6. Fazit in:

Thomas Arnold

Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung, page 215 - 220

Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4453-7, ISBN online: 978-3-8288-7470-1, https://doi.org/10.5771/9783828874701-215

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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215 6. Fazit Das Interesse dieser Untersuchung galt der Fragestellung: „Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit im Kontext des Aufgabenspektrums von ambulanter Suchthilfe wahr und wie bearbeiten sie diese?“ Die Erhebung war als explorative Erhebung angelegt. Hierzu wurden fünf sogenannte qualitative Interviews in Form von ExpertInneninterviews mit sozialarbeiterischen Fachkräften Suchtberatungsstellen durchgeführt. Drei davon wurden für die vorgestellte Datenauswertung herangezogen. Die Auswertungsmethodik war die sequentielle Analyse, die sich an der Methodologie der objektiven Hermeneutik orientierte, wie sie für die Auswertung von Interviewmaterial skizziert ist (vgl. Oevermann/Allert/Konau 1980; Wernet 2009). Die zentralen Ergebnisse der Auswertung müssen vor dem Hintergrund gesehen werden, dass alle drei Fachkräfte, deren Berichte und Einschätzungen Untersuchungsgegenstand sind, als erfahrene Fachkräfte einzuschätzen sind. Die Berufserfahrung für diese Tätigkeit lag zum Interviewzeitpunkt zwischen sechs Jahren und 28 Jahren. Es kann deshalb davon ausgegangen werden, dass sie die Gegebenheiten des sozialarbeiterischen Handlungsfelds „ambulante Suchtkrankenhilfe“ in seiner Vielfalt kennengelernt haben. Als gemeinsames Muster findet sich in allen drei Interviews eine Orientierung an einem Berufsethos und eine Orientierung an professionellem Handeln. Dies ist einerseits gekennzeichnet durch eine Ori- 216 entierung an der je konkreten Lebenslage und den Belangen der Klientinnen und Klienten und dem programmatischen Bemühen, diese dort „abzuholen“ wo sie stehen. Dies ist weiter gekennzeichnet durch ein Ringen um die Realisierung von fachlicher Autonomie gegenüber bürokratischen Forderungen, die nicht durch fachliche Orientierungen gekennzeichnet sind und sich eher um die Einhaltung von Verwaltungsvorschriften bemüht sind. Diese Auseinandersetzung findet sich sicher nicht nur hier und sie wird schon seit einer Reihe von Jahren bestehen. In den Interviews wird deutlich, dass zum einen explizit eine programmatische Orientierung an der fachlichen Autonomie geäußert wird. Es wird geäußert, dass man das tue, was fachlich gesehen geboten und nötig sei. Dies wird aber konterkariert, durch die komplexen Gegebenheiten, die hier „Suchtbegleitung“ bezeichnet wurden. Deren Notwendigkeit wird nur von einer Fachkraft (IP3) explizit bejaht und beschrieben. Eine andere Fachkraft (IP5) gibt zu erkennen, dass Suchtbegleitung nicht mehr praktiziert werde, schildert aber in einer langen Interviewpassage, in der es um einen konkreten Fall geht, genau dies mit großem Erfolg für die Belange des Falls praktiziert zu haben. Ähnliches findet sich bei der dritten Fachkraft. Auf der performativen Ebene zeigt sich somit etwas, was als kognitive Verzerrung bezeichnet werden kann. Dies ergibt sich dadurch, dass eine bestimmte Hilfeform in konkreten Schilderungen als sinnvoll und fachlich angemessen beschrieben wird, auf der programmatischen Ebene diese aber keine Erwähnung mehr findet, faktisch unterschlagen wird. Als Erklärung für diese Diskrepanz bietet sich an davon auszugehen, dass dieser Hilfeansatz fachlich geboten sein mag, er sich aber nicht explizit in den Aufgabenbeschreibungen der jeweiligen Beratungsstellen findet, nimmt man die Selbstdarstellungen der Einrichtungen zum Maßstab. Die Fachkräfte finden sich somit in der als paradox zu bezeichnenden Situation etwas Sinnvolles, fachlich Gebotenes zu tun, ohne hier- 6. Fazit 217 zu einen expliziten Auftrag zu haben. Ihr formales Aufgabenspektrum wird durch den Dreiklang „Informationsvermittlung/Beratung, Motivation und Vermittlung“ definiert. „Suchtbegleitung“ wird so in etwas Informelles transformiert. Die Folge ist, ein Teil der geleisteten Hilfe kann nicht mehr selbstbewusst nach außen vertreten werden, muss also kaschiert werden. Implizit wird bei der Festlegung des Arbeitsspektrums davon ausgegangen, dass die Vermittlungsarbeit ein trivialer Prozess wäre, in dessen Rahmen es um die Vermittlung von Informationen, das Aufzeigen von Optionen oder das Ausfüllen von Formularen ginge. Dies ist aber auf der Grundlage sehr unterschiedlicher empirischer Quellen faktisch widerlegt. Sachlich geboten ist es vielmehr die Vermittlungsarbeit als nicht-trivialen Prozess aufzufassen