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2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell in:

Timo Steininger

John McDowells Bildungstheorie, page 79 - 118

Vernunft und Natur vor dem Hintergrund stoischer Perspektiven zum Naturbegriff

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4458-2, ISBN online: 978-3-8288-7478-7, https://doi.org/10.5771/9783828874787-79

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
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Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell Die bisherigen in dem vorangehenden Kapitel bearbeiteten Themenfelder stehen in enger Relation zur Definition und Interpretation von Geist und Welt und bilden somit die Grundlage der nachfolgenden Kapitel. Im Folgenden werden verschiedene naturalistische Perspektiven unter Berücksichtigung der Positionen McDowells beleuchtet, um so einen Überblick über das weitreichende Themenfeld des Naturalismus zu geben. Diese Perspektiven unterscheiden sich nicht nur in der ihnen zugrunde liegenden Auffassung des Menschseins, sondern vor allem in der jeweiligen Positionierung des Naturbegriffs, was in dieser Arbeit von zentraler Bedeutung ist. McDowell selbst nutzt die Differenzen zwischen seiner und anderen Perspektiven, insbesondere der des Naturalismus, um seine eigene Sichtweise durch Abgrenzung zu verdeutlichen. Diese ist vom Versuch einer Überwindung der dualistischen Unterscheidung zwischen Geist und Welt geprägt. Daher rekonstruiert er zwei Positionen in seinem Hauptwerk „Geist und Welt“, die er in einer ambivalenten Herangehensweise zur Rekonstruktion eines den Dualismus überwindenden Naturbegriffs nutzt. Im Allgemeinen bildet der Naturalismus den Überbegriff für verschiedene wissenschaftliche Ansätze, die für sich betrachtet eigene philosophische oder methodologische Strömungen darstellen. Ausgehend vom Materialismus haben sich in der Entwicklungsgeschichte der Philosophie die Strömung des Physikalismus, Materialismus und später daran anschließend des Biologismus und Kognitivismus entwickelt. Den Szientismus als Oberbegriff für die modernen Formen und Weiterentwicklungen des Naturalismus zu fassen bietet sich vor allem dazu an, die radikalen Formen und Strömungen begrifflich zu rahmen. Philosophen des Materialismus im 19. Jahrhundert wie Moleschott und Büchner, wobei besonders Ludwig Feuerbach und daran anschließend Karl Marx Formen des Materialismus geprägt haben, 2 79 sind Teil der Entwicklung hin zum Szientismus. Im Physikalismus haben sich Otto Neurath und Rudolf Carnap mit ontologischen Fragen auseinandergesetzt. Ein Teilbereich, der im Zug der kognitiven Wende hinzutrat, ist das Feld der Kognitionswissenschaften, die im Laufe der Zeit der behavioristischen Psychologie den Rang abgelaufen haben (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 23). Diese verschiedenen Strömungen machen es schwierig, das Themenfeld in seiner Gesamtheit vereinheitlichend in den Blick zu nehmen. Deshalb wird sich diese Arbeit im Schwerpunkt dezidiert mit den radikalen Formen des Naturalismus auseinandersetzen, um so McDowells Kritik am bald naturalism zu er- örtern, die für sein Verständnis von Bildung konstitutiv ist. Somit verfolgt die vorliegende Arbeit das Vorhaben, das menschliche Sein in Auseinandersetzung mit McDowell, einem noch zu rekonstruierenden Naturalismus und der stoischen Philosophie zu umreißen, sowie die menschliche Natur in den Gesamtzusammenhang eines Ich- und Weltverhältnisses einzuordnen. Die Perspektive, an der er sich abarbeitet, ist der bald naturalism. Der Begriff an sich wird von McDowell verwendet, um in seinem Werk „Mind and World“ eine Differenz zwischen den Positionen des Naturalismus und denen des platonischen Idealismus herzustellen, innerhalb deren Spannweite er sich einzuordnen versucht. Diese Position des bald naturalism und der ihr zugrunde liegende Naturbegriff werden für die vorliegende Arbeit als Hintergrund fungieren, vor dem sich die Positionen von McDowell deutlich umreißen lassen. Der bald naturalism, so heißt es in Geist und Welt, bestreitet, dass die Spontanität des menschlichen Verstandes sui generis ist (McDowell, 2012, S. 92). Eine Spontanität sui generis wäre eine Gattung eigener Art, das bedeutet eine Entität, die von nichts in bestimmter Weise abhängt. Sie ist nicht restlos konstituierend und kann in ihre äußerlichen Bedingungsfaktoren aufgelöst werden, wobei sie mithin begrifflich nicht vollständig einordbar ist. Sicherlich stimmen viele Psychologen, Hirnforscher, Neurologen und Philosophen darin überein, dass das Bewusstsein keine rein immaterielle geistige Sphäre ist, wie auch McDowell annimmt. Die platonische Idee des Guten als intelligible Idee oder der aristotelische Ansatz einer Art Sphärengeist zeigt eine vollständig rein kognitiv erfassbare Wirklichkeit dieser Geistigkeit, die rein immateriell wäre (Natterer, 2011). Diesen Ansätzen würde eine naturalistisch geprägte Gesellschaft kaum folgen, 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 80 weil es nicht in unser empirisch strukturiertes Weltbild passt, in dem Intelligibles kaum eine Rolle spielt. Jedoch folgt aus der skizzierten Perspektive auch kein rein naturalistisches und damit kausales Ursache- Wirkungsprinzip für das Bewusstsein, sonst würde man alles Geistige aus der Rationalität entfernen. Täte das Bewusstsein dies, wie der bald naturalism argumentiert, dann wäre die Rationalität naturalisiert und damit von Naturgesetzen determiniert. McDowell folgt in seiner Auffassung von Rationalität Immanuel Kant, also einem Verständnis, in dem sich Verstand und Natur gegenüberstehen. Im bald naturalism bleibt die Natur als Ausgangspunkt allen Seins und allen Wissens übrig. Die rationalen Forderungen, die an den Menschen gestellt werden, basieren auf einer scheinbar unabhängigen Tatsache in der Natur. Damit stehen die Forderungen, die von außen auf den Menschen einwirken, außerhalb des Subjekts, die Welt wirkt somit auf das Subjekt ein und nicht das Subjekt auf die Welt (McDowell, 2012, S. 104 ff.). Genau an dieser Stelle setzt McDowell an. Er widerspricht der Behauptung der Naturalisten, dass die Welt in ihrer Einwirkung auf das Subjekt eine innere Kausalkette in Gang setze, welche zu rationalen Schlussfolgerungen und damit zu begründetem Handeln führe. Damit wäre der Mensch ein nur passives Beiwerk einer Natur – auch seiner eigenen –, die sein Handeln bestimmt. Diese naturalistische Konstruktion menschlichen Denkens und Handelns geht in eine ähnliche Richtung wie behavioristische Strömungen und hat diese auch argumentativ gestützt. Im folgenden Kapitel werden unterschiedliche Ausprägungen, Positionen und Interpretationen der naturalistischen Sichtweise auf den Menschen und dessen Natur dargestellt. Dabei wird kontrastiv auch die McDowell’sche Sichtweise erhellt. Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele Damit McDowells Sicht des Naturalismus erfasst werden kann, ist diese philosophische Strömung zunächst in ihren Hauptzügen darzustellen. Grundsätzlich kann sie in drei verschiedene Arten unterteilt werden. Darunter fallen der methodologische, der analytische und der metaphysische Naturalismus. Der Letztgenannte, in Anlehnung an 2.1 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 81 Winfried Sellars oft ontologische Naturalismus genannt, zeichnet sich vor allem durch seine apriorische Setzung von natürlichen Entitäten aus. Sellars hat vor allem mit der Rolle der Sinneseindrücke einen wesentlichen Beitrag zum Erstarken des Empirismus geliefert (Sellars, 1999, S. IX). Nach Sellars tragen die Dinge ihre Natur, also ihre spezifischen Eigenschaften und Fähigkeiten, in sich, wobei diese nicht in jedem Moment sinnlich wahrnehmbar sind. „At the level of common sense we interpret our world as consisting of an immense multitude of things each of which falls in one or another of a relatively small number of kinds. These things work out histories consisting of successive states. Though things and states alike come into existence and cease to exist, things are distinguishable from their actual histories. This difference is bound up with the fact that a thing could have behaved otherwise than it actually did. The ‘capacities’ of things are richer than the actual sequence of events in which they participate. Though this water is now liquid, it could have been solid; it had it in it to be solid. What a thing has it in it to be is its nature. It is the nature of water to freeze and boil; of turnip seeds to grow into turnips. It is with reference to their natures that things are divided into kinds.” (Sellars, 1949). In diesem Zitat hebt Sellars hervor, dass die Natur der Dinge in verschiedene Zustände unterteilt werden kann. Die Natur der Dinge an sich ist jedoch eine Einheit mit unterschiedlichen Ausprägungen und Qualitäten. Dies spricht für eine naturgesetzmäßige Bindung der Dinge an sich. Das bedeutet, dass die Dinge, ungeachtet ihrer qualitativen Ausprägung, immer im Raum der Naturgesetze liegen und sich auch dementsprechend kausal verhalten. Der analytische Naturalismus hingegen wird als begrifflicher Naturalismus bezeichnet und beschäftigt sich im Schwerpunkt mit den Fragen nach analytischen Schlüsselbegriffen wie Intentionalität oder Wissen. Intentionalität bezeichnet, zumindest im kantischen Sinne, ein auf die Welt gerichtetes Sprechen und Denken (McDowell, 2015, S. 19). Somit unterscheidet sich der analytische Naturalismus zuallererst vom ontologischen Naturalismus dahin gehend, dass dieser einen Geltungsanspruch auf den Kosmos erhebt. Dies zeigt sich darin, dass der ontologische Naturalismus die These vertritt, dass der Kosmos völlig kausal strukturiert sei und alle Phänomene natürlich und gesetzmä- ßig erklärt werden können (Sukopp, 2006). 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 82 Dem methodologischen Naturalismus liegen drei Grundthesen vor. a) Antifundierungsthese, b) Kontinuitätsthese, c) Wissenschaftlichkeitsthese. Im Folgenden werden die drei Thesen kurz erläutert. Bei allen drei handelt es sich um die qualitative Unterscheidung der Befürworter und Gegner eines moderaten und eines radikalen Naturalismus und damit auch eines bald naturalism im Sinne McDowells (Koppelberg, 2000, S. 78 ff.). I. Die Antifundierungsthese, so ist es auch in Bezug auf die Dreiteilung bei Koppelberg angedacht, besagt, dass die Philosophie nicht die Aufgabe hat, die Wissenschaft zu fundieren und damit auch zu begründen (Sukopp, 2006, S. 59). II. Die Kontinuitätsthese besagt, so wie es bei Quine der Fall ist, dass sich Naturalismus und Pragmatismus so verzahnen, dass daraus eine kontinuierliche Verlängerung von common sense zu reiner Wissenschaft resultiert (Keil, 1993, S. 47). III. Die Wissenschaftlichkeitsthese fordert letztendlich wissenschaftliche Analysen und Ergebnisse auch für die Philosophie (Sukopp, 2006, S. 59). Alle gezeigten Thesen stellen somit die empirische Wissenschaft in eine qualitativ der Philosophie überlegene Position dar und sollen aus ihrer naturalistischen Perspektive heraus eine eigenständige Disziplin generieren. Es wird deutlich, dass der ontologische Naturalismus entgegen dem analytischen und dem methodologischen Naturalismus einen übergreifenden Geltungsanspruch über die Disziplinen hinaus besitzt und vorwiegend mit Szientismus gleichgesetzt werden kann. Generell werfen Naturalisten der Philosophie vor, keine apriorischen Antworten auf die Fragen zu liefern, was der Mensch ist, was er tut und was er kann (Tetens, 2000, S. 287). Außerdem, und das ist von besonderer Bedeutung, wirft der Naturalismus der Philosophie vor, keine Aussagen über das Sein des Menschen treffen zu können, die den Ergebnissen der Einzelwissenschaften, die sich mit der Thematik