3. Methodisches Vorgehen in:

Thomas Arnold

Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung, page 33 - 38

Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4453-7, ISBN online: 978-3-8288-7470-1, https://doi.org/10.5771/9783828874701-33

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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33 3. Methodisches Vorgehen 3.1 Zur Fragestellung Es soll der Frage nachgegangen werden, welche Aufgaben Sozialarbeiterinnen im Kontext ambulanter Suchthilfe wahrnehmen und wie sie diese bearbeiten. Die Frage der Bearbeitung soll hier in die Frage nach der Haltung den Klienten gegenüber, nach dem Wissen, welches eingesetzt wird und nach dem Können der Fachkräfte der Soziale Arbeit in ihrem praktischen Tun (Spiegel 2011) operationalisiert werden. Diese Fragen zu klären ist von Bedeutung, da aufgrund der prinzipiellen Nicht-Standardisierbarkeit der Tätigkeit, mit der u. a. Anerkennungsfragen verbunden sind, die Frage im Raum steht, wie die von den Fachkräften getroffenen Entscheidungen begründet werden können und wie sichergestellt werden kann, ob und wie die Gegebenheiten der Gesamtsituation erfasst werden (Sommerfeld et al., 2011). Weiter ist von Interesse, ob und wie die soziale Dimension der Suchterkrankung in der subjektiven Sichtweise der Fachkräfte repräsentiert ist, sie ihre eigenen fachlichen Entscheidungen treffen oder ob sich die Mitarbeiterinnen der Suchthilfe als Zuarbeitende für einen medizinisch-psychologisch dominierten Behandlungskontext verstehen (das „Eigentliche“), bei dem die soziale Seite nicht genügend beachtet wird. 34 3. Methodisches Vorgehen Des Weiteren soll versucht werden zu klären, ob es eine Besonderheit gibt, wie Fachkräfte der Sozialen Arbeit ihre Aufgaben in der ambulanten Suchtkrankenhilfe wahrnehmen und wenn es diese Besonderheiten gibt, ob sie sich einordnen lassen in Elemente einer Theorie der Profession Sozialer Arbeit. 3.2 Sampling Aus Gründen der thematischen Stringenz sollte in dieser Bearbeitung der Schwerpunkt bei Fachkräften liegen, die in Beratungsstellen arbeiten, die Abhängige von legalen Suchtmitteln als Zielgruppe haben. Die Stichprobe bestand daher aus MitarbeiterInnen entsprechender Einrichtungen. Um eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten, wurden GesprächspartnerInnen im Bereich eines Raumes mit einem Einzugsgebiet von ca. 300.000–350.000 Einwohnern gefunden. Die Stellen liegen z. T. in einem Flächenkreis und sind daher z. T. dezentral organisiert. Darüber hinaus liegen alle Beratungsstellen in einem westlichen Bundesland, um von einer einheitlichen Rechtslage in Bezug auf die Finanzierung ausgehen zu können. Es kamen 5 Interviews mit 3 weiblichen und zwei männlichen Fachkräften zustande. Die Fachkräfte waren zum Zeitpunkt der Interviews (2013) zwischen 36 und 56 Jahren alt. Es handelt sich um festangestellte MitarbeiterInnen dieser Einrichtung, sie wiesen zwischen 10 bis 27 Jahren an Berufserfahrung im Feld der Suchthilfe auf, davon 4–27 Jahre im untersuchten Tätigkeitsgebiet. Die Interviewpersonen sind primär im Aufgabengebiet der allgemeinen Versorgung eingesetzt und nicht in einem Spezialfeld (z. B. Betreutes Wohnen, Prävention, ambulante Therapie), wobei berufliche Vorerfahrungen der untersuchten Personen in diesen Feldern teilweise vorliegen. Es war angezeigt, ein exploratives Design zu wählen, das 35 3.3 Auswertung dazu geeignet ist, aus einer rekonstruktiven Beschreibung des konkreten Tuns im Rahmen eines qualitativen Designs empirisch gehaltvolle Kategorien zu generieren. Daher wurde als Erhebungsmethode ein leitfadengestütztes Experteninterview mit festangestellten Sozialarbeitern der operativen Ebene (Helfferich 2009 und Bogner 2009) gewählt. Als Bezugstheorie wurde die Theorieskizze Sozialer Arbeit nach Sommerfeld et al. (2011 und 2016) gewählt. Sie konzeptualisiert Soziale Arbeit als Integrationsunterstützung im Falle von als problematisch wahrgenommenen Lebensführungssystemen. Weiter gab der Professionsidealtyp von Sozialer Arbeit, wie er von Becker-Lenz, Müller (2009) skizziert wurde, eine erste Orientierung. Eine nähere Befassung mit dem Komplex Professionalität und Soziale Arbeit wird in Kap. 5 vorgenommen. 