Andreas Heyer, Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs in:

Wolfgang Harich, Andreas Heyer

Schriften zur Kultur, page 9 - 46

Teilband 1: Jean Pauls Revolutionsdichtung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4455-1, ISBN online: 978-3-8288-7474-9, https://doi.org/10.5771/9783828874749-9

Series: Schriften aus dem Nachlass Wolfgang Harichs, vol. 13.1

Tectum, Baden-Baden
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9 Andreas Heyer Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs 1) Jean Paul als Familienangelegenheit Jean Paul war (durch seine Bücher) ein gern gesehener Gast im Hause Harich, schon im Arbeitszimmer von Walther Harich spielte er eine entscheidende Rolle. Hatte doch der Vater von Wolfgang Harich ein umfassendes Buch über den im späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts wirkenden Schriftsteller geschrieben.1 In dem Manuskript Meine Lehrer, das in den vierziger Jahren entstanden sein muss, nannte Harich an vorderster Stelle seinen Vater, der trotz des frühen Todes seine geistige und kulturelle Entwicklung geprägt habe: »Mein Vater, Walther Harich. Er ordnete seine große Bibliothek nicht alphabetisch, nicht nach Sachgebieten, sondern chronologisch – von der Bibel bis zum neuesten Roman der Vicki Baum. Dadurch lernte ich, welche Dichter und Philosophen gleichzeitig gelebt hatten, und lernte, dass die Literaturgeschichte etwas Geschichtliches ist. Er las mir Märchen von Hauff und E. T. A. Hoffmann vor. Er brachte mir auf seiner Schreibmaschine schreiben bei, noch bevor ich zur Schule kam und mit der Hand schreiben lernte. Er spielte viel Geige und übte zuletzt mit großer Mühe das Violinkonzert von Brahms. Er liebte die Schwarz-Rot-Goldene Fahne, hasste den Krieg, konnte aber auch die Kommunisten nicht leiden. Seiner Sekretärin, Fräulein Döpke, einer Kommunistin, machte er mit Vorliebe die Moskauer Truppenparaden am 1. Mai zum Vorwurf. Er unterstützte die Sozialdemokraten, hielt aber auch Stresemanns Politik für vernünftig, hasste jedenfalls Hitler. Er sprach abschätzig über Goethe und Schiller. Er liebte Hamann, Herder, Jean Paul, E. T. A. Hoffmann und Börne. Er war sehr gründlich: Wenn er Geige übte, wenn er Spargel stach, wenn er den Garten harkte, und sagte, die Gründlichkeit sei die Tugend des Philologen. Er schrieb einen Roman Primaner, in welchem er schilderte, wie Gymnasiasten durch ihren Lehrer zu üblen Spießern erzogen oder aber in den Selbstmord getrieben werden. Ich las den Roman früh, wegen einer Bordell-Szene, die darin vorkam, dann aber wegen der Lehrer. Wi- 1 Walther Harich: Jean Paul, Leipzig, 1925. Harichs Auseinandersetzung mit dem Buch seines Vaters passim in diesem Band. 10 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs derwärtig war meinem Vater alles Obszöne. Als wir einmal spazieren gingen und unser Hund sein Geschäft an den Bäumen verrichtete, fragte ich meine Mutter, wie es komme, dass der Hund sich traue, so etwas in Papas Anwesenheit zu tun. Mein Vater war sehr ironisch. Mit todernstem Gesicht sagte er alberne Dinge. Junge Mädchen, vor allem harmlos ländliche, nannte er ›Vamps‹. Wenn ich aus der Schule kam, fragte er, ob die Lehrer artig gewesen seien. Sein Ruderboot und das Paddelboot nannte er ›die Flotte‹. Wenn er Geburtstag hatte, rief er beim Aufstehen: ›Wo bleiben die Geschenke?‹ Wenn die süße Speise aufgetragen wurde, sagte er: ›Wenn ich euch (die Familie) nicht angeschafft hätte, könnte ich das nun alles alleine essen.‹ Wenn er andere Leute besuchte, sagte er: ›Hoffentlich haben Sie sich auch rechte Umstände gemacht!‹ Mein Vater starb im Dezember 1931.«2 Walther und Anne-Lise Harich Als Harich 1963/1964, in den letzten Monaten seiner Haftzeit, sich mit ersten Lektürearbeiten auf die zu verfassenden Jean-Paul-Manuskripte vorbereitete, werden ihn auch viele Erinnerungen begleitet und berührt haben. Greifbar zu bekommen sind sie in der Harichschen Familienausgabe der Werke Jean Pauls – gleich zwei Forscher, Vater und Sohn, bearbeiteten die einzelnen Seitenränder und Zwischenräume mit ihren jeweils eigenen Notizen. In der hier edierten Monographie setzte sich Harich auch mit den Überlegungen seines Vaters auseinander, diesem ein gediegenes Wissen ebenso bescheinigend wie einen bürgerlichen Horizont, der ihn gehindert habe, wie die meisten an- 2 In: Band 1.1, S. 113 f. 11Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs deren Theoretiker seiner Zeit, zum wahren Jean Paul vorzustoßen.3 Und dennoch, die Jugenderlebnisse sind nicht einfach so bei Seite zu schieben, prägten sie doch den jungen Harich ebenso deutlich wie den in die Einsamkeit gedrängten Forscher der achtziger Jahre. Über das Jean-Paul-Buch seines Vaters schrieb Harich: »Dieses vom linksliberalen Standpunkt der zwanziger Jahre verfasste, durch den Einfluss Nadlers, die Ignorierung der englischen Literatur des 18. Jahrhunderts und das Fehlen marxistischer Gesichtspunkte streckenweise problematische Werk verwertet auch alle wesentlichen, im Faktischen meist zuverlässigen Ergebnisse der älteren (hegelianisierenden) Standard-Biographie von Paul Nerrlich (Jean Paul. Sein Leben und seine Werke, Berlin, 1889). Soweit die Darstellung Walther Harichs historisch einwandfrei ist, verweise ich jeweils auf ihre im Biographischen ausführlicher als bei mir gehaltenen Darlegungen. Wo sie sich als philologisch fragwürdig oder durch neuere Forschungen überholt erweist, stütze ich mich jeweils auf die einschlägigen neueren Einzeluntersuchungen anderer, vor allem auf Eduard Berend, namentlich auf dessen Einleitungen und Kommentare zu den meisten Bänden der historisch-kritischen Jean-Paul-Gesamtausgabe.« Ja, noch Harichs Berliner Wohnung in den Jahren vor dem Tod hatte für Jean Paul einen Platz parat, der der Stellung entsprach, die Harich dem Dichter zubilligte. Seine Frau beschrieb in ihren Erinnerungen: »Erinnere ich mich solcher Stunden, dann sehe ich Harich auf seinem Sofa liegen, es ist eingerahmt von Bücherregalen. Vom Kopfende aus erreicht er mühelos sein Radio, und mühelos kann er nach den Werken Lukács’ und Hartmanns greifen, und über beiden hat er für Jean Paul ein Stück Brettlänge eingerichtet, und zum Fußende hin folgen Marx und Engels. Das war sein Fleck, sein Platz, hier schlief er des Nachts, und hier ruhte er am Tage aus; hier flüchtete er hin, hier waren seine Lehrer und Verbündeten versammelt, bei ihnen fand er Halt und Schutz und Kraft gegen Verletzung; bei ihnen holte er sich Gewissheit über Gedachtes, über Geschehenes und Wahrgenommenes; und hier holte ihn Vergangenes ein, dass er nie jemandem anzuvertrauen vermag.«4 Wer sich im Werk Harichs, in den Bänden dieser Edition, auf Spurensuche in Sachen Jean Paul begeben sollte, der würde schnell fündig werden. Viele direkte und indirek- 3 Zitate aus der im Folgenden abgedruckten Jean-Paul-Monographie werden nicht extra nachgewiesen. 4 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte … Erinnerungen an Wolfgang Harich, Berlin, 2007, S. 148. 12 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs te Anspielungen und Verweise lassen sich finden. Ein Unterfangen, dem hier nicht nachgegangen werden soll. Aber es ist zumindest auf die vielleicht frühesten Wortmeldungen hinzuweisen, die von Harich in Sachen Jean Paul vorliegen: Die Briefe an Ina Seidel. Am 28. November 1941 teilte er der Schriftstellerin mit: »Es ist schon sehr lange her, dass ich Ihren letzten Brief erhielt, dass ich mich eigentlich schämen müsste, Ihnen nicht gleich darauf geantwortet zu haben. Aber es kostete viel Zeit und Mühe, bis ich mich endlich in einer Lage wie der augenblicklichen befand: Im neuen, eigenen Hause meiner Mutter, in einem wunderbar eingerichteten großen, eigenen Zimmer, sitzend an dem verpflichtenden Riesenschreibtisch meines Vaters, vor einem großen Bücherschrank, der gefüllt ist mit geordneten Bücherreihen, auf die ich deshalb so stolz bin, weil ich mir fast jedes einzelne Buch im Schweiße meines Angesichts erarbeitet habe: Da steht die kleine Miniaturausgabe (natürlich Erstausgabe) von Calderons Dramen in deutscher Übersetzung, für die ich ein dreiviertel Monatsgehalt ließ, da steht Thomas Manns Jacob, für ein halbes Pfund Bohnenkaffee, nebst seinem neuesten Werk Lotte in Weimar, das mir eine sehr nette junge Japanerin aus der Schweiz mitbrachte, da steht meine mathematische Encyclopädie und meine philosophische Fakultät, bestehend aus Platon, Aristoteles, Leibniz, Thomas, Descartes, Spinoza, Kant, Fichte, Hegel, Marx, Locke, Schopenhauer, Nietzsche, Spengler, von denen ich Platon, Kant und Schopenhauer am tiefsten verehre, Jean Paul, Balzac, Heine, Goethe, Oscar Wilde (…), und jeder dieser Namen bedeutet für mich (und wohl nicht nur für mich) eine eigene Welt, die man nie ganz und gar erschöpfen kann, selbst, wenn man einen literarischen und philosophischen Riesenappetit hat wie ich, den ich dazu noch höchst diätlos befriedige.«5 Am 11. Juni 1942 schließlich schrieb er: »Ich habe mich immer am begeistertsten (ist dieser Superlativ gestattet?) zu denjenigen Büchern und Menschen bekannt, die mir nicht so viel neues gaben, als vielmehr mir Zusammenhänge, Gedanken, Paradoxismen, Situationen etc. zu Bewusstsein brachten, die ich nur irgendwie dunkel geahnt hatte, und auf die ich nun dadurch, dass sie ausgesprochen wurden, hingestoßen wurde. Es ist eine verklärte Art des Wiedererkennens. Wenn man ein philosophisches Buch liest, so ist das Wiedererkennen kein Wunder. Ein solches Buch besteht überhaupt immer ausschließlich aus Gedanken, die notwendig wiedererkannt werden müssen, weil sonst das ganze Buch nicht verstanden werden kann. Bei Dichtern begegnet einem dieses 5 In: Band 1.1, S. 81. 13Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Phänomen schon seltener. Derjenige Dichter, in dem ich mich am stärksten wiedererkenne, ist Jean Paul. Und bei Menschen begegnet es einem ganz selten.«6 Um dieses Bild zu komplettieren, können aus dem bereits erwähnten Manuskript Meine Lehrer noch die Schriftsteller hier kurz wiedergegeben werden, zu denen sich der junge Harich bekannte (nach diesen werden dann noch seine beiden frühen philosophischen Lehrer an der Berliner Universität, Eduard Spranger und Nicolai Hartmann, genannt):7 »8) Kurt Tucholsky lehrte mich, die Phrasen der Reaktionäre und Nazis hassen, machte mich von meinem 14 Lebensjahr an immun gegen die Einflüsse faschistischer Ideologie. 9) Erich Kästner wirkte in ähnlicher Richtung wie Tucholsky. Seine Autorität für mich war besonders groß, weil seine Kinderbücher zu meiner Lieblingslektüre als Kind gehörten. 10) Klopstock. Ich las seinen Messias mit zwölf Jahren und berauschte mich an der Musik seiner Sprache. Jetzt finde ich ihn ungenießbar. Das frühe Erlebnis hat mir aber dazu verholfen, dass ich mit Aufmerksamkeit und Hingebung Gereimtes lesen kann, und zwar nicht nur Lyrik, sondern auch Epen. Homer, Dante, Goethes Versepen, Lukrez. Nicht viele bringen das heute über sich. Ich bin Klopstock sehr dankbar. Ich bin der Meinung, dass man ihn Kindern im Alter von 10 bis 12 Jahren zu lesen geben sollte. Sie sind dann noch aufgeschlossen für die Fabel des Messias, die sie wie Karl May lesen. Dabei lernen sie, Versepen zu lesen. 11) Franz Werfel als Lyriker und Rilke. Berauschung durch ihre Wortmusik machte mir Vergnügen an Lyrik. 12) Thomas Mann. Er bedeutet mir am meisten von allen lebenden Schriftsteller, wohl aus drei Gründen: Er hat das spezifisch Deutsche sehr durchschaut, ohne Beschönigung, aber mit unendlicher Liebe gestaltet. Man bekommt als Deutscher so etwas wie nationales Gewissen, wenn man in liest. Außerdem ist er Erzieher zur Humanität und zum 6 In: Band 1.1, S. 88 f. 7 In: Band 1.1, S. 121. 