erwarten lasse, welcher nur durch den Tag des Herrn beseitigt werden könne.36 Der Vergleich des 1Thess und 2Thess ist insgesamt nur ansatzweise und nicht systematisch aufgebaut vorhanden, zudem auch nicht an Strukturparallelen orientiert. Er bezieht sich lediglich auf die Entwicklung von einer realisierten zu einer futurischen Eschatologie, deren Verlauf in beiden Briefen quasi identisch sei. Allerdings werden die postulierten Entwicklungsstufen der Komplexität des Verhältnisses von 1 und 2Thess nicht gerecht. Robert Jewett (1986) bietet in seiner Monographie Folgendes an: „a combination of traditional historical-critical research, rhetorical analysis, and a comperative use of social-scientific theorizing“, so soll das „Dilemma“ der Thessalonicherbriefe gelöst werden, das hauptsächlich in Autor-Fragen und vermeintlich unterschiedlichen Beziehungen des Paulus zur Gemeinde in 1 und 2Thess bestünde.37 Die Arbeit fokussiert sich allerdings überwiegend auf die Behandlung von 1Thess. Der 2Thess kommt zwar vor, ein vor allem eschatologischer Vergleich findet aber kaum statt. Als wesentliches und die beiden Briefe verbindendes Element schlägt Jewett u.a. einen „millenarian radicalism“ vor, der einige Gemeindemitglieder die Parusie ihres Herrn bereits als realisiert ansehen lässt, was sich stark in der Arbeitsethik, in Fragen der Sexualmoral und in der Ignoranz gegenüber Weisungen der Vorsteher der Gemeinde niederschlage.38 Diese Radikalität kulminiere in der Parole in 2Thess 2,2, welche die „Unordentlichen“ verkünden würden.39 Glenn Holland (1988) versucht in einer Monographie den 2Thess in der paulinischen Tradition zu verorten. Das 1. Kapitel beinhaltet eine rhetorische Analyse des 2Thess, gefolgt von einer Exegese des gesamten Briefes basierend auf dieser Analyse. Das 2. Kapitel klärt die Beziehung zwischen 1 und 2Thess und vergleicht dabei auch einzelne escha- 36 Vgl. Mearns, Development, S. 157. 37 Vgl. Jewett, Correspondence, xiii. 38 Vgl. ebd. S. 176f. 39 Vgl. ebd., S. 177. 1. Einleitung 10 tologische Stellen und hält nach ähnlichen Sätzen und Themen in 1Thess Ausschau.40 Der 2Thess kommt dabei in eschatologischer Sicht zu kurz: „we gave comparatively little attention to the eschatological content of 2 Thessalonians“.41 Im 3. Kapitel steht die Betrachtung apokalyptischen Materials in 2Thess an (1,5–10; 2,1–12) und im 4. Kapitel schließlich wird versucht, den 2Thess in der paulinischen Tradition und im Kontext des NT zu verorten. Wichtiges und bleibendes Ergebnis ist sicher die Erkenntnis, dass der 2Thess um die rechte Interpretation des paulinischen Erbes kämpft und diese Interpretation als alternativlos ansieht.42 In Hollands Werk finden sich nur sporadische und andeutende Vergleiche mit 1Thess bezüglich der Eschatologie. Dabei sind diese nicht thematisch geordnet und gebündelt und werden auch nicht von zeitgeschichtlichen Hintergründen flankiert. Todd D. Still (1999) befasst sich in seiner Arbeit mit Konflikten in Thessaloniki, ausgehend von den Thessalonicherbriefen. Den Begriff θλῖψις deutet er dabei als „conflict between Christians und Non-Christians in Thessalonica.“43 Ertrag seiner Arbeit ist z.B. die Erkenntnis, dass Paulus Autor beider Briefe sei und im Streit mit den Juden und einer nicht-christlichen Gegnerschaft stünde.44 Still spricht von einem „clash between 'deviant' Christians and particular power structures of that day“, oder auch von einem Streit von christlichen In- und nichtchristlichen Outsiders.45 Im 3. und 4. Teil vergleicht er einzelne eschatologische Stellen in beiden Briefen. In 2Thess sei im Vergleich zu 1Thess das „Motiv einer ausgleichenden Rechtfertigung“ mehr betont, die „Idee des unmittelbaren Bevorstehens“ des Tages des Herrn hingegen weniger.46 Dies begründe sich in einem bereits in 1Thess vorhandenen, nun aber eskalierenden Konflikt (2Thess 1,4) und der fälschlichen Annahme von 40 Vgl. Holland, Tradition, S. 60. 