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6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts in:

Christiane Lemke, Amalia Sdroulia

Theater und Politik als Weg zur Integration, page 79 - 130

Ein Erfahrungsbericht

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4447-6, ISBN online: 978-3-8288-7464-0, https://doi.org/10.5771/9783828874640-79

Tectum, Baden-Baden
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Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts Wie die Ergebnisse des letzten Kapitels nahelegen, befördert Theaterspiel als Lehr- und Lernmethode in der politischen Bildung die Integration durch das Zusammenkommen und das gemeinsame Spiel von Menschen verschiedener Herkunft, Sprache und Kultur. Dabei werden auch persönliche Geschichten eingeflochten, wie es die biografische Methode des Theaters vorsieht. Durch diesen Ansatz ergibt sich eine nachhaltige Wirkung auf die politische Wissensvermittlung. Er ermöglicht ein tieferes Verständnis der politischen Wirklichkeit mittels Spaß, Kreativität und Ästhetisierung. Integration wird hier nicht auf die Migrant*innenrolle reduziert, sondern basiert vielmehr auf der Interaktion zwischen Einheimischen und Migrant*innen im wechselseitigen Kommunikationsprozess. Im Folgenden sollen auf Basis der durchgeführten Interviews mögliche Strategien der Migrant*innen und Geflüchteten sowie der deutschen Studierenden in ihrem Umgang mit Politik und Theater untersucht und es soll gefragt werden, wie dieses ihre Integration in Deutschland fördert und unterstützt. Dabei werden in den Einzelfallanalysen auch sozialisationsbedingte und sozialstrukturelle Einflussparameter zu benennen sein, die die Interviewpartner*innen mitbringen und die sich greifbar auf ihre Integrationsaktivität auswirken. Die Aussagen der Interviewten zum Umgang mit Politik und Theater stellen einen wichtigen Kristallisationspunkt für ihre spezifische Wahrnehmung der Wirklichkeit im Integrationsfeld dar. 6 79 Zwölf Fallbeispiele Die Interpretation verfolgt die Einzelfälle anhand des Interviewtextes entlang thematischer Dimensionen, die für diese Arbeit bedeutsam erscheinen: – politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme – positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten sowie Selbst- und Fremdwahrnehmung – Beziehung zum Theater und zur Politik Innerhalb dieses thematischen Orientierungsrahmens soll der Wirklichkeitskonstruktion, dem Situationswert und den Sichtweisen der Interviewten im Hinblick auf ihren Umgang mit den Integrationsanforderungen in Deutschland nachgegangen werden. Die zwölf interviewten Personen stellen verschiedene Charaktere mit mannigfachem Lebensumfeld dar. Sie repräsentieren ein breites Spektrum von der in das berufliche und familiäre Lebensumfeld eingebundenen Mutter über den Arbeitslosen bis hin zur als Single lebenden Studentin. Zudem spiegelt die Untersuchungsgruppe gemäß des Bildungsstandes und der beruflichen Situation ein Spektrum wieder, das von einer abgeschlossenen Berufsausbildung bis hin zum Hochschulstudium reicht. Wir beginnen die Einzelfallanalysen jeweils mit einer kurzen Beschreibung der Interviewsituation. Wo fand das Gespräch statt, wie lange dauerte es, wie war die Atmosphäre? Alle zwölf Einzelfälle werden dann entlang bestimmter Fragen ausgewertet. Hierzu zählen: – politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme: Wie politisch engagiert ist eine Person? Welche Einflüsse werden dabei als ausschlaggebend dargelegt? Welche Wichtigkeit wird der familiären Herkunft beigemessen? – Integration: Welche Erlebnisse haben zentralen Stellenwert für die Integration? Welche Konflikte werden erwähnt? Werden spezifische Erfahrungen als Migrant*innen oder Geflüchtete genannt? – Selbstbild, Selbstverständnis, Selbstdarstellung: Wird das eigene Zugewandertsein, Geflüchtetsein, Nichtdeutschsein thematisiert? Wie möchten Migrant*innen und Geflüchtete gesehen werden? Welche Ansprüche stellen sie? Welche Erfahrungen haben sie mit 6.1 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 80 dem Grundgesetz (Artikel 1 und 3) und mit Stereotypen und Vorurteilen? – persönliche Bilanz: Was motiviert die Person, sich in Deutschland zu integrieren oder sich mit der Integrationsproblematik zu beschäftigen? Bei der thematischen Ordnung der zu interpretierenden Textstellen eines Interviews ist entscheidend, welche Aspekte die Interviewten selbst für wichtig oder unwichtig halten und welche Akzentuierungen sie vornehmen. Bei der Interviewauswertung werden konkrete sozialisationsbedingte und sozialstrukturelle Einflussfaktoren berücksichtigt und zur Interpretation einige Schlussfolgerungen der Sozialisationsforschung herangezogen. Herr Sp5: „Wir müssen uns lieben. Das kommt zuerst. Wir sind alle Menschen“ Erst nach drei Telefonaten für eine Interviewvereinbarung sagte uns Herr Sp5 am Ende seine Bereitschaft zu, über alles zu reden, was in seinem Leben als Flüchtling aus Syrien vorgeht, was ihn nervt, was ihn zufriedenstellt und was ihm wichtig ist. Für ein Treffen, das an einem Nachmittag im Februar 2019 stattfand, wählte er seine Wohnung in Hannover. Er war auskunftsbereit, redete sehr flüssig und konkret, fast ohne Pause und mit vielen Beispielen. Seine Darstellung war von starker persönlicher Leidenschaft und emotionaler Beteiligung geprägt. Seine Ausführungen wurden als sehr aussagekräftig empfunden. Durch seine sehr anschaulichen Schilderungen stellte er eine offene, freundschaftliche Atmosphäre her. Insgesamt vermittelte er den Eindruck einer kämpferischen Persönlichkeit. Das Gespräch dauerte circa 40 Minuten; es verlief konzentriert und von der ersten Minute an war es deutlich, dass es sich um ein ergiebiges Interview handelte, weil Herr Sp5 ohne große Distanz und sehr offen sprach. 6.1.1 6.1 Zwölf Fallbeispiele 81 Das Leitmotiv: „Die Notwendigkeit der Liebe“ „Wir müssen uns lieben. Das kommt zuerst. Wie sind alle Menschen. Als Schauspieler kann ich sagen, wir können durch mein Fach als Schauspieler diese Politik ein bisschen verbessern. Den Leuten zeigen, was wir wollen. Also was wir für sie machen wollen. Und ich finde es gut, wenn wir Gleichheit weltweit haben. Das ist, ich finde es gut ohne Probleme auf dieser Erde zu leben. Also alle Probleme […] lösen. In Syrien, in der Türkei. Ich wünsche für alle Leute nur Frieden, ohne Hass, ohne Diskriminierung, ohne Benachteiligung.“ Dieser Absatz, in dem das Leitmotiv für Herrn Sp5s Verhältnis zur Politik und zum Theater abgebildet wird, stammt aus einer Interviewsequenz, die mit der Frage begann: „Was willst du über Politik und Theater am Schluss sagen?“ Die Passage ist für das Verhältnis zwischen seinem Selbst und der umgebenden Welt der Politik und des Theaters aufschlußreich. Mit der Formulierung „Wir müssen uns lieben. Das kommt zuerst. Wir sind alle Menschen“ akzentuiert er seine Einstellung, für ein friedliches Leben ohne Hass, Diskriminierung und Benachteiligung einzutreten. Das gesamte Gespräch offenbarte, dass Herr Sp5 Politik und Theater unter dem Leitmotiv der Liebe und Mitmenschlichkeit betrachtet. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme In den Schilderungen von Herrn Sp5 gibt es Hinweise auf die Beweggründe für sein politisches Engagement. Er teilt ganz persönliche Motive für sein Interesse an der Politik mit und leitet diese detailliert aus seiner Biografie und seinem familiären Hintergrund ab. Die Beweggründe sind stark an politischen Problemen und Krisen orientiert, die in der gesamten Welt und in Syrien existieren, woher Herr Sp5 kommt, sowie auch an politischer Macht und der Einmischung anderer Länder in Syrien. Darüberhinaus zeigt sich auch das Interesse an politischer Problemlösung: „[…] Ich spiele also mit im Projekt, weil alle unsere Probleme, unsere Krisen von Politik herkommen. […] Aber ich – also ich gucke immer die Nachrichten. Die Leute auf dieser Erde und alle Regierungen und alle Menschen funktionieren so, die Politik hat also die Macht. Also dieser Krieg in Syrien, in Libyen, im Irak, in Afghanistan, auch früher – in vie- 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 82 len, vielen Ländern gab es immer Probleme […] wegen der Politik. Und wenn ich für diese Probleme einen Schlüssel hätte, um sie zu lösen, das wäre – fände ich gut. […] Die Politik hat immer Interesse daran, also zum Beispiel was passiert bei uns in Syrien. Jeder hat eine Hand in diesem Land. Russland und Amerika und viele, viele, viele Länder also haben Macht in Syrien und haben Interesse an diesen Ländern.“ Sp5s Probleme mit der Politik basieren auf frühen Erfahrungen mit der Vergangenheit enger Familienmitglieder. Da sein Vater aktiv bei einer kurdischen Partei war und sein Onkel gegen Präsident Assad gekämpft hatte, durften beide nicht in Syrien bleiben. Sein Vater musste in den Libanon fliehen und sein Onkel wurde verhaftet. Im Vordergrund dieser Erzählungen im Interview stehen also seine selbst erlebten Probleme aufgrund politischer Entwicklungen. Sp5 wollte gern Theater mit politischem Bezug in Syrien spielen, aber er durfte dies nicht, da es, wie er erzählt, von der Regierung verboten war für kurdische Schauspieler, Theater zu spielen, und er deswegen von der Polizei gesucht wurde: „Ja, ich hatte schon Probleme. Also, ich war in Aleppo. Als ich in Aleppo Bankkaufmann studiert habe, wollte ich eigentlich ein Stück, ein Theaterstück, in Aleppo spielen. Und als die Religion, also die Regierung, gehört hatte, dass die Kurden ein Stück an der Uni spielen wollten, […] – ja, der kurdische Name, die Sprache, war überhaupt verboten. Also wenn du ein Theaterstück machst oder wenn du ein Lied auf kurdisch singst – der Name auf kurdisch ist verboten. Und danach […] suchte die Polizei nach den Leuten und mein Name war auf dieser Liste. Und deswegen habe ich 2011 Syrien verlassen. […] Ja, und mein Vater auch; mein Vater […] war im Libanon […]. Ja, er konnte zehn Jahre nicht nach Syrien zurückkommen, weil er bei einer Partei gearbeitet hatte. Ja, bei einer kurdischen Partei. Und sein Name war verboten und er durfte überhaupt nicht nach Syrien fahren. […] Mein Onkel wurde 2004 verhaftet, weil wir eine Revolution der Kurden, eine Revolution gegen Assad, gemacht haben. Und mein Onkel wurde verhaftet.“ Die politische Einstellung von Herrn Sp5 versteht sich also als durch die Familie bewusst gesetztes Gegengewicht gegen die Regierung in Syrien, die er im Hinblick auf seinen Vater und seinen Onkel als politisch belastend erlebte. Er beschäftigt sich seitdem mit politischen Themen und ist durch sein Denken und Handeln auf einer permanenten Suche nach besseren Lösungen für politische Probleme. Dabei wird auch deutlich, dass „Politik“ als Problem gesehen wird, nicht als Weg 6.1 Zwölf Fallbeispiele 83 zur Lösung von Problemen oder als Gestaltungskraft für die Gesellschaft. Das politische System in Deutschland ist für ihn neu und noch weitgehend unbekannt, ein Umstand, der das Ziel unseres Projekts, die politische Bildung zu fördern, bekräftigt. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Sp5 hält Integration für sehr wichtig. Die Gründe dafür erläutert er folgendermaßen: Das Kennenlernen der Deutschen, ihrer Kultur, des deutschen und europäischen Lebens zieht sich wie ein roter Faden durch seine Schilderungen über die Bedeutung von Integration. Es lohnt sich für ihn, gezielt Integration zu verfolgen, weil er damit offensichtlich Erfahrungen, Erlebnisse und Kontaktknüpfen verbindet, die für seine persönliche Entwicklung bestimmend sein können: „Also Integration ist sehr wichtig für mich, weil ich ein Ausländer bin und damit ich gut die Deutschen kennenlerne und die Kultur kennenlerne und das deutsche, also das europäische Leben. Also das ist sehr wichtig für mich. Und ich bin sehr zufrieden. […] Ja, ich würde gerne auch weitermachen. Also mit der Integration und mit unserem Projekt und weiter daran teilnehmen. Und ich finde es sehr wichtig, wenn ich – für mich, ja natürlich – wenn ich also weitermache, meine Erfahrung auch erweitere und die neue Kultur so kennenlerne. […] Also, als ich in Syrien war, kannte ich diese Integration nicht. Und ich wusste gar nicht, was Integration ist. Und als ich nach Deutschland gekommen bin, habe ich schon gewusst, was Integration ist. Wir können die Leute und die neue Kultur erkennen und mit den neuen Leuten Kontakte knüpfen. […] Und natürlich, – wie habe ich schon gesagt – ich bin schon mehr für diese Integration, also ich knüpfe neue Kontakte und das ist natürlich gut für mich, ja.