2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle in:

Thomas Arnold

Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung, page 7 - 32

Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4453-7, ISBN online: 978-3-8288-7470-1, https://doi.org/10.5771/9783828874701-7

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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7 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle Um die mitgeteilten Erfahrungen, fachlichen Haltungen und geäu- ßerten Sichtweisen der befragten Fachkräfte des Sozialen Arbeit einordnen und angemessen würdigen zu können, ist es angezeigt wichtige Kontextbedingungen zur Institution „Suchtberatungsstelle“ kurz vorzustellen. 2.1 Was ist Sucht? Das Wort Sucht leitet sich ab aus dem niederhochdeutschen Wort „siech“ und dies bedeutet „krank“. In der Vergangenheit wurde es zur Klassifizierung von Verhaltensweisen verwendet, die als auffällig, als abweichend etikettiert wurden, gleichzeitig aber die Subsumption unter Krankheit nicht völlig geklärt war, z. B. im Fall der „Fallsucht“, die später zur Epilepsie wurde, oder im Fall der sogenannten Tobsucht oder der Eifersucht. Vor ca. 100 Jahren setzte sich der Begriff Sucht als Bezeichnung für die Abhängigkeit von Alkohol später aber auch von anderen psychoaktiven Substanzen wie Kokain, Cannabis oder Heroin durch. In den 1980er Jahren wurde dies um sogenannte nicht stoffgebundene Süchte (z. B. Glücksspiel) erweitert. Ab den 1990er Jahren wurde der Begriff 8 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle „Abhängigkeitserkrankung“ favorisiert. Umgangssprachlich wird aber wieder zunehmend der Begriff „Sucht“ benutzt. Auch Fachleute verwenden ihn wieder zunehmend. So gehen Überlegungen dahin, den Begriff „Abhängigkeit“ wieder durch den Begriff „Sucht“ zu ersetzen. Dabei spielt die Überlegung eine Rolle, die körperliche Abhängigkeit beispielsweise von behandlungsnotwendigen Medikamenten von der Abhängigkeit abzugrenzen, die als umfassenderes bio-psycho-soziales Phänomen verstanden wird (O’Brian et al. 2006, S. 765). „Sucht“ wird inzwischen überwiegend als bio-psycho-soziales Phänomen verstanden, das eine Betrachtung und Würdigung des Einzelfalls nahelegt, vorschnelle Verallgemeinerungen erscheinen nicht als sachangemessen (Kemper 2008, S. 212). Für die aktuelle Betrachtung von Sucht ist kennzeichnend, auf eine Ätiologie zu verzichten. In der Weiterentwicklung der Diagnosekriterien für Sucht wurden Kriterien (oder Symptome) eher als eine Art Konvention festgelegt (ebd., S. 218). So sieht die „International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems“ in der 10. Auflage (ICD–10)1 folgende Kriterien vor: • Der starke Wunsch bzw. Zwang, psychotrope Substanzen zu konsumieren. • Vorliegen einer verminderten Kontrollfähigkeit im Umgang mit der Substanz, den Substanzen. • Vorliegen eines körperlichen Entzugssyndroms, nachgewiesen durch die substanzspezifischen Entzugssymptome oder durch 1 Die ICD wird von der World Health Organisation herausgegeben. Sie gilt als einer der wichtigsten Diagnoseklassifizierungssysteme der Medizin. In Deutschland sind alle Ärzte, die an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen oder als ärztliche Leitungen in Einrichtungen arbeiten (z. B. in Einrichtungen der Entgiftung oder der Rehabilitation) nach SGB V verpflichtet, Diagnosen nach ICD zu verschlüsseln. 9 2.1 Was ist Sucht? die Aufnahme der gleichen oder einer nahe verwandten Substanz, um Entzugssymptome zu mildern oder zu vermeiden. • Toleranzentwicklung, d. h. Dosissteigerung, um den gewünschten Substanzeffekt zu verspüren. • Vernachlässigung sozialer und beruflicher Aktivitäten. • Schädlicher Konsum, d. h. einen anhaltenden Substanzgebrauch trotz Nachweis eindeutiger Schäden. (Dilling 2011, S. 431) Als diagnostische Leitlinie ist dabei festgelegt, dass eine Diagnose Sucht sinnvoller Weise nur gestellt werden kann, wenn irgendwann während des zurückliegenden Jahres mindestens drei oder mehrere der genannten Kriterien gleichzeitig vorhanden waren. (vgl. ebd.). Dem Verzicht bei der Diagnose ätiologische Gesichtspunkte hinten an zu stellen steht hingegen die Erfahrung gegenüber, wonach für die Art und Weise der Behandlung das Erklärungsmodell von Sucht von großer Bedeutung sei. Relative Einigkeit besteht dahingehend, bei der Entstehung von Sucht von einem multifaktoriellen Bedingungsgefüge auszugehen, welches mindestens die betroffene Person, ihr näheres und weiteres soziales Umfeld sowie substanzbezogene Spezifika berücksichtigen will. Nur fallbezogen kann das jeweilige Gewicht der genannten Dimensionen rekonstruiert werden, bzw. dynamische Wechselwirkungen zwischen ihnen. Weiter wird davon ausgegangen, dass soziale Konstruktionen bei dem Phänomen „Sucht“ schon immer eine Rolle gespielt haben und bis heute spielen. (Legnaro 1991, Scheerer 1995; Spode 1993). Über lange Zeit wurde die Entstehung der Abhängigkeit als individuelles Versagen konzipiert (moralisches Modell). Erst relativ spät (siehe unten) wurde Sucht als Krankheit anerkannt. Hiermit wurde der Zugang zum Versorgungssystem der gesetzlichen Sozialversicherungen (insbesondere der Gesetzlichen Krankenversicherung und der Gesetzlichen Rentenversicherung in Deutschland) ermöglicht (siehe unten). Die Umwelt wurde so auch in Verantwor- 10 tung genommen (Krankheitsmodell). Aktuell besteht ein Verständnis von Sucht, wonach der Betroffene nicht für die Entstehung der eigenen Sucht verantwortlich gemacht wird, wohl aber für die Inanspruchnahme von Hilfe (Kemper 2008, S. 224). 