41 Ebd., S. 91. 42 Vgl. ebd., S. 155.158. 43 Still, Conflict, S. 17. 44 Vgl. ebd., S. 287. 45 Vgl. ebd., S. 290. 46 Vgl. ebd., S. 197. 1.4 Forschungsstand 11 Gemeindemitgliedern, dass der Tag des Herrn bereits da sei (2,2) – die Bedränger der Gemeinde erhielten Strafe bei der Parusie des Herrn, die Gläubigen hingegen ewige Ruhe.47 Die apokalyptische Sprache und entsprechende Motive sowie die dualistische Argumentation in beiden Briefen bedingten sich durch die feindliche Umwelt und trage zur Stärkung der Gläubigen bei.48 Beide Briefe an die Thessalonicher beschrieben Konflikte mit „Ungläubigen“49 und besagten, dass Nicht-Christen dem Zorn Gottes anheimgestellt seien (1Thess 1,10; 4,5.12; 5,1–11; 2Thess 1,5–12; 2,11f.).50 Still führt weiter aus, dass der Zorn Gottes bei der Parusie über diejenigen kommen werde, die Jesus ablehnten und sich dem Evangelium entgegenstellten (1Thess 2,16; 5,9; 2Thess 1,8f.).51 Die Tendenz, dass 1Thess 2,16 einen endgültigen Zorn über die Juden besagt, ist sehr fraglich und bedarf einer Klärung und Korrektur (vgl. diese Arbeit). Eine weitere Parallele sei im Aufruf zur gespannten Erwartung der Parusie (1Thess 5,6; 2Thess 2,1–12) und in der Mahnung, der Versuchung zu widerstehen, sich an den Gegnern zu rächen (1Thess 4,11f.; 5,15; 2Thess 1,5f.), zu finden.52 Die Schlussfolgerung, dass die Briefe dazu aufforderten, keine Vergeltung zu üben, ist aus den Briefen nur schwer herauszulesen und keineswegs eindeutig. 1Thess sei als Trost im Leiden und im Verlust der bereits verstorbenen Christen in Thessaloniki und zur Unterstützung der Erwartung des Herrn zu sehen – 2Thess als des Paulus Unterstützung im Konflikt mit einer externen Gruppe und zur Korrektur „eschatologischer Exzesse“, die sich darin zeigten, dass Einzelne angeblich „apokalyptischer“ und „eifriger“ als Paulus in der Erwartung des Herrn waren und deshalb ihre Pflichten vernachlässigten und die „Hoffnung vom Himmel her“ überbetonten (1Thess 4,14; 2Thess 3,6–13).53 Insgesamt herrscht ein klares Übergewicht der Betrachtung des 1Thess vor und Konflikte sind beherrschendes und leitendes Thema. 47 Vgl. Still, Conflict, S. 197. 48 Vgl. ebd., S. 197f. 49 Ebd., S. 212. 50 Vgl. ebd., S. 215. 51 Vgl. ebd., S. 234. 52 Vgl. ebd. 53 Vgl. ebd., S. 284. 1. Einleitung 12 Ziel der Monographie C.R. Nicholls (2004) „From Hope to Despair in Thessalonica. Situating 1 and 2 Thessalonians“ ist die Untersuchung der hinter den beiden Briefen liegenden Situationen unter besonderer Berücksichtigung der eschatologischen Probleme.54 Dabei wird die Frage aufgeworfen, wo eine Weiterentwicklung der Situation in 1Thess im zweiten Schreiben gegeben ist und wo nicht („continuity and discontinuity“55). Nicholl postuliert, dass die Situation in 2Thess wahrscheinlich stark mit der in 1Thess verbunden war, also eine Krise bezüglich der Verstorbenen im Hintergrund der beiden Schreiben stehe.56 Aus 2Thess 2,2 und dem gesamten Brief lässt sich diese Schlussfolgerung allerdings nicht legitimieren. 2Thess wird als „Appendix“ des 1Thess gesehen, der die Aussagen des 1Thess stärke und in „a short time after 1 Thessalonians“ geschrieben worden sein soll.57 Nach dem ersten Teil der Arbeit (Einleitung) folgt Teil 2, der eine Untersuchung von 1Thess 4,13–18 und 5,1–11 vornimmt. Der dritte Teil betrachtet 2Thess 2,1–3,5; 2,1–12 und auch 3,6–18. Teil 4 schließlich versucht die Situation in 1Thess und 2Thess zu beschreiben und Punkte der Kontinuität und Diskontinuität zu finden. Ergebnis des zweiten Teils ist u.a., dass die frischbekehrte Gemeinde von Heiden