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6 Diskussion in:

Björn Eichmann, Tobias Erhardt (Ed.)

Gesundheitswandern, page 55 - 60

Auswirkungen auf das physische und psychische Wohlbefinden

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4452-0, ISBN online: 978-3-8288-7471-8, https://doi.org/10.5771/9783828874718-55

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Diskussion Die Ergebnisse der bisherigen Forschung zeigen, dass die Prävalenz von Bewegungsmangel in den letzten Jahren weltweit zugenommen hat. Die westlichen Industrieländer stehen an dritter Stelle (Guthold, Stevens, Riley & Bull, 2018) und sind von den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen des Bewegungsmangels betroffen. Beispielsweise sind Herz-Kreislauf Erkrankungen sehr häufig die Todesursache und ein Hauptrisikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen ist die angesprochene körperliche Inaktivität (Psaltopoulou et al., 2017). In Europa entstehen dadurch jährliche Kosten von über 80 Milliarden Euro, in Deutschland sind es ca. 9,4 Milliarden direkte und indirekte Gesundheitskosten (Centre for Economics and Business Research. The economic costs of physical inactivity in Europe. An ISCA/Cebr report. 2015 http://inactivity-time-bomb.nowwemove.com). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als das vollständige körperliche, seelische und soziale Wohlbefinden und nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit. Bewegung kann positive Effekte auf den Körper und die Seele haben und ist deshalb wichtig. Menschen in körperliche Aktivität zu bringen und ihnen Freude an der Bewegung zu vermitteln ist das Anliegen dieser Studie. Vor der Industrialisierung war das Wandern ein fester Bestandteil des alltäglichen Lebens. Das heutige Wandern in der Natur ist in Deutschland eine beliebte Freizeitbeschäftigung und zugleich eine Möglichkeit, dem Bewegungsmangel vorzubeugen. Allgemeine Auswirkungen des Wanderns sind die Stärkung des Immunsystems, Risikoreduktion von Herz-Kreislauf Erkrankungen (Murtagh et al., 2015; Oja et al., 2018), eine Senkung der Blutzuckerwerte (Jenkins & Jenks, 2017) und gesundheitsfördernde Effekte hinsichtlich psychischer Regulation (Brämer, 2008). Das Gesundheitswandern verbindet die positiven Aspekte von Bewegung und Natur und erweitert sie durch Übungen aus dem Bereich motorischer Beanspruchungsformen wie Kraft, Mobilisation und Ko- 6 55 ordination. Kann deshalb mit Hilfe des Gesundheitswanderns dem Bewegungsmangel effektiv entgegengewirkt werden? Die ermittelten Ergebnisse der SRH Gesundheitswanderstudie 2019 lassen sich in die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse eingliedern und erweitern den aktuellen Forschungsstand. Widersprüchliche Resultate sind nicht zu konstatieren. Die bisherige themenbezogene Forschung von Hottenrott, Müller und Schulze (2015) integrierte neben anthropometrischen Parametern, der Messung der Körperzusammensetzung und dem Einsatz von subjektiven Fragebögen auch bewegungsspezifische Assessments. Die Ergebnisse haben gezeigt, dass sich die Vitalität sowie das Wohlbefinden der Probanden verbesserten. In der durchgeführten randomisierten Feldstudie, welche die Datenlage zum Thema Gesundheitswandern (vgl. Hottenrott 2015) erweitern soll, wurden folgende Leitfragen aufgestellt: – Können Biomarker wie der Körperfettanteil, das organische Fettgewebe oder die Muskelmasse durch Gesundheitswanderungen beeinflusst werden? – Wie wirkt sich das Gesundheitswandern auf physische und psychische Parameter aus? – Ist es mit regelmäßigem Training mittels Gesundheitswanderungen möglich, das subjektive Wohlempfinden zu verbessern? Dabei konnten mit Hilfe der Bioelektrischen Impedanz Analyse (BIA) signifikante Veränderungen in der Körperzusammensetzung aufgezeigt werden. 