4. Ergebnisse in:

Thomas Arnold

Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung, page 39 - 184

Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4453-7, ISBN online: 978-3-8288-7470-1, https://doi.org/10.5771/9783828874701-39

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
39 4. Ergebnisse 4.1 Der Fall IP33 Zur weiteren Bearbeitung sollen die sogenannten objektiven Daten von IP3 vorgestellt werden. Objektive Daten IP3 Geschlecht Weiblich Geb. 1976 in West-Deutschland Familienstand Verheiratet, keine Kinder Schulabschluss Abitur Studium 1997–2001 Sozialpädagogik Diplomarbeit mit empirischem Ansatz zum Thema Drogenkonsumierende Straßenprostituierte 3 In der hier vorgelegten Analyse wurde von der Reihenfolge IP1 bis IP5 abgewichen und aus eher zufälligen, als aus systematischen Gründen mit der Analyse dieses Interviews begonnen. 40 4. Ergebnisse Arbeit 2003–2004 Anerkennungsjahr in T. in einer stationären Entgiftung für Jugendliche, danach noch 6 Monate Weiterbeschäftigung 2004–2008 Tätigkeit in einer niedrigschwelligen Einrichtung für Abhängige von legalen Suchtmitteln mit Beratungsanteilen in einer Großstadt in West-Deutschland (Rückkehr in die Heimat aus privaten Gründen) 2008–2010 Stationäre Rehabilitation für Alkoholabhängige. Seit 2010 in der ambulanten Suchtberatung in Z. Diese arbeitet eng mit der stationären Reha, der vorherigen Arbeitsstelle von IP3, zusammen. Zusatzausbildung 2004–2006 systemische Beratung als „Handwerkszeug“. 2008–2009 von Seiten des VDR anerkannte Ausbildung in integrativer Therapie im Rahmen der Übergangsregelungen für VDR4-anerkannte Ausbildungen („Chance genutzt“) Jetzige Tätigkeit Inhalte: Beratung und ambulante Nachsorge nach Therapie Inhaltlich: Klärung von Auftrag und Suchtstatus und Motivation, ggf. suchtmedizinische und oder psychologische Diagnostik, problemzentrierte Beratung auch längerfristig (Begleitung) bei anhaltend ambivalenter Abstinenzmotivation, Vermittlung in Reha, Selbsthilfe, ärztliche Versorgung, Betreuungsangebote, andere sozialarbeiterische Hilfsangebote; 4 Verband deutscher Rentenversicherungsträger. 41 4.1 Der Fall IP3 Motivationsarbeit, Aufbau und Pflege eines Kooperationsverbundes mit Entgiftung und Reha, Aufbau und Pflege eines fachlichen Netzwerkes, Arbeit mit und in Zwangskontexten. Methodische Ansätze in der Arbeit: Einzelgespräche, Beziehungsarbeit, Netzwerkorientierung auf Klienten- (Mikro-) aber auch auf Mesoebene (fachliches Netzwerk), Informationsvermittlung, Casemanagement, Kooperationsgespräche, systemische Orientierung, biographische Orientierung, „therapeutische Elemente“, aufsuchende Arbeit, begleitende Arbeit. Ressourcen in den Rahmenbedingungen der Institution: Team zur Reflexion und Psychohygiene, Supervision, Fortbildungen, Fachlicher Austausch Kollegen 1 Leiter, auch zuständig für ambulante Reha 1 Kollegin (Sozialwissenschaftlerin) VDR anerkannte Ausbildung 1 Kollege (Sozialarbeiter) 1 Kollegin (Psychologin, Teilzeit) für ambulante Reha 1 Verwaltungskraft Zukunft Kann sich nicht vorstellen bis zur Rente in der Stelle zu arbeiten. Die Arbeit sei sehr anstrengend, man müsse gut auf sich aufpassen. Es sei eine Verschärfung der äußeren Rahmenbedingungen feststellbar, z. B. Nachsorge von ambulanter Reha getrennt zu machen sorge für Stress, Umstrukturierungen in der Stelle und für Unsicherheit. 42 Im Folgenden soll aufgrund der vorgelegten sogenannten objektiven Daten zunächst eine erste Interpretation zu diesen vorgestellt werden. Interpretation der objektiven Daten IP3 ist weiblich, zum Zeitpunkt des Interviews 37 Jahre alt und verheiratet. Kinder sind bisher aus der Ehe nicht hervorgegangen. Sie macht mit 21 Jahren Abitur, was die Verzögerung um ein Jahr begründet, soll hier nicht von Interesse sein. Mit dem Abitur hat sie viele Optionen. Sie wählt einen helfenden Beruf, der im Verhältnis von weit überproportional vielen Frauen gewählt wird und im ständischen Berufsgefüge Deutschlands als Fachhochschul-Ausbildung einige Möglichkeiten bietet. Im Unterschied zu anderen helfenden Berufen, die 1997 nur an einer Universität absolviert werden konnten, gehen mit dieser Ausbildung aber auch einige Begrenzungen einher, was sich u. a. an den Gehaltseingruppierungen des öffentlichen Dienstes ablesen lässt. Das Studium wurde über weite Strecken als eine Orientierungsphase genutzt. Zum Ende hin gibt es Kontakt zu einem Forschungsprojekt, das Drogen konsumierende Straßenprostituierte zur Zielgruppe hat. Hierüber wird die Diplomarbeit verfasst. Das Tätigkeitsfeld der Suchtkrankenhilfe weckt das Interesse von IP3. Sie möchte hier beruflich tätig werden. Zwischen dem Ende des Studiums 2001 und dem Beginn des Anerkennungsjahrs 2003 liegt ein ca. ein- bis zweijähriger Zeitraum nicht näher bekannter Aktivitäten. Das Anerkennungsjahr wird in einer stationären Entgiftungseinrichtung für Jugendliche absolviert. Sie bleibt damit im Feld der Suchtkrankenhilfe. Das Tätigkeitsfeld ist aber sicher sehr viel strukturierter und hochschwelliger als die Hilfeangebote für die Zielgruppe, mit der sich die Diplomarbeit beschäftigte. Der Arbeitgeber des Anerkennungsjahrs scheint mit der Arbeit von IP3 zufrieden gewesen zu sein. Wäre er dies nicht gewesen, wäre es wohl nicht zu der Weiterbeschäftigung nach dem Ende des Aner- 4. Ergebnisse 43 kennungsjahrs gekommen. Aus hier nicht näher bekannten Gründen wechselt IP3 zu einer neuen Arbeitsstelle in einer Großstadt in West- Deutschland, regional möglicherweise keine große Veränderung. Das Tätigkeitsfeld ist wieder die Suchtkrankenhilfe, nun aber eine niedrigschwellige Einrichtung für Konsumenten von legalen Drogen, sicher mehrheitlich im Zusammenhang von Alkoholkonsum. Niedrigschwellige Angebote für Alkoholkonsumenten werden für Menschen entwickelt, bei denen Prozesse der sozialen Ausgrenzung, der sozialen Randständigkeit und des materiellen Mangels weiter fortgeschritten sind, als bei dem Durchschnitt. Die Arbeit hier ist wahrscheinlich fordernder im Vergleich zur Arbeit in der Entgiftungseinrichtung. Dies rührt u. a. daher, dass sich beide Institutionen sich in ihrer Haltung gegenüber aktuellem Konsum strikt unterscheiden und im Fall des stationären Settings sehr viel reglementierter sein dürften, im Vergleich zur niedrigschwelligen Einrichtung. Weshalb der Wechsel hierher erfolgte – trotz anfänglicher Weiterbeschäftigung in der Entgiftung – bleibt unklar. Bemerkenswert ist, dass zeitnah eine Weiterbildung in systemischer Beratung begonnen wird und zwar als „Handwerkszeug“. Offenbar empfand IP3 ihr Studium und die Erfahrungen des Anerkennungsjahrs nicht als ausreichend für sich. Damit ist ein weites Themenfeld über Grenzen und Möglichkeiten sog. praxisorientierter Studiengänge angesprochen, das hier nicht weiter verfolgt wird. Nach vier Jahren erfolgt eine Verlegung des Lebensmittelpunkts weg von der Großstadt in West-Deutschland in „die Heimat“ aus privaten Gründen. Damit ist möglicherweise die Pflegebedürftigkeit eines nahen Angehörigen bezeichnet oder der Wunsch, mit dem Lebenspartner oder Ehemann zusammen zu wohnen oder anderes. Relevant ist hier, dass der regionale Wechsel mit einem Wechsel der Arbeitsstelle einherging. Mit der Aufnahme der neuen Berufstätigkeit war aber kein Wechsel in ein anderes Tätigkeitsfeld im Allgemeinen, der Sozialen Arbeit im Besonderen verbunden. Die Option, in ein ande- 4.1 Der Fall IP3 44 res Feld zu wechseln, z. B. die Jugendhilfe, wurde nicht realisiert. Mindestens zwei Möglichkeiten sind an dieser Schaltstelle denkbar. IP3 wollte gerne wechseln, es war aber kein adäquater Arbeitsplatz zu finden oder: IP3 wollte gerne in der Suchtkrankenhilfe bleiben. Es handelt sich hier um eine stationäre Therapieeinrichtung für Alkoholabhängige und damit wieder um ein hochschwelliges Hilfeangebot mit Abstinenzanspruch, was ein relativ starkes Kontrastprogramm zu der Tätigkeit in der Großstadt bedeuten dürfte. Hier wird mit Klienten gearbeitet, die über deutlich mehr Ressourcen verfügen als die Adressaten in Hamburg. Im unmittelbaren Einzugsgebiet des neuen Tätigkeitsfelds von IP3 befindet sich eine ambulante Beratungsstelle für AdressatInnen, die Probleme mit dem Konsum (oder Nichtkonsum) von Alkohol haben. Zwischen beiden Einrichtungen besteht mit dem Chefarzt der Rehaklinik eine Personalunion zur Beratungsstelle. Er ist der Arzt der ambulanten Reha. Nach zwei Jahren wechselt IP3 von der Klinik in die Beratungsstelle. Ihre Klinikstelle war möglicherweise befristet. Wie lange ist unklar. Der Chefarzt der Klinik war aber offenbar so angetan von der beruflichen Qualifikation von IP3, dass er den Träger der Beratungsstelle für eine Anschlusstätigkeit von ihr überzeugen kann. Offen bleibt, ob IP3 lieber im stationären Setting weiter gearbeitet hätte. Seit 2010 arbeitet IP3in der Beratungsstelle. Sie verfügt über eine neunjährige Berufserfahrung im Suchtbereich. Dabei hat sie sehr unterschiedliche Settings kennengelernt. Hinzuweisen ist auch noch auf ihre weitere Zusatzausbildung. Nach dem Wechsel in die Rehaklinik macht sie eine Ausbildung in integrativer Therapie, eine Ausbildung, die – dies legen die Daten nahe – bei ihrem Arbeitgeber die Möglichkeit eröffnet, als therapeutische Fachkraft tätig zu werden, die auch die notwendige Anerkennung durch den Leistungsträger, die Rentenversicherungsträger, hat. Sie ermöglicht sich hiermit ein therapeutisches Aufgaben- und Berufsfeld. Sie 4. Ergebnisse 45 kommt hier in Tätigkeitsbereiche, deren Fachkräfte sich auch oder überwiegend aus anderen Hochschulausbildungen rekrutieren als Soziale Arbeit, etwa Psychologie. In diesem Fall hat IP3 eine ähnliches Berufs- und Aufgabenfeld wie Absolventen von Universitätsausbildungen. Eine eigene Frage wäre hier, ob und inwieweit sich dies in der Zuordnung zu entsprechenden Vergütungsgruppen niederschlägt. Unter „jetzige Tätigkeit“ führen die objektiven Daten zwei Bereiche auf. Hier ist zu klären was ist Beratung, was ist ambulante Nachsorge nach Therapie? Unter „Beratung“ ist eine Vielzahl von Leistungen und Angeboten zu verstehen. Sie wird, wenn keine vorrangige Leistungsverpflichtung eines Trägers der gesetzlichen Kranken- oder Rentenversicherung besteht, subsidiär durch die örtlichen Träger der Sozialhilfe, evtl. ergänzend der Kinder- und Jugendhilfe, geleistet. Der örtliche Träger hat hier je nach Zuständigkeit die Planungs- und Gesamtverantwortung. Rechtlich gesehen ist Beratung so eine Form der Sozialhilfe, hier in Gestalt der persönlichen Hilfe (z. B. gem. § 10 SGB XII). Klärungsbedürftig ist, dazu finden sich hier keine Hinweise, welche formalen Voraussetzungen die Fachkräfte vorweisen müssen, die „Beratung“ leisten dürfen. Ähnliches gilt für „ambulante Nachsorge nach Therapie“. Therapie ist eine vorrangige Leistung der Träger der gesetzlichen Krankenund Rentenversicherung. Zum Leistungsumfang einer medizinischen Rehamaßnahme kann auch die ambulante Nachsorge gehören. Die Voraussetzungen, die Fachkräfte vorweisen müssen, sind formal in „Gemeinsames Rahmenkonzept der Deutschen Rentenversicherung und der Gesetzlichen Krankenversicherung zur Nachsorge im Anschluss an eine medizinische Rehabilitation Abhängigkeitskranker vom 31. Oktober 2012“ festgelegt. Hier werden auch die Anforderungen an Fachkräfte der Sozialen Arbeit beschrieben (Ziffer 5.1: Personelle Mindestanforderungen an eine Nachsorgeeinrichtung). 4.1 Der Fall IP3 46 Näherer Erläuterung bedarf auch, was unter „suchtmedizinische und oder psychologische Diagnostik“ zu verstehen ist. Dies klärt sich eventuell im Interview. Die Begrifflichkeiten verweisen zumindest auf Bereiche, die weit jenseits einer fachlichen und inhaltlichen Zuständigkeit von sozialer Arbeit liegen. Sie können aber mit der Rolle der Suchttherapeutin kompatibel sein. IP3 arbeitet in einem Team. Für den Bereich „ambulante Reha“ sind zwei Fachkräfte zuständig. Sie hat auch seitens des VDR eine entsprechende Zulassung. Sie ist damit die von den Rahmenrichtlinien geforderte dritte Fachkraft. Allerdings arbeitet sie nicht in dem Feld. Eine Kollegin ist von der Ausbildung her Diplom-Psychologin, der andere wird nur als „Leiter“ ausgewiesen. Seine akademische Qualifikation ist noch zu klären. Hier wird davon ausgegangen, dass er kein Arzt und kein Diplompsychologe ist. Für dieses Angebot gibt es einen zuständigen und verantwortlichen Arzt, nämlich den Chefarzt der Klinik, an der IP3 bis 2010 gearbeitet hat. Zu klären wäre, in welchem Verhältnis der Leiter und die Psychologin zu ihm hinsichtlich der Fach- und Dienstaufsicht stehen. Die Berufsbiographie von IP3 zeigt im Rahmen der Tätigkeit in der Rehaklinik eine Wahrnehmung von therapeutischen Aufgaben durch Fachkräfte, die von ihrer Hochschulausbildung eine Ausbildung in Sozialer Arbeit vorweisen. Im Rahmen der Berufstätigkeit in der Beratungsstelle übt IP3 nicht mehr diesen expliziten therapeutischen Auftrag in der Berufsausübung aus. Dieser zeigt sich in der Beratungsstelle aber bei der Psychologin und dem Leiter. Ob er ebenfalls eine Fachkraft für Soziale Arbeit ist, dies geht aus den objektiven Daten nicht hervor. Das gemeinsame Rahmenkonzept für ambulante Reha der Träger lässt dies zu5. Als Bedingung wird hier genannt, 5 Siehe „Gemeinsames Rahmenkonzept der Deutschen Rentenversicherung und der Gesetzlichen Krankenversicherung zur ambulanten medizinischen Rehabilitation Abhängigkeitskranker vom 3. Dezember 2008“. 4. Ergebnisse 47 das die Leitung des Reha-Teams ein Arzt inne haben muss und dem Team mindestens ein/e Psychologe/in angehören muss. Alle genannten Berufsgruppenangehörigen brauchen einschlägige therapeutische Ausbildungen und berufliche Vorerfahrungen. Im vorliegenden Fall arbeiten IP3 und der Leiter (Sozialarbeiter?) im ambulanten Setting, er mit einem expliziten therapeutischen Auftrag. Hier ist es die sogenannte ambulante Reha, im Unterschied zur stationären Reha. Insofern sind auch Fachkräfte der Sozialen Arbeit im ambulanten Setting der Reha im Rahmen von vorrangigen Leistungsgewährungen nach den SGBen V und VI tätig. In der gleichen Institution arbeiten Fachkräfte der Sozialen Arbeit, die nicht im Rahmen der vorrangigen Sozialleistungsgewährung tätig werden, sondern dies im Rahmen der subsidiären und nachrangigen Leistungen tun. Allerdings: Findet ambulante Reha unter „einem Dach“ mit anderen suchtbezogenen Hilfeleistungen statt, so legen die Rahmenempfehlungen der Leistungserbringer eine organisatorische Trennung von den übrigen Leistungsbereichen fest. Analyse des Interviews mit IP3 Im Folgenden wird das Interview in Form einer Feinanalyse sequentiell analysiert. Die Analyse beginnt mit der Einleitungssequenz, die hier von Minute 00:40 bis 06:53 reicht. Weiter unten werden weitere Teile des Interviews einer Feinanalyse unterzogen. Ihre Auswahl bestimmt sich nach den Überlegungen zu Thematisierungen, wie sie in Kapitel 3 skizziert wurden. Das Vorgehen soll eine erste vorläufige Antwort geben auf die Untersuchungsfrage: Wie ist die Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung? 4.1 Der Fall IP3 48 S.I.: Wie sind Sie zur Suchthilfe gekommen, wie kam das eigentlich?#00:00:40–6#6 Das Interview beginnt mit einer allgemeinen Frage, die auf die Entwicklung des beruflichen Werdegangs zielt. Dabei werden zwei Fragen gestellt, wobei der zweite Frageteil nach keinem zusätzlichen Inhalt zielt, sondern eine Redundanz bedeutet. Er hätte auch weggelassen werden können, ohne dass von dem abgefragten Inhalt etwas unberücksichtigt geblieben wäre. IP3: Ja (.) das ist, glaub ich gar nicht so einfach zu beantworten. Die Antwort verweist darauf, dass der Weg von IP3 zur Suchthilfe nicht geradlinig verlaufen ist. Danach war aber nicht gefragt. Möglicherweise liegt bei Ihrer Entscheidung eine mehr oder weniger starke Ambivalenz zu Grunde, die auch Quelle der Einschätzung ist, nicht bis zur Rente in der Suchthilfe bleiben zu wollen (siehe objektive Daten). Entgegen der Einschätzung von IP3 ließen sich sehr wohl die Stationen aufzählen. Also ich hab mich für Sozialarbeit erst so über Umwege, weil ich auch nicht so genau wusste was ich machen sollte und bin dann quasi erst so zum Ende des Studiums so in die Suchthilfe geraten. Die Vermutung einer Ambivalenz wird nicht nur nicht widerlegt, sondern erfährt eine Bestätigung. Der Studienwunsch Soziale Arbeit war offenbar nicht die erste Wahl, sondern das Ergebnis eines Umwegs. IP3 hat Abitur und hätte theoretisch auch Maschinenbau oder Jura studieren können. Sie gibt eine gewisse Orientierungsbedürftigkeit 6 Um die Orientierung darüber zu erleichtern, welche Passagen im Interview betrachtet werden, finden sich die Zeitangaben wiedergegeben, wie sie auch in die Transkription aufgenommen wurden. Diese werden jedoch nur ausgewiesen, wenn ein Redebeitrag beendet wurde. Ist dies nicht der Fall, handelt es sich um einen Teil einer Interviewpassage. Die obenstehenden Zahlen bedeuten in diesem Beispiel, dass diese Äußerung nach ca. 40 Sekunden des Interviewbeginns gemacht wurde. 4. Ergebnisse 49 zu erkennen, die für diesen Lebensabschnitt – hier allgemein gesprochen – typisch ist. Der Bedarf nach Orientierung setzt sich auch im Studium fort. Suchthilfe als mögliches Handlungsfeld sieht sie erst zum Ende des Studiums für sich. Dies ist aber in ihren Worten nichts, was Sie gewählt hat, sondern etwas, in das sie geraten ist. Mit dem „Hineingeraten“ stellt IP3 sich passiv dar, so als trage sie dafür keine Verantwortung. Möglicherweise hatte sie eine andere Präferenz, z. B. Altenhilfe, es ergaben sich aber keine Beschäftigungsmöglichkeiten. Die Wortwahl bedeutet eine verdichtende Wiedergabe des Prozesses von der Studienwahl bis zur Wahl des Arbeitsfeldes. Ich hab die Diplomarbeit über Straßenprostituierte in X geschrieben und das fand ich (.) äußerst spannend erst mal auf das Feld zu gucken, weil wir mit vielen Hilfsorganisationen da zusammengearbeitet haben. IP3 benennt die Zielgruppe, um die es in ihrer Diplomarbeit ging. Dieses Projekt stieß auf großes Interesse bei ihr. Interessant war für sie die Betrachtung (oder Analyse) des Feldes, zu der auch die Kooperation mit Hilfsorganisationen gehörte. Festzuhalten ist, die Rolle der Betrachterin ist für sie spannend. Sie ist noch nicht in der Rolle einer Praktikerin, obwohl Sie im Rahmen eines praxisorientierten Studiums ausgebildet wurde. Interviews geführt haben, mit verschiedenem Klientel, und darüber hab ich so – son bisschen Einblicke bekommen und hab mich dann direkt auch für das Anerkennungsjahr in der Suchthilfe entschieden und bin bis heute dabei geblieben (lacht). #00:01:32–9# Sie nimmt noch einmal den forschenden Anteil auf. In ihrer Darstellung werden aber wieder zwei Rollen verdichtet vorgestellt: Die Rolle der Forscherin und die Rolle der Praktikerin. Beide folgen aber in ihrer Anwendung unterschiedlichen Logiken. Die Forscherin ist im 4.1 Der Fall IP3 50 Feld der Suchtkrankenhilfe weitgehend handlungsentlastet. Die Praktikerin im Feld der Suchtkrankenhilfe muss handeln. IP3 begründet ihre Hinwendung zur Suchtkrankenhilfe so: Weil ich als Forscherin das Feld interessant fand, habe ich mich als Praktikerin dafür entschieden. Diese Vermengung kann sich als Fehlschluss herausstellen, der auf einer Fehldeutung beruht. Ihre Vermengung der unterschiedlichen Ebenen begründet das „in Etwas geraten zu sein“. Sie beendet ihre Darstellung dazu, wie sie zur Suchthilfe gekommen ist, mit dem Hinweis darauf, dass sie sich für ihr Anerkennungsjahr für das Feld der Suchtkrankenhilfe entschieden habe und bis heute dabeigeblieben sei. Festzuhalten ist, IP3 kam offensichtlich zur Suchtkrankenhilfe aufgrund eines Missverständnisses. Das Lachen soll dies überdecken. S.I.: Und waren Sie schon immer nur in dieser Einrichtung, oder waren Sie auch in anderen Einrichtungen? Die Interviewerin bringt ein neues Thema ein. Das Thema einer möglicherweise hoch ambivalenten Studien- und Berufswahl wird nicht weiter verfolgt. Die Frage zielt auf die berufliche Entwicklung und die beruflichen Erfahrungen. Das „nur“ in der Frage zeigt eine verdeckte Bewertung. Hätte IP3 ihr bisheriges Berufsleben an ihrer gegenwärtigen Arbeitsstelle gearbeitet, es wäre ein „nur“, d. h. dieser Umstand wäre nach bisher nicht explizierten Maßstäben nicht ausreichend. Die Frage besteht – ebenso wie die erste Frage – aus zwei Teilen, wobei die Beantwortung des zweiten Teils der Beantwortung des ersten Teils keine neuen Informationen hinzufügen könnte. Das Fragemuster wiederholt sich. IP3: Ne, ich war auch in anderen Einrichtungen. Die Befragte erklärt, dass das „nur“ für sie nicht zutrifft. 4. Ergebnisse 51 Also ich hab’ eigentlich so die Behandlungskette durch, wenn man das so sagen kann. Die Erzählung wird fortgesetzt. Die Tätigkeiten in anderen Einrichtungen umfassen Tätigkeiten der sogenannten Behandlungskette. Was aber ist die Behandlungskette? Im Vorgriff auf die nächste Frage der Interviewerin ist zu sagen, dies wird im Gespräch nicht geklärt. Es scheint der Interviewerin klar zu sein, um was es sich dabei handelt. Unter Rückgriffe auf Kontextwissen kann gesagt werden, dass diese selbst im Feld der ambulanten Suchtkrankenhilfe gearbeitet hat. Unter „Behandlungskette“ werden die verschiedenen Hilfeinstitutionen der Suchtrehabilitation verstanden (sie wurden oben, Kap. 2, vorgestellt. Dazu gehören sogenannte niedrigschwellige Einrichtungen, Beratungsstellen, Entgiftungsbehandlungen, die medizinische Rehabilitation, Nachsorge bis hin zum Übergang in Erwerbstätigkeit. Die objektiven Daten zeigen, dass die Metapher weitgehend stimmig ist. Allerdings fehlt die letzte Stufe bzw. die letzte Phase. Diese sind im Hilfesystem aber äußerst rudimentär vertreten. Die Tätigkeiten und Angebote werden den Leistungen gem. den SGBen II und III überlassen. Diese letzte Phase ist zugleich eine hochkomplexe Phase. Damit sie im Sinne der Klienten gelingen kann wird ein Akteur außerhalb des Hilfesystems benötigt: Der Arbeitgeber, mit dem ein privatrechtlicher Vertrag zu schließen ist. Dies bedeutet zum Einen, die Realisierung des Ziels der beruflichen Rehabilitation kann also durch die Elemente und Akteure des Hilfesystems allein nicht erreicht werden. Dies bedeutet zum Anderen, für die Hilfestellungen bei der Vollendung der Inklusion in das Alltagssystem „Erwerbstätigkeit“ ergibt sich auf der Grundlage der Sozialgesetzgebung in Deutschland keine Zuständigkeit mehr bei den Trägern der Gesetzlichen Sozialversicherungen, einschließlich der Träger gem. SGB II oder SGB III. Im zweiten Satz kommt eine Einschränkung. Man kann den Satz in der Tat so nicht sagen, denn IP3 lernte die Institutionen der Behand- 4.1 Der Fall IP3 52 lungskette nicht als Klientin/Patientin kennen sondern als Fachkraft. Der erste Satz bedeutet eine Ironisierung. Sie setzt sich mit den Adressaten gleich. Er kann aber auch bedeuten, a) nach 10 Berufsjahren ist die Gefahr groß, dass man wie die Klienten wird, b) dass IP3 sich nicht von den Klienten absetzen kann. Beide Aspekte können struktureller Art sein, die etwas mit dem Tätigkeitsfeld zu tun haben. Sie können aber auch persönliche Anteile bezeichnen, die sich zunächst nur bei IP3 finden. An dieser Stelle soll aber weiter sowohl dem Begriff „Behandlungskette“ als auch seiner Verwendung durch IP3 noch mehr Aufmerksamkeit zukommen. Gibt man den Begriff in eine Internet-Suchmaschine ein, so legt das Ergebnis nahe, dass der Begriff aus dem Bereich der medizinischen Behandlung stammt. Teilweise finden sich auch Hinweise aus dem Bereich der Suchttherapie. Der Begriff ist aus zwei Worten zusammengesetzt. Nimmt man den ersten Teil – „Behandlung“ – so wird hier auf Tätigkeiten und Aktivitäten fokussiert, die helfen sollen, einen unerwünschten Zustand zu beenden. Beispiele finden sich in der ambulanten oder stationären medizinischen Behandlung. Projiziert man dies auf die Krankheit Sucht, so wäre die Behandlung die Entgiftungsbehandlung und anschließend die stationäre oder ambulante Rehabilitationsbehandlung. Hinzuzuzählen wäre noch die Nachsorge. Je nach Vorgeschichte der Patienten ist auch ein Übergang in Erwerbstätigkeit nötig, um von einem gesicherten Behandlungsergebnis ausgehen zu können. Aber zählt das noch zur Nachsorge? Deutsche Obergerichte sagen ja, die Praxis nimmt dies eher zögerlich auf. Dieser Inklusionsbereich endet häufig faktisch mit einer Vermittlung an sogenannte Jobcenter gem. SGB II. Ohne den Übergang in Erwerbstätigkeit ist der Erfolg des „Eigentlichen“ aber bedroht (vgl. u. a. Sommerfeld u. a. 2011). „Behandlungskette“ ist sicher eine im Kontext des Handlungsfeldes häufig verwen- 4. Ergebnisse 53 dete Metapher. Sie ist aber irreführend, verkürzend und falsch. Dies ist hier offenbar nicht präsent. Die Frage ist, nur hier? Blickt man auf die andere Seite des zeitlichen Ablaufs eines Rehabilitationsprozesses, so liegen dort Zuständigkeiten von sogenannten niedrigschwelligen Einrichtungen und von Suchtberatungsstellen. Deren Arbeit wird anerkanntermaßen als eine wichtige Vorstufe oder Vorarbeit zur Aufnahme einer Behandlung gesehen. Diese Tätigkeiten gelten aber nicht als Behandlung, sondern nur als eine „Ermöglichung“ einer Behandlung. Der Begriff der „Behandlungskette“ unterschlägt aber diese essentielle Vorarbeit. Er bildet insofern die Realität der institutionellen Gegebenheiten und der Finanzierung ab. Die Behandlung ist eine Leistung der Gesetzlichen Kranken- oder Rentenversicherung. Die Vorarbeiten hierzu werden als öffentliche Gesundheitsleistung, z. B. PsychKG, finanziert, sie gehören der Fürsorge an. Und dieser im Begriff „Behandlungskette“ ausgeblendete Bereich ist ein Tätigkeitsfeld, in dem überwiegend Fachkräfte der Sozialen Arbeit tätig sind. Das zweite Teil-Wort „Kette“ impliziert ein Ineinandergreifen verschiedener Glieder, die zudem sequentiell zueinander stehen. Die Kette muss durchlaufen werden, ein Überspringen einzelner Elemente ist nicht vorgesehen. Dieses sich aus den Zuständigkeiten um die Finanzierung herleitende rigide Reglement steht in Widerspruch zu Erkenntnissen der Suchtforschung (z. B. Amering/Schmolke 2012, Brast-Ulrich 2010, Preuß-Ruf 2012) und zu sozialarbeiterischen Prinzipien wie z. B. der Ganzheitlichkeit. Hieraus kann sich für Fachkräfte der Sozialen Arbeit ein Spannungsverhältnis zwischen der hegemonialen Sichtweise und eigenen fachlichen Überzeugungen und Orientierungen ergeben. IP3 übernimmt hier die Sprache der bestimmenden Instanzen. Eine eigene sozialarbeiterische Haltung stellt sie hinten an. Es ist zu fragen, ob sie diese an anderer Stelle zu erkennen gibt. 4.1 Der Fall IP3 54 Also ich hab angefangen im Anerkennungsjahr, in ‘ner Entgiftung – qualifizierte Entgiftung für Kinder und Jugendliche, bin dann in ‘ner Beratungsstelle gewesen, die eher aber auch niederschwellige Arbeit angeboten hat mit so ‘m Treffpunktcafé ähm(.) hab dann(.) ähm(.) in ‘ner Fachklinik für Alkohol- und Medikamentenabhänge, hab da auch ‘ne therapeutische Zusatzausbildung gemacht in der Zeit und bin jetzt seit gut drei Jahren hier in der Beratungsstelle. Zunächst ein methodischer Hinweis: Hier wurde eine relativ lange Textpassage wiedergegeben, was für das Verfahren eigentlich ungewöhnlich ist. Der Grund liegt darin, dass hier die Beschreibung der „Behandlungskette“ erfolgt, die keine neuen Informationen liefert und schon aus den objektiven Daten bekannt ist. S.I.: Mhm, was sind jetzt hier ihre Aufgaben, hier in der Beratungsstelle? #00:02:11–0# Wieder wird ein neues Thema angeschnitten. Nach dem ambivalenten Weg in die Suchtkrankenhilfe und dem Durchlaufen der Behandlungskette wird in der dritten Frage das dritte Thema eröffnet. Es zeigt sich das bisherige Muster der Verdopplung in der Frageformulierung. IP3: Vor allen Dingen Beratung. Also es geht darum, (.) ähm Erstgespräche zu führen, Klienten, erstmal natürlich zu schauen im, im Ersten, wo, wo stehen sie, wo, wo, wo wollen sie auch, woher kommen sie denn, zu klären was notwendig, Vermittlung, also Vermittlung natürlich, auch je nach dem wohin, also kommt auf die Problembereiche an: Entgiftung, in Therapien je nachdem, wie die Problemfelder sind, auch Schulden, Jugendamt, manchmal auch in die Richtung. Die Antwort beginnt sehr allgemein. Dass eine Beratungsstelle Beratung zu ihren Aufgaben zählt, dies ist eigentlich naheliegend. Dann folgt eine Aufzählung von Tätigkeiten und Aufgaben. Es wird ein fle- 4. Ergebnisse 55 xibles Vorgehen geschildert, das von seinem Selbstanspruch her die Belange und die Situation in den Mittelpunkt stellt. Wo steht der Klient, welche Wünsche, Bedarfe äußert er, wo will er hin. Die hier vorgestellten Aktivitäten beziehen sich auf Klienten, die erkennbar an einer Veränderung ihrer Situation – und das heißt auch an einer Ver- änderung ihrer derzeitigen Konsummuster – Interesse haben. Wir haben aber auch so ‘ne Art dauerhafte Betreuung, das heißt Klienten, die schon sehr lange da sind oder vielleicht auch chronifizierter sind als andere, da ‘ne langfristigere Begleitung anzubieten, also bisschen differenzierter noch von Beratung, sondern wirklich eher in die Begleitung, vielleicht auch schon ‘n Stück weit niedrigschwelliger zu gucken, nicht immer so den, ähm, abstinenzorientierten Fokus zu haben, also manchmal wirklich, da gehts wirklich auch wirklich auch um Schadensreduzierung. #00:03:27–2# Es wird eine zweite Gruppe von Klienten bezeichnet, die Gruppe, die keinen oder einen hoch ambivalenten Wunsch nach Veränderung zu erkennen gibt. Für diese Gruppe ist das Angebot der sogenannten „langfristigen Begleitung“7 vorgesehen. Es wird aber noch etwas 7 IP3 spricht in ihrer Antwort von einer „langfristigen Begleitung“, die es anzubieten gelte. Es handelt sich hierbei um keinen Fachbegriff, der in genauerer Weise konzeptualisiert wäre. Bei der Tätigkeit, die hier zugrunde gelegt wird, handelt es sich um Aufgaben, die im Rahmen der Arbeit mit KonsumentInnen von illegalen Drogen mit dem Begriff der „akzeptierenden Arbeit“, der „harm reduction“ oder der „Schadensreduzierung“ belegt wurden. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG 2019) führt hierzu aus: „Überlebenshilfen oder Maßnahmen zur Schadensreduzierung (…) stabilisieren die gesundheitliche und die soziale Situation des Suchtkranken. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für einen späteren Ausstieg aus der Sucht.“ Die Stellungnahme des Ministeriums legt keineswegs fest, dass Hilfen zur „Schadensreduzierung“ nur die KonsumentInnen von illegalen Substanzen zur Zielgruppe hat. Ähnlich auch die Position der International Harm Reduction Association (IHRA 2010). Sie formuliert: „Harm Reduction bezieht sich auf Maßnahmen, Programme und Praktiken, die in erster Linie darauf abzielen die negativen gesundheitlichen, sozialen und ökonomischen Konsequenzen des Gebrauchs von legalen und illegalen Drogen zu re- 4.1 Der Fall IP3 56 genannt, das vorläufig als Haltung bezeichnet werden soll, nämlich den „abstinenzorientierten Fokus“ an den Tag zu legen oder nicht. Bei der zuletzt genannten Gruppe passiert das nicht, oder zunächst nicht. Auf den „abstinenzorientierten Fokus“ wird verzichtet, von ihm wird abgesehen, wenn es um Schadensreduzierung geht. Hier wird etwas angesprochen, was an anderer Stelle auch als Zielhierarchie in der Suchtkrankenhilfe bezeichnet werden kann (Körkel/Kruse 1993). Die Aktivitäten von IP3 und ihrer Einrichtung zur Suchtbegleitung scheinen aber sehr begründungsbedürftig zu sein. Die zweimalige Verwendung von „wirklich“ im Zusammenhang mit der Schadensbegrenzung zeigt dies an. Zu fragen ist, ob die Frage nach der Legitimation von Begleitung als Schadensbegrenzung nur für IP3 oder für ihre Einrichtung oder auch darüber hinaus gilt? Dies wäre eigentlich verwunderlich. Schadensminimierung wird in den Leistungskatalogen von DHS (1999) und FDR (2005) ausdrücklich vorgesehen. Auch die von IP3 bezeichnete „Begleitung“ ist unter dem Begriff der „problemorientierten Beratung“ zu finden. Als Vermutung soll zunächst folgendes formuliert werden: Interventionen der duzieren, ohne dabei zwangsläufig das Ziel einer Reduzierung des Drogenkonsums zu verfolgen“. Um die Personengruppe der KonsumentInnen von illegalen Drogen geht es hier natürlich erklärtermaßen nicht. Dennoch lassen sich Analogien zwischen den KonsumentInnen von illegalen und legalen psychotropen Substanzen finden. Der Verweis von IP3 auf eine anzustrebende „Schadensreduzierung“ soll hier als Beleg gelten. In den Aufgabenbeschreibungen von Suchtberatungsstellen der Fachverbände wie Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) und Fachverband Drogen und Rauschmittel (FDR) finden sich keine Tätigkeitsbeschreibungen, die als „langfristige Begleitung“ bezeichnet werden (siehe DHS 1999 und FDR 2005). Dort findet sich aber die Beratungsstellenaufgabe der „problemorientierten Beratung“, die eine relativ große Schnittmenge zu dem aufweist, was IP3 als „langfristige Begleitung“ bezeichnet. Eher alltagssprachlich wird von Fachkräften auch der Begriff der „Stabilisierung“ verwendet. Für die hier im Kontext von „Schadensreduzierung“ vorgestellten Worte und Bezeichnungen, soll in der weiteren Analyse der Begriff der „Suchtbegleitung“ verwendet werden (siehe Kap. 2.4.2). Neuere Vorschläge formulieren in diesem Zusammenhang das Konzept der „Zieloffenen Suchtarbeit“ (vgl. Körkel/Nanz 2016). Inwieweit es hier Schnittmengen gibt, das soll hier offen bleiben. 