zunächst in Hoffnung auf den wiederkommenden Herrn gelebt habe, durch Todesfälle von Gemeindemitgliedern sei dann Angst und Sorge eingetreten, der „Tag des Herrn“ stünde bevor und der Zorn Gottes berühre bereits die gesamte Gemeinde. Die eingetretene Verzweiflung müsse Paulus jetzt wieder zurechtrücken und die Gläubigen zum Glauben zurückführen – es liege also keine freudvolle oder enthusiastische Situation vor, vielmehr Hoffnungslosigkeit, Unsicherheit und Angst.58 Dem ist teilweise zuzustimmen, die trostlose Schilderung der Situation der gesamten Gemeinde geht aber sicher zu weit und erscheint recht eindimensional. Der dritte Teil besagt, dass der „Tag des Herrn“ und die Parusie für die Adressaten des 2Thess voneinander abhängig seien – dies führe für die junge Gemeinde aus Heiden zu Unsicherheit und Ver- 54 Vgl. Nicholl, Hope, S. 9.14. 55 Ebd., S. 14. 56 Vgl. ebd., S. 16. 57 Vgl. ebd., S. 16.221. 58 Vgl. ebd., S. 111f. 1.4 Forschungsstand 13 zweiflung, da mit der falschen Parole aus 2,2 ja auch die Parusie hätte geschehen müssen.59 2Thess 2,9–12 (Schicksal der Ungläubigen) und 2,13–14 (positive Aussicht für Thessalonicher) seien als Sicherheit für die Gemeinde zu verstehen, die glaubte, die Rettung sei in irgendeiner Weise an ihnen vorübergegangen.60 Nicholl kommt im vierten Teil zu dem Schluss, dass „Punkte der Kontinuität und Diskontinuität“ zwischen beiden Schreiben existierten.61 So stünde das „timing“ des Tages des Herrn jeweils im Zentrum der eschatologischen Probleme und die Teilhabe der Thessalonicher am rettenden Moment der Parusie scheinbar auf dem Spiel – „Angst und Unsicherheit“ beherrschten jeweils die Gemeinde, der vorhandenen Hoffnungslosigkeit würde in beiden Briefen die positive Stellung und Zukunft der Gläubigen entgegengestellt.62 Kontinuität zeige sich ebenso in der Verfolgung der „jungen, unreifen und hauptsächlich heidnischen“ Gemeinde, die dadurch drohe vom rechten Weg des Glaubens abzukommen.63 Diskontinuität trete bezüglich des Tages des Herrns zu Tage – in 1Thess erwarteten die Adressaten, dass er recht bald komme, in 2Thess glaubten sie, dass er schon gekommen sei.64 Die Verfolgungen im ersten Brief seien nicht eindeutig mit „eschatologischen Problemen“ in Verbindung zu bringen“, im zweiten Brief hingegen schon, zudem sei an „akute“ Bedrängung zu denken.65 Letzterem ist zuzustimmen, die Verbindung der Verfolgungen mit 2Thess 2,2 müsste ausführlicher beschrieben werden. Insgesamt sind vereinzelt eschatologische Vergleiche der beiden Briefe zu verzeichnen, eine wirkliche Gegenüberstellung einschlägiger Stellen findet nicht statt. Zudem findet der zeitgeschichtliche Hintergrund kaum Beachtung. Punkte der Kontinuität und Diskontinuität sind teilweise vorhanden und mitunter auch nachvollziehbar, bedürfen aber mehr Raum der Bearbeitung. Mit Sicherheit liegt hier deutlich mehr Potenzial – ein Ansatzpunkt dieser Arbeit. 59 Vgl. Nicholl, Hope, S. 142f. 60 Vgl. ebd., S. 142. 61 Vgl. ebd., S. 186. 62 Vgl. ebd. 63 Vgl. ebd., S. 186f. 64 Vgl. ebd., S. 187. 65 Vgl. ebd. 1. Einleitung 14 Hanna Roose (2009) thematisiert in einem Aufsatz die Thessalonicherbriefe als Beispiele urchristlicher Überlieferungsprozesse bei ver- änderten Situationen und der damit einhergehenden „Anpassung von Traditionen“.66 Roose will die beispielhafte Bedeutung der Thessalonicherbriefe für die von ihr angenommene Intertextualität und Polyvalenz in Corpus Paulinum aufzeigen – dies soll v.a. an eschatologischen Abschnitten beider Briefe illustriert werden.67 Die Untersuchung beschränkt sich im Wesentlichen auf die drei Begriffe θλῖψις, παρουσία und ἡμέρᾳ τοῦ κυρίου68 und geht folgendermaßen vor: „Zunächst ist die Diskontinuität zwischen dem 1. und dem 2. Thessalonicherbrief herauszuarbeiten, um den pseudepigraphen Charakter des 2. Thessalonicherbriefes zu begründen“ – „Anschließend ist die ‚deuteropaulinische‘ Kontinuität zwischen beiden Briefen herauszuarbeiten […] Wie liest sich der 1. Thessalonicherbrief durch die „Brille“ des pseudepigraphen 2. Thessalonicherbriefes?