86 % aller Studienteilnehmer haben an Körperfett (Ø -1,3kg; vgl. Abbildung 25) verloren. Im gleichen Zeitraum konnten 72 % der Testpersonen signifikant an Skelettmuskelmasse (Ø +0,8 kg; Abbildung 28) aufbauen. Bezüglich des viszeralen Fettgewebes kann festgehalten werden, dass 44 % der Testpersonen ihr viszerales Fett reduzieren konnten. Durchschnittlich reduzierte sich das viszerale Fettgewebe bei allen Probanden um -0,4 und der Bauchumfang wurde um durchschnittlich 1,9 cm (vgl. Abbildung 27) kleiner. Diese Veränderungen reduzieren die Risiken orthopädischer und internistischer Erkrankungen und belegen einen aktiven Lebensstil. Die Ergebnisse der Befragung zum Wohlempfinden der Studienteilnehmer (vgl. Abbildung 29) weisen signifikante und positive Ver- änderungen des subjektiven Wohlbefindens auf. 70% aller Probanden 6 Diskussion 56 hatten nach der Intervention ein gesteigertes allgemeines habituelles Wohlbefinden (Ø +9%). Die Auswertung des Fragebogens zeigt zudem, dass sich das körperliche Wohlbefinden (Ø +2,6), das psychische Wohlbefinden (Ø +1,4) und das soziale Wohlbefinden (Ø +0,5) gesteigert hat. Es konnte auch ebenfalls gezeigt werden, dass die Teilnehmer mit nur fünf Wanderungen ihr Wohlempfinden sogar deutlicher steigern konnten (Ø +15%), als die Wanderer, die zehn Wanderungen hatten (Ø +6 %). Die Ergebnisse der SRH Studie (2019) sowie der Untersuchung von Hottenrott (2015) weisen auf die gesundheitsfördernden Effekte des Gesundheitswanderns hin. Es kann abgeleitet werden, dass bereits niederschwellige Interventionen zu positiven Veränderungen führen. Hottenrott et al. zeigten mit ihrer Studie in der jeweils zwei Gesundheitswanderungen pro Woche angeboten wurden, dass nach sieben Wochen sowohl körperliche als auch psychosoziale Gesundheitsressourcen gestärkt werden konnten. Daneben wurden Risikofaktoren, besonders die Einflüsse auf das Herzkreislaufsystem, reduziert. Die Probanden der Studie von Hottenrott waren in eine Interventionsgruppe (n = 20) und eine Kontrollgruppe (n = 12) aufgeteilt. Im Gegensatz dazu wurden in der vorliegenden Studie 50 Probanden untersucht (n = 50) welche in zwei Gruppen mit 10 Wanderungen (pro Woche fand eine Wanderung statt) und zwei Gruppen mit 5 Wanderungen aufgeteilt wurden. Zu den Stärken der aktuellen Untersuchung zählen die relativ hohe Zahl an untersuchten Probanden (n = 50), die randomisierte und einfach verblindete Aufteilung in vier unterschiedliche Gruppen, der lange Interventions- und Untersuchungszeitraum sowie die vielfältigen und genauen Untersuchungsmethoden. Kennzeichen dafür sind u.a. der spezifische Fragebogen sowie die BIA (Tanita MC 180MA) zur Ermittlung der Körperzusammensetzung. Die eingesetzten Verfahren weisen ein hohes Maß an Validität und Reliabilität auf. Die kontinuierliche Teilnahme an den Wanderungen, die geringe Drop Out Rate sowie die nachhaltige Einbindung des Wanderns über die Studie hinaus, sind weitere positive Ergebnisse. Erklärungen dafür könnten die empfundene Freundlichkeit der Wanderführer, der Faktor Spaß, die Kontakte innerhalb der Wandergruppe aber auch das Erlernen neuer Übungen für den Alltag sein. Die attraktive Wanderregion 6 Diskussion 57 der Südpfalz kann ebenfalls zu der Kontinuität beigetragen haben. Bei den Gruppen mit 10 Wanderungen wurde ein Bewegungssensor (Polar, Vantage M) ausgeteilt und ausgewertet. Nur ein Proband hat den Sensor als unangenehm empfunden und somit zeigt sich für künftige Studien, dass das Erfassen der Alltagsaktivität mittels Bewegungssensor nicht nur verlässlich sondern auch möglich ist. Zu den Limitationen der Untersuchung zählen der Mangel an einer direkten Kontrollgruppe und die unspezifischen Ein- und Ausschlusskriterien. Das Alter der Probanden war durchschnittlich bei 59,7 Jahren. Der Großteil der Probanden (64%) war über 60 Jahre alt. In wie fern die skizzierten Effekte auch auf die Gesundheit jüngerer Menschen übertragbar sind, muss weiter untersucht werden. Es sind keine hypothesenkonträren Ergebnisse zu verzeichnen. Die formulierten Annahmen der Untersuchung konnten alle in unterschiedlich starker Ausprägung bestätigt werden. Teilweise lassen sich die besonders prägnanten Veränderungen nur