5. Synthese in:

Thomas Arnold

Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung, page 185 - 214

Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4453-7, ISBN online: 978-3-8288-7470-1, https://doi.org/10.5771/9783828874701-185

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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185 5. Synthese In diesem Abschnitt soll nun der Versuch unternommen werden auf der Basis der Einzelanalysen der drei Fachkräfte eine Schnittmenge herauszuarbeiten, die auf wichtige Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Hinblick auf die Beantwortung der Untersuchungsfrage eingehen wird. Im Rahmen der Synthese werden Hypothesen formuliert, die begründete Annahmen über das Allgemeine im Besonderen des Datenmaterials, im Sinne einer Musterrekonstruktion, umreißen. Die Untersuchungsfrage lautete: Welche Aufgaben nehmen SozialarbeiterInnen im Kontext ambulanter Suchthilfe subjektiv wahr und wie bearbeiten sie diese aus ihrer individuellen, subjektiven Sicht. Ein Aspekt davon ist, welche subjektiven Entsprechungen auf Seiten der Fachkräfte manifestieren sich gegenüber der allgemeinen gesellschaftlichen Zuschreibungen der großen Bedeutsamkeit dieser Institution, an deren Entwicklung die Fachkräfte der Sozialen Arbeit zudem maßgeblich beteiligt waren und sind. 5.1 Arbeitsethos Für die Ausübung eines helfenden Berufs, evtl. für die Ausübung einer Profession wird die Orientierung an einer ethischen Grundorientierung für unverzichtbar gehalten (vgl. z. B. Becker-Lenz/Mül- 186 ler 2009b, S. 361ff). Eine wesentliche Motivierung hierfür ist darin zu sehen, dass personenbezogene soziale Dienstleistungen, und bei Sozialer Arbeit handelt es sich um eine solche, im Kontext von persönlichen Not- und Krisenlagen der AdressatInnen entwickelt wurden, bzw. sich entwickelt haben. Der Auftrag an die personenbezogenen sozialen Dienstleistungen ist, Not- und Krisenlagen zu vermeiden helfen, sie zu überwinden helfen oder, wenn dies nicht möglich erscheint, die Folgen der Not- und Krisenlagen so weit wie möglich zu lindern. Aus dieser Konstellation, wonach Angehörige von helfenden Berufen Menschen unterstützen, die sich in einer Not- oder Krisenlage befinden, ergibt sich ein Machtgefälle zwischen den Handlungsbeteiligten, das viele Facetten hat, die hier im Einzeln nicht betrachtet werden sollen. Zur Einhegung der Macht des/der Helfenden hat sich historisch eine Ethik der Hilfe entwickelt. Alle drei Interviewpartner der vorliegenden Analyse geben zu erkennen, sich hieran orientieren zu wollen. Ob ihnen dies in ihrer Arbeit immer gelingt, dies kann auf der Basis dieses Materials nicht eindeutig beantwortet werden. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass das Handlungsfeld eine unterschiedliche Schwerpunktsetzung ermöglicht und zulässt, die oben zum Einen als die Orientierung an Vermittlung, zum Anderen als die Orientierung an Suchtbegleitung bezeichnet wurde. Aber auch die individuell unterschiedliche Umgangsweise mit „den Ambivalenten“ zeigt eine Rückbindung an ein Arbeitsethos. Bei allen drei Interviewten findet sich weiter eine Haltung, die einerseits Hilfe und Unterstützung anbieten will, die andererseits erklärtermaßen die Autonomie des Gegenübers respektieren möchte, respektive die Autonomie fördern möchte („Türen für die Klienten öffnen, diese wählen, durch welche Tür sie gehen wollen“, so IP1). Es findet sich weiter ein hohes Engagement dafür, „die Sache“ gut machen zu wollen, bzw. in Zukunft sogar besser als bisher machen zu 5. Synthese 187 wollen. Dies zeigen die Fortbildungen, die alle drei absolviert haben, am häufigsten wohl IP1, weniger ausgeprägt bei IP5, dazwischen IP3. Des Weiteren zeigt sich die Haltung, Verallgemeinerungen zu den KlientInnen in jeglicher Hinsicht zu vermeiden, bzw. Aufforderungen im Interview, Typologisierungen der KlientInnen vorzunehmen, weitgehend zurückzuweisen, was aber nicht immer durchgehalten wird, z. B. bei IP1. Stattdessen wird die Diversität und Vielfalt der AdressatInnen betont. Wenn auch eher implizit wird durchgängig als Aufgabe herausgestellt, die Betroffenen bei den Problemen der Lebensbewältigung und der sozialen Integration zu unterstützen. Diese Probleme seien komplex und variieren von Person zu Person. Ein schematisches, technizistisches Vorgehen wird nicht als erfolgversprechend angesehen. Das, was fachlich geboten ist, dies muss fallweise immer wieder neu ermittelt werden, auch im Gespräch und im Abgleich der geäußerten Anliegen der Betroffenen. Es findet sich insofern eine Fallorientierung, eine Orientierung an Fallverstehen, an multiperspektivischem Fallverstehen, z. B. nach Müller 2012, worauf auch schon verschiedentlich hingewiesen wurde. 5.2 Professionalisierung Die Beantwortung der Frage, ob Soziale Arbeit ein Beruf sei oder eine Profession hat in den letzten Jahrzehnten eine umfängliche Debatte ausgelöst. Maja Heiner (2004) schlägt zu einer Annäherung zwei Perspektiven vor, eine berufsstrukturelle und eine handlungs- und wirkungsorientierte Perspektive. Auf der berufsstrukturellen Ebene, die Prestige, Status, Entlohnung, berufliche Selbstkontrolle und Orientierung an fachlicher Autonomie in den Vordergrund rückt, findet sich in den Interviews am ehesten die Orientierung an fachlicher Autonomie im Material wieder. Diese scheint bedroht und dies auf unter- 5.2 Professionalisierung 188 schiedlichen Ebenen. Am deutlichsten wird dies in Hinblick auf die materielle Absicherung der Tätigkeit. Die Zuwendungsgeber Kommune und Land haben zu erkennen gegeben, dass sie eigene finanzielle Engpässe an die Träger der Einrichtungen weitergeben. Am klarsten erscheint dies in der Einrichtung von IP5. Aber diesseits der drohenden Einschränkungen durch eine sozialpolitische Budgetorientierung wird an dem Gebot der fachlichen Orientierung festgehalten, IP5 weicht hier allerdings etwas ab. Unter der handlungs- und wirkungsorientierten Perspektive finden sich (in Anlehnung an Nadai u. a. 2005) als Merkmale einer Profession: Keine Standardisierbarkeit der Tätigkeit, Orientierung an theoretischem und empirischem Handlungswissen, Handlungszwang und Begründungsverpflichtung in der Tätigkeit, fachliche Autonomie in Folge der Fallorientierung und Arbeitsbündnis zwischen Fachkraft und Klient. Diese Professionalitätsmerkmale sind also in der Sozialen Arbeit im Allgemeinen durchaus vorhanden. Nach dieser Konzeptualisierung handelt es sich bei der Sozialen Arbeit um eine Profession. Die Frage allerdings ist, ob ihr von den politischen Organisationen und den institutionellen Arrangements, in deren Auftrag und für die sie arbeitet, die notwendige Autonomie auch zugestanden wird. Bezogen auf die Interviewpartner zeigen sich die genannten Kriterien. Allerdings zieht sich wie ein roter Faden durch alle Gespräche, dass die fachliche Autonomie eingeschränkt werden kann, u. a. durch unklare Aufträge, bedrohte Ressourcen, unklare Qualifikationsanforderungen, der