“69 „Durch klare intertextuelle Bezüge – angefangen bei der Autorund Adressatenfiktion, [gebe] sich der 2. Thessalonicherbrief als Leseanweisung speziell für den 1. Thessalonicherbrief zu erkennen.“70 Wesentliches Ergebnis des kurzen eschatologischen Vergleichs der Briefe hinsichtlich der drei genannten Begriffe sei, dass „die Bedrängnisse im 1. Thessalonicherbrief keine eschatologische Bedeutung [hätten] und zwischen der Parusie, zu der Jesus Christus als Retter komm[e], und dem ‚Tag des Herrn‘ als dem (Straf-) Gericht an Gerechten und Ungerechten, unterschieden w[erde]“.71 Der 2Thess hingegen bringe „diese drei Größen in einen engen Zusammenhang. Jesus erschein[e] als der Richter, der die Ungerechten bestraf[e], die Bedrängnisse […] [würden] den Gerechten angesichts dieses Gerichtes die Möglichkeit [geben], kleine Vergehen bereits jetzt abzugelten.“72 Der 2Thess sei als „Leseanweisung“73 für den 1Thess zu verstehen: „Der ‚Tag des Herrn‘ 66 Vgl. Roose, Thessalonicherbriefe, S. 344. 67 Vgl. ebd., S. 347. 68 Vgl. ebd., S. 343–367. 69 Ebd., S. 352. 70 Ebd., S. 349. 71 Ebd., S. 361. 72 Ebd. 73 Ebd. 1.4 Forschungsstand 15 [sei] noch nicht da, er steh[e] auch nicht unmittelbar bevor (vgl. 2Thess 2,2) [und[ [d]ie θλίψεις zeig[t]en nicht die zeitliche Nähe des Gerichts an, sondern [hätten] für die Gerechten läuternde Funktion. Sie könn[t]en daher geduldig auf den ‚Tag des Herrn‘ warten“74. Hier ist anzumerken, dass die postulierte läuternde Funktion der Bedrängnisse eher spekulativ erscheint und den textlichen Befund überfordert. In intertextueller Lesart seien die Bedrängnisse aus 1Thess 1,6 positiv zu sehen „weil […] ‚Anzeichen‘ dafür […], ‚dass Gott gerecht richten wird‘ (2Thess 1,5), und weil festst[ünde], dass Gott diejenigen, die Bedrängnis leiden, Ruhe geben wird (2Thess 1,7), während diejenigen, die die Christen bedrängen, selber in Bedrängnis geraten werden (2Thess 1,6).“75 Ferner seien 2Thess 1,3–12 den eschatologischen Abschnitte des 1Thess quasi vorgeschaltet.76 2Thess 1,3–12 („Vernichtung der gottlosen Menschen“) und 1Thess 4,13–17 („Schicksal der verstorbenen Gerechten“) ergänzten sich, wie auch 1Thess 5,1–11 und 2Thess 2,1–12.77 Die direkte „Verschränkung“ der Briefe und konkrete Leseanweisungen und Ergänzungen sind näher zu untersuchen bzw. auch zu bezweifeln, vor allem wenn die historisch dahinter liegenden Situationen miteinander vermischt werden und eine unmittelbare Verknüpfung der Schreiben suggeriert wird. Marlene Crüsemann (2010) befasst sich in ihrer Arbeit „Die pseudepigraphen Briefe an die Gemeinde in Thessaloniki. Studien zu ihrer Abfassung und zur jüdisch-christlichen Sozialgeschichte“ unter anderem mit der Frage, „ob 1Thess ein früher Paulusbrief, ein Paulusbrief und letztlich überhaupt ein Brief ist.“ Der Hauptteil der Arbeit besteht in der Exegese und Bearbeitung des 1Thess. Über fünf Kapitel werden verschiedene Themen behandelt, darunter auch der eschatologische Teil 4,13–5,11. Erst im sechsten und letzten Kapitel „Das Gericht im 2 Thess: Zum Verhältnis beider Briefe“ wird der 2Thess bearbeitet, indem das dort vorkommende Gericht (1,5–10; 2,1–12) in Zusammenhang mit mehreren Stellen in 1Thess gesetzt wird. Wesentliche Ergebnisse dieses Kapitels sind folgende: 2Thess widerrufe „die dreigeteilte 74 Roose, Thessalonicherbriefe, S. 361. 75 Ebd., S. 362. 