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3 Gesellschaftlicher Kontext in:

Robert Boehm

Jenseits des Postmodernen, page 27 - 46

Die Geburt der Metatragödie

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4457-5, ISBN online: 978-3-8288-7476-3, https://doi.org/10.5771/9783828874763-27

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Medienwissenschaften, vol. 38

Tectum, Baden-Baden
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27 3 Gesellschaftlicher Kontext 3.1 Postmoderne Der Begriff Postmoderne wird sehr unterschiedlich, oft auch widersprüchlich verwendet112. Darunter verstanden wird meist eine Zeit nach oder Kritik an der Moderne. Deren genaue Definition varriiert dabei jedoch ebenfalls enorm. Gemeint sind teils das anfänglich im 17. Jahrhundert anzusiedelnde Bestreben, den Menschen mithilfe rationaler Wissenschaft zum Herrn über die Natur zu machen, die im 18. Jahrhundert begonnene Aufklärung, Industrialisierung und Kapitalismus des 19. Jahrunderts oder die utopistischen Avantgarde-Bewegungen der Kunst des 20. Jahrhunderts.113 Allenfalls postmoderne Architektur verfügt in Gestalt der Vision des Bauhaus und seiner Nachfolger über einen eindeutigen modernen Gegensatz114. Partiell wird die Postmoderne auch als Auseinandersetzung mit der Kehrseite der modernistischen Ideale Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit verstanden, wobei darin meist weniger eine völlige Abkehr, als vielmehr der Versuch zu sehen ist, die demokratischen Möglichkeiten innerhalb des Projekts der Moderne zu vertiefen115. Abgelehnt wird dessen kategorische Gleichsetzung mit Zivilisation und von Vernunft mit kulturellem und sozialem Fortschritt116. Ursprünglich fand der Begriff in der Literaturkritik der 1950er Jahre Verwendung. Ab den 1980ern wird von ihm Gebrauch gemacht, um den Zustand der westlichen Gesellschaft als Ganzes zu beschreiben.117 Dieser ist demnach geprägt von einer Krise herkömmlicher Macht, Autorität, Ethik, Identität und patriarchaler Strukturen118. Nach wie vor werden als postmodern jedoch auch künstlerische Stragien und philosophische Kategorien bezeichnet119. 112 Vgl. Bertens 1995, S. 3 113 Vgl. Welsch 2008, S. 47 114 Vgl. Bertens 1995, S. 11 115 Vgl. Giroux 1991, S. 3 116 Vgl. Ebd., S. 8 117 Vgl. Bertens 1995, S. 10 118 Vgl. Giroux 1991, S. 1-2 119 Vgl. Bertens 1995, S. 3 / Koelb 1990, S. 3 28 Grundsätzlich wird der Ausdruck Postmoderne häufig mit Feminismus und Multikulturalismus assoziiert120. Die wesentliche Gemeinsamkeit der unterschiedlichen Ansätze besteht in einer bestimmten Perspektive auf die Welt121. Diese ist geprägt von Zweifeln an der Fähigkeit des Menschen, die Realität als solche unverfälscht wahrzunehmen oder sie, z.B. in Form von Kunstwerken, philosophischen Systemen oder methodischem Wissen zu repräsentieren122. Alles ist eine Frage der Interpretation und folglich gibt es keine absolute Wahrheit oder Wirklichkeit außer der, die jeweils zwischen Menschen einer Gruppe in Form eines Konsenses verabredet wird123. So proklamiert beispielsweise der postmoderne Philosoph Jean- François Lyotard, dass auch wissenchaftliche Erkenntnis keinen höheren Anspruch darauf erheben könne, vormodernen Mythen und Erzählungen hinsichtlich ihres Wahrheitsgehalts überlegen zu sein124. Demgegenüber betont der – sich ebenfalls als postmodern bezeichnende – Philosoph Villém Flusser die Sonderstellung derselben, gerade weil nichts sicher ist und Wissenschaftlichkeit darin besteht, sich unablässig selbst zu hinterfragen125. Postmodernes Denken versucht in jedem Fall, die nicht zu rechtfertigenden Ansätze der Moderne zu transzendieren, die nach universellen Tatsachen suchen oder sich darauf stützen126. Politische, moralische und ästhetische Grundsätze sind relativ und können nicht als gegeben angesehen werden127. Als Prototyp eines dem gegenüberstehenden idealistischen Wirklichkeitsmodells kann Platons Höhlengleichnis betrachtet werden – das jedoch, in etwas abgewandelter Form, genauso oft zur Legitimation postmoderner Perspektiven verwendet wird128. Wie Menschen üblicherweise die Welt wahrnehmen, wird darin verglichen mit der Sicht in einer Höhle festgeketteter Gefangener, die eine Wand anstarren. Auf dieser sehen sie die Schatten von Gegenständen, 120 Vgl. Bertens 1995, S. 8 121 Vgl. Ebd., S. 9 122 Vgl. Ebd., S. 10 123 Vgl. Lyotard 1982, S.10 124 Vgl. Kubsch 2004, S. 4-6 125 Vgl. Flusser 1998, S. 27-34 126 Vgl. Bertens 1995, S. 5 127 Vgl. Ebd., S. 10 128 Vgl. Schwan in: Schwan/Meusburger 2003, S. 163 29 die hinter ihnen vor einem Feuer entlanggetragen werden, sinnbildlich für die verzerrte Repräsentation der tatsächlichen Wirklichkeit in der subjektiven Wahrnehmung. Diese Gegenstände sind jedoch ebenfalls nur Abbilder von Dingen aus der Welt jenseits der Höhle: der unanfechtbaren Wahrheiten und Tugenden, der eigentlichen Bedeutung und dem Sinn der Dinge, zu welchen nach Platons Vorstellung jeder durch eigenständiges Philosophieren potenziell selbst gelangen kann.129 Zwar muss man die Wirklichkeit aus Platons Sicht interpretieren, um sie zu verstehen, es gibt jedoch nur einen einzigen richtigen Weg, das zu tun, und eine definitive Wahrheit, zu welcher man dabei letzten Endes unweigerlich gelangt. Aus postmoderner Sicht wäre das Gleichnis in etwa dahingehend zu erweitern, dass diese Außenwelt entweder gar nicht existiert – oder der Höhlenausgang vergittert ist. Als Extremform entsprechend perspektivischen Denkens kann der Solipsismus angesehen werden, also der erkenntnistheoretische Standpunkt, dass