impliziten Basis des Fallverstehens (Erfahrung genügt). Insofern kann von der Tätigkeit auf der Basis der Interviews von einer realisierten aber auch bedrohten Professionalität gesprochen werden. Nimmt man noch andere Kriterien (z. B. Nadai u. a. 2005, Staub- Bernasconi 2007, Müller 2012) dafür, was qualifiziertes professionelles Handeln von Fachkräften der Sozialen Arbeit ausmacht, so wären 5. Synthese 189 noch verschiedene Bereiche eines spezifischen Expertentums zu nennen. Dazu gehören: Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind zum einen fachliche Experten, die mit ihrem fachlichen Wissen, ihren Erfahrungen und ihren Kenntnissen wissenschaftlicher Theorien die geäußerten Anliegen der KlientInnen angemessen einschätzen und einordnen können. Sie müssen fähig sein sachlich fundierte Hypothesen darüber zu entwickeln, woher ein geäußertes Problem rührt, wie es mit anderen Gegebenheiten zusammenhängt etc. Dem korrespondiert, dass sie in der Lage sind, Hypothesen darüber zu formulieren, auf welche Weise das Problem beseitigt werden kann (Interventionen). Als Interventionsschritte sind sehr unterschiedliche Vorgehensweisen denkbar. Es ist erwartbar, dass es verschiedener Interventionen auf unterschiedlichen Ebenen sind, die zudem koordiniert und vernetzt werden müssen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind zum anderen Experten des Dialogs (vgl. z. B. Müller 2012). Sie können Menschen motivieren, ermutigen und bestärken. Sie können weiter sich auf den anderen einlassen, mit ihm kooperieren und Ergebnisse aushandeln. Sie wenden das „Fallverstehen“ an, im Sinne einer rekonstruktiven Deutung der Problemsituation. In dieser Expertenrolle stellen die Fachkräfte ihr fachliches Expertentum zunächst in den Hintergrund. Es steht nicht wie ein Gesetz über der zu führenden Diskussion, sondern ist eine fachliche Meinung und ein Angebot, das durch die KlientInnen erst noch verifiziert werden muss (vgl. Seithe 2012, S. 57). Nur wenn Ziele und Wege entwickelt werden, die die KlientInnen mittragen können und wollen, kann erwartet werden, dass der Prozess der „Koproduktion“ oder der Ko-Kreation zwischen den Handlungsbeteiligten Erfolge bringen wird. Als Voraussetzung hierfür ist ein Arbeitsbündnis anzusehen. Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind drittens Experten im Vermitteln, Durchsetzen und Organisieren von Hilfen, Dienstleistungen und Unterstützungssystemen (vgl. z. B. Müller 2012). Trotz eines 5.2 Professionalisierung 190 weiten Rahmens von Zuständigkeit bestehen Grenzen. Die Könnerschaft besteht deshalb darin, die erforderlichen Hilfen zu erkennen, sie vermitteln zu können und eine qualifizierte Unterstützung der Betreffenden zu sichern. Auch bezogen auf diese drei Bereiche ist davon auszugehen, dass die drei InterviewpartnerInnen eine Haltung zum Ausdruck bringen, die professionellem beruflichen Handeln entsprechen. Gewisse Einschränkungen mögen für IP5 gelten. 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen Durch alle drei Interviews zieht sich wie ein roter Faden, dass die befragten Fachkräfte kaum Auskunft über die für sie im Rahmen der beruflichen Tätigkeiten relevanten Wissensbestände geben konnten. In den Fällen, wo dies dann doch geschah, waren es in der Regel Wissensbestände aus anderen Fachdisziplinen, wie der Medizin oder der Psychologie. In keinem Fall wurden Wissensbestände der Sozialen Arbeit benannt, sieht man von dem eher pauschalen Verweis auf systemisches Arbeiten bei IP1 und IP3 ab. Aus dieser auf der Oberfläche erscheinenden Sprachlosigkeit lassen sich aber sicher keine Rückschlüsse über die Güte des fachlichen Handelns der befragten Fachkräfte ziehen. Entsprechende Phänomene und Praxen wurden bereits vielfach im Fachdiskurs aufgenommen (beispielhaft sei hier auf Moch 2012 verwiesen). Die in den Interviews sich manifestierenden Auslassungen sollen hier in einem größerem Kontext gesehen werden, der die Phänomene des impliziten Wissens der hier befragten Fachkräfte mit dem impliziten Wissen, oder dem impliziten Beziehungswissen, von Angehörigen von anderen Berufsgruppen betrachtet. Wissen, das implizit genannt wird, bezieht sich auf praktische Handlungsabläufe, auf Fertigkeiten im Sinne eines Könnens. Pola- 5. Synthese 191 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen nyi (1985) hat von „tacit knowing“, schweigendem Wissen, gesprochen. Ein häufig angeführtes Beispiel für implizites Wissen ist das Wissen, das man brauche, um Fahrrad zu fahren. Wer beim Fahrradfahren das Gleichgewicht halten könne, beherrsche nicht komplexe physikalische Regeln, sondern verfüge über eine praktische Fertigkeit, über erfahrungsabhängiges Expertenwissen darüber, wie man das mache (Gigerenzer 2008). Explizites Wissen ist sprach- bzw. kommunikationsfähiges Wissen und lässt sich formal beschreiben; dagegen widersetzt sich implizites Wissen der sprachlichen Darstellung: „Wir wissen mehr, als wir zu sagen vermögen“ (Polanyi 1985, zitiert nach Streek 2013, S. 143). Wenn wir jemanden nach dem Weg fragen, mit einem Freund zu einer gemeinsamen Unternehmung unterwegs sind, mit der Verkäuferin beim Bäcker sprechen, mit Arbeitskollegen kooperieren, uns Mitfahrenden in der U-Bahn gegenüber sehen oder den kürzlich in die gegenüberliegende Wohnung neu eingezogenen Mietern begegnen, denken wir gewöhnlich nicht lange darüber nach, wie wir das anstellen. Wir beobachten nicht erst genau, wie die andere Person sich verhält, bevor wir den nächsten Schritt tun, und wir planen auch nicht im Detail, was wir tun und wie wir das tun, ob wir so oder so reden und dabei dieses oder jenes körperliche Verhalten zeigen. Wir tun das einfach. Wir wissen, wie das geht, mit Anderen zusammen zu sein, auch wenn wir nicht sagen können, wie genau wir uns dabei verhalten. Wir verfügen über Beziehungswissen. Beziehungswissen ist kein kognitives Wissen, sondern ist dem Körper gleichsam eingeschrieben, „embodied knowledge“, nicht an Symbol und Sprache gebunden, sondern an Affekt und Handlung, eine Art Handlungswissen (Streek 2013, S. 143). Beziehungswissen ist prozedural repräsentiertes Wissen. Prozedurales Wissen lässt sich nicht oder nur begrenzt in Worten ausdrücken, sondern zeigt sich im Vollzug von Handlungsabläufen. Beziehungswissen ist überwiegend implizites Wissen (Polanyi 1985). Danach 192 5. Synthese gefragt, könnten wir meist sagen, was wir getan haben, aber allenfalls annäherungsweise beschreiben, wie wir uns in der einen oder anderen Situation verhalten haben. Im Zusammensein mit Anderen stützen wir uns auf implizites Beziehungswissen. Der Begriff „implizites Beziehungswissen“ lehnt sich an den Begriff „implizites Wissen“ an und geht auf eine Bostoner Forschungsgruppe um Daniel Stern zurück – die Boston Change Process Study Group – BCPSG – (vgl. Stern u. a. 2012). Wie anderes implizites Wissen ist auch implizites Beziehungswissen überwiegend nicht bewusst und entzieht sich der sprachlichen