76 Vgl. ebd. 77 Vgl. ebd. 1. Einleitung 16 Gerichtskonzeption des 1 Thess“ und postuliere ein einziges Gericht. Hintergrund dieser Vermutung ist die Annahme, dass „der jüdischchristliche 2 Thess einen alternativen geschichtlichen Entwurf zum pagan-christlich orientierten [pseudepigraphen] 1 Thess [darstelle], der das gesamte jüdische Volk geschichtlich und heilsgeschichtlich preisgegeben“78 habe. Weiter sei „[d]er 2 Thess […] als Judaisierung der Thessaloniki-Briefe zu betrachten.“79 1Thess 2,16, so zeigt diese Arbeit (vgl. 3.3.2.2), muss aber keinesfalls als endgültige Preisgabe des jüdischen Volkes verstanden werden, sondern ist wohl als ein Hinweis auf ein bereits geschehenes innergeschichtliches Gericht zu sehen.80 Auf dieser Argumentationsbasis wird die These der Widerrufung der Gerichtskonzeption des ersten Briefes an die Thessalonicher fraglich. Auch die Annahme, dass der 2Thess 1Thess ersetzen wolle, und damit auch dessen Eschatologie,81 ist nicht hinreichend begründet und zu bezweifeln. Karl Paul Donfried (2013) nimmt sich in einem Aufsatz der Verfasserschaft des 2Thess und der Beziehung der beiden Briefe an die Thessalonicher an. Dabei nimmt er vereinzelt eschatologische Vergleiche zwischen 1 und 2Thess vor. In 1Thess 3,3 (σαίνεσθαι) und 2Thess 2,2 (σαλευθῆναι; θροεῖσθαι) sei eine Steigerung der Wortwahl zu verzeichnen, die eine erhöhte Gefahr und verstärkte Gewalt bedeute. 2Thess 1,4 signalisiere im Vergleich zu 1Thess 1,6; 3,4.7 eine sprachliche Verschärfung, da zu den Bedrängnissen in 1Thess Verfolgungen in 2Thess hinzutreten würden.82 Insgesamt nähmen die Verfolgungen in 2Thess83 stark zu – mit Sicherheit eine verfolgenswerte Spur. 2Thess 2,2 sei wiederum als Reaktion auf 1Thess 5,4 zu sehen, so hätten manche Gemeindemitglieder eine bereits gekommene Parusie vermutet.84 Das zweite Schreiben an die Thessalonicher, v.a. 2,1–12, beinhalte eine große Abhängigkeit zum „apokalyptischen Rahmen“ von 1Thess 4,13–5,11.85 Die apokalyptische Sprache in beiden Briefen 78 Crüsemann, Briefe, S. 287. 79 Ebd. 80 Vgl. Schreiber, 1Thessalonicher, S. 163–166. 81 Vgl. Crüsemann, S. 241.286. 82 Vgl. Donfried, Issues, S. 101f. 83 Vgl. ebd., S. 111. 84 Vgl. ebd., S. 102.112. 85 Vgl. ebd., S. 103. 1.4 Forschungsstand 17 diene dazu, den drangsalierten Gläubigen in Thessaloniki „Trost und Ermutigung“ anzubieten.86 Donfrieds Gegenüberstellung einer Parusie mit positiver (1Thess 4,13–18) und negativer (2Thess 2,8) Funktion87 wird der Erwartung der offensichtlich nach ewiger Ruhe sich sehnenden Gemeinde (2Thess 1,7) nicht gerecht – für die Gläubigen zumindest stellt die Parusie einen positiven Faktor dar. Rudolf Hoppe (2013) befindet in einem Aufsatz über die Rezeption des 1Thess durch den „Paulus“ des 2Thess und wirft die Frage auf, in welcher Weise der Autor des 2Thess an den 1Thess anknüpfe.88 Neben Überlegungen zur Autorenschaft und Themen des 1Thess befasst er sich mit der „[f]iktionalen Gründungsverkündung“ des 2Thess, versucht diese beispielhaft am Vergleich der Gerichtstheologie in 2Thess 1,3–12 mit 1Thess 1,2–10, an der Parusievorstellung im 2. Kapitel des 2Thess und an ethischen Fragen festzumachen. Bei der Gerichtsverkündigung entdeckt er ein Hinausgehen über den Primärtext des 1Thess – so erfahre die „Bedrängnis“ in 2Thess eine Deutung als „Anzeichen des schon begonnenen Gerichtes“.89 Die Gedanken der Gemeinschaft der Glaubenden mit Christus bei der Parusie bei gleichzeitiger Verdammung der nicht an ihn Glaubenden sieht er in 1Thess 4,13–5,11 vorgezeichnet und in 2Thess mit der Figur des Widersachers, der mit Christus kämpft, und den erweiterten Gerichtsaussagen über die Gott-nicht-Kennenden vertieft.90 Bleibend und weiterführend erscheint vor allem die Erkenntnis, dass „Paulus“ 1Thess nicht verdrängen wolle und das Gericht als positive Erwartung für die Gläubigen zu sehen sei.91 Der eschatologische Vergleich freilich verbleibt auf lediglich exemplarischem Niveau. Janusz Kucicki (2014) zeigt in einer Studie Interesse an der Eschatologie der Thessalonicher-Korrespondenz. Die Studie beschränkt sich dabei auf 1Thess 4,13–5,11 und 2Thess 1,1–12, unterzieht sämtliche es- 86 Vgl. Donfried, Issues, S. 104. 