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Einleitung in:

Timo Steininger

John McDowells Bildungstheorie, page 1 - 18

Vernunft und Natur vor dem Hintergrund stoischer Perspektiven zum Naturbegriff

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4458-2, ISBN online: 978-3-8288-7478-7, https://doi.org/10.5771/9783828874787-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Philosophie, vol. 39

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung In der Philosophie von John McDowell geht es im Kern um die Interaktion des Menschen mit der Welt in einer Struktur aus erster und zweiter Natur, die er in seiner Theorie erarbeitet hat. Die Interaktion des Menschen mit der Welt zeigt, wie der Mensch aus der Welt durch empirische Erfahrungen Rechtfertigungen für seine Weltsicht erlangen kann, wie er also zu einer gesicherten Wahrnehmung der Welt kommt. Die Fragen McDowells zielen darauf ab, wie sich das Zusammenspiel aus Ich- und Weltbeziehung im Rahmen der Interaktion des Menschen mit seiner Welt verhält und welche Stellung dabei der Naturbegriff einnehmen kann. Ausgehend von dieser Interaktion des Menschen können Rückschlüsse darauf gezogen werden, wie begründetete Annahmen und somit rationale und damit vernünftige Handlungen möglich sind. Für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Thematik ist es hilfreich, der Frage nach der Aktualität und dem Bezugsrahmen der Philosophie John McDowells sowohl unter Betrachtung seiner philosophischen Rezeption wie auch im Zuge einer empirischen Auseinandersetzung nachzugehen. Dahingehend soll die vorliegende Arbeit den philosophischen Ansatz McDowells in den aktuellen Diskussionen um die Begriffe Natur, Vernunft und Bildung verorten und das Naturverständnis in Bezug auf McDowell erweitern. Die Arbeit liefert somit einen Beitrag zum Verständnis dessen, was die doppelte Struktur des Naturbegriffs in der Philosophie von McDowell ist und, davon ausgehend, wie sein Naturbegriff im Lichte seines Verständnisses von Bildung zu verstehen ist. Besonders hebt diese Arbeit damit die Bedeutung des Bildungsbegriffs unter Berücksichtigung des Naturverständnisses hervor, wie es McDowell selbst mit seinem überaus eindrucksvollen Textabschnitt in „Geist und Welt“ getan hat, durch den er versucht, dem Geist des Menschen seine Bedeutung zurückzugeben. „Wenn wir die Art und Weise, wie sich Aristoteles die Formung der ethischen Persönlichkeit vorstellt, verallgemeinern, bekommen wir einen Begriff davon, was es heißt, daß wir Gründe im allgemeinen Aufmerksamkeit 1 schenken, wenn wir uns eine zweite Natur aneignen. Mir fällt kein besserer Ausdruck dafür ein, doch ich denke, in der deutschen Philosophie nennt man das Bildung.“ (McDowell, 2012, 110). Dieses Zitat ist die treffendste Stelle, die den Anlass diese Arbeit zu schreiben zeigt, weil McDowell mit diesem Abschnitt den Naturbegriff mit dem deutschen Bildungsbegriff verschränkt, ohne jedoch eine genauere Klärung seines Naturverständnisses zu hinterlassen. Daher wird in einer dialektischen Herangehensweise der philosophische Ansatz McDowells systematisch rekonstruiert und in einen neuen Deutungszusammenhang zur stoischen Philosophie gesetzt, um seine Perspektive auf den Naturbegriff und damit auch auf die menschliche Natur zu erhellen. Dabei wird zum einen das Naturverständnis von McDowell in Abgrenzung vom szientistischen Naturalismus erläutert, weil der Naturalismus eine antithetische Position zu McDowell einnimmt und dadurch die Positionen McDowells klar abzugrenzen sind. Zum anderen wird im Kontext (spät‑) antiker stoischer Philosophie der Blick auf den Bereich des Naturbegriffs in der Stoa und deren Verständnis des Menschen gerichtet, weil die Stoa einen vielschichtigen Naturbegriff hat, dessen Verständnis hilfreich für die Betrachtung der Perspektiven McDowells ist. Aus den verschiedenen Rekonstruktionszusammenhängen werden die kategorialen Ebenen der menschlichen Natur und des Naturverständnisses herausgearbeitet, durch die eine neue Perspektive auf das McDowell’sche Naturverständnis gelingt. Daraus werden ebenso Rückschlüsse auf den Bildungsbegriff gezogen, die wiederum dadurch einen Beitrag zur bildungsphilosophischen Diskussion leisten, dass Natur und Bildung bei McDowell eine Verbindung eingehen. Die Begriffe Ethik und Moral werden in dieser Arbeit zusätzlich eingebunden und stehen dabei in einem Verhältnis zueinander, weil sie grundlegend in das Verständnis von second nature (zweite Natur) und Bildung bei McDowell einfließen. Dabei spielen der individuelle, intersubjektive Aspekt der Moral und der metaperspektivische Ansatz der Ethik dahin gehend eine Rolle, dass aus dem Verständnis für moralisch richtiges Handeln ein intersubjektiver Wertekomplex generiert werden kann. Die ethischen Aspekte werden durch die stoische Philosophie ebenso aufgezeigt wie durch die Ansätze der Moralphilosophie von McDowell, weil sich in diesem Zusammenhang auch Rückschlüsse auf das