Beschreibung (Stern u. a. 2012, S. 65). Implizites Beziehungswissen gilt als nicht ehemals gewusst, aber verdrängt, also nicht im dynamischen, sondern im beschreibenden Sinn unbewusst (Streek 2013, S. 143). Wenn wir uns mit Anderen unterhalten, beim Postschalter unter Fremden in der Schlange stehen oder im Restaurant eine Bestellung aufgeben, wissen wir, was in dieser oder jener Situation zu tun ist, dass wir unseren Gesprächspartner ausreden lassen oder wir uns in der Warteschlange nicht vordrängeln sollten. Wir haben explizites Wissen davon, welches Verhalten in diesen Situationen erwartet und für angemessen gehalten wird. Implizites Beziehungswissen kommt jedoch nicht in explizitem Wissen von normativen Verhaltenserwartungen zur Geltung, sondern darin, wie diese normativen Erwartungen im Zusammensein mit Anderen realisiert werden, im Vollzug von sozialer Interaktion. So werden Bekannte, die sich auf der Straße begegnen, gewöhnlich voneinander erwarten, dass sie einen Gruß austauschen. Indem sie dieser sozialen Norm folgen und sich in irgendeiner Weise grüßen, bekräftigen sie deren Geltung. Wie genau sie den Grußaustausch jedoch vollziehen, lässt einen weiten Spielraum für individuelle Gestaltung offen. Sie können stehen bleiben und einander die Hand reichen, sich im Zuge der Abwicklung ihres Begrüßungsrituals anlächeln oder die freundlich-freudigen Gefühle, 193 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen die ihre Wiederbegegnung wachgerufen hat, mit einer Umarmung kenntlich machen (Streek 2013, S. 144). In der Art und Weise jedoch, wie und mit welchen Mitteln sie die Begrüßung vollziehen, dokumentiert sich überwiegend implizites Wissen, genauer: implizites Beziehungswissen, ein unbewusstes „Wissen wie“, nicht ein explizites „Wissen was“. (Streek 2013, S. 144). In der Entwicklung geht implizites Beziehungswissen an Sprache und Symbol gebundenem explizitem Wissen voran. Ehe Babys lernen, die ersten Worte zu sprechen, verfügen sie bereits über implizites Beziehungswissen in Gestalt vielfältiger Fähigkeiten, mit ihrer sozialen Umwelt zu interagieren und ein gemeinsames Erfahrungsfeld zu erschaffen. Schon Neugeborene sind auf ihre soziale Umgebung ausgerichtet. Bereits im Alter von 5 Wochen versuchen Neugeborene, das Verhalten einer Person, die sie aus der Nähe ansieht und die Zunge herausstreckt, zu imitieren (Streek 2013, S. 145). Bereits 8 Tage alte Säuglinge erwarten ein bestimmtes Verhalten der Mutter, während diese sie füttert. Fällt das Verhalten der Mutter anders aus als von dem Säugling erwartet, zeigt das Kind aversive Reaktionen. Das lässt erkennen, dass das Baby, kaum eine Woche alt, über eine erste Repräsentanz einer Fütterungssequenz verfügt, auf die es sich bezieht. Im Alter von wenigen Monaten stehen dem Baby vielfältige affektive und motorische Mittel zur Verfügung, mit denen es die Mutter zu einem gewünschten Verhalten veranlassen und mit deren Hilfe es ein gemeinsames Erfahrungsfeld erschaffen kann (Streek 2013, S. 145). In mindestens einer Hinsicht unterscheidet sich implizites Beziehungswissen grundlegend von implizitem Wissen, das Fertigkeiten wie Fahrradfahren zugrunde liegt: Implizites Beziehungswissen bezieht sich auf den Umgang mit Anderen, nicht auf den Umgang mit der materiellen Welt. Implizites Wissen wie das, das befähigt, Fahrrad zu fahren, ist technisches Können, einer handwerklichen Fertig- 194 keit vergleichbar. Wer einmal gelernt hat, Fahrrad zu fahren, verfügt über ein Können, das ihn befähigt, mit annähernd jedem Fahrrad zu fahren. Im Unterschied zum Gebrauch eines Fahrrades lässt sich das Zusammensein mit Anderen jedoch nicht mit technisch-instrumentellen Fertigkeiten bewältigen, die auf jedwede Situation und Person in weitgehend gleicher Weise angewendet werden könnten. Denn im Zusammensein mit Anderen lässt sich grundsätzlich nicht sicher vorhersagen, was als Nächstes geschieht und in welche Richtung sich die gemeinsame Situation bewegt. Keine der beteiligten Personen kann im Voraus sicher wissen, wo man am Ende angelangt sein wird. Um ein gemeinsames Ziel zu erreichen, müssen die Akteure sich über ihre Ziele immer erst verständigen und sich fortlaufend aufeinander abstimmen. Ständig verändert sich die Situation, mal mehr, mal weniger. Mal bewegt sich der Eine in diese, der Andere in eine andere Richtung. Dann müssen die Beteiligten improvisieren und von neuem über ihre Ziele „verhandeln“. Höchstens ausnahmsweise geschieht das mit Worten. Gewöhnlich wird der Prozess des „Verhandelns“ unter Bezug auf implizites Beziehungswissen, auf Affekte und Intentionen, die die Akteure wechselseitig aus ihren Handlungen erschließen, weitgehend wortlos im Hintergrund abgewickelt (Streek 2013, S. 146). Würde eine der beteiligten Personen versuchen, jeden nächsten Schritt vorab genau zu überlegen, um ein ganz bestimmtes Ziel zu erreichen, geriete der Fluss improvisierten, authentischen Verhaltens als Ausdruck des beiderseitigen impliziten Beziehungswissens rasch ins Stocken. An die Stelle von Verhalten, das auf Abstimmung und Verständigung angelegt ist, wäre instrumentelles Verhalten getreten. Die andere Person würde wie ein Objekt, nicht als anderes Subjekt behandelt. Während Fertigkeiten, die zur Lösung von Problemen im Umgang mit der materiellen Welt erworben wurden, überwiegend auf die Lösung vergleichbarer technischer Probleme erfolgreich eingesetzt werden können, lassen sich Erfahrungen im Zusammensein mit der 5. Synthese 195 einen Person nicht uneingeschränkt auf die Gestaltung und Regulierung des Zusammenseins mit einer anderen Person übertragen, will man sich auf ein gemeinsames Ziel zubewegen. Das trifft auch für das Zusammensein von Patient und Psychotherapeut zu. Unabhängig davon, ob der Therapeut sich bei der Arbeit mit verschiedenen Patienten an gleichen behandlungstechnischen Empfehlungen orientiert, kann er sich dem einen Patienten gegenüber nicht genauso verhalten wie gegenüber einem anderen Patienten. Als intersubjektives Wissen umfasst implizites Beziehungswissen die Fähigkeit, Intentionen anderer Personen anhand ihres sprachlichen und nichtsprachlichen Handelns zu „lesen“, sich mit der anderen Person fortlaufend abzustimmen, unvermeidliche Diskontinuitäten zu überbrücken und Brüche zu reparieren sowie in der Bewegung auf ein gemeinsames Ziel zu fortlaufend zu improvisieren (Streek 2013, S. 146) Nicht grundlegend anders als Akteure in Alltagssituationen stimmen sich auch Patient und Psychotherapeut ständig aufeinander ab und „verhandeln“ implizit über die Richtung, die sie miteinander einschlagen. Ihre Bewegung schreitet Schritt für Schritt, Zug um Zug voran, auch wenn deren Richtung immer wieder neu eingestellt werden muss (Streek 2013, S. 146). Die Qualität der therapeutischen Beziehung sei wie alles, was im Zusammensein von Patient und Psychotherapeut geschieht, ein intersubjektives, relationales Phänomen, das in der Kooperation von Patient und Therapeut – die BCPSG