alles Wahrgenommene nur in der eigenen Vorstellung vorhanden ist und somit nichts außer dem eigenen Ich existiert, auch keine anderen Menschen130. In der Regel jedoch geht postmodernes Denken nicht so weit. Im Fokus postmodernen Denkens steht eher die kritische Auseinandersetzung mit Metanarrativen – sozial konstruierten und sich selbst legitimierenden Geschichten darüber, was im allgemein real bzw. richtig ist, wie z.B. politischen Programmen oder Religionen. So definiert etwa Lyotard die Postmoderne philosophisch als Zweifel an solchen Geschichten131. Verstanden als historische Epoche ist sie geprägt durch die beginnende Auflösung der Metanarrative der Moderne, die zunehmend als Einbildung oder bloße Ideologie empfunden werden und ohnehin permanentem Wandel unterworfen sind132. Zu jenen kann beispielsweise der Marxismus gezählt werden, mit dem sich die französische Philosophie der 1950er und 1960er Jahre noch strukturalistisch, also fokussiert auf ganzheitliche Lösungen, auseinandersetzte. 129 Platon. https://www.projekt-gutenberg.org/platon/platowr3/staat07.html, zuletzt geprüft am 14.02.2020 130 Spektrum.de. https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/solipsismus/14433, zuletzt geprüft am 14.02.2020 131 Vgl. Koelb 1990, S. 3 132 Vgl. Wachholz 2014, S. 34 30 Die eher aufs Partielle konzentrierten Tendenzen besonders der französischen Postmoderne werden in Abgrenzung dazu häufig als poststrukturalistisch bezeichnet.133 Besonders in diesem Zusammenhang steht postmodernes Denken häufig in Verbingung mit Praktiken der Dekonstruktion134. Darunter zu verstehen ist eine bestimmte kritische Form der Auseinandersetzung mit Narrativen aller Art, die sich auf deren kontextuelle Wirkung bzw. Funktion konzentriert, anstatt auf ihre vorgebliche wahre Bedeutung135. Demnach kann z.B. ein Roman oder Gedicht keinen Anspruch darauf erheben, irgendeine universelle Wahrheit zum Ausdruck zu bringen, sondern bloß die Ansichten, Vorurteile und prägenden Lebensumstände des Verfassers. Auch der Leser kann den Text lediglich zu seinen eigenen Erfahrungen in Bezug setzen und allenfalls systematisch herleiten, von welchem eingeschränkten Blickwinkel aus der Verfasser die Realität betrachtet hat. Zu den Wegbereitern entsprechend poststrukturalistischen Denkens zählen z.B. Jaques Derrida, Roland Barthes, Michel Foucault, Jaques Lacan, Gilles Deleuze und Félix Guattari136. Mit der Bedeutung von Erzählungen werden, etwa bei Barthes sehr kategorisch, auch der Glaube an Götter, Gesetze und Logik abgelehnt137. Besonders in der Literaturkritik der US-amerikanischen Postmodernde wird häufig eine generelle Abkehr von Narrativen oder Repräsentationsversuchen angestrebt. Allerdings kann die Postmoderne auch dabei nicht eindeutig auf ein Prinzip reduziert werden. So zeichnet sich beispielsweise die postmoderne Architektur gerade durch die Rückkehr narrativer Elemente aus.138 Mit dem Wegfallen von Bezugspunkten, Werten und Normen gerät auch die Vorstellung des Menschen als selbstbestimmtes Individuum bzw. aktiv handelndes Subjekt in eine Krise139. So zeichnet sich die Moderne (in ihren verschiedenen eingangs dargestellten Konzeptionen) durch den humanistischen Glauben an ein einheitliches wahres Selbst 133 Vgl. Stanford Encyclopedia of Philosophy (2005). https://plato.stanford.edu/ entries/postmodernism/, zuletzt geprüft am 14.02.2020 134 Vgl. Bertens 1995, S. 5-6 135 Vgl. Stanford Encyclopedia of Philosophy (2005). https://plato.stanford.edu/ entries/postmodernism/, zuletzt geprüft am 14.02.2020 136 Vgl. Bertens 1995, S. 5-6 137 Vgl. Barthes 1967, S.6 138 Vgl. Bertens 1995, S. 4 139 Vgl. Wachholz 2014, S. 34 31 aus. Dieses verfügt über einen freien Willen und dem eigenen Empfinden gemäß zu handeln, gibt somit dem Dasein seinen Sinn. Demnach ist es mehr oder weniger möglich, die Welt unverfälscht wahrzunehmen und zumindest subjektiv unzweifelhaft richtige Entscheidungen zu treffen: sofern man aufrichtig genug sich selbst gegenüber ist, kann es gelingen, der eigenen inneren Berufung gerecht zu werden.140 In der Postmoderne wird die Existenz eines stabilen, kohärenten Selbst angezweifelt141. So geht z.B. poststrukturalistisches Denken davon aus, dass der Mensch vor allem von der Sprache, die er spricht, fremd gelenkt und geformt wird: der Wortschatz eines Menschen bestimmt, was er überhaupt sagen oder denken kann. Foucault vertritt die Ansicht, dass der Mensch sich primär durch seine Beteiligung an sozialen Machtprozessen als Subjekt konstituiert.142 Harraway argumentiert, dass sich das (männliche weiße) freie Selbst allein durch seine Abgrenzung von anderen Unfreien – wie Frauen, farbigen Menschen, unbelebter Natur und Tieren – als solches identifizieren kann und lehnt die ihm in der westlichen Tradition beigemessene Bedeutung stringent ab143. Unter postmodern-relativistischen Gesichtspunkten erscheint fest definiertes Wissen dabei per se als Träger bestimmter Machtverhältnisse: Geschichten darüber, was wahr ist, legitimieren je bestimmtes Handeln und erscheinen somit suspekt144. Besonders die Infragestellung von Identität und äußerer Wahrheit ist auch im Zusammenhang von Metatragödien von großer Bedeutung. Postmoderne Prämissen finden sich, wenigstens in Ansätzen, in sämtlichen metatragischen Erzählungen. Allerdings bedeutet die Identifikation der Protagonisten mit ihrer Geschichte, Wahrheit nicht nur als subjektiv zu erkennen, sondern sich, wenn auch reflektiert, für die eigene subjektive Wahrheit zu entscheiden. Narrative werden nicht grundsätzlich abgelehnt – und das tun auch nicht alle infolge der Postmoderne entstandenen Denkansätze. 