3. Lebenszufriedenheit in:

Rike Jessen

Humor und Lebenszufriedenheit im Deutsch-Dänischen Kulturvergleich, page 19 - 22

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4454-4, ISBN online: 978-3-8288-7473-2, https://doi.org/10.5771/9783828874732-19

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
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Lebenszufriedenheit Laut World Happiness Report (WHR) sind Dänen und Däninnen aktuell die zweitglücklichsten Menschen der Welt, während die Deutschen lediglich Platz 17 belegen (Helliwell et al., 2019). Das Glück im WHR wird anhand von sechs Faktoren, die jeweils verschiedene Aspekte des Lebens abdecken sollen, und in 156 Ländern erhoben. Die sechs Faktoren sind das Bruttoinlandsprodukt, die gesunde Lebenserwartung der Menschen, das soziale Angebot für Bedürftige, das gemessene Vertrauen der Befragten in die Regierung und Wirtschaft, ihre gefühlte Entscheidungsfreiheit und ihre Spendenbereitschaft. Der Bericht verbindet dazu u.a. Daten von Sozialsystemen und Arbeitsmarkt mit Befragungen über die Selbstwahrnehmung der Menschen. Doch was ist Glück überhaupt und kann so etwas Subjektives wie Glück überhaupt gemessen werden? Schon früh schenkte die Philosophie dem Streben nach Glück und Zufriedenheit und der Frage, wie man diese aufrechterhalten könne, große Aufmerksamkeit. Schon Aristoteles (ca. 350 v. Chr.) beschrieb Glück als das „höchste Gut“ (Aristoteles, 1991). Auch der italienische Theologe und Philosoph Thomas von Aquin (1225–1274) behauptete, dass das letzte Ziel des Menschen das Glück wäre (von Aquin, 2012). Die Vereinigten Staaten von Amerika nahmen das Streben nach Glück (the pursuit of happiness) sogar als Grundrecht in ihre Unabhängigkeitserklärung von 1776 auf (Bucher, 2009). Der Utilitarist Jeremy Bentham entwickelte im 18. Jahrhundert das „Greatest Happiness Principle“, nach dem das größte zu erreichende Gut dasjenige sei, welches das größtmögliche Glück für die größtmögliche Anzahl Menschen zur Folge hat (Veenhoven, 2004). Erst sehr viel später, ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, begann auch die Psychologie mit der Beforschung von Glück (Ruch & Zweyer, 2001). In den letzten Jahrzehnten hat auch die Ökonomie das Thema für sich entdeckt und entsprechend gewinnen Glück und Glücksforschung stetig auch an politischer Bedeutung (Frey & Stutzer, 2000). 3. 19 Um die Bedingungen des Glücklichseins besser verstehen zu können, bedarf es systematische Untersuchungen. Die größte Herausforderung dabei liegt darin, die vorherrschende Begriffsverwirrung zu entflechten. Sowohl in der englischsprachigen wie auch in der deutschsprachigen Literatur zur Glücksforschung, werden unterschiedliche Begriffe wie Glück (happiness), Wohlbefinden (well-being), Lebensqualität (quality of life) und Lebenszufriedenheit (life satisfaction) synonym verwendet (z.B. Ferrer-i-Carbonell, 2005) und anderen Orts konzeptuell voneinander unterschieden (z.B. Diener, Suh, Lucas, & Smith, 1999). Da es folglich keine einheitliche Begriffs- bzw. Gegenstandseingrenzung der Termini gibt, soll im Folgenden eine beispielartige terminologische Annäherung vollzogen werden. Der Soziologe Ruut Veenhoven, Begründer der „World Database of Happiness“3, einer Online-Datensammlung internationaler Glücksliteratur, hat in den Sprachen Englisch, Holländisch, Französisch, Deutsch, Russisch und Tschechisch zehn verschiedene Bedeutungskomponenten von Glück in jeweils unterschiedlichen Kombinationen gefunden (Veenhoven, 2004). So ist das deutsche Glück persönlichkeitsbezogener, dispositionaler