Menschenbild bei McDowell und das Naturverständ- Einleitung 2 nis der Stoa hinsichtlich der individuellen und der allgemeinen Natur ziehen lassen. Zusätzlich fließen durch die Betrachtung der McDowell’schen Sichtweisen zur Moral auch Aspekte von Aristoteles, Kant und Hegel ein. Alle drei werden in den Schriften McDowells oftmals zur Erklärung von Vernunft und Natur herangezogen. Davon abgeleitet wird aufgezeigt, wie individuelle und allgemeine Natur in der Stoa einen Beitrag zum Verständnis von second nature bei McDowell liefern können. Die Arbeit gliedert sich in fünf Oberkapitel, wobei in Kapitel 1 vor allem die Themen der bildungsphilosophischen Diskurse von McDowell rekonstruiert werden. Hierbei stehen die genannten Begriffe Vernunft und Natur im Zentrum der Betrachtung. Es geht im Wesentlichen um eine Rekonstruktion von McDowells Philosophie, die sich um die Begriffe Geist und Welt, zweite Natur und Vernunft dreht und diese durch den Bildungsbegriff erweitert. Hierbei zeigt sich die Entfaltung eines sich von dem Naturalismus abgrenzenden Naturbegriffs unter Berücksichtigung der Ideen, die in der Pittsburgh School erarbeitet wurden. Im zweiten Kapitel wird der bald naturalism anhand seiner historischen und philosophischen Einordnung so aufgearbeitet, dass zutage tritt, wie die Begriffe Vernunft und Natur im Naturalismus in ihrer kontextuellen Gebundenheit zu verstehen sind und welche Verbindung zu McDowell hergestellt werden kann. Bezugspunkt ist hier insbesondere McDowells Arbeit „Mind and World“ und im Weiteren die zu diesen Vorlesungen erschienene Sekundärliteratur. Des Weiteren stützt sich dieses Kapitel auf die einschlägige Literatur der Vertreter der Pittsburgh School wie Wilfrid Sellars und Robert B. Brandom. Im dritten Kapitel werden die ethischen Perspektiven und Strukturen der bildungsphilosophischen Theorie von McDowell aufgearbeitet und zu seinem Bildungsverständnis ins Verhältnis gesetzt. Zentral dafür sind vor allem seine Ideen und Ansätze für ein Verständnis vom Menschen und dessen Wesen als Teil der Natur. Gestützt auf die Denkansätze von Aristoteles und Kant werden dabei die moraltheoretischen Positionen McDowells herausgearbeitet, womit sein Verständnis von der Natur des Menschen deutlich wird. In Kapitel 4 wird dann die stoische Philosophie zum einen hinsichtlich ihrer Gesamtheit und zum anderen hinsichtlich des Naturverständnisses einzelner Autoren beleuchtet. Dafür werden die prosaartigen Schriften der Stoiker zur ver- Einleitung 3 gleichenden Studie, sowie meist in der deutsch-lateinischen Übersetzung herangezogen werden. Vorab wird jedoch deskriptiv der Gesamtzusammenhang geschildert, in den sich die Stoa und deren Theorie einfügen lassen. Die Arbeit versucht durch das close reading der lateinischen Texte die Begriffe Vernunft und Natur in der Stoa sprachlich und inhaltlich zu analysieren und davon ausgehend in der Begriffsanalyse Deutungsmuster verschiedener philosophischer Strukturen zu rekonstruieren und zu vergleichen. Daran anknüpfend wird die stoische Perspektive auf die Begriffe Vernunft und Natur aufgezeigt und davon ausgehend unter Berücksichtigung von Cicero, Seneca und Marc Aurel der pluralistische Naturbegriff erörtert. In diesem Zusammenhang wird nicht nur die Vielfalt des Begriffs natura eine zentrale Stellung einnehmen, sondern vor allem die Verbindung aus der bildungsphilosophischen Perspektive McDowells, der vernunftbasierten Struktur des Menschen und des Naturverständnisses aus individueller und allgemeiner Natur gestützt durch das stoische Verständnis des λόγος (Logos). Davon ausgehend wird sich im Zuge der Rekonstruktion der Begriffe Natur, Vernunft und Bildung eine neue Perspektive für die Sichtweise McDowells ergeben. Wesentlich wird sich im fünften Kapitel ein Verständnis des McDowell’schen Naturbegriffs etabliert haben, der unter Bezugnahme auf McDowells Ansätze bei Aristoteles, Hegel und Kant sowie auf Basis seiner Herleitung aus der stoischen Philosophie eine Perspektive stützt, die es ermöglicht, über das bisherige Verständnis von second nature hinaus den Naturbegriff zu fassen. Dadurch kann und soll ein Verständnis des McDowell’schen Bildungsbegriffs konstituiert werden, der sich bewusst gegen die szientistischen Deutungsmuster stellt und das Bild vom Menschen in seiner vernunftbasierten Prägung wieder stärkt, wobei dieser dennoch in seiner Natürlichkeit und Naturgesetzmäßigkeit Teil der Welt ist und an diese gebunden ist. Methodisch wird dabei begriffsanalytisch verfahren. Die begriffsanalytische Methode setzt sich von den Vorgehensweisen der historisch-hermeneutischen wie auch von der sozialwissenschaftlich-empirischen Methode ab. Auf Basis dieser Vorgehensweise wird ein Argumentationsstrang deutlich, der versucht, die Struktur des Naturbegriffs selbst unter Einbeziehung einer soziokulturellen Komponente zu fassen und den Naturbegriff unter Berücksichtigung ande- Einleitung 4 rer Begriffsdefinitionen wie der von Bildung