4. Ergebnisse 57 ambulanten Suchtberatung, die suchtbegleitend angelegt sind, d. h. auf den abstinenzorientierten Fokus verzichten, galten lange Zeit als „suchtverlängernd“. Diese Markierung wurde aber ohne triftige empirische Belege vorgenommen. Insofern zeigt sich hier möglicherweise ein Nachhall von sehr dogmatisch geführten fachlichen Diskussionen zu angemessenen Haltungen, Orientierungen und Interventionen in der Suchtkrankenhilfe. Ist dies hier der Fall, dem wäre nachzugehen. Ein anderer Gesichtspunkt ist der nach dem Aufwand von Suchtbegleitung und seinem Ergebnis, soweit dieser nach außen darstellbar ist. Wie ist der Aufwand – bei knappen Kassen – legitimierbar? Zumal das „Eigentliche“ der Behandlungskette auf Abstinenz zielt. So sieht § 2 der Vereinbarung „Abhängigkeitserkrankung“ vom 4. Mai 2001 vor, dass u. a. Abstinenz zu erreichen und zu erhalten ist. Die „problemorientierte Beratung“, die „Begleitung“ steht, nach der Äußerung von IP3 offenbar in einem Zielkonflikt, vielleicht bei ihr persönlich, wahrscheinlich aber in ihrer Einrichtung und in Einrichtungen dieses Typs. Die Tätigkeit der „Begleitung“, der Suchtbegleitung, ist möglicherweise nicht so gut dokumentierbar und könnte die Legitimation der Tätigkeit und der Einrichtung erschweren, aber dies ist hier nicht plausibilisiert. Der Zwiespalt, den IP3 hier repräsentiert, könnte aber auch mit den Ressourcen der Einrichtung zu tun haben. Bezogen auf das Hilfesystem zeichnet sich ab, dass sich der Konflikt zwischen einer Bedarfsorientierung und einer Budgetorientierung sowohl auf der Ebene der Einrichtungen als auch auf der Ebene der Fachkräfte manifestiert. S.I.: Ahja. Gibts hier in der Beratungsstelle auch noch andere Aufgaben als das was Sie jetzt beschrieben haben? #00:03:33–2# Die Frage knüpft an das Vorgestellte an, aber es wird wieder etwas Neues aufgerufen. Die bisherigen Themen werden nicht aufgenommen. 4.1 Der Fall IP3 58 IP3: Ja, es gibt die ambulante Reha noch.(.) Also als ein einen wichtigen Bereich auch. Also zwei Mitarbeiter führen hier die ambulante Reha durch. Wir haben zwei Gruppen im Moment, eine in Y. eine in Z. Neben der Beratung, der Vermittlung und der Begleitung wird noch die sogenannte ambulante Reha als wichtiger Tätigkeitsschwerpunkt aufgeführt. Was macht ihn dazu? Man kann vermuten, dass hierdurch weitere Mittel erschlossen werden, zusätzlich zu den kommunalen Mitteln und den Landes-Zuschüssen. Der Geldgeber der ambulanten Reha (die GRV) formuliert aber sehr strenge Voraussetzungen an die Beratungsstellen, damit sie finanziert werden können. Sonst sind wir (.) vorrangig für die Beratungsarbeit zuständig. #00:03:52–6# Nach der ambulanten Reha wird wieder auf die Beratungsarbeit verwiesen. Offen bleibt, ob und inwieweit diese die Vermittlung und die Suchtbegleitung einschließt. S.I.: Und wie unterscheidet sich die ambulante Reha von der Beratungsarbeit? Was würden Sie sagen sind die prägnantesten Unterscheidungsmerkmale? #00:03:57–7# Es wird nach den Unterschieden der zwei Tätigkeitsfelder gefragt, wieder in der Form der Dopplung. IP3: ähm (.) Also erstmal ist das Setting n‘ anderes, weil Beratung findet in der Regel im Einzelgespräch statt. Ähm Ambulante Reha ist ausschließlich in der Gruppe mit begleitenden Einzelgesprächen aber natürlich der Fokus in der Gruppe ähm. Bei der Beantwortung der Frage nach Unterschieden verweist IP3 auf die verschiedenen Settings (Gruppen- gegenüber Einzelsetting). Die „Ähms“ kommen hier häufig. IP3 muss sich offenbar konzentrieren. 4. Ergebnisse 59 Ihren beruflichen Alltag zu explizieren, auf den Begriff zu bringen, dies scheint ihr hier schwerzufallen. Ich sag mal ambulante Reha geht n Stück weit tiefer in den Gesprächen. Also da gehts wirklich nochmal um vielleicht auch so analytische Aspekte. Der nächste Gesichtspunkt, neben den Settings, den IP3 anspricht, bezieht sich auf inhaltliche, aber auch auf methodische Aspekte. Hier sind fachspezifische Themengebiete aufgerufen. IP3 leitet diese aber sehr alltagssprachlich ein („ich sag mal“, „n Stück weit“, „tiefer in den Gesprächen“). Sie endet bei den „analytischen Aspekten“. Was bedeutet dies? Sind es Aspekte eines Analysierens im Sinne des Aufschlie- ßens oder sind es Aspekte, die eine spezifische psychologische Theorie (und Praxis) – die Psychoanalyse – thematisiert? Neben den alltagssprachlichen Wendungen bei einem fachlichen Thema – und bei diesem fachlichen Thema geht es um ein Gebiet, in dem sie seit knapp 10 Jahren arbeitet – fällt hier eine sehr mehrdeutige Sprachverwendung auf. So als gäbe es dafür keine spezifischen Worte, keine spezifischen Begriffe. Was bedeutet es denn, wenn ein Gespräch in die Tiefe geht? Geht es unter die Oberfläche, zu „Tieferem“, zu „Wesentlicherem? Man kann hier nur vermuten. Nochmal so zu gucken auch so biographische Zusammenhänge zu gucken, Übertragung, Gegenübertragung mit rein zu bringen. IP3 fährt mit der Darstellung der Spezifika der ambulanten Reha fort. Dazu zählt sie „nochmal so zu gucken“, was die Un-Spezifik der Darstellung fortsetzt. Weiter ist für sie wichtig, biographische Zusammenhänge in den Blick zu nehmen. Hier bleibt unklar, auf was sich das bezieht. Nahtlos schließt sich „Übertragung, Gegenübertragung“ an. Dies ist aber eher eine methodische Haltung, die ihre Wurzeln in der Psychoanalyse hat, inzwischen aber weit darüber hinaus rezi- 4.1 Der Fall IP3 60 piert ist. IP3 kann ihr im Rahmen ihrer Weiterbildung in integrativer Therapie begegnet sein. Es wird in den Ausführungen von IP3 zunächst nicht klar, weshalb die von ihr vorgestellten Spezifika der ambulanten Reha nicht auch in der Beratung eine wichtige Rolle spielen. Warum sollten etwa „biographische Zusammenhänge“ für Beratung irrelevant sein? Im Unterschied hierzu wird ein fachlicher Gesichtspunkt mit dem Verweis auf Übertragung/Gegenübertragung angesprochen. Darauf lässt sich die Fachkraft – IP3 weiß wovon sie spricht – in der ambulanten Reha ein und in der Beratung nicht. Dieser zentrale Unterschied, der den unterschiedlichen Settings und den unterschiedlichen beruflichen Kompetenzen geschuldet ist, kommt eher beiläufig daher, versteckt hinter dem allgemeinen Verweis „biographische Zusammenhänge“, die auch Teil von Beratungsarbeit sein können oder auch sein sollten. Son Stück weit vielleicht auch noch mal deutlicher in die Muster der Klienten zu gehen, auch in die Suchtmuster und in die Suchtsysteme des Klienten zu gehen. Sie beschreibt weiter den Unterschied von ambulanter Reha im Vergleich zur Beratung. Zur Reha-Behandlung gehört für sie die Muster und die Suchtmuster einzubeziehen („in die Muster gehen“). Doch was bedeutet das? Heißt das die Muster mit dem Klienten zu rekonstruieren, sie ihm verständlich zu machen, über Einsicht den Klienten Möglichkeiten zur Veränderung zu geben? Dies könnte es sein, IP3 findet hier keine Worte und Begriffe, obwohl sie eine Ausbildung zur Suchttherapeutin hat. Neben dem medizinisch geprägten Begriff des „Suchtmusters“ wird noch „Suchtsysteme“ eingeführt. Hier macht sie eine Anleihe an systemisches Denken und ihre Weiterbildung in systemischer Beratung. 4. Ergebnisse 61 Beratung ist eher wenn die Klienten zum ersten Mal kommen, auch sone Klärungs ja sone Klärungs- und Informationsvermittlung auch eher, In den folgenden Sätzen geht es wieder mehr um Beratung. Im Unterschied zur Reha gehe es hier mehr um „Klärung und Informationsvermittlung“, also eher um vorbereitende Angebote und Aktivitäten. Projiziert man hierauf die Maßnahmen, die nach IP3 für die Reha charakteristisch sind, so geht es dort um die Veränderung des unerwünschten Zustands. Man kann dies auch Therapie nennen. Es gehört zu den Eigentümlichkeiten des Systems der Suchtkrankenhilfe in Deutschland, dass das, was eigentlich die Therapie ist, so nicht heißt, weil die Kosten- und Leistungsträger (nach SGB VI) nicht für Therapie zuständig sind sondern für Reha. Diese Aufteilung hat sich durch gerichtliche Rechtsfortentwicklung und durch Vereinbarungen der Träger gem. SGB V und SGB VI so ergeben und wurde auch vom Gesetzgeber so belassen. Ist diese Sprachungenauigkeit im System der sozialen Hilfen der Grund für die sprachliche und begriffliche Unschärfe in den Beschreibungen für IP3? Dies ist hier nicht zu beantworten. Bemerkenswert ist auch ihre Wortwahl bei „Klärungs- und Informationsvermittlung“. Die Vermittlung passt nur zur „Informationsvermittlung“. Was soll man sich unter einer „Klärungsvermittlung“ vorstellen? „Klärung“ verweist auf einen Prozess, der mindestens Interaktionsbeteiligte hat. Dies bedeutet einen Unterschied zu der Übergabe einer Info-Broschüre o. ä. wobei wir vielleicht, also ich würd schon fast sagen bisschen anders als auch andere Beratungsstellen arbeiten schon auch äh(..) mh (.) also ich sag mal so therapeutische Aspekte lassen sich ja eh nicht ausklammern, aber schon auch son anderen Blick haben, weil wir auch alle ne therapeutische Zusatzqualifikation noch haben. 4.1 Der Fall IP3 62 Nach der Abgrenzung von Beratung und Reha erfolgt eine allgemeine Abgrenzung zu anderen ähnlichen Einrichtung. Man arbeite hier anders. Worin zeigt sich das? Für IP3 liegt dies darin, therapeutische Aspekte nicht auszuklammern und aufgrund der therapeutischen Zusatzqualifikation einen anderen Blick zu haben. Die vorher gemachten Unterschiede werden wieder relativiert. Aber wird durch das Gesagte die getroffene Unterscheidung aufgehoben? Eher nein. Das letzte Zitat steht nicht im Widerspruch zu „Klärungs- und Informationsvermittlung“. Für IP3 muss es einen Unterschied bedeuten, sonst hätte sie die Relativierung nicht nachgeschoben. Also vielleicht da noch mal an der Stelle nochmal (.) nochmal anders gucken. #00:05:18–9# Aufgrund der durch Zusatzqualifikationen erworbenen Kompetenzen sieht IP3, aber nach ihrer Auffassung auch die KollegInnen Ihrer Einrichtung, im Beratungsprozess noch einmal mit einem anderen Blick auf die Klienten. Hierin liege ein Unterschied zu anderen Einrichtungen des gleichen Typs. Von der Sache her gesehen ist es naheliegend, dass dieser andere Blick („nochmal anders gucken“) ein diagnostischer Blick ist. Die Berufserfahrung zusammen mit der Behandlungskompetenz legen dies nahe. Das „nochmal anders gucken“ lässt sich interpretieren als eine ganzheitliche Sichtweise, die auch therapeutische Gesichtspunkte berücksichtigt, die die Klienten nicht nach Einzelmerkmalen in Schubladen sortiert. Was IP3 für die Praxis der Beratung benennt könnte, man auch als Fallverstehen (z. B. nach Müller 2012) benennen. Bemerkenswert ist, dass Sie dafür keine allgemeinen Worte, keine Begriffe findet. Die Darstellung bleibt sowohl auf einer rein beschreibenden Ebene, als auch auf einer alltagssprachlichen Ebene. Es findet sich nicht einmal ansatzweise, dass hier Fachvokabular verwendet würde, geschweige denn Fachvokabular der Sozialen Arbeit. 4. Ergebnisse 63 S.I.: Können Sie das vielleicht an nem Beispiel nochmal deutlich machen, was Sie meinen mit „anders gucken“?#00:05:22–5# IP3: @(.)@#00:05:24–2# S.I.: Also ich hab verstanden, es ist nicht so oberflächlich sag ich mal, es geht auch schon in die Tiefe, aber anders in die Tiefe als bei der ambulanten Reha, das hab ich so verstanden. #00:05:31–0# Die Interviewerin zeigt Interesse an dem geäußerten „anders gucken“. Ihre Frage zielt darauf, die Darstellung nicht auf der allgemeinen Ebene zu belassen. Sie bittet darum dies anhand eines Beispiels noch einmal zu exemplifizieren. Mit dieser Aufgabe, einem Allgemeinen ein Besonderes zuzuordnen, das innerhalb der durch das Allgemeine gezogenen Grenzen liegt, scheint IP3 aber völlig überfordert zu sein. Sie gibt keine Antwort sondern lacht kurz auf. Ähnliches zeigte Sie schon bei dem Hinweis auf die Behandlungskette, die sie durchlaufen habe. Warum auch immer, die Interviewerin macht einen zweiten Anlauf. Sie verzichtet (zunächst?) auf das Beispiel für das „anders gucken“ und bietet eine Brücke, indem sie kurz den Stand ihres Verständnisses spiegelt. Es geht nun um die „Tiefe“ der Beratung, die sich von der „Tiefe“ der Reha unterscheide. Bisher war „Tiefe“ von IP3 nicht mit der Beratung, sondern mit der Reha in Verbindung gebracht worden. „Tiefe“ kann aber auch als Metapher für die Differenz in der Arbeit dieser Beratungsstelle, im Vergleich zu anderen Beratungsstellen verstanden werden. Und dieses „anders“ ist positiv besetzt, da es den Klienten offenbar mehr gerecht wird. IP3: Also ich hab auch schon mal in ner anderen Beratungsstelle gearbeitet wo es wirklich rein um Kontakt – was wollen Sie und Vermittlung ging. Also so ne es ist natürlich auch immer sehr mitarbeiterspezifisch auch aber wir gucken schon sehr genau, was bieten wir 4.1 Der Fall IP3 64 auch an und prüfen auch genau, was in Frage kommt und wenn wir anderer Meinung sind als die Klienten dann gehen wir auch schon mit in die Auseinandersetzung und die Diskussion, das ist für viele ja auch schon ne ne mit ne Hürde, weil das vielleicht auch schon (.)(.) auch schon(.)Dinge sind, die die ähm die ihnen schwer fallen. IP3 geht auf die Unterschiede dieser Beratungsstelle im Vergleich zu anderen Beratungsstellen des gleichen Typs ein. Bei anderen Beratungsstellen stehe der Kontakt, die Klärung der Motivation („was wollen Sie“) und die (bürokratische) Vermittlungsarbeit im Vordergrund. Diese Herangehensweise erscheint sehr schematisch. Ansätze und Haltungen der Sozialen Arbeit wie Ganzheitlichkeit, Menschen da abholen wo sie stehen, Motivationsaufbau durch eine ressourcenorientierte Haltung und Methodik sind in diesen Schemata nicht vorgesehen. Die von IP3 kurz beschriebene Praxis lässt sich als eine Vorklärung beschreiben. Diese Vorklärung erscheint als etwas Bürokratisches, wo es um die Klärung von Formalien geht, wie das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen von Anspruchsvoraussetzungen. Ihre gegenwärtige Praxis, die, wie noch an anderer Stelle gezeigt wird, etwas sehr Voraussetzungsvolles, wird, wenn überhaupt, dann nur sehr verhalten gewürdigt. Die erwähnte Vorklärung ist die Pforte zu etwas Eigentlichem. Dieses Eigentliche ist in diesem Feld die Therapie, die in Deutschland Reha genannt wird (es grüßt die „Behandlungskette“). Und diese Reha wird als etwas höherrangiges angesehen und offenbar anerkannt. Dies zeigt sich schon am Status der verantwortlichen Kosten- und Leistungsträger. Diese werden als vorrangig gegenüber dem letzten Netz des Systems der sozialen Sicherung, z. B. dem SGB XII behandelt. IP3 und mit ihr die Einrichtung, für die sie hier mitspricht, leistet sich etwas, was im Interesse der betroffenen Menschen ist. Diese Schaltstelle hat aber eine unsichere finanzielle Basis, ihr wird so die Wertschätzung vorenthalten, die ihr eigentlich zukommt. Ein erfolgrei- 4. Ergebnisse 65 cher Rehabilitationsprozess ist ein hoch arbeitsteiliger Prozess. Die Reha, schon gar nicht die stationäre Reha, könnte nicht durchgeführt werden, nicht erfolgreich behandeln ohne die vorbereitenden Tätigkeiten der Beratungsstellen. IP3 beschreibt hier, dass diese „Vorbereitung“ alles andere als eine triviale Tätigkeit ist. Es geht darum, die Ambivalenz der Klienten auszuhalten und mit dieser Ambivalenz zu arbeiten („Dinge, die ihnen schwer fallen“). Es zeichnet sich hier ein weiteres Mal ab, dass die schon weiter oben benannte Begleitung oder Suchtbegleitung (bei DHS und FDR „problemorientierte Beratung“) eine Tätigkeit ist, die auch unter Trägern und Einrichtungen der Suchtberatung umstritten zu sein scheint, nicht überall praktiziert wird. Aber warum ist dies so? Liegt dies an unterschiedlichen fachlichen Konzepten, liegt dies an beschränkten Ressourcen, die zudem von Kürzungen bedroht sein können oder gar an einer Legitimation von Ressourceneinschränkungen die durch spezifische Konzepte, die als fachliche ausgegeben werden, hergestellt werden soll? Es geht nicht einfach nur darum ne Entscheidung zu treffen, sondern son Stück auch weit zu gucken (.) auch wo (.) wie sind Sie denn zu dem Mensch geworden, der Sie nun auch heute sind(.)(.) vielleicht auch Stück weit auch nach Ressourcen zu gucken, aber genauso gut nach den nach den Schwierigkeiten zu gucken, wo können wir da ansetzen. Es geht nicht rein zu gucken ok – Problem und das greifen wir an.@(.)@ sag ich mal so Also Schulden und ähm und ist nun mal ne Folge des Konsums und dann schicken wir ihn mal in die Schuldnerberatungsstelle. Wir gucken, vielleicht n Stück weit dahinter. Ich weiß nicht. #00:06:53–5# Sie beschreibt für ihre Arbeit hier Aspekte der Subjektorientierung, der Achtung der Klientenautonomie, der Lebensweltorientierung, der Lebenführungssysteme, des multiperspektivischen Fallverstehens, der Ressourcenorientierung, eines nicht-technizistischen Verständnis- 4.1 Der Fall IP3 66 ses von Interventionen. Dies alles sind Wissensbestände, Konzepte und Sichtweisen von Sozialer Arbeit, die hier nachvollziehbar fachlich indiziert sind. Mit ihrem letzten Satz in dieser Sequenz macht IP3 aber wieder einen Rückzieher, relativiert das gesagte sehr stark. Sie scheint nicht sicher, ob sie das so sagen oder so denken darf. Es drückt sich hier eine gewisse Verunsicherung aus. Hierzu passt, dass für alle vorgestellten fachlichen Haltungen und alle fachlichen Praktiken keine fachlichen Begriffe verwendet werden, sondern sich das schon bekannte Muster wiederholt, dass eine alltagsprachliche Beschreibung bevorzugt wird. Das Beharren von IP3 auf den alltagssprachlichen Wendungen findet eine mögliche Erklärung darin, dass IP3 entsprechende wissenschaftliche oder fachliche Konzeptualisierungen nicht kennt, oder dass sie die Konzepte zumindest in Teilen kennt aber de facto davon ausgeht oder davon ausgehen muss, dass diese Konzepte in ihrem Bereich nicht bekannt sind und/oder in ihrem Bereich nicht wertgeschätzt werden. Und so mäandrieren ihre Ausführungen darüber, was Beratung und was ambulante Therapie sei. IP3 hat offenbar ein implizites Konzept dazu, was Beratung sein sollte. Es handelt sich dabei um mehr als nur um die Weitergabe von Informationen und die Abfrage, was das Gegen- über denn nun wolle. Es kann vermutet werden, dass sie aufgrund ihrer langen Berufserfahrung ahnt, dass es sich bei Beratung in diesem Feld, wenn sie erfolgreich sein will, um einen Prozess handelt, in dem sich die Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen entwickeln sollte, will sie erfolgreich sein (vgl. Hansjürgens 2018, S. 265ff). Dar- über hat sie aber kein explizites Wissen. Weiter wird in diesem Kontext eine Rolle spielen, dass IP3 erfahren hat, dass andere Wissensbestände und Deutungen mehr anerkannt sind. Hier spiegelte sich eine Hierarchie der Berufsgruppen. Vielleicht verursacht der Verweis auf Wissensbestände der Sozialen Arbeit bei Ärzten oder Leistungsträgern ein Stirnrunzeln oder Schmunzeln. Die 4. Ergebnisse 67 Durchsetzung eines jurisdictional claims (nach Abbott 1988) für die Soziale Arbeit in der Suchtkrankenhilfe ist schließlich noch nicht erfolgreich umgesetzt. Es ist zu fragen, ob IP3 hier Ansätze eines Burakumin-Syndroms (vgl. Elias/Scotson 1993, S. 24ff und S. 31ff) zeigt. Erste Zwischenbetrachtung An dieser Stelle soll die sequentielle Analyse der Eingangssequenz mit IP3 ausgesetzt werden mit dem Ziel den Zwischenstand mit der Beantwortung der Untersuchungsfrage abzugleichen. Als vorrangiger Zwischenbefund kann festgehalten werden, dass sich in der Selbstdefinition und der beruflichen Haltung von IP3 in hohem Maße das bereits vermutete breite Spektrum der Tätigkeiten findet. In ihren Ausführungen reproduzieren sich aber bereits in Ansätzen die für das Feld ambulante Suchtberatung unterstellten relativ diffusen Aufträge, Zielformulierungen und Grade der Zielerreichung. Weiter zeigt sich, dass sich der Aspekt der Selbstbehauptung nur sehr vermittelt findet und zwar vor allem in der Form der elaborierten und facettenreichen Beschreibungen. Das was getan wird, wie es getan wird und warum es so getan wird ist offenbar schwer zu explizieren. Es zeigen sich hier Phänomene, die dem weiten Bereich des sogenannten impliziten Wissens (Polanyi 1985, für die Schulpädagogik Neuweg 2015a und 2015b, für die Soziale Arbeit Moch 2012, für die Psychotherapie Stern u. a. 2012) zugerechnet werden können und einem expliziten Wissen nicht zur Verfügung stehen. Das Konzept des impliziten Wissens wird noch an anderer Stelle vorgestellt werden. Beide Gesichtspunkte, die Zieldiffusität und das implizite Wissen dürften kumulierende Effekte haben und die berufliche Selbstdarstellung erschweren. So zeigt IP3 eine gewisse Selbstzurücknahme bei der Darstellung des Stellenwerts der Tätigkeiten in dieser Institution, die sie repräsentiert. IP3 vermeidet weiter konsequent die Verwendung von Fachbegriffen. Fachbe- 4.1 Der Fall IP3 68 griffe aus der Sozialen Arbeit kommen so gut wie gar nicht vor. Stattdessen werden die eigenen Praxen und Orientierungen durchgängig alltagssprachlich beschrieben („anders gucken“). Die Motive hierzu sind sicher vielgestaltig. Ein Element aber davon ist sehr wahrscheinlich, dass das, was z. T. als „qualifizierte Vermittlung“ benannt wird, die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen voraussetzt. Und dies ist, wie gezeigt werden konnte (vgl. Hansjürgens 2018) ein sehr voraussetzungsvoller Prozess, der sich fundamental von einer reinen Informationsweitergabe unterscheidet. Zur Sprachlosigkeit trägt sicher auch bei, dass z. B. „qualifizierte Vermittlung“ kein anerkannter fachlicher Begriff ist (siehe oben), der einen Unterschied zu dem von IP3 kritisierten schematischen Vorgehen markiert. Weiter ist zu erwähnen, auch Begriffe aus anderen hier relevanten Disziplinen werden vermieden. Bezeichnend die Vermeidung des Begriffs der „Diagnostik“. Dieser ist zwar in Diskursen der Sozialen Arbeit umstritten, aber er wird dennoch zumindest in Teilen propagiert. Hiermit könnte auch eine kritische Auseinandersetzung verbunden sein, etwa zur psychologischen Diagnostik und zur Sinnhaftigkeit einer Erweiterung um eine sozialarbeiterische Diagnostik. Doch dies wird umschifft. Auffällig ist wie schon angedeutet, dass IP3 die Bedeutung ihrer Tätigkeit für einen erfolgreichen Reha-Prozess nicht offensiv einbringt, obwohl die einzelnen Elemente benannt und beschrieben werden. Wenn IP3 dann doch einmal einen Fachbegriff verwendet, dann ist dieser aus einer anderen Disziplin entliehen („Behandlungskette“) und steht mit den Orientierungen ihrer Berufsgruppe inhaltlich in einem Spannungsverhältnis. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition von IP3 erscheint als eher defensiv und vermeidend. Dies bezieht sich nicht auf die Ebene der Deskription. Die Dinge von einer abstrakteren Ebene her zu betrachten, zu analysieren und auf den Begriff zu bringen (gleichgültig ob 4. Ergebnisse 69 auf einen medizinischen oder sozialarbeiterischen) dies gelingt ihr fast nicht. Eher defensiv zeigt sie sich auch in der Darstellung der „Begleitung“ bzw. Suchtbegleitung. Fachlich ist dieses Hilfeangebot eigentlich unstrittig. Möglicherweise ist es gegenüber Kostenträgern der Einrichtung in hohem Maße begründungsbedürftig. Für die weitere Analyse und zur Beantwortung der Untersuchungsfrage soll nun auf ausgewählte Textstellen zugegriffen werden, um anhand der Analyse dieses Materials zu überprüfen, ob eine Modifikation des Zwischenstands erforderlich ist. Diese Thematisierungen sind: a) die Rolle von Fachwissen in der Arbeit, b) die Rolle von Diagnostik, c) zum Spezifischen von Sozialer Arbeit, d) Motivation und Erfolgserleben, e) Schluss. Diese Themenbereiche werden für die Beantwortung der Untersuchungsfrage als besonders aussagekräftig eingeschätzt. A Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit Die Analyse beginnt wieder mit dem Vorstellen der Interviewstellen (ab Minute 19:00 ff). Dies soll aber zunächst gerahmt werden durch ein vorgängiges Thema, den Voraussetzungen mit den schwierigen Anforderungen der Tätigkeit umzugehen. S.I.: Wie schaffen Sie es denn mit dieser Herausforderung umzugehen, denn Sie machen das ja schon ne ganze Weile? Was leitet sie da, was ist da wichtig? Was braucht man da um mit diesen Herausforderungen umzugehen? #00:19:20–4# 4.1 Der Fall IP3 70 IP3: Ich glaube, man braucht erst mal ne ganze Menge Lust auf diese Arbeit @(.)@ Ich glaube sonst gehts überhaupt gar nicht. #00:19:34–5# S.I.: Lust an den Menschen? #00:19:39–2# IP3: Lust an den Menschen ja genau, überhaupt zu arbeiten, Lust sich mit schwierigen Bereichen mit schwierigen Menschen auch auseinanderzusetzen ähm(.) IP3 wird nach den Voraussetzungen gefragt. Sie hält „eine Menge Lust auf diese Arbeit“ für wichtig. Die Nachfrage („Lust an den Menschen“) bejaht sie. Die Bedingungen für eine erfolgreiche Arbeit in diesem Feld werden in dieser Sichtweise primär zu einer Haltungsfrage. Hat eine Fachkraft die richtige Haltung, so kann geschlussfolgert werden, dann kann sie den beruflichen Alltag erfolgreich meistern. Wenn es aber um die Haltung geht, dann sind die Bedingungen der Möglichkeit für eine gute, nach den Regeln er Kunst vorgehende Tätigkeit individualisiert und personalisiert. Die schwierigen strukturellen und institutionellen Gegebenheiten spielen in dieser Sicht keine Rolle. Mit der Reduzierung auf die eigene Haltung geht zunächst eine Abwertung einher, vielleicht nur auf die Person IP3 bezogen, vielleicht aber auch auf die Berufsgruppe. Kompetenzen und Wissen erscheinen als unerheblich, sind beliebig, allein die Haltung zählt. Wie die objektiven Daten zu IP3 aber zeigen, hatte sie sich in ihrer beruflichen Entwicklung nicht daran gehalten. In ihrer ersten Berufstätigkeit in der niedrigschwelligen Einrichtung machte sie eine Weiterbildung, um Handwerkszeug zu erlangen. Offenbar reichte ihr damals die „Lust an den Menschen“ nicht aus. Diese Erfahrung scheint hier verschüttet, zumindest in der Gesprächssituation nicht zugänglich. Hier wird eine Stelle übersprungen. 4. Ergebnisse 71 S.I.: Sie haben gesagt, was braucht man so um diese Herausforderungen zu bewältigen, ganz viel Lust auf Menschen, ähm ihnen helfen zu wollen, das ist sowas altruistisches, gibts noch andere Faktoren, die man braucht, die einen befähigen soetwas zu tun, ich frag einfach mal, welche Rolle spielt Wissen? #00:22:19–2# S.I. macht einen zweiten Anlauf. Dass „die Lust am Menschen“ ausreichend wäre für eine erfolgreiche Aufgabenwahrnehmung, will sie offenbar nicht so stehen lassen. In Ihrem Vorlauf zur Frage ordnet sie die Aussage ein. Möglicherweise ist die „Lust auf Menschen“ alles andere als altruistisch. Mit ihrer Einordnung, die von IP3 nicht autorisiert wurde, geht sie das Risiko ein, dass es zu Verwicklungen kommt. S.I. fragt danach, welche Rolle IP3 Wissen zuschreibt, um die beruflichen Aufgaben erfolgreich bewältigen zu können. IP3: Ja ne ganz große Rolle, denk ich. Obwohl nicht die größte Rolle denk ich, Im zweiten Anlauf misst IP3 auch Wissen eine große Rolle zu, es ist also nicht nur die Haltung. Diese Einschätzung wird aber wieder relativiert. Auf keinen Fall kann es die größte Rolle sein. Was spielt aber die größte Rolle, welchen Stellenwert hat dann das Wissen? IP3 kann mit der Kategorisierung „Altruismus“ scheinbar gut leben, zumindest deutet sich in der Antwort kein Widerstand dagegen an. ich denke so, natürlich muss man über die Krankheit Bescheid wissen, über Zusammenhänge, über Systeme, ähm medizinischer Art, sozialarbeiterischer Art. Also ich glaube das ist glaube ich schon wichtig. Ich weiß zum Beispiel, über manche Drogen da weiß ich die genaue Zusammensetzung nicht, und ich informier mich auch nicht drüber, aber ich merke, das muss ich auch nicht wissen. Es geht glaube ich eher um son Wissen, ähm ja vielleicht auch Information, son Wissen um Menschen. #00:23:45–8# 4.1 Der Fall IP3 72 Es werden verschiedene Wissensgebiete benannt, auch sozialarbeiterische und Wissen um Systeme. Eine Einordnung erfolgt aber nicht. Wieder erfolgt eine Bezugnahme auf die Relevanz von systemischem Wissen. „Systeme“ werden hier als erstes benannt. Die Ausbildung in systemischer Beratung hat für IP3 einen hohen Stellenwert. Denken in Zusammenhängen, in Systemen ist sachlich geboten. Die Regelsetzer in ihrem System sind aber weit entfernt davon. In ihrer technokratischen Orientierung liegt sicher ein Gegenpol hierzu. Wissensbestände sind für die Tätigkeit nach IP3 wichtig, aber vor allem als Wissen um Menschen. Aber was ist die Quelle davon, die Medizin, die Psychologie, die Soziale Arbeit? Alles geht auf in einem eher diffusen Wissen um Menschen. Ist dies ein impliziter Rekurs auf implizites Wissen? Die Relevanz von Wissen wird scheinbar banalisiert und ist in Gefahr abgewertet zu werden. IP3 scheint einerseits zu spüren, dass Wissen wichtig ist, Wissen alleine bei den Betroffenen aber noch keine Veränderungen bewirken kann. Ohne das Wissen wird die Veränderung aber unwahrscheinlicher, es sei denn, man setzt auf Spontanheilung. Den Möglichkeiten und Grenzen von Fachwissen Worte zu geben, dies gelingt IP3 nicht, wenn sie danach gefragt wird. Es hat den Anschein, als müsse sie ihr Wissen verstecken. Später führt sie aus: IP3: Das passiert natürlich immer so unbewusst. Wenn man ein bestimmtes Wissen hat, dann hat man das ja auch im Bauch @(.)@ oder im Kopf. Also dann läuft vielleicht die Spule nicht, aber dann ist man ja auch im Gespräch oder im Kontakt mit dem Klienten. Merk ich schon, das mich manches leitet, nochmal genauer hinzufragen, weil ich vielleicht auch ne Theorie im Hinterkopf hab, das denk ich schon oder vielleicht auch ne psychiatrische Auffälligkeit als Folge des Konsums oder ne hirnorganische Störung, dass ich 4. Ergebnisse 73 schon son Wissen im Kopf hab, das leitet mich natürlich, gewisse Fragen zu stellen und noch mal genauer hinzuhorchen. Oder n Wissen über Systeme oder n Wissen über was ist denn Sucht? (.)(.) (.) Sonst kann ich auch gar nicht diagnostizieren. z. B. für ne Vermittlung in die Reha muss ich auch ne Diagnostik haben, das wollen viele Menschen auch einfach wissen, bin ich abhängig oder was ist notwendig. #00:29:34–6# Das, was für IP3 „so unbewusst“ geschieht, ist die variable Anwendung von Wissen auf die höchst unterschiedlichen Gegebenheiten ihrer Klienten. Im nächsten Satz lokalisiert sie ihr berufliches Wissen im Bauch, als Bauchgefühl. Sie merkt offenbar ihre vage Formulierung, das kurze Auflachen deutet darauf hin, und ordnet die Wissensbestände jetzt dem Kopf zu. Der Versprecher verweist auf ein Wissen „aus dem Bauch heraus“, was auch mit dem Wort Bauchgefühl bezeichnet wird. Diese Idee von Wissen und von Wissensanwendung verweisen wieder auf ein nicht explizites, intuitives Wissen, auf Intuition, auf tacit knowledge, auf das sogenannte implizite Wissen (Polanyi 1985, Moch 2012, Neuweg 2015a und 2015b, Stern u. a. 2012). Ihre bisherige deskriptive, aber weitgehend begriffslose Darlegung ihrer beruflichen Praxis und ihres beruflichen Handeln bekommt ein Bild. Sie kann über die Begriffe nicht verfügen, weil ihr Wissen eher die Struktur eines impliziten Wissens hat. Die Wissensbestände sind vorhanden, aber wahrscheinlich nur situativ abrufbar. Es erscheint auf der Phänomen-Ebene so, als sei ihr der Zugang über eine Meta- Ebene versperrt. Diese Meta-Ebene gibt es nicht oder sie sieht keine Markierungen oder Wegweiser vor und wenn es die Markierungen und Wegweiser gibt, dann erscheint das Wissen um sie nicht zugänglich zu sein. Zum Abschluss noch ein Zitat: 4.1 Der Fall IP3 74 S.I.: Würden Sie sagen Beziehungsarbeit ohne Wissen ist ausreichend? Ich frag mal so, weil manchmal wird den Sozialarbeitern ja auch vorgeworfen, „Ihr macht nur einen auf Beziehung und dann ähm wird schon alles gut“.