2.2 Sucht als Krankheit Einen markanten Einschnitt vor allem bei der sozialrechtlichen Würdigung von Sucht bildete das Urteil des Bundessozialgerichts vom 16.6.1968 (BSGE 28, S. 114ff). Nach Auffassung des Gerichts und der sich der Entscheidung anschließenden ständigen Rechtsprechung des Bundessozialgerichts bildet die Sucht selbst einen regelwidrigen Körper- und Geisteszustand, der sich im Verlust der Selbstkontrolle und in der krankhaften Abhängigkeit vom Suchtmittel, im nicht mehr aufhören können, äußert. Im Unterschied zu früheren Entscheidungen ist es bei der sozialrechtlichen Einordnung von Sucht nicht mehr erforderlich, dass die Sucht in fortgeschrittenem Stadium besteht. Die Ausführungen des Bundessozialgerichts gelten für jede Sucht, unabhängig von der Art des Suchtmittels (Krasney 1984, S. 45). Demnach gilt die Sucht als solche als Krankheit im Sinne der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und nicht erst die regelmäßig auftretenden Sekundärschäden. Auch gilt fortan Sucht als regelwidriger Körper- oder Geisteszustand im Sinne der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV). Ein zentraler Einwand gegen die Rechtsprechung des Bundessozialgerichts war, dass es eine Abkehr vom Versicherungsprinzip sei, wenn die Kosten eines gesundheitlichen Fehlverhaltens der Gemeinschaft der Versicherten auferlegt werde. In diesem Zusammenhang wird von den Befürwortern der Maxime „Sucht ist Krankheit“ argumentiert, dass die sozialpolitische Entwicklung der letzten Jahrzehnte 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 11 2.2 Sucht als Krankheit den Versicherungsschutz nach Art und Umfang immer mehr erweitert habe. So kommt der Frage, ob von den Versicherten als Gegenleistung nicht ein stärkeres gesundheitliches Wohlverhalten im Sinne der Mitwirkungspflicht (z. B. nach den §§ 60ff SGB I) zu fordern sei ein besonderer Stellenwert zu. Gleichwohl ist festzuhalten, dass ein entsprechendes Prinzip nicht nur im Bereich der Sucht sondern dar- über hinaus auch in anderen Fragen der Finanzierung von Maßnahmen und Behandlungen zu institutionalisieren wäre. So erscheint es als rechtlich äußerst zwiespältig, die finanziellen Folgen eines nichtsüchtigen gesundheitlichen Fehlverhaltens (z. B. Rauchen oder Übergewicht), bei dem die Selbstkontrolle augenscheinlich nicht verloren ist, weiterhin der Versichertengemeinschaft aufzuerlegen, die Fälle aber, in denen der Kontrollverlust eingetreten ist, von der Leistungspflicht auszunehmen (Krasney 1984, S. 46). Relevant ist hier, dass die SGBen V und VI den Begriff der Krankheit nicht auf den schuldlosen regelwidrigen Körper- oder Geisteszustand beschränken. „Die Frage, ob eine Krankheit vorliegt, ist nicht davon abhängig, ob sie auf einem Fehlverhalten oder einem sonstigen Verschulden des Versicherten beruht“ (Krasney 1984, S. 46). Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen veröffentlicht Schätzungen2, wonach in Deutschland zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt haben und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken vorweisen. Die jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten hierfür werden dort auf 40 Milliarden Euro beziffert. Die Krankheit „Sucht“, soweit sie mit Alkohol in Verbindung steht, betrifft demnach eine sehr große Zahl von Personen – nicht berücksichtigt sind hier mitbetroffene Angehörige – und stellt kein Phänomen dar, von dem nur Wenige betroffen sind. 2 https://www.dhs.de/datenfakten/alkohol.html, letzter Zugriff am 25.11.2019. 12 2.3 Soziologische Aspekte der Konstruktion von Sucht als Krankheit Als nächstes soll hier unter einer soziologischen Perspektive der Konstruktion von Sucht als Krankheit nachgegangen werden. Dabei wird auf die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede der Krankenrolle im Allgemeinen und der Rolle des Süchtigen im Besonderen verwiesen. Bei der Darstellung der Krankenrolle und der Funktion von Krankheit in modernen Gesellschaften wird vor allem auf die Handlungstheorie von Talcott Parsons zurückgegriffen (Parsons 1951). Demnach wird Krankheit allgemein als ein Zustand der Störung des Funktionierens bezeichnet, das im jeweiligen sozialen Kontext als normal empfunden wird. Dies umfasst sowohl den Zustand des Organismus als biologischem System als auch die individuellen und sozialen Anpassungsprozesse. Der Begriff der Krankheit ist demnach sowohl biologisch als auch sozial bestimmt. Die hier relevante Verflechtung in das soziale System ist potentiell für den Krankheitszustand bedeutsam und dies sowohl in Hinblick auf die Verursachung als auch in Hinblick auf die Bedingungen erfolgreicher Überwindung der Krankheit, evtl. mit Hilfe von therapeutischer Unterstützung (vgl. Parsons 1951, S. 431). Alltägliche Deutungsmuster mögen gewisse Vorbehalte haben, ob Krank-Sein überhaupt als soziale Rolle formulierbar ist. Die Frage ist hier, ob es nicht einfach ein faktischer Zustand ist, in den man gerät. Entscheidendes Abgrenzungskriterium für die Parsonsche Handlungstheorie ist das das Vorhandensein eines Komplexes von institutionalisierten Erwartungen und der entsprechenden Emotionen und Sanktionen (vgl. Parsons 1951, S. 436). Parsons sieht vier Aspekte des Systems institutionalisierter Erwartungen, die sich auf die Rolle des Kranken beziehen: 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 13 2.3 Soziologische Aspekte der Konstruktion von Sucht als Krankheit 1. Die Befreiung von den normalen Rollenverpflichtungen, 2. die Gesundung ist nicht nur vom guten Willen des Betroffenen abhängig, 3. Kranksein ist unerwünscht, 4. Verpflichtungserwartung, sich sachkundiger Behandlung zu unterziehen. Zu 1: Die Befreiung von den normalen Rollenverpflichtungen erfordert eine Legitimation von und eine Legitimation gegenüber den verschiedenen sozialen Handlungspartnern. Es sei darauf verwiesen, dass die Legitimation krank genug zu sein, um von anderen sozialen Verpflichtungen entlastet zu sein, nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten des Erkrankten im Gefolge hat. Zu 2: Dass die Gesundung nicht über einen reinen Willensakt erreichbar sei, dies verweist auf eine Befreiung von