um Stern spricht von Kokreativität – und dem gemeinsamen impliziten Beziehungswissen gründet, mit dem sie sich aufeinander abstimmen und ihre Zusammenarbeit gestalten (Streek 2013, S. 149). Veränderung sei durch analytische Psychotherapie nicht an spezifische Momente gebunden, sondern ist ein Produkt des fortlaufenden, von Patient und Therapeut gemeinsam hervorgebrachten therapeutischen Prozesses selbst, der an ihre gemeinsame implizite Beziehung gebun- 5.3 Implizites Wissen und explizites Wissen 196 den sei. Wenn es Patient und Therapeut gelinge, im Schritt-für-Schritt- Voranschreiten ihres Zusammenseins unvermeidliche Brüche zu reparieren, sich implizit immer wieder über eine gemeinsame Richtung zu verständigen, in die sich ihr Zusammensein bewegt, und sich zunehmend aufeinander abzustimmen, werde es möglich, dass auch affektiv aufgeladene und schwierige Erfahrungen in die therapeutische Beziehung integriert und damit für den Patienten „beziehungsfähig“ („relationable“; Stern u. a. 2012, S. 211) werden können (Streek 2013, S. 150). Auch wenn erfahrene Ärzte Diagnosen oft mit großer Zuverlässigkeit stellen können, ohne dass sie in der Lage wären, ausdrücklich zu sagen, wie sie dabei vorgehen und auf welche Regeln sie sich beziehen, stützen sie sich auf implizites Wissen. Das Beispiel macht deutlich, dass implizites Wissen in hohem Maß erfahrungsabhängig ist (Streek 2013, S. 150). Ähnliche Phänomenologien finden sich auch in anderen Berufen, z. B. bei Lehrern. Georg Hans Neuweg hat sich in zahlreichen Publikationen (z. B. Neuweg 1999, Neuweg 2015a und Neuweg 2015b) mit den Gegebenheiten und Konsequenzen von implizitem Wissen – er verwendet den Begriff des impliziten Beziehungswissens nicht – für den Lehrerberuf und die Lehrerausbildung auseinandergesetzt. Seine Schlussfolgerungen vor allem für die Lehrerausbildung bieten für die Ausbildung von Fachkräften von Sozialer Arbeit nichts spektakulär Neues (Neuweg 2015b, S. 209ff). Interessant für die hier aufgeworfenen Fragestellungen ist vielmehr, dass sich die Fragen nach dem Verhältnis von Wissen und Können auch für diese Berufsgruppe finden lassen, einschließlich der entsprechenden fachlichen Kontroversen. Die Einordnung der Interviewergebnisse in den größeren Kontext zeigt, die Soziale Arbeit ist in guter Gesellschaft. Das, was auch in ihrem Fall oft als das „Schweigen der Könner“ bezeichnet werden kann, ist offenbar ein Phänomenbereich, der sich auch in anderen anwendungsbezogenen Berufsfeldern, auch in helfenden Berufen, findet. 5. Synthese 197 5.4 Zur Sozialen Dimension Das Schweigen der hier interviewten Könner, IP1, IP3 und IP5, reiht sich somit in größere Zusammenhänge ein und ist weder als ein individuelles Versagen der konkreten Personen noch als ein wie auch immer herleitbares Versagen ihres Berufsstandes zu interpretieren. Bringt man dies mit der Forderung in Verbindung wonach Fachkräfte der Sozialen Arbeit ihre Tätigkeiten sichtbarer machen und ihre Konzepte und Kompetenzen vermehrt in die fachliche Diskussion einbringen sollten (Rometsch 2012, S. 152), so könnten sich einige Probleme ergeben, die aber eher praktischer, als grundsätzlicher Natur sind. Veränderungen beginnen mit dem Reden darüber. Gemeinsame Worte, gemeinsame Begriffe wären hier sicher ein verheißungsvoller Anfang. 5.4 Zur Sozialen Dimension In allen drei Interviews findet sich, die soziale Dimension des Reha- Prozesses und damit eine originäre Zuständigkeit des eigenen Berufsstandes wird nicht formuliert und kann deshalb nicht gewürdigt werden. Sie gehört offensichtlich zum impliziten Wissen, was für die Selbstdarstellung der Tätigkeiten der eigenen Berufsgruppe sicher nicht förderlich ist. Einen Überblick dazu, was alles zur sozialen Dimension gehören kann, findet sich u. a. bei Cornelia Rüegger (2011). Hierzu zählen z. B. die Bereiche der Versorgung mit Wohnraum, Integration in oder Zugang zu dem System der Erwerbstätigkeit (einschließlich der hiermit in Zusammenhang stehenden schulischen und/oder beruflichen Ausbildung), der soziale Nahbereich wie Partnerschafts-, Eltern- oder Familienbeziehungen, Beziehungen zu informellen Netzwerken und vieles anderes mehr. Vor diesem Hintergrund kann man die Soziale Arbeit, die durch die InterviewpartnerInnen geleistet wird in – Anlehnung an Pauls (2013, S. 17) – auffassen als einen integrierten 198 professionellen Ansatz zur Verbesserung der psycho-sozialen Passung zwischen Klient bzw. Klientensystem und Umwelt. Die (klinische) Sozialarbeit ist demnach spezialisiert auf beratende und behandelnde Soziale Arbeit in den Feldern des Sozial- und Gesundheitswesens. Es ist von einer hohen Relevanz einerseits und einem andererseits faktisch wenig entwickelten Status einer professionellen Sozialen Arbeit andererseits im gesamten Gesundheitswesen im Allgemeinen, im Bereich der Suchtkrankenhilfe im Besonderen, auszugehen. Entsprechende Befunde und Überlegungen wurden u. a. von Sommerfeld u. a. (2016) für die Soziale Arbeit in der Psychiatrie herausgearbeitet. Auf das, was auf die hier thematische ambulante Suchtkrankenhilfe übertragbar erscheint, soll im Folgenden kurz eingegangen werden. Sommerfeld u. a. haben zunächst auf der Basis von qualitativen Daten herausgearbeitet, dass von den in den Fall involvierten Professionellen jeglicher Provenienz die soziale Dynamik der betroffenen PatientInnen so gut wie gar nicht perzipiert wird. Die soziale Dimension wird demnach in ihrem Zusammenhang zur Problematik der aktuellen Lebensführung und zur Genese der psychischen Erkrankung nicht wahrgenommen und dementsprechend auch nicht, bzw. allenfalls bruchstückhaft, bearbeitet. Die AutorInnen sehen darin eine „Unterbelichtung der sozialen Dimension“ (Sommerfeld u. a. 2016, S. 6). Zu dem Gesamtbild gehört, dass die soziale Dimension zwar von allen Befragten als extrem wichtig angesehen wird, dies aber kaum Konsequenzen für die medizinischen Hilfeinstitutionen hat, weil niemand Genaueres dazu sagen kann und die soziale Dimension daher mit Kategorien wie „Sozialversicherung“, „betreutes Wohnen“ oder generell „Anschlusslösungen“ etc., abgegolten wird (ebenda). Die AutorInnen resümieren, dass in der Forschungsliteratur die Behandlung der sozialen Dimension praktisch nicht vorkommt (ebenda). So gebe es keine explizite Ideen zu Inklusionsaufträgen und -funktionen von Sozialer Arbeit. 