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1 Einleitung in:

Robert Boehm

Jenseits des Postmodernen, page 3 - 12

Die Geburt der Metatragödie

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4457-5, ISBN online: 978-3-8288-7476-3, https://doi.org/10.5771/9783828874763-3

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Medienwissenschaften, vol. 38

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
3 1 Einleitung „Es gibt keine Wähler mehr, nur noch Konsumenten. Alles Algorythmen, alles Verbraucher. Und sie wählen das, was man ihnen vorsetzt, solange sie verbrauchen dürfen. Denn das Verbrauchen ersetzt ihnen die Lebendigkeit, den Hunger. Das Verbrauchen ist der Hunger der Immersatten. Es gibt nur noch Zielgruppen, keine Milieus, nur noch Gefühle. Milieus der Gefühle. Humanismus.” Verleger in: M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER4 In diesem Buch geht es um die Entstehung eines erzählerischen Genres: der Metatragödie. Ihm zugehörige Werke finden sich in Form von Kinofilmen, TV-Serien, Romanen, Videospielen und sonstigen narrativen Medien – der Fokus liegt jedoch auf der Untersuchung filmischer und serieller Erzählungen. Das Kernthema dieses Genres besteht in der Lenkbarkeit menschlichen Wahrnehmens und Handelns – z.B. durch algorythmisch personalisierte Propaganda auf Basis der Analyse großer Datensätze oder auch schlicht durch die alltägliche Einflussnahme seitens Mitmenschen und Umwelt. Der Manipulation zu entkommen scheint in Metatragödien unmöglich. Gleichwohl sind die Erzählungen meist in bestimmter Hinsicht optimistisch und teils sogar regelrecht utopistisch: anstatt sich gegen Manipulation per se auszusprechen, werfen sie die Frage auf, wozu man manipuliert werden bzw. sich selbst manipulieren sollte. Zentrales Merkmal jeder Metatragödie ist dabei, dass sich nicht mehr mit letzter Gewissheit bestimmen lässt, was in der erzählten Geschichte vor sich geht, bzw., was sie zu bedeuten hat – und dass sowohl ihre Protagonisten als auch der Rezipient jeweils auf sich gestellt eigene Wege finden müssen, damit umzugehen. Es kommt zu einer Auflösung der festen Realität, in der zur Orientierung lediglich Geschichten verbleiben – die nur als solche Sinn ergeben. So beginnen die Protagonisten einer Metatragödie schließlich selbst, ihr Leben indirekt als Fitkion zu begreifen. Eben darin liegt eine bestimmte Form von Utopismus: sich selbst von außen betrachten und in der eigenen Biographie narrative Bedeutung finden zu können. 4 Vgl. M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER [Fernsehserie]. Creator: David Schalko. AUT/GER 2019, Staffel 1, Folge 6, Min.: 28:00 4 Die individuelle Geschichte anstelle großer Ideologien, Religionen und Leitbilder als sinnstiftende Erzählung zu erschließen, die zum eigenen Leben passt. In einem gesellschaftlichen Kontext betrachtet reflektieren Metatragödien somit Potenziale, die sich aus technischen Entwicklungen ergeben. Bereits die Entdeckung der Fotografie und später des Films machen möglich, einer externalisierten Version von sich selbst zu