Thomas Arnold

Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung

Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4453-7, ISBN online: 978-3-8288-7470-1, https://doi.org/10.5771/9783828874701

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Tectum Te ct um Th om as A rn ol d Zw is ch en F ac hl ic hk ei t u nd F re m db es tim m un g Thomas Arnold Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen Wissenschaftliche Beiträge Soziale Arbeit | 5 5 Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Soziale Arbeit Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Soziale Arbeit Band 5 Thomas Arnold Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen Tectum Verlag Thomas Arnold Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Soziale Arbeit; Bd. 5 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF 978-3-8288-7470-1 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4453-7 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN: 2629-2211 Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. V Inhalt Abkürzungsverzeichnis VII Vorbemerkung IX 1. Einleitung 1 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 7 2.1 Was ist Sucht? 7 2.2 Sucht als Krankheit 10 2.3 Soziologische Aspekte der Konstruktion von Sucht als Krankheit 12 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert der ambulanten Suchtkrankenhilfe im Rahmen des Systems Suchthilfe im Besonderen und im Rahmen des Systems der sozialen Sicherung im Allgemeinen 15 2.4.1 Zur Entwicklung der ambulanten Suchtkrankenhilfe 17 2.4.2 Zur Rolle, zur Funktion und zum gesellschaftlichen Auftrag von Suchtberatungsstellen im System Suchthilfe 20 2.4.3 Zur Finanzierung der ambulanten Suchtberatung 27 VI Inhalt 3. Methodisches Vorgehen 33 3.1 Zur Fragestellung 33 3.2 Sampling 34 3.3 Auswertung 35 4. Ergebnisse 39 4.1 Der Fall IP3 39 4.2 Der Fall IP1 89 4.3 Der Fall IP5 139 5. Synthese 185 5.1 Arbeitsethos 185 5.2 Professionalisierung 187 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen 190 5.4 Zur Sozialen Dimension 197 5.5 Interventionen 202 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz gegenüber den Ambivalenten 203 6. Fazit 215 Literatur 221 Anhang 229 Anhang 1: Interviewleitfaden 230 Anhang 2: Interviewtranskription IP3 232 Anhang 3: Interviewtranskription IP1 258 Anhang 4: Interviewtranskription IP5 274 VII Abkürzungsverzeichnis BAT Bundesangestelltentarifvertrag BSHG Bundessozialhilfegesetz DHS Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen FDR Fachverband Drogen und Rauschmittel GKV Gesetzliche Krankenversicherung GRV Gesetzliche Rentenversicherung ICD International Classification of Diseases KDS Deutscher Kerndatensatz ÖGDG Gesetz über den öffentlichen Gesundheitsdienst PsychKG Landesgesetz für psychisch kranke Personen SGB I Sozialgesetzbuch Erstes Buch - Allgemeiner Teil SGB II Sozialgesetzbuch Zweites Buch – Grundsicherung für Arbeitsuchende SGB III Sozialgesetzbuch Drittes Buch – Arbeitsförderung SGB V Sozialgesetzbuch Fünftes Buch – Gesetzliche Krankenversicherung SGB VI Sozialgesetzbuch Sechstes Buch – Gesetzliche Rentenversicherung SGB VIII Sozialgesetzbuch Achtes Buch – Kinder- und Jugendhilfe SGB XII Sozialgesetzbuch Zwölftes Buch – Sozialhilfe IX Vorbemerkung Die folgende Auswertung hat qualitative Daten zum Gegenstand, die im Rahmen einer Qualifikationsarbeit an der Hochschule Koblenz erhoben wurden. Die vorgelegte Analyse stellt insofern eine Sekundäranalyse dar, als die Datenerhebung nicht von dem Auswertenden vorgenommen wurde. Dies betrifft auch die Formulierung der Fragestellung, zu deren Bearbeitung die Daten erhoben wurden, das Erhebungsdesign, das Sampling und auch den Leitfaden. Neben den noch zu benennenden inhaltlichen Thematiken geht es aber auch um eine methodologische Thematik. Es wird hier der Versuch unternommen anhand einer auch für ein qualitatives Design zugegebenermaßen überschaubaren Datenmenge – drei ExpertInnen- Interviews – zu einer Synthese zu gelangen, die sachgemäß als vorläufig zu charakterisieren ist und weiterer empirischer Sättigung und Kontrastierung bedarf. Die Synthese formuliert Hypothesen über das begründet zu vermutende Allgemeine, das aus dem Besonderen des Interview-Materials – unter Rückgriff auf Kontextwissen – rekonstruiert wurde. Es wird weiter neben einem inhaltlichen Erkenntnisgewinn der Zweck verfolgt, anhand des vorhandenen Materials exemplarisch aufzuzeigen, welche Gestalt eine Auswertung von qualitativem Interviewmaterial haben kann. Die Ausarbeitung soll Beispielcharakter haben und soll keine Richtlinie für etwaige Auswertungsstrategien darstellen. 1 1. Einleitung Die vorgelegte Untersuchung verfolgt zweierlei Ziele. Inhaltlich geht es zum einen um eine berufsgruppenbezogene Thematik. Anliegen der Untersuchung ist es, einen weiteren Beitrag zum Selbstverständnis von Fachkräften der Sozialen Arbeit vorzustellen, der die Verschränkung von objektiven Gegebenheiten eines sozialarbeiterischen Handlungsfelds mit den manifesten und latenten Handlungsdispositionen von beteiligten und betroffenen Fachkräften dieses Handlungsfeldes rekonstruktiv bestimmen will. Hierzu wird ein Bereich von Sozialer Arbeit exemplarisch näher betrachtet, um hieraus auf empirischer Basis vertiefende Erkenntnisse zu dieser Berufsgruppe zu gewinnen. Aus pragmatischen Gründen wurde die ambulante Suchtkrankenhilfe ausgewählt. Die Fachkräfte der Sozialen Arbeit stellen hier vom Fachpersonal weit über 70 % der Mitarbeitenden. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die dortigen Tätigkeiten und Aufgaben in der Arbeit mit den verschiedenen Zielgruppen, die die Institution der Suchtberatungsstelle hat, von relevanten gesellschaftlichen Akteuren als in hoher Weise kompatibel mit dem expliziten oder impliziten Kompetenzprofil von Fachkräften der Sozialen Arbeit erachtet werden. Dies manifestiert sich u. a. in den Stellenbeschreibungen der freien Träger der Wohlfahrtspflege aber auch in den komplementären Anforderungsprofilen von Geldgebern auf der Ebene der Kommunen und der Bundesländer sowie von ande- 2 1. Einleitung ren Beteiligten wie den Trägern der Gesetzlichen Rentenversicherungen. Dass die fachliche Tätigkeit in Suchtberatungsstellen überwiegend von Fachkräften der Sozialen Arbeit geleistet werden soll und somit ein Handlungsfeld der Angehörigen dieser Berufsgruppe darstellt, dies ist somit vielfach institutionell verankert. Eine Frage, der hier nachgegangen wird, ist, welche subjektiven Entsprechungen auf Seiten der Fachkräfte manifestieren sich zu diesen gesellschaftlichen Zuschreibungen? Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen deshalb die Analysen, die geäußerten subjektiven Erfahrungen, fachlichen Haltungen und geäußerten Sichtweisen zur eigenen beruflichen Tätigkeit von Fachkräften der Sozialen Arbeit. Die hier betrachteten Hilfeangebote der Suchtberatungsstellen, soweit es sich nicht um ärztlich-medizinische Aufgabenfelder handelt, können in Deutschland auf eine relativ lange Geschichte zurückblicken. Beginnend mit den verschiedenen Abstinenzlervereinen fand Ende des 19. Anfang und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen mit der sozialen Frage das Konzept von „Krankheit Alkoholismus“ zunehmend Resonanz (Nolte 2007, S. 52). Dazu gehörte, dass die Auswirkungen von einem wie auch immer definierten übermä- ßigen Alkoholkonsums nicht nur bei den Betroffenen selbst, sondern auch in ihrem Umfeld ausgemacht wurden. In der Folge wurden von Ehrenamtlichen Hilfen für die Betroffenen und ihre Familien organisiert, erste Beratungsstellen gegründet. Im Zuge des Bedarfs nach fachlicher Qualifizierung entwickelte sich über die Zeit die Verberuflichung der Tätigkeit. Fachkräfte waren zunächst staatliche FürsorgerInnen, später AbsolventInnen der Studiengänge für Soziale Arbeit (bzw. deren Vorläufer) an den neu gegründeten Fachhochschulen. Es entstanden die Suchtberatungsstellen, deren Angebot zunächst für Menschen mit „problematischem“ Alkoholkonsum gedacht war. Für die ab den 1970er Jahren 3 1. Einleitung hinzukommende Gruppe der KonsumentInnen illegaler Suchtmittel, hier zunächst vor allem Heroin, bedingt auch Cannabis, entwickelte sich ein eigenes ambulantes Hilfesystem (Schmid 2003). Diese Trennung der Arbeit in den Beratungsstellen nach legalen und illegalen Suchtmitteln hat bis heute Bestand. Parallel zum quantitativen Aufwuchs der Angebote der Suchtberatungsstellen mit dem Fokus der Tätigkeit auf den Gebrauch von sogenannten legalen Substanzen und der Weiterentwicklungen auf qualitativer Ebene, zum Beispiel um die aufsuchende Arbeit oder um Angebote der Primärprävention, differenzierte sich das Hilfesystem hier weiter aus, z. B. um therapeutische Angebote im engeren Sinne, die vorrangig von Trägern der Gesetzlichen Sozialversicherungen finanziert werden, oder um Angebote der Nachsorge. Bis heute waren und sind Fachkräfte der Sozialen Arbeit an allen Entwicklungsschritten der ambulanten Suchthilfe maßgeblich beteiligt und haben sie entscheidend mitgeprägt. Auch zu dieser Dimension stellt sich die Frage, der hier in Ansätzen nachgegangen werden soll, welchen Niederschlag findet dies bei den Fachkräften, die in diesem Feld tätig sind? Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass für das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit in der Ambulanten Suchthilfe zwar von den Fachverbänden (hier vor allem die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen – DHS – und der Fachverband Drogen und Rauschmittel – FDR –) ausformulierte Standards, bzw. Mindeststandards für die Arbeit in dieser Institution vorliegen. Wissenschaftliche Analysen sind hingegen aber nur begrenzt zu finden, sieht man von den Ausarbeitungen für die Arbeit mit KonsumentInnen von illegalen Suchtmitteln einmal ab. Zwar gibt es Aussagen zur Expertise der Sozialen Arbeit in der Suchthilfe wie: „Sie leisten insbesondere im ambulanten Bereich zentrale und wichtige Tätigkeiten“ (Klein 2012, S. 153). Worin genau diese Expertise der Sozialen Arbeit liege, und welche Tätigkei- 4 ten dazu gehören, bleibt aber im Impliziten und Unbenannten und damit letztlich unklar. Damit in dieser Hinsicht Klärungen erfolgen können, erscheint es als notwendig, „dass Sozialarbeiter ihre Tätigkeiten, sichtbarer machen und ihre Konzepte und Kompetenzen vermehrt in die fachliche Diskussion einbringen“ (Rometsch 2012, S. 152). Hierzu soll die vorliegende Analyse einen Beitrag leisten. Gegenstand ist wie bereits benannt eine Rekonstruktion der Gegebenheiten des Feldes im Spiegel der subjektiven Repräsentationen von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe für Menschen, die mit dem „übermäßigen“ Konsum von Alkohol in Verbindung stehen, entweder als Konsumierende oder als betroffene Angehörige. Es soll hier der Frage nachgegangen werden, welche Aufgaben Sozialarbeiterinnen im Kontext ambulanter Suchthilfe subjektiv wahrnehmen und wie sie diese aus ihrer Sicht bearbeiten. Im weiteren Gang der Darstellung wird zunächst eine Kontextualisierung für die auszuwertenden Daten vorgenommen (Kap. 2). Dabei geht es um Klärungen zu den Konzeptualisierungen von „Sucht“ sowie zu „Sucht als Krankheit“. Ferner wird ein kurzer Abriss zur Stellung der Institution Suchtberatungsstelle im System der sozialen Sicherung vorgestellt. Es folgt die Darstellung des methodischen Vorgehens bei dem (qualitativen) Auswahlverfahren, der Datenerhebung und der Datenanalyse (Kap. 3). Es schließt sich der Teil an (Kap. 4), der die Analyse des Datenmaterials vorstellt. Dabei geht es um eine sequenzanalytische Auswertung der Interviews mit Fachkräften der ambulanten Suchtberatung. Die jeweiligen Interviewanalysen enden mit einem Fazit für das jeweilige Interview. Eine Synthese der Einzelergebnisse wird in Kap. 5 vorgestellt. Hier wird für die Untersuchungsfrage eine Antwort formuliert indem die Schnittmengen aus den drei ausgewerteten Quellen rekonstruiert und die Teilmengen benannt werden. Es werden Hypothesen formuliert, die begründete Annahmen über das Allgemeine im Besonderen des Datenmate- 1. Einleitung 5 rials, im Sinne einer Rekonstruktion von Mustern, umreißen. Weiter werden Konsequenzen für ein weiteres forscherisches Vorgehen skizziert, um die hier gefundenen Resultate, die nur den Status von ersten Zwischenergebnissen haben können, auf eine breitere empirische Basis zu stellen, und sie dabei bei Bedarf zu modifizieren, mit dem Ziel einer empirischen Sättigung näherzukommen. Die Auswertung der Interviews endet mit einem Fazit (Kap. 6). 1. Einleitung 7 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle Um die mitgeteilten Erfahrungen, fachlichen Haltungen und geäu- ßerten Sichtweisen der befragten Fachkräfte des Sozialen Arbeit einordnen und angemessen würdigen zu können, ist es angezeigt wichtige Kontextbedingungen zur Institution „Suchtberatungsstelle“ kurz vorzustellen. 2.1 Was ist Sucht? Das Wort Sucht leitet sich ab aus dem niederhochdeutschen Wort „siech“ und dies bedeutet „krank“. In der Vergangenheit wurde es zur Klassifizierung von Verhaltensweisen verwendet, die als auffällig, als abweichend etikettiert wurden, gleichzeitig aber die Subsumption unter Krankheit nicht völlig geklärt war, z. B. im Fall der „Fallsucht“, die später zur Epilepsie wurde, oder im Fall der sogenannten Tobsucht oder der Eifersucht. Vor ca. 100 Jahren setzte sich der Begriff Sucht als Bezeichnung für die Abhängigkeit von Alkohol später aber auch von anderen psychoaktiven Substanzen wie Kokain, Cannabis oder Heroin durch. In den 1980er Jahren wurde dies um sogenannte nicht stoffgebundene Süchte (z. B. Glücksspiel) erweitert. Ab den 1990er Jahren wurde der Begriff 8 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle „Abhängigkeitserkrankung“ favorisiert. Umgangssprachlich wird aber wieder zunehmend der Begriff „Sucht“ benutzt. Auch Fachleute verwenden ihn wieder zunehmend. So gehen Überlegungen dahin, den Begriff „Abhängigkeit“ wieder durch den Begriff „Sucht“ zu ersetzen. Dabei spielt die Überlegung eine Rolle, die körperliche Abhängigkeit beispielsweise von behandlungsnotwendigen Medikamenten von der Abhängigkeit abzugrenzen, die als umfassenderes bio-psycho-soziales Phänomen verstanden wird (O’Brian et al. 2006, S. 765). „Sucht“ wird inzwischen überwiegend als bio-psycho-soziales Phänomen verstanden, das eine Betrachtung und Würdigung des Einzelfalls nahelegt, vorschnelle Verallgemeinerungen erscheinen nicht als sachangemessen (Kemper 2008, S. 212). Für die aktuelle Betrachtung von Sucht ist kennzeichnend, auf eine Ätiologie zu verzichten. In der Weiterentwicklung der Diagnosekriterien für Sucht wurden Kriterien (oder Symptome) eher als eine Art Konvention festgelegt (ebd., S. 218). So sieht die „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ in der 10. Auflage (ICD–10)1 folgende Kriterien vor: • Der starke Wunsch bzw. Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren. • Vorliegen einer verminderten Kontrollfähigkeit im Umgang mit der Substanz, den Substanzen. • Vorliegen eines körperlichen Entzugssyndroms, nachgewiesen durch die substanzspezifischen Entzugssymptome oder durch 1 Die ICD wird von der World Health Organisation herausgegeben. Sie gilt als einer der wichtigsten Diagnoseklassifizierungssysteme der Medizin. In Deutschland sind alle Ärzte, die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen oder als ärztliche Leitungen in Einrichtungen arbeiten (z. B. in Einrichtungen der Entgiftung oder der Rehabilitation) nach SGB V verpflichtet, Diagnosen nach ICD zu verschlüsseln. 9 2.1 Was ist Sucht? die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden. • Toleranzentwicklung, d. h. Dosissteigerung, um den gewünschten Substanzeffekt zu verspüren. • Vernachlässigung sozialer und beruflicher Aktivitäten. • Schädlicher Konsum, d. h. einen anhaltenden Substanzgebrauch trotz Nachweis eindeutiger Schäden. (Dilling 2011, S. 431) Als diagnostische Leitlinie ist dabei festgelegt, dass eine Diagnose Sucht sinnvoller Weise nur gestellt werden kann, wenn irgendwann während des zurückliegenden Jahres mindestens drei oder mehrere der genannten Kriterien gleichzeitig vorhanden waren. (vgl. ebd.). Dem Verzicht bei der Diagnose ätiologische Gesichtspunkte hinten an zu stellen steht hingegen die Erfahrung gegenüber, wonach für die Art und Weise der Behandlung das Erklärungsmodell von Sucht von großer Bedeutung sei. Relative Einigkeit besteht dahingehend, bei der Entstehung von Sucht von einem multifaktoriellen Bedingungsgefüge auszugehen, welches mindestens die betroffene Person, ihr näheres und weiteres soziales Umfeld sowie substanzbezogene Spezifika berücksichtigen will. Nur fallbezogen kann das jeweilige Gewicht der genannten Dimensionen rekonstruiert werden, bzw. dynamische Wechselwirkungen zwischen ihnen. Weiter wird davon ausgegangen, dass soziale Konstruktionen bei dem Phänomen „Sucht“ schon immer eine Rolle gespielt haben und bis heute spielen. (Legnaro 1991, Scheerer 1995; Spode 1993). Über lange Zeit wurde die Entstehung der Abhängigkeit als individuelles Versagen konzipiert (moralisches Modell). Erst relativ spät (siehe unten) wurde Sucht als Krankheit anerkannt. Hiermit wurde der Zugang zum Versorgungssystem der gesetzlichen Sozialversicherungen (insbesondere der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland) ermöglicht (siehe unten). Die Umwelt wurde so auch in Verantwor- 10 tung genommen (Krankheitsmodell). Aktuell besteht ein Verständnis von Sucht, wonach der Betroffene nicht für die Entstehung der eigenen Sucht verantwortlich gemacht wird, wohl aber für die Inanspruchnahme von Hilfe (Kemper 2008, S. 224). 2.2 Sucht als Krankheit Einen markanten Einschnitt vor allem bei der sozialrechtlichen Würdigung von Sucht bildete das Urteil des Bundessozialgerichts vom 16.6.1968 (BSGE 28, S. 114ff). Nach Auffassung des Gerichts und der sich der Entscheidung anschließenden ständigen Rechtsprechung des Bundessozialgerichts bildet die Sucht selbst einen regelwidrigen Körper- und Geisteszustand, der sich im Verlust der Selbstkontrolle und in der krankhaften Abhängigkeit vom Suchtmittel, im nicht mehr aufhören können, äußert. Im Unterschied zu früheren Entscheidungen ist es bei der sozialrechtlichen Einordnung von Sucht nicht mehr erforderlich, dass die Sucht in fortgeschrittenem Stadium besteht. Die Ausführungen des Bundessozialgerichts gelten für jede Sucht, unabhängig von der Art des Suchtmittels (Krasney 1984, S. 45). Demnach gilt die Sucht als solche als Krankheit im Sinne der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und nicht erst die regelmäßig auftretenden Sekundärschäden. Auch gilt fortan Sucht als regelwidriger Körper- oder Geisteszustand im Sinne der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Ein zentraler Einwand gegen die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts war, dass es eine Abkehr vom Versicherungsprinzip sei, wenn die Kosten eines gesundheitlichen Fehlverhaltens der Gemeinschaft der Versicherten auferlegt werde. In diesem Zusammenhang wird von den Befürwortern der Maxime „Sucht ist Krankheit“ argumentiert, dass die sozialpolitische Entwicklung der letzten Jahrzehnte 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 11 2.2 Sucht als Krankheit den Versicherungsschutz nach Art und Umfang immer mehr erweitert habe. So kommt der Frage, ob von den Versicherten als Gegenleistung nicht ein stärkeres gesundheitliches Wohlverhalten im Sinne der Mitwirkungspflicht (z. B. nach den §§ 60ff SGB I) zu fordern sei ein besonderer Stellenwert zu. Gleichwohl ist festzuhalten, dass ein entsprechendes Prinzip nicht nur im Bereich der Sucht sondern dar- über hinaus auch in anderen Fragen der Finanzierung von Maßnahmen und Behandlungen zu institutionalisieren wäre. So erscheint es als rechtlich äußerst zwiespältig, die finanziellen Folgen eines nichtsüchtigen gesundheitlichen Fehlverhaltens (z. B. Rauchen oder Übergewicht), bei dem die Selbstkontrolle augenscheinlich nicht verloren ist, weiterhin der Versichertengemeinschaft aufzuerlegen, die Fälle aber, in denen der Kontrollverlust eingetreten ist, von der Leistungspflicht auszunehmen (Krasney 1984, S. 46). Relevant ist hier, dass die SGBen V und VI den Begriff der Krankheit nicht auf den schuldlosen regelwidrigen Körper- oder Geisteszustand beschränken. „Die Frage, ob eine Krankheit vorliegt, ist nicht davon abhängig, ob sie auf einem Fehlverhalten oder einem sonstigen Verschulden des Versicherten beruht“ (Krasney 1984, S. 46). Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen veröffentlicht Schätzungen2, wonach in Deutschland zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt haben und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken vorweisen. Die jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten hierfür werden dort auf 40 Milliarden Euro beziffert. Die Krankheit „Sucht“, soweit sie mit Alkohol in Verbindung steht, betrifft demnach eine sehr große Zahl von Personen – nicht berücksichtigt sind hier mitbetroffene Angehörige – und stellt kein Phänomen dar, von dem nur Wenige betroffen sind. 2 https://www.dhs.de/datenfakten/alkohol.html, letzter Zugriff am 25.11.2019. 12 2.3 Soziologische Aspekte der Konstruktion von Sucht als Krankheit Als nächstes soll hier unter einer soziologischen Perspektive der Konstruktion von Sucht als Krankheit nachgegangen werden. Dabei wird auf die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede der Krankenrolle im Allgemeinen und der Rolle des Süchtigen im Besonderen verwiesen. Bei der Darstellung der Krankenrolle und der Funktion von Krankheit in modernen Gesellschaften wird vor allem auf die Handlungstheorie von Talcott Parsons zurückgegriffen (Parsons 1951). Demnach wird Krankheit allgemein als ein Zustand der Störung des Funktionierens bezeichnet, das im jeweiligen sozialen Kontext als normal empfunden wird. Dies umfasst sowohl den Zustand des Organismus als biologischem System als auch die individuellen und sozialen Anpassungsprozesse. Der Begriff der Krankheit ist demnach sowohl biologisch als auch sozial bestimmt. Die hier relevante Verflechtung in das soziale System ist potentiell für den Krankheitszustand bedeutsam und dies sowohl in Hinblick auf die Verursachung als auch in Hinblick auf die Bedingungen erfolgreicher Überwindung der Krankheit, evtl. mit Hilfe von therapeutischer Unterstützung (vgl. Parsons 1951, S. 431). Alltägliche Deutungsmuster mögen gewisse Vorbehalte haben, ob Krank-Sein überhaupt als soziale Rolle formulierbar ist. Die Frage ist hier, ob es nicht einfach ein faktischer Zustand ist, in den man gerät. Entscheidendes Abgrenzungskriterium für die Parsonsche Handlungstheorie ist das das Vorhandensein eines Komplexes von institutionalisierten Erwartungen und der entsprechenden Emotionen und Sanktionen (vgl. Parsons 1951, S. 436). Parsons sieht vier Aspekte des Systems institutionalisierter Erwartungen, die sich auf die Rolle des Kranken beziehen: 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 13 2.3 Soziologische Aspekte der Konstruktion von Sucht als Krankheit 1. Die Befreiung von den normalen Rollenverpflichtungen, 2. die Gesundung ist nicht nur vom guten Willen des Betroffenen abhängig, 3. Kranksein ist unerwünscht, 4. Verpflichtungserwartung, sich sachkundiger Behandlung zu unterziehen. Zu 1: Die Befreiung von den normalen Rollenverpflichtungen erfordert eine Legitimation von und eine Legitimation gegenüber den verschiedenen sozialen Handlungspartnern. Es sei darauf verwiesen, dass die Legitimation krank genug zu sein, um von anderen sozialen Verpflichtungen entlastet zu sein, nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten des Erkrankten im Gefolge hat. Zu 2: Dass die Gesundung nicht über einen reinen Willensakt erreichbar sei, dies verweist auf eine Befreiung von Handlungsverpflichtungen des Betroffenen. D. h., man muss sich seiner und der Situation annehmen. Demnach muss sein Befinden und nicht nur seine Einstellung geändert werden. Solange die Krankheit dauert „kann er/sie nichts dafür“. Dieser Aspekt ermöglicht eine Brücke für die Annahme von „Hilfe“. Zu 3: Parsons geht davon aus, Krankheit werde nur solange legitimiert, wie eindeutig anerkannt wird, dass sie ihrem Wesen nach ein unerwünschter Zustand ist, von dem man sich so rasch wie möglich erholen muss (Parsons 1967, S. 79). Die beiden erstgenannten Elemente der Legitimation der Krankenrolle sind somit in einem äußerst folgenreichen Sinn an die Bedingung geknüpft, den entsprechenden Willen „gesund zu werden“ zu haben, bzw. zu zeigen. Die Legitimation der Krankenrolle ist somit nur bedingt gültig, insofern der Kranke sich anerkanntermaßen in einem unerfreulichen Zustand befindet, von dem er hofft, dass er so schnell wie möglich überwunden ist. 14 Zu 4: Mit der Verpflichtungserwartung, sich fachkundige Hilfe, d. h. in der Regel ärztliche Hilfe, zu holen ist auch die Erwartung verbunden, mit den Behandelnden zu kooperieren. So fügt sich in diese Sicht, dass die Rolle des Patienten in einer komplementären Rollenstruktur zu der der Behandelnden steht (vgl. Parsons 1951, S. 437). Aus der beschriebenen Perspektive zeichnet sich die institutionalisierte Krankenrolle in hohem Maße durch Motivationskomponenten aus, die die Bedeutung der Rolle erhöhen können. Soziale Kontrolle muss sich so nicht nur auf die Feststellung bestimmter Sachverhalte sowie auf mögliche Abweichungen von diesen fokussieren. Die Krankenrolle kann für die Betroffenen gewisse Privilegien und Freistellungen mit sich bringen (sog. sekundäre Krankheitsgewinne), die sie sichern und erhalten möchten. Die soziale Forderung nach einer ausgleichenden, kompensierenden Motivierung, die sich im erkennbaren Genesungswillen zeigt, erhält so besonderes Gewicht. Solche „Motivationsausgleiche“, die für das soziale System von großer Bedeutung sind, unterliegen in der Regel einer institutionellen Kontrolle, Krank-Sein bildet davon keine Ausnahme (vgl. Parsons 1951, S. 438). Relevant ist weiter, bei der sogenannten Krankenrolle handelt es sich um eine kontingente Rolle, das heißt, sie markiert eine Situation, in die im Prinzip jeder geraten kann, gleichgültig welcher sozialer Status in anderen Umfeldern eingenommen wird. Damit wird der Kranke als nicht verantwortlich für seine Lage betrachtet (vgl. Parsons 1951, S. 440), es gilt die Maxime „er/sie kann nichts dafür“. Dies gilt auch für Missgeschicke oder Unfälle. Entscheidend ist, dass er/sie den Krankheitszustand nicht allein durch Willenskraft beheben kann. Zur sozialen Dimension von Krankheit gehört aus dieser Sichtweise, dass sie ein Zustand ist, der entweder spontan – „von selbst“ – wieder in Ordnung kommt oder bei dessen Eintreten der/die Betroffene etwas zur Überwindung etwas unternehmen muss. 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 15 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert Es wird davon ausgegangen, dass der Patient in die Lage geraten ist, die gesellschaftlich als nicht selbst verschuldet definiert ist. Die oben ausgeführten sozialrechtlichen Gegebenheiten legen aber nahe, dass dies im Fall der Suchterkrankung nicht umstandslos vorausgesetzt werden kann. Bezieht man die oben aufgeführten Gesichtspunkte von Parsons auf die Sucht als Krankheit, so fällt auf, dass der Aspekt „Kranksein ist unerwünscht“ und „Erwartung an die Betroffenen sachkundige Hilfe aufzusuchen“ sich mit den Handlungsorientierungen von vielen Suchtkranken nicht ohne weiteres in Einklang bringen lassen. Die geforderte Krankheitseinsicht und der geforderte Genesungswille ist für die Betroffenen aber auch für ihr soziales Umfeld oft über längere Zeiträume, z. T. Jahre, nicht erkennbar. Entsprechend verzögert sich die Inanspruchnahme fachkundiger Hilfe. Suchtkranke Menschen sind deshalb häufig in der Situation, dass ihnen, obwohl sie krank sind, aufgrund der Spezifik dieser Erkrankung der sie entlastende Status „Krank-Sein“ abgesprochen wird oder dies zumindest als Drohung im Raum steht, mit allen negativen Konsequenzen. 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert der ambulanten Suchtkrankenhilfe im Rahmen des Systems Suchthilfe im Besonderen und im Rahmen des Systems der sozialen Sicherung im Allgemeinen Der Teil des Systems der sozialen Hilfen, der die Aufgabe hat die Krankheit Sucht zu vermeiden, zu überwinden oder ihre Folgen zu lindern ist nicht nur vielgliedrig, sondern auch fragmentiert. Wie in anderen Teilen des Systems der sozialen Sicherung, soweit sie soziale 16 Dienstleistungen vorhalten und realisieren, finden sich unterschiedliche Akteure, unterschiedliche sozialrechtliche Zuständigkeiten, unterschiedliche Träger und somit unterschiedliche Verantwortlichkeiten für die Finanzierung und für die Versorgung mit entsprechenden Hilfen. Soweit es sich um verberuflichte Angebote und Hilfen handelt, d. h. soweit sie jenseits der Selbsthilfeangebote angesiedelt sind, wird zwischen sehr unterschiedlichen Ansätzen unterschieden (DHS 2000, S. 22ff). So wird zunächst der Bereich der niedrigschwelligen Angebote und der Schadensreduzierung erwähnt. Die hier in Rede stehenden Suchtberatungsstellen schließen in ihrer Motivations- und Vermittlungsarbeit an diese an. Die Betroffenen können sich aber auch direkt an diese wenden. Typischerweise soll sich die Entgiftungs- oder Entzugsbehandlung hieran anschließen. Ihr folgt die Entwöhnungsbehandlung. Hier soll die in der Entgiftung erreichte temporäre Abstinenz stabilisiert und die Abhängigkeit langfristig überwunden werden (ebda. S. 24). Sie kann ambulant, teil-stationär oder stationär durchgeführt. Diesem schließt sich die Weiterbehandlung und die Nachsorge an. Für die Angebote der Nachsorge sind wieder die Suchtberatungsstellen zuständig. Von besonderem Stellenwert sind hier aber neben den rein therapeutischen Angeboten, die Bereiche Wohnen und Arbeit. Diese, der sozialen Dimension des Reha-Prozesses zurechenbaren Bereiche, sind nach allen vorliegenden Erkenntnissen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit z. B. Sommerfeld u. a. 2011, Sommerfeld u. a. 2016, Rüegger 2011, Arnold u. a. 1993) für die Stabilisierung des Erfolgs von zentraler Bedeutung. Allerdings liegen sie nicht mehr im Verantwortungsbereich der Träger der GKV und GRV. Die sich hier abzeichnenden Aufgaben verlangen nach umfassenden Kooperationen. Insofern ist die Arbeit der Suchtberatungsstellen in einen ebenso umfassenden wie komplexen Hilfeprozess eingebunden, wozu unter dem Gesichts- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 17 punkt der Teilhabe am Arbeitsmarkt auch die Kooperation mit den sogenannten Jobcentern (gem. SGB II) gehört. 2.4.1 Zur Entwicklung der ambulanten Suchtkrankenhilfe Die ambulante Suchthilfe gründete historisch auf die Arbeit der überwiegend ehrenamtlich tätigen Abstinenzvereine. Deren Angebote wurden von den Betroffenen nach einem Aufenthalt in einer Heilanstalt oder anstatt eines Aufenthalts von den Betroffen in Anspruch genommen (Spode 2012, S. 158). Bis zum zweiten Weltkrieg, gab es in Deutschland keine spezifische, für Sucht zuständige Berufsgruppe. Soweit es sich um Fürsorgetätigkeiten handelte wurde diese von Beamten und ehrenamtlichen Helfern geleistet. Bei der Gesundheitsfürsorge stand die Bekämpfung von Volkskrankheiten im Mittelpunkt. Hierzu zählte auch der sogenannte Alkoholismus (Weber 1926, S.118f). In Zusammenarbeit mit diesen staatlichen Fürsorgestellen wurden z. B. von Seiten der protestantischen Abstinenzbewegung (z. B. Guttempler und Blaukreuz) „Trinkerheilanstalten“ gegründet. Ihre ehrenamtlichen HelferInnen führten auch Hausbesuche durch (Spode 2012, S. 159). Die ebenfalls zum Teil ehrenamtliche Arbeit in den Abstinenzvereinen war zunächst durch die Berufsgruppen von Theologen, Diakonen, aber auch zum Teil von Ärzten geprägt. (vgl. Helas, 1997, S. 158), aber „seit der Nachkriegszeit strömten immer mehr Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in das nun verberuflichte Feld der Suchtkrankenhilfe. Sie wurden zu wesentlichen Trägern der Professionalisierung …“ (ebd.). Als Meilenstein im gesellschaftlichen und institutionellen Umgang mit Menschen mit substanzbezogenen Problemen kann sicherlich die schon erwähnte Anerkennung der Alkoholsucht als Krankheit im 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 18 Jahr 1968 gesehen werden. Nach dem wegweisenden Urteil des Bundessozialgerichtes war eine Entwicklung zu beobachten, die unterschiedlichen, historisch gewachsenen Angebote weg von einzelnen Versorgungssträngen hin zu einem Versorgungssystem zu entwickeln. Gleichzeitig gab es aber auch Differenzierungen und Erweiterungen (vgl. Landesstelle für Suchtfragen Rheinland-Pfalz, 2012: 5). So wurde in den 70er Jahren aufgrund des zunehmenden Konsums von illegalen Suchtmitteln eine Erweiterung des Hilfeangebots für Drogenabhängige als nötig erachtet, die als Parallelstruktur zu den Angeboten für Alkoholabhängige eingerichtet wurde (vgl. Schmid 2003). Eine weitere Markierung bedeutete die sogenannte Suchtvereinbarung vom 20. November 1978, bei der die Rentenversicherungsträger (GRV) und die Krankenversicherungsträger (GKV) eine Vereinbarung zur Kostenübernahme für die Entgiftungs- und die Rehabilitationsbehandlung trafen. Diese sah zunächst vor, dass für die Entgiftungs- oder Entzugsbehandlung die Träger der GKV die Zuständigkeit haben und die Verantwortung tragen. Die Zuständigkeit und die Verantwortung für die sogenannte Rehabilitationsbehandlung liege demnach bei der GRV. Hierdurch wurde eine Regelversorgung für Abhängigkeitskranke für diese beiden Versorgungsbedarfe möglich, gleichzeitig wurden die Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche der zu diesem Zeitpunkt als notwendig erachteten Hilfen benannt. Diese erfolgten im Rahmen der Selbstverwaltung der zuständigen Träger der Sozialversicherungen und beruhten nicht auf gesetzgeberischen Maßnahmen. Projiziert man diese Konstellation auf den Dreiklang für Wohlbefinden der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der eine biologische, eine psychische und eine soziale Dimension vorweist, die auch bei der Vermeidung oder Überwindung der Krankheit Sucht eine wichtige Rolle spielt, so wird schnell offenbar, dass die soziale Dimension bei der Empfehlungsvereinbarung zunächst keine Rolle spielen sollte. In späteren Jahren wurde das Angebotsspektrum um verschiedene 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 19 Hilfeformen der sogenannten Nachsorge erweitert. Hierfür trägt die GRV die Verantwortung. Ein systematischer Einbezug der Dimension „Arbeit“, etwa dadurch, dass auch die Träger der SGBen II und III (bzw. ihrer Vorläufer) in eine Empfehlungsvereinbarung einbezogen wurden, unterblieb. Ganz zu schweigen von der Dimension „Wohnen“. Daran wollte der Gesetzgeber auch scheinbar nichts ändern und so ist es, zumindest was die Gesetzeslage angeht, auch bis zum heutigen Tag geblieben. So hat die Kritik am Status quo des Systems der sozialen Hilfen, soweit sie sich auf die Krankheit Sucht bezieht, ihre Berechtigung, wenn sie darauf verweist, dass von einer proportional gesehen zu starken Ausrichtung des Hilfesystems an psychotherapeutischen und medizinischen Hilfen auszugehen sei. Sozialtherapeutische Hilfen gebe es demgegenüber in viel zu geringem Ausmaß und keineswegs bedarfsadäquat (Frietsch 2000, S. 199). Als ein Indikator (unter anderen) wird die große zahlenmäßige Diskrepanz zwischen der Zahl der sogenannten Entwöhnungsbehandlungen pro Jahr und der Zahl an Plätzen in sogenannten Arbeitsprojekten angesehen (ebda. S. 190). Eine andere Facette der Gestaltung der Hilfelandschaft, die die Institution der Suchtberatungsstelle tangiert, sind die gerichtlichen Auseinandersetzungen, bei denen die Ziele der Rehabilitationsbehandlung, soweit sie in der Verantwortung der GRV steht, im Mittelpunkt standen. Dabei standen sich die Zielvorstellungen „Arbeitsfähigkeit“ einerseits, „Arbeitstätigkeit“ andererseits gegenüber. Durch zwei höchstrichterliche Entscheidungen des Bundessozialhilfegerichts in Kassel wurde schon 1994 festgelegt (Aktenzeichen 13 RJ 49/93 und 13 RJ 79/93), dass die berufliche Wiedereingliederung in eine Dauerarbeitsstelle das zentrale Ziel des Rehabilitationsprozesses zur sozialen Integration und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sei. Die Gesamtverantwortung liege danach bei dem zuständigen Träger der Gesetzlichen Rentenversicherung. Die Beschlüsse legten „Arbeitstä- 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 20 tigkeit“ letztlich als das anzustrebende Ziel der Rehabilitationsmaßnahmen fest (Frietsch 2000, S. 197f). Auch de jure erfuhr die soziale Dimension des Rehabilitationsprozesses hiermit die Würdigung und Anerkennung, die von der Sache her eigentlich naheliegend ist. Heute umfasst das Suchthilfesystem ein stark differenziertes sich ergänzendes Leistungsangebot für verschiedenste Suchtformen. Ein zahlenmäßig großer Bereich wird von den ambulanten Suchtberatungs- und Behandlungsstellen repräsentiert. Im Zuge der Verberuflichung wurden von Fachgesellschaften der Suchthilfe zahlreiche Standards formuliert (z. B. FDR 2005; DHS 1999). 2.4.2 Zur Rolle, zur Funktion und zum gesellschaftlichen Auftrag von Suchtberatungsstellen im System Suchthilfe Eine Beschreibung der Aufgaben der ambulanten Suchthilfe bietet die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in der Frage der Stellung der ambulanten Suchtkrankenhilfe im Behandlungsverbund mit stationären Hilfen. Sie beschreibt die Aufgaben eher deskriptiv wie folgt: „Psychosoziale Beratungsstellen sowie Suchtberatungs- und Behandlungsstellen haben eine zentrale Aufgaben bei der Beratung und Betreuung Abhängigkeitskranker und sind zentrale Anlaufstellen. Sie unterstützen Betroffene beim Aufbau der Motivation, Hilfe anzunehmen, erstellen Hilfepläne und vermitteln in weiterführende Angebote (Böhl u. a. 2010, S. 7). Damit wird hinsichtlich der Rolle und des Auftrags sehr stark die Vermittlung in andere Einrichtungen betont, eine Vermittlungsfunktion definiert. Zu den traditionellen Standardleistungen in diesem Bereich gehören die sogenannte (Erst-) Beratung und die Vermittlung in weiter- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 21 führende Hilfen und die und Unterstützung bei der Beantragung insbesondere suchttherapeutischer Leistungen. Dieser Prozess (die Beantragung dieser Leistungen nach SGB VI) umfasst in der Regel eine ärztliche Diagnose und Erhebung eines ersten medizinischen Befundes zur Feststellung des Hilfebedarfs, die Ermittlung des zuständigen Kostenträgers und die Erstellung eines „aussagekräftigen, fachgerecht erstellten“ Sozialberichtes, dessen Inhalt in Anl. 9 zu § 13 SGB VI (Anlage 3 zur Vereinbarung „Abhängigkeitserkrankungen“ vom 04.05.2001 beschrieben ist. Die Gesamteinschätzung und Festlegung der Therapieform und -dauer erfolgt durch den medizinischen Dienst der Kostenträger. Die Erstellung des Sozialberichtes inkl. der dafür erforderlichen Datenzusammenstellung und der gemeinsamen Festlegung der Therapieziele sowie ein Vorschlag für eine Einrichtung der Entwöhnungsbehandlung wird in der Regel von den Fachkräften der Sozialen Arbeit vorgenommen (vgl. § 6 der Anlage 6 zum § 13 SGB VI). Für eine Vermittlung in das System der Rehabilitation wird vom Träger der Rentenversicherung zentral festgelegt, welche KlientIinnen aus welchen Gründen für eine Rehabilitationsbehandlung in Frage kommen und welche von den Leistungen ausgeschlossen sind. Die Rede ist von „Rehabilitationsfähigkeit“ (Deutsche Rentenversicherung Bund 2013, S. 34f.). In diesem Zusammenhang spielt die „Abstinenz“ von Suchtmitteln eine zentrale Bedeutung. Die GRV geht davon aus, dass nur durch die Abstinenz eine Überwindung der Krankheit Sucht – mit all ihren negativen Begleitumständen möglich sei. Insofern wird hier eine Dichotomie konstruiert, die Zwischenstufen ausschließt – tertium non datum. Eine glaubwürdige Darstellung der Motivation zur Abstinenz ist von zentraler Bedeutung. Sie wird als Indikator der Rehabilitationsfähigkeit definiert und sie gilt als Voraussetzung zur Wiederherstellung von Leistungsfähigkeit und Teilhabe (§ 2 Vereinbarungen „Abhängigkeitserkrankungen“). Ein Aspekt hiervon ist, der Rentenversicherung gelten die graduell konstruierten Fähigkeiten des Klienten, die Absti- 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 22 nenz zu halten, als zentrales Kriterium für die Form der Rehabilitation: stationär, ganztägig ambulant oder ambulant. Die erste Indikationsstellung hierzu wird von dem den Rehabilitationsantrag einleitenden niedergelassenen Arzt formuliert. Eine ausführliche Begründung hierzu, auf Grundlage von detaillierten Erhebungen zu den biographischen Daten wird von der Fachkraft in der Suchtberatungsstelle im Rahmen der Erstellung des sog. Sozialberichts erwartet. Die endgültige Entscheidung trifft der medizinische Dienst des Rehabilitationsträgers. Der Kostenträger der Rehabilitation, die Rentenversicherungsträger, sieht für die Wahrnehmung der zahlreichen Vermittlungsaufgaben in Rehabilitation vor allem die Suchtberatungsstelle als zuständige Institution an, obwohl sie nicht in seiner Kostenträgerschaft steht. Trotz der wichtigen Vermittlungs- und Brückenfunktion für die Aufnahme einer Reha-Behandlung stattet er sie aber nicht mit Ressourcen dafür aus, da für die Erstellung des Sozialberichts keine Kostenerstattung vorgesehen ist. Ein Unterschied wird allerdings bei den ärztlichen Leistungen gemacht. Es besteht somit keine reziproke Beziehung zwischen Leistungsanforderung und Alimentierung der Leistung durch den Anforderer der Leistung. Diese Art von Leistung (hier: Selbstklärung, Motivierung, Beratung zur Auswahl einer für den speziellen Fall angemessenen rehabilitativen Maßnahme) gilt nicht als Pflichtleistung der Kommunen. Sie hat vielmehr den Status einer sogenannten freiwilligen Leistung und ist somit von Seiten des Trägers und des kommunalen Kostenträgers her zu legitimieren. So ist es naheliegend, dass die Träger der Suchtberatungsstelle Einflussnahmen von Seiten der Kommune zum Beispiel über die Zuteilung der erforderlichen Ressourcen ausgesetzt sind. Vor diesem Hintergrund wurde im Sinne einer „Leistungserbringung aus einer Hand“ ein Versuch unternommen, diese ausgelagerte Zuständigkeit für die Vermittlung in Rehabilitation in ärztliche Hausarztpraxen zu verlegen. Ein Modellversuch, der erproben sollte diese Art der Vermitt- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 23 lung über die Praxen von niedergelassenen Ärzten laufen zu lassen endete in einem Fiasko (Frankhänel u. a. 2014, S. 57). In Bezug auf das hier interessierende Fragestellung kann somit festgehalten werden, dass die erfolgreiche Vermittlung in Suchtrehabilitation nicht einfach durch administrative Vorgaben zu erreichen ist. Die Ergebnisse des Modellversuchs machten sehr klar, dass der Institution der Suchtberatungsstelle hier noch eine andere als eine formal-administrative Rolle zukommt. Im Unterschied zu den in den Modellversuch einbezogenen Ärztepraxen lag deren Vermittlungsquote in Rehabilitation immerhin bei 48 % (35 % in stationäre und 13 % in ambulante Rehabilitation (Braun et al. 2016). Hierdurch wird plausibilisiert, dass die Motivation für eine Veränderung auf Seiten der Betroffenen das Ergebnis eines ebenso komplexen wie dynamischen Interaktionsprozesses zwischen der Fachkraft und den Betroffenen ist. Ein solches Ergebnis lässt sich nicht auf administrativem Weg verordnen, die Vermittlung ist offenbar kein trivialer Prozess. Eher am Rande sei noch erwähnt, die Bemühungen, die Behandlungspfade zu optimieren und die Antrittsquote weiter zu erhöhen dauern an. Dies zeigt sich auch in einem aktuellen Beitrag, der das sog. „Nahtlos“-Verfahren der Vermittlung aus dem qualifizierten Entzug in die Rehabilitation als Optimierung der Suchthilfe einordnet und dabei auf die zu erwartende Rahmenempfehlung der Rentenversicherung Anfang 2017 diesbezüglich verweist (Gehrkens 2016). Es wird die wichtige Scharnierrolle oder die Brückenfunktion der Suchtberatungsstellen zwischen den Teil-Systemen eines Rehabilitationsprozesses deutlich einerseits. Andererseits steht dies allerdings in einem Spannungsverhältnis zu der eher prekären finanziellen Sicherung dieser Institution (siehe unten). Zu dieser Befundlage passt, dass es keinerlei systematische Bedarfsermittlung für diese Leistungen gibt, wie sie hingegen beispielsweise für Leistungen gem. SGB VIII gesetzlich vorgeschrieben sind. 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 24 Die Suchtberatungsstelle stellt ganz allgemein betrachtet eine sogenannte Schnittstelle in Form eines dafür spezialisierten Dienstes dar. In zahlreichen fach-(politischen) Beschreibungen von Aufgaben zu Zuständigkeiten von Suchtberatungsstellen (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen 1999; Böhl u. a. 2010; Hessische Landesstelle gegen die Suchtgefahren 2000; Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen 2015) wird korrespondierend zu der eingangs erwähnten Fokussierung auf Vermittlung eine lineare Sichtweise zur Arbeitsweise von Suchtberatungsstellen konstruiert. In diesen Darstellungen gilt sie als Ort der Beratung, Vermittlung und Motivierung von Klient_innen. Ihr wird dabei der Status eines „Zulieferers“ für Rehabilitation und andere weiterführende Angebote von Suchthilfe – dem „Eigentlichen“ – zugewiesen. Suchtberatung ist in diesen Konzeptualisierungen eine lediglich auf Zuarbeit zu den „eigentlichen“ Maßnahmen ausgerichtete Tätigkeit. Darin drückt sich de facto eine Hierarchisierung aus, in der die Suchtberatung abgewertet wird, bzw. eine Nicht-Anerkennung erfährt. Dass der Beratungs- und Vermittlungsprozess in hohem Maße voraussetzungsvoll ist, wie in einer aktuellen Studie eindrücklich belegt (vgl. Hansjürgens 2018), wird in der hierarchisierenden Würdigung unterschlagen. Es gab in der Vergangenheit eine Reihe von Ansätzen die Aufgabengebiete von Suchtberatungsstellen und ihren (gesellschaftlichen) Auftrag umfassender zu konzipieren. Der Komplexität und des möglichen, von der Sache her gebotenen Umfangs der Aufgabengebiete versuchte man damit gerecht zu werden. Dies zeigt sich an Aufgabenbeschreibungen, die zwei Fachverbände zusammengestellt haben und die über die eingangs erwähnte Aufgabenbeschreibung hinausgehen. Dies ist einmal die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), die 1999 eine umfassende Aufgabenbeschreibung zusammenstellte (DHS 1999) sowie der Fachverband Drogen und Rauschmittel (FDR), der eine solche Übersicht einige Jahre später vorstellte (FDR 2005). 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 25 Es soll hier primär das Papier der DHS (1999) herangezogen werden, da es als das umfangreichere angesehen werden kann. Betrachtet man die dort (S. 6f) aufgeführten einzelnen Leistungsbereiche so findet sich: • Prävention, • Schadensminimierung, • Aufsuchende Maßnahmen, • Beratung, • Psychosoziale Betreuung, • Behandlung/Rehabilitation, • Integrationshilfen, • Ergänzende Angebote. Hieran wird mehreres deutlich: Es zeigt sich eine große Zahl von Leistungsbereichen, die jeweils noch einmal durch Unterpunkte gegliedert und dort beschrieben werden. So umfasst der Bereich „Beratung“ die Bereiche Informationsvermittlung, problemorientierte Beratung, Vermittlung. Bleibt man aber zunächst bei den oben aufgeführten acht Bereichen, so wird deutlich, dass ein eindeutiges semantisches Profil auf den ersten Blick nur schwer auszumachen ist. So kann gefragt werden, was die Schadensminimierung von den aufsuchenden Maßnahmen oder der Beratung unterscheidet. Denn die beiden Letztgenannten sollen sicher auch Schaden verhindern oder minimieren helfen. Die ähnliche Struktur zeigt sich innerhalb der Oberbereiche. Betrachtet man wieder Beratung: Wo genau liegt der Unterschied zwischen Informationsvermittlung, problemorientierter Beratung und Vermittlung? Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf. In dem Papier finden sich zwar nähere Beschreibungen, so zu Beratung auf den Seiten 46ff. Aber auch hier bleibt ein großer Raum für unterschiedliche Interpretationen. Wer also füllt diesen, soll ihn füllen? De 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 26 facto dürfte dies „vor Ort“ entschieden werden, d. h. bei dem einzelnen Träger des Angebots, der einzelnen Einrichtung, dem jeweiligen Team, ja vielleicht auch nach dem Ermessen der einzelnen Fachkraft. Abschließend sei noch erwähnt, dass beide Papiere keine Aussage über eine personelle oder sachliche Mindestausstattung der ambulanten Beratungsstellen (personell: Umfang, Qualifikationen, sachlich: Räume, Lage) formulieren. Man darf vermuten, dies war kein Versehen sondern hatte systemische Gründe. Es zeichnet sich ab, dass es wohl sachhaltige Gründe für eine erweiterte Perspektive auf die Aufgaben der Institution Suchtberatungsstelle gibt, sachhaltig deshalb, weil sie den vielfältigen Gegebenheiten und Folgen der Krankheit Sucht versuchen Rechnung zu tragen. Neben die eingangs erwähnte Vermittlungsfunktion treten so plausibel weitere Aufgaben. Zur Rolle, zur Funktion und zum gesellschaftlichen Auftrag von und an Suchtberatungsstellen ist demnach festzuhalten, dass einerseits von einer Fokussierung auf die Vermittlungsfunktion auszugehen ist. Andererseits sind zu dieser wiederum zahlreiche weitere Aufgaben getreten. Sie alle sind allerdings nur bedingt klar semantisch profiliert. So gibt es eine grobe Orientierung zu ihrem Auftrag, die aber eher die Gestalt eines mehr oder weniger allgemeinen Rahmens hat, siehe oben. Innerhalb dieser Rahmung besteht eine relative Unbestimmtheit hinsichtlich der Auftragsdurchführung, d. h. eine relative Unbestimmtheit über die Art und des Umfangs dazu, wie der Rahmen konkret, d. h. vor Ort gefüllt werden soll. Der Auftrag ist somit als relativ mehrdeutig zu charakterisieren. Wenn der Auftrag eher mehrdeutig ist, dann werden es auch die Ziele und mit ihnen die Grade der Zielerreichung, oder des Erfolgs, sein. Ob dies nur für dieses Feld so gilt, das soll hier offen bleiben. Die Institution und ihre Geldgeber stehen somit vor der Frage, wenn man die Tätigkeit zu Zwecken der Legitimität oder der Kontrolle in Kennzahlen abbilden wollte, so bieten sich nur wenige Kategorien an, die als rela- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 27 tiv eindeutig angesehen werden. Dies wäre z. B. die Zahl der KlientInnen, die Zahl der Kontakte mit diesen KlientInnen oder eben die Zahl der Vermittlungen in andere Institutionen, jeweils pro Zeiteinheit, z. B. in einem Kalenderjahr. 2.4.3 Zur Finanzierung der ambulanten Suchtberatung Die Finanzierungsstrukturen in der ambulanten Suchthilfe können als relativ komplex und heterogen bezeichnet werden. Dies liegt wie oben beschrieben an den vielfältigen Möglichkeiten den Beratungsstellenauftrag zu definieren und entsprechend zu refinanzieren. Im Unterschied zu der oben genannten Entwöhnungs- und Entgiftungsbehandlung, für die die GKV die Kostenverantwortung hat und der oben genannten Entwöhnungsbehandlung, für die die GRV die Leistungs- und Kostenverantwortung hat, ist für die ambulante Arbeit der Beratungsstelle keine gesetzliche Sozialversicherung zuständig. Eine Ausnahme stellt die Arbeit der Nachsorge (nach einer Entwöhnungsbehandlung) dar. Hier besteht – wie erwähnt – eine Kostenverantwortung bei der GRV. Die Durchführung erfolgt im institutionellen Rahmen einer Suchtberatungsstelle. Das Regelwerk zur Grundlage dieser Nachsorge wird entsprechend von der GRV festgelegt. Indem sie die Hilfeleistungen der Nachsorge finanziert, nimmt die GRV mehr oder weniger großen Einfluss auf die Institution der Suchtberatung. Für die Suchtberatungsstellen lassen sich zwei große Finanzierungsstränge ausmachen: Zum einen zählen hierzu steuerfinanzierte Leistungen nach den SGBen IX und XII, sowie (falls vorhanden) den ÖGDGen der Länder. Das Land Rheinland-Pfalz formuliert hier keine spezifischen Vorgaben, anders verfährt hier das Land Nordrhein-Westfalen, das 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 28 z. B. in § 16 Abs. 2 ÖGDG (Hilfen der unteren Gesundheitsbehörde für Abhängigkeitskranke) entsprechende Rahmenbedingungen formuliert. Alternativ oder ergänzend können sich in den Landesgesetzen für psychisch kranke Personen bestimmte Versorgungsaufträge für einschlägige Hilfen finden lassen. So z. B. Beispiel in den Gesetzen von Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen, wo jeweils gem. § 1 Abs. 2 dieser Gesetze als behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen die behandlungsbedürftigen Psychosen sowie andere behandlungsbedürftige Störungen und Abhängigkeitserkrankungen von vergleichbarer Schwere genannt werden. Die Finanzierung der Beratungsstellen erfolgt in der Regel auf Grundlage von sogenannten Leistungsverträgen zwischen den (freien) Trägern dieser Einrichtung einerseits, und den Kommunen und Bundesländern andererseits. Diese Leistungsverträge werden von den (freien) Trägern mit den jeweiligen Kostenträgern ausgehandelt. An diese Verträge sind häufig auch Bedingungen geknüpft wie z. B. die Teilnahme an der bundesweiten Dokumentation der erbrachten Leistungen im Rahmen des Deutschen Kerndatensatzes (KDS). Die Finanzierung erfolgt auf pauschaler Basis als Fehlbedarfsfinanzierung. Demnach wird ein bestimmter Personalumfang vorgehalten, zu dem vor allem Fachkräfte und in deutlich geringerem Umfang auch Verwaltungsfachkräfte gehören. Weiter kann die Bereitstellung von dezentralen Beratungsstunden in Ortsteilen oder in Jobcentern (gem. SGB II) – mit dem Ziel das Vermittlungshemmnis Sucht zu „beseitigen“ – dazu gehören. In der Regel sind die in den Leistungsverträgen definierten Leistungen für die Kommunen/Landkreise oder die Bundesländer sogenannte freiwillige Leistungen, für die außer den oben genannten Normierungen keine weiteren gesetzlichen Verpflichtungen bestehen. Sie können in Zeiten, wo die finanziellen Spielräume der öffentlichen Träger als knapp gelten, vom Umfang her stagnieren oder auch gekürzt werden. 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 29 Prinzipiell anders verhält es sich mit den Leistungen, die im Rahmen der Gesundheitsversorgung, genauer der Rehabilitation von der Abhängigkeitserkrankung, von der ambulanten Suchtkrankenhilfe selbst erbracht werden. Diese Leistungen werden von dieser im Einzelfall mit dem Kostenträger (in der Regel die Deutsche Rentenversicherung) abgerechnet und sind an bestimmte Strukturbedingungen geknüpft. Zu nennen sind hier insbesondere eine fachärztliche Ein- und Ausgangsdiagnostik, die Durchführung der therapeutischen Einheiten durch VDR-anerkannte und regelmäßig weitergebildete TherapeutInnen. Diese Versorgungsstrukturen müssen vom Träger vorgehalten werden, damit diese Leistungen abgerechnet werden können. Häufig werden die vom Reglement zwingend vorgeschriebenen ärztlichen und psychologischen Leistungen stundenweise „eingekauft“ und die therapeutischen Leistungen von Fachkräften der Sozialen Arbeit mit Zusatzausbildung erbracht. Zusammengefasst bleibt festzuhalten, dass die verschiedenen Finanzierungsmodi, von deren Zuwendungen die Arbeit der Suchtberatungsstelle abhängt, zwei völlig unterschiedlichen Logiken folgen, die von den Fachkräften der Beratungsstellen befolgt werden müssen, die zusätzlich eine ambulante Rehabilitation als Leistung anbieten. Sie wirken möglicherweise für die einzelne Fachkraft als unüberschaubar, und sie sind auf der Meso-Ebene oft nur unzureichend aufeinander abgestimmt. Ihre Leistung wird auf der Ebene der Beratung und Vermittlung zwar gefordert aber weder finanziell honoriert noch fachlich durch eine zugestandene Definitionsmacht anerkannt. Legt man als Vergleichsmaßstab die Leistungen nach SGB VIII zugrunde, so finden sich große Unterschiede. SGB VIII formuliert eine Reihe von sehr unterschiedlichen Leistungen (als personenbezogene soziale Dienstleistungen), zu denen u. a. die Tätigkeiten der Kinderbetreuung im Rahmen von Kitas gehören, die ambulanten und stationären erzieherischen Hilfen, berufsintegrative Angebote 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 30 u. v. a. m. Neben dem vergleichsweise umfassenden Leistungskatalog wird aber auch ein verantwortlicher Träger genannt, in der Regel die kommunale Ebene, ferner wird dem verantwortlichen Träger durch den Gesetzgeber aufgetragen, regelmäßig den Bedarf nach den verschiedenen Angeboten und Hilfen zu ermitteln und das tatsächliche Angebot darauf hin auszurichten. Nichts davon findet sich für die Institution der Suchtberatungsstelle. Ihre wichtige Funktion wird nicht nur von niemandem bestritten, sie wird im Gegenteil von nahezu allen beteiligten Akteuren ausdrücklich hervorgehoben, einschließlich der Träger der rehabilitativen Leistungen. In starkem Kontrast dazu steht der Grad der Verbindlichkeit, diese Einrichtungen zu implementieren und sachangemessen, d. h. bedarfsorientiert mit Ressourcen (personell, sachlich) auszustatten. So besteht für Einrichtungen dieses Typs die paradox anmutende Situation, dass ihre gesellschaftliche Bedeutung nahezu unbestritten ist und es kein funktionales Äquivalent gibt, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung aber hingegen relativ unbestimmt bleiben. Dies erfolgt nach einer Orientierung an den budgetären Gegebenheiten der verantwortlichen Geldgeber, Kommunen und Bundesländer, aber nicht nach einer Orientierung an den Bedarfen der möglichen Zielgruppen der Hilfen. In dieses Bild passt, dass sich nur grobe Orientierungen für die zu leistenden Aufgabenarten (siehe DHS 1999, FDR 2005) und den zu realisierenden Aufgabenumfang finden. Abschließend sei noch auf die Verteilung der Berufsgruppen in der ambulanten Suchtkrankenhilfe eingegangen. Sie wird jährlich vom Institut für Therapieforschung im sogenannten Deutschen Kerndatensatz erfasst. Die folgenden Zahlen aus dem Jahr 2016 (vgl. Braun u. a. 2016, Tab. E 13) beziehen sich zu 98 % auf ambulante Beratungs- und Behandlungsstellen, wobei einschränkend zu sagen ist, dass zwischen legalen und illegalisierten Suchtmitteln als Beratungsschwerpunkt nicht unterschieden wird. So ist aus der Gruppe der Fachkräfte (ohne 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 31 Verwaltungskräfte) mit 73 % die Berufsgruppe der SoziarbeiterInnen und SozialpädagogInnen zu nennen, danach mit 12 % die Gruppe der PsychologInnen gefolgt von der Gruppe der PädagogInnen, SozialwissenschaftlerInnen und SoziologInnen mit ca. 8 %, danach kommen die Ärzte mit 2 %. Alle weiteren Berufsgruppen sind mit unter 1 % in der Nennung zu vernachlässigen. Für diese Untersuchung bedeutet dies, dass zu erwarten sein müsste, dass die Fachlichkeit in der Herangehensweise an die Arbeit mit Suchtkranken durch den Habitus der Sozialen Arbeit mitgesteuert werden könnte. 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 33 3. Methodisches Vorgehen 3.1 Zur Fragestellung Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Aufgaben Sozialarbeiterinnen im Kontext ambulanter Suchthilfe wahrnehmen und wie sie diese bearbeiten. Die Frage der Bearbeitung soll hier in die Frage nach der Haltung den Klienten gegenüber, nach dem Wissen, welches eingesetzt wird und nach dem Können der Fachkräfte der Soziale Arbeit in ihrem praktischen Tun (Spiegel 2011) operationalisiert werden. Diese Fragen zu klären ist von Bedeutung, da aufgrund der prinzipiellen Nicht-Standardisierbarkeit der Tätigkeit, mit der u. a. Anerkennungsfragen verbunden sind, die Frage im Raum steht, wie die von den Fachkräften getroffenen Entscheidungen begründet werden können und wie sichergestellt werden kann, ob und wie die Gegebenheiten der Gesamtsituation erfasst werden (Sommerfeld et al., 2011). Weiter ist von Interesse, ob und wie die soziale Dimension der Suchterkrankung in der subjektiven Sichtweise der Fachkräfte repräsentiert ist, sie ihre eigenen fachlichen Entscheidungen treffen oder ob sich die Mitarbeiterinnen der Suchthilfe als Zuarbeitende für einen medizinisch-psychologisch dominierten Behandlungskontext verstehen (das „Eigentliche“), bei dem die soziale Seite nicht genügend beachtet wird. 34 3. Methodisches Vorgehen Des Weiteren soll versucht werden zu klären, ob es eine Besonderheit gibt, wie Fachkräfte der Sozialen Arbeit ihre Aufgaben in der ambulanten Suchtkrankenhilfe wahrnehmen und wenn es diese Besonderheiten gibt, ob sie sich einordnen lassen in Elemente einer Theorie der Profession Sozialer Arbeit. 3.2 Sampling Aus Gründen der thematischen Stringenz sollte in dieser Bearbeitung der Schwerpunkt bei Fachkräften liegen, die in Beratungsstellen arbeiten, die Abhängige von legalen Suchtmitteln als Zielgruppe haben. Die Stichprobe bestand daher aus MitarbeiterInnen entsprechender Einrichtungen. Um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurden GesprächspartnerInnen im Bereich eines Raumes mit einem Einzugsgebiet von ca. 300.000–350.000 Einwohnern gefunden. Die Stellen liegen z. T. in einem Flächenkreis und sind daher z. T. dezentral organisiert. Darüber hinaus liegen alle Beratungsstellen in einem westlichen Bundesland, um von einer einheitlichen Rechtslage in Bezug auf die Finanzierung ausgehen zu können. Es kamen 5 Interviews mit 3 weiblichen und zwei männlichen Fachkräften zustande. Die Fachkräfte waren zum Zeitpunkt der Interviews (2013) zwischen 36 und 56 Jahren alt. Es handelt sich um festangestellte MitarbeiterInnen dieser Einrichtung, sie wiesen zwischen 10 bis 27 Jahren an Berufserfahrung im Feld der Suchthilfe auf, davon 4–27 Jahre im untersuchten Tätigkeitsgebiet. Die Interviewpersonen sind primär im Aufgabengebiet der allgemeinen Versorgung eingesetzt und nicht in einem Spezialfeld (z. B. Betreutes Wohnen, Prävention, ambulante Therapie), wobei berufliche Vorerfahrungen der untersuchten Personen in diesen Feldern teilweise vorliegen. Es war angezeigt, ein exploratives Design zu wählen, das 35 3.3 Auswertung dazu geeignet ist, aus einer rekonstruktiven Beschreibung des konkreten Tuns im Rahmen eines qualitativen Designs empirisch gehaltvolle Kategorien zu generieren. Daher wurde als Erhebungsmethode ein leitfadengestütztes Experteninterview mit festangestellten Sozialarbeitern der operativen Ebene (Helfferich 2009 und Bogner 2009) gewählt. Als Bezugstheorie wurde die Theorieskizze Sozialer Arbeit nach Sommerfeld et al. (2011 und 2016) gewählt. Sie konzeptualisiert Soziale Arbeit als Integrationsunterstützung im Falle von als problematisch wahrgenommenen Lebensführungssystemen. Weiter gab der Professionsidealtyp von Sozialer Arbeit, wie er von Becker-Lenz, Müller (2009) skizziert wurde, eine erste Orientierung. Eine nähere Befassung mit dem Komplex Professionalität und Soziale Arbeit wird in Kap. 5 vorgenommen. 3.3 Auswertung Für diesen Ergebnisbericht wurden drei Interviews der Stichprobe ausgewählt. Auswahlkriterium war das Ziel, für die Variablen Alter, Berufserfahrung im Feld, Zugang zur Suchtkrankenhilfe und Geschlecht maximal kontrastierende Merkmale zu realisieren. Die Interviews wurden in Anlehnung an Bohnsack (2003) transkribiert und in Anlehnung an das Konzept der sogenannten objektiven Hermeneutik nach Oevermann ausgewertet. In der Literatur sind hierzu unterschiedliche Verfahrensvarianten dokumentiert (vgl. Oevermann u. a. 1979, Oevermann u. a. 1980, Wernet 2009). Dem korrespondiert, dass das Wissen um den Kontext je nach Variante an unterschiedlichen Stellen der sequentiellen Feinanalysen eingebracht wird. Das methodische Vorgehen hier repräsentiert eine Schnittmenge der Vorgehensweisen, wie sie bei Oevermann u. a. 1980 und Wernet 2009 repräsentiert sind. Der Grund liegt darin, dass bei den genannten 36 Quellen die Auswertung von Interviewmaterial im Mittelpunkt der Analyse stand. Für die Auswertung wurden zunächst aus dem Interview und dem Nachinterview die sogenannten objektiven Daten (Oevermann u. a. 1980) ermittelt, teilweise rekonstruiert und extrahiert (Teil objektive Daten). Dem schloss sich eine paraphrasierende Verdichtung der Daten an. Ziel war es, eine erste Einschätzung zur Berufsbiographie der interviewten Fachkräfte im Feld der Suchtkrankenhilfe zu erhalten. Für die Feinanalysen wurden nicht die Interviews in ihrer Gänze herangezogen, sondern eine Auswahl, die sich am vorliegenden Material und an der Themenauswahl orientierte, die der Interviewleitfaden vorgegeben hatte. Formal betrachtet, es wird immer der Beginn des Interviews und der Schlussteil einbezogen. Thematische Kriterien für den Einbezug in die Feinanalyse waren: Die Berufsbiographie der Befragten soweit sie mit ihrer zum Befragungszeitpunkt ausge- übten Tätigkeit zusammenhing, die Beschreibung ihres Aufgabenfeldes und ihrer Stelle, eine Beschreibung der Klientinnen und Klienten, Fragen nach dem subjektiven Stellenwert von Fachwissen und Diagnostik. Weiter wurden Passagen ausgewählt, in denen es um die Spezifik von Sozialer Arbeit ging sowie um Fragen von Motivationen zur Tätigkeit, zu Erfolgen und zu Erfolgserleben. Weiter ging es um Aspekte der Qualität der Beratungsarbeit. Zum Teil ergaben sich dabei Überschneidungen. So ging es in dem einbezogenen Anfangsteil bei IP1 und IP3 thematisch um die Fragen des Berufszugangs, des Arbeitsalltags und eine Beschreibung der Klientinnen und Klienten. Bei IP5 ergaben sich Abweichungen. Die genannten Themen wurden aber berücksichtigt, soweit die Interviews hierfür Ausführungen machten. Im Anschluss an die fallbezogenen Feinanalysen wurde jeweils eine Hypothese im Sinne einer Verdichtung als Zwischenergebnis formuliert. Sie ist gleichsam die fallbezogene Antwort auf die Untersuchungsfrage. 3. Methodisches Vorgehen 37 Nach dem die so beschriebene Analyse für drei Interviews durchgeführt wurde, erfolgt die Skizzierung einer Synthese, die darlegt, was als die Schnittmenge der drei Auswertungen, was als das Gesamtergebnis der drei Interviewanalysen anzusehen ist. Es werden Hypothesen formuliert, die begründete Annahmen über das Allgemeine im Besonderen des Datenmaterials, im Sinne einer Rekonstruktion von Mustern, umreißen. Abschließend wird ein Fazit vorgestellt. 3.3 Auswertung 39 4. Ergebnisse 4.1 Der Fall IP33 Zur weiteren Bearbeitung sollen die sogenannten objektiven Daten von IP3 vorgestellt werden. Objektive Daten IP3 Geschlecht Weiblich Geb. 1976 in West-Deutschland Familienstand Verheiratet, keine Kinder Schulabschluss Abitur Studium 1997–2001 Sozialpädagogik Diplomarbeit mit empirischem Ansatz zum Thema Drogenkonsumierende Straßenprostituierte 3 In der hier vorgelegten Analyse wurde von der Reihenfolge IP1 bis IP5 abgewichen und aus eher zufälligen, als aus systematischen Gründen mit der Analyse dieses Interviews begonnen. 