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2. Strukturelle Gewalt in:

Roland Mierzwa

Strukturelle Gewalt überwinden, page 47 - 74

Mit der Reich Gottes-Theologie auf dem Weg zu einer geschwisterlichen Gesellschaft

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4451-3, ISBN online: 978-3-8288-7472-5, https://doi.org/10.5771/9783828874725-47

Tectum, Baden-Baden
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Strukturelle Gewalt Der Ansatz von Johann Galtung17 Eine spezifische Perspektive zum Gewaltverständnis wirft J. Galtung (1969/1984) auf: Dieser verdeutlicht in seiner langjährigen Forschungsarbeit, dass durchaus auch von Gewalt zu sprechen ist, wenn Menschen oder Gruppen zu nachhaltig ihre potentiellen Möglichkeiten nicht hinreichend entfalten können, wenn also die aktuelle Verwirklichung von Menschen oder Gruppen zu deutlich hinter den potentiellen Möglichkeiten zurückbleibt. Dieser Aspekt bezieht sich nicht nur auf die Frage nach der von ihm benannten Diskrepanz bei der Lebenserwartung von Menschen (vgl. Galtung, 1984, 9)18. Galtung sieht das Problem, dass zu große Armut infolge struktureller Gewalt wiederum zu Gewalt führt bzw. bestehende extreme Armutsstrukturen eine friedliche Regelung der Armutsfrage verhindern (vgl. Jäggi, 2018, 92). 2. 2.1. 17 Vgl. Mierzwa, 2011, 501ff.; Mierzwa, 2018a, 28ff., hier ergänzt 18 Dieser Aspekt des Gewaltverständnisses wurde von Galtung zunächst in verschiedenen Beiträgen ausgeführt (vgl. z.B. 1964; 1969/1971/1984; 1984) und aufgrund einer intensiven Diskussion (vgl. z.B. Fossum, 1969; Mack, 1973; Eckhardt, 1974) weiterentwickelt. Er ist geeignet einen Teil gesellschaftlicher Realität zu erfassen, darauf weist P. Imbusch unter Hinweis auf die Rezeption von Galtungs Gewaltbegriff durch Luhmann und Habermas hin (2002, 40). Habermas sieht die strukturelle Gewalt im Kontext der „Kolonialisierung der Lebenswelt“ – in der Kurzfassung zitiert sagt er: „Strukturelle Gewalt wird über eine systematische Einschränkung von Kommunikation ausgeübt“ (Habermas, 1981/1982, 278). Im entwicklungspolitisch-globalisierungstheoretischen Kontext erläutern zum Beispiel Kesselring (2003, 134–136) und Dilger (2005, 180. 183) den Aspekt der „strukturellen Gewalt“. Wichtige kritische Anmerkungen zum Galtung'schen Gewaltbegriff werfen Sieferle (vgl. 1998, 22f.) und Lienemann (vgl. 2004, 20f) auf. Dilger formuliert eine Ergänzungsbedürftigkeit des Ansatzes der „strukturellen Gewalt“ durch kulturelle Aspekte (vgl. ders., 2005, 183ff.), allerdings mit einer etwas anders gelagerten Perspektive gegenüber jener, wie sie sich Jahre vorher bei Galtung findet. Galtung verschränkte die strukturelle Gewalt mit der kulturellen Gewalt in einem Gewaltschichtenmodell und ordnete die strukturelle Gewalt der kulturellen Gewalt zu (vgl. Galtung, 1998, 348ff.). 47 Der Struktur nach wird dieser Sachverhalt auch im Kontext der Diskussion zu den Potentialen möglicher Schmerztherapie erwähnt, wenn z.B. darauf hingewiesen wird, dass der Morphinverbrauch in einem Land indirekt auch ein Gradmesser für eine an der Lebensqualität des Sterbenden orientierten Schmerzbekämpfung sein kann; ein hoher Morphinverbrauch (kg/pro 1. Mio. Einw.) wird als ein Indikator für eine angemessene Schmerztherapie betrachtet. Ganz konkret benennt auch ein Autor eine unzureichende Schmerzbehandlung bei tödlichen Krebsfällen mit Krebsschmerzen als Gewalt (vgl. Morris, 1994, 268). Dieser spezifische Gewaltaspekt wird auch im Zusammenhang mit der Diskussion zu Fragen der Vernachlässigung erörtert (s.a. diverse Beiträge in Egle/Hoffmann/Joraschky, 1997). Oskar Negt, der überzeugt ist, dass Arbeitslosigkeit ein Gewaltakt ist, überlegt, ob man Arbeitslosigkeit als strukturelle Gewalt klassifizieren kann (vgl. 2002, 4f.). Wenn man das sich Ausbilden von einem Dauerarbeitslosensegment innerhalb des Marginalisierungsmilieu und deren Charakterisierung in der Fachliteratur betrachtet, dann spricht sehr viel für diese theoretische Zuordnung. Besonders herausragend sind in diesem Zusammenhang Hinweise zur massiven Dequalifizierung unter der Dauerarbeitslosigkeit, der extremen Erosion bei der seelisch-geistigen und psychischen Integrität der betroffenen Menschen, zur nachhaltigen Verschlechterung des gesundheitlichen physischen Zustandes, zu einer Verschlechterung der materiellen Ausstattung sowie eine extreme Ausdünnung der sozialen Ressourcen unter der Dauerarbeitslosigkeit. Strukturelle Gewalt besteht auch dann, wenn eine Politik entlang reduzierter Komplexität betrieben wird und dabei Machtunterworfenen nahegelegt wird dies „als für sie akzeptable und am wenigsten unangenehme“ (Hildebrandt/Lück-Hildebrandt, 2017, 48) Alternative zu schlucken. Politik unter dem TINA (There is no Alternative)-Syndrom war und ist in diesem Zusammenhang eine Politik der strukturellen Gewalt, insofern sie darauf abzielte, „den demokratischen Diskurs vor- übergehend oder ganz zu unterbrechen und dieses Verhalten auch institutionell abzusichern“ (dies., 13). Es gibt auch diverse Facetten, wo man sagen kann, dass strukturelle Gewalt vom demokratischen Staat ausgeht und dabei die Prinzipien der Menschenwürde und der Menschenrechte verletzt werden 2. Strukturelle Gewalt 48 Z.B. Hartz IV: So ändert das Austauschen bestimmter Akteure in dem System Hartz IV nicht hinreichend eine weiterhin bestehende, wenn auch gemäßigte, Sanktionspraxis, die die Menschenwürde verletzt. Armut: So führt die strukturelle Gewalt des (westlich demokratischen) Kapitalismus zu einer so extremen Armut in den Entwicklungsländern, so dass es zu so starken seelischen Verletzungen (Traumatisierung) kommt, dass die aktuelle somatische und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre potentielle Verwirklichung (vgl. Mayer, 2006; Estermann, 2014, 149–155; Pütter, 2017; formuliert mit einem Galtung’schen Satz [vgl. 1975, 9]). Es kommt zu so starken physischen und psychischen Formen der Einschränkung der freien Entfaltung der menschlichen Grundbedürfnisse, dass die Menschenrechte verletzt werden. Frauen: Eine strukturelle Gewalt, die die Menschenrechte verletzt, ist es auch, wenn wie A. Sen es beschreibt, die westlichen Demokratien indirekt durch Duldung dazu beitragen, dass die Frauen in den Entwicklungsländern einem permanenten ungewollten Elendszustand überlassen bleiben, der Unterernährung und Krankheit mit einschließt (vgl. zur Theorie in: Galtung, 1998, 347 und zum Aspekt in: A. Sen, 1999, 133). Diesen Aspekt analysierte Kathleen Ho (2007) ausführlicher und grundsätzlicher mit Blick auf die Ausführungen von A. Sen (vgl. S. 8f.)19. Selbst in demokratischen Staaten wird bei Frauen syste- 19 Sie schreibt auf den Seiten 8f. unter anderem: „This understanding of poverty illuminates how the idea of a disparity between actual and possible abilities to meet one’s needs and the notion of avoidability in Galtung’s definition of structural violence are directly applicable to the discourse of human rights. The disparity between the actual ability to meet needs and the possible or potential ability, in the human rights context, consists of a gap between actual or de facto rights and potential or de jure rights. De jure rights are those fundamental human rights that are enshrined in human rights law. When these rights fail to be recognized or realized, in other words, when the de facto rights fall short of the de jure rights, violence, according to Galtung’s definition, is present. Crucial in making the transition from violence to human rights violations is the recognition that structural causes are responsible for constrained agency. Structural violence illuminates the causal relationship between power differentials in structures and its effect on individual agency and, when applied to human rights, illuminates structural causes of human rights violations. It is the effect of structures on agency that results in the gap between de jure and de facto rights“ (Herv. i. Orig.). 