und zu begreifen. Indem Suchtbegleitung sich nur im informellen Bereich realisieren kann, ist Soziale Arbeit auch daran gehindert darzustellen, was sie tatsächlich leistet. Es erscheint plausibel anzunehmen, dass die defensive Vermittlung eines Teils der eigenen Tätigkeiten von den Fachkräften nicht als bewusst verfolgte Handlungsstrategie zu betrachten ist, sondern als eine Handlungsstrategie begriffen werden kann, die sich hinter dem Rücken der handelnden Personen durchsetzt. Im Bourdieuschen Sinne kann es als habitualisierte Handlungsstrategie begriffen werden, indem sie strukturiert ist (oder strukturiert wurde) einerseits und andererseits strukturierend wirkt. Die sich im Interviewmaterial vorfindbare Ambivalenz um Suchtbegleitung kann zudem als verdeckte Auseinandersetzung um fachliche Autonomie, um Professionalität und um De-Professionalisierung aufgefasst werden. Es handelt sich somit um eine Manifestation jenes Komplexes, der hier nur grob mit der Chiffre des „dritten Mandats“, im Rahmen der theoretischen Überlegungen zu einem „Tripelmandat“ der Sozialen Arbeit, bezeichnet werden soll. Dies findet allerdings keinen adäquaten sprachlichen Ausdruck auf Seiten der befragten Fachkräfte. 6. Fazit 218 Der Grund für die enge Definition des Tätigkeitsspektrums für die Einrichtung liegt darin, dass der Leistungsauftrag und die Leistungsdurchführung der Institution ambulante Suchtberatung sehr unklar ist. Gleiches gilt für die Finanzierung. Im Unterschied zu den Leistungsgesetzen des Sozialgesetzbuchs wird hier keine verantwortlicher Träger und kein verbindliches Leistungsspektrum benannt. Dies eröffnet ganz sicher Spielräume für die eigene Autonomie, auch die fachliche Autonomie, bringt aber auch die benannte Kehrseite mit sich. Ein anderer Aspekt der professionalisierten Tätigkeit ist, dass es auf einem Expertentum und auf Wissen beruht. Das Expertentum zeigt sich in den Selbstäußerungen in vielfältiger Art und Weise. Bei der Wissensbasierung zeigten sich aber eine Reihe von Eigentümlichkeiten. So kann davon ausgegangen werden, dass bei den Fachkräften der Typus des impliziten Wissens und des impliziten Beziehungswissens von zentraler Bedeutung ist. Hierzu gehört auch, dass ein sozialarbeiterisches Proprium kaum seinen expliziten Ausdruck findet. Allenfalls der Verweis auf „Systeme“ könnte hier noch in Ansatz gebracht werden. Bei der Beschreibung der eigenen Aufgaben, der eigenen Tätigkeiten, bei der Beschreibung der KlientInnen und ihrer Problemlagen finden sich keine Verweise auf Wissensbestände oder Theoreme der Sozialen Arbeit. Dem korrespondiert, dass kein expliziter Bezug zur sozialen Dimension eines gelungenen Rehabilitationsprozesses in seiner Gesamtheit genommen wird, von dem Soziale Arbeit, die im Rahmen einer Suchtberatungsstelle geleistet wird, ein Teil ist. Entsprechend findet sich auch keine selbstbewusste Explikation der wechselseitigen Bedingtheit von psychischen Erkrankungen – die Krankheit Sucht (und mit ihr einhergehender Ko-Erkrankungen) kann als eine solche auch begriffen werden – und der sozialen Lage. Die soziale Verweisung der Sozialen Arbeit auf „Vermittlung“ bei gleichzeitiger Aufrechterhaltung der nicht sachhaltigen Fiktion von Vermittlungsarbeit als trivialem Prozess ist hiermit in Zusammenhang zu 6. Fazit 219 bringen. Der Dimension der Dominanz des impliziten Wissens ist auch noch hinzuzurechnen, dass es keine expliziten Verweise auf die eigenen fachlichen Interventionen gibt, dies der eigenen Ausbildung und den beruflichen Weiterbildungen zum Trotz. Die Auswertung der Interviews mit den drei Fachkräften liefert Erkenntnisse zur Dynamik in einem Handlungsfeld der Sozialen Arbeit mit hohem gesellschaftlichem Stellenwert, betrachtet man die Epidemiologie der Krankheit Sucht. Die vorgestellten Befunde sind erste Ergebnisse, die der weiteren Validierung und der empirischen Sättigung bedürfen. Als denkbare und naheliegende nächste Schritte bieten sich an, weitere Fachkräfte des gleichen Einrichtungstyps zu interviewen. Eine nächste Stufe könnte sein, diese Interviews auch mit Fachkräften aus anderen Bundesländern zu führen, um den vorläufigen Zwischenstand zu modifizieren oder zu validieren. Weiter ist an Interviews mit jüngeren Fachkräften zu denken. Ein letzter Schritt könnte auf der dann vorliegenden Erkenntnisbasis darin bestehen, Interviews mit Fachkräften der Sozialen Arbeit in einem anderen Arbeitsfeld (nicht Sucht, nicht Psychiatrie) zur Validierung durchzuführen und auszuwerten. 6. Fazit

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References

Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.