40 4. Ergebnisse Arbeit 2003–2004 Anerkennungsjahr in T. in einer stationären Entgiftung für Jugendliche, danach noch 6 Monate Weiterbeschäftigung 2004–2008 Tätigkeit in einer niedrigschwelligen Einrichtung für Abhängige von legalen Suchtmitteln mit Beratungsanteilen in einer Großstadt in West-Deutschland (Rückkehr in die Heimat aus privaten Gründen) 2008–2010 Stationäre Rehabilitation für Alkoholabhängige. Seit 2010 in der ambulanten Suchtberatung in Z. Diese arbeitet eng mit der stationären Reha, der vorherigen Arbeitsstelle von IP3, zusammen. Zusatzausbildung 2004–2006 systemische Beratung als „Handwerkszeug“. 2008–2009 von Seiten des VDR anerkannte Ausbildung in integrativer Therapie im Rahmen der Übergangsregelungen für VDR4-anerkannte Ausbildungen („Chance genutzt“) Jetzige Tätigkeit Inhalte: Beratung und ambulante Nachsorge nach Therapie Inhaltlich: Klärung von Auftrag und Suchtstatus und Motivation, ggf. suchtmedizinische und oder psychologische Diagnostik, problemzentrierte Beratung auch längerfristig (Begleitung) bei anhaltend ambivalenter Abstinenzmotivation, Vermittlung in Reha, Selbsthilfe, ärztliche Versorgung, Betreuungsangebote, andere sozialarbeiterische Hilfsangebote; 4 Verband deutscher Rentenversicherungsträger. 41 4.1 Der Fall IP3 Motivationsarbeit, Aufbau und Pflege eines Kooperationsverbundes mit Entgiftung und Reha, Aufbau und Pflege eines fachlichen Netzwerkes, Arbeit mit und in Zwangskontexten. Methodische Ansätze in der Arbeit: Einzelgespräche, Beziehungsarbeit, Netzwerkorientierung auf Klienten- (Mikro-) aber auch auf Mesoebene (fachliches Netzwerk), Informationsvermittlung, Casemanagement, Kooperationsgespräche, systemische Orientierung, biographische Orientierung, „therapeutische Elemente“, aufsuchende Arbeit, begleitende Arbeit. Ressourcen in den Rahmenbedingungen der Institution: Team zur Reflexion und Psychohygiene, Supervision, Fortbildungen, Fachlicher Austausch Kollegen 1 Leiter, auch zuständig für ambulante Reha 1 Kollegin (Sozialwissenschaftlerin) VDR anerkannte Ausbildung 1 Kollege (Sozialarbeiter) 1 Kollegin (Psychologin, Teilzeit) für ambulante Reha 1 Verwaltungskraft Zukunft Kann sich nicht vorstellen bis zur Rente in der Stelle zu arbeiten. Die Arbeit sei sehr anstrengend, man müsse gut auf sich aufpassen. Es sei eine Verschärfung der äußeren Rahmenbedingungen feststellbar, z. B. Nachsorge von ambulanter Reha getrennt zu machen sorge für Stress, Umstrukturierungen in der Stelle und für Unsicherheit. 42 Im Folgenden soll aufgrund der vorgelegten sogenannten objektiven Daten zunächst eine erste Interpretation zu diesen vorgestellt werden. Interpretation der objektiven Daten IP3 ist weiblich, zum Zeitpunkt des Interviews 37 Jahre alt und verheiratet. Kinder sind bisher aus der Ehe nicht hervorgegangen. Sie macht mit 21 Jahren Abitur, was die Verzögerung um ein Jahr begründet, soll hier nicht von Interesse sein. Mit dem Abitur hat sie viele Optionen. Sie wählt einen helfenden Beruf, der im Verhältnis von weit überproportional vielen Frauen gewählt wird und im ständischen Berufsgefüge Deutschlands als Fachhochschul-Ausbildung einige Möglichkeiten bietet. Im Unterschied zu anderen helfenden Berufen, die 1997 nur an einer Universität absolviert werden konnten, gehen mit dieser Ausbildung aber auch einige Begrenzungen einher, was sich u. a. an den Gehaltseingruppierungen des öffentlichen Dienstes ablesen lässt. Das Studium wurde über weite Strecken als eine Orientierungsphase genutzt. Zum Ende hin gibt es Kontakt zu einem Forschungsprojekt, das Drogen konsumierende Straßenprostituierte zur Zielgruppe hat. Hierüber wird die Diplomarbeit verfasst. Das Tätigkeitsfeld der Suchtkrankenhilfe weckt das Interesse von IP3. Sie möchte hier beruflich tätig werden. Zwischen dem Ende des Studiums 2001 und dem Beginn des Anerkennungsjahrs 2003 liegt ein ca. ein- bis zweijähriger Zeitraum nicht näher bekannter Aktivitäten. Das Anerkennungsjahr wird in einer stationären Entgiftungseinrichtung für Jugendliche absolviert. Sie bleibt damit im Feld der Suchtkrankenhilfe. Das Tätigkeitsfeld ist aber sicher sehr viel strukturierter und hochschwelliger als die Hilfeangebote für die Zielgruppe, mit der sich die Diplomarbeit beschäftigte. Der Arbeitgeber des Anerkennungsjahrs scheint mit der Arbeit von IP3 zufrieden gewesen zu sein. Wäre er dies nicht gewesen, wäre es wohl nicht zu der Weiterbeschäftigung nach dem Ende des Aner- 4. Ergebnisse 43 kennungsjahrs gekommen. Aus hier nicht näher bekannten Gründen wechselt IP3 zu einer neuen Arbeitsstelle in einer Großstadt in West- Deutschland, regional möglicherweise keine große Veränderung. Das Tätigkeitsfeld ist wieder die Suchtkrankenhilfe, nun aber eine niedrigschwellige Einrichtung für Konsumenten von legalen Drogen, sicher mehrheitlich im Zusammenhang von Alkoholkonsum. Niedrigschwellige Angebote für Alkoholkonsumenten werden für Menschen entwickelt, bei denen Prozesse der sozialen Ausgrenzung, der sozialen Randständigkeit und des materiellen Mangels weiter fortgeschritten sind, als bei dem Durchschnitt. Die Arbeit hier ist wahrscheinlich fordernder im Vergleich zur Arbeit in der Entgiftungseinrichtung. Dies rührt u. a. daher, dass sich beide Institutionen sich in ihrer Haltung gegenüber aktuellem Konsum strikt unterscheiden und im Fall des stationären Settings sehr viel reglementierter sein dürften, im Vergleich zur niedrigschwelligen Einrichtung. Weshalb der Wechsel hierher erfolgte – trotz anfänglicher Weiterbeschäftigung in der Entgiftung – bleibt unklar. Bemerkenswert ist, dass zeitnah eine Weiterbildung in systemischer Beratung begonnen wird und zwar als „Handwerkszeug“. Offenbar empfand IP3 ihr Studium und die Erfahrungen des Anerkennungsjahrs nicht als ausreichend für sich. Damit ist ein weites Themenfeld über Grenzen und Möglichkeiten sog. praxisorientierter Studiengänge angesprochen, das hier nicht weiter verfolgt wird. Nach vier Jahren erfolgt eine Verlegung des Lebensmittelpunkts weg von der Großstadt in West-Deutschland in „die Heimat“ aus privaten Gründen. Damit ist möglicherweise die Pflegebedürftigkeit eines nahen Angehörigen bezeichnet oder der Wunsch, mit dem Lebenspartner oder Ehemann zusammen zu wohnen oder anderes. Relevant ist hier, dass der regionale Wechsel mit einem Wechsel der Arbeitsstelle einherging. Mit der Aufnahme der neuen Berufstätigkeit war aber kein Wechsel in ein anderes Tätigkeitsfeld im Allgemeinen, der Sozialen Arbeit im Besonderen verbunden. Die Option, in ein ande- 4.1 Der Fall IP3 44 res Feld zu wechseln, z. B. die Jugendhilfe, wurde nicht realisiert. Mindestens zwei Möglichkeiten sind an dieser Schaltstelle denkbar. IP3 wollte gerne wechseln, es war aber kein adäquater Arbeitsplatz zu finden oder: IP3 wollte gerne in der Suchtkrankenhilfe bleiben. Es handelt sich hier um eine stationäre Therapieeinrichtung für Alkoholabhängige und damit wieder um ein hochschwelliges Hilfeangebot mit Abstinenzanspruch, was ein relativ starkes Kontrastprogramm zu der Tätigkeit in der Großstadt bedeuten dürfte. Hier wird mit Klienten gearbeitet, die über deutlich mehr Ressourcen verfügen als die Adressaten in Hamburg. Im unmittelbaren Einzugsgebiet des neuen Tätigkeitsfelds von IP3 befindet sich eine ambulante Beratungsstelle für AdressatInnen, die Probleme mit dem Konsum (oder Nichtkonsum) von Alkohol haben. Zwischen beiden Einrichtungen besteht mit dem Chefarzt der Rehaklinik eine Personalunion zur Beratungsstelle. Er ist der Arzt der ambulanten Reha. Nach zwei Jahren wechselt IP3 von der Klinik in die Beratungsstelle. Ihre Klinikstelle war möglicherweise befristet. Wie lange ist unklar. Der Chefarzt der Klinik war aber offenbar so angetan von der beruflichen Qualifikation von IP3, dass er den Träger der Beratungsstelle für eine Anschlusstätigkeit von ihr überzeugen kann. Offen bleibt, ob IP3 lieber im stationären Setting weiter gearbeitet hätte. Seit 2010 arbeitet IP3in der Beratungsstelle. Sie verfügt über eine neunjährige Berufserfahrung im Suchtbereich. Dabei hat sie sehr unterschiedliche Settings kennengelernt. Hinzuweisen ist auch noch auf ihre weitere Zusatzausbildung. Nach dem Wechsel in die Rehaklinik macht sie eine Ausbildung in integrativer Therapie, eine Ausbildung, die – dies legen die Daten nahe – bei ihrem Arbeitgeber die Möglichkeit eröffnet, als therapeutische Fachkraft tätig zu werden, die auch die notwendige Anerkennung durch den Leistungsträger, die Rentenversicherungsträger, hat. Sie ermöglicht sich hiermit ein therapeutisches Aufgaben- und Berufsfeld. Sie 4. Ergebnisse 45 kommt hier in Tätigkeitsbereiche, deren Fachkräfte sich auch oder überwiegend aus anderen Hochschulausbildungen rekrutieren als Soziale Arbeit, etwa Psychologie. In diesem Fall hat IP3 eine ähnliches Berufs- und Aufgabenfeld wie Absolventen von Universitätsausbildungen. Eine eigene Frage wäre hier, ob und inwieweit sich dies in der Zuordnung zu entsprechenden Vergütungsgruppen niederschlägt. Unter „jetzige Tätigkeit“ führen die objektiven Daten zwei Bereiche auf. Hier ist zu klären was ist Beratung, was ist ambulante Nachsorge nach Therapie? Unter „Beratung“ ist eine Vielzahl von Leistungen und Angeboten zu verstehen. Sie wird, wenn keine vorrangige Leistungsverpflichtung eines Trägers der gesetzlichen Kranken- oder Rentenversicherung besteht, subsidiär durch die örtlichen Träger der Sozialhilfe, evtl. ergänzend der Kinder- und Jugendhilfe, geleistet. Der örtliche Träger hat hier je nach Zuständigkeit die Planungs- und Gesamtverantwortung. Rechtlich gesehen ist Beratung so eine Form der Sozialhilfe, hier in Gestalt der persönlichen Hilfe (z. B. gem. § 10 SGB XII). Klärungsbedürftig ist, dazu finden sich hier keine Hinweise, welche formalen Voraussetzungen die Fachkräfte vorweisen müssen, die „Beratung“ leisten dürfen. Ähnliches gilt für „ambulante Nachsorge nach Therapie“. Therapie ist eine vorrangige Leistung der Träger der gesetzlichen Krankenund Rentenversicherung. Zum Leistungsumfang einer medizinischen Rehamaßnahme kann auch die ambulante Nachsorge gehören. Die Voraussetzungen, die Fachkräfte vorweisen müssen, sind formal in „Gemeinsames Rahmenkonzept der Deutschen Rentenversicherung und der Gesetzlichen Krankenversicherung zur Nachsorge im Anschluss an eine medizinische Rehabilitation Abhängigkeitskranker vom 31. Oktober 2012“ festgelegt. Hier werden auch die Anforderungen an Fachkräfte der Sozialen Arbeit beschrieben (Ziffer 5.1: Personelle Mindestanforderungen an eine Nachsorgeeinrichtung). 4.1 Der Fall IP3 46 Näherer Erläuterung bedarf auch, was unter „suchtmedizinische und oder psychologische Diagnostik“ zu verstehen ist. Dies klärt sich eventuell im Interview. Die Begrifflichkeiten verweisen zumindest auf Bereiche, die weit jenseits einer fachlichen und inhaltlichen Zuständigkeit von sozialer Arbeit liegen. Sie können aber mit der Rolle der Suchttherapeutin kompatibel sein. IP3 arbeitet in einem Team. Für den Bereich „ambulante Reha“ sind zwei Fachkräfte zuständig. Sie hat auch seitens des VDR eine entsprechende Zulassung. Sie ist damit die von den Rahmenrichtlinien geforderte dritte Fachkraft. Allerdings arbeitet sie nicht in dem Feld. Eine Kollegin ist von der Ausbildung her Diplom-Psychologin, der andere wird nur als „Leiter“ ausgewiesen. Seine akademische Qualifikation ist noch zu klären. Hier wird davon ausgegangen, dass er kein Arzt und kein Diplompsychologe ist. Für dieses Angebot gibt es einen zuständigen und verantwortlichen Arzt, nämlich den Chefarzt der Klinik, an der IP3 bis 2010 gearbeitet hat. Zu klären wäre, in welchem Verhältnis der Leiter und die Psychologin zu ihm hinsichtlich der Fach- und Dienstaufsicht stehen. Die Berufsbiographie von IP3 zeigt im Rahmen der Tätigkeit in der Rehaklinik eine Wahrnehmung von therapeutischen Aufgaben durch Fachkräfte, die von ihrer Hochschulausbildung eine Ausbildung in Sozialer Arbeit vorweisen. Im Rahmen der Berufstätigkeit in der Beratungsstelle übt IP3 nicht mehr diesen expliziten therapeutischen Auftrag in der Berufsausübung aus. Dieser zeigt sich in der Beratungsstelle aber bei der Psychologin und dem Leiter. Ob er ebenfalls eine Fachkraft für Soziale Arbeit ist, dies geht aus den objektiven Daten nicht hervor. Das gemeinsame Rahmenkonzept für ambulante Reha der Träger lässt dies zu5. Als Bedingung wird hier genannt, 5 Siehe „Gemeinsames Rahmenkonzept der Deutschen Rentenversicherung und der Gesetzlichen Krankenversicherung zur ambulanten medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitskranker vom 3. Dezember 2008“. 4. Ergebnisse 47 das die Leitung des Reha-Teams ein Arzt inne haben muss und dem Team mindestens ein/e Psychologe/in angehören muss. Alle genannten Berufsgruppenangehörigen brauchen einschlägige therapeutische Ausbildungen und berufliche Vorerfahrungen. Im vorliegenden Fall arbeiten IP3 und der Leiter (Sozialarbeiter?) im ambulanten Setting, er mit einem expliziten therapeutischen Auftrag. Hier ist es die sogenannte ambulante Reha, im Unterschied zur stationären Reha. Insofern sind auch Fachkräfte der Sozialen Arbeit im ambulanten Setting der Reha im Rahmen von vorrangigen Leistungsgewährungen nach den SGBen V und VI tätig. In der gleichen Institution arbeiten Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die nicht im Rahmen der vorrangigen Sozialleistungsgewährung tätig werden, sondern dies im Rahmen der subsidiären und nachrangigen Leistungen tun. Allerdings: Findet ambulante Reha unter „einem Dach“ mit anderen suchtbezogenen Hilfeleistungen statt, so legen die Rahmenempfehlungen der Leistungserbringer eine organisatorische Trennung von den übrigen Leistungsbereichen fest. Analyse des Interviews mit IP3 Im Folgenden wird das Interview in Form einer Feinanalyse sequentiell analysiert. Die Analyse beginnt mit der Einleitungssequenz, die hier von Minute 00:40 bis 06:53 reicht. Weiter unten werden weitere Teile des Interviews einer Feinanalyse unterzogen. Ihre Auswahl bestimmt sich nach den Überlegungen zu Thematisierungen, wie sie in Kapitel 3 skizziert wurden. Das Vorgehen soll eine erste vorläufige Antwort geben auf die Untersuchungsfrage: Wie ist die Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung? 4.1 Der Fall IP3 48 S.I.: Wie sind Sie zur Suchthilfe gekommen, wie kam das eigentlich?#00:00:40–6#6 Das Interview beginnt mit einer allgemeinen Frage, die auf die Entwicklung des beruflichen Werdegangs zielt. Dabei werden zwei Fragen gestellt, wobei der zweite Frageteil nach keinem zusätzlichen Inhalt zielt, sondern eine Redundanz bedeutet. Er hätte auch weggelassen werden können, ohne dass von dem abgefragten Inhalt etwas unberücksichtigt geblieben wäre. IP3: Ja (.) das ist, glaub ich gar nicht so einfach zu beantworten. Die Antwort verweist darauf, dass der Weg von IP3 zur Suchthilfe nicht geradlinig verlaufen ist. Danach war aber nicht gefragt. Möglicherweise liegt bei Ihrer Entscheidung eine mehr oder weniger starke Ambivalenz zu Grunde, die auch Quelle der Einschätzung ist, nicht bis zur Rente in der Suchthilfe bleiben zu wollen (siehe objektive Daten). Entgegen der Einschätzung von IP3 ließen sich sehr wohl die Stationen aufzählen. Also ich hab mich für Sozialarbeit erst so über Umwege, weil ich auch nicht so genau wusste was ich machen sollte und bin dann quasi erst so zum Ende des Studiums so in die Suchthilfe geraten. Die Vermutung einer Ambivalenz wird nicht nur nicht widerlegt, sondern erfährt eine Bestätigung. Der Studienwunsch Soziale Arbeit war offenbar nicht die erste Wahl, sondern das Ergebnis eines Umwegs. IP3 hat Abitur und hätte theoretisch auch Maschinenbau oder Jura studieren können. Sie gibt eine gewisse Orientierungsbedürftigkeit 6 Um die Orientierung darüber zu erleichtern, welche Passagen im Interview betrachtet werden, finden sich die Zeitangaben wiedergegeben, wie sie auch in die Transkription aufgenommen wurden. Diese werden jedoch nur ausgewiesen, wenn ein Redebeitrag beendet wurde. Ist dies nicht der Fall, handelt es sich um einen Teil einer Interviewpassage. Die obenstehenden Zahlen bedeuten in diesem Beispiel, dass diese Äußerung nach ca. 40 Sekunden des Interviewbeginns gemacht wurde. 4. Ergebnisse 49 zu erkennen, die für diesen Lebensabschnitt – hier allgemein gesprochen – typisch ist. Der Bedarf nach Orientierung setzt sich auch im Studium fort. Suchthilfe als mögliches Handlungsfeld sieht sie erst zum Ende des Studiums für sich. Dies ist aber in ihren Worten nichts, was Sie gewählt hat, sondern etwas, in das sie geraten ist. Mit dem „Hineingeraten“ stellt IP3 sich passiv dar, so als trage sie dafür keine Verantwortung. Möglicherweise hatte sie eine andere Präferenz, z. B. Altenhilfe, es ergaben sich aber keine Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Wortwahl bedeutet eine verdichtende Wiedergabe des Prozesses von der Studienwahl bis zur Wahl des Arbeitsfeldes. Ich hab die Diplomarbeit über Straßenprostituierte in X geschrieben und das fand ich (.) äußerst spannend erst mal auf das Feld zu gucken, weil wir mit vielen Hilfsorganisationen da zusammengearbeitet haben. IP3 benennt die Zielgruppe, um die es in ihrer Diplomarbeit ging. Dieses Projekt stieß auf großes Interesse bei ihr. Interessant war für sie die Betrachtung (oder Analyse) des Feldes, zu der auch die Kooperation mit Hilfsorganisationen gehörte. Festzuhalten ist, die Rolle der Betrachterin ist für sie spannend. Sie ist noch nicht in der Rolle einer Praktikerin, obwohl Sie im Rahmen eines praxisorientierten Studiums ausgebildet wurde. Interviews geführt haben, mit verschiedenem Klientel, und darüber hab ich so – son bisschen Einblicke bekommen und hab mich dann direkt auch für das Anerkennungsjahr in der Suchthilfe entschieden und bin bis heute dabei geblieben (lacht). #00:01:32–9# Sie nimmt noch einmal den forschenden Anteil auf. In ihrer Darstellung werden aber wieder zwei Rollen verdichtet vorgestellt: Die Rolle der Forscherin und die Rolle der Praktikerin. Beide folgen aber in ihrer Anwendung unterschiedlichen Logiken. Die Forscherin ist im 4.1 Der Fall IP3 50 Feld der Suchtkrankenhilfe weitgehend handlungsentlastet. Die Praktikerin im Feld der Suchtkrankenhilfe muss handeln. IP3 begründet ihre Hinwendung zur Suchtkrankenhilfe so: Weil ich als Forscherin das Feld interessant fand, habe ich mich als Praktikerin dafür entschieden. Diese Vermengung kann sich als Fehlschluss herausstellen, der auf einer Fehldeutung beruht. Ihre Vermengung der unterschiedlichen Ebenen begründet das „in Etwas geraten zu sein“. Sie beendet ihre Darstellung dazu, wie sie zur Suchthilfe gekommen ist, mit dem Hinweis darauf, dass sie sich für ihr Anerkennungsjahr für das Feld der Suchtkrankenhilfe entschieden habe und bis heute dabeigeblieben sei. Festzuhalten ist, IP3 kam offensichtlich zur Suchtkrankenhilfe aufgrund eines Missverständnisses. Das Lachen soll dies überdecken. S.I.: Und waren Sie schon immer nur in dieser Einrichtung, oder waren Sie auch in anderen Einrichtungen? Die Interviewerin bringt ein neues Thema ein. Das Thema einer möglicherweise hoch ambivalenten Studien- und Berufswahl wird nicht weiter verfolgt. Die Frage zielt auf die berufliche Entwicklung und die beruflichen Erfahrungen. Das „nur“ in der Frage zeigt eine verdeckte Bewertung. Hätte IP3 ihr bisheriges Berufsleben an ihrer gegenwärtigen Arbeitsstelle gearbeitet, es wäre ein „nur“, d. h. dieser Umstand wäre nach bisher nicht explizierten Maßstäben nicht ausreichend. Die Frage besteht – ebenso wie die erste Frage – aus zwei Teilen, wobei die Beantwortung des zweiten Teils der Beantwortung des ersten Teils keine neuen Informationen hinzufügen könnte. Das Fragemuster wiederholt sich. IP3: Ne, ich war auch in anderen Einrichtungen. Die Befragte erklärt, dass das „nur“ für sie nicht zutrifft. 4. Ergebnisse 51 Also ich hab’ eigentlich so die Behandlungskette durch, wenn man das so sagen kann. Die Erzählung wird fortgesetzt. Die Tätigkeiten in anderen Einrichtungen umfassen Tätigkeiten der sogenannten Behandlungskette. Was aber ist die Behandlungskette? Im Vorgriff auf die nächste Frage der Interviewerin ist zu sagen, dies wird im Gespräch nicht geklärt. Es scheint der Interviewerin klar zu sein, um was es sich dabei handelt. Unter Rückgriffe auf Kontextwissen kann gesagt werden, dass diese selbst im Feld der ambulanten Suchtkrankenhilfe gearbeitet hat. Unter „Behandlungskette“ werden die verschiedenen Hilfeinstitutionen der Suchtrehabilitation verstanden (sie wurden oben, Kap. 2, vorgestellt. Dazu gehören sogenannte niedrigschwellige Einrichtungen, Beratungsstellen, Entgiftungsbehandlungen, die medizinische Rehabilitation, Nachsorge bis hin zum Übergang in Erwerbstätigkeit. Die objektiven Daten zeigen, dass die Metapher weitgehend stimmig ist. Allerdings fehlt die letzte Stufe bzw. die letzte Phase. Diese sind im Hilfesystem aber äußerst rudimentär vertreten. Die Tätigkeiten und Angebote werden den Leistungen gem. den SGBen II und III überlassen. Diese letzte Phase ist zugleich eine hochkomplexe Phase. Damit sie im Sinne der Klienten gelingen kann wird ein Akteur außerhalb des Hilfesystems benötigt: Der Arbeitgeber, mit dem ein privatrechtlicher Vertrag zu schließen ist. Dies bedeutet zum Einen, die Realisierung des Ziels der beruflichen Rehabilitation kann also durch die Elemente und Akteure des Hilfesystems allein nicht erreicht werden. Dies bedeutet zum Anderen, für die Hilfestellungen bei der Vollendung der Inklusion in das Alltagssystem „Erwerbstätigkeit“ ergibt sich auf der Grundlage der Sozialgesetzgebung in Deutschland keine Zuständigkeit mehr bei den Trägern der Gesetzlichen Sozialversicherungen, einschließlich der Träger gem. SGB II oder SGB III. Im zweiten Satz kommt eine Einschränkung. Man kann den Satz in der Tat so nicht sagen, denn IP3 lernte die Institutionen der Behand- 4.1 Der Fall IP3 52 lungskette nicht als Klientin/Patientin kennen sondern als Fachkraft. Der erste Satz bedeutet eine Ironisierung. Sie setzt sich mit den Adressaten gleich. Er kann aber auch bedeuten, a) nach 10 Berufsjahren ist die Gefahr groß, dass man wie die Klienten wird, b) dass IP3 sich nicht von den Klienten absetzen kann. Beide Aspekte können struktureller Art sein, die etwas mit dem Tätigkeitsfeld zu tun haben. Sie können aber auch persönliche Anteile bezeichnen, die sich zunächst nur bei IP3 finden. An dieser Stelle soll aber weiter sowohl dem Begriff „Behandlungskette“ als auch seiner Verwendung durch IP3 noch mehr Aufmerksamkeit zukommen. Gibt man den Begriff in eine Internet-Suchmaschine ein, so legt das Ergebnis nahe, dass der Begriff aus dem Bereich der medizinischen Behandlung stammt. Teilweise finden sich auch Hinweise aus dem Bereich der Suchttherapie. Der Begriff ist aus zwei Worten zusammengesetzt. Nimmt man den ersten Teil – „Behandlung“ – so wird hier auf Tätigkeiten und Aktivitäten fokussiert, die helfen sollen, einen unerwünschten Zustand zu beenden. Beispiele finden sich in der ambulanten oder stationären medizinischen Behandlung. Projiziert man dies auf die Krankheit Sucht, so wäre die Behandlung die Entgiftungsbehandlung und anschließend die stationäre oder ambulante Rehabilitationsbehandlung. Hinzuzuzählen wäre noch die Nachsorge. Je nach Vorgeschichte der Patienten ist auch ein Übergang in Erwerbstätigkeit nötig, um von einem gesicherten Behandlungsergebnis ausgehen zu können. Aber zählt das noch zur Nachsorge? Deutsche Obergerichte sagen ja, die Praxis nimmt dies eher zögerlich auf. Dieser Inklusionsbereich endet häufig faktisch mit einer Vermittlung an sogenannte Jobcenter gem. SGB II. Ohne den Übergang in Erwerbstätigkeit ist der Erfolg des „Eigentlichen“ aber bedroht (vgl. u. a. Sommerfeld u. a. 2011). „Behandlungskette“ ist sicher eine im Kontext des Handlungsfeldes häufig verwen- 4. Ergebnisse 53 dete Metapher. Sie ist aber irreführend, verkürzend und falsch. Dies ist hier offenbar nicht präsent. Die Frage ist, nur hier? Blickt man auf die andere Seite des zeitlichen Ablaufs eines Rehabilitationsprozesses, so liegen dort Zuständigkeiten von sogenannten niedrigschwelligen Einrichtungen und von Suchtberatungsstellen. Deren Arbeit wird anerkanntermaßen als eine wichtige Vorstufe oder Vorarbeit zur Aufnahme einer Behandlung gesehen. Diese Tätigkeiten gelten aber nicht als Behandlung, sondern nur als eine „Ermöglichung“ einer Behandlung. Der Begriff der „Behandlungskette“ unterschlägt aber diese essentielle Vorarbeit. Er bildet insofern die Realität der institutionellen Gegebenheiten und der Finanzierung ab. Die Behandlung ist eine Leistung der Gesetzlichen Kranken- oder Rentenversicherung. Die Vorarbeiten hierzu werden als öffentliche Gesundheitsleistung, z. B. PsychKG, finanziert, sie gehören der Fürsorge an. Und dieser im Begriff „Behandlungskette“ ausgeblendete Bereich ist ein Tätigkeitsfeld, in dem überwiegend Fachkräfte der Sozialen Arbeit tätig sind. Das zweite Teil-Wort „Kette“ impliziert ein Ineinandergreifen verschiedener Glieder, die zudem sequentiell zueinander stehen. Die Kette muss durchlaufen werden, ein Überspringen einzelner Elemente ist nicht vorgesehen. Dieses sich aus den Zuständigkeiten um die Finanzierung herleitende rigide Reglement steht in Widerspruch zu Erkenntnissen der Suchtforschung (z. B. Amering/Schmolke 2012, Brast-Ulrich 2010, Preuß-Ruf 2012) und zu sozialarbeiterischen Prinzipien wie z. B. der Ganzheitlichkeit. Hieraus kann sich für Fachkräfte der Sozialen Arbeit ein Spannungsverhältnis zwischen der hegemonialen Sichtweise und eigenen fachlichen Überzeugungen und Orientierungen ergeben. IP3 übernimmt hier die Sprache der bestimmenden Instanzen. Eine eigene sozialarbeiterische Haltung stellt sie hinten an. Es ist zu fragen, ob sie diese an anderer Stelle zu erkennen gibt. 4.1 Der Fall IP3 54 Also ich hab angefangen im Anerkennungsjahr, in ‘ner Entgiftung – qualifizierte Entgiftung für Kinder und Jugendliche, bin dann in ‘ner Beratungsstelle gewesen, die eher aber auch niederschwellige Arbeit angeboten hat mit so ‘m Treffpunktcafé ähm(.) hab dann(.) ähm(.) in ‘ner Fachklinik für Alkohol- und Medikamentenabhänge, hab da auch ‘ne therapeutische Zusatzausbildung gemacht in der Zeit und bin jetzt seit gut drei Jahren hier in der Beratungsstelle. Zunächst ein methodischer Hinweis: Hier wurde eine relativ lange Textpassage wiedergegeben, was für das Verfahren eigentlich ungewöhnlich ist. Der Grund liegt darin, dass hier die Beschreibung der „Behandlungskette“ erfolgt, die keine neuen Informationen liefert und schon aus den objektiven Daten bekannt ist. S.I.: Mhm, was sind jetzt hier ihre Aufgaben, hier in der Beratungsstelle? #00:02:11–0# Wieder wird ein neues Thema angeschnitten. Nach dem ambivalenten Weg in die Suchtkrankenhilfe und dem Durchlaufen der Behandlungskette wird in der dritten Frage das dritte Thema eröffnet. Es zeigt sich das bisherige Muster der Verdopplung in der Frageformulierung. IP3: Vor allen Dingen Beratung. Also es geht darum, (.) ähm Erstgespräche zu führen, Klienten, erstmal natürlich zu schauen im, im Ersten, wo, wo stehen sie, wo, wo, wo wollen sie auch, woher kommen sie denn, zu klären was notwendig, Vermittlung, also Vermittlung natürlich, auch je nach dem wohin, also kommt auf die Problembereiche an: Entgiftung, in Therapien je nachdem, wie die Problemfelder sind, auch Schulden, Jugendamt, manchmal auch in die Richtung. Die Antwort beginnt sehr allgemein. Dass eine Beratungsstelle Beratung zu ihren Aufgaben zählt, dies ist eigentlich naheliegend. Dann folgt eine Aufzählung von Tätigkeiten und Aufgaben. Es wird ein fle- 4. Ergebnisse 55 xibles Vorgehen geschildert, das von seinem Selbstanspruch her die Belange und die Situation in den Mittelpunkt stellt. Wo steht der Klient, welche Wünsche, Bedarfe äußert er, wo will er hin. Die hier vorgestellten Aktivitäten beziehen sich auf Klienten, die erkennbar an einer Veränderung ihrer Situation – und das heißt auch an einer Ver- änderung ihrer derzeitigen Konsummuster – Interesse haben. Wir haben aber auch so ‘ne Art dauerhafte Betreuung, das heißt Klienten, die schon sehr lange da sind oder vielleicht auch chronifizierter sind als andere, da ‘ne langfristigere Begleitung anzubieten, also bisschen differenzierter noch von Beratung, sondern wirklich eher in die Begleitung, vielleicht auch schon ‘n Stück weit niedrigschwelliger zu gucken, nicht immer so den, ähm, abstinenzorientierten Fokus zu haben, also manchmal wirklich, da gehts wirklich auch wirklich auch um Schadensreduzierung. #00:03:27–2# Es wird eine zweite Gruppe von Klienten bezeichnet, die Gruppe, die keinen oder einen hoch ambivalenten Wunsch nach Veränderung zu erkennen gibt. Für diese Gruppe ist das Angebot der sogenannten „langfristigen Begleitung“7 vorgesehen. Es wird aber noch etwas 7 IP3 spricht in ihrer Antwort von einer „langfristigen Begleitung“, die es anzubieten gelte. Es handelt sich hierbei um keinen Fachbegriff, der in genauerer Weise konzeptualisiert wäre. Bei der Tätigkeit, die hier zugrunde gelegt wird, handelt es sich um Aufgaben, die im Rahmen der Arbeit mit KonsumentInnen von illegalen Drogen mit dem Begriff der „akzeptierenden Arbeit“, der „harm reduction“ oder der „Schadensreduzierung“ belegt wurden. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG 2019) führt hierzu aus: „Überlebenshilfen oder Maßnahmen zur Schadensreduzierung (…) stabilisieren die gesundheitliche und die soziale Situation des Suchtkranken. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für einen späteren Ausstieg aus der Sucht.“ Die Stellungnahme des Ministeriums legt keineswegs fest, dass Hilfen zur „Schadensreduzierung“ nur die KonsumentInnen von illegalen Substanzen zur Zielgruppe hat. Ähnlich auch die Position der International Harm Reduction Association (IHRA 2010). Sie formuliert: „Harm Reduction bezieht sich auf Maßnahmen, Programme und Praktiken, die in erster Linie darauf abzielen die negativen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen des Gebrauchs von legalen und illegalen Drogen zu re- 4.1 Der Fall IP3 56 genannt, das vorläufig als Haltung bezeichnet werden soll, nämlich den „abstinenzorientierten Fokus“ an den Tag zu legen oder nicht. Bei der zuletzt genannten Gruppe passiert das nicht, oder zunächst nicht. Auf den „abstinenzorientierten Fokus“ wird verzichtet, von ihm wird abgesehen, wenn es um Schadensreduzierung geht. Hier wird etwas angesprochen, was an anderer Stelle auch als Zielhierarchie in der Suchtkrankenhilfe bezeichnet werden kann (Körkel/Kruse 1993). Die Aktivitäten von IP3 und ihrer Einrichtung zur Suchtbegleitung scheinen aber sehr begründungsbedürftig zu sein. Die zweimalige Verwendung von „wirklich“ im Zusammenhang mit der Schadensbegrenzung zeigt dies an. Zu fragen ist, ob die Frage nach der Legitimation von Begleitung als Schadensbegrenzung nur für IP3 oder für ihre Einrichtung oder auch darüber hinaus gilt? Dies wäre eigentlich verwunderlich. Schadensminimierung wird in den Leistungskatalogen von DHS (1999) und FDR (2005) ausdrücklich vorgesehen. Auch die von IP3 bezeichnete „Begleitung“ ist unter dem Begriff der „problemorientierten Beratung“ zu finden. Als Vermutung soll zunächst folgendes formuliert werden: Interventionen der duzieren, ohne dabei zwangsläufig das Ziel einer Reduzierung des Drogenkonsums zu verfolgen“. Um die Personengruppe der KonsumentInnen von illegalen Drogen geht es hier natürlich erklärtermaßen nicht. Dennoch lassen sich Analogien zwischen den KonsumentInnen von illegalen und legalen psychotropen Substanzen finden. Der Verweis von IP3 auf eine anzustrebende „Schadensreduzierung“ soll hier als Beleg gelten. In den Aufgabenbeschreibungen von Suchtberatungsstellen der Fachverbände wie Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und Fachverband Drogen und Rauschmittel (FDR) finden sich keine Tätigkeitsbeschreibungen, die als „langfristige Begleitung“ bezeichnet werden (siehe DHS 1999 und FDR 2005). Dort findet sich aber die Beratungsstellenaufgabe der „problemorientierten Beratung“, die eine relativ große Schnittmenge zu dem aufweist, was IP3 als „langfristige Begleitung“ bezeichnet. Eher alltagssprachlich wird von Fachkräften auch der Begriff der „Stabilisierung“ verwendet. Für die hier im Kontext von „Schadensreduzierung“ vorgestellten Worte und Bezeichnungen, soll in der weiteren Analyse der Begriff der „Suchtbegleitung“ verwendet werden (siehe Kap. 2.4.2). Neuere Vorschläge formulieren in diesem Zusammenhang das Konzept der „Zieloffenen Suchtarbeit“ (vgl. Körkel/Nanz 2016). Inwieweit es hier Schnittmengen gibt, das soll hier offen bleiben. 4. Ergebnisse 57 ambulanten Suchtberatung, die suchtbegleitend angelegt sind, d. h. auf den abstinenzorientierten Fokus verzichten, galten lange Zeit als „suchtverlängernd“. Diese Markierung wurde aber ohne triftige empirische Belege vorgenommen. Insofern zeigt sich hier möglicherweise ein Nachhall von sehr dogmatisch geführten fachlichen Diskussionen zu angemessenen Haltungen, Orientierungen und Interventionen in der Suchtkrankenhilfe. Ist dies hier der Fall, dem wäre nachzugehen. Ein anderer Gesichtspunkt ist der nach dem Aufwand von Suchtbegleitung und seinem Ergebnis, soweit dieser nach außen darstellbar ist. Wie ist der Aufwand – bei knappen Kassen – legitimierbar? Zumal das „Eigentliche“ der Behandlungskette auf Abstinenz zielt. So sieht § 2 der Vereinbarung „Abhängigkeitserkrankung“ vom 4. Mai 2001 vor, dass u. a. Abstinenz zu erreichen und zu erhalten ist. Die „problemorientierte Beratung“, die „Begleitung“ steht, nach der Äußerung von IP3 offenbar in einem Zielkonflikt, vielleicht bei ihr persönlich, wahrscheinlich aber in ihrer Einrichtung und in Einrichtungen dieses Typs. Die Tätigkeit der „Begleitung“, der Suchtbegleitung, ist möglicherweise nicht so gut dokumentierbar und könnte die Legitimation der Tätigkeit und der Einrichtung erschweren, aber dies ist hier nicht plausibilisiert. Der Zwiespalt, den IP3 hier repräsentiert, könnte aber auch mit den Ressourcen der Einrichtung zu tun haben. Bezogen auf das Hilfesystem zeichnet sich ab, dass sich der Konflikt zwischen einer Bedarfsorientierung und einer Budgetorientierung sowohl auf der Ebene der Einrichtungen als auch auf der Ebene der Fachkräfte manifestiert. S.I.: Ahja. Gibts hier in der Beratungsstelle auch noch andere Aufgaben als das was Sie jetzt beschrieben haben? #00:03:33–2# Die Frage knüpft an das Vorgestellte an, aber es wird wieder etwas Neues aufgerufen. Die bisherigen Themen werden nicht aufgenommen. 4.1 Der Fall IP3 58 IP3: Ja, es gibt die ambulante Reha noch.(.) Also als ein einen wichtigen Bereich auch. Also zwei Mitarbeiter führen hier die ambulante Reha durch. Wir haben zwei Gruppen im Moment, eine in Y. eine in Z. Neben der Beratung, der Vermittlung und der Begleitung wird noch die sogenannte ambulante Reha als wichtiger Tätigkeitsschwerpunkt aufgeführt. Was macht ihn dazu? Man kann vermuten, dass hierdurch weitere Mittel erschlossen werden, zusätzlich zu den kommunalen Mitteln und den Landes-Zuschüssen. Der Geldgeber der ambulanten Reha (die GRV) formuliert aber sehr strenge Voraussetzungen an die Beratungsstellen, damit sie finanziert werden können. Sonst sind wir (.) vorrangig für die Beratungsarbeit zuständig. #00:03:52–6# Nach der ambulanten Reha wird wieder auf die Beratungsarbeit verwiesen. Offen bleibt, ob und inwieweit diese die Vermittlung und die Suchtbegleitung einschließt. S.I.: Und wie unterscheidet sich die ambulante Reha von der Beratungsarbeit? Was würden Sie sagen sind die prägnantesten Unterscheidungsmerkmale? #00:03:57–7# Es wird nach den Unterschieden der zwei Tätigkeitsfelder gefragt, wieder in der Form der Dopplung. IP3: ähm (.) Also erstmal ist das Setting n‘ anderes, weil Beratung findet in der Regel im Einzelgespräch statt. Ähm Ambulante Reha ist ausschließlich in der Gruppe mit begleitenden Einzelgesprächen aber natürlich der Fokus in der Gruppe ähm. Bei der Beantwortung der Frage nach Unterschieden verweist IP3 auf die verschiedenen Settings (Gruppen- gegenüber Einzelsetting). Die „Ähms“ kommen hier häufig. IP3 muss sich offenbar konzentrieren. 4. Ergebnisse 59 Ihren beruflichen Alltag zu explizieren, auf den Begriff zu bringen, dies scheint ihr hier schwerzufallen. Ich sag mal ambulante Reha geht n Stück weit tiefer in den Gesprächen. Also da gehts wirklich nochmal um vielleicht auch so analytische Aspekte. Der nächste Gesichtspunkt, neben den Settings, den IP3 anspricht, bezieht sich auf inhaltliche, aber auch auf methodische Aspekte. Hier sind fachspezifische Themengebiete aufgerufen. IP3 leitet diese aber sehr alltagssprachlich ein („ich sag mal“, „n Stück weit“, „tiefer in den Gesprächen“). Sie endet bei den „analytischen Aspekten“. Was bedeutet dies? Sind es Aspekte eines Analysierens im Sinne des Aufschlie- ßens oder sind es Aspekte, die eine spezifische psychologische Theorie (und Praxis) – die Psychoanalyse – thematisiert? Neben den alltagssprachlichen Wendungen bei einem fachlichen Thema – und bei diesem fachlichen Thema geht es um ein Gebiet, in dem sie seit knapp 10 Jahren arbeitet – fällt hier eine sehr mehrdeutige Sprachverwendung auf. So als gäbe es dafür keine spezifischen Worte, keine spezifischen Begriffe. Was bedeutet es denn, wenn ein Gespräch in die Tiefe geht? Geht es unter die Oberfläche, zu „Tieferem“, zu „Wesentlicherem? Man kann hier nur vermuten. Nochmal so zu gucken auch so biographische Zusammenhänge zu gucken, Übertragung, Gegenübertragung mit rein zu bringen. IP3 fährt mit der Darstellung der Spezifika der ambulanten Reha fort. Dazu zählt sie „nochmal so zu gucken“, was die Un-Spezifik der Darstellung fortsetzt. Weiter ist für sie wichtig, biographische Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Hier bleibt unklar, auf was sich das bezieht. Nahtlos schließt sich „Übertragung, Gegenübertragung“ an. Dies ist aber eher eine methodische Haltung, die ihre Wurzeln in der Psychoanalyse hat, inzwischen aber weit darüber hinaus rezi- 4.1 Der Fall IP3 60 piert ist. IP3 kann ihr im Rahmen ihrer Weiterbildung in integrativer Therapie begegnet sein. Es wird in den Ausführungen von IP3 zunächst nicht klar, weshalb die von ihr vorgestellten Spezifika der ambulanten Reha nicht auch in der Beratung eine wichtige Rolle spielen. Warum sollten etwa „biographische Zusammenhänge“ für Beratung irrelevant sein? Im Unterschied hierzu wird ein fachlicher Gesichtspunkt mit dem Verweis auf Übertragung/Gegenübertragung angesprochen. Darauf lässt sich die Fachkraft – IP3 weiß wovon sie spricht – in der ambulanten Reha ein und in der Beratung nicht. Dieser zentrale Unterschied, der den unterschiedlichen Settings und den unterschiedlichen beruflichen Kompetenzen geschuldet ist, kommt eher beiläufig daher, versteckt hinter dem allgemeinen Verweis „biographische Zusammenhänge“, die auch Teil von Beratungsarbeit sein können oder auch sein sollten. Son Stück weit vielleicht auch noch mal deutlicher in die Muster der Klienten zu gehen, auch in die Suchtmuster und in die Suchtsysteme des Klienten zu gehen. Sie beschreibt weiter den Unterschied von ambulanter Reha im Vergleich zur Beratung. Zur Reha-Behandlung gehört für sie die Muster und die Suchtmuster einzubeziehen („in die Muster gehen“). Doch was bedeutet das? Heißt das die Muster mit dem Klienten zu rekonstruieren, sie ihm verständlich zu machen, über Einsicht den Klienten Möglichkeiten zur Veränderung zu geben? Dies könnte es sein, IP3 findet hier keine Worte und Begriffe, obwohl sie eine Ausbildung zur Suchttherapeutin hat. Neben dem medizinisch geprägten Begriff des „Suchtmusters“ wird noch „Suchtsysteme“ eingeführt. Hier macht sie eine Anleihe an systemisches Denken und ihre Weiterbildung in systemischer Beratung. 4. Ergebnisse 61 Beratung ist eher wenn die Klienten zum ersten Mal kommen, auch sone Klärungs ja sone Klärungs- und Informationsvermittlung auch eher, In den folgenden Sätzen geht es wieder mehr um Beratung. Im Unterschied zur Reha gehe es hier mehr um „Klärung und Informationsvermittlung“, also eher um vorbereitende Angebote und Aktivitäten. Projiziert man hierauf die Maßnahmen, die nach IP3 für die Reha charakteristisch sind, so geht es dort um die Veränderung des unerwünschten Zustands. Man kann dies auch Therapie nennen. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Systems der Suchtkrankenhilfe in Deutschland, dass das, was eigentlich die Therapie ist, so nicht heißt, weil die Kosten- und Leistungsträger (nach SGB VI) nicht für Therapie zuständig sind sondern für Reha. Diese Aufteilung hat sich durch gerichtliche Rechtsfortentwicklung und durch Vereinbarungen der Träger gem. SGB V und SGB VI so ergeben und wurde auch vom Gesetzgeber so belassen. Ist diese Sprachungenauigkeit im System der sozialen Hilfen der Grund für die sprachliche und begriffliche Unschärfe in den Beschreibungen für IP3? Dies ist hier nicht zu beantworten. Bemerkenswert ist auch ihre Wortwahl bei „Klärungs- und Informationsvermittlung“. Die Vermittlung passt nur zur „Informationsvermittlung“. Was soll man sich unter einer „Klärungsvermittlung“ vorstellen? „Klärung“ verweist auf einen Prozess, der mindestens Interaktionsbeteiligte hat. Dies bedeutet einen Unterschied zu der Übergabe einer Info-Broschüre o. ä. wobei wir vielleicht, also ich würd schon fast sagen bisschen anders als auch andere Beratungsstellen arbeiten schon auch äh(..) mh (.) also ich sag mal so therapeutische Aspekte lassen sich ja eh nicht ausklammern, aber schon auch son anderen Blick haben, weil wir auch alle ne therapeutische Zusatzqualifikation noch haben. 4.1 Der Fall IP3 62 Nach der Abgrenzung von Beratung und Reha erfolgt eine allgemeine Abgrenzung zu anderen ähnlichen Einrichtung. Man arbeite hier anders. Worin zeigt sich das? Für IP3 liegt dies darin, therapeutische Aspekte nicht auszuklammern und aufgrund der therapeutischen Zusatzqualifikation einen anderen Blick zu haben. Die vorher gemachten Unterschiede werden wieder relativiert. Aber wird durch das Gesagte die getroffene Unterscheidung aufgehoben? Eher nein. Das letzte Zitat steht nicht im Widerspruch zu „Klärungs- und Informationsvermittlung“. Für IP3 muss es einen Unterschied bedeuten, sonst hätte sie die Relativierung nicht nachgeschoben. Also vielleicht da noch mal an der Stelle nochmal (.) nochmal anders gucken. #00:05:18–9# Aufgrund der durch Zusatzqualifikationen erworbenen Kompetenzen sieht IP3, aber nach ihrer Auffassung auch die KollegInnen Ihrer Einrichtung, im Beratungsprozess noch einmal mit einem anderen Blick auf die Klienten. Hierin liege ein Unterschied zu anderen Einrichtungen des gleichen Typs. Von der Sache her gesehen ist es naheliegend, dass dieser andere Blick („nochmal anders gucken“) ein diagnostischer Blick ist. Die Berufserfahrung zusammen mit der Behandlungskompetenz legen dies nahe. Das „nochmal anders gucken“ lässt sich interpretieren als eine ganzheitliche Sichtweise, die auch therapeutische Gesichtspunkte berücksichtigt, die die Klienten nicht nach Einzelmerkmalen in Schubladen sortiert. Was IP3 für die Praxis der Beratung benennt könnte, man auch als Fallverstehen (z. B. nach Müller 2012) benennen. Bemerkenswert ist, dass Sie dafür keine allgemeinen Worte, keine Begriffe findet. Die Darstellung bleibt sowohl auf einer rein beschreibenden Ebene, als auch auf einer alltagssprachlichen Ebene. Es findet sich nicht einmal ansatzweise, dass hier Fachvokabular verwendet würde, geschweige denn Fachvokabular der Sozialen Arbeit. 4. Ergebnisse 63 S.I.: Können Sie das vielleicht an nem Beispiel nochmal deutlich machen, was Sie meinen mit „anders gucken“?#00:05:22–5# IP3: @(.)@#00:05:24–2# S.I.: Also ich hab verstanden, es ist nicht so oberflächlich sag ich mal, es geht auch schon in die Tiefe, aber anders in die Tiefe als bei der ambulanten Reha, das hab ich so verstanden. #00:05:31–0# Die Interviewerin zeigt Interesse an dem geäußerten „anders gucken“. Ihre Frage zielt darauf, die Darstellung nicht auf der allgemeinen Ebene zu belassen. Sie bittet darum dies anhand eines Beispiels noch einmal zu exemplifizieren. Mit dieser Aufgabe, einem Allgemeinen ein Besonderes zuzuordnen, das innerhalb der durch das Allgemeine gezogenen Grenzen liegt, scheint IP3 aber völlig überfordert zu sein. Sie gibt keine Antwort sondern lacht kurz auf. Ähnliches zeigte Sie schon bei dem Hinweis auf die Behandlungskette, die sie durchlaufen habe. Warum auch immer, die Interviewerin macht einen zweiten Anlauf. Sie verzichtet (zunächst?) auf das Beispiel für das „anders gucken“ und bietet eine Brücke, indem sie kurz den Stand ihres Verständnisses spiegelt. Es geht nun um die „Tiefe“ der Beratung, die sich von der „Tiefe“ der Reha unterscheide. Bisher war „Tiefe“ von IP3 nicht mit der Beratung, sondern mit der Reha in Verbindung gebracht worden. „Tiefe“ kann aber auch als Metapher für die Differenz in der Arbeit dieser Beratungsstelle, im Vergleich zu anderen Beratungsstellen verstanden werden. Und dieses „anders“ ist positiv besetzt, da es den Klienten offenbar mehr gerecht wird. IP3: Also ich hab auch schon mal in ner anderen Beratungsstelle gearbeitet wo es wirklich rein um Kontakt – was wollen Sie und Vermittlung ging. Also so ne es ist natürlich auch immer sehr mitarbeiterspezifisch auch aber wir gucken schon sehr genau, was bieten wir 4.1 Der Fall IP3 64 auch an und prüfen auch genau, was in Frage kommt und wenn wir anderer Meinung sind als die Klienten dann gehen wir auch schon mit in die Auseinandersetzung und die Diskussion, das ist für viele ja auch schon ne ne mit ne Hürde, weil das vielleicht auch schon (.)(.) auch schon(.)Dinge sind, die die ähm die ihnen schwer fallen. IP3 geht auf die Unterschiede dieser Beratungsstelle im Vergleich zu anderen Beratungsstellen des gleichen Typs ein. Bei anderen Beratungsstellen stehe der Kontakt, die Klärung der Motivation („was wollen Sie“) und die (bürokratische) Vermittlungsarbeit im Vordergrund. Diese Herangehensweise erscheint sehr schematisch. Ansätze und Haltungen der Sozialen Arbeit wie Ganzheitlichkeit, Menschen da abholen wo sie stehen, Motivationsaufbau durch eine ressourcenorientierte Haltung und Methodik sind in diesen Schemata nicht vorgesehen. Die von IP3 kurz beschriebene Praxis lässt sich als eine Vorklärung beschreiben. Diese Vorklärung erscheint als etwas Bürokratisches, wo es um die Klärung von Formalien geht, wie das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen von Anspruchsvoraussetzungen. Ihre gegenwärtige Praxis, die, wie noch an anderer Stelle gezeigt wird, etwas sehr Voraussetzungsvolles, wird, wenn überhaupt, dann nur sehr verhalten gewürdigt. Die erwähnte Vorklärung ist die Pforte zu etwas Eigentlichem. Dieses Eigentliche ist in diesem Feld die Therapie, die in Deutschland Reha genannt wird (es grüßt die „Behandlungskette“). Und diese Reha wird als etwas höherrangiges angesehen und offenbar anerkannt. Dies zeigt sich schon am Status der verantwortlichen Kosten- und Leistungsträger. Diese werden als vorrangig gegenüber dem letzten Netz des Systems der sozialen Sicherung, z. B. dem SGB XII behandelt. IP3 und mit ihr die Einrichtung, für die sie hier mitspricht, leistet sich etwas, was im Interesse der betroffenen Menschen ist. Diese Schaltstelle hat aber eine unsichere finanzielle Basis, ihr wird so die Wertschätzung vorenthalten, die ihr eigentlich zukommt. Ein erfolgrei- 4. Ergebnisse 65 cher Rehabilitationsprozess ist ein hoch arbeitsteiliger Prozess. Die Reha, schon gar nicht die stationäre Reha, könnte nicht durchgeführt werden, nicht erfolgreich behandeln ohne die vorbereitenden Tätigkeiten der Beratungsstellen. IP3 beschreibt hier, dass diese „Vorbereitung“ alles andere als eine triviale Tätigkeit ist. Es geht darum, die Ambivalenz der Klienten auszuhalten und mit dieser Ambivalenz zu arbeiten („Dinge, die ihnen schwer fallen“). Es zeichnet sich hier ein weiteres Mal ab, dass die schon weiter oben benannte Begleitung oder Suchtbegleitung (bei DHS und FDR „problemorientierte Beratung“) eine Tätigkeit ist, die auch unter Trägern und Einrichtungen der Suchtberatung umstritten zu sein scheint, nicht überall praktiziert wird. Aber warum ist dies so? Liegt dies an unterschiedlichen fachlichen Konzepten, liegt dies an beschränkten Ressourcen, die zudem von Kürzungen bedroht sein können oder gar an einer Legitimation von Ressourceneinschränkungen die durch spezifische Konzepte, die als fachliche ausgegeben werden, hergestellt werden soll? Es geht nicht einfach nur darum ne Entscheidung zu treffen, sondern son Stück auch weit zu gucken (.) auch wo (.) wie sind Sie denn zu dem Mensch geworden, der Sie nun auch heute sind(.)(.) vielleicht auch Stück weit auch nach Ressourcen zu gucken, aber genauso gut nach den nach den Schwierigkeiten zu gucken, wo können wir da ansetzen. Es geht nicht rein zu gucken ok – Problem und das greifen wir an.@(.)@ sag ich mal so Also Schulden und ähm und ist nun mal ne Folge des Konsums und dann schicken wir ihn mal in die Schuldnerberatungsstelle. Wir gucken, vielleicht n Stück weit dahinter. Ich weiß nicht. #00:06:53–5# Sie beschreibt für ihre Arbeit hier Aspekte der Subjektorientierung, der Achtung der Klientenautonomie, der Lebensweltorientierung, der Lebenführungssysteme, des multiperspektivischen Fallverstehens, der Ressourcenorientierung, eines nicht-technizistischen Verständnis- 4.1 Der Fall IP3 66 ses von Interventionen. Dies alles sind Wissensbestände, Konzepte und Sichtweisen von Sozialer Arbeit, die hier nachvollziehbar fachlich indiziert sind. Mit ihrem letzten Satz in dieser Sequenz macht IP3 aber wieder einen Rückzieher, relativiert das gesagte sehr stark. Sie scheint nicht sicher, ob sie das so sagen oder so denken darf. Es drückt sich hier eine gewisse Verunsicherung aus. Hierzu passt, dass für alle vorgestellten fachlichen Haltungen und alle fachlichen Praktiken keine fachlichen Begriffe verwendet werden, sondern sich das schon bekannte Muster wiederholt, dass eine alltagsprachliche Beschreibung bevorzugt wird. Das Beharren von IP3 auf den alltagssprachlichen Wendungen findet eine mögliche Erklärung darin, dass IP3 entsprechende wissenschaftliche oder fachliche Konzeptualisierungen nicht kennt, oder dass sie die Konzepte zumindest in Teilen kennt aber de facto davon ausgeht oder davon ausgehen muss, dass diese Konzepte in ihrem Bereich nicht bekannt sind und/oder in ihrem Bereich nicht wertgeschätzt werden. Und so mäandrieren ihre Ausführungen darüber, was Beratung und was ambulante Therapie sei. IP3 hat offenbar ein implizites Konzept dazu, was Beratung sein sollte. Es handelt sich dabei um mehr als nur um die Weitergabe von Informationen und die Abfrage, was das Gegen- über denn nun wolle. Es kann vermutet werden, dass sie aufgrund ihrer langen Berufserfahrung ahnt, dass es sich bei Beratung in diesem Feld, wenn sie erfolgreich sein will, um einen Prozess handelt, in dem sich die Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen entwickeln sollte, will sie erfolgreich sein (vgl. Hansjürgens 2018, S. 265ff). Dar- über hat sie aber kein explizites Wissen. Weiter wird in diesem Kontext eine Rolle spielen, dass IP3 erfahren hat, dass andere Wissensbestände und Deutungen mehr anerkannt sind. Hier spiegelte sich eine Hierarchie der Berufsgruppen. Vielleicht verursacht der Verweis auf Wissensbestände der Sozialen Arbeit bei Ärzten oder Leistungsträgern ein Stirnrunzeln oder Schmunzeln. Die 4. Ergebnisse 67 Durchsetzung eines jurisdictional claims (nach Abbott 1988) für die Soziale Arbeit in der Suchtkrankenhilfe ist schließlich noch nicht erfolgreich umgesetzt. Es ist zu fragen, ob IP3 hier Ansätze eines Burakumin-Syndroms (vgl. Elias/Scotson 1993, S. 24ff und S. 31ff) zeigt. Erste Zwischenbetrachtung An dieser Stelle soll die sequentielle Analyse der Eingangssequenz mit IP3 ausgesetzt werden mit dem Ziel den Zwischenstand mit der Beantwortung der Untersuchungsfrage abzugleichen. Als vorrangiger Zwischenbefund kann festgehalten werden, dass sich in der Selbstdefinition und der beruflichen Haltung von IP3 in hohem Maße das bereits vermutete breite Spektrum der Tätigkeiten findet. In ihren Ausführungen reproduzieren sich aber bereits in Ansätzen die für das Feld ambulante Suchtberatung unterstellten relativ diffusen Aufträge, Zielformulierungen und Grade der Zielerreichung. Weiter zeigt sich, dass sich der Aspekt der Selbstbehauptung nur sehr vermittelt findet und zwar vor allem in der Form der elaborierten und facettenreichen Beschreibungen. Das was getan wird, wie es getan wird und warum es so getan wird ist offenbar schwer zu explizieren. Es zeigen sich hier Phänomene, die dem weiten Bereich des sogenannten impliziten Wissens (Polanyi 1985, für die Schulpädagogik Neuweg 2015a und 2015b, für die Soziale Arbeit Moch 2012, für die Psychotherapie Stern u. a. 2012) zugerechnet werden können und einem expliziten Wissen nicht zur Verfügung stehen. Das Konzept des impliziten Wissens wird noch an anderer Stelle vorgestellt werden. Beide Gesichtspunkte, die Zieldiffusität und das implizite Wissen dürften kumulierende Effekte haben und die berufliche Selbstdarstellung erschweren. So zeigt IP3 eine gewisse Selbstzurücknahme bei der Darstellung des Stellenwerts der Tätigkeiten in dieser Institution, die sie repräsentiert. IP3 vermeidet weiter konsequent die Verwendung von Fachbegriffen. Fachbe- 4.1 Der Fall IP3 68 griffe aus der Sozialen Arbeit kommen so gut wie gar nicht vor. Stattdessen werden die eigenen Praxen und Orientierungen durchgängig alltagssprachlich beschrieben („anders gucken“). Die Motive hierzu sind sicher vielgestaltig. Ein Element aber davon ist sehr wahrscheinlich, dass das, was z. T. als „qualifizierte Vermittlung“ benannt wird, die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen voraussetzt. Und dies ist, wie gezeigt werden konnte (vgl. Hansjürgens 2018) ein sehr voraussetzungsvoller Prozess, der sich fundamental von einer reinen Informationsweitergabe unterscheidet. Zur Sprachlosigkeit trägt sicher auch bei, dass z. B. „qualifizierte Vermittlung“ kein anerkannter fachlicher Begriff ist (siehe oben), der einen Unterschied zu dem von IP3 kritisierten schematischen Vorgehen markiert. Weiter ist zu erwähnen, auch Begriffe aus anderen hier relevanten Disziplinen werden vermieden. Bezeichnend die Vermeidung des Begriffs der „Diagnostik“. Dieser ist zwar in Diskursen der Sozialen Arbeit umstritten, aber er wird dennoch zumindest in Teilen propagiert. Hiermit könnte auch eine kritische Auseinandersetzung verbunden sein, etwa zur psychologischen Diagnostik und zur Sinnhaftigkeit einer Erweiterung um eine sozialarbeiterische Diagnostik. Doch dies wird umschifft. Auffällig ist wie schon angedeutet, dass IP3 die Bedeutung ihrer Tätigkeit für einen erfolgreichen Reha-Prozess nicht offensiv einbringt, obwohl die einzelnen Elemente benannt und beschrieben werden. Wenn IP3 dann doch einmal einen Fachbegriff verwendet, dann ist dieser aus einer anderen Disziplin entliehen („Behandlungskette“) und steht mit den Orientierungen ihrer Berufsgruppe inhaltlich in einem Spannungsverhältnis. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition von IP3 erscheint als eher defensiv und vermeidend. Dies bezieht sich nicht auf die Ebene der Deskription. Die Dinge von einer abstrakteren Ebene her zu betrachten, zu analysieren und auf den Begriff zu bringen (gleichgültig ob 4. Ergebnisse 69 auf einen medizinischen oder sozialarbeiterischen) dies gelingt ihr fast nicht. Eher defensiv zeigt sie sich auch in der Darstellung der „Begleitung“ bzw. Suchtbegleitung. Fachlich ist dieses Hilfeangebot eigentlich unstrittig. Möglicherweise ist es gegenüber Kostenträgern der Einrichtung in hohem Maße begründungsbedürftig. Für die weitere Analyse und zur Beantwortung der Untersuchungsfrage soll nun auf ausgewählte Textstellen zugegriffen werden, um anhand der Analyse dieses Materials zu überprüfen, ob eine Modifikation des Zwischenstands erforderlich ist. Diese Thematisierungen sind: a) die Rolle von Fachwissen in der Arbeit, b) die Rolle von Diagnostik, c) zum Spezifischen von Sozialer Arbeit, d) Motivation und Erfolgserleben, e) Schluss. Diese Themenbereiche werden für die Beantwortung der Untersuchungsfrage als besonders aussagekräftig eingeschätzt. A Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit Die Analyse beginnt wieder mit dem Vorstellen der Interviewstellen (ab Minute 19:00 ff). Dies soll aber zunächst gerahmt werden durch ein vorgängiges Thema, den Voraussetzungen mit den schwierigen Anforderungen der Tätigkeit umzugehen. S.I.: Wie schaffen Sie es denn mit dieser Herausforderung umzugehen, denn Sie machen das ja schon ne ganze Weile? Was leitet sie da, was ist da wichtig? Was braucht man da um mit diesen Herausforderungen umzugehen? #00:19:20–4# 4.1 Der Fall IP3 70 IP3: Ich glaube, man braucht erst mal ne ganze Menge Lust auf diese Arbeit @(.)@ Ich glaube sonst gehts überhaupt gar nicht. #00:19:34–5# S.I.: Lust an den Menschen? #00:19:39–2# IP3: Lust an den Menschen ja genau, überhaupt zu arbeiten, Lust sich mit schwierigen Bereichen mit schwierigen Menschen auch auseinanderzusetzen ähm(.) IP3 wird nach den Voraussetzungen gefragt. Sie hält „eine Menge Lust auf diese Arbeit“ für wichtig. Die Nachfrage („Lust an den Menschen“) bejaht sie. Die Bedingungen für eine erfolgreiche Arbeit in diesem Feld werden in dieser Sichtweise primär zu einer Haltungsfrage. Hat eine Fachkraft die richtige Haltung, so kann geschlussfolgert werden, dann kann sie den beruflichen Alltag erfolgreich meistern. Wenn es aber um die Haltung geht, dann sind die Bedingungen der Möglichkeit für eine gute, nach den Regeln er Kunst vorgehende Tätigkeit individualisiert und personalisiert. Die schwierigen strukturellen und institutionellen Gegebenheiten spielen in dieser Sicht keine Rolle. Mit der Reduzierung auf die eigene Haltung geht zunächst eine Abwertung einher, vielleicht nur auf die Person IP3 bezogen, vielleicht aber auch auf die Berufsgruppe. Kompetenzen und Wissen erscheinen als unerheblich, sind beliebig, allein die Haltung zählt. Wie die objektiven Daten zu IP3 aber zeigen, hatte sie sich in ihrer beruflichen Entwicklung nicht daran gehalten. In ihrer ersten Berufstätigkeit in der niedrigschwelligen Einrichtung machte sie eine Weiterbildung, um Handwerkszeug zu erlangen. Offenbar reichte ihr damals die „Lust an den Menschen“ nicht aus. Diese Erfahrung scheint hier verschüttet, zumindest in der Gesprächssituation nicht zugänglich. Hier wird eine Stelle übersprungen. 4. Ergebnisse 71 S.I.: Sie haben gesagt, was braucht man so um diese Herausforderungen zu bewältigen, ganz viel Lust auf Menschen, ähm ihnen helfen zu wollen, das ist sowas altruistisches, gibts noch andere Faktoren, die man braucht, die einen befähigen soetwas zu tun, ich frag einfach mal, welche Rolle spielt Wissen? #00:22:19–2# S.I. macht einen zweiten Anlauf. Dass „die Lust am Menschen“ ausreichend wäre für eine erfolgreiche Aufgabenwahrnehmung, will sie offenbar nicht so stehen lassen. In Ihrem Vorlauf zur Frage ordnet sie die Aussage ein. Möglicherweise ist die „Lust auf Menschen“ alles andere als altruistisch. Mit ihrer Einordnung, die von IP3 nicht autorisiert wurde, geht sie das Risiko ein, dass es zu Verwicklungen kommt. S.I. fragt danach, welche Rolle IP3 Wissen zuschreibt, um die beruflichen Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können. IP3: Ja ne ganz große Rolle, denk ich. Obwohl nicht die größte Rolle denk ich, Im zweiten Anlauf misst IP3 auch Wissen eine große Rolle zu, es ist also nicht nur die Haltung. Diese Einschätzung wird aber wieder relativiert. Auf keinen Fall kann es die größte Rolle sein. Was spielt aber die größte Rolle, welchen Stellenwert hat dann das Wissen? IP3 kann mit der Kategorisierung „Altruismus“ scheinbar gut leben, zumindest deutet sich in der Antwort kein Widerstand dagegen an. ich denke so, natürlich muss man über die Krankheit Bescheid wissen, über Zusammenhänge, über Systeme, ähm medizinischer Art, sozialarbeiterischer Art. Also ich glaube das ist glaube ich schon wichtig. Ich weiß zum Beispiel, über manche Drogen da weiß ich die genaue Zusammensetzung nicht, und ich informier mich auch nicht drüber, aber ich merke, das muss ich auch nicht wissen. Es geht glaube ich eher um son Wissen, ähm ja vielleicht auch Information, son Wissen um Menschen. #00:23:45–8# 4.1 Der Fall IP3 72 Es werden verschiedene Wissensgebiete benannt, auch sozialarbeiterische und Wissen um Systeme. Eine Einordnung erfolgt aber nicht. Wieder erfolgt eine Bezugnahme auf die Relevanz von systemischem Wissen. „Systeme“ werden hier als erstes benannt. Die Ausbildung in systemischer Beratung hat für IP3 einen hohen Stellenwert. Denken in Zusammenhängen, in Systemen ist sachlich geboten. Die Regelsetzer in ihrem System sind aber weit entfernt davon. In ihrer technokratischen Orientierung liegt sicher ein Gegenpol hierzu. Wissensbestände sind für die Tätigkeit nach IP3 wichtig, aber vor allem als Wissen um Menschen. Aber was ist die Quelle davon, die Medizin, die Psychologie, die Soziale Arbeit? Alles geht auf in einem eher diffusen Wissen um Menschen. Ist dies ein impliziter Rekurs auf implizites Wissen? Die Relevanz von Wissen wird scheinbar banalisiert und ist in Gefahr abgewertet zu werden. IP3 scheint einerseits zu spüren, dass Wissen wichtig ist, Wissen alleine bei den Betroffenen aber noch keine Veränderungen bewirken kann. Ohne das Wissen wird die Veränderung aber unwahrscheinlicher, es sei denn, man setzt auf Spontanheilung. Den Möglichkeiten und Grenzen von Fachwissen Worte zu geben, dies gelingt IP3 nicht, wenn sie danach gefragt wird. Es hat den Anschein, als müsse sie ihr Wissen verstecken. Später führt sie aus: IP3: Das passiert natürlich immer so unbewusst. Wenn man ein bestimmtes Wissen hat, dann hat man das ja auch im Bauch @(.)@ oder im Kopf. Also dann läuft vielleicht die Spule nicht, aber dann ist man ja auch im Gespräch oder im Kontakt mit dem Klienten. Merk ich schon, das mich manches leitet, nochmal genauer hinzufragen, weil ich vielleicht auch ne Theorie im Hinterkopf hab, das denk ich schon oder vielleicht auch ne psychiatrische Auffälligkeit als Folge des Konsums oder ne hirnorganische Störung, dass ich 4. Ergebnisse 73 schon son Wissen im Kopf hab, das leitet mich natürlich, gewisse Fragen zu stellen und noch mal genauer hinzuhorchen. Oder n Wissen über Systeme oder n Wissen über was ist denn Sucht? (.)(.) (.) Sonst kann ich auch gar nicht diagnostizieren. z. B. für ne Vermittlung in die Reha muss ich auch ne Diagnostik haben, das wollen viele Menschen auch einfach wissen, bin ich abhängig oder was ist notwendig. #00:29:34–6# Das, was für IP3 „so unbewusst“ geschieht, ist die variable Anwendung von Wissen auf die höchst unterschiedlichen Gegebenheiten ihrer Klienten. Im nächsten Satz lokalisiert sie ihr berufliches Wissen im Bauch, als Bauchgefühl. Sie merkt offenbar ihre vage Formulierung, das kurze Auflachen deutet darauf hin, und ordnet die Wissensbestände jetzt dem Kopf zu. Der Versprecher verweist auf ein Wissen „aus dem Bauch heraus“, was auch mit dem Wort Bauchgefühl bezeichnet wird. Diese Idee von Wissen und von Wissensanwendung verweisen wieder auf ein nicht explizites, intuitives Wissen, auf Intuition, auf tacit knowledge, auf das sogenannte implizite Wissen (Polanyi 1985, Moch 2012, Neuweg 2015a und 2015b, Stern u. a. 2012). Ihre bisherige deskriptive, aber weitgehend begriffslose Darlegung ihrer beruflichen Praxis und ihres beruflichen Handeln bekommt ein Bild. Sie kann über die Begriffe nicht verfügen, weil ihr Wissen eher die Struktur eines impliziten Wissens hat. Die Wissensbestände sind vorhanden, aber wahrscheinlich nur situativ abrufbar. Es erscheint auf der Phänomen-Ebene so, als sei ihr der Zugang über eine Meta- Ebene versperrt. Diese Meta-Ebene gibt es nicht oder sie sieht keine Markierungen oder Wegweiser vor und wenn es die Markierungen und Wegweiser gibt, dann erscheint das Wissen um sie nicht zugänglich zu sein. Zum Abschluss noch ein Zitat: 4.1 Der Fall IP3 74 S.I.: Würden Sie sagen Beziehungsarbeit ohne Wissen ist ausreichend? Ich frag mal so, weil manchmal wird den Sozialarbeitern ja auch vorgeworfen, „Ihr macht nur einen auf Beziehung und dann ähm wird schon alles gut“.#00:56:39–2# IP3: @(.)@ Ich glaube, das funktioniert nicht nein. Ne man muss schon Wissen haben und zwar wirklich auch umfängliches Wissen, ob es psychologisches Wissen ist, zwar nicht so im Detail.(.) (.) #00:57:14–0# In der Konfrontation mit einem Vorwurf an ihre Berufsgruppe räumt IP3 den hohen Stellenwert von Wissen sehr schnell ein, als habe sie nie dazu Mehrdeutigkeiten verlautbaren lassen. Es kann an dieser Stelle schon als charakteristisch bezeichnet werden, dass sie dann einen Wissensbestand nennt, der nicht der ihrer Berufsgruppe ist. Dies scheint sie irgendwie zu ahnen, denn dieser Wissensbestand wird auch sofort relativiert. Es folgt aber dann kein weiterer von ihr benannter Wissensbestand. Man könnte ja an sozialarbeiterisches Wissen oder das schon früher eingebrachte Wissen um Systeme denken, dies findet keine Erwähnung. Stattdessen erfolgt eine Pause, die die Interviewerin zu einer neuen Frage einlädt. In IP3s Umgang mit (Fach-) Wissen zeigt sich einmal mehr das Burakumin-Syndrom. B Die Rolle von Diagnostik Hierfür soll auf eine Stelle im Interview etwa ab Minute 29:00 zurückgegriffen werden. S.I.: Welche Rolle spielt denn Diagnostik in ihrer Arbeit und wie machen sie das z. B.?(.)(.)