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3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie in:

Timo Steininger

John McDowells Bildungstheorie, page 119 - 142

Vernunft und Natur vor dem Hintergrund stoischer Perspektiven zum Naturbegriff

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4458-2, ISBN online: 978-3-8288-7478-7, https://doi.org/10.5771/9783828874787-119

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
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Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie Kapitel 1 und 2 dieser Arbeit dienten im Wesentlichen dazu, begriffliche Definitionen, inhaltliche Abgrenzungen sowie die Theoreme der Denker und deren Differenzen und Übereinstimmungen offenzulegen. So wurden im ersten Kapitel zentrale inhaltliche Aspekte von John McDowells Perspektiven auf den Dualismus von Vernunft und Natur anhand von einigen Begriffen seiner Theorie herausgearbeitet. Im zweiten Kapitel folgte eine Auseinandersetzung mit dem Naturalismus, und zwar einerseits hinsichtlich seiner inhaltlichen Strömungen und Ausprägungen und zum anderen hinsichtlich konkreter Positionen, gegen die McDowell Einwände vorbringt, wie die des unverblümten Naturalismus. Im Zuge dessen wurde bereits auf die Bereiche der ersten und zweiten Natur aus Sicht von McDowell eingegangen, welche als Basis für die weiteren Gedanken zu einem Naturverständnis unter Berücksichtigung der ethischen Überlegungen und stoischer Gedanken dienen sollen. Das folgende Kapitel wird sich vor allem mit den Begriffen der Ethik und der Moral auseinandersetzen, insbesondere unter Bezug auf die aristotelische und kantische Philosophie, um dabei in der Traditionslinie zu bleiben, in der auch McDowell selbst steht. Damit wird das Ziel verfolgt, den für McDowell relevanten Naturbegriff und sein Verhältnis zur Bildung über seine Sichtweisen auf die ethische Dimension menschlicher Natur zu erhellen. Schließlich soll der Bildungsbegriff bei McDowell, der sich aus der systematischen Rekonstruktion der McDowell’schen Philosophie zur Natur und der Struktur stoischen Denkens unter Fokussierung der Dimension menschlicher Natur entwickelt hat, neu verstanden werden. Ein Kernproblem in der Philosophie von McDowell hinsichtlich des Begriffs der zweiten Natur besteht darin, dass er in ein Spannungsverhältnis eingebettet ist. So steht er zum einen im Rahmen einer Erkenntnistheorie, zum anderen aber auch in dem der klassischen, meta- 3 119 ethischen Philosophie, in deren Kontext McDowells Philosophie in der vorliegenden Arbeit erstmalig verortet wird. McDowell hebt im Konzept der zweiten Natur jedoch weniger den begrifflichen Aspekt einer darin implizierten Moraltheorie hervor. Eine Erkenntnistheorie dagegen muss dem Umstand Rechnung tragen können, dass aus der Erkenntnis von Situationen unmittelbar moralische Rückschlüsse zu ziehen sind, die Urteilen auf moralischer Ebene standhalten (Stahl, 2014, S. 151). Daraus ergibt sich eine theoretische Position, die als kollektivistische Moralphilosophie bezeichnet werden kann und auf die in den folgenden Kapiteln immer wieder rekurriert wird. Ein Aspekt dieses moraltheoretischen Konstruktes ist, dass die Fähigkeit, sich in einem Raum der Gründe zu bewegen, nur durch einen moralischen Standpunkt ermöglicht wird, der durch Sozialisation und in der Dimension der kollektiven Urteilpraxis generiert wird, in die Menschen als Individuen eingeführt werden (Stahl, 2014, S. 151). Bereits im ersten Kapitel dieser Arbeit wurde aufgezeigt, dass die soziale Gruppe wesentlich als Träger von Werten und Normen fungieren kann, durch welche der soziale Akteur, das Individuum, seine Erfahrungen in und mit der Welt vollzieht. Diese Erfahrungen, als Gesamtheit von Sinneseindrücken, generieren eine begriffliche Struktur im Kontext des Raums der Gründe und bedürfen dieser Struktur gleichzeitig. Bei McDowell stehen diesbezüglich die Sozialisation und die Gemeinschaft im Fokus. Wird seinen Annahmen gefolgt, so ist davon auszugehen, dass die zweite Natur in der Moralphilosophie kollektive Bildungsprozesse zum Erkennen von und zum Umgang mit moralischen Entscheidungssituationen erlauben kann (Stahl, 2014, S. 152). Damit löst bei McDowell ein kollektivistischer Ansatz von Moral einen individualistischen Ansatz von Moral ab, nach dem Entscheidungen aus inneren Überzeugungen und Überlegungen heraus getroffen werden. Der Ansatz, dass allgemeine Urteile und moralische Prinzipien – wie es zum Beispiel bei alltagspraktischer Philosophie der Fall ist – eine Generalisierung verlangen, so dass im Zuge der Lebensphilosophie moralische Handlungssicherheit herrscht, erfährt bei McDowell eine geringe Gewichtung. Stattdessen ist von zentraler Bedeutung die moralische Urteilskraft, die das Individuum befähigt, zwischen moralischen Prinzipien, zum Beispiel Geboten, und der moralischen Reaktion auf Wahrnehmung zu vermitteln, was davon abhängig ist zu wissen, 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 120 wie das Subjekt die Welt wahrnimmt. Damit muss einem klar sein, wie die Dinge sind, also wie man von der Wahrnehmung der Welt auf gesicherte Aussagen über sie kommen kann. Dadurch zeigt sich auch im Verlauf des Kapitels, wie Wahrnehmung das Verhältnis aus Ich und Welt bestimmt und welche Position die Welt und damit auch die Natur in Bezug auf den Menschen einnehmen kann. Die Antwort darauf, wie dies bei McDowell der Fall ist, wurde bereits in Kapitel 1 ausführlich geschildert. Dieser moralische Realismus, den McDowell hier mit seiner Theorie zu implementieren versucht, birgt natürlich auch Hürden, die jedoch, und das wird sich im Laufe dieser Arbeit zeigen, abgebaut werden können. Entscheidend ist, wie sich das Verständnis von Natur und Vernunft gestaltet und wie sich damit Geist zur Welt zueinander verhält. Aufbauend auf aristotelische und kantische Positionen versucht McDowell seine Perspektive auf das Verhältnis aus Vernunft und Natur auch aus einer ethischen Richtung zu begründen. Dabei greifen jedoch die Positionen von Aristoteles und Kant in Bezug auf das Verständnis von Natur und Welt zu kurz. Im Folgenden zeigt sich, wie die aristotelische Sichtweise bezüglich der ethischen Dimension von McDowell verstanden wird. Dabei wird zu Beginn der Begriff der Ethik eine kurze Positionierung und Einordnung in der vorliegenden Arbeit erfahren, um davon ausgehend die McDowell’sche Sicht auf den Naturbegriff weiterführend zu beleuchten. Die Ethik des Menschen und seine Positionierung in der Philosophie von John McDowell Im Zuge der Befassung mit John McDowell muss in einer Seitenbetrachtung der Teil der Moralphilosophie unter Berücksichtigung des Begriffs der Ethik aufgearbeitet werden. Dies ist notwendig, weil es die Basis für die Darstellungen seines Verständnisses eines Kontinuitätsverhältnisses aus erster und zweiter Natur bildet und somit besonders wichtig für das Gesamtverständnis des Bildungsbegriffs und damit auch des Naturbegriffs bei McDowell ist (Honneth & Seel, 2002, S. 12). Grundsätzlich kann festgehalten werden, dass die Ethik von Aristoteles, speziell die „Nikomachische Ethik“, von McDowell als Argumentationsstrang verwendet wurde. Dabei nutzt er die Idee, dass Tugend, Mut 3.1 3.1 Die Ethik des Menschen und seine Positionierung in der Philosophie von John McDowell 121 und Mäßigkeit dem Menschen von Natur aus gegeben sind. Der Mensch muss sie sozusagen erst in gewisser Hinsicht aktivieren. Durch den Verstand kann der Mensch zu einem tugendhaften Wesen werden, wenn er die ihm angeborenen Tugenden kontextunabhängig gebrauchen und in seinen Habitus transferieren kann (Thein, 2015, S. 208). Der Habitusbegriff wird hier speziell von Thein gebraucht und erfährt in der eigenen Betrachtung der menschlichen Natur keine weitere Ausführung. Die Verwirklichung und Entfaltung der zweiten Natur ist jedoch zum großen Teil von einer Gewöhnung abhängig. Hier kommt ein Gewöhnungsbegriff zum Tragen, der auch bei Cicero oder bei anderen Philosophen im Zusammenhang mit der zweiten Natur zu finden ist und der im vierten Kapitel eigens besprochen wird. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu beachten, dass der Begriff der zweiten Natur selbst kontextabhängig verwendet worden ist und historisch eine Wandlung und Transformation erfahren hat. Entscheidend ist daher eine genaue inhaltliche Bestimmung des jeweils verwendeten Begriffs der zweiten Natur, vor allem weil darauf aufbauend Rückschlüsse auf die ethische Dimension des Bildungsbegriffs gezogen werden sollen. Diese inhaltliche Bestimmung der zweiten Natur wird in diesem Teil der Arbeit unter dem Aspekt von Ethik und Moral erfolgen. In der Ethik vertritt McDowell eine antiprojektivistische, realistische Auffassung moralischer Werte. Diese sind, gepaart mit Normen, nicht weniger objektiv und weniger natürlich als Bäume, Sträucher, Steine und Straßen. Sachverhalte, das tugendhafte Leben, sind normativer Natur. Sie motivieren eo ipso den Tugendhaften von sich aus zum rechten Handeln. Damit widerspricht er dem common sense, der von den Naturalisten um Quine vertreten wird und nach dem Werte, Normen, Gründe und Bedeutungen nicht in der Natur vorgegeben sind. Es gibt keine Möglichkeit, die ethische Wirklichkeit von außerhalb des ethischen Diskurses zu beschreiben. So wendet McDowell einen methodischen Trick an, indem alles, was es zu erklären, zu erkennen oder wahrzunehmen ist, immer nur aus der Sache, dem Standpunkt im System selbst, erklärt, erkannt oder wahrgenommen werden kann. Das ist eine Abkehr von der Idee eines Richters, der von einem entfernten Standpunkt aus über etwas urteilt, ohne im System selbst verortet zu sein. Außerdem ist es eine Abkehr von der Vorstellung eines Urteils- 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 122 vermögens, das quasi als archimedischer Punkt dienen kann. Der common sense selbst ist bei McDowell so zu verstehen, dass Werte nicht objektiv und natürlich sind. So ist der common sense die Überzeugung, dass die Welt nicht vom menschlichen Denken abhängig ist, da dieses keine Realität erzeugen kann (McDowell, 2012, S. 108). Dies wiederum bedeutet, dass wir weder Konstrukteure der eigenen Welt noch von dieser im deterministischen Sinne abhängig sind. Normativität hingegen ist für McDowell Teil einer natürlichen Lebensform und somit Teil einer natürlichen Welt, weil sie in unserer Alltäglichkeit vorkommt. Er knüpft damit an der Idee Sellars an, der die Wahrnehmung auch immer als Teil einer Gesamtheit von Tatsachen sieht, die durch Sinneseindrücke wahrgenommen werden und die er in seiner Sinndatentheorie beschreibt (Sellars, 1999, S. 5). Damit wirkt die Welt auf den Menschen ein und somit auch die Natürlichkeit der Welt selbst. Diese Natürlichkeit von Normativität birgt in gewisser Hinsicht eine Gefahr, widerstrebt sie doch der Vorstellung einer objektiven Wahrheit, selbst wenn sie natürlich ist. Denn sie ist gemäß McDowell nicht naturgesetzmäßig, weil sie nicht rein empirisch beweisbar und weil Natürlichkeit etwas anderes als Naturgesetzmäßigkeit ist. Damit kann aus dem Natürlichen auch keine reine empirische Wahrheit hervorgehen. Normen und Werte jedoch begründen sich in Erfahrungen. Begriffliches Denken an sich steht nicht der Welt gegen- über, sondern ist ein Teil von ihr und entwickelt normative Rechtfertigungen aus der Welt heraus (Thein, 2015, S. 206). Das würde wiederum bedeuten, dass normative Rechtfertigung in der Welt schon vorhanden ist, aber erst durch die begriffliche Struktur, die sich der Mensch durch seine zweite Natur aneignet, zum Vorschein kommt und im vernünftigen, gebildeten Menschen im Kontext der Gemeinschaft sichtbar wird. Der Naturalismus mit seinem entzauberten Verständnis der Natur, das McDowell insbesondere am bald naturalism kritisiert hat, kann Werte, Normen, Bedeutungen und Gründe nicht in der Natur verorten, weil sie nicht mit der reinen Methode der Wissenschaft erklärbar sind. Obwohl ein ethischer Diskurs im ethischen Denken selbst nicht von einem Standpunkt außerhalb des ethischen Systems stattfinden kann, kann es ein objektiver Diskurs sein. McDowell plädiert daher für eine Diskussion aus der Mitte der Diskussionsgrundlage heraus, wie oben bereits erwähnt. 3.1 Die Ethik des Menschen und seine Positionierung in der Philosophie von John McDowell 123 Im Gegensatz dazu sieht der unverblümte Naturalist in der sittlichen Handlung nur eine Ausprägung natürlicher Prozesse, sozusagen eine Folge, einen kausalen und vor allem biologisch erklärbaren Zusammenhang. Die Kausalität des sittlichen und tugendhaften Handelns ist somit von der Natur her bestimmt, determiniert und erklärbar, wie bereits in Kapitel 2 angemerkt wurde. Das wiederum bedeutet, dass der Mensch tugendhaft handelt, nicht weil er sich dazu entscheidet – Spontanität im Sinne von Kants Freiheitsbegriff würde faktisch keine Rolle spielen. Hierbei ist besonders der Aspekt der Reflexion kritisch zu betrachten, die den Menschen befähigt, moralisch richtig zu handeln, wenn er sich bewusst ist, im ethischen Gesamtkontext zu handeln. Normative Autorität im Naturverständnis von John McDowell und damit moralisches Handeln begründet sich im Gegensatz zum unverblümten Naturalismus so, dass die menschliche Autorität im Sinne der Kultur und der in der Gemeinschaft geschaffenen Praktiken den Einzelnen in seiner Spontanität zur Rezeptivität anleitet. So schafft Rezeptivität die Voraussetzung für die Wahrnehmung des Menschen von der Welt und seiner selbst in der Welt (Thein, 2015, S. 209). Betrachtet man die kantische Position in seinen ethischen Konzeptionen, wird eine tautologische Moral offensichtlich, die sich im Zuge des Zwecks der reinen Vernunft selbst begründet (Kant, 2011, S. 643). Für Kant ist ein moralisches Bewusstsein als ein besonderer Sinn des Menschen vorhanden, der sich auch von der reinen Vernunft unterscheidet. So ist die Moral die Maxime für das Handeln im ethischen Kontext bei Kant, durch welche mit Hilfe der Moralisierung die höchste Stufe der Erziehung selbst erreicht werden kann. „Feiner noch, obgleich eben so unwahr, ist das Vorgeben derer, die einen gewissen moralischen besondern Sinn annehmen, der, und nicht die Vernunft, das moralische Gesetz bestimmte, nach welchem das Bewußtsein der Tugend unmittelbar mit Zufriedenheit und Vergnügen, das des Lasters aber mit Seelenunruhe und Schmerz verbunden wäre, und so alles doch auf Verlangen nach eigener Glückseligkeit aussetzen.