2.1. Der Ansatz von Johann Galtung 49 matisch verhindert, dass diese selbstbestimmt glücklich sein können – das ist ein Ausdruck struktureller Gewalt. Wenn das dann noch dazu führt, dass Vergewaltigung und sexueller Missbrauch nicht systematisch bekämpft werden, dann werden hierbei die Prinzipien der Menschenwürde und der Menschenrechte verletzt. Top-down-Systeme: Strukturelle Gewalt liegt vor, wenn infolge hierarchischer Systeme nicht hinreichend verhindert wird, dass infolge fehlender Anerkennung und latenter Ausgrenzung Untergebene sich zum Mobbing eines „under-dogs“ ermuntert fühlen. Mobbing ist dann keine individuelle „psychische Gewalt“, sondern strukturelle Gewalt, weil die Mobber gedeckt durch ein Wegschauen, Tabuisieren und Verharmlosen der Hierarchie sich zum Mobben ermuntert fühlen dürfen. In der Demokratie wird das Problem nicht hinreichend rechtsstaatlich aufgearbeitet und die Menschenwürde verletzendes Mobben nicht konsequent genug verfolgt (siehe hier z.B. den Raum der Kirche20). Gesundheit: Wenn Ärzte ohne Grenzen über Spenden nach Medikamenten forschen lässt, die für Krankheiten da sein sollen, die von geringer wirtschaftlicher Bedeutung für die Pharmakonzerne sind und wenn von der Bundesregierung Milliarden in die Bankenrettung gepumpt wurden, Geld, das für die Sicherung menschlicher Grundbedürfnisse in den Entwicklungsländern fehlte, dann haben wir es hier mit zwei Fällen von unterlassener Hilfestellung als strukturelle Gewalt 20 Mobbing scheint partiell ein Führungsinstrument in der katholischen Kirche zu sein. So sagte mir einmal ein Mitarbeiter aus einem Bistum, dass ein Dezernent ihn mit den Worten gewarnt hat: Legen Sie sich nicht mit zwei Bischöfen an – das stehen Sie nicht durch! Und von einem anderen Bischof wurde gesagt, dass er an dem Arbeitsplatz vor seiner Ernennung „unser kleiner Demokrator“ gewesen war. Und von einem weiteren Priester, der mittlerweile jetzt Bischof ist, wurde mir berichtet: Wenn man seine Kreise stört, dann bekommt das einem nicht! Darüber hinaus musste der Autor selbst sehr unfreundliche Erfahrungen des Machtmissbrauchs machen, andere würden von Mobbing sprechen, wo auch ein höherrangiger Priester involviert war. Diese dokumentierte er anonymisiert eingeflochten in grundsätzliche Ausführungen zum Thema Mobbing (vgl. Mierzwa, 2011, 375–429). Weil darauf nun im Zusammenhang der Verletzung der Menschenwürde und von Menschenrechten hingewiesen wird sei noch ergänzt, dass der Autor durch dieses Handeln/Agieren schwere neurologische Schädigungen davontrug, so schwer, dass er schwerbehindert und erwerbsunfähig ist. Aber dem Autor ist auch ein Fall des Machtmissbrauchs aus einer evangelischen Landeskirche bekannt, wo dann eine Kriminalpsychologin eingeschaltet wurde. 2. Strukturelle Gewalt 50 zu tun, die die Menschenwürde und die Menschenrechte verletzen (vgl. theoretisch dazu Grant-Hayford/Scheyer, 2016, 7, Punkt 9). Informierte Öffentlichkeit: „Wer Informationen zurückhält und Sachverhalte durch ungenaue Information verschleiert, beteiligt sich an der Erzeugung von SG (Struktureller Gewalt R.M.). Doch auch, wer aufgrund seiner Voraussetzungen dazu prinzipiell in der Lage wäre, sich aber dennoch die zugänglichen Informationen nicht verschafft und sie zur Minderung von SG benutzt, macht sich durch Passivität mitschuldig an SG“ (Posern, 1992, 208). Das zeigt sich an der Informiertheit über Kinderarbeit (vgl. Pütter, 2017). Flüchtlinge: Im Juni 2018 befürchtete „Proasyl“, dass mit der geplanten neuen EU-Flüchtlingspolitik Menschenrechte verschwinden, indem z.B. nicht mehr nach Fluchtgründen gefragt wird, indem z.B. das isolierte Unterbringen in Lagern menschenunwürdig, traumatisierend und entrechtend ist, indem es z.B. in den Massenlagern für Flüchtlinge eigentlich kein Zugang mehr zu einer anwaltlichen Beratung besteht und es nicht mehr die Möglichkeit eines effektiven Rechtsschutz gibt oder höchstwahrscheinlich bei Deals mit Drittstaaten und Warlords schwere Menschenrechtsverletzungen dabei bewusst in Kauf genommen beziehungsweise verschwiegen werden (vgl. https:/ /www.proasyl.de/news/menschenrechte-verschwinden-wie-die-eu-dasrecht-auf-asyl-untergraben-will/ abgerufen am 28.7.18). Aber ich denke, dass man die Theorie der „strukturellen Gewalt“ noch weiter vertiefen kann. Dazu ist eine Ergänzung bisheriger Überlegungen durch weitere neun theoretische Überlegungen sinnvoll21. 1. Es bedarf einerseits der Ergänzung durch ein Lebenslagenkonzept; 2. schließlich bedarf es der Ergänzung organisationssoziologischer Überlegungen; 3. dann sollten kulturwissenschaftliche Aspekte berücksichtigt werden; 4. dabei nimmt der religionssoziologische Aspekt einen eigenständigen Platz ein; 5. schließlich bedarf es einer handlungstheoretischen Analyse und 6. einer personalen Betrachtung, wobei 21 ergänzte und überarbeitete Ausführungen aus Mierzwa, 2014,388–393 2.1. Der Ansatz von Johann Galtung 51 7. einerseits auf den Zusammenhang männlicher Sozialisation und Gewalttätigkeit zu verweisen ist; 8. andererseits auf den Zusammenhang von Narzissmus und geringe Solidarität sowie wenig Empathie und der Neigung zu Gewaltdurchbrüchen. 9. Auch erscheint es bedeutsam in diesem Zusammenhang die Totalitätsproblematik zu diskutieren, schon wegen dem Massephänomen. Ad 1) Zur Lebenslage: So wird am Beispiel von Städten und Armutsmilieus deutlich, unter der Lebenslage Armut ist die Erfahrung von Verletzbarkeit, von Beschämung, von Ohnmacht und von Hilflosigkeit in Städten „intensiver“ und daher für die davon betroffenen Menschen gefährlicher und eventuell zerstörerischer – vergleiche dazu einige knappe Hinweise bei Benedict (1994/2008, 24). Andererseits tragen Städte und deren Stadteile, wenn sie ein Gefühl vorübergehender Anonymität vermitteln, bei Menschen dazu bei, dass diese sich in potenzielle Vandalen und Attentäter verwandeln (vgl. Zimbardo, 2008, 293). Ad 2) Zur Organisationssoziologie: Schließlich machen verschiedene organisationssoziologische Untersuchungen deutlich, wozu zum Beispiel auch das Stanford-Gefängnis-Experiment (SPE) wie auch das Milgram-Experiment gehören (vgl. Kühl, 2007; Zimbardo, 2008), dass relativ gewöhnliche Menschen, die einfach nur ihre Aufgabe erfüllen und keinerlei persönliche Feindseligkeit gegenüber den von dieser Aufgabe Betroffenen empfinden, zu sehr gewaltsam (wirkenden) Handlungen veranlasst werden können. Die weitergehende Diskussion zeigt schließlich, dass in Organisationen ganz normale Menschen durch ihr Verhalten nicht nur zu gewalttätigen Menschen werden können, sondern dass auch ganz normale Organisationen, Handlungen planen und ausüben, die zu gewalttätigen Handlungen werden können. Das wird vor allem mit Blick auf bürokratische Strukturen und deren „kalte“ bürokratische Routinehandlungen im Horizont einer „Gehorsamsstruktur“ problematisiert (vgl. Birch/Rasmussen, 1989/1993, 112 2. Strukturelle Gewalt 52 und 114f.; Todorov, 1993; Bovens, 1998)22. Das SPE weist darauf hin, dass das Innenleben von latent mit Bösartigkeit und dehumanisierenden Verhaltensstereotypen durchsetzten Systemen Mitgefühl erstickt und selbst in kleinsten Nischen der Freiheit nicht oder kaum mehr gelebt wird (vgl. Zimbardo, 2008, 198, 202, 204, 211, 220; dagegen argumentierend Haslam/Reicher, 2008, 51). Das Milgram-Experiment zeigt auf, dass kulturübergreifend, wenn nicht an der inneren Widerstandskraft gegen die Enteignung des Gewissens gearbeitet wird, sich unauffällige Menschen mit normalen Standards in skrupellose Täter verwandeln lassen, wenn eine „geachtete“ Autorität sie zu Grausamkeiten verleitet (vgl. Richter, 2006, 231–234). Ad 3) Zum kulturwissenschaftlichen Aspekt: Hier macht zum Beispiel Johan Galtung deutlich, dass unter dem „stetige(n R.M.) Fluss kultureller Gewalt“ der Nährboden entsteht, von dem strukturelle Gewalt zehrt (vgl. Galtung, 1998, 348ff.). Im Kontext von „Kultur“ sollte man aber, nach Stephan Marks, nicht von struktureller Gewalt sondern von „struktureller Erniedrigung“ sprechen (vgl. Marks, 2007, 45ff.). Wie sich „strukturelle Erniedrigung“ in Deutschland äußern könnte, wurde zum Beispiel an der Entstehung von Vorurteilen erforscht (vgl. Ahlheim, 2007). Hierzu gehören dann so wichtige Erkenntnisse zur Sündenbocktheorie, zu Autoritarismus und zum autoritären Charakter, zu ethnozentrischen Gedankenbildern und natürlich mit Blick auf Deutschland (im Kontext eines „westlichen“ Kulturdenkens) die Fragen an Antisemitismus (vgl. Marks zum Stichwort „strukturell antisemitische Gesellschaft“ [2007, 112]) und nach einer Islamophobie. Allerdings finden sich bei diesen kulturellen Aspekten, wenn sie erforscht werde, nahezu kaum ein Transfer zur strukturellen Erniedrigung in der Gesellschaft, etwa als systemisches emotionales Kaltstellen 22 Allerdings zeigt eine erneute Betrachtung des Stanford Prison Experiment, dass die Ausschreibung für dieses Experiment dazu führte, dass sich bei der ersten Anzeige, nämlich der Gefängnisanzeige, deutlich mehr Freiwillige meldeten, die signifikant höhere Werte in den Bereichen Aggression, Autoritarismus, Machiavellismus, Narzissmus und soziale Dominanz aufwiesen; gleichzeitig waren bei ihnen für die Kategorien Empathie und Altruismus niedrige Signifikanzen feststellbar (vgl. Psychologie Heute 1/2008, 14; s.a. Haslam/Reicher, 2008, 52). Was als Relativierung gilt muss nicht eine Relativierung sein. Man kann mit diesem Ergebnis sich auch die Frage stellen, welcher Menschen-Typ bewirbt sich bevorzugt auf welche Stellen? 