5. Synthese 199 Dies erscheint umso überraschender, da die soziale Dimension einen erheblichen Einfluss auf den Verlauf von psychischen Krankheiten hat – und die Krankheit Sucht kann auch als psychische Erkrankung aufgefasst werden. Der hohe Stellenwert der sozialen Dimension wird von der sozialepidemiologischen Forschung massiv betont. Die psychischen und die sozialen Prozesse sind aufs engste miteinander verzahnt, so dass von einer „strukturellen Koppelung“, also von einer gegenseitigen Bedingtheit der sozialen und psychischen Prozesse, auszugehen ist (Sommerfeld u. a. 2016, S. 7, für weitere Belege der These siehe ebenda). Andererseits ist die soziale Dimension im Hinblick auf psychische Erkrankungen nicht nur als ein Ursachenbündel zu verstehen, sondern eine psychische Erkrankung wirkt sich fast immer auf alle Bereiche der Lebensführung eines Menschen aus und führt nicht selten in die Armut und in die Randbereiche der Gesellschaft (ebenda S. 8). Doch nicht nur die direkt Erkrankten werden beeinträchtigt. Es zeigen sich soziale Auswirkungen im Umfeld der Betroffenen in Form von familiären Belastungen, insbesondere bei Kindern psychisch Kranker, Erwerbsausfall, Gewalthandlungen, Wohnungslosigkeit u. a. m. Es liegt also eine zirkuläre Bedingungskonstellation vor: Soziale Faktoren sind maßgebliche Faktoren für psychische Krankheiten und diese wiederum sind häufig Ursache für gesellschaftliche Ausschlussprozesse, die sich wiederum auf den Verlauf der psychischen Krankheit und die Lebenssituation der Erkrankten auswirken. Letztere fallen traditionell in das Aufgabengebiet der Sozialen Arbeit (ebenda S. 8). Auch die Weltgesundheitsorganisation trägt der Bedeutung der sozialen Dimension mit dem „bio-psycho-sozialen Modell von Krankheit und Gesundheit“ seit langem auf einer übergeordneten Ebene Rechnung. Niemand bestreitet die Bedeutung der sozialen Dimension. Alle sind sich einig, dass es sich hierbei um ein bedeutsames Ursachenbündel handele. Damit sollte die (potenzielle) Rele- 5.4 Zur Sozialen Dimension 200 vanz der Sozialen Arbeit für diesen Bereich bereits hinreichend deutlich geworden sein (ebenda S. 8). Und die oben vorgestellten Befunde lassen sich ganz sicher auch auf das System der suchtbezogenen Hilfen, und hier die Beratungsstellen in denen die Befragten arbeiten, übertragen. Zu dieser relevanten Rolle und Funktion bei einem Rehabilitationsprozess von der Krankheit Sucht steht die als defensiv zu charakterisierende Haltung der InterviewpartnerInnen in einem eigentümlichen Kontrast. Am pointiertesten bringt dies IP1 zum Ausdruck, wenn sie ihre Tätigkeit als in einer „Übergangsgeschichte“ stattfindend vorstellt. Damit manifestiert sich die Übernahme einer von außen kommenden Einteilung des gesamten Prozesses der Rehabilitation von der Krankheit Sucht und ihren Folgen in ein „Eigentliches“ und in ein „Un-Eigentliches“. Zu letzterem gehöre die Soziale Arbeit („Übergangsgeschichte“ eben). Zu der Einteilung tritt noch eine Hierarchisierung. Die Therapie gilt implizit als etwas Höherwertiges, die Vorbereitung hierzu und die Nachsorge danach werden als Hilfevollzüge mit niedrigerem Status etikettiert. Die Unangemessenheit dieser Hierarchisierung kann man sich mit einem Gedankenexperiment verdeutlichen: Was geschähe, wenn das vermeintliche Höherwertige (Therapie) ohne die als herabgesetzt markierten Leistungen auskommen müsste? In Analogie der Befunde von Sommerfeld u. a. (2016) ist davon auszugehen, dass der Therapieerfolg wahrscheinlich mit dem Verlassen des Geländes der Fachklinik enden würde. Das angestrebte Ziel, die Abstinenz, würde verfehlt werden. Viel mehr Erfolgsaussichten wird der Gesamtprozess der Rehabilitation haben, wenn auch die Vermittlung und die Nachsorge fachlich angemessen ausgeübt werden. Insofern repräsentieren die Funktionen und Tätigkeiten der interviewten Fachkräfte relevante Ermöglichungsfaktoren für einen erfolgreichen Gesamtprozess und keine „quantité negligeable“ hierzu. Dies wurde auch schon lange davor vom Bundessozialgericht so gesehen, s. o. Dafür gibt es 5. Synthese 201 aber an keiner Stelle eine erkennbare Sensibilität auf Seiten der Interviewten. Dies ist somit begründungsbedürftig. Als ein erster Erklärungsversuch soll hier kurz das erläutert werden, was schon an anderer Stelle mit dem Neologismus „Burakumin- Syndrom“ bezeichnet wurde. Namensgeber ist eine soziale Gruppe, die in Japan relativ randständig leben musste und das gegen ihren Willen. Auf die ethnologischen Forschungen zu dieser Gruppe wird von Norbert Elias und John Scotson in ihrer Gemeindestudie verwiesen, die in den 1960er Jahren veröffentlicht wurde (deutsch: „Etablierte und Außenseiter“ von 1993, S. 24ff und S. 32f). Untersuchungsgegenstand der Studie waren zwei in einem Vorort einer Industriestadt Mittelenglands lebenden Gruppen, die sich hinsichtlich der soziodemographischen Merkmale (weiße englische Arbeiterschaft) ähnelten und sich nur hinsichtlich eines Merkmals unterschieden, der Wohndauer in dem Ort. Hierdurch konnte die eine Gruppe (Gruppe A) deutlich mehr an Machtressourcen aufbauen als die Angehörigen der anderen Gruppe (Gruppe B). Diese Machtressourcen wurden eingesetzt, u. a. zeigten sie sich in zahlreichen Praktiken von sozialer Diskriminierung und sozialem Ausschluss. Elias und Scotson zeigen auf, dass diese Praxis, die durch nahezu alle Angehörigen der Gruppe A gutgehei- ßen und getragen wurde, Folgen hatte für die Angehörigen beider Gruppen. Auf die Folgen, die dies für die Angehörigen der Gruppe A hatte, soll hier nicht eingegangen werden. Eine Folge für die Angehörigen der Gruppe B war, dass eine Reihe von ihnen die stigmatisierenden Zuschreibungen (in deren Kern ging es darin, dass die Tugendhaftigkeit pauschal abgesprochen wurde, die sich z. B. im Fleiß und in Sauberkeit zeigen solle) zu übernehmen begannen. Sie erkannten die Berechtigung der Zuschreibung eines inferioren Status an. Wichtiges Medium war dabei, überlegenen Machtmechanismen ausgesetzt gewesen zu sein. 5.4 Zur Sozialen Dimension 202 Eine ähnliche Bereitschaft beschreiben Elias und Scotson für die Gruppe der Burakumin in Japan. Auch sie erkennen die negativen Zuschreibungen durch Angehörige der Mehrheitsgesellschaft ihnen gegenüber an. Solche Mechanismen wurden an anderer Stelle als Identifikation mit dem Angreifer beschrieben, z. B. durch Anna Freud (1994) oder auch als „Stockholm-Syndrom“ bezeichnet. Und eine ähnliche Haltung lässt sich in den Selbstdarstellungen der drei Fachkräfte rekonstruieren. Der substantielle Beitrag, den die eigene Institution und die eigene Berufsgruppe zu einem gelingenden Rehabilitationsprozess leisten kann, wird zu einer „Übergangsgeschichte“ umdeklariert und nicht als zentrale Ermöglichungsressource für den gelingenden Reha-Prozess in seiner Gesamtheit gewürdigt. Die Zuschreibungen von mächtigen hegemonialen Akteuren sind offenbar nicht ohne Wirkung geblieben. 5.5 Interventionen Auch die eigenen Tätigkeiten, die eigenen Interventionen finden in allen Interviews keine explizite Benennung, oder wenn, dann nur umgangssprachlich. Dies obwohl alle Fachkräfte verschiedene methodische Weiterbildungen erfolgreich absolviert haben. Werden Interventionen genannt, dann erfolgt dies eher abgrenzend (z. B. nicht konfrontativ) und negativ formuliert. Im Lichte der Überlegungen zu implizitem Wissen und implizitem Beziehungswissen erscheint dies allerdings nachvollziehbar. Gleiches gilt für ein Fallverstehen (z. B. nach B. Müller) als Grundlage und Voraussetzung von Interventionen. Auch dies ist wieder nur implizit erkennbar, wird nicht expliziert. Auch findet sich in der Selbstdarstellung aller interviewten Fachkräfte kaum eine Würdigung dazu, dass die Wahrnehmung der Vermittlungsfunktion der Institution, in der sie arbeiten, alles 5. Synthese 203 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz andere als eine triviale Aufgabe ist. Dass eine Vermittlung in weiterführende Hilfen zustande kommt, dies ist ein sehr fragiler, ergebnisoffener Prozess, der einerseits leicht scheitern kann, der andererseits, will er erfolgreich enden, von den Fachkräften ein hohes Maß an sehr unterschiedlichen Kompetenzen abverlangt. 