beschäftigen, zuwiderlaufen. Also sollte gemäß der naturalistischen Konzeption der Philosoph, nach der Erforschung seines Forschungsgegenstandes, die Ergebnisse mit in diesem 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 83 Fall Kognitionswissenschaften, Anthropologie und den anderen Humanwissenschaften abgleichen. Der Naturalismus gliedert sich in viele Unterarten auf, die allesamt versuchen, als Einzeldisziplinen die Vorherrschaft der Philosophie zu brechen. Die verschiedenen Strömungen des Naturalismus haben im Grunde konvergierende Perspektiven, aber auch einige Unterscheidungsmerkmale. Eine dieser Strömungen ist der Physikalismus. Er sucht nach radikalen Lösungen für das vom kartesischen Modell ausgehende Problem der Dualität von Geist und Natur und dem damit verbundenen Problem der Wahrnehmung von physischen Dingen. Naturalistische Philosophen anderer Strömungen haben zur Lösung dieser Probleme auf die Philosophie vor der Zeit der Stoa zurückgegriffen. So wurde bereits bei den griechischen Atomisten nach Antworten auf die Frage der Dualität von Vernunft und Natur gesucht. Der atomistische Ansatz lässt sich in der Aussage wiedergeben: Alles was materiell ist, ist auch physisch, denn es gibt nur Atome und Leere (Beckermann, 2000, S. 131). McDowells bald naturalism und Quines Naturalismus Diese Sichtweise wendet sich von einer Vergeistigung der Welt ab und fixiert den Menschen als ein Teil aus vielen Teilen in einer Welt aus vielen Teilen. Willard Van Orman Quine, der einige der genannten Thesen vertrat, behauptete unter anderem, dass nichts in den Gedanken oder im Verstand sein könne, was nicht vorher in den Sinnen war. Das bedeutet, jedes Wissen über die Welt selbst wird über die Sinnesorgane zur weiteren Verarbeitung in das Gehirn geleitet (Keil, 2002, S. 19). In diesem letztlich auf ein Reiz-Reaktionsschema ausgerichteten Denken manifestiert sich ein biologizistisches Weltbild. Die philosophischen Vertreter dieser Richtung können als Naturalisten oder auch als Biologizisten bezeichnet werden. Doch auch hier gibt es unterschiedlichste Ausprägungen. Die Reduktionisten, die Szientisten oder die gemäßigten Naturalisten, wie auch immer die verschiedenen Strömungen genannt werden möchten, zeigen eine gemeinsame Position auf. Im Wesentlichen geht es allen um eine Stärkung eines auf Naturgesetzmäßigkeiten fokussierten Weltbildes gegenüber einer philosophischen Vergeistigung des menschlichen Seins und der daraus resul- 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 84 tierenden Form der Wahrnehmung der Welt durch das Subjekt. Auf die einzelnen Strömungen im breit angelegten Naturalismus wird später noch gezielt eingegangen. Die Ansätze basieren in der Regel auf einem Empirismus, der ganz klassisch die Grundlage des Weltverstehens in der Sinneswahrnehmung sieht, was wiederum die Kernaussage der Empiristen ist. Jedoch spielt diese Sinneswahrnehmung bei Quine kaum eine Rolle. Er hantiert mit dem Begriff der Affektion des Körpers durch die Außenwelt (Keil, 2002, S. 20). Quines Theorien drehen sich vor allem um die Rolle von Input und Output und ihr Verhältnis zueinander in der menschlichen Wahrnehmung. Die erkenntnistheoretische Frage, welche kausalen Quellen der Erkenntnis überhaupt zur Verfügung stehen, wird nicht behandelt. Es gibt folgende Möglichkeiten von Quellen: a) Die äußeren Gegenstände der physischen Welt (distale Auffassung, wie sie Davidson vertritt). Davidson (1963) gilt als Verfechter des Mythos des Subjekts, den er mit seinem Vorwurf des Mythos als Konstruktion zu bestätigen versucht. b) Die Reizungen der Sinnesrezeptoren durch Lichtstrahlen oder Geräusche oder Berührungen (die promixmale Auffassung, wie sie Quine vertritt). c) Das innere Körpergeschehen als Quelle des Erkennens von kausalen Zusammenhängen in der Welt (biologistische Auffassung der radikalen Konstruktivisten) (Keil, 2002, S. 25). Die dritte Auffassung wird auch in dieser Arbeit fokussiert werden, da sie der Schlüssel zum Verstehen biologizistischer Ansätze ist, von denen McDowell sich abgrenzen möchte und die er als unverblümten Naturalismus (bald naturalism) bezeichnet. Ursprünglich vom lateinischen Wort naturalista abgeleitet, ist der Naturalismus eine Bezeichnung für die Naturforschung. Später entwickelte sich der Begriff, ideologisch aufgeladen, zu einer Bezeichnung für all jene, die nicht an eine transzendentale Macht und ein Jenseits der natürlichen Welt glauben. Dabei weist eine Zurückweisung des Naturalismus keineswegs auf transzendentale Ansichten hin. Denn in Disziplinen, die sich naturwissenschaftlich mit der Natur der Dinge beschäftigen, wie der Physik, ist nicht zu leugnen, dass kausale Zusammenhänge, mathematische Berechnungen und auf Formeln basierende Prinzipien das Weltverständnis prägen. Somit richtet sich eine Ableh- 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 85 nung des Naturalismus nicht gegen diese, sondern gegen einen philosophischen Naturalismus und seine Ausprägungen in modernen Disziplinen wie (Human‑) Biologie, Soziologie oder Anthropologie. Der philosophische Naturalismus der heutigen Zeit abstrahiert die Methodik der Naturwissenschaften zu einem abstrakten Prinzip ohne eigentlichen Anwendungsbereich: „The closest thing to a common core of meaning is probably the view that the methods of natural science provide the only avenue to truth. “ (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 12). Es lässt sich nur schwer ein für den Naturalismus spezifischer Naturbegriff definieren, da viele Vertreter dieser Strömung, auch Quine, wenig über den Begriff der Natur an sich sagen, sondern Naturalismus als Prinzip der Naturwissenschaften verstehen. Der Naturbegriff an sich lebt von einem antithetischen Verhältnis. So sieht man den Naturbegriff oft in Verbindung mit, aber auch als Gegensatz zu Freiheit, Kultur, Geschichte oder Geist. Schon in der griechischen Philosophie liegt ein weitverbreitetes dualistisches Verhältnis von physis und techne vor (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 13). Der antithetische Denkansatz, den die Naturalisten verfolgen, generiert folglich auch in der Philosophie die Antithese. Genau für das Problem des Dualismus möchte McDowell eine Lösung finden, um nicht in ein sprachliches oder logisches Dilemma zu verfallen, in dem gedankliche Ansätze stagnieren. Besonders in der deutschen Tradition lassen sich dem Naturalismus die Geisteswissenschaften gegenüberstellen und sich antithetisch damit auch einer Einheitswissenschaft entgegensetzen. Im Übrigen fordern die Naturalisten, die, wie Dilthey betont, dem Kulturalismus und dem Historizismus ablehnend gegenüberstehen, dass der Naturalismus das historische Verständnis des Menschen weniger berücksichtigen soll als die naturgesetzmäßigen Strukturen (Keil & Schädelbach, 2000, S. 14 ff.). Die Behauptung der Naturalisten, dass Menschen mit all dem, was sie tun, können und sind, der natürlichen Welt angehören, wird in der heutigen Zeit von vielen Philosophen geteilt. Auch McDowell würde diese These zunächst nicht zurückweisen, denn sie verhält sich nicht absolut antithetisch zu McDowells Vorstellungen und wird von ihm dementsprechend auch nicht in all seinen Aspekten abgelehnt. Wichtiger jedoch bei einem streng naturalistischen Verständnis ist, dass soziales oder geschichtliches Erfahren eine geringere Auswirkung 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 86 auf Bewusstsein, Wahrnehmung und Handeln des Menschen hat als kognitive Prozesse oder biologische Zusammenhänge. Schließlich vertritt auch McDowell einen moderaten Naturalismus, will er doch diese Position mit dem Platonismus versöhnen, um so den Dualismus von Geist und Welt zu überwinden. Dennoch würde er immer eine Form der Geistigkeit in der menschlichen Natur verorten. In der vorliegenden Arbeit ist als Gegenpart zu McDowell der Naturalismus von Interesse, der besagt, dass alles, was es in der Welt gibt, aus Teilchen besteht und alles andere, „höhere“ folglich aus den Elementarteilchen aufgebaut ist. Es geht um die naturalistische Interpretation davon, was der Mensch ist und wie er handelt, wenn er in seinem Denken, Handeln und Sein ein Teil der Natur ist. Insbesondere stellt sich diese Arbeit die Frage, welche Konsequenzen diese Rolle des Menschen für das hat, was in der bildungsphilosophischen Diskussion als Bildung bezeichnet wird. Im Weiteren geht es ihr darum, welche ethischen Folgerungen aus naturalistischen Sichtweisen, aber auch aus der eher holistischen Perspektive McDowells gezogen werden können. Diese in gewisser Hinsicht kulturanalytische Herangehensweise soll jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass eine Einordnung des Naturalismus erst einer systematischen Rekonstruktion seiner Begriffe bedarf, die ihre Wurzeln in verschiedenen Disziplinen haben. Ein Einwand, der gegen die Positionen des Naturalismus vorgebracht wird, stellt die Frage, ob die intentionalen Fähigkeiten des Menschen, zum Beispiel Bücher oder Gedichte zu schreiben oder Schach zu spielen, Naturtatsachen oder Kulturtatsachen sind. Ein ähnlich kritischer Ansatz ist bei McDowell nicht zu finden. Er verweist vielmehr darauf, dass der Naturalismus in seiner radikalen Form keine adäquaten Antworten auf das Problem des Dualismus von Geist und Welt hat. McDowell hebt dieses Problem dadurch auf, dass er die natürliche Ebene und Dimension des Menschen, in seinen Worten die erste Natur, mit der kulturellen Dimension des Menschen, seiner zweiten Natur, in einem gemeinsamen Substrat, und zwar der Natur, verbindet (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 18). Mit dieser Verbindung entledigt sich McDowell in gewisser Hinsicht der Aufgabe, das Problem der Dualität als solches zu lösen. Dabei bestehen durchaus andere Ansätze dafür, sich der Problematik, wie Geist und Welt zusammenhängen, zu entziehen. Jennifer Hornsby zum Beispiel, so schreibt Geert Keil 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 87 (2000), verteidigt einen naiven Naturalismus, indem sie behauptet, dass es zur Natur des Menschen gehöre, intentionale Zustände zu haben. Die Befassung mit dem Naturalismus und insbesondere mit dem unverblümten Naturalismus wird in der vorliegenden Arbeit eine Aufarbeitung von Begriffen aus verschiedenen Disziplinen unter Berücksichtigung der vernünftigen und moralischen Dimension des Menschen erfordern. Vor diesem Hintergrund kann anschließend das Phänomen des menschlichen Seins im Kontext von Vernunft und Natur erörtert werden. Hilfreich beim Verständnis des Naturalismus ist die Sichtweise von Quine, der den wissenschaftlichen Erkenntniswert bestimmter Disziplinen thematisiert. „Die Physik erforscht die wesentliche Natur der Welt, und die Biologie beschreibt einen ortsspezifischen Auswuchs. Die Psychologie – die Humanpsychologie – beschreibt einen Auswuchs des Auswuchses.“ (Keil, 2002, zitiert nach Quine, S. 143). Der Naturalist Quine misst den geistige Phänomene erforschenden Wissenschaften einen offensichtlich geringen Wert zu. Im oben angeführten Zitat zeigt sich, dass Quine die Physik und die Biologie als wertvollen Teil der Wissenschaft ansieht, die sich auf die Erforschung der Welt und der in ihr befindlichen Lebewesen spezialisiert hat. Die Psychologie stellt für ihn keine gleichwertige Wissenschaft dar, da sie sich nur mit den Entwicklungen der ursprünglichen Zustände befasst und somit kein eigenes Forschungsfeld aufweisen kann. Es zeigt sich, dass es ein positives und ein negatives Verständnis des Naturalismus gibt. Die positive Sichtweise statuiert, dass die Wissenschaft selbst keine vorgelagerte Philosophie als Vorwissenschaft, als Fundament, benötige, sondern von sich aus die Realität beschreiben und ergründen könne. Die negative Variante kehrt dies um: Die Wissenschaft benötige eine erste Philosophie, sozusagen als Basis von Überlegungen und Erkenntnissen über die Welt. Von der Philosophie wird dabei die philosophische Reflexion wissenschaftlicher Theorien und Aussagen gefordert (Keil, 2002, S. 141). Für Naturalisten, wie Quine, unterscheidet sich die Wissenschaft darin, ob sie ontologisch oder erkenntnistheoretisch ist. Der common sense, den Quine vertritt, ist eine gesonderte Form des allgemeinen Menschenverstandes. Er stellt eine Verbindung zwischen Wissenschaft und Alltagsverstand her (Keil, 2002, S. 148). 