und Vernunft zu positionieren. Die Lesart der Moral, die vor allem in Kapitel 3 und 5 zum Tragen kommt, ergibt sich aus dem gegenwartsorientierten Gedanken heraus, dass Moral ein Normensystem für menschliches Handeln widerspiegelt. Es wird sich zeigen, dass das vernunftbegabte Wesen die grundsätzliche Fähigkeit zu einem moralischen Verständnis besitzt, aus dem heraus es Handlungsanleitungen mit Gültigkeitsanspruch ableiten kann. Die Gemeinsamkeiten und Differenzen, die in den Begriffen der Ethik und Moral liegen, werden weitgehend durch die zeitgenössische Philosophie gestützt. Der Gebrauch der eben genannten Begriffe richtet sich an den allgemeinen Verwendungen aus. Dabei ist wohl bewusst, dass Philosophen wie Jürgen Habermas oder Arthur Schopenhauer die Begriffe in teils unterschiedlicher Weise verwendet haben. Angelehnt an die Herleitung aus dem Griechischen ethos und dem Lateinischen mos werden die Begriffe in den gegenwartsbasierten Sprachgebrauch überführt. Daran anknüpfend ist die Ethik im Verständnis dieser Arbeit, anders als im Verständnis von Jürgen Habermas, eine Reflexion über normbasierte Vorstellungen von Moral. Ausgehend von den eben gezeigten Begriffsdefinitionen wird in der vorliegenden Arbeit der Begriff der Moral in den bildungsphilosophischen Kontext von McDowell gebracht, eben weil auch McDowell von einer Moraltheorie angelehnt an Aristoteles spricht. Die metaphysische Struktur des Ethikbegriffs, wie er in der gegenwärtigen Philosophie gebraucht wird, ordnet ihn im Grunde dem Moralbegriff über. Damit ist gemeint, dass Ethik heute über der Moral gesehen wird (Pieper, 2017, S. 13). In der griechischen und lateinischen Tradition ist die Trennung kaum und unscharf vorhanden, was sich vor allem anhand der stoischen Perspektiven zeigen wird. Das Problem bei der Verwendung der Begriffe Ethik und Moral ist also der Bezugsrahmen. Dennoch wird in der Arbeit weiter ein hierarchisches Verhältnis der Begriffe fortgeführt, um die Unterscheidung aktueller Diskurse beizubehalten, was im Hinblick auf McDowell die zielführendere Lösung ist, besonders hinsichtlich der zweiten Natur. Einleitung 5 Die moralische Dimension der Arbeit In dieser Arbeit werden gezielt die Stellung des Naturbegriffs und das Verständnis von Vernunft und Natur im Kontext des Bildungsbegriffs aus der Perspektive McDowells und der Stoa heraus betrachtet, wofür ein eben genannter Blick auf die moralische Dimension des Menschen unerlässlich ist. Aus der hellenischen Tradition heraus gesehen geht es bei Moral mehr um einen sittlichen Universalismus, wie das in der stoischen Philosophie deutlich wird, die sich im Sinne des Weltbürgertums zu einer universalistisch denkenden, philosophischen Schule entwickelt hat (Vorländer, 1903). Auch wenn es im Wesentlichen darauf abzielt, eine Verbindung zwischen Naturbegriff und Vernunftbegriff herzustellen und davon ausgehend Interpretationen für den Bildungsbegriff abzuleiten, durch die eine begriffliche Schärfe von erster und zweiter Natur bei McDowell möglich wird, zeigt sich eine moralische Dimension in der zweiten Natur, weshalb die Begriffseinführung wichtig für das Gesamtverständnis ist. Der Moralbegriff wird hierbei als subjektives Entscheidungsmodell für ethische Fragen verwendet, sodass Moral eine innerperspektivische Struktur der Individuen darstellt, die sich jedoch intersubjektivistisch durch begründete Handlungen zeigt. Wichtig sind die genannten Aspekte vor allem in der Bearbeitung der stoischen Philosophie, weil dadurch Deutungszusammenhänge für deren Verständnis der menschlichen Natur gezeigt werden können. In seiner eigenen Hinwendung zum Besseren wird das individuelle Sollen durch den Menschen erkannt, verstanden und umgesetzt, sodass ein intersubjektives Gefüge auf der Basis von ethischen Strukturen bestehen kann. Bildung wird somit als vom Subjekt ausgehend verstanden. Vorabbetrachtungen des Naturalismus Des Weiteren wird insbesondere kritisch auf ein biologistisches oder soziobiologisches Naturverständnis eingegangen, das McDowell vor dem Hintergrund seiner eigenen Vorstellung von Naturalismus zurückweist. Solch ein (sozio‑) biologistisches Naturverständnis hat vor allem mit der Hirnforschung, Kognitionswissenschaft und der Soziobi- Einleitung 6 ologie an Verbreitung und Diskursmacht gewonnen. Die Anfänge waren in der Evolutionsbiologie und damit in der Theorie Charles Darwins zu finden. Diese hat Positionen in der philosophischen Forschung besetzt, von denen aus nun die Naturwissenschaften Inhalte traditioneller Philosophie aufgreifen und unter ihren Gesichtspunkten zu betrachten versuchen. Besonders deutlich wurden die Übernahmen philosophischer Fragestellungen durch die moderne Naturwissenschaft im Bereich von Biologie, Kognitionswissenschaft und Physik. Im Zuge dieser Entwicklung wurde die Philosophie bei Fragen zum menschlichen Sein, zur Stellung des Menschen in der Natur und zum Bewusstsein durch die Naturwissenschaften in Bedrängnis