#00:56:39–2# IP3: @(.)@ Ich glaube, das funktioniert nicht nein. Ne man muss schon Wissen haben und zwar wirklich auch umfängliches Wissen, ob es psychologisches Wissen ist, zwar nicht so im Detail.(.) (.) #00:57:14–0# In der Konfrontation mit einem Vorwurf an ihre Berufsgruppe räumt IP3 den hohen Stellenwert von Wissen sehr schnell ein, als habe sie nie dazu Mehrdeutigkeiten verlautbaren lassen. Es kann an dieser Stelle schon als charakteristisch bezeichnet werden, dass sie dann einen Wissensbestand nennt, der nicht der ihrer Berufsgruppe ist. Dies scheint sie irgendwie zu ahnen, denn dieser Wissensbestand wird auch sofort relativiert. Es folgt aber dann kein weiterer von ihr benannter Wissensbestand. Man könnte ja an sozialarbeiterisches Wissen oder das schon früher eingebrachte Wissen um Systeme denken, dies findet keine Erwähnung. Stattdessen erfolgt eine Pause, die die Interviewerin zu einer neuen Frage einlädt. In IP3s Umgang mit (Fach-) Wissen zeigt sich einmal mehr das Burakumin-Syndrom. B Die Rolle von Diagnostik Hierfür soll auf eine Stelle im Interview etwa ab Minute 29:00 zurückgegriffen werden. S.I.: Welche Rolle spielt denn Diagnostik in ihrer Arbeit und wie machen sie das z. B.?(.)(.)(.) In der Psychologie gibt es für jede Auffälligkeit ja ein Fragebogen sag ich mal. #00:29:54–4# 4. Ergebnisse 75 IP3: Wir haben schon Testung, nicht so als Bedingung, sondern eher n Stück weit zu überprüfen. Das eigen Denken und Handeln zu überprüfen, die Wahrnehmung des Klienten und auch zu testen, das machen wir auch, es gibt einen Persönlichkeitsstrukturtest, es gibt einen Befindlichkeitstest, die können wir schon machen ansonsten läuft das, ich sag jetzt mal, Diagnostik so in meinem Kopf. Also manchmal ist es natürlich, wenn jemand ganz konkret kommt und fragt „Bin ich abhängig und woran…ne, ich will das wissen, oder mein Arzt will das wissen oder wie auch immer, dann kann durchaus sein, dass ich mit denen auch die Kriterien der Abhängigkeit durch und vor allen Dingen von Menschen, die mir felsenfest behaupten, sie haben überhaupt kein Problem und wo ich wirklich weiß ich nicht fünf von sechs Kriterien erfüllt sehe, dass ich schon frage, haben sie nicht mal Lust auf ne Diagnostik und gucken sie mal, wo Sie sich da wiederfinden, aber ich lade da eher ein innerhalb der Gespräche in der Beziehungsarbeit damit da draufzuschauen. Ich mach selten so Ankreuztest wie auch immer. #00:31:11–6# IP3 beschreibt die Test-Praxis ihrer Einrichtung und von sich selbst. Es gibt standardisierte Tests, wohl vor allem aus der Psychologie, aber sehr schnell betont sie, dass die Klienten hiermit nicht kategorisiert werden sollen und dann eher schematischen Reaktionen seitens der Einrichtung unterzogen werden sollen. Sie betont indirekt, dass sie sich Mühe gibt, die Subjektstellung der Klienten zu achten. Deutlich wird auch, dass die Interventionen von ihr wenig konfrontativ angelegt sind sondern von einer akzeptierenden Haltung geprägt sind. Eine Rolle scheint für sie zu spielen einen guten Kontakt herzustellen und zu erhalten und die Belange ihrer Klienten in den Mittelpunkt ihrer Tätigkeit zu stellen. Bei der Thematisierung von Diagnostik zeigt sich das Muster wieder, das auch zum Ende der Betrachtungen zum Thema Wissen auftauchte. Das, was sie an anderer Stelle mit „anders gucken“ sehr umgangssprachlich und sehr unpräzise eingeführt hat, 4.1 Der Fall IP3 76 findet nun andere Worte, wird präziser beschrieben. Für die Darstellung durch sie erscheint es erforderlich oder zumindest förderlich, wenn spezifische Stichworte geliefert wurden. Dann wird die Praxis durchaus nuanciert vorgestellt und es werden fachlich sehr adäquate Überlegungen zur Situation und zum Vorgehen vorgestellt. C Zum Spezifischen von Sozialer Arbeit (Minute 43:00 ff und Minute 48:00 ff) S.I.: was ist für Sie typisch Sozialarbeiterisch, gibt es etwas wo Sie sagen, das ist , das machen Sozialarbeiter und andere Professionen, meinetwegen Medizin oder Psychologie, die ja auch in diesem Feld sehr stark äh, das machen die nicht, das machen die anders? #00:43:46–3# IP3: Also ich glaube, was wir nochmal anders machen, ist viel Casemanagement. Also viel zu gucken, Systeme nochmal mit einzuladen, mit an den Tisch zu bringen, nochmal zu gucken wenn Klienten von Institutionen geschickt werden, die auch mit einzuladen, um nicht drumherum, um das Anliegen zu arbeiten, ähm(.)(.)(.) Ich denke das ist nochmal son ganz gravierender Teil, ich würde fast sagen, vor allen Dingen bezogen auf die Medizin, ähm nicht so fokussiert zu gucken also Medizin, und Körper und Diagnostik, wenn ich an viele Mediziner denke. Also ich finde bei uns läuft mehr Beziehungsarbeit, also was bei den Medizinern vielleicht noch in der stationären Reha Maßnahme anders läuft aber Fokus ist vielmehr die Beziehungsarbeit, das machen die Psychologen z. B. die Therapeuten natürlich auch. #00:44:57–2# IP3 benennt eine Reihe von Spezifika sozialarbeiterischer Interventionen, die in diesem Feld auch angezeigt sind. Das Motto könnte lauten „das Ganze im Blick behalten“. Dabei grenzt sie ihre Profession 4. Ergebnisse 77 von der Medizin ab. Aber schon die Beziehungsarbeit teilt sie wieder mit anderen Gruppen. An anderer Stelle wird ausgeführt: S.I.: Ok und was von dem typisch Sozialarbeiterischen findet sich hier in Ihrer Einrichtung, woran merken Sie das hier in ihrer Einrichtung, dass Sie sozialarbeiterische Arbeit machen? #00:48:04–9# Die Interviewerin beharrt auf der Thematik um das sozialarbeiterische der Tätigkeit in der Beratungsstelle. IP3: (.)(.)(.)(.) Naja es findet schon mal ne Begleitung statt zu Ämtern und Behörden. #00:48:32–4# Als erstes wird hier die Begleitung von KlientInnen zu anderen Institutionen benannt, wo diese offenbar Unterstützung benötigen. Weshalb das so sein soll bleibt aber offen. S.I.: Begleitung meint was nochmal? #00:48:33–5# Es wird nach einer inhaltlichen Festlegung von „Begleitung“ gefragt. Grundsätzlich käme ja auch die von IP3 schon an anderer Stelle beschriebene „Suchtbegleitung“ in Frage. IP3: Wir gehen mit oder was #00:48:33–5# Die Befragte gibt zu erkennen, dass sie jetzt weniger an Suchtbegleitung gedacht hat. Sie hat es ja auch schon in ihrer ersten Antwort ausdrücklich so bezeichnet. S.I.: Ja genau, ich frage, weil es ist ja manchmal auch unterschiedlich, was mit Begleitung gemeint ist. #00:48:41–0# Die Interviewerin erläutert jetzt, weshalb sie noch einmal nachgefragt hatte. 4.1 Der Fall IP3 78 IP3: Wie macht sich das bemerkbar? Ich denke, dass wir ein ganz gutes Netzwerk hier haben sowohl hier innerhalb des Teams, als auch innerhalb des Verbandes, wenn man sich natürlich an manchen Stellen sich das auch besser wünschen würde aber ich glaube, das ist überall so. IP3 geht jetzt auf die Frage ein, die ja das typische Sozialarbeiterische zum Thema hatte. Sie benennt als erstes die Vernetzung und zwar auf mehreren Ebenen, dem Team aber auch dem Verband. Wenn man die Antwort paraphrasiert, dann lautet die Antwort, das Sozialarbeiterische bestehe in der Vernetzung. Die Tragweite der Aussage erschließt sich aber nicht. Es kann hier zunächst nur vermutet werden, wie beides zusammenhängen könnte. Ich glaube, wir sind schon auch gut so ähm zeitnah zu reagieren im Rahmen von Kooperationsverbund mit Entgiftung, mit Therapie, wenn das wirklich so notwendig ist. #00:49:21–5# Entweder als zweiter Aspekt von Sozialarbeiterischem oder vertiefend zur Vernetzung wird auf die Fähigkeit verwiesen schnell reagieren zu können, und zwar schnell im Sinne und im Interesse der KlientInnen. Das Sozialarbeiterische bestünde dann in einer hohen Effektivität, vielleicht auch Effizienz. S.I.: Auch so ein fachliches Netzwerk #00:49:27–0# Die Interviewerin will die Antwort, das Sozialarbeiterische bestehe zumindest unter anderem in der Vernetzung validiert haben IP3: Ja, wir laden viel ein, finde ich, also nochmal mit an den Tisch von Hilfsinstitutionen, die uns vor allem mit vermitteln Auf die Nachfrage wird das bestätigt. Es wird auf gemeinsame Gespräche an einem Tisch mit Repräsentanten von anderen Institutionen verwiesen. 4. Ergebnisse 79 ähm was ist so typisch Sozialarbeit, ja (.)(.)(.) IP3 scheint bei ihrer bisherigen Antwort etwas unwohl, sie will sie ergänzen und wiederholt die Frage. Die Antwort kann sie nicht schnell geben. Es entsteht wieder eine Pause, wie bei der Nachfrage nach „anders gucken“. wahrscheinlich das, was ich alltäglich mache so.@(.)@ Was ist denn das((lacht)) Was man dann wahrscheinlich so selbstverständlich ist, das man einfach nicht mehr sagen kann. Die weitere Benennung des Sozialarbeiterischen, jenseits von Vernetzung, fällt offenbar schwer. Das Sozialarbeiterische sei das, was alltäglich gemacht werde. Womit sie vermutlich eine angemessene sachliche Bezeichnung vornimmt. Dennoch ist der Beschreibungsversuch bisher zirkulär. Wort und Begriffe zu finden ist offenbar nicht einfach. Ja ich finde, dass das typisch Sozialarbeit ist, schon den Menschen da abzuholen, wo sie stehen, also und so zu gucken, wie schaff ’ ich es auch einen Draht zu denen zu finden. Also das ist nach wie vor, das typisch Sozialarbeiterische. Es werden Ergänzungen vorgenommen. Abholen, „Draht“ entwickeln, was wohl mit dem Hinwirken auf die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen übersetzt werden kann. Natürlich geht es auch um Casemanagement, um Konfliktmanagement, um Diagnostik…..(.)(.)(.)(.)(.)(.)(.) Vielleicht hab ich jetzt irgendwie ne Verwirrung, was mache ich eigentlich tagtäglich? #00:50:27–2# Erst nach mehreren Anläufen erfolgt die Nennung von Fachbegriffen, einschließlich der Diagnostik. Es folgt wieder eine längere Pause. Die Antwort gipfelt in einer Frage an sich selbst, was mache ich eigentlich in meiner täglichen Arbeit? Diese Selbstbefragung kann 4.1 Der Fall IP3 80 als typisch angesehen werden für die offenbar bestehenden Schwierigkeiten, das Proprium der Tätigkeit, die ja, wie schon ausgeführt eine Wichtige ist, zu benennen. Hier soll die These formuliert werden, IP3 ist damit nicht allein. Die Selbstdarstellung, die Selbstvermittlung, sie sind offenbar nicht ohne weiteres verfügbar. Eine Folge davon ist, dass die Selbstbehauptung sowohl für die einzelne Fachkraft als auch für die Berufsgruppe in diesem Feld gefährdet ist. Der Einzelne und die Gruppe werden sehr vulnerabel u. a. dadurch, dass die eigene Bedeutsamkeit nicht oder nur schwierig kommunizierbar ist und damit die Legitimität des beruflichen Handelns schwerer zu wahren ist. An späterer Stelle wird noch ausgeführt: S.I.: Gibts da Dinge die da ganz besonders wichtig sind? Dinge, die Sie vielleicht nochmal pointieren wollen, das ist besonders wichtig, das macht soziale Arbeit in der Suchthilfe aus? #00:54:23–5# IP3: Ja, ich finde Beziehungsarbeit ist das Wichtigste, also wirklich zu gucken, wie komme ich in Kontakt, aber wie kommt auch der Klient in Kontakt zu mir und wie, im Grunde auch wie kann mir jemand vertrauen also wie kann der Mensch, meine Hand, die ich ihm vielleicht auch reiche, n, Stück weit nehmen, das klingt sehr, eh, pathetisch so, aber das ist es auch. Ich finde, ich muss nicht so viel Wissen haben, ich muss nicht so viel drum herum haben, sondern es geht vorrangig darum, jemand einzuladen. (…) IP3: und ich glaube, wenn man das erreicht hat und erreicht hat, dass mir ein Mensch bereit ist mir ein Stück weit zu, zu vertrauen, mit mir ein Stück weit des Weges zu gehen, mir zu folgen, das heißt 4. Ergebnisse 81 nicht im Sinne von „Ich zeig dir jetzt wie der Weg geht“. Es geht ja schon nur im Austausch, im Miteinander, was kann der Klient aber ich glaube auch, das ist ein Stück weit das Wichtigste, sonst geht niemand einen anderen Weg. #00:55:32–6# Auch hier wird zunächst die Rolle der Beziehungsarbeit betont. IP3 beschreibt, wie wichtig dieser Teil in einem Gesamtprozess der Änderung und der Rehabilitation ist. Deskriptiv und unter Verwendung des eher unscharfen Begriffs „Beziehungsarbeit“ wird auf den Kern des Beratungsprozesses verwiesen: Auf die Bedeutung der Entwicklung der Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen. Hier wird wieder dem bekannten Muster gefolgt, wonach dies auf einer impliziten Ebene verbleibt. Auf Befragen beschreibt sie die wichtige Stellung von Sozialer Arbeit. Diese ist auch sachlich nachvollziehbar. Es wird aber kaum eine selbstbewusste oder stolze Haltung erkennbar, obwohl die Sachlage dies zulässt oder sogar gebietet. D Motivation und Erfolgserleben S.I. fragt ab der Minute 35:15 danach, was IP3 in der Arbeit leitet. Darauf antwortet IP3: IP3: Was mich leitet(.)(.)(.)(.) ja vielleicht auch so eigene Ressourcen zur Verfügung zu stellen, vielleicht auch eigenes Wissen zur Verfügung zu stellen. Also mich leitet auch immer, ist auch immer Spaß, ja es ist ja kein Spaß mit den Menschen, die haben ja auch immer viele Probleme, vielleicht so ein befriedigendes Gefühl, aber das klingt mir so selbst(.)(.) so nach Selbstaufgabe, aber ich glaube, wenn der Job einen so generell so zufrieden stellt. #00:37:51–0# Der erste Teil der Antwort plausibilisiert, weshalb die Altruismus- Unterstellung von S.I. nicht zurückgewiesen wurde. IP3 gibt gerne. Was bekommt sie zurück? Ein befriedigendes Gefühl und Spaß in 4.1 Der Fall IP3 82 ihrer Berufstätigkeit. Was will frau mehr? Das Geben, wenn expliziert, wird ihr aber suspekt. Sie fährt fort: IP3: Ja und ich glaube, das hat auch son bisschen was, das man merkt, dass sich auch Menschen dadurch verändern und auch `n bisschen zuversichtlicher werden oder gesünder im optimalsten Falle oder vielleicht doch abstinent werden, also wenn man diese Entwicklungsschritte mit sieht, und merkt das bringt auch was, da kommt auch was zurück, ohne dem gehts auch gar nicht. Ich glaube sonst gerade, wenn so ne Häufung von chronifiziertem Klientel da ist, das ist schon anstrengend, zermürbend auch, wenn man so wenig Erfolg hat so viele Rückfälle hat. #00:39:28–2# IP3 schildert Abläufe und Geschehnisse, die ihr Bestätigung und Anerkennung geben. Sie endet aber wieder bei der dunklen Seite, den Rückfällen. Es stellt sich die Frage, darf IP3 die Erfolge genießen, wenn es trotzdem noch viel Elend um sie herum gibt? Sie erscheint sich nicht sicher zu sein. Dieses Muster zeigt sich auch an früherer Stelle des Interviews: IP3: Ja ich glaube, wenn man so sieht wie Einzelne auch so Fortschritte machen, so Fortschritte muss man immer gucken, was das ist und (.)(.)(.)(.) ich weiß jetzt nicht , ob man sagen kann, das erfüllt einen, das wäre jetzt n bisschen zu hoch gegriffen, aber (.) (.)(.)(.)#00:22:15–9# Sie erlebt den Erfolg ihrer Arbeit und dies scheint ihr ein erfüllendes Gefühl zu vermitteln. Das darf aber eigentlich nicht öffentlich werden, die Relativierung erfolgt umgehend. Sie endet mit einer langen Pause, die S.I. motiviert eine Nachfrage zu stellen. 4. Ergebnisse 83 E Schluss Der Schluss, der hier als der Abschnitt von Minute 57:37 bis 1:01:36 gefasst ist, soll bis auf einen Ausschnitt eher kursorisch analysiert werden. Zunächst ist ihre Zustimmung zur sogenannten Manualisierung zu nennen (59:32 ff). Dies könnte im Widerspruch stehen zu ihren fachlichen Ansprüchen, den einzelnen Klienten gerecht werden zu wollen. Für sie ist hier aber nur wichtig, „um sicher zu gehen“, sicher zu sein, dass nichts Wichtiges übersehen oder ausgelassen wurde. Das implizite Wissen, dass sie zunächst im Bauch lokalisierte, wäre so veräu- ßerlicht und offen zugänglich. Es wäre von etwas Unsichtbarem zu etwas Strukturellem transformiert. Eine Manualisierung könnte vielleicht auch Legitimität verschaffen und damit Anerkennung. Gegen die diffusen Selbstwahrnehmungen von IP3 ist das sicher eine Abhilfe. Auf folgendes Zitat (ab 57:37) sei noch einmal eingegangen: IP3: Aber es geht doch vielmehr darum, was braucht jeder Einzelne, und nicht darum, muss ich jetzt 80 Klienten im Monat in ne Therapie vermitteln. Also das ist@(.)@ ja total vorbei, vorbei an den Menschen. #00:58:03–0# Es passt in das bisher gewonnene Bild, dass die bürokratischen Handlungszwänge, denen sie und die Einrichtung ausgesetzt sind, sie sehr zu belasten scheinen. Damit sind ganz andere Haltungen und Praktiken bezeichnet als Informationsvermittlung und Vermittlung in Reha- Behandlung. Die genannte Soll-Zahl (80 Vermittlungen im Monat) sind nicht fachlich geboten, sondern kommen von außen, wahrscheinlich von Kostenträgerseite. Sie stellen die fachliche Unabhängigkeit von IP3, wahrscheinlich aber auch von allen Fachkräften, in Frage. Diese Thematisierung knüpft an die defensive Darstellung der Suchtbegleitung an. Offenbar steht die Einrichtung unter mehr oder weniger starken bürokratischen Zwängen. Hiervon ist die Untersu- 4.1 Der Fall IP3 84 chungsfrage berührt. Die Situation von IP3 lässt sich so beschreiben: Wir wissen was bei unserem heterogenen Klientel zu tun ist und tun dies auch. Wir können es nur nicht im vollen Umfang kommunizieren, da externe Instanzen, wie die Kostenträger, von uns sachlich nicht begründete Aktivitäten erwarten. Motiviert das die Begriffslosigkeit von IP3? Fazit An dieser Stelle wird eine Hypothese vorgestellt, die auf der Basis der Ergebnisse der Feinanalyse und einer Gesamtdurchsicht des Materials gewonnen wurde. Die Hypothese besteht aus verschiedenen Elementen. Sie sollen hier einzeln aufgeführt werden. Methodisch kommt ihr der Stellenwert zu, dass sie exemplarisch auf der Basis einer Fallanalyse die Untersuchungsfrage vorläufig beantwortet. Diese heißt: „Wie ist Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung?“ 1. Die berufliche Entwicklung von IP3 einschließlich ihrer Ausbildung zeigt folgendes: Sie verfügt über eine langjährige Berufserfahrung innerhalb derer sie sehr unterschiedliche Settings der Suchthilfe kennenlernt und sich dort auch bewährt. Optionen zu einem Wechsel in andere Felder der Sozialen Arbeit nutzt sie nicht. Im Rahmen ihrer Berufstätigkeit qualifiziert sie sich weiter, so dass sich ihr im Rahmen der Tätigkeit in der Rehaklinik therapeutische Tätigkeitsfelder eröffnen. Aus diesen wechselt sie in ein Feld, in dem zwar Therapie (nach Gesetzesdefinition) geleistet wird (ambulante Reha), sie aber nicht eine solche Auf- 4. Ergebnisse 85 gabe wahrnimmt. Zu ihrer beruflichen Haltung ist zu sagen, sie hat ein sehr entwickeltes Arbeitsethos und erfüllt die komplexen Anforderungen der Arbeitsstelle. Sie will ihre Arbeit gut machen und den Hilfebedarfen und Belangen der Klienten gerecht werden. Die unterschiedlichen Bedarfe und die angezeigten Interventionen beschreibt sie sehr differenziert. 2. IP3 nimmt als Fachkraft der Sozialen Arbeit Tätigkeiten wahr, die als typische Aufgabenfelder der Sozialen Arbeit angesehen werden können. Dazu können gezählt werden: Der Aufbau einer Arbeitsbeziehung, Vermittlung in Entwöhnungsbehandlung (auch in die eigenen Maßnahmen im Haus), Motivationsarbeit, Suchtbegleitung u. v. a. m. Hierzu zählt auch die Arbeit in Zwangskontexten aber auch der Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen. Zusätzlich gibt es aber Bereiche, die weit darüber hinausgehen (suchtmedizinische und oder psychologische Diagnostik). Hierzu sind auch die Tätigkeiten und Anforderungen auf dem Gebiet der „ambulanten Nachsorge nach Therapie“ zu zählen. Diese verschiedenen Felder stellt IP3 vor, aber erst auf Nachfragen und dann mit Relativierungen. Dabei wird auch deutlich, dass der sozialarbeiterische Ansatz der Begleitung bzw. Suchtbegleitung im Feld umstritten ist, was von der Sache her verwundert. Handelt es sich doch bei Suchtbegleitung auch um die gebotene und erwünschte Schadensminimierung. Offenbar handelt es sich um unterschiedliche Konzepte der Auftragsdurchführung, die nicht ineinander aufgehen. 3. Die Tätigkeit von IP3 in der Beratungsstelle ist dem Professionsideal8 weit angenähert. Dies steht in einem Spannungsverhältnis 8 Als Kriterium wird hier und an anderen Stellen das Professionsideal herangezogen, wie es von Becker-Lenz und Müller (2009) skizziert wurden. Eine nähere Befassung mit dem Begriff im Kontext Sozialer Arbeit findet sich hier in Kap. 5. 4.1 Der Fall IP3 86 zu der sachfremden Arbeitszuordnung durch Kosten- und Leistungsträger, die faktisch eine De-Professionalisierung bedeuten können. Dass IP3 wie eine Professionsangehörige arbeitet, dies ist ihr aber nicht bewusst zugänglich. Diese Nicht-Wahrnehmung wird durch strukturelle Rahmenbedingungen wie den bürokratischen Vorgaben, die keiner Professionslogik entstammen, begünstigt. 4. Als methodische Elemente des beruflichen Handelns sind die bekannten Methoden erkennbar, vor allem Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit. Es kann weiter davon ausgegangen werden, dass sich kooperative Arbeitsbeziehungen (z. B. nach Hochuli-Freund/ Stotz, 2011) und die Mitwirkung an einer kooperativen Gestaltung eines Prozessbogens (nach Sommerfeld u. a. 2011) finden lassen. Die beschriebenen Tätigkeiten werden jedoch nicht expliziert sondern in Alltagssprache vorgestellt und beschrieben. 5. Die beschriebenen Tätigkeiten gehen deutlich über Vermittlung als einer rein administrativen Tätigkeit hinaus, insbesondere im Kontext der Diagnostik oder der weiteren Fallbegleitung. Dies findet aber keine Worte, keine Begriffe. Die Fachkraft kann ihre Tätigkeit nicht umfänglich vermitteln und darstellen. Sie wird hierdurch angreifbar. 6. Das verwendete und explizierte Wissen von IP3 speist sich vornehmlich aus dem Wissen anderer Professionen, z. B. dem der Medizin oder der Psychologie. Dies führt zu einer Ambivalenz in Bezug auf die Nennung der Nutzung von Wissen. Das fachfremde Wissen ist nicht ausreichend, das sozialarbeiterische Wissen ist nicht als explizites Wissen zugänglich. So dominiert das implizite Wissen zur Tätigkeitsdurchführung und zum Tätigkeitsauftrag. 4. Ergebnisse 87 7. Die Beratungsstelle ist multidisziplinär zusammengesetzt, was von der Sache her geboten ist. Es ergeben sich keine Hinweise auf negative Folgen der Statusunterschiede. 8. Die unterschiedlichen formalen Beauftragungen und Zuständigkeiten, die durch das Regelwerk von außen in das Team hineingetragen werden, werfen für IP3 die Frage nach Anerkennung und Wertschätzung in besonderer Weise auf. Sie nimmt, trotzdem sie eine dem Grunde nach professionalisierte Tätigkeit ausübt, eine institutionell festgeschriebene Missachtung und Abwertung wahr. Diese kann durch Sonderleistungen der Teamangehörigen nicht kompensiert werden. 9. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für die Fragestellung: Es findet sich bei IP3 eine starke Ambivalenz in der Selbstdefinition. Diese hat sehr unterschiedliche strukturelle Verankerungen. Zu nennen ist die Bedeutung und Wichtigkeit der Tätigkeiten der ambulanten Suchtberatung. Diese steht in einem Spannungsverhältnis zur erwähnten strukturellen Missachtung und der Privilegierung anderer Berufsgruppen einschließlich der Spaltung, die bis in die Gruppe der Fachkräfte der Sozialen Arbeit hineinreicht und sich in diesem Tätigkeitsfeld an der geäußerten Ambivalenz gegenüber der Tätigkeit der Suchtbegleitung zeigt. Hierzu zählt aber sicher auch die Rahmung der Tätigkeit, wonach für das Handlungsfeld relativ diffuse Aufträge, Ziele und Grade der Zielerreichung plausibel als gegeben unterstellt werden können. Die hier thematische Selbstdefinition schwankt zwischen mühevoller Selbstbehauptung einerseits und Selbstverleugnung andererseits. Bei der letztgenannten Konstellation finden Anpassungen an die hegemonialen 4.1 Der Fall IP3 88 Akteure statt, die sich einmal als Burakumin-Syndrom9 zeigen. Zum anderen, IP3 verwendet von sich aus so gut wie keine Fachbegriffe im Allgemeinen. Fachbegriffe aus der Sozialen Arbeit im Besonderen werden nicht benannt. Stattdessen werden die eigenen Praxen und Orientierungen durchgängig alltagssprachlich beschrieben („anders gucken“). Deskriptiv und unter Verwendung einer eher unpräzisen Wortwahl („anders gucken“ oder „Beziehungsarbeit“) wird auf den Kern des Beratungsprozesses verwiesen: Auf die Bedeutung der Entwicklung der Arbeitsbeziehung in Richtung Vertrauen. Hier wird wieder dem bekannten Muster gefolgt, wonach dies auf einer impliziten Ebene verbleibt. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition von IP3 kann insgesamt als defensiv bezeichnet werden. Dies bezieht sich nicht auf die Ebene der Deskription. Hier schildert sie alles sehr facettenreich. Die Dinge von einer abstrakteren Ebene her zu betrachten, zu analysieren und auf den Begriff zu bringen, dies gelingt ihr nicht von sich aus. Sie benötigt hier eine Anregung von anderen. Die angesprochene Selbstbehauptung realisiert IP3 durch ihre nachvollziehbaren und triftigen Beschreibungen der Lebenslagen der Klienten und der Schilderung der fachlichen Einschätzungen einschließlich der Interventionen. Ihre Domäne ist die Beschreibung nach Aufforderung. Der defensiven Haltung korreliert eine Orientierung an mächtigen externen Akteuren (hier die Kostenträger). Sie realisiert die Selbstbehauptung andererseits dadurch, dass ihre Tätigkeit sie befriedigt. Sie sieht sich als „Geberin“, fürchtet aber die Grenzen der Selbstbehauptung nicht einhalten zu können. Auf den Punkt gebracht: IP3 leistet gute Arbeit, sie kann es von sich aus aber nicht ausdrücken. Ihr berufliches Handeln beruht offenbar zu einem Teil auf dem, was implizites Wissen bezeichnet wird. Dies erschwert eine explizite selbstbewusste Selbstdefinition. Kann ein Manual hier Abhilfe schaffen? Zumindest IP3, wenn nicht die gesamte Einrichtung, steht in dem Spannungsverhältnis, das fachlich Rich- 9 Näheres hierzu in Kap. 5 und bei Elias/Scotson 1993. 4. Ergebnisse 89 tige zu tun, dies aber nicht in vollem Umfang nach außen kommunizieren zu können. Bei der Bearbeitung des Materials blieben eine Reihe von Fragen offen. Diese sind: 1. Ist die defensive Haltung nur individuell bei IP3 vorfindbar? 2. Finden sich die aufgezeigten Praktiken auch bei Fachkräften in anderen Einrichtungen? 3. Welchen Stellenwert in Einrichtungen dieses Typs hat die Beratung und Vermittlung? 4. Welchen Stellenwert in Einrichtungen dieses Typs hat die Begleitung, bzw. Suchtbegleitung und wie umfänglich darf sie sein? 5. Für wen alles ist Suchtbegleitung begründungsbedürftig? 6. Verwenden andere Fachkräfte der Sozialen Arbeit Fachbegriffe, auch Fachbegriffe der Disziplin Soziale Arbeit 7. Gibt es eine Hierarchie zwischen Beratung, Begleitung und ambulanter Reha? Möglicherweise lassen sich diese Fragen auf erweiterter empirischer Basis – hier weitere Interviews mit Fachkräften der Sozialen Arbeit, die in Suchtberatungsstellen tätig sind – beantworten. Sie werden im Folgenden ausgewertet. 4.2 Der Fall IP1 Ausgehend von den Optionen, die die Analyse des Interviews mit IP3 erbrachte, wurde das nächste Interview mit einer Fachkraft des gleichen Einrichtungstyps geführt, einer Suchtberatungsstelle in einer anderen Stadt. Die Auswertung des Interviews mit IP1 wird nach dem gleichen Muster wie die Auswertung des Gesprächs mit IP3 durchgeführt. 4.1 Der Fall IP1 90 Objektive Daten IP1 Geschlecht Weiblich Geb. 1966 in West-Deutschland Familienstand Verheiratet, ein Kind Schulabschluss Abitur Studium 1986–1989 Sozialpädagogik Arbeit 1989–1990 Anerkennungsjahr als Referentin bei einem Jugendverband der freigemeinnützigen Wohlfahrtspflege mit dem Schwerpunkt Bildungsarbeit 1990–2001 Bildungsarbeit bei diesem Jugendverband. 