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 88 Vertreter des common sense gehen davon aus, dass der Mensch, weil er Mensch ist, dazu in der Lage ist, Dinge rational zu erfassen und zu verstehen. Außerdem legt der common sense nahe, dass die Erkenntnisfähigkeit des Menschen in der Heranführung des Individuums an Erfahrungswerte einer Gemeinschaft wurzelt. Ist damit die Natur des Menschen auch eine von Gemeinschaft geprägte Natur? Sicherlich ist diese Frage positiv zu beantworten, da Gemeinschaft immer auch Teil des Menschseins ist und der Mensch nie rein auf sich alleine gestellt lebt. Wenn also die Natur des Menschen erfasst werden soll, ist eine Auseinandersetzung mit dem Naturbegriff notwendig. Denn im Naturbegriff muss enthalten sein, was die Natur des Menschen ist und was vielleicht die Kultur des Menschseins bedeutet. Wird die Kultur sogar als zweite Natur des Menschen gesehen, kann von einem antinaturalistischen Rückschluss gesprochen werden. Im Antinaturalismus gehört Kultur keineswegs zu den biologischen und natürlichen Fähigkeiten des Menschen (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 19). Diese antinaturalistische Perspektive erzeugt dabei wieder ein dualistisches Verhältnis von Kultur und Natur, das McDowell aufzulösen versucht, indem er die zweite Natur des Menschen dezidiert als Natur begreift. Weitere Ansätze zum Naturalismus weisen, vor allem in ihrer Deutung des Naturbegriffs, einen ähnlich versöhnlichen Weg auf, wie McDowell ihn geht. Thomas S. Hoffmann versucht sich in seinem Werk „Philosophische Physiologie“ an einer Kombination aus geschichtlicher und systematischer Aufarbeitung des Naturbegriffs, wobei er vorwiegend auf die Differenz zwischen Natur und Welt eingeht. Im Fokus seiner dimensionsorientierten Aufarbeitung von Natur stehen die Autoren Aristoteles, Schelling und Hegel. Des Weiteren behandelt er den überwiegend an Hegel orientierten Freiheitsbegriff in seiner Interaktion mit dem Begriff der Natur. Deutlich wird das in seinen Ansätzen zur Beschreibung dessen, was Welt und Natur ist. Welt ist ein metaphysischer Ort und Raum des Menschen, wohingegen Natur eine Art freier Raum „des Sich-Zeigens von Alterität“ ist (Hoffmann, 2003, S. 10). Das bedeutet, dass Natur von zwei gleichartigen und einander zugeordneten Verhältnissen von Natur und Mensch ausgeht. Diese Art der Abhängigkeit von Mensch zur Natur – oder aber von Mensch zu Tier – macht die Stellung des Menschen in der Natur deutlich. Diese Sicht- 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 89 weise zeigt sich besonders in folgendem Textabschnitt aus Hegels Ästhetik: „Der Mensch ist Tier, doch selbst in seinen tierischen Funktionen bleibt er nicht als in einem Ansich stehen wie das Tier, sondern wird ihrer bewußt, erkennt sie und erhebt sie, wie z. B. den Prozeß der Verdauung, zu selbstbewußter Wissenschaft. Dadurch löst der Mensch die Schranke seiner ansichseienden Unmittelbarkeit auf, so daß er deshalb gerade, weil er weiß, daß er Tier ist, aufhört, Tier zu sein, und sich das Wissen seiner als Geist gibt.“ (Hegel, 1970b, S. 112). Hierbei zeigt sich, dass Hegel die Subjektwerdung des Menschen darin verortet, dass dieser sich bewusst wird, dass er Tier ist, und dass er gerade dadurch sich vom Tier unterscheidet. Entscheidend sind dabei im Sinne Hegels Kultur und Sittlichkeit, die das Menschsein des Menschen erst begründen. Der Geist ist es, der das Subjekt von der Natur abhebt. So ist Geist nach Hegel negativ, als das absolut Erste der Natur, und positiv als die zu ihrem „Fürsichsein“ gelangte Idee, deren Objekt und Subjekt der Begriff ist. Geist, die Sphäre des menschlichen Seins, ist somit zugleich das Begreifende und das Begriffene. Außerdem wird anhand der Textstelle deutlich, dass die Welt ein geistiger Ort des Menschen ist, ein von diesem geschaffener Raum, bei McDowell eine Art Raum der Gründe. Hoffmann zum Beispiel sieht den Menschen, basierend auf der Sokratik als ein Wesen abseits der Natur. Das Leben in der Erkenntnis und aus der Erkenntnis heraus ermöglicht ein Leben in Freiheit von der Natur und ihren Zwängen (Hoffmann, 2003, S. 11). Eine Betrachtung des Naturbegriffs bleibt unvollständig ohne eine Behandlung der Problematik des Begriffs der Gegenständlichkeit, der bei Platon eine scheinbare Teilung in Natur und Gegenstände beinhaltete (Hoffmann, 2003, S. 12). Hier zeigt sich ein weiteres antithetisches Verhältnis, nämlich zwischen dem platonischen Ansatz, der den Menschen aus der Natur entwurzelt, und dem naturalistischen Ansatz mit seiner These einer alles durchziehenden kausalen Naturgebundenheit. Die kausale Gebundenheit kann auch in ein tautologisches Konzept übergehen, sobald die Natur den Allheitsanspruch übernimmt. So zeigt sich bei Hoffmann ein weiterer Ansatz, dass Naturphilosophie nach der Natur als Gesamtdimension fragt, wodurch die Ursprünglichkeit der Natur und nicht der Begrifflichkeit hervorgehoben wird (Hoffmann, 2003, S. 12). 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 90 „Am Anfang der Natur steht Bezeichnung, nicht Begriff.“ (Hoffmann, 2003, S. 22). Die Seinsunterscheidung als Basis der Natur in „Denkzeichen“ und „Nennzeichen“ bildet hier einen doxastischen Unterschied (Hoffmann, 2003, S. 24). Der Begriff der Natur war über weite Strecken in der Geschichte ein Themenkomplex der Philosophie (Hoffmann, 2003, S. 36). So hat Philosophie, schreibt Aristoteles, als Physiologie begonnen. Noch in der Stoa hatte, neben Ethik und Logik, die Naturphilosophie eine bedeutende Stellung (Hoffmann, 2003, S. 37). Dennoch wendeten sich Sokrates und auch Platon dem Menschen zu, indem sie von den äußeren, physisch auf ihn einwirkenden, Faktoren absahen und die Zustände und Prozesse in seinem Inneren fokussierten. Naturalisten wie Quine definieren den Naturbegriff in gewisser Weise unter Bezugnahme auf das, was durch die Physik offengelegt werden kann. Die Biologie oder andere Unterwissenschaften der Physik decken nur verschiedene Ausprägungen dessen ab, was in den disziplinären Bereich der Physik fällt (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 28). Was Naturalismus ausmacht, ist vor allem die Annahme, dass es eine bewusstseinsunabhängige, strukturierte und zusammenhängende Welt gibt, die einerseits durch Wahrnehmung, aber auch durch Erfahrung erkennbar ist (Vollmer, 2000, S. 51). Das entscheidende Konzept hierbei ist die Unabhängigkeit der Natur vom Subjekt. Es bedeutet letztendlich, dass der Mensch die Natur, die strukturiert ist, durch ihr Einwirken auf seine Sinne erkennt. Somit ist der Naturalist ein – wenn auch meist vorsichtiger – Realist, indem er Raum, Zeit, Materie und Evolution als real, wirklich und unabhängig vom menschlichen Bewusstsein wahrnimmt (Vollmer, 2000, S. 53). An dieser Stelle ist anzumerken, dass Naturalismus nicht gleich Empirismus sein muss und umgekehrt. Dagegen spricht auch nicht die Tatsache, dass einer der bekanntesten Naturalisten, Quine, auch ein Empirist war (Koppelberg, 2000, S. 70). Für Quine ist der Empirismus dadurch gekennzeichnet, dass Sinnesbelege die einzigen Belege des Menschen sind. Dabei markiert gerade die Bedeutung der Sinne den entscheidenden Unterschied zwischen diesen beiden Richtungen. Ein Empirist hat eine gewisse apriorische Voreinstellung, also eine Art Metatheorie, vom Menschen, nach der dieser eine Art Aufnahmekammer von Sinneserfahrungen und eine diese Erfahrungen verarbeitende Logikmaschinerie, ein Ge- 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 91 hirn, ist (Koppelberg, 2000, S. 72). Damit ist der Mensch wie ein Schwamm, der durch die Welt gleitet und alles, was auf ihn einwirkt, in seine Logikmaschine, das Gehirn, aufnimmt und strukturiert, sodass es ihm als Basis für seine Entscheidungen dienen kann. Der Hauptkritikpunkt an diesem Ansatz von Seiten der Antinaturalisten ist, dass in dieser Vorstellung der Mensch passiv wäre. Denn seine Sinneseindrücke geben ihm nur das wieder, was aus der Welt auf ihn einwirkt und was wiederum Natur ist. In einem solchen Menschenbild kann das Handeln nur das Ergebnis einer Kausalkette sein. Der Mensch wäre nicht mehr als ein determiniertes Wesen, ähnlich einem Tier, das von der Natur und den Trieben gesteuert wird. Da McDowell einen solchen Begriff von Menschsein ablehnt, muss er versuchen, die Begriffe in die Natur selbst zu legen. Damit wird der Mensch zum Agens, denn die begrifflich strukturierte Welt wirkt nicht alleine auf ihn ein, sondern er auch auf sie. Der Physikalismus als Entwicklungsschritt des Naturalismus Eine weitere interessante Strömung, die sich aus dem Naturalismus entwickelt hat, ist der Physikalismus. Der viel erwähnte und oftmals verkannte Physikalismus lässt sich nicht ohne Weiteres dem Naturalismus zuordnen. Er ist eine theoretische Form, die vor allem vom Wiener Kreis um Otto Neurath entwickelt wurde. Sein Ziel ist, die Physik als Königswissenschaft vor alle anderen zu stellen, damit eine Einzelwissenschaft mit einer monistischen Theorie entsteht, die alles in der Welt in den Worten der Physik erklären kann (Koppelberg, 2000, S. 73). Diese Denkrichtung lehnt sich fundamental an die Vorstellung von Naturgesetzmäßigkeiten an und erkennt in ihnen die Basis allen Wissens. Die Frage nach dem Sein des Menschen, also ontologische oder metaphysische Fragestellungen, werden ebenfalls in der naturgesetzmäßigen Welt zu beantworten versucht. Ein Beispiel für diesen Reduktionismus im Naturalismus ist die physikalistische Theorie der Farben. Jeder Physiker – und auch jeder Nichtphysiker mit einer einigermaßen hohen Schulbildung – wird sagen, dass Farben elektromagnetische Wellen sind, die sich durch ihre Länge unterscheiden (Tetens, 2000, S. 279). Die Frage, die sich stellt, bezieht sich auf die Wahrneh- 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 92 mung der Farben: Wie nehmen Menschen die Farben wahr, die sie sehen, die also über die Sinneseindrücke auf sie einwirken? Sicherlich könnte die Antwort biologizistisch ausfallen und in der Erklärung bestehen, dass die Augen als Sinnesorgane die elektromagnetischen Wellen durch ihre Netzhaut aufnehmen und in Nervenreize verwandeln, die dann über das Nervensystem ins Gehirn weitergeleitet werden, wo sie dann auf Basis neurologischer Prozesse als Farbe repräsentiert werden. Die Problematik liegt somit darin, dass offenbleibt, wie ein Mensch zu Aussagen mit präpositionalem Gehalt gelangen kann, also zu Aussagen wie: „Das Haus ist rot!