“ Bezüglich des Artikels 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland8 vergleicht Sp5 die Situation zwischen Deutschland und Syrien und hält die Meinungsfreiheit und Gleichberechtigung der 8 Artikel 3 Absatz 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland garantiert die Gleichheit vor dem Gesetz, die Gleichberechtigung der Geschlechter und verbietet Diskriminierung und Bevorzugung aufgrund bestimmter Eigenschaften. Dieser Artikel war im Verlauf der Vermittlung politischen Grundwissens in der Theatergruppe ausführlicher besprochen worden. 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 84 Männer und Frauen für wichtig, da er in seiner Heimat Diskriminierung erlebt hatte: „[…] Ja, also ich finde es gut und ich respektiere dieses Gesetz, weil es das in unserer Heimat gar nicht so gab, also wir haben so Diskriminierung und vieles andere; wir haben schlimme Sachen erlebt. Aber hier […] gibt es Freiheit und wir dürfen unsere Meinung sagen und für die Geschlechter ist es sehr wichtig. Also die Männer und die Frauen sind so gleich, ja.“ Gemäß seiner Aussagen fühle er sich jedoch in Deutschland „viel“ diskriminiert, und zwar nicht von den Deutschen, sondern von „den Ausländern, den Türken und den Arabern und den Kurden“. Dies beschreibt er als „witzig“. Seinen Wunsch nach Gleichberechtigung verbindet er mit der Hoffnung, ohne Etikettierung bezüglich der Nationalität zu leben: „[…] Ich habe – also eine so witzige Sache wollte ich erzählen. In Deutschland habe ich mit den Deutschen […] gar nicht solche Diskriminierung erlebt oder Peinlichkeit und so, peinliche Situation erlebt. Also nur mit den Ausländern, den Türken und den Arabern und den Kurden und so was. Ich habe also viel Diskriminierung erlebt. Aber aus meiner Sicht finde ich – also es ist gut, wenn alle Menschen gleich sind und wir also einfach so leben, ohne Nationen, ohne ‚Du bist Kurde, du bist Araber, du bist Deutscher, du bist Franzose‘, ja.“ Sp5 zeigt beachtliche Bemühungen um Integration und persönliche Entwicklung durch das Kennenlernen der deutschen Kultur und des europäischen Lebens. Auch beschäftigt er sich mit Gleichberechtigung, Meinungs- und Religionsfreiheit und trotz seiner Diskriminierungserfahrung durch andere Migrant*innen und Geflüchtete scheint dies zu seiner Selbstverwirklichung beizutragen und er setzt sich bewußt damit auseinander. Beziehung zu Theater und Politik Sp5 schätzt den Stellenwert von Theater und Politik in seinem Leben als sehr hoch ein und passt dementsprechend sein privates Leben dem Theaterspielen an: „Das Theaterspiel ist ein Leben, mein Leben. […] Ja, ich liebe Theater. […] Als ich Kind war, habe ich immer ferngesehen. Und ich sah die Leute, wie sie spielen und miteinander reden konnten. Und mein Traum – also, 6.1 Zwölf Fallbeispiele 85 als ich Kind war, mein Traum war, ein Schauspieler zu werden. […] Ja, und seit Jahren bin ich immer mit Theater beschäftigt. Und ich fühle ein ganz anderes Gefühl, wenn ich die Gefühle anderen Leuten zeige. […] Wenn ich auf der Bühne bin und ich sehe direkt die Bühne, obwohl ich keine Idee und keine Szene habe, fühle ich mich so ganz frei auf der Bühne. […] Und sie reden über Freiheit. Und das gefällt mir echt. Also mir gefällt Freiheit, ich will Freiheit haben. Ich will Demokratie. Sie reden über Demokratie. Ich will mit den Leuten über Demokratie reden.“ Dieses Zitat zeigt, dass Theater derjenige Bereich ist, in dem er seine Freiheit, sein Selbst und sein Leben sucht. Gleichwohl misst er der Politik eine genauso wichtige Rolle zu wie dem Theater und betont, dass er mit den Leuten auf der Bühne über Demokratie sprechen möchte. Diese Priorität des Theaterspielens erscheint bemerkenswert. Aus seinen Schilderungen wird eines ganz deutlich: Sp5 setzt das Verhältnis von Theater und Politik sehr hoch an. Seine Politisierung ist durch das Schicksal seines Vaters und des Onkels wegen der politischen Lage in Syrien geprägt und auf der Bühne kann er Visionen und Charaktere ausleben, die ihn erfüllt haben und beschäftigen. Insofern ist seine Liebe zum Theater gepaart mit dem persönlichen und belastenden Erleben im Herkunftsland. Fazit: Das Bild einer kämpferischen Person um Gerechtigkeit Das Bild, das Herr Sp5 von sich zeichnet, umfasst viele Facetten. Diese reichen von anspruchsvollen Abgrenzungen gegenüber Benachteiligung, Hass, Diskriminierung bis hin zum groß angelegten Kampf für Frieden, Freiheit und Demokratie in der ganzen Welt. In seinem politischen Engagement durch Theater vermittelt Herr Sp5 damit insgesamt den Eindruck einer kämpferischen Persönlichkeit, die sich um ihre Selbstverwirklichung und die Integration in Deutschland kümmert. Gleichzeitig spielen Emotionalität, Gefühle und Liebe eine große Rolle in Herrn Sp5s eigenen Erklärungen für sein politisches Engagement. 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 86 Herr Sp4: „Wenn wir Moral haben, dann können wir bessere Sachen für unsere Welt und unser Land machen“ Erst nach einer Woche erhielten wir auf unsere Frage nach einem Interviewtermin eine positive Antwort von Herrn Sp4. Wir vereinbarten telefonisch Ort und Zeit für unser Gespräch; es fand an einem Vormittag im Februar 2019 in seinem Arbeitszimmer zu Hause in Hannover statt. Bei aller Seriosität, die Herr Sp4 ausstrahlte, wirkte er sehr herzlich, aufgeschlossen und spontan und redete anschaulich über sein Leben als Flüchtling aus dem Iran. Das Gespräch dauerte 45 Minuten. Er sprach sehr bestimmt und gab sich ausnehmend selbstsicher in seiner persönlich-politischen Haltung. Nach dem Abschalten des Tonbandgerätes bekundete Herr Sp4 ein gewisses Vergnügen am Gespräch, das ihm Gelegenheit zur Reflexion seines Lebens in Deutschland gegeben habe, wozu sich sonst selten die Möglichkeit ergebe. Das Leitmotiv: „Das Bedürfnis der Moral“ „Mein Ziel ist nicht, eine gute Arbeit zu haben, gutes Geld zu verdienen, sondern den anderen Menschen zu helfen. Nicht nur in meinem Heimatland; Nationalität ist für mich egal. Wie ich dir früher gesagt habe, ist die unterschiedliche Kultur wichtig, weil das sehr schön ist. Zum Beispiel aus der Türkei, aus Griechenland, aus Deutschland kommen viele unterschiedliche Kulturen. Dann kann man das genießen. Aber Nationalität ist egal. Die Grenze ist egal. Moral, Moral, Moral ist für mich wichtiger als andere Dinge. Wenn wir Moral haben, dann können wir bessere Sachen für unsere Welt und unser Land machen.“ Die ausgewählte Textstelle ist einer längeren Passage über das politische Engagement von Herrn Sp4 entnommen. Es geht in diesem Zusammenhang um die Frage, ob er früher oder jetzt politisch engagiert gewesen war oder ist. Wie thematisiert Herr Sp4 im Einzelnen diese Problematik, welche Aspekte stehen dabei für ihn im Vordergrund? Er gibt durch seine Äußerung zu erkennen, dass moralisch sein ein vertrautes Thema von großer Bedeutung für das Fortkommen in der Welt und im eigenen Land gewesen ist. Seine Positionierung als „Moralist“ in seinem Leben erklärt er aus seiner Überzeugung heraus, sich für die Menschen unabhängig von ihrer Nationalität zu engagieren und ihnen zu helfen. Hier wird die Ernsthaftigkeit betont, nicht „eine gute Arbeit“ oder „gutes Geld“ zu erwerben, sondern „Menschen zu helfen“. 6.1.2 6.1 Zwölf Fallbeispiele 87 Die hier gewählte Formulierung bezeugt über die Ernsthaftigkeit seines Anliegens hinaus die Selbstwahrnehmung von Herrn Sp4 oder zumindest die Art und Weise, in der er in seinem politischen Engagement wahrgenommen werden möchte. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Herr Sp4 sieht sein politisches Engagement als Folge der Auseinandersetzung mit dem Anarchismus einerseits und mit seiner politischen Kulturarbeit andererseits. Sein anarchistisches Denken erklärt er als eine Form von „Hippie-Leben“. Es ist rückblickend ein Beweggrund für sein politisches Engagement; heute jedoch betont er, dass er Anarchismus als „total falsch“ empfinde, da er „gefährlich“ sei, und er vergleicht die Entwicklung des Anarchismus in einer negativen Weise mit dem Sozialismus von Karl Marx und dem Kommunismus von Lenin und Stalin: „ […] Und den Anarchismus kennst du auch. Ich habe darüber viel zu viel gelernt und dazu; ich war zuerst ein Anarchist. Ich dachte immer, dass ich alles allein machen kann. Zum Beispiel ich klaue das Auto auf der Straße, der Schlüssel ist dabei und nichts ist drin. Niemand ist drin. Aber dann habe ich festgestellt, dass es total falsch ist – der Anarchismus muss weg. […] Der Anarchismus, der echte, die echte Ideologie – die Ideologie ist gefährlich. Die Ideologie muss einfach weg – hinter uns, hinter uns sein. Aber der Anarchist ist ein bisschen wie Hippie. Das hat sich ein bisschen entwickelt. […] Zum Beispiel wie Karl Marx gemacht hat – den Sozialismus. Die Theorie war zuerst sehr gut. Aber dann hat sich es entwickelt – dann Lenin und dann Stalin haben das wie Kommunismus gemacht.“ Das politische Engagement von Herrn Sp4 gilt vor allem der Kunst. Diese Akzentsetzung spiegelt sich in seiner Habitualisierung als Künstler deutlich wider, zumal er Künstler*innen ein „Idealismus-Leben“ zuschreibt. Seinen Mut und die Bereitschaft zur offenen Auseinandersetzung mit der Regierung und der Religion durch Kunst kann mithin als Abgrenzung vom gewöhnlichen politischen Verhalten der Menschen gesehen werden: „[…] Ja, aber weißt du, die Künstler denken ganz anders. Die Künstler wollen überhaupt nicht die Politik verstehen. […] Wir denken an eine 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 88 ganz andere Welt. Ein ideales, ein Idealismus-Leben und etwas ganz anders. […] Meiner Meinung nach ist es sehr schön, wenn wir – als Künstler – eine Beziehung zwischen Politik und Kunst, Kultur und Kunst und Politik – alles zusammen – bauen können. […] Das finde ich sehr gut. […] Durch die Kunst kann man alles machen […] gegen Religion, mit Religion, gegen Regierung, mit Regierung.“ Wie wir bisher erkennen konnten, lassen sich in den Ausführungen von Herrn Sp4 über seine politischen Einstellungen in seiner Sozialisation zwei Argumentationen unterscheiden: Einerseits spricht er davon, dass er Anarchist war, andererseits grenzt er sich stark davon ab und positioniert sich als Idealist und Künstler. Diese ambivalente Haltung zeigt seinen sozialpolitischen Anspruch, an eine ganz andere, künstlerische Welt zu denken und durch Kunst im Leben alles politisch zu gestalten. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Herr Sp4 äußert sich sehr positiv über Integration. Er spricht sehr deutlich davon, dass er dem Zurechtkommen der Nationen miteinander einen hohen Stellenwert für die Integration zuerkennt. Er fühle sich selbst sehr gut in Deutschland. Reflexion und Selbstbestätigung durch andere, wie Deutsche, Araber*innen, Pol*innen, Türk*innen und Menschen aus anderen Nationen, fände er also gleichermaßen in vielen persönlichen Treffen. Sie fungieren als Energiequelle: „[…] Integration für mich ist, wenn du mit anderen Leuten – egal aus welchen Ländern oder aus welcher Sprache oder aus welcher Nationalität – miteinander zurechtkommen kannst. […] Und wenn du mit anderen Leuten eine gute Beziehung hast, dann kannst du in eine neue Gesellschaft – oder deine Gesellschaft – gut integriert werden. […] Ja, seit drei Jahren bin ich in Deutschland und fühle […] mich sehr gut. Viele Leute sagen, dass die Deutschen vor den Ausländern – besonders südlichen Ländern – ganz zurückhaltend sind. Aber ich finde etwas ganz Anderes. Als ich in Berlin war, hatte ich eine große Beziehung mit Deutschen, Polen, Arabern, Türken und Menschen aus vielen Ländern. Und ich hatte kein Problem.