“ (Kant, 1838, S. 141). McDowell, der häufig als moralischer Realist bezeichnet wurde, sieht keinen grundlegenden Unterschied zwischen moralischen und anderen Urteilen (Stahl, 2014, S. 138). Er misst damit moralischen Urteilen keinen besonderen Status oder Wert an sich bei. Deshalb geht McDowell in der Betrachtung des Zusammenhangs von Geist und Welt nicht 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 124 gezielt und stringent auf eine Moraltheorie ein, sondern er legt seine Moralauffassung in den eigenen Vorträgen in „Wert und Wirklichkeit“ dar, die wiederum in sein Grundkonzept über den Naturbegriff aus erster und zweiter Natur eingebettet sind. Seine Vorstellung von Moral geht dabei Hand in Hand mit einem Naturbegriff und einem Verständnis von Bildung, das wiederum auf seinem Verständnis der Subjekt-Welt-Beziehung im Sinne der Wahrnehmung beruht. McDowell baut im Zuge seiner Idee davon, wie der Mensch moralisch handelt, unter Bezugnahme auf Aristoteles eine kognitivistische Tugendethik auf. Dabei zeigt sich eine Verbindung mit der antiken Philosophie von Aristoteles. Die Betrachtung des Tugendbegriffs ist auch zentraler Bestandteil anderer philosophischer Strömungen in der Antike, wie der ethischen Konzeption der stoischen Philosophie (Stahl, 2014, S. 138). Der Tugendbegriff in der antiken Philosophie wird unter anderem im vierten Abschnitt der vorliegenden Arbeit kurz behandelt. Es soll in diesem Zusammenhang keine ausführliche Erläuterung zur aristotelischen Tugendlehre dargestellt, sondern nur unter Berücksichtigung aristotelischer Perspektiven in den einzelnen Betrachtungsschritten ein Zugang zu einer neuen Sichtweise auf die Natur des Menschen – im Kontext ethischer Dimensionen – mit Hilfe der stoischen Philosophie erarbeitet werden. Es zeigt sich, dass Tugend eine Form der praktischen Vernunft ist. Der Mensch hat dabei Zugang zu ethischem Handeln, welches durch die Natur offengelegt wird, also natürlich ist, womit die Natur selbst die ethischen Gründe liefert. Wichtiger ist es, die spezifische Herangehensweise von McDowell zu verstehen und in Verbindung zu dessen ethischen Diskurs zu bringen. Das Vorgehen von innen heraus, also aus dem Inneren des Moralsystems, und die Stellung der Moral als Teil der natürlichen Welt, als welche sie über die Erfahrung und Sinneswahrnehmung erfassbar und damit begrifflich strukturiert ist, fließt bei McDowell somit in die Entscheidung des Menschen über sein Handeln ein. Die rationalen Forderungen an die Ethik sind damit autonom (McDowell, 2012, S. 107 ff.). Man kann mit ihnen nichts rechtfertigen, was außerhalb des ethischen Denkens selbst liegt. Diese Perspektive, dass Wahrnehmung kontextabhängig und vom System der Begrifflichkeit abhängig ist, hat McDowell von Sellars übernommen, der Wissen aufgrund einzelner empirischer Tatsachen, also Sinneseindrücke, ausschließt. Solange sie keine Autorität 3.1 Die Ethik des Menschen und seine Positionierung in der Philosophie von John McDowell 125 aufgrund ihrer Zeichenabhängigkeit haben, also aufgrund der Tatsachen und der Umstände, unter denen die Aussage als Wissen aufgezeigt wird (Sellars, 1999, S. 59 ff.). Das Individuum in das Geflecht aus Ethik und Moral einzuführen, damit es überhaupt ein moralisches Urteil bilden kann, ist die Aufgabe der Gemeinschaft wie auch des Individuums selbst und kulminiert in der Umsetzung der zweiten Natur des Menschen. Bisher wurde McDowell so interpretiert, dass eine gewisse Form der ethischen Erziehung den Mensch in die Dimension des Raums der ethischen Gründe einführt. Im ethischen Verständnis von McDowell ist deutlich zu erkennen, dass er den kognitivistischen Charakter von moralischen Urteilen in Verbindung mit der Motivation verneint. Dies wurde schon bei Hume deutlich, der sagte, dass ein moralisch handelnder Mensch eine Situation von vorneherein als moralisch wahrnimmt und er sich damit in der gleichen Situation von der Person unterscheidet, die zu moralischem Handeln nicht fähig ist (Stahl, 2014, S. 141). Solche zu moralischem Handeln unfähigen Personen wären gemäß diesem Interpretationsstrang entweder nicht moralisch erzogen worden oder handeln, vielleicht bewusst, entgegen der ethischen Erziehung, aber doch in gewisser Hinsicht aus freien Stücken, was bedeuten würde, sie handeln im Sinne kantischer Spontanität, wenngleich für uns unvernünftig, weil sie entgegen allgemeinen moralischen Vorstellungen handeln. Eines wird anhand der folgenden Interpretation deutlich. Der Begriff der ethischen Erziehung weicht von einem Bildungsbegriff ab, wie er in McDowells Begriff der zweiten Natur impliziert ist. Um die Verbindung herzustellen, müssten der Erziehungsbegriff und der Bildungsbegriff durch die Struktur der Naturbegriffe bei McDowell erweitert werden. Voraussetzung ist jedoch, dass Bildung auf ein prozesshaftes Geschehen mit individualistischem, intrinsischem Charakter zurückgeht und sich gerade dadurch von einem Erziehen durch äu- ßere Einflüsse unterscheidet. Hierbei wird eine endgültige Fixierung des Begriffs durch das Problem blockiert, den Vorgang entweder im Innen oder im Außen des Subjekts zu situieren. Dennoch zeigen sich zwei wesentliche Strukturen: Moral ist bei McDowell nicht eine Frage von übergeordneten Prinzipien, sondern Resultat einer Kultivierung von Wahrnehmungsfä- 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 126 higkeit (Stahl, 2014, S. 141). Dies wiederum ist ein entscheidender Schritt in der Ethik von McDowell und schließt eine allgemeingültige oder universalistische Moral in gewisser Hinsicht aus, jedoch keine universale in jedem Menschen vorhandene Fähigkeit zur Moral. Bildung, also die Aneignung einer zweiten Natur, ist bei McDowell nicht ein bloßes Erlernen von Prinzipien des moralischen Handelns, sondern das vernunftmäßige Reflektieren von Situationen im Raum der Gründe. Damit entzieht sich das entsprechende Handeln einem Erziehungsbegriff per se, denn im Raum der Gründe zu agieren bedeutet vernunftfähig zu sein und seine Spontanität des Verstandes gebrauchen zu können, also Fähigkeiten auszuüben, die nur für gebildete Menschen ausübbar sind. Das Fazit ist, dass Moral in Teilen durch Kultivierung und Gewöhnung bedingt wird und beides damit ein wesentlicher Schritt hin zur zweiten Natur im Sinne McDowells ist, was es wiederum ermöglicht, Situationen so wahrzunehmen, dass moralisch begründbar und auch vernünftig gehandelt wird. Wird der Gedanke fortgeführt, kann die These aufgestellt werden, dass moralisches Handeln nur durch vernunftfähige, kultivierte Personen möglich ist. Außerdem könnte angenommen werden, dass es keine objektive oder universelle Form moralischen Handelns gibt, sondern dass alle Kulturen ihre eigene Form von moralischen Ausprägungen und damit von Normen und Werten haben. Die Ausprägung von Moral ist damit kontextabhängig, weil auch das Verständnis dafür, also das Wissen, das aus Wahrnehmungen und Erfahrungen generiert wird, kontextabhängig ist. McDowell versucht jedoch diese Abhängigkeit der Fähigkeit zu moralischem Handeln als scheinbar objektiv darzustellen, weil sie abhängig von der Wahrnehmung selbst ist und Wahrnehmung bei Lebewesen in gewisser Weise gleichartiger Qualität ist (Stahl, 2014, S. 142). So zeigt sich in der ethischen Dimension von McDowell, dass moralische Tatsachen dadurch gekennzeichnet sind, dass sie Handlungsgründe bereitstellen, die in gewisser Hinsicht als gut zu bewerten sind und die Fähigkeit sie zu erkennen ist natürlich und damit auch menschlich (Stahl, 2014, S. 142). Es kann festgehalten werden, dass moralische Tatsachen im besten Fall eine Motivation per se sind moralisch zu handeln, wenn die Person es im Zuge ihrer Kultivierung verstanden hat, sie in den