14 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Humor und zur Menschenbeobachtung. Ich las die Buddenbrooks zum ersten Mal mit 14 Jahren dann nach und nach das ganze Werk. Auf jede neue Zeile von ihm bin ich begierig. 13) E. T. A. Hoffmann. Ich fing mit elf Jahren an, ihn zu lesen und kannte als Sechzehnjähriger alle seine Werke. Geblieben ist die Erinnerung an etwas unerhört In te ressan tes, Faszinierendes. Die unversöhnlichen Gegensätze zwischen Bourgeoisie und Kunst hat er sehr richtig gesehen und gestaltet. Er hat sehr an ihnen gelitten. 14) Jean Paul. Ich fing mit 15 Jahren an, ihn zu lesen. Ich verdanke ihm vor allem (nächst Thomas Mann) nationales Bewusstsein und Sinn für Skurriles. Bis zu meinem 18. Lebensjahr hielt ich ihn für den größten Schriftsteller aller Zeiten. Lektüre von Shakespeare, Goethe, Balzac und Tolstoi hat mich inzwischen eines anderen belehrt. Aber nie wieder habe ich Bücher so geliebt, wie ich die von Jean Paul liebte. 15) Heine. Ich las ihn zuerst mit 15 Jahren, lese ihn seither immer wieder und er fasziniert mich von Mal zu Mal. Er ist der Dolmetscher zwischen Sozialismus und ›komplizierter Seele‹, zwischen Revolution und raffinierter Kultur. Ich glaube deshalb, dass er in unserer Zeit der allerwichtigste Schriftsteller ist. Er hat Aristokraten und Bourgeoisie verabscheut und mit den Nachtigallen gestöhnt und dem kleinbürgerlichen Knotentum auf die ungewaschenen Pfoten geschlagen und den revolutionären Kern in Hegel entdeckt. Von ihm müssen wir lernen! Besonders beeindruckte mich Heines Verhältnis zu Deutschland. Das Verhältnis der Kommunisten zur Nation wurde mir, bevor ich es durch Lenin und Stalin theoretisch begriff, durch Heine zum anschaulichen, mitgefühlten Erlebnis. Dass Nationalscham und nationale Selbstkritik Ausdruck von tieferem Patriotismus sind, dass unser Verhältnis zu nationalen Traditionen in Philosophie und Literatur aus Liebe, Stolz und schärfster, ja, höhnischer Kritik richtig gemischt sein muss, hier lernte ich es. 16. Knut Hamsun. Lehrer in Menschenbeobachtung und sozialer Psychologie. Verhalf mir zum Durchschauen des Kleinbürgerlichen. Machte mir, was ich später von den Marxisten über das Wesen der Kleinbürger lernte, anschaulich. Hamsun ist auch Erzieher zur Selbstkritik, wenn man kleinbürgerliche Schlacken in sich trägt. Am meisten liebe ich: Das letzte Kapitel, Redakteur Lynge, Die Wanderer-Trilogie und alle die Bücher, 15Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs in denen August Weltumsegler vorkommt (Landstreicher, Nach Tag und Jahr, Der Ring schließt sich).«8 2) Jean Pauls Biographie Es ist an dieser Stelle nicht nötig, ausführlich zu Jean Pauls Biographie Stellung zu nehmen, da in dem Buch Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus im Anhang ein kleiner Text zu den Lebensdaten Jean Pauls von Harich enthalten ist, der im Folgenden zum Abdruck kommen kann.9 (Weitere Informationen können dem vorliegenden Band entnommen werden, diese Zusammenfassung sollte hier genügen.) »Bürgerlicher Name: Johann Paul Friedrich Richter. Vorfahren meist Lehrer im Fichtelgebirge, von mütterlicher Seite Handwerker. Geboren 21. März 1763 in Wunsiedel. Armut im Elternhaus. Vater dritter Lehrer am Gymnasium Wunsiedel, ab 1765 Pfarrer, erst im Dorf Joditz, seit 1776 in Schwarzenbach (Saale). Tod des Vaters 1779. Seither Jean Paul, als ältester Sohn, Oberhaupt der verwaisten, immer mehr ins Elend geratenden sechsköpfigen Familie. Bildungsgang: Seit etwa 1769 ungeregelte Unterrichtung durch den Vater in Joditz. Später meisterhafte Schilderung dieses Joditzer dörflichen Kindheitsidylls in der fragmentarischen Selberlebensbeschreibung (1818). 1776 bis 1779 Schulbesuch in Schwarzenbach, dazu Besuch von Privatstunden, u. a. Philosophie, bei Kaplan Völkel. Bekanntschaft mit dem aufklärerisch gesinnten Pfarrer Vogel in Rehau, Benutzung seiner reichen Bibliothek. Frühe autodidaktische Studien. Phä no mena le Lesewut. Anfertigung umfangreicher 8 In: Band 1.1, S. 119–121. 9 Frankfurt am Main, 1968, S. 281–285. Jean Paul, Gemälde von Heinrich Pfenninger, 1798 16 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Exzerptensammlungen für den eigenen Bedarf, da Erwerbung eigener Bücher ausgeschlossen. Frühe schriftstellerische Betätigung, 1776 bis 1781 vorwiegend auf philosophischem Gebiet. Anhänger der Popularphilosophie und der heterodoxen Richtung der protestantischen Theologie. 1779/1780 Besuch des Gymnasiums in Hof im Vogtland. Freundschaft mit Adam Lorenz von Oerthel, Kennenlernen der späteren Freunde Christian Otto und Johann Bernhard Hermann. Öffentliches Auftreten mit zwei philosophischen Schulreden, jeweils im Oktober 1779 und 1780 in Hof. 1780/1781 Muluszeit in Schwarzenbach. Erster, noch unreifer Romanversuch Abälard und Heloïse, Nachahmung von Goethes Werther und Millers Siegwart. Philosophisches Jugendwerk Übungen im Denken 1779–1781. 1781 bis 1784 Aufenthalt in Leipzig, zunächst als Student. Bereits Ende 1781 Abbruch des Theologiestudiums, seitdem freier Schriftsteller. Neun Jahre lang Abfassung zahlreicher Satiren, ein großer Teil davon in zwei Sammlungen (Grönländische Prozesse, zwei Bände, 1783; Auswahl aus des Teufels Papieren, 1789), einige wenige einzeln veröffentlicht, etwa die Hälfte zu Lebzeiten ungedruckt (z. B. Lob der Dummheit, 1781/1782; Bayerische Kreuzerkomödie, fragmentarisch gebliebene dritte Sammlung, 1789). Erfolglosigkeit dieser frühen literarischen Produktion. 1783 Verlobung mit Sophie Ellrodt. November 1784 Flucht vor Gläubigern aus Leipzig ins heimatliche Hof zur Mutter. Dort hoffnungslose Verelendung der Familie. Nach dem Tode des Jugendfreundes Adam Lorenz von Oerthel, einem tief aufwühlenden Erlebnis, Hofmeister seines jüngeren Bruders Christian auf dem Landsitz der Oerthels in Töpen 1787 bis 1789. Anschließend weiter Broterwerb durch Hauslehrertätigkeit in Hof und Umgebung bis 1796. Seit 1786 lebenslange Freundschaft mit Christian Otto. 1789 wieder in Hof bei der Mutter, nach dem Freitod eines jüngeren Bruders. 1790 neue seelische Erschütterung durch den frühen Tod des genialen Jugendfreundes Bernhard Hermann, eines Mediziners. 1790 bis 1794 Winkelschulmeister in Schwarzenbach. Ab 1790 Übergang vom Satirenschreiben zu großer, gehaltvoller Dichtung, zu Humoresken (Amtsvogt Freudel, Rektor Fälbel, 1790/1791), Idyllen (Schulmeisterlein Wutz, 1791, Quintus Fixlein, 1795) und Romanen (Die unsichtbare Loge, 1790–1792, erschienen 1793; Hesperus, 1792–1794, erschienen 1795; Siebenkäs, 1795/1796, erschienen 1796/1797; Titan, 1792–1802, erschienen 1800–1803; Flegeljahre, 1795–1805, erschienen 1804/1805). Daneben Abfassung kleinerer philosophischer Schriften und belletristischer Nebenwerke. Seit 1790 mit dem Übergang zur Prosadichtung zusammenhängende 17Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs schwärmerische und sentimentale platonische Beziehungen zu verschiedenen Honoratiorentöchtern in Hof, unter denen die spätere Schriftstellerin und, ab 1800, Gattin Christian Ottos, Amöne Herold, die Begabteste. 1793 Verlobung mit Karolina Herold. 1794 bis 1797 wieder bei der Mutter in Hof. Seit 1794 lebenslange Freundschaft mit Emanuel Samuel junior (später Osmund), einem jüdischen Kaufmann in Bayreuth. 1792, bei Veröffentlichung des ersten Romans, Pseudonym Jean Paul, nach dem Vorbild Rousseaus (Jean Jacques). 1795 Sensationserfolg des Hesperus, der für Jahrzehnte zum gelesensten belletristischen Buch deutscher Sprache seit Goethes Werther wird. Ähnlich großer Erfolg des Quintus Fixlein. Aufstieg des unbekannten Kandidaten Richter in Hof, bis dahin einer gescheiterten Existenz, zum gefeierten Schriftsteller, dessen Ruhm bei den Zeitgenossen sogar den Goethes und Schillers zeitweilig überstrahlt. Intensive Bemühungen der Fürstenhöfe und des Adels um Jean Paul, der aber seine Unabhängigkeit und demokratische Gesinnung zu wahren weiß und den Umgang mit der ›großen Welt‹ im wesentlichen nur dazu benutzt, die Feudalkaste aus eigener Anschauung zu studieren, um sie in seinem großangelegten epischen Hauptwerk, dem Titan, mit letzter Sachkenntnis rücksichtslos kritisch schildern zu können. Mehrfache Unterbrechungen der Arbeit am Titan, um vor dessen Vollendung erst größere Reife und Weltkenntnis zu erlangen. In diesen ›Pausen‹ Abfassung verschiedener Nebenwerke (Biographische Belustigungen, 1796; Jubelsenior, 1797; Kampanertal, 1797; Palingenesien, 1798; Jean Pauls Briefe und bevorstehender Lebenslauf, 1798, u. a.). Sommer 1796 von Hof aus kurzer Besuch in Weimar, auf Einladung der früheren Freundin Schillers und Hölderlins, Charlotte von Kalb, die, wie eine Unzahl anderer Frauen der höchsten Gesellschaftsschichten (Emilie von Berlepsch, Julie von Krüdner, Josephine von Sydow, Caroline von Feuchtersleben, Gräfin Schlabrendorff u. a.) zu Jean Paul in leidenschaftlicher Liebe entbrennt, ohne ihn jedoch zu einem mehr als freundschaftlichen Umgang bewegen zu können. Bekanntschaft mit Goethe und Schiller, Freundschaftsbund und geistige Kampfgemeinschaft mit Herder gegen die Weimarer Klassik, die Romantische Schule und die idealistische Philosophie Kants und Fichtes. Polemik gegen den ästhetischen Aristokratismus und antikisierenden Formenkult der Großen von Weimar und Jena in der Geschichte meiner Vorrede zur zweiten Auflage des Quintus Fixlein, 1796. Nach dem Tode der Mutter 1797 Übersiedlung von Hof nach Leipzig, von dort aus Reisen nach Dresden, Hof, Halberstadt (Besuch des Dichtervaters Gleim, eines glühenden Verehrers) und wieder Weimar (hier neuerliche 18 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Begegnung mir Goethe, Freundschaft mit Wieland, Festigung der Freundschaft und des Bündnisses mit Herder). 1798 bis 1800 Wohnsitz in Weimar. Ständiger vertrauter Umgang mit Herder, Mitarbeit an dessen Metakritik, Kalligone und anderen Werken. Kurz vorher, noch von Leipzig aus, Beginn des philosophischen Briefwechsels mit Friedrich Heinrich Jacobi. Plan einer gemeinsam mit Herder und Jacobi herauszugebenden Zeitschrift gegen die herrschenden philosophischen Strömungen zerschlägt sich, ähnlicher Plan Herders, mit Jean Paul eine Zeitschrift Aurora zu gründen, kommt auch nicht zustande. Stürmische Verwicklungen mit Charlotte von Kalb, die sich scheiden lassen und Jean Paul heiraten will, was dieser ablehnt. Von Weimar aus Reisen nach Hildburghausen (hier 1799 Ernennung zum Legationsrat und Verlöbnis mit der Hofdame Karoline von Feuchtersleben) sowie nach Gotha, Erfurt, Eisenach und im Mai 1800 – über Leipzig – nach Berlin. Höhepunkt des äußeren Ruhms, Aufnahme in die höchsten Gesellschafts- und geistigen Kreise der preußischen Residenz, Empfang durch die Königin Luise, eine Verehrerin des Dichters, in Sanssouci, Galavorstellung für den Gefeierten im Kgl. Schauspielhaus unter Iffland. Oktober 1800 bis Mai 1801 Wohnsitz in Berlin. Eheschließung mit Karoline Mayer, Tochter eines Obertribunalrats. Vorübergehende und teilweise Annäherung an die Berliner Romantik (Gianozzo, 1801). Seit Juni 1801 für zwei Jahre Wohnsitz in Meiningen. Vollendung des Titan Ende 1802. Juni 1803 bis August 1804 Wohnsitz in Koburg. Nach Fertigstellung des Titan und endgültigem Abbruch der Arbeit an den Flegeljahren vorübergehend Verlagerung des Interesses auf große theoretische Werke: Vorschule der Ästhetik (1804), Levana oder Erziehlehre (1806), das letztere Werk mitbedingt durch die frühere langjährige pädagogische Tätigkeit und die neuen Erfahrungen im Umgang mit den drei eigenen Kindern, Emma (geboren 1802), Max (1803) und Odilie (1804). Im Zusammenhang mit der Dedikation der Vorschule Konflikt mit der Zensurbehörde. Gemeinsames mutiges Auftreten Jean Pauls und des Herzogs Emil von Gotha gegen die Institution der Zensur (Freiheitsbüchlein, 1805). Seit 1804 endgültiger Wohnsitz in Bayreuth, in ständigem Verkehr mit den dort schon vorher ansässigen gleichgesinnten Freunden Christian Otto und Emanuel (Osmund). Am Rande Bayreuths das besondere Arbeitsdomizil Jean Pauls in der Rollwenzelei. In den Kriegsjahren seit 1806 vorwiegend publizistische Tätigkeit. Zum Lebensunterhalt trägt Zahlung eines Jahresgehalts durch den Fürstprimas des Rheinbunds und Freund Goethes und Schillers, Dalberg, bei. (Diese Pension nach 1815 vom Bayerischen König übernommen.) Stellungnahme Jean Pauls zu den Zeitereignissen in politischen Trak- 19Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs taten (Friedenspredigt, 1808; Dämmerungen für Deutschland, 1809; Politische Fastenpredigten, 1817) und zahlreichen Artikeln. Allmähliche Entwicklung von einem, freilich vorbehaltvollen, Anhänger Napoleons zum entschiedenen Gegner der Franzosenherrschaft und geistigen Wegbereiter der sogenannten Befreiungskriege. Bedeutende humoristische Dichtungen aus dieser Zeit: Doktor Katzenbergers Badereise, 1809; Feldprediger Schmelzles Reise nach Fläz, 1809; Leben Fibels, 1812 (das letztere zugleich eine Fortführung des Stils der früheren Idyllen). Von Bayreuth aus verschiedene Reisen, u. a. 1810 nach Bamberg, 1812 nach Nürnberg, 1817 und 1818 nach Heidelberg, 1818 nach Frankfurt am Main, 1822 nach Dresden. 