Handlungsverpflichtungen des Betroffenen. D. h., man muss sich seiner und der Situation annehmen. Demnach muss sein Befinden und nicht nur seine Einstellung geändert werden. Solange die Krankheit dauert „kann er/sie nichts dafür“. Dieser Aspekt ermöglicht eine Brücke für die Annahme von „Hilfe“. Zu 3: Parsons geht davon aus, Krankheit werde nur solange legitimiert, wie eindeutig anerkannt wird, dass sie ihrem Wesen nach ein unerwünschter Zustand ist, von dem man sich so rasch wie möglich erholen muss (Parsons 1967, S. 79). Die beiden erstgenannten Elemente der Legitimation der Krankenrolle sind somit in einem äußerst folgenreichen Sinn an die Bedingung geknüpft, den entsprechenden Willen „gesund zu werden“ zu haben, bzw. zu zeigen. Die Legitimation der Krankenrolle ist somit nur bedingt gültig, insofern der Kranke sich anerkanntermaßen in einem unerfreulichen Zustand befindet, von dem er hofft, dass er so schnell wie möglich überwunden ist. 14 Zu 4: Mit der Verpflichtungserwartung, sich fachkundige Hilfe, d. h. in der Regel ärztliche Hilfe, zu holen ist auch die Erwartung verbunden, mit den Behandelnden zu kooperieren. So fügt sich in diese Sicht, dass die Rolle des Patienten in einer komplementären Rollenstruktur zu der der Behandelnden steht (vgl. Parsons 1951, S. 437). Aus der beschriebenen Perspektive zeichnet sich die institutionalisierte Krankenrolle in hohem Maße durch Motivationskomponenten aus, die die Bedeutung der Rolle erhöhen können. Soziale Kontrolle muss sich so nicht nur auf die Feststellung bestimmter Sachverhalte sowie auf mögliche Abweichungen von diesen fokussieren. Die Krankenrolle kann für die Betroffenen gewisse Privilegien und Freistellungen mit sich bringen (sog. sekundäre Krankheitsgewinne), die sie sichern und erhalten möchten. Die soziale Forderung nach einer ausgleichenden, kompensierenden Motivierung, die sich im erkennbaren Genesungswillen zeigt, erhält so besonderes Gewicht. Solche „Motivationsausgleiche“, die für das soziale System von großer Bedeutung sind, unterliegen in der Regel einer institutionellen Kontrolle, Krank-Sein bildet davon keine Ausnahme (vgl. Parsons 1951, S. 438). Relevant ist weiter, bei der sogenannten Krankenrolle handelt es sich um eine kontingente Rolle, das heißt, sie markiert eine Situation, in die im Prinzip jeder geraten kann, gleichgültig welcher sozialer Status in anderen Umfeldern eingenommen wird. Damit wird der Kranke als nicht verantwortlich für seine Lage betrachtet (vgl. Parsons 1951, S. 440), es gilt die Maxime „er/sie kann nichts dafür“. Dies gilt auch für Missgeschicke oder Unfälle. Entscheidend ist, dass er/sie den Krankheitszustand nicht allein durch Willenskraft beheben kann. Zur sozialen Dimension von Krankheit gehört aus dieser Sichtweise, dass sie ein Zustand ist, der entweder spontan – „von selbst“ – wieder in Ordnung kommt oder bei dessen Eintreten der/die Betroffene etwas zur Überwindung etwas unternehmen muss. 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 15 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert Es wird davon ausgegangen, dass der Patient in die Lage geraten ist, die gesellschaftlich als nicht selbst verschuldet definiert ist. Die oben ausgeführten sozialrechtlichen Gegebenheiten legen aber nahe, dass dies im Fall der Suchterkrankung nicht umstandslos vorausgesetzt werden kann. Bezieht man die oben aufgeführten Gesichtspunkte von Parsons auf die Sucht als Krankheit, so fällt auf, dass der Aspekt „Kranksein ist unerwünscht“ und „Erwartung an die Betroffenen sachkundige Hilfe aufzusuchen“ sich mit den Handlungsorientierungen von vielen Suchtkranken nicht ohne weiteres in Einklang bringen lassen. Die geforderte Krankheitseinsicht und der geforderte Genesungswille ist für die Betroffenen aber auch für ihr soziales Umfeld oft über längere Zeiträume, z. T. Jahre, nicht erkennbar. Entsprechend verzögert sich die Inanspruchnahme fachkundiger Hilfe. Suchtkranke Menschen sind deshalb häufig in der Situation, dass ihnen, obwohl sie krank sind, aufgrund der Spezifik dieser Erkrankung der sie entlastende Status „Krank-Sein“ abgesprochen wird oder dies zumindest als Drohung im Raum steht, mit allen negativen Konsequenzen. 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert der ambulanten Suchtkrankenhilfe im Rahmen des Systems Suchthilfe im Besonderen und im Rahmen des Systems der sozialen Sicherung im Allgemeinen Der Teil des Systems der sozialen Hilfen, der die Aufgabe hat die Krankheit Sucht zu vermeiden, zu überwinden oder ihre Folgen zu lindern ist nicht nur vielgliedrig, sondern auch fragmentiert. Wie in anderen Teilen des Systems der sozialen Sicherung, soweit sie soziale 16 Dienstleistungen vorhalten und realisieren, finden sich unterschiedliche Akteure, unterschiedliche sozialrechtliche Zuständigkeiten, unterschiedliche Träger und somit unterschiedliche Verantwortlichkeiten für die Finanzierung und für die Versorgung mit entsprechenden Hilfen. Soweit es sich um verberuflichte Angebote und Hilfen handelt, d. h. soweit sie jenseits der Selbsthilfeangebote angesiedelt sind, wird zwischen sehr unterschiedlichen Ansätzen unterschieden (DHS 2000, S. 22ff). So wird zunächst der Bereich der niedrigschwelligen Angebote und der Schadensreduzierung erwähnt. Die hier in Rede stehenden Suchtberatungsstellen schließen in ihrer Motivations- und Vermittlungsarbeit an diese an. Die Betroffenen können sich aber auch direkt an diese wenden. Typischerweise soll sich die Entgiftungs- oder Entzugsbehandlung hieran anschließen. Ihr folgt die Entwöhnungsbehandlung. Hier soll die in der Entgiftung erreichte temporäre Abstinenz stabilisiert und die Abhängigkeit langfristig überwunden werden (ebda. S. 24). Sie kann ambulant, teil-stationär oder stationär durchgeführt. Diesem schließt sich die Weiterbehandlung und die Nachsorge an. Für die Angebote der Nachsorge