(.) In der Psychologie gibt es für jede Auffälligkeit ja ein Fragebogen sag ich mal. #00:29:54–4# 4. Ergebnisse 75 IP3: Wir haben schon Testung, nicht so als Bedingung, sondern eher n Stück weit zu überprüfen. Das eigen Denken und Handeln zu überprüfen, die Wahrnehmung des Klienten und auch zu testen, das machen wir auch, es gibt einen Persönlichkeitsstrukturtest, es gibt einen Befindlichkeitstest, die können wir schon machen ansonsten läuft das, ich sag jetzt mal, Diagnostik so in meinem Kopf. Also manchmal ist es natürlich, wenn jemand ganz konkret kommt und fragt „Bin ich abhängig und woran…ne, ich will das wissen, oder mein Arzt will das wissen oder wie auch immer, dann kann durchaus sein, dass ich mit denen auch die Kriterien der Abhängigkeit durch und vor allen Dingen von Menschen, die mir felsenfest behaupten, sie haben überhaupt kein Problem und wo ich wirklich weiß ich nicht fünf von sechs Kriterien erfüllt sehe, dass ich schon frage, haben sie nicht mal Lust auf ne Diagnostik und gucken sie mal, wo Sie sich da wiederfinden, aber ich lade da eher ein innerhalb der Gespräche in der Beziehungsarbeit damit da draufzuschauen. Ich mach selten so Ankreuztest wie auch immer. #00:31:11–6# IP3 beschreibt die Test-Praxis ihrer Einrichtung und von sich selbst. Es gibt standardisierte Tests, wohl vor allem aus der Psychologie, aber sehr schnell betont sie, dass die Klienten hiermit nicht kategorisiert werden sollen und dann eher schematischen Reaktionen seitens der Einrichtung unterzogen werden sollen. Sie betont indirekt, dass sie sich Mühe gibt, die Subjektstellung der Klienten zu achten. Deutlich wird auch, dass die Interventionen von ihr wenig konfrontativ angelegt sind sondern von einer akzeptierenden Haltung geprägt sind. Eine Rolle scheint für sie zu spielen einen guten Kontakt herzustellen und zu erhalten und die Belange ihrer Klienten in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit zu stellen. Bei der Thematisierung von Diagnostik zeigt sich das Muster wieder, das auch zum Ende der Betrachtungen zum Thema Wissen auftauchte. Das, was sie an anderer Stelle mit „anders gucken“ sehr umgangssprachlich und sehr unpräzise eingeführt hat, 4.1 Der Fall IP3 76 findet nun andere Worte, wird präziser beschrieben. Für die Darstellung durch sie erscheint es erforderlich oder zumindest förderlich, wenn spezifische Stichworte geliefert wurden. Dann wird die Praxis durchaus nuanciert vorgestellt und es werden fachlich sehr adäquate Überlegungen zur Situation und zum Vorgehen vorgestellt. C Zum Spezifischen von Sozialer Arbeit (Minute 43:00 ff und Minute 48:00 ff) S.I.: was ist für Sie typisch Sozialarbeiterisch, gibt es etwas wo Sie sagen, das ist , das machen Sozialarbeiter und andere Professionen, meinetwegen Medizin oder Psychologie, die ja auch in diesem Feld sehr stark äh, das machen die nicht, das machen die anders? #00:43:46–3# IP3: Also ich glaube, was wir nochmal anders machen, ist viel Casemanagement. Also viel zu gucken, Systeme nochmal mit einzuladen, mit an den Tisch zu bringen, nochmal zu gucken wenn Klienten von Institutionen geschickt werden, die auch mit einzuladen, um nicht drumherum, um das Anliegen zu arbeiten, ähm(.)(.)(.) Ich denke das ist nochmal son ganz gravierender Teil, ich würde fast sagen, vor allen Dingen bezogen auf die Medizin, ähm nicht so fokussiert zu gucken also Medizin, und Körper und Diagnostik, wenn ich an viele Mediziner denke. Also ich finde bei uns läuft mehr Beziehungsarbeit, also was bei den Medizinern vielleicht noch in der stationären Reha Maßnahme anders läuft aber Fokus ist vielmehr die Beziehungsarbeit, das machen die Psychologen z. B. die Therapeuten natürlich auch. #00:44:57–2# IP3 benennt eine Reihe von Spezifika sozialarbeiterischer Interventionen, die in diesem Feld auch angezeigt sind. Das Motto könnte lauten „das Ganze im Blick behalten“. Dabei grenzt sie ihre Profession 4. Ergebnisse 77 von der Medizin ab. Aber schon die Beziehungsarbeit teilt sie wieder mit anderen Gruppen. An anderer Stelle wird ausgeführt: S.I.: Ok und was von dem typisch Sozialarbeiterischen findet sich hier in Ihrer Einrichtung, woran merken Sie das hier in ihrer Einrichtung, dass Sie sozialarbeiterische Arbeit machen? #00:48:04–9# Die Interviewerin beharrt auf der Thematik um das sozialarbeiterische der Tätigkeit in der Beratungsstelle. IP3: (.)(.)(.)(.) Naja es findet schon mal ne Begleitung statt zu Ämtern und Behörden. #00:48:32–4# Als erstes wird hier die Begleitung von KlientInnen zu anderen Institutionen benannt, wo diese offenbar Unterstützung benötigen. Weshalb das so sein soll bleibt aber offen. S.I.: Begleitung meint was nochmal? #00:48:33–5# Es wird nach einer inhaltlichen Festlegung von „Begleitung“ gefragt. Grundsätzlich käme ja auch die von IP3 schon an anderer Stelle beschriebene „Suchtbegleitung“ in Frage. IP3: Wir gehen mit oder was #00:48:33–5# Die Befragte gibt zu erkennen, dass sie jetzt weniger an Suchtbegleitung gedacht hat. Sie hat es ja auch schon in ihrer ersten Antwort ausdrücklich so bezeichnet. S.I.: Ja genau, ich frage, weil es ist ja manchmal auch unterschiedlich, was mit Begleitung gemeint ist. #00:48:41–0# Die Interviewerin erläutert jetzt, weshalb sie noch einmal nachgefragt hatte. 4.1 Der Fall IP3 78 IP3: Wie macht sich das bemerkbar? Ich denke, dass wir ein ganz gutes Netzwerk hier haben sowohl hier innerhalb des Teams, als auch innerhalb des Verbandes, wenn man sich natürlich an manchen Stellen sich das auch besser wünschen würde aber ich glaube, das ist überall so. IP3 geht jetzt auf die Frage ein, die ja das typische Sozialarbeiterische zum Thema hatte. Sie benennt als erstes die Vernetzung und zwar auf mehreren Ebenen, dem Team aber auch dem Verband. Wenn man die Antwort paraphrasiert, dann lautet die Antwort, das Sozialarbeiterische bestehe in der Vernetzung. Die Tragweite der Aussage erschließt sich aber nicht. Es kann hier zunächst nur vermutet werden, wie beides zusammenhängen könnte. Ich glaube, wir sind schon auch gut so ähm zeitnah zu reagieren im Rahmen von Kooperationsverbund mit Entgiftung, mit Therapie, wenn das wirklich so notwendig ist. #00:49:21–5# Entweder als zweiter Aspekt von Sozialarbeiterischem oder vertiefend zur Vernetzung wird auf die Fähigkeit verwiesen schnell reagieren zu können, und zwar schnell im Sinne und im Interesse der KlientInnen. Das Sozialarbeiterische bestünde dann in einer hohen Effektivität, vielleicht auch Effizienz. S.I.: Auch so ein fachliches Netzwerk #00:49:27–0# Die Interviewerin will die Antwort, das Sozialarbeiterische bestehe zumindest unter anderem in der Vernetzung validiert haben IP3: Ja, wir laden viel ein, finde ich, also nochmal mit an den Tisch von Hilfsinstitutionen, die uns vor allem mit vermitteln Auf die Nachfrage wird das bestätigt. Es wird auf gemeinsame Gespräche an einem Tisch mit Repräsentanten von anderen Institutionen verwiesen. 4. Ergebnisse 79 ähm was ist so typisch Sozialarbeit, ja (.)(.)(.) IP3 scheint bei ihrer bisherigen Antwort etwas unwohl, sie will sie ergänzen und wiederholt die Frage. Die Antwort kann sie nicht schnell geben. Es entsteht wieder eine Pause, wie bei der Nachfrage nach „anders gucken“. wahrscheinlich das, was ich alltäglich mache so.@(.)@ Was ist denn das((lacht)) Was man dann wahrscheinlich so selbstverständlich ist, das man einfach nicht mehr sagen kann. Die weitere Benennung des Sozialarbeiterischen, jenseits von Vernetzung, fällt offenbar schwer. Das Sozialarbeiterische sei das, was alltäglich gemacht werde. Womit sie vermutlich eine angemessene sachliche Bezeichnung vornimmt. Dennoch ist der Beschreibungsversuch bisher zirkulär. Wort und Begriffe zu finden ist offenbar nicht einfach. Ja ich finde, dass das typisch Sozialarbeit ist, schon den Menschen da abzuholen, wo sie stehen, also und so zu gucken, wie schaff ’ ich es auch einen Draht zu denen zu finden. Also das ist nach wie vor, das typisch Sozialarbeiterische. Es werden Ergänzungen vorgenommen. Abholen, „Draht“ entwickeln, was wohl mit dem Hinwirken auf die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen übersetzt werden kann. Natürlich geht es auch um Casemanagement, um Konfliktmanagement, um Diagnostik…..(.)(.)(.)(.)(.)(.)(.) Vielleicht hab ich jetzt irgendwie ne Verwirrung, was mache ich eigentlich tagtäglich? #00:50:27–2# Erst nach mehreren Anläufen erfolgt die Nennung von Fachbegriffen, einschließlich der Diagnostik. Es folgt wieder eine längere Pause. Die Antwort gipfelt in einer Frage an sich selbst, was mache ich eigentlich in meiner täglichen Arbeit? Diese Selbstbefragung kann 4.1 Der Fall IP3 80 als typisch angesehen werden für die offenbar bestehenden Schwierigkeiten, das Proprium der Tätigkeit, die ja, wie schon ausgeführt eine Wichtige ist, zu benennen. Hier soll die These formuliert werden, IP3 ist damit nicht allein. Die Selbstdarstellung, die Selbstvermittlung, sie sind offenbar nicht ohne weiteres verfügbar. Eine Folge davon ist, dass die Selbstbehauptung sowohl für die einzelne Fachkraft als auch für die Berufsgruppe in diesem Feld gefährdet ist. Der Einzelne und die Gruppe werden sehr vulnerabel u. a. dadurch, dass die eigene Bedeutsamkeit nicht oder nur schwierig kommunizierbar ist und damit die Legitimität des beruflichen Handelns schwerer zu wahren ist. An späterer Stelle wird noch ausgeführt: S.I.: Gibts da Dinge die da ganz besonders wichtig sind? Dinge, die Sie vielleicht nochmal pointieren wollen, das ist besonders wichtig, das macht soziale Arbeit in der Suchthilfe aus? #00:54:23–5# IP3: Ja, ich finde Beziehungsarbeit ist das Wichtigste, also wirklich zu gucken, wie komme ich in Kontakt, aber wie kommt auch der Klient in Kontakt zu mir und wie, im Grunde auch wie kann mir jemand vertrauen also wie kann der Mensch, meine Hand, die ich ihm vielleicht auch reiche, n, Stück weit nehmen, das klingt sehr, eh, pathetisch so, aber das ist es auch. Ich finde, ich muss nicht so viel Wissen haben, ich muss nicht so viel drum herum haben, sondern es geht vorrangig darum, jemand einzuladen. (…) IP3: und ich glaube, wenn man das erreicht hat und erreicht hat, dass mir ein Mensch bereit ist mir ein Stück weit zu, zu vertrauen, mit mir ein Stück weit des Weges zu gehen, mir zu folgen, das heißt 4. Ergebnisse 81 nicht im Sinne von „Ich zeig dir jetzt wie der Weg geht“. Es geht ja schon nur im Austausch, im Miteinander, was kann der Klient aber ich glaube auch, das ist ein Stück weit das Wichtigste, sonst geht niemand einen anderen Weg. #00:55:32–6# Auch hier wird zunächst die Rolle der Beziehungsarbeit betont. IP3 beschreibt, wie wichtig dieser Teil in einem Gesamtprozess der Änderung und der Rehabilitation ist. Deskriptiv und unter Verwendung des eher unscharfen Begriffs „Beziehungsarbeit“ wird auf den Kern des Beratungsprozesses verwiesen: Auf die Bedeutung der Entwicklung der Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen. Hier wird wieder dem bekannten Muster gefolgt, wonach dies auf einer impliziten Ebene verbleibt. Auf Befragen beschreibt sie die wichtige Stellung von Sozialer Arbeit. Diese ist auch sachlich nachvollziehbar. Es wird aber kaum eine selbstbewusste oder stolze Haltung erkennbar, obwohl die Sachlage dies zulässt oder sogar gebietet. D Motivation und Erfolgserleben S.I. fragt ab der Minute 35:15 danach, was IP3 in der Arbeit leitet. Darauf antwortet IP3: IP3: Was mich leitet(.)(.)(.)(.) ja vielleicht auch so eigene Ressourcen zur Verfügung zu stellen, vielleicht auch eigenes Wissen zur Verfügung zu stellen. Also mich leitet auch immer, ist auch immer Spaß, ja es ist ja kein Spaß mit den Menschen, die haben ja auch immer viele Probleme, vielleicht so ein befriedigendes Gefühl, aber das klingt mir so selbst(.)(.) so nach Selbstaufgabe, aber ich glaube, wenn der Job einen so generell so zufrieden stellt. #00:37:51–0# Der erste Teil der Antwort plausibilisiert, weshalb die Altruismus- Unterstellung von S.I. nicht zurückgewiesen wurde. IP3 gibt gerne. Was bekommt sie zurück? Ein befriedigendes Gefühl und Spaß in 4.1 Der Fall IP3 82 ihrer Berufstätigkeit. Was will frau mehr? Das Geben, wenn expliziert, wird ihr aber suspekt. Sie fährt fort: IP3: Ja und ich glaube, das hat auch son bisschen was, das man merkt, dass sich auch Menschen dadurch verändern und auch `n bisschen zuversichtlicher werden oder gesünder im optimalsten Falle oder vielleicht doch abstinent werden, also wenn man diese Entwicklungsschritte mit sieht, und merkt das bringt auch was, da kommt auch was zurück, ohne dem gehts auch gar nicht. Ich glaube sonst gerade, wenn so ne Häufung von chronifiziertem Klientel da ist, das ist schon anstrengend, zermürbend auch, wenn man so wenig Erfolg hat so viele Rückfälle hat. #00:39:28–2# IP3 schildert Abläufe und Geschehnisse, die ihr Bestätigung und Anerkennung geben. Sie endet aber wieder bei der dunklen Seite, den Rückfällen. Es stellt sich die Frage, darf IP3 die Erfolge genießen, wenn es trotzdem noch viel Elend um sie herum gibt? Sie erscheint sich nicht sicher zu sein. Dieses Muster zeigt sich auch an früherer Stelle des Interviews: IP3: Ja ich glaube, wenn man so sieht wie Einzelne auch so Fortschritte machen, so Fortschritte muss man immer gucken, was das ist und (.)(.)(.)(.) ich weiß jetzt nicht , ob man sagen kann, das erfüllt einen, das wäre jetzt n bisschen zu hoch gegriffen, aber (.) (.)(.)(.)#00:22:15–9# Sie erlebt den Erfolg ihrer Arbeit und dies scheint ihr ein erfüllendes Gefühl zu vermitteln. Das darf aber eigentlich nicht öffentlich werden, die Relativierung erfolgt umgehend. Sie endet mit einer langen Pause, die S.I. motiviert eine Nachfrage zu stellen. 4. Ergebnisse 83 E Schluss Der Schluss, der hier als der Abschnitt von Minute 57:37 bis 1:01:36 gefasst ist, soll bis auf einen Ausschnitt eher kursorisch analysiert werden. Zunächst ist ihre Zustimmung zur sogenannten Manualisierung zu nennen (59:32 ff). Dies könnte im Widerspruch stehen zu ihren fachlichen Ansprüchen, den einzelnen Klienten gerecht werden zu wollen. Für sie ist hier aber nur wichtig, „um sicher zu gehen“, sicher zu sein, dass nichts Wichtiges übersehen oder ausgelassen wurde. Das implizite Wissen, dass sie zunächst im Bauch lokalisierte, wäre so veräu- ßerlicht und offen zugänglich. Es wäre von etwas Unsichtbarem zu etwas Strukturellem transformiert. Eine Manualisierung könnte vielleicht auch Legitimität verschaffen und damit Anerkennung. Gegen die diffusen Selbstwahrnehmungen von IP3 ist das sicher eine Abhilfe. Auf folgendes Zitat (ab 57:37) sei noch einmal eingegangen: IP3: Aber es geht doch vielmehr darum, was braucht jeder Einzelne, und nicht darum, muss ich jetzt 80 Klienten im Monat in ne Therapie vermitteln. Also das ist@(.)@ ja total vorbei, vorbei an den Menschen. #00:58:03–0# Es passt in das bisher gewonnene Bild, dass die bürokratischen Handlungszwänge, denen sie und die Einrichtung ausgesetzt sind, sie sehr zu belasten scheinen. Damit sind ganz andere Haltungen und Praktiken bezeichnet als Informationsvermittlung und Vermittlung in Reha- Behandlung. Die genannte Soll-Zahl (80 Vermittlungen im Monat) sind nicht fachlich geboten, sondern kommen von außen, wahrscheinlich von Kostenträgerseite. Sie stellen die fachliche Unabhängigkeit von IP3, wahrscheinlich aber auch von allen Fachkräften, in Frage. Diese Thematisierung knüpft an die defensive Darstellung der Suchtbegleitung an. Offenbar steht die Einrichtung unter mehr oder weniger starken bürokratischen Zwängen. Hiervon ist die Untersu- 4.1 Der Fall IP3 84 chungsfrage berührt. Die Situation von IP3 lässt sich so beschreiben: Wir wissen was bei unserem heterogenen Klientel zu tun ist und tun dies auch. Wir können es nur nicht im vollen Umfang kommunizieren, da externe Instanzen, wie die Kostenträger, von uns sachlich nicht begründete Aktivitäten erwarten. Motiviert das die Begriffslosigkeit von IP3? Fazit An dieser Stelle wird eine Hypothese vorgestellt, die auf der Basis der Ergebnisse der Feinanalyse und einer Gesamtdurchsicht des Materials gewonnen wurde. Die Hypothese besteht aus verschiedenen Elementen. Sie sollen hier einzeln aufgeführt werden. Methodisch kommt ihr der Stellenwert zu, dass sie exemplarisch auf der Basis einer Fallanalyse die Untersuchungsfrage vorläufig beantwortet. Diese heißt: „Wie ist Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung?“ 1. Die berufliche Entwicklung von IP3 einschließlich ihrer Ausbildung zeigt folgendes: Sie verfügt über eine langjährige Berufserfahrung innerhalb derer sie sehr unterschiedliche Settings der Suchthilfe kennenlernt und sich dort auch bewährt. Optionen zu einem Wechsel in andere Felder der Sozialen Arbeit nutzt sie nicht. Im Rahmen ihrer Berufstätigkeit qualifiziert sie sich weiter, so dass sich ihr im Rahmen der Tätigkeit in der Rehaklinik therapeutische Tätigkeitsfelder eröffnen. Aus diesen wechselt sie in ein Feld, in dem zwar Therapie (nach Gesetzesdefinition) geleistet wird (ambulante Reha), sie aber nicht eine solche Auf- 4. Ergebnisse 85 gabe wahrnimmt. Zu ihrer beruflichen Haltung ist zu sagen, sie hat ein sehr entwickeltes Arbeitsethos und erfüllt die komplexen Anforderungen der Arbeitsstelle. Sie will ihre Arbeit gut machen und den Hilfebedarfen und Belangen der Klienten gerecht werden. Die unterschiedlichen Bedarfe und die angezeigten Interventionen beschreibt sie sehr differenziert. 2. IP3 nimmt als Fachkraft der Sozialen Arbeit Tätigkeiten wahr, die als typische Aufgabenfelder der Sozialen Arbeit angesehen werden können. Dazu können gezählt werden: Der Aufbau einer Arbeitsbeziehung, Vermittlung in Entwöhnungsbehandlung (auch in die eigenen Maßnahmen im Haus), Motivationsarbeit, Suchtbegleitung u. v. a. m. Hierzu zählt auch die Arbeit in Zwangskontexten aber auch der Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen. Zusätzlich gibt es aber Bereiche, die weit darüber hinausgehen (suchtmedizinische und oder psychologische Diagnostik). Hierzu sind auch die Tätigkeiten und Anforderungen auf dem Gebiet der „ambulanten Nachsorge nach Therapie“ zu zählen. Diese verschiedenen Felder stellt IP3 vor, aber erst auf Nachfragen und dann mit Relativierungen. Dabei wird auch deutlich, dass der sozialarbeiterische Ansatz der Begleitung bzw. Suchtbegleitung im Feld umstritten ist, was von der Sache her verwundert. Handelt es sich doch bei Suchtbegleitung auch um die gebotene und erwünschte Schadensminimierung. Offenbar handelt es sich um unterschiedliche Konzepte der Auftragsdurchführung, die nicht ineinander aufgehen. 3. Die Tätigkeit von IP3 in der Beratungsstelle ist dem Professionsideal8 weit angenähert. Dies steht in einem Spannungsverhältnis 8 Als Kriterium wird hier und an anderen Stellen das Professionsideal herangezogen, wie es von Becker-Lenz und Müller (2009) skizziert wurden. Eine nähere Befassung mit dem Begriff im Kontext Sozialer Arbeit findet sich hier in Kap. 5. 4.1 Der Fall IP3 86 zu der sachfremden Arbeitszuordnung durch Kosten- und Leistungsträger, die faktisch eine De-Professionalisierung bedeuten können. Dass IP3 wie eine Professionsangehörige arbeitet, dies ist ihr aber nicht bewusst zugänglich. Diese Nicht-Wahrnehmung wird durch strukturelle Rahmenbedingungen wie den bürokratischen Vorgaben, die keiner Professionslogik entstammen, begünstigt. 4. Als methodische Elemente des beruflichen Handelns sind die bekannten Methoden erkennbar, vor allem Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit. Es kann weiter davon ausgegangen werden, dass sich kooperative Arbeitsbeziehungen (z. B. nach Hochuli-Freund/ Stotz, 2011) und die Mitwirkung an einer kooperativen Gestaltung eines Prozessbogens (nach Sommerfeld u. a. 2011) finden lassen. Die beschriebenen Tätigkeiten werden jedoch nicht expliziert sondern in Alltagssprache vorgestellt und beschrieben. 5. Die beschriebenen Tätigkeiten gehen deutlich über Vermittlung als einer rein administrativen Tätigkeit hinaus, insbesondere im Kontext der Diagnostik oder der weiteren Fallbegleitung. Dies findet aber keine Worte, keine Begriffe. Die Fachkraft kann ihre Tätigkeit nicht umfänglich vermitteln und darstellen. Sie wird hierdurch angreifbar. 6. Das verwendete und explizierte Wissen von IP3 speist sich vornehmlich aus dem Wissen anderer Professionen, z. B. dem der Medizin oder der Psychologie. Dies führt zu einer Ambivalenz in Bezug auf die Nennung der Nutzung von Wissen. Das fachfremde Wissen ist nicht ausreichend, das sozialarbeiterische Wissen ist nicht als explizites Wissen zugänglich. So dominiert das implizite Wissen zur Tätigkeitsdurchführung und zum Tätigkeitsauftrag. 4. Ergebnisse 87 7. Die Beratungsstelle ist multidisziplinär zusammengesetzt, was von der Sache her geboten ist. Es ergeben sich keine Hinweise auf negative Folgen der Statusunterschiede. 8. Die unterschiedlichen formalen Beauftragungen und Zuständigkeiten, die durch das Regelwerk von außen in das Team hineingetragen werden, werfen für IP3 die Frage nach Anerkennung und Wertschätzung in besonderer Weise auf. Sie nimmt, trotzdem sie eine dem Grunde nach professionalisierte Tätigkeit ausübt, eine institutionell festgeschriebene Missachtung und Abwertung wahr. Diese kann durch Sonderleistungen der Teamangehörigen nicht kompensiert werden. 9. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für die Fragestellung: Es findet sich bei IP3 eine starke Ambivalenz in der Selbstdefinition. Diese hat sehr unterschiedliche strukturelle Verankerungen. Zu nennen ist die Bedeutung und Wichtigkeit der Tätigkeiten der ambulanten Suchtberatung. Diese steht in einem Spannungsverhältnis zur erwähnten strukturellen Missachtung und der Privilegierung anderer Berufsgruppen einschließlich der Spaltung, die bis in die Gruppe der Fachkräfte der Sozialen Arbeit hineinreicht und sich in diesem Tätigkeitsfeld an der geäußerten Ambivalenz gegenüber der Tätigkeit der Suchtbegleitung zeigt. Hierzu zählt aber sicher auch die Rahmung der Tätigkeit, wonach für das Handlungsfeld relativ diffuse Aufträge, Ziele und Grade der Zielerreichung plausibel als gegeben unterstellt werden können. Die hier thematische Selbstdefinition schwankt zwischen mühevoller Selbstbehauptung einerseits und Selbstverleugnung andererseits. Bei der letztgenannten Konstellation finden Anpassungen an die hegemonialen 4.1 Der Fall IP3 88 Akteure statt, die sich einmal als Burakumin-Syndrom9 zeigen. Zum anderen, IP3 verwendet von sich aus so gut wie keine Fachbegriffe im Allgemeinen. Fachbegriffe aus der Sozialen Arbeit im Besonderen werden nicht benannt. Stattdessen werden die eigenen Praxen und Orientierungen durchgängig alltagssprachlich beschrieben („anders gucken“). Deskriptiv und unter Verwendung einer eher unpräzisen Wortwahl („anders gucken“ oder „Beziehungsarbeit“) wird auf den Kern des Beratungsprozesses verwiesen: Auf die Bedeutung der Entwicklung der Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen. Hier wird wieder dem bekannten Muster gefolgt, wonach dies auf einer impliziten Ebene verbleibt. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition von IP3 kann insgesamt als defensiv bezeichnet werden. Dies bezieht sich nicht auf die Ebene der Deskription. Hier schildert sie alles sehr facettenreich. Die Dinge von einer abstrakteren Ebene her zu betrachten, zu analysieren und auf den Begriff zu bringen, dies gelingt ihr nicht von sich aus. Sie benötigt hier eine Anregung von anderen. Die angesprochene Selbstbehauptung realisiert IP3 durch ihre nachvollziehbaren und triftigen Beschreibungen der Lebenslagen der Klienten und der Schilderung der fachlichen Einschätzungen einschließlich der Interventionen. Ihre Domäne ist die Beschreibung nach Aufforderung. Der defensiven Haltung korreliert eine Orientierung an mächtigen externen Akteuren (hier die Kostenträger). Sie realisiert die Selbstbehauptung andererseits dadurch, dass ihre Tätigkeit sie befriedigt. Sie sieht sich als „Geberin“, fürchtet aber die Grenzen der Selbstbehauptung nicht einhalten zu können. Auf den Punkt gebracht: IP3 leistet gute Arbeit, sie kann es von sich aus aber nicht ausdrücken. Ihr berufliches Handeln beruht offenbar zu einem Teil auf dem, was implizites Wissen bezeichnet wird. Dies erschwert eine explizite selbstbewusste Selbstdefinition. Kann ein Manual hier Abhilfe schaffen? Zumindest IP3, wenn nicht die gesamte Einrichtung, steht in dem Spannungsverhältnis, das fachlich Rich- 9 Näheres hierzu in Kap. 5 und bei Elias/Scotson 1993. 4. Ergebnisse 89 tige zu tun, dies aber nicht in vollem Umfang nach außen kommunizieren zu können. Bei der Bearbeitung des Materials blieben eine Reihe von Fragen offen. Diese sind: 1. Ist die defensive Haltung nur individuell bei IP3 vorfindbar? 2. Finden sich die aufgezeigten Praktiken auch bei Fachkräften in anderen Einrichtungen? 3. Welchen Stellenwert in Einrichtungen dieses Typs hat die Beratung und Vermittlung? 4. Welchen Stellenwert in Einrichtungen dieses Typs hat die Begleitung, bzw. Suchtbegleitung und wie umfänglich darf sie sein? 5. Für wen alles ist Suchtbegleitung begründungsbedürftig? 6. Verwenden andere Fachkräfte der Sozialen Arbeit Fachbegriffe, auch Fachbegriffe der Disziplin Soziale Arbeit 7. Gibt es eine Hierarchie zwischen Beratung, Begleitung und ambulanter Reha? Möglicherweise lassen sich diese Fragen auf erweiterter empirischer Basis – hier weitere Interviews mit Fachkräften der Sozialen Arbeit, die in Suchtberatungsstellen tätig sind – beantworten. Sie werden im Folgenden ausgewertet. 4.2 Der Fall IP1 Ausgehend von den Optionen, die die Analyse des Interviews mit IP3 erbrachte, wurde das nächste Interview mit einer Fachkraft des gleichen Einrichtungstyps geführt, einer Suchtberatungsstelle in einer anderen Stadt. Die Auswertung des Interviews mit IP1 wird nach dem gleichen Muster wie die Auswertung des Gesprächs mit IP3 durchgeführt. 4.1 Der Fall IP1 90 Objektive Daten IP1 Geschlecht Weiblich Geb. 1966 in West-Deutschland Familienstand Verheiratet, ein Kind Schulabschluss Abitur Studium 1986–1989 Sozialpädagogik Arbeit 1989–1990 Anerkennungsjahr als Referentin bei einem Jugendverband der freigemeinnützigen Wohlfahrtspflege mit dem Schwerpunkt Bildungsarbeit 1990–2001 Bildungsarbeit bei diesem Jugendverband. 2001–2009 Tätigkeit in der Suchtprävention. Es gab den Wunsch, die Jugendarbeit zu verlassen. Durch einen Kontakt im privaten Umfeld erfährt sie von der einer möglichen Schwangerschaftsvertretung in der Suchtprävention. Als Motivation für die Idee sich dort zu bewerben wird von IP1 die methodische Nähe zur Bildungsarbeit benannt. Seit 2009: Tätigkeit als Beraterin in einer Suchtberatungsstelle Dies traf sich mit IP1 Wünschen nach einem inhaltlichen Wechsel. Verbunden war damit die Stelle der stellvertretenden Leitung. Zusatzausbildung Systemische Beratung (noch während der Tätigkeit in der Präventionsarbeit), Angehörigenarbeit (Frühintervention noch während der Tätigkeit als Präventionsfachkraft), Doppeldiagnosen, 4. Ergebnisse 91 Ressourcenorientierte Beratung, selbst finanziert, Arbeitgeber unterstützt durch partielle Freistellung. Regelmäßige jährliche Fortbildungen, an einer therapeutischen Fortbildung (VDRanerkannt) hat IP1 Interesse, diese wird aber vom Träger nicht unterstützt. Jetzige Tätigkeit Zuständigkeit: ambulante Beratung von Abhängigen, stellvertretende Stellenleitung Inhaltlich: Offene Sprechstunde in der Hauptstelle, Gruppe zur Motivationserhaltung, dezentrale Sprechstunden in Beratungszentren im ländlichen Bereich, Angehörigenarbeit, Mitarbeit in Arbeitskreisen, z. T. suchtmedizinische Diagnostik (ICD 10), problemzentrierte Beratung, inhaltliche und administrative Vermittlung in Entgiftung, Reha, (= stationär und ambulante), Betreuungsangebote, längerfristige problemzentrierte Beratung, Arbeit in und mit Zwangskontexten, Vernetzungsarbeit auf der fachlichen Ebene (z. B. Kooperationsvereinbarungen mit stationären Trägern), Methodische Ansätze in der Arbeit: Informationsvermittlung, Motivationsarbeit, Beratung, Netzwerkarbeit fachlich, Gruppenarbeit, Ressourcenorientierung Kollegen 1 Leiter, auch Fachkraft der Sozialen Arbeit 1 Kollegin in der Prävention 1 Kollege und 2 Kolleginnen mit jeweils 30 Stunden 4.1 Der Fall IP1 92 2 Kolleginnen in der ambulanten Reha (davon 1 Psychologin) 1 Verwaltungskraft Zukunft IP1 kann sich gut vorstellen auch „in 10 Jahren“ noch in der Stelle zu sein. Interpretation der objektiven Daten IP1 ist weiblich, zum Zeitpunkte des Interviews 47 Jahre alt, verheiratet und Mutter eines Kindes. Sie macht mit 19 Jahren ihr Abitur. Sie wählt das Studium der Sozialen Arbeit an einer Fachhochschule. Für IP1 ausschlaggebend war hierfür ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei einem Jugendverband. Über die beruflichen Interessen, die IP1 während des Studiums entwickelt haben könnte, finden wir keine Hinweise in den objektiven Daten. Offenbar sind die Kontakte zu dem Jugendverband erhalten geblieben. Sie leistet dort nach dem Studium ihr Anerkennungsjahr ab und findet danach ohne größere zeitliche Unterbrechungen mit 24 Jahren eine möglicherweise feste Anstellung bei diesem Verband der Bildungsarbeit. Der Übergang von der Ausbildung in den Beruf ist nahezu reibungslos gelungen. Es zeigt sich hierbei schon zum ersten Mal ein Muster, das prägend ist für ihre berufliche Entwicklung insgesamt. Ihre Stellen findet IP1 durch Nutzung ihrer Netzwerke oder ihres „sozialen Kapitals“ (P. Bourdieu). Dazu gehört, dass sie nie von außen, als Unbekannte zu ihrem Arbeitgeber stößt. Sie hat schon eine Geschichte dort und einen Namen. Der Arbeitgeber, weiß, was er an ihr hat. Über die konkreten Tätigkeiten in der Bildungsarbeit liegen keine konkreten Informationen vor, außer, dass es einen Wunsch gegeben haben muss, nach spätestens 11 Jahren in ein anderes Tätigkeitsfeld zu wechseln. Hier war es die Tätigkeit einer Präventionsfachkraft bei 4. Ergebnisse 93 einem freien Träger der Suchtkrankenhilfe. Was den Wunsch motivierte, der schließlich handlungswirksam wurde, hierzu liegen keine Informationen vor. Wenn man davon ausgeht, dass IP1 bei dem Jugendverband eine feste, d. h. unbefristete Stelle inne hatte, so erscheint der Wechsel für sie als zunächst relativ riskant. Sie wechselt auf eine Stelle, wo sie eine Schwangerschaftsvertretung ausübt. Nach einer überschaubaren Frist von ein bis zwei Jahren kann hier die Fachkraft auf ihre Stelle zurückkehren, IP1 müsste möglicherweise die Tätigkeit beenden, wäre vielleicht sogar arbeitslos. Vielleicht wusste oder ahnte IP1 aber, dass der freigemeinnützige Träger brauchbare Fachkräfte nicht einfach fallen lässt. Nach ihrer Auskunft war für sie der Wechsel zur Suchtarbeit in dem Gebiet „Suchtprävention“ auch dadurch für sie attraktiv, als sie eine große methodische Nähe zu ihrer bisherigen Tätigkeit unterstellte. Insofern wäre das Einlassen auf Neues nicht so nachhaltig wie bei einem anderen Feld. Die weiteren Abläufe zeigen, IP1 kann auf der Stelle bleiben, da die vertretene Kollegin sich beruflich umorientiert und nach der Vertretungszeit nicht zurückkehrt. IP1 erhält eine Festanstellung. Wie die Fort- und Weiterbildungen nahelegen, die IP1 während ihrer Zeit als Präventionsfachkraft absolviert, hat die neue Tätigkeit eigene Herausforderungen, die wahrscheinlich etwas Neues bedeuten, im Vergleich zur Bildungsarbeit. Sie hat offenbar mit Konsumenten zu tun, d. h. jungen Konsumenten und hat so auch beruflichen Kontakt mit deren Eltern. Dafür fühlt sich IP1 nicht ausreichend vorbereitet und absolviert zwei Fortbildungen. Hier zeigt sich eine Analogie zur ersten Weiterbildung von IP3. Nach 8 Jahren Tätigkeit im Rahmen der Prävention wird eine Stelle im Bereich der Suchtberatung frei. IP1 wechselt 2009 auf diese Stelle. Hiermit verbunden ist auch die Rolle der stellvertretenden Leitung der Beratungsstelle. Aus den objektiven Daten geht leider nicht 4.1 Der Fall IP1 94 hervor, ob sie diese (Mit-) Leitungstätigkeit angestrebt hatte oder ob diese eine Gegebenheit für sie darstellte, die im Fall des angestrebten Wechsels nicht zu umgehen war. In jedem Fall repräsentiert sie die Einrichtung durch diese Rolle in besonderer Weise. Offenbar stellen sich in dem neuen Tätigkeitsfeld auch neue Herausforderungen. Dem trägt IP1 dadurch Rechnung, dass sie weitere Fortbildungen absolviert und diese selbst finanziert. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie immerhin durch zeitweise Freistellungen. In Hinblick auf die Fortbildung von IP3 im Rahmen ihrer Tätigkeit in der niedrigschwelligen Einrichtung, den Fortbildungen von IP1 für ihre Tätigkeiten in Prävention und Beratung ist noch einmal auf die Frage verwiesen, inwieweit das ausschließliche Studium der Sozialen Arbeit für diese Tätigkeitsfelder qualifiziert. Beide Fachkräfte gehen davon aus, dass dem nicht so sei. Zumindest der Arbeitgeber von IP1 sieht das ähnlich. Seine finanziellen Möglichkeiten sind aber offenbar so begrenzt, dass eine finanzielle Beteiligung, geschweige die volle Kostenübernahme, nicht möglich erscheint. Damit ist in diesem Feld die Frage nach der Verantwortung für das gestellt, was im neumodischen Diskurs über die Güte von personenbezogenen sozialen Dienstleistungen mit Strukturqualität bezeichnet wird. Offenbar kann diese Verantwortung vom Träger nicht ausgeübt werden. Diese Unterlassung scheint vom verantwortlichen Kostenträger (Kommune und Land) hingenommen zu werden. Hingenommen wird sie auch von den Trägern der Rentenversicherung. Diese stehen hier ebenfalls in einer Verantwortung, da die Beratungsstellen wesentliche Vorbereitungs- und Vermittlungstätigkeiten für Reha-Maßnahmen durchführen, für die die Rentenversicherungsträger einen gesetzlichen Auftrag haben. Zum Tätigkeitsfeld gehört offenbar, dass die Verantwortlichkeit dafür, wie eine Fachkraft für das Feld qualifiziert ist, in das Ermessen der einzelnen Fachkraft gelegt wird, somit individualisiert wird. Insofern lässt sich von einer offenbar allgemein akzeptierten strukturellen Verant- 4. Ergebnisse 95 wortungslosigkeit der für eine angemessene materielle Ausstattung der Träger zuständigen Akteure sprechen. Eine Analogie im Rahmen der medizinischen Versorgung könnte so aussehen, dass ein in einem Krankenhaus beschäftigter Chirurg für die zeitgemäße Ausstattung mit den für eine Operation erforderlichen Utensilien selbst verantwortlich ist. Ob und inwieweit diese Gegebenheit in der ambulanten Suchtkrankenhilfe mit der Logik der Fürsorge zusammenhängt, dies soll hier nicht weiter erörtert werden. Der Wechsel in der Tätigkeit erfolgte wieder beim gleichen Arbeitgeber. Offenbar war man mit der Arbeit von IP1 zufrieden. Unter „jetzige Tätigkeit“ führen die objektiven Daten zahlreiche Aktivitäten auf. Dazu gehört die Angehörigenarbeit, für die sie durch die Fortbildung in systemischer Familienberatung prädestiniert sein dürfte. Bemerkenswert hieran ist, dass hier nicht nur Beratungs- und Vermittlungsaufgaben im engeren Sinne genannt werden sondern vielerlei Angebote, die bei einem idealtypischen Rehabilitationsprozess als komplementäre Angebote zu charakterisieren sind. Diese sind zwar keine Therapie im engeren Sinne, können aber als zentrale Stützungs- und Ermöglichungsangebote in einem Gesamtprozess aufgefasst werden. Für weitere Ausführungen zu den Tätigkeitsfeldern sei auf die Ausführungen zu IP3 verwiesen. Näherer Erläuterung bedarf noch die „suchtmedizinische Diagnostik (ICD 10)“. Dies klärt sich eventuell im Interview. IP1 arbeitet in einem Team, in dem die Bereiche „Prävention“ (hier arbeitete IP1 früher) und „ambulante Reha“ abgegrenzt sind. Über eine therapeutische Ausbildung, die die Arbeit in „ambulanter Reha“ ermöglichen würde, verfügt IP1 nicht. Der Arbeitgeber und IP1 sind daran interessiert, dass sie diese Ausbildung macht. Sie kann aber nicht mit einer Unterstützung durch den Arbeitgeber rechnen, da eine finanzielle Förderung offenbar dessen Budget für Fortbildung überstrapazieren würde. Aus Sicht des Arbeitgebers sind auch genü- 4.1 Der Fall IP1 96 gend Fachkräfte verfügbar, die diese Tätigkeit ausüben können. IP1 nutzt aber das Fortbildungsangebot, das verfügbar ist und besucht jährlich entsprechende Angebote. Im Unterschied zu IP3 ist IP1 relativ spät – mit 43 Jahren – in die Beratungsarbeit in einer Suchtberatungsstelle eingestiegen. Zum Interviewzeitpunkt sieht sie hier ihre mittelfristige berufliche Zukunft. Den spezifischen Herausforderungen des Berufs fühlt sie sich offenbar gewachsen. Analyse des Interviews mit IP1 Im Folgenden wird das Interview in Form einer Feinanalyse sequentiell analysiert. Die Analyse beginnt mit der Einleitungssequenz (bis Minute 10). Weiter unten werden weitere Teile des Interviews einer Feinanalyse unterzogen. Ihre Auswahl bestimmt sich durch das Zwischenergebnis, das nach der Analyse der Eingangssequenz vorliegt. Die Auswahl bestimmt sich weiter durch die Themen, die in der Auswertung des Interviews mit IP3 maßgeblich waren. Das Vorgehen soll eine erste vorläufige Antwort geben auf die Untersuchungsfrage: Wie ist die Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung? S.I.: Und was machst, was ist, was machst du jetzt im Moment hier. Was sind jetzt (.) deine (.) Aufgabenschwerpunkte? #00:02:37–8# Die Aufzeichnung des Interviews beginnt mit einer Frage nach den gegenwärtigen Aufgabenschwerpunkten. Vorausgegangen war die Frage, wie der berufliche Weg in die ambulante Suchtberatung war. Durch ein Versehen wurde dies aber nicht aufgezeichnet sondern wurde handschriftlich festgehalten. Die Eckdaten finden sich in den objek- 4. Ergebnisse 97 tiven Daten. Die Interviewerin ist mit IP1 per Du, da sich beide aus anderen Kontexten kennen. Die Frage ist eine allgemeine Gesprächseröffnung, die IP1 die Möglichkeit der Schwerpunktsetzung lässt. IP1: Ich arbeite in ‘ner Beratung mit suchtkranken mit Ähm Ja mit suchtkranken, suchtgefährdeten //mhm// Menschen im legalen Suchtbereich, //mhmja// das heißt Alkohol, (holt Luft) Medikamente, Glücksspiel is so der Schwerpunkt //mhm//. Zunächst nennt IP1 die Bezeichnung der Angehörigen der Zielgruppe (suchtkrank oder suchtgefährdet), dem schließt sich die Nennung von Substanzen an. Weiter wird die nicht stoffgebundene „Sucht“ Glücksspiel genannt. Hierin spiegelt sich eine Aufteilung von Zuständigkeiten in der ambulanten Suchtarbeit wieder. Legale Substanzen plus Spielen gehört in die Zuständigkeit der einen Organisation, illegale Substanzen in die der anderen Organisation. Die Sprache ist sehr umgangssprachlich geprägt und dadurch grammatikalisch nicht ganz korrekt. Ähm und deren Angehörigen, //mhm// die eben auch zur Beratung kommen, könn’ sich informieren können oder auch längerfristige Beratungsprozesse kriegen //mhm// (.) In der Fortsetzung der Darstellung der Aufgabenschwerpunkte werden jetzt Angehörige von suchtkranken und suchtgefährdeten Menschen genannt. Es taucht hier eine zweite Sortier-Logik auf. Wurde nach der ersten Regel nach dem Legalstatus von Substanzgruppen unterschieden, so ist hier die Regel Konsument gegen Konsum- Betroffene. Diese Gruppe, die Konsum-Betroffenen, werden hier als eine Gruppe eingeführt, bei der man scheinbar selbstverständlich von einem Hilfebedarf ausgeht. Fachlich gesehen macht dies auch Sinn. Diese Form der Hilfe entstammt einer wie auch immer genau ausgeführten Idee von ganzheitlicher Hilfe. Von der Leistungslogik her betrachtet ist es so etwas wie die Familienversicherung in 4.1 Der Fall IP1 98 der Gesetzlichen Krankenversicherung. Wie die Ausführung weiter zeigt, können diese Hilfen in längeren Beratungsprozessen auch Einiges an Ressourcen binden. Die Arbeit mit Angehörigen hat als ein Ziel, das sog. soziale Umfeld der Konsumierenden zu stabilisieren. Damit ist ein wichtiger Aspekt der sozialen Dimensionen im Prozess der Rehabilitation angesprochen (siehe auch Rüegger 2012), da die Rehabilitation von der Erkrankung Sucht auf Dauer nur gelingen kann, wenn den Bedarfen der Betroffenen auf den bio-psycho-sozialen Dimensionen entsprochen wird und hier ist für die soziale Dimension ausschließlich Soziale Arbeit – ordnungspolitisch gesehen als Fürsorge – zuständig. Wird IP1 Für die rehabilitativen Teil-Aspekte in dieser wichtigen Dimension Worte finden? Und von den Arbeitsinhalten her? #00:02:58–5# S.I.: Jaha #00:02:58–5# IP1 ist in ihrer Antwortstrategie sehr bedacht. Zuerst wurden die Leitlinien aufgeführt, die die mögliche Zielgruppen definieren. Es werden so Ein- und Ausgrenzungen vorgenommen. Nach dem das „Wer“ kurz geklärt ist, bietet IP1 an, auf das „Was“ und das „Wie“ der Hilfen einzugehen. Sie bietet damit eine Antwort an, zu der die Frage noch gar nicht gestellt wird. Die Arbeitsinhalte sind aus ihrer Sicht mit den Aufgabenschwerpunkten verbunden. IP1: Ähm isses im Grunde das ganz breite Spektrum Ähm zwischen von jemand kommt hierhin und hat einfach nur ne äh möchte nur ne Information haben über (holt Luft) ähm jemand ist geschickt // mhm// und hat quasi ne Auflage vom Gericht, Arbeitgeber, Jobcenter, was auch immer bis hin zu jemand kommt freiwillig, weil er selber n‘ Gespür hat , irgendwas is bei mir nicht im Lot //mhm// bis hin zu Leuten, die einfach auch klar schon den Wunsch haben, 4. Ergebnisse 99 ich möcht etwas verändern und //mhm// möchte hier Unterstützung. #00:03:27–2# Es folgt die Darstellung von dem, was IP1 unter „Arbeitsinhalte“ versteht. Eine genauere Betrachtung ergibt aber, es handelt sich nicht um Arbeitsinhalte sondern um eine mehr oder weniger umfassende und abschließende Aufzählung von Anliegen und Motiven, mit denen Klienten die Beratungsstelle aufsuchen. In dieser Darstellung werden zwei Achsen verwendet. Die eine ist die Achse der Grade von Freiwilligkeit. Sie reicht von der völligen Freiwilligkeit gegenüber einer Veränderung der Konsummuster an einem Ende bis hin zu Zwang und weitgehender Fremdbestimmung an ihrem anderen Ende. Dazwischen liegen zahlreiche Abstufungen mit jeweiligen Mischungsverhältnissen. Die andere Achse ist eine, die unterschiedliche Abstufungen der Motivation vorweist an den eigenen Konsummustern etwas verändern zu wollen. Es geht also um Freiwilligkeit und Motivation. Wobei es hier auch Berührungen geben kann, denn motivierte Klienten kommen häufiger freiwillig. Was aber ist mit den anderen, den Unfreiwilligen und Unmotivierten? Hier ist mit Widerstand zu rechnen. IP1 antwortet hier zum Thema „Arbeitsinhalte“. Heraus kommt ein Antwortinhalt, der zu „Klientengruppen“ oder „Aufgabenbereiche“ passt. Hinzukommt, bei einigen muss ich mit dem Widerstand arbeiten, bei einigen fast nicht. Den Umgang mit Widerstand verbucht IP1 für sich als „Arbeitsinhalt“, warum nicht als methodisches Vorgehen? Abschließend ist zu der oben gestellten Frage festzuhalten, dass IP1 für die soziale Dimension ihrer Tätigkeit keine Worte findet. Möglicherweise findet sich dies an anderer Stelle. S.I.: Jaha. (.) Also das ganz breite Spektrum der der Klienten und wahrscheinlich auch des Sucht(.)verhaltens oder des, des Suchtmittelabhängig-Seins //mhm// oder -Werdens oder in der Phase sein. #00:03:40–0# 4.1 Der Fall IP1 100 Die Interviewerin nimmt die Formulierung des breiten Spektrums in mehreren Versuchen einer thematischen Fokussierung noch einmal auf. Hier wird es auf das Konsum-Muster fokussiert (Abhängig-Sein oder Abhängig-Werden)? Auf jeden Fall geht es um eine wie auch immer geartete Abhängigkeit, auch um eine Gefährdung? IP1: Wobei der Schwerpunkt schon deutlich im Bereich Abhängigkeit liegt. Es wird klargestellt, dass es sich bei den Klienten der Einrichtung überwiegend um die Gruppe handelt, bei der eine Abhängigkeit von einer oder mehreren Substanzen nach welchem Maßstab auch immer festgestellt wurde. Die oben (02:58) noch erwähnte Gefährdung spielt jetzt keine Rolle mehr, es kommen offenbar eher die „harten“ Fälle, die also, die eine Abhängigkeit entwickelt haben. Also es gibt durchaus Klienten mit missbräuchlichem Konsum, // mhm// das ähm sind aber nicht die meisten. (.) Die meisten haben tatsächlich mehr oder weniger, also die Frage ist wie lang das dann schon so ist, ob das jetzt sich über zwei drei Jahre erstreckt oder ober über 20, 30. Da gibts doch noch mal nen Unterschied //mhm// ähm aber die Meisten würde ich schon so nach den ICD 10 Kriterien in den Bereich Abhängigkeit einsortieren. #00:04:07–0# Neben einer Abhängigkeit könnte es sich auch um Missbrauch, d. h. um missbräuchlichen Konsum einer Substanz handeln. Eines von beiden sollten potentielle Klienten vorweisen, um hier Hilfe zu bekommen. Bei einer Abwägung, Missbrauch oder Abhängigkeit spielt für IP1 auch die Konsumdauer eine Rolle. Sie kann so verstanden werden, dass das Konsummuster X nach zwei bis drei Jahren noch als Missbrauch einzuordnen wäre, nach 20 oder 30 Jahren aber eher als Abhängigkeit. Im letzten Satz nennt sie das Diagnose-Instrument und den Maßstab für Abhängigkeit und Missbrauch: Den ICD 10 (siehe hier- 4. Ergebnisse 101 zu die Analyse des Interviews mit IP3). Nach allen Informationen ist die Formulierung der ICD 10-Kriterien im Allgemeinen, im Bereich Suchterkrankung im Besonderen aber in der alleinigen Zuständigkeit von Ärzten. Andere Berufsangehörige, z. B. aus der Psychologie oder der Sozialen Arbeit sind nicht beteiligt. Hätten die Angehörigen dieser Berufe hier nicht auch etwas Substanzielles zur Sache mitzuteilen, zumal dann, wenn man „Sucht“ in ihrer Entstehung, Aufrechterhaltung und Überwindung als einen Prozess begreift, der bio-psychosoziale Aspekte aufweist? Höchst wahrscheinlich. Nur, sie wurden wahrscheinlich nicht gefragt. An dieser Verteilung der Definitionsmacht im Bereich Suchterkrankung zeigt sich die bereits erwähnte (siehe den Fall IP3) Ärztezentriertheit des Systems. Dies ist allerdings nicht nur in Deutschland so, sondern dürfte auch international betrachtet ein Datum darstellen und folgt eigentlich nur konsequent dem Konzept von Sucht als Krankheit. Eine sich hier anschließende Frage ist, wie zufrieden Soziale Arbeit mit der ICD 10-Definition von Sucht ist und ob Soziale Arbeit nicht eigene, vielleicht ersetzende oder zumindest ergänzende Definitionen formuliert hat oder noch formulieren will? S.I.: Mhmja ok. und wenn de ähm deine Klienten, wie würdest du sie so beschreiben, wenn du sie jemanden mal beschreiben müsstest, der so davon so gar keine Ahnung hat. Wie würdest du die Klienten beschreiben. Was sind das für Menschen? #00:04:19–5# Durch die Interviewerin wird ein weiteres Thema eingebracht. Das nach den Klienten. Die Frage ist sehr allgemein gestellt und überlässt es der Befragten, welcher Aspekt priorisiert werden soll. Diese Priorisierung würde IP1 wiederum charakterisieren. In der Frageformulierung zeigt sich wieder das bereits benannte Muster Frageinhalte zu wiederholen und dabei leicht zu variieren. 4.1 Der Fall IP1 102 IP1: (..) In Bezug auf Aussehen?┘ #00:04:21–7# Das in der Frage angelegte Ansinnen der Priorisierung durch IP1 mit der damit verbunden Charakterisierung ihrer selbst wird von IP1 nicht nur indirekt abgelehnt. Sie lässt S.I. geradezu auflaufen und will es offenbar genau wissen. Auf die Gestaltungsmöglichkeit geht sie nicht ein und fordert eine Präzisierung dahingehend ein, welcher Aspekt an Klienten nun von Interesse sei, wie z. B. das Aussehen? S.I.: └Ja auf alles, wie du die Klienten so wahrnimmst, was sind das für Menschen? #00:04:27–5# Die Interviewerin beharrt auf dem Allgemeinheitsgrad ihrer Frage. IP1: (…)@(.)@ #00:04:29–0# Die Befragte geht nicht auf den zweiten Anlauf ein. Sie antwortet mit einem mehrdeutigen Auflachen. S.I.: └Welche Probleme haben die? #00:04:28–7# Von Seiten der Interviewerin erfolgt eine Reaktion im Sinne einer Konkretion. Im Vordergrund der Darstellung zu den Klienten soll nun stehen, welche Probleme diese haben. IP1: Jaha #00:04:28–7# IP1 antwortet immer noch nicht auf die Frage. Sie gibt aber zu verstehen, dass sie die Frage verstanden hat und dies nicht nur inhaltlich. Möglicherweise hat sie auch den Aspekt der Musterwahl erkannt und bleibt zögerlich. S.I.: Welche Probleme haben die, was steht im Vordergrund, gibt es Typen, gibt es Probleme, die immer wieder auftauchen? #00:04:40–2# Die Interviewerin bemüht sich nun die Allgemeinheit der Frage noch mehr zu verringern. Nachdem in einer ersten Stufe die Probleme der 4. Ergebnisse 103 Klienten eingeführt wurden, wird nun die Frage erweitert um Dinge, die im Vordergrund stehen und anderes. IP1: mja (…) Also, (.) was ich hier deutlich gelernt habe, is dass so mit den allermeisten ihre Abhängigkeit nicht ansieht, //mhm// IP1 kommt auf das Thema ihrer ersten Nachfrage zurück. Das Aussehen der Klienten ist oder war für sie etwas Wichtiges. Sie ist sich darüber aber unsicher. Ihre erste Nachfrage stellte klar, ob mit der Frage wirklich das bezeichnet wird, was IP1 einmal wichtig war. Dieses scheinbare Datum, das spezifische Aussehen der Klienten, ist für IP1 in der Arbeit erodiert. Ein bestimmtes Aussehen ist kein allgemein gültiges Charakteristikum, vielleicht eines einer Untergruppe. Obwohl nicht nach dem Aspekt des Aussehens gefragt, geht IP1 hier darauf ein. Sie geht aber zunächst nicht auf die Frageaspekte ein, die nur die Probleme zum Gegenstand hatten. Charakteristisch bei ihren Klienten ist für sie, dass sie äußerlich nichts Charakteristisches aufweisen. Sie macht damit deutlich, dass sie jetzt nach ihrem Erfahrungszuwachs keine Verallgemeinerungen und schon gar keine negativen Verallgemeinerungen, wie sie vielleicht das Alltagsdenken formuliert, hinsichtlich der Klienten vornehmen möchte. Von der Sache her ist diese Einschätzung nicht überraschend, denn wem sieht man denn schon etwas an? Möglicherweise setzt sie sich hier von vermuteten Klischees gegenüber Klienten einer Suchtberatungsstelle ab. Die anderen mögen vielleicht denken die Klienten dieser Einrichtung könne man anhand von Äußerlichkeiten als Solche identifizieren, IP1 tut dies nicht. Allerdings, sie gibt zu erkennen, dass sie das früher, bevor sie „hier“ angekommen ist, wohl auch gemacht hat. „Hier“ hat sie gelernt oder musste lernen, dass ihre Annahmen gegenstandslos sind. Offen bleibt, wann sie „hier“ ankam. Zählt schon die Zeit auf der Präventionsstelle dazu oder erst die Zeit in der Beratung? 4.1 Der Fall IP1 104 ähm und dass viele auch n Problem haben sich als alkoholabhängig zu bezeichnen, weil sie sagen, ich zitter ja morgens noch nicht //mhm// und ich gehe auch noch arbeiten, also (.) ich glaube, das, das Klischee des klassischen, ich sag das mal Alkoholabhängigen, äh der morgens schon den ersten Schluck aus der Kornflasche nimmt und ähm den Tag anner Maria oder so verbringt //mhm ja ja// das spiegelt sich hier nicht wieder. Die gibt es sicher //ja// aber ähm es gibt auch viele, die einfach erstmal noch (.) ja eher so, ich sag mal in die gesellschaftlichen Normen passen // ja// Nahm IP1 zunächst eine negative Verallgemeinerung vor, im Sinne was man bei „allen“ nicht sieht, folgt nun eine inhaltliche Füllung zu Problemen und Typen. Vielen falle es schwer sich als abhängig zu bezeichnen. Dies rühre auch daher, dass diese „viele“ offenbar eigene oder in IP1’s Sicht keine sachgerechten Maßstäbe für Abhängigkeit haben. Nach IP1 Ansicht haben diese „viele“ offenbar ein Alltagsmeinung darüber, was Abhängigkeit ausmacht, sie hat möglicherweise eine andere, die Sicht der Expertin, deren Urteil auf Wissen beruht, auf wissenschaftlich untermauertem Wissen und nicht auf Alltagswissen. Aber welche Quellen hat dieses Wissen, ist für IP1 der ICD 10 der Maßstab oder hat sie noch andere Maßstäbe? Angesprochen ist hiermit, dass viele der Klienten keine Problemeinsicht in dem Sinne haben, dass sie sich offensichtlich nicht für abhängig erklären. Hierin kommen die im Rahmen der Kontextbedingungen bezeichneten doppelgesichtigen Aspekte von Sucht als Krankheit zum Ausdruck. Wozu aber wäre es hilfreich, wenn sich die Angehörigen der bezeichneten Gruppe als alkoholabhängig bezeichneten, aus Sicht von IP1 oder des Hilfesystems Krankheitseinsicht zeigten? Ist es nicht ausreichend sich von Klientenseite als missbrauchend oder als gefährdet zu sehen, müssen sie (im Sinne Foucaults) erst gestehen, „ja, ich bin (abhängigkeits-) krank“? Welche Folgen hat es oder hätte es für die Selbstdefinition und die fach- 4. Ergebnisse 105 liche Praxis mit etwas zu arbeiten, was aus ihrer Sicht Verleugnung ist. Ist das Erscheinen in der Beratungsstelle nicht schon Ausdruck eines Wunschs nach Veränderung. Warum kämen diese Menschen sonst in die Beratungsstelle? Sie benennt ein Bild von „klassischer“ Alkoholabhängigkeit. Die Indikatoren (Zittern, Arbeitsplatzverlust, den Tag an der „Maria“) müssen aus ihrer Sicht nicht erfüllt sein, um abhängig zu sein. Das Kriterium „Abhängigkeit“ könne schon erfüllt sein, ohne dass die genannten Praktiken vorliegen müssen. Wie aber kommen die Klienten auf diese, ihre Kriterien und: Wurden die Kriterien im Zeitverlauf verändert, erweitert in dem Sinn, dass Sachverhalte, die früher noch nicht als „abhängiges“ Verhalten galten, nun unter diese Kategorie fallen. Zu fragen wäre dann noch, wer hat dies veranlasst? wie immer man die auch beschreiben mag. Das ist natürlich nochmal breit gefächert. (.) ähm das, was schon viele als Problem haben, ist Arbeitslosigkeit. Auch die Gruppe, die für IP1 alkoholabhängig ist, ist heterogen. Ein gemeinsames Merkmal von vielen sei aber Arbeitslosigkeit. Es ist schon so, dass dann der Job weg ist und zum Teil auch schon länger weg ist. ähm unterschiedlich ist, ob sie erst angefangen haben zu trinken und dann der Job weg war oder umgedreht bei manchen eskaliert es dann auch //mhm// wenn die Rahmenbedingungen wegfallen oder (.) (undeutlich) bedingt es sich gegenseitig ähm (.) Es werden unterschiedliche Abfolgen von starkem Trinken und Verlust des Arbeitsplatzes vorgestellt. Der Verlust kann im Gefolge des Trinkens eingetreten sein oder das Trinken kann als eine Folge des Arbeitsplatzverlustes gesehen werden (Kausal- vs. Drift-Hypothese). Als Motiv werden weggefallene Rahmenbedingungen genannt. Aber in welchem Zusammenhang steht der Arbeitsplatzverlust mit der 4.1 Der Fall IP1 106 Abhängigkeitserkrankung, sind alle, die in dieser sozialen Lage stark trinken auch abhängig? Auf jeden Fall wird hier auf ein allgemeines Wechselverhältnis zwischen einer sozialen Dimension (Erwerbstätigkeit) und den bio-psychischen Dimensionen verwiesen. Ein anderer Aspekt ist, es findet hier eine von den Gegebenheiten nicht gedeckte Verallgemeinerung in Form einer Verdichtung statt. Trinken wird vorschnell mit abhängigem Trinken in Eins gesetzt. Im Kern steht das Expertentum von IP1, das von den Klienten nicht anerkannt wird, obwohl sie zu wissen glaubt, was mit ihnen los sei. und //jaha// die allermeisten sagen, im Verlaufe meiner Abhängigkeitsentwicklung hab ich mich zunehmend zurückgezogen, das heißt das was immer schwierig ist, ist das soziale Netzwerk, IP1 führt eine weitere Teilgruppe ein. Es handelt sich um eine Gruppe von Abhängigen, die sich auch so bezeichnet, also die geforderte Krankheitseinsicht hat. Ausgangspunkt der Sequenz war, dass man Alkoholkonsumenten, die nach Ansicht von IP1 abhängig sind, diese Abhängigkeit nicht ansehe. Ein großer Teil dieser „Abhängigen“ habe aber aufgrund von eigenen Kriterien (zittern am Morgen) nicht die Einschätzung abhängig zu sein. Die Gruppe sei weiter homogen, ein Teil von ihnen arbeitslos. Arbeitslosigkeit und Trinken stehen in vielfältigen Grund- Folge- Beziehungen, aber nicht immer muss es zu einer Abhängigkeitsentwicklung gekommen sein. Aber genau diese Gruppe, nun die Gruppe mit Krankheitseinsicht wird dann zitiert mit ihren Rückzugstendenzen. Damit ist auf eine weitere Gefahr verwiesen. Die erste ist der Arbeitsplatzverlust, die zweite ist der Rückzug und die Isolation. Alle Phänomene wurden sicher im Zusammenhang mit Sucht beobachtet. Dennoch ist die Frage, auf welcher Grundlage kommt IP1 zu ihren verallgemeinernden Schlussfolgerungen, sind dies nicht falsche induktive Schlüsse? Hatte IP1 zunächst Verallgemeinerungen vermie- 4. Ergebnisse 107 den oder zurückgewiesen, werden sie ab dieser Stelle für sie zulässig. Die mangelnde Krankheitseinsicht stellt für IP1 ein Problem dar. Das oben erwähnte Thema „Arbeit mit Widerstand“ zeigt sich wieder. In der Darstellung hat aber nicht IP1 das Problem, sondern nur die Klienten (Arbeitslosigkeit und soziale Isolation). Wieso ist die mangelnde Krankheitseinsicht, der Widerstand der Klienten ein Problem? Im Rahmen ihrer systemischen Ausbildung sollte sie gelernt haben, mit Widerstand zu arbeiten. Sie wird die entsprechenden Interventionen anwenden können. Wird sie daran gehindert, möglicherweise durch institutionelle Vorgaben? Lehnt sie diese Vorgaben als unfachlich ab, kann dies aber auf Grund ihrer Leitungsrolle und ihrer Loyalität zur Einrichtung nicht explizieren? manchmal lässt sich da ganz gut wieder dran anknüpfen, manchmal ist es sehr mühsam es aufzubauen (.) ähm manchmal scheiterts auch einfach daran etwas zu verändern weil man im Grunde nur noch Trinkbekanntschaften hat. //Ja// Weil das ähm das ist glaub ich son durchgängiges Problem der zunehmende Rückzug aus //ja// früheren sozialen Bezügen aus Familienbezügen ähm aus Sportvereinen usw. zu wirklich ja es dreht sich dann alles um den Alkohol , weil der wirklich Zeit braucht. #00:06:29–2# Die nachhaltigen Folgen der sozialen Isolation werden beschrieben. Sie bestehen u. a. darin, dass sie auch im Fall einer erfolgreich durchgeführten Rehabilitationsbehandlung die soziale Reintegration gefährden kann. Zudem gilt die Erkenntnis von Max Weber, Freundschaften kann man niemandem verordnen. S.I.: Und und was macht ihr hier genau oder was machst du genau mit den Klienten? Also an an Interventionen, an Gesprächen #00:06:29– 4# 4.1 Der Fall IP1 108 Die Interviewerin eröffnet ein neues Thema, es geht um das Wie der Arbeit, den Interventionen. Das Lamento von IP1 über die mangelnde Krankheitseinsicht eines Teils der Klienten, der für das Ganze genommen wird, wird zumindest hier nicht vertiefend aufgenommen. IP1: mhm (.) Also erst mal frag ich die Klienten was sie wollen. Was sie für n Auftrag an mich haben und dann müssen wir natürlich mal gucken, ob das mit dem übereinstimmt, also ob ich das auch leisten kann. Also son Auftrag von ähm ich brauch jetzt wieder Arbeit oder so @(.)@ muss man sich dann schon mal von differenzieren. (.). Bei der Beantwortung der Frage nach Interventionen beginnt IP1 mit dem Anfang der Beratungsbeziehung. Das individuelle Anliegen der Klienten soll als erstes geklärt werden. IP1 stellt es so dar, dass die KlientInnen mitteilen mögen, was sie wollen und damit verbunden, was ihr Auftrag an die Beratungsstelle, an IP1 sei. Dies erscheint als sehr offen, setzt aber im Falle des Auftrags einen gewissen Grad der Selbstreflexion voraus. Zur stillen Prämisse von „Auftrag“ gehört, dass sich das Gegenüber damit auseinandergesetzt hat, wo es ist. Will es eine Arbeitsstelle, dann muss IP1 passen. Sind aber alle Klienten in der Lage, Aufträge zu formulieren? Wie wird mit diffusen oder impliziten Aufträgen verfahren? Mit dem eingebrachten Anliegen nach Aufnahme von Erwerbsarbeit wird ein weites Themenspektrum angesprochen. Alle Befunde sprechen dafür, dass die Überwindung unfreiwilliger Arbeitslosigkeit einen zentralen Aspekt der sozialen Dimension des Rehabilitationsprozesses bedeutet. Erwerbstätigkeit gilt als die zentrale Dimension der Vergesellschaftung des Individuums (Sommerfeld u. a. 2016, S. 64ff). Arbeitslosigkeit wird unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen nur überwunden, wenn das eigene Arbeitskraftangebot eine wirksame Nachfrage erfährt. Die Nachfrage nach Arbeit (-skraft) ist aber in Marktwirtschaften wie der unseren von einem 4. Ergebnisse 109 komplexen makro- und mikro-ökonomischen Beziehungsgeflecht abhängig. Dies kann von keinem Helfersystem und keiner Helfergruppe beeinflusst werden, auch wenn dies unter dem Gesichtspunkt der sozialen Dimension der gelingenden Rehabilitation wünschenswert wäre. Es fragt sich hier, welchen Anschluss wählt IP1, nachdem sie gesagt hat, was nicht möglich sei. Eine Option ist, sie stellt vor, wie sie mit derlei Anliegen umgeht. Weiter könnte von IP1 ein Klientenanliegen vorgestellt werden, das von einer Suchtberatungsstelle bearbeitet werden kann. ähm also es ist halt immer das eine zu gucken, was ist denn eigentlich der Wunsch des Klienten und eigentlich können die auch immer was sagen, also egal ob die jetzt geschickt sind oder äh aus eigenem Antrieb gekommen sind. Keine der benannten Optionen wird gewählt. Es wird das eigene Vorgehen weiter erläutert. Die Klienten sollen Raum bekommen, ihr Anliegen vorzutragen. Das tun sie in der Regel auch immer, unabhängig davon, ob die Eigen- oder die Fremdmotivation überwiegt. Es wird somit nochmal auf die schon vorgestellte Programmatik der Klientenorientierung verwiesen. IP1 modifiziert die Beschreibung. Statt um Aufträge geht es jetzt um Wünsche. Ähm Von den Schwerpunkten her denk ich, gehts manchmal einfach wirklich erstmal um Information und Aufklärung //ja// also tatsächlich erst mal deutlich zu machen das Verhalten, dass sie an den Tag legen ist durchaus als problematisch zu auch werten, IP1 fährt fort zu schildern, was mit den Klienten „gemacht“ wird, welche Interventionen evtl. erfolgen. Ein Teil davon ist Information und Aufklärung. Was wird aber damit bezeichnet? „Informati- 4.1 Der Fall IP1 110 on“, dies scheint klar zu sein, aber „Aufklärung“? Was danach vorgestellt wird, dies geht eher in Richtung von Diagnoseerstellung etwa zu Abhängigkeit oder zu Missbrauch. Ein anderer Teil besteht in Versuchen den Klienten klar zu machen, dass ihr Verhalten problematisch sei oder wäre. In ihrer Darstellung verallgemeinert IP1 wieder. Es handelt sich offenbar um viele oder alle Klienten, die Problemverhalten zeigen. Kommen denn keine anderen? dass wenn man zum Beispiel medizinische Maßstäbe ansetzt oder wenn man das abgleicht mit bestimmten Lebenszielen und Vorstellungen, die die Menschen haben. Dann gehts immer um Motivations- oder Verhaltensänderungen //ja// Würdigt man die Passage (bis 06:29) insgesamt, so ergibt sich Folgendes: Die Interviewerin fragte nach den Problemen der Klienten und nach den Interventionen, die erfolgen, wie z. B. Gespräche verlaufen oder geführt werden. In der Beantwortung wird die Klientenorientierung in den Vordergrund gestellt. Vorher wurden aber zwei Bereiche benannt, die Erwerbslosigkeit und die soziale Isolation, denen von Seiten der Beratungsstelle schwer beizukommen sei. Nach IP1’s Auffassung steht der entgleiste Alkoholkonsum dahinter. Würde dieser geändert, bis hin zur Abstinenz, diese zwei Bereiche könnten sich im Leben der Klienten zum Positiven hin verändern. Voraussetzung sei, dass sie Einsicht entwickeln, ihr Verhalten ändern und die Motivation hierfür aufbauen. Weiter werden in der letzten Passage die Maßstäbe benannt für das problematische Verhalten. Nach der Nennung der ICD 10 sind es nun diffuse medizinische Maßstäbe. Wieder werden fachfremde Kriterien genannt. Gibt es keine Sozialarbeiterischen? weil man auch, da sind die Aufträge unterschiedlich zwischen Konsum und Reduktion und Abstinenz ähm 4. Ergebnisse 111 Für die angesprochene Verhaltensänderung der Klienten wird ein Spektrum benannt. Abstinenz ist dabei nicht das einzige Ziel. Wieder wird wie bei IP3 eine Zielhierarchie angesprochen, allerdings nicht explizit. es geht um Vermittlung //mhm// in ähm Therapie, Selbsthilfegruppen in Motivationsgruppe zur Klinik, in die Suchtambulanz was auch immer. Es wird ein weiterer Tätigkeitsschwerpunkt benannt, die Vermittlung in andere Einrichtungen. Ich glaub so dieser Teil von Motivation, Beratung wie kann Veränderung aussehen, Vermittlung in weiterführende Hilfen , das sind so die drei Schwerpunkte #00:08:00–9# Die Darstellung der Tätigkeiten wird fortgesetzt. IP1 führt Motivation, Beratung und Vermittlung auf. Diese Tätigkeiten sind nun sehr allgemein und abstrakt. Sie könnten in der Konzeption oder dem Jahresbericht der Einrichtung stehen. Sie argumentiert aus der Rolle der Leitung, die für eine bruchlose Außendarstellung verantwortlich ist. Die Dilemmata, wie die Notwendigkeit zur Konfrontation, tauchen nicht mehr auf. Was man sich unter „Motivation“ oder Motivationsarbeit vorstellen soll, bleibt offen. Ebenso fehlt jeder Hinweis darauf, dass die Tätigkeiten zu „Motivation, Beratung und Vermittlung in weiterführende Hilfen“ eine sehr voraussetzungsvolle Tätigkeit ist. Soll es zur Vermittlung in weiterführende Hilfen kommen, so beruht dies auf einer komplexen Interaktion zwischen Fachkraft und Klient/in. Dass sich die Arbeitsbeziehung zwischen beiden hierzu in Richtung Vertrauen entwickelt haben muss, kann vorausgesetzt werden. Und dies ist keine triviale Tätigkeit, wie das Aushändigen von einer Info-Broschüre. Was bei IP3 noch mit „anders gucken“ markiert war, geht hier in „Vermittlung“ auf. 4.1 Der Fall IP1 112 S.I.: MhM o. k. und gibt auch Herausforderungen so in der Arbeit mit den Klienten, wo siehst du die Herausforderungen – gibt ja nicht nur einfache@(.) Menschen┘ #00:08:18–3# Das Thema wird durch die Interviewerin geändert. Zu dem Dreiklang der Tätigkeitsschwerpunkte (Motivation, Beratung, Vermittlung) wird keine Spezifizierung eingefordert. In der anschließenden Frage werden vielmehr die Herausforderungen in der Klientenarbeit thematisiert. Dabei wird eine Untergruppe der KlientInnen herausgehoben. Die Menschen, die nicht „nur einfach“ seien. Wer sollten die sein, Menschen mit physischen oder psychischen Erkrankungen, Menschen, die Ausgrenzungsprozesse erfahren haben, Menschen, die nur über unterdurchschnittliche materielle Ressourcen verfügen können? IP1: ((lacht)) (….) Herausforderungen (.) Was finde ich herausfordernd? Ich glaub herausfordernd is’ für mich(.) ähm (…) Ja – manchmal glaub ich einfach zu akzeptieren, dass Leute so sind wie sie sind. Also dass sie (.) auch wenn ich denk: Gott (.) Du läufst auf den Abgrund zu, dass ichs aber nicht ändern kann. Die Frage entlockt IP1 ein Lachen, sie denkt dann über die angefragten „Herausforderungen“ nach. Als herausfordernd erlebt sie in ihrer Einschätzung mitzuerleben, wie KlientInnen sich offenbar durch ihren Alkoholkonsum stark schädigen und gleichzeitig keine oder nur geringe Krankheitseinsicht und/oder Veränderungsbereitschaft zeigen. Dies mitzuerleben, dies findet sie belastend. Hier stellt sich die Frage, ist IP1 damit alleine oder ergeht es anderen KollegInnen ähnlich und gibt es hier eventuell eine Fürsorgeverpflichtung für den Arbeitgeber? Also schlussendlich ähm Angebote zu machen, natürlich zu motivieren, aber auch festzustellen, an bestimmten Stellen geht das nicht. Also Leute, wo ich denke, da wär jetzt ne Therapie super. //mhm// 4. Ergebnisse 113 ähm die auch schon aufm guten Weg sind, die dann aber entscheiden: Nö (.) probier ich jetzt erst mal alleine.//mhm// Die KlientInnen zeigen Widerstand gegen die auf Fachwissen gestützte Einschätzung von IP1. Die Einschätzung von IP1, eine Therapie wäre hier angezeigt, teilen sie nicht, beweisen Eigensinn. Durch die geschilderten Handlungsweisen erfährt die Konstruktion von Sucht als Krankheit eine Kontrastierung. Wie in Kap. 2 ausgeführt bedingt diese Konstruktion die Bereitschaft bei den Betroffenen selbst aktiv zur Überwindung der Krankheit beizutragen. Dies könnte konterkariert werden. Oder Leute, die immer und immer weiter trinken ähm, da wo man über Jahre den Verfall sieht. Das auszuhalten „Gut du kannst aber trotzdem kommen oder Sie können kommen.