begegnen. Noch sehr viel präsenter wird dieser Effekt durch die digitale Revolution, besonders das Internet und dessen zunehmende Verknüpfung mit dem Alltagsleben, etwa durch Soziale Medien. Was man tut, wird in immer stärkerem Maße dokumentiert, gespeichert und narrativ aufbereitet. Die eigene Lebensgeschichte wird als solche greifbarer und nachvollziehbarer. Dieser Prozess verselbstständigt sich durch die Analyse und Spiegelung menschlichen Verhaltens durch Algorythmen, deren simpelste Variante personalisierte Werbung ist. Vorlieben, Interessen und das eigene Verhalten werden selektiv auf das Individuum zurückprojiziert und sei es nur in Form von angepassten Produktvorschlägen. Die dahinterstehenden Prozesse werden immer komplexer und schwieriger zu durchschauen. Vor allem dienen sie in der Regel anderen Zwecken als der Entwicklung eines interessanten, sinnstiftenden Selbstbildes. Die metatragische Utopie besteht darin, den Spieß umdrehen zu können: nicht nur hilflos mit sich selbst konfrontiert zu werden, sondern die eigene Rolle reflektieren und gegebenenfalls neu interpretieren zu können. Nicht bloß permanent wahrgenommen zu werden, sondern sich stattdessen selbst in der dritten Person wahrzunehmen, wie der Spieler eines Videospiels seine Avatarfigur – und sich selbst zu manipulieren, statt manipuliert zu werden. Wenn man so will: die eigene Geschichte neu zu schreiben – nicht hinsichtlich der Fakten, sondern in Bezug auf deren Implikationen. Problematisch dabei ist, dass extreme Selbstreflexion – allemal in metatragischen Erzählungen – zwangsläufig die Erkenntnis mit sich bringt, dass man das eigene Ich bloß begrenzt begreift. Zwar kann man sich von außen betrachten, doch dies führt zu Entfremdung. Es mag helfen, zu verstehen, was man will – doch warum man etwas will wird fundamental infragegestellt. Nicht einmal der Wunsch, nicht beeinflusst zu werden, ist davon ausgenommen, potenziell das Produkt fremder Einflussnahme zu sein. Von diesem Paradoxon ausgehend propagieren Metatragödien, das eigene Empfinden und die – eigene wie fremde – Sicht auf sich selbst 5 mithilfe eines verbindenden Narrativs in Einklang zu bringen: auf das doppelte Scheitern metatragischer Protagonisten daran, die Welt oder sich selbst zu verstehen, folgt ihre Konzentration auf die eigene Lebensrealität. Da deren Hintergründe ein Mysterium bleiben, ist jedoch auch alles Wissen darüber Halbwissen: eine Geschichte. Diese in Metatragödien zum Ausdruck kommenden Betrachtungsweise entspricht verschiedenen Denkansätzen der Postmoderne. Der Begriff Postmoderne, wie er hier verwendet wird, bezeichnet das Scheitern der Moderne und ihrer großen Erzählungen. Philosophische Systeme, Ideologien und Utopien sind demnach auf Sand gebaut, da sie stets Anspruch auf unumstößliche Wahrheiten erheben. Aus postmoderner Sicht jedoch ist Wahrheit relativ. Es gibt kein Richtig oder Falsch, sondern bloß Standpunkte und Ansichten, die gleichwertig und letzten Endes willkürlich sind. Auch die Idee, nach der einen oder anderen Universal-Formel eine perfekte Gesellschaft errichten oder