sind wieder die Suchtberatungsstellen zuständig. Von besonderem Stellenwert sind hier aber neben den rein therapeutischen Angeboten, die Bereiche Wohnen und Arbeit. Diese, der sozialen Dimension des Reha-Prozesses zurechenbaren Bereiche, sind nach allen vorliegenden Erkenntnissen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit z. B. Sommerfeld u. a. 2011, Sommerfeld u. a. 2016, Rüegger 2011, Arnold u. a. 1993) für die Stabilisierung des Erfolgs von zentraler Bedeutung. Allerdings liegen sie nicht mehr im Verantwortungsbereich der Träger der GKV und GRV. Die sich hier abzeichnenden Aufgaben verlangen nach umfassenden Kooperationen. Insofern ist die Arbeit der Suchtberatungsstellen in einen ebenso umfassenden wie komplexen Hilfeprozess eingebunden, wozu unter dem Gesichts- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 17 punkt der Teilhabe am Arbeitsmarkt auch die Kooperation mit den sogenannten Jobcentern (gem. SGB II) gehört. 2.4.1 Zur Entwicklung der ambulanten Suchtkrankenhilfe Die ambulante Suchthilfe gründete historisch auf die Arbeit der überwiegend ehrenamtlich tätigen Abstinenzvereine. Deren Angebote wurden von den Betroffenen nach einem Aufenthalt in einer Heilanstalt oder anstatt eines Aufenthalts von den Betroffen in Anspruch genommen (Spode 2012, S. 158). Bis zum zweiten Weltkrieg, gab es in Deutschland keine spezifische, für Sucht zuständige Berufsgruppe. Soweit es sich um Fürsorgetätigkeiten handelte wurde diese von Beamten und ehrenamtlichen Helfern geleistet. Bei der Gesundheitsfürsorge stand die Bekämpfung von Volkskrankheiten im Mittelpunkt. Hierzu zählte auch der sogenannte Alkoholismus (Weber 1926, S.118f). In Zusammenarbeit mit diesen staatlichen Fürsorgestellen wurden z. B. von Seiten der protestantischen Abstinenzbewegung (z. B. Guttempler und Blaukreuz) „Trinkerheilanstalten“ gegründet. Ihre ehrenamtlichen HelferInnen führten auch Hausbesuche durch (Spode 2012, S. 159). Die ebenfalls zum Teil ehrenamtliche Arbeit in den Abstinenzvereinen war zunächst durch die Berufsgruppen von Theologen, Diakonen, aber auch zum Teil von Ärzten geprägt. (vgl. Helas, 1997, S. 158), aber „seit der Nachkriegszeit strömten immer mehr Sozialarbeiter und Sozialpädagogen in das nun verberuflichte Feld der Suchtkrankenhilfe. Sie wurden zu wesentlichen Trägern der Professionalisierung …“ (ebd.). Als Meilenstein im gesellschaftlichen und institutionellen Umgang mit Menschen mit substanzbezogenen Problemen kann sicherlich die schon erwähnte Anerkennung der Alkoholsucht als Krankheit im 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 18 Jahr 1968 gesehen werden. Nach dem wegweisenden Urteil des Bundessozialgerichtes war eine Entwicklung zu beobachten, die unterschiedlichen, historisch gewachsenen Angebote weg von einzelnen Versorgungssträngen hin zu einem Versorgungssystem zu entwickeln. Gleichzeitig gab es aber auch Differenzierungen und Erweiterungen (vgl. Landesstelle für Suchtfragen Rheinland-Pfalz, 2012: 5). So wurde in den 70er Jahren aufgrund des zunehmenden Konsums von illegalen Suchtmitteln eine Erweiterung des Hilfeangebots für Drogenabhängige als nötig erachtet, die als Parallelstruktur zu den Angeboten für Alkoholabhängige eingerichtet wurde (vgl. Schmid 2003). Eine weitere Markierung bedeutete die sogenannte Suchtvereinbarung vom 20. November 1978, bei der die Rentenversicherungsträger (GRV) und die Krankenversicherungsträger (GKV) eine Vereinbarung zur Kostenübernahme für die Entgiftungs- und die Rehabilitationsbehandlung trafen. Diese sah zunächst vor, dass für die Entgiftungs- oder Entzugsbehandlung die Träger der GKV die Zuständigkeit haben und die Verantwortung tragen. Die Zuständigkeit und die Verantwortung für die sogenannte Rehabilitationsbehandlung liege demnach bei der GRV. Hierdurch wurde eine Regelversorgung für Abhängigkeitskranke für diese beiden Versorgungsbedarfe möglich, gleichzeitig wurden die Zuständigkeiten und Verantwortungsbereiche der zu diesem Zeitpunkt als notwendig erachteten Hilfen benannt. Diese erfolgten im Rahmen der Selbstverwaltung der zuständigen Träger der Sozialversicherungen und beruhten nicht auf gesetzgeberischen Maßnahmen. Projiziert man diese Konstellation auf den Dreiklang für Wohlbefinden der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der eine biologische, eine psychische und eine soziale Dimension vorweist, die auch bei der Vermeidung oder Überwindung der Krankheit Sucht eine wichtige Rolle spielt, so wird schnell offenbar, dass die soziale Dimension bei der Empfehlungsvereinbarung zunächst keine Rolle spielen sollte. In späteren Jahren wurde das Angebotsspektrum um verschiedene 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 19 Hilfeformen der sogenannten Nachsorge erweitert. Hierfür trägt die GRV die Verantwortung. Ein systematischer Einbezug der Dimension „Arbeit“, etwa dadurch, dass auch die Träger der SGBen II und III (bzw. ihrer Vorläufer) in eine Empfehlungsvereinbarung einbezogen wurden, unterblieb. Ganz zu schweigen von der Dimension „Wohnen“. Daran wollte der Gesetzgeber auch scheinbar nichts ändern und so ist es, zumindest was die Gesetzeslage angeht, auch bis zum heutigen Tag geblieben. So hat die Kritik am Status quo des Systems der sozialen Hilfen, soweit sie sich auf die Krankheit Sucht bezieht, ihre Berechtigung, wenn sie darauf verweist, dass von einer proportional gesehen zu starken Ausrichtung des Hilfesystems an psychotherapeutischen und medizinischen Hilfen auszugehen sei. Sozialtherapeutische Hilfen gebe es demgegenüber in viel zu geringem Ausmaß und keineswegs bedarfsadäquat (Frietsch 2000, S. 199). Als ein Indikator (unter anderen) wird die große zahlenmäßige Diskrepanz zwischen der Zahl der sogenannten Entwöhnungsbehandlungen pro Jahr und der Zahl an Plätzen in sogenannten Arbeitsprojekten angesehen (ebda. S. 190). Eine andere Facette