“ ähm und wir machen nochmal Beratungsversuch oder wir fangen vielleicht auch nochmal ne Vermittlung an und gucken ob wir das diesmal bis zum Ende schaffen. //mhm// (.) Ja – ich glaube, das sind so die Herausforderungen. #00:09:15–5# IP1 nimmt noch einmal das Motiv auf, die beobachtbare Selbstschädigung bei einigen KlientInnen auszuhalten. Sie stellt die Möglichkeit in den Vordergrund, die Betroffenen könnten immer wieder kommen, die Tür werde nicht zugeschlagen. Sie stellt sich in ihrer Darstellung an die Seite der KlientInnen und will diese dabei unterstützen, dass „wir“ das schaffen. Sie macht das Anliegen der KlientInnen in etwas paternalistischer Weise zu ihrem Eigenen. Diese Gruppe der „nicht einfachen Menschen“ binden Ressourcen, scheinen Geduld zu erfordern. Aber wäre dies nicht der Auftrag dieser Stelle, von Stellen dieses Typs? Betrachtet man die Leistungsbeschreibungen für Suchtberatungsstellen der DHS (DHS 1999, S. 46ff) und des FDR (FDR 2005, S. 16ff) so könnte man dies klar mit „Ja“ beantworten. Ruft man sich die Bemerkung von IP3 zu ihrer frü- 4.1 Der Fall IP1 114 heren Tätigkeit in einer anderen Beratungsstelle in Erinnerung (siehe Transkript vor 06.53), so beschreibt IP3 dort kurz, die ganz Tätigkeit sei nur auf die Vermittlung fokussiert gewesen, dann zeigt sich, dass die Arbeit mit den nicht einfachen KlientInnen, den KlientInnen, die hoch ambivalent sind, in Einrichtungen dieses Typs offenbar unterschiedlich gehandhabt wird, die Suchtbegleitung oder die problemorientierte Beratung unterschiedlich gehandhabt wird, umstritten zu sein scheint. Und dies scheint zumindest auf der Ebene unterschiedlicher Einrichtungen zu gelten, weiter zu prüfen wäre es, ob es auch innerhalb einer Einrichtung unter den Fachkräften hierzu unterschiedliche berufliche Haltungen gibt. Hinzuweisen ist abschließend darauf: Unter der Gesprächsaufforderung „Herausforderungen in der Klientenarbeit“ zu benennen werden ausschließlich personenbezogene Dimensionen in der Arbeit mit den „nicht nur einfachen Menschen“ von IP1 aufgeführt. Sie verzichtet völlig darauf, strukturelle Gesichtspunkte, wie etwa die notwendige Mitarbeiterqualifikation – dies auch angesichts ihrer eigenen Weiterbildungen -, personelle oder sachliche Ausstattungsressourcen oder anderes anzusprechen. Dies scheint kein Thema zu sein. S.I.: Das heißt ihr habt ja manchmal auch ganz schön lange Prozesse, ne? #00:09:16–6# Es wird auf die mögliche Dauer dieser Beratungsprozesse verwiesen. IP1: Mhm (.) zum Teil ja. Also über einige Wochen, also es ist ja erstmal die Klärung, dann dauert die Vermittlung nochmal einige Gespräche, ähm und wir machen immer auch das Angebot, dass wir die Klienten begleiten, also zwischen ähm Abschicken der Unterlagen zur Beantragung und Therapiebeginn vergehen ja immer auch ein paar Wochen, wo die kommen können (.) 4. Ergebnisse 115 Die „langen Prozesse“ bestehen aus der Phase der Klärung und der Phase der Vermittlung. Nach Abschicken des Antrages gebe es noch das Angebot des Begleitens, quasi als Phase drei. Sie spricht hier eine ähnliche Unterstützungsform an wie IP3. Hier ist es allerdings gleich mit einem abstinenzorientierten Fokus versehen, den IP3 nicht immer für angebracht hielt. Für IP1 sind diese drei Phasen lang. Als Zeitdauer veranschlagt sie aber einige Wochen. Sie geht aber von einer Klärung aus, die innerhalb dieses groben Zeitrahmens vonstatten gehen soll. Wie passt das aber zu den genannten „schwierigen Menschen“, den Angehörigen der Gruppe, die selbstschädigendes Verhalten zeigt? Ist der Zeitraum ausreichend lang? Zeigt sich in ihrer fachlichen Haltung, im Unterschied zu IP3, nicht der abstinenzorientierte Fokus? ähm und ich hab eine Klientin, die hab ich eine Klientin, die habe ich begleitet auf ihrem Weg sich zu entscheiden und tatsächlich abstinent zu werden. Die kam wirklich fast wöchentlich aber, die hat wirklich locker ein Jahr gebraucht, um da wirklich ne Verhaltens- änderung hinzukriegen.//mhm// Also das ist unterschiedlich. Aber es gibt ganz lange Verläufe. #00:10:04–4# IP1 spricht hier von „Begleitung“. Ist das mit „Beratung“ (siehe Minute 08:00) gleichzusetzen oder bezeichnet es etwas anderes, das vierte Aufgabenfeld, Suchtbegleitung? Dies bleibt hier offen. Zumindest wird die Begleitung in IP1 obiger Aufzählung nicht benannt, sie wird aber wohl, auch von ihr, das zeigt ihr vorgestelltes Beispiel, praktiziert. In den Ausführungen wird deutlich, der Prozess kann länger als einige Wochen dauern, bis zu einem Jahr. Die hier angesprochene Klientin wird aber eher als Ausnahme markiert. Die sogenannte problemorientierte Beratung (bei DHS 1999 und FDR 2005) kann im Durchschnitt 20 Kontakte umfassen. Es stellt sich die Frage, werden alle „nicht einfachen Menschen“, alle Ambivalenten begleitet, soweit sie dies wünschen? Hätte die Beratungsstelle die Kapazität und die Res- 4.1 Der Fall IP1 116 sourcen hierfür? Dies kann so nicht beantwortet werden, vermutlich hat sie diese aber nicht, weil die für soziale Dienste dieser Art vorgehaltenen Kapazitäten in Deutschland nicht auf einer Bedarfsermittlung beruhen, sondern auf rein budgetären Strategien der öffentlichen Geldgeber (Kommunen und Bundesländer). Die Fachkräfte, die Einrichtungen müssen insofern eine Auswahl treffen. Aus den Ausführungen von IP1 zum Profil der Tätigkeiten geht hervor, dass bei den AdressatInnen eine gewisse Klärung der Ambivalenz zum Suchtmittelkonsum vorausgesetzt wird. Auf dieser Basis können die Tätigkeiten „Motivation, Beratung, Vermittlung“ sich entfalten. Aber wo, wenn nicht in einer Suchtberatungsstelle, kann die Klärung der Ambivalenz prozesshaft in „Ko-Kreation“ geleistet werden, können die Menschen mit dem stark selbstschädigenden Verhalten, die somit den größten Bedarf nach Hilfe aufweisen, angenommen werden? IP1 bezeichnet insofern ein Paradox, als dass bei den KlientInnen innere Verfasstheiten vorausgesetzt werden, die sich bei vielen erst noch entwickeln müssen Dies ist ihr aber anscheinend nicht bewusst. Erste Zwischenbetrachtung An dieser Stelle soll die sequentielle Analyse der Eingangssequenz mit IP1 ausgesetzt werden mit dem Ziel den Zwischenstand mit der Beantwortung der Untersuchungsfrage abzugleichen. Als Zwischenbefund kann festgehalten werden, dass sich in der Selbstdefinition und der beruflichen Haltung von IP1 eine große Schwankung oder Bandbreite findet. Dazu gehört zum einen, die Tätigkeitsschwerpunkte sehr poliert und stromlinienförmig vorzustellen. Dazu gehört zum anderen auf das einzugehen, was sie als problematisch empfindet, wie z. B. den Umgang mit Ambivalenz und Widerstand. Dies geschieht aber nicht explizit. Durch ihre Zusatzausbildungen sollte sie hierfür sachlich qualifiziert sein. So ist kein Motiv benennbar, dieses zu unterschla- 4. Ergebnisse 117 gen. Dennoch wird es in der Eingangssequenz zweimal thematisch. Der angemessene Umgang mit Ambivalenz und Widerstand bedeutet für IP1 (und wahrscheinlich auf für ihre Einrichtung), in einem Zielkonflikt zu stehen. Einerseits ist der adäquate Umgang mit Widerstand sachlich, d. h. von den Gegebenheiten der Krankheit Sucht her gesehen, geboten und er gehört auch zu dem sozialen Auftrag, der an die Beratungsstelle gerichtet ist (siehe z. B. DHS 1999 und FDR 2005). Diesem Auftrag nachzukommen bindet Ressourcen, zumal die Einrichtung eher mit den „härteren“ Fällen zu tun hat. Dieser Ansatz ist im Feld aber zumindest umstritten, nimmt man hier die Einschätzungen von IP3 hinzu. Das Erfordernis, fachlich adäquat mit Ambivalenz und Widerstand umgehen zu müssen, verweist auch darauf, dass an die Fachkräfte besondere Anforderungen gestellt sind, die besondere Qualifikationen erfordern. Gleichzeitig steht die Stelle unter dem Zwang sich zu legitimieren und IP1 steht als Leitungskraft hierfür in einer besonderen Verantwortung. Bei der Legitimationsbeschaffung hat die Orientierung an Abstinenz auf Seiten der Klienten eine herausgehobene Bedeutung. Sie ist das Ziel der Entwöhnungsbehandlungen (ambulant oder stationär) und ihre Stabilisierung ist das Ziel der Nachsorgemaßnahmen. Daneben geht es aber auch um die Reduzierung des Konsums. Es ist von einem Korridor der Unsicherheit auf Seiten der Einrichtung auszugehen, wie die Kennzahlen – und ihre jährlichen Variationen – von relevanten Akteuren im Umfeld (wie z. B. die Geldgeber) nach welchen Maßstäben interpretiert werden. Wird dabei berücksichtigt, was fachlich sinnvoll ist, wie z. B. die Konsumreduktion – und wird diese durch die Kennzahlen abgebildet? Bleibt für den adäquaten Umgang mit Ambivalenz und Widerstand auf Seiten der Klienten genügend Zeit, und findet er in allseitig anerkannter Weise Eingang in Erfolgsindices? Oder ist dies nicht möglich, Ambivalenz und Widerstand werden von daher eher als störend wahrgenommen, obwohl sie aber zum Feld gehören? 4.1 Der Fall IP1 118 Ähnlich wie bei IP3 findet sich der Aspekt der Selbstbehauptung so gut wie gar nicht. Die wichtige Rolle dieser Institution im Gesamtprozess der Rehabilitation findet auch – wieder ähnlich wie bei IP3 – keinen selbstbewussten Ausdruck. Dass die Arbeit, auch die Vermittlungsarbeit sehr voraussetzungsvoll ist, dies findet keinen Ausdruck, ist für IP1 nicht spontan abrufbar. In Ihrer Darstellung schwankt sie zwischen den Rollen der Fachkraft einerseits, der Leitungskraft andererseits. In ihren unsortierten Äußerungen über das Aussehen der Klienten zeigt sich noch spontan die Fachkraft, die fachlichen und nicht administrativen Kriterien verpflichtet ist. Mühsam kämpft sich dann aber die Haltung der Leitungskraft nach vorne, die in einer Prospektsprache spricht. Auch IP1 vermeidet die Verwendung von Fachbegriffen. Wenn IP1 dann doch einmal einen Fachbegriff verwendet, dann ist dieser aus einer anderen Disziplin entliehen (ICD 10, medizinische Maßstäbe). Dies steht mit den Orientierungen ihrer Berufsgruppe inhaltlich in einem Spannungsverhältnis. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition, auch von IP1, kann als eher defensiv bezeichnet werden. Für die weitere Analyse und zur Beantwortung der Untersuchungsfrage soll nun auf ausgewählte Thematisierungen zugegriffen werden, um anhand der Analyse dieses Materials zu überprüfen, ob eine Modifikation des Zwischenstands erforderlich ist. Diese Themen sind: a. die Rolle von Fachwissen in der Arbeit, b. die Rolle von Diagnostik, c. zum Spezifischen von Sozialer Arbeit, d. Motivation und Erfolgserleben (entfällt hier), e. Schluss . 4. Ergebnisse 119 A Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit Die Analyse beginnt wieder mit dem Vorstellen der Interviewstellen (hier ab Minute 15:03). S.I.: Aber es is schon theoretisches Wissen, was dann ab und zu von Nöten ist, was so Quellen auch sind. #00:15:03–9# Es wird nach der Wichtigkeit von Wissen gefragt. Wissen als Basis für eine gute fachliche Arbeit, für angemessene Interventionen. IP1: Es gibt einfach Sicherheit. Ja, also der Klient erzählt mir seine Sicht der Dinge und das ist ja auch gut und dann hör ich aufmerksam zu, was versteht er von seiner Krankheit. Aber für mich ist ja trotzdem auch wichtig zu wissen, was gibts vielleicht noch an Aspekten ähm die ich erst mal theoretisch wissen muss und die ich dann im Gespräch mit ihm aufm Schirm habe und noch mal überprüfe, ähm wie erleb ich das, wie erleb ich ihn, wie agiere ich anders. #00:15:28–1# Wissen gebe Sicherheit, so IP1. Dies gilt vielleicht für sie selbst. Der Umstand wird aber verallgemeinert. Der Klient finde bei IP1 Raum, seine Sicht zu entwickeln, dabei ist ihm Aufmerksamkeit sicher. Später wird ausgeführt: S.I.: Würdest du denken, dass man sich da mit den Kollegen im Prinzip schon einig ist oder gibt es da große Unterschiede unter den Kollegen, wenn man die jetzt auch mal fragen würde, was ist qualitätsvolle soziale Arbeit in der Suchthilfe. Denkst du, dass es da Unterschiede gibt oder denkst du, dass ihr da im Grunde auf einem Level seid? #00:29:38–9# Das Interview ist an einer Stelle, wo es um ein gemeinsames Verständnis von qualitätsvoller Arbeit in der Beratung seitens des Teams geht. IPist hier durch ihre Leitungsfunktion gefordert. 4.1 Der Fall IP1 120 IP1: Also was jetzt diesen ersten Aspekt angeht. Ich habe Theorien, nach denen ich arbeite da sind wir uns schon einig. (.) Das ist so mein Gefühl, das habe ich nie abgefragt aber so ist es schon. Was unterschiedlich bewertet wird, das ist z. B. ist es wichtig regelmä- ßig Fortbildungen mitzumachen. Es gibt Leute, die das schon lange nicht mehr mitgemacht haben. ähm gibt auch Leute, die nicht zur Supervision kommen, weil sie andere Schwerpunkte setzen und so in den Bereichen gibt es sicher Unterschiede. #00:30:11–9# Es wird auf eine theoretische Fundierung der Arbeit verwiesen. Die gilt aber offenbar nicht nur für IP1 sondern für das ganze Team. Genau wisse sie es nicht, sie habe aber ein entsprechendes Gefühl. Differenzen tun sich hinsichtlich des Stellenwerts von Fortbildungen auf. Da gibt es Teamangehörige, die andere Prioritäten haben als IP1. Weiter wird erwähnt, dass nicht alle zur Supervision kommen. Dies wirft die Frage auf, welchen Stellenwert der Träger und dann auch die Einrichtungsleitung der Teilnahme an Fortbildung und Supervision geben. Offenbar ist das nur relativ verbindlich und nur relativ wichtig. Die in Kap. 2 vorgestellte Vermutung bestätigt sich hier. Eine Konsequenz des relativ diffusen Auftrags an Beratungsstellen, dass die inhaltliche Füllung letztlich durch die einzelne Fachkraft (mit-) geschieht. Ob dies im Sinne der KlientInnen sein kann, dies wäre zu erörtern. Hier lässt der Arbeitgeber offenbar zu, dass die Teilnahme an Supervision der einzelnen Fachkraft überlassen bleibt. Die Legitimation hierfür muss an dieser Stelle offen bleiben. IP1 benennt dies hier nur, sie bewertet nicht. Möglicherweise gibt es hier Diskrepanzen zur Leitung. S.I.: Aber so ne Theorieleitung ist schon, in Bezug auf die Klienten, wie Klienten gesehen werden, wie mit Klienten umgegangen wird? #00:30:22–8# Die Interviewerin will noch mal auf den Stellenwert von theoretischem Wissen zu sprechen kommen. 4. Ergebnisse 121 IP1: ähm – sind wir uns? – Es ist ja schon so, das. Also für hier für die Beratungsstelle kann ichs definitiv sagen, dass wir nicht konfrontativ arbeiten, sondern, mit eher viel Empathie und ähm #00:30:39–6# IP1 antwortet nicht für sich. Sie will für das ganze Team sprechen. Angesichts der unterschiedlichen Haltungen zu Fortbildungen und Supervision stockt sie zunächst. Ihre Antwort bezieht sich aber nicht auf theoretisches Wissen sondern auf die Art der Intervention. Diese hat einen Teil der positiven Benennung – viel Empathie – und einen Teil der negativen Benennung im Sinne einer Abgrenzung – nicht konfrontativ arbeiten. Bemerkenswert ist zweierlei: Erstens, die Frage nach Wissen wird so beantwortet, als wäre nach den Interventionen gefragt worden. Damit wiederholt sich ein Muster vom Anfang. Dort war nach Inhalten der Arbeit gefragt worden, nachdem IP1 das angeboten hatte. Sie antwortete mit Verweisen auf Methodisches. Hier wurde nach der Rolle von Wissen und von Theorien gefragt. Die Antwort erfolgt mit Verweis auf bestimmte Interventionsmethoden. Die Inhalte und die Methoden der Arbeit sind für IP1 offenbar eins, obwohl es hier keine Identität gibt. Beide Aspekte liegen auf verschiedenen Ebenen. Wenn man so will werden die zwei Aspekte von menschlicher Kommunikation aufgerufen, die Paul Watzlawick als die untrennbare Einheit von Inhalts- und Beziehungsaspekt bezeichnet hat (Watzlawick u. a. 2011, S. 61ff). Das Was findet seinen Ausdruck im Wie und wird durch dieses vermittelt. Darüber verfügt IP1 offenbar – trotz aller Fortbildungen – nicht, kann dem keine Wort geben. Zweitens: Zwischen Empathie und Konfrontation wird ein Ausschluss konstruiert, so als wären sie nicht auch vereinbar. Aber: Konfrontative Interventionen seien angeblich allgemein schädlich, dysfunktional, haben zu unterbleiben. Dabei ginge es weniger um ein Ob, sondern um ein Wann und ein Wie. Sie weicht hier von ihrem an anderer Stelle geäußerten Anspruch ab, klientenbezogen zu intervenieren und nicht schematisch. 4.1 Der Fall IP1 122 Ferner dominiert bei der Abfrage nach wichtigen und sinnvollen Wissensbeständen der Verweis auf die Relevanz von bio-psychischen Themen. Die soziale Dimension oder eine explizit Sozialarbeiterische bleiben außen vor. B Die Rolle von Diagnostik Siehe hierzu Punkt C. C Zum Spezifischen von Sozialer Arbeit S.I.: Und wenn wir jetzt nochmal Sozialarbeiterisch gucken. Was ist für dich eigentlich typisch sozialarbeiterisch? Gibt ‘s da irgendwas, wo du sagen würdest, das ist für mich typisch sozialarbeiterisch, das unterscheidet uns als Profession vielleicht von anderen, von Ärzten oder von Psychologen z. B. Ich meine ihr arbeitet ja auch mit anderen Professionen zusammen. Gibt es da etwas wo du sagen würdest, das machen nur wir als Profession Sozialarbeit oder nicht? #00:18:05–2# Die Frage zielt auf das Proprium Sozialer Arbeit im Reha-Prozess in Abgrenzung zu den Aufgaben und Tätigkeiten anderer Berufsgruppen. IP1: (.) Also im Vergleich zu Ärzten glaube ich sind wir oft vorsichtiger in unsern Einschätzungen. Zunächst gehört zur Selbstdefinition, vorsichtiger in den Einschätzungen zu sein als Ärzte. Sie fährt fort: Ärzte diagnostizieren eher so, zumindest, die meisten, die so hausarztmäßig drauf sind und ich erlebs zum Teil auch bei den andern. Ähm die wissen einfach viel schneller, so isses und so muss es gehen. 4. Ergebnisse 123 Ärzte diagnostizieren, Fachkräfte der Sozialen Arbeit formulieren Einschätzungen, wollen oder können sie nicht diagnostizieren? Es verhalten sich aber nicht alle Ärzte in der beschriebenen Weise, aber die meisten, die, die der Untergruppe, die „hausarztmäßig“ handele, zugeordnet werden können. Diese äußern schneller eine definitive Einschätzung, so und nicht anderes befinde es sich bei Klient X, folgende Schritte seien zu tun. Sagt aber die relativ höhere Geschwindigkeit, mit der eine „Einschätzung“ formuliert wird, etwas aus darüber, dass diese „Einschätzung“ auch fachlich belegt ist? Eigentlich nicht. Von daher erleb ich uns hier in der Beratungsstelle als Sozialarbeiterin eher vorsichtig und eher offen und eher so ja lass mal gucken und ausprobieren. Im Vergleich zu Psychologen (.)(.)ja es ist vielleicht auch n bisschen ne Frage des Auftrages, den wir so haben. #00:18:50–6# Im Unterschied zu den Ärzten sei man „hier“ zurückhaltender mit den Einordnungen. Was hier implizit mitschwingt ist das Thema, ob es Sicherheit in einer Diagnose, einer Einschätzung gibt. Absolute Sicherheit kann es hier nicht geben, nur unterschiedlich hohe Wahrscheinlichkeiten. In einem Teil des Einwandes werden schnell gefällte Urteile mit einer höheren Fehlerwahrscheinlichkeit verbunden. Dies könne „hier“ aber nicht passieren, da man eher „vorsichtig“ und zurückhaltend mit einer Einschätzung, einer Kategorisierung sei. Dies eröffnet die Chance, Fehler bei einer Kategorisierung zu vermeiden, was eine Stärke dieser Arbeit und Herangehensweise darstellte aber nicht so hervorgehoben wird. Stattdessen wird das Hinausschieben der Beurteilung mit Interventionen verbunden, aber in sehr verkürzter Weise. Dies könnte Ausweis einer bestimmten fachlichen Haltung sein, etwa: „Die Phänomenologie von Sucht ist so vielgestaltig, dass es sinnvoll ist sich vor vorschnellen Beurteilungen zu hüten. Dies wird dann durch verschiedene empirische Belege gestützt. Um mehr 4.1 Der Fall IP1 124 Sicherheit zu erlangen ist es sinnvoll, mit dem Klienten verschiedene Schritte und Maßnahmen auszuprobieren. Danach hat eine Beurteilung eine andere, gehaltvollere empirische Basis. Deshalb solle es auch Spielräume bei den einzuschlagenden Wegen geben. Dies unterscheide die Fachkräfte der Sozialen Arbeit auch von den Angehörigen der Berufsgruppe der Psychologen“. Diese Unterschiedlichkeit führt IP1 aber nicht auf differente inhaltliche Überzeugungen zurück (bio-psycho-soziales Modell) oder Wissensbestände zurück, sondern auf den Auftrag, etwas Äußeres. Worin sieht IP1 den Auftrag? S.I.: Was meinst du damit? #00:18:50–6# Dies erschließt sich auch der Interviewerin nicht. Sie fragt nach. IP1: Ja ich glaube, dass wir eher Menschen auf den Weg schicken, im Sinne von, also zum Beispiel der Frage, das ist immer hier bei mir Thema. Passt der Mensch in eine ambulante Therapie oder passt er in eine stationäre Therapie und gibts da Ausschlusskriterien und da gibts auch immer wieder unterschiedliche Einschätzungen, für welche Menschen das passt oder nicht. Das hängt mit Auftrag, das hängt vielleicht auch nochmal mit Persönlichkeiten zusammen. #00:19:17–0# IP1 setzt im zweiten Anlauf dazu an zu erläutern, was die proklamierte größere Bedachtsamkeit von Sozialer Arbeit im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ausmacht. Sie beruft sich dabei zunächst auf den Auftrag der Institution, der darin bestehe, „Menschen auf den Weg schicken“. In diesem Bild gibt es einen der jemanden schickt und einen anderen der geschickt wird oder sich schicken lässt. Diese Charakterisierung hat sehr hierarchische und paternalistische Elemente. Im zweiten Satz wird dies allerdings abgeschwächt. Die offene Frage ist aber nach wie vor, wie und wann kommen die Fachkräfte der Sozialen Arbeit zu einer Einschätzung, einer Diagnose? Über diese zu ver- 4. Ergebnisse 125 fügen ist auch in der Sichtweise von IP1 sinnvoll, denn ein Urteil über eine Passung von Klienten für eine ambulante oder stationäre Therapie ist aus ihrer Sicht wichtig, zumal es Ausschlusskriterien für die eine oder andere Maßnahme geben kann. IP1 bezieht sich hier auf die Weitervermittlung in andere Maßnahmen. Sie gibt zu erkennen, dass diese Vermittlung abgeglichen wird mit den Gegebenheiten des Klienten, zu denen auch die Bedarfe gehören und das was jemand mitbringt. Dieses fallbezogene Vorgehen wird aber etwas unbestimmt mit dem „Auftrag“ in Verbindung gebracht und ist nach IP1 abhängig von der „Persönlichkeit“ des Helfers. Je nach Ausstattung gibt es nach dieser Auffassung Helfende die eher schematisch vorgehen und Helfende die nicht schematisch, d. h. fallorientiert vorgehen. Indirekt wird damit angesprochen, dass Soziale Arbeit sich die notwendige Zeit zur Sondierung lässt, um von einem fundierten Fallverständnis aus die notwendigen Schritte abzuleiten. Sie bringt sie damit in eine Gegenposition zu den Medizinern, die „hausarztmäßig“ drauf sind. Es wird hier auch das Bemühen um ein ganzheitliches Verständnis angesprochen. Beide Aspekte bleiben aber wieder implizit, werden nicht ausdrücklich benannt. Bemerkenswert ist dabei noch das Folgende: Die angesprochene relative Zurückhaltung der sozialarbeiterischen Fachkräfte ist fokussiert auf Vermittlungsaufgaben, wo es um Abwägungen zwischen einer Indikation für ambulante oder stationäre Therapie geht. Das ist für IP1 hier die zentrale Frage. Verbunden wird dies mit dem her wieder verwendeten Begriffs des „Auftrags“. Dies wird aber nicht weiter gefüllt. Es wird der Auftrag der Suchtberatungsstelle aufgerufen, in Abgrenzung „zu Psychologen“. IP1 reduziert den Auftrag hier auf Vermittlung einerseits. In der Wahrnehmung des Auftrags spiele aber auch „Persönlichkeit“ eine Rolle andererseits. So als hänge es von der einzelnen Fachkraft ab, wie sie persönlich, individuell und subjektiv den Auftrag der Suchtberatungsstelle definiere, so als könne die ein- 4.1 Der Fall IP1 126 zelne Fachkraft im Rahmen ihrer beruflichen Autonomie entscheiden, ob sie – entsprechend ihrer Persönlichkeit – den Auftrag eher in der Vermittlungsarbeit sieht oder in der Suchtbegleitung und in der Arbeit mit Ambivalenz und Widerstand. Im Grund bestätigt IP1 hier die Praxis, dass die konkrete Auffüllung des diffusen Auftrags und der diffusen Zielformulierung für Suchtberatungsstellen von der einzelnen Fachkraft vorgenommen werden. Die dazwischenliegenden Akteure wie Team, Einrichtung, Träger, Geldgeber (Kommune und Land) scheinen keine Rolle zu spielen. S.I.: Das hab ich noch nicht ganz verstanden, was du damit meinst. #00:19:19–8# Für die Interviewerin gibt es noch Ungeklärtes, sie fragt nach. IP1: mhmh Also wir Menschen in der Beratungsstelle, ticken da schon nochmal ein bisschen anders, einfach weil wir Menschen sind, die diese Aufgaben ausfüllen. Das erleb ich in der Therapie aber genauso, dass das was für die eine Therapeutin noch ok ist, nach dem Motto, da gibts ein paar Sachen, die sind wackelig oder ok, der ist depressiv, das passt vielleicht nicht so toll, aber ich arbeite mal weiter mit dem, dass das für ne andere Therapeutin ein Ausschlusskriterium sein kann. Das meine ich auch so damit, wie verstehe ich meinen Auftrag, wie hoch ist der Anspruch. #00:19:55–2# Es werden auf die Nachfrage noch einmal Aspekte zu den verschiedenen „Persönlichkeiten“ benannt. Im Grunde geht es um ein Dilemma von fachlicher Autonomie, zu der auch der Ausschluss, bzw. die Nicht- Aufnahme einer Behandlung gehört. Zur Professionalität gehört, dass es keine schematischen bürokratischen Kriterien gibt, eine Entscheidung immer die Gegebenheiten des „ganzen Falls“ angemessen berücksichtigen muss. Dazu kann auch Ausschluss gehören. Die Grenzen des Möglichen werden angesprochen und diese werden von Kollege 4. Ergebnisse 127 zu Kollege verschieden eng gezogen. Es stellt sich die Frage, was soll mit den Klienten geschehen, die von einigen „voreilig“ ausgeschlossen wurden? Dazu gibt es noch keine Antwort, IP1 verbucht dies unter dem fachlichen „Anspruch“ der mal höher, mal tiefer verortet wird. Indirekt ist hiermit ein Vorwurf verbunden. Es gebe Fachkräfte, die haben keinen hohen Anspruch. Was „Anspruch“ explizit heißen soll, lässt sie offen. Es wird indirekt erläutert. Es wird eine Gegen- überstellung bemüht von fallbezogen arbeiten einerseits, schematisch arbeiten andererseits. Die Orientierung der Entscheidung für die Realisierung von Hilfe an einem einzigen Kriterium („Depression ja“) wird hier als unsachlicher Schematismus markiert, wer so arbeite, der habe keinen hohen Anspruch, missverstehe seinen Auftrag. Dieses unsachliche Arbeiten wird aber räumlich und sachlich externalisiert. Das gebe es eben bei den Psychologen, gemeint sind die Psychotherapeuten. Schematisch arbeiten, ohne hohen Anspruch, das tun die anderen und die sitzen auch in anderen Räumlichkeiten als die Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Dass dies auch unter Fachkräften der Sozialen Arbeit manifest werden könnte, Fokussierung auf Vermittlung oder Fokussierung auf Suchtbegleitung, Arbeit mit Ambivalenz und Widerstand, das wird durch den Verweis auf eine andere Berufsgruppe verdeckt. S.I.: Das ist dann nicht typisch psychologisch, dass ist dann eher von Mensch zu Mensch auch unterschiedlich #00:19 #00:20:03–8# Die Interviewerin will diese Versorgung des Themas bei anderen nicht so recht hinnehmen und versucht zu klären, dass diese Praxis von unterschiedlichen Anspruchsniveaus nicht auf eine Berufsgruppe zu beschränken ist, im Prinzip auch bei Fachkräften der Sozialen Arbeit vorkommen könne. 4.1 Der Fall IP1 128 IP1: Was uns sozialarbeiterisch so richtig typisch unterscheidet, könnte ich jetzt nicht so, also ich erleb die Unterscheidung eher zu den Ärzten, die so den (???) diagnostizieren und weiß es ist so oder so, wobei ich das (.)von Psychologen(.) auch eher mal mitbekomme. #00:20:18–9# IP1 geht auf den Klärungsversuch, inwieweit die Themen „Ausschluss“ und „Anspruch“ auch Soziale Arbeit berühren könnten nicht ein. Beide Themen sind auch Leitungsthemen. Sie können ohne Zustimmung oder zumindest Duldung der Leitung nicht praktiziert werden. IP1 ist hier in einer Mitverantwortung. Dieses Leitungsthema will sie aber weder aufnehmen, geschweige denn vertiefen. Sie betont die Unterschiede zu Angehörigen anderer Berufsgruppen, ganz so als wäre ihre eigene homogen aufgestellt. Die Externalisierung wird fortgesetzt. Ungeliebte eigene Anteile werden nun bei „den Ärzten“ untergebracht. S.I.: Also das diagnostische Verfahren ist ein anderes meinst du? Also die haben quasi ihre ICD 10 im Kopf oder ihre DSM IV #00:20:32–6# Die Interviewerin folgt mir ihrer Frage der Ablenkung durch IP1 vom Sozialarbeiterischen. Der Fokus wird auf einen anderen Bereich gelenkt, den der Diagnose, hier dem des Stellenwerts von diagnostischen Manualen. IP1: Also nicht nur das. Also auch Becks Depressionsinventar oder solche Geschichten, ne. Also es gibt Leute in der Therapie wird das ganz regelmäßig abgeprüft, da wird ja diagnostiziert: Ist dieser Mensch depressiv oder nicht? und dann zieh ich da meine Schlüsse raus. (.) Ich überleg jetzt gerade, ob das im Umkehrschluss heißt, dass wir Sozialarbeiter mehr aus unserem Gefühl arbeiten. (.) ähm also ich hab schon ne Einschätzung, hat ein Klient ne Depression oder depressive Verstimmung, ich würd das aber nie mit dem dia- 4. Ergebnisse 129 gnostizieren. Das ist auch nicht mein Auftrag. Aber das hat natürlich auch noch mal Konsequenzen für die Arbeit. #00:21:05–0# Die vorher angekündigte Einheit Soziale Arbeit – Psychologie wird wieder verlassen. Es geht nun um die Diagnose-Instrumente von ärztlichen und psychologischen Fachkräften. Sozialer Arbeit unterstellt IP1, mehr aus dem Gefühl heraus zu arbeiten. Diagnostizieren, zumal mit den Instrumenten der anderen Gruppe, dies tue man nicht. Auch weil es nicht zum Auftrag Sozialer Arbeit gehöre. Mit dieser Einschätzung liegt IP1 sicher richtig. Für medizinische-psychotherapeutische Themen ist sie nicht zuständig, hat sie keinen Auftrag. Gibt es aber nicht auch eine sozialpädagogische Diagnostik oder sozialarbeiterische Aufträge? Anscheinend nein. S.I.: Aber irgendwie kommst du ja zu Einschätzungen, du hast es gerade gesagt, ist das schon sowas wie Fallverstehen äh jetzt ohne Manual, sag ich mal ohne DSM IV ohne ICD 10. Schon son Bild von einem Fall oder im weitesten Sinne? #00:21:22–6# Die Nachfrage zielt auf eine positive Füllung zum Thema, die Interviewerin gibt sich nicht mit einer Abgrenzung darüber zufrieden, was alles nicht gemacht wird und bringt den Begriff des Fallverstehens ein. IP1: Ja, ähm , ja klar, das sicher. Das ich erstmal versuche, den Menschen zu verstehen und das ich auch einschätze, aber mehr aufgrund meiner Erfahrung, meines Erfahrungswissens, denn aufgrund eines ähm Inventars oder sowas. Es wird eingeräumt, dass etwas „sicher“ gemacht wird. Aber wie zu Einschätzungen kommen, wie zu Fallverstehen, wie zum sich ein Bild machen? Das wird leider nicht klar. Maßstab ist das Erfahrungswissen, das ist aber nicht als Fragebogen, als Manual oder als Inventar vorliegend. Die Argumente von IP1 sind ein implizites Plädoyer dafür, die 4.1 Der Fall IP1 130 Ergebnisse eines Inventars nicht für das Ganze zu nehmen, also den Fall in seiner Gesamtheit zu sehen und zu würdigen. IP1: Ist das ein Mensch, der weiterführende Hilfen braucht oder nicht? Und das ist vielleicht auch nochmal das, was Soziale Arbeit ähm zumindest hier in der Beratungsstelle ausmacht. Das ist ganz viel, dass das so ne Übergangsgeschichte ist. IP1 spezifiziert noch einmal ihre Haltung: Was braucht der Mensch. Dabei ist ihr aber vor allem die weiterführende Hilfe im Blick. Ihre Arbeit, Soziale Arbeit in der Beratungsstelle sei eine „Übergangsgeschichte“. Den Bereich der Suchtbegleitung hat sie dabei ebenso wenig im Blick wie die Angehörigenarbeit. Im Wort der Übergangsgeschichte zeigt sich die Einteilung in das Eigentliche und das Un-Eigentliche der Suchtkrankenhilfe wieder, wie schon bei IP3. Zum Eigentlichen gehört in ihrem Bild die Suchtberatung nicht. Sie folgt einer hierarchischen Einteilung, und diese geht zu ihren Lasten. Dies führt aber nicht dazu, dass sie die Hierarchisierung hinterfragt. IP1 verbindet sich offenbar nicht mit dem Bild des Gesamtprozesses und nicht mit der sozialen Dimension dieses Prozesses, für die sie eine Zuständigkeit und einen jurisdictional claim (nach Abbott 1988) innehat. Sie offenbart hier ihr Verständnis des Auftrags ihrer Einrichtung: Der Auftrag ist Vermittlung – die Übergangsgeschichte – das Davor und das Danach, die Suchbegleitung und andere Aufträge, z. B. Krisenintervention, hat in ihrem impliziten Konzept keinen oder nur einen geringen Stellenwert. Die Leute kommen bei uns an und ähm , das klingt jetzt so poetisch, aber im Grunde öffnen wir Türen, ne Und die Klienten entscheiden, durch welche Tür gehe ich. Manchmal sind das auch zwei oder drei, durch die sie dann gehen aber ähm im Grunde sind wir immer die, die sagen so, „gucken Sie doch mal in die Richtung, gehen Sie 4. Ergebnisse 131 nochmal zum Arzt und lassen sich abchecken, ob Sie ne Depression haben oder nicht, gehen Sie in eine Selbsthilfegruppe, oder was weiß ich immer als Empfehlung, nicht als (.) ne (.)Ansage. Dass wir im Grunde so ne Durchgangsstation sind mit allen Vor- und Nachteilen, die das hat. #00:22:30–6# Die „Übergangsgeschichte“ wird noch einmal näher beschrieben, hier auch wieder als ein fall- und klientenbezogenes Vorgehen, das die Autonomie des Gegenübers respektiert. Die Metapher des „Tür- öffnens“ mag poetisch und weitgehend sachlich zutreffend sein. Sie vermittelt aber nicht den Aufwand, den das „Tür öffnen“ erfordert. Somit bleibt für IP1 offenbar nicht begriffen, dass die Gestaltung dessen, was sie als „Übergangsgeschichte“ oder als „Durchgangsstation“ bezeichnet, eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit ist. Ob der „Übergang“ gelingt, hängt auch vom fachlichen Tun der Fachkraft ab. Und der Prozess, der zum Übergang führen soll, der kann auch scheitern. Soll der Übergang gelingen, setzt dies die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung zwischen zwei konkreten Personen voraus. Diese Arbeitsbeziehung kann sich in Richtung Misstrauen auf beiden Seiten entwickeln, was den Übergang unwahrscheinlicher macht. Die Entwicklung in Richtung Vertrauen macht hingegen den Übergang wahrscheinlicher. IP1 scheint an dieser Stelle ein eher mechanisches Konzept zu verfolgen, was die Rolle des „subjektiven Faktors“ nicht würdigt. Die anspruchsvolle Tätigkeit der sogenannten „qualifizierten Vermittlung“ findet in ihrer Darstellung keinen Niederschlag. IP1 illustriert hier noch einmal, wahrscheinlich nicht bewusst, ihre Konzeption von Sozialer Arbeit in einer Suchtberatungsstelle (siehe hierzu schon oben zu Minute 19:17). Sie sprach an dieser Stelle vom Auftrag der Einrichtung, verband dies mit der Dimension von Persönlichkeit und hohem oder niedrigeren Anspruch der Fachkraft an die eigene Arbeit. Verbunden damit ist die Aufgabe der Arbeit mit der Ambivalenz, mit dem Widerstand auf Seiten der KlientInnen, die 4.1 Der Fall IP1 132 Aufgabe der Suchtbegleitung (bzw. der problemorientierten Beratung). Letzteres ist wahrscheinlich mühevoller und anstrengender im Vergleich zur Vermittlungsarbeit. Wo eine Fachkraft ihren Schwerpunkt setzt, setzen will scheint ihr zumindest zu einem gewissen Grad überlassen zu sein. Arbeitet sie eher fallbezogen oder eher schematisch (orientiert an Ausschlusskriterien)? Es besteht hier offenbar ein hohes Ermessen der einzelnen Fachkraft. IP1 tendiert hier eher zu Vermittlung und unterscheidet sich darin von IP3, die die fallbezogene Arbeit, Menschen da abholen wo sie stehen, mehr in den Vordergrund stellt. Dies soll nicht bedeuten, dass IP1 dies nicht auch macht, ihr Bespiel der einjährigen Begleitung spricht dafür, es ist aber wahrscheinlich nicht ihre Priorität. Damit zeichnet sich die Gefahr einer Spaltung im Handlungsfeld der Suchtberatungsstelle ab. Die Pole sollen hier mit Suchtbegleitung einerseits, mit Vermittlungsarbeit andererseits bezeichnet werden. Wohin eine Fachkraft tendiert, wo sie in der alltäglichen Arbeit ihren Schwerpunkt setzen will, ihren Schwerpunkt setzt ist dies eine Frage der Persönlichkeit? Die Präferenz von IP1 erscheint stimmig in Hinblick auf ihre berufliche Entwicklung. Aber welche Rolle spielen hier die Leitung, welche der Auftrag der Einrichtung, welche Rolle die Geldgeber, welche Rolle die Bedarfe der KlientInnen, um deren Wohl es eigentlich geht? D Motivation und Erfolgserleben Da sich hierzu keine Interviewpassagen finden, soll hier darauf verzichtet werden. 4. Ergebnisse 133 E Schluss Zum Ende der Analyse soll auch noch auf die Schlusssequenz (Minute 31:37ff) eingegangen werden. IP1: (.)(.) Also, das war ja schon son ziemlicher Rundumschlag, ich hab jetzt nicht das Gefühl, da sind noch große Lücken ähm. Ich merke so grade in meinem Erzählen, hab ich hauptsächlich immer die Klienten, im Sinne die Betroffenen im Blick und das würd mir jetzt grad nochmal so einfallen, ähm das und das finde ich ist auch nochmal ein Qualitätsmerkmal, dass wir auch Angehörigenarbeit, ganz wichtig auch anbieten und dass wir das auch deutlich sagen, damit auch an die Öffentlichkeit gehen. Das ist so der eine Teil. Die Darstellung kommt noch einmal auf die Angehörigenarbeit, die schon früher Thema war, zurück (siehe oben). Sie ist für IP1 ein Qualitätsmerkmal, thematisiert aber auch die soziale Dimension. Davon ist aber nicht die Rede, was auch nicht mehr überraschend ist. Was aber bedeutet hier Qualität der Arbeit. Wenn es um die Güte gehen soll, dann kann es sich hier nur um eine von der Sache her gebotene Ganzheitlichkeit des Blicks auf die KlientInnen sowie damit zusammenhängender angemessener Interventionen gehen. Hierfür findet IP1 keine Worte. Die Güte der Tätigkeit werde abgebildet durch die Angebotsbreite der Einrichtung. Das passt so nicht zusammen. Der andere Teil ist und auch das ist immer auch ein Qualitätsmerkmal, das wir auch bestimmte Gruppenangebote vorhalten, dass wir dem Klienten z. B. über die Motivationsgruppe die Möglichkeit geben sich auch noch mal mit anderen mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. Das heißt ein Stück mehr zu verstehen, das betrifft nicht nur mich oder bei der Therapievorbereitung einfach mal auszuprobieren. Viele sind sehr ängstlich, was Gruppenkontakte angeht und kann man mal einfach unverbindlich mal gucken, wie 4.1 Der Fall IP1 134 ist’n das, wenn man da plötzlich mit fünf Leuten sitzt oder da gibts auch Ehrenamtliche, die ihre Therapieerfahrungen vorstellen. Also dass da einfach auch noch mal so peermäßig Beratung und Information möglich sind. Oder in der Angehörigengruppe Austausch auch möglich ist, wirklich festzustellen, andere Leute sind in der gleichen Situation, das ist ne große Entlastung. Also das ist nochmal sowas, dass dieses Spektrum auch recht breit ist. Das wir nicht nur diese Face-to-Face Beratung mit Betroffenen machen, sondern auch nach dem Umfeld gucken. #00:33:14–1# In Alltagssprache und deskriptiv werden weitere Angebote vorgestellt, die weitere Brücken für die Klienten bedeuten. Aber auch hier finden sich bekannte Muster wieder. Das Angebotsspektrum der Einrichtung wird mit Qualität im Sinne der Güte einer Dienstleistung in Eins gesetzt. Erfahrungen mit einer Gruppe zu sammeln mag eine Brücke bedeuten. Aber ist denn eine Gruppe immer der anderen gleich? Es zeigt sich ein sehr reduktionistisches Konzept von Erfahrungen. Gruppenkontakte sollen erfahrbar werden, in dem KlientInnen überhaupt einmal in einer Gruppe waren. Gerade aus dem Feld der Arbeit mit Abhängigkeitskranken ist aber bekannt, dass Gruppen sehr verschieden sein können, unterschiedliche Dynamiken entwickeln können. Die Erfahrungen, die ein Individuum macht, hängen demnach von den konkreten Menschen ab, die mit ihm in einer Gruppe sitzen, sie sind somit personengebunden. Sitzen andere Personen in der Gruppe, werden auch die Erfahrungen andere sein. In IP1s Darstellung wird das Gruppensetting verdinglicht, das Setting betrachtet sie als eine Stanzmaschine. Demnach liefere ein Setting immer ähnliche Ergebnisse. Aber ist das so? Die Sachhaltigkeit dieses Bildes darf bezweifelt werden. Als zunächst bemerkenswert erscheint weiter, dass wieder die Vermittlungsfunktion der Stelle in den Vordergrund gerückt wird. Aber 4. Ergebnisse 135 dies ist eigentlich nicht mehr bemerkenswert sondern bezeichnet die berufliche Widmung von IP1. S.I.: Ja super, Danke erstmal. (Gerät wird ausgeschaltet) Das Interview endet mit einer Dankbarkeitsbekundung durch die Interviewerin. Fazit An dieser Stelle wird eine Hypothese vorgestellt, die auf der Basis der Ergebnisse der Feinanalyse und einer Gesamtdurchsicht des Materials gewonnen wurde. Die Hypothese besteht wieder aus verschiedenen Elementen. Sie sollen hier einzeln aufgeführt werden. Methodisch kommt ihr der Stellenwert zu, dass sie auf der Basis einer weiteren Fallanalyse die Untersuchungsfrage vorläufig beantwortet. Diese heißt: „Wie ist Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung?“ 1. Die berufliche Entwicklung von IP1 einschließlich ihrer Ausbildung zeigt folgendes: Sie kann für den Bereich der ambulanten Suchtberatung als „Spätberufene“ bezeichnet werden. Der Beratungsarbeit nähert sie sich Zug um Zug, von der Bildungsarbeit über die Prävention, an. Von einem irgendwie gearteten „Hineingeraten“ kann keine Rede sein. Zum Interviewzeitpunkt hat sie vier Jahre einschlägige Berufserfahrung sammeln können und weiß, „wie es geht“. Auch bei IP1 ist ein sehr entwickeltes Arbeitsethos erkennbar. Sie will die komplexen Anforderungen der Arbeitsstelle erfüllen. Sie will ihre Arbeit gut machen und den Hilfebedarfen und Belangen der Klienten, so wie sie diese wahr- 4.1 Der Fall IP1 136 nimmt gerecht werden. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den Fortbildungen, die sie absolviert hat und die teilweise von ihr alleine finanziert wurden. 2. IP1 nimmt als Fachkraft der Sozialen Arbeit Tätigkeiten wahr, die als typische Aufgabenfelder der Sozialen Arbeit angesehen werden können, einschließlich der Arbeit in Zwangskontexten aber auch der Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen. Zusätzlich gibt es aber Bereiche, die weit darüber hinausgehen (suchtmedizinische Diagnostik). 3. Die Tätigkeit von IP1 in der Beratungsstelle entspricht nur bedingt der einer Profession. Dies ist auf das Spannungsverhältnis zwischen fachlicher Autonomie einerseits und den sachfremden Arbeitszuordnung durch Kosten- und Leistungsträger andererseits zurückzuführen. Was IP1 arbeitet scheint ihr aber nicht bewusst zugänglich zu sein. Diese Nicht-Wahrnehmung wird durch strukturelle Rahmenbedingungen wie den bürokratischen Vorgaben, die keiner Professionslogik entstammen, begünstigt. 4. Die unterschiedlichen formalen Beauftragungen und Zuständigkeiten, die durch das Regelwerk von außen in das Team hineingetragen werden, werfen für IP1 die Frage nach Anerkennung und Wertschätzung in besonderer Weise auf. Sie nimmt, trotzdem sie eine professionalisierte Tätigkeit ausübt, eine institutionell festgeschriebene Missachtung und Abwertung wahr („Übergangsgeschichte“, „Durchgangsstation“) und macht sie zu einem Teil ihrer Selbstdarstellung. Dass die „Übergangsgeschichte“ eine anspruchsvolle Tätigkeit darstellt, dies findet keine Repräsentation. 5. Der Blick auf Strukturelles, was die Arbeit tangiert, unterbleibt. Auffällig ist, dass in ihrem Bild nur KlientInnen mit hohem Potential zur Selbstschädigung eine Herausforderung darstellen. Die Frage nach der Passung von Aufgaben und Ressourcenausstattung bleiben außen vor. Dazu gehört die Bereitschaft, die Antwort 4. Ergebnisse 137 auf die Frage, was qualilfiziert für die Tätigkeit zu individualisieren. Eine notwendige Ressourcenausstattung des freien Trägers hierfür ist von den öffentlichen Geldgebern nicht vorgesehen. 6. IP1 unterscheidet sich in ihrem Konzept der Aufgabenwahrnehmung einer Beratungsstelle von dem, das IP3 vorstellte. Dies zeigt sich in der Haltung zur Suchtbegleitung. Für IP3 war dies sehr wichtig. IP1 hingegen betont die Rolle der Vermittlung (Durchgangsstation). Suchtbegleitung über längere Phasen, z. B. 6 Monate wird geleistet, aber eher als Ausnahme. Den darin liegenden Widerspruch erkennt sie nicht. IP1 und IP3 repräsentieren unterschiedliche Ausprägungen in der Ausformulierung der Arbeit von Suchtberatungsstellen. Diese Füllung des Auftrags auf der Ebene der Fachkraft wird im Feld zugelassen. Es ist die Konsequenz aus relativ diffusen Beauftragungen, Zielsetzungen und Festlegungen von Zielerreichungen. 7. Die KlientInnengruppe der Ambivalenten benötigt wohl mehr an Ressourcen als in der Vermittlungsarbeit erforderlich. Diese Gruppe erscheint geringer motiviert. Wie soll deren Motivation sich aber entwickeln, so dass sie die nur eher kurze Spanne an Unterstützung benötigt? Dies Paradox wahrzunehmen ist IP1 nicht gegeben. Im Vergleich zwischen IP1 und IP3 zeigen sich Spaltungstendenzen im Handlungsfeld. Eine Richtung weist dabei auf Suchtbegleitung, die andere auf Vermittlung. IP1 repräsentiert in ihrer Aufgabenwahrnehmung und fachlichen Haltung eher die Fraktion der Vermittlung. 8. Es zeigt sich hier nicht nur Ambivalenz und Widerstand bei KlientInnen in Hinblick auf Veränderung. Es zeigt sich auch Ambivalenz und Widerstand von Fachkräften gegenüber den KlientInnen. 9. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für die Fragestellung: Es findet sich bei IP1 eine hochgradige Ambivalenz in der Selbstdefinition. Diese hat sehr unterschiedliche strukturelle, d. h. über- 4.1 Der Fall IP1 138 individuelle, Verankerungen. Zu nennen ist die Bedeutung und Wichtigkeit der Tätigkeiten der ambulanten Suchtberatung im Gesamtprozess der Rehabilitation. Von deren bio-psycho-sozialen Dimensionen bereitet sie auf die Behandlung der bio-psychischen Dimensionen vor. Dem entspricht eine Vernachlässigung der sozialen Dimension und ihrer Thematisierung. Das Soziale findet sich noch rudimentär im systemischen Denken in der individuellen Repräsentation von IP1. Dabei zeigen sich bei ihr Haltungen und Bilder, die als ganzheitliche Sichtweisen bezeichnet (Türen öffnen) und als sozialarbeiterische Selbstbehauptungen interpretiert werden können. Es bleibt aber weitgehend unbenannt, welche voraussetzungsvolle Tätigkeit z. B. der fachlich adäquate Umgang mit Widerstand oder die Vermittlung in weiterführende Hilfe ist. Hierin sowie in der weitgehenden Nicht-Wahrnehmung der sozialen Dimension finden sich Anpassungen an die hegemonialen Akteure, die sich auch hier als Burakumin-Syndrom zeigen. Auch IP1 verwendet von sich aus so gut wie keine Fachbegriffe im Allgemeinen. Fachbegriffe aus der Sozialen Arbeit im Besonderen werden nicht benannt. Prägnant ist dabei das möglicherweise nur IP1 kennzeichnende Muster Inhalt und Methode gleichzusetzen. Die analytisch gesehen gegebene Differenz zwischen den beiden Sphären wird von ihr nicht wahrgenommen. Eine fachliche Position einzunehmen oder auszudrücken, die eine kritische Distanz zu den sog. System-Imperativen ausdrücken könnte, wird durch die Loyalität gegenüber der Leitungs-Rolle erschwert. Auf der individuellen Ebene von IP1 ist noch zu verbuchen, dass sie ihren Kompetenzen misstraut (Weiterbildungsbereitschaft). Auf den Punkt gebracht: Auch IP1 leistet gute Arbeit, sie kann es von sich aus aber nicht ausdrücken. Große Teile ihres beruflichen Handelns beruhen ebenfalls auf implizitem Wissen. Dies steht einer expliziten Selbstdefinition entgegen. Auch IP1, wenn 4. Ergebnisse 139 nicht die gesamte Einrichtung, steht in dem Spannungsverhältnis, das fachlich Richtige zu tun, dies aber nicht in vollem Umfang nach außen kommunizieren zu können. 10. Von den offenen Fragen, die bei der Fallbetrachtung zu IP3 formuliert wurden, können die Fragen 1–6 hier als vorläufig beantwortet betrachtet werden. Beantwortet im Sinne einer Tendenz, die für Modifikationen offen bleibt. Zur Frage 7 ist zu sagen, für eine Hierarchie zwischen Beratung und Begleitung finden sich keine Hinweise. Eine gewisse Hierarchisierung findet sich zwischen ambulanter Reha einerseits, Beratung und Begleitung andererseits, weil Erstere dem Eigentlichen zugeordnet werden, Letzteres dem Un-Eigentlichen. Diese Hierarchisierung wird durch die Regelwerke konstituiert und von vielen Akteuren, auch IP1 und IP3 geteilt. Zu den Befunden der Interviewauswertungen von IP1 und IP3 soll nun noch eine weitere Auswertung eines Interviews mit einer Fachkraft dieses Einrichtungstyps treten. 4.3 Der Fall IP5 Der Fall IP5 Ausgehend von den Optionen, die die Analysen der Interviews mit IP3 und IP1 erbrachten, wurde das nächste Interview mit einer Fachkraft des gleichen Einrichtungstyps geführt, einer Suchtberatungsstelle in einer anderen Stadt. Die Auswertung des Interviews mit IP5 wird nach dem gleichen Muster wie die Auswertungen der Gespräche mit IP1 und IP3 durchgeführt. 4.1 Der Fall IP5 140 Objektive Daten IP5 Geschlecht Männlich Geb. 1957 in West-Deutschland Familienstand Verheiratet, 2 Kinder Schulabschluss Realschule Fachoberschule Studium 1979–1985 Sozialarbeit Im Rahmen des Studiums 1. Praktikum in einer Wohngemeinschaft für junge Erwachsene 2. Praktikum auf Vermittlung einer Dozentin in der jetzigen Stelle Arbeit Ausbildung zum Versicherungskaufmann, danach Zivildienst Arbeit als Versicherungskaufmann Vorpraktikum in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe (im Rahmen der Fachoberschule, für 1 Jahr) Nach dem Studium Anerkennungsjahr 1984–1985 in der jetzigen Stelle, danach Festanstellung Zeitgleich (1983) reformierte D. die nahegelegene Psychiatrie mit seinen Ideen der Sozialpsychiatrie. Die Stelle wurde in ihren jetzigen Arbeitsweisen grundgelegt. Verbleib in der Stelle unter anderem wegen der freundschaftlichen Verbindung zu dem damaligen Stellenleiter. Dieser wurde später Leitungskraft in einem Wohlfahrtsverband. Jetzige Stelle wurde Anfang der 2000er Jahre mit der Drogenberatung zusammengelegt, 2013 die ambulante Reha an einen anderen Träger abgegeben „outgesourct“. 4. Ergebnisse 141 Zusatzausbildung 2000ff VDR-anerkannte Therapieausbildung auf Wunsch des damaligen Stellenleiters, Zeit und Kosten wurden komplett übernommen, Ausbildung war tiefenpsychologisch orientiert Jetzige Tätigkeit Zuständigkeit: Beratung für Menschen mit Alkoholabhängigkeit und deren Angehörige, z. B. Ehepartner. Inhaltlich: Klärung (Diagnostik), ob Therapiebedürftigkeit vorliegt nach eigenem Schema, dass ich auf die eigene Erfahrung stützt, administrative Aufgaben z. B. Erstellung eines Sozialberichtes, ggf. Langzeitbegleitung, wenn keine Therapie indiziert oder gewünscht ist oder das Kontingent ausgereizt ist, Anlaufstelle nach Therapie und bei Rückfälligkeit, Sprechstunden in benachbarten Orten, externe Sprechstunden in Krankenhäusern einschließlich sog. Frühintervention, Die Stelle bietet regelmäßige Fallteamsitzungen und sog. Methodenteams, in denen neuere Methoden, die jemand kennengelernt hat vorgestellt werden. Methodische Ansätze in der Arbeit: Einzelgespräche, Angehörigenarbeit Kollegen 1 weiterer männlicher Kollege, stundenweise 2 weibliche Kolleginnen der Drogenberatungsstelle, mit der die Einrichtung von IP5 Anfang der 2000er Jahre zusammengelegt wurde, dort insgesamt 10 MitarbeiterInnen, sonst keine näheren Informationen zum Team 4.1 Der Fall IP5 142 Zukunft Wollte einmal (2013) in die Schuldnerberatung wechseln wegen der Ausbildung als Versicherungskaufmann, aber es war keine adäquate Stelle frei. Er würde aufgrund seines Alters jetzt nicht mehr wechseln, wenn er jünger wäre schon. Der Wunsch zu wechseln fiel zeitlich mit dem „Outsourcing“ der ambulanten Reha an einen anderen Träger zusammen. Interpretation der objektiven Daten IP5 ist männlich und zum Zeitpunkt des Interviews 56 Jahre alt. Es ist von den drei InterviewpartnerInnen der Älteste und der Dienst- älteste. Seit 1985, d. h. zum Interviewzeitpunkt (2013) seit 28 Jahren arbeitet er in der gleichen Beratungsstelle. Auch bei dem Weg zu seiner Position unterscheidet er sich von den anderen Interviewten. IP5 schloss seine schulische Ausbildung mit einem Realschulabschluss ab, begann dann eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann, die er auch erfolgreich absolvierte. Nach seiner Zivildienstzeit arbeitete er auch einige Zeit in seinem erlernten Beruf. Dann wendet er sich von diesem Bereich ab und orientiert sich neu, hin zu einem helfenden Beruf im Sozialbereich. Eine Option wäre angesichts der neuen Grundorientierung gewesen eine Erzieherausbildung zu machen. Stattdessen besucht er die Fachoberschule, um hierüber die Möglichkeit zu erhalten, ein Studium aufnehmen zu können. Dies ist insofern eine zukunftsorientierte Entscheidung, als ein Studienabschluss in höherem Maße sozialen Aufstieg, Status und Einkommen vermitteln kann als eine Fachschulausbildung. Während dieser Zeit sammelt er erste Erfahrungen in der stationären Jugendhilfe. Dies erfolgte im Rahmen des sog. Vorpraktikums, das dem Studium vorangestellt ist und ein Jahr dauert. Die Studieninteressierten – und so auch IP5 – konnten hier das Feld kennenlernen und sich entscheiden, ob der helfen- 4. Ergebnisse 143 de Beruf als Fachkraft der Sozialen Arbeit ihnen zusagt, was hier der Fall ist. Der Wechsel von der Betreuung von Versicherungskunden hin zu der Arbeit mit Jugendlichen, die verschiedene biographische Hypotheken mitgebracht haben dürften, bringt ihn nicht von seinem neuem Berufswunsch ab. Während seines Studiums macht er sein erstes Praktikum auch im Bereich der Jugendhilfe. Im Rahmen seines zweiten Praktikums wird er in der Beratungsstelle tätig, in der er bis heute arbeitet. IP5 geht damit nicht nur vom sog. Profit-Sektor zum Non-Profit-Sektor über. Er wechselt damit auch von einer zum damaligen Zeitpunkt relativ sicheren Stelle in eine zunächst ungewisse berufliche Zukunft. Den Wunsch zu realisieren, in einem helfenden Beruf zu arbeiten ist es ihm Wert gewisse Risiken einzugehen, wenngleich die Stellensituation 1979 noch eine andere war als z. B. 1989. Die Studienmöglichkeit für Sozialarbeit gab es erst seit sechs Jahren. Es war unklar, wie die Nachfrage nach der neuen Qualifikation aussehen könnte. Inwieweit er in dem Helferberuf eine sinnvollere Tätigkeit als im Versicherungswesen sah, kann hier nicht geklärt werden. Ob und inwieweit hier religiöse Orientierungen eine Rolle gespielt haben, die einen weiteren Verbleib in der bisherigen Position erschwert haben, muss hier ebenfalls ungeklärt bleiben. Um die Zeit, als IP5 seine Festanstellung erhält, findet in einer nahe gelegenen Psychiatrie, mit der IP5s Stelle in Kooperation steht, eine konzeptionelle Neuausrichtung statt. Dabei werden verstärkt sozialpsychiatrische Gesichtspunkte aufgenommen, was für eine Fachkraft der Sozialen Arbeit, die gerade die Ausbildung beendet hat, attraktiv klingen mag und Aussichten auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit eröffnet. Ob und wie sich dies realisiert hat, darüber finden sich keine Anhaltspunkte in den objektiven Daten, möglicherweise im Interview. Interessant zu erfahren ist dabei auch, ob und wie die Öffnung der medizinischen Einrichtung eine für die Soziale Arbeit 4.1 Der Fall IP5 144 folgenreiche Einbeziehung der Sozialen Dimension in der Rehabilitation von Suchterkrankung mit sich brachte oder vorsah. Bemerkenswert ist weiter, auch IP5 wollte wie IP3 einmal das Feld wechseln. Dies realisierte sich aber aus verschiedenen Gründen nicht. Einmal gab es keine Stelle mit dem gewünschten Profil Schuldnerberatung, zum anderen war es die freundschaftliche Verbindung zu einem früheren Leiter der Einrichtung, in der IP5 arbeitete, der dann aber seinerseits die Stelle verließ. Das Hilfesystem der Suchtkrankenhilfe in IP5s Bezugsregion stand oder steht unter dem Druck finanzieller Restriktionen, so gab es einmal eine Zusammenlegung mit einer anderen Beratungsstelle. Weiter konnte offenbar die ambulante Reha im Haus nicht so belegt werden, dass sie ihre Unkosten decken konnte. Im Jahr 2013 erfolgte die Übertragung dieses Angebots an einen anderen Träger. IP5 erlebt hier zweimal relativ einschneidend die Folgen von finanziellen Restriktionen in seinem Feld. Er ist davon zwar nicht so betroffen, dass sein Arbeitsplatz gefährdet wäre. Dennoch muss er dies als Ausdruck geringer Wertschätzung für seinen Arbeitsbereich und seine Tätigkeit aufgefasst haben. Dabei hatte IP5 andere Zeiten erlebt, Zeiten, in denen seine Einrichtung eine bessere materielle Ausstattung und Anerkennung erfuhr. Als Hinweis dafür gilt hier die therapeutische Zusatzausbildung, die es ihm ermöglichte, im Rahmen der ambulanten oder stationären Rehabilitation als Therapeut tätig zu werden. Diese Weiterqualifikation musste ihm von außen nahegelegt werden. Sie wurde aber von Trägerseite vollständig finanziert, zusätzlich wurde er hierfür freigestellt. Für ihn galten offenbar noch ganz andere Bedingungen, als sie jetzt für IP1 gelten, wo der Träger für sie zwar die Weiterqualifikation befürwortet, aber nicht die entsprechenden Mittel hat. Die berufliche Neuorientierung nach fast 30 Jahren ist insofern nachvollziehbar. Sie realisiert sich aber nicht, inzwischen hält er sich für zu alt. Ob hier Fragen des Tarifvertrages, IP5 könnte noch nach dem 4. Ergebnisse 145 4.1 Der Fall IP5 BAT arbeiten, oder der Eingruppierung nach einem Stellenwechsel eine Rolle spielten, kann hier nicht beantwortet werden. Dafür, dass IP5 andere Zeiten erlebt haben muss, sprechen auch die objektiven Daten. Die Zeit, in der IP5 seine Arbeit begann, war in vieler Hinsicht eine Zeit des Aufbruchs, des Suchens nach Neuem und des Experimentierens. Hierzu ist zunächst noch einmal auf die Fachhochschulausbildung hinzuweisen, die es erst wenige Jahre gab. Dazu gehört weiter, 1978 erfolgte eine Rahmenvereinbarung zur Suchtkrankenbehandlung, die die Finanzierungsverantwortlichkeiten der GKV, der GRV und der Träger der Sozialhilfe klärte. Parallel begann sich das System der ambulanten Suchthilfe, die Suchtberatung, zu verberuflichen. Wo vorher konfessionell gebundene ehrenamtliche Angebote der Abstinenzverbände das Angebot bestimmten, traten nun hauptamtliche Helfer, die nach Tarifvertrag bezahlt wurden. Gleichzeitig wurde das Hilfesystem quantitativ ausgebaut, es gab einen Zuwachs an Stellen. Hinzu kommt, die Zuständigkeiten der verschiedenen Berufsgruppen waren zunächst nicht so klar getrennt. Hierzu ist die Öffnung der Psychiatrie hin zur Sozialpsychiatrie komplementär. Parallel zu der quantitativen und qualitativen Expansion des ambulanten Hilfesystems setzte die neu etablierte Regelfinanzierung ein, die vor allem den Bereich der stationären Rehabilitation betraf. Hier wurden von den Leistungsträgern formale Standards gesetzt (siehe IP3). Dabei erfolgte wieder eine berufsständische Hierarchisierung entlang wohlbekannter Grenzen. Dies setzte sich dann durch die Möglichkeit der ambulanten Rehabilitation in die Institution der ambulanten Suchtberatung fort. Mit der Regelfinanzierung kam die Bürokratisierung und verwies die Soziale Arbeit – und mit ihr die soziale Dimension des Reha-Prozesses – wieder auf den Platz des Un-Eigentlichen, es sei denn die Fachkräfte der Sozialen Arbeit nahmen die Rolle des Gamma-Therapeuten (mit Zusatzausbildung) ein. 146 Mitte bis Ende der 1990er Jahre war die Expansion des Systems der Suchtkrankenhilfe zu Ende. Durch verschiedene Gesetze, z. B. das WFG oder §§ 93a ff BSHG, wurden Restriktionen durchgesetzt. Dies bedeutete, der bis dahin erreichte Stand war in Teilen seiner Legitimität beraubt, das System – und seine Elemente – musste sich rechtfertigen, die Markt- und Effizienzrhetorik wurde durchgesetzt. IP5 hat die Auf- und Abbewegungen seiner Stelle erlebt und arbeitet immer noch da. Er hat viele Ideen kommen und gehen sehen. Hier wird davon ausgegangen, dass er seinen Platz gefunden haben muss. Durch seinen großen Erfahrungsschatz und sein Lebens- und Dienstalter hat er eine gewisse Souveränität erreicht. Er macht „sein Ding“. Dafür spricht, dass er Prozeduren anwendet, die für ihn Diagnostik sind, dies aber nach seinem eigenen Schema durchführt und nicht nach einem Schema, das ihm auferlegt wird. Dies betrifft auch die Vermittlung, ein Tätigkeitsfeld, das für Beratungsstellen in hohem Maße Legitimität verschafft. Da scheint er sich aber nicht in einer ähnlichen Drucksituation zu sehen, wie sie sich bei IP1 und IP3 andeuteten. Durch den Wegfall des Angebots der ambulanten Rehabilitation in eigener Trägerschaft stellt sich für IP5 auch das Gebot, an eigene Einrichtungen vermitteln zu müssen nicht so wie für IP1 und IP3. Die Gefahr einer de-professionalisierten Praxis ist für ihn deshalb eher nicht gegeben, die fachliche Autonomie ist nicht aus dieser Richtung gefährdet. Die personelle Ausstattung der Beratungsstelle ist nicht sehr umfänglich, zwei Stellen, zusätzlich zwei Kolleginnen, dies aber nur stundenweise. Dem steht eine Erweiterung um zahlreiche Arbeitsbereiche gegenüber. Die eigenen Tätigkeiten entsprechen dem erwartbaren Spektrum von Beratung von Betroffenen (nur Abhängige oder auch Gefährdete?), der Vermittlung in andere Einrichtungen, der Arbeit mit Angehörigen und Suchtbegleitung. Hervorzuheben ist die aufsuchende Arbeit in einem Krankenhaus, die eine relativ gute Aussicht auf Rehabilitation bei den Betroffenen verspricht (vgl. Arnold u. a. 1999). 4. Ergebnisse 147 Abweichend von den bisherigen Fällen absolvierte IP5 nach dem Studium keine Weiterbildung „als Handwerkszeug“. Dieser Umstand wäre eine Nachfrage oder Klärung wert gewesen, ist aber wahrscheinlich nicht erfolgt. Was brachte ihn dazu, fühlte er sich durch die Fachhochschule gut genug für seine Aufgaben ausgebildet? Eher spekulativ, als auf die vorliegenden Daten gestützt, soll hier vermutet werden, dass die bereits erwähnte Aufbruchszeit des Hilfesystems, in der IP5 seine Berufslaufbahn begann, hier eine Rolle gespielt haben könnte. Man konnte, wollte, durfte und sollte mit den Interventionen und den Settings experimentieren. Dies bedeutet auch, dass es eine hohe Fehlertoleranz gegeben haben dürfte. Später, Ende der 1980er dürfte IP5 über genügend Erfahrung und Reflexion der Erfahrung, z. B. durch Supervision, verfügt haben, um zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass er eine methodische Weiterbildung nicht mehr brauchte, schon gar nicht mehr als Handwerkszeug für einen guten Berufseinstieg. Die therapeutische Zusatzausbildung absolvierte er auch nicht auf seine Initiative hin. Er unterscheidet sich hier sehr von IP1 und IP3. Wenn aber IP5 in der ambulanten Rehabilitation nicht „sein Feld“ sieht, wenn er sich nicht als Therapeut sieht, als was sieht er sich dann, als Fachkraft für sozialarbeiterische Belange? Analyse des Interviews mit IP5 Im Folgenden wird das Interview in Form einer Feinanalyse sequentiell analysiert. Die Analyse beginnt mit der Einleitungssequenz, die bis zur Minute 7:04 reicht. Weiter unten werden weitere Teile des Interviews einer Feinanalyse unterzogen. Ihre Auswahl bestimmt sich durch die Themen des Leitfadens und durch das Zwischenergebnis der Interviewauswertung von IP1 und IP3. Das Vorgehen soll eine erste vorläufige Antwort geben auf die Untersuchungsfrage: 4.1 Der Fall IP5 148 Wie ist die Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung? Methodischer Hinweis Das Aufnahmegerät wurde schon beim „Vorab-Small-Talk“ eingeschaltet, da IP5 sich direkt nach der Begrüßung schon zum Thema äußerte, ohne den gesprächsgenerierenden Impuls abzuwarten. IP5: Die haben ihre Entgiftung gemacht und da, die Suchtkrankenarbeit war noch, noch nicht differenziert. Es gab große Stationen, es gab noch oft Zwangseinweisungen zur damaligen Zeit. Ich kann mich noch dran erinnern, dass eine Station völlig abgeschlossen war und äh der Garten mit einem Zaun umgeben war, dass da niemand wegkonnte und auch große Gemeinschaftsräume und auch Bettensäle. Ich noch erlebt habe und äh die Klinik hat auch erst Ende der 70er Anfang der 80er Jahre als dann der Herr D. kam, #00:08:05–0# Wie aus der einleitenden Bemerkung der Interviewerin hervorgeht, machte IP5 die obenstehenden Ausführungen ohne nach den entsprechenden Inhalten gefragt worden zu sein, also ohne Aufforderung. Von daher kann gefragt werden, wie müsste denn eine Frage gelautet haben, auf die die Äußerung eine sinnvoll Antwort darstellt. Die Frage könnte etwa gelautet haben: „Wie war es denn früher um die Suchtkrankenhilfe bestellt?“ o. ä. D. h. IP5 sieht sich als Zeitzeuge von früheren für die Beteiligten und Betroffenen relativ schlechten Zuständen, die durch Zwang, materielle Unterausstattung und einem Mangel an Privatheit und Rückzugsmöglichkeiten für die Patienten/Klienten gekennzeichnet waren, kurzum von Zuständen, die die Menschenwürde nicht achten. „Als dann Herr D. kam“ deutet an, 4. Ergebnisse 149 dass dieser diesen Gegebenheiten ein Ende setzte oder setzen wollte. Aber wie weit kam Herr D. und wie hat er das geschafft? S.I.: Der Herr D. hat was verändert, #00:00:00–0# Es erfolgt eine allgemeine Nachfrage zu dem Wirken von Herrn D. Es ist unklar, ob damit der Gesprächsfluss von IP5 unterbrochen wurde. IP5: der was verändert hat also, wo dann auch der Fokus mehr auf die differenzierte Suchtkrankenarbeit gelegt wurde und ähm sich D. auch persönlich darum kümmerte, also da das hat viel bewirkt. #00:00:00–0# In sehr allgemeiner Form wird auf D. eingegangen und sein Wirken insgesamt als sehr positiv im Sinne der Betroffenen bewertet. D.`s Engagement sah in IP5s Wahrnehmung auch persönlichen Einsatz vor. Trotz seiner Leitungsposition war dieser offenbar sich für zahlreiche Interventionen nicht zu schade, die er von seinem Status her gesehen nicht hätte unternehmen müssen. D. bekommt in dieser Darstellung Züge einer charismatischen und heroischen Lichtgestalt für den die Maxime: „Der Mensch mit seinen Bedarfen sollte im Mittelpunkt stehen“ nicht nur auf dem Papier steht, sondern umgesetzt wird. S.I.: Ja, ich würd ganz gerne, wenn es Ihnen Recht ist, in unser Gespräch einfach auch mal fließend einsteigen und äh da anknüpfen und ähm Sie vielleicht als erstes bitten, dass Sie vielleicht kurz erzählen, wie Sie eigentlich zur Suchtkrankenhilfe gekommen sind. #00:01:26–0# Die Interviewerin verfolgt offenbar bestimmte Ideen zum Interview, die sich auch in dem Interviewleitfaden zeigen. Die Geschichten, die IP5 zu Herrn D. zu erzählen hat, gehören für Sie, zumindest zu diesem Zeitpunkt, nicht dazu. Das Gespräch soll „auf Kurs“ gebracht werden. Es wird ein anderes Thema gesetzt. 