ein vollkommenes Leben führen zu können, ist illusorisch. Dem wird in metatragischen Erzählungen nicht wiedersprochen. Allerdings erscheint diese Erkenntnis letztendlich eher befreiend denn als Problem. Das eigene Leben wird selbst zur sinnstiftenden Erzählung, ohne einem absoluten Prinzip folgen zu müssen. Anstatt dem Streben nach einem tieferen Sinn im Weg zu stehen, bieten seine Konflikte Orientierung. Was warum geschieht wird weniger wichtig, als wie man damit umgeht. Viele Metatragödien spielen dabei in regelrecht dystopischen Szenarien – die von ihren Protagonisten im Verlauf der Handlung als individuelle Utopien begriffen werden. Deren Kern ist jeweils Selbstgestaltung ohne den Druck, irgendeinem konkreten Traum oder einer Bestimmung dienlich sein zu müssen, wie er z.B. im Konzept humanistischer Selbstverwirklichung implizit enthalten ist. Dieses Ideal steht nicht notwendigerweise in Verbindung mit spezifischen Technologien. Wie in Kapitel 5 dargestellt wird, finden sich auch metatragische Erzählungen, die allemal weit vor der Etablierung des Internets entstanden sind. Im Zuge der Digitalisierung werden die damit verbundenen Themen, wie eben die Konfrontation mit sich selbst, jedoch weitaus präsenter im Alltagsleben und somit greifbarer. Auch sorgt technischer Fortschritt – und im besonderen Maße die Entwicklung immer komplexerer künstlicher Intelligenz – zunehmend dafür, dass Menschen ihren wirtschaftlichen und militärischen Nutzen für das ökonomische und politische System verlieren, wie 6 u.a. Harari darlegt5. Hinzu kommt, dass mit der Vorstellung eines frei entscheidenden wahren Ichs auch die bisherigen Grundlagen liberaler Gesellschaftsmodelle, wie etwa demokratische Abstimmungen und freie Märkte, infragegestellt werden6. Die in Metatragödien zum eigenständigen Wert erhobene Gestaltung des individuellen Lebens bietet ein alternatives Bedeutungskonzept, wie aus den in diesem Buch vorgenommenen Analysen an späteterer Stelle hervorgeht (siehe besonders Kapitel 8). Aus diesen Gründen werden dabei vor allem Filme und TV-Serien untersucht, die ab 1990 erschienen sind, also während der kommerziellen Phase des Internets. Ebenfalls relevant ist, dass sich der Fokus des massenattraktiven Kinos von diesem Zeitpunkt an von narrativer Plausibilität hin zu Schauwerten und Attraktion verschiebt7. Die ohnehin relative Aussage oder Bedeutung des Plots tritt hinter die unmittelbare Bedeutung des Gezeigten zurück. Wie bereits angeschnitten, bieten Metatragödien eine Art intellektuelle Rechtfertigung dafür, sich auf das reine Wie des Geschehens zu fokussieren – obschon sie selbst in der Regel über einen vergleichsweise komplexen Plott verfügen. Die Zugerhörigkeit zum Genre der Metatragödie wird am Vorhandensein bestimmter erzählerischer Motive festgemacht, auf die im folgenden Kapitel eingegangen wird. Bei der Definition als Genre wird auf Schraders Definition eines solchen als wiederkehrende Kombination von Setting und Konflikt zurückgegriffen8. In Metatragödien ist das Setting die Dekonstruktion des jeweiligen Settings eines beliebigen