1817 Verleihung der Ehrendoktorwürde der Heidelberger Universität, veranlasst durch Hegel und den jüngeren Voß. Stürmische Ovationen und Fackelzug der Heidelberger Studenten. Letztes Umworbensein von Seiten eines jungen Mädchens, Sophie Paulus, Tochter des Kirchenrats. Im Zusammenhang mit dem Eingangs erwähnten autobiographischen Fragment entsteht seit 1811 das ebenfalls Fragment gebliebene letzte epische Werk, Der Komet, dessen an Cervantes geschulte Konzeption sich nach 1815 zu einem gewaltigen satirisch-gesellschaftskritischen Gemälde der deutschen Restaurationszeit auszuwachsen beginnt, aber nicht über die ersten drei Bände (1820–1822 erschienen) hinausgehend verwirklicht wird. Der Tod des einzigen, durch den religiösen Mystizismus der späten Romantik in seelische Krisen hineingetriebenen Sohnes Max bricht dem früh gealterten Dichter 1821 die Schaffenskraft. Spätwerke aus dem Nachlass die Abrechnung mit dem Überchristentum, die eine bloße aphoristische Materialsammlung bleibt, und der Torso der dichterisch-philosophischen Selina, die wieder, wie einst das hier umgearbeitete Kampanertal, das Unsterblichkeitsproblem erörtert. Im letzten Lebensjahrzehnt Bewährung der demokratischen Haltung Jean Pauls in beharrlicher Gegnerschaft gegen das Metternichsche Restaurationssystem. Geistiger Erwecker Ludwig Börnes und erster Wegbereiter der späteren oppositionellen Jean Paul, von Vogel von Vogelstein, 1822 20 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Literaturbewegung des Jungen Deutschland. Gestorben 14. November 1825 in Bayreuth. Berühmter Nachruf Börnes. Öffentlich vorgetragen in Frankfurt am Main, am 2. Dezember 1825.« 3) Philosophie und Literaturwissenschaft Wie bereits kurz angesprochen, durfte Harich in den letzten Monaten seiner Haftzeit bereits einige Bücher von Jean Paul lesen. Das Thema war dabei übrigens ein Stück weit seine eigene Wahl, denn die Staatssicherheit hatte ihm verschiedene andere literaturwissenschaftliche Arbeitsbereiche vorgeschlagen, beispielsweise die Analyse der Werke Friedrich Hebbels. Doch mit diesem wollte sich Harich nicht beschäftigen, da er sich nicht zur 48er-Revolution äußern wollte. Die verschiedenen Problemen bei der wissenschaftlichen Arbeit mit der SED-Dogmatik (u. a. die Logik-Diskussion;10 die zermürbenden Streitereien um Bertolt Brecht und dessen mögliche und nötige Wirkung im Berlin des Nachkriegsjahrzehnts;11 der Hegel-Streit inklusive der Auseinandersetzungen um seine philosophiehistorischen Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität12) in den fünfziger Jahren hatten ihn nach der Haft vorsichtig gemacht. 10 Die Beiträge Harichs zur Logik-Debatte der fünfziger Jahre präsentiert der 2. Band. Siehe die entsprechenden Ausführungen bei: Kapferer, Norbert: Das Feindbild der marxistisch-leninistischen Philosophie in der DDR, 1945–1988, Darmstadt, 1990. Außerdem: Heyer: Die Logik-Debatte in der Frühphase der DDR-Philosophie, 1951–1958, in: Deutsche Zeitschrift für Philosophie, Heft 4, 2013, S. 577–592. 11 Harichs Wortmeldungen zu Brecht finden sich verstreut in den einzelnen Bänden dieser Edition. Erwähnt seien u. a. die Texte: Trotz fortschrittlichen Wollens. Ein Diskussionsbeitrag (1949, gegen die Kritik Fritz Erpenbecks und der SED an Brecht), in: Band 1.1, S. 265– 270. Brief an Anton Ackermann (17. Januar 1949, über die Notwendigkeit, Brecht ein eigenes Theater zu geben), in: Band 1.3, S. 1481–1494. Die Artikel in der Täglichen Rundschau: Furcht und Elend des Dritten Reiches. Sieben Bilder aus Bertolt Brechts Szenenfolge im Deutschen Theater, in: Band 1.2, S. 1134–1137; Der gemeine Mann hat kein’ Gewinn. »Mutter Courage und ihre Kinder« von Bertolt Brecht im Deutschen Theater, in: Band 1.2, S. 1178–1182. Siehe: Heyer: Der erste Streit um Brecht in der SBZ/DDR. Fritz Erpenbeck gegen Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Wolfgang Harichs politische Philosophie, Hamburg, 2012, S. 55–69. Siehe immer noch maßgeblich die wichtigen Monographien von: Mittenzwei, Werner: Der Realismus-Streit um Brecht. Grundriss der Brecht-Rezeption in der DDR, 1945–1975, Berlin und Weimar, 1978. Das Leben des Bertolt Brecht oder Der Umgang mit Welträtseln, 2 Bde., 3. durchges. Aufl., Berlin und Weimar, 1986. Die Intellektuellen. Literatur und Politik in Ostdeutschland 1945 bis 2000, Berlin, 2003. 12 Harichs Vorlesungen an der Berliner Humboldt-Universität werden abgedr. in den Bänden 1.1, 3, 4, 6.1 und 6.2 Der 5. Band enthält alle wichtigen Dokumente und Schriften 21Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Im Dezember 1964 wurde Harich im Rahmen einer Amnestie zum 15. Jahrestag der DDR etwas vorzeitig aus seiner zehnjährigen Haftstrafe entlassen. 1967 erschien dann im Leipziger Reclam-Verlag ein Band mit einer Auswahl aus Texten Jean Pauls, zu dem Harich bereits im Sommer 1965 eine Einleitung verfasst hatte. Im Dezember 1967 wurde diese von ihm nochmals überarbeitet und erweitert und schließlich erschien der Band im Frankfurter Suhrkamp-Verlag im darauf folgenden Jahr erneut.13 Anne Harich schrieb über diese Zeit in ihren Erinnerungen: »Aber jetzt ist er nicht mehr ein- und weggeschlossen. Er ist wieder mitten drin im Getriebe des Lebens, und das heißt für ihn: erst einmal muss er sich heiß verlieben. Das klappt mit Gisela May, der Schauspielerin und Brechtinterpretin. Die ist sein Typ. Die hat gerade Liebeskummer, und die Weigel sagt ihr: Nimm dir den Harich, der hat acht Jahre lang gesessen, der ist scharf wie eine Rasierklinge. Sie überlegt ein bisschen, aber nicht zu lange. Und der Freigelassene stürzt sich leidenschaftlich, voll guten Glaubens in die Liebe und in seine ausgiebigen Jean-Paul-Studien. Er zieht in die Dachkammer der May, seinen Elfenbeinturm. Er hält fleißig an Jean Paul fest; 1968 erscheint in Leipzig und Frankfurt am Main, Suhrkamp-Verlag, Jean Pauls Kritik des philosophischen Egoismus. Nebenbei betreut er, philologisch, die von Werner Schuffenhauer herausgegebene Werkausgabe Ludwig Feuerbachs. Er arbeitet nicht systematisch und schon gar nicht nur zurückgezogen an Jean Paul. Das geht nicht. Es ist eine viel zu aufregende Zeit. Das revolutionäre Feuer, entfacht durch die studentischen Bewegungen, tobt hinter Stacheldraht und Mauer, es droht europaweit, ja weltweit auszubrechen. Die verheißungsvollen Erhebungen, die er gezwungenermaßen auf Distanz beobachtet, fordern ihn zum Um- und Nachdenken und zum Einmischen in das Geschehen heraus; es beeinflusst seine Sicht auf Jean Paul, den zeitbezogenen Dichter und Gesellschaftskritiker, und auch er, Harich, muss sich zu den Ereignissen seiner Zeit äußern, das geht nicht anders für ihn. Auf welche Möglichkeiten kann er zurückgreifen? Mit der Philosophie sei es für ihn vorbei, hatte man ihm vor der Entlassung aus dem Zuchthaus gesagt. Er vergisst die Anordnung, er will Harichs zur Hegel-Debatte, darin auch die von der SED kritisierte Hegel-Vorlesung (S. 437–714). Zu Harichs Hegel-Bild siehe die Arbeiten von: Warnke, Camilla: Bemerkungen zu Wolfgang Harichs Philosophievorlesungen in den frühen fünfziger Jahren, in: Heyer (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR. Festschrift zum 75. Geburtstag von Siegfried Prokop, Bd. 2, Norderstedt, 2015, S. 159–166. Das Problem Hegel ist längst gelöst. Eine Debatte in der DDR-Philosophie der 50er Jahre, in: Gerhardt, Volker; Rauh, Hans-Christoph (Hrsg.): Anfänge der DDR-Philosophie. Ansprüche, Ohnmacht, Scheitern, 1945–1958, Berlin, 2001, S. 194–221. Der junge Harich und die Philosophiegeschichte. Wolfgang Harichs Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie, 1951–1954, Berlin, 1999. 13 Abdr. im 2. Teilband. 22 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs seine Kritik an der revolutionären Ungeduld, die er zu erkennen meint, eingreifend zum Ausdruck bringen.«14 Durch die Arbeit zu Jean Paul gelang Harich, wenn man so formulieren will, der Weg zurück ins wissenschaftliche Leben, wobei er freilich in der DDR nie wieder offiziell in »Amt und Würden« eingesetzt werden sollte. Sein Ausschluss aus den philosophischen Diskussionen der DDR, der in den achtziger Jahren ihren Höhepunkt erreichte, begann bereits nach seiner Haft – publizieren durfte er zu politischen, gesellschaftlichen und philosophischen Fragestellungen nicht. Nur das Gebiet der Kultur stand ihm, ebenfalls unter starken Restriktionen, noch offen (siehe beispielsweise den Dingo-Aufsatz in der Sinn und Form). Vermittelt über die Nähe zu Gisela May fand Harich aber wieder Anschluss an die Berliner Künstlerkreise, vor allem im Umfeld des Berliner Ensembles.15 Und, man kann es durchaus so formulieren, unter dem Schutz ihrer Berühmtheit über die Grenzen der DDR hinaus, waren auch »Westkontakte« möglich. Mit Arnold Gehlen setzte er den brieflichen Austausch fort,16 Rudolf Augstein kannte er bereits aus der Zeit vor seiner Haft, hinzu traten nun Bekanntschaften zu Hans Magnus Enzensberger, Marlies und Wolfgang Menge oder beispielsweise Günter Gaus. Über die Kontakte zu den Feltrinellis berichtete Harich in dem Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe.17 Während dieser Zeit wohnte er dann bereits bei Gisela May, die von Anne Harich erwähnte Dachkammer war seine Studierstube geworden. Dies erklärt sich auch dadurch, dass Harich, obwohl er an der Feuerbach-Ausgabe des Akademie-Verlages als (aus SED-Sicht selbstredend nicht in irgendwelchen Titelangaben benannter) philologischer und editorischer Bearbeiter maßgeblich mitwirkte, im Verlag selbst kein Arbeitszimmer bekam – man befürchtete, dass, vermittelt durch den Raum, neue »konterrevolutionäre« Aktivitäten zu Stande kommen könnten.18 Der Akademie-Verlag hielt seine dortige Arbeit fast schon geheim – anhand der nach dem Ende der DDR archivierten Materialien lässt sich heute nicht einmal mehr belegen, dass Harich je für den Verlag tätig war. 14 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 164 f. 15 Siehe hierzu: Halberstadt, Heiner: Erinnerungen an Gespräche mit Wolfgang Harich, in: Heyer (Hrsg.): Diskussionen aus der DDR. Festschrift zum 75. Geburtstag von Siegfried Prokop, Bd. 2, Norderstedt, 2015, S. 138–145. 16 Siehe die entsprechenden Dokumente in Hinweise in Band 11. 17 Siehe Band 8. 