2.1. Der Ansatz von Johann Galtung 53 von Gruppen und Ethnien oder als „brachialer“ bzw. „hartherziger“ Konformitätsdruck auf Bürger anderer Kulturen. Ad 4) Aus der aktuellen religionssoziologischen Forschung ergibt sich der Eindruck, dass „Atheisierende“ eine Schlüsselrolle einnehmen, wenn es um die Generierung von Gewalt geht. So fallen bei dieser Personengruppe extrem geringe Zustimmungswerte bei folgenden zwei Items auf: „Für meine Religiosität ist es wichtig, dass ich das Böse entschieden bekämpfe“ (17% gegenüber 53% bei Syn-Christen23); „Für meine Religiosität ist es wichtig, immer wachsam gegenüber dem Bösen zu sein“ (15% gegenüber 53% bei Syn-Christen) (vgl. Zulehner, 2009, 382, Tab. 18). Allerdings sollte man mit Blick auf das „Böse“ keine leichtfertigen Festlegungen vollziehen bzw. eine „Tiefenpluralität“ bei der Vorstellung vom Bösen annehmen. Eine bedeutsame Positionierung zur Rede vom „Bösen“, vor allem in Auseinandersetzung mit der Formel von „der Banalität des Bösen“ von H. Arendt, bieten die Ausführungen von Dietrich Zilleßen (vgl. ders., 2004, 38–54). A. Haslam und S.D. Reicher machen bei ihrer kritischen Auseinandersetzung mit H. Arendts Formel deutlich, dass die sogenannten ganz normalen Täter in der NS-Zeit im Deutschen Reich erstaunlich viel Eigeninitiative aufbrachten, aber auch sehr kreativ bei der Gestaltung des „Bösen“ waren (vgl. dies., 2008, 49). Sie weisen noch deutlich darauf hin, und das ergänzt den kulturwissenschaftlichen Aspekt: „Ob wir auf Autoritäten hören oder uns auf die Seite der Opfer schlagen, hängt davon ab, mit wem wir uns stärker identifizieren“ (dies., 2008, 51). Ad 5) Zum handlungstheoretischen Aspekt: Die Analyse der neoliberalen Politik- und Wirtschaftsweise im Horizont der Globalisierung zeigt auf, dass der Handlungsmodus von Schocktherapien wichtig für das Verstehen „struktureller Gewalt“ ist. Joseph Stigitz (vgl. ders., 2002 und 2006) hat das Gewaltproblem von Schocktherapien des IWF und 23 „Von den hier einfach Christen Benannten heben sich die Syn-Christen ab. Auch sie haben hohe christliche Werte (Gottesglauben, Leben nach dem Tod, familiale Rituale). Aber anders als die Christen erweitern sie ihre Religiosität in Richtung Spiritualität und damit das Gebet in Richtung Meditation“. 18% der Kirchgänger gehören dazu. Es besteht eine Offenheit der Syn-Christen für andere religiöse Erfahrungen (vgl. Zulehner, 2009, 369f.). 2. Strukturelle Gewalt 54 der Weltbank (im Verbund mit anderen Akteuren) im Horizont der Globalisierung aufgezeigt und die damit verbundene nachhaltige Vernichtung von kulturellen, ökonomischen und etwa sozialer Ressourcen weltweit. Naomi Klein (vgl. dies., 2007) widmete diesem Aspekt, der Schocktherapie, in einer eigenen Veröffentlichung eine stärkere Aufmerksamkeit und analysierte das Problem von den frühesten Anfängen bei lateinamerikanischen Diktaturen her. Sehr entscheidend ist hier der Zusammenhang einer (zuweilen hektischen und chaotischen) Beschleunigung rsp. Zeitverdichtung von ökonomischen Prozessen in Volkswirtschaften entlang „neoliberaler“ Ideologie und der Einsatz von Gewalt gegen eine widerständige kritische Bevölkerung. In der Bundesrepublik können wir die flächendeckenden Effekte von Schocktherapien an den Folgen der „Umbrucharbeitslosigkeit“ in den Neuen Bundesländern eingehender studieren (vgl. das Stichwort Schocktherapie bei: Ritter, 2006, 116). Dabei ist der Indikator der Fertilität ein anscheinend nur harmloser Faktor, nicht nur in Bezug auf die niedrigere Geburtenrate, sondern auch in Bezug auf weniger männliche Geburten nach der Wiedervereinigung. Wenn man genauer hinschaut, dann stecken hinter der im Osten schockartig organisierten Umbrucharbeitslosigkeit sehr viel mehr Problemfacetten, bis hin zum Erstarken des Rechtspopulismus in der Gegenwart. Ad 6) Personale Betrachtung: Mit Blick auf die Frage nach dem Identitätsgewissen ist auf das Problem hinzuweisen, wie es sich im SPE schon über die Deindividuation und Anonymisierung der Wächter durch Sonnenbrillen und Uniformen zeigte, dass Menschen, die sich in einer Situation anonym fühlen, also das Gefühl haben, dass niemand ihre wahre Identität kennt, dass diese Menschen leichter zu antisozialem Verhalten gebracht werden bzw. ein stärkeres Potential für böse Taten darstellen und in Kriegen/Konflikten gewalttätiger vorgehen, intensiver töten, foltern oder verstümmeln (vgl. dazu Aronson/Wilson/ Akert, 2004, 330ff.; Zimbardo, 2008, 215f., 291f.). Deindividuierend sind neben Sonnenbrillen und Uniformen, auch die nahezu identische Bekleidung einer Gruppe sowie fehlende Namensschilder, das Aufsetzen von Masken oder die Bemalung der Gesichter und des Körpers. „Wenn auf diese Weise Anonymität geschaffen worden ist, bleiben (bei Menschen R.M.) ihr normales inneres Mitgefühl und die Fürsorge auf 2.1. Der Ansatz von Johann Galtung 55 der Strecke“ (Zimbardo, 2008, 292). Aber man muss auch sehen, dass Menschen durch eine beständige Praxis der Grausamkeit sich verändern und dass sich Grausamkeit zu einem Temperament verfestigen kann. „Das geht offenbar mit verhängnisvollen Veränderungen im Gehirn einher“ (Goleman, 2003, 416; s.a. S. 412). Ad 7) Männliche Sozialisation und Gewalttätigkeit: Hier sollen nicht die vielen Facetten im Detail vorgestellt werden, die begründen helfen, warum die männliche Sozialisation dazu beiträgt, dass „Mann“ sich eher gewalttätig verhält. Entscheidend ist bei allen diesen Aspekten, dass Männer einem „Sozialisationsdrift“ unterliegen, wo sie sich von der Mutter „lösen“ sollen. Dabei ist das Problem, dass dieser spezifische „gender“-Sozialisationsdrift eingebettet ist in eine stark „polarisierende“ Diskussion zur Geschlechtsidentität. So befinden sich Männer nun in der Situation, dass sie „Mann“ nur dann sind, wenn sie sich (machtvoll-autonom) zu behaupten lernen, was auch in das Geschlechterverhältnis hineingetragen wird. Und unter einem derartigen Vorzeichen ist der Schritt zur Gewalt nicht weit (vgl. Heilmann-Geideck/Schmidt, 1996, 62–81). Wenn dieser „Sozialisationsdrift“ der Männer in ein Patriarchat hineinmündet, dann führt das dazu, dass diese Gesellschaften eher konfliktzentriert und letztlich gewalttätiger sind (vgl. Jäggi, 2018, 140f.). Vom Patriarchat geht eher „strukturelle Gewalt“ aus (vgl. ders., 156). Ad 8) Narzissmus: Insofern beim Narzissmus geringe Empathiewerte vorliegen (vgl. Maaz, 2012, 27, 190, 197 [s.a. Bauer, 2003, 168]) und eine geringe Fähigkeit wirklich solidarisch zu sein, geht von Institutionen, Parteien und Organisationen, wenn sie von narzisstischen Persönlichkeiten geleitet werden, eher eine strukturelle Gewalt bzw. ein Beitrag zur strukturellen Gewalt aus. Da es bei narzisstischen Persönlichkeiten zu Aggressionsdurchbrüchen kommen kann (vgl. Maaz, 2012, 199), können durch sie Entscheidungen für Handlungsvollzüge durch Institutionen/Organisationen getroffen werden, die letztlich zur strukturellen Gewalt beitragen. In der Gier des Narzissten (vgl. Maaz, 2012, 64, 191) werden Entscheidungen für Handlungen möglich, die strukturell gewaltsam wirken. Maaz macht ausdrücklich deutlich, dass zwischen einer gewalthaltigen und gewalttätigen Gesellschaft und dem 2. Strukturelle Gewalt 56 weit verbreiteten Narzissmus (vgl. ders., 2012, 202f.) ein enger Zusammenhang besteht – „dieser Geltungsdrang aus frühem Mangel heraus wird immer