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz gegenüber den Ambivalenten In den drei Interviews zeigte sich eine große Heterogenität bei der Beschreibung der KlientInnen hinsichtlich ihrer Positionierung im sozialen Raum. So wird zum einen die Einschätzung vorgestellt, sie bewegen sich innerhalb eines Korridors des Üblichen und Normalen (was immer darunter verstanden werden kann). Zum anderen sei eine Tendenz erkennbar, wonach ein großer Teil von ihnen von Arbeitslosigkeit betroffen oder bedroht sei und wiederum einer anderen Gruppe soziale Isolation oder Marginalisierung drohe oder diese sich schon realisiert habe. Ebenfalls findet sich eine große Heterogenität bei den von den Fachkräften berichteten Motiven, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Hier zeichnet sich ab zunächst von zwei Gruppen auszugehen: Auf der einen Seite die sogenannten Motivierten, für die es für die Fachkräfte ein erkennbares eigenes Motiv gibt, die gegenwärtige Praxis des Konsums von psychotropen Substanzen zu reflektieren und sich Hilfe anzuvertrauen, wenn das eigene Konsummuster als „problematisch“ eingeschätzt wird. Dieser Gruppe stehen die Zwangs-Geschickten gegenüber, eine Gruppe, die nach Aussage der Interviewten eher wenig an eigener Motivation zur Veränderung zu erkennen gibt und als Grund für das Aufsuchen einer Beratungsstelle eine sanktionsbewehrte Aufforderung von anderen Institutionen, z. B. den Job-Cen- 204 tern, gem. den Leistungen von SGB II, benennt. Diese Gruppe zeige mehr oder weniger viel an Ambivalenz zu und Widerstand gegen eine mögliche Veränderung. Zu dem gebotenen fachlichen Umgang mit dieser zweiten Gruppe zeigen sich große Unterschiede in den geäu- ßerten Haltungen der drei Fachkräfte. IP3 betont die Notwendigkeit, auch diese Menschen dort abzuholen, wo sie stehen, sie zu begleiten, im Sinne einer Suchtbegleitung. IP1 scheint dieser Haltung oder dieser Option nicht grundsätzlich ablehnend gegenüber zu stehen. In ihrer Darstellung der Tätigkeiten und Aufgaben der Suchtberatungsstelle stellt sie aber die Aufgaben von Informationsvermittlung und Beratung, Motivierung und abschließender Vermittlung in weiterführende Hilfen in den Mittelpunkt, Suchtbegleitung wird gar nicht erwähnt oder als eine Zeitspanne begriffen, die nur wenige Woche dauere. Sie betont demgegenüber, man wolle die Betroffenen einladen, man wolle ihnen verschiedene Türen zeigen, durch die sie gehen können. Für sie liegen hinter diesen Türen aber immer abstinenzorientierte Maßnahmen. Dass zur Erreichung der Türen vielleicht auch Suchtbegleitung angezeigt sein könnte, dies wird so nicht dargestellt. Die Tätigkeit der Suchtbegleitung wird von ihr vielmehr als eine Ausnahme, denn eine Regel markiert. Eine weitere Variante stellen die geäußerten Vorgehensweisen von IP5 dar. Er scheint die Strategie der schnellen Vermittlung zu verfolgen, vielleicht verfolgen zu müssen. Dies wird im Interview leider nicht deutlich herausgearbeitet. Er scheint eine subjektive Konzeptualisierung entwickelt zu haben, wonach jedem neuen Klient, jeder neuen Klientin eine gewisse Anzahl von Gesprächen zugebilligt wird. Der Umfang wird von ihm mit 4 Gesprächen beziffert. Danach habe das Gegenüber eine Entscheidung für oder gegen weiterführende Maßnahmen zu treffen. Ihm für seinen Teil genüge diese Anzahl von Gesprächen um sich „ein Bild“ zu machen, das es ihm ermögliche zu entscheiden, welche Maßnahme hier indiziert sei. Was auf keinen Fall 5. Synthese 205 indiziert sein kann, dies sind weitere Gespräche, aufgrund der Ambivalenz des Gegenübers. Hier deutet sich ein gewisser Schematismus im Vorgehen an, der der Logik des Fallverstehens widerspricht. Ob dieses Vorgehen der Rehabilitation der KlientInnen, wie auch immer hergestellt, dient, daran sollen hier Zweifel angemeldet werden. Das Material gibt leider keine näheren Auskünfte darüber was IP5 hierzu motiviert haben mag, da er zu erkennen gibt, zu früheren Zeiten eine andere Praxis verfolgt zu haben. Zudem gibt er ausdrücklich zu erkennen, dass auch er Suchtbegleitung (oder problemorientierte Beratung) praktiziert. Die Diskrepanz zu seiner Vier-Gespräche- Strategie wird aber im Interview nicht explizit aufgenommen. Ob die Ressourcenrestriktionen, denen seine Einrichtung ausgesetzt ist, hier eine Rolle spielen, und er entsprechende Imperative von seiner Leitungsebene übernimmt und gutheißt um innere Dissonanzen zu vermeiden, dies muss hier ungeklärt bleiben. Gleicht man dieses Zwischenresultat mit neueren fachlichen Orientierungen zur Versorgung von Menschen mit substanzbezogenen Problemen ab, wie sie z. B. von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen formuliert wurden (Böhl u. a. 2010) so ergibt sich zunächst folgendes Bild: Das ethische und sozialpolitische Gebot, wonach die Durchführung von Hilfemaßnahmen möglichst auf die Bedürfnisse und Ressourcen der bzw. des Betroffenen abzustimmen seien, ist weitgehend anerkannt. Der „autonome Klient“, der selbst darüber entscheide, was sie oder er zur Wiederherstellung der Gesundheit oder zur Teilhabe am sozialen und beruflichen Leben brauche, sei zu einer wichtigen Leitfigur der sozialpolitischen Diskussion geworden und finde zunehmend Eingang in die Gesetzgebung. Ein besonders deutliches Beispiel sei die Einführung des persönlichen Budgets in der medizinischen Rehabilitation (gem. § 17 SGB IX), so die Autoren (ebenda, S. 3). Es wird geschlussfolgert, die individuelle Hilfeplanung und die Intervention haben also zunächst einmal ganz eindeutig beim Bedarf 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz 206 eines Betroffenen anzusetzen und nicht beim Leistungsangebot eines Versorgungssystems (ebenda). Gemeinsam mit den Klientinnen und Klienten müssen die Leistungserbringer die Möglichkeit haben, die Indikation für das jeweilige Hilfemodul zu erstellen und einzuleiten (Böhl u. a. 2010, S.12). Diese Ausrichtung am Bedarf der KlientInnen steht nun in einer eigentümlichen Diskrepanz zu den vor allem von IP1 und IP5 geschilderten Praktiken und Vorstellungen zur Auftragswahrnehmung und Aufgabendurchführung. Sieht man von individuellen Gegebenheiten und Abweichungen der beiden Fachkräfte ab, so ist der Blick auf das gerichtet, was im sozialen Feld der ambulanten Suchtkrankenhilfe, hier der Suchtberatungsstelle, die Herausbildung einer entsprechenden