und tiefgreifender als das englische happiness. Veenhoven (2004) kritisiert die Definitionskonfusionen in der Glücksforschung und definiert Glück als Oberbegriff für alle Vorstellungen von guten Leben und als Maß, in dem ein Mensch mit der Qualität seines eigenen Lebens zufrieden ist. Subjektives Wohlbefinden oder Lebenszufriedenheit definiert Veenhoven (2004) als Glück im engeren Sinne, mit dem die allgemeine Wertschätzung des Lebens als Ganzes gemeint ist. Diener, Emmons, Larsen und Griffin (1985) verstehen Glück als multifaktorielles Konstrukt mit affektiven und kognitiv-evaluativen Komponenten. Die affektiven Komponenten sind dabei durch das Vorhandensein positiver und die Abwesenheit negativer Emotionen gekennzeichnet, während sich die kognitiv-evaluativen Komponenten aus globaler und domänspezifischer Zufriedenheit in verschiedenen Lebensbereichen zusammensetzt. Die Lebenszufriedenheit ist demnach die beurteilende Komponente des eigenen Glücks und spiegelt die Bewertung der eigenen Lebensumstände wider, basierend auf einem Vergleich mit individuell gesetzten Standards. Im Vergleich zur 3 https://worlddatabaseofhappiness.eur.nl/ 3. Lebenszufriedenheit 20 affektiven Komponente des Glücks, ist die Lebenszufriedenheit zeitlich stabil (Pavot & Diener, 2009). Aufgrund der vorangestellten Betrachtung wird Glück in dieser Arbeit im engeren Sinne, also als Lebenszufriedenheit verstanden, da nicht der kurzlebige emotionale Zustand, sondern die länger anhaltende globale Bewertung von Interesse ist. Glück im Sinne von subjektiver Lebenszufriedenheit wird in den meisten Fällen durch direkte Befragung erhoben. In dieser Arbeit wurde die globale (allgemeine) Lebenszufriedenheit anhand der Satisfaction With Life Scale (Diener, Emmons, Larsen, & Griffin, 1985), einem eindimensionalem Beurteilungsfragebogen aus 5 Items, erfasst (siehe Abschnitt 5.5). Der Fragebogen misst die kognitive Bewertung der retrospektiven und der aktuellen allgemeinen Lebenszufriedenheit. Es gibt eine Reihe von Studien, welche den Einfluss verschiedener Variablen auf die Lebenszufriedenheit untersucht haben. Hierbei bilden häufig soziodemographische Variablen (z.B. Alter, Geschlecht und Bildung) als Einflussfaktoren den Kern der Untersuchungen. Diese Variablen erklären jedoch nur ca. 15% der Varianz von Lebenszufriedenheit (Lischetzke & Eid, 2005). In den letzten Jahrzehnten haben Studien zudem einen Zusammenhang zwischen Humor und Lebenszufriedenheit feststellen können (Cann & Collette, 2014, Ford et al., 2016). Humor könnte somit einen weiteren Teil der Varianz erklären. 3. Lebenszufriedenheit 21

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Zusammenfassung

Däninnen und Dänen zählen seit vielen Jahren zu den glücklichsten Menschen der Welt. Hierfür wird häufig das dänische „hygge“-Phänomen als Erklärung herangezogen. Doch nicht nur dieses besondere Lebensgefühl, sondern auch der Humor in Dänemark ist einzigartig und über die eigenen Grenzen hinaus bekannt. Die Forschung zeigt: Positiver, freundlicher Humor hängt mit einer hohen Lebenszufriedenheit zusammen. Der dänische Humor wird jedoch typisch als tabulos, absurd und aggressiv beschrieben. Wie passt das zusammen?

Hierzu gibt es viele Annahmen, Theorien und Erklärungen. In diesem Buch wird der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Humorarten und -stilen und der Lebenszufriedenheit eingehend untersucht. Es wird außerdem erstmals analysiert, wie sich der dänische vom deutschen Humor unterscheidet und welche mögliche Rolle das Geschlecht hierbei spielt.