Raum der 3.1 Die Ethik des Menschen und seine Positionierung in der Philosophie von John McDowell 127 Gründe einzuordnen. Es kann an dieser Stelle auch von einem eigenen Raum im Raum gesprochen werden, einem Raum der ethischen Gründe. Stahls Interpretation hält fest, dass McDowell moralisches Handeln aus einer moralischen Eigenschaft im Objektbereich begründet. Das würde bedeuten, dass es keine wertfreie Welt gibt, die von Menschen erst normativ und wertorientiert konstruiert werden, um eine Rechtfertigungsgrundlage für moralisches Handeln zu generieren (Stahl, 2014, S. 144). Daher kann in diesem Zusammenhang gesagt werden, dass Moral – und dafür plädiert McDowell – nur von innen heraus, also durch moralisches Nachdenken, aufgearbeitet und verstanden werden kann. Daraus kann man schlussfolgern, dass ein Individuum keine Moral erkennen und als Rechtfertigungsgrundlage für moralisches Handeln verwenden kann, wenn es keine Ausbildung in moralischer Sprache und Terminologie genossen hat, weil es sich damit nicht im Raum der Gründe für Moral und ethisches Handeln bewegen kann. Das bedeutet wiederum, dass das Verstehen von Begrifflichem die Basis der Moral ist (Stahl, 2014, S. 144). Aus den bisherigen Kenntnissen kann der Begründung von moralischem Handeln rein aus der Tatsache, dass ein Mensch in eine Sprache eingeführt wurde, nicht widersprochen werden. Diese Annahme lässt die erlernten Praktiken und Traditionen der Gemeinschaft aber außer Acht, die dem Begrifflichen erst den intentionalen Inhalt verleihen. Wichtig für ein Verständnis der metaethischen Diskussion bei McDowell ist es, dass moralische Sachverhalte dem Menschen nur durch seine zweite Natur zugänglich sind (Stahl, 2014, S. 147). Daraus wird deutlich, dass moralische Urteile mittels Fähigkeiten getroffen werden, die zum natürlichen Potential des menschlichen Wesens gehören, weil sie Teil der Natur des Menschen sind und im Zuge der zweiten Natur hervortreten können (Stahl, 2014, S. 147). Eine kurze Anmerkung zum Bereich der Erziehung darf an dieser Stelle jedoch nicht fehlen. Lernprozesse, Teilbereiche der Erziehung, bilden die Fähigkeit für moralisches Erkennen aus, indem sie für moralische Tatsachen empfänglich machen. Dieses Empfänglichmachen könnte im Zuge der eben aufgezeigten Strukturen als Ausgangspunkt eines moralischen Bildungsbegriffs verstanden werden. Die Einführung des Erziehungsbegriffs in die bildungsphilosophische Debatte 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 128 unter Berücksichtigung des Naturbegriffs hilft beim Verständnis des Prozesses. Als Erziehung wird in gewisser Weise der Weg beschrieben, auf dem der vernunftbegabte Mensch zu einem moralisch gebildeten Wesen wird, das sich im Raum der Gründe bewegen kann. Dies könnte so verstanden werden, dass es verschiedene Ausprägungen moralischer Zuschreibungen gibt, die abhängig von der Qualität der moralischen Erziehung sind. Das bedeutet nicht, dass Menschen, die aus Sicht moralischer Personen keine Moral zu besitzen scheinen, tatsächlich keine Moral haben (Stahl, 2014, S. 146). Moralisches Handeln könnte als Ergebnis der subjektiven Motivation der „Selbstidentifikation“ verstanden werden. Individuen legen sich also selbst die Prinzipien auf, die durch Handlungsgründe ausgedrückt werden (Stahl, 2014, S. 149). Zusätzlich ist die Berücksichtigung des Aspektes der zwei Naturen bei McDowell an dieser Stelle für das Gesamtverständnis wichtig. Menschen sind in der Theorie von McDowell in gewisser Hinsicht Tiere anderer Art, was wiederum Konsequenzen für seine Bildungstheorie und für das Verständnis von Humanität hat, die unter Berücksichtigung der stoischen Philosophie noch erörtert wird (Lauer, 2014, S. 41). Dennoch ist es wichtig, den Bildungsbegriff und den Begriff der zweiten Natur in diese Struktur der Theorie einzubeziehen, weil die Koexistenz des Begriffs kein Ausschlusskriterium der einen oder anderen Seite bildet. Den Weg zu finden und die Verbindungen herzustellen, um das Denken auf die Begriffe und die Theorien neu auszurichten, ist Aufgabe der Philosophie. Sie soll dabei helfen, mit den Begriffen zu arbeiten, diese einzuordnen und für den Alltag nutzbar zu machen. Zeigt der Naturbegriff in der vorliegenden Arbeit, dass ihm eine zentrale Rolle zukommt, und etabliert sich dieser neben dem Begriff der Vernunft als tragendes Element menschlichen Seins, so wird ein Rückbezug auf antike Ideen unerlässlich. Der Moralbegriff, der bei McDowell zum Tragen kommt, basiert wesentlich auf der Auseinandersetzung mit aristotelischem und kantischem Gedankengut. Dabei ist ein besonderer Aspekt hervorzuheben, der die Frage nach dem „Wie“ im Leben betrifft, was impliziert, dass die Gestaltungsart des Lebens immer von der temporären Lebenssituation abhängig ist. Genau deshalb ist ein andauerndes Erleben von Gelegenheiten und Situationen, in denen auf bestimmte Art gehandelt wurde, unerlässlich, da das Subjekt auf 3.1 Die Ethik des Menschen und seine Positionierung in der Philosophie von John McDowell 129 Basis dieser Erfahrungen das für sich richtige Handeln ableitet (McDowell, 2002, S. 105). Die Struktur von McDowell zeigt letztendlich, dass in der ersten Natur des Menschen die Anlagen vorhanden sind, moralische Handlungsgewohnheiten zu entwickeln, die durch Gründe vermittelt werden und später verstanden werden können (McDowell, 2002, S. 14). Was dahin gehend bei McDowell als Moral bezeichnet werden kann, ist vorerst nichts anderes als ein Netz aus tugendhaften Handlungen, in die wir durch die Gemeinschaft und deren Begrifflichkeit eingeführt und hineinerzogen werden, wobei jedoch grundsätzlich alle Menschen dazu fähig sind. Dieser Prozess kann als ein Sprung von der ersten zur zweiten Natur verstanden werden und er widerspricht nicht in Gänze einem universalen Ansatz von Moral, der sich zum Beispiel in der Stoa zeigen wird, aus dem Grund, dass alle Menschen eine Fähigkeit zu moralischem Handeln haben und damit ein Tugendverständnis aufweisen, das universalen Charakter hat (McDowell, 2002, S. 15). Aus dieser Perspektive heraus betrachtet, wäre eine universalistische Struktur der moralischen Ausprägungen zwar nicht in der Gedankenwelt von McDowell angelegt, weil der Gültigkeitsanspruch einzelner Normen und Werte für alle Menschen fehlt. Doch in der weiteren Betrachtung insbesondere der Stoa wird deutlich, dass es sehr wohl Gemeinsamkeiten zwischen McDowells und einem stoischen universalen Moralbegriff gibt und dass dieser wichtig für das Naturverständnis bei McDowell ist, besonders weil er sich auf Aristoteles und Kant stützt, die beide ebenfalls mehr einem universalistischen als einem partikularistischen Moralverständnis anhängen. Das bedeutet zwar, dass die Fähigkeit zum moralischen Verstehen einem jeden Menschen durch die zweite Natur möglich ist, jedoch wird – und damit stützt man einen kulturalistischen Ansatz der Moral – das Individuum durch die Gemeinschaft und damit durch Sozialisation und Kulturaneignung in einen jeden speziellen Raum der Gründe eingeführt. Einzig die Vernunft jedoch nimmt bei McDowell die Rolle als Richter ein. Die Fähigkeit zur kantischen Spontanität und damit die Freiheit des Handelns bedingen somit moralisches Handeln oder unmoralisches Handeln auf Grundlage bewusster Entscheidungen. Bevor aber die stoische Philosophie ausführlich behandelt wird, sollen in einem weiteren Kapitel beide