gebracht. Vor allem im Zuge des sogenannten „Jahrzehnts des Gehirns“ haben sich Neurowissenschaftler immer stärker in die Pädagogik eingebracht, mit gemischtem Erfolg (Kirchhöfer & Steffens, 2007, S. 141). Als Problem zeigte sich, dass es trotz Hirnforschung und trotz des Verständnisses über die Funktionsweise des Gehirns noch keine Erklärung dafür gibt, wie sich das Bewusstsein des Menschen im Zusammenhang mit den Einflüssen, die auf seine Sinne einwirken, formt und aufrechterhält (ebd., S. 143). Die Frage, ob Gründe oder Ursachen die Grundlage für Entscheidungen bilden und wie sich Urteile zur Wahrnehmung verhalten, ist noch nicht abschließend geklärt. Dennoch findet die naturwissenschaftliche Herangehensweise an metaphysische Problemstellungen Befürworter im philosophischen Umfeld. Die Naturalisten wollen nicht die Philosophie in Gänze für überflüssig erklären, sondern sie streben eine Aufwertung des Einflusses natürlicher Phänomene auf die Natur des Menschen und die Deutungshoheit der Biologie und Kognitionswissenschaften in Fragen des Verständnisses der Ichund-Welt-Interaktion des Menschen an. Der Biologie zum Beispiel geht es um eine Stärkung der Naturgesetzmäßigkeiten zur Beantwortung von Fragen zur menschlichen Natur. Diese Herangehensweise an philosophische Problemstellungen führt in einigen Grundfragen, wie der Frage nach dem, was der Mensch ist und was den Menschen ausmacht, zu einseitigen Betrachtungen, wie das beim bald naturalism der Fall ist. Diese Formen des Naturalismus oder dessen Ausprägungen durch den Szientismus lassen die rationale Dimension des Menschen außer Acht, die sich in Form der ethischen und moralischen Rechtfertigungen für Handlungen zeigt. Es geht dem Szientismus im Wesentli- Einleitung 7 chen um die Leugnung der Freiheit des Menschen im Sinne der kantischen Spontanität, wodurch sie die Dualität aus Vernunft und Natur aufzuheben und damit zu überwinden glauben, weil eben ein Teil der Dualität durch die andere Seite ersetzt wird. Dies ist jedoch nicht der Fall, weil die Leugnung bezeugen würde, dass wir kein geistbegabtes Tier sind und damit die Fähigkeit zum Denken, Sprechen und Handeln nicht hätten, was offensichtlich der Fall ist und mit reiner Naturgesetzmäßigkeit kaum erklärt werden kann (Conant & Kern, 2015, Einleitung). In dieser Arbeit soll daher auf den vernunftbasierten Aspekt der menschlichen Natur eingegangen werden. Das vernünftige Handeln als Folge oder als Teil des Bildungsprozesses, als mögliche Basis für das ethische Gesamtverständnis im Zuge der humanitas, wird systematisch aufgearbeitet. Hierbei zeigt sich die Bedeutung des wertorientierten Handelns im Sinne des vernünftigen Handelns als zugehörig zu einer ethischen Metaperspektive der menschlichen Natur. Um die genannten Perspektiven aufzuzeigen, wird John McDowell, der als Kritiker des radikalen Naturalismus oder, wie er ihn nennt, des bald naturalism gilt, in Verbindung zu spätantiker Philosophie der Stoa gebracht. Hierbei liegt der Schwerpunkt im Rahmen der vorliegenden vergleichenden systematischen Studie auf der jüngeren Stoa, sodass besonders deren Ethik und Naturphilosophie betrachtet werden können. Die Rolle der Stoa in der Diskussion Die jüngere Stoa ist eine der wirkmächtigsten geistigen Strömungen der römischen Kaiserzeit. Dabei hat diese philosophische Richtung ihren Schwerpunkt besonders auf den dritten Aspekt der stoischen Philosophie gelegt, auf den Bereich der Ethik und Natur. Auf die jüngere Stoa stützten sich in der frühen philosophischen Diskussion Traditionen, die sich insbesondere der humanitas und den Aspekten der Moral und Ethik zuwandten. Als Bezugspunkt der stoischen Arbeiten fungiert neben dem Naturbegriff auch der Begriff der humanitas, wie er bei Cicero Verwendung findet. Dieser Begriff kreist um die Frage nach der menschlichen Natur und des Menschseins an sich. Er bezieht sich auch auf die moralische Struktur des Menschen und dient in die- Einleitung 8 ser Arbeit dazu, das bisherige, seit Renè Descartes bestehende Verständnis einer Dualität von Vernunft und Natur in der Bildungskategorie neu zu beleuchten. Die Frage danach, ob ein Mensch ein vernünftiges oder ein natürliches Wesen oder aber ein Wesen in beiden Welten sei, kann somit in Verbindung gebracht werden mit der Frage nach der Fähigkeit des Menschen zur ratio auf Grundlage der zweiten Natur. Die jüngere Stoa, deren Texte im Gegensatz zu den meist nur fragmentarisch vorliegenden der vorangehenden stoischen Epochen oft vollständig erhalten sind, positioniert den Menschen im Kosmos als zugleich natürliches und vernünftiges Wesen mit einer individuellen und einer allgemeinen Natur, was später in den Kapiteln 4 und 5 aufgearbeitet wird. Besonders zeigt sich in den philosophischen Überlegungen der Stoa, dass das Ich einer Welt gegenübersteht und dass das Verhältnis zwischen beiden in einer gewissen Form reziprok und abhängig sein muss. Die philosophische Problemstellung Der