“ Das Problem beschränkt sich nicht auf die Formung einer präpositionalen Aussage durch ein Individuum, sondern erstreckt sich auch auf das gemeinsame Verständnis einer Gruppe von Menschen, die alle die Farbe als Rot erkennen. Damit geht dieses Problem in das Feld der Erkenntniswissenschaft über. Die zweite Frage, die sich stellt, ist, ob aus reinen Wahrnehmungen Feststellungen über Dinge werden, aus denen wiederum Handlungsanleitungen für den Menschen werden. Eine rein biologische oder physikalische Antwort darauf kann es nicht geben, weil Rezeptoren in Sinnesorganen nicht die alleinigen Elemente auf dem Weg zu einer präpositionalen Aussage mit Wahrheitsgehalt sind. Wissenschaftler neigen dazu, aus physiologischen oder biologischen Untersuchungen auf subjektive Empfindungen zu schließen. Sie nehmen gar an, dass biologische Zwänge, neuronale Prozesse oder chemische Strukturen im Gehirn einzig ausschlaggebend für Denken, Fühlen und Handeln von Menschen ist. Damit stellen sie eine Kausalitätskette auf, die für den Philosophen jedoch problematisch ist. Denn von einer Reizung von Sinnesrezeptoren auf die Farbwahrnehmung von Menschen zu schlie- ßen, trägt dem Wert der subjektiven Empfindung keine Rechnung und spricht dem Menschen damit eine individuelle Reaktion unter dem Einfluss eigener kantischer Spontanität ab (Tetens, 2000, S. 285 ff.). Die Grundmerkmale des Naturalismus Seit Quine ist die Naturalisierung der Erkenntnistheorie zu großer Bedeutung gelangt. Der Weg für das Ummünzen von Philosophie in reine Kognitionswissenschaft, wie die Psychologie, war damit frei. Hart- 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 93 mann und Lange unterscheiden zum Beispiel einen methodologischen und einen ontologischen Naturalismus. Es zeichnet sich deutlich ab, dass es keine genaue Definition oder Trennlinie gibt (Hartmann & Lange, 2000, S. 145 ff.). Dem ontologischen Naturalismus wird die Auffassung „Alles Geschehen ist Naturgeschehen“ und damit der Versuch zugeordnet, das Leib-Seele-Problem durch reine Naturgesetzmä- ßigkeiten aufzulösen, durch eine Abkehr von allem, was nicht empirisch belegbar ist. Der methodologische Naturalismus, dem zum Beispiel Quine folgt, schließt sich dem Verständnis des ontologischen Naturalismus an, dass alles Geschehen Naturgeschehen sei. Jedoch ist der Zusatz entscheidend, dass alle Phänomene und Dinge mit naturwissenschaftlichen Mitteln erklärt werden müssen. Das Handeln des Menschen, die Kultur, aber auch sprachliche Äußerungen sind demnach naturwissenschaftlich erklärbar (Hartmann & Lange, 2000, S. 147). Damit haben Naturwissenschaftler einen exklusiven Erklärungsanspruch auf alle Phänomene der Welt und des Menschen. Der methodologische Naturalismus kann in verschiedene Strömungen unterteilt werden. So gibt es den reduktionistischen Physikalismus, die Reduktion auf Neurowissenschaften, welche vor allem geistige Leistung naturalisieren soll, und den Szientismus, der seinen Schwerpunkt auf Kausalgesetze und deren Erfassung durch Experimente legt. Alles ist somit durch einfache kausale Zusammenhänge erklärbar und durch Experimente überprüfbar. Dieses szientistische Naturverständnis ist gänzlich reduktionistisch und auf Einfachheit ausgelegt. Damit können drei Grundmerkmale für den Naturalismus zusammengefasst werden: a) Der Naturalismus ist eine Auffassung und eine innere Einstellung, nach der alles, was es gibt, Teil einer natürlichen Welt und damit Teil der Natur ist. Diese These kann als Basis für den metaphysischen Naturalismus gelten (Keil, 2000, S. 188). b) Des Weiteren wird zwischen einem ontologischen, einem naturgeschichtlichen und einem methodologischen Naturalismus unterschieden. Der naturgeschichtliche Naturalismus brachte die Strömungen des evolutionären Naturalismus hervor. Somit entstammt ihm die Evolutionäre Erkenntnistheorie; deren methodologische Strömung hingegen setzt Natur mit Naturgesetzen und 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 94 damit Natur mit Naturwissenschaften gleich. Diese Tatsache der Verwissenschaftlichung des Naturbegriffs durch seine Reduzierung auf naturwissenschaftliche Gesetze ist auch für McDowell ein Problem, welches er unter anderem in den Begriff des bald naturalism legt (Keil, 2000, S. 188). c) Der Passus „Alles ist Natur“ der in den scientia mensura-Satz mündet, bildet die dritte Grundlage des Naturalismus und die Doktrin einer Ausprägung, für welche Philosophen wie Winfried Sellars oder W. V. Quine bedeutend waren. Diese haben der Wissenschaft einen allumfassenden Zugang zu allen Bereichen eingeräumt und ihr dabei eine methodologische Heilung aus sich selbst heraus prognostiziert (Keil, 2000, S. 188 ff.). Angesichts des Naturalismus und seiner differenten Ausprägungen zeigt das biologizistische Naturverständnis, dass nicht nur methodologische, sondern auch naturgeschichtliche Strömungen Teil der strukturellen Konzeption radikaler naturalistischer Ideen sind. Dabei sind die Humanbiologie, die Kognitionswissenschaften und die Soziobiologie die Disziplinen, welche sich in gewisser Hinsicht mit erkenntnistheoretischen Problemen auseinandersetzen. Sie verwenden naturwissenschaftliche Methoden in der Erforschung der menschlichen Natur. Die Forschungsfrage bringt dabei in Einklang, was vor allem für die Auseinandersetzung zwischen erkenntnistheoretischen Perspektiven und ethischer Rechtfertigung bezogen auf eine moralische Grundlage im menschlichen Handeln relevant ist. Ein wichtiger Gedanke dieses Naturalismus ist die Naturalisierung der Intentionalität. Eine Naturalisierung der Intentionalität, also der Gerichtetheit des Subjekts mit all seinen Kräften und Fähigkeiten auf ein Ziel, trifft auf den Widerspruch zwischen Geist und Natur, der von den Naturalisten selbst nicht aufgehoben wird, obwohl sie eine solche Aufhebung mit ihrer Annahme einer rein auf Naturgesetzen basierenden Natur versuchen (Keil, 2000, S. 200). Die Intentionalität im Sinne einer auf Naturgesetzen basierenden Funktionsweise menschlicher Wahrnehmung aufzulösen kann den Geist-Natur-Dualismus nicht überwinden, weil das Subjekt immer die Freiheit im Sinne der Spontanität hat. Damit liegt auch immer Geist im Subjekt selbst. Somit kann mit der Aussage „Alles ist Natur und zwar nur Natur“ nicht der Dualismus selbst gelöst werden, solange eine Subjektivität des Menschen besteht. 2.1 Der Naturalismus und seine verschiedenen Ausprägungen anhand einiger Beispiele 95 Abschließend ist anzumerken, dass Materialismus, Physikalismus und Mechanismus in der Neuzeit nicht mehr zeitgemäß sind. Der Begriff des Naturalismus hat sich dabei jedoch gehalten und kann mittlerweile als Szientismus verstanden werden (Keil, 1993, S. 10 ff.). Die vorliegende Arbeit fokussiert vor allem den szientistischen Gedanken des Naturalismus, und zwar zum einen weil es sich bei ihm um McDowells Konzept des bald naturalism handelt und zum anderen weil der bald naturalismus die Idee einer menschlichen Natur aufzulösen droht. Die Sichtweise des szientistischen Naturalismus und der radikalen Ausprägungen des Naturalismus wurden so zum Gegenspieler der McDowell’schen Theorie. Er wirft diesen Strömungen vor, mit ihren rein auf Naturgesetzmäßigkeiten abzielenden Denkmustern den Dualismus aus Geist und Welt nicht überwinden zu können, sondern neue Probleme zu erzeugen, die philosophisch gelöst werden müssen. Der Naturalismus im philosophischen Diskurs – zur Theorie von John McDowell Nach dem Überblick über die verschiedenen Ausprägungen des Naturalismus wird im folgenden Kapitel darauf eingegangen, wie der bald naturalism bei McDowell Verwendung findet und sich aus Strömungen des Naturalismus entwickelt hat. McDowell bezeichnet mit dem Begriff bald naturalism eine Denkrichtung, die vor allem radikale Thesen des Naturalismus fortführt. Der Begriff bald naturalism ist jedoch weder eine Epochenbezeichnung in der Philosophiegeschichte noch entspricht er einer klar abgrenzbaren Schule. Der Begriff ist McDowells Wortschöpfung und seine negative Aufladung ist bereits am Adjektiv „bald“ (deutsch: unverblümt) zu erkennen. McDowell wirft damit seinen Widersachern ein unverrückbares, fast schon uneinsichtiges Festhalten an ihren Doktrinen vor. Nichtnaturalistische Disziplinen sind im Gegensatz dazu solche, die hermeneutische, mentalistische oder intentionale Ursprünge haben, jedoch auch dogmatische Tendenzen aufweisen können, sobald sie einen Allgemeingültigkeitsanspruch erheben (Keil, 1993, S. 107). McDowell selbst ist Naturalist, was ihn nicht davon abhält die radikale Form dieser Strömung zu kritisieren. Er plädiert sogar für einen Naturalismus zur Überwindung des 2.2 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 96 Dualismus aus Vernunft und Natur. Damit will er sich aber konkret von einem unverblümten Naturalismus abgrenzen, den er als einseitige dogmatische Privilegierung einer engen Auffassung der Naturgesetze sieht (Rapp, 2014, S. 158). Die Philosophie von John McDowell kann dahin gehend in zwei Linien der Philosophiegeschichte verortet werden, insofern sich in dieser nahezu als ihre Struktur Vertreter der ratio und Vertreter der natura gegenüberstehen. Das Zentrum dieser Debatte bildet, seit Descartes, der Gedanke der Dualität von Vernunft und Natur. Im Zuge dieser philosophiegeschichtlichen Entwicklung formte sich ein ständiger Konflikt zwischen deren jeweiligen Positionen. Ausprägungen gab es in unterschiedliche Richtungen. Den Naturalismus prägend haben besonders die Empiristen, wie Hume, die überzeugt waren, dass der Mensch aufgrund der Fähigkeit zum Denken und Handeln im Mittelpunkt steht, sich für eine Naturalisierung des Menschen eingesetzt. Im Zuge des human understanding ging es besonders um die Fähigkeit des Menschen zur Interpretation der Welt auf Basis seines über die kulturelle Gewohnheit tradierten Wissens (Hume, 2016, S. 8 ff.). Bei Hume zeigt sich, dass der Mensch auf ein kausales, auf Naturgesetzmäßigkeiten beruhendes Wesen reduziert wurde. Für Hume ist die Erkenntnisfähigkeit des Menschen nicht mehr als das, was die Reizung der Nervenzellen und bereits bekanntes Wissen zulassen (Hume, 2000). Somit sind die Erkenntnisfähigkeit des Menschen und seine Handlungsbegründungen für die Empiristen wesentlich vom Einwirken von Sinneseindrücken abhängig. In der Moderne hingegen versucht McDowell durch seine Philosophie die Unvereinbarkeit der Positionen aufzulösen, um so zu zeigen, dass diese Dualität nicht in der Sache selbst begründet ist und der Widerstreit das Ergebnis einer Fehlentwicklung ist. Er knüpft dabei, wie bereits in Kapitel 1 gezeigt, an Wilfried Sellars und Robert Brandom an. Zugleich setzt er sich mit Willard Van Orman Quine intensiv auseinander und studiert die Sprachphilosophie Wittgensteins. Sellars und Quine sind Vertreter der analytischen Philosophie und des philosophischen Naturalismus des 20. Jahrhunderts in den USA. Der Naturalismus in der amerikanischen Philosophie der 30er und 40er Jahre ist vor allem von Pragmatismus gekennzeichnet und versteht sich als eine Synthese aus common sense und Wissenschaft. Seine Vertreter überhöhen diesen Ansatz, indem sie von einer 2.2 Der Naturalismus im philosophischen Diskurs – zur Theorie von John McDowell 97 Kontinuität der beiden Formen des Wissens ausgehen. Nicht nur Dewey, sondern auch Quine war Vertreter genau dieser pragmatischen Sichtweise (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 40). Quine vertrat die These, dass nur die naturwissenschaftliche Sichtweise zu Erkenntnissen über die Welt führen könne. „The world is as a natural science says it is. “ (Cox, 1999, S. 5). Vor allem in den späten Jahren argumentierte er, unabhängig vom Physikalismus und Empirismus, gegen die Möglichkeit einer prima philosophia, also gegen eine Sonderstellung der Philosophie als Grundlage aller weiteren Wissenschaften (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 29). In Teilen entspricht der Naturalismus dem Realismus, wie bereits im Kapitel 2.1 beschrieben worden ist, und wendet sich wie dieser gegen den subjektiven Idealismus. Die Natur ist für einen Naturalisten keine Erfindung oder Konstruktion des Geistes, sondern wirklich und tatsächlich (und darin unterscheidet sich der Naturalismus auch vom Konstruktivismus). Der Mensch selbst und damit der Geist ist Teil der von ihm vorgefundenen Natur. Damit ist auch der Geist natürlich, was ihm erst eine Interaktion mit der natürlichen Welt und damit ihre Wahrnehmung und ihr Erkennen ermöglicht. Im Gegensatz dazu stehen die subjektivistischen