suchtartig, gierig und am Ende destruktiver werden müssen, weil kein Erfolg dieser Welt, kein Geld und Gold ein frühes Defizit wirklich befriedigen können“ (202). Soweit zum Größenselbst-Narzisst; nun zum Narzisst im Größenklein, der hinsichtlich struktureller Gewalt nicht weniger unbedeutend ist. Dieser „benötigt negative Erfahrungen, er fühlt sich auf tragische Weise nur im Leid ‚wohl‘ – darin kennt er sich aus, das bestätigt sein Weltbild -, und er wird deshalb stets für unglückliche Beziehungen, schlechte Arbeitsverhältnisse und ungerechte soziale Bedingungen sorgen. Menschen mit narzisstischen Störungen brauchen problematische und leidvolle gesellschaftliche und soziale Verhältnisse, die ihnen helfen, ihr wirkliches Leid zu vertuschen und zu vergessen“ (ders., 85). Und noch ein Aspekt. Narzissten können das, was Gewalt an Leiden bei anderen Menschen anrichtet nicht richtig verstehen – denn „Gefühlsverleugnung, Gefühlsabwehr, Gefühlsabwertung und falsche Gefühle untermauern die narzisstische Störung“ (ders., 180) (vgl. auch Mierzwa, 2017, 56–59). Ad 9) Totalitarismusphänomen?: Katherine Stroczan (2002) machte in den kapitalistischen Gesellschaften im Umfeld der „Börsen“ auf Elemente der „Börsenkultur“ aufmerksam, die ihre totalitäre Schieflage aufzeigten (vgl. S. 42, 63, 67, 95ff.). Und es ist dann auch noch bedeutsam, dass sie, ähnlich wie H. Arendt im Zusammenhang mit totalitären Systemen (1951/1955, 496–521) auch auf das Masse-Phänomen beim „Homo Investor“ (vgl. Stroczan, 2002, 25, 26, 51, 75f.) gestoßen ist. Deswegen scheint es mir wichtig, im Kontext der Frage nach struktureller Gewalt sich „heute“ auf die Spurensuche von „Totalitarismus“ „gegenwärtig“ zu begeben (vgl. Jesse, 19 99a, „Leviathan“ 1/2009), um dann zu schauen, ob Elemente des „alten Totalitarismus“ im „neuen Totalitarismus“ zu entdecken sind. Ich denke eine erste Identität ist in „utilitaristischen Opferkalkulationen“ (vgl. L. Fritze, 2009, 24) zu sehen, die den „alten Totalitarismus“ prägte, aber Stiglitz (2002, 2006) auch für die Gegenwart ausmachen konnte. Es besteht in der Gesellschaft eine weit verbreitete Instrumentalisierung des Menschen, vor allem in der Arbeitswelt. Hier kommt Hitlers Überzeugung des „Prinzips der Austauschbarkeit des Individuums“ in den Blick (vgl. Fritze, 2.1. Der Ansatz von Johann Galtung 57 2009, 25). Die feministische Diskussion um die Kategorie der „Mittäterschaft“ weiß um eine Problematik, die mit den „alten totalitären Systemen“ verbunden war und nun in der Gegenwart anzuzeigen ist, so dass wir es wahrscheinlich mit einer „neuen Totalitarisproblematk“ zu tun haben. Wie damals die „totalitären Apparate“ das bewusste, gezielte und geplante Unrechttun verlangten und praktizierten und dabei darum bemüht waren, die gesamte Gesellschaft systematisch mit einzubeziehen und damit alle zu Komplizen ihrer Verbrechen zu machen (vgl. König, 2009, 38), so diskutieren „feministisch“ inspirierte Dritte- Welt-Engagierte für die Gegenwart dieses Problem im Kontext der kapitalistischen Wirtschaftsweise rsp. der Konsumkultur.. Mit der Kultivierung der „imperialen Lebensweise“, worauf ich noch ganz besonders eingehen werde, scheint unter diesem Totalitarismusaspekt eine „neue Totalitarisproblematik“ vorzulegen. König problematisiert „totalitäre Systeme“ als „Wahnsysteme“ (vgl. ders., 2009, 43). Ob meine Ausführungen zum „manischen“ Menschen (vgl. Mierzwa, 2011, 114– 140) ein Einstieg in diese Problematik darstellen kann, ist noch zu vertiefen. Aber die Ausführungen von Stroczan (2002) deuten die „Börsenwelt(en)“ in Richtung „Wahn-Systeme“ aus. Als ein weiteres problematisches Indiz des „alten Totalitarismus“ machen Rupnik bzw. König in dem „Verschwinden von Erinnerung“ rsp. einem „Regime des Vergessens“ (vgl. Rupnik, 1999, 433 und 436) aus. „Insofern sind die größten Übeltäter jene, die es schaffen, sich an nichts zu erinnern und sich in ihrer Gedanken- und Erinnerungslosigkeit bequem einzurichten. Nach Arendt besteht Grund zu der Vermutung, dass die totalitären Täter zu diesem neuen erinnerungslosen Verbrechertypus gehören (…). Auf dem Hintergrund dieser theoretischen Herleitung wird vielleicht deutlicher, was Arendt meint, wenn sie davon spricht, dass wir es bei den totalitären Verbrechen mit Tätern zu tun haben, die gedankenlos sind, die nicht denken, nicht urteilen, sich nicht erinnern“ (König, 2009, 48). Das große Kapitel zum Thema „Erinnern“ in dem Buch „Soziale Aspekte des Leidens“ (vgl. Mierzwa, 2011, 18–32) ist dem persönlichen Eindruck geschuldet, dass weite Kreise der Gesellschaft einer Erinnerungskultur aus dem Weg gehen. Schließlich erscheinen mir noch folgende Indikatoren vom „alten Totalitarismus“ bei der Suche nach „totalitärem Geist“ rsp. „totalitären Tendenzen“ in der Gegenwart bedeutsam: Juan J. Linz weit auf das Phänomen „moralischer Selbstge- 2. Strukturelle Gewalt 58 rechtigkeit“ hin (vgl. ders., 1999, 553f.), wozu auch gehört, nicht bereit zu sein, Widerspruch zu ertragen und ein Kriechertum zu befördern (vgl. Mommsen, 1999, 507). Linz deutet aber auch noch an, dass „Totalitarismus“ auch an der Zersetzung von Solidaritätsstrukturen in der Gesellschaft interessiert ist (vgl. ders., 1999, 555 und 559). Und dann auch noch der Hinweis, dass „totalitäre Regime“ „auf der gesamten Bandbreite“ auf Furcht setzen (vgl. Sartori, 1999, 582) – in diesem Kontext möchte ich auf die Hinweise zum gegenwärtigen „Spiel mit der Angst“ rsp. der „Heuristik der Furcht“ im ökonomischen Bereich hinweisen (vgl. Mierzwa, 2011, 312–314 und 353–357). Abschließend die Bemerkung: „Wer den Terminus totalitär (…) auf die hiesige Gesellschaft bezieht, ohne dass er Repressalien zu gewärtigen hat, macht hinlänglich deren nicht-totalitäre Struktur deutlich“ (Jesse, 1999b, 23). Ich denke, weil in der Untersuchung „soziale Aspekte des Leidens“ (Mierzwa, 2011) vielfach auf Repressalien hingewiesen wurde, dies aber auch durch K. Hartmann (2015) und N. Klein (2015) vertiefter ergänzt wird, sollte man also den Terminus „totalitär“ für die Charakterisierung der gegenwärtigen Gesellschaft nicht aus den Augen verlieren. Dann aber auch zugleich der Hinweis, dass „totalitäre Staaten“ neben Repressalität auch „Verführung“ kannten (vgl. Jesse, 199b, 23; Reichel, 2006). Daher sei darauf verwiesen, dass als Bestandteil der Förderung der „imperialen Lebensweise“ die Werbung betrachtet wird (vgl. I.L.A. Kollektiv, 2019, 92). Es ist dann auch noch die pseudoreligiöse Dimension in „totalitären Dynamiken“ zu explizieren (vgl. Feiler, 59ff. und 66; Maier, 1999, 124ff.). Jesse wies darauf hin, dass „totalitäre Bewegungen“ durch einen religionsähnlichen Charakter sowie einen Missionsglauben auffallen (vgl. ders., 1999b, 12 und 13). Siehe hier in Bezug auf den Kapitalismus die Veröffentlichung von der Pax Christi Kommission Weltwirtschaft (2006). 2.1. Der Ansatz von Johann Galtung 59 Der Beitrag der „imperialen Lebensweise“ zur strukturellen Gewalt24 Mit der Beschreibung des „imperialen“ Alltages (Brand/Wissen, 2017) wird darauf hingewiesen, dass durch unsere Alltagspraxen gesellschaftliche Verhältnisse und Naturverhältnisse andernorts gestaltet werden bzw. dadurch, dass ein Zugriff auf Arbeitsvermögen im Süden und natürliche Ressourcen und Senken erfolgt, unsere Alltagspraxen erst ermöglicht werden. Hier liegt ein hierarchisch strukturiertes Verhältnis vor. Der „imperiale“ Alltag ist nur möglich, weil die Herkunft der Rohstoffe für unsere Haushaltsgeräte, der Energieaufwand, der für die Herstellung der Alltagsgüter erforderlich ist, nicht sichtbar sind. „Es ist diese Unsichtbarkeit der sozialen und ökologischen Voraussetzungen, die die Selbstverständlichkeit des Kaufs und der Nutzung erst ermöglicht“ (44). Es ist ein Prinzip der Strategie, damit die „imperiale“ Alltagspraxis erst ermöglicht wird, dass die Herkunft der Rohstoffe, die sozialen Voraussetzungen der Produktion usw. verdunkelt wird. Die „imperiale“ Lebensweise verweist auf Produktions-, Distributions- und Konsumnormen, die tief in die politischen, ökonomischen und kulturellen Alltagsstrukturen und -praxen eingelassen sind. Bei der „imperialen“ Lebensweise wird sich an einer „herrschenden“ Vorstellung von „gutem“ und „richtigem“ Leben orientiert, die sich auch daraus ergibt, wie die Gesellschaft eine materielle und soziale Infrastruktur bereitstellt. Es ist hier „natürlich“, dass wir durch unsere Alltagspraxen global und ökologisch ausgreifend, bemächtigend und übernutzend sind. Die imperiale Lebensweise „basiert auf Ungleichheit, Macht und Herrschaft, mitunter auf Gewalt und bringt diese gleichzeitig hervor. Sie ist den Subjekten nicht äußerlich. Vielmehr bringt sie die Subjekte in ihrem Alltagsverstand hervor, normiert sie und macht sie gleichzeitig handlungsfähig: als Frauen und Männer, als nutzenmaximierende und sich anderen überlegen fühlende Individuen, als nach bestimmten Formen des guten Lebens Strebende“ (45). In diesem Zusammenhang ist daher der Hinweis von Tadzio Müller bedeutsam, dass auf dem 2.2. 