anderen Genres – und der Konflikt die bewusste Annahme von dessen Konflikt durch die Protagonisten. Wie beim Film Noir, der zu den prägenden Einflussfaktoren späterer Metatragödien zählt, handelt es sich also eher um ein parasitäres Metagenre, das stets im Verbund mit einem fremden Wirtsgenre vorkommt9. Eine Art Subgenre mit austauschbarem Hauptgenre. Überwiegend, aber nicht ausschließlich, handelt es sich bei Letzterem um Science-Fiction. Als nach 1990 erschienene Metatragödien verstanden werden in diesem Buch die Spielfilme IN THE MOUTH OF MADNESS10, LOST 5 Vgl. Harari 2017, S. 413 6 Vgl. Harari 2018, S. 89-90 7 Vgl. Leschke/Venus in: Leschke/Venus/Heidbrink 2007, S. 7 8 Vgl. Schrader 1972, S. 53 9 Vgl. Durgnat 1970, S. 38 10 IN THE MOUTH OF MADNESS. R.: John Carpenter. USA 1994 7 HIGHWAY11 THE TRUMAN SHOW12, BEING JOHN MALKOVICH13, FIGHT CLUB14, THE MATRIX15 (sowie die beiden Fortsetzungen THE MATRIX RELOADED16 und THE MATRIX REVOLUTIONS17), UNBREAKABLE18 (sowie die beiden Fortsetzungen SPLIT19 und GLASS20), DONNIE DARKO21, STRANGER THAN FICTION22, SLIPSTREAM23, SAUNA24, WATCHMEN25, BLACK SWAN26, THE CABIN IN THE WOODS27, RESOLUTION28, SNOWPIERCER29, THE WORLD'S END30, TRUDNO BYT BOGOM (deutscher Titel: ES IST SCHWER, EIN GOTT ZU SEIN)31, EX MACHINA32, TATORT: IM SCHMERZ GEBOREN33, TOMORROWLAND34, HIGH-RISE35, MÆND & HØNS (deutscher Titel: MEN & CHICKEN)36, ARRIVAL37, A CURE FOR WELLNESS38, THE ENDLESS39, LOGAN40, 11 LOST HIGHWAY. R.: David Lynch. FRAU/USA 1997 12 THE TRUMAN SHOW. R.: Peter Weir. USA 1998 13 BEING JOHN MALKOVICH. R.: Spike Jonze. USA 1999 14 FIGHT CLUB. R.: David Fincher. GER/USA 1999 15 THE MATRIX. R.: Lana Wachowski/Lilly Wachowski. USA 1999 16 THE MATRIX RELOADED. R.: Lana Wachowski/Lilly Wachowski. AUS/USA 2003 17 THE MATRIX REVOLUTIONS. R.: Lana Wachowski/Lilly Wachowski. AUS/USA 2003 18 UNBREAKABLE. R.: M. Night Shyamalan. USA 2000 19 SPLIT. R.: M. Night Shyamalan. USA 2016 20 Glass. R.: M Night Shyamalan. USA 2019 21 DONNIE DARKO. R.: Richard Kelly. USA 2001 22 STRANGER THAN FICTION. R.: Marc Forster. USA 2006 23 SLIPSTREAM. R.: Sir Anthony Hopkins. USA 2007 24 SAUNA. R.: Antti-Jussi Annila. CZE/FIN 2008 25 WATCHMEN. R.: Zack Snyder. USA 2009 26 BLACK SWAN. R.: Darren Aronofsky. USA 2010 27 THE CABIN IN THE WOODS. R.: Drew Goddard. USA 2012 28 RESOLUTION. R.: Justin Benson/Aaron Moorhead. USA 2012 29 SNOWPIERCER. R.: Joon-ho Bong. CZE/KOR 2013 30 THE WORLD'S END. R.: Edgar Wright. GBR/USA/JPN 2013 31 TRUDNO BYT BOGOM. R.: Aleksey German. RUS 2013 32 EX MACHINA. R.: Alex Garland. GBR 2014 33 TATORT: IM SCHMERZ GEBOREN. R.: Florian Schwarz. GER 2014 34 TOMORROWLAND. R.: Brad Bird. ESP/FRA/GBR/USA 2015 35 HIGH-RISE. R.: Ben Wheatley. BEL/GBR/IRL 2015 36 MÆND & HØNS. R.: Anders thomas Jensen. DNK/GER 2015 37 ARRIVAL. R.: Denis Villeneuve. USA 2016 38 A CURE FOR WELLNESS. R.: Gore Verbinski. GER/USA 2016 39 THE ENDLESS. R.: Justin Benson/Aaron Moorhead. USA 2017 40 LOGAN. R.: James Mangold. USA 2017 8 THE DISCOVERY41, BLADERUNNER 204942, STAR WARS: EPISODE VIII - THE LAST JEDI43 und