3.3 Auswertung Für diesen Ergebnisbericht wurden drei Interviews der Stichprobe ausgewählt. Auswahlkriterium war das Ziel, für die Variablen Alter, Berufserfahrung im Feld, Zugang zur Suchtkrankenhilfe und Geschlecht maximal kontrastierende Merkmale zu realisieren. Die Interviews wurden in Anlehnung an Bohnsack (2003) transkribiert und in Anlehnung an das Konzept der sogenannten objektiven Hermeneutik nach Oevermann ausgewertet. In der Literatur sind hierzu unterschiedliche Verfahrensvarianten dokumentiert (vgl. Oevermann u. a. 1979, Oevermann u. a. 1980, Wernet 2009). Dem korrespondiert, dass das Wissen um den Kontext je nach Variante an unterschiedlichen Stellen der sequentiellen Feinanalysen eingebracht wird. Das methodische Vorgehen hier repräsentiert eine Schnittmenge der Vorgehensweisen, wie sie bei Oevermann u. a. 1980 und Wernet 2009 repräsentiert sind. Der Grund liegt darin, dass bei den genannten 36 Quellen die Auswertung von Interviewmaterial im Mittelpunkt der Analyse stand. Für die Auswertung wurden zunächst aus dem Interview und dem Nachinterview die sogenannten objektiven Daten (Oevermann u. a. 1980) ermittelt, teilweise rekonstruiert und extrahiert (Teil objektive Daten). Dem schloss sich eine paraphrasierende Verdichtung der Daten an. Ziel war es, eine erste Einschätzung zur Berufsbiographie der interviewten Fachkräfte im Feld der Suchtkrankenhilfe zu erhalten. Für die Feinanalysen wurden nicht die Interviews in ihrer Gänze herangezogen, sondern eine Auswahl, die sich am vorliegenden Material und an der Themenauswahl orientierte, die der Interviewleitfaden vorgegeben hatte. Formal betrachtet, es wird immer der Beginn des Interviews und der Schlussteil einbezogen. Thematische Kriterien für den Einbezug in die Feinanalyse waren: Die Berufsbiographie der Befragten soweit sie mit ihrer zum Befragungszeitpunkt ausge- übten Tätigkeit zusammenhing, die Beschreibung ihres Aufgabenfeldes und ihrer Stelle, eine Beschreibung der Klientinnen und Klienten, Fragen nach dem subjektiven Stellenwert von Fachwissen und Diagnostik. Weiter wurden Passagen ausgewählt, in denen es um die Spezifik von Sozialer Arbeit ging sowie um Fragen von Motivationen zur Tätigkeit, zu Erfolgen und zu Erfolgserleben. Weiter ging es um Aspekte der Qualität der Beratungsarbeit. Zum Teil ergaben sich dabei Überschneidungen. So ging es in dem einbezogenen Anfangsteil bei IP1 und IP3 thematisch um die Fragen des Berufszugangs, des Arbeitsalltags und eine Beschreibung der Klientinnen und Klienten. Bei IP5 ergaben sich Abweichungen. Die genannten Themen wurden aber berücksichtigt, soweit die Interviews hierfür Ausführungen machten. Im Anschluss an die fallbezogenen Feinanalysen wurde jeweils eine Hypothese im Sinne einer Verdichtung als Zwischenergebnis formuliert. Sie ist gleichsam die fallbezogene Antwort auf die Untersuchungsfrage. 3. Methodisches Vorgehen 37 Nach dem die so beschriebene Analyse für drei Interviews durchgeführt wurde, erfolgt die Skizzierung einer Synthese, die darlegt, was als die Schnittmenge der drei Auswertungen, was als das Gesamtergebnis der drei Interviewanalysen anzusehen ist. Es werden Hypothesen formuliert, die begründete Annahmen über das Allgemeine im Besonderen des Datenmaterials, im Sinne einer Rekonstruktion von Mustern, umreißen. Abschließend wird ein Fazit vorgestellt. 3.3 Auswertung

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Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.