24 Zuerst veröffentlicht in Mierzwa, 2019c, 28–32 und geringfügig überarbeitet 2. Strukturelle Gewalt 60 Weltsozialforum 2018 auf einen Anstieg der systemischen Gewalt in Lateinamerika aufmerksam gemacht wurde – man könnte auch von struktureller Gewalt sprechen (vgl. http://weltsozialforum.org/news.ws f .2018 .57 /). Es gibt zwischen der „imperialen Lebensweise“ in Deutschland und Lateinamerika (als Rohstofflieferant) intensivste Verflechtungen – z.B. bei Rohstoffen für die Autoproduktion. Auch der Bericht von Martin Kaul über das Weltsozialforum 2018 zeigt auf, dass die Indigenen in Brasilien verstärkt Gewalt ausgesetzt sind (vgl. http:// weltsozialforum.org/news.wsf.2018.54/) – das geschieht nicht losgelöst von unserer „imperialen Lebensweise“. Die hegemoniale Weltauffassung beruht zu einem guten Teil auf Konsens und ist gar nicht so sehr erzwungen. Zur „imperialen“ Lebensweise wurde man weniger genötigt, sondern sie ist ein Stück weit Selbsttätigkeit. In diesem Zusammenhang kann man sich mit D. Sölle fragen, ob mit der „imperialen“ Lebensweise ein gewisser Zynismus verbunden ist bzw. diese Lebensweise eine „in einer objektiv zynischen Situation“ (dies., 1980,22) darstellt, etwa wenn Autos wichtiger sind als (leidende) Kinder oder wenn Geld ganz selbstverständlich in die „Todesproduktion“ (Rüstung/Militärmaschinerie R.M.) fließt und dabei gleichzeitiger millionenfacher Tod durch verhungern hingenommen wird (vgl. dies., 22f.). Es ist nach D. Sölle latent zynisch, wenn man „persönlich anständig und unauffällig“ ist (dies., 24), aber nicht mehr die Sprache des Schmerzes über Leid unter den Menschen teilen kann. Und es ist nach D. Sölle latent zynisch, bemüht um „fleckenlose Sauberkeit“ (dies., 28) dem Consumismo zu huldigen, wozu auch das Haarspray gehört. Die Vorstellung von „der imperialen Lebensweise verbindet den Alltag der Menschen mit den gesellschaftlichen Strukturen. Er beansprucht, die sozialen und ökologischen Voraussetzungen der vorherrschenden Produktions- und Konsumnormen sowie die Herrschaftsverhältnisse, die in diese Voraussetzungen eingelassen sind, sichtbar zu machen. Und er will erklären, wie Herrschaft im neokolonialen Nord- Süd-Verhältnis, in den Klassen- und Geschlechterverhältnissen sowie durch rassisierte Verhältnisse in den Praxen des Konsums und der Produktion normalisiert wird, so dass sie nicht länger als solche wahrgenommen wird. Insofern beinhaltet der Begriff der Lebensweise auch jenen der Produktionsweise, er nimmt die technischen Bedingungen 2.2. Der Beitrag der „imperialen Lebensweise“ zur strukturellen Gewalt 61 der Produktion sowie die Formen der Unternehmens- und Arbeitsorganisation in ihrem Verhältnis zu den vorherrschenden Konsumnormen in den Blick“ (Brand/Wissen, 2017, 46). Der Begriff der „imperialen Lebensweise“ holt die gesellschaftlichen Bedingungen aus der Abschattung hervor, macht dies deutlich, was durch strategisches und machtförmiges Handeln sich hinter dem Rücken der „alltäglichen Lebensführung“ verbirgt. Das Konzept der „imperialen Lebensweise“ zeigt auf, dass die alltägliche Lebensführung unter neoliberalen Bedingungen nur deshalb gelingen kann, „weil ihre sozial-ökologisch destruktiven Folgen externalisiert werden können“ (47). Die Vorstellung der „imperialen Lebensweise“ grenzt sich von Vorstellungen des „Lebensstils“ ab, insofern er im Kontext der Individualisierungsdebatte so benutzt wird, als damit suggeriert wird, dass ein Moment der Wahlfreiheit besteht und „von der Klassenstruktur, von Geschlechterverhältnissen und rassisierenden Verhältnissen sowie der nationalstaatlichen Verfasstheit kapitalistischer Gesellschaften abstrahiert“ (47) wird. Das Konzept der „imperialen Lebensweise“ betont nun „die in die gesellschaftlichen Strukturen eingelassenen Asymmetrien, ohne den Individuen dabei jegliche Wahlfreiheit abzusprechen“ (47). Die „alltäglichen Praktiken“ der „imperialen Lebensweise“ haben ein „unbewusstes Moment“. So ist z.B. beim Kauf eines Autos und bei der Nutzung eines Autos nicht bewusst, dass Häfen gebaut werden mussten, um Rohstoffe wie Eisenerz herbeizuschaffen, dass die Stra- ßenbahn zugunsten einer Straßeninfrastruktur verdrängt wurde, dass Regenwälder auf ihre Funktion als CO²-Senken umprogrammiert wurden, dass Konfliktrohstoffe (aus Kriegsökonomien) in den Produkten enthalten sind usw. Alltägliche Handlungen und Entscheidungen sind eingebettet in einen gesellschaftlichen Kontext, der es als rational und normal erscheinen lässt, dass man ein Auto nutzt. Und es ist gewissermaßen habituell in die Subjekte „eingeschrieben“, es zu bevorzugen, ein Auto zu nutzen. Und es wird auch nicht reflektiert, dass es staatliche Kauf- und Nutzungsanreize für den Kauf eines PKWs gibt oder vorherrschende Männlichkeitsbilder und Vorstellungen der individuellen Unabhängigkeit zum Autokauf führen (vgl. auch Wissen/Brand, 2017b, 3). 2. Strukturelle Gewalt 62 Die „imperiale Lebensweise“ ist nur möglich, weil alles, menschliche Zeit, Rohstoffe, der natürliche Raum, ein Motor, die Ausweisung von Regenwäldern als CO²-Senken mit Preisen versehen und dadurch eine Enteignung, Ausbeutung, Vertreibung im globalen Süden stillschweigend erfolgen können. Der Preis macht einen marktvermittelten Zugriff auf Menschen, Brachen, Rohstoffe möglich. Der vor Ort kaum sichtbare Druck, der mit dem Preis ausgeführt wird, kommt im globalen Süden gar nicht so selten als Gewalt daher. Noch einige Stichworte zur imperialen Lebensweise: – Sie beruht darauf, dass Ressourcen von billigen Arbeitskräften im globalen Süden extrahiert werden. – Sie ist in die Geschlechterverhältnisse eingeschrieben, insofern es einmal den Familienernährer gibt und Frauen die unbezahlte Sorgearbeit leisten. – Sie umfasst einen strukturellen Rassismus und Neokolonialismus, der sich in einer Minderbewertung von Arbeitskraft im globalen Süden manifestiert und ein Überlegenheitsgefühl im globalen Norden zeitigt. – Sie umfasst eine Lastenabwälzung und Schuldumkehr, indem die Verantwortung für Schädigungen auf die Geschädigten selbst projiziert wird. – Es besteht ein struktureller Zwang zur imperialen Lebensweise, weil die Menschen so in die Produktionsprozesse eingebunden sind, so dass sie die Waren zur Reproduktion kaufen müssen; weil sie es als Erleichterung des Lebens und als Schritt in ein lebenswertes Leben betrachten, wenn sie Haushaltsgeräte, Autos, Smartphones usw. kaufen, realisieren und empfinden sie nicht Leid und Zerstörung, die damit verbunden sind. – Es ist auch ein struktureller Zwang zur imperialen Lebensweise, wenn man aufgrund geringer finanzieller Mittel zum Kauf billiger T-Shirts und Lebensmittel gezwungen wird. – Mit der „imperialen Lebensweise“ ist ein bestimmtes Fortschrittsbild verbunden, etwa dem, dass der Computer immer leistungsfähiger werden muss. Dieses Vorstellungsbild wird so generiert, so dass man sich so daran orientiert, so dass man nicht mehr auf die 2.2. Der Beitrag der „imperialen Lebensweise“ zur strukturellen Gewalt 63 sozialen und ökologischen Bedingungen, unter denen die Computer produziert werden, achtet (vgl. Brand/Wissen, 2017a, 56). – Die „imperiale Lebensweise“ ist nur möglich, weil ein „Alltagsverstand“ von Herrschaft als so natürlich betrachtet wird, dass er nicht mehr hinterfragt wird, weil er nicht mehr als Herrschaft erscheint. „Die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse werden von Individuen und kollektiven Akteuren wie Unternehmen und Gewerkschaften, Staatsapparaten und Medien etc. weitgehend akzeptiert bzw. aktiv