prägenden Ansätze und Denkströmungen beleuchtet werden, die ein Spannungsverhältnis in der McDowell’- 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 130 schen Philosophie aufbauen und neue Erkenntnisse über die menschliche Natur zeigen. Die Stoa, so wird sich dann an das Kapitel 3 anschließend zeigen, hat besonders mit ihren Gedanken zur menschlichen Natur im Zuge einer individuellen und allgemeinen Natur prägend auf das Naturverständnis eingewirkt. Die Stoiker, angetrieben von dem Gedanken, dass alle Menschen miteinander verbunden sind, dachten, dass es in der Natur des Menschen liegt, sich mit anderen Artgenossen zu versammeln und ein gemeinsames Leben in einer Art Symbiose aufzubauen. Diese Gemeinschaft des Menschen war unabhängig von Stand und Rang und nur abhängig vom Menschsein an sich, was voraussetzt, dass man zu einem Zusammenleben auf Grundlage von Normen und Werten in der Lage und damit auch ausgestattet mit einer moralischen Fähigkeit ist. Das Spannungsverhältnis zwischen aristotelischer und kantischer Ethik in der Philosophie John McDowells vor dem Hintergrund seiner Moraltheorie Zwei Autoren treffen in McDowells Überlegungen zur Moraltheorie in „Die Welt im Blick“ und „Wert und Wirklichkeit“ aufeinander: Aristoteles und Kant sind für das Verständnis der theoretischen Konzeption von McDowells zweiter Natur und dem damit verwobenen Moralverständnis unerlässlich. So sieht McDowell in der menschlichen Fähigkeit zur ethischen Erkenntnis eine Manifestation von Erziehung und Bildung (Stahl, 2014, S. 139). Im Zuge des Kapitels sollen die folgenden drei Aussagen aufgearbeitet werden: a) Die Trennung von erster und zweiter Natur ist von der moralischen Ausprägung des Menschen abhängig. b) Bildung ist nur in Verbindung mit Erziehung zu denken. McDowell betont bei der Diskussion der praktischen, ethischen Dimension seiner Theorie, dass der Mensch nicht ohne Erziehung in den Raum der Gründe und damit in einen Raum ethischen Handelns und Entscheidens eingeführt werden kann (Stahl, 2014, S. 140). c) Nach McDowell ist der moralische Raum autonom und daher in seiner Eigenart nur von einem Standpunkt innerhalb seiner selbst 3.2 3.2 Das Spannungsverhältnis zwischen aristotelischer und kantischer Ethik in der Philosophie John McDowells 131 wahrnehmbar. Das heißt, der Mensch kann im moralischen Bereich keine Erkenntnisse erlangen, die nicht auf den diesem Bereich eigenen Begriffen und Kriterien beruhen. Es kann somit festgehalten werden, dass ein Mensch im Zuge der Erlangung der zweiten Natur von der Gemeinschaft in einen ethisch begrifflichen Raum eingeführt wird, womit er moralische Tatsachen dieser Gemeinschaft erkennen kann (Stahl, 2014, S. 140). Durch Vernunft und den vernunftgemäßen Gebrauch des Verstandes ist er in der Lage, moralische Tatsachen als solche wahrzunehmen und danach zu handeln. Hierbei wendet McDowell eine aristotelische und keine stoische Perspektive auf den Logos-Begriff an. Die Vernunft, die im Zuge der Tugendlehre deutlich wurde, wird dabei in Verbindung mit Kants Spontanitätsbegriff gebracht. Nach Kants Erkenntnistheorie kann ein Gegenstand erst durch die Sinne und dann im Denken selbst erfahren werden. So beruht auch die an Aristoteles angelehnte Ethik McDowells auf grundlegenden Heranführungsstrukturen. Menschen müssen eine ethische Vorerziehung genossen haben, damit sich ihnen der Bereich der Ethik erschließt (Rapp, 2014, S. 158). Einer der Gründe dafür liegt sicherlich darin, dass McDowell eine sprachliche „Vorgeprägtheit“ des Menschen hinsichtlich der Inhalte annimmt, die er wahrnehmen und erkennen kann. Das bedeutet, zweite Natur ist auf einen ethischen Erziehungsprozess gestützt, der bei Aristoteles einer Form der Ausprägung der praktischen Vernunft im Menschen gleichkommt. Die Voraussetzung dieses Ausprägungsprozesses ist jedoch sittliche Einsicht, die dem Menschen dadurch zukommt, dass er von Natur aus – also in seiner ersten Natur – ein Wesen ist, das eine Anlage zu einem intuitiven Verstand besitzt und daher verständnisvoll agieren kann. McDowell schreibt der menschlichen Natur eine Ausübung der Tüchtigkeit zu, dahin gehend, dass er auf die aristotelische Form der εὐδαιμονία (eudaimonia) abzielt, indem sie sich eben dadurch im höchsten Maße selbst verwirklicht (McDowell, 2002, S. 128). Dabei ist entscheidend, dass Aristoteles dieser Fähigkeit im Menschen eine prozesshafte Entwicklung zuspricht; sie muss zwar vorhanden sein, kann aber mit zunehmendem Alter immer weiter ausgebaut werden. Für McDowell ist damit die menschliche Natur in folgendem Zitat beschrieben. 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 132 „Es sei unsere gemeinsame menschliche Natur, die den Rahmen bestimmt, in dem wir Thesen darüber, wie die Menschen ihr Leben führen sollen, verständlich finden können. Außerdem sei die gemeinsame menschliche Natur die Grundlage der gegebenen Möglichkeiten, derartige Auseinandersetzungen einer Lösung zuzuführen, oder doch zumindest der Möglichkeit, sich eine der konkurrierenden Positionen in reflektierter Form (also im Bewußtsein, daß es andere Standpunkte gibt) auf Dauer zu eigen zu machen.“ (McDowell, 2002, S. 129). McDowell eignet sich Aristoteles‘ Konzeption der εὐδαιμονία (eudaimonia) und der Tugendhaftigkeit durch sittliche Einsicht an und macht sie sich zunutze. In McDowells Gedankengebäude erwirbt der Mensch die sittliche Einsichtsfähigkeit, die in seiner Natur bereits begründet liegt, in zunehmendem Maße, womit er schließlich über die Vernunft verfügt, ethische Forderungen aufnehmen und verarbeiten zu können. Sittliche Einsicht ist somit eine Form des Verstandes oder des vernunftgemäßen Gebrauchs des Geistes, die dazu befähigt, Dinge im Raum der Gründe zu erkennen. Dazu ist es notwendig, dass die Dinge begrifflich strukturiert sind. Dann kann derjenige, der handelt, die Gründe für sein Handeln reflektieren und die ethischen Forderungen erkennen. An dieser Stelle verweist McDowell auch auf Hume, dahin gehend, dass ein echter Handlungsgrund auch eine rationale Triftigkeit aufweist, wobei sie einen nicht motivierten Wunsch erfüllt, was bedeutet, einen Wunsch, der von sich aus ohne weitere Gründe vorhanden ist (McDowell, 2002, S. 131). An diesem Punkt wird die zweite Natur wirksam, in die der Mensch, wie schon beschrieben, durch die Gemeinschaft eingeführt wird. Denn damit, also mit Bildung, hat der Mensch die Möglichkeit, im Sinne der menschlichen Natur die ethischen Forderungen zu erkennen, weil er eben begrifflich dazu in der Lage ist. Es zeigt sich, „[d]as Ethische ist der Bereich rationaler Forderungen“, auf die wir „aufmerksam [werden], indem wir die geeigneten begrifflichen Fähigkeiten erwerben.