Leib-Seele-Dualismus, den McDowell in seiner Philosophie widerlegen will, ergab sich aus dem klassischen kartesischen Modell der Trennung von Körper und Geist. Der Körper war für Descartes eine von außen wahrnehmbare Form, die durch sich selbst nicht zu denken war. So hat Descartes zwei verschiedene Welten gekannt, die physische, also die res extensae, und die geistige und damit nichtphysische Welt, die res cogitantes (Beckermann, 2000, S. 129). Das Problem dabei war die Bestimmung der Mengen und Proportionen, die diese Sichtweise auf Dauer unbefriedigend machte. Es tat sich die Frage auf, wie vom Geist Aussagen über die Welt getroffen werden können, wenn es eine Trennung zwischen Welt und Geist gibt. Unter Annahme einer strikten Trennung können Begründungszusammenhänge und die Stellung des Menschen in der Interaktion von Ich- und Weltverhältnis nicht vollumfänglich erklärt werden. Der Mangel an Interaktion beider Teilbereiche stellt die wesentliche Herausforderung dar. Diesem Grundproblem hat sich McDowell in seinen philosophischen Schriften gewidmet, indem er versuchte, den Dualismus über die Auflösung der Begriffsungenauigkeiten von Natur und Vernunft aufzuheben. In der vorliegen- Einleitung 9 den Arbeit wird der Ansatz, den er in „Geist und Welt“ wählt, systematisch rekonstruiert, von der naturalistischen Perspektive auf den Menschen abgegrenzt und in einen Zusammenhang mit der stoischen Philosophie gesetzt. Dabei wird auf Elemente eingegangen, die McDowell selbst aus anderen philosophischen Werken übernommen oder adaptiert hat, zum Beispiel von Aristoteles und Kant, aber auch von Sellars und der Pittsburgh School. Diese mehrgliedrige Struktur der Arbeit stellt eine textorganisatorische Herausforderung dar. Aktualität der Arbeit Aus der heutigen Perspektive betrachtet hat die Frage nach der menschlichen Natur an Komplexität zugenommen. In der Antike waren vor allem Philosophen mit den Fragen bezüglich des Kosmos, des Menschen, der Ethik und der Natur befasst. Durch die fortschreitende Dezentralisierung und Proliferation von Kompetenzbereichen wurde zum Beispiel die Humanwissenschaft in verschiedene Teilbereiche und Teildisziplinen aufgeteilt, wie die Psychologie, Pädagogik oder Anthropologie. Fragen über die Natur und die Stellung des Menschen darin werden augenscheinlich von der Physik, der Biologie oder der Anthropologie beantwortet. Probleme bezüglich des Menschen und seiner Geistigkeit werden von Psychologen und Kognitionswissenschaftler zu beantworten versucht. Dies resultiert nicht nur aus einer fortschreitenden Verwissenschaftlichung und Naturalisierung des Menschen, sondern auch aus dem stetigen Rückzug der Philosophie aus den Lebensbereichen des Menschen und der daraus resultierenden Zurückhaltung der Philosophen sui generis, Aussagen zu treffen und Handlungsanweisungen mit Gültigkeitsanspruch zu generieren. Doch können die genannten Disziplinen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Philosophie dennoch im Wesen die Teilbereiche abdeckt und in Teilen eine kritische Reflexion erlaubt. Besonders hinsichtlich des Bewusstseins, der Willensfreiheit und der Frage nach der menschlichen Natur sollte die Philosophie bereit sein, die Erklärungsprobleme der Naturwissenschaften anzugehen. Diese Bereiche überlappen sich mit den vier Teilbereichen, die Wilhelm Dilthey der Philosophie zuwies und die sich von der Selbstreflexion, den existenziellen Fragen zur Welt und zum Einleitung 10 Sein, der Lebensphilosophie gemäß der Stoa bis hin zur Wissensphilosophie erstrecken. Letzterer Bereich handelt von den erkenntnistheoretischen Fragen (Dilthey, 2008, S. 12 f.). Dies läuft der naturalistischen Auffassung entgegen, die die Philosophie des Geistes naturwissenschaftlich zu durchdringen versuchte. In dieser Arbeit soll deutlich werden, was Menschsein bedeutet und welche Perspektiven auf dem Naturbegriff liegen können. Humanistische Ideen nehmen dabei ebenso eine Position ein, die für diese Arbeit relevant ist. Der Humanismus betrachtet den Menschen als ein Wesen, das in Freiheit, Toleranz und Respekt seine freie Persönlichkeitsentfaltung anstrebt. Die heutige Sichtweise bezieht sich anknüpfend an die Tradition des Humanismus im Wesentlichen auf die Würde des Menschen und ihre Unantastbarkeit. Historisch ist der Begriff vor allem als Hinwendung zur antiken Philosophie im Mittelalter und später als Wegbereiter der Aufklärung zu sehen. Unter Berücksichtigung der Vertreter des Humanismus, wie Boccaccio Giovanni oder Erasmus von Rotterdam in der frühen Phase, aber auch der Neuhumanisten, wie Humboldt und Winkelmann, kann eine Kritik am Naturalismus geübt werden. Die Kritik zeigt, dass in der kulturkritischen Diskussion über die ethische Dimension des Menschen dieser eine Herabstufung im Verhältnis zur Natur, basierend auf Naturgesetzmäßigkeiten, erfährt. Das liegt daran, dass die Naturalisierung der menschlichen Natur eine Reduktion des Menschen als Person darstellt, wodurch seiner