reproduziert, sie werden Teil von Weltauffassungen und Sinngebungen“ (56f.). Diesen „Alltagsverstand“ von Herrschaft etablierten die „herrschenden Klassen“ und machten sich die „subalternen Klassen“ zu eigen. Dabei machten die „herrschenden Klassen“ diesen neuen „Alltagsverstand“ der Herrschaft so attraktiv und interessant, dass er von der Gesamtgesellschaft als „natürlich“ übernommen wurde. – Der „Alltagsverstand“ der „imperialen Lebensweise“ ist nur aufrecht zu erhalten, weil es die täglichen Initiativen der Subjekte gibt, wenn etwa der Traum vom eigenen Haus formuliert wird. Dabei ist die Herrschaft der „herrschenden Klasse“ über diesen „Alltagsverstand“ nur möglich, wenn die Individuen nicht einfach gezwungen, diszipliniert und unterdrückt werden, sondern an ihren Wünschen und ihrem Begehren angesetzt wird, dann wird Herrschaft zu einem Teil der individuellen Identität, formt die Individuen und ist dadurch umso wirksamer (vgl. 58). – Zu einem „Alltagsverstand“, der die „imperiale Lebensweise“ befördert, gehört es auch über den (Status-)Konsum Distinktionsgewinne zu erzielen. Dies ist in Zeiten „sozialer Gefährdungslagen“ sehr bedeutsam. – Aufgrund von „Hierarchien“ ist der „Alltagsverstand“ zu differenzieren und darüber festzustellen, dass unterschiedliche „Klassen“ resp. „Milieus“ in unterschiedlicher Weise die „imperiale Lebensweise“ an den Tag legen. – „Die imperiale Lebensweise beinhaltet (…) eine sozioökonomische und ökologische Krisenexternalisierung, die die Arbeits- und Lebensverhältnisse in bestimmten Regionen und für bestimmte (privilegierte) Gruppen relativ lebenswert und attraktiv erhält und zulasten anderer Regionen und sozialer Gruppen geht“ (64). 2. Strukturelle Gewalt 64 Mit dem Konzept der „imperialen Lebensweise“ liegt nicht so sehr der Focus darauf „persönlich Verantwortung zu übernehmen“, sondern primär politisch und strukturell auf gesellschaftliche Strukturen und Ungleichheitsmuster einzuwirken, welche die imperiale Lebensweise reproduzieren. Die Alltagspraxen und -wahrnehmungen werden daraufhin durchleuchtet, wie sie eigentlich „unaufgeklärt“ sind. Es wird die „tief verankerte imperiale Lebensweise“ am Konsum ganz normaler Haushaltsgeräte deutlich und dadurch Produkte wie das E-Auto aus dem Bereich der Green Economy als eigentlich die imperiale Lebensweise nicht überwindend dargestellt. Der Beitrag des Globalismus zur strukturellen Gewalt Die von Ulrich Beck stammende Unterscheidung von Globalismus gegenüber den Begriffen Globalisierung und Globalität fand wegen ihrer begrifflichen und konzeptionellen Differenzierung im deutschsprachigen Globalisierungsdiskurs einen gewissen Zuspruch (vgl. z.B. Breidenbach/Zukrigl, 1998). Es wird deswegen gerne auf diese von Beck kommende Definition des Globalismus (vgl. Beck, 1997, 26f.) zurückgegriffen, weil ihre inhaltliche Füllung es ermöglicht auf eine gewisse Facette resp. Schlagseite im Globalisierungsprozess zu schauen. Was meint Beck, wenn er von Globalismus spricht? „Mit Globalismus bezeichne ich die Auffassung, daß der Weltmarkt politisches Handeln verdrängt oder ersetzt, d.h. die Ideologie der Weltmarktherrschaft, die Ideologie des Neoliberalismus. Sie verfährt monokausal, ökonomistisch, verkürzt die Vieldimensionalität der Globalisierung auf eine, die wirtschaftliche Dimension, die auch noch linear gedacht wird, und bringt alle anderen Dimensionen – ökologische, kulturelle, politische, zivilgesellschaftliche Globalisierung – wenn überhaupt, nur in der unterstellten Dominanz des Weltmarktsystems zur Sprache. (…) Der ideologische Kern des Globalismus liegt (…) darin, daß hier eine Grunddifferenz der Ersten Moderne liquidiert wird, nämlich die zwischen Politik und Wirtschaft. Die zentrale Aufgabe der Politik, die rechtlichen, sozialen und ökologischen Rahmenbedingungen abzustecken, unter denen wirtschaftliches Handeln überhaupt erst gesellschaftlich möglich und legitim wird, gerät aus dem Blick oder wird un- 2.3. 2.3. Der Beitrag des Globalismus zur strukturellen Gewalt 65 terschlagen. Der Globalismus unterstellt, daß ein so komplexes Gebäude wie Deutschland – also der Staat, die Gesellschaft, die Kultur, die Außenpolitik – wie ein Unternehmen zu führen sei (…)“25. Näherhin führt Beck zum Globalismus aus: 1) Globalismus bedeutet, dass sich „Wettbewerbdsdruck“, „Freier Welthandel“ und „Wirtschaftlichkeit“ als zentrale Transformationsmechanismen zur „Wohlstandsmehrung“ gesamtgesellschaftlich etablieren (vgl. ders., 198)26. 2) Unter dem Begriff „Globalismus“ sollte man nach Beck auch die Bedeutung des Elementes der intensiven „Risiko-Dramartugie“ im Globalisierungsdiskurs berücksichtigen, die Arbeitsplatzabbau, Arbeitsplatzverlagerungen und Veränderungen bei Arbeitsplatzprofilen als vermeintlich „natürliche“ und „unabwendbare“ Dynamiken der Globalisierung darstellt; durch ihre breite Inszenierung entwickelten diese eine bedeutsame „semantische Hegemonie“ in Bezug auf Vorstellungen über die industrielle Entwicklung, Arbeitsplatzsicherheit und bezüglich Veränderungen bei Qualifikationsprofilen. Die dadurch auf breiter Ebene geweckten Ängste und Bedrohungsgefühle in der Gesellschaft bedeuten nach Beck eine strategisch wirkungsvolle Machtquelle für die Unternehmerseite (vgl. ders., 201; s.a. Forrester, 1997, 139f.; s.a. Mierzwa, 2011, 305ff.). 3) Schließlich weist er auch noch auf das in dem Globalismus-Theorem enthaltene vermeintliche Konzept der „Politiklosigkeit“ hin, das ökonomische Systemzwänge über die handlungstheoretische Konzeption der Politik stellt. „Die Ideologie lautet: man handelt nicht, sondern vollzieht die Weltmarktgesetze, die – leider – dazu zwingen, den (Sozial-)Staat und die Demokratie zu minimalisieren“ (Beck, 1997, 203; s.a. S. George [Der Lugano-Report, 25 In Ansätzen scheint sich dieser Geist des Globalismus auch in der Berliner Rede (1997) von Bundespräsident Roman Herzog wiederzufinden (http://www.bundesp raesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Roman-Herzog/Reden1997/....). Abgerufen am 29.4.2015. Siehe auch die Ausführungen von Bundeskanzler Schröder zu einem Zusammenhang von der Agenda 2010, der Herausbildung einer starken EU und den Berührungspunkten mit der Lissabon-Strategie (vgl. Haydt/Pflüger/Wagner, 2003, 68). 26 Vgl. in diesem Zusammenhang die Ausführungen zu den „Igel-Ökonomen“ bei Rodrik (2011, 158–161, 180). Butterwegge verweist speziell darauf hin, dass die Neuen Rechten (in der Bundesrepublik) sich extrem marktradikal gebärden und Wasser auf die Mühlen neoliberaler Sozialstaatskritik gießen (vergl. ders., 2002, 66f.). 2. Strukturelle Gewalt 66 S. 247] in: ten Brink, 2004, 39; s.a. Butterwegge, 2008, 195ff., vor allem 199 sowie Lösch, 2008, 228ff. und Hildebrandt/Lück-Hildebrandt, 2017, 121–133)27. Damit entpuppt sich dieser Globalismus-Diskurs als ein „politisches Projekt“ der stillen Revolution zur „Politiklosigkeit“. 4) Basis des Globalismus-Projektes ist auch das Verständnis der Gesellschaft als Arbeitsgesellschaft: d.h. alle Perspektiven und Chancen einer Gesellschaft werden als abhängig von der Verbesserung und der Ausreizung der materiellen und produktiven Möglichkeiten betrachtet. Der Globalismus hält an diesem Paradigma der Arbeitsgesellschaft fest; man kann ihn deswegen als das Projekt der Universalisierung des Paradigmas der Arbeitsgesellschaft bezeichnen28. Diese Universalisierung des Paradigmas ist aber nicht die Konsequenz einer Überzeugung, sondern ist eine Flucht nach vorne, als Reaktion auf die Krise der Arbeitsgesellschaft im nationalen Kontext. Damit ist diese „Flucht“ resp. globale Vertagung der Krise des Paradigmas der Arbeitsgesellschaft 27 Vertreter des Globalismus können sich sicherlich nicht mit dem Globalisierungsparadox von Dani Rodrik (2011) anfreunden, in dem es um eine „bessere Balance zwischen Staat und Markt“ (S. 101; s.a. das Fazit zum 8. Kapitel auf S. 239) geht und wo Märkte und staatliche Interventionen „einander befruchten und stärken“ (S. 195) könnten bzw. wo eine „Kombination aus Staat und Märkten das beste Rezept ist“ (S. 196). Dieses Globalisierungsparadox besagt, „dass ein Wiedererstarken nationaler Demokratien die Weltwirtschaft in der Tat auf ein sicheres, gesünderes Fundament stellen würde“ (S. 21; s.a. Punkt 2 auf den Seiten 306–308 und auf S. 312, wonach es zum demokratischen Prozess keine Alternative gibt). Rodrik stellt fest, dass „eine dünne Schicht internationaler Regeln, die den nationalen Regierungen einen erheblichen Gestaltungsspielraum lässt, (…) die bessere Variante der Globalisierung“ ist (S. 21). „Jede gut funktionierende Marktwirtschaft ist ein Konglomerat aus Staat und Markt, aus Laissez-faire und Intervention“ (S. 46). Dabei ist zu beachten, dass es in einer Volkswirtschaft nicht nur um Profitmaximierung geht, sonst könnte man sich auf betriebswirtschaftliche Argumente beschränken. „Die Volkswirtschaft ist aber eine gesellschaftliche Disziplin, und die Gesellschaft hat neben den Marktpreisen auch noch andere Kostenmaßstäbe“ (S. 88; s.a. 86f.; s.a. 92f. u. 95 zu Normen und Gesellschaftsverträgen und S. 90, 93, 95 zu sozial Schwachen). Die „Füchse-Ökonomen“ (vgl. ders., 158f.) sind die idealen Träger einer Praxis, die sich am Globalisierungsparadox orientiert. 