2001–2009 Tätigkeit in der Suchtprävention. Es gab den Wunsch, die Jugendarbeit zu verlassen. Durch einen Kontakt im privaten Umfeld erfährt sie von der einer möglichen Schwangerschaftsvertretung in der Suchtprävention. Als Motivation für die Idee sich dort zu bewerben wird von IP1 die methodische Nähe zur Bildungsarbeit benannt. Seit 2009: Tätigkeit als Beraterin in einer Suchtberatungsstelle Dies traf sich mit IP1 Wünschen nach einem inhaltlichen Wechsel. Verbunden war damit die Stelle der stellvertretenden Leitung. Zusatzausbildung Systemische Beratung (noch während der Tätigkeit in der Präventionsarbeit), Angehörigenarbeit (Frühintervention noch während der Tätigkeit als Präventionsfachkraft), Doppeldiagnosen, 4. Ergebnisse 91 Ressourcenorientierte Beratung, selbst finanziert, Arbeitgeber unterstützt durch partielle Freistellung. Regelmäßige jährliche Fortbildungen, an einer therapeutischen Fortbildung (VDRanerkannt) hat IP1 Interesse, diese wird aber vom Träger nicht unterstützt. Jetzige Tätigkeit Zuständigkeit: ambulante Beratung von Abhängigen, stellvertretende Stellenleitung Inhaltlich: Offene Sprechstunde in der Hauptstelle, Gruppe zur Motivationserhaltung, dezentrale Sprechstunden in Beratungszentren im ländlichen Bereich, Angehörigenarbeit, Mitarbeit in Arbeitskreisen, z. T. suchtmedizinische Diagnostik (ICD 10), problemzentrierte Beratung, inhaltliche und administrative Vermittlung in Entgiftung, Reha, (= stationär und ambulante), Betreuungsangebote, längerfristige problemzentrierte Beratung, Arbeit in und mit Zwangskontexten, Vernetzungsarbeit auf der fachlichen Ebene (z. B. Kooperationsvereinbarungen mit stationären Trägern), Methodische Ansätze in der Arbeit: Informationsvermittlung, Motivationsarbeit, Beratung, Netzwerkarbeit fachlich, Gruppenarbeit, Ressourcenorientierung Kollegen 1 Leiter, auch Fachkraft der Sozialen Arbeit 1 Kollegin in der Prävention 1 Kollege und 2 Kolleginnen mit jeweils 30 Stunden 4.1 Der Fall IP1 92 2 Kolleginnen in der ambulanten Reha (davon 1 Psychologin) 1 Verwaltungskraft Zukunft IP1 kann sich gut vorstellen auch „in 10 Jahren“ noch in der Stelle zu sein. Interpretation der objektiven Daten IP1 ist weiblich, zum Zeitpunkte des Interviews 47 Jahre alt, verheiratet und Mutter eines Kindes. Sie macht mit 19 Jahren ihr Abitur. Sie wählt das Studium der Sozialen Arbeit an einer Fachhochschule. Für IP1 ausschlaggebend war hierfür ihre ehrenamtliche Tätigkeit bei einem Jugendverband. Über die beruflichen Interessen, die IP1 während des Studiums entwickelt haben könnte, finden wir keine Hinweise in den objektiven Daten. Offenbar sind die Kontakte zu dem Jugendverband erhalten geblieben. Sie leistet dort nach dem Studium ihr Anerkennungsjahr ab und findet danach ohne größere zeitliche Unterbrechungen mit 24 Jahren eine möglicherweise feste Anstellung bei diesem Verband der Bildungsarbeit. Der Übergang von der Ausbildung in den Beruf ist nahezu reibungslos gelungen. Es zeigt sich hierbei schon zum ersten Mal ein Muster, das prägend ist für ihre berufliche Entwicklung insgesamt. Ihre Stellen findet IP1 durch Nutzung ihrer Netzwerke oder ihres „sozialen Kapitals“ (P. Bourdieu). Dazu gehört, dass sie nie von außen, als Unbekannte zu ihrem Arbeitgeber stößt. Sie hat schon eine Geschichte dort und einen Namen. Der Arbeitgeber, weiß, was er an ihr hat. Über die konkreten Tätigkeiten in der Bildungsarbeit liegen keine konkreten Informationen vor, außer, dass es einen Wunsch gegeben haben muss, nach spätestens 11 Jahren in ein anderes Tätigkeitsfeld zu wechseln. Hier war es die Tätigkeit einer Präventionsfachkraft bei 4. Ergebnisse 93 einem freien Träger der Suchtkrankenhilfe. Was den Wunsch motivierte, der schließlich handlungswirksam wurde, hierzu liegen keine Informationen vor. Wenn man davon ausgeht, dass IP1 bei dem Jugendverband eine feste, d. h. unbefristete Stelle inne hatte, so erscheint der Wechsel für sie als zunächst relativ riskant. Sie wechselt auf eine Stelle, wo sie eine Schwangerschaftsvertretung ausübt. Nach einer überschaubaren Frist von ein bis zwei Jahren kann hier die Fachkraft auf ihre Stelle zurückkehren, IP1 müsste möglicherweise die Tätigkeit beenden, wäre vielleicht sogar arbeitslos. Vielleicht wusste oder ahnte IP1 aber, dass der freigemeinnützige Träger brauchbare Fachkräfte nicht einfach fallen lässt. Nach ihrer Auskunft war für sie der Wechsel zur Suchtarbeit in dem Gebiet „Suchtprävention“ auch dadurch für sie attraktiv, als sie eine große methodische Nähe zu ihrer bisherigen Tätigkeit unterstellte. Insofern wäre das Einlassen auf Neues nicht so nachhaltig wie bei einem anderen Feld. Die weiteren Abläufe zeigen, IP1 kann auf der Stelle bleiben, da die vertretene Kollegin sich beruflich umorientiert und nach der Vertretungszeit nicht zurückkehrt. IP1 erhält eine Festanstellung. Wie die Fort- und Weiterbildungen nahelegen, die IP1 während ihrer Zeit als Präventionsfachkraft absolviert, hat die neue Tätigkeit eigene Herausforderungen, die wahrscheinlich etwas Neues bedeuten, im Vergleich zur Bildungsarbeit. Sie hat offenbar mit Konsumenten zu tun, d. h. jungen Konsumenten und hat so auch beruflichen Kontakt mit deren Eltern. Dafür fühlt sich IP1 nicht ausreichend vorbereitet und absolviert zwei Fortbildungen. Hier zeigt sich eine Analogie zur ersten Weiterbildung von IP3. Nach 8 Jahren Tätigkeit im Rahmen der Prävention wird eine Stelle im Bereich der Suchtberatung frei. IP1 wechselt 2009 auf diese Stelle. Hiermit verbunden ist auch die Rolle der stellvertretenden Leitung der Beratungsstelle. Aus den objektiven Daten geht leider nicht 4.1 Der Fall IP1 94 hervor, ob sie diese (Mit-) Leitungstätigkeit angestrebt hatte oder ob diese eine Gegebenheit für sie darstellte, die im Fall des angestrebten Wechsels nicht zu umgehen war. In jedem Fall repräsentiert sie die Einrichtung durch diese Rolle in besonderer Weise. Offenbar stellen sich in dem neuen Tätigkeitsfeld auch neue Herausforderungen. Dem trägt IP1 dadurch Rechnung, dass sie weitere Fortbildungen absolviert und diese selbst finanziert. Ihr Arbeitgeber unterstützt sie immerhin durch zeitweise Freistellungen. In Hinblick auf die Fortbildung von IP3 im Rahmen ihrer Tätigkeit in der niedrigschwelligen Einrichtung, den Fortbildungen von IP1 für ihre Tätigkeiten in Prävention und Beratung ist noch einmal auf die Frage verwiesen, inwieweit das ausschließliche Studium der Sozialen Arbeit für diese Tätigkeitsfelder qualifiziert. Beide Fachkräfte gehen davon aus, dass dem nicht so sei. Zumindest der Arbeitgeber von IP1 sieht das ähnlich. Seine finanziellen Möglichkeiten sind aber offenbar so begrenzt, dass eine finanzielle Beteiligung, geschweige die volle Kostenübernahme, nicht möglich erscheint. Damit ist in diesem Feld die Frage nach der Verantwortung für das gestellt, was im neumodischen Diskurs über die Güte von personenbezogenen sozialen Dienstleistungen mit Strukturqualität bezeichnet wird. Offenbar kann diese Verantwortung vom Träger nicht ausgeübt werden. Diese Unterlassung scheint vom verantwortlichen Kostenträger (Kommune und Land) hingenommen zu werden. Hingenommen wird sie auch von den Trägern der Rentenversicherung. Diese stehen hier ebenfalls in einer Verantwortung, da die Beratungsstellen wesentliche Vorbereitungs- und Vermittlungstätigkeiten für Reha-Maßnahmen durchführen, für die die Rentenversicherungsträger einen gesetzlichen Auftrag haben. Zum Tätigkeitsfeld gehört offenbar, dass die Verantwortlichkeit dafür, wie eine Fachkraft für das Feld qualifiziert ist, in das Ermessen der einzelnen Fachkraft gelegt wird, somit individualisiert wird. Insofern lässt sich von einer offenbar allgemein akzeptierten strukturellen Verant- 4. Ergebnisse 95 wortungslosigkeit der für eine angemessene materielle Ausstattung der Träger zuständigen Akteure sprechen. Eine Analogie im Rahmen der medizinischen Versorgung könnte so aussehen, dass ein in einem Krankenhaus beschäftigter Chirurg für die zeitgemäße Ausstattung mit den für eine Operation erforderlichen Utensilien selbst verantwortlich ist. Ob und inwieweit diese Gegebenheit in der ambulanten Suchtkrankenhilfe mit der Logik der Fürsorge zusammenhängt, dies soll hier nicht weiter erörtert werden. Der Wechsel in der Tätigkeit erfolgte wieder beim gleichen Arbeitgeber. Offenbar war man mit der Arbeit von IP1 zufrieden. Unter „jetzige Tätigkeit“ führen die objektiven Daten zahlreiche Aktivitäten auf. Dazu gehört die Angehörigenarbeit, für die sie durch die Fortbildung in systemischer Familienberatung prädestiniert sein dürfte. Bemerkenswert hieran ist, dass hier nicht nur Beratungs- und Vermittlungsaufgaben im engeren Sinne genannt werden sondern vielerlei Angebote, die bei einem idealtypischen Rehabilitationsprozess als komplementäre Angebote zu charakterisieren sind. Diese sind zwar keine Therapie im engeren Sinne, können aber als zentrale Stützungs- und Ermöglichungsangebote in einem Gesamtprozess aufgefasst werden. Für weitere Ausführungen zu den Tätigkeitsfeldern sei auf die Ausführungen zu IP3 verwiesen. Näherer Erläuterung bedarf noch die „suchtmedizinische Diagnostik (ICD 10)“. Dies klärt sich eventuell im Interview. IP1 arbeitet in einem Team, in dem die Bereiche „Prävention“ (hier arbeitete IP1 früher) und „ambulante Reha“ abgegrenzt sind. Über eine therapeutische Ausbildung, die die Arbeit in „ambulanter Reha“ ermöglichen würde, verfügt IP1 nicht. Der Arbeitgeber und IP1 sind daran interessiert, dass sie diese Ausbildung macht. Sie kann aber nicht mit einer Unterstützung durch den Arbeitgeber rechnen, da eine finanzielle Förderung offenbar dessen Budget für Fortbildung überstrapazieren würde. Aus Sicht des Arbeitgebers sind auch genü- 4.1 Der Fall IP1 96 gend Fachkräfte verfügbar, die diese Tätigkeit ausüben können. IP1 nutzt aber das Fortbildungsangebot, das verfügbar ist und besucht jährlich entsprechende Angebote. Im Unterschied zu IP3 ist IP1 relativ spät – mit 43 Jahren – in die Beratungsarbeit in einer Suchtberatungsstelle eingestiegen. Zum Interviewzeitpunkt sieht sie hier ihre mittelfristige berufliche Zukunft. Den spezifischen Herausforderungen des Berufs fühlt sie sich offenbar gewachsen. Analyse des Interviews mit IP1 Im Folgenden wird das Interview in Form einer Feinanalyse sequentiell analysiert. Die Analyse beginnt mit der Einleitungssequenz (bis Minute 10). Weiter unten werden weitere Teile des Interviews einer Feinanalyse unterzogen. Ihre Auswahl bestimmt sich durch das Zwischenergebnis, das nach der Analyse der Eingangssequenz vorliegt. Die Auswahl bestimmt sich weiter durch die Themen, die in der Auswertung des Interviews mit IP3 maßgeblich waren. Das Vorgehen soll eine erste vorläufige Antwort geben auf die Untersuchungsfrage: Wie ist die Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung? S.I.: Und was machst, was ist, was machst du jetzt im Moment hier. Was sind jetzt (.) deine (.) Aufgabenschwerpunkte? #00:02:37–8# Die Aufzeichnung des Interviews beginnt mit einer Frage nach den gegenwärtigen Aufgabenschwerpunkten. Vorausgegangen war die Frage, wie der berufliche Weg in die ambulante Suchtberatung war. Durch ein Versehen wurde dies aber nicht aufgezeichnet sondern wurde handschriftlich festgehalten. Die Eckdaten finden sich in den objek- 4. Ergebnisse 97 tiven Daten. Die Interviewerin ist mit IP1 per Du, da sich beide aus anderen Kontexten kennen. Die Frage ist eine allgemeine Gesprächseröffnung, die IP1 die Möglichkeit der Schwerpunktsetzung lässt. IP1: Ich arbeite in ‘ner Beratung mit suchtkranken mit Ähm Ja mit suchtkranken, suchtgefährdeten //mhm// Menschen im legalen Suchtbereich, //mhmja// das heißt Alkohol, (holt Luft) Medikamente, Glücksspiel is so der Schwerpunkt //mhm//. Zunächst nennt IP1 die Bezeichnung der Angehörigen der Zielgruppe (suchtkrank oder suchtgefährdet), dem schließt sich die Nennung von Substanzen an. Weiter wird die nicht stoffgebundene „Sucht“ Glücksspiel genannt. Hierin spiegelt sich eine Aufteilung von Zuständigkeiten in der ambulanten Suchtarbeit wieder. Legale Substanzen plus Spielen gehört in die Zuständigkeit der einen Organisation, illegale Substanzen in die der anderen Organisation. Die Sprache ist sehr umgangssprachlich geprägt und dadurch grammatikalisch nicht ganz korrekt. Ähm und deren Angehörigen, //mhm// die eben auch zur Beratung kommen, könn’ sich informieren können oder auch längerfristige Beratungsprozesse kriegen //mhm// (.) In der Fortsetzung der Darstellung der Aufgabenschwerpunkte werden jetzt Angehörige von suchtkranken und suchtgefährdeten Menschen genannt. Es taucht hier eine zweite Sortier-Logik auf. Wurde nach der ersten Regel nach dem Legalstatus von Substanzgruppen unterschieden, so ist hier die Regel Konsument gegen Konsum- Betroffene. Diese Gruppe, die Konsum-Betroffenen, werden hier als eine Gruppe eingeführt, bei der man scheinbar selbstverständlich von einem Hilfebedarf ausgeht. Fachlich gesehen macht dies auch Sinn. Diese Form der Hilfe entstammt einer wie auch immer genau ausgeführten Idee von ganzheitlicher Hilfe. Von der Leistungslogik her betrachtet ist es so etwas wie die Familienversicherung in 4.1 Der Fall IP1 98 der Gesetzlichen Krankenversicherung. Wie die Ausführung weiter zeigt, können diese Hilfen in längeren Beratungsprozessen auch Einiges an Ressourcen binden. Die Arbeit mit Angehörigen hat als ein Ziel, das sog. soziale Umfeld der Konsumierenden zu stabilisieren. Damit ist ein wichtiger Aspekt der sozialen Dimensionen im Prozess der Rehabilitation angesprochen (siehe auch Rüegger 2012), da die Rehabilitation von der Erkrankung Sucht auf Dauer nur gelingen kann, wenn den Bedarfen der Betroffenen auf den bio-psycho-sozialen Dimensionen entsprochen wird und hier ist für die soziale Dimension ausschließlich Soziale Arbeit – ordnungspolitisch gesehen als Fürsorge – zuständig. Wird IP1 Für die rehabilitativen Teil-Aspekte in dieser wichtigen Dimension Worte finden? Und von den Arbeitsinhalten her? #00:02:58–5# S.I.: Jaha #00:02:58–5# IP1 ist in ihrer Antwortstrategie sehr bedacht. Zuerst wurden die Leitlinien aufgeführt, die die mögliche Zielgruppen definieren. Es werden so Ein- und Ausgrenzungen vorgenommen. Nach dem das „Wer“ kurz geklärt ist, bietet IP1 an, auf das „Was“ und das „Wie“ der Hilfen einzugehen. Sie bietet damit eine Antwort an, zu der die Frage noch gar nicht gestellt wird. Die Arbeitsinhalte sind aus ihrer Sicht mit den Aufgabenschwerpunkten verbunden. IP1: Ähm isses im Grunde das ganz breite Spektrum Ähm zwischen von jemand kommt hierhin und hat einfach nur ne äh möchte nur ne Information haben über (holt Luft) ähm jemand ist geschickt // mhm// und hat quasi ne Auflage vom Gericht, Arbeitgeber, Jobcenter, was auch immer bis hin zu jemand kommt freiwillig, weil er selber n‘ Gespür hat , irgendwas is bei mir nicht im Lot //mhm// bis hin zu Leuten, die einfach auch klar schon den Wunsch haben, 4. Ergebnisse 99 ich möcht etwas verändern und //mhm// möchte hier Unterstützung. #00:03:27–2# Es folgt die Darstellung von dem, was IP1 unter „Arbeitsinhalte“ versteht. Eine genauere Betrachtung ergibt aber, es handelt sich nicht um Arbeitsinhalte sondern um eine mehr oder weniger umfassende und abschließende Aufzählung von Anliegen und Motiven, mit denen Klienten die Beratungsstelle aufsuchen. In dieser Darstellung werden zwei Achsen verwendet. Die eine ist die Achse der Grade von Freiwilligkeit. Sie reicht von der völligen Freiwilligkeit gegenüber einer Veränderung der Konsummuster an einem Ende bis hin zu Zwang und weitgehender Fremdbestimmung an ihrem anderen Ende. Dazwischen liegen zahlreiche Abstufungen mit jeweiligen Mischungsverhältnissen. Die andere Achse ist eine, die unterschiedliche Abstufungen der Motivation vorweist an den eigenen Konsummustern etwas verändern zu wollen. Es geht also um Freiwilligkeit und Motivation. Wobei es hier auch Berührungen geben kann, denn motivierte Klienten kommen häufiger freiwillig. Was aber ist mit den anderen, den Unfreiwilligen und Unmotivierten? Hier ist mit Widerstand zu rechnen. IP1 antwortet hier zum Thema „Arbeitsinhalte“. Heraus kommt ein Antwortinhalt, der zu „Klientengruppen“ oder „Aufgabenbereiche“ passt. Hinzukommt, bei einigen muss ich mit dem Widerstand arbeiten, bei einigen fast nicht. Den Umgang mit Widerstand verbucht IP1 für sich als „Arbeitsinhalt“, warum nicht als methodisches Vorgehen? Abschließend ist zu der oben gestellten Frage festzuhalten, dass IP1 für die soziale Dimension ihrer Tätigkeit keine Worte findet. Möglicherweise findet sich dies an anderer Stelle. S.I.: Jaha. (.) Also das ganz breite Spektrum der der Klienten und wahrscheinlich auch des Sucht(.)verhaltens oder des, des Suchtmittelabhängig-Seins //mhm// oder -Werdens oder in der Phase sein. #00:03:40–0# 4.1 Der Fall IP1 100 Die Interviewerin nimmt die Formulierung des breiten Spektrums in mehreren Versuchen einer thematischen Fokussierung noch einmal auf. Hier wird es auf das Konsum-Muster fokussiert (Abhängig-Sein oder Abhängig-Werden)? Auf jeden Fall geht es um eine wie auch immer geartete Abhängigkeit, auch um eine Gefährdung? IP1: Wobei der Schwerpunkt schon deutlich im Bereich Abhängigkeit liegt. Es wird klargestellt, dass es sich bei den Klienten der Einrichtung überwiegend um die Gruppe handelt, bei der eine Abhängigkeit von einer oder mehreren Substanzen nach welchem Maßstab auch immer festgestellt wurde. Die oben (02:58) noch erwähnte Gefährdung spielt jetzt keine Rolle mehr, es kommen offenbar eher die „harten“ Fälle, die also, die eine Abhängigkeit entwickelt haben. Also es gibt durchaus Klienten mit missbräuchlichem Konsum, // mhm// das ähm sind aber nicht die meisten. (.) Die meisten haben tatsächlich mehr oder weniger, also die Frage ist wie lang das dann schon so ist, ob das jetzt sich über zwei drei Jahre erstreckt oder ober über 20, 30. Da gibts doch noch mal nen Unterschied //mhm// ähm aber die Meisten würde ich schon so nach den ICD 10 Kriterien in den Bereich Abhängigkeit einsortieren. #00:04:07–0# Neben einer Abhängigkeit könnte es sich auch um Missbrauch, d. h. um missbräuchlichen Konsum einer Substanz handeln. Eines von beiden sollten potentielle Klienten vorweisen, um hier Hilfe zu bekommen. Bei einer Abwägung, Missbrauch oder Abhängigkeit spielt für IP1 auch die Konsumdauer eine Rolle. Sie kann so verstanden werden, dass das Konsummuster X nach zwei bis drei Jahren noch als Missbrauch einzuordnen wäre, nach 20 oder 30 Jahren aber eher als Abhängigkeit. Im letzten Satz nennt sie das Diagnose-Instrument und den Maßstab für Abhängigkeit und Missbrauch: Den ICD 10 (siehe hier- 4. Ergebnisse 101 zu die Analyse des Interviews mit IP3). Nach allen Informationen ist die Formulierung der ICD 10-Kriterien im Allgemeinen, im Bereich Suchterkrankung im Besonderen aber in der alleinigen Zuständigkeit von Ärzten. Andere Berufsangehörige, z. B. aus der Psychologie oder der Sozialen Arbeit sind nicht beteiligt. Hätten die Angehörigen dieser Berufe hier nicht auch etwas Substanzielles zur Sache mitzuteilen, zumal dann, wenn man „Sucht“ in ihrer Entstehung, Aufrechterhaltung und Überwindung als einen Prozess begreift, der bio-psychosoziale Aspekte aufweist? Höchst wahrscheinlich. Nur, sie wurden wahrscheinlich nicht gefragt. An dieser Verteilung der Definitionsmacht im Bereich Suchterkrankung zeigt sich die bereits erwähnte (siehe den Fall IP3) Ärztezentriertheit des Systems. Dies ist allerdings nicht nur in Deutschland so, sondern dürfte auch international betrachtet ein Datum darstellen und folgt eigentlich nur konsequent dem Konzept von Sucht als Krankheit. Eine sich hier anschließende Frage ist, wie zufrieden Soziale Arbeit mit der ICD 10-Definition von Sucht ist und ob Soziale Arbeit nicht eigene, vielleicht ersetzende oder zumindest ergänzende Definitionen formuliert hat oder noch formulieren will? S.I.: Mhmja ok. und wenn de ähm deine Klienten, wie würdest du sie so beschreiben, wenn du sie jemanden mal beschreiben müsstest, der so davon so gar keine Ahnung hat. Wie würdest du die Klienten beschreiben. Was sind das für Menschen? #00:04:19–5# Durch die Interviewerin wird ein weiteres Thema eingebracht. Das nach den Klienten. Die Frage ist sehr allgemein gestellt und überlässt es der Befragten, welcher Aspekt priorisiert werden soll. Diese Priorisierung würde IP1 wiederum charakterisieren. In der Frageformulierung zeigt sich wieder das bereits benannte Muster Frageinhalte zu wiederholen und dabei leicht zu variieren. 4.1 Der Fall IP1 102 IP1: (..) In Bezug auf Aussehen?┘ #00:04:21–7# Das in der Frage angelegte Ansinnen der Priorisierung durch IP1 mit der damit verbunden Charakterisierung ihrer selbst wird von IP1 nicht nur indirekt abgelehnt. Sie lässt S.I. geradezu auflaufen und will es offenbar genau wissen. Auf die Gestaltungsmöglichkeit geht sie nicht ein und fordert eine Präzisierung dahingehend ein, welcher Aspekt an Klienten nun von Interesse sei, wie z. B. das Aussehen? S.I.: └Ja auf alles, wie du die Klienten so wahrnimmst, was sind das für Menschen? #00:04:27–5# Die Interviewerin beharrt auf dem Allgemeinheitsgrad ihrer Frage. IP1: (…)@(.)@ #00:04:29–0# Die Befragte geht nicht auf den zweiten Anlauf ein. Sie antwortet mit einem mehrdeutigen Auflachen. S.I.: └Welche Probleme haben die? #00:04:28–7# Von Seiten der Interviewerin erfolgt eine Reaktion im Sinne einer Konkretion. Im Vordergrund der Darstellung zu den Klienten soll nun stehen, welche Probleme diese haben. IP1: Jaha #00:04:28–7# IP1 antwortet immer noch nicht auf die Frage. Sie gibt aber zu verstehen, dass sie die Frage verstanden hat und dies nicht nur inhaltlich. Möglicherweise hat sie auch den Aspekt der Musterwahl erkannt und bleibt zögerlich. S.I.: Welche Probleme haben die, was steht im Vordergrund, gibt es Typen, gibt es Probleme, die immer wieder auftauchen? #00:04:40–2# Die Interviewerin bemüht sich nun die Allgemeinheit der Frage noch mehr zu verringern. Nachdem in einer ersten Stufe die Probleme der 4. Ergebnisse 103 Klienten eingeführt wurden, wird nun die Frage erweitert um Dinge, die im Vordergrund stehen und anderes. IP1: mja (…) Also, (.) was ich hier deutlich gelernt habe, is dass so mit den allermeisten ihre Abhängigkeit nicht ansieht, //mhm// IP1 kommt auf das Thema ihrer ersten Nachfrage zurück. Das Aussehen der Klienten ist oder war für sie etwas Wichtiges. Sie ist sich darüber aber unsicher. Ihre erste Nachfrage stellte klar, ob mit der Frage wirklich das bezeichnet wird, was IP1 einmal wichtig war. Dieses scheinbare Datum, das spezifische Aussehen der Klienten, ist für IP1 in der Arbeit erodiert. Ein bestimmtes Aussehen ist kein allgemein gültiges Charakteristikum, vielleicht eines einer Untergruppe. Obwohl nicht nach dem Aspekt des Aussehens gefragt, geht IP1 hier darauf ein. Sie geht aber zunächst nicht auf die Frageaspekte ein, die nur die Probleme zum Gegenstand hatten. Charakteristisch bei ihren Klienten ist für sie, dass sie äußerlich nichts Charakteristisches aufweisen. Sie macht damit deutlich, dass sie jetzt nach ihrem Erfahrungszuwachs keine Verallgemeinerungen und schon gar keine negativen Verallgemeinerungen, wie sie vielleicht das Alltagsdenken formuliert, hinsichtlich der Klienten vornehmen möchte. Von der Sache her ist diese Einschätzung nicht überraschend, denn wem sieht man denn schon etwas an? Möglicherweise setzt sie sich hier von vermuteten Klischees gegenüber Klienten einer Suchtberatungsstelle ab. Die anderen mögen vielleicht denken die Klienten dieser Einrichtung könne man anhand von Äußerlichkeiten als Solche identifizieren, IP1 tut dies nicht. Allerdings, sie gibt zu erkennen, dass sie das früher, bevor sie „hier“ angekommen ist, wohl auch gemacht hat. „Hier“ hat sie gelernt oder musste lernen, dass ihre Annahmen gegenstandslos sind. Offen bleibt, wann sie „hier“ ankam. Zählt schon die Zeit auf der Präventionsstelle dazu oder erst die Zeit in der Beratung? 4.1 Der Fall IP1 104 ähm und dass viele auch n Problem haben sich als alkoholabhängig zu bezeichnen, weil sie sagen, ich zitter ja morgens noch nicht //mhm// und ich gehe auch noch arbeiten, also (.) ich glaube, das, das Klischee des klassischen, ich sag das mal Alkoholabhängigen, äh der morgens schon den ersten Schluck aus der Kornflasche nimmt und ähm den Tag anner Maria oder so verbringt //mhm ja ja// das spiegelt sich hier nicht wieder. Die gibt es sicher //ja// aber ähm es gibt auch viele, die einfach erstmal noch (.) ja eher so, ich sag mal in die gesellschaftlichen Normen passen // ja// Nahm IP1 zunächst eine negative Verallgemeinerung vor, im Sinne was man bei „allen“ nicht sieht, folgt nun eine inhaltliche Füllung zu Problemen und Typen. Vielen falle es schwer sich als abhängig zu bezeichnen. Dies rühre auch daher, dass diese „viele“ offenbar eigene oder in IP1’s Sicht keine sachgerechten Maßstäbe für Abhängigkeit haben. Nach IP1 Ansicht haben diese „viele“ offenbar ein Alltagsmeinung darüber, was Abhängigkeit ausmacht, sie hat möglicherweise eine andere, die Sicht der Expertin, deren Urteil auf Wissen beruht, auf wissenschaftlich untermauertem Wissen und nicht auf Alltagswissen. Aber welche Quellen hat dieses Wissen, ist für IP1 der ICD 10 der Maßstab oder hat sie noch andere Maßstäbe? Angesprochen ist hiermit, dass viele der Klienten keine Problemeinsicht in dem Sinne haben, dass sie sich offensichtlich nicht für abhängig erklären. Hierin kommen die im Rahmen der Kontextbedingungen bezeichneten doppelgesichtigen Aspekte von Sucht als Krankheit zum Ausdruck. Wozu aber wäre es hilfreich, wenn sich die Angehörigen der bezeichneten Gruppe als alkoholabhängig bezeichneten, aus Sicht von IP1 oder des Hilfesystems Krankheitseinsicht zeigten? Ist es nicht ausreichend sich von Klientenseite als missbrauchend oder als gefährdet zu sehen, müssen sie (im Sinne Foucaults) erst gestehen, „ja, ich bin (abhängigkeits-) krank“? Welche Folgen hat es oder hätte es für die Selbstdefinition und die fach- 4. Ergebnisse 105 liche Praxis mit etwas zu arbeiten, was aus ihrer Sicht Verleugnung ist. Ist das Erscheinen in der Beratungsstelle nicht schon Ausdruck eines Wunschs nach Veränderung. Warum kämen diese Menschen sonst in die Beratungsstelle? Sie benennt ein Bild von „klassischer“ Alkoholabhängigkeit. Die Indikatoren (Zittern, Arbeitsplatzverlust, den Tag an der „Maria“) müssen aus ihrer Sicht nicht erfüllt sein, um abhängig zu sein. Das Kriterium „Abhängigkeit“ könne schon erfüllt sein, ohne dass die genannten Praktiken vorliegen müssen. Wie aber kommen die Klienten auf diese, ihre Kriterien und: Wurden die Kriterien im Zeitverlauf verändert, erweitert in dem Sinn, dass Sachverhalte, die früher noch nicht als „abhängiges“ Verhalten galten, nun unter diese Kategorie fallen. Zu fragen wäre dann noch, wer hat dies veranlasst? wie immer man die auch beschreiben mag. Das ist natürlich nochmal breit gefächert. (.) ähm das, was schon viele als Problem haben, ist Arbeitslosigkeit. Auch die Gruppe, die für IP1 alkoholabhängig ist, ist heterogen. Ein gemeinsames Merkmal von vielen sei aber Arbeitslosigkeit. Es ist schon so, dass dann der Job weg ist und zum Teil auch schon länger weg ist. ähm unterschiedlich ist, ob sie erst angefangen haben zu trinken und dann der Job weg war oder umgedreht bei manchen eskaliert es dann auch //mhm// wenn die Rahmenbedingungen wegfallen oder (.) (undeutlich) bedingt es sich gegenseitig ähm (.) Es werden unterschiedliche Abfolgen von starkem Trinken und Verlust des Arbeitsplatzes vorgestellt. Der Verlust kann im Gefolge des Trinkens eingetreten sein oder das Trinken kann als eine Folge des Arbeitsplatzverlustes gesehen werden (Kausal- vs. Drift-Hypothese). Als Motiv werden weggefallene Rahmenbedingungen genannt. Aber in welchem Zusammenhang steht der Arbeitsplatzverlust mit der 4.1 Der Fall IP1 106 Abhängigkeitserkrankung, sind alle, die in dieser sozialen Lage stark trinken auch abhängig? Auf jeden Fall wird hier auf ein allgemeines Wechselverhältnis zwischen einer sozialen Dimension (Erwerbstätigkeit) und den bio-psychischen Dimensionen verwiesen. Ein anderer Aspekt ist, es findet hier eine von den Gegebenheiten nicht gedeckte Verallgemeinerung in Form einer Verdichtung statt. Trinken wird vorschnell mit abhängigem Trinken in Eins gesetzt. Im Kern steht das Expertentum von IP1, das von den Klienten nicht anerkannt wird, obwohl sie zu wissen glaubt, was mit ihnen los sei. und //jaha// die allermeisten sagen, im Verlaufe meiner Abhängigkeitsentwicklung hab ich mich zunehmend zurückgezogen, das heißt das was immer schwierig ist, ist das soziale Netzwerk, IP1 führt eine weitere Teilgruppe ein. Es handelt sich um eine Gruppe von Abhängigen, die sich auch so bezeichnet, also die geforderte Krankheitseinsicht hat. Ausgangspunkt der Sequenz war, dass man Alkoholkonsumenten, die nach Ansicht von IP1 abhängig sind, diese Abhängigkeit nicht ansehe. Ein großer Teil dieser „Abhängigen“ habe aber aufgrund von eigenen Kriterien (zittern am Morgen) nicht die Einschätzung abhängig zu sein. Die Gruppe sei weiter homogen, ein Teil von ihnen arbeitslos. Arbeitslosigkeit und Trinken stehen in vielfältigen Grund- Folge- Beziehungen, aber nicht immer muss es zu einer Abhängigkeitsentwicklung gekommen sein. Aber genau diese Gruppe, nun die Gruppe mit Krankheitseinsicht wird dann zitiert mit ihren Rückzugstendenzen. Damit ist auf eine weitere Gefahr verwiesen. Die erste ist der Arbeitsplatzverlust, die zweite ist der Rückzug und die Isolation. Alle Phänomene wurden sicher im Zusammenhang mit Sucht beobachtet. Dennoch ist die Frage, auf welcher Grundlage kommt IP1 zu ihren verallgemeinernden Schlussfolgerungen, sind dies nicht falsche induktive Schlüsse? Hatte IP1 zunächst Verallgemeinerungen vermie- 4. Ergebnisse 107 den oder zurückgewiesen, werden sie ab dieser Stelle für sie zulässig. Die mangelnde Krankheitseinsicht stellt für IP1 ein Problem dar. Das oben erwähnte Thema „Arbeit mit Widerstand“ zeigt sich wieder. In der Darstellung hat aber nicht IP1 das Problem, sondern nur die Klienten (Arbeitslosigkeit und soziale Isolation). Wieso ist die mangelnde Krankheitseinsicht, der Widerstand der Klienten ein Problem? Im Rahmen ihrer systemischen Ausbildung sollte sie gelernt haben, mit Widerstand zu arbeiten. Sie wird die entsprechenden Interventionen anwenden können. Wird sie daran gehindert, möglicherweise durch institutionelle Vorgaben? Lehnt sie diese Vorgaben als unfachlich ab, kann dies aber auf Grund ihrer Leitungsrolle und ihrer Loyalität zur Einrichtung nicht explizieren? manchmal lässt sich da ganz gut wieder dran anknüpfen, manchmal ist es sehr mühsam es aufzubauen (.) ähm manchmal scheiterts auch einfach daran etwas zu verändern weil man im Grunde nur noch Trinkbekanntschaften hat. //Ja// Weil das ähm das ist glaub ich son durchgängiges Problem der zunehmende Rückzug aus //ja// früheren sozialen Bezügen aus Familienbezügen ähm aus Sportvereinen usw. zu wirklich ja es dreht sich dann alles um den Alkohol , weil der wirklich Zeit braucht. #00:06:29–2# Die nachhaltigen Folgen der sozialen Isolation werden beschrieben. Sie bestehen u. a. darin, dass sie auch im Fall einer erfolgreich durchgeführten Rehabilitationsbehandlung die soziale Reintegration gefährden kann. Zudem gilt die Erkenntnis von Max Weber, Freundschaften kann man niemandem verordnen. S.I.: Und und was macht ihr hier genau oder was machst du genau mit den Klienten? Also an an Interventionen, an Gesprächen #00:06:29– 4# 4.1 Der Fall IP1 108 Die Interviewerin eröffnet ein neues Thema, es geht um das Wie der Arbeit, den Interventionen. Das Lamento von IP1 über die mangelnde Krankheitseinsicht eines Teils der Klienten, der für das Ganze genommen wird, wird zumindest hier nicht vertiefend aufgenommen. IP1: mhm (.) Also erst mal frag ich die Klienten was sie wollen. Was sie für n Auftrag an mich haben und dann müssen wir natürlich mal gucken, ob das mit dem übereinstimmt, also ob ich das auch leisten kann. Also son Auftrag von ähm ich brauch jetzt wieder Arbeit oder so @(.)@ muss man sich dann schon mal von differenzieren. (.). Bei der Beantwortung der Frage nach Interventionen beginnt IP1 mit dem Anfang der Beratungsbeziehung. Das individuelle Anliegen der Klienten soll als erstes geklärt werden. IP1 stellt es so dar, dass die KlientInnen mitteilen mögen, was sie wollen und damit verbunden, was ihr Auftrag an die Beratungsstelle, an IP1 sei. Dies erscheint als sehr offen, setzt aber im Falle des Auftrags einen gewissen Grad der Selbstreflexion voraus. Zur stillen Prämisse von „Auftrag“ gehört, dass sich das Gegenüber damit auseinandergesetzt hat, wo es ist. Will es eine Arbeitsstelle, dann muss IP1 passen. Sind aber alle Klienten in der Lage, Aufträge zu formulieren? Wie wird mit diffusen oder impliziten Aufträgen verfahren? Mit dem eingebrachten Anliegen nach Aufnahme von Erwerbsarbeit wird ein weites Themenspektrum angesprochen. Alle Befunde sprechen dafür, dass die Überwindung unfreiwilliger Arbeitslosigkeit einen zentralen Aspekt der sozialen Dimension des Rehabilitationsprozesses bedeutet. Erwerbstätigkeit gilt als die zentrale Dimension der Vergesellschaftung des Individuums (Sommerfeld u. a. 2016, S. 64ff). Arbeitslosigkeit wird unter den heutigen gesellschaftlichen Bedingungen nur überwunden, wenn das eigene Arbeitskraftangebot eine wirksame Nachfrage erfährt. Die Nachfrage nach Arbeit (-skraft) ist aber in Marktwirtschaften wie der unseren von einem 4. Ergebnisse 109 komplexen makro- und mikro-ökonomischen Beziehungsgeflecht abhängig. Dies kann von keinem Helfersystem und keiner Helfergruppe beeinflusst werden, auch wenn dies unter dem Gesichtspunkt der sozialen Dimension der gelingenden Rehabilitation wünschenswert wäre. Es fragt sich hier, welchen Anschluss wählt IP1, nachdem sie gesagt hat, was nicht möglich sei. Eine Option ist, sie stellt vor, wie sie mit derlei Anliegen umgeht. Weiter könnte von IP1 ein Klientenanliegen vorgestellt werden, das von einer Suchtberatungsstelle bearbeitet werden kann. ähm also es ist halt immer das eine zu gucken, was ist denn eigentlich der Wunsch des Klienten und eigentlich können die auch immer was sagen, also egal ob die jetzt geschickt sind oder äh aus eigenem Antrieb gekommen sind. Keine der benannten Optionen wird gewählt. Es wird das eigene Vorgehen weiter erläutert. Die Klienten sollen Raum bekommen, ihr Anliegen vorzutragen. Das tun sie in der Regel auch immer, unabhängig davon, ob die Eigen- oder die Fremdmotivation überwiegt. Es wird somit nochmal auf die schon vorgestellte Programmatik der Klientenorientierung verwiesen. IP1 modifiziert die Beschreibung. Statt um Aufträge geht es jetzt um Wünsche. Ähm Von den Schwerpunkten her denk ich, gehts manchmal einfach wirklich erstmal um Information und Aufklärung //ja// also tatsächlich erst mal deutlich zu machen das Verhalten, dass sie an den Tag legen ist durchaus als problematisch zu auch werten, IP1 fährt fort zu schildern, was mit den Klienten „gemacht“ wird, welche Interventionen evtl. erfolgen. Ein Teil davon ist Information und Aufklärung. Was wird aber damit bezeichnet? „Informati- 4.1 Der Fall IP1 110 on“, dies scheint klar zu sein, aber „Aufklärung“? Was danach vorgestellt wird, dies geht eher in Richtung von Diagnoseerstellung etwa zu Abhängigkeit oder zu Missbrauch. Ein anderer Teil besteht in Versuchen den Klienten klar zu machen, dass ihr Verhalten problematisch sei oder wäre. In ihrer Darstellung verallgemeinert IP1 wieder. Es handelt sich offenbar um viele oder alle Klienten, die Problemverhalten zeigen. Kommen denn keine anderen? dass wenn man zum Beispiel medizinische Maßstäbe ansetzt oder wenn man das abgleicht mit bestimmten Lebenszielen und Vorstellungen, die die Menschen haben. Dann gehts immer um Motivations- oder Verhaltensänderungen //ja// Würdigt man die Passage (bis 06:29) insgesamt, so ergibt sich Folgendes: Die Interviewerin fragte nach den Problemen der Klienten und nach den Interventionen, die erfolgen, wie z. B. Gespräche verlaufen oder geführt werden. In der Beantwortung wird die Klientenorientierung in den Vordergrund gestellt. Vorher wurden aber zwei Bereiche benannt, die Erwerbslosigkeit und die soziale Isolation, denen von Seiten der Beratungsstelle schwer beizukommen sei. Nach IP1’s Auffassung steht der entgleiste Alkoholkonsum dahinter. Würde dieser geändert, bis hin zur Abstinenz, diese zwei Bereiche könnten sich im Leben der Klienten zum Positiven hin verändern. Voraussetzung sei, dass sie Einsicht entwickeln, ihr Verhalten ändern und die Motivation hierfür aufbauen. Weiter werden in der letzten Passage die Maßstäbe benannt für das problematische Verhalten. Nach der Nennung der ICD 10 sind es nun diffuse medizinische Maßstäbe. Wieder werden fachfremde Kriterien genannt. Gibt es keine Sozialarbeiterischen? weil man auch, da sind die Aufträge unterschiedlich zwischen Konsum und Reduktion und Abstinenz ähm 4. Ergebnisse 111 Für die angesprochene Verhaltensänderung der Klienten wird ein Spektrum benannt. Abstinenz ist dabei nicht das einzige Ziel. Wieder wird wie bei IP3 eine Zielhierarchie angesprochen, allerdings nicht explizit. es geht um Vermittlung //mhm// in ähm Therapie, Selbsthilfegruppen in Motivationsgruppe zur Klinik, in die Suchtambulanz was auch immer. Es wird ein weiterer Tätigkeitsschwerpunkt benannt, die Vermittlung in andere Einrichtungen. Ich glaub so dieser Teil von Motivation, Beratung wie kann Veränderung aussehen, Vermittlung in weiterführende Hilfen , das sind so die drei Schwerpunkte #00:08:00–9# Die Darstellung der Tätigkeiten wird fortgesetzt. IP1 führt Motivation, Beratung und Vermittlung auf. Diese Tätigkeiten sind nun sehr allgemein und abstrakt. Sie könnten in der Konzeption oder dem Jahresbericht der Einrichtung stehen. Sie argumentiert aus der Rolle der Leitung, die für eine bruchlose Außendarstellung verantwortlich ist. Die Dilemmata, wie die Notwendigkeit zur Konfrontation, tauchen nicht mehr auf. Was man sich unter „Motivation“ oder Motivationsarbeit vorstellen soll, bleibt offen. Ebenso fehlt jeder Hinweis darauf, dass die Tätigkeiten zu „Motivation, Beratung und Vermittlung in weiterführende Hilfen“ eine sehr voraussetzungsvolle Tätigkeit ist. Soll es zur Vermittlung in weiterführende Hilfen kommen, so beruht dies auf einer komplexen Interaktion zwischen Fachkraft und Klient/in. Dass sich die Arbeitsbeziehung zwischen beiden hierzu in Richtung Vertrauen entwickelt haben muss, kann vorausgesetzt werden. Und dies ist keine triviale Tätigkeit, wie das Aushändigen von einer Info-Broschüre. Was bei IP3 noch mit „anders gucken“ markiert war, geht hier in „Vermittlung“ auf. 4.1 Der Fall IP1 112 S.I.: MhM o. k. und gibt auch Herausforderungen so in der Arbeit mit den Klienten, wo siehst du die Herausforderungen – gibt ja nicht nur einfache@(.) Menschen┘ #00:08:18–3# Das Thema wird durch die Interviewerin geändert. Zu dem Dreiklang der Tätigkeitsschwerpunkte (Motivation, Beratung, Vermittlung) wird keine Spezifizierung eingefordert. In der anschließenden Frage werden vielmehr die Herausforderungen in der Klientenarbeit thematisiert. Dabei wird eine Untergruppe der KlientInnen herausgehoben. Die Menschen, die nicht „nur einfach“ seien. Wer sollten die sein, Menschen mit physischen oder psychischen Erkrankungen, Menschen, die Ausgrenzungsprozesse erfahren haben, Menschen, die nur über unterdurchschnittliche materielle Ressourcen verfügen können? IP1: ((lacht)) (….) Herausforderungen (.) Was finde ich herausfordernd? Ich glaub herausfordernd is’ für mich(.) ähm (…) Ja – manchmal glaub ich einfach zu akzeptieren, dass Leute so sind wie sie sind. Also dass sie (.) auch wenn ich denk: Gott (.) Du läufst auf den Abgrund zu, dass ichs aber nicht ändern kann. Die Frage entlockt IP1 ein Lachen, sie denkt dann über die angefragten „Herausforderungen“ nach. Als herausfordernd erlebt sie in ihrer Einschätzung mitzuerleben, wie KlientInnen sich offenbar durch ihren Alkoholkonsum stark schädigen und gleichzeitig keine oder nur geringe Krankheitseinsicht und/oder Veränderungsbereitschaft zeigen. Dies mitzuerleben, dies findet sie belastend. Hier stellt sich die Frage, ist IP1 damit alleine oder ergeht es anderen KollegInnen ähnlich und gibt es hier eventuell eine Fürsorgeverpflichtung für den Arbeitgeber? Also schlussendlich ähm Angebote zu machen, natürlich zu motivieren, aber auch festzustellen, an bestimmten Stellen geht das nicht. Also Leute, wo ich denke, da wär jetzt ne Therapie super. //mhm// 4. Ergebnisse 113 ähm die auch schon aufm guten Weg sind, die dann aber entscheiden: Nö (.) probier ich jetzt erst mal alleine.