“ Bei der Frage, welche Erfahrungen Herr Sp4 bezüglich des Artikels 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland mit dem 6.1 Zwölf Fallbeispiele 89 Gleichheitsrecht gesammelt hat, benennt er seinen eigenen Anspruch an Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen. Das damit bekundete Bedürfnis wird noch verstärkt durch den Vergleich mit der Ungerechtigkeit in der Behandlung der Geschlechter auf Kosten der Frauen wegen der islamischen Religion im Iran. Zudem ist der Artikel 3 des Grundgesetzes in Deutschland ein Teil der Suche nach dem richtigen Weg für die Gleichstellung von Frauen und Männern: „[…] Das ist eine gute Frage. Als ich im Iran war, hatten wir viele Probleme mit solchen Sachen. Zum Beispiel die Gleichwertigkeit der Geschlechter, besonders für die Frauen. Ja, seit 40 Jahren gibt es im Iran eine islamische religiöse Regierung. Und sie haben viele problematische Sachen für die Frauen verursacht. Und das ist schwer für eine Frau. […] Und hier in Deutschland finde ich super, dass die Frauen wie Männer gleiche Rechte haben und das ist – das finde ich echt toll. […] Das macht mich traurig, wenn die Leute – wenn die Männer gegenüber den Frauen ein solches Verhalten zeigen. Das ist die Wahrheit, das läuft so leider. Das kommt aus der Kultur, besonders der islamischen Kultur.“ Auch die Religionsfreiheit in Deutschland schätzt Herr Sp4, der einer christlichen Gemeinde angehört. Gestützt wird diese Position durch die Anerkennung seines christlichen Glaubens in der Gemeinde in Deutschland: „Hier in Deutschland sind meine Religion und mein Verhalten gut anerkannt. Bei unserer christlichen Gemeinde fühle ich mich sehr gut. Jeden Sonntag beten wir und machen wir Gottesdienst – das finde ich sehr gut. Die Leute sind ganz nett und das ist – das finde ich super.“ Konfrontiert mit der Frage, ob er als Flüchtling in Deutschland benachteiligt sei, antwortet er fast verständnisvoll. Herr Sp4 kann sich erklären, warum er als Flüchtling abgewertet wurde. Er sehe diese Abwertung durch Einheimische als Folge einer Wut, die die drastisch gestiegene Zahl von Geflüchteten im Jahr 2015 teilweise auslöste, zumal, wie er sagt, viele der Geflüchteten nur über eine geringe Bildung verfügten. Was er sehr deutlich zum Ausdruck bringt, ist ein missachtendes Verhalten von einigen Leuten wegen seiner „schwarzen Haarfarbe“: „[…] In Ost-Berlin haben ein paar Leute mich nicht geschlagen, sondern nur beleidigt. […] Ja, vielleicht, weil meine Haare schwarz sind. […] Aber ich gebe im Jahr 2015 den Leuten, die mich beleidigt haben, auch Recht. Vielleicht waren sie in dieser Zeit wütend, ja – im Jahr 2015 kamen viele 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 90 Flüchtlinge aus verschiedenen Ländern nach Deutschland. Und die meisten haben wirklich – ehrlich gesagt – keine Bildung und keine – ja, keine Bildung. Das muss man sagen. Und das braucht ein bisschen Zeit, so alle zu bilden, weißt du? Wie Deutschland gerade bei Flüchtlingen und vielen Anderen macht.“ Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Herr Sp4 sich offenbar leicht durch diskriminierendes Verhalten getroffen fühlt. Seine negativen Erfahrungen als Flüchtling in Deutschland hemmen ihn jedoch nicht in seinem Streben nach Integration. Er ist bestrebt, seine Identität insbesondere durch Anpassung und durch kompromissbereite Haltung gegenüber den Anforderungen der Deutschen zu schützen, selbst wenn diese Anpassung teilweise erniedrigendes und sogar fast rassistisches Benehmen vonseiten der deutschen Gesellschaft einschließt. Dabei bietet die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde in Deutschland ein wertvolles Gegengewicht und eine Basis für die Integration. Beziehung zu Theater und Politik Herr Sp4 schätzt den Stellenwert von Theater als sehr hoch ein, obwohl er in seinem Leben zum ersten Mal Theater spielt. Er passt dementsprechend sein privates Leben dem Theater an, da das Theater derjenige Bereich ist, in dem er seine Kommunikationsmängel entdecken, korrigieren und einen zweiten Charakter übernehmen könne. Gleichzeitig misst er dem Theater eine wichtige Rolle zu und betont, dass er sich „gut“ dabei fühle, weil er mit Menschen aus verschiedenen Nationen kommunizieren und politische Zusammenhänge kennenlernen könne: „[…] Das ist das erste Mal, dass ich bei einem Theaterprojekt spiele und arbeite. Das finde ich sehr gut. […] Da gibt es einen großen Spruch: Jeden Tag lernt man etwas Neues. […] Ich habe viel gelernt bei diesem Projekt. Zum Beispiel die Kommunikation, die fehlende Kommunikation, die Kommunikationsmängel habe ich gelernt. Ich habe viele Fehler bei mir korrigiert und entdeckt. […] Wenn wir drin sind – das ist ein ganz anderes Gefühl. Wie kann ich das erklären? Das ist ein bisschen unerklärbar. Aber ja, du kannst einfach einen anderen Charakter übernehmen und kannst dich ganz in einer anderen Position vorstellen. Das finde ich gut, wenn du zwei oder drei Charaktere in deinem Körper, in deinen Gedan- 6.1 Zwölf Fallbeispiele 91 ken zusammenhast und alles auf der Bühne äußerst. Das finde ich gut. Das ist eine gute Erfahrung für mich. Und besonders, wenn wir aus verschiedenen Ländern sind und gut miteinander kommunizieren können. Da fühle ich mich gut, […] besonders mit diesem Projekt, weil ich von diesem Projekt viel von Politik gelernt habe.“ Die Rolle des Theaters als Lernort wird somit in seiner Bedeutung enorm aufgeladen und Lernen erscheint als zentrales Motiv und zentrale Orientierung von Herrn Sp4, da er mit dem Bestreben um besseres Politikverstehen zugleich auch sein Selbst entwickeln will. Fazit: Das Bild einer widersprüchlichen moralorientierten Person Das Bild, das Herr Sp4 von sich zeichnet, ist das einer Person, die sich einerseits auf ihre christlichen Werte und Moral bezieht, andererseits aber eine künstlerische Ausdrucksfreiheit schätzt und auch ihre anarchistisch geprägte Vergangenheit als Lebensstil verteidigt. Eine wichtige Funktion spielt die Kunst bei der Bestärkung seines Selbst als Mittel der Distanzierung und des Selbstschutzes gegenüber verletztenden Äu- ßerungen und politischem Verhalten. Nur durch eine weitgehende Anpassung, selbst an das diskriminierende Verhalten mancher Einheimischen, gelingt es ihm im Alltag, sich in seinen politischen Einstellungen zu schützen und zu behaupten und die Politik in Einklang mit Moral und Kunst zu bringen. Herr Sp12: „Ich bin immer positiv und lächele, also grinse, um diese Atmosphäre besser zu machen“ Die Vereinbarung des Interviewtermins mit Herrn Sp12 war erfreulich unkompliziert. Wir trafen uns im Februar 2019 in seiner Wohnung in Hannover. Er teilte durch seine Erscheinung einen betont freundlichen Eindruck mit. Auf seinen Wunsch hin begannen wir nicht sofort mit dem Interview, sondern sprachen zunächst über das Ziel unserer Untersuchung. Das Interview dauerte eine Stunde und 15 Minuten. Insgesamt war das Interview besonders fruchtbar, weil Herr Sp12 sehr sachlich und höflich, zugleich aber auch spontan antwortete. Er redete sehr konzentriert und präzise über sein Leben im Irak und als Flüchtling in 6.1.3 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 92 Deutschland. Dabei wirkte er auf mich wie ein Mann, der stets mit persönlichem Engagement sein Leben gestaltet. Das Leitmotiv: „Die Anforderung des Lachens“ „Ich brauche niemanden, der etwas sagt, um mich zu verletzen. Nur ein Augenkontakt – das reicht. Und das bekomme ich oft. Wenn ich so optimistisch bin – abgesehen davon ob ich wirklich optimistisch oder positiv bin – Also, ich fahre zur Schule und dann nach Hause. Ich bin immer positiv und lächele, also grinse, um diese Atmosphäre besser zu machen. Aber ab und zu bekomme ich dieses komische Gefühl, du gehörst hier nicht hin.“ Dieses Zitat stammt aus einer Interviewsequenz, die mit der Frage begann: „Hast du positive oder negative Erfahrungen mit dem Gleichheitsrecht bezüglich des Artikels 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland erlebt?“ Mit der Aussage „Ich bin immer positiv und lächele“ akzentuiert Herr Sp12 seine Haltung in Deutschland als Flüchtling, die ihm Kraft gibt, positiv weiterzuleben. Er verspürt allerdings das Gefühl, dass er nicht zu Deutschland gehöre, dass er hier fremd sei. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Herr Sp12s Aussagen über sein politisches Engagement im Irak machen grundsätzlich nachvollziehbar, warum er sich politisch eingemischt hat. Es erscheint plausibel, dass die Freiheit und das politische Erwachen der Bevölkerung in seinem Heimatland der zentrale Beweggrund seines politischen Verhaltens ist. Herr Sp12 erweist sich durch seine Aussagen als eine mutige Person, die bestrebt ist, sich aktiv in die Gestaltung politischer Prozesse im Irak einzubringen. Er ist gewillt, etwas in seiner Heimat zu bewegen und sich durchzusetzen, weiß aber genau, dass dies auf dem politischen Parkett im Irak mit der Gefahr verbunden ist, sein Leben aufs Spiel zu setzen: „[…] In der Politik haben wir so viele verschiedene Sachen gemacht. Und einen Verein habe ich selber mit ein paar Freunden nach dem Abitur gegründet. Wir hatten unsere freie Meinung und wir wollten sie verbreiten. Zuerst haben wir versucht, mit Facebook ein bisschen – also geheim – zu zeigen. Danach haben wir ein bisschen Flyer verteilt. Unser Schwerpunkt 6.1 Zwölf Fallbeispiele 93 und unser Ziel waren, nur den Leuten zu zeigen, was hier los ist. […] Die Leute wissen das schon. Sie schauen das, dass die Politik jetzt schon schlecht ist. Aber sie können nichts machen, entweder wegen Angst oder weil sie jemanden verloren haben oder weil jemand verhaftet ist. So, sie haben keine Freiheit. Und dann, das war das Ziel von uns, ein bisschen diese Leute zu motivieren […]. Wir haben mit 30 Leuten angefangen, nach zwei Jahren waren wir zwischen 300 und 350 Mitglieder. […] Aber am Ende haben wir ein bisschen Ärger gekriegt. Von der Politik, von unserer Regierung […]. Und ich habe etwas gemacht, um das zu verdecken. Die Daten habe ich ein bisschen geändert. Sonst wäre ich nicht nur verhaftet, sondern getötet worden.“ Herr Sp12 scheint demnach eine ausgeprägte Neigung zu haben, sich politisch einzumischen und aktiv zu betätigen, sich aber auch keinen Illusionen in Bezug auf das politische Geschehen im Irak hinzugeben. Mit seinem Engagement hat er schließlich sein Leben aufs Spiel gesetzt. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Da Herr Sp12 sehr positiv eingestellt ist, gelingt es ihm, sich in Deutschland zu integrieren, die deutsche Sprache zu lernen und die Deutschen zu verstehen. Trotz Druck und Stress fühlt er sich „hundertprozentig“ integriert und diese Sicherheit kommt ihm auch zugute, denn es fällt ihm leicht, mit der deutschen Kultur zurechtzukommen. Er betont aber auch, dass Integration nicht einfach sei: „[…] Also, ich bin schon seit zwei Jahren in Deutschland und der Begriff Integration war bisschen extrem für mich selber. Ich weiß nicht, wie es da mit den anderen war. […] Also Integration war Druck, fit in dieser Gesellschaft zu sein. […] In den ersten paar Wochen habe ich Schwierigkeiten mit der Sprache gehabt, überhaupt die Sprache zu lernen und dann mich zu integrieren. Es geht dann weiter, der Tagesablauf war eigentlich zu stressig. Ich muss mich selber integrieren und nicht nur die Sprache lernen, sondern auch die deutschen Leute verstehen. […] Wie kann ich mich integrieren in dieser Gesellschaft? Ich will das nicht verstecken. Es war relativ schwierig, ein Konzept für die Integration zu haben. […] Integration war für mich Lachen, Lächeln […]. Es ist wie ein ‚Bumm‘, wenn niemand weiß, wie es einem geht. Aber man muss lächeln, positiv sein. Wieso? Um sich selber zu integrieren und den deutschen Leuten und anderen zu zeigen: ‚Ja, hallo! Ich habe mich in dieser Gesellschaft integriert.