“ (McDowell, 2012, S. 107). Wie oben bereits erklärt ist die Befähigung zur Tugend, die nach Aristoteles in einem ethischen Erziehungsprozess ihre Vollendung findet, in der menschlichen Natur von jeher vorhanden. Der Mensch ist also von Natur aus dazu geeignet, Tugenden zu entwickeln, und zwar mitunter in einem Prozess der Gewöhnung (Rapp, 2014, S. 159). Somit stellt sich die Frage, ob nicht dieser Gewöhnungsprozess eine Art ethi- 3.2 Das Spannungsverhältnis zwischen aristotelischer und kantischer Ethik in der Philosophie John McDowells 133 scher Reifeprozess ist, aus dem schließlich ein Mensch mit moralischen Orientierungen und Grenzen hervorgeht, die sich in einem bestimmten für ihn eigenen Verhalten äußern. Dieses Verhalten wiederum könnte als moralischer Kompass verstanden werden, der den Menschen leitet und lenkt. Von zentraler Bedeutung für eine weitere systematische Auseinandersetzung mit dem Begriff der zweiten Natur in der ethischen Diskussion ist der Begriff der φρόνησις (phronesis), der als praktische Vernunft oder Klugheit bezeichnet wird und in gewisser Hinsicht ein Produkt des praktischen λόγος (logos) ist, der sich durch moralische Erziehung und Gewöhnung herausbildet (Rapp, 2014, S. 161). Wobei jedoch McDowell aus Aristoteles schlussfolgert, dass Klugheitserwägungen sogenannte hypothetische Imperative sind, wohingegen moralische Forderungen an das Subjekt nicht durch Wünsche oder fehlende Gründe gerichtet werden können (McDowell, 2002, S. 155). Eben dieses Verständnis des Logos beruhend auf Aristoteles baut McDowells Vernunftverständnis auf, ohne jedoch seinen Naturbegriff genauer zu konkretisieren. Da vernunftgesteuerte, mit φρόνησις (phronesis) ausgestattete Lebewesen nicht rein triebgesteuert sein können, lässt sich die Aussage treffen, dass die erste Natur der Bereich des triebgesteuerten Seins ist, die zweite Natur hingegen beinhaltet die Fähigkeit der Distanzierung von der ersten Natur. Die Fähigkeit des Menschen aus seiner triebgesteuerten ersten Natur herauszutreten und sich von außerhalb reflektierend zu betrachten, wohnt bereits dieser ersten Natur wesentlich inne und kann in der zweiten Natur entwickelt werden. Dabei entsteht auch die Möglichkeit des Menschen, sich zu beurteilen, damit Schlussfolgerungen für sein Handeln gezogen werden können. Die erworbene praktische Vernunft öffnet in McDowells und Aristoteles Gedankengebäuden dem menschlichen Wesen die Augen für das Erkennen von Handlungsgründen, auch im moralischen Kontext (Rapp, 2014, S. 162). Eine Annäherung an McDowells aristotelische Perspektive verlangt auch, dass der Begriff der Tugend erläutert wird, da er maßgeblich in das System von McDowell hinsichtlich der Moraltheorie eingebettet ist, auch wenn der Tugendbegriff kein genuin moralischer Begriff ist (McDowell, 2002, S. 151). Man könnte meinen, dass McDowell grundsätzlich ein sokratisches Tugendverständnis besitzt, indem er 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 134 von der Einheit des Tugendbegriffs ausgeht. Um McDowells holistischen Ansatz genauer zu erfassen, ist es vorab notwendig, zwischen zwei grundsätzlichen Möglichkeiten der Positionierung zu unterscheiden. Diese sind zum einen die Position, dass der Mensch tugendhaft ist und von sich aus und ohne innere Widerstände seine Handlungen an moralischen Kriterien ausrichtet. Zum anderen die Position, dass der Mensch zwar tugendhaft handeln kann, dazu jedoch immer wieder innere Widerstände überwinden muss. Je nach situativen Anforderungen tritt er in einen inneren Widerstreit mit sich selbst basierend auf den Gründen für Handlungen (Rapp, 2014, S. 164). McDowell positioniert sich mit seinem Tugendverständnis daher in der aristotelischen Tradition, indem er Tugend als ein holistisches Ganzes aus Verhaltensweisen interpretiert, das an moralischer Qualität gewinnt, jedoch nur aus der Binnenperspektive des moralischen Systems erkannt wird. Tugendhafte Wahrnehmung und Handlung ist das Ergebnis eines moralischen Sozialisationsprozesses, der sich in Handlungsgewohnheiten äu- ßert und damit eine Art intellektuelle Umformung ist (McDowell, 2002, S. 16). Tugend und Moral sind für McDowell nicht ein und dieselbe Sache, wie bereits oben gezeigt, weisen aber gemeinsame Struktur auf, denn moralisches Handeln kann auch tugendhaften Handeln sein und umgekehrt. Wichtig ist hier, dass gezeigt wurde, wie der Begriff der Tugend aus der Tradition der Antike in die Perspektive McDowells übernommen wurde, besonders im Sinne der Handlungsbegründung. Zusätzlich zum Verständnis der antiken Herleitung ist der Begriff des Glücks kurz zu betrachten. Dem Glücksbegriff, εὐδαιμονία (eudaimonia), kommt vor allem im Kontext der stoischen Philosophie in dieser Arbeit eine bedeutende Rolle zu, wobei er, wie bereits gezeigt, auch in der aristotelischen Lehre herangezogen wurde. Ein Ziel insbesondere der alltagspraktischen Philosophie der Stoiker besteht darin, jeden Menschen zu einem glücklichen Leben zu führen. Bei Aristoteles wie auch bei den Stoikern spielen dabei die eben geschilderte Tugend und die Tugendlehre eine besondere Rolle. Denn das glückliche Leben, bei Seneca vita beata genannt, kann gemäß Aristoteles, aber auch nach der stoischen Philosophie, sei es die von Zenon, Seneca oder Cicero, durch ein tugendhaftes Leben erreicht werden. Dieses Leben ist vernünftig, 3.2 Das Spannungsverhältnis zwischen aristotelischer und kantischer Ethik in der Philosophie John McDowells 135 also rational erstrebenswert und damit in ethischer Hinsicht ein Handlungsgrund für den Menschen (Rapp, 2014, S. 165). Besondere Aufmerksamkeit muss in diesem Zusammenhang der Verbindung zwischen McDowell und Aristoteles zukommen. Vor allem McDowells Ansichten über das Glück und die Tugend sind denen Aristoteles ähnlich. Dennoch wird es im folgenden Kapitel eine Heranführung an die Stoa geben, weniger auf Basis des Glücksbegriffs, sondern auf Grundlage einer dezidierten Betrachtung eines Naturverständnisses, die McDowell schuldig bleibt. Über die Moraltheorie hinausgehend bedarf die menschliche Natur im Zuge der ersten und zweiten Natur einer weiteren Perspektive auf den Naturbegriff. Beide Denkrichtungen, also McDowell und die stoische Schule lehnen es ab, Güter zu verfolgen, die nicht per se tugendhaft sind und damit nicht zum Glück führen. Diese radikale, nichtsubjektivistische Tugendlehre, die eine Relativierung der Tugend ausschließt, ist mehr eine stoische als aristotelische Position (Rapp, 2014, S. 168). Es zeigt sich bei Aristoteles, anders als bei den Stoikern, für die Verstand stets eine allgemeine Funktion darstellt, ein speziell für den Umgang mit ethischen Begriffen ausgebildeter Verstand. Dabei steht im Fokus, dass Ethik und Moral Bereiche sind, denen rationale Muster zugrunde liegen und in denen sich an das Individuum rationale Forderungen stellen. Diese ethischen Forderungen auch begrifflich wahrzunehmen, ist eine Fähigkeit der zweiten Natur des Menschen und damit eine durch Bildung erkennbare und durch Erziehung vermittelbare (McDowell, 2012, S. 107). Ohne eine geeignete Erziehung ist der Mensch zwar empfänglich für die ethische Dimension, er kann sie jedoch nicht in einem Zusammenwirken von Spontanität und Rezeptivität erkennen, weil ihm dazu keine angemessenen begrifflichen Mittel zur Verfügung stehen. Diese begrifflichen Mittel sind von wesentlicher Bedeutung für die aristotelische Struktur von McDowells Moralbegriff und sind eng mit dem Konzept der Wahrnehmung verflochten. Wahrnehmung ist bei Aristoteles auch durch tugendhafte Wahrnehmung der Gründe möglich. Tugend im Sinne der aristotelischen Tugendlehre resultiert zum einen aus der praktischen Vernunft, die der Mensch auch in seiner zweiten Natur entwickelt und die eine der beiden Motivationen des Menschen zu möglichem moralischem Handeln begründet (Rapp, 2014, S. 169). Die andere, nichtrationale Motivation besteht 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 136 darin, zur Gewöhnung gewordenen tugendhaften Denk- und Handlungsmustern zu folgen, ohne dass Wünsche den Handlungsgrund für moralische Handlungen