//mhm// Die KlientInnen zeigen Widerstand gegen die auf Fachwissen gestützte Einschätzung von IP1. Die Einschätzung von IP1, eine Therapie wäre hier angezeigt, teilen sie nicht, beweisen Eigensinn. Durch die geschilderten Handlungsweisen erfährt die Konstruktion von Sucht als Krankheit eine Kontrastierung. Wie in Kap. 2 ausgeführt bedingt diese Konstruktion die Bereitschaft bei den Betroffenen selbst aktiv zur Überwindung der Krankheit beizutragen. Dies könnte konterkariert werden. Oder Leute, die immer und immer weiter trinken ähm, da wo man über Jahre den Verfall sieht. Das auszuhalten „Gut du kannst aber trotzdem kommen oder Sie können kommen.“ ähm und wir machen nochmal Beratungsversuch oder wir fangen vielleicht auch nochmal ne Vermittlung an und gucken ob wir das diesmal bis zum Ende schaffen. //mhm// (.) Ja – ich glaube, das sind so die Herausforderungen. #00:09:15–5# IP1 nimmt noch einmal das Motiv auf, die beobachtbare Selbstschädigung bei einigen KlientInnen auszuhalten. Sie stellt die Möglichkeit in den Vordergrund, die Betroffenen könnten immer wieder kommen, die Tür werde nicht zugeschlagen. Sie stellt sich in ihrer Darstellung an die Seite der KlientInnen und will diese dabei unterstützen, dass „wir“ das schaffen. Sie macht das Anliegen der KlientInnen in etwas paternalistischer Weise zu ihrem Eigenen. Diese Gruppe der „nicht einfachen Menschen“ binden Ressourcen, scheinen Geduld zu erfordern. Aber wäre dies nicht der Auftrag dieser Stelle, von Stellen dieses Typs? Betrachtet man die Leistungsbeschreibungen für Suchtberatungsstellen der DHS (DHS 1999, S. 46ff) und des FDR (FDR 2005, S. 16ff) so könnte man dies klar mit „Ja“ beantworten. Ruft man sich die Bemerkung von IP3 zu ihrer frü- 4.1 Der Fall IP1 114 heren Tätigkeit in einer anderen Beratungsstelle in Erinnerung (siehe Transkript vor 06.53), so beschreibt IP3 dort kurz, die ganz Tätigkeit sei nur auf die Vermittlung fokussiert gewesen, dann zeigt sich, dass die Arbeit mit den nicht einfachen KlientInnen, den KlientInnen, die hoch ambivalent sind, in Einrichtungen dieses Typs offenbar unterschiedlich gehandhabt wird, die Suchtbegleitung oder die problemorientierte Beratung unterschiedlich gehandhabt wird, umstritten zu sein scheint. Und dies scheint zumindest auf der Ebene unterschiedlicher Einrichtungen zu gelten, weiter zu prüfen wäre es, ob es auch innerhalb einer Einrichtung unter den Fachkräften hierzu unterschiedliche berufliche Haltungen gibt. Hinzuweisen ist abschließend darauf: Unter der Gesprächsaufforderung „Herausforderungen in der Klientenarbeit“ zu benennen werden ausschließlich personenbezogene Dimensionen in der Arbeit mit den „nicht nur einfachen Menschen“ von IP1 aufgeführt. Sie verzichtet völlig darauf, strukturelle Gesichtspunkte, wie etwa die notwendige Mitarbeiterqualifikation – dies auch angesichts ihrer eigenen Weiterbildungen -, personelle oder sachliche Ausstattungsressourcen oder anderes anzusprechen. Dies scheint kein Thema zu sein. S.I.: Das heißt ihr habt ja manchmal auch ganz schön lange Prozesse, ne? #00:09:16–6# Es wird auf die mögliche Dauer dieser Beratungsprozesse verwiesen. IP1: Mhm (.) zum Teil ja. Also über einige Wochen, also es ist ja erstmal die Klärung, dann dauert die Vermittlung nochmal einige Gespräche, ähm und wir machen immer auch das Angebot, dass wir die Klienten begleiten, also zwischen ähm Abschicken der Unterlagen zur Beantragung und Therapiebeginn vergehen ja immer auch ein paar Wochen, wo die kommen können (.) 4. Ergebnisse 115 Die „langen Prozesse“ bestehen aus der Phase der Klärung und der Phase der Vermittlung. Nach Abschicken des Antrages gebe es noch das Angebot des Begleitens, quasi als Phase drei. Sie spricht hier eine ähnliche Unterstützungsform an wie IP3. Hier ist es allerdings gleich mit einem abstinenzorientierten Fokus versehen, den IP3 nicht immer für angebracht hielt. Für IP1 sind diese drei Phasen lang. Als Zeitdauer veranschlagt sie aber einige Wochen. Sie geht aber von einer Klärung aus, die innerhalb dieses groben Zeitrahmens vonstatten gehen soll. Wie passt das aber zu den genannten „schwierigen Menschen“, den Angehörigen der Gruppe, die selbstschädigendes Verhalten zeigt? Ist der Zeitraum ausreichend lang? Zeigt sich in ihrer fachlichen Haltung, im Unterschied zu IP3, nicht der abstinenzorientierte Fokus? ähm und ich hab eine Klientin, die hab ich eine Klientin, die habe ich begleitet auf ihrem Weg sich zu entscheiden und tatsächlich abstinent zu werden. Die kam wirklich fast wöchentlich aber, die hat wirklich locker ein Jahr gebraucht, um da wirklich ne Verhaltens- änderung hinzukriegen.//mhm// Also das ist unterschiedlich. Aber es gibt ganz lange Verläufe. #00:10:04–4# IP1 spricht hier von „Begleitung“. Ist das mit „Beratung“ (siehe Minute 08:00) gleichzusetzen oder bezeichnet es etwas anderes, das vierte Aufgabenfeld, Suchtbegleitung? Dies bleibt hier offen. Zumindest wird die Begleitung in IP1 obiger Aufzählung nicht benannt, sie wird aber wohl, auch von ihr, das zeigt ihr vorgestelltes Beispiel, praktiziert. In den Ausführungen wird deutlich, der Prozess kann länger als einige Wochen dauern, bis zu einem Jahr. Die hier angesprochene Klientin wird aber eher als Ausnahme markiert. Die sogenannte problemorientierte Beratung (bei DHS 1999 und FDR 2005) kann im Durchschnitt 20 Kontakte umfassen. Es stellt sich die Frage, werden alle „nicht einfachen Menschen“, alle Ambivalenten begleitet, soweit sie dies wünschen? Hätte die Beratungsstelle die Kapazität und die Res- 4.1 Der Fall IP1 116 sourcen hierfür? Dies kann so nicht beantwortet werden, vermutlich hat sie diese aber nicht, weil die für soziale Dienste dieser Art vorgehaltenen Kapazitäten in Deutschland nicht auf einer Bedarfsermittlung beruhen, sondern auf rein budgetären Strategien der öffentlichen Geldgeber (Kommunen und Bundesländer). Die Fachkräfte, die Einrichtungen müssen insofern eine Auswahl treffen. Aus den Ausführungen von IP1 zum Profil der Tätigkeiten geht hervor, dass bei den AdressatInnen eine gewisse Klärung der Ambivalenz zum Suchtmittelkonsum vorausgesetzt wird. Auf dieser Basis können die Tätigkeiten „Motivation, Beratung, Vermittlung“ sich entfalten. Aber wo, wenn nicht in einer Suchtberatungsstelle, kann die Klärung der Ambivalenz prozesshaft in „Ko-Kreation“ geleistet werden, können die Menschen mit dem stark selbstschädigenden Verhalten, die somit den größten Bedarf nach Hilfe aufweisen, angenommen werden? IP1 bezeichnet insofern ein Paradox, als dass bei den KlientInnen innere Verfasstheiten vorausgesetzt werden, die sich bei vielen erst noch entwickeln müssen Dies ist ihr aber anscheinend nicht bewusst. Erste Zwischenbetrachtung An dieser Stelle soll die sequentielle Analyse der Eingangssequenz mit IP1 ausgesetzt werden mit dem Ziel den Zwischenstand mit der Beantwortung der Untersuchungsfrage abzugleichen. Als Zwischenbefund kann festgehalten werden, dass sich in der Selbstdefinition und der beruflichen Haltung von IP1 eine große Schwankung oder Bandbreite findet. Dazu gehört zum einen, die Tätigkeitsschwerpunkte sehr poliert und stromlinienförmig vorzustellen. Dazu gehört zum anderen auf das einzugehen, was sie als problematisch empfindet, wie z. B. den Umgang mit Ambivalenz und Widerstand. Dies geschieht aber nicht explizit. Durch ihre Zusatzausbildungen sollte sie hierfür sachlich qualifiziert sein. So ist kein Motiv benennbar, dieses zu unterschla- 4. Ergebnisse 117 gen. Dennoch wird es in der Eingangssequenz zweimal thematisch. Der angemessene Umgang mit Ambivalenz und Widerstand bedeutet für IP1 (und wahrscheinlich auf für ihre Einrichtung), in einem Zielkonflikt zu stehen. Einerseits ist der adäquate Umgang mit Widerstand sachlich, d. h. von den Gegebenheiten der Krankheit Sucht her gesehen, geboten und er gehört auch zu dem sozialen Auftrag, der an die Beratungsstelle gerichtet ist (siehe z. B. DHS 1999 und FDR 2005). Diesem Auftrag nachzukommen bindet Ressourcen, zumal die Einrichtung eher mit den „härteren“ Fällen zu tun hat. Dieser Ansatz ist im Feld aber zumindest umstritten, nimmt man hier die Einschätzungen von IP3 hinzu. Das Erfordernis, fachlich adäquat mit Ambivalenz und Widerstand umgehen zu müssen, verweist auch darauf, dass an die Fachkräfte besondere Anforderungen gestellt sind, die besondere Qualifikationen erfordern. Gleichzeitig steht die Stelle unter dem Zwang sich zu legitimieren und IP1 steht als Leitungskraft hierfür in einer besonderen Verantwortung. Bei der Legitimationsbeschaffung hat die Orientierung an Abstinenz auf Seiten der Klienten eine herausgehobene Bedeutung. Sie ist das Ziel der Entwöhnungsbehandlungen (ambulant oder stationär) und ihre Stabilisierung ist das Ziel der Nachsorgemaßnahmen. Daneben geht es aber auch um die Reduzierung des Konsums. Es ist von einem Korridor der Unsicherheit auf Seiten der Einrichtung auszugehen, wie die Kennzahlen – und ihre jährlichen Variationen – von relevanten Akteuren im Umfeld (wie z. B. die Geldgeber) nach welchen Maßstäben interpretiert werden. Wird dabei berücksichtigt, was fachlich sinnvoll ist, wie z. B. die Konsumreduktion – und wird diese durch die Kennzahlen abgebildet? Bleibt für den adäquaten Umgang mit Ambivalenz und Widerstand auf Seiten der Klienten genügend Zeit, und findet er in allseitig anerkannter Weise Eingang in Erfolgsindices? Oder ist dies nicht möglich, Ambivalenz und Widerstand werden von daher eher als störend wahrgenommen, obwohl sie aber zum Feld gehören? 4.1 Der Fall IP1 118 Ähnlich wie bei IP3 findet sich der Aspekt der Selbstbehauptung so gut wie gar nicht. Die wichtige Rolle dieser Institution im Gesamtprozess der Rehabilitation findet auch – wieder ähnlich wie bei IP3 – keinen selbstbewussten Ausdruck. Dass die Arbeit, auch die Vermittlungsarbeit sehr voraussetzungsvoll ist, dies findet keinen Ausdruck, ist für IP1 nicht spontan abrufbar. In Ihrer Darstellung schwankt sie zwischen den Rollen der Fachkraft einerseits, der Leitungskraft andererseits. In ihren unsortierten Äußerungen über das Aussehen der Klienten zeigt sich noch spontan die Fachkraft, die fachlichen und nicht administrativen Kriterien verpflichtet ist. Mühsam kämpft sich dann aber die Haltung der Leitungskraft nach vorne, die in einer Prospektsprache spricht. Auch IP1 vermeidet die Verwendung von Fachbegriffen. Wenn IP1 dann doch einmal einen Fachbegriff verwendet, dann ist dieser aus einer anderen Disziplin entliehen (ICD 10, medizinische Maßstäbe). Dies steht mit den Orientierungen ihrer Berufsgruppe inhaltlich in einem Spannungsverhältnis. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition, auch von IP1, kann als eher defensiv bezeichnet werden. Für die weitere Analyse und zur Beantwortung der Untersuchungsfrage soll nun auf ausgewählte Thematisierungen zugegriffen werden, um anhand der Analyse dieses Materials zu überprüfen, ob eine Modifikation des Zwischenstands erforderlich ist. Diese Themen sind: a. die Rolle von Fachwissen in der Arbeit, b. die Rolle von Diagnostik, c. zum Spezifischen von Sozialer Arbeit, d. Motivation und Erfolgserleben (entfällt hier), e. Schluss . 4. Ergebnisse 119 A Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit Die Analyse beginnt wieder mit dem Vorstellen der Interviewstellen (hier ab Minute 15:03). S.I.: Aber es is schon theoretisches Wissen, was dann ab und zu von Nöten ist, was so Quellen auch sind. #00:15:03–9# Es wird nach der Wichtigkeit von Wissen gefragt. Wissen als Basis für eine gute fachliche Arbeit, für angemessene Interventionen. IP1: Es gibt einfach Sicherheit. Ja, also der Klient erzählt mir seine Sicht der Dinge und das ist ja auch gut und dann hör ich aufmerksam zu, was versteht er von seiner Krankheit. Aber für mich ist ja trotzdem auch wichtig zu wissen, was gibts vielleicht noch an Aspekten ähm die ich erst mal theoretisch wissen muss und die ich dann im Gespräch mit ihm aufm Schirm habe und noch mal überprüfe, ähm wie erleb ich das, wie erleb ich ihn, wie agiere ich anders. #00:15:28–1# Wissen gebe Sicherheit, so IP1. Dies gilt vielleicht für sie selbst. Der Umstand wird aber verallgemeinert. Der Klient finde bei IP1 Raum, seine Sicht zu entwickeln, dabei ist ihm Aufmerksamkeit sicher. Später wird ausgeführt: S.I.: Würdest du denken, dass man sich da mit den Kollegen im Prinzip schon einig ist oder gibt es da große Unterschiede unter den Kollegen, wenn man die jetzt auch mal fragen würde, was ist qualitätsvolle soziale Arbeit in der Suchthilfe. Denkst du, dass es da Unterschiede gibt oder denkst du, dass ihr da im Grunde auf einem Level seid? #00:29:38–9# Das Interview ist an einer Stelle, wo es um ein gemeinsames Verständnis von qualitätsvoller Arbeit in der Beratung seitens des Teams geht. IPist hier durch ihre Leitungsfunktion gefordert. 4.1 Der Fall IP1 120 IP1: Also was jetzt diesen ersten Aspekt angeht. Ich habe Theorien, nach denen ich arbeite da sind wir uns schon einig. (.) Das ist so mein Gefühl, das habe ich nie abgefragt aber so ist es schon. Was unterschiedlich bewertet wird, das ist z. B. ist es wichtig regelmä- ßig Fortbildungen mitzumachen. Es gibt Leute, die das schon lange nicht mehr mitgemacht haben. ähm gibt auch Leute, die nicht zur Supervision kommen, weil sie andere Schwerpunkte setzen und so in den Bereichen gibt es sicher Unterschiede. #00:30:11–9# Es wird auf eine theoretische Fundierung der Arbeit verwiesen. Die gilt aber offenbar nicht nur für IP1 sondern für das ganze Team. Genau wisse sie es nicht, sie habe aber ein entsprechendes Gefühl. Differenzen tun sich hinsichtlich des Stellenwerts von Fortbildungen auf. Da gibt es Teamangehörige, die andere Prioritäten haben als IP1. Weiter wird erwähnt, dass nicht alle zur Supervision kommen. Dies wirft die Frage auf, welchen Stellenwert der Träger und dann auch die Einrichtungsleitung der Teilnahme an Fortbildung und Supervision geben. Offenbar ist das nur relativ verbindlich und nur relativ wichtig. Die in Kap. 2 vorgestellte Vermutung bestätigt sich hier. Eine Konsequenz des relativ diffusen Auftrags an Beratungsstellen, dass die inhaltliche Füllung letztlich durch die einzelne Fachkraft (mit-) geschieht. Ob dies im Sinne der KlientInnen sein kann, dies wäre zu erörtern. Hier lässt der Arbeitgeber offenbar zu, dass die Teilnahme an Supervision der einzelnen Fachkraft überlassen bleibt. Die Legitimation hierfür muss an dieser Stelle offen bleiben. IP1 benennt dies hier nur, sie bewertet nicht. Möglicherweise gibt es hier Diskrepanzen zur Leitung. S.I.: Aber so ne Theorieleitung ist schon, in Bezug auf die Klienten, wie Klienten gesehen werden, wie mit Klienten umgegangen wird? #00:30:22–8# Die Interviewerin will noch mal auf den Stellenwert von theoretischem Wissen zu sprechen kommen. 4. Ergebnisse 121 IP1: ähm – sind wir uns? – Es ist ja schon so, das. Also für hier für die Beratungsstelle kann ichs definitiv sagen, dass wir nicht konfrontativ arbeiten, sondern, mit eher viel Empathie und ähm #00:30:39–6# IP1 antwortet nicht für sich. Sie will für das ganze Team sprechen. Angesichts der unterschiedlichen Haltungen zu Fortbildungen und Supervision stockt sie zunächst. Ihre Antwort bezieht sich aber nicht auf theoretisches Wissen sondern auf die Art der Intervention. Diese hat einen Teil der positiven Benennung – viel Empathie – und einen Teil der negativen Benennung im Sinne einer Abgrenzung – nicht konfrontativ arbeiten. Bemerkenswert ist zweierlei: Erstens, die Frage nach Wissen wird so beantwortet, als wäre nach den Interventionen gefragt worden. Damit wiederholt sich ein Muster vom Anfang. Dort war nach Inhalten der Arbeit gefragt worden, nachdem IP1 das angeboten hatte. Sie antwortete mit Verweisen auf Methodisches. Hier wurde nach der Rolle von Wissen und von Theorien gefragt. Die Antwort erfolgt mit Verweis auf bestimmte Interventionsmethoden. Die Inhalte und die Methoden der Arbeit sind für IP1 offenbar eins, obwohl es hier keine Identität gibt. Beide Aspekte liegen auf verschiedenen Ebenen. Wenn man so will werden die zwei Aspekte von menschlicher Kommunikation aufgerufen, die Paul Watzlawick als die untrennbare Einheit von Inhalts- und Beziehungsaspekt bezeichnet hat (Watzlawick u. a. 2011, S. 61ff). Das Was findet seinen Ausdruck im Wie und wird durch dieses vermittelt. Darüber verfügt IP1 offenbar – trotz aller Fortbildungen – nicht, kann dem keine Wort geben. Zweitens: Zwischen Empathie und Konfrontation wird ein Ausschluss konstruiert, so als wären sie nicht auch vereinbar. Aber: Konfrontative Interventionen seien angeblich allgemein schädlich, dysfunktional, haben zu unterbleiben. Dabei ginge es weniger um ein Ob, sondern um ein Wann und ein Wie. Sie weicht hier von ihrem an anderer Stelle geäußerten Anspruch ab, klientenbezogen zu intervenieren und nicht schematisch. 4.1 Der Fall IP1 122 Ferner dominiert bei der Abfrage nach wichtigen und sinnvollen Wissensbeständen der Verweis auf die Relevanz von bio-psychischen Themen. Die soziale Dimension oder eine explizit Sozialarbeiterische bleiben außen vor. B Die Rolle von Diagnostik Siehe hierzu Punkt C. C Zum Spezifischen von Sozialer Arbeit S.I.: Und wenn wir jetzt nochmal Sozialarbeiterisch gucken. Was ist für dich eigentlich typisch sozialarbeiterisch? Gibt ‘s da irgendwas, wo du sagen würdest, das ist für mich typisch sozialarbeiterisch, das unterscheidet uns als Profession vielleicht von anderen, von Ärzten oder von Psychologen z. B. Ich meine ihr arbeitet ja auch mit anderen Professionen zusammen. Gibt es da etwas wo du sagen würdest, das machen nur wir als Profession Sozialarbeit oder nicht? #00:18:05–2# Die Frage zielt auf das Proprium Sozialer Arbeit im Reha-Prozess in Abgrenzung zu den Aufgaben und Tätigkeiten anderer Berufsgruppen. IP1: (.) Also im Vergleich zu Ärzten glaube ich sind wir oft vorsichtiger in unsern Einschätzungen. Zunächst gehört zur Selbstdefinition, vorsichtiger in den Einschätzungen zu sein als Ärzte. Sie fährt fort: Ärzte diagnostizieren eher so, zumindest, die meisten, die so hausarztmäßig drauf sind und ich erlebs zum Teil auch bei den andern. Ähm die wissen einfach viel schneller, so isses und so muss es gehen. 4. Ergebnisse 123 Ärzte diagnostizieren, Fachkräfte der Sozialen Arbeit formulieren Einschätzungen, wollen oder können sie nicht diagnostizieren? Es verhalten sich aber nicht alle Ärzte in der beschriebenen Weise, aber die meisten, die, die der Untergruppe, die „hausarztmäßig“ handele, zugeordnet werden können. Diese äußern schneller eine definitive Einschätzung, so und nicht anderes befinde es sich bei Klient X, folgende Schritte seien zu tun. Sagt aber die relativ höhere Geschwindigkeit, mit der eine „Einschätzung“ formuliert wird, etwas aus darüber, dass diese „Einschätzung“ auch fachlich belegt ist? Eigentlich nicht. Von daher erleb ich uns hier in der Beratungsstelle als Sozialarbeiterin eher vorsichtig und eher offen und eher so ja lass mal gucken und ausprobieren. Im Vergleich zu Psychologen (.)(.)ja es ist vielleicht auch n bisschen ne Frage des Auftrages, den wir so haben. #00:18:50–6# Im Unterschied zu den Ärzten sei man „hier“ zurückhaltender mit den Einordnungen. Was hier implizit mitschwingt ist das Thema, ob es Sicherheit in einer Diagnose, einer Einschätzung gibt. Absolute Sicherheit kann es hier nicht geben, nur unterschiedlich hohe Wahrscheinlichkeiten. In einem Teil des Einwandes werden schnell gefällte Urteile mit einer höheren Fehlerwahrscheinlichkeit verbunden. Dies könne „hier“ aber nicht passieren, da man eher „vorsichtig“ und zurückhaltend mit einer Einschätzung, einer Kategorisierung sei. Dies eröffnet die Chance, Fehler bei einer Kategorisierung zu vermeiden, was eine Stärke dieser Arbeit und Herangehensweise darstellte aber nicht so hervorgehoben wird. Stattdessen wird das Hinausschieben der Beurteilung mit Interventionen verbunden, aber in sehr verkürzter Weise. Dies könnte Ausweis einer bestimmten fachlichen Haltung sein, etwa: „Die Phänomenologie von Sucht ist so vielgestaltig, dass es sinnvoll ist sich vor vorschnellen Beurteilungen zu hüten. Dies wird dann durch verschiedene empirische Belege gestützt. Um mehr 4.1 Der Fall IP1 124 Sicherheit zu erlangen ist es sinnvoll, mit dem Klienten verschiedene Schritte und Maßnahmen auszuprobieren. Danach hat eine Beurteilung eine andere, gehaltvollere empirische Basis. Deshalb solle es auch Spielräume bei den einzuschlagenden Wegen geben. Dies unterscheide die Fachkräfte der Sozialen Arbeit auch von den Angehörigen der Berufsgruppe der Psychologen“. Diese Unterschiedlichkeit führt IP1 aber nicht auf differente inhaltliche Überzeugungen zurück (bio-psycho-soziales Modell) oder Wissensbestände zurück, sondern auf den Auftrag, etwas Äußeres. Worin sieht IP1 den Auftrag? S.I.: Was meinst du damit? #00:18:50–6# Dies erschließt sich auch der Interviewerin nicht. Sie fragt nach. IP1: Ja ich glaube, dass wir eher Menschen auf den Weg schicken, im Sinne von, also zum Beispiel der Frage, das ist immer hier bei mir Thema. Passt der Mensch in eine ambulante Therapie oder passt er in eine stationäre Therapie und gibts da Ausschlusskriterien und da gibts auch immer wieder unterschiedliche Einschätzungen, für welche Menschen das passt oder nicht. Das hängt mit Auftrag, das hängt vielleicht auch nochmal mit Persönlichkeiten zusammen. #00:19:17–0# IP1 setzt im zweiten Anlauf dazu an zu erläutern, was die proklamierte größere Bedachtsamkeit von Sozialer Arbeit im Vergleich zu anderen Berufsgruppen ausmacht. Sie beruft sich dabei zunächst auf den Auftrag der Institution, der darin bestehe, „Menschen auf den Weg schicken“. In diesem Bild gibt es einen der jemanden schickt und einen anderen der geschickt wird oder sich schicken lässt. Diese Charakterisierung hat sehr hierarchische und paternalistische Elemente. Im zweiten Satz wird dies allerdings abgeschwächt. Die offene Frage ist aber nach wie vor, wie und wann kommen die Fachkräfte der Sozialen Arbeit zu einer Einschätzung, einer Diagnose? Über diese zu ver- 4. Ergebnisse 125 fügen ist auch in der Sichtweise von IP1 sinnvoll, denn ein Urteil über eine Passung von Klienten für eine ambulante oder stationäre Therapie ist aus ihrer Sicht wichtig, zumal es Ausschlusskriterien für die eine oder andere Maßnahme geben kann. IP1 bezieht sich hier auf die Weitervermittlung in andere Maßnahmen. Sie gibt zu erkennen, dass diese Vermittlung abgeglichen wird mit den Gegebenheiten des Klienten, zu denen auch die Bedarfe gehören und das was jemand mitbringt. Dieses fallbezogene Vorgehen wird aber etwas unbestimmt mit dem „Auftrag“ in Verbindung gebracht und ist nach IP1 abhängig von der „Persönlichkeit“ des Helfers. Je nach Ausstattung gibt es nach dieser Auffassung Helfende die eher schematisch vorgehen und Helfende die nicht schematisch, d. h. fallorientiert vorgehen. Indirekt wird damit angesprochen, dass Soziale Arbeit sich die notwendige Zeit zur Sondierung lässt, um von einem fundierten Fallverständnis aus die notwendigen Schritte abzuleiten. Sie bringt sie damit in eine Gegenposition zu den Medizinern, die „hausarztmäßig“ drauf sind. Es wird hier auch das Bemühen um ein ganzheitliches Verständnis angesprochen. Beide Aspekte bleiben aber wieder implizit, werden nicht ausdrücklich benannt. Bemerkenswert ist dabei noch das Folgende: Die angesprochene relative Zurückhaltung der sozialarbeiterischen Fachkräfte ist fokussiert auf Vermittlungsaufgaben, wo es um Abwägungen zwischen einer Indikation für ambulante oder stationäre Therapie geht. Das ist für IP1 hier die zentrale Frage. Verbunden wird dies mit dem her wieder verwendeten Begriffs des „Auftrags“. Dies wird aber nicht weiter gefüllt. Es wird der Auftrag der Suchtberatungsstelle aufgerufen, in Abgrenzung „zu Psychologen“. IP1 reduziert den Auftrag hier auf Vermittlung einerseits. In der Wahrnehmung des Auftrags spiele aber auch „Persönlichkeit“ eine Rolle andererseits. So als hänge es von der einzelnen Fachkraft ab, wie sie persönlich, individuell und subjektiv den Auftrag der Suchtberatungsstelle definiere, so als könne die ein- 4.1 Der Fall IP1 126 zelne Fachkraft im Rahmen ihrer beruflichen Autonomie entscheiden, ob sie – entsprechend ihrer Persönlichkeit – den Auftrag eher in der Vermittlungsarbeit sieht oder in der Suchtbegleitung und in der Arbeit mit Ambivalenz und Widerstand. Im Grund bestätigt IP1 hier die Praxis, dass die konkrete Auffüllung des diffusen Auftrags und der diffusen Zielformulierung für Suchtberatungsstellen von der einzelnen Fachkraft vorgenommen werden. Die dazwischenliegenden Akteure wie Team, Einrichtung, Träger, Geldgeber (Kommune und Land) scheinen keine Rolle zu spielen. S.I.: Das hab ich noch nicht ganz verstanden, was du damit meinst. #00:19:19–8# Für die Interviewerin gibt es noch Ungeklärtes, sie fragt nach. IP1: mhmh Also wir Menschen in der Beratungsstelle, ticken da schon nochmal ein bisschen anders, einfach weil wir Menschen sind, die diese Aufgaben ausfüllen. Das erleb ich in der Therapie aber genauso, dass das was für die eine Therapeutin noch ok ist, nach dem Motto, da gibts ein paar Sachen, die sind wackelig oder ok, der ist depressiv, das passt vielleicht nicht so toll, aber ich arbeite mal weiter mit dem, dass das für ne andere Therapeutin ein Ausschlusskriterium sein kann. Das meine ich auch so damit, wie verstehe ich meinen Auftrag, wie hoch ist der Anspruch. #00:19:55–2# Es werden auf die Nachfrage noch einmal Aspekte zu den verschiedenen „Persönlichkeiten“ benannt. Im Grunde geht es um ein Dilemma von fachlicher Autonomie, zu der auch der Ausschluss, bzw. die Nicht- Aufnahme einer Behandlung gehört. Zur Professionalität gehört, dass es keine schematischen bürokratischen Kriterien gibt, eine Entscheidung immer die Gegebenheiten des „ganzen Falls“ angemessen berücksichtigen muss. Dazu kann auch Ausschluss gehören. Die Grenzen des Möglichen werden angesprochen und diese werden von Kollege 4. Ergebnisse 127 zu Kollege verschieden eng gezogen. Es stellt sich die Frage, was soll mit den Klienten geschehen, die von einigen „voreilig“ ausgeschlossen wurden? Dazu gibt es noch keine Antwort, IP1 verbucht dies unter dem fachlichen „Anspruch“ der mal höher, mal tiefer verortet wird. Indirekt ist hiermit ein Vorwurf verbunden. Es gebe Fachkräfte, die haben keinen hohen Anspruch. Was „Anspruch“ explizit heißen soll, lässt sie offen. Es wird indirekt erläutert. Es wird eine Gegen- überstellung bemüht von fallbezogen arbeiten einerseits, schematisch arbeiten andererseits. Die Orientierung der Entscheidung für die Realisierung von Hilfe an einem einzigen Kriterium („Depression ja“) wird hier als unsachlicher Schematismus markiert, wer so arbeite, der habe keinen hohen Anspruch, missverstehe seinen Auftrag. Dieses unsachliche Arbeiten wird aber räumlich und sachlich externalisiert. Das gebe es eben bei den Psychologen, gemeint sind die Psychotherapeuten. Schematisch arbeiten, ohne hohen Anspruch, das tun die anderen und die sitzen auch in anderen Räumlichkeiten als die Fachkräfte der Sozialen Arbeit. Dass dies auch unter Fachkräften der Sozialen Arbeit manifest werden könnte, Fokussierung auf Vermittlung oder Fokussierung auf Suchtbegleitung, Arbeit mit Ambivalenz und Widerstand, das wird durch den Verweis auf eine andere Berufsgruppe verdeckt. S.I.: Das ist dann nicht typisch psychologisch, dass ist dann eher von Mensch zu Mensch auch unterschiedlich #00:19 #00:20:03–8# Die Interviewerin will diese Versorgung des Themas bei anderen nicht so recht hinnehmen und versucht zu klären, dass diese Praxis von unterschiedlichen Anspruchsniveaus nicht auf eine Berufsgruppe zu beschränken ist, im Prinzip auch bei Fachkräften der Sozialen Arbeit vorkommen könne. 