28 Vgl. auch in diesem Zusammenhang die Ausführungen – ausgehend von einer Marxrezeption – zur „abstrakten Arbeit“, die für die Akkumulation des Kapitals von Bedeutung ist. Arbeit wird danach, ohne darauf zu schauen, was produziert wird, im Kapitalismus für die Kapitalakkumulation verwertet. Entscheidend an der Arbeit ist nur, dass Mehrwert geschaffen und realisiert wird (vgl. Böttcher, 2006, 20f.). 2.3. Der Beitrag des Globalismus zur strukturellen Gewalt 67 auch ein Zeichen einer gewissen Erschöpfung resp. einer gewissen Ratlosigkeit. Eine entscheidende Ursache für diese Flucht nach vorne resp. die Vertagung der Krise der „Arbeitsgesellschaft“ durch Globalismus kann man daran erkennen, dass durch die jahrzehntelange Fixierung auf die Arbeitsgesellschaft die Eigenwertigkeit des kommunikativen Handelns so wenig beachtet wurde bzw. keine Bedeutung für die Gestaltung der Gesellschaft erkannt wurde. Dadurch fehlt die Kompetenz, Alternativen zu den Steuerungsmechanismen der Arbeitsgesellschaft zu sehen. Die Krise der Gesellschaft ist also eine Zweifache: Es ist eine Krise der Erschöpfung der integrierenden Ressourcen der Arbeitsgesellschaft und es ist eine Krise der gesamten Gesellschaft aufgrund fehlender lebbarer Alternativen jenseits der Arbeitsgesellschaft. Und das ist wiederum auf die Entkoppelung von System und Lebenswelt zurückzuführen (vgl. Beck, 1997, 20ff.; siehe auch bei Habermas). 5) Der Globalismus hat auch eine gewalttätige resp. aggressive Seite (vgl. hier auch Duchrow, 2013, 42f.). Das wird nicht nur daran deutlich, dass trotz verbaler Bekenntnisse zu einer vermeintlichen restriktiven Praxis, offensiv Rüstung (z.B. von der Bundesrepublik Deutschland und der EU [vgl GKKE, 2015, 8]) exportiert wird – auch „in Länder, in denen Regierungshandeln eine geringe oder fragwürdige gesellschaftliche Legitimation hat und Menschenrechte missachtet werden, die sich in einem Konflikt befinden oder wo die Gefahr besteht, dass die Waffen weiterverbreitet werden“ (S. 8). Und dieser aggressive Aspekt des Globalismus wird auch daran deutlich, dass es zu internationalen militärischem Engagement kommt, wenn Staaten, die wegen ihrem Rohstoffreichtum oder ihrer geostrategischen Lage für westliche Staaten interessant sind – siehe z.B. Irak oder Kongo (vgl. Haydt/Pflüger/Wagner, 2003, 8f., 16f., 70). Dass der Globalismus eng mit militärischen Optionen verknüpft ist, wird besonders an den Interessen und dem Engagement, welches von den USA ausgeht, deutlich (siehe dies., 36–47; vgl. besonders 44ff.): „Die unsichtbare Hand des Marktes kann ohne eine unsichtbare Faust nicht arbeiten. McDonald’s kann nicht gedeihen ohne McDonell Douglas…“ (Friedmann 2000 in: dies., 47). Aber auch die EU zeigt ein (militärisch) starkes Gesicht (vgl. dies., 68– 77): „Eine Union, die sich nicht verteidigen kann, ist keine Union. Eine harte Währung, die eine schwache Verteidigung hat, ist auf lange Frist keine harte Währung“ (Dr. W. Stützle in: dies., 71). Und an anderer 2. Strukturelle Gewalt 68 Stelle wird festgestellt: „Auch die Globalisierung macht ein voll handlungsfähiges Europa erforderlich“ (Zitat in: dies., 89)29. 6) Mit dieser Verflechtung des Globalismus mit militärischen Optionen – „Hunderte von US-Militärbasen rund um den Globus befinden sich in ressourcenreichen Gebieten und in der Nähe von strategischen Schifffahrtswegen“ (dt. Susanne Hofmann/engl. i. Orig. Medea Benjamin, 2019, Punkt 1) – geht auch eine Verschärfung der Klimakrise einher, weil ganz viele fossile Brennstoffe verbraucht werden. So ist das Pentagon, denkt man es als Staat, infolge des Betriebes von Waffen und Ausrüstung, Beleuchtung, Heizung und Kühlung von mehr als 560.000 Gebäuden auf der ganzen Welt der 47-größte Emittent von Treibhausgas auf der Erde (vgl. dies., Punkt 2). So trägt das Militär zum Klimawandel bei, der wiederum ein „Bedrohungs-Multiplikator“ ist: „Im Zuge des weltweiten Temperaturanstiegs wird es mehr ökologische Katastrophen, mehr Massenmigration und mehr Kriege geben. Außerdem wird es zu mehr bewaffneten Zusammenstößen – inklusive Bürgerkriegen – kommen, die die Grenzen überschreiten und ganze Regionen destabilisieren können“ (dies., Punkt 6.). Und der Kampf von Indigenen und von anderen gegen die Umweltzerstörung infolge eines Globalismus (von 29 Robert Kurz (2003) analysiert die Gewalt in der Welt, in den Bürgerkriegen, bei Piraterie etc. als eine Ursache der „marktwirtschaftlichen Strukturreformen“ (S. 47; s.a. S. 91). Er sieht aber auch in dem mörderischen Verhalten in der Welt, im Terrorismus, den Warlords, der Guerilla auch eine Weiterentwicklung des kapitalistischen Wahns – der Kämpfer als „Selbstunternehmer“ (S. 48). Aber er betrachtet auch die Gewaltkonkurrenz in der Welt als einen Ausdruck der „ökonomischen Rationalität“, wo das Gewaltsame des Kapitalismus „entbunden“ ist (vgl. S. 49) – die gewaltsame Plünderungsökonomie ist ein Ausdruck davon (vgl. S. 48–54; s.a. S. 81 wonach die Plünderungsökonomie aus dem Inneren der kapitalistischen Funktionsgesetze abgeleitet ist). Hier repräsentiert die militärische Gewalt der USA und der EU einen „Weltordnungskrieg“, der die die Weltordnung des Kapitalismus gefährdende Gewalt einzuhegen versucht. Dazu findet eine Umrüstung der Armeen statt, die, wie es eine dritte industrielle Revolution gab, auch so etwas wie eine dritte industrielle Revolution durchmachen – bei ihrer militärischen Ausrüstung (vgl. S. 77). Selbst der Militärdienst wird nun zu einem „Job“ für gut trainierte Profis (ders.). Kurz zeichnet am Beispiel der US-Army die Umwandlung der Armeen (Abbau in der Masse und bei der Hardware soll nicht als Rüstungskonversion missverstanden werden) in Richtung „Polizeifunktion“ bzw. „Krisenreaktionskräfte“ entlang von Mustern nach, die sich auch in der Ökonomie finden lassen (vergl. S. 75ff.): Auf die „flexiblen“ Akteure der Barbarei wird mit einer „flexiblen“ High- Tech-Armee reagiert – wie es in der Ökonomie den „flexiblen“ Menschen gibt. 2.3. Der Beitrag des Globalismus zur strukturellen Gewalt 69 Agrarunternehmen, Bergbauunternehmen usw.) wird mit militarisierter staatlicher Gewalt bekämpft (vgl. dies., Punkt 9). Mit diesen Ausführungen wird ganz besonders deutlich, wie Globalismus mitverursachend für strukturelle Gewalt ist. 7) Globalismus wird von Akteuren betrieben. Subjekte sind zu benennen (vergl. Mierzwa, 1994). Das ist ein Verdienst von Jürgen Roth. Er benennt in seinem Buch „Der stille Putsch“ (2014) Subjekte des Globalismus. Erwähnt werden die Bad Harzburger Akademie für Führungskräfte und die Baden-Badener Unternehmer Gespräche – wenn „man nach dem Virus der Ideologie des Neoliberalismus und der entdemokratisierten Wachstumsgesellschaft suchen würde, hier würde man ihn finden“ (Roth, 2014, 46f.). Dann weist Roth auf den „Entrepreneurs’ Roundtable“ aus der Schweiz (ders., 57ff.) und Deutschland (ders., 79ff.) hin. Hier finden Unternehmensmanager, Manager der Finanzindustrie und Medienrepräsentanten zusammen und vernetzen sich. Auch die Medienrepräsentanten in dem „Entrepreneurs’ Roundtable“ haben eine neoliberale Geisteshaltung (vgl. ders., 75) – das hat auch Auswirkungen auf deren Multiplikationstätigkeit. Auch ein Vertreter der Beratungsfirma McKinsey ist hier zu finden. Eine kritische Bestandsaufnahme der Tätigkeit von McKinsey zeigt, dass diese Firma durch ihre Beratertätigkeit den Globalismus forciert. Der McKinsey- Geist ist durch viele ehemalige McKinsey-Berater an vielen „Schalthebeln der Macht“ (ders., 78) wirksam. Politiker, wie Friedrich Merz, wollen, dass selbst Kindergärten wie ein Unternehmen geführt werden (vgl. ders., 83). Vom „European Round Table of Industrialists“ (ERT) wird z.B. auf EU-Ebene Einfluss genommen, dahingehend, dass Strukturreformen fortzuführen sein, die die Staatsverwaltung und Justiz schlagkräftiger machen (vgl. ders., 90). Hervorgehoben hat Jürgen Roth auch das besondere Engagement von Mario Draghi bei der Privatisierung von Staatsvermögen in Italien (vgl. ders., 114,115,117,123). Die gesamten Ausführungen machen immer mal wieder deutlich, dass der Globalismus nicht frei von Bestechung und Korruption funktioniert. Ausführlicher geht Roth z.B. auf die Aktivitäten von Siemens in Griechenland ein (vgl. ders., 236ff.). 