140 Vgl. Harari 2017, S. 302 141 Vgl. Giroux 1991, S. 3 142 Vgl. Bertens 1995, S. 6-7 143 Vgl. Harraway 1980, S.77 144 Vgl. Bertens 1995, S. 7 32 3.2 Metamoderne An einem Philosophen ist es eine Nichtswürdigkeit zu sagen: das Gute und das Schöne sind Eins: fügt er gar noch hinzu „auch das Wahre“, so soll man ihn prügeln. Die Wahrheit ist hässlich: wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehen. Friedrich Nietzsche, nachgelassene Fragmente145 Postmodernes Denken ist Gegenstand umfassender Kritik. Dabei muss beachtet werden, welche seiner Ausprägungen jeweils gemeint ist – was keinesfalls immer klargestellt wird. Habermas etwa kritisiert, dass Postmodernisten sich oft gegen die Moderne richten, dabei aber zugleich höchst moderne Konzepte wie Freiheit, Subjektivität und Kreativität propagieren146. Welsch merkt an, dass die Forderung nach Pluralismus häufig bloß als Auflösungslizenz statt Reflexionsgebot begriffen oder praktiziert wird147. Auch kann die postmoderne Kritik an Metanarrativen selbst als Metanarrativ verstanden werden148. So relativiert sich die Aussage, alle Aussagen seien relativ, offenkundig selbst149. Bürger bezeichnet die Verabschiedung eines platten objektivistischen Wirklichkeitsverständnisses zwar als große geistige Errungenschaft der westlichen Kultur, richtet sich jedoch gegen die dadurch implizit legitimierte Fiktionalisierung politischer Sachverhalte. So prangert er beispielsweise an, dass die Kriegsberichterstattung des US-amerikanischen Senders CNN teils mit Bildmaterial aus dem Spielfilm BLACK HAWK DOWN150 illustriert wurde und plädiert anstelle einseitig wertender Medien für einen Schutz des individuellen und existentiellen Ringens um Wahrheit bzw. eines entsprechenden Verständnisses von Menschenwürde.151 Teils wird auch schlicht verlangt, der Beliebigkeit der Postmoderne klare Ideen, Werte und Traditionsbewusstsein entgegenzusetzen152. 145 Vgl. Newmark 2017, S. 44 146 Vgl. Spektrum.de. https://www.spektrum.de/lexikon/psychologie/solipsismus/ 14433, zuletzt geprüft am 14.02.2020 147 Vgl. Welsch 2008, S. 81 148 Vgl. Kubsch 2004, S. 11 149 Vgl. Ebd., S. 16 150 BLACK HAWK DOWN. R.: Ridley Scott. GBR/USA 2001 151 Vgl. Bürger 2007, S. 15-18 152 Vgl. Wachholz 2014, S. 43 33 Entsprechende Kritik bezieht sich meist auf die Postmoderne als Denkrichtung oder Standpunkt. Viele Autoren vertreten darüber hinaus jedoch die Ansicht, sie habe auch als Beschreibung des vorherrschenden Gesellschaftszustands ausgedient. So sei die Moderne mit ihren großen utopischen Tendenzen zwar vorrüber, doch deren kritische Aufarbeitung sei ebenfalls nicht mehr bezeichnend für die Gegenwart und ihre Diskurse. Dies wirft jedoch die Frage auf, was dieses neue Zeitalter auszeichnet und wie es zu benennen ist. Verschiedentlich wurde versucht, dies zu beantworten. Alan Kirby beispielsweise plädiert für den Begriff der Digimoderne bzw. (digitalisierten) Pseudomoderne. Robert Samuels hat die Phrase Automoderne vorgeschlagen. Gelegentlich findet sich auch das etwas unglückliche Begriffskonstrukt Post-Postmoderne.153 Besonders prominent ist in diesem Zusammenhang Nicholas Bourriauds Diagnose, die aufs Einzelne fokussierte (künstlerische) Postmoderne sei tot und dessen Forderung, sich statt mit den Fehlern der Moderne mit der nicht einfach abstreitbaren Ganzheitlichkeit der Globalisierung auseinanderzusetzen. Ihm schwebt eine entsprechende Gegenbewegung zu Standardisierung und Kommerzialisierung vor, die er als Altermoderne betitelt.154 Bourriauds Ansicht nach charakterisiert sich die gegenwärtige Epoche weder durch die einseitige Dominanz der Perspektive des westlichen weißen Mannes, noch durch deren postmoderne Dekonstruktion anhand einheitlicher Ansätze wie Rasse, Gender, Klasse und Herkunft. So hebt er u.a. hervor, dass sich die entwickelte vernetzte Welt, die mit Begriffen wie Moderne und Postmoderne bezeichnet wurde, ausgeweitet hat und längst nicht mehr auf die westlichen Länder einzugrenzen ist. Anstelle der westlichen Sicht oder ihrer Opposition sei demnach ein kulturelles Nomadentum getreten. In der Altermoderne sei der Mensch und vor allem Künstler frei von Gebundenheit an seine Ursprünge und könne sich auf das Bereisen, Erforschen und Erfahren einer globalen Welt und Geschichte einlassen. Vermeulen und van den Akker kritisieren an Bourriauds Konzept u.a., dass dieses nicht klar zwischen Erfahrung und Interpretation unterscheidet: dem Menschen der Gegenwart mag eine ganzheitliche Welt offenstehen, doch er selbst und wie er die Welt wahrnimmt ist nach wie vor das Produkt spezifischer Umstände.155 153 Vgl. Vermeulen/van den Akker 2010, S. 3 154 Vgl. Bourriaud in: Rudrum/Stavris 2015, S. 253 155 Vgl. Vermeulen/van den Akker 2010, S. 3-4 34 Gleichwohl stimmen sie überein, dass der Begriff der Postmoderne sich nicht länger eignet, um die aktuelle Ära zu beschreiben. In Abgrenzung zu Bourriaud entwickeln sie ein eigenes Konzept namens Metamoderne – und dieses ist im Zusammenhang der in diesem Buch untersuchten Metatragödien von besonderem Interesse. Demnach zeichnen sich die gegenwärtigen Diskurse durch eine Oszillation aus, zwischen modernem Enthusiasmus und postmoderner Ironie156. Dafür bezeichnend ist das Aufleben optimistischer Erzählungen und groß angelegter Zielsetzungen für eine mögliche Zukunft. Während entsprechende Idealvorstellungen im Zeitalter der Moderne meist entweder naiv und/oder fanatisch geglaubt und in der Postmoderne