4.1 Der Fall IP1 128 IP1: Was uns sozialarbeiterisch so richtig typisch unterscheidet, könnte ich jetzt nicht so, also ich erleb die Unterscheidung eher zu den Ärzten, die so den (???) diagnostizieren und weiß es ist so oder so, wobei ich das (.)von Psychologen(.) auch eher mal mitbekomme. #00:20:18–9# IP1 geht auf den Klärungsversuch, inwieweit die Themen „Ausschluss“ und „Anspruch“ auch Soziale Arbeit berühren könnten nicht ein. Beide Themen sind auch Leitungsthemen. Sie können ohne Zustimmung oder zumindest Duldung der Leitung nicht praktiziert werden. IP1 ist hier in einer Mitverantwortung. Dieses Leitungsthema will sie aber weder aufnehmen, geschweige denn vertiefen. Sie betont die Unterschiede zu Angehörigen anderer Berufsgruppen, ganz so als wäre ihre eigene homogen aufgestellt. Die Externalisierung wird fortgesetzt. Ungeliebte eigene Anteile werden nun bei „den Ärzten“ untergebracht. S.I.: Also das diagnostische Verfahren ist ein anderes meinst du? Also die haben quasi ihre ICD 10 im Kopf oder ihre DSM IV #00:20:32–6# Die Interviewerin folgt mir ihrer Frage der Ablenkung durch IP1 vom Sozialarbeiterischen. Der Fokus wird auf einen anderen Bereich gelenkt, den der Diagnose, hier dem des Stellenwerts von diagnostischen Manualen. IP1: Also nicht nur das. Also auch Becks Depressionsinventar oder solche Geschichten, ne. Also es gibt Leute in der Therapie wird das ganz regelmäßig abgeprüft, da wird ja diagnostiziert: Ist dieser Mensch depressiv oder nicht? und dann zieh ich da meine Schlüsse raus. (.) Ich überleg jetzt gerade, ob das im Umkehrschluss heißt, dass wir Sozialarbeiter mehr aus unserem Gefühl arbeiten. (.) ähm also ich hab schon ne Einschätzung, hat ein Klient ne Depression oder depressive Verstimmung, ich würd das aber nie mit dem dia- 4. Ergebnisse 129 gnostizieren. Das ist auch nicht mein Auftrag. Aber das hat natürlich auch noch mal Konsequenzen für die Arbeit. #00:21:05–0# Die vorher angekündigte Einheit Soziale Arbeit – Psychologie wird wieder verlassen. Es geht nun um die Diagnose-Instrumente von ärztlichen und psychologischen Fachkräften. Sozialer Arbeit unterstellt IP1, mehr aus dem Gefühl heraus zu arbeiten. Diagnostizieren, zumal mit den Instrumenten der anderen Gruppe, dies tue man nicht. Auch weil es nicht zum Auftrag Sozialer Arbeit gehöre. Mit dieser Einschätzung liegt IP1 sicher richtig. Für medizinische-psychotherapeutische Themen ist sie nicht zuständig, hat sie keinen Auftrag. Gibt es aber nicht auch eine sozialpädagogische Diagnostik oder sozialarbeiterische Aufträge? Anscheinend nein. S.I.: Aber irgendwie kommst du ja zu Einschätzungen, du hast es gerade gesagt, ist das schon sowas wie Fallverstehen äh jetzt ohne Manual, sag ich mal ohne DSM IV ohne ICD 10. Schon son Bild von einem Fall oder im weitesten Sinne? #00:21:22–6# Die Nachfrage zielt auf eine positive Füllung zum Thema, die Interviewerin gibt sich nicht mit einer Abgrenzung darüber zufrieden, was alles nicht gemacht wird und bringt den Begriff des Fallverstehens ein. IP1: Ja, ähm , ja klar, das sicher. Das ich erstmal versuche, den Menschen zu verstehen und das ich auch einschätze, aber mehr aufgrund meiner Erfahrung, meines Erfahrungswissens, denn aufgrund eines ähm Inventars oder sowas. Es wird eingeräumt, dass etwas „sicher“ gemacht wird. Aber wie zu Einschätzungen kommen, wie zu Fallverstehen, wie zum sich ein Bild machen? Das wird leider nicht klar. Maßstab ist das Erfahrungswissen, das ist aber nicht als Fragebogen, als Manual oder als Inventar vorliegend. Die Argumente von IP1 sind ein implizites Plädoyer dafür, die 4.1 Der Fall IP1 130 Ergebnisse eines Inventars nicht für das Ganze zu nehmen, also den Fall in seiner Gesamtheit zu sehen und zu würdigen. IP1: Ist das ein Mensch, der weiterführende Hilfen braucht oder nicht? Und das ist vielleicht auch nochmal das, was Soziale Arbeit ähm zumindest hier in der Beratungsstelle ausmacht. Das ist ganz viel, dass das so ne Übergangsgeschichte ist. IP1 spezifiziert noch einmal ihre Haltung: Was braucht der Mensch. Dabei ist ihr aber vor allem die weiterführende Hilfe im Blick. Ihre Arbeit, Soziale Arbeit in der Beratungsstelle sei eine „Übergangsgeschichte“. Den Bereich der Suchtbegleitung hat sie dabei ebenso wenig im Blick wie die Angehörigenarbeit. Im Wort der Übergangsgeschichte zeigt sich die Einteilung in das Eigentliche und das Un-Eigentliche der Suchtkrankenhilfe wieder, wie schon bei IP3. Zum Eigentlichen gehört in ihrem Bild die Suchtberatung nicht. Sie folgt einer hierarchischen Einteilung, und diese geht zu ihren Lasten. Dies führt aber nicht dazu, dass sie die Hierarchisierung hinterfragt. IP1 verbindet sich offenbar nicht mit dem Bild des Gesamtprozesses und nicht mit der sozialen Dimension dieses Prozesses, für die sie eine Zuständigkeit und einen jurisdictional claim (nach Abbott 1988) innehat. Sie offenbart hier ihr Verständnis des Auftrags ihrer Einrichtung: Der Auftrag ist Vermittlung – die Übergangsgeschichte – das Davor und das Danach, die Suchbegleitung und andere Aufträge, z. B. Krisenintervention, hat in ihrem impliziten Konzept keinen oder nur einen geringen Stellenwert. Die Leute kommen bei uns an und ähm , das klingt jetzt so poetisch, aber im Grunde öffnen wir Türen, ne Und die Klienten entscheiden, durch welche Tür gehe ich. Manchmal sind das auch zwei oder drei, durch die sie dann gehen aber ähm im Grunde sind wir immer die, die sagen so, „gucken Sie doch mal in die Richtung, gehen Sie 4. Ergebnisse 131 nochmal zum Arzt und lassen sich abchecken, ob Sie ne Depression haben oder nicht, gehen Sie in eine Selbsthilfegruppe, oder was weiß ich immer als Empfehlung, nicht als (.) ne (.)Ansage. Dass wir im Grunde so ne Durchgangsstation sind mit allen Vor- und Nachteilen, die das hat. #00:22:30–6# Die „Übergangsgeschichte“ wird noch einmal näher beschrieben, hier auch wieder als ein fall- und klientenbezogenes Vorgehen, das die Autonomie des Gegenübers respektiert. Die Metapher des „Tür- öffnens“ mag poetisch und weitgehend sachlich zutreffend sein. Sie vermittelt aber nicht den Aufwand, den das „Tür öffnen“ erfordert. Somit bleibt für IP1 offenbar nicht begriffen, dass die Gestaltung dessen, was sie als „Übergangsgeschichte“ oder als „Durchgangsstation“ bezeichnet, eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit ist. Ob der „Übergang“ gelingt, hängt auch vom fachlichen Tun der Fachkraft ab. Und der Prozess, der zum Übergang führen soll, der kann auch scheitern. Soll der Übergang gelingen, setzt dies die Entwicklung einer Arbeitsbeziehung zwischen zwei konkreten Personen voraus. Diese Arbeitsbeziehung kann sich in Richtung Misstrauen auf beiden Seiten entwickeln, was den Übergang unwahrscheinlicher macht. Die Entwicklung in Richtung Vertrauen macht hingegen den Übergang wahrscheinlicher. IP1 scheint an dieser Stelle ein eher mechanisches Konzept zu verfolgen, was die Rolle des „subjektiven Faktors“ nicht würdigt. Die anspruchsvolle Tätigkeit der sogenannten „qualifizierten Vermittlung“ findet in ihrer Darstellung keinen Niederschlag. IP1 illustriert hier noch einmal, wahrscheinlich nicht bewusst, ihre Konzeption von Sozialer Arbeit in einer Suchtberatungsstelle (siehe hierzu schon oben zu Minute 19:17). Sie sprach an dieser Stelle vom Auftrag der Einrichtung, verband dies mit der Dimension von Persönlichkeit und hohem oder niedrigeren Anspruch der Fachkraft an die eigene Arbeit. Verbunden damit ist die Aufgabe der Arbeit mit der Ambivalenz, mit dem Widerstand auf Seiten der KlientInnen, die 4.1 Der Fall IP1 132 Aufgabe der Suchtbegleitung (bzw. der problemorientierten Beratung). Letzteres ist wahrscheinlich mühevoller und anstrengender im Vergleich zur Vermittlungsarbeit. Wo eine Fachkraft ihren Schwerpunkt setzt, setzen will scheint ihr zumindest zu einem gewissen Grad überlassen zu sein. Arbeitet sie eher fallbezogen oder eher schematisch (orientiert an Ausschlusskriterien)? Es besteht hier offenbar ein hohes Ermessen der einzelnen Fachkraft. IP1 tendiert hier eher zu Vermittlung und unterscheidet sich darin von IP3, die die fallbezogene Arbeit, Menschen da abholen wo sie stehen, mehr in den Vordergrund stellt. Dies soll nicht bedeuten, dass IP1 dies nicht auch macht, ihr Bespiel der einjährigen Begleitung spricht dafür, es ist aber wahrscheinlich nicht ihre Priorität. Damit zeichnet sich die Gefahr einer Spaltung im Handlungsfeld der Suchtberatungsstelle ab. Die Pole sollen hier mit Suchtbegleitung einerseits, mit Vermittlungsarbeit andererseits bezeichnet werden. Wohin eine Fachkraft tendiert, wo sie in der alltäglichen Arbeit ihren Schwerpunkt setzen will, ihren Schwerpunkt setzt ist dies eine Frage der Persönlichkeit? Die Präferenz von IP1 erscheint stimmig in Hinblick auf ihre berufliche Entwicklung. Aber welche Rolle spielen hier die Leitung, welche der Auftrag der Einrichtung, welche Rolle die Geldgeber, welche Rolle die Bedarfe der KlientInnen, um deren Wohl es eigentlich geht? D Motivation und Erfolgserleben Da sich hierzu keine Interviewpassagen finden, soll hier darauf verzichtet werden. 4. Ergebnisse 133 E Schluss Zum Ende der Analyse soll auch noch auf die Schlusssequenz (Minute 31:37ff) eingegangen werden. IP1: (.)(.) Also, das war ja schon son ziemlicher Rundumschlag, ich hab jetzt nicht das Gefühl, da sind noch große Lücken ähm. Ich merke so grade in meinem Erzählen, hab ich hauptsächlich immer die Klienten, im Sinne die Betroffenen im Blick und das würd mir jetzt grad nochmal so einfallen, ähm das und das finde ich ist auch nochmal ein Qualitätsmerkmal, dass wir auch Angehörigenarbeit, ganz wichtig auch anbieten und dass wir das auch deutlich sagen, damit auch an die Öffentlichkeit gehen. Das ist so der eine Teil. Die Darstellung kommt noch einmal auf die Angehörigenarbeit, die schon früher Thema war, zurück (siehe oben). Sie ist für IP1 ein Qualitätsmerkmal, thematisiert aber auch die soziale Dimension. Davon ist aber nicht die Rede, was auch nicht mehr überraschend ist. Was aber bedeutet hier Qualität der Arbeit. Wenn es um die Güte gehen soll, dann kann es sich hier nur um eine von der Sache her gebotene Ganzheitlichkeit des Blicks auf die KlientInnen sowie damit zusammenhängender angemessener Interventionen gehen. Hierfür findet IP1 keine Worte. Die Güte der Tätigkeit werde abgebildet durch die Angebotsbreite der Einrichtung. Das passt so nicht zusammen. Der andere Teil ist und auch das ist immer auch ein Qualitätsmerkmal, das wir auch bestimmte Gruppenangebote vorhalten, dass wir dem Klienten z. B. über die Motivationsgruppe die Möglichkeit geben sich auch noch mal mit anderen mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen. Das heißt ein Stück mehr zu verstehen, das betrifft nicht nur mich oder bei der Therapievorbereitung einfach mal auszuprobieren. Viele sind sehr ängstlich, was Gruppenkontakte angeht und kann man mal einfach unverbindlich mal gucken, wie 4.1 Der Fall IP1 134 ist’n das, wenn man da plötzlich mit fünf Leuten sitzt oder da gibts auch Ehrenamtliche, die ihre Therapieerfahrungen vorstellen. Also dass da einfach auch noch mal so peermäßig Beratung und Information möglich sind. Oder in der Angehörigengruppe Austausch auch möglich ist, wirklich festzustellen, andere Leute sind in der gleichen Situation, das ist ne große Entlastung. Also das ist nochmal sowas, dass dieses Spektrum auch recht breit ist. Das wir nicht nur diese Face-to-Face Beratung mit Betroffenen machen, sondern auch nach dem Umfeld gucken. #00:33:14–1# In Alltagssprache und deskriptiv werden weitere Angebote vorgestellt, die weitere Brücken für die Klienten bedeuten. Aber auch hier finden sich bekannte Muster wieder. Das Angebotsspektrum der Einrichtung wird mit Qualität im Sinne der Güte einer Dienstleistung in Eins gesetzt. Erfahrungen mit einer Gruppe zu sammeln mag eine Brücke bedeuten. Aber ist denn eine Gruppe immer der anderen gleich? Es zeigt sich ein sehr reduktionistisches Konzept von Erfahrungen. Gruppenkontakte sollen erfahrbar werden, in dem KlientInnen überhaupt einmal in einer Gruppe waren. Gerade aus dem Feld der Arbeit mit Abhängigkeitskranken ist aber bekannt, dass Gruppen sehr verschieden sein können, unterschiedliche Dynamiken entwickeln können. Die Erfahrungen, die ein Individuum macht, hängen demnach von den konkreten Menschen ab, die mit ihm in einer Gruppe sitzen, sie sind somit personengebunden. Sitzen andere Personen in der Gruppe, werden auch die Erfahrungen andere sein. In IP1s Darstellung wird das Gruppensetting verdinglicht, das Setting betrachtet sie als eine Stanzmaschine. Demnach liefere ein Setting immer ähnliche Ergebnisse. Aber ist das so? Die Sachhaltigkeit dieses Bildes darf bezweifelt werden. Als zunächst bemerkenswert erscheint weiter, dass wieder die Vermittlungsfunktion der Stelle in den Vordergrund gerückt wird. Aber 4. Ergebnisse 135 dies ist eigentlich nicht mehr bemerkenswert sondern bezeichnet die berufliche Widmung von IP1. S.I.: Ja super, Danke erstmal. (Gerät wird ausgeschaltet) Das Interview endet mit einer Dankbarkeitsbekundung durch die Interviewerin. Fazit An dieser Stelle wird eine Hypothese vorgestellt, die auf der Basis der Ergebnisse der Feinanalyse und einer Gesamtdurchsicht des Materials gewonnen wurde. Die Hypothese besteht wieder aus verschiedenen Elementen. Sie sollen hier einzeln aufgeführt werden. Methodisch kommt ihr der Stellenwert zu, dass sie auf der Basis einer weiteren Fallanalyse die Untersuchungsfrage vorläufig beantwortet. Diese heißt: „Wie ist Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung?“ 1. Die berufliche Entwicklung von IP1 einschließlich ihrer Ausbildung zeigt folgendes: Sie kann für den Bereich der ambulanten Suchtberatung als „Spätberufene“ bezeichnet werden. Der Beratungsarbeit nähert sie sich Zug um Zug, von der Bildungsarbeit über die Prävention, an. Von einem irgendwie gearteten „Hineingeraten“ kann keine Rede sein. Zum Interviewzeitpunkt hat sie vier Jahre einschlägige Berufserfahrung sammeln können und weiß, „wie es geht“. Auch bei IP1 ist ein sehr entwickeltes Arbeitsethos erkennbar. Sie will die komplexen Anforderungen der Arbeitsstelle erfüllen. Sie will ihre Arbeit gut machen und den Hilfebedarfen und Belangen der Klienten, so wie sie diese wahr- 4.1 Der Fall IP1 136 nimmt gerecht werden. Dies zeigt sich nicht zuletzt in den Fortbildungen, die sie absolviert hat und die teilweise von ihr alleine finanziert wurden. 2. IP1 nimmt als Fachkraft der Sozialen Arbeit Tätigkeiten wahr, die als typische Aufgabenfelder der Sozialen Arbeit angesehen werden können, einschließlich der Arbeit in Zwangskontexten aber auch der Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen. Zusätzlich gibt es aber Bereiche, die weit darüber hinausgehen (suchtmedizinische Diagnostik). 3. Die Tätigkeit von IP1 in der Beratungsstelle entspricht nur bedingt der einer Profession. Dies ist auf das Spannungsverhältnis zwischen fachlicher Autonomie einerseits und den sachfremden Arbeitszuordnung durch Kosten- und Leistungsträger andererseits zurückzuführen. Was IP1 arbeitet scheint ihr aber nicht bewusst zugänglich zu sein. Diese Nicht-Wahrnehmung wird durch strukturelle Rahmenbedingungen wie den bürokratischen Vorgaben, die keiner Professionslogik entstammen, begünstigt. 4. Die unterschiedlichen formalen Beauftragungen und Zuständigkeiten, die durch das Regelwerk von außen in das Team hineingetragen werden, werfen für IP1 die Frage nach Anerkennung und Wertschätzung in besonderer Weise auf. Sie nimmt, trotzdem sie eine professionalisierte Tätigkeit ausübt, eine institutionell festgeschriebene Missachtung und Abwertung wahr („Übergangsgeschichte“, „Durchgangsstation“) und macht sie zu einem Teil ihrer Selbstdarstellung. Dass die „Übergangsgeschichte“ eine anspruchsvolle Tätigkeit darstellt, dies findet keine Repräsentation. 5. Der Blick auf Strukturelles, was die Arbeit tangiert, unterbleibt. Auffällig ist, dass in ihrem Bild nur KlientInnen mit hohem Potential zur Selbstschädigung eine Herausforderung darstellen. Die Frage nach der Passung von Aufgaben und Ressourcenausstattung bleiben außen vor. Dazu gehört die Bereitschaft, die Antwort 4. Ergebnisse 137 auf die Frage, was qualilfiziert für die Tätigkeit zu individualisieren. Eine notwendige Ressourcenausstattung des freien Trägers hierfür ist von den öffentlichen Geldgebern nicht vorgesehen. 6. IP1 unterscheidet sich in ihrem Konzept der Aufgabenwahrnehmung einer Beratungsstelle von dem, das IP3 vorstellte. Dies zeigt sich in der Haltung zur Suchtbegleitung. Für IP3 war dies sehr wichtig. IP1 hingegen betont die Rolle der Vermittlung (Durchgangsstation). Suchtbegleitung über längere Phasen, z. B. 6 Monate wird geleistet, aber eher als Ausnahme. Den darin liegenden Widerspruch erkennt sie nicht. IP1 und IP3 repräsentieren unterschiedliche Ausprägungen in der Ausformulierung der Arbeit von Suchtberatungsstellen. Diese Füllung des Auftrags auf der Ebene der Fachkraft wird im Feld zugelassen. Es ist die Konsequenz aus relativ diffusen Beauftragungen, Zielsetzungen und Festlegungen von Zielerreichungen. 7. Die KlientInnengruppe der Ambivalenten benötigt wohl mehr an Ressourcen als in der Vermittlungsarbeit erforderlich. Diese Gruppe erscheint geringer motiviert. Wie soll deren Motivation sich aber entwickeln, so dass sie die nur eher kurze Spanne an Unterstützung benötigt? Dies Paradox wahrzunehmen ist IP1 nicht gegeben. Im Vergleich zwischen IP1 und IP3 zeigen sich Spaltungstendenzen im Handlungsfeld. Eine Richtung weist dabei auf Suchtbegleitung, die andere auf Vermittlung. IP1 repräsentiert in ihrer Aufgabenwahrnehmung und fachlichen Haltung eher die Fraktion der Vermittlung. 8. Es zeigt sich hier nicht nur Ambivalenz und Widerstand bei KlientInnen in Hinblick auf Veränderung. Es zeigt sich auch Ambivalenz und Widerstand von Fachkräften gegenüber den KlientInnen. 9. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für die Fragestellung: Es findet sich bei IP1 eine hochgradige Ambivalenz in der Selbstdefinition. Diese hat sehr unterschiedliche strukturelle, d. h. über- 4.1 Der Fall IP1 138 individuelle, Verankerungen. Zu nennen ist die Bedeutung und Wichtigkeit der Tätigkeiten der ambulanten Suchtberatung im Gesamtprozess der Rehabilitation. Von deren bio-psycho-sozialen Dimensionen bereitet sie auf die Behandlung der bio-psychischen Dimensionen vor. Dem entspricht eine Vernachlässigung der sozialen Dimension und ihrer Thematisierung. Das Soziale findet sich noch rudimentär im systemischen Denken in der individuellen Repräsentation von IP1. Dabei zeigen sich bei ihr Haltungen und Bilder, die als ganzheitliche Sichtweisen bezeichnet (Türen öffnen) und als sozialarbeiterische Selbstbehauptungen interpretiert werden können. Es bleibt aber weitgehend unbenannt, welche voraussetzungsvolle Tätigkeit z. B. der fachlich adäquate Umgang mit Widerstand oder die Vermittlung in weiterführende Hilfe ist. Hierin sowie in der weitgehenden Nicht-Wahrnehmung der sozialen Dimension finden sich Anpassungen an die hegemonialen Akteure, die sich auch hier als Burakumin-Syndrom zeigen. Auch IP1 verwendet von sich aus so gut wie keine Fachbegriffe im Allgemeinen. Fachbegriffe aus der Sozialen Arbeit im Besonderen werden nicht benannt. Prägnant ist dabei das möglicherweise nur IP1 kennzeichnende Muster Inhalt und Methode gleichzusetzen. Die analytisch gesehen gegebene Differenz zwischen den beiden Sphären wird von ihr nicht wahrgenommen. Eine fachliche Position einzunehmen oder auszudrücken, die eine kritische Distanz zu den sog. System-Imperativen ausdrücken könnte, wird durch die Loyalität gegenüber der Leitungs-Rolle erschwert. Auf der individuellen Ebene von IP1 ist noch zu verbuchen, dass sie ihren Kompetenzen misstraut (Weiterbildungsbereitschaft). Auf den Punkt gebracht: Auch IP1 leistet gute Arbeit, sie kann es von sich aus aber nicht ausdrücken. Große Teile ihres beruflichen Handelns beruhen ebenfalls auf implizitem Wissen. Dies steht einer expliziten Selbstdefinition entgegen. Auch IP1, wenn 4. Ergebnisse 139 nicht die gesamte Einrichtung, steht in dem Spannungsverhältnis, das fachlich Richtige zu tun, dies aber nicht in vollem Umfang nach außen kommunizieren zu können. 10. Von den offenen Fragen, die bei der Fallbetrachtung zu IP3 formuliert wurden, können die Fragen 1–6 hier als vorläufig beantwortet betrachtet werden. Beantwortet im Sinne einer Tendenz, die für Modifikationen offen bleibt. Zur Frage 7 ist zu sagen, für eine Hierarchie zwischen Beratung und Begleitung finden sich keine Hinweise. Eine gewisse Hierarchisierung findet sich zwischen ambulanter Reha einerseits, Beratung und Begleitung andererseits, weil Erstere dem Eigentlichen zugeordnet werden, Letzteres dem Un-Eigentlichen. Diese Hierarchisierung wird durch die Regelwerke konstituiert und von vielen Akteuren, auch IP1 und IP3 geteilt. Zu den Befunden der Interviewauswertungen von IP1 und IP3 soll nun noch eine weitere Auswertung eines Interviews mit einer Fachkraft dieses Einrichtungstyps treten. 4.3 Der Fall IP5 Der Fall IP5 Ausgehend von den Optionen, die die Analysen der Interviews mit IP3 und IP1 erbrachten, wurde das nächste Interview mit einer Fachkraft des gleichen Einrichtungstyps geführt, einer Suchtberatungsstelle in einer anderen Stadt. Die Auswertung des Interviews mit IP5 wird nach dem gleichen Muster wie die Auswertungen der Gespräche mit IP1 und IP3 durchgeführt. 4.1 Der Fall IP5 140 Objektive Daten IP5 Geschlecht Männlich Geb. 1957 in West-Deutschland Familienstand Verheiratet, 2 Kinder Schulabschluss Realschule Fachoberschule Studium 1979–1985 Sozialarbeit Im Rahmen des Studiums 1. Praktikum in einer Wohngemeinschaft für junge Erwachsene 2. Praktikum auf Vermittlung einer Dozentin in der jetzigen Stelle Arbeit Ausbildung zum Versicherungskaufmann, danach Zivildienst Arbeit als Versicherungskaufmann Vorpraktikum in einer stationären Einrichtung der Jugendhilfe (im Rahmen der Fachoberschule, für 1 Jahr) Nach dem Studium Anerkennungsjahr 1984–1985 in der jetzigen Stelle, danach Festanstellung Zeitgleich (1983) reformierte D. die nahegelegene Psychiatrie mit seinen Ideen der Sozialpsychiatrie. Die Stelle wurde in ihren jetzigen Arbeitsweisen grundgelegt. Verbleib in der Stelle unter anderem wegen der freundschaftlichen Verbindung zu dem damaligen Stellenleiter. Dieser wurde später Leitungskraft in einem Wohlfahrtsverband. Jetzige Stelle wurde Anfang der 2000er Jahre mit der Drogenberatung zusammengelegt, 2013 die ambulante Reha an einen anderen Träger abgegeben „outgesourct“. 4. Ergebnisse 141 Zusatzausbildung 2000ff VDR-anerkannte Therapieausbildung auf Wunsch des damaligen Stellenleiters, Zeit und Kosten wurden komplett übernommen, Ausbildung war tiefenpsychologisch orientiert Jetzige Tätigkeit Zuständigkeit: Beratung für Menschen mit Alkoholabhängigkeit und deren Angehörige, z. B. Ehepartner. Inhaltlich: Klärung (Diagnostik), ob Therapiebedürftigkeit vorliegt nach eigenem Schema, dass ich auf die eigene Erfahrung stützt, administrative Aufgaben z. B. Erstellung eines Sozialberichtes, ggf. Langzeitbegleitung, wenn keine Therapie indiziert oder gewünscht ist oder das Kontingent ausgereizt ist, Anlaufstelle nach Therapie und bei Rückfälligkeit, Sprechstunden in benachbarten Orten, externe Sprechstunden in Krankenhäusern einschließlich sog. Frühintervention, Die Stelle bietet regelmäßige Fallteamsitzungen und sog. Methodenteams, in denen neuere Methoden, die jemand kennengelernt hat vorgestellt werden. Methodische Ansätze in der Arbeit: Einzelgespräche, Angehörigenarbeit Kollegen 1 weiterer männlicher Kollege, stundenweise 2 weibliche Kolleginnen der Drogenberatungsstelle, mit der die Einrichtung von IP5 Anfang der 2000er Jahre zusammengelegt wurde, dort insgesamt 10 MitarbeiterInnen, sonst keine näheren Informationen zum Team 4.1 Der Fall IP5 142 Zukunft Wollte einmal (2013) in die Schuldnerberatung wechseln wegen der Ausbildung als Versicherungskaufmann, aber es war keine adäquate Stelle frei. Er würde aufgrund seines Alters jetzt nicht mehr wechseln, wenn er jünger wäre schon. Der Wunsch zu wechseln fiel zeitlich mit dem „Outsourcing“ der ambulanten Reha an einen anderen Träger zusammen. Interpretation der objektiven Daten IP5 ist männlich und zum Zeitpunkt des Interviews 56 Jahre alt. Es ist von den drei InterviewpartnerInnen der Älteste und der Dienst- älteste. Seit 1985, d. h. zum Interviewzeitpunkt (2013) seit 28 Jahren arbeitet er in der gleichen Beratungsstelle. Auch bei dem Weg zu seiner Position unterscheidet er sich von den anderen Interviewten. IP5 schloss seine schulische Ausbildung mit einem Realschulabschluss ab, begann dann eine Ausbildung zum Versicherungskaufmann, die er auch erfolgreich absolvierte. Nach seiner Zivildienstzeit arbeitete er auch einige Zeit in seinem erlernten Beruf. Dann wendet er sich von diesem Bereich ab und orientiert sich neu, hin zu einem helfenden Beruf im Sozialbereich. Eine Option wäre angesichts der neuen Grundorientierung gewesen eine Erzieherausbildung zu machen. Stattdessen besucht er die Fachoberschule, um hierüber die Möglichkeit zu erhalten, ein Studium aufnehmen zu können. Dies ist insofern eine zukunftsorientierte Entscheidung, als ein Studienabschluss in höherem Maße sozialen Aufstieg, Status und Einkommen vermitteln kann als eine Fachschulausbildung. Während dieser Zeit sammelt er erste Erfahrungen in der stationären Jugendhilfe. Dies erfolgte im Rahmen des sog. Vorpraktikums, das dem Studium vorangestellt ist und ein Jahr dauert. Die Studieninteressierten – und so auch IP5 – konnten hier das Feld kennenlernen und sich entscheiden, ob der helfen- 4. Ergebnisse 143 de Beruf als Fachkraft der Sozialen Arbeit ihnen zusagt, was hier der Fall ist. Der Wechsel von der Betreuung von Versicherungskunden hin zu der Arbeit mit Jugendlichen, die verschiedene biographische Hypotheken mitgebracht haben dürften, bringt ihn nicht von seinem neuem Berufswunsch ab. Während seines Studiums macht er sein erstes Praktikum auch im Bereich der Jugendhilfe. Im Rahmen seines zweiten Praktikums wird er in der Beratungsstelle tätig, in der er bis heute arbeitet. IP5 geht damit nicht nur vom sog. Profit-Sektor zum Non-Profit-Sektor über. Er wechselt damit auch von einer zum damaligen Zeitpunkt relativ sicheren Stelle in eine zunächst ungewisse berufliche Zukunft. Den Wunsch zu realisieren, in einem helfenden Beruf zu arbeiten ist es ihm Wert gewisse Risiken einzugehen, wenngleich die Stellensituation 1979 noch eine andere war als z. B. 1989. Die Studienmöglichkeit für Sozialarbeit gab es erst seit sechs Jahren. Es war unklar, wie die Nachfrage nach der neuen Qualifikation aussehen könnte. Inwieweit er in dem Helferberuf eine sinnvollere Tätigkeit als im Versicherungswesen sah, kann hier nicht geklärt werden. Ob und inwieweit hier religiöse Orientierungen eine Rolle gespielt haben, die einen weiteren Verbleib in der bisherigen Position erschwert haben, muss hier ebenfalls ungeklärt bleiben. Um die Zeit, als IP5 seine Festanstellung erhält, findet in einer nahe gelegenen Psychiatrie, mit der IP5s Stelle in Kooperation steht, eine konzeptionelle Neuausrichtung statt. Dabei werden verstärkt sozialpsychiatrische Gesichtspunkte aufgenommen, was für eine Fachkraft der Sozialen Arbeit, die gerade die Ausbildung beendet hat, attraktiv klingen mag und Aussichten auf eine interdisziplinäre Zusammenarbeit eröffnet. Ob und wie sich dies realisiert hat, darüber finden sich keine Anhaltspunkte in den objektiven Daten, möglicherweise im Interview. Interessant zu erfahren ist dabei auch, ob und wie die Öffnung der medizinischen Einrichtung eine für die Soziale Arbeit 4.1 Der Fall IP5 144 folgenreiche Einbeziehung der Sozialen Dimension in der Rehabilitation von Suchterkrankung mit sich brachte oder vorsah. Bemerkenswert ist weiter, auch IP5 wollte wie IP3 einmal das Feld wechseln. Dies realisierte sich aber aus verschiedenen Gründen nicht. Einmal gab es keine Stelle mit dem gewünschten Profil Schuldnerberatung, zum anderen war es die freundschaftliche Verbindung zu einem früheren Leiter der Einrichtung, in der IP5 arbeitete, der dann aber seinerseits die Stelle verließ. Das Hilfesystem der Suchtkrankenhilfe in IP5s Bezugsregion stand oder steht unter dem Druck finanzieller Restriktionen, so gab es einmal eine Zusammenlegung mit einer anderen Beratungsstelle. Weiter konnte offenbar die ambulante Reha im Haus nicht so belegt werden, dass sie ihre Unkosten decken konnte. Im Jahr 2013 erfolgte die Übertragung dieses Angebots an einen anderen Träger. IP5 erlebt hier zweimal relativ einschneidend die Folgen von finanziellen Restriktionen in seinem Feld. Er ist davon zwar nicht so betroffen, dass sein Arbeitsplatz gefährdet wäre. Dennoch muss er dies als Ausdruck geringer Wertschätzung für seinen Arbeitsbereich und seine Tätigkeit aufgefasst haben. Dabei hatte IP5 andere Zeiten erlebt, Zeiten, in denen seine Einrichtung eine bessere materielle Ausstattung und Anerkennung erfuhr. Als Hinweis dafür gilt hier die therapeutische Zusatzausbildung, die es ihm ermöglichte, im Rahmen der ambulanten oder stationären Rehabilitation als Therapeut tätig zu werden. Diese Weiterqualifikation musste ihm von außen nahegelegt werden. Sie wurde aber von Trägerseite vollständig finanziert, zusätzlich wurde er hierfür freigestellt. Für ihn galten offenbar noch ganz andere Bedingungen, als sie jetzt für IP1 gelten, wo der Träger für sie zwar die Weiterqualifikation befürwortet, aber nicht die entsprechenden Mittel hat. Die berufliche Neuorientierung nach fast 30 Jahren ist insofern nachvollziehbar. Sie realisiert sich aber nicht, inzwischen hält er sich für zu alt. Ob hier Fragen des Tarifvertrages, IP5 könnte noch nach dem 4. Ergebnisse 145 4.1 Der Fall IP5 BAT arbeiten, oder der Eingruppierung nach einem Stellenwechsel eine Rolle spielten, kann hier nicht beantwortet werden. Dafür, dass IP5 andere Zeiten erlebt haben muss, sprechen auch die objektiven Daten. Die Zeit, in der IP5 seine Arbeit begann, war in vieler Hinsicht eine Zeit des Aufbruchs, des Suchens nach Neuem und des Experimentierens. Hierzu ist zunächst noch einmal auf die Fachhochschulausbildung hinzuweisen, die es erst wenige Jahre gab. Dazu gehört weiter, 1978 erfolgte eine Rahmenvereinbarung zur Suchtkrankenbehandlung, die die Finanzierungsverantwortlichkeiten der GKV, der GRV und der Träger der Sozialhilfe klärte. Parallel begann sich das System der ambulanten Suchthilfe, die Suchtberatung, zu verberuflichen. Wo vorher konfessionell gebundene ehrenamtliche Angebote der Abstinenzverbände das Angebot bestimmten, traten nun hauptamtliche Helfer, die nach Tarifvertrag bezahlt wurden. Gleichzeitig wurde das Hilfesystem quantitativ ausgebaut, es gab einen Zuwachs an Stellen. Hinzu kommt, die Zuständigkeiten der verschiedenen Berufsgruppen waren zunächst nicht so klar getrennt. Hierzu ist die Öffnung der Psychiatrie hin zur Sozialpsychiatrie komplementär. Parallel zu der quantitativen und qualitativen Expansion des ambulanten Hilfesystems setzte die neu etablierte Regelfinanzierung ein, die vor allem den Bereich der stationären Rehabilitation betraf. Hier wurden von den Leistungsträgern formale Standards gesetzt (siehe IP3). Dabei erfolgte wieder eine berufsständische Hierarchisierung entlang wohlbekannter Grenzen. Dies setzte sich dann durch die Möglichkeit der ambulanten Rehabilitation in die Institution der ambulanten Suchtberatung fort. Mit der Regelfinanzierung kam die Bürokratisierung und verwies die Soziale Arbeit – und mit ihr die soziale Dimension des Reha-Prozesses – wieder auf den Platz des Un-Eigentlichen, es sei denn die Fachkräfte der Sozialen Arbeit nahmen die Rolle des Gamma-Therapeuten (mit Zusatzausbildung) ein. 146 Mitte bis Ende der 1990er Jahre war die Expansion des Systems der Suchtkrankenhilfe zu Ende. Durch verschiedene Gesetze, z. B. das WFG oder §§ 93a ff BSHG, wurden Restriktionen durchgesetzt. Dies bedeutete, der bis dahin erreichte Stand war in Teilen seiner Legitimität beraubt, das System – und seine Elemente – musste sich rechtfertigen, die Markt- und Effizienzrhetorik wurde durchgesetzt. IP5 hat die Auf- und Abbewegungen seiner Stelle erlebt und arbeitet immer noch da. Er hat viele Ideen kommen und gehen sehen. Hier wird davon ausgegangen, dass er seinen Platz gefunden haben muss. Durch seinen großen Erfahrungsschatz und sein Lebens- und Dienstalter hat er eine gewisse Souveränität erreicht. Er macht „sein Ding“. Dafür spricht, dass er Prozeduren anwendet, die für ihn Diagnostik sind, dies aber nach seinem eigenen Schema durchführt und nicht nach einem Schema, das ihm auferlegt wird. Dies betrifft auch die Vermittlung, ein Tätigkeitsfeld, das für Beratungsstellen in hohem Maße Legitimität verschafft. Da scheint er sich aber nicht in einer ähnlichen Drucksituation zu sehen, wie sie sich bei IP1 und IP3 andeuteten. Durch den Wegfall des Angebots der ambulanten Rehabilitation in eigener Trägerschaft stellt sich für IP5 auch das Gebot, an eigene Einrichtungen vermitteln zu müssen nicht so wie für IP1 und IP3. Die Gefahr einer de-professionalisierten Praxis ist für ihn deshalb eher nicht gegeben, die fachliche Autonomie ist nicht aus dieser Richtung gefährdet. Die personelle Ausstattung der Beratungsstelle ist nicht sehr umfänglich, zwei Stellen, zusätzlich zwei Kolleginnen, dies aber nur stundenweise. Dem steht eine Erweiterung um zahlreiche Arbeitsbereiche gegenüber. Die eigenen Tätigkeiten entsprechen dem erwartbaren Spektrum von Beratung von Betroffenen (nur Abhängige oder auch Gefährdete?), der Vermittlung in andere Einrichtungen, der Arbeit mit Angehörigen und Suchtbegleitung. Hervorzuheben ist die aufsuchende Arbeit in einem Krankenhaus, die eine relativ gute Aussicht auf Rehabilitation bei den Betroffenen verspricht (vgl. Arnold u. a. 1999). 