der Gestaltung der Hilfelandschaft, die die Institution der Suchtberatungsstelle tangiert, sind die gerichtlichen Auseinandersetzungen, bei denen die Ziele der Rehabilitationsbehandlung, soweit sie in der Verantwortung der GRV steht, im Mittelpunkt standen. Dabei standen sich die Zielvorstellungen „Arbeitsfähigkeit“ einerseits, „Arbeitstätigkeit“ andererseits gegenüber. Durch zwei höchstrichterliche Entscheidungen des Bundessozialhilfegerichts in Kassel wurde schon 1994 festgelegt (Aktenzeichen 13 RJ 49/93 und 13 RJ 79/93), dass die berufliche Wiedereingliederung in eine Dauerarbeitsstelle das zentrale Ziel des Rehabilitationsprozesses zur sozialen Integration und zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sei. Die Gesamtverantwortung liege danach bei dem zuständigen Träger der Gesetzlichen Rentenversicherung. Die Beschlüsse legten „Arbeitstä- 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 20 tigkeit“ letztlich als das anzustrebende Ziel der Rehabilitationsmaßnahmen fest (Frietsch 2000, S. 197f). Auch de jure erfuhr die soziale Dimension des Rehabilitationsprozesses hiermit die Würdigung und Anerkennung, die von der Sache her eigentlich naheliegend ist. Heute umfasst das Suchthilfesystem ein stark differenziertes sich ergänzendes Leistungsangebot für verschiedenste Suchtformen. Ein zahlenmäßig großer Bereich wird von den ambulanten Suchtberatungs- und Behandlungsstellen repräsentiert. Im Zuge der Verberuflichung wurden von Fachgesellschaften der Suchthilfe zahlreiche Standards formuliert (z. B. FDR 2005; DHS 1999). 2.4.2 Zur Rolle, zur Funktion und zum gesellschaftlichen Auftrag von Suchtberatungsstellen im System Suchthilfe Eine Beschreibung der Aufgaben der ambulanten Suchthilfe bietet die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in der Frage der Stellung der ambulanten Suchtkrankenhilfe im Behandlungsverbund mit stationären Hilfen. Sie beschreibt die Aufgaben eher deskriptiv wie folgt: „Psychosoziale Beratungsstellen sowie Suchtberatungs- und Behandlungsstellen haben eine zentrale Aufgaben bei der Beratung und Betreuung Abhängigkeitskranker und sind zentrale Anlaufstellen. Sie unterstützen Betroffene beim Aufbau der Motivation, Hilfe anzunehmen, erstellen Hilfepläne und vermitteln in weiterführende Angebote (Böhl u. a. 2010, S. 7). Damit wird hinsichtlich der Rolle und des Auftrags sehr stark die Vermittlung in andere Einrichtungen betont, eine Vermittlungsfunktion definiert. Zu den traditionellen Standardleistungen in diesem Bereich gehören die sogenannte (Erst-) Beratung und die Vermittlung in weiter- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 21 führende Hilfen und die und Unterstützung bei der Beantragung insbesondere suchttherapeutischer Leistungen. Dieser Prozess (die Beantragung dieser Leistungen nach SGB VI) umfasst in der Regel eine ärztliche Diagnose und Erhebung eines ersten medizinischen Befundes zur Feststellung des Hilfebedarfs, die Ermittlung des zuständigen Kostenträgers und die Erstellung eines „aussagekräftigen, fachgerecht erstellten“ Sozialberichtes, dessen Inhalt in Anl. 9 zu § 13 SGB VI (Anlage 3 zur Vereinbarung „Abhängigkeitserkrankungen“ vom 04.05.2001 beschrieben ist. Die Gesamteinschätzung und Festlegung der Therapieform und -dauer erfolgt durch den medizinischen Dienst der Kostenträger. Die Erstellung des Sozialberichtes inkl. der dafür erforderlichen Datenzusammenstellung und der gemeinsamen Festlegung der Therapieziele sowie ein Vorschlag für eine Einrichtung der Entwöhnungsbehandlung wird in der Regel von den Fachkräften der Sozialen Arbeit vorgenommen (vgl. § 6 der Anlage 6 zum § 13 SGB VI). Für eine Vermittlung in das System der Rehabilitation wird vom Träger der Rentenversicherung zentral festgelegt, welche KlientIinnen aus welchen Gründen für eine Rehabilitationsbehandlung in Frage kommen und welche von den Leistungen ausgeschlossen sind. Die Rede ist von „Rehabilitationsfähigkeit“ (Deutsche Rentenversicherung Bund 2013, S. 34f.). In diesem Zusammenhang spielt die „Abstinenz“ von Suchtmitteln eine zentrale Bedeutung. Die GRV geht davon aus, dass nur durch die Abstinenz eine Überwindung der Krankheit Sucht – mit all ihren negativen Begleitumständen möglich sei. Insofern wird hier eine Dichotomie konstruiert, die Zwischenstufen ausschließt – tertium non datum. Eine glaubwürdige Darstellung der Motivation zur Abstinenz ist von zentraler Bedeutung. Sie wird als Indikator der Rehabilitationsfähigkeit definiert und sie gilt als Voraussetzung zur Wiederherstellung von Leistungsfähigkeit und Teilhabe (§ 2 Vereinbarungen „Abhängigkeitserkrankungen“). Ein Aspekt hiervon ist, der Rentenversicherung gelten die graduell konstruierten Fähigkeiten des Klienten, die Absti- 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 22 nenz zu halten, als zentrales Kriterium für die Form der Rehabilitation: stationär, ganztägig ambulant oder ambulant. Die erste Indikationsstellung hierzu wird von dem den Rehabilitationsantrag einleitenden niedergelassenen Arzt formuliert. Eine ausführliche Begründung hierzu, auf Grundlage von detaillierten Erhebungen zu den biographischen Daten wird von der Fachkraft in der Suchtberatungsstelle im Rahmen der Erstellung des sog. Sozialberichts erwartet. Die endgültige Entscheidung trifft der medizinische Dienst des Rehabilitationsträgers. Der Kostenträger der Rehabilitation, die Rentenversicherungsträger, sieht für die Wahrnehmung der zahlreichen Vermittlungsaufgaben in Rehabilitation vor allem die Suchtberatungsstelle als zuständige Institution an, obwohl sie nicht in seiner Kostenträgerschaft steht. Trotz der wichtigen Vermittlungs- und Brückenfunktion für die Aufnahme einer Reha-Behandlung stattet er sie aber nicht mit Ressourcen dafür aus, da für die Erstellung des Sozialberichts keine Kostenerstattung vorgesehen ist. Ein Unterschied wird allerdings bei