Identität und Subjektivität verloren gehen. Die Vertreter dieser Sichtweise sehen den Naturalismus als Gefahr, worauf Geert Keil bereits in seinem Werk „Kritik des Naturalismus“ aus dem Jahre 1993 hingewiesen hat. Dabei wollte Keil zeigen, dass die Entzauberung des Menschen mitnichten zu einer Kulturrevolution führen würde, die ethisch verheerend wäre. Ebenso wollte er deutlich machen, dass die Angst der Humanisten vor der Technik und dem Fortschritt unbegründet sei (Keil, 1993, S. 7). Eine Entzauberung der menschlichen Natur würde bedeuten, dass der Mensch als Teil der natürlichen Welt zu sehen ist, gemäß den Naturgesetzen erklärbar wäre und damit Spontanität unerklärbar würde und so im szientistischen Menschenbild keinen Platz mehr hätte, womit ein Aufheben der Dualität logisch wäre. Diese Thematik wurde oben bereits angesprochen und hat sich in der Forschung als fahrlässige Annahme erwiesen. Dennoch muss auch unter Berücksichtigung solcher Befürworter des Na- Einleitung 11 turalismus und in Anbetracht der Technisierung der menschlichen Arbeits- und Lebenswelt angemerkt werden, dass der Mensch bereits in den ökonomischen Prozessen auf dem Rückzug ist. Dieser Umstand macht es unumgänglich, neue Sichtweisen auf den Naturbegriff zu er- öffnen, der im Zusammenhang mit der menschlichen Natur die Position eines menschlichen Seins im humanistischen Sinne stärken kann. Schließlich geht es nicht weniger als um den Menschen und sein Handeln in der sozialen Gruppe, das davon geprägt ist, dass er sich als menschliches Wesen sieht. Vorausgesetzt ist dabei allerdings, dass die menschliche Natur wesentlich auch darin besteht, dass sich der Mensch in der Welt positioniert. Es geht vor allem darum, wie die Natur des Menschen verstanden werden kann – als Teil einer geistigen oder naturgesetzmäßigen Welt. Die Frage nach dem menschlichen Sein getrennt von dem Naturbegriff zu betrachten, ist aufgrund der Vielschichtigkeit des Themenfelds eine große Herausforderung. Umso zielführender ist es im Kontext der Ich-und-Welt-Beziehung, den Menschen in den Fokus zu rücken, wohl wissend, dass es keine objektivierbare menschliche Natur gibt. Es gibt jedoch Handlungsweisen, Denkmuster und soziale Interaktionen, die der menschlichen Natur zugesprochen werden können. Daher geht es um die Betrachtung des Gesamtzusammenhangs, der sich durch die Natur des Menschen ergibt. McDowell versucht die Dualität aus Vernunft und Natur, die seit der Aufklärung besteht, aufzulösen, um nicht weiter die Trennung zu festigen. Dies versuchte er nicht zu erreichen, indem er die eine oder die andere Seite des Dualismus favorisiert, sondern indem er mit neuen und auch – wie sich zeigen wird – in Vergessenheit geratenen Gedankengängen eine Synthese herstellt, wodurch die Problematiken, die der Dualismus erzeugt hatte, als scheinbar aufgehoben werden. Dabei ist der Begriff der zweiten Natur, der second nature, zentral für die Betrachtung des Gesamtverständnisses von John McDowell und für seine Überwindung des scheinbaren Dualismus aus Leib und Seele, aus Natur und Vernunft. Die Problematik dabei ist, dass der Begriff der zweiten Natur in der Philosophie von McDowell in einem Verhältnis zur ersten Natur gezeigt wird, was jedoch die Konkretisierung des Begriffs nicht erleichtert. Des Weiteren verbindet McDowell second nature mit dem deutschen Bildungsbegriff, wobei eine klare Abgrenzung und Beschreibung ausbleibt. Einleitung 12 Heranführung an die Problemstellung des Dualismus aus Vernunft und Natur Die dualistischen Strukturen aus Natur und Vernunft bildeten sich vor allem durch die theoretischen Überlegungen von René Descartes heraus, der maßgeblich dem Rationalismus zur Dominanz verhalfen. Er gilt als Urheber der modernen philosophischen Auseinandersetzung mit den Begriffen Vernunft und Natur. So hat er die dualistische Perspektive erstmals begrifflich aufgearbeitet. Mit seinen Werken „Le Monde“, „Discours de la méthode“, „Meditationes de Prima Philosophia“ und „Principia Philosophiae“ eröffnete er eine themenübergreifende Perspektive, die sowohl naturwissenschaftliche Problembehandlungen wie auch metaphysische Überlegungen umspannte. In seinen Abhandlungen über die Welt hat er auf Basis der Herleitung der Zusammenhänge des Lichts nicht nur naturwissenschaftlich die Welt, sondern auch den Menschen zu betrachten versucht. Darin begründet sich auch die Stellung des Menschen in der dualistischen Struktur von Welt und Geist (Descartes, 2015). Besonders die Fragen danach, was der Mensch ist und wie er mit seiner Umwelt interagiert, bilden den Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Descartes hat die Trennung von Vernunft und Natur im menschlichen Sein vorangetrieben, die aufzuheben wiederum nachfolgende philosophische Strömungen versuchten. Vor allem im Zuge der Überwindung des aristotelischen Weltbildes, welches tendenziell teleologische Eigenschaften aufwies, wollte Descartes ein kausal begründbares Weltbild