ANNIHILATION44. Diese Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Abgesehen von ihren gemeinsamen Charakteristika als Metatragödien, die ebenfalls verschieden stark ausgeprägt vorliegen, sind die genannten Werke höchst unterschiedlich – in Hinsicht auf Inhalt, Anspruch und Produktionsaufwand. Das Spektrum reicht dabei von familienfreundlichen Hollywood-Stücken und Komödien bis hin zu hochkomplexen Art-House-Filmen und umfasst sogar eine deutsche TATORT-Folge: obwohl es sich mehrheitlich um amerikanische Produktionen handelt, finden sich auch Metatragödien aus dem europäischen und asiatischen Raum. Hinzu kommen darüber hinaus einige Filme, die zwar nicht als vollwertige Metatragödien betrachtet werden können, aber dennoch in hohem Maß zur metatragischen Selbstdekonstruktion neigen, einige der entsprechenden Motive aufweisen und eine ähnliche Weltsicht zum Ausdruck bringen, wie beispielsweise BLINKENDE LYGTER (deutscher Titel: FLICKERING LIGHTS)45, MEMENTO46, BATMAN BEGINS47 (sowie die beiden Fortsetzungen THE DARK KNIGHT48 und THE DARK KNIGHT RISES49), ADAMS ÆBLER (deutscher Titel: ADAMS ÄPFEL)50, THE PRESTIGE51, WHEN NIETZSCHE WEPT52, WANTED53, SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD54, THE HUNGER GAMES55 (sowie die drei Fortsetzungen THE HUNGER GAMES: CATCHING FIRE56, THE HUNGER GAMES: MOCKINGJAY - PART 157 und THE HUNGER GAMES: MOCKINGJAY - 41 THE DISCOVERY. R.: Charlie McDowell. USA 2017 42 BLADE RUNNER 2049. R.: Denis Villeneuve. CAN/GBR/HUN/USA 2017 43 STAR WARS: EPISODE VIII - THE LAST JEDI. R.: Rian Jonson. USA 2017 44 ANNIHILATION. R.: Alex Garland. GBR/USA 2018 45 BLINKENDE LYGTER. Anders Thomas Jensen. DNK/SWE 2000 46 MEMENTO. R.: Christopher Nolan. USA 2000 47 BATMAN BEGINS. R.: Christopher Nolan. GBR/USA 2005 48 THE DARK KNIGHT. R.: Christopher Nolan. GBR/USA 2008 49 THE DARK KNIGHT RISES. R.: Christopher Nolan. GBR/USA 2012 50 ADAMS ÆBLER. R.: Anders Thomas Jensen. DNK/GER 2006 51 THE PRESTIGE. R.: R.: Christopher Nolan. USA 2006 52 WHEN NIETZSCHE WEPT. R.: Pinchas Perry. USA 2007 53 WANTED. R.: Timur Bekmambetov. GER/USA 2008 54 SCOTT PILGRIM VS. THE WORLD. R.: Edgar Wright. CAN/GBRJPN/USA 2010 55 THE HUNGER GAMES. R.: Gary Ross. USA 2012 56 THE HUNGER GAMES: Catching Fire. R.: Francis Lawrence. USA 2013 57 THE HUNGER GAMES: MOCKINGJAY - PART 1. R.: Francis Lawrence. USA 2014 9 PART 258), CLOUD ATLAS59, PROMETHEUS60, OBLIVION61, MAD MAX: FURY ROAD62, DR. STRANGE63, ALIEN: COVENANT64, BAD TIMES AT THE EL ROYALE65, RAUS66 oder THE DEAD DON'T DIE67. Beispielsweise in PROMETHEUS, OBLIVION, DR. STRANGE und RAUS durchleben die Protagonisten zwar eine metatragische Entwicklung im geschilderten Sinne, die Filme verfügen jedoch nicht über eine so markante metafiktionale Ebene wie die Titel der ersten Liste. Die THE HUNGER GAMES-Reihe kann in ihrer Gesamtheit als Metatragödie eingestuft werden – für sich betrachtet entsprechen die einzelnen Episoden den Kriterien jedoch nur teilweise. Regisseure, in deren Œuvre sich wiederkehrend metatragische Filme finden, sind somit beispielsweise Ridley Scott (auch dessen Film BLADE