Haltung, eines entsprechenden Habitus und einer korrespondierenden Praxis begünstigen könnte. Anders gefragt, was begünstigt strukturell die hier identifizierbare Ambivalenz gegenüber der Praxis einer Suchtbegleitung (oder problemorientierten Beratung)? Die Interviewauswertung legt es nahe von vier Faktorenbündeln auszugehen, die selbst wiederum als untereinander interagierend einzuschätzen sind: Sie lauten: • Strukturelle Verantwortungslosigkeit: Budgetorientierung als Charakteristikum der deutschen Hilfelandschaft, • Unklarer Auftrag, • Die Notwendigkeit dokumentierbarer Erfolge zwecks Legitimation, • Individuelle Wahrnehmung von Ermessensspielräumen durch Fachkräfte. Sie werden im Folgenden kurz vorgestellt: 5. Synthese 207 Strukturelle Verantwortungslosigkeit: Budgetorientierung als Charakteristikum der deutschen Hilfelandschaft Als eine zentrale Rahmenbedingung für die beschriebenen Zustände ist die für die Finanzierung von personenbezogenen Dienstleistungen vorfindbare Budgetorientierung in der deutschen Sozialpolitik zu sehen (Heintze 2013, S. 364), zumal wenn es sich um Leistungen der sogenannten dritten Säule, Leistungen nach der Logik der Fürsorge, handelt. So ist für personenbezogene soziale Dienstleistungen nur in wenigen Bereichen eine Bedarfsorientierung vorgesehen, d. h. eine Orientierung des Umfangs der vorgehaltenen Hilfen an den Bedarfen der AdressatInnen. Eine entsprechende Bedarfsplanung sieht nur das SGB VIII, § 80, vor. In Deutschland dominiert hingegen die Budgetorientierung. Dies bedeutet, der Umfang, die Qualität und die Reichweite (in Dichteziffern pro 100.000 Einwohner gemessen) wird in der Regel nicht nach fachlichen Überlegungen und fachlichen Kriterien festgelegt, sondern nach rein budgetären Gegebenheiten. Fachfremde Akteure wie Kämmerer (kommunale Ebene) oder Finanzminister (Bundes- und Landesebene) legen eine bestimmte Haushaltssumme fest. Diese muss dann irgendwie verteilt und vorgehalten werden (Heintze 2013, S. 364). Dies ist in anderen Ländern, den skandinavischen Ländern, anders. Hier steht die Festlegung der Strukturqualität, wozu auch der Stand von methodischen Weiterbildungen zu zählen ist, für die Festlegung der Bedarfsermittlung am Anfang. Für die Festlegung der Strukturqualität sind wissenschaftliche Empfehlungen die Richtschnur. Ausgehend von einer so definierten Bedarfslage bei Zielgruppen wird der Bedarf, z. B. der Stundenaufwand einschließlich Finanzaufwand ermittelt. Dem schließen sich Überlegungen zur Finanzierung an (ebenda, S. 363f). Eine sich auch in den Interviews zeigende Folge dieser Budgetorientierung in Deutschland ist, strukturelle Aspekte werden personalisiert. Eine Manifestation davon ist, dass der Aspekt nach den Anforderun- 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz 208 gen an das Kompetenzprofil der Fachkräfte an diese in individualisierter Weise wegdelegiert wurde. Alle Befragten absolvierten methodische Weiterbildungen, z. T. mehrere. Die Auswertung der Interviews ergab, dass dies auf die Initiative der Fachkräfte hin geschah. Eine Verantwortung für die Tätigkeit von methodisch angemessen ausgebildeten Fachkräften lag so nicht mehr beim Arbeitgeber der Fachkräfte (Träger, Einrichtung) oder seinen Geldgebern (Kommunen, Länder), sondern bei den Fachkräften selbst. Die Folgen für die Beteiligten und Betroffenen werden hingenommen. Unklarer Auftrag Eingangs der Analyse wurde eine Einschätzung und eine Aufforderung an die Fachkräfte der Sozialen Arbeit vorgestellt. Um die Expertise der Sozialen Arbeit klarer herauszustellen sei es notwendig, „dass Sozialarbeiter ihre Tätigkeiten, sichtbarer machen und ihre Konzepte und Kompetenzen vermehrt in die fachliche Diskussion einbringen“ (Rometsch 2012, S. 152). Verbindet man hiermit die später vorgestellten Spezifika des Feldes, wonach innerhalb einer Rahmung eine relative Unbestimmtheit hinsichtlich der Auftragsdurchführung besteht, die als eine relative Unbestimmtheit über die Art und den Umfangs der Auftragserfüllung begriffen werden kann, dann ist der Auftrag somit als relativ mehrdeutig zu charakterisieren. Wenn der Auftrag eher mehrdeutig ist, dann werden es auch die Ziele und mit ihnen die Grade der Zielerreichung, oder des Erfolgs, sein. Vor diesem Hintergrund werden die Schwierigkeiten deutlich, der oben zitierten Aufforderung gerecht zu werden. Die im relevanten Umfeld der Fachkräfte vorfindbare Verantwortungsdelegation nimmt ihren Ausgang nicht nur im unklaren Profil hinsichtlich der Kenntnisse methodischer Fertigkeiten und der hierfür benennbaren Verantwortlichkeiten sondern auch in der verbindlichen Festle- 5. Synthese 209 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz gung der von der Institution zu erbringenden Leistungen, bzw. der an sie gerichteten Aufträge. Wie bereits erwähnt, als roter Faden durch alle drei Interviews zieht sich, dass die Suchtbegleitung offenbar fachlich sinnvoll ist oder sein kann und als eine wichtige Voraussetzung für ein gutes Ankommen in stationären therapeutischen Maßnahmen angesehen werden kann. Dies ist insofern äußerst bemerkenswert, als diese konzeptionell nicht vorgesehen oder festgeschrieben ist. Nimmt man als Maßstab die Selbstdarstellungen der Einrichtungen, so ist festzustellen, dass dieses Angebot der Suchtbegleitung nicht zu den Angeboten gehört, die in der Außendarstellung explizit präsentiert werden (auch nicht die „problemorientierte Beratung“, eine genaue Klärung könnte nur durch Einblick in die Leistungsverträge erfolgen). Es scheint so, als müssten die Einrichtungen dieses wichtige Angebot verstecken. Dies ist erklärungsbedürftig. Einen Ansatz zur Erklärung dürfte die Art der Finanzierung liefern. Wie bereits erwähnt, die Suchtberatungsstellen werden auf der Basis einer sogenannten Fehlbedarfsfinanzierung durch die zuständige Kommune und das zuständige Bundesland unterstützt. Diese sieht aber nur einen bestimmten budgetären Umfang vor, möglicherweise in Verbindung mit einer Bezifferung der Stellen in Vollzeitäquivalenten von Fachkräften, z. B. drei Stellen für sozialarbeiterische Fachkräfte. Eher unklar bleiben aber im Vergleich damit die Art der zu erbringenden Leistungen und ihr jeweiliger Umfang. Dies wird in den Leistungsverträgen geregelt werden, die aber nicht öffentlich sind. Es besteht für die einzelnen Leistungsarten aber keine gesetzliche Verpflichtung gegenüber einem öffentlichen Träger, weder für die Art noch den Umfang, noch besteht eine Verpflichtung, hier einen Bedarf auf KlientInnenseite zu ermitteln. Eine gänzlich andere Situation und Struktur liegt bei Leistungen gem. SGB VIII vor. Hier wird z. B. für die sogenannten erzieherischen Hilfen gem. §§ 27ff SGB VIII ein 210 Katalog verschiedener Leistungen aufgezählt, der zudem qua Gesetz umfänglich definiert wird. Dabei ist der im Gesetz benannte Leistungskatalog nicht abschließend, andere Leistungen könnten hinzutreten. Weiter werden die Leistungen aufgrund der gänzlich