apathisch abgelehnt und angefochten wurden, zeichne sich die Metamoderne durch eine Art von informierter Naivität oder pragmatischen Realismus aus. Laut Vermeulen und van den Akker finden sich entsprechende Tendenzen in diversen Lebensbereichen, von Kunst und Architektur bis hin zu Wirtschaft und Politik. Ein entsprechendes Beispiel sehen sie in Barack Obamas Wahlkampf-Slogan Yes We Can. Ein essentielles Kriterium entsprechend metamoderner Metanarrative besteht darin, dass nicht versprochen wird, ein großes historisches Endziel zu erreichen – wie z.B. ein kommunistisches Utopia. Stattdessen steht die Erkenntnis im Vordergrund, dass auch Stillstand illusorisch ist: die Welt verändert sich in jedem Fall und dies zu missachten ist gefährlich. In diesem Sinne mögen Erzählungen nicht gänzlich zutreffen, doch in ihrem Sinne zu handeln kann dazu führen, die propagierten Ziele teilweise zu erreichen – was aus metamoderner Sicht besser ist, als überhaupt nichts zu erreichen. Vermeulen und van den Akker vergleichen das Konzept mit der populären Metapher eines Esels, der vorwärts läuft, weil eine Karotte vor seiner Nase hängt – von einem Stock, welcher an seinem Rücken befestigt ist. 157 Seit der Gedanke 2010 im Journal of Aesthetics & Culture erstmals publiziert wurde, stieß er auf große Resonanz. Beispielsweise wurde von Turner 2011 ein darauf aufbauendes künstlerisches Manifest formuliert. Laut diesem besteht metamoderne Kunst nicht darin, Wahrheiten als gegeben anzunehmen oder sie grundsätzlich abzulehnen, sondern vielmehr zu agieren, als ob sie hypothetisch zu finden wären. 156 Vgl. Ebd., S. 1 157 Vgl. Ebd., S. 5 35 Der Fokus wird eher auf die Erreichung bestimmter Ziele gelegt denn auf die Validität der dabei zur Orientierung verwendeten (Meta-) Narrative. Somit wird propagiert, je nach Kontext fließend zwischen verschiedenen, potenziell auch entgegengesetzten Standpunkten zu wechseln. Bestimmte Weltanschauungen müssen nicht objektiv richtig, sondern im jeweiligen Kontext als Anreize hilfreich sein. So empfielt Turner z.B., Demokratisierung als erstrebenswert zu erachten, so als ob sie die notwendige Konsequenz geschichtlicher Entwicklung sei – unabhängig davon, ob sie das tatsächlich sein mag oder nicht.158 Eine entsprechende Perspektive schließt sich nicht zwangsläufig mit allen Ansätzen der Postmoderne aus. So bezeichnet Flusser seine Philosophie selbst als postmodern – sie ist jedoch zugleich geprägt von einem dahingehenden Optimismus, dass der Zerfall einer verlässlichen Wirklichkeit erlaubt, diese gezielt neu zu entwerfen159. Gewissermaßen besteht der Kern metamodernen Denkens in der Annahme, dass es eine feststehende Realität jenseits von Geschichten gibt, die jedoch nicht ohne die Verzerrung durch solche wahrgenommen werden kann. Es geht nicht darum, Geschichten zu glauben, sondern an Geschichten zu glauben. Große wie auch kleine Erzählungen gleichen dabei Brillen, die das Gesehene zwar eingrenzen und die Sicht fokussieren, dabei aber nichtsdestotrotz helfen, sich trotz Sehschwäche zurechtzufinden. Somit sind manche Narrative, abhängig vom jeweiligen Ziel und Kontext, besser als andere: so wie auch Sonnenbrillen, Brillen für Kurz- oder Weitsichtige u.s.w.. Auch losgelöst von Vermeulen und van den Akkers Arbeit finden sich Denkansätze, welche deren Grundprämissen teilen. Darunter fallen die Standpunkte einiger populärer Kulturkritiker wie des israelischen Historikers Yuval Noah Harari, des slowenischen Philosophen Slavoj Žižek und des kanadischen Psychologen Jordan Peterson. Diese sollen im Folgenden kurz angerissen und auch bei der Analyse metatragischer Werke in späteren Kapiteln mehrfach referenziert werden. Peterson verfolgt, häufig in Anlehnung an Carl Gustav Jung und Friedrich Nietzsche, den Ansatz, menschliches Zusammenleben grundsätzlich als Sequenz gespielter Games und Narrative als deren Regelwerke zu begreifen (es wird der englische Begriff Games verwendet, da 158 Vgl. Turner (2011). http://www.metamodernism.org/, zuletzt geprüft am 14.02.2020 159 Vgl. Flusser 1998, S. 27 36 im Deutschen nicht zwischen Games – also Spielen mit fest definierten Regeln – und Plays – ungeregeltem Spielen wie etwa dem zwanglosen Herumspielen mit einem Ball oder Jojo – unterschieden wird). So beginnen Kinder im Alter von sieben Jahren, ein Verständnis für komplexe Regeln und Moral zu entwickeln – analog dazu, dass sie anfangen, nicht nur Plays, sondern auch Games zu spielen160. Das erfolgreiche Bestreiten des Lebens an sich interpretiert Peterson als übergreifendes Metagame: bei dem verschiedene Regelsysteme unterschiedlich effizient sind161. Den Einsatz von Narrativen als soziales Spiel zu begreifen, kann durchaus als metamodern verstanden werden. Die Metamoderne definiert sich dadurch, Narrative reflektiert so zu behandeln, als ob sie die Realität repräsentieren. Und Spielen bedeutet per se, in irgendeiner Weise so zu tun, als ob – wie etwa der Entwicklungspsychologe Piaget darlegt, auf dessen Arbeit Peterson in Vielem aufbaut. Bei jeder Form von Spiel wird eine erfundene bzw. empfundene Wirklichkeit in die externe Welt projiziert, um mit Letzterer zu interagieren, als wäre Erstere die eigentliche Wahrheit. Dies trifft auf Videospiele genauso zu wie z.B. auf Mannschaftssportarten und Kinder, die mit Spielzeugen Geschichten nachstellen, die sie sich spontan ausdenken.162 In diesem Sinne ist dem gesamten Konzept der Metamoderne ein spielerischer Aspekt zu eigen – und auch die Identifikation metatragischer Protagonisten stellt einen