liefern. Dagegen bildet sich eine rationale Motivation als Effekt eines selbst operierenden Intellekts (Rapp, 2014, S. 176). Aristoteles schreibt in seiner „Nikomachischen Ethik“, dass der Tugendhafte um der Tugend willen selbst und der Tapfere um des edlen Seins willen handelt. Das bedeutet, dass Handlungen mit ethischem Gehalt um ihrer selbst willen und als Instrument zur Erreichung eines außerhalb ihrer selbst liegenden Ziels ausgeführt werden und somit gänzlich in der ethischen Dimension selbst verortet sind (Rapp, 2014, S. 160 u. Nik. Eth., II 3, insb. 1105a32 und III 10–11, insb. 1115b23 sowie IV 4, 1122b6–7). Es wird nunmehr ersichtlich, dass der hier zugrunde gelegte Tugendbegriff im Gegensatz zu dem der Stoiker keine instrumentelle Ausübung von Tugenden als Mittel zur Erreichung von Glück vorsieht, was übrigens sogar für nichtrationale, auf Gewohnheit basierende Tugendausübung gilt. Die Annahme eines nichtinstrumentellen Charakters der Tugend setzt sich – in Abgrenzung zu den Stoikern – von Aristoteles auf Kant fort. Denn dieser positioniert den Menschen hinsichtlich seiner ethischen Dimension als ein Wesen sui generis, das von sich aus die Anlage zum Guten hat. „Der Mensch soll seine Anlage zum Guten erst entwickeln; die Vorsehung hat sie nicht schon fertig in ihn gelegt. Es sind bloße Anlagen und ohne den Unterschied der Moralität. Sich selbst besser machen, sich selbst kultivieren, und wenn er böse ist, Moral bei sich hervorbringen, das soll der Mensch. Wenn man das aber reiflich überdenkt, so findet man, daß dieses sehr schwer sei. Daher ist die Erziehung das größte Problem, und das schwerste, was dem Menschen kann aufgegeben werden.“ (Kant, 1803, S. 702). Indem er die Bestimmung des Menschen in seinem Menschsein selbst sieht, hat Kant dem Menschen die Verantwortung des Handelns zurückgegeben und ihm damit die Auflage geschaffen, sich seines Verstandes zu bedienen, um recht zu handeln (Kant, 1803, S. 698). Der Schlüssel dazu ist auch bei Kant die Erziehung, wie er in seiner Vorlesung über die Pädagogik an der Universität Königsberg erklärte. Darin zeigte er nicht nur fundamentale, praktische Lehrbeispiele für das Erziehen auf, sondern auch seine Vorstellung vom Menschen selbst. Disziplinierung ist nach Kant eine wesentliche Stufe im Erziehungsvor- 3.2 Das Spannungsverhältnis zwischen aristotelischer und kantischer Ethik in der Philosophie John McDowells 137 gang, was den Grundstock für die Theorien über die Pädagogik von Kant bildet. „Der Mensch kann nur Mensch werden durch die Erziehung, er ist das was die Erziehung aus ihm macht.“ (Kant, 1803, S. 699). Erziehung in diesem Sinne muss Grundsätze vermitteln und diese Grundsätze müssten den Menschen zur anderen Natur werden. Diese andere Natur kann nur als eine Kulturnatur verstanden werden, eine Natur also, die im Sinne McDowells als zweite Natur zu verstehen ist. Der Begriff der Natur ist bei Kant grundsätzlich nicht nur tautologischer Struktur, sondern erfasst mehrere Naturen oder Naturzustände, die sowohl innerhalb als auch außerhalb des Menschen existieren. Der Mensch erlernt in seiner Erziehung also Grundsätze des rechten Handelns erst aufgrund einer Einführung und Disziplinierung, später dann als entwickelte Persönlichkeit durch die Moral, im Sinne der Moralisierung bei Kant, die er sich in diesem Prozess angeeignet hat. Die Aneignung von Moral basiert auf Erfahrungen und deren Reflexion. Dieser Prozess kann im Sinne McDowells als Bildung bezeichnet werden. Da in diesem Prozess der Andere als Akteur nicht mehr für das vernunftgemäße Handeln der Person notwendig ist, ersetzt die Moral den Erziehenden als Instanz. Die Formation von Werten und von Normen im Subjekt erfolgt nun nicht mehr durch äußere Einwirkung auf das Subjekt, sondern in seinem Innern – und dort als natürlicher Prozess. Dabei versteht Kant Natur als spezifisch menschliche Natur, also eine, die dem Menschen zu eigen ist, aber von ihm zugleich auch geschaffen wird. Darin liegt keineswegs eine Verzerrung oder Entgrenzung des Naturbegriffs, die eine Unterscheidung des Natürlichen vom Nichtnatürlichen nicht mehr zuließe. Denn der Begriff der Natur, also der Begriff einer Welt außerhalb des Menschen, ist für Kant nach McDowell ohnehin von der menschlichen Vernunft geschaffen worden. „For Kant, the idea of nature is the idea of the realm of law, the idea that came into focus with the rise of modern science.” (McDowell, 1996, S. 97). McDowell will damit wohl zeigen, dass die „Herrschaft der Gesetze“ eine Vorstellung oder eine Idee ist, die sich durch moderne Wissenschaft erschließen lässt, weshalb sie auch dadurch in die Natur an sich gelangt. Die Frage, ob McDowell damit auf eine Diametralität anspielt, weil mit realm of law vielleicht auch das realm of freedom gemeint sein 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 138 könnte, lässt sich nicht abschließend klären. Schlüssiger ist wohl, dass Kant sehr wohl eine Trennlinie zwischen Naturbegriff und Vernunftbegriff setzt, wie es McDowell vermutlich damit ausdrücken wollte. Indem der Mensch als einziges Geschöpf erzogen werden muss, schafft er sich seine Natur durch sich selbst. Durch die Erziehung bringt der Mensch anderen Menschen durch äußere Einflüsse eine spezifische Natur bei, die sich dann in einem Erkennen moralischer Gründe zeigt und weiterentwickelt zu einer vernunftgeleiteten Natur des Menschen. Auch Fichte hat sich dem Gegenüber, also der Menschwerdung durch Intersubjektivität gewidmet. Für Fichte müssen alle Menschen erst zum Menschsein erzogen werden, also eine zweite Natur im Sinne McDowells generieren (Fichte, 1962, S. 347). „Sollen überhaupt Menschen seyn, so müssen mehrere seyn.“ (Fichte, 1962, S. 347). Um den Begriff der Bildung in diesem Zusammenhang einzuführen, muss vorab der Erziehungsbegriff kurz skizziert und abgegrenzt werden. Praktische – im kantischen Sinne also auf Freiheit gerichtete – Erziehung ist moralische Erziehung, aus der durch Verinnerlichung von Werten und Normen eine Persönlichkeit entsteht. Deren selbsttätige Weiterentwicklung stellt einen Bruch mit der interaktionistischen Struktur der Erziehung dar und konstituiert das, was als Bildung verstanden wird. Das bedeutet, dass moralische Erziehung bei Kant ein Schritt in einem Vorgang des Menschwerden selbst ist, der dann in weiteren Schritten in Form der Moralisierung fortgesetzt und vollendet wird. So ergeben sich bei Kant Schritte zur Menschwerdung. Diese reichen bis zu einer von ihm genannten Moralisierung als höchste und vollendende Stufe der Menschwerdung. Die Moralisierung kulminiert bei Kant in der Entwicklung einer Gesinnung. Gesinnung zeichnet sich dadurch aus, dass das moralische Handeln eine Leistung des Menschen ist, die ihn in seiner Natur vom Tier unterscheidbar macht. Dieser letzte Aspekt kann mit McDowell als zweite Natur und damit als Bildung definiert werden. Damit ist bei Kant Moral Ausdruck des Menschseins an sich und – bei McDowell – somit die zweite Natur selbst. Dabei erreicht der Mensch durch die Moralisierung auch innere Zufriedenheit und damit Glück. Diese Verschränkung von Moral und Glück tritt bei den Stoikern in anderer Weise auf. 3.2 Das Spannungsverhältnis zwischen aristotelischer und kantischer Ethik in der Philosophie John McDowells 139 Es zeigt sich, dass bei Kant Glück nur ein Nebeneffekt ist; bei den Stoikern ist Glück das Ziel des tugendhaften Lebens. Kant stützt sich besonders mit seinem Begriff der Vollkommenheit auf stoische Positionen. Damit will er die Fähigkeit zur Vernunft, die eine Vollkommenheit des menschlichen Seins darstellt, als das Ausschlaggebende und Objektive in seiner Theorie der Sittlichkeit verankern. Das formale praktische Prinzip der reinen Vernunft ist das Einzige, was den kategorischen Imperativ nach Kant hervorbringen kann. „Ob aber der Mensch nun von Natur moralisch gut oder böse ist? Keines von beiden, denn er ist von Natur gar kein moralisches Wesen. Er wird dies nur wenn seine Vernunft sich bis zu den Begriffen der Pflicht und des Gesetzes erhebt.