4. Ergebnisse 147 Abweichend von den bisherigen Fällen absolvierte IP5 nach dem Studium keine Weiterbildung „als Handwerkszeug“. Dieser Umstand wäre eine Nachfrage oder Klärung wert gewesen, ist aber wahrscheinlich nicht erfolgt. Was brachte ihn dazu, fühlte er sich durch die Fachhochschule gut genug für seine Aufgaben ausgebildet? Eher spekulativ, als auf die vorliegenden Daten gestützt, soll hier vermutet werden, dass die bereits erwähnte Aufbruchszeit des Hilfesystems, in der IP5 seine Berufslaufbahn begann, hier eine Rolle gespielt haben könnte. Man konnte, wollte, durfte und sollte mit den Interventionen und den Settings experimentieren. Dies bedeutet auch, dass es eine hohe Fehlertoleranz gegeben haben dürfte. Später, Ende der 1980er dürfte IP5 über genügend Erfahrung und Reflexion der Erfahrung, z. B. durch Supervision, verfügt haben, um zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass er eine methodische Weiterbildung nicht mehr brauchte, schon gar nicht mehr als Handwerkszeug für einen guten Berufseinstieg. Die therapeutische Zusatzausbildung absolvierte er auch nicht auf seine Initiative hin. Er unterscheidet sich hier sehr von IP1 und IP3. Wenn aber IP5 in der ambulanten Rehabilitation nicht „sein Feld“ sieht, wenn er sich nicht als Therapeut sieht, als was sieht er sich dann, als Fachkraft für sozialarbeiterische Belange? Analyse des Interviews mit IP5 Im Folgenden wird das Interview in Form einer Feinanalyse sequentiell analysiert. Die Analyse beginnt mit der Einleitungssequenz, die bis zur Minute 7:04 reicht. Weiter unten werden weitere Teile des Interviews einer Feinanalyse unterzogen. Ihre Auswahl bestimmt sich durch die Themen des Leitfadens und durch das Zwischenergebnis der Interviewauswertung von IP1 und IP3. Das Vorgehen soll eine erste vorläufige Antwort geben auf die Untersuchungsfrage: 4.1 Der Fall IP5 148 Wie ist die Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung? Methodischer Hinweis Das Aufnahmegerät wurde schon beim „Vorab-Small-Talk“ eingeschaltet, da IP5 sich direkt nach der Begrüßung schon zum Thema äußerte, ohne den gesprächsgenerierenden Impuls abzuwarten. IP5: Die haben ihre Entgiftung gemacht und da, die Suchtkrankenarbeit war noch, noch nicht differenziert. Es gab große Stationen, es gab noch oft Zwangseinweisungen zur damaligen Zeit. Ich kann mich noch dran erinnern, dass eine Station völlig abgeschlossen war und äh der Garten mit einem Zaun umgeben war, dass da niemand wegkonnte und auch große Gemeinschaftsräume und auch Bettensäle. Ich noch erlebt habe und äh die Klinik hat auch erst Ende der 70er Anfang der 80er Jahre als dann der Herr D. kam, #00:08:05–0# Wie aus der einleitenden Bemerkung der Interviewerin hervorgeht, machte IP5 die obenstehenden Ausführungen ohne nach den entsprechenden Inhalten gefragt worden zu sein, also ohne Aufforderung. Von daher kann gefragt werden, wie müsste denn eine Frage gelautet haben, auf die die Äußerung eine sinnvoll Antwort darstellt. Die Frage könnte etwa gelautet haben: „Wie war es denn früher um die Suchtkrankenhilfe bestellt?“ o. ä. D. h. IP5 sieht sich als Zeitzeuge von früheren für die Beteiligten und Betroffenen relativ schlechten Zuständen, die durch Zwang, materielle Unterausstattung und einem Mangel an Privatheit und Rückzugsmöglichkeiten für die Patienten/Klienten gekennzeichnet waren, kurzum von Zuständen, die die Menschenwürde nicht achten. „Als dann Herr D. kam“ deutet an, 4. Ergebnisse 149 dass dieser diesen Gegebenheiten ein Ende setzte oder setzen wollte. Aber wie weit kam Herr D. und wie hat er das geschafft? S.I.: Der Herr D. hat was verändert, #00:00:00–0# Es erfolgt eine allgemeine Nachfrage zu dem Wirken von Herrn D. Es ist unklar, ob damit der Gesprächsfluss von IP5 unterbrochen wurde. IP5: der was verändert hat also, wo dann auch der Fokus mehr auf die differenzierte Suchtkrankenarbeit gelegt wurde und ähm sich D. auch persönlich darum kümmerte, also da das hat viel bewirkt. #00:00:00–0# In sehr allgemeiner Form wird auf D. eingegangen und sein Wirken insgesamt als sehr positiv im Sinne der Betroffenen bewertet. D.`s Engagement sah in IP5s Wahrnehmung auch persönlichen Einsatz vor. Trotz seiner Leitungsposition war dieser offenbar sich für zahlreiche Interventionen nicht zu schade, die er von seinem Status her gesehen nicht hätte unternehmen müssen. D. bekommt in dieser Darstellung Züge einer charismatischen und heroischen Lichtgestalt für den die Maxime: „Der Mensch mit seinen Bedarfen sollte im Mittelpunkt stehen“ nicht nur auf dem Papier steht, sondern umgesetzt wird. S.I.: Ja, ich würd ganz gerne, wenn es Ihnen Recht ist, in unser Gespräch einfach auch mal fließend einsteigen und äh da anknüpfen und ähm Sie vielleicht als erstes bitten, dass Sie vielleicht kurz erzählen, wie Sie eigentlich zur Suchtkrankenhilfe gekommen sind. #00:01:26–0# Die Interviewerin verfolgt offenbar bestimmte Ideen zum Interview, die sich auch in dem Interviewleitfaden zeigen. Die Geschichten, die IP5 zu Herrn D. zu erzählen hat, gehören für Sie, zumindest zu diesem Zeitpunkt, nicht dazu. Das Gespräch soll „auf Kurs“ gebracht werden. Es wird ein anderes Thema gesetzt. 4.1 Der Fall IP5 150 IP5: Ich habe auch in A. an der X FH Sozialarbeit studiert und habe vorher eine Ausbildung gemacht im kaufmännischen Bereich, Versicherungskaufmann gelernt, dann ähm kam die Zivildienstzeit und habe auch noch ne kurze Zeit in dem Beruf gearbeitet und bin dann umgestiegen und habe Sozialarbeit studiert. Habe erst die Fachoberschule gemacht und ähm dann eben die Fachhochschule, ein Praktikum gemacht, in einer Wohngemeinschaft für junge Erwachsene und das war das Vorpraktikum, dann weil ich eben ne kaufmännische Ausbildung hatte bin ich dann mit der Sozialarbeit angefangen. #00:02:17–0# IP5 holt zunächst etwas aus. Er geht in seiner Darstellung auf seinen Weg zum Studium ein. Dabei wird seine berufliche Neuorientierung dargestellt. Wird sie noch expliziert? S.I.: Wann haben Sie Sozialarbeit studiert? #00:02:21–0# Die Nachfrage unterbricht wieder IP5s Gesprächsfluss. Die Zäsur in der beruflichen Orientierung bleibt außen vor. Es wird nach einem Zeitraum gefragt. IP5: 1979 – 1985 #00:02:24–0# Der Befragte antwortet sehr knapp und benennt die Jahreszahlen. S.I.: Dann waren Sie ja auch einer der ersten dann? 1973 ist die Fachhochschule gegründet worden. #00:02:30–0# Die Antwort wird kommentiert, die Interviewerin bringt ihr Wissen zu der Fachhochschule ein, an der IP5 studiert hat. Das Frageverhalten erschließt sich hier nicht, möglicherweise ist ihr die Fachhochschule bekannt. IP5: Ja also war in den 70er Jahren in der zweiten Hälfte der 70er Jahre aber in A. ja und habe dann auch meine Praktika gemacht 4. Ergebnisse 151 einmal im K. und als zweites dann ergab sich das durch die Frau G., dass ich dann hier zur Suchtkrankenhilfe kam 1984 und das war der Einstieg in die Arbeit Suchtkrankenhilfe #00:03:04–0# IP5 geht von sich aus nicht auf die Erörterungen zu den institutionellen Gegebenheiten „seiner“ Fachhochschule ein, sondern kehrt auf die Darstellung seines Wegs in die Suchtkrankhilfe zurück. Er war in seinem ersten Anlauf schon auf dem Weg dahin. Sein Einstieg hatte nämlich mit der Fachhochschule zu tun. Es war die Frau G, durch die er zu der Stelle kam. S.I.: Also dann waren im 2. Praktikum direkt auch hier in der Stelle gewesen.? #00:03:06–0# Es geht darum seit wann IP5 an der jetzigen Stelle arbeitet. Er hatte Frau G. genannt. Nach ihr wird nicht gefragt. Ist Sie S.I. bekannt? IP5: Genau, ja Die Stellen waren noch, sind drei oder viermal umgezogen in der Zeit aber, ähm das war der Kollege E., der die Stelle leitete seinerzeit und ähm er war auch mein Praxisanleiter und da hab ich eben Interesse bekommen für die Arbeit. Er hatte auch sehr interessante Gedanken und machte auch eine interessante Arbeit und das war so der Einstieg. #00:03:44–0# Der Weg IP5s in die Suchtkrankenhilfe wird klarer. In seinem zweiten Praktikum wurde er über Frau G. an seine jetzige Arbeitsstelle vermittelt. Dass er dort blieb, dies lag in seiner Darstellung auch an seinem Praxisanleiter, der damals die Beratungsstelle leitete. Sein Arbeitsansatz und seine Arbeit waren für IP5 von großem Interesse, so dass er blieb. Was aber machte „Kollege B.“ und warum orientiert sich IP5 weg vom Versicherungsgeschäft? S.I.: Können Sie sagen, was Sie so interessiert hat, interessante Gedanken haben Sie gesagt, was ist das, was war das?┘ #00:00:00–0# 4.1 Der Fall IP5 152 Die Frage fordert IP5 auf, die allgemeine Aussage zu spezifizieren. IP5: └erst mal als Person, fand ich Ihn sehr beeindruckend und auch die Art und Weise seiner Arbeit und wie er mit den Suchtkranken umging, also ich hatte ja beschrieben, dass damals mehr so aufsuchende Arbeit gemacht wurde, auch damals die Selbsthilfegruppen aufgebaut, der Kreuzbund ähm der so in der Gründung war. Also das waren Dinge, die ich eben in diesen drei Monaten erlebt habe, ähm die mich beeindruckt haben und das auch dazu geführt hat, dass ich dann ähm die Suchtkrankenarbeit gekommen bin und es ergab sich Anfang der 80er Jahre, dass eine Stelle, erst mal ne Praktikantenstelle frei wurde und eben anschließend eine, äh hauptamtliche Stelle hier. #00:04:37–0# Die Antwort ist nicht sehr präzise. Zunächst wird die Person von E. hervorgehoben, die als beeindruckend empfunden wurde. Nach dem Leiter der Psychiatrie, Herrn D., wird nun eine zweite Person benannt, die für IP5 wichtig war, „Kollege“ E. Diesen Personen erweist er seine Referenz. Sie werden nicht einfach mit Namen benannt, „da arbeitete Müller“, sondern sie bekommen noch einen Respekt bekundenden Titel. Dies gilt auch für G. Das Besondere an E. ist für ihn der „Umgang“ mit Suchtkranken, was immer das heißen will, ein höherer Stellenwert für niedrigschwellige Arbeit (aufsuchende Arbeit) und die Unterstützung der sich bildenden Selbsthilfe. Dies war Anfang der 80er keine Selbstverständlichkeit. Niedrigschwellige Arbeit galt in Teilen des Fachdiskurses lange als kontrainduziert, weil angeblich suchtverlängernd. Die Abhängigkeitskranken sollten „Krankheitseinsicht“ haben, eine aus der Psychoanalyse übernommenes Konzept, und wenn nicht, dann sollten sie sich nicht über sozialen Niedergang und soziale Randständigkeit wundern oder beklagen. Die Verantwortung für die Verleugnung und für ihre Folgen läge bei ihnen. Dass die Verleugnung möglicherweise 4. Ergebnisse 153 Ausdruck der Krankheit ist, diese Einschätzung war nicht sehr verbreitet. Die niedrigschwelligen Angebote sind insofern Angebote des Hilfesystems, die auch im Sinne einer Zielhierarchie (z. B. nach Körkel/Kruse 1993) die mit der Krankheit Sucht einhergehenden Selbstschädigungen minimieren wollten. Ähnlich wie schon Herr D. war offenbar auch Kollege E. ein Anhänger der Maxime: „Der Mensch mit seinen Bedarfen sollte im Mittelpunkt stehen“. Abstrakten Konzepten anzuhängen wie der Vermeidung von sog. Suchtverlängerung wird aus dieser Sicht zur Prinzipienreiterei. Es ist wahrscheinlich, dass D. und E. für ihre fachlichen Überzeugungen nicht nur Beifall bekamen sondern auch Widerspruch ernteten. Diesem Widerspruch zu begegnen, vielleicht auch von Seiten mächtiger Akteure, ist eine Herausforderung für die beiden. IP5 wird dies miterlebt und erfahren haben, dass D. und E. sich gegen diesen Widerstand durchsetzten. S.I.: Und was hat er anders gemacht mit den Suchtkranken oder was war das faszinierende? #00:04:41–0# Die Interviewerin fokussiert auf den Aspekt des Umgangs, d. h. auf den Aspekt der Interventionen. IP5: Dass er ähm sehr so belesen war und auch ähm um diese Dinge, da eigene Meinungen zu hatte und mich einfach die Auseinandersetzung mit den Gedanken und der Arbeit, beeindruckt hat. Und dass war dann eben der Weg in die Arbeit. #00:05:05–0# IP5 weicht der Frage aus, vielleicht kann er sie auch nicht beantworten. Er verweist auf Belesenheit und auf Standhaftigkeit („Hier stehe ich, ich kann nicht anders“). Durch die Bewunderung von E., der für IP5 auch charismatischen Charakter gehabt haben mag, entschließt sich IP5 für die Arbeit in der Suchtkrankenhilfe. Er identifizierte sich stark mit E. Mit seinem letzten Satz signalisiert IP5, dass die Eingangsfrage, sein Weg in die Suchtkrankenhilfe, jetzt für ihn beantwortet ist. 4.1 Der Fall IP5 154 Er macht damit gleichzeitig klar, dass er die Nachfragen, u. a. auch dazu, was genau das Besondere an E. gewesen sei, für ihn nun ausführlich genug beantwortet hat. Tatsächlich ist er nicht darauf eingegangen. Für die Interviewerin ist damit die Linie der Höflichkeit gezogen, die sie nicht überschreiten soll. Aus dem Gesagten und dem Ungesagten kann geschlossen werden, Herr. D. und Kollege E. waren von der Konzeption und der Ausrichtung der Suchtkrankenhilfe her sowie von ihrer Haltung für IP5 prägend, waren Vorbilder. Sie haben ihn überzeugt, sie waren für ihn glaubwürdig, inhaltlich, wahrscheinlich auch persönlich. Möglicherweise ist der bewusste Zugang hierzu IP5 nicht möglich. Deshalb kann er nicht den Stellenwert der beiden explizit in Worte fassen. Es wird erkennbar, dass sie etwas Besonderes waren. Auf Nachfrage bleibt dies aber unbestimmt. Vielleicht will es IP5 auch nicht sagen, dies wäre aber eine Spekulation. IP5 hat eine Idee, vielleicht eine implizite Idee über klientenorientierte, sachgerechte, an fachlichen Kriterien ausgerichtete Suchtkrankenhilfe. Die nicht-sachlichen Forderungen, die vor allem ab Mitte der 1990er Jahre im Gefolge der Markt- und Effizienzrhetorik geäußert wurden, teilt er nicht nur, er steht hierzu in großer Distanz. Dies gilt auch für die Fixierung auf formale Kennzahlen, wie die jährlichen Vermittlungen in Rehabilitation. Mit dieser Selbstdefinition kann er aber nicht offensiv umgehen, da sie den Vorgaben der Kostenträger seiner Einrichtung widersprechen könnten, die einzuhalten sein Träger, d. h. sein Arbeitgeber, angehalten ist. S.I.: Jaha, ok. und das sich vielleicht unterschieden hat, von dem, sie hatten ja auch eben über die Psychiatrie gesprochen, die Sie noch erlebt haben mit den Bettensälen usw. sich das auch da unterschieden hat? #00:05:16–0# Die Interviewerin wird den Subtext zu IP5s Vorbildern und seinen Grenzen der Explikation erkannt oder gespürt haben. Sie folgt der 4. Ergebnisse 155 impliziten Aufforderung hierzu keine weiteren Fragen zu stellen. Sie nimmt die in der Phase des Small-Talks erwähnten Themen wieder auf. Sie benennt wieder die menschenunwürdigen Zustände von früher. IP5: Dass es sich auch da unterschieden hat und da auch, ja Auseinandersetzung, Gespräche stattfanden, wie die Arbeit dort geschieht und was man anders machen könnte. nun ja und dann kam natürlich auch die Zeit Beginn, 1982 als Herr D. kam und der dann vieles umänderte, dann gabs die AG Sucht, wo das dann thematisiert wurde und ähm äh die Vorstellungen, W-Klinik veränderte sich langsam. Da wurde eben auch äh eine Behandlungsstation eingerichtet, das war das S-Haus. Es war notwendig, da dadurch eine Konkurrenz entstand und es ging auch darum, wie und wo arbeiten die Gruppen, mit wem arbeiten sie zusammen ja und wodurch bekommen wir dann auch Zugang dann auch zu Suchtkranken, das spielt eine große Rolle. #00:06:35–0# IP5 nimmt sein Thema wieder auf, es war ihm ja auch angeboten worden. Es werden von ihm eine Reihe von Detailinformationen vorgestellt. Diejenigen, die nicht seinen Wissenskontext teilen, werden Schwierigkeiten haben, ihm zu folgen. Relativ klar ist hier sein Hinweis auf die AG Sucht. Was man sich darunter vorzustellen hat, dies wird hier nicht so klar. Es könnte sich aber um eine Art runden Tisch gehandelt haben, wo die Vertreter verschiedener Institutionen und Berufsgruppen zur Weiterentwicklung des Hilfesystems gleichberechtigt ihre Standpunkte austauschten. Herr D. wird dazugehört haben. Wahrscheinlich war die AG-Sucht der Ort der Begegnung und des Austauschs. Er erwähnt auch organisatorische Veränderungen in der W-Klinik, das S-Haus als Behandlungseinrichtung sei dazugekommen. Welchen Stellenwert dies hatte bleibt hier offen. Er spricht hier von einer notwendigen Konkurrenz. Zu wem trat hier wer und wie in Konkurrenz? Handelte es sich bei dem S-Haus um eine Behandlungseinrichtung, 4.1 Der Fall IP5 156 die im Unterschied zu herkömmlichen Behandlungsformen etwas Neues, anders sachlich Begründetes darstellt, mithin um eine Alternative im Interesse der Klienten? S.I.: Das waren, wenn ich Sie richtig verstanden habe, die ersten Ansätze von Vernetzung, Zusammenarbeit von außerklinischen Stellen und der Klinik? #00:06:43–0# Aus den zahlreichen von IP5 genannten Gesichtspunkten nimmt die Interviewerin einen Aspekt heraus, den der Kooperation zwischen Einrichtungen mit unterschiedlichem Auftrag, Personal und unterschiedlicher Finanzierung. IP5: Aber auch natürlich spielten dann, dann gewisse Konkurrenzgedanken auch mit eine Rolle, so zu gucken, woher bekommen wir denn unsere Klienten und was macht die W-Klinik, was machen wir damit? #00:07:04–0# Kooperation und Vernetzung waren das eine, es spielten aber auch immer „gewisse Konkurrenzgedanken“ eine Rolle, die zwischen den beteiligten Organisationen, hier der W-Klinik und der Beratungsstelle bestanden und die Realisierung der Kooperation erschwert haben dürften. Erste Zwischenbetrachtung Die bisherigen Ergebnisse legen nahe, D. und E. waren für IP5 sehr bedeutsam. Beide Männer spielten für die berufliche und fachliche Orientierung – und damit für die Selbstdefinition, Haltung und Aufgabenwahrnehmung von IP5 eine herausragende Rolle. Dies unterscheidet ihn von IP1 und IP3. Die Bedeutung, die die beiden für ihn hatten oder immer noch haben, kann oder will er nicht explizieren. Er ist mit diesen Vorbildern identifiziert. 4. Ergebnisse 157 Bis zu dieser Stelle ist die Beschreibung des beruflichen Werdegangs im Interview prägend. Zu der Fragestellung der Selbstdefinition, zu den Aufgabenfeldern und der Aufgabendurchführung wurden kaum Daten generiert. Im Weiteren wird zur Feinanalyse der Themen übergegangen, die auch in den Auswertungen zu IP3 und IP1 im Mittelpunkt standen. Dies sind: a) Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit, b) die Rolle von Diagnostik, c) zum Spezifischen von Sozialer Arbeit, d) Motivation und Erfolgserleben, e) Schluss. A Die Rolle von Fachwissen in der Arbeit S.I.: Was sind so Herausforderungen in Ihrer Arbeit? Was erleben Sie als herausfordernd? #00:34:27–0# Auch IP5 bekommt die Frage nach den Herausforderungen in der Arbeit gestellt. Dies geschieht in einer objektivistischen und in einer subjektbezogenen Variante. IP5: (.)(.)(.)(.)(.)(.)Immer wieder neu, dass es so viele Facetten von Problemlagen gibt, Menschen gibt, ähm das sich immer wieder neu darauf einzustellen und manchmal unglaubliche äh Konstellationen es gibt, die ich vorher gar nicht bedacht habe, auf die man sich gar nicht vorbereiten kann. #00:35:04–0# Die Beantwortung gelingt IP5 nicht sofort, es entsteht eine Pause. Er muss erst einmal nachdenken. In der Bilanz ist es für IP5 das Neue, Nicht-Vorhersehbare, das Unbekannte, das, für das er noch keine routinisierte Lösungen zu Hand hat. Er benennt damit Konstellationen, für deren angemessene Bewältigung der Mensch etwas benötigt, 4.1 Der Fall IP5 158 was man gemeinhin Kompetenz nennt. Dazu soll hier zweierlei angemerkt werden. Die Begegnung mit diesem Neuen betrifft grundsätzlich alle und ist nicht für IP5 kennzeichnend. Und der sachgerechte Umgang mit diesem Neuen gelingt dem Individuum umso besser, je mehr Kompetenzen es hierzu einbringen kann. Die Kompetenzen haben unterschiedliche Quellen. Wissen ist eine von ihnen, aber keinesfalls die Einzige. Insofern ist Wissen nicht mit Kompetenz gleichzusetzen. Einen Verweis auf den Kompetenz-Begriff nimmt IP5 hier aber nicht vor. S.I.: Was hilft da, diese Herausforderungen zu bewältigen, mit denen Sie ja quasi täglich konfrontiert sind? #00:35:10–0# Die Interviewerin fragt nach, was bei der Bewältigung der selbst genannten Herausforderungen in der Arbeit hilft. IP5: Also äh für mich (.)(.) da selbst in Balance zu sein, das heißt ich gehe gerne in die Natur, also ich mache täglich einen Gang in der Mittagszeit, gehe ich, wenn ich Zeit habe, in den X-Park und Sport und diese Dinge, also das heißt mache mir Gedanken zu den Dingen, die mir auffallen #00:35:43–0# Für eine Beantwortung der Frage gibt es für IP5 sehr viele Optionen. Er benennt zwei Bereiche, die wiederum miteinander in Verbindung stehen können. Der erste Bereich ist ein innerer Zustand, dem niemand seine Plausibilität absprechen kann. Könnte man das Gegenteil von innerer „Balance“ als sinnvolle Gegebenheit zur Bewältigung von unvorhersehbarem Neuen denken? Wohl eher nicht. Ausgeglichenheit, d. h. hier eine wie auch immer definierte innere Ausgeglichenheit der jeweiligen Fachkraft ist ein wichtiger förderlicher Zustand für angemessenes Handeln. Fehlt sie, kann aber auch nicht geschlussfolgert werden, dass Fehler gemacht werden. Ausgeglichenheit vermindert eher diese unerwünschte Möglichkeit. In dieser Allgemeinheit ist 4. Ergebnisse 159 die Antwort einerseits banal, andererseits bezeichnet sie etwas, was für IP5 wichtig ist. Der andere von IP5 benannte Bereich ist der der Reflexion. Diese kann vor oder nach einem Ereignis, einer Handlung, einer Entscheidung, das oder die für ihn wichtig ist zustande kommen. Die gelingende Reflexion, die „innere Versorgung“, kann dann wieder zur Ausgeglichenheit führen. Auffällig ist, dass die Dimension der Interaktion, die Dimension des Hier-und-Jetzt, das was auch Entscheidungszwang, Handlungszwang und Begründungsverpflichtung bei unzureichendem oder lückenhaften Informationsstand bezeichnet wird (Becker-Lenz/Müller 2009b), in diesen beiden Bereichen nicht vor kommt. Für diesen Bereich der unmittelbaren Interaktion mit Klienten hätte IP5 viele Dinge nennen können, die nach allem vorliegenden Wissen eine Rolle spielen können. Methodische Weiterbildungen, wie bei IP1 und IP3, Supervision, Intervision, spezifische Wissensbestände etc. Dies alles scheint aufgenommen in die Haltung. Diese speist sich aus diesen Kompetenzquellen. Hinzu kommt seine sehr lange Berufserfahrung. Darüber verliert er aber kein Wort. Ist dies IP5 nicht zugänglich oder er will er es bewusst nicht sagen? Die Antwort impliziert etwas Gelassenes, wie „Mich kann nichts mehr umwerfen“. Wie hätte wohl ein 56 Jahre alter praktischer Arzt reagiert, der seit 22 Jahren praktiziert? Die Nicht-Inhaltlichkeit von IP5 an dieser Stelle, die Analogien auch bei IP1 und IP3 hat, ist sie kennzeichnend für Fachkräfte der Sozialen Arbeit oder hat sie auch eine Komponente, die mit dem Lebensalter und der Dauer der einschlägigen Berufstätigkeit zusammenhängt? Dies muss hier offen bleiben. S.I.: Gedanken machen, das heißt nochmal darüber nachdenken, sie für sich zu reflektieren vielleicht auch? #00:35:47–0# Die Nachfrage nimmt den Aspekt der Reflexion auf, zielt auf eine Vertiefung. 4.1 Der Fall IP5 160 IP5: Ja, oder zu Beispiel äh aktuell die Grenzen des Wachstums, alle reden von Wachstum, Wachstum, wo ich gedacht habe, das kann ja nicht normal sein, irgendwo muss es doch auch ein Leben geben, wo man sich mit beschränken kann und begrenzen kann, was ein angenehmes Leben ist. So diesem einfach nachzuspüren, was gibt es da zu lesen zu z. B. oder was meinen andere dazu. #00:36:15–0# IP5 bringt eine ganz neue Dimension ein. Ging es eben um die beruflichen Herausforderungen und IP5s Umgang damit, bringt er nun ein neues Thema, die Grenzen des Wachstums. Zu fragen ist wessen Wachstum, er macht aber klar, dass er die wirtschaftliche Entwicklung meint und plädiert dafür, sich mit dem zu begnügen, was man hat. Dies fällt einem Menschen Mitte der Fünfziger Lebensjahre mit dem Bezug eines Gehalts nach BAT III Endstufe vielleicht auch leichter als einem 25jährigen in Indien, der eine Familie gründen will. Bemerkenswert ist hier, dass er offenbar das Thema berufliche Herausforderungen und die Reflexion darüber für erschöpfend behandelt hält. S.I.: Das heißt durchaus auch Literatur, so Wissenschaftsliteratur zu lesen #00:36:20- Die Interviewerin will das ökologisch-philosophische Thema nicht aufnehmen oder vertiefen und versucht, auf die Bedeutung von Wissenschaft und von Wissen zurückzuführen. IP5: Wissenschaft nicht, aber zum Beispiel Zeitung oder sowas dann oder zu dem Thema mal zu gucken, was es da gibt z. B. #00:36:30–0# Es wird klargemacht, welche Quellen IP5 bei seinen Reflexionen bevorzugt: Tages- oder Wochenzeitungen. Er will über ein Thema wie die Grenzen des Wachstums nachdenken können und/oder zum Nachdenken angeregt werden. An einem fachlichen und wissenschaftlichen Diskurs ist er aber nicht interessiert teilzunehmen. 4. Ergebnisse 161 S.I.: Welche Rolle spielt Wissen oder theoretisches Wissen? #00:36:34–0# Die Interviewerin nimmt einen zweiten Anlauf von IP5 eine Einschätzung zur Bedeutung von Wissen zu erlangen. Die Frage gerät aber etwas mehrdeutig, da es hier auch um die Grenzen des Wachstums oder ähnliche fachfremde Fragen ging. Insofern kann die Frage auf dieses Thema, aber auch auf die Suchtkrankenhilfe bezogen werden. IP5: Wissen spielt eine ganz große Rolle neben äh Erkenntnis äh neben der Befindlichkeit, also den Gefühlen, das spielt ne große Rolle, Wissen(.)(.) #00:36:50–0# Auf die explizite Anfrage hin räumt IP5 ein, Wissen sei wichtig, es gebe allerdings auch Erkenntnis, welche auch wichtig sei. Zu fragen ist, wo der semantische Unterschied zwischen den beiden Worten, bzw. Begriffen liegen soll? Der Verweis auf Gefühle deutet an, dass IP5 jetzt nicht auf das Thema Grenzen des Wachstums antwortet sondern zu seinem Berufsfeld Stellung nimmt. Wenn man dies unterstellt, so ist zu klären, was bedeutet hier „Befindlichkeit“ und „Gefühl“. Um wessen Gefühle soll es dann gehen, um die des Klienten, um die der Fachkraft, um die von beiden. Die Relevanz des Konzepts von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen in Beratungs- oder Therapiesettings drängt sich auf. IP5 dürfte im Rahmen seiner psychoanalytisch orientierten Therapieausbildung hiermit Bekanntschaft gemacht haben. Ist es nicht naheliegend dies hier zu benennen? Stattdessen verbleibt er auf der Ebene der Alltagssprache, an dieser Stelle dem Antwortmuster von IP3 sehr ähnlich. S.I.: //mhm// Das heißt Sie beschäftigen sich auch regelmäßig mit Wissensliteratur ähm mit den neuen Erkenntnissen, die es im Feld auch der Suchthilfe gibt, da werden ständig neue Dinge, ja auch pub- 4.1 Der Fall IP5 162 liziert und Erkenntnisse, Trauma z. B. war eines der letzten Themen gewesen oder äh ┘ #00:37:14–0# Die Interviewerin geht auf den ersten Teil in wortreicher Art und Weise ein, so als müsste sie dies vor sich und vor IP5 legitimieren. Der zweite Teil bleibt un-thematisiert. Nur vorerst oder auf Dauer? IP5: └Also, wenn ich darauf stoße, befasse ich mich auch damit, aber ich will jetzt nicht sagen, dass ich da äh so groß forsche oder auf die neuesten Erkenntnisse abziele, aber es gibt ja oft auch im Kollegenkreis, dann oft Gespräche bei den Teamsitzungen, da einfach äh angeregt zu werden mit Gedanken. Da gibts ja auch dann Methodenteam also, wo dann jemand was vorstellt, alle zwei Monate. #00:37:46- Eine von sich aus mit Nachdruck betriebene Erweiterung seines Fachwissens hält IP5 nicht mehr für erforderlich. Überspitzt könnte man sagen, er lässt lesen. Was die Weiterentwicklung der Interventionsmethoden angeht, da geht er davon aus, so schnell gebe es da für ihn nichts Neues mehr unter der Sonne. Eine Information alle zwei Monate, dies reiche ihm. S.I.: Es gibt ja unterschiedliche Quellen, sich das Wissen anzueignen, man muss ja nicht alles lesen. Man kann ja auch durch die Kollegen angeregt werden, ja Und haben Sie das Gefühl, dass sich dadurch ihre Arbeit weiterentwickelt – entwickelt hat auch? #00:37:57–0# Die Interviewerin wiederholt noch einmal die Einstellung von IP5, was das eigene forschen und lesen angeht. Jetzt will sie aber noch wissen, ob die Erweiterung der Wissensbestände die Arbeit in der Beratungsstelle fachlich weiterbringt. Die Frage zielt aufs Eingemachte. Fühlte sich die Interviewerin durch die Haltung von IP5 „ich lese nicht, ich lasse lesen“ provoziert. Dann ginge es hier um eine Rechtfertigung 4. Ergebnisse 163 auf einen Vorwurf. Diese hieße, wenn Sie schon nicht lesen, haben Sie sich überhaupt fachlich entwickelt? IP5: Ich ähm glaube ja, dass sich die Arbeit weiterentwickelt, oder dass ich mich entwickle – weiterentwickle. Ansonsten wäre Stillstand. Ich glaube, dass ich, dass der Lebensreifungsprozess schon Entwicklung ist. #00:38:14–0# IP5 antwortet nicht auf die Frage, wie sie gestellt war. Es ging um ihn, um die Bedeutung von Wissenszuwachs für seine fachliche und berufliche Weiterentwicklung. Er lenkt von sich ab, und gibt die Antwort so, als ginge es nicht um ihn, sondern ganz allgemein um die Arbeit. Sollte IP5 die Frage verstanden haben, so weicht er jetzt aus. Dies Ausweichen bringt die Interviewerin in eine schwierige Situation. Soll Sie auf den Irrtum von IP5, absichtlich oder unabsichtlich zustande gekommen, eingehen? Dann müsste sie ihn darauf aufmerksam machen, es geht mir bei der Frage um Sie, nicht um die Arbeit im Allgemeinen. Das Interview käme dann in die Nähe eines Verhörs. Schon die Frage fühlte auf den Zahn, ging um die Legitimation für das berufliche Handeln. Hier wäre eine Grenze überschritten. S.I.: Was qualifiziert Sie für diese Arbeit, was braucht man um diese Arbeit zu machen? #00:38:24–0# Das Thema wird beendet, ein Neues wird eröffnet: Was qualifiziert für die Arbeit? IP5: Ich glaube, man braucht ne gewisse äh(.)(.)personale, ne Persönlichkeit ähm. Man braucht Wissen, man braucht Erfahrung in der Handhabung dieser Dinge. Auch Erfahrung in der Arbeit, dass ist sehr wichtig. #00:38:46–0# IP5 war persönlich angefragt. Er antwortet mit einem allgemeinen „man“. Da gilt für ihn der Dreiklang von Persönlichkeit, Wissen, Erfah- 4.1 Der Fall IP5 164 rung. Was soll aber hinter diesen Begriffen stecken, sie sind schließlich sehr allgemein? S.I.: Erfahrung heißt, man muss die Dinge auch tun, man kann die Dinge auch tun, man kann sie sich nicht aneignen theoretisch, man muss sie auch tun.┘ #00:38:50:00–0# Die Interviewerin will eruieren, was IP5 unter „Erfahrung“ versteht. Es wird damit die berufliche Praxis bezeichnet. IP5: └ Tun, ja. Durch das Tun einfach ähm(.)(.)(.)ähm diese Erfahrungen wachsen durch das Tun, Kliniken besuchen, Gespräche mit äh vor Ort, auch die Erfahrung früher, auch die aufsuchende Arbeit mehr gemacht zu haben, aber jetzt mehr, isses ja mehr ne Komm- Struktur. Das sind eben auch Erfahrungen, die ich gemacht habe, dass sich das so entwickelt hat, also das heißt, die Erfahrung mit den Menschen und die Erkenntnisse, wie jemand zu Sucht kommt und was notwendig ist, dann zu tun. #00:39:36–0# Die durch „Erfahrung“ angesprochene berufliche Praxis hat viele Aspekte. Einer könnte sein, die richtige Intervention zum richtigen Zeitpunkt, also auf die Interaktions-Ebene gehen. Darauf geht IP5 aber nicht im Entferntesten ein. Er stellt das Setting in den Vordergrund. Beiläufig erwähnt er auch einen Wechsel in der Ausrichtung der Einrichtung. Hier stehen sich Geh-Struktur und Komm-Struktur gegenüber. Die Hinwendung zur Komm-Struktur wird aber nur erwähnt, nicht bewertet, weder positiv noch negativ. Zum Ende hin geht er auf die Bedeutung von Wissen ein (hier Beschreibungs- und Erklärungswissen), ohne dies aber so zu benennen. Wissen wird mit Erfahrung in Eins gesetzt. Ein ähnliches Muster findet sich bei IP3 und IP1. Bei ihr gibt es eine Gleichheit von Inhalt und Methode. Mit relativ allgemeinen Worten und Begriffen werden sehr unterschiedliche Dinge in Verbindung gebracht. 4. Ergebnisse 165 S.I.: Ok. ja, dass heißt es hat sich auch sag ich mal implizites Wissen angehäuft.