87 Vgl. ebd., S. 104.112. 88 Vgl. Hoppe, 2Thess, S. 304. 89 Vgl. ebd., S. 105. 90 Vgl. ebd., S. 308f. 91 Vgl. ebd., S. 317. 1. Einleitung 18 chatologischen und apokalyptischen Motive der genannten Abschnitte einer Analyse und vergleicht sie mit ähnlichen Motiven aus Qumrantexten und alttestamentlichen Pseudepigrapha.92 Kucicki kommt zu dem Ergebnis, dass die Thessalonicherbriefe viele entsprechende Motive enthielten, die bereits in Qumran-Texten und pseudepigraphischen Texten des AT vorkämen. Eine Abhängigkeit zu den Schreiben aus Qumran sei aber nicht gegeben.93 Unter den Motiven seien auch genuin thessalonische, die die zentrale Rolle von Jesus Christus in der christlichen Eschatologie beschrieben.94 Das vierte und letzte Kapitel vergleicht die beiden Stellen aus der Thessalonicher-Korrespondenz, vor allem hinsichtlich eschatologischer Motive. Kucicki kommt zu dem Schluss, dass dem 2Thess im Gegensatz zum 1Thess viele eschatologischen Motive fehlten, was er dadurch begründet, dass das zweite Schreiben keine Eschatologie präsentieren, sondern lediglich das Problem falscher Lehren bezüglich eines angeblich schon gekommenen „Tages des Herrn“ lösen wolle.95 Er geht so weit zu sagen, ohne aber eine Verbindung der Stellen abzustreiten: „there is no basis for comparing „eschatology in the Letters to the Thessalonians.“96 Hier ist einzuwenden, dass doch gerade 1Thess aller Wahrscheinlichkeit nach nicht explizit eine eschatologische Lehre präsentieren will, sondern auf das Problem verstorbener Gemeindemitglieder referiert, indem er 1Thess 4,13–18 gegen Befürchtungen positioniert, bereits verschiedene Gläubige hätten bei der Parusie einen Nachteil zu erleiden. Fraglich bleibt der Schluss, dass der Tag des Herrn bei Paulus zur Zeit der Abfassung der Thessalonicherbriefe auf Nicht-Christen, die Parusie hingegen auf Christen bezogen wäre.97 2Thess 1,10 mit dem positiven Aspekt des Tages für die Gemeinde und 2Thess 2,1–12 mit den negativen Aspekten der Parusie für die Nicht-Gläubigen relativieren jedenfalls diese Annahme. Grundsätzlich sieht Kucicki keinen Widerspruch in der Eschatologie der beiden Briefe. 2Thess 2,1–12 könne 92 Vgl. Kucicki, Eschatology, S. 28. 93 Vgl. ebd., S. 329. 94 Vgl. ebd., S. 329f. 95 Vgl. ebd., S. 320.322f. 96 Ebd., S. 321. 97 Vgl. ebd., S. 324. 1.4 Forschungsstand 19 beispielsweise als „appendix to the teaching presented by the apostle in 1 Thess 4,13–5,11“98 gesehen werden. Eigene Positionierung Ein Vergleich der Eschatologie der beiden Briefe ist in einigen Monographien und Aufsätzen zu beobachten. Ein solches Vorgehen ist aufgrund der Intertextualität der beiden Schreiben und der stark eschatologischen Ausrichtung vor allem des 2Thess auch zu erwarten. Überwiegend werden allerdings lediglich zentrale eschatologische Stellen angeführt und nur ansatzweise verglichen. Dies ist auch mit den Problemstellungen und Themen dieser Arbeiten zu erklären, die eben oft nicht eschatologisch ausgerichtet sind. Um die eschatologischen Aussageintentionen des „Paulus“ und eine mögliche Gemeindesituation besser ergründen zu können, bedarf es sowohl weiterer Stellen – hier ist beispielsweise an die strukturparallelen Danksagungen und gebetsartigen Texte zu denken – als auch eines umfassenderen Vergleichs. Notwendig für eine Ergründung und Sichtbarmachung der „paulinischen“ Aussagen sind auch umfangreichere Untersuchungen darüber, welche eschatologischen