4.1 Der Fall IP5 150 IP5: Ich habe auch in A. an der X FH Sozialarbeit studiert und habe vorher eine Ausbildung gemacht im kaufmännischen Bereich, Versicherungskaufmann gelernt, dann ähm kam die Zivildienstzeit und habe auch noch ne kurze Zeit in dem Beruf gearbeitet und bin dann umgestiegen und habe Sozialarbeit studiert. Habe erst die Fachoberschule gemacht und ähm dann eben die Fachhochschule, ein Praktikum gemacht, in einer Wohngemeinschaft für junge Erwachsene und das war das Vorpraktikum, dann weil ich eben ne kaufmännische Ausbildung hatte bin ich dann mit der Sozialarbeit angefangen. #00:02:17–0# IP5 holt zunächst etwas aus. Er geht in seiner Darstellung auf seinen Weg zum Studium ein. Dabei wird seine berufliche Neuorientierung dargestellt. Wird sie noch expliziert? S.I.: Wann haben Sie Sozialarbeit studiert? #00:02:21–0# Die Nachfrage unterbricht wieder IP5s Gesprächsfluss. Die Zäsur in der beruflichen Orientierung bleibt außen vor. Es wird nach einem Zeitraum gefragt. IP5: 1979 – 1985 #00:02:24–0# Der Befragte antwortet sehr knapp und benennt die Jahreszahlen. S.I.: Dann waren Sie ja auch einer der ersten dann? 1973 ist die Fachhochschule gegründet worden. #00:02:30–0# Die Antwort wird kommentiert, die Interviewerin bringt ihr Wissen zu der Fachhochschule ein, an der IP5 studiert hat. Das Frageverhalten erschließt sich hier nicht, möglicherweise ist ihr die Fachhochschule bekannt. IP5: Ja also war in den 70er Jahren in der zweiten Hälfte der 70er Jahre aber in A. ja und habe dann auch meine Praktika gemacht 4. Ergebnisse 151 einmal im K. und als zweites dann ergab sich das durch die Frau G., dass ich dann hier zur Suchtkrankenhilfe kam 1984 und das war der Einstieg in die Arbeit Suchtkrankenhilfe #00:03:04–0# IP5 geht von sich aus nicht auf die Erörterungen zu den institutionellen Gegebenheiten „seiner“ Fachhochschule ein, sondern kehrt auf die Darstellung seines Wegs in die Suchtkrankhilfe zurück. Er war in seinem ersten Anlauf schon auf dem Weg dahin. Sein Einstieg hatte nämlich mit der Fachhochschule zu tun. Es war die Frau G, durch die er zu der Stelle kam. S.I.: Also dann waren im 2. Praktikum direkt auch hier in der Stelle gewesen.? #00:03:06–0# Es geht darum seit wann IP5 an der jetzigen Stelle arbeitet. Er hatte Frau G. genannt. Nach ihr wird nicht gefragt. Ist Sie S.I. bekannt? IP5: Genau, ja Die Stellen waren noch, sind drei oder viermal umgezogen in der Zeit aber, ähm das war der Kollege E., der die Stelle leitete seinerzeit und ähm er war auch mein Praxisanleiter und da hab ich eben Interesse bekommen für die Arbeit. Er hatte auch sehr interessante Gedanken und machte auch eine interessante Arbeit und das war so der Einstieg. #00:03:44–0# Der Weg IP5s in die Suchtkrankenhilfe wird klarer. In seinem zweiten Praktikum wurde er über Frau G. an seine jetzige Arbeitsstelle vermittelt. Dass er dort blieb, dies lag in seiner Darstellung auch an seinem Praxisanleiter, der damals die Beratungsstelle leitete. Sein Arbeitsansatz und seine Arbeit waren für IP5 von großem Interesse, so dass er blieb. Was aber machte „Kollege B.“ und warum orientiert sich IP5 weg vom Versicherungsgeschäft? S.I.: Können Sie sagen, was Sie so interessiert hat, interessante Gedanken haben Sie gesagt, was ist das, was war das?┘ #00:00:00–0# 4.1 Der Fall IP5 152 Die Frage fordert IP5 auf, die allgemeine Aussage zu spezifizieren. IP5: └erst mal als Person, fand ich Ihn sehr beeindruckend und auch die Art und Weise seiner Arbeit und wie er mit den Suchtkranken umging, also ich hatte ja beschrieben, dass damals mehr so aufsuchende Arbeit gemacht wurde, auch damals die Selbsthilfegruppen aufgebaut, der Kreuzbund ähm der so in der Gründung war. Also das waren Dinge, die ich eben in diesen drei Monaten erlebt habe, ähm die mich beeindruckt haben und das auch dazu geführt hat, dass ich dann ähm die Suchtkrankenarbeit gekommen bin und es ergab sich Anfang der 80er Jahre, dass eine Stelle, erst mal ne Praktikantenstelle frei wurde und eben anschließend eine, äh hauptamtliche Stelle hier. #00:04:37–0# Die Antwort ist nicht sehr präzise. Zunächst wird die Person von E. hervorgehoben, die als beeindruckend empfunden wurde. Nach dem Leiter der Psychiatrie, Herrn D., wird nun eine zweite Person benannt, die für IP5 wichtig war, „Kollege“ E. Diesen Personen erweist er seine Referenz. Sie werden nicht einfach mit Namen benannt, „da arbeitete Müller“, sondern sie bekommen noch einen Respekt bekundenden Titel. Dies gilt auch für G. Das Besondere an E. ist für ihn der „Umgang“ mit Suchtkranken, was immer das heißen will, ein höherer Stellenwert für niedrigschwellige Arbeit (aufsuchende Arbeit) und die Unterstützung der sich bildenden Selbsthilfe. Dies war Anfang der 80er keine Selbstverständlichkeit. Niedrigschwellige Arbeit galt in Teilen des Fachdiskurses lange als kontrainduziert, weil angeblich suchtverlängernd. Die Abhängigkeitskranken sollten „Krankheitseinsicht“ haben, eine aus der Psychoanalyse übernommenes Konzept, und wenn nicht, dann sollten sie sich nicht über sozialen Niedergang und soziale Randständigkeit wundern oder beklagen. Die Verantwortung für die Verleugnung und für ihre Folgen läge bei ihnen. Dass die Verleugnung möglicherweise 4. Ergebnisse 153 Ausdruck der Krankheit ist, diese Einschätzung war nicht sehr verbreitet. Die niedrigschwelligen Angebote sind insofern Angebote des Hilfesystems, die auch im Sinne einer Zielhierarchie (z. B. nach Körkel/Kruse 1993) die mit der Krankheit Sucht einhergehenden Selbstschädigungen minimieren wollten. Ähnlich wie schon Herr D. war offenbar auch Kollege E. ein Anhänger der Maxime: „Der Mensch mit seinen Bedarfen sollte im Mittelpunkt stehen“. Abstrakten Konzepten anzuhängen wie der Vermeidung von sog. Suchtverlängerung wird aus dieser Sicht zur Prinzipienreiterei. Es ist wahrscheinlich, dass D. und E. für ihre fachlichen Überzeugungen nicht nur Beifall bekamen sondern auch Widerspruch ernteten. Diesem Widerspruch zu begegnen, vielleicht auch von Seiten mächtiger Akteure, ist eine Herausforderung für die beiden. IP5 wird dies miterlebt und erfahren haben, dass D. und E. sich gegen diesen Widerstand durchsetzten. S.I.: Und was hat er anders gemacht mit den Suchtkranken oder was war das faszinierende? #00:04:41–0# Die Interviewerin fokussiert auf den Aspekt des Umgangs, d. h. auf den Aspekt der Interventionen. IP5: Dass er ähm sehr so belesen war und auch ähm um diese Dinge, da eigene Meinungen zu hatte und mich einfach die Auseinandersetzung mit den Gedanken und der Arbeit, beeindruckt hat. Und dass war dann eben der Weg in die Arbeit. #00:05:05–0# IP5 weicht der Frage aus, vielleicht kann er sie auch nicht beantworten. Er verweist auf Belesenheit und auf Standhaftigkeit („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“). Durch die Bewunderung von E., der für IP5 auch charismatischen Charakter gehabt haben mag, entschließt sich IP5 für die Arbeit in der Suchtkrankenhilfe. Er identifizierte sich stark mit E. Mit seinem letzten Satz signalisiert IP5, dass die Eingangsfrage, sein Weg in die Suchtkrankenhilfe, jetzt für ihn beantwortet ist. 4.1 Der Fall IP5 154 Er macht damit gleichzeitig klar, dass er die Nachfragen, u. a. auch dazu, was genau das Besondere an E. gewesen sei, für ihn nun ausführlich genug beantwortet hat. Tatsächlich ist er nicht darauf eingegangen. Für die Interviewerin ist damit die Linie der Höflichkeit gezogen, die sie nicht überschreiten soll. Aus dem Gesagten und dem Ungesagten kann geschlossen werden, Herr. D. und Kollege E. waren von der Konzeption und der Ausrichtung der Suchtkrankenhilfe her sowie von ihrer Haltung für IP5 prägend, waren Vorbilder. Sie haben ihn überzeugt, sie waren für ihn glaubwürdig, inhaltlich, wahrscheinlich auch persönlich. Möglicherweise ist der bewusste Zugang hierzu IP5 nicht möglich. Deshalb kann er nicht den Stellenwert der beiden explizit in Worte fassen. Es wird erkennbar, dass sie etwas Besonderes waren. Auf Nachfrage bleibt dies aber unbestimmt. Vielleicht will es IP5 auch nicht sagen, dies wäre aber eine Spekulation. IP5 hat eine Idee, vielleicht eine implizite Idee über klientenorientierte, sachgerechte, an fachlichen Kriterien ausgerichtete Suchtkrankenhilfe. Die nicht-sachlichen Forderungen, die vor allem ab Mitte der 1990er Jahre im Gefolge der Markt- und Effizienzrhetorik geäußert wurden, teilt er nicht nur, er steht hierzu in großer Distanz. Dies gilt auch für die Fixierung auf formale Kennzahlen, wie die jährlichen Vermittlungen in Rehabilitation. Mit dieser Selbstdefinition kann er aber nicht offensiv umgehen, da sie den Vorgaben der Kostenträger seiner Einrichtung widersprechen könnten, die einzuhalten sein Träger, d. h. sein Arbeitgeber, angehalten ist. S.I.: Jaha, ok. und das sich vielleicht unterschieden hat, von dem, sie hatten ja auch eben über die Psychiatrie gesprochen, die Sie noch erlebt haben mit den Bettensälen usw. sich das auch da unterschieden hat? #00:05:16–0# Die Interviewerin wird den Subtext zu IP5s Vorbildern und seinen Grenzen der Explikation erkannt oder gespürt haben. Sie folgt der 4. Ergebnisse 155 impliziten Aufforderung hierzu keine weiteren Fragen zu stellen. Sie nimmt die in der Phase des Small-Talks erwähnten Themen wieder auf. Sie benennt wieder die menschenunwürdigen Zustände von früher. IP5: Dass es sich auch da unterschieden hat und da auch, ja Auseinandersetzung, Gespräche stattfanden, wie die Arbeit dort geschieht und was man anders machen könnte. nun ja und dann kam natürlich auch die Zeit Beginn, 1982 als Herr D. kam und der dann vieles umänderte, dann gabs die AG Sucht, wo das dann thematisiert wurde und ähm äh die Vorstellungen, W-Klinik veränderte sich langsam. Da wurde eben auch äh eine Behandlungsstation eingerichtet, das war das S-Haus. Es war notwendig, da dadurch eine Konkurrenz entstand und es ging auch darum, wie und wo arbeiten die Gruppen, mit wem arbeiten sie zusammen ja und wodurch bekommen wir dann auch Zugang dann auch zu Suchtkranken, das spielt eine große Rolle. #00:06:35–0# IP5 nimmt sein Thema wieder auf, es war ihm ja auch angeboten worden. Es werden von ihm eine Reihe von Detailinformationen vorgestellt. Diejenigen, die nicht seinen Wissenskontext teilen, werden Schwierigkeiten haben, ihm zu folgen. Relativ klar ist hier sein Hinweis auf die AG Sucht. Was man sich darunter vorzustellen hat, dies wird hier nicht so klar. Es könnte sich aber um eine Art runden Tisch gehandelt haben, wo die Vertreter verschiedener Institutionen und Berufsgruppen zur Weiterentwicklung des Hilfesystems gleichberechtigt ihre Standpunkte austauschten. Herr D. wird dazugehört haben. Wahrscheinlich war die AG-Sucht der Ort der Begegnung und des Austauschs. Er erwähnt auch organisatorische Veränderungen in der W-Klinik, das S-Haus als Behandlungseinrichtung sei dazugekommen. Welchen Stellenwert dies hatte bleibt hier offen. Er spricht hier von einer notwendigen Konkurrenz. Zu wem trat hier wer und wie in Konkurrenz? Handelte es sich bei dem S-Haus um eine Behandlungseinrichtung, 4.1 Der Fall IP5 156 die im Unterschied zu herkömmlichen Behandlungsformen etwas Neues, anders sachlich Begründetes darstellt, mithin um eine Alternative im Interesse der Klienten? S.I.: Das waren, wenn ich Sie richtig verstanden habe, die ersten Ansätze von Vernetzung, Zusammenarbeit von außerklinischen Stellen und der Klinik? #00:06:43–0# Aus den zahlreichen von IP5 genannten Gesichtspunkten nimmt die Interviewerin einen Aspekt heraus, den der Kooperation zwischen Einrichtungen mit unterschiedlichem Auftrag, Personal und unterschiedlicher Finanzierung. IP5: Aber auch natürlich spielten dann, dann gewisse Konkurrenzgedanken auch mit eine Rolle, so zu gucken, woher bekommen wir denn unsere Klienten und was macht die W-Klinik, was machen wir damit? #00:07:04–0# Kooperation und Vernetzung waren das eine, es spielten aber auch immer „gewisse Konkurrenzgedanken“ eine Rolle, die zwischen den beteiligten Organisationen, hier der W-Klinik und der Beratungsstelle bestanden und die Realisierung der Kooperation erschwert haben dürften. Erste Zwischenbetrachtung Die bisherigen Ergebnisse legen nahe, D. und E. waren für IP5 sehr bedeutsam. Beide Männer spielten für die berufliche und fachliche Orientierung – und damit für die Selbstdefinition, Haltung und Aufgabenwahrnehmung von IP5 eine herausragende Rolle. Dies unterscheidet ihn von IP1 und IP3. Die Bedeutung, die die beiden für ihn hatten oder immer noch haben, kann oder will er nicht explizieren. Er ist mit diesen Vorbildern identifiziert. 4. Ergebnisse 157 Bis zu dieser Stelle ist die Beschreibung des beruflichen Werdegangs im Interview prägend. Zu der Fragestellung der Selbstdefinition, zu den Aufgabenfeldern und der Aufgabendurchführung wurden kaum Daten generiert. Im Weiteren wird zur Feinanalyse der Themen übergegangen, die auch in den Auswertungen zu IP3 und IP1 im Mittelpunkt standen. Dies sind: a) Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit, b) die Rolle von Diagnostik, c) zum Spezifischen von Sozialer Arbeit, d) Motivation und Erfolgserleben, e) Schluss. A Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit S.I.: Was sind so Herausforderungen in Ihrer Arbeit? Was erleben Sie als herausfordernd? #00:34:27–0# Auch IP5 bekommt die Frage nach den Herausforderungen in der Arbeit gestellt. Dies geschieht in einer objektivistischen und in einer subjektbezogenen Variante. IP5: (.)(.)(.)(.)(.)(.)Immer wieder neu, dass es so viele Facetten von Problemlagen gibt, Menschen gibt, ähm das sich immer wieder neu darauf einzustellen und manchmal unglaubliche äh Konstellationen es gibt, die ich vorher gar nicht bedacht habe, auf die man sich gar nicht vorbereiten kann. #00:35:04–0# Die Beantwortung gelingt IP5 nicht sofort, es entsteht eine Pause. Er muss erst einmal nachdenken. In der Bilanz ist es für IP5 das Neue, Nicht-Vorhersehbare, das Unbekannte, das, für das er noch keine routinisierte Lösungen zu Hand hat. Er benennt damit Konstellationen, für deren angemessene Bewältigung der Mensch etwas benötigt, 4.1 Der Fall IP5 158 was man gemeinhin Kompetenz nennt. Dazu soll hier zweierlei angemerkt werden. Die Begegnung mit diesem Neuen betrifft grundsätzlich alle und ist nicht für IP5 kennzeichnend. Und der sachgerechte Umgang mit diesem Neuen gelingt dem Individuum umso besser, je mehr Kompetenzen es hierzu einbringen kann. Die Kompetenzen haben unterschiedliche Quellen. Wissen ist eine von ihnen, aber keinesfalls die Einzige. Insofern ist Wissen nicht mit Kompetenz gleichzusetzen. Einen Verweis auf den Kompetenz-Begriff nimmt IP5 hier aber nicht vor. S.I.: Was hilft da, diese Herausforderungen zu bewältigen, mit denen Sie ja quasi täglich konfrontiert sind? #00:35:10–0# Die Interviewerin fragt nach, was bei der Bewältigung der selbst genannten Herausforderungen in der Arbeit hilft. IP5: Also äh für mich (.)(.) da selbst in Balance zu sein, das heißt ich gehe gerne in die Natur, also ich mache täglich einen Gang in der Mittagszeit, gehe ich, wenn ich Zeit habe, in den X-Park und Sport und diese Dinge, also das heißt mache mir Gedanken zu den Dingen, die mir auffallen #00:35:43–0# Für eine Beantwortung der Frage gibt es für IP5 sehr viele Optionen. Er benennt zwei Bereiche, die wiederum miteinander in Verbindung stehen können. Der erste Bereich ist ein innerer Zustand, dem niemand seine Plausibilität absprechen kann. Könnte man das Gegenteil von innerer „Balance“ als sinnvolle Gegebenheit zur Bewältigung von unvorhersehbarem Neuen denken? Wohl eher nicht. Ausgeglichenheit, d. h. hier eine wie auch immer definierte innere Ausgeglichenheit der jeweiligen Fachkraft ist ein wichtiger förderlicher Zustand für angemessenes Handeln. Fehlt sie, kann aber auch nicht geschlussfolgert werden, dass Fehler gemacht werden. Ausgeglichenheit vermindert eher diese unerwünschte Möglichkeit. In dieser Allgemeinheit ist 4. Ergebnisse 159 die Antwort einerseits banal, andererseits bezeichnet sie etwas, was für IP5 wichtig ist. Der andere von IP5 benannte Bereich ist der der Reflexion. Diese kann vor oder nach einem Ereignis, einer Handlung, einer Entscheidung, das oder die für ihn wichtig ist zustande kommen. Die gelingende Reflexion, die „innere Versorgung“, kann dann wieder zur Ausgeglichenheit führen. Auffällig ist, dass die Dimension der Interaktion, die Dimension des Hier-und-Jetzt, das was auch Entscheidungszwang, Handlungszwang und Begründungsverpflichtung bei unzureichendem oder lückenhaften Informationsstand bezeichnet wird (Becker-Lenz/Müller 2009b), in diesen beiden Bereichen nicht vor kommt. Für diesen Bereich der unmittelbaren Interaktion mit Klienten hätte IP5 viele Dinge nennen können, die nach allem vorliegenden Wissen eine Rolle spielen können. Methodische Weiterbildungen, wie bei IP1 und IP3, Supervision, Intervision, spezifische Wissensbestände etc. Dies alles scheint aufgenommen in die Haltung. Diese speist sich aus diesen Kompetenzquellen. Hinzu kommt seine sehr lange Berufserfahrung. Darüber verliert er aber kein Wort. Ist dies IP5 nicht zugänglich oder er will er es bewusst nicht sagen? Die Antwort impliziert etwas Gelassenes, wie „Mich kann nichts mehr umwerfen“. Wie hätte wohl ein 56 Jahre alter praktischer Arzt reagiert, der seit 22 Jahren praktiziert? Die Nicht-Inhaltlichkeit von IP5 an dieser Stelle, die Analogien auch bei IP1 und IP3 hat, ist sie kennzeichnend für Fachkräfte der Sozialen Arbeit oder hat sie auch eine Komponente, die mit dem Lebensalter und der Dauer der einschlägigen Berufstätigkeit zusammenhängt? Dies muss hier offen bleiben. S.I.: Gedanken machen, das heißt nochmal darüber nachdenken, sie für sich zu reflektieren vielleicht auch? #00:35:47–0# Die Nachfrage nimmt den Aspekt der Reflexion auf, zielt auf eine Vertiefung. 4.1 Der Fall IP5 160 IP5: Ja, oder zu Beispiel äh aktuell die Grenzen des Wachstums, alle reden von Wachstum, Wachstum, wo ich gedacht habe, das kann ja nicht normal sein, irgendwo muss es doch auch ein Leben geben, wo man sich mit beschränken kann und begrenzen kann, was ein angenehmes Leben ist. So diesem einfach nachzuspüren, was gibt es da zu lesen zu z. B. oder was meinen andere dazu. #00:36:15–0# IP5 bringt eine ganz neue Dimension ein. Ging es eben um die beruflichen Herausforderungen und IP5s Umgang damit, bringt er nun ein neues Thema, die Grenzen des Wachstums. Zu fragen ist wessen Wachstum, er macht aber klar, dass er die wirtschaftliche Entwicklung meint und plädiert dafür, sich mit dem zu begnügen, was man hat. Dies fällt einem Menschen Mitte der Fünfziger Lebensjahre mit dem Bezug eines Gehalts nach BAT III Endstufe vielleicht auch leichter als einem 25jährigen in Indien, der eine Familie gründen will. Bemerkenswert ist hier, dass er offenbar das Thema berufliche Herausforderungen und die Reflexion darüber für erschöpfend behandelt hält. S.I.: Das heißt durchaus auch Literatur, so Wissenschaftsliteratur zu lesen #00:36:20- Die Interviewerin will das ökologisch-philosophische Thema nicht aufnehmen oder vertiefen und versucht, auf die Bedeutung von Wissenschaft und von Wissen zurückzuführen. IP5: Wissenschaft nicht, aber zum Beispiel Zeitung oder sowas dann oder zu dem Thema mal zu gucken, was es da gibt z. B. #00:36:30–0# Es wird klargemacht, welche Quellen IP5 bei seinen Reflexionen bevorzugt: Tages- oder Wochenzeitungen. Er will über ein Thema wie die Grenzen des Wachstums nachdenken können und/oder zum Nachdenken angeregt werden. An einem fachlichen und wissenschaftlichen Diskurs ist er aber nicht interessiert teilzunehmen. 4. Ergebnisse 161 S.I.: Welche Rolle spielt Wissen oder theoretisches Wissen? #00:36:34–0# Die Interviewerin nimmt einen zweiten Anlauf von IP5 eine Einschätzung zur Bedeutung von Wissen zu erlangen. Die Frage gerät aber etwas mehrdeutig, da es hier auch um die Grenzen des Wachstums oder ähnliche fachfremde Fragen ging. Insofern kann die Frage auf dieses Thema, aber auch auf die Suchtkrankenhilfe bezogen werden. IP5: Wissen spielt eine ganz große Rolle neben äh Erkenntnis äh neben der Befindlichkeit, also den Gefühlen, das spielt ne große Rolle, Wissen(.)(.) #00:36:50–0# Auf die explizite Anfrage hin räumt IP5 ein, Wissen sei wichtig, es gebe allerdings auch Erkenntnis, welche auch wichtig sei. Zu fragen ist, wo der semantische Unterschied zwischen den beiden Worten, bzw. Begriffen liegen soll? Der Verweis auf Gefühle deutet an, dass IP5 jetzt nicht auf das Thema Grenzen des Wachstums antwortet sondern zu seinem Berufsfeld Stellung nimmt. Wenn man dies unterstellt, so ist zu klären, was bedeutet hier „Befindlichkeit“ und „Gefühl“. Um wessen Gefühle soll es dann gehen, um die des Klienten, um die der Fachkraft, um die von beiden. Die Relevanz des Konzepts von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen in Beratungs- oder Therapiesettings drängt sich auf. IP5 dürfte im Rahmen seiner psychoanalytisch orientierten Therapieausbildung hiermit Bekanntschaft gemacht haben. Ist es nicht naheliegend dies hier zu benennen? Stattdessen verbleibt er auf der Ebene der Alltagssprache, an dieser Stelle dem Antwortmuster von IP3 sehr ähnlich. S.I.: //mhm// Das heißt Sie beschäftigen sich auch regelmäßig mit Wissensliteratur ähm mit den neuen Erkenntnissen, die es im Feld auch der Suchthilfe gibt, da werden ständig neue Dinge, ja auch pub- 4.1 Der Fall IP5 162 liziert und Erkenntnisse, Trauma z. B. war eines der letzten Themen gewesen oder äh ┘ #00:37:14–0# Die Interviewerin geht auf den ersten Teil in wortreicher Art und Weise ein, so als müsste sie dies vor sich und vor IP5 legitimieren. Der zweite Teil bleibt un-thematisiert. Nur vorerst oder auf Dauer? IP5: └Also, wenn ich darauf stoße, befasse ich mich auch damit, aber ich will jetzt nicht sagen, dass ich da äh so groß forsche oder auf die neuesten Erkenntnisse abziele, aber es gibt ja oft auch im Kollegenkreis, dann oft Gespräche bei den Teamsitzungen, da einfach äh angeregt zu werden mit Gedanken. Da gibts ja auch dann Methodenteam also, wo dann jemand was vorstellt, alle zwei Monate. #00:37:46- Eine von sich aus mit Nachdruck betriebene Erweiterung seines Fachwissens hält IP5 nicht mehr für erforderlich. Überspitzt könnte man sagen, er lässt lesen. Was die Weiterentwicklung der Interventionsmethoden angeht, da geht er davon aus, so schnell gebe es da für ihn nichts Neues mehr unter der Sonne. Eine Information alle zwei Monate, dies reiche ihm. S.I.: Es gibt ja unterschiedliche Quellen, sich das Wissen anzueignen, man muss ja nicht alles lesen. Man kann ja auch durch die Kollegen angeregt werden, ja Und haben Sie das Gefühl, dass sich dadurch ihre Arbeit weiterentwickelt – entwickelt hat auch? #00:37:57–0# Die Interviewerin wiederholt noch einmal die Einstellung von IP5, was das eigene forschen und lesen angeht. Jetzt will sie aber noch wissen, ob die Erweiterung der Wissensbestände die Arbeit in der Beratungsstelle fachlich weiterbringt. Die Frage zielt aufs Eingemachte. Fühlte sich die Interviewerin durch die Haltung von IP5 „ich lese nicht, ich lasse lesen“ provoziert. Dann ginge es hier um eine Rechtfertigung 4. Ergebnisse 163 auf einen Vorwurf. Diese hieße, wenn Sie schon nicht lesen, haben Sie sich überhaupt fachlich entwickelt? IP5: Ich ähm glaube ja, dass sich die Arbeit weiterentwickelt, oder dass ich mich entwickle – weiterentwickle. Ansonsten wäre Stillstand. Ich glaube, dass ich, dass der Lebensreifungsprozess schon Entwicklung ist. #00:38:14–0# IP5 antwortet nicht auf die Frage, wie sie gestellt war. Es ging um ihn, um die Bedeutung von Wissenszuwachs für seine fachliche und berufliche Weiterentwicklung. Er lenkt von sich ab, und gibt die Antwort so, als ginge es nicht um ihn, sondern ganz allgemein um die Arbeit. Sollte IP5 die Frage verstanden haben, so weicht er jetzt aus. Dies Ausweichen bringt die Interviewerin in eine schwierige Situation. Soll Sie auf den Irrtum von IP5, absichtlich oder unabsichtlich zustande gekommen, eingehen? Dann müsste sie ihn darauf aufmerksam machen, es geht mir bei der Frage um Sie, nicht um die Arbeit im Allgemeinen. Das Interview käme dann in die Nähe eines Verhörs. Schon die Frage fühlte auf den Zahn, ging um die Legitimation für das berufliche Handeln. Hier wäre eine Grenze überschritten. S.I.: Was qualifiziert Sie für diese Arbeit, was braucht man um diese Arbeit zu machen? #00:38:24–0# Das Thema wird beendet, ein Neues wird eröffnet: Was qualifiziert für die Arbeit? IP5: Ich glaube, man braucht ne gewisse äh(.)(.)personale, ne Persönlichkeit ähm. Man braucht Wissen, man braucht Erfahrung in der Handhabung dieser Dinge. Auch Erfahrung in der Arbeit, dass ist sehr wichtig. #00:38:46–0# IP5 war persönlich angefragt. Er antwortet mit einem allgemeinen „man“. Da gilt für ihn der Dreiklang von Persönlichkeit, Wissen, Erfah- 4.1 Der Fall IP5 164 rung. Was soll aber hinter diesen Begriffen stecken, sie sind schließlich sehr allgemein? S.I.: Erfahrung heißt, man muss die Dinge auch tun, man kann die Dinge auch tun, man kann sie sich nicht aneignen theoretisch, man muss sie auch tun.┘ #00:38:50:00–0# Die Interviewerin will eruieren, was IP5 unter „Erfahrung“ versteht. Es wird damit die berufliche Praxis bezeichnet. IP5: └ Tun, ja. Durch das Tun einfach ähm(.)(.)(.)ähm diese Erfahrungen wachsen durch das Tun, Kliniken besuchen, Gespräche mit äh vor Ort, auch die Erfahrung früher, auch die aufsuchende Arbeit mehr gemacht zu haben, aber jetzt mehr, isses ja mehr ne Komm- Struktur. Das sind eben auch Erfahrungen, die ich gemacht habe, dass sich das so entwickelt hat, also das heißt, die Erfahrung mit den Menschen und die Erkenntnisse, wie jemand zu Sucht kommt und was notwendig ist, dann zu tun. #00:39:36–0# Die durch „Erfahrung“ angesprochene berufliche Praxis hat viele Aspekte. Einer könnte sein, die richtige Intervention zum richtigen Zeitpunkt, also auf die Interaktions-Ebene gehen. Darauf geht IP5 aber nicht im Entferntesten ein. Er stellt das Setting in den Vordergrund. Beiläufig erwähnt er auch einen Wechsel in der Ausrichtung der Einrichtung. Hier stehen sich Geh-Struktur und Komm-Struktur gegenüber. Die Hinwendung zur Komm-Struktur wird aber nur erwähnt, nicht bewertet, weder positiv noch negativ. Zum Ende hin geht er auf die Bedeutung von Wissen ein (hier Beschreibungs- und Erklärungswissen), ohne dies aber so zu benennen. Wissen wird mit Erfahrung in Eins gesetzt. Ein ähnliches Muster findet sich bei IP3 und IP1. Bei ihr gibt es eine Gleichheit von Inhalt und Methode. Mit relativ allgemeinen Worten und Begriffen werden sehr unterschiedliche Dinge in Verbindung gebracht. 4. Ergebnisse 165 S.I.: Ok. ja, dass heißt es hat sich auch sag ich mal implizites Wissen angehäuft.┘ #00:39:40–0# Die Interviewerin bietet IP5 den Begriff „implizites Wissen“ an. IP5: └ Ja, genau┘ #00:39:41–0# Dieser wird bestätigt, ohne dass geklärt worden wäre, was dies genau bedeutet. S.I.: └ Durch die eigene Erfahrung, die man gemacht hat, durch die Reflexion, immer wieder Reflexion des Ganzen, Inputs von aussen, durch Kollegen, Austausch auch mit andern Fachdisziplinen auch. #00:39:53–0# Der Interviewerin ging die Einigung auf implizites Wissen offenbar zu schnell. Es werden nun verschiedene Zugänge und Quellen aufgezählt, wobei die Supervision fehlt. IP5: Ja auch ähm Tagungen oder ich habe ne Fortbildung, Sozialtherapie-Fortbildung gemacht bei der GVS in Kassel. Das hat natürlich auch dazu beigetragen. #00:40:16–0# Da kann auch IP5 mithalten, wenn gleich auch er die Supervision hier nicht benennt. Im Unterschied zu den objektiven Daten erfahren wir hier, dass die Weiterbildung im Schwerpunkt Sozialtherapie stattfand. S.I.: Ja, ok. Wenn Sie jetzt mal so abwägen müssten, so ich sag mal implizites Wissen, Erfahrungswissen, Wissen durch Tun und Anregung durch theoretisches Wissen, was würden Sie sagen, ist da wichtiger oder kann man das nicht sagen? #00:40:29–0# IP5: Ich glaube, das hat alles seinen Stellenwert, wenn eines nicht da sein würde, würde es auch fehlen. #00:40:40–0# 4.1 Der Fall IP5 166 S.I.: Das heißt es braucht beides? #00:40:41–0# IP5: Ja es braucht beides. #00:40:42–0# IP5 bekommt verschiedene Wissensquellen genannt und soll diese priorisieren. Dies verweigert er und zieht sich auf die diplomatische Position zurück, alles ist gleich wichtig. Vielleicht wollte er auch eine Priorisierung nicht begründen wollen. Im Unterschied zu anderen Passagen des Interviews ist IP5 hier eher zurückhaltend und abwartend, in Hinblick darauf, was für das berufliche Handeln wichtig ist, mehr als IP3 und IP1. Das worauf sich seine Fähigkeiten stützen, scheinen mehr als bei den anderen Befragten Bestände des impliziten Wissens zu sein, über die er in der Befragungssituation nicht willentlich verfügen kann. B Die Rolle von Diagnostik S.I.: Ah ja, ok. Für Menschen, also die schon ein bisschen weiter sind, die nicht mehr so akut abhängig sind, die also schon son bisschen (.) Abstinenz zu stabilisieren? Ja und was machen Sie heute hier was sind heute hier ihre Aufgaben? #00:10:36–0# Im ersten Teil resümiert die Interviewerin frühere Tätigkeiten von IP5. Der zweite Teil spricht die gegenwärtigen Aufgaben an. IP5: Heute ist erstmal die Beratung für überwiegend Alkoholabhängige, das heißt die Leute, die zu mir kommen, wo dann erstmal drei, vier Gespräche stattfinden, um erstmal zu klären, was ist die Situation, besteht ne Abhängigkeit oder nicht und was ähm ist ähm sinnvoll zu tun? Ist eine ambulante Therapie oder eine stationäre Therapie oder ist keines von beiden notwendig, d. h. einfach ne Selbsthilfegruppenbesuch etc. Das gilt es zu klären und da hab ich dann vier, fünf Gespräche, wo ich dann erst einmal ähm gucke, was 4. Ergebnisse 167 ist die soziale Situation, was ist die Problemlage, gibt es da(.), was ist das Suchtmittel, ja, besteht da eher ein (.)(.)gefährlicher Gebrauch, oder besteht da ne Abhängigkeit schon, muss da äh eine Therapie gemacht werden oder nicht? #00:11:47–0# IP5 beschreibt sein Vorgehen und benennt den Zeitrahmen, den er sich nimmt und für nötig hält, um sich ein Bild zu machen, um den Fall zu verstehen. Darauf aufbauend wägt er eine Weitervermittlung ab. Diese nimmt er offenbar fallbezogen vor. Er hat Ideen darüber, wer in welcher Situation was braucht und knüpft damit indirekt an das hier schon mehrfach erwähnte Konzept von multiperspektivischem Fallverstehen an (Müller 2012). Nach seiner Darstellung geschieht das nach rein fachlichen Überlegungen. Die professionalisierten Gesichtspunkte der Tätigkeit werden beschrieben. Unklar bleibt aber, was die Zahl der Gespräche bestimmt. Ist es ein Erfahrungswert oder gibt es bestimmte Vorgaben von der Leitung? Wenn sich das Kontingent nach formalen Vorgaben richtete und nicht nach fachlichen, wäre dies ein Indiz für Deprofessionalisierung. S.I.: Also, das hört sich son bisschen nach Diagnostik an. Sie machen son Clearing, Diagnostik. Gibts da bestimmte Schemata, nach denen Sie vorgehen, bestimmte Instrumente, die sie da benutzen? #00:12:00–0# Für die benannten Interventionen führt die Interviewerin den Begriff des Clearing ein und fragt weiter, ob es dabei ein diagnostisches Instrumentarium gebe. IP5: Also ich habe da, so an für mich einen Leitfaden, wo es darum geht, dass die Situationsklärung, was ist die Situation, wie lebt jemand sozial, gibts da Beruf, äh gibt es eine Familie oder lebt der allein ähm. Dann was ist das Suchtmittel und wenn, gibt es mehre Suchtmittel und wenn wie wird das konsumiert? Ist das schon ein 4.1 Der Fall IP5 168 gefährdender, missbräuchlicher Konsum oder ist das eine Abhängigkeit und als nächstes so das Thema, Herkunftsfamilie, wie ist die Konstellation, wie ist jemand aufgewachsen, gab es da schon äh Abhängigkeiten z. B. oder nicht und wie ist der die Berufsentwicklung, wie ist der Berufsverlauf, gibts da Arbeit oder nicht und wie ist die Partnersituation, gibt es da ne eigene Familie oder gibt es Freundschaften, Beziehung echt oder auch nicht, oder wie gesagt, lebt jemand allein? Das ist so erstmal die erste Sequenz, wo ich das zu klären versuche und dann mir ein Bild darüber mache, äh erstmal besteht da ne Abhängigkeit oder besteht keine und was ist zu tun? Ist es notwendig, ähm eine Therapie zu machen oder nicht, reicht eine Selbsthilfegruppe, so das ist dann Sequenz, wenn ich zu der Auffassung komme, es muss eine Therapie gemacht werden, dann werde ich das sagen und werde auch vorstellen wie, ob ambulant oder stationär, ähm und dann erstmal behilflich sein, bei der Antragsstellung und den Sozialbericht schreiben, so das übliche formale, was notwendig ist. #00:14:10–0# In der langen Sequenz wiederholt IP5 das, was er vorher schon gesagt hat. Dabei liegt ein Leitfaden zugrunde, den er für sich entwickelt hat. Er dürfte die benannten Themen enthalten. Der Prozess des Clearing, zu dem auch Überlegungen zu einer Indikation von verschiedenen Maßnahmen gehört wird umschrieben. Bemerkenswert ist dabei, dass hier verschiedene Teilsysteme eines „Lebensführungssystems“ vorgestellt werden, wie sie sich auch in der Literatur finden, wenn auch nicht so vollständig wie dort (vgl. z. B. Sommerfeld u. a. 2011 und 2016, passim). Er erwähnt weiter die Unterstützung bei den üblichen Formalitäten. Was gäbe es aber darüber hinaus, was würde passieren, wenn das Gegenüber den vorgeschlagenen Maßnahmen widerspricht oder in anderer Weise Widerstand zeigt? 4. Ergebnisse 169 S.I.: Und dieses Instrument, was Sie benutzen, Sie haben mir gesagt: „da habe ich mir son Leitfaden“, das haben Sie selbst entwickelt, dieses Instrument oder gibts da irgendwelche ┘ #00:14:18–0# IP5: └ nun dies ist aufgrund eben meiner Erfahrung, meiner beruflichen Erfahrung äh (.) da hab ich mir das zurechtgelegt und weil ich denke, dass ähm ist das was ich nach den Jahren herausgefunden habe, ist notwendig (.)(.) für mich ideale so zu tun #00:14:40–0# S.I.: um den Menschen zu helfen #00:14:40–0# IP5: Um den Menschen und erstmal zu erfassen, zu begreifen, zu verstehen und ähm dann eben auch Hilfe anzubieten. #00:14:52–0# Es geht in dieser Passage um „das Instrument“. IP5 hat es für sich entwickelt, um den Menschen zu helfen. Das ist ebenso sinnvoll wie geboten. Interessant wäre es zu erfahren, welche Inhalte dieses Instrument insgesamt vorsieht und warum er auf einen Eigenbau zurückgreift und nicht auf gängige Instrumente. Sein „Instrument“ berücksichtigt auch die soziale Dimension. Dies realisiert er aber implizit. Auf jeden Fall wird nicht der ICD 10 benannt, der für IP1 und IP3 eine wichtige Richtschnur darstellte. Offen bleibt weiter, was er außer dem Clearing macht und wie es umgesetzt wird. Bemerkenswert ist hier wieder, die Fachkraft IP5 füllt auf individueller Ebene den Auftrag, bzw. die Auftragsumsetzung seiner Institution aus. Dies wurde an der Entwicklung seines Anamnesebogens deutlich. Dieser mag auf Erfahrungen basieren, aber ist er auch valide? Gibt es hier keine Verantwortung auf Seiten des Teams, der Einrichtung, des Trägers? Wenn der Bogen valide ist, sollten ihn dann nicht auch die anderen Kolleginnen einsetzen? 4.1 Der Fall IP5 170 C Zum Spezifischen von Sozialer Arbeit (diverse Stellen) S.I.: Also ich frag deswegen, weil es wird ja der Sozialarbeit häufig vorgeworfen: da werden die Klienten so lange gehalten und eigentlich könnte man es doch viel effizienter in so ner Therapie machen. Wenn die nur direkt in die Therapie, dann müsste man nicht soviel Geld und Ressourcen aufwenden, um die über lange Jahre zu begleiten. Da wird der sozialen Arbeit ja häufig Ineffektivität vorgeworfen. Wie würden Sie das sehen? Stimmt das oder ist das ? #00:28:51–0# Die Interviewerin stellt eingangs ein Statement aus der Markt- und Effizienz-Rhetorik vor. IP5: Ich glaube, dass das Suchtmittel ein Symptom ist für etwas und dass das auch schon sehr früh angelegt wird, weshalb jemand Suchtmittel nimmt. Und insofern braucht auch so ein Prozess Zeit und der Mensch braucht Wachstum, um zu sich zu finden, ja um stimmig zu werden und das finde ich braucht einfach Zeit. Und insofern sehe ich den Vorwurf nicht, kann ich da nicht zustimmen. #00:29:35–0# IP5 weist diesen Vorwurf zurück. Relevant ist für ihn sein Bild für Suchtprozesse. Dazu gehört, diese seien früh in der Entwicklung angelegt. IP5 betont, auch ein Vermittlungsprozess brauche seine Zeit. Dies ist eine sicher angemessene Einsicht. Die Frage ist, wie kommt er darauf? Der Weg zum richtigen Ergebnis bleibt hier eher intransparent, zumindest in Teilen. S.I.: Ja, was ähm leitet sie in ihrer Arbeit, was sind zentrale Werte in Ihrer Arbeit? Was denken Sie ist wichtig für diese Arbeit? #00:32:56–0# IP5: (.)(.) Ja, ich glaube, das Verständnis für Menschen da ein Wert ist, ein Empfinden von Gerechtigkeit und sicherlich auch ähm christ- 4. Ergebnisse 171 liche Orientierung, also dass das für mich wichtig ist, weil das auch ein Wert ist, mit dem ich aufgewachsen bin. #00:33:32–0# Die Frage zielt auf die Wertebasis. Für IP5 ist das Verständnis von Menschen ein Wert. Ist dies stimmig? Eher nein. Wieder werden zwei Bereiche verwechselt oder in Eins gesetzt. Handlungen und Bedürfnisse von Menschen verstehend nachzuvollziehen – ohne diese notwendigerweise zu billigen – ist das Eine. Dies ist sicher eine gute Voraussetzung für eine gelingende Arbeit in helfenden Berufen. Dies kann auf der kognitiven Ebene angesiedelt sein, aber als Empathie auch eher auf der emotionalen Ebene. Dies ist aber kein Wert. Auch eine Idee von Gerechtigkeit zu haben ist zunächst kein Wert. Für IP5 ist das aber alles in einem Topf. Die dann genannte christliche Orientierung ist ein Wert, kann einer sein. Für ihn hat sie Bedeutung, weil er damit aufgewachsen ist, wahrscheinlich hat er sie bei seinen Eltern, seinem Vater (?), erlebt. S.I.: Christliche Orientierung meint was genau? #00:33:35–0# IP5: Den nächsten so zu behandeln, wie ich auch gerne behandelt werden möchte. So das ähm das ist glaube ich so ne Orientierung, son Wert, der für mich wichtig ist, an erster Stelle. #00:33:50–0# Die christliche Orientierung entpuppt sich als der kategorische Imperativ. Der ist nicht unbedingt nur christlich aber sicher hat er auch entsprechende Wurzeln. Er betont aber die Gleichheit aller Menschen. Gerechtigkeit verbindet sich bei IP5 sehr stark mit Gleichheit. Auch hierüber wird verständlich, warum Herr D. für IP5 ein Vorbild war. Später: S.I.: Jetz guck ich nochmal auf meinen Zettel. (.)(.) Wenn wir jetzt mal zu dem Thema, kommen, was mich so hauptsächlich interessiert, ähm (.)(.)Was würden Sie sagen, gibt es so etwas typisch sozialar- 4.1 Der Fall IP5 172 beiterisches im Umgang mit ambulanten Suchtkranken im Unterschied vielleicht zu anderen Professionen, mit denen Sie ja auch eng zusammen arbeiten, Medizinern und Psychologen, gibt es da etwas was Sozialarbeiter anders machen? #00:41:13–0# Es ist die Frage nach dem sozialarbeiterischen Proprium gestellt. IP5: Ich glaube, dass Sozialarbeiter, ähm insofern was anders machen, weil Sie also Ich kann mich daran erinnern, in den Anfangszeiten, wo ich die Leute auch begleitet habe zur Therapie oder zur äh Klinik gebracht habe also zum Entzug gebracht habe, lange mit denen im Auto unterwegs war, zu Gesprächen kam, ähm Sie auch in der Klinik aufgesucht habe zu Gesprächen. Ich glaube, dass das anders ist, als bei Medizinern und auch bei Psychologen. #00:42:00–0# IP5 verweist auf die alltagspraktischen Hilfen wie das Verbringen in Therapie und das Besuchen dort. Auf die eher allgemeine und abstrakte Frage antwortet er mit einem konkreten Beispiel. Wenig später wird er gefragt: S.I.: Was würden Sie sagen, was ist die Annäherung an die Psychologen? #00:42:40–0# IP5: Das mehr ne Komm-Struktur ist, äh indem ich äh nicht mehr also so mehr zur Klinik bringe, zum Beispiel. #00:42:55–0# Die Arbeit ist nach IP5 hochschwelliger geworden, was er schon an anderer Stelle erwähnt hat. Wie wäre das im Interesse der Klienten zu bewerten? S.I.: Und in Bezug auf die Klienten, ist das hilfreicher, hilft das den Klienten auch mehr? #00:43:00–0# 4. Ergebnisse 173 IP5: (.)(.)(.)(.) Also ich glaube, dass die Arbeit effektiv ist. Dass die Klienten auch profitieren. Ob sie von dem anderen mehr profitiert hätten? Vielleicht hätten Sie da jemand, der sie zur Therapie bringt, wärs etwas bequemer, bräuchten Sie nicht mit dem Zug zu fahren oder würden dann vielleicht eher hinfahren, weil sie dann gebracht werden, das mag durchaus sein, aber das seh ich nicht so als wesentlich. #00:43:44–0# Auf die Frage nach Unterschieden zwischen den Berufsgruppen der Ärzte, Psychologen und Fachkräften der Sozialen Arbeit werden von ihm die Begleitfahrten benannt. Sie könnten aufgrund des Settings eine Quelle von Fachwissen sein oder es könnte eine Beratung in einem informellen Setting stattfinden, die in den letzten Jahren unter der Überschrift „Beratung zwischen Tür und Angel“ fachlich diskutiert wird (z. B. Holstein-Brinkmann 2016 und Hahne/Molter 2016). Dies wird aber letztlich negiert bzw. wird nicht expliziert. Zugespitzt bedeutet seine Einlassung zwischen 41:13 und 43:44: Der Unterschied zwischen den Fachkräften der Sozialen Arbeit und den anderen Berufsgruppen ist, früher haben sie mit den Begleitfahrten Zeit verschwendet, in den neuen Zeiten machen sie das nicht mehr. Aber IP5 will keine abschließende Bewertung vornehmen. Auch auf die Folgen der neuen Hochschwelligkeit will er nicht eingehen, vielleicht aus Loyalität zu seinem Träger. So wäre zu fragen, was ist mit den Menschen, die mit der Komm-Struktur nicht so zurechtkommen, die Klienten also, für die eine Geh-Struktur entwickelt wurde? S.I.: Gibt es heute Unterschiede zwischen dem was sie heute tun, gibt es da etwas besonderes, typisch sozialarbeiterisches gegenüber anderen Kollegen aus der Medizin oder psychologischen Therapie, was die anders machen? #00:44:55–0# 4.1 Der Fall IP5 174 IP5: Ich denk mal so, das kann ich jetzt nicht vergleichen. Also weil meine Art erst mal drei, vier Gespräche zu führen, um jemand kennenzulernen, ob das typisch ist, weiß ich nicht. Da ich da Zeit habe, das zu tun, finde ich ist das erstmal die richtige Art und Weise daran zu gehen. #00:45:32–0# Die Interviewerin macht einen zweiten Anlauf. IP5 erwähnt seine methodische Herangehensweise, die darin besteht, vier Gespräche zu führen, um jemanden kennenzulernen, er ist wieder beim Clearing. Dies wurde im Interview früher besprochen. Er sieht seine Praxis, nimmt an, dass dies irgendwie förderlich sein kann. Zu einer Verallgemeinerung oder expliziten Abgrenzung zu anderen Berufen fühlt er sich nicht in der Lage. Er hat eine Idee zu einer sinnvollen Praxis, kann sie aber nicht in Worte fassen. S.I.: Gut, ja dann komme ich schon fast zum Ende unseres Gesprächs, wenn Sie unser Gespräch nochmal so Revue passieren lassen, was würden Sie sagen, was ist wichtig zu dem Thema zu wissen oder zu sagen: Soziale Arbeit in der ambulanten Suchtkrankenhilfe? #00:48:22–0# IP5: Ich glaube Soziale Arbeit seinen Stellenwert hat und es gibt ja auch viele Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, die in dem Bereich arbeiten, die vielleicht auch eine Zusatzausbildung gemacht haben und die doch in der therapeutischen Arbeit sehr vertreten sind. #00:48:52–0# S.I.: und das ist wichtig. #00:48:53–0# IP5: Ja #00:48:54–0# 4. Ergebnisse 175 S.I.: und warum ist das wichtig, können doch auch Psychologen machen? #00:49:00–0# IP5: Können Sie machen, ich glaube nur, dass das wäre jetzt ein Argument, wo ich dann argumentieren würde aus Kostenträgerschaft, dass die Sozialarbeiter zumindest günstiger vom Preis her sind, als Psychologen und Ärzte. #00:49:33–0# In dieser etwas längeren Passage kommt noch einmal eine gewisse Hilflosigkeit in der Argumentation von IP5 zum Ausdruck, wenn es darum geht den Stellenwert seiner Zunft analytisch zu erfassen. D Motivation und Erfolgserleben S.I.: (.)(.)(.) ok. //mhm// ok Was sind für Sie so Erfolgskriterien, wann würden Sie sagen, hat ihre Arbeit Erfolg oder wann ist es eine qualitätsvolle Soziale Arbeit? Was macht die Qualität von sozialer Arbeit aus? #00:46:41–0# Die Frage thematisiert wieder zwei Aspekte, Erfolg und Qualität. IP5: Ein Erfolg ist, äußerlich erst mal, wenn jemand in der Lage ist, längerfristig abstinent zu leben. Auch natürlich wenn jemand sagt das hat mir geholfen oder diese ja Ideen, oder das hab ich noch gar nicht bedacht. Wie gestern, wo wir das abgeschlossen haben, das sagt so, in der ersten Zeit waren mir die Gespräche ganz wichtig, ja so also im Nachhinein späte zwar späte Bestätigung, aber doch zu hören, es war wichtig hier her zu kommen, zu den Gesprächen. #00:47:26–0# IP5 rechnet sich als Erfolg an, wenn jemand zur Abstinenz findet oder die Rückmeldung gibt, die Arbeit mit ihm sei erfolgreich verlaufen. Mit der Abstinenz ist einerseits die Messlatte hoch gehängt. Was ist mit Fällen, die noch trinken, sind diese automatisch ein Misser- 4.1 Der Fall IP5 176 folg? Er verwendet damit ein absolutes Erfolgskriterium. Ein relatives Erfolgskriterium, wie es beispielsweise in der Zielhierarchie zum Ausdrucken kommt, wird nicht explizit benannt. Vielleicht hält er es auch nicht für sinnvoll. Dieses absolute Erfolgskriterium wird auch von den Kostenträgern der Stelle gerne angelegt, bzw. es wird von dem Akteur GRV wie selbstverständlich gesetzt. Kommune/Land wollen sich wahrscheinlich nicht ausdrücklich entgegenstellen. Des Weiteren sieht sich IP5 mit seiner Arbeit als Teil eines Gesamtprozesses. Den Erfolg, der dabei insgesamt erzielt wird, rechnet er irgendwie auch sich selbst zu. Aber die spezifischen Anteile der „qualitätsvollen Sozialen Arbeit“ bleiben unbenannt. So käme der ganze Komplex der „qualifizierten Vermittlung“ hier in Frage, auch die zahlreichen anderen Aufgaben, wenn es um die Arbeit in Aufgabenfeldern der sozialen Dimension geht. S.I.: Ja ok, und was ist Qualität, wann würden Sie sagen, das ist ne gute Sozialarbeit, da wird ne gute Sozialarbeit gemacht? #00:47:35–0# Die Erfolgsdimension ist damit abgearbeitet. Die Frage wendet sich dem zweiten Aspekt zu, der Qualität. IP5: (.)(.)(.) Wenn äh, zum Beispiel, wenn der Klient der Meinung ist, dass es ihm hilft und wenn er in der Lage ist längerfristig zum Beispiel, wenn er abhängig ist, alkoholfrei zu leben #00:47:59–0# IP5 wiederholt mit etwas anderen Worten sein letztes Statement. Für ihn ist Erfolg mit Qualität gleich zu setzen. Das bereits an anderer Stelle benannte Muster des In-Eins-Setzens von Begriffen (Werte sind Wissen) findet seine Fortsetzung. Auch zum Abschluss der Passage wird nur auf das angestrebte Gesamtziel verwiesen, die Abstinenz. Der Anteil von IP5 und seinen KollegInnen bleibt unerwähnt, nur aus Bescheidenheit? Wahrscheinlich nicht. 4. Ergebnisse 177 Auf die folgende Passage (etwa ab Minute 18:00) soll deshalb kurz eingegangen werden, weil sie in eigentümlichen Kontrast zu den von IP5 an anderen Stellen erwähnten Orientierungen an niedrigschwelliger Arbeit stehen. IP5: Ja, und dadurch, dass ähm hier vor Ort ja die B-Klinik ist und auch die W- Klinik ist, wissen viele schon, dass es so was gibt. Das ist ja auch nicht in jedem Ort und jeder Stadt, dass da vor Ort auch Fachkliniken sind. #00:18:08–0# S.I.: Und wenn jemand sagt, ich will das gar nicht? #00:18:12–0# IP5: Ja, ok, das ähm kann ich akzeptieren und dann werd ich, sage ich meine Einschätzung und äh beende das dann, sage: „Sie können gerne wiederkommen, wenn Sie Hilfe brauchen oder wenn Sie ein Gespräch möchten, klar. Ähm dann (.)(.)wird das so beendet. #00:18:36–0# IP5s Haltung steht in einem Spannungsverhältnis zu Aufgaben der Suchtbegleitung. Wenn jemand nichts ändern will, dann bricht er den Kontakt ab. Kann oder will er nicht mit der Ambivalenz arbeiten? Im Interview erfolgt hierzu keine Spezifikation. Die Benennung eines Ankerbeispiels wäre hier sehr illustrativ gewesen. Die Benennung dieser Praxis unterscheidet sich noch einmal von der von IP1 und IP3 hinsichtlich der Suchtbegleitung. Er stellt hier das in den Vordergrund, was der abstinenzorientierte Fokus bezeichnet wurde. Dies scheint sehr schematisch zu gehen, Ambivalenz hat darin keinen Platz. Er gibt aber an anderer Stelle (etwa Minute 18:45 bis 27:15) zu erkennen, dass es auch Menschen über längere Zeiträume begleitet hat. Ähnlich wie bei IP1 ist dies aber eher als eine Ausnahme markiert. Auch IP5 sieht seine Aufgabe eher in der Vermittlung und der notwendigen Vorklärung. 4.1 Der Fall IP5 178 E Schluss Für die Analyse des Schlussteils soll zunächst eine längere Interviewpassage am Stück vorgestellt werden. Sie nimmt das Thema zum Spezifischen von Sozialer Arbeit in der Suchtkrankenhilfe wieder auf. IP5: Ich glaube, dass das Sozialarbeit auf jeden Fall einen Stellenwert hat und wo dann auch noch die sozialen Aspekte, die Netzwerkaspekte berücksichtigt werden können, Arbeit, Familie usw. Also, dass das glaube ich, die Sozialarbeiter mehr im Auge haben. #00:49:54–0# Deskriptiv, hier an IP3 erinnernd, wird dann noch der eine oder andere Gesichtspunkt benannt. Zu diesen gehören wichtige Bereiche der sozialen Dimension. S.I.: Von Ihrer Ausbildung her oder warum haben Sozialarbeiter das mehr im Auge? #00:50:04–0# IP5: Weil das einfach mehr das Soziale und diese Dinge mehr der Fokus eigentlich ist. #00:50:12–0# S.I.: ja, ok und das ist wichtig für die Klienten? #00:50:21–0# IP5: Ich denke ja #00:50:21–0# IP5 geht auch davon aus, dass das „Soziale und diese Dinge“ für die Klienten wichtig sein könnte. Aber wie und wieso und welche Rolle dabei seine Einrichtung spielen könnte, dazu erfolgt keine Erwähnung. S.I.: Ich meine, Sie haben das am Anfang ja auch betont, dass das der Fokus ist, den Sie ja auch legen, um einen Menschen kennenzulernen, haben Sie ja genau das gesagt, dass Sie das genau auch angu- 4. Ergebnisse 179 cken, weil Sies für wesentlich halten. Können Sie nochmal sagen, warum Sie das für wesentlich halten, im Verhältnis zum Beispiel zu ner intrapsychischen Klärung oder warum das auf jeden Fall mit dazugehört? #00:50:46–0# Die Interviewerin macht einmal mehr einen Anlauf, um von IP5 etwas darüber zu hören, was nach seiner Meinung das sozialarbeiterische Proprium sei und worin das bestehen könne. Um es klar zu machen wird auf eine Abgrenzung zu innerpsychischen Gegebenheiten hingewiesen. IP5: Ich denke, die Dynamik in der Herkunftsfamilie schon eine wesentliche ist. Wie da die Konstellationen sind, wer da die Macht hat und ob da ausreichend gute ähm gute Ressourcen zur Verfügung gestellt wurden, ob eine ausreichend gute Mutter da war oder ein ausreichend guter Vater da war oder ähm nicht. #00:51:08–0# Auf einen Kernbereich von Sozialarbeiterischem will sich IP5 nicht einlassen. Für die Entwicklung von Alkoholabhängigkeit tischt er als Erklärung ein relativ schlichtes, weil allgemeines Sozialisationsmodell auf. Wann und unter welchen Umständen sollte aber etwas „ausreichend“ gewesen sein, davon erzählt er nichts. Seine Herleitung ist inhaltlich nicht sehr differenziert. Soziale Verstärkermechanismen kommen nicht vor. Sozialisation ist Schicksal. Fachlich ist dies eher der Stand der 1980er Jahre. Jenseits der inhaltlichen Plausibilität wird von ihm Erklärungswissen favorisiert, dass einer anderen Disziplin entstammt. S.I.: und die sozialen Aspekte, haben Sie ja auch eben genannt, Arbeit, Wohnen, Geld, die sind auch wichtig. #00:51:15–0# IP5: Die sind auch wichtig klar, Beruf #00:51:21–0# 4.1 Der Fall IP5 180 Das Soziale muss ihm vorgehalten werden, dann stimmt er zu. Obwohl danach befragt, nennt er es nicht von sich aus zuerst. Er zeigt hier Respekt vor dem Eigentlichen. Auch er ist nicht frei von Manifestationen des Burakumin-Syndroms. S.I.: Warum ist der Beruf so wichtig? #00:51:21–0# IP5: Erfolgserlebnisse, ähm einerseits aber kann auch negative Folgen haben durch Stress, Anstrengung, Überlastung etc, dass das auch n wesentlicher Faktor ist, der auf möglicherweise Suchterkrankung Einfluss hat #00:51:41–0# Zunächst war von „Arbeit“ die Rede. Die wird in der Nachfrage zu „Beruf “. Dies verkennt die Komplexität des Bereichs „Arbeit“ in modernen Gesellschaften. Ich kann einen oder mehrere Berufe haben, wenn mein Arbeitsangebot keine Nachfrage findet, bleibe ich arbeitslos. Immerhin erkennt er „Beruf “ als eine Einflussvariable bei Abhängigkeit an. Es ist aber in jedem Fall nur „auch“ ein Faktor, Familie ist eben Schicksal. S.I.: Weil dann der Suchtmittelkonsum dann als Medikation eingesetzt wird, um dem Stress entgegenzuwirken. #00:51:48–0# IP5: Wobei ich auch gestern noch mit jemand gesprochen habe, der sozusagen der aufgrund seiner Berufstätigkeit und Stress, unter Stress gestanden hat und dann langsam abgedriftet ist, in Alkoholismus und den Alkohol benutzt hat als Beruhigungsmittel, als Stressbekämpfungsmittel, als Entspannungsmittel. #00:51:10–0# S.I.: Ja, einen ganz herzlichen Dank, dann wär ich durch mit meinem Interview. Ich bedanke mich ganz herzlich und mach mal das Gerät aus. (Das Gerät wird ausgeschaltet.) 4. Ergebnisse 181 Die Interviewerin stellt noch eine Frage. Auf die geht IP5 aber nicht ein. Ihm fällt ein Fall „von gestern“ ein, der seinem Sozialisationsmodell – so wie vorgestellt – nicht so recht entsprechen will. Die Inkonsistenz fällt ihm aber nicht auf. Es stellt sich die Frage, durch welche Art von Irritation IP5 seinen Deutungspfad hinterfragen könnte. Fazit An dieser Stelle wird eine Hypothese vorgestellt, die auf der Basis der Ergebnisse der Feinanalyse und einer Gesamtdurchsicht des Materials gewonnen wurde. Die Hypothese besteht wieder aus verschiedenen Elementen. Sie sollen hier einzeln aufgeführt werden. Methodisch kommt ihr der Stellenwert zu, dass sie auf der Basis einer weiteren Fallanalyse die Untersuchungsfrage vorläufig beantwortet. Diese heißt: „Wie ist Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung?“ 1. Die berufliche Entwicklung von IP5 zeigt eine bemerkenswert lange Kontinuität. Dabei stehen Schwerpunkte der Sozialen Arbeit im Rahmen der Beratungsstellenarbeit im Vordergrund. Von der Haltung her ist Helfen als Beruf für ihn Berufung. Auch IP5 hat ein Arbeitsethos. Er will seine Arbeit gut machen und den Hilfebedarfen und Belangen der Klienten gerecht werden. Dies geschieht auf eigene Art, wie sich an seinem individuellen, selbsterstellten Diagnose-Schema ablesen lässt, das auch Aspekte der sozialen Dimension umfasst. 2. IP5 nimmt als Fachkraft der Sozialen Arbeit Tätigkeiten wahr, die als typische Aufgabenfelder der Sozialen Arbeit angesehen 4.1 Der Fall IP5 182 werden können (z. B. Suchtbegleitung, Beratung, Vermittlungen, Arbeit mit Angehörigen) aber auch der Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen. Über die Arbeit in Zwangskontexten ist nichts bekannt. Eine Benennung der Interventionsebene, einschließlich der damit zusammenhängenden Kompetenzen, ist ihm nicht möglich. 3. Die Tätigkeit von IP5 in der Beratungsstelle entspricht dem Professionsideal in Teilen, soweit Professionalität teilbar ist. Das strukturelle Spannungsverhältnis zu sachfremden Vorgaben oder Erwartungen seitens der Kosten- und Leistungsträger einerseits, zu einer weitgehend autonomen fachlichen Betrachtung andererseits, hat er für sich, d. h. individuell gelöst, der Logik des Feldes folgend. In seiner Selbstdefinition geht es einerseits darum, den Bedingtheiten der Lebenslage der Klienten gerecht zu werden, soweit diese das wünschen. D. h.: Er muss nicht mehr auf die Zahl der Vermittlungen achten, ob er vermittelt und wohin dann nach Absprache vermittelt wird, dies folgt rein sachlichen Erwägungen. IP5 macht „sein Ding“ im Interesse der Klienten, wie er es versteht. Diese eigene Art ist in Teilen inkonsistent, der geäußerten Orientierung „pro Klient“ steht Anderes gegenüber. So gilt ihm seine vorhandene aber wahrscheinlich etwas veraltete Wissensbasis als für die Klientenarbeit ausreichend. Sie muss nach seiner Einschätzung nicht weiterentwickelt werden. Persönlichkeit, Erfahrung und Reflexion der Erfahrung genügen angeblich. IP5 unterläuft und negiert die wissenschaftliche Basis professionalisierten Handelns. So ist sein Sozialisationsmodell unsachlich. Der von ihm proklamierten Geh-Struktur steht gegenüber, wer sich nicht ändern will, der wird nicht weiter beraten. Dass auch die Geh-Struktur eine Arbeit mit Ambivalenzen sein kann, wie die Suchtbegleitung, wird nicht realisiert. IP5 hat sich mit den 4. Ergebnisse 183 Ressourcenrestriktionen arrangiert. Gegenüber Klienten mit hoher Ambivalenz scheint er sich nicht verantwortlich zu fühlen. 4. Früher waren es die unterschiedlichen formalen Beauftragungen und Zuständigkeiten, die durch das Regelwerk von außen in das Team hineingetragen wurden, heute sind es die finanziellen Restriktionen, die für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit und damit für IP5 die Frage nach Anerkennung und Wertschätzung in besonderer Weise aufwerfen. Er nimmt eine institutionell festgeschriebene Missachtung und Abwertung wahr (Mittelkürzung), die sich in seinem unspezifischen Räsonieren über die Geh-Struktur der Arbeit äußert. 5. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für die Fragestellung: IP5 fühlt sich der Sache der Klienten verpflichtet, der im Rahmen der Beratungsstellenarbeit nachzukommen ist. Dies realisiert sich bei ihm widersprüchlich, ohne dass er dies wahrnimmt. Die materiellen Restriktionen als Ausdruck von Delegitimierung und als Nicht-Anerkennung werden schon ihre Spuren hinterlassen haben, schließlich wollte er die Stelle wechseln. Eine ähnliche Ambivalenz in der Selbstdefinition, wie bei IP1 und IP3, findet sich nicht. Seine Verankerung liegt in einer Überzeugung über die Bedeutung und Wichtigkeit der Tätigkeiten der ambulanten Suchtberatung und hier über die Bedeutung und Wichtigkeit des Sozialarbeiterischen als wichtige Ermöglichungs-Ressource des „Eigentlichen“ in einer zeitlichen Vor- und Nachordnung. Er sieht sich als notwendigen Teil der Gesamt-Rehabilitation. IP5 hat eine Idee, wenn auch eine vage, über die Relevanz der sozialen Dimension. Dem kann er keine Worte geben. Diese Überzeugung konnte er in den Pioniertagen des Systems entwickeln. Die alternativen späteren Deutungen überzeugen ihn nicht. Die Ungleichbehandlungen 4.1 Der Fall IP5 184 der unterschiedlichen Berufsgruppen sind für ihn relativ leicht hinnehmbar, da er die sachliche Sinnhaftigkeit seines Ankers ahnt. Auch in der Haltung und der Situation von IP5 zeigt sich das Burakumin-Syndrom, wenn auch relativ schwach. Zu erwähnen ist weiter, auch IP5 verwendet von sich aus so gut wie keine Fachbegriffe, weder Fachbegriffe im Allgemeinen noch Fachbegriffe der Sozialen Arbeit im Besonderen. Stattdessen werden auch durch ihn die eigenen Praxen und Orientierungen durchgängig alltagssprachlich beschrieben. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition auch von IP5 kann als defensiv bezeichnet werden. Auf den Punkt gebracht: IP5 leistet im Rahmen der Komm-Struktur wahrscheinlich gute Arbeit, mit den oben genannten Einschränkungen. Was er tut und leistet kann er aber von sich aus nicht ausdrücken. Auch sein berufliches Handeln beruht in gro- ßen Teilen auf implizitem Wissen. Dies steht einer expliziten Selbstdefinition entgegen. Auch IP5, wenn nicht die gesamte Einrichtung, steht in dem Spannungsverhältnis, das fachlich Richtige zu tun, dies aber nicht in vollem Umfang nach außen kommunizieren zu können. Im Folgenden wird es um eine Betrachtung von Teil- und Schnittmengen aus den vorgestellten Interviewanalysen gehen. 4. Ergebnisse 185 5. Synthese In diesem Abschnitt soll nun der Versuch unternommen werden auf der Basis der Einzelanalysen der drei Fachkräfte eine Schnittmenge herauszuarbeiten, die auf wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Hinblick auf die Beantwortung der Untersuchungsfrage eingehen wird. Im Rahmen der Synthese werden Hypothesen formuliert, die begründete Annahmen über das Allgemeine im Besonderen des Datenmaterials, im Sinne einer Musterrekonstruktion, umreißen. Die Untersuchungsfrage lautete: Welche Aufgaben nehmen SozialarbeiterInnen im Kontext ambulanter Suchthilfe subjektiv wahr und wie bearbeiten sie diese aus ihrer individuellen, subjektiven Sicht. Ein Aspekt davon ist, welche subjektiven Entsprechungen auf Seiten der Fachkräfte manifestieren sich gegenüber der allgemeinen gesellschaftlichen Zuschreibungen der großen Bedeutsamkeit dieser Institution, an deren Entwicklung die Fachkräfte der Sozialen Arbeit zudem maßgeblich beteiligt waren und sind. 5.1 Arbeitsethos Für die Ausübung eines helfenden Berufs, evtl. für die Ausübung einer Profession wird die Orientierung an einer ethischen Grundorientierung für unverzichtbar gehalten (vgl. z. B. Becker-Lenz/Mül- 186 ler 2009b, S. 361ff). Eine wesentliche Motivierung hierfür ist darin zu sehen, dass personenbezogene soziale Dienstleistungen, und bei Sozialer Arbeit handelt es sich um eine solche, im Kontext von persönlichen Not- und Krisenlagen der AdressatInnen entwickelt wurden, bzw. sich entwickelt haben. Der Auftrag an die personenbezogenen sozialen Dienstleistungen ist, Not- und Krisenlagen zu vermeiden helfen, sie zu überwinden helfen oder, wenn dies nicht möglich erscheint, die Folgen der Not- und Krisenlagen so weit wie möglich zu lindern. Aus dieser Konstellation, wonach Angehörige von helfenden Berufen Menschen unterstützen, die sich in einer Not- oder Krisenlage befinden, ergibt sich ein Machtgefälle zwischen den Handlungsbeteiligten, das viele Facetten hat, die hier im Einzeln nicht betrachtet werden sollen. Zur Einhegung der Macht des/der Helfenden hat sich historisch eine Ethik der Hilfe entwickelt. Alle drei Interviewpartner der vorliegenden Analyse geben zu erkennen, sich hieran orientieren zu wollen. Ob ihnen dies in ihrer Arbeit immer gelingt, dies kann auf der Basis dieses Materials nicht eindeutig beantwortet werden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass das Handlungsfeld eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung ermöglicht und zulässt, die oben zum Einen als die Orientierung an Vermittlung, zum Anderen als die Orientierung an Suchtbegleitung bezeichnet wurde. Aber auch die individuell unterschiedliche Umgangsweise mit „den Ambivalenten“ zeigt eine Rückbindung an ein Arbeitsethos. Bei allen drei Interviewten findet sich weiter eine Haltung, die einerseits Hilfe und Unterstützung anbieten will, die andererseits erklärtermaßen die Autonomie des Gegenübers respektieren möchte, respektive die Autonomie fördern möchte („Türen für die Klienten öffnen, diese wählen, durch welche Tür sie gehen wollen“, so IP1). Es findet sich weiter ein hohes Engagement dafür, „die Sache“ gut machen zu wollen, bzw. in Zukunft sogar besser als bisher machen zu 5. Synthese 187 wollen. Dies zeigen die Fortbildungen, die alle drei absolviert haben, am häufigsten wohl IP1, weniger ausgeprägt bei IP5, dazwischen IP3. Des Weiteren zeigt sich die Haltung, Verallgemeinerungen zu den KlientInnen in jeglicher Hinsicht zu vermeiden, bzw. Aufforderungen im Interview, Typologisierungen der KlientInnen vorzunehmen, weitgehend zurückzuweisen, was aber nicht immer durchgehalten wird, z. B. bei IP1. Stattdessen wird die Diversität und Vielfalt der AdressatInnen betont. Wenn auch eher implizit wird durchgängig als Aufgabe herausgestellt, die Betroffenen bei den Problemen der Lebensbewältigung und der sozialen Integration zu unterstützen. Diese Probleme seien komplex und variieren von Person zu Person. Ein schematisches, technizistisches Vorgehen wird nicht als erfolgversprechend angesehen. Das, was fachlich geboten ist, dies muss fallweise immer wieder neu ermittelt werden, auch im Gespräch und im Abgleich der geäußerten Anliegen der Betroffenen. Es findet sich insofern eine Fallorientierung, eine Orientierung an Fallverstehen, an multiperspektivischem Fallverstehen, z. B. nach Müller 2012, worauf auch schon verschiedentlich hingewiesen wurde. 5.2 Professionalisierung Die Beantwortung der Frage, ob Soziale Arbeit ein Beruf sei oder eine Profession hat in den letzten Jahrzehnten eine umfängliche Debatte ausgelöst. Maja Heiner (2004) schlägt zu einer Annäherung zwei Perspektiven vor, eine berufsstrukturelle und eine handlungs- und wirkungsorientierte Perspektive. Auf der berufsstrukturellen Ebene, die Prestige, Status, Entlohnung, berufliche Selbstkontrolle und Orientierung an fachlicher Autonomie in den Vordergrund rückt, findet sich in den Interviews am ehesten die Orientierung an fachlicher Autonomie im Material wieder. Diese scheint bedroht und dies auf unter- 5.2 Professionalisierung 188 schiedlichen Ebenen. Am deutlichsten wird dies in Hinblick auf die materielle Absicherung der Tätigkeit. Die Zuwendungsgeber Kommune und Land haben zu erkennen gegeben, dass sie eigene finanzielle Engpässe an die Träger der Einrichtungen weitergeben. Am klarsten erscheint dies in der Einrichtung von IP5. Aber diesseits der drohenden Einschränkungen durch eine sozialpolitische Budgetorientierung wird an dem Gebot der fachlichen Orientierung festgehalten, IP5 weicht hier allerdings etwas ab. Unter der handlungs- und wirkungsorientierten Perspektive finden sich (in Anlehnung an Nadai u. a. 2005) als Merkmale einer Profession: Keine Standardisierbarkeit der Tätigkeit, Orientierung an theoretischem und empirischem Handlungswissen, Handlungszwang und Begründungsverpflichtung in der Tätigkeit, fachliche Autonomie in Folge der Fallorientierung und Arbeitsbündnis zwischen Fachkraft und Klient. Diese Professionalitätsmerkmale sind also in der Sozialen Arbeit im Allgemeinen durchaus vorhanden. Nach dieser Konzeptualisierung handelt es sich bei der Sozialen Arbeit um eine Profession. Die Frage allerdings ist, ob ihr von den politischen Organisationen und den institutionellen Arrangements, in deren Auftrag und für die sie arbeitet, die notwendige Autonomie auch zugestanden wird. Bezogen auf die Interviewpartner zeigen sich die genannten Kriterien. Allerdings zieht sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche, dass die fachliche Autonomie eingeschränkt werden kann, u. a. durch unklare Aufträge, bedrohte Ressourcen, unklare Qualifikationsanforderungen, der impliziten Basis des Fallverstehens (Erfahrung genügt). Insofern kann von der Tätigkeit auf der Basis der Interviews von einer realisierten aber auch bedrohten Professionalität gesprochen werden. Nimmt man noch andere Kriterien (z. B. Nadai u. a. 2005, Staub- Bernasconi 2007, Müller 2012) dafür, was qualifiziertes professionelles Handeln von Fachkräften der Sozialen Arbeit ausmacht, so wären 5. Synthese 189 noch verschiedene Bereiche eines spezifischen Expertentums zu nennen. Dazu gehören: Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind zum einen fachliche Experten, die mit ihrem fachlichen Wissen, ihren Erfahrungen und ihren Kenntnissen wissenschaftlicher Theorien die geäußerten Anliegen der KlientInnen angemessen einschätzen und einordnen können. Sie müssen fähig sein sachlich fundierte Hypothesen darüber zu entwickeln, woher ein geäußertes Problem rührt, wie es mit anderen Gegebenheiten zusammenhängt etc. Dem korrespondiert, dass sie in der Lage sind, Hypothesen darüber zu formulieren, auf welche Weise das Problem beseitigt werden kann (Interventionen). Als Interventionsschritte sind sehr unterschiedliche Vorgehensweisen denkbar. Es ist erwartbar, dass es verschiedener Interventionen auf unterschiedlichen Ebenen sind, die zudem koordiniert und vernetzt werden müssen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind zum anderen Experten des Dialogs (vgl. z. B. Müller 2012). Sie können Menschen motivieren, ermutigen und bestärken. Sie können weiter sich auf den anderen einlassen, mit ihm kooperieren und Ergebnisse aushandeln. Sie wenden das „Fallverstehen“ an, im Sinne einer rekonstruktiven Deutung der Problemsituation. In dieser Expertenrolle stellen die Fachkräfte ihr fachliches Expertentum zunächst in den Hintergrund. Es steht nicht wie ein Gesetz über der zu führenden Diskussion, sondern ist eine fachliche Meinung und ein Angebot, das durch die KlientInnen erst noch verifiziert werden muss (vgl. Seithe 2012, S. 57). Nur wenn Ziele und Wege entwickelt werden, die die KlientInnen mittragen können und wollen, kann erwartet werden, dass der Prozess der „Koproduktion“ oder der Ko-Kreation zwischen den Handlungsbeteiligten Erfolge bringen wird. Als Voraussetzung hierfür ist ein Arbeitsbündnis anzusehen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind drittens Experten im Vermitteln, Durchsetzen und Organisieren von Hilfen, Dienstleistungen und Unterstützungssystemen (vgl. z. B. Müller 2012). Trotz eines 5.2 Professionalisierung 190 weiten Rahmens von Zuständigkeit bestehen Grenzen. Die Könnerschaft besteht deshalb darin, die erforderlichen Hilfen zu erkennen, sie vermitteln zu können und eine qualifizierte Unterstützung der Betreffenden zu sichern. Auch bezogen auf diese drei Bereiche ist davon auszugehen, dass die drei InterviewpartnerInnen eine Haltung zum Ausdruck bringen, die professionellem beruflichen Handeln entsprechen. Gewisse Einschränkungen mögen für IP5 gelten. 