18 Siehe hierzu: Prokop, Siegfried: Ich bin zu früh geboren. Auf den Spuren Wolfgang Harichs, Berlin, 1997, S. 127 f. 23Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Es wäre falsch zu sagen, dass die zweite Hälfte der sechziger Jahre bzw. das Jahrzehnt nach seiner Haftentlassung ausschließlich im Zeichen Jean Pauls gestanden hätte. Literaturwissenschaft war das eine, doch Harich wollte immer auch politisch und, vor allem, philosophisch arbeiten. In einem Brief an Robert Steigerwald schrieb er am 10. Januar 1983: »Nun kann natürlich ich nicht als löbliches Musterexemplar einer Entwicklung hin zum Marxismus – und das heißt allemal: hin zur Arbeiterklasse und ihrer revolutionären Partei – gelten; weiß der Himmel nicht. Ich habe Schwankungen hinter mir, so ungeheuerlich, dass die von Erich Engel (Regisseur, Mitarbeiter Brechts, AH) sich daneben sehr bescheiden und harmlos ausnehmen.19 Aber: Es hat sich bei mir nie um solche Schwankungen gehandelt, die von dominierenden Strömungen der bürgerlichen Philosophie im Zeitalter des Imperialismus bestimmt gewesen wären. ›Auffangbarriere‹ für den ›gesunden Menschenverstand‹, namentlich der naturwissenschaftlich gebildeten Intelligenz, war und ist der Positivismus, und gegen den bin ich jederzeit gefeit gewesen, ganz egal, ob Hollitscher oder Havemann oder Karl Schröter positivistisch auf mich einredeten.20 ›Auffangbarriere‹ für geisteswissenschaftlich orientierte Intellektuelle mit Linksneigung war die ›Kritische Theorie‹ der Frankfurter Schule – mich hat sie nie berührt, nie im Geringsten beeinflusst. Um von Neothomismus, Existenzialismus, Psychoanalyse, Strukturalismus usw. gar nicht zu reden. Mit Bloch bin ich zwar freundschaftlich verbunden gewesen – und verbündet in dem Bestreben, aus der DZfPh eine einigermaßen interessante und niveauvolle Zeitschrift zu machen. Aber all seine philosophischen ›Extras‹ ließen mich kalt, was er sehr wohl spürte.21 Zu verdanken habe ich diese – bei all meinen Eskapaden seltsame – Standfestigkeit und Geradlinigkeit auf dem ureigensten Fachgebiet dem Umstand, dass ich mich dem Marxismus-Leninismus als Nicolai-Hartmann-Adept genähert habe. Leider ist das in keinem nennenswerten philosophischem Opus zu Buche geschlagen. Vor 1956 absorbierten mich Vorlesungs- und Redakteurstätigkeit, nach 1964 Feuerbach-Philologie und Jean-Paul-Forschung, und Anfang der siebziger Jahre folgte Besessenheit von Zukunftsforschung und politischer Ökologie; Letzteres übrigens auch wieder durch die frühe Nicolai-Hartmann-Rezeption vorbereitet, die mich die Stalinschen ›Grundzüge‹ hatte sehr Ernst nehmen und daher den ersten ›Grundzug‹ schon 1948/1949 mit ökologischem Illustrationsmaterial anreichern lassen, weshalb denn, als die Zeit erfüllt war, der ›Club of Rome‹ mich wie ein coup de foudre traf.«22 19 Zu Erich Engel siehe die Hinweise und Erklärungen in den Bänden 9 und 10. 20 Zu den genannten siehe die Verweise und Ausführungen in den Bänden 1 (vor allem 1.3) und 2. 21 Alle wichtigen Dokumente druckt der Band 1.3. 22 In: Band 10, S. 870 f. 24 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Zurück in die Mitte der sechziger Jahre. Es kann sicherlich nicht überraschen, dass Harich nach einem knappen Jahrzehnt der völligen geistigen Isolation sich zunächst jenen Themen zuwandte, die ihn bereits in den Fünfzigern beschäftigt hatten. Zu nennen ist dabei zuvorderst die in mehreren Versionen vorliegende Schrift Widerspruch und Widerstreit, in der Harich von 1966 bis 1967 zu einem seiner Lieblingsthemen, zur Philosophie Immanuel Kants, erneut und umfassend Stellung bezog.23 Am 19. November 1969 schrieb Harich an den Leiter des Akademie-Verlages Werner Mußler: »In meinen Schubläden liegen drei umfangreiche Manuskriptfragmente – das umfangreichste mit 150 Schreibmaschinenseiten – und zahlreiche noch unausgearbeitete Notizen und Exzerpte zum Thema Widerspruch und Widerstreit. Ein Beitrag zur Klärung des Verhältnisses von Logik und Dialektik. Der Unterschied zu den einschlägigen Schriften von Stiehler und anderen besteht a) darin, dass ich von einer sehr umfassenden, gründlichen, ins Detail gehenden kritischen Analyse der sogenannten ›transzendentalen Dialektik‹ Kants, insbesondere des Antinomienkapitels in der Kritik der reinen Vernunft ausgehe und erst von da her zu Fichte, Schelling und Hegel gelange, b) in der Gegensätzlichkeit der Resultate (die Widerspruchslogik der klassischen deutschen Philosophie erscheint bei mir als etwas rein Idealistisches, das nicht zum progressiven Gedankenerbe gehört) – womit gesagt ist, dass ich jetzt, allerdings mit subtileren gedanklichen Mitteln und auf einem höheren Niveau philosophiegeschichtlicher Bildung, in diesem bestimmten Punkt ähnliche Ansichten vertrete, wie ich sie einst, vor vielen Jahren, an Rugard Otto Gropp u. a. als ›ultralinks‹ und ›sektiererisch‹ abgelehnt habe. Sie sehen: Nicht ungestraft nimmt man ›Gelegenheit zum Nachdenken‹, wie sie mir beschieden gewesen, ausgiebig wahr.«24 Ein anderes philosophisches und philosophiegeschichtliches Thema, das Harich nicht losließ war – Hegel. In dem Band An der ideologischen Front. Hegel zwischen Feuerbach und Marx kommen zwei Texte zum Abdruck, die im hier thematisierten Zusammenhang zu erwähnen sind, da sie zeitlich parallel und aus der identischen Motivationslage heraus entstanden: Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte (1966) und Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus (60er Jahre).25 In dem bereits erwähnten Brief an Mußler heißt es über diesen Themenbereich: »Bis ungefähr zum 23 In: Band 3, S. 53–314. Dort auch ein Nachwort des Herausgebers zur Entstehungsgeschichte der entsprechenden Texte: Die Entstehungsgeschichte von Harichs Schriften zu Kant und zur deutschen Aufklärung, S. 537–562. 24 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 167. 25 Über Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte, S. 247–298; Hegels Konzeption der Philosophiegeschichte und der Marxismus, S. 299–311, beide Band 5. 25Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Ende des ersten Drittels ist ein umfangreicher Essay von mir über Hegels Bild der Philosophiegeschichte gediehen, der sich von einschlägigen Arbeiten anderer dadurch unterscheidet, dass er a) die gesamte Entwicklung der philosophischen Historiographie von der Antike bis Hegel in die Darstellung mit einbezieht, b) die Besonderheit der Leistung Hegels auf diesem speziellen Gebiet aus den umfassenden Zusammenhängen her verständlich zu machen versucht, wobei insbesondere den Parallelen und wechselseitigen Bedingtheiten von Wissenschaft der Logik und Geschichte der Philosophie nachgegangen wird, und c) die Kritik an Hegel zum Anlass nimmt, affirmativ die Grundsätze marxistischer philosophischer Historiographie zu entwickeln.«26 Diese Texte waren und blieben, so sehr Harich auch ihren Druck zu ermöglichen versuchte, Manuskripte. Vieles schrieb er in diesen Jahren für die Schreibtischschublade. Die wichtigste »Unterbrechung« der Arbeiten am Jean Paul nahm, verteilt auf mehrere Etappen, viel Zeit in Anspruch: Die Rede ist von Harichs Studien zur Anarchie-Problematik. Im Frühjahr 1969 kam von Hans Magnus Enzensberger die Einladung zur Beteiligung am Kursbuch Nummer 19, das der Anarchie-Problematik gewidmet sein sollte.27 Es ist nicht klar, warum Enzensberger Harich ausgerechnet zu diesem Thema als Autor wollte, eventuell ging dies auf verschiedene Gespräche etc. zurück. Harich sagte seine Mitarbeit zu und begann zügig mit der Herstellung des Manuskript. Doch während der Arbeit verselbständigten sich Gedanken und Text und aus dem geplanten Aufsatz wurde ein Buch. Der ihm nun vorliegende Text war für das Kursbuch viel zu lang. Harich nahm das fertige Manuskript und kürzte es zusammen. Verschiedene Passagen oder Kapitel ließ er dabei ganz weg, allerdings blieb die Originalstruktur voll erhalten. Der so entstandene Text (dessen Anmerkungsapparat ebenfalls reduziert wurde) umfasste insgesamt 43 Seiten des Kursbuchs und erschien unter dem Titel Zur Kritik der revolutionären Ungeduld.28 Doch wohin mit dem vollständigen Manuskript. Das Buch erschien schließlich 1971 in Basel, in der bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unbekannten, da neu gegründeten »edition etcetera«.29 Der vollständige Titel, sicherlich auch in Abgrenzung zum Kursbuch, lautete: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus. Das Manuskript hatte – bis zu 26 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 167 f. 27 Das Kursbuch 19 erschien im Dezember 1969. 28 Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, in: Kursbuch 19, Dezember 1969, S. 71–113. 29 Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus, Basel, 1971. 26 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs seinem Druck – eine kleine Odyssee hinter sich, die in Berlin begann. Es war für Harich selbstverständlich, dass er das Werk zuerst Verlagen der DDR zum Druck anbot. So verfuhr er immer, der Westen war für ihn als Publikationsort nur eine Notlösung – und selbst als solche hatte er damit oft Probleme, unternahm lieber die dritte, vierte, fünfte Umarbeitung mit Blick auf DDR-Verlage, DDR-Zeitschriften, schrieb Briefe und Eingaben etc.30 Je politischer und tagesaktueller, philosophisch grundlegender ein solcher Text war, desto mehr war Harich bereit, an Arbeitszeit zu investieren, um einen Druck, oder zumindest die Diskussion der aufgestellten Thesen in der DDR irgendwie zu ermöglichen. Dieses Vorgehen unterschied ihn (neben vielen anderen Aspekten) völlig von Personen wie beispielsweise Robert Havemann, die ihre Arbeiten direkt für bundesrepublikanische Verlage und Zeitschriften anfertigten.31 Harich glaubte immer daran, auch nach seiner Haftentlassung, dass er sich in der DDR als Autor durchsetzen werde. Am 19. November 1969 schrieb er an Werner Mußler: »Ich hoffe, dass Sie inzwischen meine Arbeit Zur Kritik der revolutionären Ungeduld. Eine Abrechnung mit dem alten und dem neuen Anarchismus gelesen haben und dass Sie Ihnen einigermaßen gefällt – unabhängig davon, ob sie sich für den Akademie-Verlag eignet oder nicht. Ich habe mittlerweile, von Enzensberger und Michel gedrängt, eine Kurzfassung dieser Arbeit (…) des Ihnen vorliegenden Manuskriptes zusammengestellt und sie der Redaktion des Kursbuch zum Vorabdruck überlassen. Selbstverständlich ist, den Vorschriften entsprechend, das Büro für Urheberrechte davon in Kenntnis gesetzt worden, dem ich im Übrigen auch einen Fahnenabzug zugehen lassen werde; einen 30 Dem Nachdruck seines in der Sinn und Form erschienenen Aufsatzes Der entlaufene Dingo, das vergessene Floß (in leicht überarbeiteter Form) im Westen – im Rowohlt Literaturmagazin, Nr. 1, 1973, S. 88–122 – stimmte Harich nur zu, da auch die von ihm kritisierten Stücke Heiner Müllers in der Bundesrepublik erhältlich seien und dort diskutiert werden würden. Den Platz für die eigentliche Debatte aber sah er in der DDR und deren Zeitschriften (siehe S. 116 f.). Gegenteilig entschied er sich beispielsweise im Fall Rudolf Bahros. Nach dessen Verhaftung verweigerte er jede Stellungnahme in der Bundesrepublik und auch in der DDR zu dessen Alternative, da sich Bahro nicht in Freiheit in den gleichen Publikationsorganen wehren könne. Siehe hierzu: Heyer: Rudolf Bahros »Alternative«. Ökologie, Demokratie und ein neuer Marxismus im Gewand der Utopien, in: Kinner, Klaus: Linke zwischen den Orthodoxien. Von Havemann bis Dutschke, Berlin, 2011, S. 93–105. 31 Hierzu alle wichtigen Hinweise bei: Heyer: Robert Havemanns »Morgen« und der postmaterielle Utopiediskurs. Zum Ausgleich von Ökologie, Marxismus und genossenschaftlichen Strukturen, in: Kinner: Linke zwischen den Orthodoxien, S. 70–92. Außerdem: Amberger, Alexander: Bahro, Harich, Havemann. Marxistische Systemkritik und politische Utopie in der DDR, Paderborn, 2014. 27Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs weiteren Abzug erhalten Sie. (…) In den redaktionellen Anmerkungen am Schluss des Heftes wird folgendes vermerkt werden: ›Der Aufsatz von Wolfgang Harich, Kritik der revolutionären Ungeduld, wurde vom Autor aus in sich gekürzten Teilen einer größeren Auseinandersetzung mit dem alten und dem neuen Anarchismus zusammengestellt, die demnächst erscheinen wird.‹32 Von dem umfangreichen Anmerkungs-Teil des Ihnen vorliegenden Manuskripts ist in der Kurzfassung aus Raumgründen nur sehr wenig übrig geblieben. (…) Was das ungekürzte, Ihnen vorliegende Manuskript anbelangt, so habe ich es bis jetzt noch keinem westdeutschen Verleger angeboten, auch nicht dem Suhrkamp-Verlag, der das Kursbuch ja verlegerisch betreut. Ich werde auch keine Schritte in dieser Richtung unternehmen, sondern erst einmal abwarten, wie der Akademie-Verlag nach Prüfung des Manuskripts diese Angelegenheit beurteilt.«33 In Harichs Nachlass finden sich leider keine weiteren Schriftstücke, die über den Fortgang seiner Bemühungen, das vollständige Manuskript in der DDR zu veröffentlichen, Auskunft geben. Aber die Sache scheiterte, der Akademie-Verlag (Harichs Hauptansprechpartner für Buch-Manuskripte in den siebziger und achtziger Jahren in der DDR) lehnte den Druck ab. Dies geschah die ganze Zeit der DDR hindurch mit fast schon typischer Regelmäßigkeit, am bedauerlichsten ist sicherlich der Umgang mit den Hartmann-Manuskripten Harichs.34 In dem 1972 verfassten Nachtrag Die Baader-Meinhof-Gruppe hatte sich Harich auf den ersten Seiten ziemlich ausführlich zur Publikationsgeschichte der Kritik der revolutionären Ungeduld nach dem Scheitern seiner DDR-Bemühungen geäußert.35 Es heißt dort: »Als mein Manuskript noch halbwegs aktuell war, ist es zwischen Ende 1969 und Frühjahr 1970 nacheinander fünf Verlagen in der Bundesrepublik angeboten worden, die sich alle nicht entschließen konnten, es zu bringen. Suhrkamp, Pahl-Rugenstein, Rowohlt und Piper lehnten es entweder überhaupt ab oder bestanden auf Änderungen, die mir nicht einleuchteten. Die Beanstandungen reichten von einer zu weit gehenden Sympathie mit dem Anarchismus, geltend gemacht von Pahl-Rugenstein, bis zu dem traurigen Kopfschütteln des Herrn Klaus Piper darüber, dass ich, statt den Weg der Piper-Autoren Kolakowski und Havemann zu gehen, ein unverbesserlicher Stalinist geblieben bin. Im April wandte ich mich an Luchterhand. Auf Anraten Frank Benselers 32 Dieser Passus findet sich im gedruckten Kursbuch 19 nicht, die Herausgeber hatten Harichs Bitte ignoriert. 33 Harich, Anne: Wenn ich das gewusst hätte, S. 168 f. 34 Siehe die Dokumente des 10. Bandes. 35 In: Band 7, S. 223–450. 28 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs nahm man dort meine Arbeit zwar ohne Änderungswünsche an, aber gegen Benselers Proteste machte man die Veröffentlichung nun von rechtlichen Bedingungen abhängig, die ich trotz monatelanger Bemühungen nicht zu erfüllen im Stande war.«36 Frank Benseler, der sich – im zeitlichen Anschluss an Harichs Verhaftung – in der Bundesrepublik um die Werke Georg Lukács’ im deutschen Sprachraum verdient gemacht hat37 (und bis heute verdient macht), versuchte also, Harichs Manuskript bei Luchterhand unterzubringen, doch auch dieses Unterfangen scheiterte. In Die Baader-Meinhof-Gruppe schilderte Harich dann den weiteren Verlauf. Auf Vermittlung Benselers landete das Manuskript schließlich in Basel bei der »edition etcetera«, der Druck erfolgte 1971. 1972 erschien in Mailand bei Feltrinelli eine italienische Übersetzung des Werkes.38 Zu diesem Vorgang liegt ein Brief Harichs an Inge Feltrinelli vor, datiert auf den 16. Mai 1971, in dem das Übersetzungsprojekt angedacht wurde.39 Die Rechtelage des Buches war ja insofern etwas unklar, als Harich keinen Vertrag mit dem Baseler Verlag hatte. Von daher schrieb er Inge Feltrinelli, dass er davon ausgehe, die Auslandsrechte frei vergeben zu können. Diese teilte (unter dem Hinweis, dass sie die Rechte von Harich bekommen habe) der »edition etcetera« am 18. Oktober 1972 den Druck der italienischen Ausgabe mit. Im Zuge dieser Entwicklung kehrte Harich 1972 auch inhaltlich arbeitend, überarbeitend, noch einmal zu dem Werk zurück. Er plante offensichtlich eine deutsche Neuausgabe des Buches und verfasste einen umfangreichen Nachtrag, der vor allem den thematischen Zweck hatte, seine Ansichten von 1969 auf der Basis der vorgefallenen politischen Entwicklungen und neuen Herausforderungen zu aktualisieren. Das Manuskript trägt den Titel Nachtrag 1972. Ein Gespräch mit dem Autor. Datiert ist das Fragment auf der letzten Seite mit dem Hinweis »Abgeschlossen am 24. Oktober 1972, Berlin«. In dem Text bricht sich bereits die Ökologieproblematik voll Bahn, aber noch konnte sich Harich dieser Aufgabe nicht vollständig zuwenden, da es zuerst galt, das 36 In: Band 7, S. 223 f. Siehe hierzu: Hamm, Peter: Revolutionäre Geduld. Zur Kritik der revolutionären Ungeduld von Wolfgang Harich, in: Neues Forum, August-September 1971, S. 41 37 Harich äußerte sich in dem Aufsatz Mehr Respekt vor Lukács! zu Benseler als Lukács-Heraus ge ber. Siehe: Heyer: Harich sprach über Lukács, Berlin, 2014, S. 61–66, dort auch eine Einleitung (Harich und Lukács. Wege zu einem neuen Marxismus), S. 5–18 sowie alle einschlägigen Texte Harichs im dokumentarischen Anhang. 38 Critica dell’ impazienza rivoluzionaria, Mailand, 1972. 39 Brief an Inge Feltrinelli vom 16. Mai 1971, in: Zur Kritik der revolutionären Ungeduld, Berliner Ausgabe, S. 9–10. 29Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Jean Paul-Manuskript abzuschließen. Jean Pauls Revolutionsdichtung erschien schließlich 1974 in Ost und West gleichzeitig. 4) Jean Pauls Revolutionsdichtung Es kann also nicht die Rede davon sein, dass Jean Paul Harich in den Jahren nach seiner Haft allein und ausschließlich in Beschlag genommen hätte. Dennoch: Irgendwie, teilweise sogar ziemlich konkret, hingen alle diese schriftstellerischen und denkerischen Arbeiten dann doch wieder mit Jean Paul zusammen. Damit ist nicht gemeint, dass Harich selbst in der großen Monographie Jean Pauls Revolutionsdichtung beispielsweise aus seinem Anarchiebuch zitierte, da von Jean Paul geschaffene Figuren ein Verhalten an den Tag legen, das sich beispielsweise unter der Überschrift »Verunsichern von Institutionen« oder »Propaganda der Tat« subsumieren ließe.40 Die eigentlich interessanten und wichtigen Zusammenhänge sind andere und größere. In den achtziger Jahren arbeitete Harich intensiv zur Philosophie seines ehemaligen akademischen Lehrers Nicolai Hartmann. Bei der Präsentation der Manuskripte wurde ausgeführt, dass diese durchaus als philosophisches Alterswerk Harichs gelesen werden können und die verschiedenen Ansätze seiner wissenschaftlichen Tätigkeit in einem groß angelegten Versuch bündelten – und zwar zurückgehend bis in die späten 40 Harich schrieb beispielsweise über Jean Paul: »Er war ein mit den Volksmassen, insbesondere den Fronbauern, eng verbundener Demokrat und Republikaner. Aber er war dies unter ökonomisch-sozialen Bedingungen, die in Deutschland für eine Umgestaltung der feudalen Verhältnisse ›von unten‹, auf dem Wege einer von der Bourgeoisie geführten Volkserhebung, damals noch nicht reif waren. Zwangsläufig bewegte er sich so in den Jahren der Revolution zwischen zwei falschen Extremen: Einerseits war er der Gefahr ausgesetzt, wie sein Freund Otto die eigenen revolutionären Wünsche mit den realen Möglichkeiten zu verwechseln und so einem abstrakten Radikalismus anheimzufallen, der ihn von den Massen isoliert und an der Schaffung realistischer Literaturwerke mit gegenwartsnahen, aus dem Volksleben bezogenen Sujets gehindert hätte. Diesem Pol näherte er sich dann, wenn er in seinen Büchern Helden auftreten ließ, die inmitten der deutschen Gegenwart das Volk zur Rebellion aufrufen. Das klassische Beispiel hierfür ist der Aufstandsversuch Flamins im Hesperus. Der abstruse Einfall, den herbeigesehnten Aufruhr auslösen zu lassen durch einen zum Tode Verurteilten, der von der Galgenleiter aus an die Massen appelliert, offenbart, zu welch irrsinnigen Vorhaben sich aufgestaute revolutionäre Ungeduld in einer objektiv nicht-revolutionären Lage versteigen kann, und Jean Paul ist dort, wo er derartige Pläne ins Auge fasst, ein geistiger Vorläufer der anarchistischen Aktivitäten des ausgehenden 19. Jahrhunderts und der Gegenwart.« 30 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs vierziger Jahre.41 Ähnliches nun ließe sich bereits über den Jean Paul sagen. Denn auch dieser ist der Versuch einer Zusammenschau des Bisherigen. Unter dem nun gewählten Oberthema war es möglich, unterschiedliche und durchaus divergierende frühere Überlegungen zu vereinen und in ein schlüssiges Gesamtbild zu überführen. In diesem Sinne liest sich das Personenverzeichnis des Bandes fast wie ein Inventar von Harichs bis zu diesem Zeitpunkt ausgeführten philosophischen, philosophiegeschichtlichen und literaturhistorischen Arbeiten und Analysen. Entwurf Harichs Dies fängt bei der verwendeten Forschungsliteratur an. Hermann Hettner wird mit seiner umfassenden Geschichte der Aufklärung mehrfach genannt, daneben die verschiedenen Werke von Georg Lukács, auch wenn dieser sich nicht ausführlich zu Jean Paul geäußert hatte. Intensiv wird die Herder-Biographie von Rudolf Haym genutzt. Alle diese Theoretiker hatte Harich in den späten vierziger und fünfziger Jahren aus- 41 Alle wichtigen Dokumente in Band 10, ergänzend zudem (vor allem für die frühen Jahre) in Band 2. Im 10. Band dann auch eine Einleitung des Herausgebers, die die gerade gegebene These näher entwickelt: Nicolai Hartmanns Philosophie als permanente Herausforderung Wolfgang Harichs, S. 11–56. 31Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs führlich studiert. Seiner Zusammenarbeit mit Lukács ist in dieser Edition ein eigener Band (der 9.) gewidmet, Hettners Schriften hatte er mehrfach in seinen Vorlesungen genutzt und empfahl bis zum Untergang der DDR dessen Werke mehrfach zum Druck.42 Dies trifft so und noch intensiver auch auf Haym zu, für den Harich mehrfach anmahnte, dass er im Rahmen des sozialistischen Erbe-Antritts in der DDR neu editiert werden müsse.43 Ein Engagement, das deshalb nicht überraschen kann, da Harich über 42 Im Rahmen eines Planes zur Edition von Standardwerken der Ästhetik, Literaturwissenschaft und philosophischen Historiographie schrieb Harich am 5. Mai 1977 an Lothar Berthold (den damaligen Leiter des Akademie-Verlags): »Hermann Hettner: Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts, Teil I: England. Längst fälliger Beitrag zur Komplettierung der 1961 auf den Markt gekommenen Erlerschen Edition von Teil III des selben Werkes, bürgerlich-demokratisches Standardwerk über die Philosophie und Literatur der englischen Aufklärung seit der Glorious Revolution 1688, schlechthin grundlegend für das Verständnis der Aufklärungsbewegung überhaupt.« (Band 9, S. 391.) In einen Brief an Hermann Turley vom 27. Oktober 1982 ergänzte Harich seinen Plan mit Blick auf Hettner wie folgt: »Hermann Hettner (1821–1882): Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts. Hettners historisches Verdienst bleibt es, über Gervinus, Danzel und R. Haym hinaus den entscheidenden, bahnbrechenden Schritt zur Internationalisierung des Gegenstandsfeldes deutscher Literaturgeschichtsschreibung getan zu haben. (Siehe z. B. R. Rosenbergs gleichlautende Feststellung, a. a. O., S. 26, von ihm bereichert um den wichtigen Gedanken, dass, zugleich, erst auf diese Weise ›die Deutschen als eine Franzosen und Engländern ebenbürtige große Literaturnation ausgewiesen‹ worden seien.) Danach ist es schwerlich zu begreifen, warum eigentlich der England- und der Frankreich-Teil von Hettners Hauptwerk weder von vornherein (1961) noch bis auf den heutigen Tag (2. Aufl., 1981) in die DDR-Ausgabe mit einbezogen worden. Hier tut dringend Abhilfe not. Herausgeber und Bearbeiter des ganzen Werkes: Selbstverständlich auch wieder Gotthard Erler, eventuell unter Heranziehung je eines marxistischen Anglisten und Romanisten für den ersten und zweiten Teil.