spielerischen Akt dar, wie in Kapitel 8.2 eingehend erläutert. Spielerische Narrativierung bedeutet dabei nicht zwangsläufig das Ignorieren von Tatsachen – sondern vielmehr deren aktive Interpretation oder ihre bewusst bzw. zeitweilig nur selektive Betrachtung. Nach Petersons Anschauung sind Metanarrative wie Ideologien, Religionen und Mythen nicht als direkte Wahrheitsquellen relevant, sondern vielmehr als metaphorische Anleitungen, um im Metagame erfolgreich zu sein. Des Weiteren geht er davon aus, dass diese einer Art historischem Selektionsprozess unterworfen sind, da sie nur langfristig weiterzählt werden, wenn sie sich als funktionale Hilfestellung bewähren.163 160 Vgl. Peterson 2013, S. 32-34 161 Vgl. Ebd., S. 51 162 Vgl. Piaget 1962! S. 160-165 163 Vgl. Peterson S. 34-35 37 Dies wiederum nutzt er als Argumentationsbasis, um beispielsweise die westliche Wertvorstellung des Menschen als eigenverantwortliches Individuum zu propagieren, obschon er die Vorstellung eines einheitlichen Selbst mit freiem Willen im herkömmlichen Sinne ablehnt. In der gleichen Weise verteidigt er die jüdisch-christliche Tradition als bewährte Grundlage zur Organisation von Gesellschaften – unabhängig von der Validität ihrer metaphysischen Prämissen wie etwa der tatsächlichen Existenz eines Gottes.164 Davon ausgehend vertritt er einen stark liberalen bzw. konservativen Standpunkt, kritisiert umfassend postmodernes Denken und betont die Unersetzbarkeit sozialer Hierarchien als Fundament persönlicher Identität. Dabei bedient er sich zum Teil einer recht drastischen Rhetorik: so bezeichnet er beispielsweise das Vorhandensein von Privilegien weißer Menschen als “Marxist lie”.165 Žižek dagegen vertritt eine in vielem konträre linksgerichtete Position166. Nichtsdestotrotz kann diese in gewisser Hinsicht ebenfalls als metamodern eingeordnet werden. So setzt er sich umfassend kritisch mit ideologischen Narrativen auseinander und vertritt die Ansicht, deren vorgebliche Abwesenheit in der Postmoderne führe ihrerseits zur ideologischen Verpflichtung zu genießen, z.B. durch kapitalistischen Konsum167. Anstatt jedoch die Realität im Sinne fraglicher Narrative anzupassen, tritt er für das Gegenteil ein: The experience that we have of our lives, from within, the story we tell ourselfs about ourselfs in order to account for what we are doing is, and this is what I call ideology, fundamentally a lie. The truth lies outside in what we do.168 164 Vgl. Peterson in: Žižek/Peterson 2019. https://www.youtube.com/watch?v=ls WndfzuOc4, zuletzt geprüft am 14.02.2020, Min: 2:34:00 165 Vgl. Žižek 2018. https://www.independent.co.uk/voices/jordan-peterson-clinicalpsychologist-canada-popularity-convincing-why-left-wing-alt-right-cathya8208301.html, zuletzt geprüft am 14.02.2020 166 Vgl. Parker. https://www.britannica.com/biography/Slavoj-Zizek, zuletzt geprüft am 14.02.2020 167 Vgl. Žižek in: THE PERVERT'S GUIDE TO IDEOLOGY. R.: Sophie Fiennes. GBR/IRL 2012, Min.: 14:00 168 Vgl. Peterson in: Žižek/Peterson 2019. https://www.youtube.com/watch? v=lsWndfzuOc4, zuletzt geprüft am 14.02.2020, Min: 57:00 38 Laut Žižek vereinnahmt Ideologie ihre Anhänger stets durch das Versprechen, bestimmte Wünsche zu erfüllen. Da sie die Wahrnehmung der Wirklichkeit so tiefgreifend verzerrt, dass kaum möglich ist, ihren Einfluss von den eigenen genuinen Urteilen zu unterscheiden, besteht die eigentliche Verantwortung jedes Menschen darin, bewusst zu reflektieren und zu entscheiden, was man sich wünscht. Dies wiederum ist seiner Ansicht nach besonders durch die Rezeption fiktionaler Geschichten wie z.B. Filme möglich, durch die menschliches Verlangen geformt oder überhaupt erst geweckt wird.169 So sieht Žižek den grundlegenden Irrtum der gegenwärtigen Gesellschaft nicht darin, Fiktionen zu ernst, sondern sie im Gegensatz nicht ernst genug zu nehmen170. Dies wird beispielsweise anhand seiner *Analyse des Storytellings der deutschen Hard-Rock-Band Rammstein deutlich. Laut Žižek inszeniert diese in Teilen narrative Elemente nazionalsozialistischer Ideologie, löst sie jedoch aus ihrer eigentlichen Konnotation mit dem entsprechenden Metanarrativ. Dadurch wird der Genuss dieser Elemente in all ihrer Absurdität selbst zum geweckten bzw. erfüllten Wunsch und macht das Metanarrativ selbst überflüssig, was demnach einen subversiven Akt gegen tatsächlich nazinalsozialistisches Denken darstellt.171 Eine weitere Parallele zwischen dem Denken Žižeks und Vermeulen und van den Akkers Konzept der Metamoderne besteht in dessen expliziter Unterstützung der Fridays for Future-Bewegung (Schüler und Studierende, die während ihrer Unterrichtszeit für mehr Klimaschutz demonstrieren gehen). So tritt er dabei explizit für eine Form von informierter Naivität eine – im Sinne simpler Narrative, die Handlungen auf Basis unmittelbarer Fakten evozieren: Only in this naive way we may be brought to do something. In other words: the greatness of these children is precisely their, in some noble sense, stupid naivity. This is it. Don’t complicate it with the situation is complex, we don’t know and so on and so on. We need more of this. […] We need to rediscover this children’s innocence to be able to look at facts.172 169 Vgl. Ebd., Min.: 02:02:00 170 Vgl. Žižek in: THE PERVERT'S GUIDE TO CINEMA. R.: Sophie Fiennes. AUS/GBR/NLD 2006, Min.: 2:14:00 171 Vgl. Žižek in: THE PERVERT'S GUIDE TO IDEOLOGY, Min.: 53:00 172 Vgl. Žižek 2019. https://www.youtube.com/watch?v=c7DEKkiZzVg, Min: 5:00 39 Prinzipiell tritt Žižek also für eine