8) Es gibt einen Antagonismus bei der Globalisierung, der höchstwahrscheinlich mit dem Globalismus zusammenhängt. Die Akteure in einer Globalismusdynamik sind überwiegend Männer (vgl. Roth, 2. Strukturelle Gewalt 70 2014, 12) und die negativen Folgen („Strukturanpassungsmaßnahmen“ in Afrika bringen Frauen in eine prekäre und ausbeutbare Position zwischen Subsistenz und informeller Selbständigkeit; Frauen waren in Asien besonders stark von Erwerbslosigkeit betroffen; der Umbau der Sozialstaaten in den Ländern des Nordens ist ein „unfreundlicher“ Akt besonders gegenüber Frauen [vgl. Sauer, 2003, 621]) betreffen besonders stark Frauen. Es wird von feministischen Forscherinnen auch darauf hingewiesen, dass eine „Verwobenheit des patriarchalen mit dem neoliberalen Grundkonsens“ (Wichterich, 2004, 4) festzustellen ist. Sauer bemerkt auch: „Globale Restrukturierung ist mithin auch keine Transformation jenseits der Geschlechterlogik, die dann (nur) auf Geschlechterverhältnisse einwirkt, sondern sie ist ein immanent vergeschlechtlichter Prozess, der einerseits auf spezifischen Geschlechterarrangements beruht, diese andererseits reproduziert und dabei freilich auch modifiziert“ (Sauer, 2003, 625; Herv. i. Orig.). Es kann zum Beispiel festgestellt werden, dass der Globalismus auf eine „Feminisierung“ von Politik (Demokratie) und Staat trifft und mit seiner Dynamik hin zu einer Minimalisierung des Staates auch zu einer „Entmachtung“ der Frauen beiträgt. Der Beitrag des Konstantinismus zur strukturellen Gewalt30 Schon Sebastian Franck kritisierte den Konstantinismus, der sich in der evangelischen Kirche fortpflanzte. Er sah im landesherrlichen Kichenregiment die Quelle aller religiösen Intoleranz. Er erkannte in den Hofpredigern eine verabscheuungswürdige Liaison von weltlichen und geistlichen Interessen; etwa wenn das jeweilige Handeln der Obrigkeit 2.4. 30 Es gibt einen rechtspopulistischen Diskurs des „Konstantinismus“, der in der Form seiner Kritik am Konstantinismus (in der evangl. Kirche) der Kritik ähnlich ist, die Dorothee Sölle damals konkret erfahren hat, auch in den sprachlichen Entgleisungen. Diese rechtspopulistische Kritik am „Konstantinismus“ spiegelt nicht diese Kritik am Konstantinismus wieder, wie sie z.B. von Leonhard Ragaz und von Dorothee Sölle ausging. Hier ist auf folgendes Dokument zu verweisen (Alternative für Deutschland – Fraktion im Thüringer Landtag: Unheilige Allianz. Der Pakt der evangelischen Kirche mit dem Zeitgeist und den Mächtigen, Juni 2019, 51 Seiten unter: https://afd-thl.de/wp-content/uploads/sites/20/2019/06/Kirchenpapier_ Onlineversion.pdf abgerufen am 04.10.2019). 2.4. Der Beitrag des Konstantinismus zur strukturellen Gewalt 71 hier theologisch legitimiert wurde und die Verpflichtung ihrer Untertanen zum Kriegsdienst sanktioniert wurde (vgl. Weigelt, 1993, 45f.). Der Konstantinismus steht für die enge Bindung von Kirchen an die staatliche Obrigkeit. In dieser engen Bindung kommt es dazu, dass die Kirche(n) nur gering in Sachen Reich Gottes unterwegs sind, weil der Horizont der Bergpredigt realpolitischen Erwägungen preisgegeben wird (vgl. zu Hartwig von Schubert [2018] Engelke, 2019b). Unter dem Konstantinismus entwickelte sich eine bürgerliche Religion, wo Christen ein christliches „Privatleben“ haben, aber in Bezug auf die gesellschaftlichen Belange sich sehr stark an staatlichen Vorgaben orientieren, die in absolutem Widerspruch zum Evangelium stehen können (vgl. Engelke, 2019, 21) – siehe das Problem der Rüstungsexporte und das Umfeld des politischen Klimas dazu im Kontrast zur Botschaft des Gewaltverzichts aus dem Evangelium. Konstantinismus, d.h. auch sich „vielmehr mit der in Ägypten üblichen Lebensweise“ zu arrangieren (vgl. Sölle, 1982b, 205) – siehe weiter vorne zur imperialen Lebensweise – und die „Verflechtung von Kirche und Kapital“ im deutschen Staat zuzulassen – wozu nach D. Sölle das staatskirchliche Steuereinzugssystem, der Militärseelsorgevertrag sowie die Konkordatsbestimmungen gehören (vgl. dies., 186 und 205). Konstantinismus bedeutet auch: „Im Falle einer ‚Pflichtenkollision‘ haben die gesellschaftlich verankerten Pflichten und Rechte Vorfahrt“ (vgl. Yoder in: Engelke, 2019, 23). Das wird an dem Widerstand des deutschen Staates gegen eine Friedenssteuer deutlich sowie an der Repression des Staates gegen die Kirchenasylbewegung deutlich – mit dem Hinweis darauf, dass Deutschland ein Rechtsstaat sei. L. Ragaz sieht, dass das zeitgenössische Christentum im Bannkreis der Bürgerlichkeit steht und darüber mit dem Kapitalismus unentflechtbar miteinander verwoben ist – dies wird eklatant an dem sich- Einlassen von weiten Kreisen des bürgerlichen Christentums auf die bürgerlich-kapitalistische Eigentumsordnung deutlich. Aber auch eine nicht übersehbare Haben-Mentalität hat sich im bürgerlichen Christentum breit gemacht (vgl. Böhm, 1988, 152–156). Das ist auch für die Gegenwart zu konstatieren, das machen Ausführungen von Ulrich Duchrow deutlich. Durch den Konstantinismus (vgl. hier z.B. „CIA- Rom-Achse“ [Sölle, 1996, 41]) wird das stabilisiert – das zeigten Ausführungen von D. Sölle. 2. Strukturelle Gewalt 72 Der Konstantinismus kann auch als Phänomen einer narzisstischen Gesellschaft betrachtet werden. Hier spiegeln sich Phänomene einer „narzisstischen Partnerschaft“, etwa wenn „Krisen“ auftreten – z.B. beim Kirchenasyl, wenn von staatlicher/politischer Seite sich mit dem Argument beschwert wird, dass das Systemkritik sein könnte. Das Auswandern von Christen*innen in die Zivilgesellschaft wird als „Verlassenwerden“ durch den Staat gedeutet und mit dem Entzug der Gemeinnützigkeit (bei Attac und campact) „bestraft“. Und die Kirche scheint vom „Staat“ nur deswegen geschätzt und „gemocht“, solange sie den Stress in der Gesellschaft „reguliert“. Die Kirche wird geschätzt, wenn sie Wähler mobilisiert. Aber wenn die Kirche „dramatische“ Einzelschicksale, wie bei Hartz IV, zum Thema macht, dann ist die Politik/der Staat gekränkt (vgl. zu Vesperkirchen). Maaz weist jedenfalls darauf hin, dass die gegenwärtige Politik in Deutschland überwiegend der (narzisstischen) Selbstwertstabilisierung dient (vgl. ders., 2012, 156). Und Bauer (2003, 171ff.) zeigt die Vielschichtigkeit narzisstischer Symptome in den christlichen Kirche(n) auf. 2.4. Der Beitrag des Konstantinismus zur strukturellen Gewalt 73

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Zusammenfassung

Eine Rückbesinnung auf die Wurzeln der Reich Gottes-Verkündigung führt uns nicht nur weg vom kirchlich organisierten Christentum und einem extrem „konfessionalistisch“ gedachten Christentum, sondern öffnet zugleich unseren Blick für „anonyme“ und „religionslose“ Christen sowie „erleuchtete Heiden“ (S. Franck). Diese sind in der Lage, zum Beispiel wenn sie sich in der Zivilgesellschaft engagieren und organisieren, strukturelle Gewalt zu überwinden und abzubauen. Mit dem Reich Gottes-Gedanken finden Menschen zu einer „dienenden Solidarität“ und zu einer „Kultur des Weniger“, wodurch ein Gegengewicht gegenüber der „imperialen Lebensweise“ aufgebaut wird. Der Anbruch des Reiches Gottes ist zu entdecken etwa in der Werkstattkirche, in der Sozialkirche, in der ev.-luth. Diakoniegemeinschaft zu Flensburg, aber auch in der Zivilgesellschaft, wo diese für ein gerechtes Recht eintritt.