und relativistischen Theorien basierend auf dem deutschen Idealismus. Fichte als ein Vertreter des subjektiven Idealismus und damit einer spezifischen Einordnung der Trennung von Subjekt und Objekt fördert mit seiner Theorie ebenfalls dualistische Tendenzen einer Unvereinbarkeit von Vernunft und Natur. Indem Fichte in dieser Trennung eine Form der Unterdrückung der menschlichen Natur sieht, fordert er jedoch eine Überwindung dieses Dualismus, die nur durch Bildung und damit im Zustand einer allgemeinen Sittlichkeit zu erreichen ist; das Bildungsziel ist somit der vollständige, nicht mehr diesem Dualismus verhaftete Mensch (Fichte, 1835, S. 135). Hegel wiederum, der mit seinem objektiven Idealismus versuchte, die Wogen zwischen Realismus und Idealismus zu glätten, wird von McDowell selbst als Stütze für seine Theorie herangezogen. Die praktische Bildung bei Hegel, in welcher der Heranwachsende durch Vermittlung von Regeln und Normen in eine Gemeinschaft eingeführt wird, stellt dabei eine Parallele zu McDowells gemeinschaftsorientiertem Ansatz einer zweiten Natur dar. McDowells 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 98 enger Bezug auf Hegel ist in besonderer Weise kennzeichnend für sein Projekt einer Überwindung des Geist-Natur-Dualismus. Denn die Autoren, die bei McDowell grundlegend immer wieder eine Rolle spielen, stehen vor allem in der Tradition der angelsächsischen Philosophie, die seit jeher eine starke naturalistische Prägung besitzt. Durch seine Affinität zu Hegel und auch Kant überbrückt McDowell auch in der Wahl seiner philosophischen Vorbilder und Vorgänger den besagten philosophiegeschichtlichen Chiasmus von Realismus und Idealismus. Der amerikanische Naturalismus der 40er Jahre ist vor allem durch Dewey und Woodbright geprägt worden. Den Ansätzen liegt jedoch ein noch vages Bild von Natur zugrunde und sie können als eine Form der Erhebung von Naturwissenschaftlichkeit zum privilegierten Erkenntnisprinzip verstanden werden. Diese sehr szientistische Form des Naturalismus lässt nur naturwissenschaftliche Erkenntnis gelten und macht damit die Wissenschaft zum Maß aller Dinge, was ganz im Gegensatz zum homo mensura-Satz steht, nach dem der Mensch das Maß aller Dinge ist (Keil, 1993, S. 31). Speziell diese Form des Naturalismus versucht, die Philosophie aus dem Bereich der Wissenschaften zu drängen. So ist auch Rortys Kritik an McDowell zu verstehen; er wirft Letzterem vor, ein veraltetes, vorwissenschaftliches Modell zu verfolgen. McDowell hält dagegen, dass er keineswegs idealistische Strömungen der Philosophie vertritt, sondern eine Versöhnung von Vernunft und Natur anstrebt. „Erstens gibt es den unverblümten Naturalismus. Dieser zieht darauf ab, die begrifflichen Fähigkeiten in der Natur, dargestellt als das Reich der Naturgesetze, anzusiedeln.“ (McDowell, 2012, S. 98). McDowell macht deutlich, dass Naturalisten sich die Natur als das vorstellen, worin der Geltungsbereich der Naturgesetze liegt, und alles Begriffliche liegt in diesem Bereich (McDowell, 2012, S. 99). Da es in der naturalistischen Vorstellung nichts gibt was außerhalb der Natur ist – alles gehört zur Natur –, impliziert diese Definition von Natur, dass jegliche Phänomene durch die Gesetzmäßigkeiten der Natur erklärbar und vor allem wahrnehmbar sind. Auch menschliche Erkenntnisse, Annahmen, Gemütszustände und Entscheidungen sind naturgesetzlich erklärbar und damit keineswegs irgendeiner Form der kantischen Spontanität geschuldet. Somit wird der menschliche Erkenntnisprozess als naturgesetzmäßig gesteuert angenommen, woran vor allem der un- 2.2 Der Naturalismus im philosophischen Diskurs – zur Theorie von John McDowell 99 verblümte Naturalismus die Forderung knüpft, dass der Mensch alle Gegenstände naturwissenschaftlich betrachten solle. Nach Vollmer zeichnet sich der Naturalismus durch seinen Universalitätsanspruch aus. Der Naturalismus propagiert mit seiner Privilegierung der Naturwissenschaft und der Kausalität nicht nur ein in sich geschlossenes, kosmisches Gesamtbild der Welt, sondern definiert auch eine bestimmte Perspektive auf den Menschen in dieser kosmologischen Struktur, indem er dessen sämtliche Fähigkeiten als natürlich definiert (Vollmer, 2000, S. 50). Bemerkenswert ist, dass kaum ein Philosoph des Naturalismus seine Position als szientistisch bezeichnen würde, denn das würde ihm als „blinder Glaube an die Wissenschaft“ ausgelegt werden (Keil, 2002, S. 140). Wendet man sich den reduktionistischen Strömungen des Naturalismus zu, wird deutlich, dass dem Szientismus eine wesentliche Bedeutung darin zukommt, obwohl sich nur wenige zu ihm bekennen. Szientismus als eine Strömung des Naturalismus ist im Wesentlichen dadurch gekennzeichnet, dass er für jegliche Disziplin ausschließlich naturwissenschaftliche Methoden gelten lässt (Vollmer, 2000, S. 54). Zwar liegen dem Naturalismus somit ein Materialismus und eine Kritik an einer „Vergeistigung“ oder Spiritualisierung der Welt zugrunde – so gibt es für ihn keine mentalen Zustände ohne materielle und energetische Grundlagen (Vollmer, 2000, S. 56). Doch folgt aus dieser Negierung keine Überwindung der Geist-Welt-Dualität. Der Naturalismus schaffte keine Überwindung des Dualismus aus Vernunft und Natur, weil er eine Position außerhalb seiner selbst (außerhalb des Naturalismus) generieren muss. So wäre anzunehmen, dass es schon strukturell vorgegeben ist, dass eine solche Position durch Selbstbeobachtung geschaffen wird. Wenn sich Wissenschaft oder Philosophie als Teil der Natur beschreiben (= beobachten), dann müssen sie sich zugleich von sich selbst (und damit von ihrer Naturhaftigkeit) distanzieren und somit einen Standpunkt einnehmen, den sie nicht in ihrer Beschreibung miterfassen können. In der Systemtheorie geht man deshalb von einem blinden Fleck in der Selbstbeobachtung aus, der natürlich nach weiteren Selbstbeobachtungen verlangt. Bezogen auf den Naturalismus also nach einer Selbstbeobachtung als „ich-Natur“, und damit vermutlich als Geist. 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 100 Der Naturalismus, wie ihn Vollmer vertritt, ist hauptsächlich in einer evolutionären Perspektive verhaftet. Dabei gilt den Naturalisten die Evolutionstheorie auch als Erklärung für die höheren menschlichen Fähigkeiten (Vollmer, 2000, S. 59). Die Einheit von Mensch und Natur in der Natur, die der Naturalist in seiner Theorie voraussetzt, ist schon bei Weizäcker (2002) deutlich geworden: Menschen seien Teil der Natur wie Tiere. McDowell vertritt eine durchaus ähnliche Ansicht dazu (Vollmer, 2000, S. 59). Ein wesentlicher Unterschied resultiert jedoch daraus, dass McDowell in seinem Gedankenkonstrukt der ersten und zweiten Natur verschiedene Naturzustände zuschreibt und sie gleichzeitig miteinander verbindet. Einige Ausprägungen des Szientismus und des Reduktionismus bilden die Fundamente für McDowells Kritik am bald naturalism. Im sogenannten Puritanischen Naturalismus wird die Überzeugung vertreten, dass die Welt ausschließlich physischer Natur ist und alles und alle in dieser Welt, gleichgültig ob Mensch, Tier oder Pflanze, nichts anderes als physische Dinge sind (Stich, 2000, S. 105). Dies bedeutet, dass jede ontologische Frage und jede Frage über das Sein und das Nichtsein nur auf physische und physikalische Weise zu beantworten ist. Daraus ergab sich ein Positivismus, der darauf beharrte, dass ein Satz nur dann wahr sein kann, wenn er empirisch durch Erfahrungen verifizierbar ist. Die Schwierigkeit dabei ist, allen Dingen physikalische Eigenschaften in der Menge und Art zuzuschreiben, dass sie dadurch definierbar sind. Insbesondere besteht dieses Problem bei intentionalen Eigenschaften. Denn die Frage nach den intentionalen Eigenschaften ist nicht geklärt und damit auch nicht, wie die Gerichtetheit auf die Welt erklärbar ist. Dadurch wird die Intentionalität des Menschen für die Naturalisten ein schwer zu erklärendes Phänomen, was sie, wie im Kapitel 2.2 gezeigt, versuchen mit einem auf Naturgesetzmäßigkeiten beruhenden Denkmuster zu umgehen. Die Verleugnung einer geistigen Sphäre, wie im Falle der kantischen Spontanität, kann nicht rein darauf basieren, dass sie nicht empirisch beobachtet und erfasst werden können. Nach Quine, der, wie bereits gezeigt, als Vertreter des Naturalismus gilt und als solcher von McDowell herangezogen wird, beginnt die Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt mit dem, was außerhalb des Menschen ist. Damit beginnt sie über den neuronalen Input, der 2.2 Der Naturalismus im philosophischen Diskurs – zur Theorie von John McDowell 101 zu einem Reiz führt, der über Rezeptoren in das Gehirn des Subjekts gelangt und von dort aus unter dem Einfluss des Erlernten zu einem propositionalen Ausdruck führt, wie zum Beispiel „Es ist kalt!“. Doch es geht in diesem Zusammenhang auch um das Thema der perzeptiven Ähnlichkeit, die für Quine die Grundlage allen Lernens, aller Ausbildung von Gewohnheiten und jeder Erwartung bildet, die auf ähnlichen und vorangegangenen Erfahrungen beruhen. Für Quine ist es dem Menschen quasi angeboren, aus ähnlichen Ereignissen ähnliche Schlussfolgerungen zu ziehen und seine Reaktion dementsprechend auszurichten. Doch entspricht dieses Konstrukt des menschlichen Lernens keinem bloßen Reiz-Reaktionsschema, wie es im Behaviorismus verwandt wird. Vielmehr ist der Ansatz von Quine in den Kontext eines Bildungsbegriffs zu stellen, der auch die Möglichkeit transformativer Paradigmenwechsel vorsieht. Diese transformative Bildung schließt explizit die Entwicklung einer zweiten Natur nach McDowell ein, die sich entweder durch gewohnheitsmäßigen Gebrauch, wie es in der Antike teils propagiert wurde, oder durch die Ausbildung von natürlichen Fähigkeiten im Kontext der Gemeinschaft ausformt, wie McDowell annimmt. Für Quine haben Warnschreie der Menschenaffen eine Funktion, die sich mit der von Beobachtungssätzen vergleichen lässt, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Beobachtungssätze von Menschen genauso naturverhaftet sind wie tierisches Verhalten und dass Menschen und Menschenaffen genetisch verankerte Verhaltensprogramme teilen (Quine, 2000, S. 116). Der Mensch ist nach Quine ein Tier und in Verhalten und Wahrnehmung – beispielsweise der besonders aufmerksamen Wahrnehmung von körperartigen Umrissen im Bereich des Sehfeldes – genauso determiniert (Quine, 2000, S. 117). „Der Naturalismus hat eine heilsame Vermischung solcher Grenzen [bspw. der Grenze zwischen Tier und Mensch; Anmerkung d. Verf.] zur Folge. Naturalistische Philosophie befindet sich in Kontinuität zur Naturwissenschaft.