RUNNER68 von 1982 entspricht den Kriterien einer Metatragödie und kann in diesem Zusammenhang als wegweisendes Werk betrachtet werden, siehe Kapitel 4.4), Christopher Nolan, Denis Villeneuve, Tom Tykwer (dessen LOLA RENNT69 ebenfalls einen Einflussfaktor für die Entwicklung metatragischen Erzählens darstellt, siehe Kapitel 4.5), Anders Thomas Jensen, Drew Goddard, M. Night Shyamalan, Alex Garland, Justin Benson und Aaron Moorhead sowie Lana und Lilly Wachowski. Wie eingangs erwähnt, lassen sich auch Erzählungen in anderen Medien als Metatragödien einstufen, wobei die entsprechenden Motive teils in speziellen, medienspezifischen Ausdrucksformen vorliegen. Darunter fallen etwa die Videospiele PREY (sowohl das unter diesem Namen erschienene Spiel des Entwicklers Human Head Studios aus 58 THE HUNGER GAMES: MOCKINGJAY - PART 2. R.: Francis Lawrence. GER/USA 2015 59 CLOUD ATLAS. R.: Tom Tykwer/Lana Wachowski/Lilly Wachowski. GER/HKG/SGP/USA 2012 60 PROMETHEUS. R.: Ridley Scott. GBR/USA 2012 61 OBLIVION. R.: Joseph Kosinski. USA 2013 62 MAD MAX: FURY ROAD. R.: George Miller. AUS/USA 2015 63 DR. STRANGE. R.: Scott Derrickson. USA 2016 64 ALIEN: COVENANT. R.: Ridley Scott. GBR/USA 2017 65 BAD TIMES AT THE EL ROYALE. R.: Drew Goddard. USA 2018 66 RAUS. R.: Philipp Hirsch. GER 2019 67 THE DEAD DON'T DIE. R.: Jim Jarmusch. USA/SWE 2019 68 BLADE RUNNER. R.: Ridley Scott. HKG/USA 1982 69 LOLA RENNT. R.: Tom Tykwer. DEU 1998 10 dem Jahr 200670 als auch PREY von 2017, entwickelt von Arkane Studios71), S.T.A.L.K.E.R.: SHADOW OF CHERNOBYL72, BIOSHOCK73, BIOSHOCK 274, BIOSHOCK INFINITE75 (einschließlich der separat spielbaren Erweiterung BIOSHOCK INFINITE: BURIAL AT SEA76), ALAN WAKE77, LIFE IS STRANGE78, HELLBLADE: SENUA'S SACRIFICE79, ECHO80 und, allemal in Ansätzen, WHAT REMAINS OF EDITH FINCH81 sowie CONTROL82, DISCO ELYSIUM83 und DEATH STRANDING84. Die im Folgenden vorgenommene Untersuchung metatragischen Erzählens und der damit einhergehenden Sichtweise bzw. Utopie erfolgt überwiegend anhand von Kinofilmen. Anschließend erfolgt eine detaillierte Analyse dreier metatragischer TV-Serien – untersucht werden AMERICAN GODS85, WESTWORLD86 und die deutsche Serie 70 PREY. PC/Xbox 360. Entwickler: Human Head Studios u.a.. Publisher: 2K Games. 2006 71 PREY. PC/Xbox One/PlayStation 4. Entwickler: Arkane Studios Austin. Publisher: Bethesda Softworks. 2017 72 S.T.A.L.K.E.R.: SHADOW OF CHERNOBYL. PC. Entwickler: GSC Game World. Publisher: CIS: GSC World Publishing/THQ. 2007 73 BIOSHOCK. PC u.a.. Entwickler: 2K Australia u.a.. Publisher: 2K Games. 2007 74 BIOSHOCK 2. PC/PlayStation 3/Xbox 360. Entwickler: 2K Australia u.a.. Publisher: 2K Games. 2010 75 BIOSHOCK INFINITE. PC u.a. Entwickler: Irrational Games/2K Australia. Publisher: 2K Games. 2013 76 BIOSHOCK INFINITE: BURIAL AT SEA. PC u.a. Entwickler: Irrational Games. Publisher: 2K Games. USA 2013-2014 77 ALAN WAKE. PC/Xbox 360. Entwickler: Remedy Entertainment/Nitro Games. Publisher: Microsoft Game Studios/Remedy Entertainment/Nordic Games. 