┘ #00:39:40–0# Die Interviewerin bietet IP5 den Begriff „implizites Wissen“ an. IP5: └ Ja, genau┘ #00:39:41–0# Dieser wird bestätigt, ohne dass geklärt worden wäre, was dies genau bedeutet. S.I.: └ Durch die eigene Erfahrung, die man gemacht hat, durch die Reflexion, immer wieder Reflexion des Ganzen, Inputs von aussen, durch Kollegen, Austausch auch mit andern Fachdisziplinen auch. #00:39:53–0# Der Interviewerin ging die Einigung auf implizites Wissen offenbar zu schnell. Es werden nun verschiedene Zugänge und Quellen aufgezählt, wobei die Supervision fehlt. IP5: Ja auch ähm Tagungen oder ich habe ne Fortbildung, Sozialtherapie-Fortbildung gemacht bei der GVS in Kassel. Das hat natürlich auch dazu beigetragen. #00:40:16–0# Da kann auch IP5 mithalten, wenn gleich auch er die Supervision hier nicht benennt. Im Unterschied zu den objektiven Daten erfahren wir hier, dass die Weiterbildung im Schwerpunkt Sozialtherapie stattfand. S.I.: Ja, ok. Wenn Sie jetzt mal so abwägen müssten, so ich sag mal implizites Wissen, Erfahrungswissen, Wissen durch Tun und Anregung durch theoretisches Wissen, was würden Sie sagen, ist da wichtiger oder kann man das nicht sagen? #00:40:29–0# IP5: Ich glaube, das hat alles seinen Stellenwert, wenn eines nicht da sein würde, würde es auch fehlen. #00:40:40–0# 4.1 Der Fall IP5 166 S.I.: Das heißt es braucht beides? #00:40:41–0# IP5: Ja es braucht beides. #00:40:42–0# IP5 bekommt verschiedene Wissensquellen genannt und soll diese priorisieren. Dies verweigert er und zieht sich auf die diplomatische Position zurück, alles ist gleich wichtig. Vielleicht wollte er auch eine Priorisierung nicht begründen wollen. Im Unterschied zu anderen Passagen des Interviews ist IP5 hier eher zurückhaltend und abwartend, in Hinblick darauf, was für das berufliche Handeln wichtig ist, mehr als IP3 und IP1. Das worauf sich seine Fähigkeiten stützen, scheinen mehr als bei den anderen Befragten Bestände des impliziten Wissens zu sein, über die er in der Befragungssituation nicht willentlich verfügen kann. B Die Rolle von Diagnostik S.I.: Ah ja, ok. Für Menschen, also die schon ein bisschen weiter sind, die nicht mehr so akut abhängig sind, die also schon son bisschen (.) Abstinenz zu stabilisieren? Ja und was machen Sie heute hier was sind heute hier ihre Aufgaben? #00:10:36–0# Im ersten Teil resümiert die Interviewerin frühere Tätigkeiten von IP5. Der zweite Teil spricht die gegenwärtigen Aufgaben an. IP5: Heute ist erstmal die Beratung für überwiegend Alkoholabhängige, das heißt die Leute, die zu mir kommen, wo dann erstmal drei, vier Gespräche stattfinden, um erstmal zu klären, was ist die Situation, besteht ne Abhängigkeit oder nicht und was ähm ist ähm sinnvoll zu tun? Ist eine ambulante Therapie oder eine stationäre Therapie oder ist keines von beiden notwendig, d. h. einfach ne Selbsthilfegruppenbesuch etc. Das gilt es zu klären und da hab ich dann vier, fünf Gespräche, wo ich dann erst einmal ähm gucke, was 4. Ergebnisse 167 ist die soziale Situation, was ist die Problemlage, gibt es da(.), was ist das Suchtmittel, ja, besteht da eher ein (.)(.)gefährlicher Gebrauch, oder besteht da ne Abhängigkeit schon, muss da äh eine Therapie gemacht werden oder nicht? #00:11:47–0# IP5 beschreibt sein Vorgehen und benennt den Zeitrahmen, den er sich nimmt und für nötig hält, um sich ein Bild zu machen, um den Fall zu verstehen. Darauf aufbauend wägt er eine Weitervermittlung ab. Diese nimmt er offenbar fallbezogen vor. Er hat Ideen darüber, wer in welcher Situation was braucht und knüpft damit indirekt an das hier schon mehrfach erwähnte Konzept von multiperspektivischem Fallverstehen an (Müller 2012). Nach seiner Darstellung geschieht das nach rein fachlichen Überlegungen. Die professionalisierten Gesichtspunkte der Tätigkeit werden beschrieben. Unklar bleibt aber, was die Zahl der Gespräche bestimmt. Ist es ein Erfahrungswert oder gibt es bestimmte Vorgaben von der Leitung? Wenn sich das Kontingent nach formalen Vorgaben richtete und nicht nach fachlichen, wäre dies ein Indiz für Deprofessionalisierung. S.I.: Also, das hört sich son bisschen nach Diagnostik an. Sie machen son Clearing, Diagnostik. Gibts da bestimmte Schemata, nach denen Sie vorgehen, bestimmte Instrumente, die sie da benutzen? #00:12:00–0# Für die benannten Interventionen führt die Interviewerin den Begriff des Clearing ein und fragt weiter, ob es dabei ein diagnostisches Instrumentarium gebe. IP5: Also ich habe da, so an für mich einen Leitfaden, wo es darum geht, dass die Situationsklärung, was ist die Situation, wie lebt jemand sozial, gibts da Beruf, äh gibt es eine Familie oder lebt der allein ähm. Dann was ist das Suchtmittel und wenn, gibt es mehre Suchtmittel und wenn wie wird das konsumiert? Ist das schon ein 4.1 Der Fall IP5 168 gefährdender, missbräuchlicher Konsum oder ist das eine Abhängigkeit und als nächstes so das Thema, Herkunftsfamilie, wie ist die Konstellation, wie ist jemand aufgewachsen, gab es da schon äh Abhängigkeiten z. B. oder nicht und wie ist der die Berufsentwicklung, wie ist der Berufsverlauf, gibts da Arbeit oder nicht und wie ist die Partnersituation, gibt es da ne eigene Familie oder gibt es Freundschaften, Beziehung echt oder auch nicht, oder wie gesagt, lebt jemand allein? Das ist so erstmal die erste Sequenz, wo ich das zu klären versuche und dann mir ein Bild darüber mache, äh erstmal besteht da ne Abhängigkeit oder besteht keine und was ist zu tun? Ist es notwendig, ähm eine Therapie zu machen oder nicht, reicht eine Selbsthilfegruppe, so das ist dann Sequenz, wenn ich zu der Auffassung komme, es muss eine Therapie gemacht werden, dann werde ich das sagen und werde auch vorstellen wie, ob ambulant oder stationär, ähm und dann erstmal behilflich sein, bei der Antragsstellung und den Sozialbericht schreiben, so das übliche formale, was notwendig ist. #00:14:10–0# In der langen Sequenz wiederholt IP5 das, was er vorher schon gesagt hat. Dabei liegt ein Leitfaden zugrunde, den er für sich entwickelt hat. Er dürfte die benannten Themen enthalten. Der Prozess des Clearing, zu dem auch Überlegungen zu einer Indikation von verschiedenen Maßnahmen gehört wird umschrieben. Bemerkenswert ist dabei, dass hier verschiedene Teilsysteme eines „Lebensführungssystems“ vorgestellt werden, wie sie sich auch in der Literatur finden, wenn auch nicht so vollständig wie dort (vgl. z. B. Sommerfeld u. a. 2011 und 2016, passim). Er erwähnt weiter die Unterstützung bei den üblichen Formalitäten. Was gäbe es aber darüber hinaus, was würde passieren, wenn das Gegenüber den vorgeschlagenen Maßnahmen widerspricht oder in anderer Weise Widerstand zeigt? 4. Ergebnisse 169 S.I.: Und dieses Instrument, was Sie benutzen, Sie haben mir gesagt: „da habe ich mir son Leitfaden“, das haben Sie selbst entwickelt, dieses Instrument oder gibts da irgendwelche ┘ #00:14:18–0# IP5: └ nun dies ist aufgrund eben meiner Erfahrung, meiner beruflichen Erfahrung äh (.) da hab ich mir das zurechtgelegt und weil ich denke, dass ähm ist das was ich nach den Jahren herausgefunden habe, ist notwendig (.)(.) für mich ideale so zu tun #00:14:40–0# S.I.: um den Menschen zu helfen #00:14:40–0# IP5: Um den Menschen und erstmal zu erfassen, zu begreifen, zu verstehen und ähm dann eben auch Hilfe anzubieten. #00:14:52–0# Es geht in dieser Passage um „das Instrument“. IP5 hat es für sich entwickelt, um den Menschen zu helfen. Das ist ebenso sinnvoll wie geboten. Interessant wäre es zu erfahren, welche Inhalte dieses Instrument insgesamt vorsieht und warum er auf einen Eigenbau zurückgreift und nicht auf gängige Instrumente. Sein „Instrument“ berücksichtigt auch die soziale Dimension. Dies realisiert er aber implizit. Auf jeden Fall wird nicht der ICD 10 benannt, der für IP1 und IP3 eine wichtige Richtschnur darstellte. Offen bleibt weiter, was er außer dem Clearing macht und wie es umgesetzt wird. Bemerkenswert ist hier wieder, die Fachkraft IP5 füllt auf individueller Ebene den Auftrag, bzw. die Auftragsumsetzung seiner Institution aus. Dies wurde an der Entwicklung seines Anamnesebogens deutlich. Dieser mag auf Erfahrungen basieren, aber ist er auch valide? Gibt es hier keine Verantwortung auf Seiten des Teams, der Einrichtung, des Trägers? Wenn der Bogen valide ist, sollten ihn dann nicht auch die anderen Kolleginnen einsetzen? 4.1 Der Fall IP5 170 C Zum Spezifischen von Sozialer Arbeit (diverse Stellen) S.I.: Also ich frag deswegen, weil es wird ja der Sozialarbeit häufig vorgeworfen: da werden die Klienten so lange gehalten und eigentlich könnte man es doch viel effizienter in so ner Therapie machen. Wenn die nur direkt in die Therapie, dann müsste man nicht soviel Geld und Ressourcen aufwenden, um die über lange Jahre zu begleiten. Da wird der sozialen Arbeit ja häufig Ineffektivität vorgeworfen. Wie würden Sie das sehen? Stimmt das oder ist das ? #00:28:51–0# Die Interviewerin stellt eingangs ein Statement aus der Markt- und Effizienz-Rhetorik vor. IP5: Ich glaube, dass das Suchtmittel ein Symptom ist für etwas und dass das auch schon sehr früh angelegt wird, weshalb jemand Suchtmittel nimmt. Und insofern braucht auch so ein Prozess Zeit und der Mensch braucht Wachstum, um zu sich zu finden, ja um stimmig zu werden und das finde ich braucht einfach Zeit. Und insofern sehe ich den Vorwurf nicht, kann ich da nicht zustimmen. #00:29:35–0# IP5 weist diesen Vorwurf zurück. Relevant ist für ihn sein Bild für Suchtprozesse. Dazu gehört, diese seien früh in der Entwicklung angelegt. IP5 betont, auch ein Vermittlungsprozess brauche seine Zeit. Dies ist eine sicher angemessene Einsicht. Die Frage ist, wie kommt er darauf? Der Weg zum richtigen Ergebnis bleibt hier eher intransparent, zumindest in Teilen. S.I.: Ja, was ähm leitet sie in ihrer Arbeit, was sind zentrale Werte in Ihrer Arbeit? Was denken Sie ist wichtig für diese Arbeit? #00:32:56–0# IP5: (.)(.) Ja, ich glaube, das Verständnis für Menschen da ein Wert ist, ein Empfinden von Gerechtigkeit und sicherlich auch ähm christ- 4. Ergebnisse 171 liche Orientierung, also dass das für mich wichtig ist, weil das auch ein Wert ist, mit dem ich aufgewachsen bin. #00:33:32–0# Die Frage zielt auf die Wertebasis. Für IP5 ist das Verständnis von Menschen ein Wert. Ist dies stimmig? Eher nein. Wieder werden zwei Bereiche verwechselt oder in Eins gesetzt. Handlungen und Bedürfnisse von Menschen verstehend nachzuvollziehen – ohne diese notwendigerweise zu billigen – ist das Eine. Dies ist sicher eine gute Voraussetzung für eine gelingende Arbeit in helfenden Berufen. Dies kann auf der kognitiven Ebene angesiedelt sein, aber als Empathie auch eher auf der emotionalen Ebene. Dies ist aber kein Wert. Auch eine Idee von Gerechtigkeit zu haben ist zunächst kein Wert. Für IP5 ist das aber alles in einem Topf. Die dann genannte christliche Orientierung ist ein Wert, kann einer sein. Für ihn hat sie Bedeutung, weil er damit aufgewachsen ist, wahrscheinlich hat er sie bei seinen Eltern, seinem Vater (?), erlebt. S.I.: Christliche Orientierung meint was genau? #00:33:35–0# IP5: Den nächsten so zu behandeln, wie ich auch gerne behandelt werden möchte. So das ähm das ist glaube ich so ne Orientierung, son Wert, der für mich wichtig ist, an erster Stelle. #00:33:50–0# Die christliche Orientierung entpuppt sich als der kategorische Imperativ. Der ist nicht unbedingt nur christlich aber sicher hat er auch entsprechende Wurzeln. Er betont aber die Gleichheit aller Menschen. Gerechtigkeit verbindet sich bei IP5 sehr stark mit Gleichheit. Auch hierüber wird verständlich, warum Herr D. für IP5 ein Vorbild war. Später: S.I.: Jetz guck ich nochmal auf meinen Zettel. (.)(.) Wenn wir jetzt mal zu dem Thema, kommen, was mich so hauptsächlich interessiert, ähm (.)(.)Was würden Sie sagen, gibt es so etwas typisch sozialar- 4.1 Der Fall IP5 172 beiterisches im Umgang mit ambulanten Suchtkranken im Unterschied vielleicht zu anderen Professionen, mit denen Sie ja auch eng zusammen arbeiten, Medizinern und Psychologen, gibt es da etwas was Sozialarbeiter anders machen? #00:41:13–0# Es ist die Frage nach dem sozialarbeiterischen Proprium gestellt. IP5: Ich glaube, dass Sozialarbeiter, ähm insofern was anders machen, weil Sie also Ich kann mich daran erinnern, in den Anfangszeiten, wo ich die Leute auch begleitet habe zur Therapie oder zur äh Klinik gebracht habe also zum Entzug gebracht habe, lange mit denen im Auto unterwegs war, zu Gesprächen kam, ähm Sie auch in der Klinik aufgesucht habe zu Gesprächen. Ich glaube, dass das anders ist, als bei Medizinern und auch bei Psychologen. #00:42:00–0# IP5 verweist auf die alltagspraktischen Hilfen wie das Verbringen in Therapie und das Besuchen dort. Auf die eher allgemeine und abstrakte Frage antwortet er mit einem konkreten Beispiel. Wenig später wird er gefragt: S.I.: Was würden Sie sagen, was ist die Annäherung an die Psychologen? #00:42:40–0# IP5: Das mehr ne Komm-Struktur ist, äh indem ich äh nicht mehr also so mehr zur Klinik bringe, zum Beispiel. #00:42:55–0# Die Arbeit ist nach IP5 hochschwelliger geworden, was er schon an anderer Stelle erwähnt hat. Wie wäre das im Interesse der Klienten zu bewerten? S.I.: Und in Bezug auf die Klienten, ist das hilfreicher, hilft das den Klienten auch mehr? #00:43:00–0# 4. Ergebnisse 173 IP5: (.)(.)(.)(.) Also ich glaube, dass die Arbeit effektiv ist. Dass die Klienten auch profitieren. Ob sie von dem anderen mehr profitiert hätten? Vielleicht hätten Sie da jemand, der sie zur Therapie bringt, wärs etwas bequemer, bräuchten Sie nicht mit dem Zug zu fahren oder würden dann vielleicht eher hinfahren, weil sie dann gebracht werden, das mag durchaus sein, aber das seh ich nicht so als wesentlich. #00:43:44–0# Auf die Frage nach Unterschieden zwischen den Berufsgruppen der Ärzte, Psychologen und Fachkräften der Sozialen Arbeit werden von ihm die Begleitfahrten benannt. Sie könnten aufgrund des Settings eine Quelle von Fachwissen sein oder es könnte eine Beratung in einem informellen Setting stattfinden, die in den letzten Jahren unter der Überschrift „Beratung zwischen Tür und Angel“ fachlich diskutiert wird (z. B. Holstein-Brinkmann 2016 und Hahne/Molter 2016). Dies wird aber letztlich negiert bzw. wird nicht expliziert. Zugespitzt bedeutet seine Einlassung zwischen 41:13 und 43:44: Der Unterschied zwischen den Fachkräften der Sozialen Arbeit und den anderen Berufsgruppen ist, früher haben sie mit den Begleitfahrten Zeit verschwendet, in den neuen Zeiten machen sie das nicht mehr. Aber IP5 will keine abschließende Bewertung vornehmen. Auch auf die Folgen der neuen Hochschwelligkeit will er nicht eingehen, vielleicht aus Loyalität zu seinem Träger. So wäre zu fragen, was ist mit den Menschen, die mit der Komm-Struktur nicht so zurechtkommen, die Klienten also, für die eine Geh-Struktur entwickelt wurde? S.I.: Gibt es heute Unterschiede zwischen dem was sie heute tun, gibt es da etwas besonderes, typisch sozialarbeiterisches gegenüber anderen Kollegen aus der Medizin oder psychologischen Therapie, was die anders machen? #00:44:55–0# 4.1 Der Fall IP5 174 IP5: Ich denk mal so, das kann ich jetzt nicht vergleichen. Also weil meine Art erst mal drei, vier Gespräche zu führen, um jemand kennenzulernen, ob das typisch ist, weiß ich nicht. Da ich da Zeit habe, das zu tun, finde ich ist das erstmal die richtige Art und Weise daran zu gehen. #00:45:32–0# Die Interviewerin macht einen zweiten Anlauf. IP5 erwähnt seine methodische Herangehensweise, die darin besteht, vier Gespräche zu führen, um jemanden kennenzulernen, er ist wieder beim Clearing. Dies wurde im Interview früher besprochen. Er sieht seine Praxis, nimmt an, dass dies irgendwie förderlich sein kann. Zu einer Verallgemeinerung oder expliziten Abgrenzung zu anderen Berufen fühlt er sich nicht in der Lage. Er hat eine Idee zu einer sinnvollen Praxis, kann sie aber nicht in Worte fassen. S.I.: Gut, ja dann komme ich schon fast zum Ende unseres Gesprächs, wenn Sie unser Gespräch nochmal so Revue passieren lassen, was würden Sie sagen, was ist wichtig zu dem Thema zu wissen oder zu sagen: Soziale Arbeit in der ambulanten Suchtkrankenhilfe? #00:48:22–0# IP5: Ich glaube Soziale Arbeit seinen Stellenwert hat und es gibt ja auch viele Sozialpädagogen, Sozialarbeiter, die in dem Bereich arbeiten, die vielleicht auch eine Zusatzausbildung gemacht haben und die doch in der therapeutischen Arbeit sehr vertreten sind. #00:48:52–0# S.I.: und das ist wichtig. #00:48:53–0# IP5: Ja #00:48:54–0# 4. Ergebnisse 175 S.I.: und warum ist das wichtig, können doch auch Psychologen machen? #00:49:00–0# IP5: Können Sie machen, ich glaube nur, dass das wäre jetzt ein Argument, wo ich dann argumentieren würde aus Kostenträgerschaft, dass die Sozialarbeiter zumindest günstiger vom Preis her sind, als Psychologen und Ärzte. #00:49:33–0# In dieser etwas längeren Passage kommt noch einmal eine gewisse Hilflosigkeit in der Argumentation von IP5 zum Ausdruck, wenn es darum geht den Stellenwert seiner Zunft analytisch zu erfassen. D Motivation und Erfolgserleben S.I.: (.)(.)(.) ok. //mhm// ok Was sind für Sie so Erfolgskriterien, wann würden Sie sagen, hat ihre Arbeit Erfolg oder wann ist es eine qualitätsvolle Soziale Arbeit? Was macht die Qualität von sozialer Arbeit aus? #00:46:41–0# Die Frage thematisiert wieder zwei Aspekte, Erfolg und Qualität. IP5: Ein Erfolg ist, äußerlich erst mal, wenn jemand in der Lage ist, längerfristig abstinent zu leben. Auch natürlich wenn jemand sagt das hat mir geholfen oder diese ja Ideen, oder das hab ich noch gar nicht bedacht. Wie gestern, wo wir das abgeschlossen haben, das sagt so, in der ersten Zeit waren mir die Gespräche ganz wichtig, ja so also im Nachhinein späte zwar späte Bestätigung, aber doch zu hören, es war wichtig hier her zu kommen, zu den Gesprächen. #00:47:26–0# IP5 rechnet sich als Erfolg an, wenn jemand zur Abstinenz findet oder die Rückmeldung gibt, die Arbeit mit ihm sei erfolgreich verlaufen. Mit der Abstinenz ist einerseits die Messlatte hoch gehängt. Was ist mit Fällen, die noch trinken, sind diese automatisch ein Misser- 4.1 Der Fall IP5 176 folg? Er verwendet damit ein absolutes Erfolgskriterium. Ein relatives Erfolgskriterium, wie es beispielsweise in der Zielhierarchie zum Ausdrucken kommt, wird nicht explizit benannt. Vielleicht hält er es auch nicht für sinnvoll. Dieses absolute Erfolgskriterium wird auch von den Kostenträgern der Stelle gerne angelegt, bzw. es wird von dem Akteur GRV wie selbstverständlich gesetzt. Kommune/Land wollen sich wahrscheinlich nicht ausdrücklich entgegenstellen. Des Weiteren sieht sich IP5 mit seiner Arbeit als Teil eines Gesamtprozesses. Den Erfolg, der dabei insgesamt erzielt wird, rechnet er irgendwie auch sich selbst zu. Aber die spezifischen Anteile der „qualitätsvollen Sozialen Arbeit“ bleiben unbenannt. So käme der ganze Komplex der „qualifizierten Vermittlung“ hier in Frage, auch die zahlreichen anderen Aufgaben, wenn es um die Arbeit in Aufgabenfeldern der sozialen Dimension geht. S.I.: Ja ok, und was ist Qualität, wann würden Sie sagen, das ist ne gute Sozialarbeit, da wird ne gute Sozialarbeit gemacht? #00:47:35–0# Die Erfolgsdimension ist damit abgearbeitet. Die Frage wendet sich dem zweiten Aspekt zu, der Qualität. IP5: (.)(.)(.) Wenn äh, zum Beispiel, wenn der Klient der Meinung ist, dass es ihm hilft und wenn er in der Lage ist längerfristig zum Beispiel, wenn er abhängig ist, alkoholfrei zu leben #00:47:59–0# IP5 wiederholt mit etwas anderen Worten sein letztes Statement. Für ihn ist Erfolg mit Qualität gleich zu setzen. Das bereits an anderer Stelle benannte Muster des In-Eins-Setzens von Begriffen (Werte sind Wissen) findet seine Fortsetzung. Auch zum Abschluss der Passage wird nur auf das angestrebte Gesamtziel verwiesen, die Abstinenz. Der Anteil von IP5 und seinen KollegInnen bleibt unerwähnt, nur aus Bescheidenheit? Wahrscheinlich nicht. 4. Ergebnisse 177 Auf die folgende Passage (etwa ab Minute 18:00) soll deshalb kurz eingegangen werden, weil sie in eigentümlichen Kontrast zu den von IP5 an anderen Stellen erwähnten Orientierungen an niedrigschwelliger Arbeit stehen. IP5: Ja, und dadurch, dass ähm hier vor Ort ja die B-Klinik ist und auch die W- Klinik ist, wissen viele schon, dass es so was gibt. Das ist ja auch nicht in jedem Ort und jeder Stadt, dass da vor Ort auch Fachkliniken sind. #00:18:08–0# S.I.: Und wenn jemand sagt, ich will das gar nicht? #00:18:12–0# IP5: Ja, ok, das ähm kann ich akzeptieren und dann werd ich, sage ich meine Einschätzung und äh beende das dann, sage: „Sie können gerne wiederkommen, wenn Sie Hilfe brauchen oder wenn Sie ein Gespräch möchten, klar. Ähm dann (.)(.)wird das so beendet. #00:18:36–0# IP5s Haltung steht in einem Spannungsverhältnis zu Aufgaben der Suchtbegleitung. Wenn jemand nichts ändern will, dann bricht er den Kontakt ab. Kann oder will er nicht mit der Ambivalenz arbeiten? Im Interview erfolgt hierzu keine Spezifikation. Die Benennung eines Ankerbeispiels wäre hier sehr illustrativ gewesen. Die Benennung dieser Praxis unterscheidet sich noch einmal von der von IP1 und IP3 hinsichtlich der Suchtbegleitung. Er stellt hier das in den Vordergrund, was der abstinenzorientierte Fokus bezeichnet wurde. Dies scheint sehr schematisch zu gehen, Ambivalenz hat darin keinen Platz. Er gibt aber an anderer Stelle (etwa Minute 18:45 bis 27:15) zu erkennen, dass es auch Menschen über längere Zeiträume begleitet hat. Ähnlich wie bei IP1 ist dies aber eher als eine Ausnahme markiert. Auch IP5 sieht seine Aufgabe eher in der Vermittlung und der notwendigen Vorklärung. 4.1 Der Fall IP5 178 E Schluss Für die Analyse des Schlussteils soll zunächst eine längere Interviewpassage am Stück vorgestellt werden. Sie nimmt das Thema zum Spezifischen von Sozialer Arbeit in der Suchtkrankenhilfe wieder auf. IP5: Ich glaube, dass das Sozialarbeit auf jeden Fall einen Stellenwert hat und wo dann auch noch die sozialen Aspekte, die Netzwerkaspekte berücksichtigt werden können, Arbeit, Familie usw. Also, dass das glaube ich, die Sozialarbeiter mehr im Auge haben. #00:49:54–0# Deskriptiv, hier an IP3 erinnernd, wird dann noch der eine oder andere Gesichtspunkt benannt. Zu diesen gehören wichtige Bereiche der sozialen Dimension. S.I.: Von Ihrer Ausbildung her oder warum haben Sozialarbeiter das mehr im Auge? #00:50:04–0# IP5: Weil das einfach mehr das Soziale und diese Dinge mehr der Fokus eigentlich ist. #00:50:12–0# S.I.: ja, ok und das ist wichtig für die Klienten? #00:50:21–0# IP5: Ich denke ja #00:50:21–0# IP5 geht auch davon aus, dass das „Soziale und diese Dinge“ für die Klienten wichtig sein könnte. Aber wie und wieso und welche Rolle dabei seine Einrichtung spielen könnte, dazu erfolgt keine Erwähnung. S.I.: Ich meine, Sie haben das am Anfang ja auch betont, dass das der Fokus ist, den Sie ja auch legen, um einen Menschen kennenzulernen, haben Sie ja genau das gesagt, dass Sie das genau auch angu- 4. Ergebnisse 179 cken, weil Sies für wesentlich halten. Können Sie nochmal sagen, warum Sie das für wesentlich halten, im Verhältnis zum Beispiel zu ner intrapsychischen Klärung oder warum das auf jeden Fall mit dazugehört? #00:50:46–0# Die Interviewerin macht einmal mehr einen Anlauf, um von IP5 etwas darüber zu hören, was nach seiner Meinung das sozialarbeiterische Proprium sei und worin das bestehen könne. Um es klar zu machen wird auf eine Abgrenzung zu innerpsychischen Gegebenheiten hingewiesen. IP5: Ich denke, die Dynamik in der Herkunftsfamilie schon eine wesentliche ist. Wie da die Konstellationen sind, wer da die Macht hat und ob da ausreichend gute ähm gute Ressourcen zur Verfügung gestellt wurden, ob eine ausreichend gute Mutter da war oder ein ausreichend guter Vater da war oder ähm nicht. #00:51:08–0# Auf einen Kernbereich von Sozialarbeiterischem will sich IP5 nicht einlassen. Für die Entwicklung von Alkoholabhängigkeit tischt er als Erklärung ein relativ schlichtes, weil allgemeines Sozialisationsmodell auf. Wann und unter welchen Umständen sollte aber etwas „ausreichend“ gewesen sein, davon erzählt er nichts. Seine Herleitung ist inhaltlich nicht sehr differenziert. Soziale Verstärkermechanismen kommen nicht vor. Sozialisation ist Schicksal. Fachlich ist dies eher der Stand der 1980er Jahre. Jenseits der inhaltlichen Plausibilität wird von ihm Erklärungswissen favorisiert, dass einer anderen Disziplin entstammt. S.I.: und die sozialen Aspekte, haben Sie ja auch eben genannt, Arbeit, Wohnen, Geld, die sind auch wichtig. #00:51:15–0# IP5: Die sind auch wichtig klar, Beruf #00:51:21–0# 4.1 Der Fall IP5 180 Das Soziale muss ihm vorgehalten werden, dann stimmt er zu. Obwohl danach befragt, nennt er es nicht von sich aus zuerst. Er zeigt hier Respekt vor dem Eigentlichen. Auch er ist nicht frei von Manifestationen des Burakumin-Syndroms. S.I.: Warum ist der Beruf so wichtig? #00:51:21–0# IP5: Erfolgserlebnisse, ähm einerseits aber kann auch negative Folgen haben durch Stress, Anstrengung, Überlastung etc, dass das auch n wesentlicher Faktor ist, der auf möglicherweise Suchterkrankung Einfluss hat #00:51:41–0# Zunächst war von „Arbeit“ die Rede. Die wird in der Nachfrage zu „Beruf “. Dies verkennt die Komplexität des Bereichs „Arbeit“ in modernen Gesellschaften. Ich kann einen oder mehrere Berufe haben, wenn mein Arbeitsangebot keine Nachfrage findet, bleibe ich arbeitslos. Immerhin erkennt er „Beruf “ als eine Einflussvariable bei Abhängigkeit an. Es ist aber in jedem Fall nur „auch“ ein Faktor, Familie ist eben Schicksal. S.I.: Weil dann der Suchtmittelkonsum dann als Medikation eingesetzt wird, um dem Stress entgegenzuwirken. #00:51:48–0# IP5: Wobei ich auch gestern noch mit jemand gesprochen habe, der sozusagen der aufgrund seiner Berufstätigkeit und Stress, unter Stress gestanden hat und dann langsam abgedriftet ist, in Alkoholismus und den Alkohol benutzt hat als Beruhigungsmittel, als Stressbekämpfungsmittel, als Entspannungsmittel. #00:51:10–0# S.I.: Ja, einen ganz herzlichen Dank, dann wär ich durch mit meinem Interview. Ich bedanke mich ganz herzlich und mach mal das Gerät aus. (Das Gerät wird ausgeschaltet.) 4. Ergebnisse 181 Die Interviewerin stellt noch eine Frage. Auf die geht IP5 aber nicht ein. Ihm fällt ein Fall „von gestern“ ein, der seinem Sozialisationsmodell – so wie vorgestellt – nicht so recht entsprechen will. Die Inkonsistenz fällt ihm aber nicht auf. Es stellt sich die Frage, durch welche Art von Irritation IP5 seinen Deutungspfad hinterfragen könnte. Fazit An dieser Stelle wird eine Hypothese vorgestellt, die auf der Basis der Ergebnisse der Feinanalyse und einer Gesamtdurchsicht des Materials gewonnen wurde. Die Hypothese besteht wieder aus verschiedenen Elementen. Sie sollen hier einzeln aufgeführt werden. Methodisch kommt ihr der Stellenwert zu, dass sie auf der Basis einer weiteren Fallanalyse die Untersuchungsfrage vorläufig beantwortet. Diese heißt: „Wie ist Selbstdefinition von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe hinsichtlich des Aufgabenfeldes und der Aufgabendurchführung?“ 1. Die berufliche Entwicklung von IP5 zeigt eine bemerkenswert lange Kontinuität. Dabei stehen Schwerpunkte der Sozialen Arbeit im Rahmen der Beratungsstellenarbeit im Vordergrund. Von der Haltung her ist Helfen als Beruf für ihn Berufung. Auch IP5 hat ein Arbeitsethos. Er will seine Arbeit gut machen und den Hilfebedarfen und Belangen der Klienten gerecht werden. Dies geschieht auf eigene Art, wie sich an seinem individuellen, selbsterstellten Diagnose-Schema ablesen lässt, das auch Aspekte der sozialen Dimension umfasst. 2. IP5 nimmt als Fachkraft der Sozialen Arbeit Tätigkeiten wahr, die als typische Aufgabenfelder der Sozialen Arbeit angesehen 4.1 Der Fall IP5 182 werden können (z. B. Suchtbegleitung, Beratung, Vermittlungen, Arbeit mit Angehörigen) aber auch der Kooperation und Vernetzung mit anderen Institutionen. Über die Arbeit in Zwangskontexten ist nichts bekannt. Eine Benennung der Interventionsebene, einschließlich der damit zusammenhängenden Kompetenzen, ist ihm nicht möglich. 3. Die Tätigkeit von IP5 in der Beratungsstelle entspricht dem Professionsideal in Teilen, soweit Professionalität teilbar ist. Das strukturelle Spannungsverhältnis zu sachfremden Vorgaben oder Erwartungen seitens der Kosten- und Leistungsträger einerseits, zu einer weitgehend autonomen fachlichen Betrachtung andererseits, hat er für sich, d. h. individuell gelöst, der Logik des Feldes folgend. In seiner Selbstdefinition geht es einerseits darum, den Bedingtheiten der Lebenslage der Klienten gerecht zu werden, soweit diese das wünschen. D. h.: Er muss nicht mehr auf die Zahl der Vermittlungen achten, ob er vermittelt und wohin dann nach Absprache vermittelt wird, dies folgt rein sachlichen Erwägungen. IP5 macht „sein Ding“ im Interesse der Klienten, wie er es versteht. Diese eigene Art ist in Teilen inkonsistent, der geäußerten Orientierung „pro Klient“ steht Anderes gegenüber. So gilt ihm seine vorhandene aber wahrscheinlich etwas veraltete Wissensbasis als für die Klientenarbeit ausreichend. Sie muss nach seiner Einschätzung nicht weiterentwickelt werden. Persönlichkeit, Erfahrung und Reflexion der Erfahrung genügen angeblich. IP5 unterläuft und negiert die wissenschaftliche Basis professionalisierten Handelns. So ist sein Sozialisationsmodell unsachlich. Der von ihm proklamierten Geh-Struktur steht gegenüber, wer sich nicht ändern will, der wird nicht weiter beraten. Dass auch die Geh-Struktur eine Arbeit mit Ambivalenzen sein kann, wie die Suchtbegleitung, wird nicht realisiert. IP5 hat sich mit den 4. Ergebnisse 183 Ressourcenrestriktionen arrangiert. Gegenüber Klienten mit hoher Ambivalenz scheint er sich nicht verantwortlich zu fühlen. 4. Früher waren es die unterschiedlichen formalen Beauftragungen und Zuständigkeiten, die durch das Regelwerk von außen in das Team hineingetragen wurden, heute sind es die finanziellen Restriktionen, die für die Fachkräfte der Sozialen Arbeit und damit für IP5 die Frage nach Anerkennung und Wertschätzung in besonderer Weise aufwerfen. Er nimmt eine institutionell festgeschriebene Missachtung und Abwertung wahr (Mittelkürzung), die sich in seinem unspezifischen Räsonieren über die Geh-Struktur der Arbeit äußert. 5. Aus dem bisher Gesagten ergibt sich für die Fragestellung: IP5 fühlt sich der Sache der Klienten verpflichtet, der im Rahmen der Beratungsstellenarbeit nachzukommen ist. Dies realisiert sich bei ihm widersprüchlich, ohne dass er dies wahrnimmt. Die materiellen Restriktionen als Ausdruck von Delegitimierung und als Nicht-Anerkennung werden schon ihre Spuren hinterlassen haben, schließlich wollte er die Stelle wechseln. Eine ähnliche Ambivalenz in der Selbstdefinition, wie bei IP1 und IP3, findet sich nicht. Seine Verankerung liegt in einer Überzeugung über die Bedeutung und Wichtigkeit der Tätigkeiten der ambulanten Suchtberatung und hier über die Bedeutung und Wichtigkeit des Sozialarbeiterischen als wichtige Ermöglichungs-Ressource des „Eigentlichen“ in einer zeitlichen Vor- und Nachordnung. Er sieht sich als notwendigen Teil der Gesamt-Rehabilitation. IP5 hat eine Idee, wenn auch eine vage, über die Relevanz der sozialen Dimension. Dem kann er keine Worte geben. Diese Überzeugung konnte er in den Pioniertagen des Systems entwickeln. Die alternativen späteren Deutungen überzeugen ihn nicht. Die Ungleichbehandlungen 4.1 Der Fall IP5 184 der unterschiedlichen Berufsgruppen sind für ihn relativ leicht hinnehmbar, da er die sachliche Sinnhaftigkeit seines Ankers ahnt. Auch in der Haltung und der Situation von IP5 zeigt sich das Burakumin-Syndrom, wenn auch relativ schwach. Zu erwähnen ist weiter, auch IP5 verwendet von sich aus so gut wie keine Fachbegriffe, weder Fachbegriffe im Allgemeinen noch Fachbegriffe der Sozialen Arbeit im Besonderen. Stattdessen werden auch durch ihn die eigenen Praxen und Orientierungen durchgängig alltagssprachlich beschrieben. Die sozialarbeiterische Selbstdefinition auch von IP5 kann als defensiv bezeichnet werden. Auf den Punkt gebracht: IP5 leistet im Rahmen der Komm-Struktur wahrscheinlich gute Arbeit, mit den oben genannten Einschränkungen. Was er tut und leistet kann er aber von sich aus nicht ausdrücken. Auch sein berufliches Handeln beruht in gro- ßen Teilen auf implizitem Wissen. Dies steht einer expliziten Selbstdefinition entgegen. Auch IP5, wenn nicht die gesamte Einrichtung, steht in dem Spannungsverhältnis, das fachlich Richtige zu tun, dies aber nicht in vollem Umfang nach außen kommunizieren zu können. Im Folgenden wird es um eine Betrachtung von Teil- und Schnittmengen aus den vorgestellten Interviewanalysen gehen. 4. Ergebnisse

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References

Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.