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen Durch alle drei Interviews zieht sich wie ein roter Faden, dass die befragten Fachkräfte kaum Auskunft über die für sie im Rahmen der beruflichen Tätigkeiten relevanten Wissensbestände geben konnten. In den Fällen, wo dies dann doch geschah, waren es in der Regel Wissensbestände aus anderen Fachdisziplinen, wie der Medizin oder der Psychologie. In keinem Fall wurden Wissensbestände der Sozialen Arbeit benannt, sieht man von dem eher pauschalen Verweis auf systemisches Arbeiten bei IP1 und IP3 ab. Aus dieser auf der Oberfläche erscheinenden Sprachlosigkeit lassen sich aber sicher keine Rückschlüsse über die Güte des fachlichen Handelns der befragten Fachkräfte ziehen. Entsprechende Phänomene und Praxen wurden bereits vielfach im Fachdiskurs aufgenommen (beispielhaft sei hier auf Moch 2012 verwiesen). Die in den Interviews sich manifestierenden Auslassungen sollen hier in einem größerem Kontext gesehen werden, der die Phänomene des impliziten Wissens der hier befragten Fachkräfte mit dem impliziten Wissen, oder dem impliziten Beziehungswissen, von Angehörigen von anderen Berufsgruppen betrachtet. Wissen, das implizit genannt wird, bezieht sich auf praktische Handlungsabläufe, auf Fertigkeiten im Sinne eines Könnens. Pola- 5. Synthese 191 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen nyi (1985) hat von „tacit knowing“, schweigendem Wissen, gesprochen. Ein häufig angeführtes Beispiel für implizites Wissen ist das Wissen, das man brauche, um Fahrrad zu fahren. Wer beim Fahrradfahren das Gleichgewicht halten könne, beherrsche nicht komplexe physikalische Regeln, sondern verfüge über eine praktische Fertigkeit, über erfahrungsabhängiges Expertenwissen darüber, wie man das mache (Gigerenzer 2008). Explizites Wissen ist sprach- bzw. kommunikationsfähiges Wissen und lässt sich formal beschreiben; dagegen widersetzt sich implizites Wissen der sprachlichen Darstellung: „Wir wissen mehr, als wir zu sagen vermögen“ (Polanyi 1985, zitiert nach Streek 2013, S. 143). Wenn wir jemanden nach dem Weg fragen, mit einem Freund zu einer gemeinsamen Unternehmung unterwegs sind, mit der Verkäuferin beim Bäcker sprechen, mit Arbeitskollegen kooperieren, uns Mitfahrenden in der U-Bahn gegenüber sehen oder den kürzlich in die gegenüberliegende Wohnung neu eingezogenen Mietern begegnen, denken wir gewöhnlich nicht lange darüber nach, wie wir das anstellen. Wir beobachten nicht erst genau, wie die andere Person sich verhält, bevor wir den nächsten Schritt tun, und wir planen auch nicht im Detail, was wir tun und wie wir das tun, ob wir so oder so reden und dabei dieses oder jenes körperliche Verhalten zeigen. Wir tun das einfach. Wir wissen, wie das geht, mit Anderen zusammen zu sein, auch wenn wir nicht sagen können, wie genau wir uns dabei verhalten. Wir verfügen über Beziehungswissen. Beziehungswissen ist kein kognitives Wissen, sondern ist dem Körper gleichsam eingeschrieben, „embodied knowledge“, nicht an Symbol und Sprache gebunden, sondern an Affekt und Handlung, eine Art Handlungswissen (Streek 2013, S. 143). Beziehungswissen ist prozedural repräsentiertes Wissen. Prozedurales Wissen lässt sich nicht oder nur begrenzt in Worten ausdrücken, sondern zeigt sich im Vollzug von Handlungsabläufen. Beziehungswissen ist überwiegend implizites Wissen (Polanyi 1985). Danach 192 5. Synthese gefragt, könnten wir meist sagen, was wir getan haben, aber allenfalls annäherungsweise beschreiben, wie wir uns in der einen oder anderen Situation verhalten haben. Im Zusammensein mit Anderen stützen wir uns auf implizites Beziehungswissen. Der Begriff „implizites Beziehungswissen“ lehnt sich an den Begriff „implizites Wissen“ an und geht auf eine Bostoner Forschungsgruppe um Daniel Stern zurück – die Boston Change Process Study Group – BCPSG – (vgl. Stern u. a. 2012). Wie anderes implizites Wissen ist auch implizites Beziehungswissen überwiegend nicht bewusst und entzieht sich der sprachlichen Beschreibung (Stern u. a. 2012, S. 65). Implizites Beziehungswissen gilt als nicht ehemals gewusst, aber verdrängt, also nicht im dynamischen, sondern im beschreibenden Sinn unbewusst (Streek 2013, S. 143). Wenn wir uns mit Anderen unterhalten, beim Postschalter unter Fremden in der Schlange stehen oder im Restaurant eine Bestellung aufgeben, wissen wir, was in dieser oder jener Situation zu tun ist, dass wir unseren Gesprächspartner ausreden lassen oder wir uns in der Warteschlange nicht vordrängeln sollten. Wir haben explizites Wissen davon, welches Verhalten in diesen Situationen erwartet und für angemessen gehalten wird. Implizites Beziehungswissen kommt jedoch nicht in explizitem Wissen von normativen Verhaltenserwartungen zur Geltung, sondern darin, wie diese normativen Erwartungen im Zusammensein mit Anderen realisiert werden, im Vollzug von sozialer Interaktion. So werden Bekannte, die sich auf der Straße begegnen, gewöhnlich voneinander erwarten, dass sie einen Gruß austauschen. Indem sie dieser sozialen Norm folgen und sich in irgendeiner Weise grüßen, bekräftigen sie deren Geltung. Wie genau sie den Grußaustausch jedoch vollziehen, lässt einen weiten Spielraum für individuelle Gestaltung offen. Sie können stehen bleiben und einander die Hand reichen, sich im Zuge der Abwicklung ihres Begrüßungsrituals anlächeln oder die freundlich-freudigen Gefühle, 193 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen die ihre Wiederbegegnung wachgerufen hat, mit einer Umarmung kenntlich machen (Streek 2013, S. 144). In der Art und Weise jedoch, wie und mit welchen Mitteln sie die Begrüßung vollziehen, dokumentiert sich überwiegend implizites Wissen, genauer: implizites Beziehungswissen, ein unbewusstes „Wissen wie“, nicht ein explizites „Wissen was“. (Streek 2013, S. 144). In der Entwicklung geht implizites Beziehungswissen an Sprache und Symbol gebundenem explizitem Wissen voran. Ehe Babys lernen, die ersten Worte zu sprechen, verfügen sie bereits über implizites Beziehungswissen in Gestalt vielfältiger Fähigkeiten, mit ihrer sozialen Umwelt zu interagieren und ein gemeinsames Erfahrungsfeld zu erschaffen. Schon Neugeborene sind auf ihre soziale Umgebung ausgerichtet. Bereits im Alter von 5 Wochen versuchen Neugeborene, das Verhalten einer Person, die sie aus der Nähe ansieht und die Zunge herausstreckt, zu imitieren (Streek 2013, S. 145). Bereits 8 Tage alte Säuglinge erwarten ein bestimmtes Verhalten der Mutter, während diese sie füttert. Fällt das Verhalten der Mutter anders aus als von dem Säugling erwartet, zeigt das Kind aversive Reaktionen. Das lässt erkennen, dass das Baby, kaum eine Woche alt, über eine erste Repräsentanz einer Fütterungssequenz verfügt, auf die es sich bezieht. Im Alter von wenigen Monaten stehen dem Baby vielfältige affektive und motorische Mittel zur Verfügung, mit denen es die Mutter zu einem gewünschten Verhalten veranlassen und mit deren Hilfe es ein gemeinsames Erfahrungsfeld erschaffen kann (Streek 2013, S. 145). In mindestens einer Hinsicht unterscheidet sich implizites Beziehungswissen grundlegend von implizitem Wissen, das Fertigkeiten wie Fahrradfahren zugrunde liegt: Implizites Beziehungswissen bezieht sich auf den Umgang mit Anderen, nicht auf den Umgang mit der materiellen Welt. Implizites Wissen wie das, das befähigt, Fahrrad zu fahren, ist technisches Können, einer handwerklichen Fertig- 194 keit vergleichbar. Wer einmal gelernt hat, Fahrrad zu fahren, verfügt über ein Können, das ihn befähigt, mit annähernd jedem Fahrrad zu fahren. Im Unterschied zum Gebrauch eines Fahrrades lässt sich das Zusammensein mit Anderen jedoch nicht mit technisch-instrumentellen Fertigkeiten bewältigen, die auf jedwede Situation und Person in weitgehend gleicher Weise angewendet werden könnten. Denn im Zusammensein mit Anderen lässt sich grundsätzlich nicht sicher vorhersagen, was als Nächstes geschieht und in welche Richtung sich die gemeinsame Situation bewegt. Keine der beteiligten Personen kann im Voraus sicher wissen, wo man am Ende angelangt sein wird. Um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, müssen die Akteure sich über ihre Ziele immer erst verständigen und sich fortlaufend aufeinander abstimmen. Ständig verändert sich die Situation, mal mehr, mal weniger. Mal bewegt sich der Eine in diese, der Andere in eine andere Richtung. Dann müssen die Beteiligten improvisieren und von neuem über ihre Ziele „verhandeln“. Höchstens ausnahmsweise geschieht das mit Worten. Gewöhnlich wird der Prozess des „Verhandelns“ unter Bezug auf implizites Beziehungswissen, auf Affekte und Intentionen, die die Akteure wechselseitig aus ihren Handlungen erschließen, weitgehend wortlos im Hintergrund abgewickelt (Streek 2013, S. 146). Würde eine der beteiligten Personen versuchen, jeden nächsten Schritt vorab genau zu überlegen, um ein ganz bestimmtes Ziel zu erreichen, geriete der Fluss improvisierten, authentischen Verhaltens als Ausdruck des beiderseitigen impliziten Beziehungswissens rasch ins Stocken. An die Stelle von Verhalten, das auf Abstimmung und Verständigung angelegt ist, wäre instrumentelles Verhalten getreten. Die andere Person würde wie ein Objekt, nicht als anderes Subjekt behandelt. Während Fertigkeiten, die zur Lösung von Problemen im Umgang mit der materiellen Welt erworben wurden, überwiegend auf die Lösung vergleichbarer technischer Probleme erfolgreich eingesetzt werden können, lassen sich Erfahrungen im Zusammensein mit der 5. Synthese 195 einen Person nicht uneingeschränkt auf die Gestaltung und Regulierung des Zusammenseins mit einer anderen Person übertragen, will man sich auf ein gemeinsames Ziel zubewegen. Das trifft auch für das Zusammensein von Patient und Psychotherapeut zu. Unabhängig davon, ob der Therapeut sich bei der Arbeit mit verschiedenen Patienten an gleichen behandlungstechnischen Empfehlungen orientiert, kann er sich dem einen Patienten gegenüber nicht genauso verhalten wie gegenüber einem anderen Patienten. Als intersubjektives Wissen umfasst implizites Beziehungswissen die Fähigkeit, Intentionen anderer Personen anhand ihres sprachlichen und nichtsprachlichen Handelns zu „lesen“, sich mit der anderen Person fortlaufend abzustimmen, unvermeidliche Diskontinuitäten zu überbrücken und Brüche zu reparieren sowie in der Bewegung auf ein gemeinsames Ziel zu fortlaufend zu improvisieren (Streek 2013, S. 146) Nicht grundlegend anders als Akteure in Alltagssituationen stimmen sich auch Patient und Psychotherapeut ständig aufeinander ab und „verhandeln“ implizit über die Richtung, die sie miteinander einschlagen. Ihre Bewegung schreitet Schritt für Schritt, Zug um Zug voran, auch wenn deren Richtung immer wieder neu eingestellt werden muss (Streek 2013, S. 146). Die Qualität der therapeutischen Beziehung sei wie alles, was im Zusammensein von Patient und Psychotherapeut geschieht, ein intersubjektives, relationales Phänomen, das in der Kooperation von Patient und Therapeut – die BCPSG um Stern spricht von Kokreativität – und dem gemeinsamen impliziten Beziehungswissen gründet, mit dem sie sich aufeinander abstimmen und ihre Zusammenarbeit gestalten (Streek 2013, S. 149). Veränderung sei durch analytische Psychotherapie nicht an spezifische Momente gebunden, sondern ist ein Produkt des fortlaufenden, von Patient und Therapeut gemeinsam hervorgebrachten therapeutischen Prozesses selbst, der an ihre gemeinsame implizite Beziehung gebun- 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen 196 den sei. Wenn es Patient und Therapeut gelinge, im Schritt-für-Schritt- Voranschreiten ihres Zusammenseins unvermeidliche Brüche zu reparieren, sich implizit immer wieder über eine gemeinsame Richtung zu verständigen, in die sich ihr Zusammensein bewegt, und sich zunehmend aufeinander abzustimmen, werde es möglich, dass auch affektiv aufgeladene und schwierige Erfahrungen in die therapeutische Beziehung integriert und damit für den Patienten „beziehungsfähig“ („relationable“; Stern u. a. 2012, S. 211) werden können (Streek 2013, S. 150). Auch wenn erfahrene Ärzte Diagnosen oft mit großer Zuverlässigkeit stellen können, ohne dass sie in der Lage wären, ausdrücklich zu sagen, wie sie dabei vorgehen und auf welche Regeln sie sich beziehen, stützen sie sich auf implizites Wissen. Das Beispiel macht deutlich, dass implizites Wissen in hohem Maß erfahrungsabhängig ist (Streek 2013, S. 150). Ähnliche Phänomenologien finden sich auch in anderen Berufen, z. B. bei Lehrern. Georg Hans Neuweg hat sich in zahlreichen Publikationen (z. B. Neuweg 1999, Neuweg 2015a und Neuweg 2015b) mit den Gegebenheiten und Konsequenzen von implizitem Wissen – er verwendet den Begriff des impliziten Beziehungswissens nicht – für den Lehrerberuf und die Lehrerausbildung auseinandergesetzt. Seine Schlussfolgerungen vor allem für die Lehrerausbildung bieten für die Ausbildung von Fachkräften von Sozialer Arbeit nichts spektakulär Neues (Neuweg 2015b, S. 209ff). Interessant für die hier aufgeworfenen Fragestellungen ist vielmehr, dass sich die Fragen nach dem Verhältnis von Wissen und Können auch für diese Berufsgruppe finden lassen, einschließlich der entsprechenden fachlichen Kontroversen. Die Einordnung der Interviewergebnisse in den größeren Kontext zeigt, die Soziale Arbeit ist in guter Gesellschaft. Das, was auch in ihrem Fall oft als das „Schweigen der Könner“ bezeichnet werden kann, ist offenbar ein Phänomenbereich, der sich auch in anderen anwendungsbezogenen Berufsfeldern, auch in helfenden Berufen, findet. 5. Synthese 197 5.4 Zur Sozialen Dimension Das Schweigen der hier interviewten Könner, IP1, IP3 und IP5, reiht sich somit in größere Zusammenhänge ein und ist weder als ein individuelles Versagen der konkreten Personen noch als ein wie auch immer herleitbares Versagen ihres Berufsstandes zu interpretieren. Bringt man dies mit der Forderung in Verbindung wonach Fachkräfte der Sozialen Arbeit ihre Tätigkeiten sichtbarer machen und ihre Konzepte und Kompetenzen vermehrt in die fachliche Diskussion einbringen sollten (Rometsch 2012, S. 152), so könnten sich einige Probleme ergeben, die aber eher praktischer, als grundsätzlicher Natur sind. Veränderungen beginnen mit dem Reden darüber. Gemeinsame Worte, gemeinsame Begriffe wären hier sicher ein verheißungsvoller Anfang. 5.4 Zur Sozialen Dimension In allen drei Interviews findet sich, die soziale Dimension des Reha- Prozesses und damit eine originäre Zuständigkeit des eigenen Berufsstandes wird nicht formuliert und kann deshalb nicht gewürdigt werden. Sie gehört offensichtlich zum impliziten Wissen, was für die Selbstdarstellung der Tätigkeiten der eigenen Berufsgruppe sicher nicht förderlich ist. Einen Überblick dazu, was alles zur sozialen Dimension gehören kann, findet sich u. a. bei Cornelia Rüegger (2011). Hierzu zählen z. B. die Bereiche der Versorgung mit Wohnraum, Integration in oder Zugang zu dem System der Erwerbstätigkeit (einschließlich der hiermit in Zusammenhang stehenden schulischen und/oder beruflichen Ausbildung), der soziale Nahbereich wie Partnerschafts-, Eltern- oder Familienbeziehungen, Beziehungen zu informellen Netzwerken und vieles anderes mehr. Vor diesem Hintergrund kann man die Soziale Arbeit, die durch die InterviewpartnerInnen geleistet wird in – Anlehnung an Pauls (2013, S. 17) – auffassen als einen integrierten 198 professionellen Ansatz zur Verbesserung der psycho-sozialen Passung zwischen Klient bzw. Klientensystem und Umwelt. Die (klinische) Sozialarbeit ist demnach spezialisiert auf beratende und behandelnde Soziale Arbeit in den Feldern des Sozial- und Gesundheitswesens. Es ist von einer hohen Relevanz einerseits und einem andererseits faktisch wenig entwickelten Status einer professionellen Sozialen Arbeit andererseits im gesamten Gesundheitswesen im Allgemeinen, im Bereich der Suchtkrankenhilfe im Besonderen, auszugehen. Entsprechende Befunde und Überlegungen wurden u. a. von Sommerfeld u. a. (2016) für die Soziale Arbeit in der Psychiatrie herausgearbeitet. Auf das, was auf die hier thematische ambulante Suchtkrankenhilfe übertragbar erscheint, soll im Folgenden kurz eingegangen werden. Sommerfeld u. a. haben zunächst auf der Basis von qualitativen Daten herausgearbeitet, dass von den in den Fall involvierten Professionellen jeglicher Provenienz die soziale Dynamik der betroffenen PatientInnen so gut wie gar nicht perzipiert wird. Die soziale Dimension wird demnach in ihrem Zusammenhang zur Problematik der aktuellen Lebensführung und zur Genese der psychischen Erkrankung nicht wahrgenommen und dementsprechend auch nicht, bzw. allenfalls bruchstückhaft, bearbeitet. Die AutorInnen sehen darin eine „Unterbelichtung der sozialen Dimension“ (Sommerfeld u. a. 2016, S. 6). Zu dem Gesamtbild gehört, dass die soziale Dimension zwar von allen Befragten als extrem wichtig angesehen wird, dies aber kaum Konsequenzen für die medizinischen Hilfeinstitutionen hat, weil niemand Genaueres dazu sagen kann und die soziale Dimension daher mit Kategorien wie „Sozialversicherung“, „betreutes Wohnen“ oder generell „Anschlusslösungen“ etc., abgegolten wird (ebenda). Die AutorInnen resümieren, dass in der Forschungsliteratur die Behandlung der sozialen Dimension praktisch nicht vorkommt (ebenda). So gebe es keine explizite Ideen zu Inklusionsaufträgen und -funktionen von Sozialer Arbeit. 5. Synthese 199 Dies erscheint umso überraschender, da die soziale Dimension einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf von psychischen Krankheiten hat – und die Krankheit Sucht kann auch als psychische Erkrankung aufgefasst werden. Der hohe Stellenwert der sozialen Dimension wird von der sozialepidemiologischen Forschung massiv betont. Die psychischen und die sozialen Prozesse sind aufs engste miteinander verzahnt, so dass von einer „strukturellen Koppelung“, also von einer gegenseitigen Bedingtheit der sozialen und psychischen Prozesse, auszugehen ist (Sommerfeld u. a. 2016, S. 7, für weitere Belege der These siehe ebenda). Andererseits ist die soziale Dimension im Hinblick auf psychische Erkrankungen nicht nur als ein Ursachenbündel zu verstehen, sondern eine psychische Erkrankung wirkt sich fast immer auf alle Bereiche der Lebensführung eines Menschen aus und führt nicht selten in die Armut und in die Randbereiche der Gesellschaft (ebenda S. 8). Doch nicht nur die direkt Erkrankten werden beeinträchtigt. Es zeigen sich soziale Auswirkungen im Umfeld der Betroffenen in Form von familiären Belastungen, insbesondere bei Kindern psychisch Kranker, Erwerbsausfall, Gewalthandlungen, Wohnungslosigkeit u. a. m. Es liegt also eine zirkuläre Bedingungskonstellation vor: Soziale Faktoren sind maßgebliche Faktoren für psychische Krankheiten und diese wiederum sind häufig Ursache für gesellschaftliche Ausschlussprozesse, die sich wiederum auf den Verlauf der psychischen Krankheit und die Lebenssituation der Erkrankten auswirken. Letztere fallen traditionell in das Aufgabengebiet der Sozialen Arbeit (ebenda S. 8). Auch die Weltgesundheitsorganisation trägt der Bedeutung der sozialen Dimension mit dem „bio-psycho-sozialen Modell von Krankheit und Gesundheit“ seit langem auf einer übergeordneten Ebene Rechnung. Niemand bestreitet die Bedeutung der sozialen Dimension. Alle sind sich einig, dass es sich hierbei um ein bedeutsames Ursachenbündel handele. Damit sollte die (potenzielle) Rele- 5.4 Zur Sozialen Dimension 200 vanz der Sozialen Arbeit für diesen Bereich bereits hinreichend deutlich geworden sein (ebenda S. 8). Und die oben vorgestellten Befunde lassen sich ganz sicher auch auf das System der suchtbezogenen Hilfen, und hier die Beratungsstellen in denen die Befragten arbeiten, übertragen. Zu dieser relevanten Rolle und Funktion bei einem Rehabilitationsprozess von der Krankheit Sucht steht die als defensiv zu charakterisierende Haltung der InterviewpartnerInnen in einem eigentümlichen Kontrast. Am pointiertesten bringt dies IP1 zum Ausdruck, wenn sie ihre Tätigkeit als in einer „Übergangsgeschichte“ stattfindend vorstellt. Damit manifestiert sich die Übernahme einer von außen kommenden Einteilung des gesamten Prozesses der Rehabilitation von der Krankheit Sucht und ihren Folgen in ein „Eigentliches“ und in ein „Un-Eigentliches“. Zu letzterem gehöre die Soziale Arbeit („Übergangsgeschichte“ eben). Zu der Einteilung tritt noch eine Hierarchisierung. Die Therapie gilt implizit als etwas Höherwertiges, die Vorbereitung hierzu und die Nachsorge danach werden als Hilfevollzüge mit niedrigerem Status etikettiert. Die Unangemessenheit dieser Hierarchisierung kann man sich mit einem Gedankenexperiment verdeutlichen: Was geschähe, wenn das vermeintliche Höherwertige (Therapie) ohne die als herabgesetzt markierten Leistungen auskommen müsste? In Analogie der Befunde von Sommerfeld u. a. (2016) ist davon auszugehen, dass der Therapieerfolg wahrscheinlich mit dem Verlassen des Geländes der Fachklinik enden würde. Das angestrebte Ziel, die Abstinenz, würde verfehlt werden. Viel mehr Erfolgsaussichten wird der Gesamtprozess der Rehabilitation haben, wenn auch die Vermittlung und die Nachsorge fachlich angemessen ausgeübt werden. Insofern repräsentieren die Funktionen und Tätigkeiten der interviewten Fachkräfte relevante Ermöglichungsfaktoren für einen erfolgreichen Gesamtprozess und keine „quantité negligeable“ hierzu. Dies wurde auch schon lange davor vom Bundessozialgericht so gesehen, s. o. Dafür gibt es 5. Synthese 201 aber an keiner Stelle eine erkennbare Sensibilität auf Seiten der Interviewten. Dies ist somit begründungsbedürftig. Als ein erster Erklärungsversuch soll hier kurz das erläutert werden, was schon an anderer Stelle mit dem Neologismus „Burakumin- Syndrom“ bezeichnet wurde. Namensgeber ist eine soziale Gruppe, die in Japan relativ randständig leben musste und das gegen ihren Willen. Auf die ethnologischen Forschungen zu dieser Gruppe wird von Norbert Elias und John Scotson in ihrer Gemeindestudie verwiesen, die in den 1960er Jahren veröffentlicht wurde (deutsch: „Etablierte und Außenseiter“ von 1993, S. 24ff und S. 32f). Untersuchungsgegenstand der Studie waren zwei in einem Vorort einer Industriestadt Mittelenglands lebenden Gruppen, die sich hinsichtlich der soziodemographischen Merkmale (weiße englische Arbeiterschaft) ähnelten und sich nur hinsichtlich eines Merkmals unterschieden, der Wohndauer in dem Ort. Hierdurch konnte die eine Gruppe (Gruppe A) deutlich mehr an Machtressourcen aufbauen als die Angehörigen der anderen Gruppe (Gruppe B). Diese Machtressourcen wurden eingesetzt, u. a. zeigten sie sich in zahlreichen Praktiken von sozialer Diskriminierung und sozialem Ausschluss. Elias und Scotson zeigen auf, dass diese Praxis, die durch nahezu alle Angehörigen der Gruppe A gutgehei- ßen und getragen wurde, Folgen hatte für die Angehörigen beider Gruppen. Auf die Folgen, die dies für die Angehörigen der Gruppe A hatte, soll hier nicht eingegangen werden. Eine Folge für die Angehörigen der Gruppe B war, dass eine Reihe von ihnen die stigmatisierenden Zuschreibungen (in deren Kern ging es darin, dass die Tugendhaftigkeit pauschal abgesprochen wurde, die sich z. B. im Fleiß und in Sauberkeit zeigen solle) zu übernehmen begannen. Sie erkannten die Berechtigung der Zuschreibung eines inferioren Status an. Wichtiges Medium war dabei, überlegenen Machtmechanismen ausgesetzt gewesen zu sein. 5.4 Zur Sozialen Dimension 202 Eine ähnliche Bereitschaft beschreiben Elias und Scotson für die Gruppe der Burakumin in Japan. Auch sie erkennen die negativen Zuschreibungen durch Angehörige der Mehrheitsgesellschaft ihnen gegenüber an. Solche Mechanismen wurden an anderer Stelle als Identifikation mit dem Angreifer beschrieben, z. B. durch Anna Freud (1994) oder auch als „Stockholm-Syndrom“ bezeichnet. Und eine ähnliche Haltung lässt sich in den Selbstdarstellungen der drei Fachkräfte rekonstruieren. Der substantielle Beitrag, den die eigene Institution und die eigene Berufsgruppe zu einem gelingenden Rehabilitationsprozess leisten kann, wird zu einer „Übergangsgeschichte“ umdeklariert und nicht als zentrale Ermöglichungsressource für den gelingenden Reha-Prozess in seiner Gesamtheit gewürdigt. Die Zuschreibungen von mächtigen hegemonialen Akteuren sind offenbar nicht ohne Wirkung geblieben. 5.5 Interventionen Auch die eigenen Tätigkeiten, die eigenen Interventionen finden in allen Interviews keine explizite Benennung, oder wenn, dann nur umgangssprachlich. Dies obwohl alle Fachkräfte verschiedene methodische Weiterbildungen erfolgreich absolviert haben. Werden Interventionen genannt, dann erfolgt dies eher abgrenzend (z. B. nicht konfrontativ) und negativ formuliert. Im Lichte der Überlegungen zu implizitem Wissen und implizitem Beziehungswissen erscheint dies allerdings nachvollziehbar. Gleiches gilt für ein Fallverstehen (z. B. nach B. Müller) als Grundlage und Voraussetzung von Interventionen. Auch dies ist wieder nur implizit erkennbar, wird nicht expliziert. Auch findet sich in der Selbstdarstellung aller interviewten Fachkräfte kaum eine Würdigung dazu, dass die Wahrnehmung der Vermittlungsfunktion der Institution, in der sie arbeiten, alles 5. Synthese 203 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz andere als eine triviale Aufgabe ist. Dass eine Vermittlung in weiterführende Hilfen zustande kommt, dies ist ein sehr fragiler, ergebnisoffener Prozess, der einerseits leicht scheitern kann, der andererseits, will er erfolgreich enden, von den Fachkräften ein hohes Maß an sehr unterschiedlichen Kompetenzen abverlangt. 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz gegenüber den Ambivalenten In den drei Interviews zeigte sich eine große Heterogenität bei der Beschreibung der KlientInnen hinsichtlich ihrer Positionierung im sozialen Raum. So wird zum einen die Einschätzung vorgestellt, sie bewegen sich innerhalb eines Korridors des Üblichen und Normalen (was immer darunter verstanden werden kann). Zum anderen sei eine Tendenz erkennbar, wonach ein großer Teil von ihnen von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sei und wiederum einer anderen Gruppe soziale Isolation oder Marginalisierung drohe oder diese sich schon realisiert habe. Ebenfalls findet sich eine große Heterogenität bei den von den Fachkräften berichteten Motiven, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Hier zeichnet sich ab zunächst von zwei Gruppen auszugehen: Auf der einen Seite die sogenannten Motivierten, für die es für die Fachkräfte ein erkennbares eigenes Motiv gibt, die gegenwärtige Praxis des Konsums von psychotropen Substanzen zu reflektieren und sich Hilfe anzuvertrauen, wenn das eigene Konsummuster als „problematisch“ eingeschätzt wird. Dieser Gruppe stehen die Zwangs-Geschickten gegenüber, eine Gruppe, die nach Aussage der Interviewten eher wenig an eigener Motivation zur Veränderung zu erkennen gibt und als Grund für das Aufsuchen einer Beratungsstelle eine sanktionsbewehrte Aufforderung von anderen Institutionen, z. B. den Job-Cen- 204 tern, gem. den Leistungen von SGB II, benennt. Diese Gruppe zeige mehr oder weniger viel an Ambivalenz zu und Widerstand gegen eine mögliche Veränderung. Zu dem gebotenen fachlichen Umgang mit dieser zweiten Gruppe zeigen sich große Unterschiede in den geäu- ßerten Haltungen der drei Fachkräfte. IP3 betont die Notwendigkeit, auch diese Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, sie zu begleiten, im Sinne einer Suchtbegleitung. IP1 scheint dieser Haltung oder dieser Option nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber zu stehen. In ihrer Darstellung der Tätigkeiten und Aufgaben der Suchtberatungsstelle stellt sie aber die Aufgaben von Informationsvermittlung und Beratung, Motivierung und abschließender Vermittlung in weiterführende Hilfen in den Mittelpunkt, Suchtbegleitung wird gar nicht erwähnt oder als eine Zeitspanne begriffen, die nur wenige Woche dauere. Sie betont demgegenüber, man wolle die Betroffenen einladen, man wolle ihnen verschiedene Türen zeigen, durch die sie gehen können. Für sie liegen hinter diesen Türen aber immer abstinenzorientierte Maßnahmen. Dass zur Erreichung der Türen vielleicht auch Suchtbegleitung angezeigt sein könnte, dies wird so nicht dargestellt. Die Tätigkeit der Suchtbegleitung wird von ihr vielmehr als eine Ausnahme, denn eine Regel markiert. Eine weitere Variante stellen die geäußerten Vorgehensweisen von IP5 dar. Er scheint die Strategie der schnellen Vermittlung zu verfolgen, vielleicht verfolgen zu müssen. Dies wird im Interview leider nicht deutlich herausgearbeitet. Er scheint eine subjektive Konzeptualisierung entwickelt zu haben, wonach jedem neuen Klient, jeder neuen Klientin eine gewisse Anzahl von Gesprächen zugebilligt wird. Der Umfang wird von ihm mit 4 Gesprächen beziffert. Danach habe das Gegenüber eine Entscheidung für oder gegen weiterführende Maßnahmen zu treffen. Ihm für seinen Teil genüge diese Anzahl von Gesprächen um sich „ein Bild“ zu machen, das es ihm ermögliche zu entscheiden, welche Maßnahme hier indiziert sei. Was auf keinen Fall 5. Synthese 205 indiziert sein kann, dies sind weitere Gespräche, aufgrund der Ambivalenz des Gegenübers. Hier deutet sich ein gewisser Schematismus im Vorgehen an, der der Logik des Fallverstehens widerspricht. Ob dieses Vorgehen der Rehabilitation der KlientInnen, wie auch immer hergestellt, dient, daran sollen hier Zweifel angemeldet werden. Das Material gibt leider keine näheren Auskünfte darüber was IP5 hierzu motiviert haben mag, da er zu erkennen gibt, zu früheren Zeiten eine andere Praxis verfolgt zu haben. Zudem gibt er ausdrücklich zu erkennen, dass auch er Suchtbegleitung (oder problemorientierte Beratung) praktiziert. Die Diskrepanz zu seiner Vier-Gespräche- Strategie wird aber im Interview nicht explizit aufgenommen. Ob die Ressourcenrestriktionen, denen seine Einrichtung ausgesetzt ist, hier eine Rolle spielen, und er entsprechende Imperative von seiner Leitungsebene übernimmt und gutheißt um innere Dissonanzen zu vermeiden, dies muss hier ungeklärt bleiben. Gleicht man dieses Zwischenresultat mit neueren fachlichen Orientierungen zur Versorgung von Menschen mit substanzbezogenen Problemen ab, wie sie z. B. von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen formuliert wurden (Böhl u. a. 2010) so ergibt sich zunächst folgendes Bild: Das ethische und sozialpolitische Gebot, wonach die Durchführung von Hilfemaßnahmen möglichst auf die Bedürfnisse und Ressourcen der bzw. des Betroffenen abzustimmen seien, ist weitgehend anerkannt. Der „autonome Klient“, der selbst darüber entscheide, was sie oder er zur Wiederherstellung der Gesundheit oder zur Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben brauche, sei zu einer wichtigen Leitfigur der sozialpolitischen Diskussion geworden und finde zunehmend Eingang in die Gesetzgebung. Ein besonders deutliches Beispiel sei die Einführung des persönlichen Budgets in der medizinischen Rehabilitation (gem. § 17 SGB IX), so die Autoren (ebenda, S. 3). Es wird geschlussfolgert, die individuelle Hilfeplanung und die Intervention haben also zunächst einmal ganz eindeutig beim Bedarf 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz 206 eines Betroffenen anzusetzen und nicht beim Leistungsangebot eines Versorgungssystems (ebenda). Gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten müssen die Leistungserbringer die Möglichkeit haben, die Indikation für das jeweilige Hilfemodul zu erstellen und einzuleiten (Böhl u. a. 2010, S.12). Diese Ausrichtung am Bedarf der KlientInnen steht nun in einer eigentümlichen Diskrepanz zu den vor allem von IP1 und IP5 geschilderten Praktiken und Vorstellungen zur Auftragswahrnehmung und Aufgabendurchführung. Sieht man von individuellen Gegebenheiten und Abweichungen der beiden Fachkräfte ab, so ist der Blick auf das gerichtet, was im sozialen Feld der ambulanten Suchtkrankenhilfe, hier der Suchtberatungsstelle, die Herausbildung einer entsprechenden Haltung, eines entsprechenden Habitus und einer korrespondierenden Praxis begünstigen könnte. Anders gefragt, was begünstigt strukturell die hier identifizierbare Ambivalenz gegenüber der Praxis einer Suchtbegleitung (oder problemorientierten Beratung)? Die Interviewauswertung legt es nahe von vier Faktorenbündeln auszugehen, die selbst wiederum als untereinander interagierend einzuschätzen sind: Sie lauten: • Strukturelle Verantwortungslosigkeit: Budgetorientierung als Charakteristikum der deutschen Hilfelandschaft, • Unklarer Auftrag, • Die Notwendigkeit dokumentierbarer Erfolge zwecks Legitimation, • Individuelle Wahrnehmung von Ermessensspielräumen durch Fachkräfte. Sie werden im Folgenden kurz vorgestellt: 5. Synthese 207 Strukturelle Verantwortungslosigkeit: Budgetorientierung als Charakteristikum der deutschen Hilfelandschaft Als eine zentrale Rahmenbedingung für die beschriebenen Zustände ist die für die Finanzierung von personenbezogenen Dienstleistungen vorfindbare Budgetorientierung in der deutschen Sozialpolitik zu sehen (Heintze 2013, S. 364), zumal wenn es sich um Leistungen der sogenannten dritten Säule, Leistungen nach der Logik der Fürsorge, handelt. So ist für personenbezogene soziale Dienstleistungen nur in wenigen Bereichen eine Bedarfsorientierung vorgesehen, d. h. eine Orientierung des Umfangs der vorgehaltenen Hilfen an den Bedarfen der AdressatInnen. Eine entsprechende Bedarfsplanung sieht nur das SGB VIII, § 80, vor. In Deutschland dominiert hingegen die Budgetorientierung. Dies bedeutet, der Umfang, die Qualität und die Reichweite (in Dichteziffern pro 100.000 Einwohner gemessen) wird in der Regel nicht nach fachlichen Überlegungen und fachlichen Kriterien festgelegt, sondern nach rein budgetären Gegebenheiten. Fachfremde Akteure wie Kämmerer (kommunale Ebene) oder Finanzminister (Bundes- und Landesebene) legen eine bestimmte Haushaltssumme fest. Diese muss dann irgendwie verteilt und vorgehalten werden (Heintze 2013, S. 364). Dies ist in anderen Ländern, den skandinavischen Ländern, anders. Hier steht die Festlegung der Strukturqualität, wozu auch der Stand von methodischen Weiterbildungen zu zählen ist, für die Festlegung der Bedarfsermittlung am Anfang. Für die Festlegung der Strukturqualität sind wissenschaftliche Empfehlungen die Richtschnur. Ausgehend von einer so definierten Bedarfslage bei Zielgruppen wird der Bedarf, z. B. der Stundenaufwand einschließlich Finanzaufwand ermittelt. Dem schließen sich Überlegungen zur Finanzierung an (ebenda, S. 363f). Eine sich auch in den Interviews zeigende Folge dieser Budgetorientierung in Deutschland ist, strukturelle Aspekte werden personalisiert. Eine Manifestation davon ist, dass der Aspekt nach den Anforderun- 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz 208 gen an das Kompetenzprofil der Fachkräfte an diese in individualisierter Weise wegdelegiert wurde. Alle Befragten absolvierten methodische Weiterbildungen, z. T. mehrere. Die Auswertung der Interviews ergab, dass dies auf die Initiative der Fachkräfte hin geschah. Eine Verantwortung für die Tätigkeit von methodisch angemessen ausgebildeten Fachkräften lag so nicht mehr beim Arbeitgeber der Fachkräfte (Träger, Einrichtung) oder seinen Geldgebern (Kommunen, Länder), sondern bei den Fachkräften selbst. Die Folgen für die Beteiligten und Betroffenen werden hingenommen. Unklarer Auftrag Eingangs der Analyse wurde eine Einschätzung und eine Aufforderung an die Fachkräfte der Sozialen Arbeit vorgestellt. Um die Expertise der Sozialen Arbeit klarer herauszustellen sei es notwendig, „dass Sozialarbeiter ihre Tätigkeiten, sichtbarer machen und ihre Konzepte und Kompetenzen vermehrt in die fachliche Diskussion einbringen“ (Rometsch 2012, S. 152). Verbindet man hiermit die später vorgestellten Spezifika des Feldes, wonach innerhalb einer Rahmung eine relative Unbestimmtheit hinsichtlich der Auftragsdurchführung besteht, die als eine relative Unbestimmtheit über die Art und den Umfangs der Auftragserfüllung begriffen werden kann, dann ist der Auftrag somit als relativ mehrdeutig zu charakterisieren. Wenn der Auftrag eher mehrdeutig ist, dann werden es auch die Ziele und mit ihnen die Grade der Zielerreichung, oder des Erfolgs, sein. Vor diesem Hintergrund werden die Schwierigkeiten deutlich, der oben zitierten Aufforderung gerecht zu werden. Die im relevanten Umfeld der Fachkräfte vorfindbare Verantwortungsdelegation nimmt ihren Ausgang nicht nur im unklaren Profil hinsichtlich der Kenntnisse methodischer Fertigkeiten und der hierfür benennbaren Verantwortlichkeiten sondern auch in der verbindlichen Festle- 5. Synthese 209 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz gung der von der Institution zu erbringenden Leistungen, bzw. der an sie gerichteten Aufträge. Wie bereits erwähnt, als roter Faden durch alle drei Interviews zieht sich, dass die Suchtbegleitung offenbar fachlich sinnvoll ist oder sein kann und als eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Ankommen in stationären therapeutischen Maßnahmen angesehen werden kann. Dies ist insofern äußerst bemerkenswert, als diese konzeptionell nicht vorgesehen oder festgeschrieben ist. Nimmt man als Maßstab die Selbstdarstellungen der Einrichtungen, so ist festzustellen, dass dieses Angebot der Suchtbegleitung nicht zu den Angeboten gehört, die in der Außendarstellung explizit präsentiert werden (auch nicht die „problemorientierte Beratung“, eine genaue Klärung könnte nur durch Einblick in die Leistungsverträge erfolgen). Es scheint so, als müssten die Einrichtungen dieses wichtige Angebot verstecken. Dies ist erklärungsbedürftig. Einen Ansatz zur Erklärung dürfte die Art der Finanzierung liefern. Wie bereits erwähnt, die Suchtberatungsstellen werden auf der Basis einer sogenannten Fehlbedarfsfinanzierung durch die zuständige Kommune und das zuständige Bundesland unterstützt. Diese sieht aber nur einen bestimmten budgetären Umfang vor, möglicherweise in Verbindung mit einer Bezifferung der Stellen in Vollzeitäquivalenten von Fachkräften, z. B. drei Stellen für sozialarbeiterische Fachkräfte. Eher unklar bleiben aber im Vergleich damit die Art der zu erbringenden Leistungen und ihr jeweiliger Umfang. Dies wird in den Leistungsverträgen geregelt werden, die aber nicht öffentlich sind. Es besteht für die einzelnen Leistungsarten aber keine gesetzliche Verpflichtung gegenüber einem öffentlichen Träger, weder für die Art noch den Umfang, noch besteht eine Verpflichtung, hier einen Bedarf auf KlientInnenseite zu ermitteln. Eine gänzlich andere Situation und Struktur liegt bei Leistungen gem. SGB VIII vor. Hier wird z. B. für die sogenannten erzieherischen Hilfen gem. §§ 27ff SGB VIII ein 210 Katalog verschiedener Leistungen aufgezählt, der zudem qua Gesetz umfänglich definiert wird. Dabei ist der im Gesetz benannte Leistungskatalog nicht abschließend, andere Leistungen könnten hinzutreten. Weiter werden die Leistungen aufgrund der gänzlich anderen Finanzierungsstruktur in diesem gesetzlichen Rahmen auch einzeln abgerechnet, z. B. als sogenannte Fachleistungsstunde oder als sogenanntes prospektives Entgelt (im stationären Bereich). Der Rahmen wird durch ein Bundesgesetz und die Ausführungsgesetze der Bundesländer definiert, es wird ein verantwortlicher öffentlicher Träger benannt, der in der Gesamtverantwortung der zu erbringenden Leistungen steht, wozu auch die Bedarfsermittlung auf Seiten der AdressatInnen und KlientInnen gehört. All diese verbindlichen strukturellen Rahmungen fehlen im Fall der ambulanten Suchtberatungsstellen. Es ist plausibel anzunehmen, dass die oben vorgestellten Einschätzungen der interviewten Fachkräfte, auch die identifizierbaren Ambivalenzen in den Selbstdarstellungen, hiermit korrespondieren. Die befragten Fachkräfte übernehmen Verantwortung, wenn auch in unterschiedlicher Art und in unterschiedlichem Umfang, für eine Aufgabe, die unter fachlichen Gesichtspunkten als sinnvoll einzuschätzen ist, wie z. B. die Leistung der Suchtbegleitung (oder problemorientierte Beratung), für die es aber keinen expliziten Auftrag gibt. Die Übernahme dieses Auftrags wird so in das Ermessen der einzelnen Fachkraft gestellt und von diesen fallweise entschieden, Strukturelles wird so individualisiert, analog zu der beruflichen Weiterbildung, siehe oben. Für diese Praxis gibt es bisher keinen Begriff. Es zeigen sich aber klare Hinweise darauf, dass es sich hier um Manifestationen von Problemkonstellationen handelt, die mit dem Konzept des Tripelmandats (vgl. Staub-Bernasconi 2007a, S. 199ff) zusammenhängen, bzw. durch dieses abgebildet werden können. Da die Bindung der Fachkräfte an fachliche Orientierungen, in der hier relevanten Form nicht offen darstellbar ist, läuft die Forderung, Soziale Arbeit 5. Synthese 211 möge ihre Tätigkeiten sichtbarer machen, ins Leere. Es ist davon auszugehen, dass das Zusammenwirken der benannten Faktoren unterschiedliche Dynamiken begünstigt. Die Notwendigkeit dokumentierbarer Erfolge zwecks Legitimation Es zeigt sich in allen Gesprächen bei den Themen Umgang mit Widerstand und Umgang mit einer ambivalenten Haltung auf Seiten der KlientInnen ein Zielkonflikt, der die Frage nach den Möglichkeiten des professionellen Handelns berührt. Im Kern geht es um die Frage, was an Suchtbegleitung bei ungewissen Erfolgsaussichten geleistet werden soll und kann, wenn von relevanten Akteuren des Umfelds als „Erfolg“ eine Vermittlung in weiterführende Hilfen angesehen wird. Diese Dokumentier- und Vorzeigbarkeit lässt sich für die Suchtbegleitung nicht in Ansatz bringen. Gleichwohl ist von einem Bedarf nach „Handfestem“ auszugehen. Damit wird scheinbar nachvollziehbar und auch vorzeigbar, was gearbeitet wurde, vor allem angesichts der Notwendigkeiten, sich legitimieren zu müssen effektiv gearbeitet zu haben. Zu fragen ist auch, sind die Fachkräfte nicht in einer Verführungssituation? Warum sollten sie große Energien in die Arbeit mit den Ambivalenten geben, wenn von offizieller Seite von ihnen Vermittlung gefordert und erwartet wird, sie mit den Abstinenzfähigen zwecks Vermittlung arbeiten sollen, und gleichzeitig von dieser Gruppe ausreichend viele erreicht und betreut werden? Die Arbeit mit ihnen verspricht dokumentierbare Erfolge. Die Reserve gegen- über einem Sich-Einlassen auf eine Suchtbegleitung seitens einer Fachkraft ist insoweit mehrfach determiniert. Zu der unklaren Auftragslage der Einrichtung, die Suchtbegleitung nicht ausdrücklich nennt, tritt eine Ressourcenausstattung, die nicht nur nicht bedarfsorientiert ist, sondern konkret in den letzten Jahren zur Disposition 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz 212 stand oder reduziert wurde (so bei IP5). Es geht somit um die Frage der Rationierung von Hilferessourcen. IP5 hat dafür für sich eine wahrscheinlich individuelle, wenn auch schematische, Umgangsweise gefunden. Insofern wird hier eine dilemmatische Konstellation deutlich, die zwischen „Sparzwang“ und fachlicher Autonomie liegt (vgl. Arnold 2015). In der Ambivalenz gegenüber den Ambivalenten, die den höchsten Hilfebedarf haben, spiegeln sich die Folgen der Budgetorientierung und der unklaren Rahmung, z. B. im Vergleich zu Leistungen gem. SGB VIII. Dies wird aber nicht benannt, wahrscheinlich ist es nicht bewusst. Dann wäre es in die Haltung, den fachlichen Habitus (im Sinne Bourdieus) der Fachkräfte eingegangen. Und dies ist sicher kein Alleinstellungsmerkmal von Sozialer Arbeit im Allgemeinen, Sozialer Arbeit in Suchtberatungsstellen im Besonderen. Individuelle Wahrnehmung von Ermessensspielräumen durch Fachkräfte In Hinblick auf die mäandrierende Art von IP3, über Suchtbegleitung zu sprechen (z. B. 00:03:27, 00:06:53 hier mit Verweis auf eher abweisende Praktiken bei einer anderen Beratungsstelle), so ist es naheliegend anzunehmen, das Angebot der Suchtbegleitung ist unter Fachkräften, in Teams im Feld umstritten. Einige Fachkräfte halten es wohl für sinnvoll und realisieren es in ihrer Tätigkeit – auch IP1 und IP5 berichten davon –, andere Fachkräfte stehen dem ablehnend gegen- über, wahrscheinlich bei einigen auch aus Eigeninteresse. Es bedeutet mehr Aufwand, mehr Arbeit mit schwierigeren Menschen, anstrengendere Arbeit bei der Gefahr hierfür wenig Anerkennung zu bekommen. Es deutet sich an, dass sich hier der Befund von Wirth (1982, S. 139) realisiert, wonach die Hilfesuchenden mit dem größten Hilfebedarf, das wären hier die Ambivalenten, die Widerständigen und Unmotivierten, die geringsten Chancen auf eine Realisierung der Hil- 5. Synthese 213 fe haben. Dies stellte für die Leitungsebene, die ja auch eine fachliche Verantwortung wahrnehmen sollte, die Frage, wie damit umgehen? Es ist plausibel anzunehmen Suchtbegleitung kann nicht par ordre du Mufti durchgesetzt werden, zumal diese ja nur die Ebene der mit den Geldgebern explizit ausgehandelten Leistungen, die „offiziellen Leistungen“ wie Informationsvermittlung, Motivation, Beratung, Vermittlung, umfassen könnte. Die Regiemacht im Inneren ist in dieser Hinsicht begrenzt. Es bleibt nur das Commitment zu einer bestimmten Haltung, einer bestimmten fachlichen Orientierung. Sie lässt sich bei den Fachkräften, die diese Orientierung befolgen und einhalten sollen, nicht durch von außen einwirkende Machtmittel gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen. Das Commitment setzt Freiwilligkeit voraus, eine Selbstbindung der Fachkraft. Hiermit ist verbunden: Es ist die relative Autonomie in der Tätigkeitsdurchführung, über die die Fachkräfte in diesem Feld verfügen. Es ist die das Handlungsfeld konstituierende nicht vorhandene externe Kontrolle, die es nicht gibt und auch nicht geben darf. Insofern dürften die Fachkräfte jenseits der Selbstbindung durch keine Leitungsfachkraft steuerbar sein. 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz 215 6. Fazit Das Interesse dieser Untersuchung galt der Fragestellung: „Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Kontext des Aufgabenspektrums von ambulanter Suchthilfe wahr und wie bearbeiten sie diese?“ Die Erhebung war als explorative Erhebung angelegt. Hierzu wurden fünf sogenannte qualitative Interviews in Form von ExpertInneninterviews mit sozialarbeiterischen Fachkräften Suchtberatungsstellen durchgeführt. Drei davon wurden für die vorgestellte Datenauswertung herangezogen. Die Auswertungsmethodik war die sequentielle Analyse, die sich an der Methodologie der objektiven Hermeneutik orientierte, wie sie für die Auswertung von Interviewmaterial skizziert ist (vgl. Oevermann/Allert/Konau 1980; Wernet 2009). Die zentralen Ergebnisse der Auswertung müssen vor dem Hintergrund gesehen werden, dass alle drei Fachkräfte, deren Berichte und Einschätzungen Untersuchungsgegenstand sind, als erfahrene Fachkräfte einzuschätzen sind. Die Berufserfahrung für diese Tätigkeit lag zum Interviewzeitpunkt zwischen sechs Jahren und 28 Jahren. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass sie die Gegebenheiten des sozialarbeiterischen Handlungsfelds „ambulante Suchtkrankenhilfe“ in seiner Vielfalt kennengelernt haben. Als gemeinsames Muster findet sich in allen drei Interviews eine Orientierung an einem Berufsethos und eine Orientierung an professionellem Handeln. Dies ist einerseits gekennzeichnet durch eine Ori- 216 entierung an der je konkreten Lebenslage und den Belangen der Klientinnen und Klienten und dem programmatischen Bemühen, diese dort „abzuholen“ wo sie stehen. Dies ist weiter gekennzeichnet durch ein Ringen um die Realisierung von fachlicher Autonomie gegenüber bürokratischen Forderungen, die nicht durch fachliche Orientierungen gekennzeichnet sind und sich eher um die Einhaltung von Verwaltungsvorschriften bemüht sind. Diese Auseinandersetzung findet sich sicher nicht nur hier und sie wird schon seit einer Reihe von Jahren bestehen. In den Interviews wird deutlich, dass zum einen explizit eine programmatische Orientierung an der fachlichen Autonomie geäußert wird. Es wird geäußert, dass man das tue, was fachlich gesehen geboten und nötig sei. Dies wird aber konterkariert, durch die komplexen Gegebenheiten, die hier „Suchtbegleitung“ bezeichnet wurden. Deren Notwendigkeit wird nur von einer Fachkraft (IP3) explizit bejaht und beschrieben. Eine andere Fachkraft (IP5) gibt zu erkennen, dass Suchtbegleitung nicht mehr praktiziert werde, schildert aber in einer langen Interviewpassage, in der es um einen konkreten Fall geht, genau dies mit großem Erfolg für die Belange des Falls praktiziert zu haben. Ähnliches findet sich bei der dritten Fachkraft. Auf der performativen Ebene zeigt sich somit etwas, was als kognitive Verzerrung bezeichnet werden kann. Dies ergibt sich dadurch, dass eine bestimmte Hilfeform in konkreten Schilderungen als sinnvoll und fachlich angemessen beschrieben wird, auf der programmatischen Ebene diese aber keine Erwähnung mehr findet, faktisch unterschlagen wird. Als Erklärung für diese Diskrepanz bietet sich an davon auszugehen, dass dieser Hilfeansatz fachlich geboten sein mag, er sich aber nicht explizit in den Aufgabenbeschreibungen der jeweiligen Beratungsstellen findet, nimmt man die Selbstdarstellungen der Einrichtungen zum Maßstab. Die Fachkräfte finden sich somit in der als paradox zu bezeichnenden Situation etwas Sinnvolles, fachlich Gebotenes zu tun, ohne hier- 6. Fazit 217 zu einen expliziten Auftrag zu haben. Ihr formales Aufgabenspektrum wird durch den Dreiklang „Informationsvermittlung/Beratung, Motivation und Vermittlung“ definiert. „Suchtbegleitung“ wird so in etwas Informelles transformiert. Die Folge ist, ein Teil der geleisteten Hilfe kann nicht mehr selbstbewusst nach außen vertreten werden, muss also kaschiert werden. Implizit wird bei der Festlegung des Arbeitsspektrums davon ausgegangen, dass die Vermittlungsarbeit ein trivialer Prozess wäre, in dessen Rahmen es um die Vermittlung von Informationen, das Aufzeigen von Optionen oder das Ausfüllen von Formularen ginge. Dies ist aber auf der Grundlage sehr unterschiedlicher empirischer Quellen faktisch widerlegt. Sachlich geboten ist es vielmehr die Vermittlungsarbeit als nicht-trivialen Prozess aufzufassen und zu begreifen. Indem Suchtbegleitung sich nur im informellen Bereich realisieren kann, ist Soziale Arbeit auch daran gehindert darzustellen, was sie tatsächlich leistet. Es erscheint plausibel anzunehmen, dass die defensive Vermittlung eines Teils der eigenen Tätigkeiten von den Fachkräften nicht als bewusst verfolgte Handlungsstrategie zu betrachten ist, sondern als eine Handlungsstrategie begriffen werden kann, die sich hinter dem Rücken der handelnden Personen durchsetzt. Im Bourdieuschen Sinne kann es als habitualisierte Handlungsstrategie begriffen werden, indem sie strukturiert ist (oder strukturiert wurde) einerseits und andererseits strukturierend wirkt. Die sich im Interviewmaterial vorfindbare Ambivalenz um Suchtbegleitung kann zudem als verdeckte Auseinandersetzung um fachliche Autonomie, um Professionalität und um De-Professionalisierung aufgefasst werden. Es handelt sich somit um eine Manifestation jenes Komplexes, der hier nur grob mit der Chiffre des „dritten Mandats“, im Rahmen der theoretischen Überlegungen zu einem „Tripelmandat“ der Sozialen Arbeit, bezeichnet werden soll. Dies findet allerdings keinen adäquaten sprachlichen Ausdruck auf Seiten der befragten Fachkräfte. 6. Fazit 218 Der Grund für die enge Definition des Tätigkeitsspektrums für die Einrichtung liegt darin, dass der Leistungsauftrag und die Leistungsdurchführung der Institution ambulante Suchtberatung sehr unklar ist. Gleiches gilt für die Finanzierung. Im Unterschied zu den Leistungsgesetzen des Sozialgesetzbuchs wird hier keine verantwortlicher Träger und kein verbindliches Leistungsspektrum benannt. Dies eröffnet ganz sicher Spielräume für die eigene Autonomie, auch die fachliche Autonomie, bringt aber auch die benannte Kehrseite mit sich. Ein anderer Aspekt der professionalisierten Tätigkeit ist, dass es auf einem Expertentum und auf Wissen beruht. Das Expertentum zeigt sich in den Selbstäußerungen in vielfältiger Art und Weise. Bei der Wissensbasierung zeigten sich aber eine Reihe von Eigentümlichkeiten. So kann davon ausgegangen werden, dass bei den Fachkräften der Typus des impliziten Wissens und des impliziten Beziehungswissens von zentraler Bedeutung ist. Hierzu gehört auch, dass ein sozialarbeiterisches Proprium kaum seinen expliziten Ausdruck findet. Allenfalls der Verweis auf „Systeme“ könnte hier noch in Ansatz gebracht werden. Bei der Beschreibung der eigenen Aufgaben, der eigenen Tätigkeiten, bei der Beschreibung der KlientInnen und ihrer Problemlagen finden sich keine Verweise auf Wissensbestände oder Theoreme der Sozialen Arbeit. Dem korrespondiert, dass kein expliziter Bezug zur sozialen Dimension eines gelungenen Rehabilitationsprozesses in seiner Gesamtheit genommen wird, von dem Soziale Arbeit, die im Rahmen einer Suchtberatungsstelle geleistet wird, ein Teil ist. Entsprechend findet sich auch keine selbstbewusste Explikation der wechselseitigen Bedingtheit von psychischen Erkrankungen – die Krankheit Sucht (und mit ihr einhergehender Ko-Erkrankungen) kann als eine solche auch begriffen werden – und der sozialen Lage. Die soziale Verweisung der Sozialen Arbeit auf „Vermittlung“ bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der nicht sachhaltigen Fiktion von Vermittlungsarbeit als trivialem Prozess ist hiermit in Zusammenhang zu 6. Fazit 219 bringen. Der Dimension der Dominanz des impliziten Wissens ist auch noch hinzuzurechnen, dass es keine expliziten Verweise auf die eigenen fachlichen Interventionen gibt, dies der eigenen Ausbildung und den beruflichen Weiterbildungen zum Trotz. Die Auswertung der Interviews mit den drei Fachkräften liefert Erkenntnisse zur Dynamik in einem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit hohem gesellschaftlichem Stellenwert, betrachtet man die Epidemiologie der Krankheit Sucht. Die vorgestellten Befunde sind erste Ergebnisse, die der weiteren Validierung und der empirischen Sättigung bedürfen. Als denkbare und naheliegende nächste Schritte bieten sich an, weitere Fachkräfte des gleichen Einrichtungstyps zu interviewen. Eine nächste Stufe könnte sein, diese Interviews auch mit Fachkräften aus anderen Bundesländern zu führen, um den vorläufigen Zwischenstand zu modifizieren oder zu validieren. Weiter ist an Interviews mit jüngeren Fachkräften zu denken. Ein letzter Schritt könnte auf der dann vorliegenden Erkenntnisbasis darin bestehen, Interviews mit Fachkräften der Sozialen Arbeit in einem anderen Arbeitsfeld (nicht Sucht, nicht Psychiatrie) zur Validierung durchzuführen und auszuwerten. 6. Fazit 221 Literatur Abbott, Andrew (1988): The System of Professions. An Essay on the Division of Labor. Chicago und London: University Press Chicago Amering, Michaela, Schmolke, Margit (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. Bonn: Psychiatrie-Verlag Arnold, Thomas (2014): Sozialpolitik. In: Günter J. Friesenhahn, Daniela Braun und Rainer Ningel (Hg.): Handlungsräume Sozialer Arbeit. Ein Lern- und Lesebuch. Opladen: Budrich, S. 212–222 Arnold, Thomas (2015): Zur Debatte um die Ökonomisierung von sozialen Dienstleistungen. In: Forum Supervision, Heft Nr. 46, S. 30–45 Arnold, Thomas, Korndörfer, Gundolf, (1993): Modellprogramm Aufsuchende Sozialarbeit für langjährig Drogenabhängige. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung. Schriftenreihe des Bundesministeriums für Gesundheit, Bd. 15. Baden-Baden: Nomos Arnold, Thomas, Schmid, Martin, Simmedinger, Renate (1999): Suchthilfe im Krankenhaus: Endbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bundesmodellprogramms „Drogennotfallprophylaxe/Nachgehende Sozialarbeit“. Das Bundesministerium für Gesundheit (Hrsg.). Baden-Baden: Nomos Becker-Lenz, Roland; Müller, Silke (2009a): Die Notwendigkeit von wissenschaftlichem Wissen und die Bedeutung eines professionellen Habitus für die Berufspraxis der Sozialen Arbeit. In: Roland Becker- 222 Lenz (Hg.): Professionalität in der sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag Becker-Lenz, Roland, Müller, Silke, (2009b): Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen eines Professionsideals. Lang: Berlin u. a. BMG (2019), Bundesministerium für Gesundheit. Gesundheitsgefahren. Sucht und Drogen. In: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/sucht-und-drogen.html, zuletzt eingesehen am 8.12.2019 Bogner, Alexander (2009): Experteninterviews. Theorien, Methoden, Anwendungsfelder. 3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag Böhl, Hans, Koch, Andreas, Leune, Jost, Redecker, Thomas (2010): Suchthilfe im regionalen Behandlungsverbund. Bestandsaufnahme und Entwicklungspersektive. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.). Hamm Bohnsack, Ralf (2003): Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 5. Aufl. Opladen: Leske + Budrich Brast-Ulrich, Friedemann (2010): Inhaltliche, strukturelle und ökonomische Notwendigkeiten einer integrierten Versorgung aus Sicht der ambulanten Suchthilfe. Fachverband Sucht. Heidelberg. Online verfügbar unter www.sucht.de/tl_files/pdf/veranstaltungen/…/brastulrich_f6.pdf, zuletzt geprüft am 01.07.2018 Braun, Barbara, Specht, Sara, Thaller, Rebecca, Künzel, Jutta (2016): Deutsche Suchthilfestatistik 2016. Tabellenband für ambulante Beratungs- und/oder Behandlungsstellen, Fachambulanzen und Institutsambulanzen (Typ 3 und 4). Bezugsgruppe: 3 Alle Betreuungen mit Einmalkontakte. Institut für Therapieforschung. Online: https://www. suchthilfestatistik.de/dshs/aktuelles/detailansicht/a/detail/News/ tabellenbaende-datenjahr–2016-verfuegbar.html, zuletzt eingesehen am 15.11.2018 Literatur 223 DHS 1999, Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (1999): Leistungsbeschreibung für ambulante Beratungs- und Behandlungsstellen der Suchtkrankenhilfe. Erstellt vom Institut für Therapieforschung (IFT), Hamm DHS 2000, Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (2000): Situation und Perspektiven der Suchtkrankenhilfe. Positionspapier 2001, Hamm Dilling, Horst (2011): Taschenführer zur ICD–10-Klassifikation psychischer Störungen. Mit Glossar und diagnostischen Kriterien ICD– 10: DCR–10 und Referenztabellen ICD–10 v.s. DSM-IV-TR. 5. Bern: Huber Elias, Norbert, Scotson, John (1993): Etablierte und Außenseiter. Frankfurt am Main: Suhrkamp Fankhänel, Thomas; Klement, Andreas; Forschner, Lukas (2014): Haus- ärztliche Intervention für eine Entwöhnungs- Langzeitbehandlung bei Patienten mit einer Suchterkrankung (HELPS). In: Sucht Aktuell (2), S. 55–59 FDR 2005, Fachverband Drogen und Rauschmittel (Hrsg.), (2005): Mindeststandards der ambulanten Suchthilfe. Vorschläge des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel e.V. zu den Arbeitsgrundlagen von ambulanten Hilfen für Suchtkranke: Hannover Freud, Anna, (1994): Die Identifizierung mit dem Angreifer. In: Dies.: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Frankfurt am Main: Fischer Gigerenzer, Gerd (2008): Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: Goldmann Hahne, Frank, Molter, Ingo (2016): „Hast du einmal zwei Minuten Zeit?“ – Ein Beitrag zur Beratung zwischen Tür und Angel. In: Hollstein- Brinkmann, Heino, Knab, Maria (Hrsg.), Beratung zwischen Tür und Angel, Professionalisierung von Beratung in offenen Settings. Wiesbaden: Springer, S. 91–112 Literatur 224 Hansjürgens, Rita (2018): „In Kontakt kommen“. Zur Rekonstruktion der Entstehung einer Beziehung zwischen Fachkräften der Sozialen Arbeit und ihren Klient_innen in einer Suchtberatungsstelle. Baden-Baden: Tectum Heiner, Maya (2004): Professionalität in der sozialen Arbeit: Theoretische Konzepte, Modelle und empirische Perspektiven. Stuttgart: Kohlhammer Heintze, Cornelia (2013): Auf der Straße des Erfolgs: Rahmenbedingungen, Umfang und Finanzierung kommunaler Dienste im deutschskandinavischen Vergleich. Marburg: Metropolis Helfferich, Cornelia (2011): Die Qualität qualitativer Daten. Manual für die Durchführung qualitativer Interviews. 4. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag Hollstein-Brinkmann, Heino (2016): Herstellung und Definition der Türund-Angel-Situation – oder: Wann ist ein Gespräch Beratung? In: Hollstein-Brinkmann, Heino, Knab, Maria (Hrsg.), Beratung zwischen Tür und Angel, Professionalisierung von Beratung in offenen Settings. Wiesbaden: Springer, S. 17–47 IHRA (2010), International Harm Reduction Association. Was ist Harm Reduction? Eine Erklärung der International Harm Reduction Association. In: https://www.hri.global/files/2010/06/01/Briefing_What_ is_HR_German.pdf, zuletzt eingesehen am 8.12.2019 Kemper, Ulrich (2008): Der Suchtbegriff. Versuch einer Annäherung. In: Jahrbuch Sucht. Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (Hrsg.). Geesthacht: Neuland, S. 210–226 Klein, Michael, (2012): Soziale Arbeit in der Suchthilfe – verkannt, unbekannt, unverzichtbar oder was? In: Suchttherapie 13 (04), S. 153–154. Körkel, Joachim, Nanz, Matthias (2016): Das Paradigma Zieloffener Suchtarbeit. In: akzept e.V., Deutsche AIDS-Hilfe, JES e.V. (Hrsg.). 3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016. Pabst Science Publishers: Lengerich, S. 196–204 Literatur 225 Körkel, Joachim, Kruse, Gunther (1993): Mit dem Rückfall leben. Abstinenz als Allheilmittel? Bonn: Psychiatrie-Verlag Kraimer, Klaus (2007): Die Einzelfallstudie. Unveröffentlichter Studienbrief. HTW, Saarbrücken Krasney, Otto Ernst (1984): Sozialrechtliche Vorschriften bei der Betreuung Suchtkranker. Hrsg. vom Gesamtverb. für Suchtkrankenhilfe. Kassel: Nicol Kreis, Sebastian (1985): Die Kategorie „Beziehung“ in der Kommunikationsanalyse. Eine linguistische Untersuchung zur Bedeutung des Beziehungsaspektes. Zürich Legnaro, Aldo (1991): Rausch und Sucht als Kulturphänome in MAGS: Prävention zwischen Genuss und Sucht, Düsseldorf, S. 21–27 Moch, Matthias (2012): Die Lücke. Implizites Wissen und das Theorie- Praxis-Verhältnis. In: neue praxis 42 (6), S. 555–565 Müller, Burkhard (2012): Sozialpädagogisches Können. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. 7. überarb. und erw. Aufl. Freiburg im Breisgau: Lambertus Neuweg, Georg Hans, (1999): Könnerschaft und implizites Wissen. Zur lehr- und lerntheoretischen Bedeutung der Erkenntnis- und Wissenstheorie Michael Polanyis, Münster: Waxmann Neuweg, Georg Hans, (2015a): Das Schweigen der Könner. Strukturen und Grenzen des Erfahrungswissens. In: Ders.: Das Schweigen der Könner. Gesammelte Schriften zu implizitem Wissen. Münster: Waxmann, S. 19–36 Neuweg, Georg Hans, (2015b): Lehrerhandeln und Lehrerbildung im Lichte des Konzepts des impliziten Wissens. In: Ders.: Das Schweigen der Könner. Gesammelte Schriften zu implizitem Wissen. Münster: Waxmann, S. 209–227 Literatur 226 Nolte, Frank, (2007): „Sucht“ zur Geschichte einer Idee in. In: Dollinger, Bernd; Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Suchtforschung. S. 47–58 O’Brian, Charles P.; Volkow, Nora; Li, T-K (2006): What’s in a Word? Addiction Versus Dependence in DSM-V. In: Am J Psychiatry 2006, S. 764–765 Oevermann, Ulrich (1996): Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In: Arno Combe und Werner Helsper (Hg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 70–182 Oevermann, Ulrich, Allert, Tilman; Konau, Elisabeth, (1980): Zur Logik der Interpretation von Interviewtexten. Fallanalyse anhand eines Interviews mit einer Fernstudentin. In: Heinze, Thomas, Klusemann, Hans-W. und Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.): Interpretationen einer Bildungsgeschichte. Überlegungen zur sozialwissenschaftlichen Hermeneutik. Bensheim: Päd.-extra-Buchverlag, S. 15–69 Oevermann, Ulrich; Allert, Tilman; Konau, Elisabeth; Krambeck, Jürgen (1979). Die Methodologie einer „objektiven Hermeneutik“ und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.): Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Stuttgart: Metzler, S. 352–434 Parsons, Talcott (1951): The Social System. Glencoe: Free Press Polanyi, Michael (1985): Implizites Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp Preuß-Ruf, Ulrike (2012): Ambulante Suchthilfe in Psychosozialen Beratungsstellen. In: Hans Joachim Abstein und Sigmund Gastiger (Hg.): Methoden der Sozialarbeit in unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Suchthilfe. Freiburg im Breisgau: Lambertus, S. 53–70 Rometsch, Wolfgang (2012): Nur multidisziplinär kann Suchthilfe geleistet werden. In: Suchttherapie (13) Heft 4, S. 152 Literatur 227 Rüegger, Cornelia (2011): Die soziale Dimension psychischer Krankheit und Gesundheit. Eine handlungstheoretische Wissensbasis der Klinischen Sozialen Arbeit in der Psychiatrie. Coburg: ZKS-Verlag Scheerer, Sebastian (1995): Sucht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Schmid, Martin (2003): Drogenhilfe in Deutschland: Entstehung und Entwicklung 1970–2000. Frankfurt am Main: Campus Sommerfeld, Peter; Dällenbach, Regula; Rüegger, Cornelia (2016): Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis. Wiesbaden: VS-Verlag Sommerfeld, Peter; Hollenstein, Lea; Calzaferri, Raphael (2011): Integration und Lebensführung. Ein forschungsgestützter Beitrag zur Theoriebildung der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag Spode, Hasso (1993): Die Macht der Trunkenheit: Kultur und Sozialgeschichte des Alkohols in Deutschland; Opladen: Leske und Budrich Staub-Bernasconi, Silvia (2007a): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis – Ein Lehrbuch. Bern: Haupt Staub-Bernasconi, Silvia (2007b): Vom beruflichen Doppel-zum professionellen Tripelmandat. Wissenschaft und Menschenrechte als Begründungsbasis der Profession Soziale Arbeit [PDF]. Abgerufen von http://www.avenirsocial.ch/de/p42000233.html Streek, Ulrich (2013): Implizites Beziehungswissen. In: Psychotherapeut (58), Heft 2, S. 143–151 Stern, Daniel N., u. a. (The Boston Change Process Study Group) (2012): Veränderungsprozesse. Ein integratives Paradigma. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel Watzlawick, Paul; Beavin, Janet H.; Jackson, Don D. (2007): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. 11., unver- änd. Aufl. Bern: Huber Literatur 228 Literatur Wernet, Andreas (2009): Einführung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. 3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag Wirth, Wolfgang 1982, Inanspruchnahme sozialer Dienste. Bedingungen und Barrieren. Frankfurt/Main: Campus 229 Anhang 1. Interviewleitfaden 2. Interviewtranskription IP3 3. Interviewtranskription IP1 4. Interviewtranskription IP5 230 Anhang 1: Interviewleitfaden Die Unterkapitel gliedern die inhaltliche Erwartung an die Gesprächsinhalte. Die formulierten unterstrichenen Fragen dienen als gesprächsgenerierender Leitfaden, die ggf. durch gezieltes Nachfragen (z. B. mit Hilfe der nicht unterstrichenen Fragen) weiter präzisiert werden können. Gesprächseinstieg Wie kam es, dass Sie zur Suchthilfe gekommen sind? Was sind ihre Aufgaben hier? Welche anderen Aufgaben gibt es hier noch? Was sind Ihre Aufgaben hier? Gibt es noch andere Aufgaben? Wer nimmt die wahr? Tätigkeitsleitende Haltung insbes. gegenüber den Klienten Klienten Wie würden Sie ihre Klienten beschreiben? Was für Probleme haben die Klienten? Was leitet Sie in ihrer Arbeit? Was sind Herausforderungen? Gestaltung eines Arbeitsbündnisses Wie kommen die Klienten zu Ihnen Was tun Sie mit ihren Klienten? Was ist auf jeden Fall zu tun und was ist auf jeden Fall zu vermeiden? Wann und wie beenden Sie einen Kontakt? Anhang 231 Wissensbasis Was qualifiziert Sie für diese Arbeit? Was von dem, was Sie hier machen, haben Sie wo gelernt? Was brauchen Sie noch? Welches sind zentrale (Wissens-)Quellen für ihre Arbeit? Das Spezielle der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe Wenn Sie jemanden einstellen, was muss der auf Jeden Fall mitbringen und was würde sie erschweren? Was ist für Sie typisch sozialarbeiterisch? Was da von findet sich hier? Wie sehen Sie sich in ihrer fachlichen Rolle auf politischer und kooperativer Ebene? (Mehrebenenansatz der sozialen Arbeit)? Erfolg und Qualität Wie wird Erfolg definiert? Wie sehen Sie das, wie sehen andere das? Welche sozialarbeiterischen Handlungen tragen zu bei? Was ist für Sie Qualitätsvolle (Soziale) Arbeit? Wie kann diese ermöglicht werden? Was befähigt die Institution, dass diese Arbeit geleistet werden kann? Sehen das alle im Team so? Was unterscheidet soziale Arbeit von anderen professionellen Helfern im Feld der ambulanten Suchthilfe? Gesprächsende Was ist ihnen wichtig in ihrer Arbeit? Was möchten Sie noch sagen? Anhang 1: Interviewleitfaden 232 Anhang 2: Interviewtranskription IP3 Transkriptionsregeln in Anlehnung an Bohnsack, 2003 //mhm// Hörersignal (.) Pause,ca 1 Sek (.)(.)(.)(.) Pause ca 4 Sek ┘ Überlappendes Sprechen am Ende └ Überlappendes Sprechen am Anfang @(.)@ kurzes Auflachen S.I.: Wie Sind Sie zur Suchthilfe gekommen, wie kam das eigentlich? #00:00:40–6# IP3: Ja(.)das ist, das ist glaub ich gar nicht so einfach zu beantworten. Also ich hab mich für Sozialarbeit erst so über Umwege, weil ich auch nicht so genau wusste was ich machen sollte und bin dann quasi erst so zum Ende des Studiums so in die Suchthilfe geraten. Ich hab die Diplomarbeit über Straßenprostituierte in X geschrieben und das fand ich (.) äußerst spannend erst mal in dem Feld zu gucken, weil wir mit vielen Hilfsorganisationen da zusammengearbeitet haben. Interviews geführt haben, mit verschiedenem Klientel und darüber hab ich so – son bisschen Einblicke bekommen und hab mich dann direkt auch für das Anerkennungsjahr in der Suchthilfe entschieden und bin bis heute dabei geblieben.((lacht)) #00:01:32–9# S.I.: und waren Sie schon immer nur in dieser Einrichtung oder waren Sie auch in anderen Einrichtungen? IP3: Ne ich war auch in anderen Einrichtungen. Also ich hab eigentlich einmal so die Behandlungskette durch, wenn man das so sagen kann@(.)@ Also ich hab angefangen im Anerkennungsjahr inner Entgiftung – qualifizierte Entgiftung für Kinder und Jugendliche, bin dann inner Beratungsstelle gewesen, die eher aber auch nieder- Anhang 233 schwellige Arbeit angeboten hat mit som Treffpunktcafé ähm(.) hab dann(.)ähm(.) inner Fachklinik für Alkohol- und Medikamentenabhänge, hab da auch ne therapeutische Zusatzausbildung gemacht in der Zeit und bin jetzt seit gut drei Jahren hier in der Beratungsstelle. S.I.: //mhm// was sind jetzt hier ihre Aufgaben hier in der Beratungsstelle? #00:02:11–0# IP3: Vor allen Dingen Beratung. Also es geht darum, (.)ähm Erstgespräche zu führen Klienten, erstmal natürlich zu schauen im im Ersten, wo wo stehen sie, wo wo wo wollen sie auch hin, woher kommen sie denn, zu klären was notwendig, Vermittlung, also Vermittlung natürlich auch je nach dem wohin, also kommt auf die Problembereiche an: Entgiftung, in Therapien je nachdem wie die Problemfelder sind auch Schulden, Jugendamt manchmal auch in die Richtung. Wir haben aber auch sone Art dauerhafte Betreuung, das heißt Klienten, die schon sehr lange da sind oder vielleicht auch chronifizierter sind als andere, da ne langfristigere Begleitung anzubieten also bisschen differenzierter noch von Beratung sondern wirklich eher in die Begleitung vielleicht auch schon n Stück weit niedrigschwelliger zu gucken, nicht immer so den ähm abstinenzorientierten Fokus zu haben also manchmal wirklich da gehts wirklich auch wirklich auch um Schadensreduzierung. #00:03:27–2# S.I.: Ahja Gibts hier in der Beratungsstelle auch noch andere Aufgaben als das was Sie jetzt beschrieben haben? #00:03:33–2# IP3: Ja es gibt die ambulante Reha noch.(.) Also als ein ein wichtigen Bereich auch. Also zwei Mitarbeiter führen hier die ambulante Reha durch. Wir haben zwei Gruppen im Moment, eine in Y. eine in Z. Sonst sind wir(.) vorrangig für die Beratungsarbeit zuständig. #00:03:52–6# S.I.: Und wie unterscheidet sich die ambulante Reha von der Beratungsarbeit? Was würden Sie sagen sind die prägnantesten Unterscheidungsmerkmale? #00:03:57–7# Anhang 2: Interviewtranskription IP3 234 IP3: ähm(.)Also erstmal ist das Setting n‘ anderes, weil Beratung findet in der Regel im Einzelgespräch statt.ähm Ambulante Reha ist ausschließlich in der Gruppe mit begleitenden Einzelgesprächen aber natürlich der Fokus in der Gruppe ähm Ich sag mal ambulante Reha geht n Stück weit tiefer in den Gesprächen. Also da gehts wirklich nochmal um vielleicht auch so analytische Aspekte. Nochmal so zu gucken auch so biographische Zusammenhänge zu gucken, Übertragung, Gegenübertragung mit rein zu bringen. Son Stück weit vielleicht auch noch mal deutlicher in die Muster der Klienten zu gehen, auch in die Suchtmuster und in die Suchtsysteme des Klienten zu gehen. (.) Beratung ist eher wenn die Klienten zum ersten Mal kommen, auch sone Klärungs ja sone Klärungs- und Informationsvermittlung auch eher, wobei wir vielleicht, also ich würd schon fast sagen bisschen anders als auch andere Beratungsstellen arbeiten schon auch äh(..) mh (.) also ich sag mal so therapeutische Aspekte lassen sich ja eh nicht ausklammern, aber schon auch son anderen Blick haben, weil wir auch alle ne therapeutische Zusatzqualifikation noch haben. Also vielleicht da noch mal an der Stelle nochmal (.) nochmal anders gucken. #00:05:18–9# S.I.: Könn Sie das vielleicht an nem Beispiel nochmal deutlich machen, was Sie meinen mit „anders gucken“? #00:05:22–5# IP3: @(.)@ #00:05:24–2# S.I.: Also ich hab verstanden, es ist nicht so oberflächlich sag ich mal, es geht auch schon in die Tiefe, aber anders in die Tiefe als bei der ambulanten Reha, das hab ich so verstanden. #00:05:31–0# IP3: Also ich hab auch schon mal in ner anderen Beratungsstelle gearbeitet wo es wirklich rein um Kontakt – was wollen Sie und Vermittlung ging. Also so ne es ist natürlich auch immer sehr mitarbeiterspezifisch auch aber wir gucken schon sehr genau, was bieten wir auch an und prüfen auch genau, was in Frage kommt und wenn wir anderer Meinung sind als die Klienten dann gehen wir auch schon Anhang 235 mit in die Auseinandersetzung und die Diskussion, das ist für viele ja auch schon ne ne mit ne Hürde, weil das vielleicht auch schon (.) (.) auch schon(.)Dinge sind, die die ähm die ihnen schwer fallen. Es geht nicht einfach nur darum ne Entscheidung zu treffen, sondern son Stück auch weit zu gucken (.) auch wo (.) wie sind Sie denn zu dem Mensch geworden, der Sie nun auch heute sind(.)(.) vielleicht auch Stück weit auch nach Ressourcen zu gucken, aber genauso gut nach den nach den Schwierigkeiten zu gucken, wo können wir da ansetzen. Es geht nicht rein zu gucken ok – Problem und das greifen wir an.@(.)@ sag ich mal so Also Schulden und ähm und ist nun mal ne Folge des Konsums und dann schicken wir ihn mal in die Schuldnerberatungsstelle. Wir gucken, vielleicht n Stück weit dahinter. Ich weiß nicht #00:06:53–5# S.I.: Auch son Muster so ne Mustererkennung versuchen, warum passiert das immer mit den Schulden zum Beipiel (.)(.) #00:07:00–7# IP3: //mhm// Auch so, so das System nochmal mit anzugucken. Ich glaube das ist nochmal auch n Stück weit mit wichtig. Wir gucken sehr was sind auch so Ressourcen: im Umfeld, im sozialen Umfeld, in der Familie aähm oder anderweitig zu gucken, ok was können die für sich auch nutzen. Wir sind , wir legen sehr viel Wert auf Beziehungsarbeit #00:07:26–2# S.I.: //mhm// jaha ok. Wir waren ja gestartet mit der Frage so was ist der Unterschied zwischen ambulanter Reha und Beratung, da haben Sie gesagt, ambulante Reha geht tiefer, geht mehr in die Muster ähm meinen Sie das geht mehr intrapsychisch, auf die psychische Ebene während Beratung mehr das Umfeld, das Ganze bezieht, kann man das so sagen oder ist das noch was anderes? #00:07:52–6# IP3: Ja ich glaube Beratung ist ja erstmal so zu gucken, ok. wer sitzt da überhaupt vor mir? Was bringt der mit, also erstmal son Blick drauf zu verschaffen, um (.)(.)(.) ja ich glaube auch so die verschiedenen Aspekte und Lebensbereiche mit anzuschauen. Das hört sich Anhang 2: Interviewtranskription IP3 236 Anhang jetzt wirklich sehr theoretisch an, also wer sitzt da eigentlich vor mir, was bringt der mit und was fehlt vielleicht auch. #00:08:28–0# S.I.: So den ganzen Menschen mit all seinen Lebensbereichen anzuschauen, #00:08:32–6# IP3: Jaha soweit er bereit ist, das auch mit uns zu erleuchten. #00:08:38– 8# S.I.: Ja ok, das ist ja ne Frage des Prozessen und der Beziehung oft auch, oder? #00:08:39–7# IP3: Also ich glaube die Beratung unterscheidet sich son Stück auch, wir gucken, wir ertasten erstmal @(.)@ Ähm wobei es in der Reha schließt sich das nicht aus, aber in der Reha gehts dann einfach ‘n Schrittchen therapeutischer zu und intensiver zu in der Auseinandersetzung.(.)Vielleicht auch n Stück konfrontativer kann man vielleicht auch in dem Felde sagen. #00:09:08–4# S.I.: In der Reha gibts ja n klares Ziel: Abstinenzorientierung #00:09:12– 6# IP3: Ja – Reha ist natürlich auch noch mal, Reha ist ganz klar Abstinenz. Voraussetzung erst mal für die Reha und natürlich auch Ziel. #00:09:21–2# S.I.: Ah ja – ja (.)(.) Das es geht darum ein bestimmtes Verhalten zu stabilisieren in der Reha #00:09:27–2# IP3: Oder herbeizuführen, viele sind ja noch nicht stabil abstinent. #00:09:31–4# S.I.: Ja ok – aber zu stabilisieren, während in der Beratung ist erstmal alles möglich an Ambivalenz #00:09:41–5# IP3: Na ja, die bringen ja ihre Ambivalenz mit , die dürfen ja erstmal alle kommen, so wie sie sind, und die dürfen so sein, wie sie sind. Das ist ja in der Reha erstmal auch nicht anders. Aber ich finde das ganz schwierig zu erklären, was so die die ähm(.)(.)(.)(.)(.) Ich würd son Stück weit auch mal sagen, das ist so hier die Vorarbeit(.) (.) #00:10:24–8# 237 Anhang 2: Interviewtranskription IP3 S.I.: Jaha(.)(.)(.)sehen die Art und Weise der Hilfe, wie Hilfe passieren kann, hinzuführen, damit sie bereit sind IP3: Jaaa genau R.H.: Etwas lineareren Prozess, nen zielfokussierteren Prozess in Richtung Stabilisierung der Abhängigkeit, könnte man das so sagen? IP3: Ja, das kann man schon so sagen. Es geht natürlich auch zu gucken, also in der Beratung gucken wir erst mal was wollen die Menschen (.) und wollen sie denn überhaupt Abstinenz. Ist das denn überhaupt vorstellbar und das ist natürlich bis die ambulante Reha anfängt schon abgeklärt weil sonst zum Beispiel, ambulante Reha können wir sonst gar nicht durchführen. Also wenn die Motivation und der Abstinenzwille nicht gefestigt ist ähm dann bieten wir keine ambulante Reha an, dann bieten wir vielleicht andere Möglichkeiten an oder ne langfristige Betreuung um vielleicht dahin zu kommen, aber das ist schon die Bedingung dafür und das ist ja erstmal in der ersten Klärungsphase, wenn man an die Klienten denkt, die so es erste kommen. Wir haben ja viele Klienten, die immer wieder kommen aber so an die ersten kommen, dann gehts erstmal darum, zu prüfen, wo stehen die denn überhaupt, was bringen die mit, sind die überhaupt freiwillig hier, kommen die auch geschickt ähm was ist sone Eigenmotivation und wo soll denn die Reise hingehen. Manche wollen ja auch einfach nur ihr Gespräch hier absolvieren, damit sie die Terminbestätigung bekommen und sie dann wieder gehen können. Da gehts überhaupt nicht um ne Veränderung. #00:11:43–9# S.I.: //mhm// (.) und das dürfen die auch? #00:11:46–1# IP3: Ja((lacht)) Dann sind se ja schon hier. ((lacht)) Dann sind se schon hier. Also wir machen nicht sowas, dass wir sagen ok nur weil Sie ihre Terminbescheinigung brauchen bieten wir ihnen jetzt mal fünf Gespräche oder n halbes Jahr Gespräche an, wenn das Ihre Auflage ist sondern wir ähm gucken schon, was steckt denn auch dahinter. Ist da irgendein Wunsch auch sich überhaupt mit der Abhängig- 238 keit oder mit der Suchtproblematik überhaupt zu beschäftigen. Sonst beenden wir das auch. Dann sagen wir: Das ist nicht das passende Angebot für Sie. #00:12:20–8# S.I.: Also das gibts auch, dass Sie Kontakte beenden? #00:12:23–0# IP3: Ja, das gibts auch, das gibts auch((lacht)) #00:12:27–7# S.I.: wenn jemand gar keine Kooperation zeigt oder irgendwie gar nicht äh #00:12:34–1# IP3: nichts für sich erreichen will und auch bezüglich dem Thema und dem Leben was verändern will und also dann(.) dann(.) können wir nichts für diese Menschen tun. #00:12:40–6# S.I.: //mhm// ja ok ähm was würden Sie denn sagen, was Ihre Klienten haben die oder wenn Sie mal Ihre Klienten beschreiben würden, was haben die für Probleme(.) so was sind das für Menschen, kann man die einteilen in Typen vielleicht oder(.) vielleicht kann man sie auch nicht einteilen. (.)(.) #00:13:08–1# IP3: (.)(.)(.)(.)(.) Also es gibt mit Sicherheit ähm(.)(.) ich meine so von den Eigenschaften her, was bringen die so mit, geht da die Frage hin? #00:13:30–5# S.I.: //mhm// jaha, wenn Sie mal ihre Klienten beschreiben, würden, für jemanden, der das gar nicht kennt, was sind suchtkranke Menschen, sind die anders als Andere? #00:13:38–2# IP3: (.)(.) Also ich würd jetzt sagen, also wenn die mir jetzt auf der Straße begegnen würde ich die nicht unterscheiden können, wer ist suchtkrank und wer nicht, da gibts natürlich Besonderheiten wo man zum Beispiel deutlich erkennt ne aber so auf den ersten Blick gibts natürlich keine Erkennungsmerkmale, ausser der Bierflasche in der Hand, die sehr offensichtlich ist, dass jemandem ansieht, der suchtkrank ist. Wenn man natürlich in die Arbeit geht, kriegt man häufig, kriegt man häufig schon auch n also ist die Kontaktfähigkeit, ist häufig eingeschränkt also es fällt ihnen schwer erstmal überhaupt hier hin zu kommen, ein Erstgespräch wahrzunehmen, sich hier zu Anhang 239 öffnen, überhaupt ehrlich zu sein, sich dem(.) sich dem überhaupt zu stellen , sich der Problematik zu stellen ähm also vielleicht auch deutlich mehr Defizite, vielleicht als andere in der Wahrnehmungsfähigkeit. Also sich überhaupt, was fühle ich, was kann ich überhaupt fühlen und wie drücke ich das im Grunde aus.(.)(.)(.) Sie sind alle so unterschiedlich, ich kann das schwer über einen Kamm scheren, natürlich gibt es ne gibt es ähm also Menschen, die zu uns kommen, sind noch nicht so tief in der Sucht drin, trinken noch nicht so lange noch nicht so exzessiv ähm die wirken sehr gesund. Andere Menschen, da ist wirklich ne deutliche Chronifizierung so im Suchtverlauf zu erkennen, die auch deutliche Störungsbilder mitbringen. Also sowohl suchtkrank sind und das find ich häuft sich immer mehr, das sowohl ich sag mal diese normalen Alkoholiker, die haben wir kaum noch, die Alkoholiker sind und nicht noch ne zusätzliche psychische, psychiatrische Erkrankung haben, die nicht schon weit fortgeschritten vielleicht auch körperlich beeinträchtigt sind, wo das Familiensystem mindestens am Bröckeln ist oder nicht mindestens am Bröckeln ist oder das natürlich so ne Problemmengelage, die die häufig mitbringen. Also vielfältig, also das sind häufig so vielfältige Probleme, die die mitbringen. Mit dem, dass sie natürlich die Schwierigkeit haben, sich überhaupt erstmal einzugestehen, das sie n Problem haben, weil die wenigsten kommen zu uns hin und sagen: OK Ich glaube ich bin suchtkrank und jetzt will ich mal was dagegen unternehmen und zwar noch mein Leben lang abstinent sein. Das ja am allerwenigsten der Fall. #00:16:24–0# S.I.: Und diese Selbstwirksamkeitserwartung, dieses „Ich schaff was“ könnte ich mir vorstellen, dass da vielleicht auch ähm ne Problembereich ist? Soziale Netze haben Sie gesagt sind schwierig, psychiatrische Erkrankungen können auch sein, sind häufig und so „ich trau mich nicht was zu sagen, mir einzugestehen..“, weil das heißt ja auch „ich gestehe mir meine Hilflosigkeit ein“, oder? #00:16:50–5# Anhang 2: Interviewtranskription IP3 240 IP3: Jaha genau, ja das ist nämlich besonders schwierig. Erst mal überhaupt an den Punkt zu kommen, dass ich Hilfe annehme und das ist, also die müssen schon ne deutliche Hürde übernehmen, um überhaupt erstmal hierhin zu kommen und die meisten haben ja auch schon einen langen Weg schon hinter sich bevor sie überhaupt hierher kommen. #00:17:11–9# S.I.: Was sind so Herausforderungen in ihrer Arbeit, was würden Sie sagen, ist an dieser Arbeit, die sie hier tun mit den Menschen, die sie gerade beschrieben haben,herausfordernd, gibt es da Herausforderungen? #00:17:25–4# IP3: Ich glaube, ich finde meinen ganzen Job herausfordernd ((lacht)) Ich finde es fängt schon damit an, dass so viele verschiedene Personen kommen. Also dann hab ich morgens um 09.00 Uhr n 16jährigen Jugendlichen, der dauerhaft Cannabis konsumiert aber eben nichts verändern will. Dann habe ich ne Stunde später, ich sag n 50 -jährigen, der wirklich schwerwiegend depressiv ist und ähm Alkohol als Selbstmedikation einsetzt. Dann hab ich jemanden geschickt von der Bewährungshilfe, der will auch nichts. Dann habe ich die ängstliche Person, mit der ich erstmal vorher erstmal telefoniere, ob sie es überhaupt schafft, heute zum Gespräch zu kommen. Also das ist schon, das ist schon sehr besonders und das glaube ich ist auch die Herausforderung ähm kein Tag ist wie der andere ähm (.) kein Gespräch verläuft wie das andere. Es ist nichts vorhersehbar. Also kein Tag, kein Gespräch ist irgendwie vorhersehbar, weil man gar nicht weiß, was bringen die Leute mit und was ist vielleicht auch passiert und ähm herausfordernd find ich, dass also wenn ich so auf so ne einzelne Person gucke, wie kann ich denn, äh wie kann ich den denn unterstützen, in dem was er auch kann und was er auch will also, den ein Stück weit an die Hand zu nehmen, zu begleiten oder auch einzuladen auch, auch jeden für sich einzuladen ist schon ne Herausforderung. #00:19:03–4# Anhang 241 S.I.: Wie schaffen Sie es denn mit dieser Herausforderung umzugehen, denn Sie machen das ja schon ne ganze Weile? Was leitet sie da, was ist da wichtig? Was braucht man da um mit diesen Herausforderungen umzugehen? #00:19:20–4# IP3: Ich glaube, man brauch erst mal ne ganze Menge Lust auf diese Arbeit @(.)@ Ich glaube sonst gehts überhaupt gar nicht. #00:19:34–5# S.I.: Lust an den Menschen? #00:19:39–2# IP3: Lust an den Menschen ja genau, überhaupt zu arbeiten, Lust sich mit schwierigen Bereichen mit schwierigen Menschen auch auseinanderzusetzen ähm(.) Ich glaube es ist ganz wichtig, dass man nicht nur die Probleme sieht, sondern den Menschen, was bringt der mit und was kann der auch, weil sonst, wenn man nur so defizitorientiert arbeitet, wird denk ich schwierig und auch für einen selber, weil man dann, ne, ich glaube auch die Erfolgsmessung(.) Ich werd ja ganz oft gefragt: „Ja und wie ist denn so die Rate oder so die@(.)@ der Erfolgsquotient?“ Dann frag ich immer: „ Ja worauf den bezogen?“ „Ja wie, dass sie’s packen“ Aber das ist ja gar nicht unbedingt unser Ansatz sofort ne lebenslange Abstinenz mit dem zu erarbeiten. Das steht ja, wenn überhaupt ganz am Ende des Weges. Sondern es geht ja erstmal, ne vielleicht ne Kurzfristige Abstinenz, vielleicht manchmal nur erst ne Reduzierung und das n’ Stück weit mit herauszufinden und zu gucken, ok. wo ist denn bei jedem Einzelnen der Erfolg. Ist es schon ein Erfolg, wenn die überhaupt hier herkommen, ist es schon ein Erfolg, wenn sie überhaupt ehrlich sind. Ich glaube, daran misst son bisschen der…Ich glaube es geht so um @(.)@ n Minimalerfolg #00:20:58–2# S.I.: Aber das heißt doch, wenn Sie das so sagen, Erfolgskriterien sind individuell anzulegen bei jedem einzelnen Klienten. Da gewinne ich jetzt so grade den Eindruck, dass es schon durchaus sehr erfolgreich ist, sein kann mit den Menschen zu arbeiten, wenn jeder bestimmte Dinge erreichen kann, oder, habe ich das falsch verstanden? #00:21:18–9# Anhang 2: Interviewtranskription IP3 242 IP3: Ja, ich glaube, jeder nimmt auf seine Art und Weise auch was mit. #00:21:26–8# S.I.: Jaha die Frage ist ja man kann in einem Beruf nur lange arbeiten, wenn man auch Erfolg hat, oder erfolgreich ist #00:21:51–4# IP3: Ja ich glaube, wenn man so sieht wie Einzelne auch so Fortschritte machen, so Fortschritte muss man immer gucken, was das ist und (.) (.)(.)(.) ich weiß jetzt nicht , ob man sagen kann, das erfüllt einen, das wäre jetzt n bisschen zu hoch gegriffen, aber (.)(.)(.)(.) #00:22:15–9# S.I.: aber das ist vielleicht Erfolg, jemanden dabei zu unterstützen, seinen Weg zu finden, kann man das so sagen, #00:22:19–2# IP3: Ja ich glaube, die Herausforderung ist einfach ganz speziell zu gucken, wie man mit jedem Einzelnen so den Weg findet und ob man ihn natürlich auch findet.(.)(.)(.) Wie man jeden auch so erreichen kann, einladen kann, ich glaube das ist auch noch mal so. #00:22:36–3# S.I.: Sie haben gesagt, was brauch man so um diese Herausforderungen zu bewältigen, ganz viel Lust auf Menschen, ähm ihnen helfen zu wollen, das ist sowas altruistisches, gibts noch andere Faktoren, die man braucht, die einen befähigen soetwas zu tun, ich frag einfach mal, welche Rolle spielt Wissen? #00:22:56–9# IP3: Ja ne ganz große Rolle, denk ich. Obwohl nicht die größte Rolle denk ich, ich denke so, natürlich muss man über die Krankheit Bescheid wissen, über Zusammenhänge, über Systeme, ähm medizinischer Art, sozialarbeiterischer Art. Also ich glaube das ist glaube ich schon wichtig. Ich weiß zum Beispiel, über manche Drogen da weiß ich die genaue Zusammensetzung nicht, und ich informier mich auch nicht drüber, aber ich merke, das muss ich auch nicht wissen. Es geht glaube ich eher um son Wissen, ähm ja vielleicht auch Information, son Wissen um Menschen. #00:23:45–8# S.I.: OK. können sie das son bisschen beschreiben? #00:23:46–6# IP3: Ja@(.)@ das ist jetzt echt schwer.((lacht)) #00:23:54–3# Anhang 243 S.I.: Nehmen Sie sich ruhig Zeit, das finde ich jetzt grad n ganz spannendes Thema. #00:23:55–6# IP3: //mhm// Also ich denke (.)(.)(.)(.)(.)(.)(.) Ich glaube, ähm das finde jetzt grad ganz schwierig. (.)(.)(.) Ich glaub das hat mit Lust und Interesse, sich mit Menschen zu beschäftigen zu tun. Das hat ähm (.) (.)(.)(.)(.)(.)(.)ich weiß nicht eher das Wissen um, wie baue ich Beziehungen auf, aber das kann man ja nicht theoretisch – ich glaube das ist auch son bisschen ne Typfrage, also. Kann ich das, bring ich das mit, kann ich Menschen einladen oder auch nicht, das ist eher das Wichtigste. Natürlich ist es manchmal wichtig auch das SGB II zu kennen, aber dann hilfts manchmal auch nur, wenn ich weiß, wo ich das nachlesen kann oder wo ich Menschen finde, die das brauchen. Ich glaube ein wichtiger, ganz wichtiger Aspekt ist ein Netzwerk zu haben, ähm auch hier innerhalb des Teams, auch hier ein relativ gut funktionierendes Team zu haben. Mir ist das besonders wichtig, mit ner wirklich wohlwollenden Atmosphäre. #00:25:18–9# S.I.: //mhm// #00:25:24–8# IP3: Das ist natürlich nicht immer der Fall, aber das erleichtert mir n Stück weit meine Arbeit, wenn ich weiß ok wenn ich mal nicht weiterkomme, kann ich mir Hilfe holen oder muss vielleicht auch mal was loswerden, also sone Psychohygiene auch für sich, son Rückhalt auch zu haben, das ist mir auch noch mal wichtig. #00:25:43–3# S.I.: Spielt das Team beim Wissen auch ne Rolle? #00:25:47–6# IP3: Ja also wenn man mal nicht weiterweiß, Gerade auch gestern noch Supervision also wenn man wirklich manchmal auch so auf der Stelle tritt oder so ne, meint nicht weiterzukommen mit dem Klienten oder zu merken ok, da passiert gerade irgendwas mit mir, da bin ich nicht so neutral, wie ichs sonst mal wäre, oder nicht so mit ner gesunden, neutralen Distanz, wie auch immer. Dann ist schon auch wichtig sich rückzuversichern. Und vielleicht auch nicht nur im eigenen Team sondern eben auch vielleicht auch n Arzt zu haben, den Anhang 2: Interviewtranskription IP3 244 man nachfragen kann, vielleicht auch mit psychiatrischem Wissen zu haben, um aber auch sowohl in der Entgiftung, wie Systeme laufen. #00:26:31–9# S.I.: Ich frag nochmal nach dem Wissen, gibt es, welche Rolle spielt theoretisches Wissen, psychiatrisches Wissen, medizinisches Wissen, psychologisches Wissen, soziologisches Wissen über Netzwerke z. B. welche Rolle spielt das? #00:26:50–6# IP3: Das ist schon die Grundlage. Also von allem etwas. Ich glaube nicht in der spezifischen, aber ähm also auch über die Krankheit der Menschen Bescheid zu wissen auch über Persönlichkeitsstrukturen, Stück weit Bescheid zu wissen, über ja vielleicht auch über Erkrankungen Bescheid zu wissen, wenn mir jemand sagt, er hat ständig Oberbauchbeschwerden, dann werde ich schon hellhörig werden, weil ich denke dass kann vielleicht an der Leber liegen und das ist eine Folgeerkrankung ihres Konsums oder wie auch immer. #00:27:30–7# S.I.: Das hat dann auch Folgen für die Beratung, wenn Sie sowas hören. #00:27:31–5# IP3: Weil ich dann auch Stück weit mitgucke, was ist notwendig. Ist vielleicht nicht auch mal ne Begleitung zum Arzt oder wenigstens ne Vermittlung zum Arzt notwendig, um das aufzugreifen. Es ist schon grundlegend. #00:27:48–9# S.I.: Wenn Sie sagen, dieses theoretische Wissen aus den verschiedenen Wissenschaftsbereichen ist ne Grundlage, ähm ist es wahrscheinlich die Kunst dies auch anzuwenden, auf den Klienten, weil Sie sagen, es ist ja keiner wie der andere, Man kann ja nicht sagen: Klient X kommt rein, den guck ich mir an, da spul ich mein Manual ab und das klappt ja nicht oder? #00:28:18–8# IP3: Das passiert natürlich immer so unbewusst. Wenn man ein bestimmtes Wissen hat, dann hat man das ja auch im Bauch @(.)@ oder im Kopf. Also dann läuft vielleicht die Spule nicht, aber dann ist man ja auch im Gespräch oder im Kontakt mit dem Klienten. Merk Anhang 245 ich schon, das mich manches leitet, nochmal genauer hinzufragen, weil ich vielleicht auch ne Theorie im Hinterkopf hab, das denk ich schon oder vielleicht auch ne psychiatrische Auffälligkeit als Folge des Konsums oder ne hirnorganische Störung, dass ich schon son Wissen im Kopf hab, das leitet mich natürlich, gewisse Fragen zu stellen und noch mal genauer hinzuhorchen. Oder n Wissen über Systeme oder n Wissen über was ist denn Sucht? (.)(.)(.) Sonst kann ich auch gar nicht diagnostizieren. z. B. für ne Vermittlung in die Reha muss ich auch ne Diagnostik haben, das wollen viele Menschen auch einfach wissen, bin ich abhängig oder was ist notwendig. #00:29:34–6# S.I.: Welche Rolle spielt denn Diagnostik in ihrer Arbeit und wie machen sie das z. B.?(.)(.)(.) In der Psychologie gibt es für jede Auffälligkeit ja ein Fragebogen sag ich mal. #00:29:54–4# IP3: Wir haben schon Testung, nicht so als Bedingung, sondern eher n Stück weit zu überprüfen. Das eigen Denken und Handeln zu überprüfen, die Wahrnehmung des Klienten und auch zu testen, das machen wir auch, es gibt einen Persönlichkeitsstrukturtest, es gibt einen Befindlichkeitstest, die können wir schon machen ansonsten läuft das, ich sag jetzt mal, Diagnostik so in meinem Kopf. Also manchmal ist es natürlich, wenn jemand ganz konkret kommt und fragt „Bin ich abhängig und woran…ne, ich will das wissen, oder mein Arzt will das wissen oder wie auch immer, dann kann durchaus sein, dass ich mit denen auch die Kriterien der Abhängigkeit durch und vor allen Dingen von Menschen, die mir felsenfest behaupten, sie haben überhaupt kein Problem und wo ich wirklich weiß ich nicht fünf von sechs Kriterien erfüllt sehe, dass ich schon frage, haben sie nicht mal Lust auf ne Diagnostik und gucken sie mal, wo Sie sich da wiederfinden, aber ich lade da eher ein innerhalb der Gespräche in der Beziehungsarbeit damit da draufzuschauen. Ich machs selten so Ankreuztest wie auch immer. #00:31:11–6# Anhang 2: Interviewtranskription IP3 246 S.I.: Sie sagen, so Diagnostik findet in meinem Kopf statt. Können Sie das noch mal ein bisschen erklären, vielleicht mal ein Beispiel, eine Geschichte dazu erzählen? #00:31:21–2# IP3: Naja ich hatte vor kurzem zwei Cannabisabhängige, die waren beide 15 Jahre alt und waren von ihren Eltern geschickt und die Eltern natürlich hoch hysterisch auch hierher und das geht auf gar keinen Fall, ist ein absolutes Tabu kommt uns nicht ins Haus, da muss was passieren, wahrscheinlich liegt ne Abhängigkeit vor etc. Die beiden Jungs sind aus dem Gespräch gekommen, die waren überraschend offen. Ich glaube die legten jeglichen, man kann ja nicht in die Köpfe reingucken, aber jeglichen Konsum offen und die auch sagten, dass ist alles nicht gefährlich was wir machen und wo ich dann schon mal so ne Testung hervorhole z. B. son Ampelsystemtest, was ist gefährlicher Konsum, um dann aber mit denen darüber ins Gespräch zu kommen, ob das mit deren Wahrnehmung und meiner übereinstimmt und was man dann auch für Konsequenzen vielleicht mit einleitet. Also das passiert schon, oder das, wenn ich z. B. in die Reha vermittle, dann mach ich schon nochmal son Persönlichkeitsstrukturtest, weil das bei uns auch so ne Bedingung. Oder auch von Menschen, wo ich ganz unsicher bin, was ist mit dem. Also wenn ich so kein wirkliches Bild von denen kriege, warum denen manche Dinge so schwer fallen und dann guck ich schon manchmal so in die Testung rein und denke ja ok. Hab ich da vielleicht n blinden Fleck. #00:33:09–7# S.I.: Das geht so in die psychologische Testung rein, gibt es auch sowas wie soziale Testungen, weil Netzwerk spielt auch ne Rolle? #00:33:32–2# IP3: vielleicht auch erst mal son Grundraster erstellen, son Überblick verschaffen, was bringen die auch Gutes mit? aber auch was bringen die an Schwierigkeiten mit, dazu gehört natürlich auch das Umfeld, wo sind die geboren, aus wem besteht alles die Familie, das ist natürlich auch son gewisses Raster, was man na klar, was man mit im Blick Anhang 247 hat , auch vom Konsumverhalten er, das ist ja auch in gewissem Rahmen eine Testung. #00:34:19–3# S.I.: Sie haben eben auch schon mal so angedeutet, was leitet Sie in ihrer Arbeit #00:35:15–5# IP3: Ja das immer schwierig zu beantworten, je länger man arbeitet, weil man glaube ich so vieles einfach so macht, aus dem Bauch raus. Was mich leitete ist son gewisser Optimismus, so ne gewisse Zuversicht, was mich leitet ist das gewisse Menschen, dass es für sie nicht einfach ist Hilfe anzunehmen und das manchmal Hilfe braucht, um sich klarer zu werden, was man braucht, (.)(.)(.)was leitet mich(.)(.)(.) (.)(.) was ist das (.)(.)(.)(.) als ich mit dem Studieren angefangen habe, hätte ich noch gesagt, ich helfe gerne((lacht)) ich helfe gerne andern Menschen@(.)@ aber das isses nicht mehr. Die Arbeit besteht ja aus Hilfe, ber@(.)@ #00:36:20–6# S.I.: Es hat sich entwickelt meinen Sie? #00:36:20–6# IP3: Ich denke, das stand mal so ganz am Anfang, dass man so sagt, ich helfe gerne Menschen, ich steh denen gerne bei Seite, geb denen vielleicht son Stück weit Zuversicht, ber das ist nicht mehr so(.)(.)(.) (.)(.) #00:36:47–9# S.I.: Naiv? #00:36:47–9# IP3: Vielleicht nicht so naiv genau. (.)(.)(.) Was mich leitet(.)(.)(.)(.) ja vielleicht auch so eigene Ressourcen zur Verfügung zu stellen, vielleicht auch eigenes Wissen zur Verfügung zu stellen. Also mich leitet auch immer, ist auch immer Spaß, ja es ist ja kein Spaß mit den Menschen, die haben ja auch immer viele Probleme, vielleicht so ein befriedigendes Gefühl, aber das klingt mir so selbst(.)(.) so nach Selbstaufgabe, aber ich glaube, wenn der Job einen sog generell so zufrieden stellt. #00:37:51–0# S.I.: Ich glaube, man ja auch nur geben, was man hat #00:38:03–8# IP3: Ja genau #00:38:03–8# Anhang 2: Interviewtranskription IP3 248 S.I.: In einem letzten Gespräch sagte jemand, man kann nur helfen, wenn man selber mit sich im Reinen ist #00:38:03–8# IP3: Weis ich nicht ob das so ist – natürlich hat man mal schwierige Zeiten im Leben, ob man dann nicht gut helfen kann, weiß ich nicht also ich merke, dass trotzdem kommen die Klienten manchmal gerne #00:38:34–6# S.I.: Was ich sagen will, es kommt ja was zurück von den Klienten, das brauchs schon, um auch helfen zu können #00:38:42–4# IP3: Ja und ich glaube, das hat auch son bisschen was, das man merkt, dass sich auch Menschen dadurch verändern und auch n bisschen zuversichtlicher werden oder gesünder im optimalsten Falle oder vielleicht doch abstinent werden, also wenn man diese Entwicklungsschritte mit sieht, und merkt das bringt auch was, da kommt auch was zurück, ohne dem gehts auch gar nicht. Ich glaube sonst gerade, wenn so ne Häufung von chronifiziertem Klientel da ist, das ist schon anstrengend, zermürbend auch, wenn man so wenig Erfolg hat so viele Rückfälle hat #00:39:28–2# S.I.: //mhm// Was sind so zentrale Quellen für Ihre Arbeit? Woraus schöpfen sie für ihre Arbeit? #00:39:52–3# IP3: Für mich persönlich? #00:40:00–4# S.I.: Ja für Sie persönlich, was Wissen angeht, was Haltung angeht, was Können angeht? Wenn man diese klassischen Elemente, Wissen, Können Haltung mal benennt #00:40:15–9# IP3: Klar bezogen aufs Wissen ist es schon wichtig, hier über den Tellerrand rauszuschauen, Fortbildungen zu machen, bei mir schleicht sich immer son, ja in der Geschprächsführung auch so immer mein eigener Stil,also mein eigener Stil ist ja ok aber son (.)@(.)@ Ich weiß gar nicht, wie ich das nennen soll, aber immer sowas rein, was ähm (.)(.)(.) naja nicht genügend Distanz oder so, sowas rein, wo schon manchmal wichtig ist ok, ich sag jetzt mal Motivierende Gesprächs- Anhang 249 führung ne , was sind vielleicht nochmal die Grundsätze, was kann man da nochmal methodisch, #00:41:06–2# S.I.: so Konzepte, Methoden sind auch wichtig ab und zu mal anzugucken #00:41:12–0# IP3: Ja. Das man das nicht so ganz aus dem Auge verliert auch ich finde es neuere Sichtweisen, so passt das mit der Abstinenzorientierung, passt auf jeden Einzelnen, für welche Bereiche, für welche Klienten passt das also was ist auch das Spezielle auch mit Jugendlichen zu arbeiten, spezielle Erkrankungen, mit Alter und Sucht mit Sucht im Alter zu arbeiten, also das ist glaube ich schon ist auch nochmal wichtig, nochmal anders zu denken, noch auch n Austausch zu haben mit Kollegen, mit anderen Fachleuten #00:41:46–7# S.I.: und vielleicht auch die wissenschaftlichen Ergebnisse zu verfolgen, das sind ja auch immer Ergebnisse wissenschaftlicher Entwicklungen, kann man das so sagen #00:42:02–3# IP3: Ja, das kann man schon so sagen, n bisschen offen zu sein nicht nur was passiert hier in den eigenen vier Wänden, auch zu gucken, was machen andere, was bieten andere an ähm, was können wir auch in unserem kleinen Rahmen hier mit umsetzen, was kann ich vor allem für mich in der Arbeit umsetzen, wie kann ich auch weiterhin gute Arbeit leisten, wie kann ich gute Gespräche führen ähm Also auch im Sinne von Selbsterfahrung auch noch mal was zu machen. Eigene Supervision. Ich finde was für mich ganz wichtig ist privater Bereich ähm für mich ist gut, das mein Mann kein Sozialarbeiter ist((lacht)), nicht in der Suchthilfe tätig ist. Ich weiß nicht wies anders wär, aber ich glaube so beim Feierabend habe ich Feierabend und dann wird wenig über Arbeit gesprochen und das ist auch gut, da spreche ich vielleicht über mich, was so den Tag war, aber es geht nicht um Klienten im Detail. Ich glaube Kraftquellen sind nochmal ganz wichtig zu schöpfen #00:43:11–4# S.I.: so persönliche – Burnoutprophylaxe zum Beispiel? #00:43:11–4# Anhang 2: Interviewtranskription IP3 250 IP3: Ganz wichtig (.)(.)#00:43:13–9# S.I.: //mhm// ok jaha Ich würd das gerne jetzt so noch so einen Punkt ansprechen, vielleicht das so ein bisschen pointieren. Vieles von dem ist auch schon gefallen in unserem Gespräch, aber wenn ich Sie jetzt so frage, was ist für Sie typisch Sozialarbeiterisch, gibt es etwas wo Sie sagen, das ist , das machen Sozialarbeiter und andere Professionen, meinetwegen Medizin oder Psychologie, die ja auch in diesem Feld sehr stark äh, das machen die nicht, das machen die anders? #00:43:46–3# IP3: Also ich glaube, was wir nochmal anders machen, ist viel Casemanagement. Also viel zu gucken, Systeme nochmal mit einzuladen, mit an den Tisch zu bringen, nochmal zu gucken wenn Klienten von Institutionen geschickt werden, die auch mit einzuladen, um nicht drumherum, um das Anliegen zu arbeiten, ähm(.)(.)(.) Ich denke das ist nochmal son ganz gravierender Teil, ich würde fast sagen, vor allen Dingen bezogen auf die Medizin, ähm nicht so fokussiert zu gucken also Medizin, und Körper und Diagnostik, wenn ich an viele Mediziner denke. Also ich finde bei uns läuft mehr Beziehungsarbeit, also was bei den Medizinern vielleicht noch in der stationären Reha Maßnahme anders läuft aber Fokus ist vielmehr die Beziehungsarbeit, das machen die Psychologen z. B. die Therapeuten natürlich auch. #00:44:57–2# S.I.: Meinen Sie mit fokussiert segmentiert? Also das heißt einzelne Bereiche anzugucken ok, der hat ne psychiatrische Störung, Depression und dann kriegt er┘ #00:45:04–3# IP3: └Medikamente und┘ #00:45:10–1# S.I.: └und fünf Einheiten Gespräch, so linear oder ist das n Stück zu platt? #00:45:17–6# IP3: Ja ist natürlich n Stück weit zu platt, also so läuft es mittlerweile ja auch kaum. Vielleicht noch, wenn man an Hausärzte denkt, da ist ja schon das multidisziplinäre mal so, da können die Ärzte so linear Anhang 251 auch gar nicht mehr gucken. Aber das ist vielleicht noch ne Besonderheit der Sozialarbeit auch Ecken und Kanten mit anzugucken, mal drunter und drüber zu gucken also so #00:45:46–5# S.I.: das Ganze im Blick zu haben? #00:45:47–9# IP3: Vielleicht auch n Stück weit das Ganze im Blick zu haben, vielleicht ist das mit die Besonderheit, das Ganze im System zu haben, aber auch das Ganze an Fähigkeiten und Schwierigkeiten des Klienten, was bringt der mit. Ich denke, das ist auch z. B. wenn ich jetzt so an die Psychologen denke, wir machen wir sind im Grunde flexibler, aber flexibler so in Form von Hausbesuchen, Klienten da abzuholen, wo sie stehen, vielleicht auch im räumlichen Sinne. Vielleicht auch dreimal in der Woche ein Gespräch für 10 min anbieten. Ich glaube der Rahmen ist vielleicht bei uns, die Strukturen sind vielleicht auch Stück weit flexibler. #00:46:50–0# S.I.: auch methodisch flexibler? #00:46:55–3# IP3: Nein, das glaube ich nicht, aber vom Strukturellen her mit Sicherheit flexibler ich glaube hier so in unserem Rahmen, das ist so ne Besonderheit kann man also bietet schon, ja so Ausbrüche aus dem System, mal son anders denken einfach. #00:47:09–7# S.I.: ja ok. das heißt man kann sich als Sozialarbeiter schon auch Freiheiten nehmen, die sich Psychologen vielleicht nicht nehmen können? #00:47:17–2# IP3: Na ja bei uns die Psychologin arbeitet ja im ähnlichen Feld, ich glaube, das ist jetzt nicht, aber ich weiß nicht, wenn ich so im stationären… niedergelassenen Psychotherapeuten höre ich nie von Hausbesuchen. #00:47:34–2# S.I.: Wenn ihre Klienten auch beim Psychotherapeuten sind? #00:47:39–5# IP3: Vielleicht auch(.)(.)(.)(.)(.)(.)(.) ich weiß jetzt auch nicht so #00:47:54–9# Anhang 2: Interviewtranskription IP3 252 S.I.: Ok und was von dem typisch sozialarbeiterischen findet sich hier in Ihrer Einrichtung, woran merken Sie das hier in ihrer Einrichtung, dass Sie sozialarbeiterische Arbeit machen? #00:48:04–9# IP3: (.)(.)(.)(.) Naja es findet schon mal ne Begleitung statt zu Ämtern und Behörden. #00:48:32–4# S.I.: Begleitung meint was nochmal? #00:48:33–5# IP3: Wir gehen mit oder was #00:48:33–5# S.I.: Ja genau, ich frage, weil es ist ja manchmal auch unterschiedlich, was mit Begleitung gemeint ist. #00:48:41–0# IP3: Wie macht sich das bemerkbar. Ich denke,dass wir n ganz gutes Netzwerk hier haben sowohl hier innerhalb des Teams, als auch innerhalb des Verbandes, wenn man sich natürlich an manchen Stellen sich das auch besser wünschen würde aber ich glaube, das ist überall so. Ich glaube, wir sind schon auch gut so ähm zeitnah zu reagieren im Rahmen von Kooperationsverbund mit Entgiftung, mit Therapie, wenn das wirklich so notwendig ist. #00:49:21–5# S.I.: Auch son fachliches Netzwerk #00:49:27–0# IP3: Ja, wir laden viel ein, finde ich also nochmal mit an den Tisch von Hilfsinstitutionen, die uns vor allem mit vermitteln ähm was ist so typisch Sozialarbeit, ja (.)(.)(.) wahrscheinlich das, was ich alltäglich mache so.@(.)@ Was ist denn das((lacht)) Was man dann wahrscheinlich so selbstverständlich ist, das man einfach nicht mehr sagen kann. Ja ich finde, das typisch Sozialarbeit ist, schon den Menschen da abzuholen, wo sie stehen, also und so zu gucken, wie schaff ich es auch einen Draht zu denen zu finden. Also das ist nach wie vor, das typisch sozialarbeiterische. Natürlich gehts auch um Casemanagement, um Konfliktmanagement, um Diagnostik…..(.)(.)(.)(.)(.)(.) (.) Vielleicht hab ich jetzt irgendwie ne Verwirrung, was mache ich eigentlich tagtäglich? #00:50:27–2# Anhang 253 S.I.: Nein, das ist wunderbar. Eine Frage, Sie haben gerade das so beschrieben und die Frage, die mich noch beschäftigt ist, Sehen das alle im Team so oder ist das was sie persönlich so sehen? #00:50:49–1# IP3: Ich glaube, der Großteil sieht das schon genauso. Ich glaube vielleicht würde jeder Einzelne nochmal spezieller so bei sich gucken, was macht denn mich als Sozialarbeiter aus, was sind so Fähigkeiten, die man mitbringen muss, vielleicht eher nochmal in Richtung näher bei den Klienten sein, wie lade ich die ein, wie baue ich Beziehungen auf, also wie der Herr Z geht mehr, noch intensiver in die Beziehungsarbeit. Ich glaube wir gucken schon auch, wie können wir die Menschen erreichen, die sind uns nicht egal. Auch wenn jemand nur einmal kommt, man macht sich schon Gedanken, wenn jemand das zweite Mal nicht wieder kommt. Aso das ist glaube ich auch nochmal son ganz wichtiger Aspekt, so das dieses Menschliche da einfach mit reinkommt. #00:51:59–4# S.I.: Jeder Mensch ist wichtig┘ #00:51:59–4# IP3: └Jaa, also ich glaube wir sind weit…wir haben uns ein Stück weit distanziert von diesem Rettertum, also da sind wir nicht so schnell dabei. Wir gucken mit ner Distanz hin und sind auch nicht bereit jeden Menschen um jeden Preis zu helfen, also zu retten, sag ich mal so. Wenn wir da keinen Sinn drin sehen, oder wenn jemand nicht mitzieht oder wie auch immer. Wenn so unser Aufwand größer ist, als das was die Klienten vielleicht auch erarbeiten. Also da sind wir vielleicht auch n Stück weit anders als andere, aber┘ #00:52:41–6# S.I.: └als welche Anderen? #00:52:41–6# IP3: na ja, also ich glaube das@(.)@ #00:52:50–1# S.I.: andere Beratungsstellen oder?┘ #00:52:50–1# IP3: └ja andere Beratungsstellen oder andere Sozialarbeiter, die auch mit Suchtkranken arbeiten z. B. Bewährungshilfe etc. Ich glaube wir sind nicht so tolerant heißt vielleicht nicht so, wir sind nicht so systemverstärkend, das Suchtsystem verstärkend. Also das machen wir Anhang 2: Interviewtranskription IP3 254 schon ganz deutlich, wenn wir merken, das macht aus unserer Sicht wenig Sinn. #00:53:19–9# S.I.: Sie als Sozialarbeiterin der ambulanten Suchthilfe? Ich frag mich grad, was macht den Unterschied, die Stelle, die spezifische Art der Arbeit mit den Klienten oder die Profession? #00:53:37–1# IP3: Ich glaube, das ist die spezifische Art der Arbeit mit den Klienten. #00:53:39–0# S.I.: //mhm//Ah ja , die Erfahrung, auch┘ #00:53:40–1# IP3: └ Ja, ich glaube auch die langjährige Erfahrung der Kollegen, das trägt schon auch mit dabei. #00:53:54–5# S.I.: Komme ich schon fast zu meiner letzten Frage. Wenn Sie unser ganzes Gespräch vielleicht nochmal Revue passieren lassen und so zum Schluss noch mal sagen: Thema Soziale Arbeit in der ambulanten Suchthilfe. Gibts da Dinge die da ganz besonders wichtig sind? Dinge, die Sie vielleicht nochmal pointieren wollen, das ist besonders wichtig, das macht soziale Arbeit in der Suchthilfe aus? #00:54:23–5# IP3: Ja, ich finde Beziehungsarbeit ist das Wichtigste, also wirklich zu gucken, wie komme ich in Kontakt, aber wie kommt auch der Klient in Kontakt zu mir und wie, im Grunde auch wie kann mir jemand vertrauen also wie kann der Mensch, meine Hand, die ich ihm vielleicht auch reiche, n, Stück weit nehmen, das klingt sehr he pahtetisch so, aber das ist es auch. Ich finde ich muss nicht soviel Wissen haben, ich muss nicht soviel drumherum haben, sondern es geht vorranging darum, jemand einzuladen #00:55:02–4# S.I.: //mhm////mhm// #00:55:04–7# IP3: und ich glaube, wenn man das erreicht hat und erreicht hat, dass mir ein Mensch bereit ist mir ein Stück weit zu zu vertrauen, mit mir ein Stück weit des Weges zu gehen, mir zu folgen, das heißt nicht im Sinne von Ich zeig dir jetzt wie der Weg geht. Es geht ja schon nur im Austausch im Miteinander, was kann der Klient aber ich glaube Anhang 255 auch, das ist ein Stück weit das Wichtigste, sonst geht niemand einen anderen Weg. #00:55:32–6# S.I.: Also, das Wissen alleine reicht nicht, es braucht das ganze Paket┘ #00:55:37–4# IP3: └Ja finde ich schon #00:55:37–4# S.I. Es braucht natürlich auch das Wissen, der muss natürlich auch vertrauen können, dass Sie schon auch was wissen und ihn leiten können aber auf der anderen Seite, das reicht nicht nur das Wissen zu haben sondern es muss auch die Beziehung zum Klienten hergestellt werden.┘ #00:55:54–9# IP3: └auf jeden Fall┘ #00:55:54–9# S.I.: └und die trägt und die ist das Wesentliche und die trägt mehr als ┘ #00:55:58–8# IP3: └Ja weil sonst verlier ich jemand. Sonst kommt jemand nicht wieder, dann ich auch gar nicht mit dem arbeiten, sag ich mal so(.)(.) (.) Vielleicht einige wenige, die dann wieder kommen würden. Wenn ich keine gute Atmosphäre schaffe, #00:56:16–6# S.I.: Würden Sie sagen Beziehungsarbeit ohne Wissen ist ausreichend? Ich frag mal so, weil manchmal wird den Sozialarbeitern ja auch vorgeworfen, „Ihr macht nur einen auf Beziehung und dann ähm wird schon alles gut“ #00:56:39–2# IP3: @(.)@ Ich glaube, das funktioniert nicht nein. Ne man muss schon Wissen haben und zwar wirklich auch umfängliches Wissen, ob es psychologisches Wissen ist, zwar nicht so im Detail.(.)(.) #00:57:02–6# S.I.: Um das Gesamtpaket beurteilen zu können und auch leitend sein zu können, was ist gut für den Klienten. #00:57:14–0# IP3: Ja genau. und ich glaube, man muss wirklich auch Lust haben. @ (.)@ Ich glaube sonst@(.)@ funktionierts nicht. Optimal ist natürlich auch ne günstige Atmosphäre so ohne Druck. Wir haben enormen Klientendruck. Wir müssen soundsoviele Kontakte in der Woche haben Anhang 2: Interviewtranskription IP3 256 und so und wenn man die nicht hat, dann kommt man schon wieder in Zugzwang, ne. Und das ist natürlich totaler Mist. #00:57:37–3# S.I.: Die ökonomischen Rahmenbedingungen┘ #00:57:37–3# IP3: └Super wär natürlich wirklich son freier Rahmen, natürlich hat man ne Nachweispflicht etc. Aber es geht doch vielmehr darum, was brauch jeder Einzelne, und nicht darum, muss ich jetzt 80 Klienten im Monat in ne Therapie vermitteln. Also das ist@(.)@ ja total vorbei, vorbei an den Menschen. #00:58:03–0# S.I.: Das geht an den Menschen vorbei, son Druck, weil es die Haltung kaputt macht? #00:58:09–2# IP3: Ja ich finde weil es auch einen auch selber kaputt macht. Ich meine, vielleicht kann sich der eine oder andere davon befreien, aber son Druck ähm. Also, wenn ich unter Druck stehe, also egal jetzt auf welcher Ebene, dann bin ich weniger frei im Denken, dann bin ich weniger frei auch mal abstruse Ideen zu entwickeln , auch mal andere Wege anzudenken. Also, dann bin ich einfach nicht mehr so frei im Denken, wenn ich unter Druck stehe. Dann kann ich noch nicht mal mehr mein ganzes Wissen abrufen, wenn ich nur noch die Scheuklappen aufhabe. #00:58:48–3# S.I.: Das heißt es brauch auch Kreativität im Umgang mit den Klienten? #00:58:52–4# IP3: Ja, das wär schon gut@(.)@ Auch Flexibilität, Kreativität wär schon gut, wenn man einfach mal sich von äußeren Rahmenbedingungen frei machen kann und auch so abstruse Lösungsideen andenkt. Weil ich glaube, das befreit einfach manchmal in den verhafteten Systemen zu bleiben. #00:59:17–5# S.I.: ich frag nochmal nach, weil Kreativität, abstruse Lösungsideen, steht ja so ziemlich im diametralen Gegensatz zu Manualisierung. #00:59:30–9# IP3: Ja, bin ich aber auch für ((lacht)) #00:59:32–1# S.I.: Weil??? #00:59:39–6# Anhang 257 IP3: Ne gewisse Manualisierung ist ja schon gut, um sicher zu gehen, aber in der Arbeit mit den Klienten. Die sind alle so unterschiedlich im Denken und die denken nicht so wie ich und die denken nicht so wie sie nicht wie auch vielleicht jemand anders und da schon son Stück weit kreativ zu sein im Andersdenken, sich vielleicht auch in die Klienten reinzuversetzen, was könnte denn damit gemeint sein, so ne Lust darauf zu entwickeln, was ist denn wohl damit gemeint, versteh ich das auch richtig? Weil ich glaube nur dann kann man wirklich auch so nah dabei sein und welcher Schritt könnte als nächstes denn auch folgen? #01:00:10–9# S.I.: Hat das denn was mit Komplexitätserfassung zu tun? Ich meine, die kommen ja hier an und haben ja sehr komplexe Dinge, jeder hat sein ein ganz spezielles Muster, warum er so ist, wie er ist, warum er so reagiert, warum die Dinge um ihn herum so sind wie sie sind? #01:00:32–5# IP3: Ja na klar, das ist natürlich auch sehr komplex, jeder Mensch ist natürlich komplex, was er so mitbringt und ich guck mir ja nicht nur die Sucht mit den Menschen an, sonder auch das, wer einfach vor mir sitzt sondern ich kann ja nicht nur die Sucht alleine rausnehmen. #01:00:48–7# S.I.: Und welche Rolle spielt Kreativität in Zusammenhang mit Komplexitätserfassung oder Mustererfassung? #01:00:57–3# IP3: Ja, ich finde je kreativer man im Denken ist, desto kreativer kann man natürlich auch Lösungsmöglichkeiten angehen, aber das benötigt natürlich einen Rahmen┘ #01:01:12–7# S.I.: └muss man die Rahmenbedingungen für haben #01:01:12–9# IP3: └Ja ja genau((lacht)) #01:01:18–5# S.I.: Ok ja vielen Dank. Gibt es was, was Ihnen noch wichtig ist, was Sie noch sagen möchten zum Schluss? #01:01:34–1# IP3: Ne mir fällt jetzt gerade nichts ein. #01:01:36–7# S.I.: Ok. ja nochmal vielen Dank Anhang 2: Interviewtranskription IP3 258 Anhang 3: Interviewtranskription IP1 (Das Aufnahmegerät war am Anfang nicht korrekt eingeschaltet, die Daten zur Frage, wie IP1 zur Suchthilfe kam wurden per Telefon handschriftlich nacherhoben. Die Aufnahme startet mit der zweiten Frage nach den jetzigen Aufgaben.) S.I.: Und was machst, was ist, was machst du jetzt im Moment hier. Was sind jetzt(.)deine (.)Aufgabenschwerpunkte? #00:02:37–8# IP1: Ich arbeite inner Beratung mit suchtkranken mit Ähm Ja mit suchtkranken, suchtgefährdeten //mhm// Menschen im legalen Suchtbereich, //mhmja// das heißt Alkohol, (holt Luft) Medikamente, Glücksspiel is so der Schwerpunkt //mhm//. Ähm und deren Angehörigen, // mhm// die eben auch zur Beratung kommen, könn sich informieren können oder auch längerfristige Beratungsprozesse kriegen //mhm// (.) Und von den Arbeitsinhalten her? #00:02:58–5# S.I.: Jaha #00:02:58–5# IP1: Ähm isses im Grunde das ganz breite Spektrum Ähm zwischen von jemand kommt hierhin und hat einfach nur ne äh möchte nur ne Information haben über (holt Luft) ähm jemand ist geschickt // mhm// und hat quasi ne Auflage vom Gericht, Arbeitgeber, Jobcenter, was auch immer bis hin zu jemand kommt freiwillig, weil er selben n‘ Gespür hat, irgendwas is bei mir nicht im Lot //mhm// bis hin zu Leuten, die einfach auch klar schon den Wunsch haben, ich möcht etwas verändern und //mhm// möchte hier Unterstützung. #00:03:27–2# S.I.: Jaha. (.) Aso das ganz breite Spektrum der der Klienten und wahrscheinlich auch des Sucht(.)verhaltens oder des des Suchtmittelabhängigseins //mhm// oder -werdens oder in der Phase sein. #00:03:40–0# IP1: Wobei der Schwerpunkt schon deutlich im Bereich Abhängigkeit liegt. Also es gibt durchaus Klienten mit missbräuchlichem Konsum, Anhang 259 //mhm// das ähm sind aber nicht die meisten. (.) Die meisten haben tatsächlich mehr oder weniger, also die Frage ist wie lang das dann schon so ist, ob das jetzt sich über zwei drei Jahre erstreckt oder ober über 20 30. Da gibts doch noch mal nen Unterschied //mhm// ähm aber die Meisten würde ich schon so nach den ICD 10 Kriterien in den Bereich Abhängigkeit einsortieren. #00:04:07–0# S.I.: Mhmja ok. und wenn de ähm deine Klienten, wie würdest du sie so beschreiben, wenn du sie jemandem mal beschreiben müsstest, der so davon so gar keine Ahnung hat. Wie würdest du die Klienten beschreiben. Was sind das für Menschen ? #00:04:19–5# IP1: (..) In Bezug auf Aussehen?┘ #00:04:21–7# S.I.: └Ja auf alles, wie du die Klienten so wahrnimmst, was sind das für Menschen? #00:04:27–5# IP1: (…)@(.)@ #00:04:29–0# S.I.: └Welche Probleme haben die? #00:04:28–7# IP1: Jaha #00:04:28–7# S.I.: Welche Probleme haben die, was steht im Vordergrund, gibt es Typen, gibt es Probleme, die immer wieder auftauchen? #00:04:40–2# IP1: mja (…) Also, (.) was ich hier deutlich gelernt habe, is dass so mit den allermeisten ihre Abhängigkeit nicht ansieht, //mhm// ähm und dass viele auch n Problem haben sich als Alkoholabhängig zu bezeichnen, weil sie sagen, ich zitter ja morgens noch nicht //mhm// und ich gehe auch noch arbeiten, also (.) ich glaube, das das Klischee des klassischen, ich sag das mal Alkoholabhängigen, äh der morgens schon den ersten Schluck aus der Kornflasche nimmt und ähm den Tag anner Maria oder so verbringt //mhm ja ja// das spiegelt sich hier nicht wieder. Die gibt es sicher //ja// aber ähm es gibt auch viele, die einfach erstmal noch (.) ja eher so, ich sag mal in die gesellschaftlichen Normen passen // ja// wie immer man die auch beschreiben mag. Das is natürlich nochmal breit gefächert. (.) ähm das was schon viele als Problem haben ist Arbeitslosigkeit. Es ist schon so, dass dann Anhang 3: Interviewtranskription IP1 260 der Job weg ist und zum Teil auch schon länger weg ist. ähm unterschiedlich ist, ob sie erst angefangen haben zu trinken und dann der Job weg war oder umgedreht bei manchen eskaliert es dann auch // mhm// wenn die Rahmenbedingungen wegfallen oder (.) (undeutlich) bedingt es sich gegenseitig ähm (.) und //jaha// die allermeisten sagen im Verlaufe meiner Abhängigkeitsentwicklung hab ich mich zunehmend zurückgezogen, das heißt das was immer schwierig ist, ist das soziale Netzwerk, manchmal lässt sich da ganz gut wieder dran anknüpfen, manchmal ist es sehr mühsam es aufzubauen (.) ähm manchmal scheiterts auch einfach daran etwas zu verändern weil man im Grunde nur noch Trinkbekanntschaften hat. //Ja// Weil das ähm das ist glaub ich son durchgängiges Problem der zunehmende Rückzug aus //ja// früheren sozialen Bezügen aus Familienbezügen ähm aus Sportvereinen usw. zu wirklich ja es dreht sich dann alles um den Alkohol , weil der wirklich Zeit braucht. #00:06:29–2# S.I.: Und und was macht ihr hier genau oder was machst du genau mit den Klienten? Also an an Interventionen, an Gesprächen #00:06:29–4# IP1: mhm (.) Also erst mal frag ich die Klienten was sie wollen. Was sie für n Auftrag an mich haben und dann müssen wir natürlich mal gucken, ob das mit dem übereinstimmt, also ob ich das auch leisten kann. Also son Auftrag von ähm ich brauch jetzt wieder Arbeit oder so @(.)@ muss man sich dann schon mal von differenzieren. (.). ähm also es ist halt immer das eine zu gucken, was ist denn eigentlich der Wunsch des Klienten und eigentlich können die auch immer was sagen, also egal ob die jetzt geschickt sind oder äh aus eigenem Antrieb gekommen sind. Ähm Von den Schwerpunkten her denk ich gehts manchmal einfach wirklich erstmal um Information und Aufklärung //ja// also tatsächlich erst mal deutlich zu machen das Verhalten, dass sie an den Tag legen ist durchaus als problematisch zu auch werten , dass wenn man zum Beispiel medizinische Maßstäbe ansetzt oder wenn man das abgleicht mit bestimmten Lebenszielen Anhang 261 und Vorstellungen, die die Menschen haben. Dann gehts immer um Motivations- oder Verhaltensänderungen //ja// weil man auch da sind die Aufträge unterschiedlich zwischen Konsum und Reduktion und Abstinenz ähm es geht um Vermittlung //mhm// in ähm Therapie, Selbsthilfegruppen in Motivationsgruppe zur Klinik, in die Suchtambulanz was auch immer. Ich glaub so dieser Teil von Motivation, Beratung wie kann Veränderung aussehen, Vermittlung in weiterführende Hilfen , das sind so die drei Schwerpunkte #00:08:00–9# S.I.: MhM o. k. und gibt auch Herausforderungen so in der Arbeit mit den Klienten, wo siehst du die Herausforderungen – gibt ja nicht nur einfache@(.) Menschen┘ #00:08:18–3# IP1: ((lacht)) (….) Herausforderungen (.) Was finde ich herausfordernd? Ich glaub herausfordernd iss für mich(.) ähm (…) Ja – manchmal glaub ich einfach zu akzeptieren, dass Leute so sind wie sie sind. Also dass sie (.) auch wenn ich denk: Gott (.) Du läufst auf den Abgrund zu, dass ichs aber nicht ändern kann. Also schlussendlich ähm Angebote zu machen, natürlich zu motivieren, aber auch festzustellen, an bestimmten Stellen geht das nicht. Also Leute, wo ich denke, da wär jetzt ne Therapie super. //mhm// ähm die auch schon aufm guten Weg sind, die dann aber entscheiden: Nö (.) probier ich jetzt erst mal alleine.//mhm// Oder Leute, die immer und immer weiter trinken ähm, da wo man über Jahre den Verfall sieht. Das auszuhalten „Gut du kannst aber trotzdem kommen oder Sie können kommen.“ ähm und wir machen nochmal Beratungsversuch oder wir fangen vielleicht auch nochmal ne Vermittlung an und gucken ob wir das diesmal bis zum Ende schaffen. //mhm// (.) Ja – ich glaube, das sind so die Herausforderungen. #00:09:15–5# S.I.: Das heißt ihr habt ja manchmal auch ganz schön lange Prozesse, ne? #00:09:16–6# IP1: Mhm (.) zum Teil ja. Also über einige Wochen, also es ist ja erst- MAL die Klärung, dann dauert die Vermittlung nochmal einige Gesprä- Anhang 3: Interviewtranskription IP1 262 che, ähm und wir machen immer auch das Angebot, dass wir die Klienten begleiten, also zwischen ähm Abschicken der Unterlagen zur Beantragung und Therapiebeginn vergehen ja immer auch ein paar Wochen, wo die kommen können (.) ähm und ich hab eine Klientin, die hab ich eine Klientin, die habe ich begleitet auf ihrem Weg sich zu entscheiden und tatsächlich abstinent zu werden. Die kam wirklich fast wöchentlich aber, die hat wirklich locker ein Jahr gebraucht, um da wirklich ne Verhaltensänderung hinzukriegen.//mhm// Also das ist unterschiedlich. Aber es gibt ganz lange Verläufe. #00:10:04–4# S.I.: Ok. Und, wenn Du so überlegen würdest, was muss man auf jeden Fall tun mit den Klienten oder was darf man auf keinen Fall tun mit den Klienten, fallen Dir dazu Sachen ein? #00:10:14–6# IP1: (.)(.) Ja das hat ja was mit meiner Haltung zu tun. Für mich ist erst mal wichtig: Akzeptanz des Menschen, der da kommt mit seinen Lebensentwürfen, so schräg, die für mich@(.)@ auch sein mögen oder manchmal auch, das ist ja auch verführerisch, wenn die so ganz nah an meinen Ideen sind. Da denke ich auch noch mal viel schneller: „Jau, so kanns doch gehen.“ und ne aber da wirklich auch erst mal gut zuzuhören, gut zu gucken, was ist denn da los, was kann sich verändern, was soll sich verändern, was will der Klient. ähm Natürlich auch immer abzugleichen ähm das ist für mich trotzdem auch immer abzugleichen, dass es für mich auch noch kongruent ist. Also ich würd jetzt nichts tun, was mir völlig zuwidergeht, also da würd ich schon auch mit dem Klienten zumindest ins Gespräch gehen. (.) (.) Was ich im Normalfall nicht tue, ist all das so in den Bereich harter Konfrontation geht. Das mach ich manchmal, wenn ich Leute lange kenne, aber dann ist auch ne andere Beziehung erst mal gewachsen. Also alles, was in den Bereich von Verurteilen, abwerten usw. geht, finde ich einfach keinen angemessenen Umgang mit Klienten. Also auf auf diesem alten Hintergrund von:“ Man muss die Leute konfrontieren, damit sie sich ändern also…┘ #00:11:39–8# Anhang 263 S.I.: └ Das war in der Sucht ja mal anders┘ #00:11:39–8# IP1: └Eben genau, deswegen beton ich das so, weil in anderen Anwendungsbereichen ist das ja selbstverständlich, dass man das nicht tut. Aber das Also ich finde meine Arbeit hier in weiten Teilen durchaus effektiv und es geht hier um ne @(.)@ Konfrontation, das kann ich schon so sagen. #00:11:55–7# S.I.: Wenn ich jetzt mal in den Bereich wechsle, es ist ja ne sehr komplexe Arbeit, ne sehr schwierige Arbeit sehr nah am Klienten, man muss begleiten auch über einen langen Zeitraum. Was ähm, was qualifiziert dich jetzt für diese Arbeit, wo nimmst du das her, was du mit den Klienten tust. Dein Wissen, deine Haltung, was qualifiziert dich dafür? #00:12:23–2# IP1: Ähm, also das was so an der Oberfläche ist, sind so zwei Sachen, also zum einen meine Ausbildung als systemische Familienberaterin, also drei Sachen sind es, ähm also dass ich mit einem bestimmten Beratungsansatz auseinandergesetzt habe, intensiv. Das andere ist, dass ich ja im Bereich der Prävention schon ganz viel gemacht hab im Bereich Schulung von motivierender Kurzintervention und das ist was, was hier, finde ich einen ganz hohen Stellenwert hat. Ähm das dritte ist einfach Fachwissen, über Wirkung von Suchtmitteln, das habe ich aus dem Bereich der Prävention mitgebracht. Da hab ich mir damals allerdings mühsam anlesen müssen. Da hab ich mich schon sehr gezielt eingearbeitet. Ähm (.) was mich sicher qualifiziert, finde ich, dass ich immer wider gucke, nach Fortbildungen, Weiterbildungen, mach ich jetzt im Moment nichts größeres, aber ich gucke schon dass ich jedes Jahr mindestens zwei, drei kleinere Sachen mache oder eine größere übers Jahr gestreut, das ich mich selbst immer wieder überprüfe, an nem Thema bleibe. Eigentlich ähm ich glaube auch es gibt so ne Grundlage aus dem Studium, die is. Also dass ich einfach so lange in der Bildungsarbeit gearbeitet habe ist viel für den Beratungsbereich auch einfach nicht mehr so präsent, aber ich ähm weiß Anhang 3: Interviewtranskription IP1 264 schon mit Grundbegriffen wie Roger und Empathie usw. oder ich hab zumindest auch ne Idee, was ist tiefenpsychologischer Beratungsansatz, was ist verhaltenstherapeutischer Beratungsansatz, ähm das sind auch einfach so Sachen, die aus dem Studium sich rübergerettet haben. Ja aber, die einfach früher in meinem Berufsleben nicht so aktuell waren, wie sies jetzt wieder sind. #00:14:11–2# S.I.: Aber das konntest du dann reaktualisieren sag ich mal? #00:14:16– 6# IP1: Das geht. Zumindest die Überschriften. Ich hab ne Idee was steckt dahinter. Dann gucke ich auch schon mal ein bisschen ähm, was brauche ich aktuell. Im Moment ist zum Beispiel das Thema Glücksspiel aktuell. Dann gibts, sag ich jetzt mal so, die groben Überschriften Glücksspieler sind meistens Narzissten also guck ich wie funktioniert Narzissmus, was sind das für Menschen, was brauchen die an Unterstützung, damit sie sich verändern können, bzw. ne Veränderungsbereitschaft entwickeln. Das ist dann aber oft eher auf was anders bezogen. Oder ich hab jetzt einen Klienten, der hat ne Psychose, dass er Stimmen hört. Also guck ich jetzt: was heißt das? Aber dann guck ich so klientenbezogen. #00:14:55–6# S.I.: Aber es schon theoretisches Wissen, was dann ab und zu von Nöten ist, was so Quellen auch sind. #00:15:03–9# IP1: Es gibt einfach Sicherheit. Ja, also der Klient erzählt mir seine Sicht der Dinge und das ist ja auch gut und dann hör ich aufmerksam zu, was versteht er von seiner Krankheit. Aber für mich ist ja trotzdem auch wichtig zu wissen, was gibts vielleicht noch an Aspekten ähm die ich erst mal theoretisch wissen muss und die ich dann im Gespräch mit ihm aufm Schirm habe und noch mal überprüfe, ähm wie erleb ich das, wie erleb ich ihn, wie agiere ich anders. #00:15:28–1# S.I.: Ja, ähm Da kann ich auf jeden Fall schon mal Einiges von mitnehmen, was du grad gesagt hast. Ich würd ganz gern nochmal auf einen anderen Schwenk machen in Richtung Soziale Arbeit so spe- Anhang 265 ziell. Wenn ihr einen Sozialarbeiter einstellt, was muss der auf jeden Fall mitbringen und was darf er auf keinen Fall haben? #00:15:55–4# IP1: (.)(.)(.)(.)(.)Mh Ich könnt jetzt erstmal nur die Klassiker sagen. Ich glaube, es gibt jetzt erstmal kein Kriterium hier zu sagen, ähm also wenn jemand sagt:“Ich interessier mich für das Thema“ Also, das muss natürlich sein. Aber das erwarte ich von jeder Einstellung, es muss schon ne Offenheit sein mit nem speziellen Klientel zu arbeiten, dass ähm nicht immer schön aussieht und das nicht immer gut riecht. Das unterscheidet uns glaube ich z. B. auch nochmal vom Jugendamt. Also ich weiß, dass die – kleiner Schlenk – Also ich hab in B. Sprechstunde und auf dem Flur ist auch der ASD, die Außenstelle. Und ich hatte einen Klienten, der roch wie viele andere nämlich sehr ungewaschen, nach Urin und nach Alkohol. Und dann kam die Kollegin und sagte@(.)@: „Sie haben aber schon nochmal ein spezielleres Klientel als wir.