Punkte in 2Thess im Vergleich zu 1Thess fehlen und wo möglicherweise eine Aktualisierung der ursprünglichen Worte des Paulus stattfindet. Basierend auf Erkenntnissen zu Untersuchungen des 1Thess99 scheint zudem die Heranziehung des zeitgeschichtlichen Hintergrundes dringend erforderlich. Weiter wird eine mögliche Relevanz der „guten Hoffnung“ (2Thess 2,16) nicht erkannt, der „Katechon“ und „Widersacher“ – bedeutsame Aussagen also – in vergleichenden Arbeiten nicht oder nur ansatzweise und nicht zufriedenstellend gedeutet. Die Komplexität des Themas zeigt, dass ein umfassendes Instrumentarium angelegt werden muss. Ein systematischer, d.h. geordneter Vergleich der Eschatologie anhand der Strukturparallelen ist erforderlich, gerade weil 2Thess in Anlehnung an 1Thess so bewusst komponiert erscheint 1.5 98 Kucicki, Eschatology, S. 330. 99 Vgl. zum Imperium Romanum und seinem quasi-religiösen Anspruch Schreiber, 1Thess, S. 272–277 u.a. 1. Einleitung 20 und es deshalb nahe liegt, dass gerade entlang der Form die Intentionen des „Paulus“ in 2Thess besser erfasst werden können. Daran anschließen muss eine konsequente Ergebnisauswertung, so dass eine durchgängige Analyse erfolgen kann, die den umfangreichen und komplexen eschatologischen Themen den angemessenen Umfang einräumt. Daraus kann sich dann eine eschatologische Themenvielfalt ergeben, die die genannten Arbeiten so nicht aufweisen. Die vorliegende Arbeit, die sich vom Inhalt, der Anlage und der Problemstellung von anderen Arbeiten unterscheidet, geht nun die aus eschatologischer und methodischer Perspektive vorhandenen Desiderate an und befasst sich mit der oben geäußerten Kritik an vielerlei Rückschlüssen. Sie nutzt das Instrument des Vergleiches der strukturparallelen Texte in 1 und 2Thess unter eschatologischen Gesichtspunkten. Unter Zuhilfenahme von syntaktischen und semantischen Untersuchungen sollen so Entwicklungen in der Eschatologie aufgezeigt und die damit verbundenen Intentionen des Verfassers profiliert werden. Besondere Berücksichtigung sollen auch zeit- und religionsgeschichtliche Hintergründe wie die Rolle des Imperium Romanum und seine Heilsoptionen, der motivgeschichtliche Hintergrund der „guten Hoffnung“ (2Thess 2,16) sowie Einleitungsfragen finden. Methodisches Vorgehen In dieser Arbeit soll das Hauptaugenmerk auf dem Vergleich des 1Thess und 2Thess liegen. Dies erfolgt mittels der Gegenüberstellung der strukturparallelen Texte beider Briefe. Aus diesem synoptischen Vergleich sollen die eschatologischen Entwicklungen des 2Thess und die damit verbundene Absichten aufgezeigt werden. Dabei wird zunächst Vers für Vers nach einem einheitlichen Schema vorgegangen, das in dieser Form noch nicht auf den 2Thess angewendet wurde. Zunächst soll jeweils separat eine synchrone Analyse der Stellen des 1 und 2Thess erfolgen. Sie beinhaltet die Darstellung des Textes, eine syntaktische und semantische Analyse sowie die Aufzeigung der Pragmatik. Daraufhin wird das Werkzeug der diachronen Analyse an die beiden Texte angelegt. Dies soll ermitteln, welche Übereinstimmungen in beiden Briefen zu verzeichnen sind, welche Inhalte in 2Thess fehlen 1.6 1.6 Methodisches Vorgehen 21 und welche Elemente im zweiten Schreiben an die Thessalonicher hinzugekommen sind. Nach der thematisch noch ungeordneten Vers-für- Vers-Bearbeitung der strukturparallelen Texte werden darauf in den Zwischenergebnissen die Beobachtungen der eschatologischen Inhalte der beiden Briefe geordnet. Was ist identisch? Was ist anders? Was ist neu und welche Inhalte fehlen in 2Thess? 