möglichst unverfälschte Auseinandersetzung mit der faktischen Realität ein – obwohl er deren Wahrnehmung, zumindest in gewissem Umfang, für unweigerlich verzerrt hält. In diesem Zusammenhang setzt er sich u.a. explizit damit auseinander, ob es möglich ist, über die reine postmoderne Skepsis gegenüber Narrativen hinauszukommen und wissenschaftliche Erkenntnisse vollständig ernstzunehmen, ohne zu einem unreflektierten Realismus zurückzukehren. Eine mögliche Lösung sieht er darin, die Realität grundsätzlich als unvollständig zu denken. Er nimmt dabei Bezug auf eine Aussage des Quantenphysikers Niels Bohr, wonach die Realität sich nicht anhand einheitlicher Prinzipien beschreiben lässt, da sie in sich selbst wiedersprüchlich ist – oder zumindest nicht in ihrer Totalität begriffen werden kann. Diese Vorstellung wiederum vergleicht er mit den künstlichen Welten von Videospielen, welche in in gleicher Weise unvollständig sind: beispielsweise sind Häuser, die in solchen Spielen nicht betreten werden können, in der Regel bloß Kulissen, deren Inneres überhaupt nicht definiert ist. Bis zu einem gewissen Grad sind solche Spielwelten verständlich und auch in sich schlüssig – obwohl sie von ihren Schöpfern nicht bis ins letzte Detail hinein ausgestaltet wurden. Relevant ist, inwiefern mit dieser Welt interagiert werden kann und nicht, weshalb dies möglich ist. Laut Žižek sind auch zukünftige Utopien nur dann von potenziellem Wert, wenn sie genau in diesem Sinne die Vorteile modernen und postmodernen Denkens in sich vereinen.173 Wie in Kapitel 8 dargestellt, liegt metatragischen Erzählungen eine utopistische Tendenz zugrunde, auf die genau dies zutrifft. Das von Žižek beschriebene Konzept einer spielhaften Realität weist ebenfalls Parallelen zu Piaget auf – obwohl Žižek anders als Peterson nicht so weit geht, menschliche Gesellschaftsformen explizit als Spiele mit bestimmten Regeln zu beschreiben. So geht Piaget davon aus, dass spielerische Tätigkeiten dazu dienen, das Konzept von der Wirklichkeit als solcher zu entwickeln, welches Menschen hegen. Es geht nicht primär um das Üben von Aktivitäten oder rationale Verarbeitung – sondern darum, Dinge zu begreifen, sodass man sie instinktiv als real empfindet. Wenn beispielsweise Kleinkinder mit Gegenständen herumspielen, diese hochheben und wieder fallenlassen, dann setzen sie sich womöglich aktiv mit dem Prinzip der Schwerkraft auseinander, 173 Vgl. Žižek 2019. https://www.youtube.com/watch?v=545x4EldHlg, Min: 42:00 40 zugleich aber wird diese durch das Spiel der fundamental empfundenen Wirklichkeit des Kindes hinzugefügt. Demnach leben Menschen, unabhängig von ihrem Alter, in einer subjektiven Illusion, die sie auf die nicht unverfälscht wahrnehmbaren Sinneseindrücke projizieren – auch, wenn sie nicht spielen. Spielen im Sinne des Eintauchens in erfundene Welten bedeutet lediglich, sich dessen bewusst zu sein, weil es nicht automatisch geschieht und die automatisch projizierte Welt dadurch osmotisch zu erweitern.174 Spiele schaffen Realitäten – aber Spielen auch Realität. Sowohl Žižek als auch Peterson plädieren also für einen bewussten Umgang mit Geschichten, da diese in jedem Fall beeinflussen, wie man die Realität erlebt und deutet. Dabei lehnen beide sowohl den radikalen Verzicht auf Narrative ab als auch, diesen unreflektiert Glauben zu schenken. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass Peterson dafür plädiert, sie anhand dessen zu bewerten, wie sie sich in der Vergangenheit bewährt haben, während Žižek vor allem dafür eintritt, sie im Kontext neuer Entwicklungen und Umstände fortlaufend infrage zu stellen. Darüber hinaus vertreten beide stark konträre Standpunkte, woran deutlich wird, dass metamoderne Prämissen potenziell mit sehr verschiedenen Narrativen vereinbar sind. Zum eigentlich Klärungsbedürftigen wird weniger, ob, sondern welche Geschichten erzählt werden sollen – und in welchem Rahmen. Von Relevanz ist in diesem Zusammenhang, dass Žižek Peterson im Februar 2018 in der britischen Online-Zeitung The Independend umfassend kritisiert und ihm z.B. vorgeworfen hat, verrückte Verschwörungstheorien zu verbreiten.175 Der Artikel stieß auf großes Interesse, besonders seitens der jeweiligen Anhängerschaft beider Akteure in sozialen Medien wie Youtube. Infolgedessen kam es am 19.04.2019 zu einer Podiumsdiskussion zwischen ihnen. Als beispielhafte Kontroverse zwischen metamodernen Standpunkten soll diese hier in einigen Kernpunkten aufgegriffen werden. Die Veranstaltung fand, unter dem Titel HAPINESS: CAPITALISM VS: MARXISM, im Sony Centre for the Performing Arts in Toronto statt. 174 Vgl. Piaget 1962, S. 164-168 175 Vgl. Žižek 2018. https://www.independent.co.uk/voices/jordan-peterson-clinicalpsychologist-canada-popularity-convincing-why-left-wing-alt-right-cathya8208301.html, zuletzt geprüft am 14.02.2020 41 Dabei erfreute sie sich enormer Aufmerksamkeit: So waren Tickets für die 3.000 Sitzplätze des Theaters ausverkauft und wurden auf Ebay zuletzt für mehr als 1.000 Dollar gehandelt, während weltweit über 6.000 Menschen das Event im (kostenpflichtigen) Livestream verfolgten. Teils wurden im Vorfeld Parallelen zu dem berühmten Duell zwischen Noam Chomsky und Michel Focault im Jahr 1971 gezogen, welches als exemplarisches Aufeinanderprallen moderner und postmoderner Ansätze betrachtet werden kann.176 Interessanterweise kamen Žižek und Peterson dabei jedoch in vielen Punkten überein – hauptsächlich in der geteilten Opposition gegenüber bestimmten postmodernen Tendenzen wie populärer