1. Einleitung in:

Thomas Arnold

Zwischen Fachlichkeit und Fremdbestimmung, page 1 - 6

Eine rekonstruktive Annäherung an Soziale Arbeit in Suchtberatungsstellen

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4453-7, ISBN online: 978-3-8288-7470-1, https://doi.org/10.5771/9783828874701-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Soziale Arbeit, vol. 5

Tectum, Baden-Baden
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1 1. Einleitung Die vorgelegte Untersuchung verfolgt zweierlei Ziele. Inhaltlich geht es zum einen um eine berufsgruppenbezogene Thematik. Anliegen der Untersuchung ist es, einen weiteren Beitrag zum Selbstverständnis von Fachkräften der Sozialen Arbeit vorzustellen, der die Verschränkung von objektiven Gegebenheiten eines sozialarbeiterischen Handlungsfelds mit den manifesten und latenten Handlungsdispositionen von beteiligten und betroffenen Fachkräften dieses Handlungsfeldes rekonstruktiv bestimmen will. Hierzu wird ein Bereich von Sozialer Arbeit exemplarisch näher betrachtet, um hieraus auf empirischer Basis vertiefende Erkenntnisse zu dieser Berufsgruppe zu gewinnen. Aus pragmatischen Gründen wurde die ambulante Suchtkrankenhilfe ausgewählt. Die Fachkräfte der Sozialen Arbeit stellen hier vom Fachpersonal weit über 70 % der Mitarbeitenden. Insofern kann davon ausgegangen werden, dass die dortigen Tätigkeiten und Aufgaben in der Arbeit mit den verschiedenen Zielgruppen, die die Institution der Suchtberatungsstelle hat, von relevanten gesellschaftlichen Akteuren als in hoher Weise kompatibel mit dem expliziten oder impliziten Kompetenzprofil von Fachkräften der Sozialen Arbeit erachtet werden. Dies manifestiert sich u. a. in den Stellenbeschreibungen der freien Träger der Wohlfahrtspflege aber auch in den komplementären Anforderungsprofilen von Geldgebern auf der Ebene der Kommunen und der Bundesländer sowie von ande- 2 1. Einleitung ren Beteiligten wie den Trägern der Gesetzlichen Rentenversicherungen. Dass die fachliche Tätigkeit in Suchtberatungsstellen überwiegend von Fachkräften der Sozialen Arbeit geleistet werden soll und somit ein Handlungsfeld der Angehörigen dieser Berufsgruppe darstellt, dies ist somit vielfach institutionell verankert. Eine Frage, der hier nachgegangen wird, ist, welche subjektiven Entsprechungen auf Seiten der Fachkräfte manifestieren sich zu diesen gesellschaftlichen Zuschreibungen? Im Mittelpunkt der Untersuchung stehen deshalb die Analysen, die geäußerten subjektiven Erfahrungen, fachlichen Haltungen und geäußerten Sichtweisen zur eigenen beruflichen Tätigkeit von Fachkräften der Sozialen Arbeit. Die hier betrachteten Hilfeangebote der Suchtberatungsstellen, soweit es sich nicht um ärztlich-medizinische Aufgabenfelder handelt, können in Deutschland auf eine relativ lange Geschichte zurückblicken. Beginnend mit den verschiedenen Abstinenzlervereinen fand Ende des 19. Anfang und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zusammen mit der sozialen Frage das Konzept von „Krankheit Alkoholismus“ zunehmend Resonanz (Nolte 2007, S. 52). Dazu gehörte, dass die Auswirkungen von einem wie auch immer definierten übermä- ßigen Alkoholkonsums nicht nur bei den Betroffenen selbst, sondern auch in ihrem Umfeld ausgemacht wurden. In der Folge wurden von Ehrenamtlichen Hilfen für die Betroffenen und ihre Familien organisiert, erste Beratungsstellen gegründet. Im Zuge des Bedarfs nach fachlicher Qualifizierung entwickelte sich über die Zeit die Verberuflichung der Tätigkeit. Fachkräfte waren zunächst staatliche FürsorgerInnen, später AbsolventInnen der Studiengänge für Soziale Arbeit (bzw. deren Vorläufer) an den neu gegründeten Fachhochschulen. Es entstanden die Suchtberatungsstellen, deren Angebot zunächst für Menschen mit „problematischem“ Alkoholkonsum gedacht war. Für die ab den 1970er Jahren 3 1. Einleitung hinzukommende Gruppe der KonsumentInnen illegaler Suchtmittel, hier zunächst vor allem Heroin, bedingt auch Cannabis, entwickelte sich ein eigenes ambulantes Hilfesystem (Schmid 2003). Diese Trennung der Arbeit in den Beratungsstellen nach legalen und illegalen Suchtmitteln hat bis heute Bestand. Parallel zum quantitativen Aufwuchs der Angebote der Suchtberatungsstellen mit dem Fokus der Tätigkeit auf den Gebrauch von sogenannten legalen Substanzen und der Weiterentwicklungen auf qualitativer Ebene, zum Beispiel um die aufsuchende Arbeit oder um Angebote der Primärprävention, differenzierte sich das Hilfesystem hier weiter aus, z. B. um therapeutische Angebote im engeren Sinne, die vorrangig von Trägern der Gesetzlichen Sozialversicherungen finanziert werden, oder um Angebote der Nachsorge. Bis heute waren und sind Fachkräfte der Sozialen Arbeit an allen Entwicklungsschritten der ambulanten Suchthilfe maßgeblich beteiligt und haben sie entscheidend mitgeprägt. Auch zu dieser Dimension stellt sich die Frage, der hier in Ansätzen nachgegangen werden soll, welchen Niederschlag findet dies bei den Fachkräften, die in diesem Feld tätig sind? Vor diesem Hintergrund ist es erstaunlich, dass für das Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit in der Ambulanten Suchthilfe zwar von den Fachverbänden (hier vor allem die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen – DHS – und der Fachverband Drogen und Rauschmittel – FDR –) ausformulierte Standards, bzw. Mindeststandards für die Arbeit in dieser Institution vorliegen. Wissenschaftliche Analysen sind hingegen aber nur begrenzt zu finden, sieht man von den Ausarbeitungen für die Arbeit mit KonsumentInnen von illegalen Suchtmitteln einmal ab. Zwar gibt es Aussagen zur Expertise der Sozialen Arbeit in der Suchthilfe wie: „Sie leisten insbesondere im ambulanten Bereich zentrale und wichtige Tätigkeiten“ (Klein 2012, S. 153). Worin genau diese Expertise der Sozialen Arbeit liege, und welche Tätigkei- 4 ten dazu gehören, bleibt aber im Impliziten und Unbenannten und damit letztlich unklar. Damit in dieser Hinsicht Klärungen erfolgen können, erscheint es als notwendig, „dass Sozialarbeiter ihre Tätigkeiten, sichtbarer machen und ihre Konzepte und Kompetenzen vermehrt in die fachliche Diskussion einbringen“ (Rometsch 2012, S. 152). Hierzu soll die vorliegende Analyse einen Beitrag leisten. Gegenstand ist wie bereits benannt eine Rekonstruktion der Gegebenheiten des Feldes im Spiegel der subjektiven Repräsentationen von Fachkräften der Sozialen Arbeit in der ambulanten Suchthilfe für Menschen, die mit dem „übermäßigen“ Konsum von Alkohol in Verbindung stehen, entweder als Konsumierende oder als betroffene Angehörige. Es soll hier der Frage nachgegangen werden, welche Aufgaben Sozialarbeiterinnen im Kontext ambulanter Suchthilfe subjektiv wahrnehmen und wie sie diese aus ihrer Sicht bearbeiten. Im weiteren Gang der Darstellung wird zunächst eine Kontextualisierung für die auszuwertenden Daten vorgenommen (Kap. 2). Dabei geht es um Klärungen zu den Konzeptualisierungen von „Sucht“ sowie zu „Sucht als Krankheit“. Ferner wird ein kurzer Abriss zur Stellung der Institution Suchtberatungsstelle im System der sozialen Sicherung vorgestellt. Es folgt die Darstellung des methodischen Vorgehens bei dem (qualitativen) Auswahlverfahren, der Datenerhebung und der Datenanalyse (Kap. 3). Es schließt sich der Teil an (Kap. 4), der die Analyse des Datenmaterials vorstellt. Dabei geht es um eine sequenzanalytische Auswertung der Interviews mit Fachkräften der ambulanten Suchtberatung. Die jeweiligen Interviewanalysen enden mit einem Fazit für das jeweilige Interview. Eine Synthese der Einzelergebnisse wird in Kap. 5 vorgestellt. Hier wird für die Untersuchungsfrage eine Antwort formuliert indem die Schnittmengen aus den drei ausgewerteten Quellen rekonstruiert und die Teilmengen benannt werden. Es werden Hypothesen formuliert, die begründete Annahmen über das Allgemeine im Besonderen des Datenmate- 1. Einleitung 5 rials, im Sinne einer Rekonstruktion von Mustern, umreißen. Weiter werden Konsequenzen für ein weiteres forscherisches Vorgehen skizziert, um die hier gefundenen Resultate, die nur den Status von ersten Zwischenergebnissen haben können, auf eine breitere empirische Basis zu stellen, und sie dabei bei Bedarf zu modifizieren, mit dem Ziel einer empirischen Sättigung näherzukommen. Die Auswertung der Interviews endet mit einem Fazit (Kap. 6). 1. Einleitung