durchsetzen. Durch diese Herangehensweise kausaler Begründbarkeit, die Descartes auch auf den Menschen bezog, kann er als Wegbereiter des Verständnisses eines automatisierten Menschenwesens gesehen werden. So sieht auch Martin Heidegger in der Hervorhebung der Objektwelt bei Descartes den Beginn der technisierten Betrachtung der Welt. Er unterstellt Descartes eine Übertragung der Seinsidee der Antike auf die Moderne. Damit meint Heidegger, dass die Bedeutung des sum (cogitio ergo sum) in der Philosophie von Descartes eine deutlich zu geringe Gewichtung bekommen hat (Heidegger, 1972, S. 46.). Das „ich bin“ und damit der Bezug zum Selbstverständnis eines Individuums verliert gemäß Heidegger an Bedeutung. Den archimedischen Punkt in der Feststellung des Seins des Menschen durch den Satz cogito ergo sum nutzt Descartes, um den letzten Wahrheitsbeweis zu finden, den er in der Einleitung 13 reinen Existenz des seienden Wesens sieht und darin besteht, dass das Wesen (Mensch) denken kann. Dieses gilt als erstes Prinzip seiner Philosophie und diente als Voraussetzung für die Begründung des Rationalismus auf der Annahme, dass die gesamte essence (die Wesenheit) des Menschen unabhängig von Ort, Zeit und Materie ist und rein im Denken besteht (Descartes, 1979). Diese immaterielle Vorstellung des Denkens (res cogitans) zeigt, dass Geistiges für Descartes keine Zeitoder Raumstruktur kennt. Dadurch, dass das Geistige nicht mehr an Raum und Zeit gebunden ist, verliert es auch seinen Bezugspunkt innerhalb des Natürlichen. Die natürliche Welt ist somit nicht essentiell für das Bestehen des Geistigen. Descartes bring durch das cogitare Willenskraft, Gefühlswert, Verstand oder Vernunft und damit alles, was ausschließlich den Menschen in seiner Geistigkeit selbst betrifft in Verbindung. „Cogitationis nomine, intelligo illa omnia, quæ nobis consciis in nobis fiunt, quatenùs eorum in nobis conscientia est. Atque ita non modo intelligere, velle, imaginari, sed etiam sentire, idem est hîc quod cogitare.” (Descartes, 1964, S. 7). Körperliches, und dazu zählt auch das Gehirn, versteht er jedoch auf dieser Basis beruhend immer als eine Struktur vieler kleiner Teile, die eine definierte Ausdehnung haben, mechanisch funktionieren und damit vom Geistigen getrennt agieren und reagieren müssen. Somit führt das mechanische Menschenbild Descartes gepaart mit der Loslösung der res cogitans zum Dualismus von Leib und Seele, der in der Weitführung zur Trennung von Geist und Welt wird. Eine scheinbare Lösung für den Dualismus, gegen den sich McDowell stellt, ist die Perspektive, die Naturalisten auf die Leib-Seele-Problematik legen. Dabei zeigt vor allem der radikale Naturalismus, dass dem Menschen die Fähigkeit, ein Wesen mit mehreren Dimensionen zu sein, abgesprochen wird und dadurch der Mensch von einem „unter anderen Naturwesen“ in ein „reines Naturwesen“ reduziert wird (Keil, 1993, S. 9). Gerade dadurch wird der radikale Naturalismus zum Widerpart und damit zum Diskussionspartner für McDowell. Ich wende mich in der Arbeit dagegen, dass der Mensch als ein rein determiniertes und genetisch vorprogrammiertes Wesen verstanden wird, wie das im Szientismus größtenteils der Fall ist, und setze mich dafür ein, dass Bildung als eingebettet in einer sozialen und da- Einleitung 14 rüber hinaus in einer vernunftbegabten Wesensstruktur des Menschen verstanden wird, sowie dafür, dass Spontanität als wesentlicher Bestandteil des Menschen bestehen bleibt und sich in einen sich nicht abgrenzenden Zusammenhang mit dem Naturbegriff setzen lässt. Besonders wende ich mich in dieser Arbeit gegen die Beschreibung des menschlichen Geistes auf Grundlage der Kognitionswissenschaften und dagegen, dass der Mensch auf naturgesetzmäßige Zusammenhänge reduziert wird, wodurch jede Form der Fähigkeit zur Spontanität negiert wird. Bildung soll weiterhin die Möglichkeit zu einem auf Freiheit und Vernunft basierten menschlichen Leben eröffnen und dieses auf Grundlage der Vernunft begründbar machen. Der Bildungsbegriff, von dem hier ausgegangen wird, ist reflexiv, indem Bildung als Selbstbeziehung und Weltbeziehung einschließend gedacht wird. Das Herstellen von Weltbezügen und das Generieren von Wissen bzw. das Offen-Sein für die Welt ist dabei bereits perspektivisch von McDowell aufgegriffen worden. Forschungsfragen und Struktur In der Arbeit geht es gezielt um ein erweitertes Verständnis des Naturbegriffs bei John McDowell und darum, wie es mit Vernunft und Bildung korreliert. Die Bearbeitung der folgenden Fragestellungen soll helfen, die Verwendung der Begriffe Bildung, Natur und Vernunft in der Alltagssprache und in politischen Diskursen besser zu verstehen und einzuordnen. 1. Inwiefern unterscheidet sich John McDowells Verständnis von menschlicher Natur vom gegenwärtig vorherrschenden biologischen Naturalismus – insbesondere was den Zusammenhang von Vernunft und Natur angeht? 