« (Band 9, S. 407 f.) 43 Über Harichs Versuche, Haym in der DDR neu zu edieren, siehe für die frühen Jahre die Bände 3, 4 und 5 sowie die Vorlesungen. In den siebziger und achtziger Jahren dann seine bereits erwähnten Editionsvorschläge (die hier wichtigen abgedr. in Band 9). Dort heißt es in dem Brief Hermann Turley vom 27. Oktober 1982: »Pflege und Wiederbelebung des Erbes von Rudolf Haym liegen mir besonders ›am Herzen‹, nachdem ich bereits 1954 mit der Herausgabe seiner großen, zweibändigen Herder-Biographie (von 1877–1880) einen Anstoß zur Nutzung progressiver bürgerlicher Literaturwissenschaft des 19. Jahrhunderts in der DDR gegeben habe. Meine damalige Einleitung ist ein Jahr später, in erweiterter Form, als Buch erschienen (Rudolf Haym und sein Herderbuch, Berlin, 1955). Darin habe ich ausführlich dargelegt, wieso, nach meiner Überzeugung, Haym und Hettner unter den liberalen bzw. bürgerlich-demokratischen Literarhistorikern jener Zeit für uns am lehrreichsten und ergiebigsten sind – eine Anregung der Hettner-Editionen von Jürgen Jahn (1959) und Gotthard Erler (1961) – , und habe in diesem Zusammenhang die speziellen Vorzüge Hayms aus seiner Übergangsstellung zwischen Hegel und Gervinus auf der einen und dem Positivismus der Scherer-Schule auf der anderen Seite abgeleitet 32 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Haym eine eigenständige Publikation verfasst hatte: Rudolf Haym und sein Herderbuch.44 Durchaus eine Reminiszenz gegenüber den fünfziger Jahren ist daneben beispielsweise die durchaus positive Rezeption von Hermann August Korffs Geist der Goethezeit. Am 18. September 1955 hatte Harich an Gertrud Lukács geschrieben: »Im Urlaub habe ich übrigens den neu erschienenen IV. Band von Korffs Geist der Goethezeit gelesen; zum Teil nicht unbedeutend, muss ich sagen, besonders im Hinblick auf das Hoffmann-Kapitel. Auch die Deutung des West-östlichen Diwan ist nicht übel. Das Obskure, Irratio Propagierende, das den ersten Band charakterisiert, hatte sich bei dem alt gewordenen Korff merklich verloren. Ziemlich elendes Gewäsch ist aber wieder das letzte Kapitel, über die ästhetische Theorie der späten Goethezeit, wo Schelling, Hegel und Schopenhauer auf einen Nenner gebracht werden. Aber bemerkenswert sind die scharf antiobskuren Stellungnahmen zur Entwicklung von Görres, Clemens Brentano, Zacharias Werner etc. Im Übrigen bestand meine Urlaubslektüre in lauter E. T. A. Hoffmann.45 Ich muss sagen, dass das Meiste bei näherer Betrachtung ja doch (siehe mein genanntes Buch, a. a. O., S. 17 ff.). Die damalige Argumentation brauche ich hier nicht noch einmal zu wiederholen. Hinzugefügt sei nur, dass es bei Haym, wie bei Hettner, noch keine spezialistenhaft bornierte Trennung von Literatur- und Philosophiegeschichte gab und dass Hayms Kenntnis zumal der deutschen Philosophie (von Leibniz bis Hegel, Schopenhauer, Feuerbach, Eduard von Hartmann) die von Hettner weit überragt. Im Hinblick darauf und auch aus weiteren Gründen neige ich zu der Ansicht, dass unter den liberalen Philosophie- und Literarhistorikern des 19. Jahrhunderts am ehesten Haym Neuausgaben seines gesamten Lebenswerks in der DDR verdient hätte. Geradezu Bewunderung hege ich überdies für Haym als Prosa-Stilisten. Hayms Romantische Schule hat die frühe deutsche Romantik (Tieck, Wackenroder, die Brüder Schlegel, Novalis, Schleiermacher, Schelling usw.) zum Gegenstand und enthält auch ein Kapitel über Hölderlin. Das Buch ist ungeheuer instruktiv und steht dabei den behandelten Dichtern und Denkern, so sehr es ihre Talente zu schätzen weiß, mit starken kritischen Vorbehalten gegenüber, und eben das macht es für uns aktuell wertvoll, nachdem sich seit der Mitte der siebziger Jahre eine nicht geringe Anzahl von Intellektuellen der DDR zu einer viel zu positiven Haltung zur Romantik verstiegen hat. In der Abwehr damit verbundener Verirrungen könnte Haym die Rolle eines exzellenten Verbündeten spielen.« (Band 9, S. 408 f.) 44 In: Band 4, S. 311–446. Dort auch eine Einleitung des Herausgebers, Rudolf Haym und die bürgerlichen Wissenschaften des 19. Jahrhunderts (S. 291–310). Zuerst war der Band teilweise die Einleitung in die zweibändige Herder-Biographie von Haym (Berlin, 1954), die Harich herausgegeben hatte. 45 Harich sollte, nach der Heine-Edition, eine Hoffmann-Ausgabe herausgeben. Der Vertrag mit dem Aufbau-Verlag war bereits unterschrieben, das Projekt kam wegen Harichs Verhaftung 1956 aber nicht zu Stande. 33Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs ziemlich schrecklich ist. Vor allem die sich auflösenden geheimnisvollen Rätsel, bei denen dann als Lösung des Rätsels – Fernhypnose oder dergleichen herauskommt.«46 Die geschilderte Mischung von Haym bis Korff ist durchaus interessant. Am 14. August 1953 hatte Harich bei Lukács angefragt: »Hat Genosse Janka Ihnen wegen Rudolf Haym geschrieben?47 Wir wollen dessen Herder-Biographie zum Herder-Jubiläum im Dezember 1953 neu herausbringen, wohl wissend, dass sie Problematisches in Fülle enthält. Wir glauben jedoch, dass sie ihres Materialreichtums wegen unentbehrlich ist und den Herder-Legenden der imperialistischen Ära gegenüber, wie sie auch in der DDR (von Korff etc.) nach wie vor verbreitet werden, große Vorzüge aufweist. Janka wollte bei Ihnen, Paul Rilla und Hans Mayer anfragen, ob Sie auch dieser Meinung sind. Mit der Herder-Biographie Hayms wollen wir dann im Aufbau-Verlag die Pflege des Erbes der liberalen Literarhistoriker des 19. Jahrhunderts beginnen (Gervinus, Hettner, Georg Brandes, Haym), wobei von Haym für die nächsten Jahre – meines Erachtens – noch die Romantische Schule und der Wilhelm von Humboldt in Frage kämen – weniger das Hegel-Buch (dessen Ausgrabung im Grunde auf eine Unterstützung der Fehler des Genossen Gropp hinausliefe). Ich wäre froh, wenn Sie sich bald in positivem Sinne zu unserem Haym-Herder-Projekt äußerten. Haym wird – gerade wegen des Guten, das er geleistet hat – von der bürgerlichen Literaturwissenschaft hierzulande mit Verachtung behandelt. Ich sehe in ihm einen, wenn auch nur partiellen und oft unzuverlässig, Bundesgenossen gegen die Garde der Herder-Verfälschungen von Unger über Nadler bis Korff und bin im Übrigen der Meinung, dass der Aufbau-Verlag einer neuen fortschrittlichen Literaturgeschichtsschreibung große Dienste leisten könnte, wenn er neben Ihren Werken noch einerseits die von Mehring und andererseits das Beste, was von Gervinus, Hettner, Brandes und Haym überliefert ist, herausbrächte.«48 Natürlich sind in Harichs Jean-Paul-Monographie auch Marx und Engels selbst präsent, ebenso wird Ludwig Feuerbach mehrfach erwähnt. In diesen Zusammenhängen ging es dann zumeist darum, zu zeigen, wo und wie Jean Paul Positionen und Thesen ver- 46 In: Band 9, S. 339. 47 Die Herder-Monographie von Rudolf Haym erschien 1954. Lukács, Paul Rilla und Hans Mayer hatten die positiven Gutachten zu dem Projekt geschrieben. Haym, Rudolf: Herder. Nach seinem Leben und seinen Werken, 2 Bde., hrsg. v. Harich, Berlin, 1954. Harichs Einleitung dort: Bd. 1, S. IX–CVII. Separater Druck der Einleitung dann ein Jahr später: Harich: Rudolf Haym und sein Herderbuch. Beiträge zur kritischen Aneignung des literaturwissenschaftlichen Erbes, Berlin, 1955. 48 In: Band 9, S. 243 f. 34 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs treten habe, die nachher von Marx und Engels, aber auch von der klassischen deutschen Philosophie des Idealismus, vor allem Hegels Theorien, und von der, salopp formuliert, Hegel-Schule und linken Hegel-Kritik auf der Basis des dann neueren Erkenntnisstandes erneut bezogen wurden. Zudem finden sich auch Verweise auf Heinrich Heine, mit dem Harich nicht erst seit der Herausgabe der ersten wissenschaftlichen Heine-Ausgabe der DDR bestens vertraut war, auf Arbeiten von Franz Mehring und Karl Kautsky. Bei diesen Verweisen ging es zuvorderst darum, zu zeigen, dass und warum Jean Paul für das philosophische, vor allem aber für das literarisch-kulturelle Erbe des Marxismus und der DDR bedeutsam sei. Schließlich ist im Jean-Paul-Buch auch der philosophische Harich vertreten. Hegels Philosophie wurde als Quelle und Vergleichsmaßstab bereits genannt, daneben findet sich beispielsweise die Auseinandersetzung mit Friedrich Heinrich Jacobi, David Hume oder Jean-Jacques Rousseau – alles Theoretiker, die Harich gut kannte, deren Überlegungen er sich in den fünfziger Jahren angeeignet hatte.49 Dies trifft selbstverständlich auch auf Kant, dessen Schüler und Kritiker, auf die frühen deutschen Idealisten, d. h. vor allem auf Fichte und den jungen Schelling zu, die ebenfalls aus dem Werk nicht wegzudenken sind.50 Selbstverständlich ist auch die Weimarer Klassik in diesem Zusammenhang zu nennen, an vorderster Stelle Goethe. Zu allen diesen Personen hatte Harich eigenständige Publikationen verfasst oder sie in größeren Kontexten analysiert. Die Bandbreite reicht dabei von dem frühen Goethe-Aufsatz Bemerkungen zu Goethes Naturanschauung51 über seine zahlreichen Schriften zur idealistischen deutschen Philosophie und die zahlreichen Zeitungsartikel (im Kurier und in der Täglichen Rundschau) bis hin zu der umfassenden, umfangreichen Vorlesungstätigkeit. Über allem aber steht Johann Gottfried Herder, dem deshalb berechtigterweise viel Platz eingeräumt werden konnte und musste, da er einer der wichtigen Freunde und engen Bezugspersonen Jean Pauls war. Harich hatte sich in den späten vierziger und frühen fünfziger Jahren intensiv mit Herder beschäftigt: Erinnert sei nur an seine 49 Siehe vor allem die Bände 3, 4, 5 und 6. 50 Harichs wichtigste Schriften zu Kant präsentiert der 3. Band, daneben zahlreiche weitere Ausführungen passim in der Edition. Siehe: Thom, Martina: Kant. Philosophiehistorische Forschung in marxistischer Sicht, in: Rauh, Hans-Christoph; Gerlach, Hans-Martin (Hrsg.): Ausgänge. Zur DDR-Philosophie in den 70er und 80er Jahren, Berlin, 2009, S. 86–120. 51 In: Band 6.1, S. 739–794. Siehe vor allem: Heyer: Der gereimte Genosse. Goethe in der SBZ/DDR, Baden-Baden, 2017. Fronzek, Henrik: Klassik-Rezeption und Literaturunterricht in der SBZ/DDR, 1945–1965. Zur Konstruktion eines pädagogischen Deutungskanons, Würzburg, 2012. In beiden Bänden ausführlich zur weiteren Forschungsliteratur usw. 35Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Promotion52 und die verschiedenen editorischen Leistungen, unter denen die zweibändige Philosophie der Geschichte von 1952 und die diese gleichsam begleitende, bereits angesprochene Neuherausgabe der großen Herder-Biographie (ebenfalls in zwei Bänden) von Rudolf Haym von 1954 (mit der ausführlichen Einleitung Harichs Rudolf Haym und sein Herderbuch. Beiträge zur kritischen Aneignung des literaturwissenschaftlichen Erbes)53 sicherlich am bedeutendsten sind. Daneben entstanden zahlreiche weitere Manuskripte und Entwürfe, Harich hielt zu Herder zahlreiche Vorträge (auch im Westen) und nicht zuletzt war die Thematik in seinen verschiedenen Vorlesungen präsent. Um zu illustrieren, wie Harich diese unterschiedlichen Themenstränge zusammenführte kann es an dieser Stelle genügen, kurz auf seine Vorlesungen zur deutschen Aufklärung und Philosophie zu verweisen. Die Inhaltsverzeichnisse von zwei Vorlesungen können sein Vorgehen illustrieren. 