“ (Quine, 2000, S. 120). Quines Ansatz kann als Versuch gesehen werden, die Komplexität des Menschen durch Rekurs auf die Einfachheit reiner Naturgesetze zu reduzieren. In Quine kann einer der einflussreichsten Gegenspieler von John McDowell gesehen werden, ohne dass er diese Rolle aktiv ausübte. Denn Quine, dessen replacement thesis in der Erkenntnistheorie eine 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 102 radikale Theorie wissenschaftlichen Wissenserwerbs ist, bildet naturalistische und szientistische Positionen ab, von denen sich McDowell lösen möchte, da sie die Dualität von Vernunft und Natur fortsetzen würden (Flonta, 2000, S. 179). Außerdem sieht McDowell vor allem in seinem Werk „Wert und Wirklichkeit“, in dem er sich dezidiert mit den Begriffen Tugend und Moral befasst, dass ein szientistischer Realitätsbegriff aufgrund seiner Forderung nach – scheinbar – objektiven Methoden fragwürdig ist (McDowell, 2002, S. 103). Zwar soll gemäß dem radikalen Szientismus der Mensch mit naturwissenschaftlichen Methoden zu gesicherten Aussagen über Tatsachen und dementsprechend seine Umwelt gelangen können. Doch wird nach McDowell dabei das Problem ausgeblendet, wie der Mensch von einem Reiz von außen zu einer gesicherten, wahren Aussage kommen kann (Flonta, 2000, S. 179). Dies näher zu beleuchten ist Aufgabe einer weiteren Form der Erkenntnistheorie, die sich mit der Frage beschäftigt, wie Menschen zu gesicherten, wahren Aussagen über die Welt und damit zu Wissen kommen können. Die evolutionäre Erkenntnistheorie zeigt, dass dies auch auf philosophische Weise möglich ist. Sie sieht jedoch, stark darwinistisch ausgerichtet, die biologisch-evolutionäre Entwicklung des Menschen als Grundlage für den Wissenserwerb (Flonta, 2000, S. 180). Nimmt man Bezug auf darwinistische Perspektiven, darf man nicht von einem „sich entwickeln“ im Sinne eines teleologischen Verständnisses des Wortes ausgehen. Vielmehr ist die Perspektive rückwärtsorientiert, weil sie nicht auf das hinwirkt, was in der Zukunft überlebensfördernd ist, sondern auf das, was gegenwärtig überlebensfördernd ist. Sie kann also in Sackgassen und auch zum Untergang führen, wenn sich die Umweltbedingungen ändern. Im Fokus dieser Analyse wissenschaftlicher Entdeckung stehen damit Mutation, Selektion und Konservierung selegierter Mutationen und die Frage, welchen Einfluss sie auf die Fähigkeiten des Menschen hinsichtlich des Wissenserwerbs haben. Somit konstituieren sich Aussagen über die Welt in der evolutionären Erkenntnistheorie dann als wahr, wenn sie dem Überleben des Menschen dienlich sind, wobei das Wissen in einer bestimmten biologisch determinierten Form von Wahrnehmung und kognitiver Auswertung des Wahrgenommenen besteht. Gerhard Vollmer, der als ein Vertreter der evolutionären Erkenntnistheorie gilt, will die traditionellen Fragen der Erkenntnistheo- 2.2 Der Naturalismus im philosophischen Diskurs – zur Theorie von John McDowell 103 rie mit Hilfe wissenschaftlicher Forschung beantworten. Wo einst in der Erkenntnistheorie die philosophische Begriffsanalyse stand, bildet in dieser biologizistischen Form der Erkenntnistheorie vor allem die Humanwissenschaft die Basis der Erforschung erkenntnistheoretischer Fragen. Eine radikal naturalistische Position, wie sie von der evolutionären Erkenntnistheorie vertreten wird, hat immer einen deskriptiven Charakter, weil sie die Dinge einzig im Hinblick auf die Umwelt zu erklären versucht. Dabei ist die These, der Mensch sei ein Naturwesen, keineswegs völlig neu und nicht einmal ausreichend für eine Begründung der evolutionären Erkenntnistheorie oder des Naturalismus, denn selbst Kant sprach dem Menschen eine Naturverbundenheit zu und damit in gewisser Hinsicht auch, ein Naturwesen zu sein (Keil, 1993, S. 43). Der common sense Um den Naturalismus zu verstehen, ist es notwendig, sich mit der Thematik des common sense auseinanderzusetzen. Vor allem bei Dewey und Quine kommt dem Konzept des common sense Bedeutung zu. Beide sind in der Debatte, die McDowell führt, wesentliche Ideengeber und Widersacher innerhalb seiner Überlegungen. Die Wissenschaft ist für Quine und Dewey eine Verlängerung des common sense – das ist die Kernaussage ihrer Kontinuitätsthese – und es kommt ihr damit eine Schiedsrichterfunktion in allen Konflikten zwischen Geist und Welt zu, weil sie inhaltlich über den common sense hinausgeht (Keil, 1993, 47 ff.). Häufig wird dem Naturalismus der Kulturalismus als Gegenpart, als diametrales Gegenüber, entgegengestellt. Radikalere Positionen des Naturalismus führen letztendlich in naturalistische Strömungen, die in den unverblümten Naturalismus nach McDowell münden. Diesen widerlegt er argumentativ, was ihm über seine Perspektive des Geist- und Weltverständnisses gelingt. Interessant ist die Auflistung der sich im Laufe der Jahrhunderte abwechselnden Betitelungen des Menschen: der Mensch als zoon logon echon, zoon politikon, animal rationale bis hin zum homo compensator. Sie zeigen auf, was den Menschen in einer bestimmten historischen Phase in seiner Eigenheit definieren sollte. Eine neue Position wird mit 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 104 dem Konzept des homo naturalis eingebracht, mit dem der Mensch in seiner Stellung als Teil der naturgesetzmäßigen Natur verortet wird. Wenn die Welt nur als Mechanismus und unter Zugrundelegung physikalischer Prinzipien zu verstehen ist, kann auch der Mensch als Teil der Welt nur als Mechanismus verstanden werden, so die Ausgangslage dieses Denkens (Keil, 1993, S. 149). Die kognitive Wende des kybernetischen Naturalismus mit ihrer Abkehr von Physikalismus und der Hinwendung zur Informationswissenschaft und damit – auf soziologischer Ebene – zur Informationsgesellschaft verneint nicht mehr nur den Unterschied zwischen Mensch und Tier, sondern nunmehr auch den zwischen Mensch und technologischem System (ebd., S. 150). Im kybernetischen Naturalismus oder, wie Keil ihn in seinem Werk „Kritik des Naturalismus in Quellen und Studien zur Philosophie“ aus dem Jahre 1993 im Kapitel „Naturalism at work“ beschreibt, dem kybernetischen Paradigma werden im Rahmen der neuen Kognitionswissenschaften Menschen im theoretischen Rahmenwerk der Kybernetik eingeordnet und somit technischen Systemen vergleichbar gemacht (Keil, 1993, S. 145). Kybernetik ist angetreten, um den Physikalismus zu beseitigen, indem sie Informationen und damit eine energieunabhängige Größe zum zentralen Element ihrer Modellvorstellung macht. Kybernetik kann als dritter Weg neben Intensionalismus und Physikalismus verstanden werden (Keil, 1993, S. 156). Die Wahrnehmung des Menschen als Mechanismus oder technologisches System lässt die Begriffe eines intentionalen Gehalts, geistigen Seins und damit auch ethischen Handelns nicht zu. McDowell wendet sich vor allem in Bezug auf das ethische Handeln gegen diese neuzeitlichen Formen und Ausprägungen des radikalen Naturalismus. Denn wenn menschliche Wahrnehmungsfähigkeit als natürlich verstanden und im Sinne des bald naturalism in ihrer Eigentümlichkeit negiert, entzaubert wird, lässt sich ein Raum der Gründe (space of reasons) und damit eine Form von kantischer Spontanität nicht mehr erschließen, was zu einer Zustimmung zum Mythos des Gegebenen führt. Menschliche Wahrnehmung, Kognition und Gemütszustände wären dann lediglich die Verlängerung naturgesetzlicher Abläufe in die Psyche. Wahrnehmung ist aber nicht nur ein Resultat aus der Aufnahme von Photonen in der Netzhaut und der Struktur des menschlichen Sehens, denn andernfalls wäre die Wahrnehmungsfähigkeit dem space of reasons fremd, was uns als ratio- 2.2 Der Naturalismus im philosophischen Diskurs – zur Theorie von John McDowell 105 nale Wesen die Vernunftfähigkeit absprechen würde (Stahl in Lauer & Barth, 2014, S. 139). Der Unterschied zwischen dem Naturverständnis von McDowell und einem naturalistischen Naturverständnis im Sinne des bald naturalism In den vorangehenden Kapiteln über die Strukturen und Strömungen des Naturalismus und seine Abgrenzungen von anderen philosophischen Ansätzen wurde die Bedeutung der Wissenschaft für das naturalistische Denken der Neuzeit, also des wissenschaftlichen Zeitalters, deutlich. Eine Betrachtung des Begriffs des unverblümten Naturalismus, den McDowell in seinem Werk „Geist und Welt“ verwendet, zeigt, dass der Gedanke einer rein auf Naturgesetzen basierenden Welt dem Naturalismus als solchem nicht fern ist. Da der bald naturalism einen wichtigen Gegenpol für das Verständnis des Naturbegriffs bei McDowell ist, der selbst für einen antiszientistischen Naturbegriff plädiert, bietet es sich an, die Unterschiede nochmals aufzuzeigen. McDowell geht von einem postnaturalistischen Naturbegriff aus. Die Welt, die dem welthaltigen Geist offensteht, ist geistvoll. Diese Vergeistigung der Welt, der Natur, bedeutet eine gleichzeitige Naturalisierung des Geists, des Menschen, der schließlich mit der Welt das Geistige als etwas Natürliches teilt. Der Mensch als ein Wesen mit einer zweiten Natur bringt beide Elemente zu einer Einheit zusammen. Um diese holistische Grundannahme aufrechterhalten zu können, ohne den Unterschied zwischen erster und zweiter Natur letztendlich absolut zu setzen oder zu negieren – beides würde sein philosophisches Vorhaben untergraben –, benötigt McDowell ein eigenes Verständnis von Spontanität, das dadurch gekennzeichnet ist, dass es von einem Zusammenwirken derselben mit Rezeptivität in der „Operation der Sinnesvermögen“ ausgeht (Thein, 2015, S. 206). Sinneseindrücke werden somit nicht nur passiv empfangen, sondern auch als Schritte einer Verfestigung und damit als Träger von Bedeutungen gewertet. Somit kommt einem natürlichen Vorgang, wie dem Aufnehmen von Eindrücken zum Beispiel über das Sinnesorgan Auge, bereits ein begrifflicher Gehalt zu, den der Mensch mittels seiner Fähigkeit zum Begrifflichen 2.3 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 106 und seiner Erfahrungen als solchen wahrnehmen kann. Dabei ist die Wahrnehmung an dieser Stelle kritisch zu sehen, da der begriffliche Gehalt als solcher bereits in der Struktur der menschlichen Wahrnehmung vorhanden und daher nicht gesondert wahrnehmbar zu sein scheint. Durch diese in der wahrgenommenen Welt bereits angelegte begriffliche Struktur ist der Mensch von einer rein passiven Rolle ausgenommen. Hier finden sich grundsätzlich Gemeinsamkeiten zwischen McDowell und den Naturalisten um Davidson, jedoch auch Differenzen zu Davidsons ontologischer Herangehensweise. „Bis hierher gibt es so etwas wie eine gemeinsame Grundlage für einen Widerstand gegenüber einem unverblümten Naturalismus. Ein besonderes Kennzeichen von Davidsons Herangehensweise ist seine ontologische Behauptung: Genau die Dinge, die die sui generis Begriffe – die Begriffe, deren Anwendbarkeit die Anwesenheit von Spontanität signalisieren – erfüllen, sind im Prinzip bereits einer Untersuchung zugänglich, die sich auf den Bereich der Naturgesetze bezieht. Die konstitutive Aufmerksamkeit auf die zwei Arten der Verständlichkeit unterscheidet zwar zwei Gruppen von begrifflicher Ausrüstung, doch sie unterscheidet nicht deren Gegenstände. Davidson stellt diese ontologische Forderung eigens für die Ereignisse auf: Alle Ereignisse – sogar jene, die der Verständlichkeit des „Raums der Gründe“ dienlich sind – lassen sich im Prinzip im Hinblick auf die Operation der Naturgesetze verständlich machen.