anderen Finanzierungsstruktur in diesem gesetzlichen Rahmen auch einzeln abgerechnet, z. B. als sogenannte Fachleistungsstunde oder als sogenanntes prospektives Entgelt (im stationären Bereich). Der Rahmen wird durch ein Bundesgesetz und die Ausführungsgesetze der Bundesländer definiert, es wird ein verantwortlicher öffentlicher Träger benannt, der in der Gesamtverantwortung der zu erbringenden Leistungen steht, wozu auch die Bedarfsermittlung auf Seiten der AdressatInnen und KlientInnen gehört. All diese verbindlichen strukturellen Rahmungen fehlen im Fall der ambulanten Suchtberatungsstellen. Es ist plausibel anzunehmen, dass die oben vorgestellten Einschätzungen der interviewten Fachkräfte, auch die identifizierbaren Ambivalenzen in den Selbstdarstellungen, hiermit korrespondieren. Die befragten Fachkräfte übernehmen Verantwortung, wenn auch in unterschiedlicher Art und in unterschiedlichem Umfang, für eine Aufgabe, die unter fachlichen Gesichtspunkten als sinnvoll einzuschätzen ist, wie z. B. die Leistung der Suchtbegleitung (oder problemorientierte Beratung), für die es aber keinen expliziten Auftrag gibt. Die Übernahme dieses Auftrags wird so in das Ermessen der einzelnen Fachkraft gestellt und von diesen fallweise entschieden, Strukturelles wird so individualisiert, analog zu der beruflichen Weiterbildung, siehe oben. Für diese Praxis gibt es bisher keinen Begriff. Es zeigen sich aber klare Hinweise darauf, dass es sich hier um Manifestationen von Problemkonstellationen handelt, die mit dem Konzept des Tripelmandats (vgl. Staub-Bernasconi 2007a, S. 199ff) zusammenhängen, bzw. durch dieses abgebildet werden können. Da die Bindung der Fachkräfte an fachliche Orientierungen, in der hier relevanten Form nicht offen darstellbar ist, läuft die Forderung, Soziale Arbeit 5. Synthese 211 möge ihre Tätigkeiten sichtbarer machen, ins Leere. Es ist davon auszugehen, dass das Zusammenwirken der benannten Faktoren unterschiedliche Dynamiken begünstigt. Die Notwendigkeit dokumentierbarer Erfolge zwecks Legitimation Es zeigt sich in allen Gesprächen bei den Themen Umgang mit Widerstand und Umgang mit einer ambivalenten Haltung auf Seiten der KlientInnen ein Zielkonflikt, der die Frage nach den Möglichkeiten des professionellen Handelns berührt. Im Kern geht es um die Frage, was an Suchtbegleitung bei ungewissen Erfolgsaussichten geleistet werden soll und kann, wenn von relevanten Akteuren des Umfelds als „Erfolg“ eine Vermittlung in weiterführende Hilfen angesehen wird. Diese Dokumentier- und Vorzeigbarkeit lässt sich für die Suchtbegleitung nicht in Ansatz bringen. Gleichwohl ist von einem Bedarf nach „Handfestem“ auszugehen. Damit wird scheinbar nachvollziehbar und auch vorzeigbar, was gearbeitet wurde, vor allem angesichts der Notwendigkeiten, sich legitimieren zu müssen effektiv gearbeitet zu haben. Zu fragen ist auch, sind die Fachkräfte nicht in einer Verführungssituation? Warum sollten sie große Energien in die Arbeit mit den Ambivalenten geben, wenn von offizieller Seite von ihnen Vermittlung gefordert und erwartet wird, sie mit den Abstinenzfähigen zwecks Vermittlung arbeiten sollen, und gleichzeitig von dieser Gruppe ausreichend viele erreicht und betreut werden? Die Arbeit mit ihnen verspricht dokumentierbare Erfolge. Die Reserve gegen- über einem Sich-Einlassen auf eine Suchtbegleitung seitens einer Fachkraft ist insoweit mehrfach determiniert. Zu der unklaren Auftragslage der Einrichtung, die Suchtbegleitung nicht ausdrücklich nennt, tritt eine Ressourcenausstattung, die nicht nur nicht bedarfsorientiert ist, sondern konkret in den letzten Jahren zur Disposition 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz 212 stand oder reduziert wurde (so bei IP5). Es geht somit um die Frage der Rationierung von Hilferessourcen. IP5 hat dafür für sich eine wahrscheinlich individuelle, wenn auch schematische, Umgangsweise gefunden. Insofern wird hier eine dilemmatische Konstellation deutlich, die zwischen „Sparzwang“ und fachlicher Autonomie liegt (vgl. Arnold 2015). In der Ambivalenz gegenüber den Ambivalenten, die den höchsten Hilfebedarf haben, spiegeln sich die Folgen der Budgetorientierung und der unklaren Rahmung, z. B. im Vergleich zu Leistungen gem. SGB VIII. Dies wird aber nicht benannt, wahrscheinlich ist es nicht bewusst. Dann wäre es in die Haltung, den fachlichen Habitus (im Sinne Bourdieus) der Fachkräfte eingegangen. Und dies ist sicher kein Alleinstellungsmerkmal von Sozialer Arbeit im Allgemeinen, Sozialer Arbeit in Suchtberatungsstellen im Besonderen. Individuelle Wahrnehmung von Ermessensspielräumen durch Fachkräfte In Hinblick auf die mäandrierende Art von IP3, über Suchtbegleitung zu sprechen (z. B. 00:03:27, 00:06:53 hier mit Verweis auf eher abweisende Praktiken bei einer anderen Beratungsstelle), so ist es naheliegend anzunehmen, das Angebot der Suchtbegleitung ist unter Fachkräften, in Teams im Feld umstritten. Einige Fachkräfte halten es wohl für sinnvoll und realisieren es in ihrer Tätigkeit – auch IP1 und IP5 berichten davon –, andere Fachkräfte stehen dem ablehnend gegen- über, wahrscheinlich bei einigen auch aus Eigeninteresse. Es bedeutet mehr Aufwand, mehr Arbeit mit schwierigeren Menschen, anstrengendere Arbeit bei der Gefahr hierfür wenig Anerkennung zu bekommen. Es deutet sich an, dass sich hier der Befund von Wirth (1982, S. 139) realisiert, wonach die Hilfesuchenden mit dem größten Hilfebedarf, das wären hier die Ambivalenten, die Widerständigen und Unmotivierten, die geringsten Chancen auf eine Realisierung der Hil- 5. Synthese 213 fe haben. Dies stellte für die Leitungsebene, die ja auch eine fachliche Verantwortung wahrnehmen sollte, die Frage, wie damit umgehen? Es ist plausibel anzunehmen Suchtbegleitung kann nicht par ordre du Mufti durchgesetzt werden, zumal diese ja nur die Ebene der mit den Geldgebern explizit ausgehandelten Leistungen, die „offiziellen Leistungen“ wie Informationsvermittlung, Motivation, Beratung, Vermittlung, umfassen könnte. Die Regiemacht im Inneren ist in dieser Hinsicht begrenzt. Es bleibt nur das Commitment zu einer bestimmten Haltung, einer bestimmten fachlichen Orientierung. Sie lässt sich bei den Fachkräften, die diese Orientierung befolgen und einhalten sollen, nicht durch von außen einwirkende Machtmittel gegen den Willen der Betroffenen durchsetzen. Das Commitment setzt Freiwilligkeit voraus, eine Selbstbindung der Fachkraft. Hiermit ist verbunden: Es ist die relative Autonomie in der Tätigkeitsdurchführung, über die die Fachkräfte in diesem Feld verfügen. Es ist die das Handlungsfeld konstituierende nicht vorhandene externe Kontrolle, die es nicht gibt und auch nicht geben darf. Insofern dürften die Fachkräfte jenseits der Selbstbindung durch keine Leitungsfachkraft steuerbar sein. 5.6 Das Unausgesprochene oder die Ambivalenz

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References

Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.