den ärztlichen Leistungen gemacht. Es besteht somit keine reziproke Beziehung zwischen Leistungsanforderung und Alimentierung der Leistung durch den Anforderer der Leistung. Diese Art von Leistung (hier: Selbstklärung, Motivierung, Beratung zur Auswahl einer für den speziellen Fall angemessenen rehabilitativen Maßnahme) gilt nicht als Pflichtleistung der Kommunen. Sie hat vielmehr den Status einer sogenannten freiwilligen Leistung und ist somit von Seiten des Trägers und des kommunalen Kostenträgers her zu legitimieren. So ist es naheliegend, dass die Träger der Suchtberatungsstelle Einflussnahmen von Seiten der Kommune zum Beispiel über die Zuteilung der erforderlichen Ressourcen ausgesetzt sind. Vor diesem Hintergrund wurde im Sinne einer „Leistungserbringung aus einer Hand“ ein Versuch unternommen, diese ausgelagerte Zuständigkeit für die Vermittlung in Rehabilitation in ärztliche Hausarztpraxen zu verlegen. Ein Modellversuch, der erproben sollte diese Art der Vermitt- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 23 lung über die Praxen von niedergelassenen Ärzten laufen zu lassen endete in einem Fiasko (Frankhänel u. a. 2014, S. 57). In Bezug auf das hier interessierende Fragestellung kann somit festgehalten werden, dass die erfolgreiche Vermittlung in Suchtrehabilitation nicht einfach durch administrative Vorgaben zu erreichen ist. Die Ergebnisse des Modellversuchs machten sehr klar, dass der Institution der Suchtberatungsstelle hier noch eine andere als eine formal-administrative Rolle zukommt. Im Unterschied zu den in den Modellversuch einbezogenen Ärztepraxen lag deren Vermittlungsquote in Rehabilitation immerhin bei 48 % (35 % in stationäre und 13 % in ambulante Rehabilitation (Braun et al. 2016). Hierdurch wird plausibilisiert, dass die Motivation für eine Veränderung auf Seiten der Betroffenen das Ergebnis eines ebenso komplexen wie dynamischen Interaktionsprozesses zwischen der Fachkraft und den Betroffenen ist. Ein solches Ergebnis lässt sich nicht auf administrativem Weg verordnen, die Vermittlung ist offenbar kein trivialer Prozess. Eher am Rande sei noch erwähnt, die Bemühungen, die Behandlungspfade zu optimieren und die Antrittsquote weiter zu erhöhen dauern an. Dies zeigt sich auch in einem aktuellen Beitrag, der das sog. „Nahtlos“-Verfahren der Vermittlung aus dem qualifizierten Entzug in die Rehabilitation als Optimierung der Suchthilfe einordnet und dabei auf die zu erwartende Rahmenempfehlung der Rentenversicherung Anfang 2017 diesbezüglich verweist (Gehrkens 2016). Es wird die wichtige Scharnierrolle oder die Brückenfunktion der Suchtberatungsstellen zwischen den Teil-Systemen eines Rehabilitationsprozesses deutlich einerseits. Andererseits steht dies allerdings in einem Spannungsverhältnis zu der eher prekären finanziellen Sicherung dieser Institution (siehe unten). Zu dieser Befundlage passt, dass es keinerlei systematische Bedarfsermittlung für diese Leistungen gibt, wie sie hingegen beispielsweise für Leistungen gem. SGB VIII gesetzlich vorgeschrieben sind. 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 24 Die Suchtberatungsstelle stellt ganz allgemein betrachtet eine sogenannte Schnittstelle in Form eines dafür spezialisierten Dienstes dar. In zahlreichen fach-(politischen) Beschreibungen von Aufgaben zu Zuständigkeiten von Suchtberatungsstellen (Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen 1999; Böhl u. a. 2010; Hessische Landesstelle gegen die Suchtgefahren 2000; Ministerium für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter des Landes Nordrhein-Westfalen 2015) wird korrespondierend zu der eingangs erwähnten Fokussierung auf Vermittlung eine lineare Sichtweise zur Arbeitsweise von Suchtberatungsstellen konstruiert. In diesen Darstellungen gilt sie als Ort der Beratung, Vermittlung und Motivierung von Klient_innen. Ihr wird dabei der Status eines „Zulieferers“ für Rehabilitation und andere weiterführende Angebote von Suchthilfe – dem „Eigentlichen“ – zugewiesen. Suchtberatung ist in diesen Konzeptualisierungen eine lediglich auf Zuarbeit zu den „eigentlichen“ Maßnahmen ausgerichtete Tätigkeit. Darin drückt sich de facto eine Hierarchisierung aus, in der die Suchtberatung abgewertet wird, bzw. eine Nicht-Anerkennung erfährt. Dass der Beratungs- und Vermittlungsprozess in hohem Maße voraussetzungsvoll ist, wie in einer aktuellen Studie eindrücklich belegt (vgl. Hansjürgens 2018), wird in der hierarchisierenden Würdigung unterschlagen. Es gab in der Vergangenheit eine Reihe von Ansätzen die Aufgabengebiete von Suchtberatungsstellen und ihren (gesellschaftlichen) Auftrag umfassender zu konzipieren. Der Komplexität und des möglichen, von der Sache her gebotenen Umfangs der Aufgabengebiete versuchte man damit gerecht zu werden. Dies zeigt sich an Aufgabenbeschreibungen, die zwei Fachverbände zusammengestellt haben und die über die eingangs erwähnte Aufgabenbeschreibung hinausgehen. Dies ist einmal die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS), die 1999 eine umfassende Aufgabenbeschreibung zusammenstellte (DHS 1999) sowie der Fachverband Drogen und Rauschmittel (FDR), der eine solche Übersicht einige Jahre später vorstellte (FDR 2005). 