2Thess 2,1–12, das „eschatologische Hauptstück“, wird aufgrund seiner hohen Bedeutung auch ohne korrespondierende Strukturparallele untersucht, da sich dort ob der schon bei der ersten Lektüre offensichtlichen genuinen Gedanken ein großes Stück des Proprium des 2Thess gegenüber dem 1Thess vermuten lässt. Die eschatologischen Themen bedürfen dann am Ende der strukturparallelen Untersuchungen einer textübergreifenden thematischen Bündelung, die alle Texte zusammenfasst, um so die Strategien und Absichten des 2Thess noch besser zu erkennen. Die Ergebnisse des Untersuchungsansatzes dieser Arbeit sollen weitere Argumente zur Klärung der Verfasserschaft und weiterer Einleitungsfragen in die Waagschale legen. So kann die These eines Pseudepigraphons gegebenenfalls unterstrichen werden. Zudem werden Hapaxlegomena und singuläre Wendungen der beiden Briefe am Ende der jeweiligen syntaktischen Analysen gesammelt, um die Plausibilität nicht-paulinischer Verfasserschaft des 2Thess in den Einleitungsfragen besser bewerten zu können. Durch semantische Vergleiche mit Texten aus der LXX, sowie aus dem NT sollen zudem Sprachfelder aufgedeckt und zumindest im Fall der LXX auch mögliche Inspirationsquellen für den Autor des 2Thess identifiziert werden. Möglicherweise kann dies auch zu einem tieferen Verständnis seines rätselhaften Sprechens führen („Katechon“). Anlage der Arbeit Kapitel 2 beschreibt den Aufbau und die Struktur des 2Thess, um so einen Überblick über den Brief zu erlangen. Auch für 1Thess werden Aufbau und Struktur deutlich gemacht, zudem beide Briefe dann einem Strukturvergleich unter eschatologischen Vorzeichen unterzogen. 1.7 1. Einleitung 22 In Kapitel 3 wird die oben beschriebene eschatologische Profilierung der strukturparallelen Texte der beiden Briefe an die Thessalonicher vorgenommen. Dies beinhaltet auch die Beleuchtung des zeitund religionsgeschichtlichen Hintergrundes zum Katechon, zum Widersacher, zu den Kaisern und ihrem gottgleichen Anspruch, zu antirömischen Spitzen im Brieftext, sowie die Bearbeitung des motivgeschichtlichen Hintergrundes zur „guten Hoffnung“ (2Thess 2,16) und zu möglichen parallelen Motivkomplexen zwischen Mysterienkulten und 2Thess. Kapitel 4 erörtert ausgehend von den in dieser Untersuchung erzielten Erkenntnissen die Einleitungsfragen. Kapitel 5 schließlich bündelt die gesamten Ergebnisse der Arbeit. 1.7 Anlage der Arbeit 23

Chapter Preview

References

Abstract

This volume examines the structurally parallel texts of 1 and 2 Thessalonians from an eschatological perspective. This helps a better understanding of the literary relationship of the two letters and to prove 1 Thessalonians as a pre-text of 2 Thessalonians. A dense structure of connections between corresponding sections becomes visible and enables new approaches to the intention of the author of 2 Thessalonians.

Among the motifs whose contemporary and religio-historical background is examined, the Eleusinian Mysteries are particularly mentioned. Not least from the connotations of "anti-god" and "adversary", Dagenbach concludes a composition between 66 and 70 AD – uncommonly early for a pseudepigraph.

Zusammenfassung

Der vorliegende Band untersucht die strukturparallelen Texte der beiden Thessalonicherbriefe unter eschatologischen Aspekten. Dies hilft, das literarische Verhältnis der beiden Schreiben besser zu verstehen und den 1Thess als Prätext des 2Thess zu erweisen. Ein dichtes Gefüge von Verbindungen zwischen den korrespondierenden Abschnitten wird sichtbar und ermöglicht neue Zugänge zur Intention des Verfassers des 2Thess.

Unter den Motiven, deren zeit- und religionsgeschichtlicher Hintergrund untersucht wird, finden die Eleusinischen Mysterien besondere Erwähnung. Nicht zuletzt aus den Konnotationen von „Anti-Gott“ und „Widersacher“ schließt Dagenbach für den 2Thess auf die für ein Pseudepigraph frühe Abfassungszeit zwischen 66 und 70 n. Chr.