“ (McDowell, 2012, S. 100). Nach McDowell setzt der bald naturalism die Natur mit der Herrschaft der Naturgesetze gleich. Dann lassen sich jedoch die geistigen Fähigkeiten des Menschen nicht mehr aus der Natur heraus erklären. Würde also alles nur im Bereich der Naturgesetze stattfinden, dann könnten sich an den Menschen keine Forderungen der Vernunft stellen und somit wäre der Geist nicht mehr vorhanden. Die Spontanität im kantischen Sinne wäre ausgeblendet und gleichzeitig würde sich auch der Unterschied zwischen Vernunft und Natur nicht aufheben, weil er nicht mehr erklärbar und abgrenzbar wäre. „Ein szientistischer Naturalismus ermuntert zu einer Spielart dieses Bildes, wodurch das, was jenseits der Grenzen liegt, der Bereich der Naturgesetze ist. Wenn die Auffassung der Realität als eines Reiches der Naturgesetze sie auf diese Weise entzaubert, dann kann das, was jenseits der Grenzen liegt, keine Forderungen enthalten, die der Vernunft oder dergleichen entstammen“ (McDowell, 2012, S. 107). McDowell verwendet Davidson, wie er selbst auch in seinem Werk „Geist und Welt“ deutlich macht, als Kontrastfolie. Dabei sieht er die 2.3 Der Unterschied zwischen dem Naturverständnis von McDowell und einem naturalistischen Naturverständnis 107 von Davidson vertretene Kohärenztheorie nicht so sehr als Gegentheorie, sondern er passt sie seinem Ansatz an, indem er sie in einer Traditionslinie der amerikanischen pragmatischen Philosophie verortet. Um McDowells Abgrenzung seiner eigenen Theorie vom unverblümten Naturalismus nachzuvollziehen, muss die empirische Dimension von Wissen und der Erkenntnisfähigkeit des Menschen hervorgehoben werden. Empirisch erlangte Thesen sind auch bei Quine dem „Tribunal der Erfahrungen“ unterworfen (McDowell, 2012, S. 157). Dieses Tribunal der Erfahrungen bildet ein Urteil über das, was der Mensch in seiner Wahrnehmung vorläufig als wahr oder falsch erkennt. Quine selbst begreift Erfahrung im Sinne der naturalistischen Erkenntnistheorie als „Reizung der Sinnesrezeptoren“ (McDowell, 2012, S. 160). Für ihn ist Natur der Inbegriff dessen, was die Reizverarbeitung der Sinnesrezeptoren kausal bedingt (Keil, 1993, S. 42). Für McDowell ergibt sich daraus das Problem, dass Erfahrung dann in keiner rationalen Beziehung zu einer Weltsicht stehen kann und dass es keine Grundlagen für ein Überzeugungssystem gibt, was jedoch für moralisches Handeln notwendig ist. Quine lässt bei seiner Verbindung von Erfahrungen und Sätzen nur eine rohe, kausale Operation gelten, zu der die Subjekte konditioniert werden, wenn sie eine Sprache innerhalb einer Gemeinschaft erlernen. Für Quine sind Erfahrungen etwas, was außerhalb des Raums der Gründe liegt (McDowell, 2013, S. 161). Hat Erfahrung nur einen kausalen Charakter, taugt sie nicht als Grundlage für die Entwicklung einer Weltsicht und der Transzendierung unmittelbarer Sinneserfahrung mittels einer Weltsicht. Eine Sicht auf die Welt – und hier liegt der wesentliche Unterschied zu Quine – geht für McDowell nicht allein aus der Aktivität von Sinnesrezeptoren hervor, was auch einschließt, dass das Handeln von Menschen nicht allein einer kausalen Disposition unterliegt. Vielmehr ist für eine Weltsicht entscheidend, wie die Dinge dem Menschen erscheinen, womit bei McDowell ein Begriff der Erfahrung in Anschlag gebracht wird, der sich von dem Quines unterscheidet. Damit gibt es zwei wesentliche Unterschiede, durch die sich McDowell vom unverblümten Naturalismus abgrenzt: 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 108 1. Ein Erfahrungsbegriff, nach dem Erfahrungen im Raum der Gründe liegen. 2. Ein Begriff der Intentionalität, also der Gerichtetheit auf die Welt, der eine Weltsicht postuliert, also eine Wahrnehmung der Welt, die über die Sinneserfahrung hinaus eine Einstellung zur Welt beinhaltet, die eine Unterscheidung von gut und schlecht fordert (McDowell, 2012, S. 163). Im Gegensatz dazu fehlt im Erfahrungsbegriff Quines ein Bezug von Erfahrung zu Überzeugungen, was wiederum einen Mythos des Gegebenen stärken würde. Keil hält fest, dass Quines Fokus vor allem auf der Frage liegt, wie wir von den Reizungen unserer Sinnesorgane zu Äußerungen wissenschaftlicher Theorien über die Welt gelangen können (Keil, 2002, S. 14). Damit wird deutlich, dass für Quine die Input- Output-Frage zentraler Gegenstand seiner Überlegungen war und nicht etwa die Frage einer Aufhebung des Geist-Welt-Dualismus. Im Physikalismus, besonders von Carnap und Neurath und damit von Mitgliedern des Wiener Kreis vertreten, stehen reduktionistische naturwissenschaftliche Positionen im Vordergrund (Keil, 1993, S. 33). Für ihn hat auch die Philosophie eine Basis ausschließlich in Theorien der Physik. Auf die Frage nach dem menschlichen Selbstverständnis wird im Physikalismus bei Carnap kaum eingegangen, weil der Wiener Kreis um Carnap sich eher auf die Frage konzentriert, worauf das Universum beruht (Keil, 1993, S. 34). Aus diesem Grund bietet sich der Physikalismus nicht als Antithese zur McDowell’schen Theorie und den aus ihr resultierenden Folgerungen bezüglich der ethischen Dimensionen und Bildungsdimension des Menschen an. Stattdessen wird insbesondere Quine für McDowell zu einem Widersacher in inhaltlichen Fragen seines therapeutischen Unterfangens. Als weiteren wichtigen Gegenspieler, von dem er seine Position abgrenzt und die er dadurch definiert, wählt er in seinem Werk „Geist und Welt“ nämlich Donald Davidson. Dieser vertritt die These, dass Sinnesorgane, also Rezeptoren, und neuronale Verknüpfungen einen inhaltlichen und deutungshoheitlichen Einfluss auf das menschliche Denken ausüben (McDowell, 2012, S. 167). Im Gegensatz dazu zeigt sich bei Quine, der eher als Vertreter der empirischen Erkenntnistheorie gilt, schon früh, dass Sinneswahrnehmungen ein rein natürliches Phänomen sind. So sind bei ihm die Informationen über die äußere 2.3 Der Unterschied zwischen dem Naturverständnis von McDowell und einem naturalistischen Naturverständnis 109 Welt, also die Wahrnehmung der Dinge, ein Auftreffen von Lichtstrahlen und Molekülen auf sensorische Oberflächen, was als empirische Grundthese seinen naturalistischen Ansatz von dem Davidsons entkoppelt (Keil, 2002, S. 20). Doch betont Quine auch, dass das Subjekt in seinen Aussagen keine reine Reproduktion der Reize der Außenwelt wiedergibt, sondern dass sein Output bei der Beschreibung der dreidimensionalen Welt deutlich höher ist. Die Frage stellt sich, wie der geringe Input zu einem hohen Output wird, wie also Photonen auf einer Netzhaut zum Beispiel dazu führen, dass ein Subjekt etwas als so und nicht anders beschreibt und ihm einen propositionalen Gehalt beimessen kann, einen Gehalt mit Bedeutung und Wertung. Um überhaupt auf Reize mit Beobachtungssätzen reagieren zu können, muss der Mensch darauf vorbereitet worden sein. Das streitet auch Quine nicht ab und teilt damit eine These mit McDowell. Jedoch sieht Quine die notwendige Vorbereitung vor allem im Spracherwerb, den er als unerlässlich für das menschliche Säugetier erachtet. Für den Naturalismus und dessen Strömungen ist ein Begriff von Bedeutung, der trotz seiner zentralen Stellung in der Diskussion um Naturalismus selten angesprochen wird: der Begriff der Natur. Obwohl er Namensbestandteil des Naturalismus ist, mangelt es ihm dort an einer einheitlichen Interpretation. Es zeigt sich ein wesentlicher Aspekt des Naturalismus, aus dem eine dieser philosophischen Strömung angemessene Definition des Naturbegriffs abgeleitet werden kann. Alles, was mit wissenschaftlichen Methoden erklärbar ist oder mit diesen Methoden offengelegt werden kann, ist Natur: „Nature means that which is open to scientific method.“ (Keil & Schnädelbach, 2000, S. 24). Dagegen basiert die Form des Naturalismus, die McDowell favorisiert, auf der praktischen Vernunft nach Aristoteles. In diesem Naturalismusbegriff ist ebenso der prozesshafte Aspekt von Natur beinhaltet, der sich unter anderem im Vorgang des Heranwachsens in der Gemeinschaft widerspiegelt. In diesem Vorgang wird offenbar, dass in der ersten Natur die Fähigkeit zur Spontanität als Basis dafür verankert ist, dass diese triebhafte tierische erste Natur durch die zweite Natur überwunden werden kann, und zwar nach McDowell durch Bildung (Rapp, 2014, S. 163). Daraus folgen zusammenfassend drei Merkmale, durch 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 110 die der Unterschied von McDowells Ansatz zu dem seiner naturalistischen Gegenseite deutlich wird: a) Ein Verständnis von Natur als über reine Naturgesetzmäßigkeit hinausgehender Prozess. b) Ein Begriff der Erfahrung, der den Unterschied von Erfahren über die reinen Sinnesrezeptoren oder das Erfahren auf Basis der begrifflichen Struktur der Welt selbst definiert. c) Bezüglich einer Position des Menschen als ein aktives und zugleich passives Wesen in der Welt abhängig von seiner und der allgemeinen Natur in der Einheit der Natur. Was – auch bei McDowell – als reine Naturgesetzmäßigkeit bezeichnet wird, kann als „bloße Natur“ gelten; diesem Begriff ist alles subsumiert, was die Welt betrifft und außerhalb des Subjekts liegt. In den aufgeführten Positionen zeigt sich ein vielschichtiger Naturbegriff, der Subjekt, Objekt, Welt und Kosmos erfasst, sie aber dennoch nicht gleichsetzt. Aus den drei genannten Unterscheidungsmerkmalen, mit denen sich McDowell von den Theorien des bald naturalism abgrenzt, kann folgende Schlussfolgerung gezogen werden: „Reichhaltigere Weltsichten als die der Wissenschaft sind zwar nicht wissenschaftlich, aber deswegen nicht unwissenschaftlich.“ (McDowell, 2002, S. 141). Hier versucht McDowell vor allem deutlich zu machen, dass die Welt, sobald sie sich dem Zugriff der Wissenschaft entzieht, nicht unwissenschaftlich per se ist, weil sie dennoch real ist und sich somit dem Menschen nicht entziehen kann. Die Intensionalität der menschlichen Wahrnehmung auf Grundlage einer Fähigkeit zur Spontanität bildet dabei die Brücke zwischen Weltsichten auf Basis der reinen empirischen Wissenschaft und einer Weltsicht, die über diese hinausgeht. Er nimmt nicht etwa eine platonistische Perspektive ein oder entscheidet sich für eine Überhöhung oder Verklärung der geistigen Sphäre, sondern bewahrt einen wissenschaftlichen Standpunkt in seinem Ansatz. Nach McDowell muss sich jeder Erkenntnisprozess auf eine rationale Ebene in der begrifflichen Welt einlassen, die sich jedoch nicht durch eine ausschließliche Geltung von Naturgesetzen auszeichnet. Diese Ebene ist eine Welt hinter der Welt, die der Mensch mit seiner Vernunft und durch seinen Verstand zu fassen versuchen muss. 2.3 Der Unterschied zwischen dem Naturverständnis von McDowell und einem naturalistischen Naturverständnis 111 Kritische Perspektive auf ein biologizistisches Naturverständnis Um das Verständnis des Naturbegriffs für den weiteren Fortgang der vorliegenden Arbeit zu verdeutlichen, bietet sich die Betrachtung einer radikalen Interpretation desselben an, insbesondere weil vor diesem Hintergrund auch ein erweitertes Verständnis eines Bildungsbegriffs entwickelt werden soll, und zwar auf Grundlage einer vernünftig und moralisch geprägten menschlicher Natur. Von Interesse ist zunächst, dass die biologistischen, naturwissenschaftlichen und radikal naturalistischen Denkrichtungen in Fragen der Ethik oder der Logik auf Begriffskonstrukte verweisen, die sich in die Denkmuster des Naturalismus nicht ohne Weiteres einfügen lassen. Ethik, Moral oder Rationalität lassen sich kaum durch Beobachtung oder mit anderen empirischen Mitteln als natürliches Handeln des Menschen nachweisen. Damit stellt sich einem naturwissenschaftlichen Denker, der Wissen rein als Ergebnis empirischer Erfahrungen sieht, die Frage nach der Existenz von ethischem, moralischem Handeln und letztlich auch rationalem Handeln. Erklärungen für solche Handlungen ziehen Naturalisten und Naturwissenschaftler vorwiegend aus dem evolutionären Auswahlprozess. So sehen viele Biologisten rationales Denken als eine durch Auswahl erzeugte Überlebensfähigkeit des Menschen an, und die Fähigkeit zu moralischem Handeln gilt ihnen nur als Basis des sozialen Zusammenlebens, das den Fortbestand von Menschen so weit sichert, dass sich die Spezies durch Fortpflanzung behaupten kann. Indem angenommen wird, dass die Spezies Mensch im darwinistischen Sinne „besser“ zum Überleben gerüstet ist als andere Wesen (scilogs.de), werden das Subjekt und seine ethische Dimension naturalisiert. Der Mensch wird als Gattung in die Reihe anderer Lebewesen gestellt und es werden ihm die Einzigartigkeit und Besonderheit abgesprochen, die ihm häufig, beispielsweise aufgrund der Fähigkeit zum moralischen Handeln, logischen Denken oder seinem Sprachvermögen zuerkannt wurden. Es widerspricht grundsätzlich nicht der McDowell’schen Herangehensweise, den Menschen in den Bereich der animalischen Lebewesen einzuordnen. Verortet er selbst doch den Menschen in seiner ersten Natur im Reich der Tiere. Für ihn ist somit der Mensch ein Wesen in zwei Sphären, in einer animalischen Welt und, andererseits, in einer menschlichen, humanisier- 2.4 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 112 ten Welt. Darwinisten messen jedoch dem Menschen keine herausragende Stellung in der Welt der Lebewesen bei, da er seine Fähigkeiten nur durch