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 25 Es soll hier primär das Papier der DHS (1999) herangezogen werden, da es als das umfangreichere angesehen werden kann. Betrachtet man die dort (S. 6f) aufgeführten einzelnen Leistungsbereiche so findet sich: • Prävention, • Schadensminimierung, • Aufsuchende Maßnahmen, • Beratung, • Psychosoziale Betreuung, • Behandlung/Rehabilitation, • Integrationshilfen, • Ergänzende Angebote. Hieran wird mehreres deutlich: Es zeigt sich eine große Zahl von Leistungsbereichen, die jeweils noch einmal durch Unterpunkte gegliedert und dort beschrieben werden. So umfasst der Bereich „Beratung“ die Bereiche Informationsvermittlung, problemorientierte Beratung, Vermittlung. Bleibt man aber zunächst bei den oben aufgeführten acht Bereichen, so wird deutlich, dass ein eindeutiges semantisches Profil auf den ersten Blick nur schwer auszumachen ist. So kann gefragt werden, was die Schadensminimierung von den aufsuchenden Maßnahmen oder der Beratung unterscheidet. Denn die beiden Letztgenannten sollen sicher auch Schaden verhindern oder minimieren helfen. Die ähnliche Struktur zeigt sich innerhalb der Oberbereiche. Betrachtet man wieder Beratung: Wo genau liegt der Unterschied zwischen Informationsvermittlung, problemorientierter Beratung und Vermittlung? Wo fängt das eine an, wo hört das andere auf. In dem Papier finden sich zwar nähere Beschreibungen, so zu Beratung auf den Seiten 46ff. Aber auch hier bleibt ein großer Raum für unterschiedliche Interpretationen. Wer also füllt diesen, soll ihn füllen? De 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 26 facto dürfte dies „vor Ort“ entschieden werden, d. h. bei dem einzelnen Träger des Angebots, der einzelnen Einrichtung, dem jeweiligen Team, ja vielleicht auch nach dem Ermessen der einzelnen Fachkraft. Abschließend sei noch erwähnt, dass beide Papiere keine Aussage über eine personelle oder sachliche Mindestausstattung der ambulanten Beratungsstellen (personell: Umfang, Qualifikationen, sachlich: Räume, Lage) formulieren. Man darf vermuten, dies war kein Versehen sondern hatte systemische Gründe. Es zeichnet sich ab, dass es wohl sachhaltige Gründe für eine erweiterte Perspektive auf die Aufgaben der Institution Suchtberatungsstelle gibt, sachhaltig deshalb, weil sie den vielfältigen Gegebenheiten und Folgen der Krankheit Sucht versuchen Rechnung zu tragen. Neben die eingangs erwähnte Vermittlungsfunktion treten so plausibel weitere Aufgaben. Zur Rolle, zur Funktion und zum gesellschaftlichen Auftrag von und an Suchtberatungsstellen ist demnach festzuhalten, dass einerseits von einer Fokussierung auf die Vermittlungsfunktion auszugehen ist. Andererseits sind zu dieser wiederum zahlreiche weitere Aufgaben getreten. Sie alle sind allerdings nur bedingt klar semantisch profiliert. So gibt es eine grobe Orientierung zu ihrem Auftrag, die aber eher die Gestalt eines mehr oder weniger allgemeinen Rahmens hat, siehe oben. Innerhalb dieser Rahmung besteht eine relative Unbestimmtheit hinsichtlich der Auftragsdurchführung, d. h. eine relative Unbestimmtheit über die Art und des Umfangs dazu, wie der Rahmen konkret, d. h. vor Ort gefüllt werden soll. Der Auftrag ist somit als relativ mehrdeutig zu charakterisieren. Wenn der Auftrag eher mehrdeutig ist, dann werden es auch die Ziele und mit ihnen die Grade der Zielerreichung, oder des Erfolgs, sein. Ob dies nur für dieses Feld so gilt, das soll hier offen bleiben. Die Institution und ihre Geldgeber stehen somit vor der Frage, wenn man die Tätigkeit zu Zwecken der Legitimität oder der Kontrolle in Kennzahlen abbilden wollte, so bieten sich nur wenige Kategorien an, die als rela- 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 27 tiv eindeutig angesehen werden. Dies wäre z. B. die Zahl der KlientInnen, die Zahl der Kontakte mit diesen KlientInnen oder eben die Zahl der Vermittlungen in andere Institutionen, jeweils pro Zeiteinheit, z. B. in einem Kalenderjahr. 2.4.3 Zur Finanzierung der ambulanten Suchtberatung Die Finanzierungsstrukturen in der ambulanten Suchthilfe können als relativ komplex und heterogen bezeichnet werden. Dies liegt wie oben beschrieben an den vielfältigen Möglichkeiten den Beratungsstellenauftrag zu definieren und entsprechend zu refinanzieren. Im Unterschied zu der oben genannten Entwöhnungs- und Entgiftungsbehandlung, für die die GKV die Kostenverantwortung hat und der oben genannten Entwöhnungsbehandlung, für die die GRV die Leistungs- und Kostenverantwortung hat, ist für die ambulante Arbeit der Beratungsstelle keine gesetzliche Sozialversicherung zuständig. Eine Ausnahme stellt die Arbeit der Nachsorge (nach einer Entwöhnungsbehandlung) dar. Hier besteht – wie erwähnt – eine Kostenverantwortung bei der GRV. Die Durchführung erfolgt im institutionellen Rahmen einer Suchtberatungsstelle. Das Regelwerk zur Grundlage dieser Nachsorge wird entsprechend von der GRV festgelegt. Indem sie die Hilfeleistungen der Nachsorge finanziert, nimmt die GRV mehr oder weniger großen Einfluss auf die Institution der Suchtberatung. Für die Suchtberatungsstellen lassen sich zwei große Finanzierungsstränge ausmachen: Zum einen zählen hierzu steuerfinanzierte Leistungen nach den SGBen IX und XII, sowie (falls vorhanden) den ÖGDGen der Länder. Das Land Rheinland-Pfalz formuliert hier keine spezifischen Vorgaben, anders verfährt hier das Land Nordrhein-Westfalen, das 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 28 z. B. in § 16 Abs. 2 ÖGDG (Hilfen der unteren Gesundheitsbehörde für Abhängigkeitskranke) entsprechende Rahmenbedingungen formuliert. Alternativ oder ergänzend können sich in den Landesgesetzen für psychisch kranke Personen bestimmte Versorgungsaufträge für einschlägige Hilfen finden lassen. So z. B. Beispiel in den Gesetzen von Rheinland-Pfalz oder Nordrhein-Westfalen, wo jeweils gem. § 1 Abs. 2 dieser Gesetze als behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen die behandlungsbedürftigen Psychosen sowie andere behandlungsbedürftige Störungen und Abhängigkeitserkrankungen von vergleichbarer Schwere genannt werden. Die Finanzierung der Beratungsstellen erfolgt in der Regel auf Grundlage von sogenannten Leistungsverträgen zwischen den (freien) Trägern dieser Einrichtung einerseits, und den Kommunen und Bundesländern andererseits. Diese Leistungsverträge werden von den (freien) Trägern mit den jeweiligen Kostenträgern ausgehandelt. An diese Verträge sind häufig auch Bedingungen geknüpft wie z. B. die Teilnahme an der