‘ […] Also von meiner Seite bin ich hundertprozentig integriert.“ 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 94 Herr Sp12 akzentuiert, als „Nichtdeutscher“ Probleme gehabt zu haben, von den Deutschen akzeptiert zu werden. Zwar unterstreicht er, dass er sich selbst hundertprozentig integriert fühle, setzt aber hinzu, dass er trotz seiner Ausbildung keinen Aufenthaltstitel bekommen kann, nur einen befristeten Aufenthalt für zwei Jahre. Sein starkes Selbstbewusstsein ermöglicht ihm zwar die erforderliche Beziehung zu den „Leuten“ in der deutschen Gesellschaft, aber er fühlt sich in seiner Individualität beeinträchtigt. Als echte Beeinträchtigung vonseiten der deutschen Gesellschaft nennt er das Gefühl der „Nicht-Akzeptanz“. Besonders belastend sei auch das Erlangen des Aufenthaltstitels; er selbst fühle sich in dieser Situation unfrei, wie „im Knast“, und befinde sich in einem Dilemma, ob er in seine Heimat zurückkehren solle, obwohl dies „sterben“ bedeuten könnte: „[…] Das spielt keine Rolle, was ich mache; gerade eine Ausbildung – das ist nur für die Entwicklung, vielleicht eine Arbeit zu kriegen. Aber das spielt keine Rolle für den Aufenthaltstitel. […] Ich habe keinen Pass und keinen Aufenthaltstitel; niemand versteht das. Ein Jahr, es hat sich auf zwei Jahre verlängert. Aber das ist buchstäblich; es war für mich wie im Knast. Nicht nur von dieser Seite. Das kommt auch von den Leuten. Also die Gesellschaft, sie akzeptiert mich nicht. Ich habe mich immer gewundert. Ich mache was. Ich lerne Deutsch. Ich habe die Sprache verbessert. Aber immer noch habe ich das Gefühl, dass etwas fehlt – oder die wollen mich nicht. Okay, soll ich in meine Heimat zurückgehen? Obwohl das gefährlich ist und ich da sterben kann?“ Auch wenn sich Herr Sp12 „nicht akzeptiert“ in Deutschland fühlt, äu- ßert er sich sehr konkret bezüglich seiner Erlebnisse in Deutschland. Sein Selbstbewusstsein und seine Autonomie versetzen ihn offenbar in die Lage, sich als relativ Gleicher unter Gleichen zu fühlen. Beziehung zu Theater und Politik Auch über den Zusammenhang zwischen Theater und Politik äußert sich Herr Sp12 sehr klar und präzise. Überraschend ist seine Aussage, dass Theaterspiel für ihn im Irak bedeutete, den Leuten vor allem die Wahrheit zu zeigen. Er sieht das Theater dementsprechend eher als einen Rahmen politischen Erwachens bezüglich realer erlebter Ge- 6.1 Zwölf Fallbeispiele 95 schehnisse. Herr Sp12 erzählt über das Theaterstück „Knast“ als repräsentatives Beispiel realer Gegebenheiten im Irak: „Ja, manche wollen mitspielen. Manche wollen wissen, ob man auf der Wahrheitsebene auch spielen kann oder nur alles hier im Theater bleibt, [ob man] nur Spielen zeigen [kann] und nicht etwas Wahrhaftes. Zum Beispiel hatte ich ein kleines Theaterstück, der Name war „Knast“ und wir haben – ich erinnere mich nicht hundertprozentig, aber die Idee war es, den Leuten zu zeigen, wie wir am Tag wie in einem Knast leben. Und wir können nicht viel machen und unsere Meinung nicht sagen. Und wir sind wie in einem Raum, zum Beispiel in einem blockierten Raum. […] Und im Theater habe ich ein bisschen gezeigt – das war die Wahrheit. Aber die Leute sagten: ‚Nee, das ist nur Theaterspielen.‘“ Sein Engagement im Theater betrachtet er als Herausforderung, der er seine Energie und seinen Einsatz widmet, um gesellschaftliche Veränderungen zu bewirken. Diese Haltung zeigt eine Kontinuität zwischen seinem Engagement im Irak und beim Theaterspielen in Deutschland. Fazit: Das Bild einer autonom und selbstbewusst handelnden Person Herr Sp12 verfügt anscheinend schon seit seiner Jugend aufgrund der schwierigen politischen Lage im Irak über ein starkes Selbstbewusstsein und große Selbstsicherheit. Er ist bestrebt, diese Autonomie in der Gesellschaft einzusetzen, um Bewegung und Veränderung zu erzielen. Er weiß, dass dies nur durch Freiheit und politisches Engagement zu bewerkstelligen ist. In seinem Leben in Deutschland tritt er von Anfang an dynamisch auf, aber er hat in seiner Individualität als Flüchtling Diskriminierung erfahren. Er tritt mit seiner Akzentuierung von Autonomie durchaus gegen Degradierung an. Das Engagement im Theater spiegelt die gleiche Unabhängigkeit wie im privaten Leben. Herr Sp2: „Was wichtig für uns war, es also zu erklären, dass Religion und Politik nicht zusammengehören“ Erst nach ein paar telefonischen Anfragen um einen Interviewtermin erhielten wir von Herrn Sp2 endlich eine positive Antwort. Wir vereinbarten Ort und Zeit für ein Gespräch. Es fand an einem Nachmittag im März 2019 in seiner Wohnung statt. Das Interview dauerte eine 6.1.4 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 96 Stunde und drei Minuten. Bei aller Professionalität, die Herr Sp2 ausstrahlte, wirkte er sehr herzlich und sensibel. Er redete sehr sicher und gab sich erstaunlich aufrecht in seinen Erzählungen. Herr Sp2 äußerte sich ausführlich über die politische und religiöse Situation im Irak und seine positiven und negativen Erfahrungen als Flüchtling in Deutschland. Dabei wirkte er auf uns wie ein Mann, der sein Leben stets mit politischen und religiösen Aufgaben gestaltet. Das Leitmotiv: „Der Kampf um die Trennung zwischen Religion und Politik“ „Ja. Was wichtig für uns war, es also zu erklären, dass Religion und Politik nicht zusammengehören. Wir brauchen etwas Anderes. […] Dann, wenn Islam oder wenn die Religion auch in der Politik ist, dann wird immer gefragt, welche Religion, welche Teile also vom Irak gemeint sind? Das führt auch zum Krieg.“ In diesem Zitat geht es um den politischen und religiösen Kampf von Herrn Sp2 im Irak. Hier wird die Ernsthaftigkeit deutlich, die die Themen Religion und Politik in der irakischen Gesellschaft haben. Seine Ausrichtung als politisch Engagierter erklärt er aus seiner Überzeugung heraus, sich für die Religions- und Politikbelange zu engagieren, um den Menschen in der Gesellschaft zu erklären, dass Politik und Religion nicht zusammengehören. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Herr Sp2 sieht sein politisches Engagement als Folge der Auseinandersetzung mit der Politik im Irak einerseits und seiner studentischen Gremienarbeit andererseits. Sein studentisches Engagement erklärt er als eine Form politischer Abgrenzung gegenüber dem Zusammenhang zwischen Politik und Religion im Irak sowie als bewusste Herausforderung für ein besseres Politikverständnis der dort lebenden Menschen: „Nicht politisch aktiv, sondern an der Uni war ich ein bisschen [aktiv]. Ja. […] Es ist etwas ganz Anderes. Wir haben auch versucht, es den Menschen zu erklären. Also, es ist nicht wie in Deutschland. Es gibt auch viele Leute, die gar nicht lesen und schreiben können. Und sie haben auch versucht, aber sie haben […] nicht ein ganz großes Verständnis für Politik. Sie hören nur, was die Politiker sagen. Sie verstehen nicht, aber […]. Ja. 6.1 Zwölf Fallbeispiele 97 Was wichtig für uns war, es also zu erklären, dass Religion und Politik nicht zusammengehören.“ Dieses Argumentationsmuster zeigt die Schwierigkeiten, die politische Lage im Irak zu thematisieren, da die religiöse Prägung der Menschen gepaart mit verbreiteter geringer Bildung wenig Differenzierungen zulassen. Insofern war sein kämpferischer Einsatz für ein besseres gesellschaftliches Politikverständnis im Kern von dem Anliegen getragen, die Trennung von Religion und Politik voranzutreiben. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Als zentrales Anliegen in seinem Lebensanspruch in Deutschland nennt Herr Sp2 das Vorantreiben der Integration. Sein Einsatz für die Integration ist prägend für seinen zweijährigen Aufenthalt in Deutschland. Das bislang Erreichte ist sein Antrieb für weitere Arbeit. So schildert er seinen Weg sehr optimistisch. In seiner Darstellung nimmt die Notwendigkeit, als Flüchtling überlegt und geplant zu handeln, nämlich auf der Basis beruflicher Qualifikationen zu agieren und den Erwerb der Aufenthaltserlaubnis zu erreichen, einen breiten Raum ein. Herr Sp2 hebt diese Notwendigkeit als wichtige Erfahrung hervor: „Also, Integration ist, wie man sich in der Gesellschaft anpasst. So ist es bei mir. Ja, es dauert zwar lang, aber jetzt glaube ich, dass ich auch mehr Information habe. Und ich glaube ja, ich bin schon in der Gesellschaft angepasst. Wir brauchen aber etwas mehr. Wenn ich hier meine Zukunft auch sichern werde, dann werde ich wissen, dass ich mich schon integriert habe. […] Ich glaube ja. Also wenn man auch einen guten Job und sichere Zukunft hier in Deutschland hat, dann ist man schon hier integriert. […] Dazu gehört auch die Aufenthaltserlaubnis, also dieser Status. Und ja – bis jetzt habe ich kein Studium abgeschlossen und so. Wenn ich solche Sachen schon machen werde, dann bin ich sicher, dass ich mich in dieser Gesellschaft schon angepasst habe.“ Konfrontiert mit der Frage, ob er als Flüchtling in Deutschland diskriminiert wurde, erwidert Herr Sp2, dass manchmal selbst deutsche Politiker Menschen diskriminieren würden, obwohl im Gesetz etwas Anderes stehe. Herr Sp2 ist solcher Diskriminierung gegenüber sehr sensibel und kann es offenbar schwer ertragen, nicht gleichberechtigt be- 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 98 handelt zu werden. Er sieht diese Abwertung, die in Deutschland manchmal im Rahmen der freien Meinungsäußerung getätigt wird, als Widerspruch zum gesetzlich verankerten Diskriminierungsverbot. Deutlich bringt er jedoch auch den Unterschied zwischen der deutschen und der irakischen Politik zum Ausdruck. Er merkt kritisch an, dass die etablierte politische Situation in Deutschland faktisch „hundertprozentig besser als im Irak“ sei: „Also, es gibt Regeln, die ich auch nicht ganz verstehe, weil die Regeln etwas sagen, und das, was ich sehe, ist etwas ganz Anderes. Auch mit der Diskriminierung und so. Also, Diskriminierung ist verboten in den Regeln […]. Aber wir sehen in den Regeln einen Politiker, der etwas sagt und viele Gruppen diskriminiert. Er sagt: „Aber das ist meine Meinung und ich will meine Meinung auch frei äußern“ – das ist aber keine Meinung, das ist Diskriminierung. Trotzdem wird er nicht bestraft oder so. […] Es gibt einen Widerspruch oder so in den Regeln. Aber alles ist natürlich hundertprozentig besser als im Irak, als das, was wir gehabt haben. So ist es.