den Kampf ums Überleben ausgebildet hat und seine diesbezügliche Entwicklung auf die natürliche Auswahl zufälliger Mutationen zurückzuführen ist. So vertritt auch der Naturalismus dieser Prägung die These, dass sich der homo sapiens sapiens, die Gattung Mensch, einer Rekombination von DNS-Molekülen verdanke, bei der durch Selektion die Fähigkeiten herausgebildet wurden, die der Mensch für das Überleben seiner Spezies braucht. Diese evolutionsbiologische Theorie wurde durch die anthropologischen Untersuchungen der letzten Jahre aufrechterhalten und ausgebaut. Damit ist das Paradigma abgesteckt, in dem diese radikale Form des Naturalismus auch den Bereich der Moral betrachtet, um die Frage danach zu beantworten, was richtig und falsch ist, also die Frage danach, wie der Mensch moralisch richtig zu handeln hat. Diese Fähigkeit des moralisch richtigen Handelns wird der menschlichen Gattung nur dahin gehend zugesprochen, als dass sie dem Menschen in seiner Evolutionsgeschichte einen Vorteil erbracht hat. Zu fragen ist, ob moralisches Handeln, eingebettet in den sozialen Kontext einer gemeinschaftlichen Normenvorstellung, nicht über eine reine Überlebensstrategie einer Gattung hinausgeht. Oftmals wird von Naturalisten und Biologisten behauptet, es gebe eine sogenannte Metaethik des Menschen, also ethische Grundlagen, die allen Menschen gemein sind und kultur- übergreifend gelten, weil sie natürlich sind im Sinne von natürlichen Tatsachen. Der Mensch ist Teil der Natur und weil er das ist, so ist die wissenschaftliche Methode auch die einzige, die einen Zugang zur Wirklichkeit des Menschen erlaubt und damit auch zu Moral, Vernunft und allem, was rationale Strukturen sind (Dennet, 1984). Doch stellt sich damit die Frage, ob moralisches Handeln abseits kultureller Bezüge gesehen und dementsprechend gänzlich aus dem soziokulturellen Zusammenhang geholt werden kann. Orientiert sich moralisches Handeln in diesem Sinne an religiösen also theologischen Strukturen, würde dies nach sich ziehen, dass der Glaube an ein höheres Wesen und damit die institutionalisierte Ritualisierung in der Religion ein natürliches Phänomen der Gattung Mensch ist, dass aus einer DNA-Kombination im Erbgut hervorgeht, die sich aufgrund der Evolutionsbiologie in der Spezies Mensch durchgesetzt hat. Sicherlich sind 2.4 Kritische Perspektive auf ein biologizistisches Naturverständnis 113 ein komplexes Gehirn und die Fähigkeit zu denken biologische Voraussetzungen für ethisches Denken, doch dies allein begründet nicht die Fähigkeit zur Moral von menschlichen Wesen. Ein komplexes Gehirn ist als notwendige, nicht aber als hinreichende Bedingung für moralisches Handeln anzusehen. Dazu gehören weitere Faktoren, wie die Einführung in Werte und Normen einer Gemeinschaft sowie der Umgang mit Handlungsmaximen. Nach Kant hat sich, begründet in der Dynamik des Geistes, eine ethische Maxime im Menschen herausgebildet, die er in seinem kategorialen Imperativ zusammengefasst hat: Damit überlässt Kant den Menschen nicht allein seinen natürlichen Neigungen, sondern seinen eigenen Gesetzten, die er im Zuge der Vernunft fähig ist zu generieren. Vernunft steht damit über dem Begriff der Moral oder dem der Ethik, weil beides Ableitungen der Fähigkeit der Vernunft sind. „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (Kant, 1995, § 7). Ein biologistisches Naturverständnis resultiert im Naturalismus aus dessen Aufspaltung in verschiedene disziplinäre Ansätze. Der Biologismus sowie der Physikalismus, die in der philosophischen Debatte nach der Entwicklung des Naturalismus anzusiedeln sind, zeigen beide die starke Ausrichtung empirisch-wissenschaftlicher Begründbarkeit. Heute wird der Biologismus in einem engen Zusammenhang mit den Human- und vor allem den Kognitionswissenschaften gesehen, die in ein kybernetisches Paradigma münden können. Die naturalistische Idee der Wahrnehmung der Welt, wie sie auch teils bei Quine zutage tritt, zeigt, dass die Daten der Wissenschaft auf neuronalen Input beschränkt bleiben (Quine, 2000, S. 125). Das führt dazu, dass die Wahrnehmung einzelner Tatsachen durch das Subjekt nicht durch eine Tatsachenverschränkung vonstattengeht, wodurch Wissen immer tatsachenabhängig zu sein scheint. Die Welt besteht für die Naturalisten aus höchst real existierenden Elementen – seien diese Stöcke, Steine, Atome oder Zahlen – und diese können damit auch nur durch die empirischen Wissenschaften belegt werden. Hier kommt der Aspekt einer inneren Korrektur, wie sie hier genannt werden soll, bei den Naturalisten zum Tragen. Alles Wissen ist kontinuierlich der Überprüfung durch die Wissenschaft, die Natur- 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 114 wissenschaft, unterzogen. Somit gibt es nach Quine keinen archimedischen Punkt außerhalb der Wissenschaft selbst, der die Kontrollfunktion ausüben könnte (Quine, 2000, S. 126). Daher wird deutlich, dass Quine keinen absoluten Wahrheitsanspruch der Wissenschaft vertritt, denn absolute Wahrheiten kann es gerade deshalb nicht geben, weil jede Verifikation und Falsifikation im Rahmen der Wissenschaft selbst stattfinden muss. Es kann nicht gesagt werden, dass etwas, was vorher richtig war, nun falsch ist, weil die Wissenschaft es im Zuge der Falsifikation widerlegt hat. Vielmehr wurde etwas aufgrund beschränkten Wissens für wahr gehalten, und diese Annahme hat sich dann als falsch erwiesen. Damit ist auch für Quine, ähnlich wie bei Kant, Wahrheit etwas Transzendentes, das als ein Ideal der reinen Vernunft existiert. Wahrheit als ein übergeordnetes Ziel bleibt immer vorhanden, wird jedoch als ständige Anpassung des Weltbildes an den neuronalen Input begriffen. Damit ist Wahrheit auch abhängig von dem, was die Welt als Input liefert, und davon, wie das rezipierende System auf Basis seiner Erfahrungen die aufgenommenen Reize interpretiert. Dieses ambivalente Verhältnis zur Wahrheit und zur Wahrnehmung steigert die Komplexität des Naturverständnisses. Der Mensch ist für Quine ein „gefülltes Stück Raumzeit“, das einem leeren Stück Raumzeit gegenübersteht (Quine, 2000, S. 124). Dieses „Gefülltsein“ ist es wohl auch, was Naturalisten als Erkenntnisfähigkeit des Menschen sehen, beziehungsweise was sie als Ausgangspunkt für eine Erkenntnisfähigkeit sehen. Mit dieser kann man nicht „gefüllt“ sein, sondern nur mit etwas angereichert werden, was einen erkenntnisfähig macht. So zeigt sich, dass der Mensch mit etwas angefüllt ist, wie ein Glas mit Wasser, in das von außen hineingeschüttet wird, nicht mit Erkenntnisfähigkeit, sondern mit dem Input, mit den Informationen aus der Welt. Damit ist auch die Natur per se erklärt. Ist sie doch das, was den Menschen umgibt, den Naturgesetzmäßigkeiten folgt und für den Menschen an sich, wie dem Tier, als Umwelt dient und ihm den Input liefert. Dieses Verhältnis aus Welt und Mensch zeigt sich auch in der begrifflichen Struktur von Welt und Umwelt, die McDowell selbst verwendet. Die Unterscheidung von erkenntnisfähigem Subjekt und Umwelt führt eine Weltsicht, in der der Mensch eine zentrale Position einnimmt, ad absurdum, weil nach gemäß dieser Unterscheidung der Mensch vor allem in der technisierten und digitalisierten Zeit nicht 2.4 Kritische Perspektive auf ein biologizistisches Naturverständnis 115 mehr den Alleinanspruch auf die Fähigkeit zum Denken und Reflektieren besitzt. Die mechanisierte Intelligenz in der Robotertechnik erfüllt die an das erkennende Subjekt gestellten Kriterien bereits und kann daher die Position in der Unterscheidung einnehmen, die vorher ausschließlich dem Menschen zukam. Abschließend kann festgehalten werden, dass das Naturverständnis des Biologizismus in vielen Belangen an das Naturverständnis des Naturalismus anknüpft, das, wie McDowell selbst schreibt, im Schwerpunkt eine uneingeschränkte Gültigkeit von Naturgesetzen annimmt. Außerhalb dieser Gesetzmäßigkeiten gibt es keine Rechtfertigungsgrundlagen und es kann auch keine humane Welt ohne naturgesetzliche Kausalität existieren. Somit sind zwei Aussagen über den unverblümten Naturalismus festzuhalten: I. Bald naturalism verneint die Existenz von Spontanität. II. McDowell grenzt sich vom bald naturalism dahin gehend ab, dass er die begriffliche Fähigkeit als Teil der Spontanität versteht. Diese Negierung der rationalen Fähigkeit des Menschen und die Reduktion auf biologische Abläufe lassen keinen Raum für Interpretation oder Entscheidungen zu. Die deterministische Auffassung ist jedoch zu kurz gegriffen, um der Komplexität von auf Entscheidungen basierendem menschlichem Handeln gerecht zu werden. Entfällt diese Annahme, wäre die Folge daraus, wie McDowell feststellt, eine entzauberte Welt in der keinerlei Verantwortung für eigenes Handeln bestünde, da alles Handeln aus biologischen Zwängen resultierte, die sich nicht mehr aus ethischer Perspektiven reflektieren lassen, weil Moral keine Rechtfertigungszusammenhänge mehr zulässt. Die Vorstellung einer in dieser Art entzauberten Welt beraubt den Menschen seines humanen Kapitals, sie negiert seine Fähigkeit zum rationalen Denken, zur Willensfreiheit, zur Vernunft, zum moralischen Handeln und zum sozialen Interagieren. Reduktionismus in diesem Bereich kann zu einer Entmenschlichung des Subjektes und damit zu einer negativen Gleichsetzung von Mensch und Tier und neuerdings auch von Mensch und Technik führen. Teile dieser Entwicklung sind bereits heute in der digitalisierten Arbeitswelt sichtbar und werden sich in der Zukunft weiter durch die Robotertechnik verstärken. Besonders unter den gegenwärtigen und sich abzeichnenden technologisch-ökonomischen Umständen ist die Bedeutung des Menschen in der Welt zentral für die Entwicklung eines neuen Bildungsverständnisses, auf dessen Basis der 2 Der bald naturalism als Gegenspieler der Bildungstheorie von John McDowell 116 Mensch in der technisierten Welt seine Einzigartigkeit im Sinne einer ihm eigenen zweiten Natur behaupten kann. 2.4 Kritische Perspektive auf ein biologizistisches Naturverständnis 117

Chapter Preview

References

Abstract

In this educational philosophical work, the concept of McDowell's education is re-examined from the concept of reason and nature, taking into account the Stoa. Enriched with stoic ideas about the concept of nature, the book reveals new perspectives and yet does not shy away from the examination of the great philosophical frameworks contained in McDowell's theories. Representatives of naturalism are sketched as well as different theories about first and second nature. Moral philosophical parts that show the ethical understanding of the second nature in McDowell, referring to authors such as Kant, Hegel and Aristotle, round off the overall concept. Through the text-analytical reworking of Cicero, Seneca and Marc Aurel, a bridge is then built to McDowell's undefined concept of nature in order to enrich it with the stoic logo.

Zusammenfassung

In dieser bildungsphilosophischen Arbeit wird vom Vernunft- und Naturbegriff ausgehend der Bildungsbegriff McDowells unter Berücksichtigung der Stoa neu beleuchtet. Angereichert mit stoischen Ideen zum Naturbegriff zeigt das Buch neue Perspektiven auf und scheut dabei dennoch nicht die Aufarbeitung der großen philosophischen Bezugsrahmen, die in McDowells Theorien enthalten sind. Vertreter des Naturalismus werden ebenso skizziert, wie verschiedene Thesen zu erster und zweiter Natur. Moralphilosophische Anteile, die unter Bezug auf Autoren wie Kant, Hegel und Aristoteles das ethische Verständnis der zweiten Natur bei McDowell zeigen, runden das Gesamtkonzept ab. Durch die textanalytische Aufarbeitung von Cicero, Seneca und Marc Aurel gelingt im Anschluss daran ein Brückenschlag zu McDowells undefiniertem Naturbegriff, um diesen mit dem stoischen Logos anzureichern.