1950/1951 hielt er die Vorlesung Die deutsche Philosophie im Zeitalter der Französischen Revolution mit folgendem Programm:54 »Vorbemerkungen § 1: Die Herausarbeitung des Entwicklungsgedankens in der deutschen Aufklärung A) Kants Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels B) Caspar Friedrich Wolffs Theoria generationis von 1759 C) Die Wiederentdeckung von Leibniz’ Nouveaux Essais usw. von 1765 D) Die Sprachphilosophie von Johann Georg Hamann, 1760 bis 1770 E) Die Entwicklung der Geschichtsphilosophie Johann Gottfried Herders ab 1764 F) Lessings Erziehung des Menschengeschlechts G) Goethes Naturanschauung H) Fortsetzung von Herders Geschichtsphilosophie § 2: Kants Kritik der reinen Vernunft A) Zur Klärung der Begriffe B) Der Kampf gegen die Metaphysik und seine gesellschaftliche Bedeutung C) Der Kampf gegen den Agnostizismus von Hume und seine gesellschaftliche Bedeutung D) Die Grundgedanken der Kritik der reinen Vernunft E) Kritische Stellungnahme zur Kritik der reinen Vernunft vom marxistischen Standpunkt 52 Herder und die bürgerliche Geisteswissenschaft, in: Band 1.2, S. 657–922. 53 In: Band 4, S. 311–446. 54 In: Band 6.2, S. 835–942. 36 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs § 3: Bemerkungen über Kants Kritik der praktischen Vernunft § 4: Die Französische Revolution und ihre Auswirkungen auf die klassische deutsche Philosophie § 5: Die Philosophie von Fichte § 6: Die Philosophie von Schelling« 1955/1956 folgte dann die Vorlesung zur Geschichte der klassischen deutschen Philosophie mit folgendem Programm:55 »§ 1: Sinn und Wesen der Philosophie § 2: Die historisch-gesellschaftlichen Grundlagen der klassischen deutschen Philosophie § 3: Leibniz’ Philosophie § 4: Die Entwicklung der deutschen Aufklärungsphilosophie § 5: Die Bedeutung der siebziger und achtziger Jahre § 6: Der junge Kant § 7: Kant: Kritik der reinen Vernunft § 8: Kants Ethik und sein Freiheitsbegriff § 9: Kurze Skizzierung der wichtigsten Einzelheiten der Kritik der praktischen Vernunft § 10: Kants Kritik der Urteilskraft § 11: Frühe Kantianer und Antikantianer § 12: Fichtes Philosophie § 13: Schiller als Philosoph A) Schillers Position in den geistigen Kämpfe seiner Zeit B) Werke und Tendenzen C) Andeutungen über das Wesen der Romantischen Schule § 14: Schellings Philosophie« Im Jean Paul selbst hat Harich diese verschiedenen Verbindungslinien immer implizit mitgedacht, teilweise aber auch explizit ausgeführt. An den Stellen, wo er dies tat, zeigt sich zugleich, dass nach wie vor das Philosophie- und Literaturverständnis von Georg Lukács auch in den späten sechziger und siebziger Jahren für ihn weiterhin prägend war. Zwei direkt aufeinanderfolgende Passagen seines Buches können hier zur näheren Illustration hervorgehoben werden. Zunächst zur philosophischen Situation der Aufklärung: 55 In: Band 6.2, S. 953–1106. 37Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs »England war damals das fortgeschrittenste Land Europas. Der Kapitalismus hatte dort einen höheren Stand erreicht als auf dem Kontinent. Das heißt nicht, dass die englische Philosophie, als die Deutschen sie aufgriffen, sich noch auf der Höhe der Zeit befunden hätte. Das Kriterium der Progressivität eines Systems der Aufklärung ist stets dessen negative Stellung zur Religion, und darin waren die Engländer inzwischen überflügelt worden von den Franzosen. Die englische Bourgeoisie hatte ihren revolutionären Bürgerkrieg im Zeichen religiöser Schibboleths, weil unter puritanischer Führung, ausgefochten, und seit der Glorious Revolution von 1688, ihrem Kompromiss mit Adel und Krone, gehörte sie zu den herrschenden Schichten des Landes. Beides erschwerte es ihrer Vorhut, sich vollständig von der Religion zu lösen. Die progressiven Ideologen Frankreichs verliehen demgegenüber im 18. Jahrhundert, unter fortgeschritteneren Bedingungen der gesamteuropäischen Zivilisation, dem Emanzipationsstreben einer politisch niedergehaltenen Bourgeoisie Ausdruck, in einem Land, wo es, seit der Hugenottenverfolgung, keine Ansätze für bürgerliche Bewegungen mit religiöser Ideologie mehr gab. Nachdem die englischen Anregungen in Frankreich durch Montesquieu, Maupertuis und Voltaire rezipiert worden waren, setzte hier daher bald eine Radikalisierung der Aufklärung ein, derart, dass deren jüngere Verfechter, die La Mettrie, Diderot, Helvétius und Holbach, die Position des Atheismus und Materialismus bezogen, womit sie der Umwälzung von 1789 den Weg bahnten, der in der Revolutionsgeschichte ersten, die ihre Rechtfertigung nicht mehr in religiös verkleideten Parolen finden, sondern sich ausschließlich rechtlich-politischer Argumente bedienen sollte. Die deutsche Situation glich insofern der französischen, als auch die deutschen Bürger politisch ohnmächtig waren. Aber sie waren es in einem noch rückständigeren, dazu durch Kleinstaaterei zersplitterten Land, wo ihnen jede Voraussetzung fehlte, ihre Interessen im nationalen Maßstab und mit revolutionären Mitteln durchzusetzen. Sie waren also auch noch zu schwach, um der materialistischen Philosophie Rückhalt und Resonanz bieten zu können. Als daher Frankreich den Durchbruch zum Materialismus bereits hinter sich hatte, galt es den Popularphilosophen immer noch als Non plus ultra an Modernität, bei den zahmen Engländern in die Lehre zu gehen. Trotzdem hatte, was eine Halbheit war, wenn man es an den damals radikalsten Ergebnissen europäischen Denkens misst, innerhalb Deutschlands den Wert einer befreienden Tat. Zuerst von den englischen Aufklärern ist der Autoritätsanspruch der unsinnigsten Kirchenlehren bestritten und das Feld der Erfahrung für unbefangenes Forschen freigekämpft worden. Und wenn die Engländer dabei auch stehenblieben, in den letzten Weltanschauungsfragen am Zwittergebilde eines neuzeitlich zurechtgestutzten Got- 38 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs tes- und Unsterblichkeitsglaubens festhaltend, so bedeutete es doch eine Absage sowohl an die Bibelfrömmigkeit protestantischer Orthodoxie wie an die Dogmen des Katholizismus, den solcherart reduzierten Glaubensinhalt, versetzt mit einer auf lebenstüchtigen Bürgersinn zugeschnittenen Moral, zum ›Vernunftkern‹ des Christentums zu erklären. Hier knüpften die Popularphilosophen an, und das brachte sie mit dem institutionalisierten Offenbarungsglauben in Konflikt. Von der katholischen Kirche und der evangelisch-lutherischen Orthodoxie befehdet, wurden sie zu Bahnbrechern der Toleranz, der Denkfreiheit und der Kritik am Überlieferten. Es bleibt ihr Verdienst, in das Gemäuer des mittelalterlichen Glaubensfanatismus die ersten Breschen geschlagen zu haben, durch die der Geist einer neuen Zeit auch in das Bewusstsein des deutschen Volkes einströmen konnte. Ihre Ethik, in der die Nützlichkeit der Tugend betont wird, ist freilich, wie die ihrer schottischen Vorläufer, trivial. Sie half jedoch, zumal im Bürgertum der protestantischen Staaten, selbstlos-tüchtige Gesinnung und praktische Menschenliebe verbreiten, die sich wohltuend von der Sittenverderbnis an den Fürstenhöfen unterschied. Und indem die Popularphilosophie so den Gegensatz von Bürgertum und Adel bis ins Alltagsverhalten hinein ausprägen half, entzog sie zugleich den Kirchen den Anspruch, für die Wahrung der Moral unentbehrlich zu sein.« Und zu den philosophischen und theologischen Einstellungen des jungen Jean Paul wird ausgeführt: »Jean Paul hatte einen streng orthodoxen Pfarrer zum Vater. Seine Mentoren aber, Pfarrer Vogel und Kaplan Völkel, gehörten dem heterodoxen Lager an. Ihnen gelang es, dem Amtsbruder in Schwarzenbach den frühreifen Sohn geistig abspenstig zu machen. In seinen theoretischen Schriften sehen wir den Jüngling daher im Fahrwasser der Leibniz-Wolffschen Schulmetaphysik und der Popularphilosophie. Mit Leibniz hält er die Welt für die beste aller möglichen Welten, in der jedes Übel nur Vehikel des Guten ist, alle Wesen ein Stufenreich sich vervollkommnender Kräfte bilden und auch der Irrtum letztlich der Wahrheit dienen muss. Mit Mendelssohn und J. J. Engel plädiert er für Gedankenfreiheit und Toleranz. Mit den schottischen Moralphilosophen und deren deutschen Epigonen vom Schlage Garves erörtert er das Wesen der Tugend, erblickt in ihr die Bedingung der Glückseligkeit und macht es sich dabei zum Vorsatz, sich in die Lage seiner Mitmenschen so weit hineinzuversetzen, dass er die Beweggründe selbst derer zu verstehen vermag, die ihm feindlich begegnen sollten. Hartley und 39Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Priestley regen ihn zu psychologischen Untersuchungen, Hume, Sulzer und abermals Mendelssohn zu ästhetischen Überlegungen an. Groß ist seine Begeisterung für Nicolais Sebaldus Nothanker und die Allgemeine Deutsche Bibliothek. Stark beeinflusst zeigt er sich von Lessing, dessen Idee von der Erziehung des Menschengeschlechts er für ein vertieftes Verständnis des historischen Wandels der ethischen Normen fruchtbar zu machen sucht, und vereinzelt bemerkt man bei ihm auch schon Spuren der Lektüre Herders. Entwurf Harichs Mit den philosophischen stehen die theologischen Überzeugungen des jungen Jean Paul in Einklang. Als Adept der Heterodoxie kämpft er gegen das Ungerechte der Lehre von der Erbsünde sowie gegen die Spitzfindigkeiten der Evangelien-Synopsis an, brandmarkt Wunderglauben, Teufelswahn und Dreifaltigkeitsdogma als ungereimt, dringt auf kritische Prüfung von Bibel und Kirchenhistorie und tritt dafür ein, dass die Religion auf ein bloßes Mittel, den Menschen sittlich zu veredeln, beschränkt werde. Für den Druck waren seine Ausarbeitungen allerdings nicht bestimmt. Die Ansichten indes, die er öffentlich äußerte, stimmen mit dem Inhalt seiner Manuskripte und Briefe überein. Schon der Sechzehnjährige bestritt auf einer Schuldisputation vor geladenem Publikum mit so großem Scharfsinn die Göttlichkeit Jesu, dass die unplan- 40 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs mäßig verlaufende Veranstaltung, die dieses Dogma hatte befestigen sollen, abgebrochen werden musste. Die gleiche Haltung bezeugen die beiden Schulreden, die der Primaner, im Oktober 1779 und ein Jahr darauf bei der Abschlussfeier des Gymnasiums hielt. Dass er hierbei vor Lehrerkollegium und Eltern diplomatisch lavieren musste, versteht sich von selbst. Wie er das tat, gereicht seiner Aufrichtigkeit ebenso zur Ehre wie seinem Geschick: Um für die Heterodoxie eine Lanze zu brechen, berief er sich auf das Neuerertum, das während der Reformation in dem großen Luther selbst verkörpert gewesen sei. Den Bruch mit der Religion schloss eine solche Einstellung nicht ein. Jean Paul folgte der Popularphilosophie auch darin, dass er, bei aller Ablehnung der Orthodoxie, an dem Glauben festhielt, die Welt sei von einem höchsten Wesen erschaffen worden und die Seele lebe nach dem Tode fort. Dafür, so meinte er, hätten Leibniz und Wolff unwiderlegliche Beweise erbracht. Neben Untersuchungen über erkenntnistheoretische und metaphysische Probleme, neben polemischen Ausfällen gegen orthodoxe Lehrmeinungen stehen daher in seinen Übungen im Denken auch Anrufungen des gütigen Allvaters, und gar im Anschluss an die von ihm gelobte Leibnizsche Monadologie lässt der Verfasser es sich nicht nehmen, die Freuden des Jenseits auszumalen, wobei er sorgfältige Unterscheidungen zwischen Engeln und Seraphim trifft und die Frage, ob Tiere und Pflanzen am ewigen Leben teilhätten, breit erörtert und, unchristlich zwar, doch eminent religiös, bejaht. Zweifel an alledem stellten sich beim jungen Jean Paul erst während des Studiums in Leipzig ein. Voltaire und Rousseau allein hätten ihn in seinem Deismus freilich nicht wankend zu machen brauchen. Aber er las eben auch Helvétius, und es scheint, dass ihm La Mettrie und Holbach schon damals nicht unbekannt geblieben sind. Im September 1781 kam Kants Kritik der reinen Vernunft heraus. Der achtzehnjährige Jean Paul gehörte zu ihren ersten Lesern. Unschwer lässt sich vorstellen, dass Kants Einwände gegen die Leibniz-Wolffsche Metaphysik ihn beeindruckt haben; jedenfalls können wir in seinen vorläufig letzten philosophischen Ausarbeitungen, vom Herbst 1781, Bedenken gegen das Monadensystem feststellen, die er vorher nicht gekannt hatte. Und nun trat bei ihm eine charakteristische Reaktion ein: In seinen Aufzeichnungen erklärt er auf einmal Leibniz’ Philosophie für wahrscheinlich falsch, aber nennt sie einen Irrtum, so schön, dass er ihn ungern missen wolle. Leibnizianer sei er zwar nicht, er hoffe jedoch, 41 Manuskript Harichs aus den späten achtziger Jahren 42 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs es dereinst im Himmel zu werden; denn die Monadologie sei offensichtlich nicht für irdische Wesen bestimmt, sondern für Engel geschrieben. Inzwischen hatte sein theoretisches Interesse sich auf psychologische und moralische Probleme verlagert, und im Herbst brach er die philosophische Arbeit ab, um sich der Satire zuzuwenden. So ist anzunehmen, dass er durch Kant und den französischen Materialismus in eine erste weltanschauliche Krise gestürzt worden war. Vermutlich bestand sie darin, dass er seine alten Überzeugungen nicht mehr mit Gründen verteidigen konnte, aber gefühlsmäßig zu sehr an ihnen hing, um sie aufzugeben, und sich aus diesem Grunde neuerlicher Beschäftigung mit den Grundfragen von Erkenntnistheorie und Metaphysik entzog.