2. Inwiefern lässt sich dieses Verständnis aus erster und zweiter Natur durch einen Rückgriff auf die stoische Philosophie anreichern und präzisieren? 3. Wie lässt sich ein so angereichertes und präzisiertes Verständnis von menschlicher Natur für die Weiterentwicklung des Bildungsbegriffs bei McDowell produktiv machen? Einleitung 15 In den Fragestellungen wird von Beginn an die mehrteilige Herangehensweise deutlich, die sich auf die Rekonstruktion der Begriffe Vernunft, Natur und Bildung stützt. Darauf aufbauend wird der Naturbegriff herausgelöst und anhand der Perspektiven der stoischen Philosophie angereichert, wovon ausgehend unter Berücksichtigung der moralischen Dimension der menschlichen Natur eine Interpretation des Bildungsbegriffs vorgenommen wird, die sich auf die natürliche und zugleich vernünftige Struktur menschlichen Seins bezieht. Im Folgenden wird die Forschungsfrage kurz erläutert, um ein besseres Verständnis zu generieren. Abschließend ist herauszustellen, dass Perspektiven und Begründungszusammenhänge, die das Menschsein betreffen, in den kommenden Kapiteln aufgearbeitet und anhand des Naturbegriffs dargestellt werden. John McDowells moralischer Realismus, der den Menschen als denjenigen hinstellt, der durch seine Fähigkeiten empfänglich für Gründe ist und diese in naturalistischer Weise in sich aufnimmt, wird dabei den moralphilosophischen Anhaltspunkt bilden, der besagt, dass moralische Tatsachen immer Tatsachen für uns sind (McDowell, 2002). Diese Wahrnehmungspraxis der Welt durch das Individuum wird durch die innere Struktur der McDowell’schen Philosophie deutlich gemacht. Mit der Erarbeitung der antiken Positionen unter gleichzeitiger Betrachtung aktueller philosophischer Ideen steht diese Arbeit ganz in der Tradition der Vorgehensweise von McDowell, bei dem deutlich wird, dass das Wissen und die Kenntnis antiker Philosophie wesentlich für die Beantwortung aktueller philosophischer Probleme sind. Diese Arbeit muss sich der Stoa widmen, weil der Begriff Natur in der Stoa eine zentrale Rolle spielt. Dies bietet die Chance, second nature bei McDowell deutlicher zu fassen. Das bereits geschilderte Problem ist, dass McDowell den Naturbegriff in seiner Arbeit zwar verwendet, diesen aber nicht oder nur unzureichend greifbar macht. Eine Definition und klare Abgrenzung bleibt aus, was ein konkretes Verständnis vor allem von second nature schwierig macht. Die Stoa und deren pluralistischer Ansatz von Natur kann genau dabei helfen, second nature als Begriff bei McDowell in Verbindung mit seinem Ansatz zu fassen, das Menschenbild auf dem Naturverständnis zu gründen. Basierend auf das stoische Naturverständnis aus individueller und allgemeiner Natur wird eine pluralistische Sichtweise des Naturbegriffs deut- Einleitung 16 lich. Dieser steht in keiner klaren Abgrenzung zum Vernunftbegriff und in ihm zeigt sich die strukturelle Verflechtung des Subjekts mit der Welt in der Geist- und Weltstruktur basierend auf einem vielschichtigen Verständnis dessen was Natur ist. Diese Perspektive deutlich zu machen, zu zeigen, wie der Begriff second nature aus der Tradition der Stoa heraus gesehen werden kann und wie er sich zum Bildungsbegriff verhält, sind die Ziele der vorliegenden Arbeit. Einleitung 17

Chapter Preview

References

Abstract

In this educational philosophical work, the concept of McDowell's education is re-examined from the concept of reason and nature, taking into account the Stoa. Enriched with stoic ideas about the concept of nature, the book reveals new perspectives and yet does not shy away from the examination of the great philosophical frameworks contained in McDowell's theories. Representatives of naturalism are sketched as well as different theories about first and second nature. Moral philosophical parts that show the ethical understanding of the second nature in McDowell, referring to authors such as Kant, Hegel and Aristotle, round off the overall concept. Through the text-analytical reworking of Cicero, Seneca and Marc Aurel, a bridge is then built to McDowell's undefined concept of nature in order to enrich it with the stoic logo.

Zusammenfassung

In dieser bildungsphilosophischen Arbeit wird vom Vernunft- und Naturbegriff ausgehend der Bildungsbegriff McDowells unter Berücksichtigung der Stoa neu beleuchtet. Angereichert mit stoischen Ideen zum Naturbegriff zeigt das Buch neue Perspektiven auf und scheut dabei dennoch nicht die Aufarbeitung der großen philosophischen Bezugsrahmen, die in McDowells Theorien enthalten sind. Vertreter des Naturalismus werden ebenso skizziert, wie verschiedene Thesen zu erster und zweiter Natur. Moralphilosophische Anteile, die unter Bezug auf Autoren wie Kant, Hegel und Aristoteles das ethische Verständnis der zweiten Natur bei McDowell zeigen, runden das Gesamtkonzept ab. Durch die textanalytische Aufarbeitung von Cicero, Seneca und Marc Aurel gelingt im Anschluss daran ein Brückenschlag zu McDowells undefiniertem Naturbegriff, um diesen mit dem stoischen Logos anzureichern.