Identitätspolitik und der Idee politischer Korrektheit. Beide lehnen Ansätze wie u.a. denjenigen Focaults ab, gesellschaftliche Konflikte ausschließlich als Folge der Unterdrückung von Identitätsgruppen durch andere Identitätsgruppen zu betrachten: auch, da entsprechende Argumentationen Menschen teils entmündigen und ihnen aufgrund ihrer soziokulturellen Prägung die Fähigkeit zu eigenständigem Denken oder konstruktiver Kommunikation absprechen. Allerdings divergiert ihre jeweils darüberhinausgehende Analyse der hinter diesen Tendenzen stehenden Zusammenhänge. So sieht Peterson in entsprechenden Ausprägungen postmoderner Gedanken eine Überführung des Metanarrativs eines marxistischen Klassenkampfes aus einem wirtschaftlichen Kontext in einen kulturellen. Ähnlich wie Habermas argumentiert er, der vorgebliche Zweifel an den großen Erzählungen der Moderne sei seinerseits eine solche in abgewandelter und in sich wiedersprüchlicher Form. Žižek wiederspricht dieser Auslegung: für ihn grenzt besonders Focault sich dahingehend vom Marxismus ab, dass er dafür plädiert, das große Ganze zu ignorieren und sich auf das eigene Leben zu fokussieren. Dies hält er seinerseits für problematisch, da die Konzentration auf die eigene Opferrolle – als Teil einer unterdrückten Identitätsgruppe – und besonders die Solidarisierung mit solchen implizit dazu einladen, die damit einhergehende moralische Überlegenheit zu genießen, anstatt die defizitären Zustände effektiv zu verändern. Beispielsweise kritisiert er weiße westliche Intellektuelle, welche gegen eurozentrisches Denken opponieren und eben aus diesem Narrativ der 176 Vgl. Frank 2019. https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/slavoj-zizek-vs-jor dan-peterson-marxist-gewinnt-philosophenduell-a-1263756.html, zuletzt geprüft am 14.02.2020 42 Selbstanzeige ein Gefühl der Überlegenheit schöpfen. In diesem Sinne hält er die marxistische Erzählung für die verhältnismäßig bessere – obwohl er sie ebenfalls scharf kritisiert.177 Trotz ihrer entsprechend verschiedenen Interpretationen postmoderner Ideen stimmen beide auch darin überein, dass an deren Stelle nicht das Streben nach persönlichem Glück treten sollte: da dieses leicht zur Instrumentalisierung durch Ideologien führen kann, welche versprechen, solches herbeizuführen. So äußert Žižek: So my formular […] is, my basic dogma is: happiness schould be treatet as a necessary byproduct. If you focus on it, you are lost. It comes as a byproduct of you, working for a cause, and so on. That’s the basic thing for me.178 Peterson stimmt dem umfassend zu. Anstelle einer Fokussierung auf Glück treten beide für den Wert individueller Verantwortung ein – den auch Žižek in der jüdisch-christliche Tradition begründet sieht. Gleichwohl vertreten sie gegensätzliche Standpunkte in Hinsicht darauf, wie diesem Wert gemäß zu handeln sei. Peterson plädiert für das Bestreben, zunächst Verantwortung für den Verlauf des eigenen Privatlebens zu übernehmen. Dieses in vorteilhafte Bahnen zu lenken befähigt seiner Einschätzung nach erst dazu, auch auf überpersönlicher Ebene konstruktiv zu handeln. Žižek dagegen erachtet diesen Ansatz für problematisch, da das Ziel, individuell verantwortungsvoll zu agieren, ähnlich wie das Streben nach Glück das Risiko birgt, unwissentlich von fremden Einflüssen manipuliert zu werden, welche Antworten auf Fragen vorgeben, was Verantwortung im Detail bedeutet. Demnach bestehe der erste Schritt darin, sich damit auseinanderzusetzen, welche überpersönlichen Zustände und Narrative ein vorteilhaftes individuelles Dasein ermöglichen.179 Eben dieser Konflikt wird auch in vielen Metatragödien thematisiert oder ist zumindest implizit mit dem Motiv verflochten, sich mit der eigenen Geschichte zu identifizieren – wie in Kapitel 6.7 näher behandelt. 177 Vgl. Žižek in: Žižek/Peterson 2019. https://www.youtube.com/watch?v=lsWndf zuOc4, zuletzt geprüft am 14.02.2020, Min: 1:55:00 178 Vgl. Ebd., Min: 1:36:00 179 Vgl. Ebd. Min: 2:11:00 43 Die Untersuchung der Argumentation von Peterson und Žižek ließe sich im Zusammenhang der Metamoderne umfassend fortsetzen. Da an dieser Stelle jedoch lediglich ein Überblick geboten werden soll, wird dies hier unterlassen (wobei besonders auf Žižeks Filmanalysen in späteren Kapiteln noch konkret Bezug genommen wird). Abschließend wird in Grundzügen auf die Arbeit des dritten genannten Kulturkritikers Yuval Noah Harari eingegangen. Auch dieser ist gegenwärtig sehr populär und, über die Publikation von drei weltweit extrem erfolgreichen Büchern, präsent in vielen öffentlichen Diskussionen und z.B. TED-Talks. Harari befasst sich ebenfalls sehr intensiv mit Narrativen und ihrer historischen Bedeutung. Dabei betrachtet auch er sie nicht als Weg zur Wahrheitsfindung, sondern vielmehr als Hilfsmittel zur Fokussierung der menschlichen Wahrnehmung – und somit vor allem auch zur Organisation und Motivation komplexer menschlicher Kollektive. Demnach ist eine ähnliche Weltsicht aufgrund des geteilten Glaubens an bestimmte Geschichten, oder zumindest deren geteilte Kenntnis, essentiell, um eine Vertrauensbasis zu schaffen, die erlaubt, mit anderen zu kooperieren, ohne, dass man darüber hinaus persönlich miteinander bekannt sein muss. Gemäß dieser Argumentation sind unter Geschichten sowohl Religionen und Ideologien zu verstehen, als z.B. auch Filmhandlungen und Romane – oder der Glaube daran, dass Geld einen Wert besitzt.180 In gewisser Hinsicht kann Letzterer als archaische Urform eines metamodernen Umgangs mit Erzählungen