indirekt auf die Interventionen zurückführen. Mittels der Bewegungssensoren lässt sich ablesen, dass die Gesundheitswanderungen die Probanden zu mehr Bewegung und zu intensiverer Bewegung im Alltag motivierten. Diese höhere muskuläre Aktivität hatte, neben den Gesundheitswanderungen, einen großen Impact auf die Muskelmasse der Probanden. Somit lässt sich nur mittelbar aus den Gesundheitswanderungen heraus argumentieren. Die Verbesserung der Biomarker, positive Wirkungen auf physische und psychische Parameter und eine Steigerung des subjektiven Wohlempfindens kennzeichnen die Antworten auf die formulierten Leitfragen der SRH Gesundheitswanderstudie 2019. Vorhandene Studienergebnisse bestätigen in der Gegenüberstellung die dazu bereits existenten Daten zu den gesundheitsfördernden Effekten des Wanderns und deuten auch auf eine Steigerung der Selbstkompetenz hin. Die Effektstärken zeigen die Bedeutsamkeit der Resultate und weisen auf eine externe Validität hin. Ein vorhandenes Studienprotokoll ermöglicht die nötige Transparenz dazu. Bei künftigen Studien wäre eine Ausrichtung in Bezug auf spezifische Erkrankungen im orthopädischen, internistischen, onkologischen oder psychiatrischen Bereich denkbar. Wie wirkt das Gesundheitswandern im klinischen Kontext, in der Therapie und Rehabilitation von 6 Diskussion 58 Klienten und Patienten? Perspektivisch wäre eine Differenzierung in Altersgruppen, Vorerkrankungen, alltäglicher Belastung am Arbeitsplatz, nach ICF Kriterien wie Körperfunktionen und Strukturen, Aktivitäten, Partizipation und Teilhabe, aber auch Umwelt- und persönlichen Faktoren sowie nach differenzierten Subgruppen möglich. Dadurch entsteht ein weiterer direkter und praktischer Bezug in das Setting, in die Lebenswelt der Menschen. Aus der von der BKK Pfalz finanzierten Drittmittel Studie kann die Empfehlung abgeleitet werden, dass niederschwellige Angebote unter der Perspektive der Verhinderung und Vermeidung von Krankheitsrisiken (§ 20 SGB V Primäre Prävention und Gesundheitsförderung) für die Versicherten eine wirksame und effektive Möglichkeit darstellen, selbstwirksam und gesundheitsorientiert handeln zu können. Demnach reicht die Teilnahme an einem wöchentlichen Bewegungsprogramm von 1,5 Stunden Dauer in der Natur aus, um die Menschen für mehr Bewegung zu motivieren. Im Ergebnis konnten die Gesundheitswanderführer die keine Grundqualifikation zur Durchführung von Präventionskursen gemäß § 20 besitzen, die gleichen positiven Effekte bei ihren Teilnehmern erzielen, als diejenigen Gesundheitswanderführer mit Grundqualifikation. Dies deutet darauf hin, dass die vom DWV (Deutschen Wanderverband) zertifizierte Ausbildung zum Gesundheitswanderführer eine stimmige Basis zur Erzielung von positiven, präventiven Effekten darstellt. 6 Diskussion 59

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References

Abstract

Which specific effects can hiking for health reasons have on body and soul?

This question is at the center of the SRH Study of 2019, which included 59 participants during a period of 2 months. The result: hiking for health reasons is effective! It improves wellbeing, regulates blood pressure, builds up muscles and reduces body fat. Moreover, it motivates the participants to indulge in a more active lifestyle.

Björn Eichmann and Tobias Erhardt give their readers a glimpse into the current science and praxis of health hiking.

Zusammenfassung

Welche spezifischen Wirkungen hat Gesundheitswandern auf Körper und Seele?

Mit dieser Frage befasst sich die SRH Studie 2019, in die 59 Teilnehmer über einen Zeitraum von zwei Monaten eingebunden wurden. Das Ergebnis: Gesundheitswandern wirkt! Es steigert das Wohlempfinden, reguliert den Blutdruck, baut die Muskulatur auf und reduziert das Körperfett. Darüber hinaus motiviert es die Teilnehmer zu einem aktiveren Lebensstil.

Björn Eichmann und Tobias Erhardt ermöglichen den Leserinnen und Lesern einen Einblick in die aktuelle Wissenschaft und Praxis des Gesundheitswanderns.