“ Das hat mich sehr irritiert, das hätte ich nicht gedacht, für mich ist das normal aber ähm so das heißt es muss schon ne Bereitschaft da sein mit Leuten, die ne die eben auch in dieser Kategorie unterwegs sind zu arbeiten. Also wenn ich da große Berührungs- ängste habe, dann ist das sicher falsch. Ja, was man einfach gucken muss, aber das finde ich nochmal speziell für hier, was ist der eigene Background? Also jemand, der selber ne Suchterkrankung hat ähm ist hier vielleicht nicht gut aufgehoben. ähm oder auch jemand, also ne , was sind so die eigenen Zugänge? Ich glaub, da muss man einfach gucken. #00:17:33–8# S.I.: Und wenn wir jetzt nochmal Sozialarbeiterisch gucken. Was ist für dich eigentlich typisch sozialarbeiterisch? Gibts da irgendwas, wo du sagen würdest, das ist für mich typisch sozialarbeiterisch, das unterscheidet uns als Profession vielleicht von anderen, von Ärzten oder von Psychologen z. B. Ich meine ihr arbeitet ja auch mit anderen Professionen zusammen. Gibt es da etwas wo du sagen würdest, das machen nur wir als Profession Sozialarbeit oder nicht? #00:18:05–2# Anhang 3: Interviewtranskription IP1 266 IP1: (.) Also im Vergleich zu Ärzten glaube ich sind wir oft vorsichtiger in unsern Einschätzungen. Ärzte diagnostizieren eher so, zumindest, die meisten, die so hausarztmäßig drauf sind und ich erlebs zum Teil auch bei den andern. Ähm die wissen einfach viel schneller, so isses und so muss es gehen. Von daher erleb ich uns hier in der Beratungsstelle als Sozialarbeiterin eher vorsichtig und eher offen und eher so ja lass mal gucken und ausprobieren. Im Vergleich zu Psychologen (.)(.)ja es ist vielleicht auch n bisschen ne Frage des Auftrages, den wir so haben. #00:18:50–6# S.I.: Was meinst du damit? #00:18:50–6# IP1: Ja ich glaube, dass wir eher Menschen auf den Weg schicken, im Sinne von Also zum Beispiel der Frage, das ist immer hier bei mir Thema. Passt der Mensch in eine ambulante Therapie oder passt er in eine stationäre Therapie und gibts da Ausschlusskriterien und da gibts auch immer wieder unterschiedliche Einschätzungen, für welche Menschen das passt oder nicht. Das hängt mit Auftrag, das hängt vielleicht auch nochmal mit Persönlichkeiten zusammen. #00:19:17–0# S.I.: Das hab ich noch nicht ganz verstanden, was du damit meinst. #00:19:19–8# IP1: mhmh. Also wir Menschen in der Beratungsstelle, ticken da schon nochmal ein bisschen anders, einfach weil wir Menschen sind, die diese Aufgaben ausfüllen. Das erleb ich in der Therapie aber genauso, dass das was für die eine Therapeutin noch ok ist, nach dem Motto, da gibts ein paar Sachen, die sind wackelig oder ok, der ist depressiv, das passt vielleicht so toll, aber ich arbeite mal weiter mit dem, dass das für ne andere Therapeutin ein Ausschlusskriterium sein kann. Das meine ich auch so damit, wie verstehe ich meinen Auftrag, wie hoch ist der Anspruch. #00:19:55–2# S.I.: Das ist dann nicht typisch psychologisch, dass ist dann eher von Mensch zu Mensch auch unterschiedlich #00:19 #00:20:03–8# Anhang 267 IP1: Was uns sozialarbeiterisch so richtig typisch unterscheidet, könnte ich jetzt nicht so, also ich erleb die Unterscheidung eher zu den Ärzten, die so den (???) diagnostizieren und weiß es ist so oder so, wobei ich das (.)von Psychologen(.) auch eher mal mitbekomme. #00:20:18–9# S.I.: Also das diagnostische Verfahren ist ein anderes meinst du? Also die haben quasi ihre ICD 10 im Kopf oder ihre DSM IV #00:20:32–6# IP1: Also nicht nur das. Also auch Becks Depressionsinventar oder solche Geschichten, ne. Also es gibt Leute in der Therapie wird das ganz regelmäßig abgeprüft, da wird ja diagnostiziert: Ist dieser Mensch depressiv oder nicht? und dann zieh ich da meine Schlüsse raus. (.) Ich überleg jetzt gerade, ob das im Umkehrschluss heißt, dass wir Sozialarbeiter mehr aus unserem Gefühl arbeiten. (.) ähm also ich hab schon ne Einschätzung, hat ein Klient ne Depression oder depressive Verstimmung, ich würd das aber nie mit dem diagnostizieren. Das ist auch nicht mein Auftrag. Aber das hat natürlich auch noch mal Konsequenzen für die Arbeit. #00:21:05–0# S.I.: Aber irgendwie kommst du ja zu Einschätzungen, du hast es gerade gesagt, ist das schon sowas wie Fallverstehen äh jetzt ohne Manual, sag ich mal ohne DSM IV ohne ICD 10. Schon son Bild von einem Fall oder im weitesten Sinne? #00:21:22–6# IP1: Ja, ähm , ja klar, das sicher. Das ich erstmal versuche, den Menschen zu verstehen und das ich auch einschätze, aber mehr aufgrund meiner Erfahrung, meines Erfahrungswissens, denn aufgrund eines ähm Inventars oder sowas. Ist das ein Mensch, der weiterführende Hilfen braucht oder nicht? Und das ist vielleicht auch nochmal das, was Soziale Arbeit ähm zumindest hier in der Beratungsstelle ausmacht. Das ist ganz viel, dass das so ne Übergangsgeschichte ist. Die Leute kommen bei uns an und ähm , das klingt jetzt so poetisch, aber im Grunde öffnen wir Türen, ne Und die Klienten entscheiden, durch welche Tür gehe ich. Manchmal sind das auch zwei oder drei, durch die sie dann gehen aber ähm im Grunde sind wir immer die, Anhang 3: Interviewtranskription IP1 268 die sagen so, „gucken Sie doch mal in die Richtung, gehen Sie nochmal zum Arzt und lassen Sie abchecken, ob Sie ne Depression haben oder nicht, gehen Sie in eine Selbsthilfegruppe, oder was weiß ich immer als Empfehlung, nicht als (.) ne (.)Ansage. Dass wir im Grunde so ne Durchgangsstation sind mit allen Vor- und Nachteilen, die das hat. #00:22:30–6# S.I.: Wo die Leute auch dann wiederkommen? #00:22:33–7# IP1: Ja #00:22:54–0# S.I.: Das hört sich für mich auch son bisschen nach Casemanagement an. Ihr schickt die Leute da und da hin, aber ihr habt den gesamten Fall im Blick und guckt, was die brauchen an verschiedenen Stellen in ihrem Entwicklungsprozess oder? #00:22:54–0# IP1: Ja, wobei ich das gehört habe, dazu gehören auch immer so Helferkonferenzen und so was #00:22:59–8# S.I.: Ich will das jetzt gar nicht an dieser Methodik festmachen #00:22:59–8# IP1: Ja gut, also vom Prinzip her, ist es schon so, das wir natürlich gucken, dass ich zumindest gucke, das mag an meiner systemischen Geschichte liegen: Wer ist denn da noch in dieser Familie, mit wem ist es nötig, sich an einen Tisch zu setzen. ähm oder wo ist es nötig, dass noch Leute mit ins Boot geholt werden. Und dann ist es halt so, dass die Leute zum Teil in die Entgiftung gehen und hinterher wieder zu uns zurückkommen oder parallel in die Selbsthilfegruppe gehen, aber weiter bei uns bleiben. Oder, dass ich sie auch abgebe. Also in dem Moment, wo sie in die Therapie gehen sind sie ja erst mal weg aus dem Beratungssetting. #00:23:40–4# S.I.: Könnten aber noch mal wiederkommen, wenn sie zur Nachsorge kommen, oder passiert das eher nicht? #00:23:42–9# IP1: Nachsorge macht auch die ambulante Reha, machen wir nicht. Die kommen dann eher nochmal wieder, weil sie zwischendurch nochmal die Belastungsfahrt haben und sich dann vorstellen müssen und Anhang 269 manche kommen hinterher auch noch manchmal, weil sie zwei oder drei Gespräche wollen oder weil sie die Therapie abgebrochen haben und nicht wissen, wie es weitergeht. ähm Und manche kommen dann nach zwei, drei Jahren nochmal, weil sie feststellen: war schon mal n guter Anfang, aber hat noch nicht gereicht. #00:24:09–5# S.I.: Ok. Du hast eben gesagt, manchmal begleitet ihr auch Lebensverläufe. #00:24:17–4# IP1: Jaha, #00:24:20–3# S.I.: Und wenn du so überlegen würdest: was ist für dich Qualität in der sozialen Arbeit, was bedeutet für dich Qualität, woran machst du Qualität fest? #00:24:31–6# IP1: (.) mhm (hustet) Ich glaube, ich mache Qualität daran fest, dass ich irgendeine handlungsleitende Theorie habe, das ich irgendeine, dass ich das, was ich tue auch begründen kann und zwar nicht nur deshalb, weil ich denke, finde ich super, sondern weil ich weiß, es gibt irgendein Buch, das auch sagt, das haben wir schon mal erprobt und das ist auch ähm sinnvoll. Also das ist so eins. Also Qualität heißt für mich auch, dass es z. B. regelmäßige Teamgespräche gibt, dass es einen regelmäßigen Austausch gibt. Natürlich auch über Strukturen, aber natürlich auch über Klientenfälle. Qualität heißt, dass es Supervision gibt. ähm #00:25:28–5# S.I.: Warum ist z. B. Supervision wichtig? #00:25:30–1# IP1: Damit ich mich in meiner Arbeit reflektieren kann? Und dann würde ich in Fällen, wo ich das Gefühl habe, ich hab grad keine Idee, da auch neue Anregungen kriegen. Also ne reine Fallsupervision. (.)(.)(.) Also Qualität heißt für mich auch, ich zünde ne Kerze an. Also das sind für mich ganz viele Aspekte, die Qualität ausmachen. #00:25:59–4# S.I.: Und welche Rolle spielt Institution bei Qualität? Oder was befähigt diese Institution diese Arbeit zu leisten, welche Rahmenbedingungen(.)(.)Supervision hast du eben gesagt Anhang 3: Interviewtranskription IP1 270 IP1: Ach so, wenn du das darein packst. Ja Supervision, oder das Teamgespräche, dass Austausch oder das Fortbildung ermöglicht werden. Das ist natürlich immer ne institutionelle Frage. ähm (.) Für mich (.) hängt schon auch nochmal zusammen, ähm also dass Caritas auch erstmal ein christliches Menschenbild, also das ein bestimmtes Menschenbild mit bestimmten Prägungen auch so da ist. Und ich glaube schon, aber das ist nicht jeden Tag Thema, aber dass es schon so ne bestimmte Atmosphäre gibt, die immer mal wieder aufblitzt oder bestimmte Themen einfach auch wichtig sind. #00:27:01–9# S.I.: Und was ist mit Qualitätsmanagementfragen, ihr habt doch bestimmt auch sowas wie Qualitätsmanagement, die die Qualität der Arbeit sichert. #00:27:15–5# IP1: Das hängt auch ganz eng mit der Institution zusammen. Also, dass es ein QM-Handbuch gibt, dass für alle Mitarbeiter zugänglich ist, das für alle Einrichtungen gilt wo einfach zunehmend Abläufe geregelt werden. Und das wirkt sich für uns z. B. ganz konkret daran aus, dass es regelmäßige Zielplanungen gibt. Also dass wir als Suchtkrankenhilfe ne Zielplanung machen für jedes Jahr, die auch (.) am Ende des Jahres überprüft wird. Das es aber auch für jeden Unterbereich z. B. bei uns hier in der BST auch so ist, das wir drei Ziele festgeschrieben haben für 2013 und das zum Ende des Jahres geguckt wird, sind wir dem näher gekommen oder nicht. Das müssen jetzt nicht jedes Jahr neue Ziele sein und nicht jedes Jahr drei neue Arbeitsschwerpunkte aber schon einfach so ne Idee von „Wir entwickeln uns weiter.“ #00:28:07–4# S.I.: Und ähm sehen, würden alle Kollegen, das was du über Qualität und so auch unterschreiben oder gibts da individuelle Unterschiede. Siehst nur du als V. das so oder andere Kollegen sehen das anders? #00:28:24–1# IP1: (.)(.)Ich weiß nicht ganz genau. Ich glaube, dass ich da nochmal ne besondere Verantwortung spüre und das mit anderen Augen sehe, Anhang 271 weil ich stellvertretende Leiterin der Suchtkrankenhilfe bin und das ich da natürlich ähm mehr die Verbindung zur Institution als die Kollegen, die hier in der Beratung sind. Das ist so ein Teil. Ich glaube auch, dass es Kollegen gibt, die finden so ne Zielplanung bescheuert und nervig und überflüssig. ähm und andere finden das ok, weil es einfach Arbeit nochmal konkretisiert und fassbar und ein Stück messbar auch macht. Worin wir uns allerdings einig sind ist, das neue Schwerpunkte wichtig sind und das Weiterentwicklung wichtig ist. Die Frage ist dann son bisschen, wie formt mans aus. #00:29:03–6# S.I.: Also ich meine das jetzt gar nicht so in Bezug auf Zielplanung oder Qualtitätsmanagement sondern in Bezug auf Qualität der Arbeit, da hattest du auch eben son paar Punkte genannt, die dir auch wichtig sind. Würdest du denken, dass man sich da mit den Kollegen im Prinzip schon einig ist oder gibt es da große Unterschiede unter den Kollegen, wenn man die jetzt auch mal fragen würde, was ist qualitätsvolle soziale Arbeit in der Suchthilfe. Denkst du, dass es da Unterschiede gibt oder denkst du, das ihr da im Grunde auf einem Level seid? #00:29:38–9# IP1: Also was jetzt diesen ersten Aspekt angeht. Ich habe Theorien, nach denen ich arbeite da sind wir uns schon einig. (.) Das ist so mein Gefühl, das habe ich nie abgefragt aber so ist es schon. Was unterschiedlich bewertet wird, das ist z. B. ist es wichtig regelmäßig Fortbildungen mitzumachen. Es gibt Leute, die das schon lange nicht mehr mitgemacht haben. ähm gibt auch Leute, die nicht zur Supervision kommen, weil sie andere Schwerpunkte setzen und so in den Bereichen gibt es sicher Unterschiede. #00:30:11–9# S.I.: Aber so ne Theorieleitung ist schon, in Bezug auf die Klienten, wie Klienten gesehen werden, wie mit Klienten umgegangen wird? #00:30:22–8# Anhang 3: Interviewtranskription IP1 272 IP1: ähm – sind wir uns? – Es ist ja schon so, das. also für hier für die BST kann ichs definitiv sagen, dass wir nicht konfrontativ arbeiten, sondern mit eher viel Empathie und ähm #00:30:39–6# S.I.: Es ist schon sowas wie ne allgemeine Haltung hier im Haus in diesem Haus hier. #00:30:43–9# IP1: Ja #00:30:45–8# S.I.: Ja ok. Ich komm jetzt schon fast zum Ende, ich bin schon einmal durch mit meinem Leitfaden. Ähm Wenn du jetzt nochmal so auf unser Gespräch zurückblickst, was wir so besprochen haben so an Themen und so, gibts da Dinge, das wär noch wichtig zum Thema zu sagen? Wo ich jetzt z B. nicht so direkt nach gefragt habe, wenn du so an Soziale Arbeit in der Ambulanten Suchthilfe denkst, gibts da irgendwas , so n Statement oder irgendeinen Aspekt, den wir noch nicht besprochen haben? #00:31:37–7# IP1: (.)(.) Also, das war ja schon son ziemlicher Rundumschlag, ich hab jetzt nicht das Gefühl, da sind noch große Lücken ähm. Ich merke so grade in meinem Erzählen, hab ich hauptsächlich immer die Klienten, im Sinne die Betroffenen im Blick und das würd mir jetzt grad nochmal so einfallen, ähm das und das finde ich ist auch nochmal ein Qualitätsmerkmal, dass wir auch Angehörigenarbeit, ganz wichtig auch anbieten und dass wir das auch deutlich sagen, damit auch an die Öffentlichkeit gehen. Das ist so der eine Teil. Der andere Teil ist und auch das ist immer auch ein Qualitätsmerkmal, das wir auch bestimmte Gruppenangebote vorhalten, dass wir dem Klienten z. B. über die Motivationsgruppe die Möglichkeit geben auch noch mal mit anderen mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. Das heißt ein Stück mehr zu verstehen, das betrifft nicht nur mich oder bei der Therapievorbereitung einfach mal auszuprobieren. Viele sind sehr ängstlich, was Gruppenkontakte angeht und kann man mal einfach unverbindlich mal gucken, wie n das, wenn man da plötzlich mit fünf Leuten sitzt oder da gibts auch Ehrenamtliche, die ihre Anhang 273 Therapieerfahrungen vorstellen. Also dass da einfach auch noch mal so Peermäßig Beratung und Information möglich sind. Oder in der Angehörigengruppe Austausch auch möglich ist, wirklich festzustellen, andere Leute sind in der gleichen Situation, das ist ne große Entlastung. Also das ist nochmal sowas, dass dieses Spektrum auch recht breit ist. Das wir nicht nur diese Face-to-Face Beratung mit Betroffenen machen, sondern auch nach dem Umfeld gucken. #00:33:14–1# S.I.: Ja super, Danke erstmal. (Gerät wird ausgeschaltet) Anhang 3: Interviewtranskription IP1 274 Anhang 4: Interviewtranskription IP5 Aufnahmegerät wurde schon beim „Vorab-Schmalltalk“ eingeschaltet, da E. sich direkt nach der Begrüßung schon zum Thema äußerte, ohne den gesprächsgenerierenden Impuls abzuwarten (Anmerkung S.I.) IP5: Die haben ihre Entgiftung gemacht und da die Suchtkrankenarbeit war noch noch nicht differenziert. Es gab große Stationen, es gab noch oft Zwangseinweisungen zur damaligen Zeit. Ich kann mich noch dran erinnern, dass eine Station völlig abgeschlossen war und äh der Garten mit einem Zaun umgeben war, dass da niemand wegkonnte und auch große Gemeinschaftsräume und auch Bettensäle. Ich noch erlebt habe und äh die Klinik hat auch erst Ende der 70er Anfang der 80er Jahre als dann der Herr D. kam, #00:08:05–0# S.I.: Der Herr D. hat was verändert, #00:00:00–0# IP5: der was verändert hat also, wo dann auch der Fokus mehr auf die differenzierte Suchtkrankenarbeit gelegt wurde und ähm sich D. auch persönlich darum kümmerte, also da das hat viel bewirkt. #00:00:00–0# S.I.: Ja, ich würd ganz gerne, wenn es Ihnen Recht ist in unser Gespräch einfach auch mal fließend einsteigen und äh da anknüpfen und ähm Sie vielleicht als erstes bitten, dass Sie vielleicht kurz erzählen, wie Sie eigentlich zur Suchtkrankenhilfe gekommen sind. #00:01:26–0# IP5: Ich habe auch in A. an der X FH Sozialarbeit studiert und habe vorher eine Ausbildung gemacht im kaufmännischen Bereich, Versicherungskaufmann gelernt, dann ähm kam die Zivildienst und habe auch noch ne kurze Zeit in dem Beruf gearbeitet und bin dann umgestiegen und habe Sozialarbeit studiert. Habe erst die Fachoberschule gemacht und ähm dann eben die Fachhochschule, ein Praktikum gemacht, in einer Wohngemeinschaft für junge Erwachsene und das Anhang 275 war das Vorpraktikum, dann weil ich eben ne kaufmännische Ausbildung hatte bin ich dann mit der Sozialarbeit angefangen. #00:02:17–0# S.I.: Wann haben Sie Sozialarbeit studiert? #00:02:21–0# IP5: 1979–1985 #00:02:24–0# S.I.: Dann waren Sie ja auch einer der ersten dann? 1973 ist die Fachhochschule gegründet worden. #00:02:30–0# IP5: Ja also war in den 70er Jahren in der zweiten Hälfte der 70er Jahre aber in A. ja und habe dann auch meine Praktika gemacht einmal im K. und als zweites dann ergab sich das durch die Frau G., dass ich dann hier zur Suchtkrankenhilfe kam 1984 und das war der Einstieg in die Arbeit Suchtkrankenhilfe #00:03:04–0# S.I.: Also dann waren im 2. Praktikum direkt auch hier in der Stelle gewesen.? #00:03:06–0# IP5: Genau, ja Die Stellen waren noch, sind drei oder viermal umgezogen in der Zeit aber ähm das war der Kollege B., der die Stelle leitete seinerzeit und ähm er war auch mein Praxisanleiter und da hab ich eben Interesse bekommen für die Arbeit. Er hatte auch sehr interessante Gedanken und machte auch eine interessante Arbeit und das war so der Einstieg. #00:03:44–0# S.I.: Können Sie sagen, was Sie so interessiert hat, interessante Gedanken haben Sie gesagt, was ist das, was war das?┘ #00:00:00–0# IP5: └erst mal als Person, fand ich Ihn sehr beeindruckend und auch die Art und Weise seiner Arbeit und wie er mit den Suchtkranken umging, also ich hatte ja beschrieben, dass damals mehr so aufsuchende Arbeit gemacht wurde, auch damals die Selbsthilfegruppen aufgebaut, der Kreuzbund ähm der so in der Gründung war. Also das waren Dinge, die ich eben in diesen drei Monaten erlebt habe, ähm die mich beeindruck haben und das auch dazu geführt hat, dass ich dann ähm die Suchtkrankenarbeit gekommen bin und es ergab sich Anfang der 80er Jahre, dass eine Stelle, erst mal ne Praktikantenstel- Anhang 4: Interviewtranskription IP5 276 le frei wurde und eben anschließend eine, äh hauptamtliche Stelle hier. #00:04:37–0# S.I.: Und was hat er anders gemacht mit den Suchtkranken oder was war das faszinierende? #00:04:41–0# IP5: Dass er ähm sehr so belesen war und auch ähm um diese Dinge, da eigene Meinungen zu hatte und mich einfach die Auseinandersetzung mit den Gedanken und der Arbeit, beeindruckt hat. Und dass war dann eben der Weg die Arbeit. #00:05:05–0# S.I.: Jaha, ok. und das sich vielleicht unterschieden hat ,von dem, sie hatten ja auch eben über die Psychiatrie gesprochen, die Sie noch erlebt haben mit den Bettensälen usw. sich das auch da unterschieden hat? #00:05:16–0# IP5: Dass sich auch da unterschieden hat und da auch ja Auseinandersetzung, Gespräche stattfanden, wie die Arbeit dort geschieht und was man anders machen könnte. nun ja und dann kam natürlich auch die Zeit Beginn, 1982 als Herr D. kam und der dann vieles umänderte, dann gabs die AG Sucht, wo das dann thematisiert wurde und ähm äh die Vorstellungen, W-Klinik veränderte sich langsam. Da wurde eben auch äh eine Behandlungsstation eingerichtet, das war das S-Haus. Es war notwendig, da dadurch eine Konkurrenz entstand und es ging auch darum, wie und wo arbeiten die Gruppen, mit wem arbeiten sie zusammen ja und wodurch bekommen wird dann auch Zugang dann auch zu Suchtkranken, das spielt eine gro- ße Rolle. #00:06:35–0# S.I.: Das waren, wenn ich Sie richtig verstanden habe, die ersten Ansätze von Vernetzung, Zusammenarbeit von außerklinischen Stellen und der Klinik? #00:06:43–0# IP5: Aber auch natürlich spielten dann dann gewisse Konkurrenzgedanken auch mit eine Rolle, so zu gucken, woher bekommen wir denn unsere Klienten und was macht die W-Klinik, was machen wir damit? #00:07:04–0# Anhang 277 S.I.: Sich auch abzugrenzen, von dem was sie da machten. #00:07:06– 0# IP5: Ja, abzugrenzen und zu gucken, dann auch zu gucken, was wohin vermitteln wir, damals war es ja noch sehr stark, wenn jemand ähm abhängig war in eine Klinik zu vermitteln, also stationäre Therapie zu machen. Da gab es ja die ambulante Therapie noch gar nicht oder zumindest in dieser Form oder nur vielleicht in eigenen Vorstellungen, wo wir dann schon, ähm (.)(.) auch Gruppen gemacht haben oder wir auch Wochenendseminare gemacht haben. Wir sind dann z. B nach B. gefahren haben da von Freitag bis Sonntag ähm mit einer Gruppe die Zeit ähm verbracht und eben auch Gruppen gemacht und spezielle Dinge, wo wir glaubten, das könnte helfen, also teilweise auch mit Familien, wo die Kinder dabei waren. Das war so, erste Versuche, da was andere Therapie betraf. #00:08:18–0# S.I.: War das son bisschen experimentell oder gabs damals auch schon Literatur oder wissenschaftliche Ergebnisse dazu? #00:08:24–0# IP5: Das war ähm für mich eher experimentell. (.)(.) Das war(.) nicht darauf bezogen, dass ich da vorher was zu gelesen hatte, das muss man so machen, sondern das war einfach ne Idee mit den Kollegen, das einfach (.) zu versuchen, also wir hatten die Vorstellung, das müsste gehen und äh(.) hat auch funktioniert in dem Sinne. #00:08:49–0# S.I.: Ah ja , son bisschen,ähm eigentlich son bisschen forschend auch selber tätig gewesen. Wir probieren was aus im Sinne eines Experiments, weiterentwickelt, evaluiert wahrscheinlich┘, #00:09:03–0# IP5: └Jaa, dass ging dann los mit Frühsport, Jogging angeboten, ähm oder dann dass jemand aus dem Team dann mit Gips gearbeitet hat also so, Werktherapie oder malen ähm äh oder das war Herbst, dann haben wir dann so mit Blättern gearbeitet, das war so eine Sequenz. Und(.) ähm dann aber auch dann Gruppe, normale Gruppenarbeit mit den Leuten gemacht, was man heute vielleicht so im therapeu- Anhang 4: Interviewtranskription IP5 278 tischen Bereich so als ambulante Therapie macht, also so Vorläufer dessen. #00:09:48–0# S.I.: Also durchaus auch Gruppensettings gehabt? #00:09:48–0# IP5: Ja #00:08:048–0# S.I.: Und wie kamen Sie darauf, dass das helfen könnte? Irgendwoher, mussten Sie ja diese Ideen haben? #00:09:55–0# IP5: (.)(.) Ja, ähm für Leute, die trocken sind, die alkoholfrei leben, äh in der Lage sind, in der Lage sind, dass länger zu tun, einfach die Idee, dass wenn Gruppentherapie hilft in anderen Bereichen, in Kliniken, dann müsste das ambulant helfen. #00:10:19–0# S.I.: Ah ja, ok. Für Menschen, also die schon ein bisschen weiter sind, die nicht mehr so akut abhängig sind, die also schon son bisschen (.) Abstinenz zu stabilisieren? Ja und was machen Sie heute hier was sind heute hier ihre Aufgaben? #00:10:36–0# IP5: Heute ist erstmal die Beratung für überwiegend Alkoholabhängige, das heißt die Leute, die zu mir kommen, wo dann erstmal drei, vier Gespräche stattfinden, um erstmal zu klären, was ist die Situation, besteht ne Abhängigkeit oder nicht und was ähm ist ähm sinnvoll zu tun? Ist eine ambulante Therapie oder eine stationäre Therapie oder ist keines von beiden notwendig, d. h. einfach ne Selbsthilfegruppebesuch etc. Das gilt es zu klären und da hab ich dann vier, fünf Gespräche, wo ich dann ersteinmal ähm gucke, was ist die soziale Situation, was ist die Problemlage, gibt es da(.), was ist das Suchtmittel, ja, besteht da eher ein (.)(.)gefährlicher Gebrauch, oder besteht da ne Abhängigkeit schon, muss da äh eine Therapie gemacht werden oder nicht? #00:11:47–0# RH: Also, das hört sich son bisschen nach Diagnostik an. Sie machen son Clearing, Diagnostik. Gibts da bestimmte Schemata, nach denen Sie vorgehen, bestimmte Instrumente, die sie da benutzen? #00:12:00– 0# Anhang 279 IP5: Also ich habe da, so an für mich einen Leitfaden, wo es darum geht, dass die Situationsklärung, was ist die Situation, wie lebt jemand sozial, gibts da Beruf, äh gibt es eine Familie oder lebt der allein ähm. Dann was ist das Suchtmittel und wenn, gibt es mehre Suchtmittel und wenn wie wird das konsumiert? Ist das schon ein gefährdender, missbräuchlicher Konsum oder ist das eine Abhängigkeit und als nächstes so das Thema, Herkunftsfamilie, wie ist die Konstellation, wie ist jemand aufgewachsen, gab es da schon äh Abhängigkeiten z. B. oder nicht und wie ist der die Berufsentwicklung, wie ist der Berufsverlauf, gibts da Arbeit oder nicht und wie ist die Partnersituation, gibt es da ne eigene Familie oder gibt es Freundschaften, Beziehung ect oder auch nicht, oder wie gesagt, lebt jemand allein? Das ist so erstmal die erste Sequenz, wo ich das zu klären versuche und dann mir ein Bild darüber mache, äh erstmal besteht da ne Abhängigkeit oder besteht keine und was ist zu tun? Ist es notwendig, ähm eine Therapie zu machen oder nicht, reicht eine Selbsthilfegruppe, so das ist dann Sequenz, wenn ich zu der Auffassung komme, es muss eine Therapie gemacht werden, dann werde ich das sagen und werde auch vorstellen wie, ob ambulant oder stationär, ähm und dann erstmal behilflich sein, bei der Antragsstellung und den Sozialbericht schreiben, so das übliche formale, was notwendig ist. #00:14:10–0# RH: Und dieses Instrument, was Sie benutzen, Sie haben mir gesagt: „da habe ich mir son Leitfaden“, das haben Sie selbst entwickelt, dieses Instrument oder gibts da irgendwelche ┘ #00:14:18–0# IP5: └nun dies ist aufgrund eben meiner Erfahrung, meiner beruflichen Erfahrung äh (.) da hab ich mir da zurechtgelegt und weil ich denke, dass ähm ist das was ich nach den Jahren herausgefunden habe, ist notwendig (.)(.) für mich ideale so zu tun #00:14:40–0# S.I.: um den Menschen zu helfen #00:14:40–0# IP5: Um den Menschen und erstmal zu erfassen, zu begreifen, zu verstehen und ähm dann eben auch Hilfe anzubieten. #00:14:52–0# Anhang 4: Interviewtranskription IP5 280 S.I.: und wie, wenn die Klienten hierhin kommen, wissen sie schon immer, was sie wollen und sind immer schon klar, indem was sie wollen oder wie ist das? #00:15:01–0# IP5: M, nein nicht. Die kommen dann vielleicht und sagen mehr oder weniger, ich habe ein Problem oder ähm (.)(.)oder wie gestern jemand, der hier war gesagt hat, ähm ich habe schon mal ne Therapie vor neun Jahren gemacht, bin aber wieder rückfällig geworden. Da stellte sich dann raus, dass er die Therapie gemacht hatte, weil seinerzeit ähm seine Frau es wollte, weil die Ehe auch auf dem Spiel stand und auch die finanzielle und berufliche Existenz aber ganz wenig Eigenmotivation da war und er auch wieder rückfällig geworden war ähm (.) (.) wo er nicht zu Hause war, d. h. wo er außerhalb gearbeitet hat, wo er, wo ihn keiner kontrolliert hat. ja? auf Außenmontage sozusagen und da er Zeit hatte, zu trinken, heimlich und erst als er wieder nach Hause kam, dann die Frau irgendwann, er hat das auch sehr lange verheimlicht, die Flasche gefunden hat und da war das Thema wieder da. Ganz unterschiedlich und es war ihm gar nicht bewusst, dass er ähm so viel Fremdmotivation hat, dass er ganz wenig Eigenmotivation, geringe Eigenmotivation, wenn überhaupt hat. Dann jetzt zu gucken, auch eben wo er sagt, ich will was machen oder ich muss was machen, wie ist das denn verteilt? Warum will ich das denn machen oder was gibt mir auch der Alkohol? #00:16:48–0# S.I.: Und da haben Sie dann mit ihm gearbeitet, an dieser Frage? #00:16:51–0# IP5: An dem Punkt, da sind wir ja beim ersten Gespräch, wo es dann weitergeht, jetzt, wo ich ihn ja auch noch näher kennenlernen muss, einfach um zu sagen, was ist sinnvoll an eventuell ambulanter Therapie. #00:17:13–0# S.I.: Erwarten die Klienten von Ihnen, dass Sie ihnen sagen, was sie tun sollen oder haben die selber eigene Vorstellungen, wie die Dinge laufen sollen? Wie erleben Sie das? #00:17:20–0# Anhang 281 IP5: Das ist unterschiedlich, manche, die schon mal ne Therapie gemacht haben, die sagen dann: „Ich möchte ne Therapie machen oder wieder stationär dort in die Klinik ähm schon aber (.)(.)die keine gemacht haben, die kennen das vielleicht vom Hörensagen und ähm haben da keine konkreten Vorstellungen. #00:17:44–0# S.I.: und die würden dann eher erwarten, dass Sie ihnen sagen, was jetzt zu tun ist? #00:17:50–0# IP5: Ja, und dadurch, dass ähm hier vor Ort ja die B-Klinik ist und auch die W-Klinik ist, wissen viele schon, dass es so was gibt. Das ist ja auch nicht in jedem Ort und jeder Stadt, dass da vor Ort auch Fachkliniken sind. #00:18:08–0# S.I.: Und wenn jemand sagt, ich will das gar nicht? #00:18:12–0# IP5: Ja, ok, das ähm kann ich akzeptieren und dann werd ich, sage ich meine Einschätzung und äh beende das dann, sage: „Sie können gerne wiederkommen, wenn Sie Hilfe brauchen oder wenn Sie ein Gespräch möchten, klar. Ähm dann (.)(.)wird das so beendet. #00:18:36–0# S.I.: Ja, ok ja und wie lange dauern so Prozesse, die Sie haben? #00:18:45–0# IP5: Ja, die dauern unterschiedlich lang, also ich hätte gestern, hab ich jemand abgeschlossen, der seit 2006 äh erstmalig hier war bzw. ich ihn über das Krankenhaus kennengelernt habe. Ich mache auch Sprechstunde im V-Hospital. Da auf der Station ist er dann mir vermittelt worden, d. h. ich bekommen dann von der Station von dem Arzt, von dem Stationsarzt ne Mitteilung, dass da jemand behandelt wird, meist auch noch wegen anderer (.)(.)(.) Gebrechen und anderer Leiden und ähm wo dann aber Sucht eine Rolle mitspielt. Und dieser Mensch war wegen einer Magenproblematik da behandelt worden und hatte dann aber auch immer schon ein Alkoholproblem, ähm wo da seinerzeit der Chef das kritisiert hat, ihm Druck gemacht hat und dann die Frau, aber er selbst nicht, wenig Probleme damit hatte und auch dann äh, phasenweise abstinent gelebt hat und äh auch heim- Anhang 4: Interviewtranskription IP5 282 lich dann getrunken hat. Das hat auch dann die Frau gemerkt, aber als der Führerschein entzogen wurde, dann ist er selbst auf die Idee gekommen, dass da doch etwas äh mehr ist und da hat er dann eine stationäre Therapie gemacht und äh seit dem ist er abstinent und hat dann auch gestern so ganz stolz berichtet, dass er jetzt 426 Tage abstinent ist und ähm ja so dass dann dass er selbst jetzt will und das eingesehen hat und vorher dann der Chef und die Frau es wollte aber er selbst nur ganz gering. #00:20:41–0# S.I.: Und welche Rolle haben Sie jetzt in diesem Prozess gespielt? #00:20:43–0# IP5: Ja, äh so als Gesprächspartner, Berater, ähm wo anfangs öfter die äh Gespräche waren, anfangs, kann ich mich erinnern, dass wir da auch schon wöchentlich äh ne Sitzung hatten, aber zuletzt, dann vierwöchentlich und jetzt ganz zuletzt alle drei Monate vielleicht und ähm jetzt war noch ein Thema Rauchen, äh, aber da sagt er habe ich noch nicht den Kick. Da höre ich noch nicht auf. Ich hatte ihm auch angeboten, auch einen Raucherentwöhnungskurs zu machen, aber das wollte er nicht, da war er noch nicht zu motiviert und äh insofern habe ich das dann abgeschlossen, aber das war auch äh sein Denken d. h. seine Vorstellung, dass das, dass er auch das beendet hätte oder beenden wollte. Insofern war das stimmig, so dass wir das gemeinsam dann abschließen konnten. #00:21:49–0# S.I.: Und der hat ja sehr lange gedauert der Prozessbogen. Wenn Sie sagen 2006, äh sind das äh 7 Jahre. Was haben Sie da konkret mit ihm gemacht?(.)(.)(.) War der immer jede Woche regelmäßig┘ #00:22:07–0# IP5: └Nein, nein, das war dann auch phasenweise, je nach dem wie dann auch ein Druck war, d. h. sein Seniorchef, der hat ihn sehr malträtiert. Also der wollte damals schon, dass er ne Therapie machte usw. und hat ihn da verwarnt und äh da gab es ja ne ganz schlecht Atmosphäre. Er war Werkstattleiter, also hatte schon ne Verantwortungspo- Anhang 283 sition in der Firma und ähm, da hatte er sehr mit zu kämpfen gehabt und sehr Schwierigkeiten gehabt und es hat lange Zeit gedauert, bis er da ein einigermaßen Verhältnis entwickeln konnte und auch der Chef ihm nicht mehr son Druck gemacht hat, ja und das war oft dann Thema in den Gesprächen, anfangs. Dann kam die Frau dazu ja , die dann auch Druck machte, die dann auch, wenn er getrunken hatte, so dass waren Themen, die er dann hier eingebracht hat. #00:23:13–0# S.I.: D. h. Sie haben Ihn in seiner Ambivalenz beraten und begleitet eigentlich das Stück, ja #00:23:19–0# IP5: Weil er auch zur damaligen Zeit auch äh (.) letztlich nicht bereit war, so eine Therapie zu machen und ähm wie oft er dann auch getrunken hat, das vermag ich auch gar nicht zu sagen. Zumindest in den Gesprächen war er nüchtern, war er abstinent. Ähm ich denk mal, dass er ähm äh heimlich dann getrunken hat, aber ähm dass er das auch dann verheimlicht hat, nicht offen gemacht hat, das kann durchaus schon sein. Aber wenn er hier war, war er alkoholfrei. #00:23:57–0# S.I.: Und in welchen, wenn Sie jetzt diesen ganzen Prozessbogen mal angucken, von Anfang bis jetzt in welchen Bereichen, dieses im Leben dieses Klienten hat sich was verändert in der Zeit? Vielleicht auch durch Ihre Unterstützung? #00:24:12–0# IP5: Also ich glaube, dass er ähm mittlerweile, dass er mehr zu sich selbst gefunden hat, er zufriedener geworden ist. Früher hat er sich aufgeregt, über was war es? über den Chef, über äh über Kollegen oder Mitarbeiter und sagt heute: „Ne, da guck ich gar nicht mehr hin. Für mich ist das erledigt und ich guck jetzt, was ich machen kann und nicht machen kann.“ Also, dass er mehr zu sich selbst gefunden hat, auf sich selbst fokussiert ist, zufriedener geworden ist. #00:24:49–0# S.I.: Und ist er noch verheiratet? mit der selben Frau? #00:24:50–0# IP5: Er ist verheiratet, Immer noch mit derselben Frau und ähm die ist teilweise auch berufstätig, als Verkäuferin und ich habe sie auch schon öfter hier gehabt, oder so, insbesondere in der Zeit, in der es Anhang 4: Interviewtranskription IP5 284 dann zu Rückfällen gekommen ist. Äh aber mein Eindruck ist, dass die auch den äh Lebensweg weiter miteinander gehen. #00:25:20–0# S.I.: Hat sich in der Paardynamik auch was verändert, hier durch die Gespräche auch? #00:25:22–0# IP5: Ja, mh. Also sie war dann zeitweise sehr misstrauisch, auch ihm gegenüber. Da hat sich dann mit der Zeit langsam wieder Vertrauen gebildet, dass sie nicht mehr so guckt, hat er jetzt nun getrunken oder nicht getrunken, sondern dass das nicht mehr so ne große Rolle spielt. #00:25:49–0# S.I.: Also meine Frage, die ich mir grad stelle, ist hat sich nur der Mann verändert, oder hat sich auch son Umfeld verändert, dadurch, dass er hier auch in der Beratung war bei Ihnen? #00:25:57–0# IP5: Ähm also, er geht regelmäßig zur Selbsthilfegruppe, das ist auch ein Punkt, wo er dann Gesprächsmöglichkeiten und auch Kontaktmöglichkeiten hat. Ähm, das hat sich schon verändert. #00:26:16–0# S.I.: Was, ist dieser Klient, dieser Fall, den Sie gerade beschrieben haben, ist der typisch für ihre Arbeit?(.)(.)(.)oder würden Sie sagen, es gibt andere Fälle, die typischer sind? #00:26:32–0# IP5: Typisch, was vielleicht..Es gibt ja mehrere Klienten, die ja längere Zeit so in dieser Beratungs äh phase, Behandlungsphase, Betreuungsphase sind. Das ist schon in sofern typisch, also das es da auch lange Zeiten gibt, wo es manchmal auch dann unterbrochen ist, also da wo kein Kontakt stattfindet. Aber wenn man das mal so in Gänze sieht, dass das oft über ähm mehrere Jahre stattgefunden hat. #00:27:11–0# S.I.: Und Sie haben dann ja auch ne Therapie gemacht, tatsächlich, ne? #00:27:15–0# IP5: Ja man hat dann ne stationäre Therapie in einer Fachklinik gemacht. #00:27:20–0# S.I.: und wie würden Sie das Verhältnis sehen, von dem Erfolg, den der Klient jetzt hatte, welchen Teil hat der Beratungsprozess beigetragen und welchen Teil die Therapie, die ja viel kürzer ist, beigetra- Anhang 285 gen, oder würden Sie sagen, dass ist ja ungefähr gleich oder das tut sich nichts mit einander? #00:27:37–0# IP5: Die Therapie in der Klinik ist schon sehr intensiv und hat auch 14 Wochen gedauert also dass das auch ein großen Teil natürlich dazu beigetragen hat, dass er so zu sich selbst gekommen ist, selbstzufriedener geworden ist, ist schon ein erheblicher Teil. Ich kann das jetzt nicht benennen, was es ist, aber es ist schon ein großer Teil. #00:28:05–0# S.I.: Aber er war ja viel länger hier in der Beratung? #00:28:05–0# IP5: Er war viel länger hier, ja. Ähm das (.)(.)(.) ich denk mal, das es vielleicht auch 40 % dazu beigetragen hat, dass er(.) #00:28:19–0# S.I.: Also ich frag deswegen, weil es wird ja der Sozialarbeit häufig vorgeworfen: da werden die Klienten so lange gehalten und eigentlich könnte man es doch viel effizienter in so ner Therapie machen. Wenn die nur direkt in die Therapie, dann müsste man nicht soviel Geld und Ressourcen aufwenden, um die über lange Jahre zu begleiten. Da wird der sozialen Arbeit ja häufig Ineffektivität vorgeworfen. Wie würden Sie das sehen? Stimmt das oder ist das ? #00:28:51–0# IP5: Ich glaube, dass das Suchtmittel ein Symptom ist für etwas und dass das auch schon sehr früh angelegt wird, weshalb jemand Suchtmittel nimmt. Und insofern braucht auch so ein Prozess Zeit und der Mensch braucht Wachstum, um zu sich zu finden, ja um stimmig zu werden und das finde ich braucht einfach Zeit. Und insofern sehe ich den Vorwurf nicht, kann ich da nicht zustimmen. #00:29:35–0# S.I.: Also sie haben ja gesagt, die Zeit wo er hier war, die war ja auch unterbrochen, aber es war ja wichtig immer wieder anzukommen, um auch bereit zu sein, für die Veränderungsmaßnahmen, die ja in der Klinik sehr intensiv erfolgt sind, weil es gibt ja häufig auch viele Abbrüche. #00:29:52–0# IP5: Es gibt da auch ne Entwicklung. In früheren Zeiten, gab es äh Therapie die waren sechs Monate. Als ich 1980 anfing, waren die Therapien oft sechs Monate. Da war dann Arbeitstherapie, da war Anhang 4: Interviewtranskription IP5 286 dann sehr lange (das Telefon schellt und IP5 geht dran, das Gespräch wird unterbrochen und das Aufnahmegerät ausgestellt. Nach dem Telefonat spricht er weiter.) Das auch die Therapien nicht so speziell waren. Also diese 6 Monatstherapien, ich kann mich daran erinnern, dass das Haus B., da war viel Arbeitstherapie, da war der Morgen bestückt mit Arbeitstherapie, da gab es vielleicht ein oder zwei in der Woche ne Gruppe, ja also da war, da legte man auf andere Dinge Wert, das war sehr religiös orientiert, ja und diese Therapie hat sich ja auch verändert. (Das Telefon schellt erneut und IP5 geht dran, das Gespräch wird erneut unterbrochen und das Aufnahmegerät ausgestellt.) #00:30:53–0# S.I.: Wir waren bei den Therapien, die sich verändert haben. Die sind ja viel effektiver geworden. #00:30:58–0# IP5: und auch ähm so kurzfristiger geworden, das heute vielmehr, acht Woche, sechs Wochen Therapien genehmigt werden. Dafür manchmal ähm mehrere, ja weil das das dann auch mehr Sinn macht, dann kann man experimentieren dazwischen, ja durchaus rückfällig werden, aber dann nochmal ne ne neue Therapie ansetzen mit neuen Erkenntnissen und Erfahrungen. #00:31:23–0# S.I.: Das heißt äh die Zeit zwischen den Therapien und auch nach der Therapie ist ne wichtige Zeit #00:31:30–0# IP5: Ja, ich denke auch durchaus, dass ein Rückfall sehr heilsam und wichtig sein kann, einfach neue Erfahrungen und Erkenntnisse zu machen. #00:31:38–0# S.I.: Welche Rolle spielt ihre Arbeit in dieser Zeit z. B. nach Therapie oder im Übergang zur Therapie? #00:31:46–0# IP5: Ja, also, dass ich da auch Gespräche anbiete, vielleicht einmal wöchentlich, in der Zeit vor der Therapie, in der Zeit nach dem Entzug zum Beispiel ähm in Vorbereitung auf die stationäre Therapie oder auch nach einer Therapie, die ambulante Nachsorge. #00:32:07–0# Anhang 287 S.I.: Und warum ist das wichtig für die Klienten, was denken Sie? #00:32:14–0# IP5: Die Dinge, die vielleicht so nicht bewusst sind oder klar sind zu reflektieren, anzusprechen, aufmerksam zu machen, zu stabilisieren, was in der Therapie erarbeitet worden ist. #00:32:42–0# S.I.: Ja, was ähm leitet sie in ihrer Arbeit, was sind zentrale Werte in Ihrer Arbeit? Was denken Sie ist wichtig für diese Arbeit? #00:32:56–0# IP5: (.)(.) Ja, ich glaube, das Verständnis für Menschen da ein Wert ist, ein Empfinden von Gerechtigkeit und sicherlich auch ähm christliche Orientierung, also dass das für mich wichtig ist, weil das auch ein Wert ist, mit dem ich aufgewachsen bin. #00:33:32–0# S.I.: Christliche Orientierung meint was genau? #00:33:35–0# IP5: Den nächsten so zu behandeln, wie ich auch gerne behandelt werden möchte. So das ähm das ist glaube ich so ne Orientierung, son Wert, der für mich wichtig ist, an erster Stelle. #00:33:50–0# S.I.: Den Menschen also wirklich als Subjekt zu sehen, als autonomes Wesen, dessen Integrität zu schützen ist, so was vielleicht? #00:34:02–0# IP5: Ja, das kann man auch vielleicht sagen, das was in der Kirche , in der christlichen Lehre als Nächstenliebe bezeichnet wird, wo ähm man den anderen so behandeln sollte, wie man auch selbst behandelt werden will. #00:34:24–0# S.I.: Was sind so Herausforderungen in Ihrer Arbeit? Was erleben Sie als herausfordernd? #00:34:27–0# IP5: (.)(.)(.)(.)(.)(.)Immer wieder neu, dass es so viele Facetten von Problemlagen gibt, Menschen gibt, ähm das sich immer wieder neu darauf einzustellen und manchmal unglaubliche äh Konstellationen es gibt, die ich vorher gar nicht bedacht habe, auf die man sich gar nicht vorbereiten kann. #00:35:04–0# S.I.: Was hilft da, diese Herausforderungen zu bewältigen, mit denen Sie ja quasi täglich konfrontiert sind? #00:35:10–0# Anhang 4: Interviewtranskription IP5 288 IP5: Also äh für mich (.)(.) da selbst in Balance zu sein, das heißt ich gehe gerne in die Natur, also ich mache täglich einen Gang in der Mittagszeit, gehe ich, wenn ich Zeit habe, in den X-Park und Sport und diese Dinge, also das heißt mache mir Gedanken zu den Dingen, die mir auffallen #00:35:43–0# S.I.: Gedanken machen, das heißt nochmal darüber nachdenken, sie für sich zu reflektieren vielleicht auch? #00:35:47–0# IP5: Ja, oder zu Beispiel äh aktuell die Grenzen des Wachstums, alle reden von Wachstum, Wachstum, wo ich gedacht habe, das kann ja nicht normal sein, irgendwo muss es doch auch ein Leben geben, wo man sich mit beschränken kann und begrenzen kann, was ein angenehmes Leben ist. So diesem einfach nachzuspüren, was gibt es da zu lesen zu z. B. oder was meinen andere dazu. #00:36:15–0# S.I.: Das heißt durchaus auch Literatur, so Wissenschaftsliteratur zu lesen #00:36:20–0# IP5: Wissenschaft nicht aber zum Beispiel Zeitung oder sowas dann oder zu dem Thema mal zu gucken, was es da gibt z. B. #00:36:30–0# S.I.: Welche Rolle spielt Wissen oder theoretisches Wissen? #00:36:34– 0# IP5: Wissen spielt eine ganz große Rolle neben äh Erkenntnis äh neben der Befindlichkeit, also den Gefühlen, das spielt ne große Rolle, Wissen(.)(.) #00:36:50–0# S.I.: //mhm// Das heißt Sie beschäftigen sich auch regelmäßig mit Wissensliteratur ähm mit den neuen Erkenntnissen, die es im Feld auch der Suchthilfe gibt, da werden ständig neue Dinge, ja auch publiziert und Erkenntnisse, Trauma z. B. war eines der letzten Themen gewesen oder äh ┘ #00:37:14–0# IP5: └ Also, wenn ich darauf stoße, befasse ich mich auch damit, aber ich will jetzt nicht sagen, dass ich da äh so groß forsche oder auf die neuesten Erkenntnisse abziele, aber es gibt ja oft auch im Kollegenkreis, dann oft Gespräche bei den Teamsitzungen, da einfach äh ange- Anhang 289 regt zu werden mit Gedanken. Da gibts ja auch dann Methodenteam also wo dann jemand was vorstellt, alle zwei Monate. #00:37:46–0# S.I.: Es gibt ja unterschiedliche Quellen, sich das Wissen anzueignen, man muss ja nicht alles lesen. Man kann ja auch durch die Kollegen angeregt werden, ja Und haben Sie das Gefühl, dass sich dadurch ihre Arbeit weiterentwickelt – entwickelt hat auch? #00:37:57–0# IP5: Ich ähm glaube ja, dass sich die Arbeit weiterentwickelt, oder dass ich mich entwickle – weiterentwickle. Ansonsten wäre Stillstand. Ich glaube, dass ich dass der Lebensreifungsprozess schon Entwicklung ist. #00:38:14–0# S.I.: Was qualifiziert Sie für diese Arbeit, was braucht man um diese Arbeit zu machen? #00:38:24–0# IP5: Ich glaube, man braucht ne gewisse äh(.)(.)personale, ne Persönlichkeit ähm. Man braucht Wissen, man braucht Erfahrung in der Handhabung dieser Dinge. Auch Erfahrung in der Arbeit, dass ist sehr wichtig. #00:38:46–0# S.I.: Erfahrung heißt, man muss die Dinge auch tun, man kann die Dinge auch tun, man kann sie sich nicht aneignen theoretisch, man muss sie auch tun.┘ #00:38:50:00–0# IP5: └Tun, ja. Durch das Tun einfach ähm(.)(.)(.)ähm diese Erfahrungen wachsen durch das Tun, Kliniken besuchen, Gespräche mit äh vor Ort, auch die Erfahrung früher, auch die aufsuchende Arbeit mehr gemacht zu haben, aber jetzt mehr, isses ja mehr ne Komm- Strukur. Das sind eben auch Erfahrungen, die ich gemacht habe, dass sich das so entwickelt hat, also das heißt, die Erfahrung mit den Menschen und die Erkenntnisse, wie jemand zu Sucht kommt und was notwendig ist, dann zu tun. #00:39:36–0# S.I.: Ok. ja, dass heißt es hat sich auch sag ich mal implizites Wissen angehäuft.┘ #00:39:40–0# IP5: └Ja, genau┘ #00:39:41–0# Anhang 4: Interviewtranskription IP5 290 S.I.: └ Durch die eigene Erfahrung, die man gemacht hat, durch die Reflexion, immer wieder Reflexion des Ganzen, Inputs von außen, durch Kollegen, Austausch auch mit andern Fachdisziplinen auch. #00:39:53–0# IP5: Ja auch ähm Tagungen oder ich habe ne Fortbildung, Sozialtherapie-Fortbildung gemacht bei der GVS in Kassel. Das hat natürlich auch dazu beigetragen. #00:40:16–0# S.I.: Ja, ok. Wenn Sie jetzt mal so abwägen müssten, so ich sag mal implizites Wissen, Erfahrungswissen, Wissen durch Tun und Anregung durch theoretisches Wissen, was würden Sie sagen, ist da wichtiger oder kann man das nicht sagen? #00:40:29–0# IP5: Ich glaube, das hat alles seinen Stellenwert, wenn eines nicht da sein würde, würde es auch fehlen. #00:40:40–0# S.I.: Das heißt es braucht beides? #00:40:41–0# IP5: Ja es braucht beides. #00:40:42–0# S.I.: Jetzt guck ich nochmal auf meinen Zettel. (.)(.) Wenn wir jetzt mal zu dem Thema, kommen, was mich so hauptsächlich interessiert, ähm (.)(.)Was würden Sie sagen, gibt es so etwas typisch sozialarbeiterisches im Umgang mit ambulanten Suchtkranken im Unterschied vielleicht zu anderen Professionen, mit denen Sie ja auch eng zusammen arbeiten, Medizinern und Psychologen, gibt es da etwas was Sozialarbeiter anders machen? #00:41:13–0# IP5: Ich glaube, dass Sozialarbeiter, ähm insofern was anders machen, weil Sie also Ich kann mich daran erinnern, in den Anfangszeiten, wo ich die Leute auch begleitet habe zur Therapie oder zur äh Klinik gebracht habe also zum Entzug gebracht habe, lange mit denen im Auto unterwegs war, zu Gesprächen kam, ähm Sie auch in der Klinik aufgesucht habe zu Gesprächen. Ich glaube, dass das anders ist, als bei Medizinern und auch bei Psychologen. #00:42:00–0# Anhang 291 S.I.: Aber Sie haben ja gesagt, dass Sie das heute nicht mehr tun. Würden Sie denn heute sagen, sie arbeiten nicht mehr sozialarbeiterisch? #00:42:05–0# IP5: Vielleicht – das will ich jetzt nicht so äh so äh so hart sagen, aber ich glaube, dass es da auch mehr so äh vielleicht auch ne Annäherung gibt, wie Psychologen arbeiten. Durch die therapeutische Arbeit, in Anführungszeichen, dass das ähnlicher geworden ist. #00:42:35–0# S.I.: Was würden Sie sagen, was ist die Annäherung an die Psychologen? #00:42:40–0# IP5: Das mehr ne Komm-Struktur ist, äh indem ich äh nicht mehr also so mehr zur Klinik bringe, zum Beispiel. #00:42:55–0# S.I.: Und in Bezug auf die Klienten, ist das hilfreicher, hilft das den Klienten auch mehr? #00:43:00–0# IP5: (.)(.)(.)(.) Also ich glaube, dass die Arbeit effektiv ist. Das die Klienten auch profitieren. Ob sie von dem anderen mehr profitiert hätten, Vielleicht hätten Sie da jemand, der sie zur Therapie bringt, wärs etwas bequemer, bräuchten Sie nicht mit dem Zug zu fahren oder würden dann vielleicht eher hinfahren, weil sie dann gebracht werden, das mag durchaus sein, aber das seh ich nicht so als wesentlich. #00:43:44–0# S.I.: Also der Akt, jemand zur Therapie zu bringen, ist nicht das Entscheidende. #00:43:46–0# IP5: Wobei durchaus auch da ähm man da viel gute interessante Gespräche führen kann und die Menschen kennenlernen kann, ja . Ich hab da auch eine Frau im Auge, die ich hingebracht habe, die nach kurzer Zeit wieder abgebrochen hat, wo aber insgesamt so aufgrund ihrer psychischen oder psychiatrischen Erkrankung, da äh ein bergab zu sehen ist, kein Erfolg äh zu sehen ist, wo sie gesundet. #00:44:30–0# S.I.: Gibt es heute Unterschiede zwischen dem was sie heute tun, gibt es da etwas besonderes, typisch sozialarbeiterisches gegenüber ande- Anhang 4: Interviewtranskription IP5 292 ren Kollegen aus der Medizin oder psychologischen Therapie, was die anders machen? #00:44:55–0# IP5: Ich denk mal so, das kann ich jetzt nicht vergleichen. Also weil meine Art erst mal drei, vier Gespräche zu führen, um jemand kennenzulernen, ob das typisch ist, weiß ich nicht. Da ich da Zeit habe, das zu tun, finde ich ist das erstmal die richtige Art und Weise daran zu gehen. #00:45:32–0# S.I.: Sie würden schon sagen, dieses Kennenlernen, den ganzen Menschen zu betrachten, ist das Wesentliche? #00:45:36–0# IP5: Auch seine Geschichte, seine Herkunft, seine Entwicklung, um dann ein Bild zu machen, wie ist es dazu gekommen und was könnte ihm möglicherweise helfen, was braucht er, um nicht mehr das Suchtmittel zu brauchen. #00:45:54–0# S.I.: Das ist wesentlich für die Klienten #00:45:54–0# IP5: ja #00:00:00–0# S.I.: Da hätten Sie so ne Phantasie, dass das bei den anderen Ärzten oder Psychologen nicht so sein könnte? Weil sie sagen, Sie wüssten nicht so genau, ob das wäre#00:46:02–0# IP5: Ich weiß nicht, ob die sich so die Zeit nehmen oder auch die Zeit haben, das vermag ich nicht zu sagen. #00:46:14–0# S.I.: Das könnte auch an den Rahmenbedingungen liegen.? #00:46:18– 0# IP5: Könnte auch an den Rahmenbedingungen liegen. #00:46:18–0# S.I.: (.)(.)(.) ok. //mhm// ok Was sind für Sie so Erfolgskriterien, wann würden Sie sagen, hat ihre Arbeit Erfolg oder wann ist es eine qualitätsvolle soziale Arbeit? Was macht die Qualität von sozialer Arbeit aus? #00:46:41–0# IP5: Ein Erfolg ist, äußerlich erst mal, wenn jemand in der Lage ist, längerfristig abstinent zu leben. Auch natürlich wenn jemand sagt das hat mir geholfen oder diese ja Ideen, oder das hab ich noch gar nicht bedacht. Wie gestern, wo wir das abgeschlossen haben, das sagt so, Anhang 293 in der ersten Zeit waren mir die Gespräche ganz wichtig, ja so also im Nachhinein späte zwar späte Bestätigung, aber doch zu hören, es war wichtig hier her zu kommen, zu den Gesprächen. #00:47:26–0# S.I.: Ja ok, und was ist Qualität, wann würden Sie sagen, das ist ne gute Sozialarbeit, da wird ne gute Sozialarbeit gemacht? #00:47:35–0# IP5: (.)(.)(.) Wenn äh, zum Beispiel, wenn der Klient der Meinung ist, das es ihm hilft und wenn er in der Lage ist längerfristig zum Beispiel, wenn er abhängig ist, alkoholfrei zu leben #00:47:59–0# S.I.: Gut, ja dann komme ich schon fast zum Ende unseres Gesprächs, wenn Sie unser Gespräch nochmal so Revue passieren lassen, was würden Sie sagen, was ist wichtig zu dem Thema zu wissen oder zu sagen: Soziale Arbeit in der ambulanten Suchtkrankenhilfe? #00:48:22–0# IP5: Ich glaube Soziale Arbeit seinen Stellenwert hat und es gibt ja auch viele Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, die in dem Bereich arbeiten, die vielleicht auch eine Zusatzausbildung gemacht haben und die doch in der therapeutischen Arbeit sehr vertreten sind. #00:48:52–0# S.I.: und das ist wichtig. #00:48:53–0# IP5 Ja #00:48:54–0# S.I.: und warum ist das wichtig, können doch auch Psychologen machen? #00:49:00–0# IP5: Können Sie machen, ich glaube nur, dass das wäre jetzt ein Argument, wo ich dann argumentieren würde aus Kostenträgerschaft, dass die Sozialarbeiter zumindest günstiger vom Preis her sind, als Psychologen und Ärzte. #00:49:33–0# S.I.: Aber wenn man es bezahlen könnte, wäre es egal? #00:49:33–0# IP5: Ich glaube, dass das Sozialarbeit auf jeden Fall einen Stellenwert hat und wo dann auch noch die sozialen Aspekte, die Netzwerkaspekte berücksichtigt werden können, Arbeit, Familie usw. Also, dass das glaube ich die Sozialarbeiter mehr im Auge haben. #00:49:54–0# S.I.: Von Ihrer Ausbildung her oder warum haben Sozialarbeiter das mehr im Auge? #00:50:04–0# Anhang 4: Interviewtranskription IP5 294 IP5: Weil das einfach mehr das Soziale und diese Dinge mehr der Fokus eigentlich ist. #00:50:12–0# S.I.: ja, ok und das ist wichtig für die Klienten? #00:50:21–0# IP5: Ich denke ja #00:50:21–0# S.I.: Ich meine, Sie haben das am Anfang ja auch betont, dass, das der Fokus ist, den Sie ja auch legen, um einen Menschen kennenzulernen, haben Sie ja genau das gesagt, dass Sie das genau auch angucken, weil Sies für wesentlich halten. Können Sie nochmal sagen, warum Sie das für wesentlich halten, im Verhältnis zum Beispiel zu ner intrapsychischen Klärung oder warum das auf jeden Fall mit dazugehört? #00:50:46–0# IP5: Ich denke, die Dynamik in der Herkunftsfamilie schon eine wesentliche ist. Wie da die Konstellationen sind, wer da die Macht hat und ob da ausreichend gute ähm gute Ressourcen zur Verfügung gestellt wurden, ob eine ausreichend gute Mutter da war oder ein ausreichend guter Vater da war oder ähm nicht. #00:51:08–0# S.I.: und die sozialen Aspekte, haben Sie ja auch eben genannt, Arbeit, Wohnen, Geld, die sind auch wichtig. #00:51:15–0# IP5: Die sind auch wichtig klar, Beruf #00:51:21–0# S.I.: Warum ist der Beruf so wichtig? #00:51:21–0# IP5: Erfolgserlebnisse, ähm einerseits aber kann auch negative Folgen haben durch Stress, Anstrengung, Überlastung etc, dass das auch n wesentlicher Faktor ist, der auf möglicherweise Suchterkrankung Einfluss hat #00:51:41–0# S.I.: Weil dann der Suchtmittelkonsum dann als Medikation eingesetzt wird, um dem Stress entgegenzuwirken. #00:51:48–0# IP5: Wobei ich auch gestern noch mit jemand gesprochen habe, der sozusagen der aufgrund seiner Beruftätigkeit und Stress, unter Stress gestanden hat und dann langsam abgedriftet ist, in Alkoholismus und den Alkohol benutzt hat als Beruhigungsmittel, als Stressbekämpfungsmittel, als Entspannungsmittel. #00:51:10–0# Anhang 295 S.I.: Ja, einen ganz herzlichen Dank, dann wär ich durch mit meinem Interview. Ich bedanke mich ganz herzlich und mach mal das Gerät aus. (Das Gerät wird ausgeschaltet.) Anhang 4: Interviewtranskription IP5

Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.

References
Literatur
Abbott, Andrew (1988): The System of Professions. An Essay on the Division of Labor. Chicago und London: University Press Chicago
Amering, Michaela, Schmolke, Margit (2012): Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. Bonn: Psychiatrie-Verlag
Arnold, Thomas (2014): Sozialpolitik. In: G黱ter J. Friesenhahn, Daniela Braun und Rainer Ningel (Hg.): Handlungsr鋟me Sozialer Arbeit. Ein Lern- und Lesebuch. Opladen: Budrich, S.?212?222
Arnold, Thomas (2015): Zur Debatte um die 謐onomisierung von sozialen Dienstleistungen. In: Forum Supervision, Heft Nr. 46, S.?30?45
Arnold, Thomas, Kornd鰎fer, Gundolf, (1993): Modellprogramm Aufsuchende Sozialarbeit f黵 langj鋒rig Drogenabh鋘gige. Ergebnisse der wissenschaftlichen Begleitung. Schriftenreihe des Bundesministeriums f黵 Gesundheit, Bd. 15. Baden-Baden: Nomos
Arnold, Thomas, Schmid, Martin, Simmedinger, Renate (1999): Suchthilfe im Krankenhaus: Endbericht der wissenschaftlichen Begleitung des Bundesmodellprogramms 凞rogennotfallprophylaxe/Nachgehende Sozialarbeit?. Das Bundesministerium f黵 Gesundheit (Hrsg.). Baden-Baden: Nomos
Becker-Lenz, Roland; M黮ler, Silke (2009a): Die Notwendigkeit von wissenschaftlichem Wissen und die Bedeutung eines professionellen Habitus f黵 die Berufspraxis der Sozialen Arbeit. In: Roland Becker-Lenz (Hg.): Professionalit鋞 in der sozialen Arbeit. Standpunkte, Kontroversen, Perspektiven. Wiesbaden: VS Verlag
Becker-Lenz, Roland, M黮ler, Silke, (2009b): Der professionelle Habitus in der Sozialen Arbeit. Grundlagen eines Professionsideals. Lang: Berlin u.?a.
BMG (2019), Bundesministerium f黵 Gesundheit. Gesundheitsgefahren. Sucht und Drogen. In: https://www.bundesgesundheitsministerium.de/themen/praevention/gesundheitsgefahren/sucht-und-drogen.html, zuletzt eingesehen am 8.12.2019
Bogner, Alexander (2009): Experteninterviews. Theorien, Methoden, Anwendungsfelder. 3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag
B鰄l, Hans, Koch, Andreas, Leune, Jost, Redecker, Thomas (2010): Suchthilfe im regionalen Behandlungsverbund. Bestandsaufnahme und Entwicklungspersektive. Deutsche Hauptstelle f黵 Suchtfragen (Hrsg.). Hamm
Bohnsack, Ralf (2003): Rekonstruktive Sozialforschung. Einf黨rung in qualitative Methoden. 5. Aufl. Opladen: Leske + Budrich
Brast-Ulrich, Friedemann (2010): Inhaltliche, strukturelle und 鰇onomische Notwendigkeiten einer integrierten Versorgung aus Sicht der ambulanten Suchthilfe. Fachverband Sucht. Heidelberg. Online verf黦bar unter www.sucht.de/tl_files/pdf/veranstaltungen/?/brast-ulrich_f6.pdf, zuletzt gepr黤t am 01.07.2018
Braun, Barbara, Specht, Sara, Thaller, Rebecca, K黱zel, Jutta (2016): Deutsche Suchthilfestatistik 2016. Tabellenband f黵 ambulante Beratungs- und/oder Behandlungsstellen, Fachambulanzen und Institutsambulanzen (Typ 3 und 4). Bezugsgruppe: 3 Alle Betreuungen mit Einmalkontakte. Institut f黵 Therapieforschung. Online: https://www.suchthilfestatistik.de/dshs/aktuelles/detailansicht/a/detail/News/tabellenbaende-datenjahr?2016-verfuegbar.html, zuletzt eingesehen am 15.11.2018
DHS 1999, Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (1999): Leistungsbeschreibung f黵 ambulante Beratungs- und Behandlungsstellen der Suchtkrankenhilfe. Erstellt vom Institut f黵 Therapieforschung (IFT), Hamm
DHS 2000, Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (2000): Situation und Perspektiven der Suchtkrankenhilfe. Positionspapier 2001, Hamm
Dilling, Horst (2011): Taschenf黨rer zur ICD?10-Klassifikation psychischer St鰎ungen. Mit Glossar und diagnostischen Kriterien ICD?10: DCR?10 und Referenztabellen ICD?10 v.s. DSM-IV-TR. 5. Bern: Huber
Elias, Norbert, Scotson, John (1993): Etablierte und Au遝nseiter. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Fankh鋘el, Thomas; Klement, Andreas; Forschner, Lukas (2014): Haus鋜ztliche Intervention f黵 eine Entw鰄nungs- Langzeitbehandlung bei Patienten mit einer Suchterkrankung (HELPS). In: Sucht Aktuell (2), S.?55?59
FDR 2005, Fachverband Drogen und Rauschmittel (Hrsg.), (2005): Mindeststandards der ambulanten Suchthilfe. Vorschl鋑e des Fachverbandes Drogen und Rauschmittel e.V. zu den Arbeitsgrundlagen von ambulanten Hilfen f黵 Suchtkranke: Hannover
Freud, Anna, (1994): Die Identifizierung mit dem Angreifer. In: Dies.: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Frankfurt am Main: Fischer
Gigerenzer, Gerd (2008): Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. M黱chen: Goldmann
Hahne, Frank, Molter, Ingo (2016): 凥ast du einmal zwei Minuten Zeit?? ? Ein Beitrag zur Beratung zwischen T黵 und Angel. In: Hollstein-Brinkmann, Heino, Knab, Maria (Hrsg.), Beratung zwischen T黵 und Angel, Professionalisierung von Beratung in offenen Settings. Wiesbaden: Springer, S. 91?112
Hansj黵gens, Rita (2018): 処n Kontakt kommen?. Zur Rekonstruktion der Entstehung einer Beziehung zwischen Fachkr鋐ten der Sozialen Arbeit und ihren Klient_innen in einer Suchtberatungsstelle. Baden-Baden: Tectum
Heiner, Maya (2004): Professionalit鋞 in der sozialen Arbeit: Theoretische Konzepte, Modelle und empirische Perspektiven. Stuttgart: Kohlhammer
Heintze, Cornelia (2013): Auf der Stra遝 des Erfolgs: Rahmenbedingungen, Umfang und Finanzierung kommunaler Dienste im deutsch-skandinavischen Vergleich. Marburg: Metropolis
Helfferich, Cornelia (2011): Die Qualit鋞 qualitativer Daten. Manual f黵 die Durchf黨rung qualitativer Interviews. 4. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag
Hollstein-Brinkmann, Heino (2016): Herstellung und Definition der T黵-und-Angel-Situation ? oder: Wann ist ein Gespr鋍h Beratung? In: Hollstein-Brinkmann, Heino, Knab, Maria (Hrsg.), Beratung zwischen T黵 und Angel, Professionalisierung von Beratung in offenen Settings. Wiesbaden: Springer, S. 17?47
IHRA (2010), International Harm Reduction Association. Was ist Harm Reduction? Eine Erkl鋜ung der International Harm Reduction Association. In: https://www.hri.global/files/2010/06/01/Briefing_What_is_HR_German.pdf, zuletzt eingesehen am 8.12.2019
Kemper, Ulrich (2008): Der Suchtbegriff. Versuch einer Ann鋒erung. In: Jahrbuch Sucht. Deutsche Hauptstelle f黵 Suchtfragen (Hrsg.). Geesthacht: Neuland, S.?210?226
Klein, Michael, (2012): Soziale Arbeit in der Suchthilfe ? verkannt, unbekannt, unverzichtbar oder was? In: Suchttherapie 13 (04), S.?153?154.
K鰎kel, Joachim, Nanz, Matthias (2016): Das Paradigma Zieloffener Suchtarbeit. In: akzept e.V., Deutsche AIDS-Hilfe, JES e.V. (Hrsg.). 3. Alternativer Drogen- und Suchtbericht 2016. Pabst Science Publishers: Lengerich, S.?196?204
K鰎kel, Joachim, Kruse, Gunther (1993): Mit dem R點kfall leben. Abstinenz als Allheilmittel? Bonn: Psychiatrie-Verlag
Kraimer, Klaus (2007): Die Einzelfallstudie. Unver鰂fentlichter Studienbrief. HTW, Saarbr點ken
Krasney, Otto Ernst (1984): Sozialrechtliche Vorschriften bei der Betreuung Suchtkranker. Hrsg. vom Gesamtverb. f黵 Suchtkrankenhilfe. Kassel: Nicol
Kreis, Sebastian (1985): Die Kategorie 凚eziehung? in der Kommunikationsanalyse. Eine linguistische Untersuchung zur Bedeutung des Beziehungsaspektes. Z黵ich
Legnaro, Aldo (1991): Rausch und Sucht als Kulturph鋘ome in MAGS: Pr鋠ention zwischen Genuss und Sucht, D黶seldorf, S.?21?27
Moch, Matthias (2012): Die L點ke. Implizites Wissen und das Theorie-Praxis-Verh鋖tnis. In: neue praxis 42 (6), S.?555?565
M黮ler, Burkhard (2012): Sozialp鋎agogisches K鰊nen. Ein Lehrbuch zur multiperspektivischen Fallarbeit. 7. 黚erarb. und erw. Aufl. Freiburg im Breisgau: Lambertus
Neuweg, Georg Hans, (1999): K鰊nerschaft und implizites Wissen. Zur lehr- und lerntheoretischen Bedeutung der Erkenntnis- und Wissenstheorie Michael Polanyis, M黱ster: Waxmann
Neuweg, Georg Hans, (2015a): Das Schweigen der K鰊ner. Strukturen und Grenzen des Erfahrungswissens. In: Ders.: Das Schweigen der K鰊ner. Gesammelte Schriften zu implizitem Wissen. M黱ster: Waxmann, S.?19?36
Neuweg, Georg Hans, (2015b): Lehrerhandeln und Lehrerbildung im Lichte des Konzepts des impliziten Wissens. In: Ders.: Das Schweigen der K鰊ner. Gesammelte Schriften zu implizitem Wissen. M黱ster: Waxmann, S.?209?227
Nolte, Frank, (2007): 凷ucht? zur Geschichte einer Idee in. In: Dollinger, Bernd; Schmidt-Semisch, Henning (Hrsg.): Sozialwissenschaftliche Suchtforschung. S.?47?58
O払rian, Charles P.; Volkow, Nora; Li, T-K (2006): What抯 in a Word? Addiction Versus Dependence in DSM-V. In: Am J Psychiatry 2006, S.?764?765
Oevermann, Ulrich (1996): Theoretische Skizze einer revidierten Theorie professionalisierten Handelns. In: Arno Combe und Werner Helsper (Hg.): P鋎agogische Professionalit鋞. Untersuchungen zum Typus p鋎agogischen Handelns. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.?70?182
Oevermann, Ulrich, Allert, Tilman; Konau, Elisabeth, (1980): Zur Logik der Interpretation von Interviewtexten. Fallanalyse anhand eines Interviews mit einer Fernstudentin. In: Heinze, Thomas, Klusemann, Hans-W. und Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.): Interpretationen einer Bildungsgeschichte. 躡erlegungen zur sozialwissenschaftlichen Hermeneutik. Bensheim: P鋎.-extra-Buchverlag, S.?15?69
Oevermann, Ulrich; Allert, Tilman; Konau, Elisabeth; Krambeck, J黵gen (1979). Die Methodologie einer 刼bjektiven Hermeneutik? und ihre allgemeine forschungslogische Bedeutung in den Sozialwissenschaften. In: Soeffner, Hans-Georg (Hrsg.): Interpretative Verfahren in den Sozial- und Textwissenschaften. Stuttgart: Metzler, S.?352?434
Parsons, Talcott (1951): The Social System. Glencoe: Free Press
Polanyi, Michael (1985): Implizites Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp
Preu?-Ruf, Ulrike (2012): Ambulante Suchthilfe in Psychosozialen Beratungsstellen. In: Hans Joachim Abstein und Sigmund Gastiger (Hg.): Methoden der Sozialarbeit in unterschiedlichen Arbeitsfeldern der Suchthilfe. Freiburg im Breisgau: Lambertus, S.?53?70
Rometsch, Wolfgang (2012): Nur multidisziplin鋜 kann Suchthilfe geleistet werden. In: Suchttherapie (13) Heft 4, S.?152
R黣gger, Cornelia (2011): Die soziale Dimension psychischer Krankheit und Gesundheit. Eine handlungstheoretische Wissensbasis der Klinischen Sozialen Arbeit in der Psychiatrie. Coburg: ZKS-Verlag
Scheerer, Sebastian (1995): Sucht. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt
Schmid, Martin (2003): Drogenhilfe in Deutschland: Entstehung und Entwicklung 1970?2000. Frankfurt am Main: Campus
Sommerfeld, Peter; D鋖lenbach, Regula; R黣gger, Cornelia (2016): Klinische Soziale Arbeit und Psychiatrie. Entwicklungslinien einer handlungstheoretischen Wissensbasis. Wiesbaden: VS-Verlag
Sommerfeld, Peter; Hollenstein, Lea; Calzaferri, Raphael (2011): Integration und Lebensf黨rung. Ein forschungsgest黷zter Beitrag zur Theoriebildung der Sozialen Arbeit. Wiesbaden: VS Verlag
Spode, Hasso (1993): Die Macht der Trunkenheit: Kultur und Sozialgeschichte des Alkohols in Deutschland; Opladen: Leske und Budrich
Staub-Bernasconi, Silvia (2007a): Soziale Arbeit als Handlungswissenschaft. Systemtheoretische Grundlagen und professionelle Praxis ? Ein Lehrbuch. Bern: Haupt
Staub-Bernasconi, Silvia (2007b): Vom beruflichen Doppel-zum professionellen Tripelmandat. Wissenschaft und Menschenrechte als Begr黱dungsbasis der Profession Soziale Arbeit [PDF]. Abgerufen von http://www.avenirsocial.ch/de/p42000233.html
Streek, Ulrich (2013): Implizites Beziehungswissen. In: Psychotherapeut (58), Heft 2, S.?143?151
Stern, Daniel N., u.?a. (The Boston Change Process Study Group) (2012): Ver鋘derungsprozesse. Ein integratives Paradigma. Frankfurt am Main: Brandes & Apsel
Watzlawick, Paul; Beavin, Janet H.; Jackson, Don D. (2007): Menschliche Kommunikation. Formen, St鰎ungen, Paradoxien. 11., unver鋘d. Aufl. Bern: Huber
Wernet, Andreas (2009): Einf黨rung in die Interpretationstechnik der Objektiven Hermeneutik. 3. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag
Wirth, Wolfgang 1982, Inanspruchnahme sozialer Dienste. Bedingungen und Barrieren. Frankfurt/Main: Campus

Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.