2010 78 LIFE IS STRANGE. PC u.a.. Entwickler: dontnod Entertainment. Publisher: Square Enix. 2015 79 HELLBLADE: Senua's Sacrifice. PC/PlayStation 4/Xbox One. Entwickler: Ninja Theory. Publisher: Ninja Theory. 2017 80 ECHO. PC/PlayStation 4. Entwickler: Ultra Ultra. Publisher: Ultra Ultra. 2017 81 WHAT REMAINS OF EDITH FINCH. PC/ PlayStation 4/Xbox One. Entwickler: Giant Sparrow/SCE Santa Monica Studio. Publisher: Annapurna Interactive. 2017 82 CONTROL. PC/PlayStation 4/Xbox One. Entwickler: Remedy Entertainment. Publisher: 505 Games. 2019 83 DISCO ELYSIUM. PC/ PlayStation 4/Xbox One. Entwickler: ZA/UM. Publisher: ZA/UM. 2019 84 DEATH STRANDING. PC/PlayStation 4. Entwickler: Kojima Productions. Publisher: Sony Interactive Entertainment/505 Games. 2019 85 AMERICAN GODS [Fernsehserie]. Creators: Bryan Fuller, Michael Green. USA seit 2017 86 WESTWORLD [Fernsehserie]. Creators: Jonathan Nolan/Lisa Joy. USA seit 2016 11 DARK87 – was mehrere Gründe hat. Einerseits wird dem Rezipienten aufgrund der gegenüber klassischen Spielfilmen wesentlich länger ausgedehnten Erzähldauer mehr Zeit gelassen, die Inhalte zu verarbeiten. Somit werden komplexe Thematiken – wie die metatragische Meta- Utopie (siehe Kapitel 6 und 8) – einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Beispielsweise kann die Serie MR. ROBOT88 als stark vereinfachte und temporär gedehnte Neuauflage von FIGHT CLUB beschrieben werden. Andererseits wird die Verknüpfung zwischen narrativer Fiktion und Alltagsrealität, der sich Protagonisten wie auch Rezipienten ausgesetzt sehen, zusätzlich durch das anzunehmende Rezeptionsumfeld von Serien betont: der eigenen Privatwohnung. Anders als das spezielle Rezeptionsumfeld des Kinos, ist diese kein offener sozialer Schauplatz, der gezielt für eine bestimme Umgangspraxis mit Filmen geschaffen wurde.89 Von Interesse ist, dass sowohl AMERICAN GODS als auch DARK für digitale Streamingdiensten produziert wurden. Im Fall von AMERICAN GODS (auch) für Amazon Prime – genau wie die ebenfalls metatragischen Serien MR. ROBOT, THE MAN IN THE HIGH CASTLE90, ASH VS EVIL DEAD91, PREACHER92, VIKINGS93 (vor allem die späteren Staffeln) und PHILIP K. DICK'S ELECTRIC DREAMS94. DARK ist eine Netflix-Produktion – genau wie MANIAC95, DIRK GENTLY'S HOLISTIC DETECTIVE AGENCY96 und BLACK MIRROR 97. 87 DARK [Fernsehserie]. Creators: Janje Friese/Baran bo Odar. GER/USA seit 2017 88 MR. ROBOT [Fernsehserie]. Creator: Sam Esmail. USA seit 2015 89 Vgl. Seel 2013, S. 9-10 90 THE MAN IN THE HIGH CASTLE [Fernsehserie]. Creator: Frank Spotnitz. USA seit 2015 91 ASH VS EVIL DEAD [Fernsehserie]. Creators: Ivan Raimi/Sam Raimi/ Tom Spezialy. USA 2015-2018 92 PREACHER [Fernsehserie]. Creators: Sam Catlin/Evan Goldberg/Seth Rogen. USA seit 2016 93 VIKINGS [Fernsehserie]. Creator: Michael Hirst. IRL/CAN seit 2013 94 PHILIP K. DICK'S ELECTRIC DREAMS [Fernsehserie]. Creator: David Farr u.a.. GBR/USA seit 2017 95 MANIAC [Fernsehserie]. Creators: Cary Joji Fukunaga/Patrick Somerville. USA 2018 96 DIRK GENTLY'S HOLISTIC DETECTIVE AGENCY [Fernsehserie]. Creator: Max Landis. USA 2016-2017 97 BLACK MIRROR [Fernsehserie]. Creator: Charlie