betrachtet werden: anders als direkt getauschte Waren besitzen Währungsmittel in der Regel keinen eigentlichen Nutzen. Vielmehr besteht ihr Nutzen darin, mit einem offenkundig erfundenen Narrativ verknüpft zu sein, bzw. Teil eines Spiels zu sein, welches – zumindest implizit – als solches für sinnvoll erachtet wird. Auf diese Kernthese Hararis wird in Kapitel 6.7 dieses Buches näher eingegangen. Im Zusammenhang der Metamoderne ist von Belang, dass er sich parallel vor allem mit den Kehrseiten solcher Geschichten und der von ihnen erzeugten Identitäten auseinandersetzt: Identity is always problematic because identity is always based on fictional storys, that sooner or later collide with reality. Almost all identitys, I mean 180 Vgl. Harari 2015, S. 228 44 beyond the level of the basic community of a few dozen people, are based on a fictional story. […] All identitys are extremely unstable.181 Gleichwohl gesteht er ihnen einen potenziellen Wert zu und plädiert dafür, geeignete Narrative zu finden, welche zur Lösung gegenwärtiger Probleme beitragen. So nimmt er beispielsweise auf historische Prozesse wie die Entstehung antiker Imperien in China und Ägypen Bezug. Laut Harari war es diesen hauptsächlich aufgrund jeweils geeigneter Erzählungen möglich, separate Volksstämme zu vereinen, die am Ufer großer Flüsse siedelten – und diese Flüsse in der Folge gemeinsam zu kontrollieren, um z.B. landwirtschaftliche Vorteile zu gewinnen. Darauf aufbauend betont er die Notwendigkeit, passende Narrative zu entwickeln, die globale Kooperationen ermöglichen – um globale Probleme zu bewältigen: wie etwa den Klimawandel, die Gefahr atomarer Konflikte oder technische Entwicklungen wie Gentechnik und künstliche Intelligenz, welche die Grundlagen bestehender Gesellschaften bedrohen. Besonders die letztgenannte Thematik ist auch im Zusammenhang metatragischer Werke von großer Bedeutung.182 In jedem Fall kann Hararis Arbeit als metamodern eingestuft werden, da ihr zwar ein postmoderner Zweifel an Narrativen zugrundeliegt, zugleich jedoch für deren strategischen Einsatz Stellung bezogen wird, anstatt für das Bestreben, ihnen zu entkommen. Auch neben besonders prominenten Denkern wie Harari, Peterson und Žižek lassen sich intellektuelle Ansätze ausmachen, welche mit der Idee der Metamoderne korrelieren. Darunter fällt etwa Francis Fukuyamas 2018 erschiedenes Werk Identity. The Demand for Dignity and the Politics of Resentment., in dem er seine 1992 aufgestellte These wiederruft, die globale Etablierung liberaler Demokratieren stelle das Ende der Geschichte im Sinne eines in sich zufriedenstellenden Endzustands dar. Diesen sieht auch er vor allem durch Tendenzen wie politische Korrektheit und Identitätspolitik bedroht, welche die Bürger demokratischer Staaten als separate Teilgemeinschaften mit wiedersprüchlichen Interesse auffassen und dadurch spalten. In diesem Sinne interpretiert er u.a. viele rechtspopulistische Bewegungen als Nebenprodukt solcher Konzepte, die nicht darauf aus sind, das Identitätsgefühl echter Minderheiten zu verteidigen, sondern das 181 Vgl. Harari 2017. https://www.youtube.com/watch?v=szt7f5NmE9E&list=WL& index=26&t=0s, zuletzt geprüft am 14.02.2020, Min: 3:00 182 Vgl. Ebd., Min: 8:00 45 von Mehrheiten – das ebenfalls an festgelegten Eigenschaften wie Rasse, Ethnizität oder Religion festgemacht wird.183 Als Gegenentwurf bezieht er Stellung für eine Rennaissance nationaler Bekenntnisidentitäten und der liberalen Demokratie, die als Erzählung seiner Meinung nach höher einzuschätzen ist als diejenigen von Kulturen, welche demokratische Werte ablehnen.184 Damit bewertet Fukuyama Narrative ebenfalls selektiv – und zwar anhand ihrer Wirkung auf menschliches Zusammenleben. Wie deutlich wird, divergieren entsprechend metamoderne Argumentationen deutlich in Hinblick auf die jeweils bevorzugten Geschichten, nicht aber in der Befürwortung von Geschichten an sich. Eben dies ist auch in Metatragödien der Fall. Und sofern das Konzept der Metamoderne tatsächlich als Weiterentwicklung oder Abkehr von der Postmoderne zu verstehen ist, lassen sie sich folglich als dessen Entsprechung in Form eines medialen Erzählgenres einordnen. Allerdings ist dieses nicht auf die Zeit während bzw. nach der Postmoderne zu begrenzen. Vorläufer, Einflüsse und frühe Werke dieses Genres finden sich auch vor den 1990er Jahren – und diesen wird im folgenden Kapitel nachgespürt. 183 Vgl. Fukuyama 2018, S. 188 184 Vgl. Ebd., S. 195

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References

Zusammenfassung

Ein neues Genre wagt Utopismus jenseits postmoderner Skepsis. Angesichts der Dekonstruktion sinnstiftender Narrative wird Narrativierung selbst zum Ideal. Besonders die zunehmende Digitalisierung des Alltags eröffnet Möglichkeiten, das eigene Leben als Geschichte aufzubereiten, sowie zum effizienten Einsatz personalisierter Propaganda. Das in diesem Buch definierte Genre setzt sich kritisch mit der Thematik auseinander – und lotet zugleich aus, inwiefern es für das Individuum sinnstiftend wirken kann, sich aktiv selbst zu manipulieren. Die dabei zum Ausdruck kommenden Perspektiven spiegeln sich im Denken populärer Kulturkritiker wie Slavoj Žižek, Jordan Peterson und Yuval Noah Harari. Untersucht werden Erzählungen in unterschiedlichen Medien: darunter Spielfilme wie Donnie Darko, Star Wars: The Last Jedi sowie Annihilation und Videospiele wie BioShock oder Life is Strange. Der Schwerpunkt liegt auf der Analyse der TV-Serien Dark, American Gods und Westworld.