“ An den positiven und negativen Erfahrungen, die Herr Sp2 in Deutschland gemacht hat, wird deutlich, dass aus seiner Sicht Integration einerseits für Geflüchtete kein Problem ist, wenn sie die entsprechende Verantwortung übernehmen können und über ausreichende Qualifikationen verfügen. Andererseits porträtieren die teilweise geäu- ßerten Diskriminierungen und Abwertungen vonseiten deutscher Politiker ein widersprüchliches Bild der politischen Gesamtlage. Beziehung zu Theater und Politik Ein Schlaglicht auf den Zusammenhang von Politik und Theater werfen die Äußerungen von Herrn Sp2 über seine erste Bekanntschaft mit dem Theater während seines englischen Literaturstudiums. Er hatte damals Theatertheorie belegt, aber nicht selbst Theater gespielt. Er beschreibt sehr plastisch den Zusammenhang zwischen Religion und Theater und akzentuiert den Sinn des Schicksals im Leben der Menschen: „Theater habe ich also in englischer Literatur gelernt, wir haben Drama gehabt. Aber wir haben nicht gespielt. […] Ja, wir hatten etwas Shakespeare und so vorher gehabt. […] Also das war mehr Theorie. […] Also, 6.1 Zwölf Fallbeispiele 99 wir hatten ‚drama analysing‘. […] Wir haben die Geschichte vom Theater gelernt. Wie wird Theater von Zeit zu Zeit in Europa und während der Geschichte geändert? […] Es war in einer Zeit, in der alle Theaterstücke über die Religion zeigten, wie Gott ist und wie er vorher war. […] Es ist zum Beispiel auch in Griechenland. Also wie wars vorher? Es war egal, ob man gut oder schlecht war. Man hatte eine ‚destiny‘ und es wurde nicht geändert. Schicksal, ja. Danach hat sich also die Situation geändert. Wenn man gut war, dann bekam man auch ein gutes Schicksal. Wenn man schlecht war, dann bekam man ein schlechtes Schicksal. […] Also Theater wurde immer von der Politik beeinflusst.“ Theater bedeutet für Herrn Sp2, dass er durch seine Auseinandersetzung mit Dramen und anderen Theaterstücken auch philosophische und politische Einsichten gewinnen konnte. Wie im Theater so scheint auch in der Politik Schicksal eine große Rolle zu spielen. Dies bestärkt ihn offenbar darin, politische Positionen in seiner gesellschaftlichen Arbeit umzusetzen. Fazit: Politik und Theater als Ausweg aus einer religiösen und politischen Rollenzuweisung Das Bild, das Herr Sp2 von sich entwirft, ist das eines Mannes, der sich seine Rechte hart erkämpft und aktiv erarbeitet hat. Seinen Kampf für einen eigenen Weg führt er mit hohem Einsatz und erlangt ein besseres gesellschaftliches Politikverständnis. So bemühte er sich, die Lage des irakischen Volkes und vor allem die der Gesellschaft zu verbessern und Menschen mehr politische Aufklärung zu vermitteln. Dabei hat das zentrale Motiv für sein Engagement darin bestanden, die seiner Meinung nach falsche Einstellung über Religion und Politik zu bekämpfen. In Bezug auf die deutsche Situation sind seine Einschätzungen hinsichtlich der Diskriminierung gegenüber Nicht-Einheimischen bemerkenswert und klar. Der energische Durchsetzungswille für die Integration liefert Herrn Sp2 einen Antrieb für weitere persönliche Selbstentwicklung und beruflichen Fortschritt. 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 100 Herr Sp9: „Und allgemein in der Welt können wir nicht an einen Politiker glauben“ Die Vereinbarung des Interviewtermins mit Herrn Sp9 war besonders unkompliziert. Wir trafen uns im Januar 2019 in seiner Wohnung in Hannover. Das Interview selbst dauerte eine Stunde und fünf Minuten, stellte sich aber als wenig ergiebig heraus. Einige Fragen wurden nur ausweichend beantwortet, so dass das Interviewmaterial lückenhaft ist. Auf Grund der unbefriedigenden Materiallage bereitete uns dann auch die Auswertung des Interviews große Schwierigkeiten. Herr Sp9 äußerte sich mit vielen Wiederholungen; er antwortete in der Regel zügig, erbat sich aber einige Male etwas Zeit zum Nachdenken oder fragte gezielt nach. Er wirkte impulsiv und sehr freundlich und sprach gerne über seine Erfahrungen als Flüchtling aus Syrien in Deutschland. Das Leitmotiv: „Die Abgrenzung von der Politik“ „Ja, wenn wir an unsere Heimat denken, dann haben wir eine negative Position in der Familie. Und allgemein in der Welt auch können wir nicht an einen Politiker glauben.“ Dieses Zitat ist einem ausführlicheren Zusammenhang entnommen, in dem Herr Sp9 darüber spricht, dass er es vermeidet, sich mit Politik zu beschäftigen. Dabei stellt es sich für ihn und seine Familie so dar, dass Politik negativ und unglaubwürdig ist. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Vor dem Hintergrund seiner familiären Sozialisation erscheint es ihm selbst unglaubwürdig, sich mit Politik zu beschäftigen, weil er nicht an Politik glaubt. Politik ist aus seiner Sicht grundsätzlich negativ besetzt. Er sagt, ihn und seine Familie interessiere sie nicht und sei irrelevant, da alle in seiner Heimat eine negative Einstellung darüber haben würden: „Tatsächlich waren wir nicht politisch aktiv. Ich habe zwei Onkel. Meine Onkel waren Soldaten. […] Sie haben mich gefragt, warum ich nicht in der Politik aktiv bin. […] Alle Familien bei uns wollen nur, dass ihre Kinder in der Zukunft gut verdienen, weiterleben, heiraten, Kinder bekom- 6.1.5 6.1 Zwölf Fallbeispiele 101 men. Das war einfach Ziel unserer Familie. […] Sie haben gar nicht an Politik gedacht. Sie haben auch diese negative Sicht für die Politik. […] Ja, wenn wir an unsere Heimat denken, dann haben wir eine negative Position in der Familie. Und allgemein in der Welt auch können wir nicht an einen Politiker glauben.“ Insgesamt spielen in seinen Schilderungen und damit wohl in seinem Erleben eine gute Zukunft und die Familiengründung eine viel größere Rolle als politisches Engagement. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Herr Sp9 äußert sich positiv über den „Oberbegriff “ Integration, wie er ihn nennt. In seinem Fall spricht er davon, dass er unter Integration das Kennenlernen der Kultur und das Verstehen der Mentalität sowie der Geschichte eines Landes begreift: „Also, Integration als Oberbegriff hat viele Bedeutungen. Aber für mich selber bedeutet es die andere Kultur kennenlernen, die Mentalität der Leute verstehen. […] Die Gewohnheit, Mentalität der Leute, eigentlich die Geschichte dieses Landes verstehen.“ Allerdings reflektiert er Integration durch seine negativen Erfahrungen und schätzt Deutschland als ein intolerantes Land ein, da er sich selbst als Flüchtling nicht akzeptiert sieht. In dieser Situation bringt er das, was er erlebt hat, mit Rassismus in Zusammenhang. Wie die folgenden Äußerungen zeigen, scheint er Ungerechtigkeit intensiv erlebt zu haben. Auf die Frage nach seinen Erfahrungen gibt er zur Antwort: „2015. Das war 2015 im Dezember. Es gab eine alte Frau. Sie hat mich beschimpft. Sie hat mir gesagt: ‚Wir wollen die schwarzen Haare bei uns nicht sehen. Nimm deine Haare weg und geh zurück zu deiner Heimat.‘ […] Auf der Straße an der Haltestelle. Und die Leute haben schon zusammen geguckt. Ich war hilflos, weil ich eigentlich nicht verstehen konnte, ob sie mich beschimpft oder mir etwas Gutes sagt. […] Ja, durch Gestik habe ich schon verstanden, dass sie wütend auf mich war. Und danach kommt eine Person. Sie hat mir gesagt: ‚Woher kommst du? Kannst du Englisch sprechen?‘ Ich habe nur Englisch verstanden und direkt auf Englisch gesprochen. Er hat mir gesagt: ‚Du musst hier nicht bleiben, du musst gerade weggehen, damit du keine Probleme bekommst. In dieser Straße gibt es viele rassistische Leute.‘ […] Die Deutschen haben das 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 102 Problem, bevor wir nach Deutschland geflüchtet sind. Sie haben keine Akzeptanz. Die Politik ist sehr schwer.“ Im Zusammenhang mit der Reflexion der Politik in Deutschland äu- ßert sich Herr Sp9 dazu sehr skeptisch. Solange die Deutschen sich gegenüber den Geflüchteten rassistisch verhielten und sie in die Ecke drängten, ist die deutsche Politik nach seiner Ansicht „sehr schwer“. Herr Sp9 macht sich mithin nur wenig Hoffnung auf eine Veränderung in der Politik, weil die Deutschen nach seiner Meinung bereits Probleme hatten, bevor 2015 so viele Menschen im Land Zuflucht gesucht haben. Beziehung zu Theater und Politik In einem Abschnitt, in dem Herr Sp9 sich über die Frage zur Beziehung von Theater und Politik äußert, finden sich einige aufschlussreiche Aussagen, die dieses Verhältnis betreffen. Niemand in seiner Familie hat Theater gespielt, er selbst auch nicht. Er hält allerdings die Vermittlung von politischen Zusammenhängen durch Theater bei Kindern für besonders wichtig, weil Kinder nach seiner Auffassung dann Politik besser verstehen und analysieren könnten: „Wir haben keinen Schauspieler in unserer Familie. Große Familie. Ich rede gerade über die große Familie, von Uroma bis zu den kleinen Kindern. Niemand hat Theater gespielt. […] Also mit dieser Idee. Jede Generation hat eine Idee. Durch diese Idee können wir den Kindern diesen Theaterunterricht anbieten. Ich würde für Politik sagen, damit die Kinder gut verstehen, wie die Sache läuft. […] Ja, damit sie intelligenter werden. Damit sie nicht eine Sache direkt glauben. Damit sie ein bisschen analysieren.“ Fazit: Zwischen Identifikation mit der Familiengründung und Abgrenzung von der Politik Wie sieht und beschreibt Herr Sp9 sich selbst, wie möchte er gerne gesehen werden, was ist sein Selbstideal? Herr Sp9 präsentiert sich als eine Person, die sich mit dem traditionellen Verhaltensmuster einer Familiengründung identifiziert und sich vom politischen Engagement abgrenzt. Bei dieser Abgrenzung ist es ihm wichtig, die Unglaubwür- 6.1 Zwölf Fallbeispiele 103 digkeit der Politik hervorzuheben. Der Aspekt des Strebens nach Glaubwürdigkeit scheint für den Selbstentwurf von Herr Sp9 als Person charakteristisch zu sein. Sein Versuch, die Zwänge zu vermeiden, die Politik mit sich bringen kann, gibt einen Hinweis darauf, wie er sich das Anderssein vorstellt. Indem er seine Abgrenzung sehr stark akzentuiert und auch Angebote des Politiklernens in dem Theaterprojekt nur marginal aufgreift, zeigt er eine Unsicherheit im Umgang mit dieser neuen Situation. Es scheint, als ob er versucht, durch akzentuierte Abgrenzung seine tiefe innerliche Unsicherheit gemäß seiner Rolle als Flüchtling in Deutschland zu überspielen, zumal seine Erfahrungen in der deutschen Gesellschaft ihn in der negativen Einschätzung von Politik bestärkt haben. Frau Sp11: „Ich will immer mehr mein Deutsch verbessern“ Der Gesprächstermin mit Frau Sp11 kam sehr unkompliziert gleich nach dem ersten Telefonat zustande. Wir trafen uns Mitte März in ihrer Wohnung in Hannover. Das Interview dauerte circa 40 Minuten und verlief in gelockerter Atmosphäre, war allerdings inhaltlich sehr komplex. Obwohl sich während des Interviews schnell eine vertrauensvolle Atmosphäre zwischen uns herstellte, nahm Frau Sp11 eine zu distanzierte Haltung in ihren Schilderungen über ihr Leben als Migrantin aus Bulgarien in Deutschland ein, so dass wir bei der Auswertung des Materials einige Schwierigkeiten hatten. Anders als die vorher geschilderten Persönlichkeiten hatte Frau Sp11 keine Fluchterfahrung hinter sich. Aufgrund ihres Status als EU-Bürgerin hat sie zudem keine Schwierigkeiten mit Aufenthaltstiteln wie die zuvor geschilderten Interviewpartner. Das Leitmotiv: „Der Wunsch nach Deutschlernen“ „Also, ich kann sagen, Integration bedeutet, dass alle Leute sich integrieren müssen. Zum Beispiel kommt jemand nach Deutschland – er kann zuerst mit der deutschen Sprache anfangen und danach vielleicht eine Wohnung finden. Und er muss tatsächlich sein Leben weitermachen. Natürlich will ich ein bisschen mehr. Ich will immer mehr, mein Deutsch verbessern. Hier in Deutschland kann ich einfach sagen, ich wollte gerne 6.1.6 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 104 als Erzieherin arbeiten. Ich will einen Job finden, wo ich mich sehr ruhig fühle. […] aber ich muss ein bisschen mein Deutsch verbessern.“ In dieser ausgewählten Textstelle geht es um die Frage, ob die Erwartungen von Integration erfüllt sind und Frau Sp11 zufrieden mit sich selbst ist oder mehr will. Wie antwortet sie auf diese Problematik? Welche Aspekte stehen für sie im Vordergrund? Es ist durch ihre Positionierung zu erkennen, dass die Verbesserung ihrer Deutschkenntnisse ein Thema von großer Wichtigkeit ist, insbesondere für das Finden einer guten Arbeit und für ihre Selbstverwirklichung. Die hier ausgesuchte Formulierung drückt die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens aus, nämlich wie sie selbst in Deutschland wahrgenommen werden möchte. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Angesprochen auf ihr politisches Interesse erwähnt sie als Erfahrungshintergrund das politische Interesse ihres Mannes und stellt einen direkten Zusammenhang her zwischen ihrem Mann und ihrer politischen Meinung. Ihre politische Einstellung ist, wie sie es schildert, kein Ergebnis eines bewussten Entscheidungsprozesses, sondern ergibt sich aus ihrem Alltagsleben, da ihr Mann als „Diktator“, wie sie ihn ironisch nennt, ihren politischen Standpunkt prägt. Sie selbst hält Politik für ein schwieriges Thema und sie sieht sich nicht in der Lage, sich mit internationalen politischen Ereignissen und Konflikten, wie etwa im Nahen und Mittleren Osten, kritisch auseinanderzusetzen: „Ich mag nicht viel Politik normalerweise, weil die Leute – zum Beispiel USA oder Russland – alles mit diesen arabischen Ländern machen. Was ist das? Was kann man sagen? […] Politik ist ein bisschen schwieriges Thema für mich. […] Mein Mann ist normalerweise sehr aktiv. […] Er ist Elektrotechniker von Beruf. Aber er liest immer darüber, was passiert. Er informiert sich immer. Er erklärt immer. Er ist mein Diktator und dann sagt er etwas – er muss sowieso mit jemandem seine Meinung teilen. Und dann ich sage etwas und dann ist alles gut.“ Bei der Suche nach ihrem eigenen politischen Selbst beziehungsweise nach dem politischen Weg für sich selbst sind ihre Vorstellungen und Zielsetzungen recht diffus. Sie ist um politische Distanz bemüht, beansprucht aber zugleich, „als Figur ihres Mannes“ zu agieren. 6.1 Zwölf Fallbeispiele 105 Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Frau Sp11 äußert sich sehr positiv über ihre Freiheit in Deutschland, ihre Religion und ihren Glauben auszuleben. Wichtig ist auch der Respekt gegenüber verschiedenen Nationalitäten: „Normalerweise denke ich, dass ich meine Religion sehr frei leben kann. Aber ich habe auch viel Respekt vor anderen Leuten. Zum Beispiel ist eine Person Christin und die andere aus Indien – es gibt viele verschiedene Nationalitäten.“ Der positiven Erfahrung von Frau Sp11 bezüglich ihrer Religionsfreiheit in Deutschland stehen ihre negativen Erfahrungen, als Migrantin eine Arbeit zu finden, gegenüber. Bemerkenswert ist, dass sie zuerst allgemein von Frauen und Männern als „Ausländer“ spricht und nicht direkt von sich selbst. Anschließend bringt sie das, was sie als Unterordnung erlebt hat, mit Diskriminierung in Zusammenhang. Dass ausländische Männer und Frauen bei ihren Bewerbungen um Arbeit benachteiligt würden, ist für sie der Grund, warum sie ebenso Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt hat. Jedoch beurteilt sie ihre Chancen eher positiv und versucht, weiter auf ihrem Weg zu gehen um auf dem Arbeitsmarkt Erfolg zu haben: „Zum Beispiel sind wir Ausländer, ja? Und wenn man etwas will – eine Arbeit finden oder so, wenn du eine Bewerbung schreibst oder so –, können die Leute einfach deine Bewerbung lesen und danach sagen: ‚Ja, alles klar, alles in Ordnung, aber diese Frau oder dieser Mann ist Ausländer und dann können sie leider hier in dieser Gesellschaft oder in dieser Firma nicht arbeiten.‘ […] Ich fühlte mich natürlich nicht so gut. Und dann habe ich gesagt: ‚Kein Problem, ich mache weiter, sowieso. Wenn Gott eine Tür schließt, macht er eine zweite auf.‘“ Das damit bekundete Bedürfnis zu arbeiten wird noch verstärkt durch das Argument, dass Gott eine Tür schließt, aber eine andere aufmacht. Zudem ist die Arbeitsuche für Frau Sp11 Teil der Suche nach dem eigenen Selbst und nach dem richtigen Weg in der Gesellschaft. 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 106 Beziehung zu Theater und Politik Wie sich aus dem Interview ergibt, sind es also keine großen Visionen, die das theatralische Handeln von Frau Sp11 motivieren. Vielmehr ist das Theaterspiel ein Weg, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und die Sprachprüfung erfolgreich zu bestehen. Dabei ist es ihr auch wichtig, dass sie im Theaterprojekt mit Anderen zusammen spielen kann: „Mein Ziel war normalerweise das. Als ich die B1-Prüfung bestanden habe und dann – Gott sei Dank, ich hatte mit diesem Theaterprojekt angefangen. […] Theater hat mir viel geholfen. Zuerst war ich ein bisschen so zurückhaltend. […] Okay, schließlich kann ich sagen, dass ich in Deutschland sehr gerne lebe, weil in meinem Heimatland diese ökonomische Situation sehr schlecht ist. Und ich wollte, ich will gerne weiter dieses Theater – oder mit eurer Gruppe das nächste Stück – spielen und dann mein Leben weitermachen. Mit diesem Theater fühle ich mich sehr wohl.“ Nach ihren Beschreibungen wird das Theaterspiel positiv erfahren und trägt zu ihrem Wohlfühlen bei; darüber hinaus hat es ihr geholfen, ihre Zurückhaltung abzubauen. Fazit: Das Bild einer unpolitischen Person und die Suche nach sich selbst Das Bild, das Frau Sp11 von sich skizziert, ist das einer Person, die durch ihr Familienleben geprägt und in Bezug auf ihre individuellen politischen Präferenzen noch unsicher ist. Ein wichtiger Faktor in ihrem Leben ist das Deutschlernen bei der Bestärkung ihres Selbst als Mittel zur Integration sowie ihr Selbstschutz als Ausländerin in Deutschland und die Suche nach sich selbst. Die Motivation, sich vor diskriminierendem Verhalten der Einheimischen zu schützen und sich vor allem auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten, spielt für sie eine zentrale Rolle beim Erlernen der Sprache durch das Theaterspiel und, so steht zu hoffen, beim Lernen über politische Zusammenhänge in dieser Aktivität. 6.1 Zwölf Fallbeispiele 107 Frau Sp8: „Ich möchte Kindern und Erwachsenen helfen“ Mit Frau Sp8 trafen wir uns Anfang März in ihrer Wohnung in Hannover. Sie war sehr gastfreundlich und freute sich darauf, über ihre Erfahrungen mit Integration, Politik und Theater zu sprechen. Das Gespräch dauerte circa eine Stunde. Während des Interviews war Frau Sp8 sehr zurückhaltend und distanziert. Sie redete allerdings sehr konzentriert und explizit über ihr langjähriges Leben in Deutschland als Geflüchtete aus dem Irak. Auf ihren eigenen Wunsch wurde das Aufnahmegerät zweimal ausgeschaltet, weil sie sich unwohl während ihrer Schilderungen fühlte. Da sie sehr sparsam in ihren Erzählungen war, gab es im Ergebnis einige Schwierigkeiten bei der Auswertung des Interviewmaterials. Das Leitmotiv: „Der Wunsch zu helfen“ „Ich möchte Kindern und Erwachsenen helfen. […] Ich habe vier Jahre mit jugendlichen Mädchen und alten Frauen gearbeitet. […] Die Frauen haben Probleme mit ihren Männern oder mit ihren Brüdern gehabt. […] dann sind sie zu unserem Center gekommen. Und ich habe mit vielen anderen Kolleginnen zusammengearbeitet. […] Die Frauen sind dann einfach in diesem Center geblieben. […] Sie sind nicht zuhause geblieben. Wenn sie zuhause mit ihren Männern geblieben wären, dann wären sie gestorben. […] Viele Frauen sind bei unserem großen Haus geblieben – im Center. Ein Jahr, manchmal auch zwei Jahre, drei Jahre, manchmal eine Woche. Wir haben zehn Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gehabt. Alle haben geholfen. Danach sind Gespräche mit den Männern, Brüdern und Vätern geführt worden. Dann sind alle zusammen nach Hause gegangen. Dann haben wir geholfen.“ Dieses Zitat bezieht sich auf eine Interviewsequenz, die mit der Frage begann: „Möchtest du etwas Politisches in der Gesellschaft beitragen?“ Mit der Aussage „Ich möchte Kindern und Erwachsenen helfen“ pointiert Frau Sp8 ihre menschliche Haltung gegenüber ihren Mitmenschen bzw. Kindern und Erwachsenen. Als Sozialarbeiterin half sie in ihrem Heimatland Frauen, die Hilfe benötigten, da sie unter sehr schlechten und sogar gefährlichen Bedingungen lebten. Gewalt und Willkür gegen Mädchen und Frauen, ausgeübt durch Väter, Brüder oder Ehemänner, oder auch nur schlechte Behandlung waren Gründe für die Betroffenen, Hilfe zu suchen. 6.1.7 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 108 Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Frau Sp8 ist nicht in einer Partei oder Organisation politisch aktiv, aber sie engagierte sich frauenpolitisch und sozial in ihrem Heimatland, im Irak: „Ich habe als Sozialarbeiterin bei uns gearbeitet. Ich habe vier Jahre mit jungen Mädchen und alten Frauen gearbeitet. […] Ja, dann sind sie zu uns gekommen und dort geblieben. Jede Frau hat ein Zimmer mit Schrank und Esstisch und Dusche gehabt. Sie sind manchmal bis zu einem Jahr geblieben. […] Sie haben Kinder, manchmal sind sie verheiratet oder sie sind nur Mädchen. Manche kommen allein und sagen: ‚Nein, ich möchte nicht zurück nach Hause zu meiner Familie. Ich muss besser hier bleiben.‘ Sie werden geschlagen. Ich habe vier Jahre mit anderen Kolleginnen geholfen.“ Obwohl Frau Sp8 rückblickend keinen expliziten Beweggrund für ihr soziales Engagement erwähnt, ist es vermutlich doch ursächlich darin verwurzelt, dass sie die traditionelle Rollenzuweisung der Frau im Irak als ungerecht empfindet und eher die Frauen respektiert als die Männer. Vor diesem Hintergrund der ungerechten Rollenzuweisung zwischen Frauen und Männern steht ihr Engagement als Kampf für die Verteidigung der Frauen – und in einem weiteren Sinne der weiblichen Werte und Erfahrungen überhaupt – im Zentrum ihres politischen Engagements. Zugleich grenzt sie sich von der traditionellen Frauenrolle im Irak ab. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Zum Anspruch von Frau Sp8, sich in Deutschland zu integrieren, gehört auch ihr Bedürfnis, Deutsche und andere Menschen aus verschiedenen Kulturen kennenzulernen, sowie der Wunsch, die deutsche Sprache zu erlernen. Sie betont, wie wichtig für sie die deutsche Sprache ist. Ein Punkt, auf den Frau Sp8 in Verbindung mit ihrem Ausländerin-Sein zu sprechen kommt, ist die Diskriminierung, die sie selber in Deutschland erlebt. Sie fühlt sich in den Ämtern „nicht gleich wie die anderen“. Auch Frau Sp8 scheint darunter zu leiden, dass sie keinen unbefristeten Aufenthalt bekommt: 6.1 Zwölf Fallbeispiele 109 „Integration ist für mich wichtig und bedeutet, andere Leute kennenzulernen und Kinder und Erwachsene und auch die Sprache [zu] lernen. Die deutsche Sprache ist auch wichtig für mich. Ich bin zufrieden, dass ich Erwachsene, Kinder und andere Leute aus anderen Kulturen kennengelernt habe. […] Ich habe bis jetzt kein Problem und bin zufrieden mit den deutschen Leuten. […] Die anderen sind nicht okay mir gegenüber. Wenn ich zu einem Amt gehe, bin ich nicht gleich wie die anderen. Ich bin Ausländerin. […] Ich habe Probleme mit meinen Papieren. Nein, sie helfen mir nicht. Ich habe keinen unbefristeten Aufenthalt, nur zwei Jahre und dann wird er nach zwei Jahren wieder verlängert.“ Dieses Grundgefühl, als Ausländerin einen anderen und schwierigeren Weg in Deutschland zu gehen als „die anderen“, nimmt ein zentrales Gewicht in Frau Sp8s Schilderungen ein. Beziehung zu Theater und Politik Frau Sp8 setzt sich in einer Passage des Interviews mit dem Verhältnis zwischen Theater und Politik auseinander, das sie für wichtig hält, um sich über die Politik in Deutschland Wissen anzueignen. Insofern bestätigt sie die Ziele des Theaterprojekts, mit dem Theaterspiel auch Wissen über politische Zusammenhänge zu erwerben. Prägend für ihre politische Haltung sind aber die Erfahrungen des langjährigen Kriegs im Irak, da Frau Sp8 mit der politischen Lage dort ständig konfrontiert ist. Sie sieht Politik als etwas Fürsorgliches und – metaphorisch gemeint – vergleicht sie emphatisch mit einer „Mutter“. Sie bringt ein starkes Interesse mit, sich näher mit der Politik zu befassen: „Die Sprache der Politik ist schwer. Aber jede Woche, wenn ich Theater habe, ist es wichtig. Aber jetzt haben wir im Unterricht viel [zu] diskutieren. […] Ja, das ist wichtig, auch die Politik. Weil in meiner Heimat auch über Politik gesprochen wird. Ich möchte wissen, was Politik bedeutet. In meiner Heimat gibt es seit 40 Jahren Krieg. Viele tausend Leute sind gestorben wegen Krieg und Politik. Ich möchte hier wissen, was hier Politik bedeutet […]. Politik für mich bedeutet wie eine Mutter. Wissen Sie? Wie Mutter. Ich liebe meine Mutter, aber Politik auch.