Brooker. GBR seit 2011 12 Hinsichtlich der beiden Anthologie-Serien BLACK MIRROR und PHILIP K. DICK'S ELECTRIC DREAMS ist anzumerken, dass jeweils nur bestimmte der jeweils in sich abgeschlossenen Episoden die metatragischen Motive aufweisen. Besonders interessant ist die interaktive BLACK MIRROR-Folge BANDERSNATCH98, auf die in Kapitel 5.2 näher eingegangen wird. WESTWORLD ist eine Fernsehserie des amerikanischen Senders HBO – eine weitere metatragische TV-Produktion ist die österreichische Serie M – EINE STADT SUCHT EINEN MÖRDER aus dem Jahr 2019. Bei dieser handelt es sich um eine in die Gegenwart versetzte Adaption von Fritz Langs Spielfilm M99 aus dem Jahr 1931. In Teilen kann auch David Lynchs TWIN PEAKS100 als metragische Serie eingestuft werden – besonders deren 2017 erschienene dritte Staffel. Im folgenden Kapitel werden zunächst die fünf metatragischen Kernmotive vorgestellt, welche sich in dieser Kombination in sämtlichen dieser Werke finden. Anschließend wird das Genre in Bezug zu dem gesellschaftlichen und intellektuellen Diskurs der Postmoderne gesetzt – bzw. zu einer speziellen Tendenz desselben, die hier als Metamoderne bezeichnet wird. Darauf folgen eine Einordnung in den historischen Kontext filmischer und literarischer Erzählungen und eine Spezifizierung der erzählerischen Synergien, welche durch die Kombination der fünf Motive zustandekommen. Einher geht damit eine bestimmte Weltsicht, die in einigen Aspekten näher beleuchtet wird. Infolge dessen werden die Ergebnisse der bis zu diesem Punkt vorgenommenen Untersuchungen auf die drei genannten Serien bezogen, um eine vertiefte Analyse anhand konkreter Beispiele zu gewährleisten. Abschließend wird dargestellt, inwieweit Metatragödien als eine Form politischer Utopien angesehen werden können – speziell vor dem technologischen und kulturellen Hintergrund des 21. Jahrhunderts. 98 BLACK MIRROR: BANDERSNATCH. R.: David Slade. USA/GBR 2018 99 M. R.: Fritz Lang. GER 1931 100 TWIN PEAKS [Fernsehserie]. Creator: Mark Frost/David Lynch. USA 1990-2017

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Zusammenfassung

Ein neues Genre wagt Utopismus jenseits postmoderner Skepsis. Angesichts der Dekonstruktion sinnstiftender Narrative wird Narrativierung selbst zum Ideal. Besonders die zunehmende Digitalisierung des Alltags eröffnet Möglichkeiten, das eigene Leben als Geschichte aufzubereiten, sowie zum effizienten Einsatz personalisierter Propaganda. Das in diesem Buch definierte Genre setzt sich kritisch mit der Thematik auseinander – und lotet zugleich aus, inwiefern es für das Individuum sinnstiftend wirken kann, sich aktiv selbst zu manipulieren. Die dabei zum Ausdruck kommenden Perspektiven spiegeln sich im Denken populärer Kulturkritiker wie Slavoj Žižek, Jordan Peterson und Yuval Noah Harari. Untersucht werden Erzählungen in unterschiedlichen Medien: darunter Spielfilme wie Donnie Darko, Star Wars: The Last Jedi sowie Annihilation und Videospiele wie BioShock oder Life is Strange. Der Schwerpunkt liegt auf der Analyse der TV-Serien Dark, American Gods und Westworld.