« 5) Schluss, Nachklänge Die Kontinuitäten sind also zu erkennen, ja, sie sind grundlegend. Der Jean Paul war keine solitäre Angelegenheit und schon gar nicht ein thematischer Bruch, sondern Fortsetzung des Begonnenen auf – wenn man so will – einem neuen, politisch sicherlich unverfänglicheren (mit Blick etwa auf Hegel) Gebiet. Mit der Jean-Paul-Monographie hatte Harich für sich jenes Diktum umgesetzt, das er bereits 1952 in seiner Hegel-Denkschrift aufgestellt56 und das beispielsweise auch seine intensive Vorlesungstätigkeit sowie weitere Manuskripte dieser frühen Jahre geprägt hatte. Im Zuge der Verteidigung seiner Vorlesungstätigkeit erklärte er dort: Es »dürfte kein Zweifel darüber bestehen, dass z. B. ein Germanist, der Schiller verstehen will, auch etwas von Kant und von Schillers ästhetischen und philosophischen Schriften wissen muss. Es dürfte auch kein Zweifel darüber bestehen, dass, wenn man über eine marxistische Interpretation dieser Themen verfügt – man sie auch ausnutzen muss.«57 Im Jean-Paul-Buch zeigte Harich, dass selbstverständlich auch jeder Literatur produzierende Zeitgenosse von Kant, der sich zu diesen oder zu anderen Fragen äußerte, den Königsberger Philosophen zu verstehen trachten – was den meisten, so Harich bedauernd, leider kaum gelungen sei. Doch zurück ins 20. Jahrhundert: Wenn der zu Schiller arbeitende Germanist sich mit Philosophie beschäftigen müsse, sei natürlich gerade vom Philosophen zu fordern, dass sein Horizont fast schon universalhistorisch angelegt zu sein habe. 56 Siehe die entsprechenden Passagen bei: Eckholdt, Matthias: Begegnungen mit Wolfgang Harich, Schwedt/Oder, 1996. Dort auch zahlreiche Anekdoten und weiterführende Beobachtungen. 57 In: Band 5, S. 129. 43Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs Georg Lukács war der Zeitgenosse, dem Harich dies zu allererst zubilligte. Für die achtziger Jahre stellte er dann fest, im Rahmen der Debatten um die Philosophie Nietzsches, dass er nach dem Tod Wolfgang Heises der letzte Marxist der DDR wäre, der in diesem »Grenzbereich« von Philosophie und Literaturwissenschaften arbeiten würde – so in einem Brief an Manfred Buhr vom 19. August 1988: »Beachten Sie bitte ferner, dass nach dem Tode meines langjährigen Freundes Wolfgang Heise, mit dem ich mich in Sachen Nietzsche einig wusste, unter den Kollegen ich der einzige bin, der sich in Philosophie- und Literaturgeschichte gleich gut auskennt.«58 Es wurde bereits angesprochen, dass schon in dem Manuskript Die Baader-Meinhof-Gruppe, an dem Harich 1972 arbeitete, er sich mit dem Problem der Ökologie auseinandersetzte, das ihn für die nächsten Jahre intensiv in Beschlag nehmen sollte. Denn in demselben Jahr begannen beispielsweise die Gespräche mit Freimut Duve über die Wachstumsfrage, ab Oktober 1974 beschäftigten sich beide damit, diese zu verschriftlichen.59 1975 erschien der Band Kommunismus ohne Wachstum? bei Rowohlt, der im Westen intensiv diskutiert wurde.60 Was nicht überrascht, da sich mit Harich erstmals ein deutschsprachiger Marxist zu diesen Fragen zu Wort meldete. Auf den Inhalt seiner Konzeption braucht hier nicht eingegangen werden, da der 8. Band eine ausführliche Einleitung enthält, in der die wichtigsten Punkte geklärt werden.61 Es genügt festzuhalten, dass bis zu Beginn der achtziger Jahre die Ökologie zusammen mit Fragen der Friedensforschung und der Wachstumskritik Harichs wissenschaftliches, publizistisches und auch direkt politisch handelndes Hauptgebiet war. Alle anderen Themen traten in den Hintergrund. So schrieb er beispielsweise am 04. Juli 1979 in einem »Brief an das Maison Heinrich Heine«62 an einen Herrn Harder: »Ich danke Ihnen für Ihre vom 28. Juni 1979 datierte Einladung, im Winter 1979/1980 zu einem Vortrag oder einem zweiwöchigen Seminar zu ihnen nach Paris zu kommen. Folgen werde ich Ihrer Einladung nicht, da ich 58 In: Band 12, S. 633. 59 Siehe: Duve, Freimut: Zur Einführung, in: Harich, Wolfgang: Kommunismus ohne Wachstum? Babeuf und der »Club of Rome«. Sechs Interviews mit Freimut Duve und Briefe an ihn, Reinbek bei Hamburg, 1975, S. 11. (Neuabdruck in Band 14.) 60 Auswertung der Rezensionen in: Heyer: Die Entwicklung von Harichs ökologischem Konzept, in: Band 8, S. 25–47 61 Heyer: Die Entwicklung von Harichs ökologischem Konzept, S. 9–99. Siehe außerdem die Dissertation von Alexander Amberger: Bahro, Harich, Havemann. 62 Brief an das Maison Heinrich Heine, z. Hd. Monsieur Harder, vom 04. Juli 1979, Pariser Institutsadresse, 1 Blatt, maschinenschriftlich. 44 Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs grundsätzlich jedwede Beschäftigung mit Literaturwissenschaft aufgegeben habe und meine Zeit und Arbeitskraft nur noch der politischen ökologistischen Bewegung widme. Ihren Germanistikstudenten bitte ich auszurichten, sie mögen ihre ganze nutzlose Tätigkeit einstellen und sich der Frage zuwenden, wie die katastrophenschwangeren Weltkrisen, die auf uns zukommen, ja, in denen wir schon mitten darin stecken, noch aufzuhalten sind. Mit freundlichem Gruß.« In den siebziger Jahren versuchte Harich zuerst im ökologischem Sinne in der DDR zu wirken. Doch alle seine Pläne und Projekte scheiterten, er wurde Ziel der Kritik, konnte nicht publizieren. Daher plante er 1979 seine Ausreise aus der DDR, die von der Staatsführung (wahrscheinlich aus Angst vor einem weiteren Skandal) nur dadurch verhindert wurde, dass er ein mehrjähriges Dauervisum erhielt, mit dem er sich zwischen Ost und West bewegen konnte. In dem Brief, in dem Harich am 8. März 1979 Erich Honecker um die Ausreisegenehmigung gebeten hatte, hieß es: »Schon mein zweites, umfangreicheres Buch über Jean Paul (erschienen 1974) habe ich nur ungern, mit schlechtem Gewissen vollendet, überzeugt, mir den Luxus nutzlosen Tuns zu leisten, und mich darüber hinwegtröstend mit dem Hintergedanken, mein gestiegenes Autoren-Renomée anschließend sogleich in die ökologisch-wachstumskritische Waagschale werfen zu können. Womit gesagt ist: Die Republik verlöre in mir, wenn sie mich gehen ließe, gar keinen Kulturschaffenden mehr, sondern einen von futurologischen Ängsten besessenen Fanatiker, der im Land selbst sich bestenfalls auf die Rolle eines halbwegs loyalen Querulanten reduzieren ließe, ihr im Westen dagegen, bei der Schwächung der dem Klassenfeind zu Gebote stehenden technologisch-industriellen Kraft, noch gute Dienste zu leisten im Stande wäre.«63 Doch ganz vorbei war es mit Literaturwissenschaften und Philosophie nicht. 1981 kehrte Harich endgültig in die DDR zurück und begann dort, sich wieder philosophischen Herausforderungen zu stellen: Er beschäftigte sich mit Nietzsche und löste die damalige Nietzsche-Debatte aus (Bd. 12); er thematisierte erneut die Philosophie Arnold Gehlens, Paul Alsbergs und widmete sich anthropologischen Fragen (Bd. 11); er kämpfte für Mehr Respekt vor Lukács!, so ja der Titel eines bekannten Aufsatzes (Bd. 9); vor allem aber arbeitete er an der Vermessung des philosophischen Denkens seines akademischen Lehrers Nicolai Hartmann (Bde. 2 und 10). Nicht zuletzt aber zog diese Rückkehr zur Philosophie auch ein Wiedererwachen der literaturwissenschaftlichen und literaturhistorischen Fragestellung nach sich. Harich begann sich beispielsweise 63 In: Band 8, S. 142. 45Heyer: Der Standort Jean Pauls im Werk Harichs wieder mit Jean Paul auseinanderzusetzen. Die entsprechenden Texte und Manuskripte präsentiert der zweite Teilband dieses Werkes. Dabei hoffte er auch immer auf eine Neuauflage der Jean-Paul-Monographie, die jedoch nie zu Stande kam. In einem Brief vom 3. April 1989 brach er alle Beziehungen mit dem Akademie-Verlag, an den er nach der Feuerbach-Edition auch mit seinem Nicolai Hartmann-Projekt angebunden war, ab. Neben verschiedenen anderen Gründen machte er dabei geltend: »Der Verlag hat meinem wiederholt geäußerten Wunsch, von meinem seit vielen Jahren vergriffenen Hauptwerk, Jean Pauls Revolutionsdichtung (Erstdruck 1974), eine Neuauflage zu veranstalten, nie entsprochen. Sowohl der 225. Geburtstag Jean Pauls als auch mein eigener 65. Geburtstag sind vorübergegangen, ohne dass die Verlagsleitung oder das Lektorat in dieser Hinsicht initiativ geworden wären. Auch anlässlich des Jubiläumsjahres der Französischen Revolution tat sich und tut sich nichts.«64 Eine gedruckte Wortmeldung Harichs zu Jean Paul kam in den zwei Jahrzehnten vor seinem Tod nicht mehr zu Stande. Jean Pauls Revolutionsdichtung blieb Höhepunkt und »offizieller« Abschluss seiner Beschäftigung mit dem Schriftsteller, der ihn wie kein Zweiter in seinen Bann gezogen hatte. 64 In: Band 12, S. 680. 46 Manuskript Harichs aus den späten achtziger Jahren

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References

Abstract

"Jean Pauls Revolutionsdichtung" was first published in 1974 in East and West Germany. The book is Harich's attempt to clarify the connections between philosophy, literature and culture in Germany in the decade of the French Revolution. The spectrum of authors and theorists discussed ranges from Goethe and Schiller to Kant, from Herder to Jacobi. Using the three great novels by Jean Paul, Harich attempts to reconstruct this time with its conflicts, fears and hopes. In the 1980s, he tried to submit a second edition of his work in the GDR several times. However, his wish was not granted. In the second subvolume of this edition, further minor manuscripts about Jean Paul are published.

Zusammenfassung

„Jean Pauls Revolutionsdichtung“ erschien erstmals 1974 in Ost und West. Das Buch ist Harichs Versuch, die Verbindungen von Philosophie, Literatur und Kultur in Deutschland für das Jahrzehnt der Französischen Revolution zu verdeutlichen. Die Bandbreite der besprochenen Autoren und Theoretiker reicht von Goethe und Schiller bis zu Kant, von Herder bis zu Jacobi. Anhand der drei großen Romane Jean Pauls unternimmt Harich den Versuch einer Rekonstruktion der damaligen Zeit mit ihren Verwerfungen, Ängsten und Hoffnungen. In den 1980er Jahren versuchte er mehrfach, eine zweite Auflage des Werks in der DDR zu ermöglichen. Sein Wunsch wurde jedoch nicht erfüllt. Im zweiten Teilband kommen weitere kleine Manuskripte zu Jean Paul zum Abdruck.