“ (Kant, 1803, S. 753). Noch deutlicher wird die enge Beziehung zu Kant darin, dass auch er dem Menschen keine Moral von sich aus zuschreibt und deshalb auch eine Einheit von erster und zweiter Natur annimmt. In der eben gezeigten Struktur aus aristotelischen und kantischen Positionen offenbart sich ein Spannungsverhältnis, das typisch für den kantischen Menschen ist. Die Zweigliedrigkeit aus Zwängen und Freiheit des Geistes ist grundsätzlich von Einflüssen der Natur und der Moral geprägt. Anhand der aristotelischen Philosophie zeigt McDowell hingegen eine auf Einfachheit gerichtete Argumentation, die in der Begriffsrekonstruktion von εὐδαιμονία (eudaimonia) deutlich wird. Für Aristoteles, und darauf basieren auch die Annahmen von McDowell, sind Kinder und nichtmenschliche Lebewesen von ihrer Art her gleich in Bezug auf die Fähigkeit zur εὐδαιμονία (eudaimonia) und folglich auch auf das, was zu einem glücklichen und guten Leben beiträgt. Dabei ist bezüglich der εὐδαιμονία (eudaimonia) entscheidend, ob etwas um seiner selbst oder um eines außerhalb von ihm liegenden Zwecks willen getan wird (McDowell, 2002, S. 109 ff.). Bei Kleinkindern werden Handlungen meist zum Eigennutzen vollzogen, bei Tieren ebenso. Beide weisen animalische und damit triebgesteuerte Strukturen auf, die das Denken deterministisch prägen. Damit hebt sich die ausgebildete Persönlichkeit durch die Fähigkeit zur Vernunft ab, um Handlungen ohne persönlichen Zweck heraus zu vollziehen. Die Theorie der menschlichen Natur bildet sozusagen die Grundlage, auf der erklärt werden kann, wie der Mensch im Zusammenhang mit der εὐδαιμονία (eudaimonia) die Ausübung der Tüchtigkeit und Tugendhaftigkeit ziel- 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 140 gerichtet nutzt. Menschliche Natur nimmt hier eine kausale, aussagekräftige und tragfähige Rolle für das Leben des Menschen und dafür ein, wie dieser sein Leben gestalten soll (McDowell, 2002, S. 128 f.). „Dass übrigens, so wie, vermöge der Freiheit, der menschliche Wille durchs moralische Gesetz unmittelbar bestimmbar ist, auch die öftere Ausübung, diesem Bestimmungsgrunde gemäß, subjektiv zuletzt ein Gefühl der Zufriedenheit mit sich selbst wirken könne, bin ich gar nicht in Abrede; vielmehr gehört es selbst zur Pflicht, dieses, welches eigentlich allein das moralische Gefühl genannt zu werden verdient, zu gründen und zu kultivieren; aber der Begriff der Pflicht kann davon nicht abgeleitet werden, sonst müßten wir uns ein Gefühl eines Gesetzes als eines solchen denken, und das zum Gegenstande der Empfindung machen, was nur durch Vernunft gedacht werden kann.“ (Kant, 1870, S. 46). Die Gestaltung des Lebens ist dabei von persönlicher Freiheit im Zeichen moralischer Gesetze und Rechtfertigungsgrundlagen geleitet, die der Mensch im Raum der Gründe erkennen kann. Nach der systematischen Rekonstruktion zentraler Begriffe der McDowell’schen Philosophie, der Darstellung und Interpretation des Naturalismus, seinem Vergleich mit dem Ansatz von McDowell sowie der Einbeziehung der ethischen Dimension in das Themenfeld wird nun die antike und spätantike Philosophie der Stoa für eine genauere Betrachtung McDowells nutzbar gemacht. Dieser thematische Sprung ist wichtig, um den Begriff der Natur deutlicher und strukturierter aufzuarbeiten und im Verhältnis zur McDowell’schen Theorie neu zu beleuchten. Wie eben gezeigt wurde, ist die moralische Dimension menschlicher Natur durch die Vernunft und in ihrer dahin gehend disponierte Gründe für Handlungen wahrzunehmen. Es ist Teil der Fähigkeit des Menschen, vernünftig zu handeln und auch moralisch zu handeln. Der Mensch ist dabei in seiner ersten und zweiten Natur von animalischen und humanen Zügen geprägt, in denen sich die humanen Züge als die zweite Natur auszeichnen. Dabei hat sich gezeigt, dass McDowells Bildungsbegriff ein Verständnis des Menschen zulässt, in dem er durch und mit Bildung über seine animalische Struktur hinausgeht. Kants Spontanität und aristotelische Perspektiven auf den Tugendbegriff spielen im Kontext mit Vernunft und Natur bei McDowell dabei eine wesentliche Rolle für das Verständnis. Eine abschlie- ßende Perspektive auf den Naturbegriff in seiner Vielschichtigkeit ist dennoch auch mit den gezeigten Sichtweisen nicht vollzogen. Daher 3.2 Das Spannungsverhältnis zwischen aristotelischer und kantischer Ethik in der Philosophie John McDowells 141 hilft es, für den Naturbegriff an die stoische Philosophie anzuknüpfen. Die Ausdifferenzierung des Naturbegriffs und ein Verständnis von Welt im Sinne des Verhältnisses aus Geist und Welt wurden nicht abschließend erreicht. Der Naturbegriff bleibt unterbestimmt, auch wenn versucht wird, ihn von Aristoteles kommend herzuleiten. Deshalb sollte man sich mit der Stoa befassen, die es erlaubt, den Naturbegriff deutlicher zu fassen und in einen neuen Kontext zu setzen. 3 Die ethische Dimension in der McDowell’schen Theorie 142

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References

Abstract

In this educational philosophical work, the concept of McDowell's education is re-examined from the concept of reason and nature, taking into account the Stoa. Enriched with stoic ideas about the concept of nature, the book reveals new perspectives and yet does not shy away from the examination of the great philosophical frameworks contained in McDowell's theories. Representatives of naturalism are sketched as well as different theories about first and second nature. Moral philosophical parts that show the ethical understanding of the second nature in McDowell, referring to authors such as Kant, Hegel and Aristotle, round off the overall concept. Through the text-analytical reworking of Cicero, Seneca and Marc Aurel, a bridge is then built to McDowell's undefined concept of nature in order to enrich it with the stoic logo.

Zusammenfassung

In dieser bildungsphilosophischen Arbeit wird vom Vernunft- und Naturbegriff ausgehend der Bildungsbegriff McDowells unter Berücksichtigung der Stoa neu beleuchtet. Angereichert mit stoischen Ideen zum Naturbegriff zeigt das Buch neue Perspektiven auf und scheut dabei dennoch nicht die Aufarbeitung der großen philosophischen Bezugsrahmen, die in McDowells Theorien enthalten sind. Vertreter des Naturalismus werden ebenso skizziert, wie verschiedene Thesen zu erster und zweiter Natur. Moralphilosophische Anteile, die unter Bezug auf Autoren wie Kant, Hegel und Aristoteles das ethische Verständnis der zweiten Natur bei McDowell zeigen, runden das Gesamtkonzept ab. Durch die textanalytische Aufarbeitung von Cicero, Seneca und Marc Aurel gelingt im Anschluss daran ein Brückenschlag zu McDowells undefiniertem Naturbegriff, um diesen mit dem stoischen Logos anzureichern.