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References

Abstract

In Germany, between 1.5 and 2 million people are considered alcohol dependent. The annual economic cost of this dependency is estimated at 40 billion Euros. The system of alcohol support services, meanwhile contains many different options. Alcohol advice centres play an important role in linking different assistance services within the rehabilitation process. Given this, what is the specific job of social workers within the framework of alcohol counselling? This analysis identifies the subjective perspective of social workers from the institutional background.

Zusammenfassung

In Deutschland haben zwischen 1,5 und 2 Millionen Menschen eine Abhängigkeit von Alkohol entwickelt, und zwischen 1,4 und 1,9 Millionen Menschen weisen einen sogenannten missbräuchlichen Konsum von alkoholischen Getränken auf. Die damit verbundenen jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten werden auf 40 Milliarden Euro beziffert.

Das Hilfesystem für die Rehabilitation von der Krankheit „Sucht“ ist inzwischen sehr ausdifferenziert. Suchtberatungsstellen nehmen zwischen den Teilsystemen eines Rehabilitationsprozesses eine wichtige Brückenfunktion ein. Ihre gesellschaftliche Bedeutung ist unbestritten, ihre Verbreitung, ihre Reichweite und ihre Ressourcenausstattung sind hingegen relativ unbestimmt.

Welche Aufgaben nehmen Fachkräfte der Sozialen Arbeit in diesem Rahmen und im Kontext des Aufgabenspektrums von Suchtberatungsstellen wahr? Gegenstand der vorliegenden Analyse sind die subjektiven Repräsentationen von Fachkräften im Spiegel der Gegebenheiten dieses Handlungsfeldes.