1. Einleitung in:

Rike Jessen

Humor und Lebenszufriedenheit im Deutsch-Dänischen Kulturvergleich, page 1 - 2

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4454-4, ISBN online: 978-3-8288-7473-2, https://doi.org/10.5771/9783828874732-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 31

Tectum, Baden-Baden
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Einleitung Lachen ist in der Anthropologie des Soziologen und Philosophen Helmut Plessner eine Artikulationsform, in der die Besonderheit des menschlichen Lebens in anschaulicher Sinnlichkeit fassbar wird (Plessner, 1961). Studien haben gezeigt, dass Lachen als Ausdruck von Humor eine bedeutende Rolle für die individuelle Gesundheit (Martin, 2009; Savage, Lujan, Thipparthi, & DiCarlo, 2017) und die Lebenszufriedenheit hat (Ford, Lappi, & Holden, 2016). Außerdem gilt Humor als „soziales Schmiermittel“, welches zwischenmenschliche Beziehungen stärkt und angespannte Situationen oder Konflikte lösen kann (Morreall, 1991). Hierbei hängt der Sinn für Humor immer mit dem sozialen Milieu und dem kulturellen Hintergrund zusammen. Zwar lachen Menschen weltweit über lustige Inhalte und besitzen die Fähigkeit, humorvoll zu sein. Die Art und Weise jedoch, wie Humor eingesetzt und verstanden wird, hängt von unterschiedlichen Kulturstandards, wie Sprache und Wertvorstellungen, ab (Thomas, 1996). Dänen und Däninnen sind über die Ländergrenze hinaus für ihren Humor bekannt. Schwarzhumorige Komödien wie „In China essen sie Hunde“ (1999) oder „Adams Äpfel“ (2005) zeichnen sich durch ihren grotesken, makabren und sarkastischen Humor aus und feierten große Erfolge. In deutschen Kritiken zu diesen Filmen heißt es unter anderem „eine bodenlose Unverschämtheit und Offenbarung“, „schwärzer als schwarz“ und „Dänen ist alles zuzutrauen“ (Cinema, 1999; Cinema, 2006). Spätestens mit der Veröffentlichung von zwölf Karikaturen unter dem Titel „Das Gesicht Mohammeds“ in einer der größten dänischen Zeitungen im Jahr 2005, wodurch weltweit gewaltsame Proteste und Drohungen ausgelöst wurden (Davies et al., 2008), war der dänische Humor in aller Munde. Die Soziologin und Humorforscherin Giselinde Kuipers sprach in diesem Zusammenhang vom „ersten transnationalen Humorskandal“ (Kuipers, zit. nach Davies et al., 2008, S. 7). Hierbei wurde deutlich, dass sich das dänische Humorverständnis vom Humorverständnis anderer Länder unterscheidet. Laut dem Soziologen Anton 1. 1 Zijderveld (1983) gibt es beim Humor nicht nur historische, sondern auch sozial-kulturelle Unterschiede und in der Konsequenz einen spezifisch nationalen Humor. In Deutschland sei dieser klischeehaft „plump und platt“, der dänische Humor wird hingegen, ähnlich wie in Großbritannien, als besonders „schwarz“ und sarkastisch beschrieben (Lundquist, 2014). Jedoch wurden länderspezifische Eigenarten von Humor allgemein und speziell die Unterschiede zwischen dem deutschen und dänischen Humor bisher kaum untersucht. Stattdessen wird immer wieder auf die vorherrschenden Annahmen und Vorurteile verwiesen (z.B. Lundquist, 2014). Dänen und Däninnen zählen zu den glücklichsten Menschen der Welt (Helliwell, Layard, & Sachs, 2019). Dies scheint kurios, da laut Studienlage vor allem positiver, freundlicher Humor mit einer hohen Lebenszufriedenheit zusammenhängt (Martin, 2009) und dänischer Humor häufig als tabulos, absurd und teilweise aggressiv beschrieben wird (Lundquist, 2014). Anderseits geht beispielsweise Freud (2009) in seiner Humortheorie davon aus, dass sexuelle und aggressive Triebe durch aggressiven Humor sublimiert werden und dieser somit eine der höchsten Abwehrleistungen und Copingstrategien darstellt. Trägt also möglicherweise dieser spezielle Humor dazu bei, dass Dänen und Däninnen zufriedener sind als Deutsche? Vorausgesetzt Humor ist erlernbar, könnten Deutsche sich in diesem Fall vielleicht sogar noch etwas von ihrem Nachbarland abschauen? Was genau charakterisiert den deutschen Humor eigentlich? Und ist der Unterschied zwischen deutschem und dänischem Humor am Ende doch gar nicht so groß? Diesen und weiteren Fragen soll in der vorliegenden Arbeit mittels einer empirischen Untersuchung nachgegangen werden. Der kulturvergleichende Ansatz der aktuellen Studie zielt dabei darauf ab, mögliche länderspezifische Besonderheiten von Humor besser zu verstehen. Ein besseres Verständnis für die spezifischen Aspekte des Humors und der Humorunterschiede zwischen Dänen und Däninnen und Deutschen könnte auf vielen Ebenen von Bedeutung sein. So wäre es denkbar, dass die deutsch-dänische Zusammenarbeit von einem besseren Humorverständnis profitieren würde und beispielsweise die Migration in das jeweils andere Land erleichtert würde. Zudem könnte die Identifikation der Aspekte von Humor, die mit der Lebenszufriedenheit zusammenhängen, ermöglichen, dass diese gezielt gefördert werden und somit die Zufriedenheit gesteigert würde. 1. Einleitung 2

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Zusammenfassung

Däninnen und Dänen zählen seit vielen Jahren zu den glücklichsten Menschen der Welt. Hierfür wird häufig das dänische „hygge“-Phänomen als Erklärung herangezogen. Doch nicht nur dieses besondere Lebensgefühl, sondern auch der Humor in Dänemark ist einzigartig und über die eigenen Grenzen hinaus bekannt. Die Forschung zeigt: Positiver, freundlicher Humor hängt mit einer hohen Lebenszufriedenheit zusammen. Der dänische Humor wird jedoch typisch als tabulos, absurd und aggressiv beschrieben. Wie passt das zusammen?

Hierzu gibt es viele Annahmen, Theorien und Erklärungen. In diesem Buch wird der Zusammenhang zwischen unterschiedlichen Humorarten und -stilen und der Lebenszufriedenheit eingehend untersucht. Es wird außerdem erstmals analysiert, wie sich der dänische vom deutschen Humor unterscheidet und welche mögliche Rolle das Geschlecht hierbei spielt.