bundesweiten Dokumentation der erbrachten Leistungen im Rahmen des Deutschen Kerndatensatzes (KDS). Die Finanzierung erfolgt auf pauschaler Basis als Fehlbedarfsfinanzierung. Demnach wird ein bestimmter Personalumfang vorgehalten, zu dem vor allem Fachkräfte und in deutlich geringerem Umfang auch Verwaltungsfachkräfte gehören. Weiter kann die Bereitstellung von dezentralen Beratungsstunden in Ortsteilen oder in Jobcentern (gem. SGB II) – mit dem Ziel das Vermittlungshemmnis Sucht zu „beseitigen“ – dazu gehören. In der Regel sind die in den Leistungsverträgen definierten Leistungen für die Kommunen/Landkreise oder die Bundesländer sogenannte freiwillige Leistungen, für die außer den oben genannten Normierungen keine weiteren gesetzlichen Verpflichtungen bestehen. Sie können in Zeiten, wo die finanziellen Spielräume der öffentlichen Träger als knapp gelten, vom Umfang her stagnieren oder auch gekürzt werden. 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 29 Prinzipiell anders verhält es sich mit den Leistungen, die im Rahmen der Gesundheitsversorgung, genauer der Rehabilitation von der Abhängigkeitserkrankung, von der ambulanten Suchtkrankenhilfe selbst erbracht werden. Diese Leistungen werden von dieser im Einzelfall mit dem Kostenträger (in der Regel die Deutsche Rentenversicherung) abgerechnet und sind an bestimmte Strukturbedingungen geknüpft. Zu nennen sind hier insbesondere eine fachärztliche Ein- und Ausgangsdiagnostik, die Durchführung der therapeutischen Einheiten durch VDR-anerkannte und regelmäßig weitergebildete TherapeutInnen. Diese Versorgungsstrukturen müssen vom Träger vorgehalten werden, damit diese Leistungen abgerechnet werden können. Häufig werden die vom Reglement zwingend vorgeschriebenen ärztlichen und psychologischen Leistungen stundenweise „eingekauft“ und die therapeutischen Leistungen von Fachkräften der Sozialen Arbeit mit Zusatzausbildung erbracht. Zusammengefasst bleibt festzuhalten, dass die verschiedenen Finanzierungsmodi, von deren Zuwendungen die Arbeit der Suchtberatungsstelle abhängt, zwei völlig unterschiedlichen Logiken folgen, die von den Fachkräften der Beratungsstellen befolgt werden müssen, die zusätzlich eine ambulante Rehabilitation als Leistung anbieten. Sie wirken möglicherweise für die einzelne Fachkraft als unüberschaubar, und sie sind auf der Meso-Ebene oft nur unzureichend aufeinander abgestimmt. Ihre Leistung wird auf der Ebene der Beratung und Vermittlung zwar gefordert aber weder finanziell honoriert noch fachlich durch eine zugestandene Definitionsmacht anerkannt. Legt man als Vergleichsmaßstab die Leistungen nach SGB VIII zugrunde, so finden sich große Unterschiede. SGB VIII formuliert eine Reihe von sehr unterschiedlichen Leistungen (als personenbezogene soziale Dienstleistungen), zu denen u. a. die Tätigkeiten der Kinderbetreuung im Rahmen von Kitas gehören, die ambulanten und stationären erzieherischen Hilfen, berufsintegrative Angebote 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert 30 u. v. a. m. Neben dem vergleichsweise umfassenden Leistungskatalog wird aber auch ein verantwortlicher Träger genannt, in der Regel die kommunale Ebene, ferner wird dem verantwortlichen Träger durch den Gesetzgeber aufgetragen, regelmäßig den Bedarf nach den verschiedenen Angeboten und Hilfen zu ermitteln und das tatsächliche Angebot darauf hin auszurichten. Nichts davon findet sich für die Institution der Suchtberatungsstelle. Ihre wichtige Funktion wird nicht nur von niemandem bestritten, sie wird im Gegenteil von nahezu allen beteiligten Akteuren ausdrücklich hervorgehoben, einschließlich der Träger der rehabilitativen Leistungen. In starkem Kontrast dazu steht der Grad der Verbindlichkeit, diese Einrichtungen zu implementieren und sachangemessen, d. h. bedarfsorientiert mit Ressourcen (personell, sachlich) auszustatten. So besteht für Einrichtungen dieses Typs die paradox anmutende Situation, dass ihre gesellschaftliche Bedeutung nahezu unbestritten ist und es kein funktionales Äquivalent gibt, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung aber hingegen relativ unbestimmt bleiben. Dies erfolgt nach einer Orientierung an den budgetären Gegebenheiten der verantwortlichen Geldgeber, Kommunen und Bundesländer, aber nicht nach einer Orientierung an den Bedarfen der möglichen Zielgruppen der Hilfen. In dieses Bild passt, dass sich nur grobe Orientierungen für die zu leistenden Aufgabenarten (siehe DHS 1999, FDR 2005) und den zu realisierenden Aufgabenumfang finden. Abschließend sei noch auf die Verteilung der Berufsgruppen in der ambulanten Suchtkrankenhilfe eingegangen. Sie wird jährlich vom Institut für Therapieforschung im sogenannten Deutschen Kerndatensatz erfasst. Die folgenden Zahlen aus dem Jahr 2016 (vgl. Braun u. a. 2016, Tab. E 13) beziehen sich zu 98 % auf ambulante Beratungs- und Behandlungsstellen, wobei einschränkend zu sagen ist, dass zwischen legalen und illegalisierten Suchtmitteln als Beratungsschwerpunkt nicht unterschieden wird. So ist aus der Gruppe der Fachkräfte (ohne 2. Zum Kontext der Institution Suchtberatungsstelle 31 Verwaltungskräfte) mit 73 % die Berufsgruppe der SoziarbeiterInnen und SozialpädagogInnen zu nennen, danach mit 12 % die Gruppe der PsychologInnen gefolgt von der Gruppe der PädagogInnen, SozialwissenschaftlerInnen und SoziologInnen mit ca. 8 %, danach kommen die Ärzte mit 2 %. Alle weiteren Berufsgruppen sind mit unter 1 % in der Nennung zu vernachlässigen. Für diese Untersuchung bedeutet dies, dass zu erwarten sein müsste, dass die Fachlichkeit in der Herangehensweise an die Arbeit mit Suchtkranken durch den Habitus der Sozialen Arbeit mitgesteuert werden könnte. 2.4 Zur Entwicklung, zum Aufgabenbereich und zum Stellenwert

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References

Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.