“ In der Rekonstruktion derjenigen Erfahrungen, die Frau Sp8 mit ihrem Frausein in Verbindung bringt, sind deutlich die Spuren ihres eigenen Erlebens sowie der Auseinandersetzungen und Schwierigkei- 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 110 ten aus der Zeit im Irak zu erkennen. Selbst in Deutschland setzt sie sich damit auseinander. Fazit: Zwischen Identifikation mit der Politik und Abgrenzung von der traditionellen Frauenrolle Wie sieht und beschreibt Frau Sp8 sich selbst, wie möchte sie gerne gesehen werden? Frau Sp8 präsentiert sich als eine unabhängige Frau, die im Irak mutig mit offenen Auseinandersetzungen umging. Sie beansprucht, kämpferisch zu sein. Sie sieht sich als eine Frau, deren hauptsächliches Ziel die Hilfe für die Frauen und Mädchen im Irak ist, weil sie dort von Männern stark diskriminiert werden. Darüber hinaus präsentiert sie sich durch ihr sicheres und selbstbewusstes Auftreten als vorbildliche Vertreterin von Frauen und versucht sie durch ihr persönliches Engagement zur aktiven Durchsetzung ihrer Rechte zu ermutigen. Ihre eigene Rolle im Theater empfindet sie als einen bewussten Kontrast, gesellschaftliche Ereignisse zwischen der Politik im Irak und in Deutschland zu markieren. Dieser Kontrast bestärkt sie auch darin, ihr politisches Wissen zu vertiefen und neue Positionen in ihrer sozialen Arbeit umzusetzen. Frau Sp6: „Ich habe niemals solche Gefühle, dass ich etwas über Politik machen soll“ Schon nach unserer ersten Anfrage war Frau Sp6 bereit, einen Interviewtermin mit uns zu vereinbaren. An einem Nachmittag Ende März 2019 trafen wir uns in der Wohnung von Frau Sp6 in Hannover. Das Gespräch mit ihr lief sehr angenehm und ruhig und dauerte rund 50 Minuten. Sie bezog sich sehr präzise auf unsere Fragen, machte aber durchaus auch längere Ausführungen, vor allem wenn sie die Politik in ihrem Heimatland kritisch aus der Perspektive der Migrantin aus Polen in Deutschland kommentierte. Auch Frau Sp6 hat selbst keine Fluchterfahrung; sie war aufgrund der Freizügigkeit innerhalb der EU nach Deutschland gekommen. Sie vermittelte uns im Interview den Eindruck einer sehr selbstsicheren und souveränen Persönlichkeit. 6.1.8 6.1 Zwölf Fallbeispiele 111 Nach dem Ende des Interviews sprachen wir noch über unser Forschungsanliegen und sie fand das Projekt besonders spannend. Das Leitmotiv: „Die Abneigung gegen politisches Engagement“ „[…] Ich habe mich niemals für Politik interessiert. […] Ich habe niemals solche Gefühle, dass ich etwas über Politik machen soll. […] Wenn ich jetzt an Polen denke, finde ich alles negativ, ganz negativ. Ja, weil die Politiker einfach für sich selbst sind. Sie kämpfen nur für sich selbst. Nicht für die anderen.“ Dieses Zitat ist einem detaillierteren Zusammenhang entnommen, in dem Frau Sp6 über ihre Abneigung spricht, sich mit der Politik zu beschäftigen. Dabei stellt es sich für sie als Problem dar, dass sie Politik in ihrem Herkunftsland als negativ empfunden hat. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Die ausgewählte Textstelle bezieht sich auf die Frage, ob Frau Sp6 sich in ihrem Leben politisch engagiert hat. Zunächst führt sie aus, dass sie „niemals“ an Politik Interesse gezeigt hat und daher nie das Gefühl hatte, etwas für die Politik zu tun. Was macht aber diese Abneigung gegen politisches Interesse aus? Der Zusammenhang des Zitats im Interview klärt, warum Frau Sp6 sich gegen ein politisches Engagement entschieden hat. Sie begreift Politik als negativ, da Politiker in Polen nur „für sich selbst“ und nicht „für die anderen“ kämpfen: „[…] Ich habe mich niemals für Politik interessiert. Und ich habe auch das nicht richtig verstanden. Und jetzt sind die Begriffe für mich – ja, mehr verständlich. […] Wir haben zwei Parteien, die so groß sind und eine davon mehr Macht hat. Und die Leute streiten sich zusammen und wenn es zum Beispiel um Politik geht, dann habe ich keine Meinung dazu. Besser nichts sagen, statt etwas zu sagen und dann gleich erklären, warum – warum nicht so, warum so und so was. Ich habe niemals solche Gefühle, dass ich etwas über Politik machen soll. Zum Beispiel mit meinem Opa ist es immer so, er ist für eine Partei und wenn du etwas Anderes sagst, ist das dann sehr kompliziert. Deswegen keine Politik. […] Zum Beispiel, wenn ich jetzt an Polen denke, finde ich alles negativ, ganz negativ. Ja, weil die Politiker einfach für sich selbst sind. Sie kämpfen nur für sich selbst. Nicht für die anderen.“ 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 112 Die autonome, persönliche Handlungsfreiheit scheint für Frau Sp6 in ihrem Leben eine wichtige Rolle zu spielen. Im Hinblick auf Politik ist Unabhängigkeit für sie etwas überaus Wertvolles, das sie auf keinen Fall preisgeben will. Aus diesem Grund distanziert sie sich davon und vermeidet politische Diskussionen sowohl mit Familienangehörigen als auch mit anderen Menschen, die sich für Politik interessieren. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Frau Sp6 fühlt sich in Deutschland „komplett“ integriert, zumal sie zentrale Anforderungen der Integration wie das Erlernen der deutschen Sprache und die Fähigkeit zur Arbeit erfüllt. Selbstbewusst drückt sie ihre Ansprüche offen aus. In diesem Sinne äußert sie sich zu ihrer Auseinandersetzung mit der Integration. Hier zeigen sich wiederum ihre inneren Konflikte, als es darum ging, in Deutschland zu bleiben oder nach Polen zurückzukehren. Frau Sp6 verbindet ihre Ansprüche auf Integration mit Offenheit, Verantwortung, Eigenständigkeit – Eigenschaften, mit denen sie sich Anerkennung verschafft. Ihre Selbstsicherheit scheint auch in ihrer Einstellung zu Niederlagen, wie einem Scheitern, Zurückkehren, Unsicherheiten oder Angstgefühlen, durch. Sie hat keine Angst vor solchen Misserfolgen, weil sie sie als unvermeidliche Reaktion auf ihre Vereinzelung in Deutschland sieht. Den Durchbruch brachte für sie die erfolgreiche Bewerbung auf eine Arbeitsstelle: „[…] Integration. Wenn die anderen Leute mich so akzeptieren, so, wie ich bin. Und ich kann ein Teil der Gesellschaft einfach ohne Änderungen, ohne Grenzen sein. Ich kann einfach arbeiten. Als ich schon die Sprache gelernt habe, habe ich mich auch so stärker gefühlt, weil ich schon mehr verstehen konnte. Und als ich mich um meine jetzige Arbeitsstelle beworben habe, da habe ich auch dieses Vorstellungsgespräch gehabt. Und als sie mir eine E-Mail geschrieben haben: ‚Ja, du hast diese Arbeit bekommen‘, da hatte ich schon ein gutes Gefühl. Ja, ich bin jetzt ein Teil davon. Ich fühle mich jetzt hier ganz so komplett, weil vorher das so war, ich wusste nicht, ob ich hier wirklich bleiben will. Und jeden Monat wollte ich nach Polen fahren. Und ich habe gedacht: ‚Nein, ich will hier nicht bleiben. Ich kenne keine Leute und das ist alles kompliziert.‘ […] und dann, als ich die Arbeit bekommen habe und die Sprache schon verbes- 6.1 Zwölf Fallbeispiele 113 sern konnte, dann habe ich schon sehr, sehr gute Gefühle gehabt und ich fühle mich integriert.“ Konfrontiert mit der Frage, ob sie sich als Migrantin bezüglich des Artikels 3 des Grundgesetzes in Deutschland in ihren Rechten gleichberechtigt fühlt, antwortet Frau Sp6 verärgert. Auf die Nachfrage, was sie konkret geärgert habe, nennt sie ein Erlebnis mit einem Kunden während der Arbeit: „[…] Bei der Arbeit haben meine Kollegen mich sehr gut behandelt. Ja, das finde ich positiv. Aber ich habe auch negative Erfahrungen damit, wenn Kunden sehr frech bei uns sind. Ich arbeite am Hauptbahnhof. Da gibt es viele verschiedene Personen. Und manche denken so, dass sie wie ein König wären […]. Einer hat mir gesagt, weil er sich nicht in die Reihe stellen durfte, dass ich kein Deutsch spreche. Und er hat so eine große Klappe gehabt. Und ich habe mich wirklich schlecht gefühlt.“ Sie kann es offenbar schwer ertragen, nicht ernst genommen oder auf eine bloße sprachliche Inkompetenz reduziert zu werden, weil sie keine Deutsche ist. Was sie deutlich zum Ausdruck bringt, ist ihr Ärger über die „große Klappe“ ihres Kunden. Ein solches Verhalten vermittelte ihr ein „wirklich“ schlechtes Gefühl. Beziehung zu Theater und Politik Frau Sp6 schätzt den Stellenwert von Theater und Politik in ihrem Leben als sehr hoch ein. Das Theaterprojekt hilft ihr beispielsweise, den Begriff „Krieg“ im tiefsten Sinne des Wortes zu verstehen. Sie betont, dass sie nur durch Diskussionen im Theater mit den anderen Mitspieler*innen sehen konnte, wie „tragisch“ der Krieg sei und wie sich die Menschen „wirklich“ gefühlt hätten: „Aus dem Irak, okay. Und ich dachte: ‚Krieg, okay. Was kann Krieg bedeuten?‘ Jemand kann etwas sagen. Aber ich habe das jetzt von einer ganz anderen Seite gesehen und das war für mich richtig so auch traurig […]. Ich habe es mir niemals so vorgestellt, dass es so tragisch für die Personen wäre. Ja, man sieht alle diese Bilder im Fernsehen. Aber sowieso ist das nicht so […]. Und als wir darüber gesprochen haben, habe ich das richtig verstanden, wie die Leute dann fühlen und wie das wirklich alles aussieht.“ 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 114 Obwohl Frau Sp6 kein Interesse an Politik hat, scheint sie diesen Lernprozess über Politik auf der Bühne zu schätzen, um politische Geschehnisse und Menschen mit ihren Gefühlen besser zu begreifen. Fazit: Das Bild einer autonomen Persönlichkeit Frau Sp6 verfügt über eine starke Autonomie und große Selbstsicherheit. Sie tritt selbst für ihre Lebensgestaltung, ihre Integration und die Anerkennung in Deutschland ein. Sie ist bestrebt, diese Autonomie auch bezüglich der „negativen“ Politik zu behalten. Deshalb distanziert sie sich stark vom politischen Handeln. Aufgrund ihres starken Selbstbewusstseins hat sie kaum Diskriminierung erfahren und lässt sich davon wenig anfechten. Theater ist der einzige Ort, wo sie ehrliche Gefühle von Menschen spüren und politische Geschehnisse hautnah empfinden kann. Frau Sp7: „Weil es nicht nur um Theater geht, sondern auch um die Politik. […] Das wird meine Integration in die deutsche Gesellschaft erleichtern“ Erst nach zwei Telefonaten, um einen Interviewtermin zu vereinbaren, sagte Frau Sp7 zu, offen über alles zu reden, was ihr in ihrem Leben als Migrantin aus der Ukraine in Deutschland Schwierigkeiten bereite und was ihr wichtig sei. Wir trafen uns an einem Abend Mitte Februar 2019 in ihrer Wohnung. Frau Sp7 redete sehr viel, fast ohne Pause und mit persönlicher Leidenschaft und emotionaler Beteiligung. Durch ihre zum Teil sehr persönlichen Schilderungen stellte sie eine sehr vertrauliche Atmosphäre her. Das Gespräch dauerte eine Stunde und 15 Minuten; es verlief konzentriert und wurde nur einmal durch einen Telefonanruf unterbrochen. Von der ersten Minute an hatten wir das Gefühl, dass es sich um ein ergiebiges Interview handelte, weil Frau Sp7 ohne große Distanz und sehr deutlich sprach. Das Leitmotiv: „Das Bemühen um Integration“ „Und das war mein erster Wunsch oder mein erster Gedanke: ‚Okay, das wird meine Integration in die deutsche Gesellschaft erleichtern.‘ (…) 6.1.9 6.1 Zwölf Fallbeispiele 115 Okay, das hilft mir nicht nur diese Begriffe nicht zu vergessen, in meinem Kopf zu behalten, sondern auch etwas Neues zu lernen und wirklich dieses System besser kennenzulernen.“ In diesem Zitat geht es um die Vorstellung von Frau Sp7 über ihre Integrationswege in Deutschland. Ihre aktive Teilnahme am Theaterprojekt erklärt sie aus ihrer Überzeugung heraus, ihre Integration zu erleichtern sowie ihre Kenntnisse über das deutsche politische System zu erweitern. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme In den Beschreibungen von Frau Sp7 gibt es zwei Beweggründe in Bezug auf ihr politisches Engagement: zum einen die Tätigkeit in einer Studierendengewerkschaft und zum anderen die Praktikumsvermittlung. Sie schildert in beiden Fällen ganz persönliche Motive für ihre Arbeit und leitet diese ausführlich aus ihrer Biografie ab. Aktive Studierendenarbeit und Menschenhilfe kennzeichnen ihre Motivation. Im Vordergrund dieser Schilderungen stehen ihre Einsichten in ihrer Studienzeit. Sie beschäftigte sich mit der Vermittlung von Praktikumsplätzen in verschiedenen Organisationen und politischen Parteien: „Ιch habe nicht direkt angefangen, mich mit der Politik zu beschäftigen, als ich in dieser Gewerkschaft aktiv war. Das war eine Gewerkschaft für die Studenten. […] Wir haben viel Gutes für unsere Studenten gemacht. […] Deswegen haben wir verschiedene Verträge mit den verschiedenen Organisationen abgeschlossen und durch diese Aktivitäten Praktikumsplätze, auch verschiedene mögliche Arbeitsstellen nach der Uni gefunden. Aktive Studenten konnten sich in verschiedenen politischen Parteien beschäftigen. Das war auch wie ein Mini-Job für Studenten. Ja, ich wollte anderen helfen.“ Frau Sp7 versucht, durch ihr politisches Denken und Handeln sowie durch ihre permanente Suche nach Praktika, Mini-Jobs und Arbeitsstellen nach dem Studienabschluss in der Universität die Studierenden und Absolvent*innen zu unterstützen. 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 116 Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Folgt man den von Frau Sp7 geschilderten Erfahrungen in Deutschland als Ukrainerin, so wird deutlich, dass sie auch Diskriminierung und Abwertung als Migrantin erlebt. Ein Beispiel betrifft ihre Arbeitsmöglichkeiten in einem fremden Land wie Deutschland. Sie ist nicht sicher, ob ihr Lebenslauf beim Bewerbungsverfahren wegen ihrer ukrainischen Staatsangehörigkeit oder wegen der Ablehnung durch Mitarbeitende abgewertet wird. Sie argumentiert allerdings, dass ihre Bekannten behaupten, dass deutsche Studierende und andere von europäischen Universitäten begünstigt werden: „Wenn es um eine Stelle geht, sogar um eine 150-Euro-Basis-Stelle, dann natürlich schreibe ich immer – es steht in meinem Lebenslauf –, dass ich Ukrainerin bin und wie lange ich in Deutschland wohne, zum Beispiel seit einem Jahr. Viele haben mir überhaupt nicht geantwortet und ich bin nicht sicher, ob es mit meiner Staatsangehörigkeit verbunden ist oder die Mitarbeiter, die diese Arbeit erledigen sollten, so nicht aufmerksam sind. […] Meine Bekannten haben mir erzählt, dass sie dann natürlich deutsche Studenten bevorzugen, wenn es zum Beispiel um eine Stelle geht, oder diejenigen, die deutsche Diplome haben oder mindestens aus der Europäischen Union sind und hier eine Uni absolviert haben.“ Solche Erfahrungen müssen vor dem Hintergrund der migrationsbezogenen Sozialisation gesehen werden, die Migrant*innen in menschlichen Beziehungen eine Rückkopplung auf ihre Person suchen lässt. Für Frau Sp7 scheinen Lebensepisoden der Ausgrenzung und Entwürdigung eine bestimmte psychische Dimension anzusprechen, nämlich die Überwindung einer defizitären Akzeptanz. Die Suche nach Anerkennung soll dieses Defizit offenbar ausgleichen. Die Abhängigkeit als Migrantin vom Urteil anderer birgt jedoch ihre ganz eigene Leidenskraft; prägend war hier die negative Erfahrung mit einem deutschen Arzt, den sie aufgesucht hatte. Sie äußert sich über ihre Diskriminierungserfahrung folgendermaßen: „Das war nicht so richtig Würdeverletzung, aber ich hatte das Gefühl, als ich nicht so gut Deutsch sprechen konnte, dass der Arzt überhaupt mit mir nichts zu tun haben wollte. Und er hat mir keine Diagnose gegeben und mich sehr schnell nach Hause geschickt. Dann habe ich diese Praxis zweimal besucht – ohne gute Ergebnisse. Dann habe ich Zeit verloren. Und das hatte auch auf meine Gesundheit eine Folge. Ich habe drei Mo- 6.1 Zwölf Fallbeispiele 117 nate verloren mit diesen Terminen und dann musste ich natürlich nach einer anderen Praxis suchen. Gott sein Dank – es gab auch einen anderen deutschen Arzt, aber dieser Arzt war sehr loyal zu Ausländern, weil er selber ein Jahr Auslandsarbeit in Afrika gemacht hat. Er konnte auch gut Englisch sprechen und hat auch andere Länder besser gesehen und war wirklich loyal. Und er hatte Geduld, mir alles auf beiden Sprachen zu erklären.“ Frau Sp7 äußert sich sehr kritisch in Bezug auf das Verhalten des Arztes, der sie als Mensch wegen ihrer Sprachmängel offenbar nicht respektiert und wahrgenommen hat; die Folge war die Verschlechterung ihrer Gesundheit. Die Suche nach einem anderen Arzt verbindet sie mit der Hoffnung, angesehen und geachtet zu werden. Der neue Arzt, der auch im Ausland tätig war und dort Erfahrungen gesammelt hatte, war offenbar besser in der Lage ihr zu helfen und ihre Heilung zu befördern. Beziehung zu Theater und Politik Frau Sp7 beschreibt sehr plastisch die Verbindung zwischen Theater und Politik und akzentuiert den Charakter des Theaters für ihre Integration. Es sind also keine Visionen, die ihre Teilnahme am Projekt motivieren, sondern der Wunsch ihrer eigenen Integration in Deutschland. Das Theaterprojekt versteht sie als den Ort, in dem die Ausländer*innen ihre Gefühle und Schwierigkeiten artikulieren und einbringen können: „Und ich fand das sehr interessant und ich habe nie an solch einem Theaterprojekt eigentlich in meinem Leben teilgenommen. […] Ich meine, das Projekt Heimat bedeutet, wie sich Ausländer in Deutschland fühlen und von welchen Schwierigkeiten sie betroffen sind. Es geht nicht um die Politik. Es geht mehr um die Integration und die Schwierigkeiten der Geflüchteten. Das ist die Hauptidee aus meiner Sicht.“ Fazit: Politik und Theater als Integrationsweg Das Bild, das Frau Sp7 von sich entwirft, ist das einer Frau, die sich ihre Rechte erkämpft, Anerkennung in Deutschland zu erlangen. In ihrem Bemühen für ihre Integration erlangt sie ein besseres Politikver- 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 118 ständnis des deutschen Systems. Sie bemüht sich, durch Vermittlung von Praktikumsplätzen in verschiedenen Organisationen in ihrem Heimatland überhaupt mehr politisches Gespür zu schaffen und ihre berufliche Lage in der deutschen Gesellschaft zu verbessern. Ihr zentraler Anknüpfungspunkt ist ihr Kampf gegen falsche Einstellungen über Migrant*innen in Deutschland und deren Diskriminierung. Frau Sp3: „So ein Inbegriff der Integration ist praktisch für mich dieses Projekt hier, weil es ein Paradebeispiel ist“ Erst nach Verlauf von zwei Monaten erhielten wir eine positive Antwort von Frau Sp3. Wir vereinbarten persönlich Ort und Zeit für unser Gespräch; es fand an einem Abend Ende März 2019 im Haus ihrer Eltern außerhalb Hannovers statt. Sie wirkte sehr bestimmt und offen. Frau Sp3 äußerte sich sehr ausführlich über ihre Erfahrungen mit Integration, Politik und Theater als Deutsche. Unser Gespräch dauerte 40 Minuten und wurde einmal unterbrochen, weil sie eine kleine Pause benötigte. Nach dem Abschalten des Tonbandgerätes bekundete Frau Sp3 ein gewisses Vergnügen am Gespräch, das ihr eine Gelegenheit zur Reflexion des Theaterprojektes gegeben hatte. Das Leitmotiv: „Das Engagement für die Integration“ „Wie kann man Integration verbessern und so weiter […]. Und dieses – so ein Inbegriff der Integration ist praktisch für mich dieses Projekt hier, weil es ein Paradebeispiel ist. […].“ In diesem Zitat geht es um den Beweggrund von Frau Sp3 bezüglich der Integrationsbedeutung des Theaterprojekts. Ihre rege Teilnahme am Projekt begründet sie aus ihrer Überzeugung heraus, damit der Politikverdrossenheit in Deutschland entgegenzutreten. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Bezüglich der Frage, ob Frau Sp3 politisch engagiert sei, thematisiert sie im Einzelnen ihre Problematik, nämlich welche Aspekte im Vordergrund für ihr politisches Engagement stehen. In der ausgewählten 6.1.10 6.1 Zwölf Fallbeispiele 119 Textstelle führt sie aus, dass ihr politisches Interesse von einem Politikprojekt im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres herrührt, in dem es um die Opfer des Nationalsozialismus ging. Dieses Thema war von großer Bedeutung für ihre politische Entwicklung. Ihre Einbindung als Rednerin im Rahmen einer Gedenkfeier erklärt sie aus ihrer Überzeugung heraus, sich für Überlebende zu engagieren und dieses Engagement auch anderen Menschen zu vermitteln, um „ein Stückchen die Welt besser“ zu machen: „Ich habe ein FSJ Politik gemacht in Bergen-Belsen. Also das kann man schon als politisches Engagement bezeichnen. […] Wir haben uns mit den Opfern des Nationalsozialismus beschäftigt – damals sind da ja viele umgekommen – und dann auch im Zug mit Antisemitismus, mit Diskriminierung. Und das war wirklich eine tolle Erfahrung. Also klar – das Thema ist halt auch schrecklich. Also den ganzen Tag beschäftigst du dich mit dem Tod, Krieg, Verzweiflung. Aber jedes Jahr gibt es in Bergen- Belsen eine Gedenkfeier für die Opfer des Nationalsozialismus. Meistens so um April herum – am 15. April wurde das Konzentrationslager damals befreit. Und da hat mein Chef angeboten – mein ehemaliger Chef –, dass ich vielleicht als ‚FSJlerin‘ dort eine Rede halten soll. Und da habe ich gedacht: ‚Oh Gott, ich habe noch nie eine Rede gehalten.‘ […] Ich habe es gemacht und die Reaktionen darauf waren unglaublich positiv. Ich habe auch irgendwie gemerkt, dass man damit vielleicht tatsächlich auch etwas bewegen kann. Und auch die Überlebenden selber kamen dann zu mir und haben gesagt: ‚Ach Mensch, hat mich gefreut, dass du was gesagt hast‘, und ich habe damals Überlebende auch betreut. Und da hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass man da vielleicht irgendwie so ein Stückchen die Welt besser machen kann.“ Die hier gewählten Formulierungen bezeugen über die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens hinaus die Selbstwahrnehmung von Frau Sp3 oder die Art und Weise, wie sie als Deutsche wahrgenommen werden möchte. Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalisozialismus erscheint zugleich als eine Abgrenzung gegen Gewaltherrschaft, Krieg und Terror. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Als zentrale Angelegenheit bezüglich des Konzepts der Integration schildert Frau Sp3 das Aktivieren der Integration durch das Projekt, 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 120 das sie ein „Paradebeispiel“ nennt. Ihren Einsatz für die Integration setzt sie konkret durch ihr Engagement im Projekt um. Sie selber müsse sich nicht integrieren, aber sie habe „mit Menschen zu tun, die sich gerade integrieren wollen“, äußert sie. Die Auseinandersetzung mit Integration im Rahmen des Projektes ist ihr Antrieb für weitere Arbeit. So schildert sie sehr optimistisch: „[…] Also ich bin ja jetzt gerade nicht in der Rolle, wo ich sage: ‚Ich muss mich integrieren‘, sondern ich habe mit Menschen zu tun, die sich gerade integrieren wollen. Das ist auch nochmal eine neue Rolle für mich. Und das – das ist toll. […] Also, ich bin in Deutschland geboren. So hatte ich halt nicht die große Integrationserfahrung, sage ich mal. […] Also ich muss zugeben, dass ich vor dem Projekt mich gar nicht richtig mit dem Begriff Integration auseinandergesetzt habe. […] Wie kann man Integration verbessern und so weiter und so fort. […] Und dieses – so ein Inbegriff der Integration ist praktisch für mich dieses Projekt hier, weil es ein Paradebeispiel ist. Also, so viele verschiedene Menschen aus so vielen verschiedenen Ländern mit so vielen unterschiedlichen Erfahrungen und Berufshintergrund – haste nicht gesehen – treffen auf dem Projekt hier aufeinander.“ In ihren Schilderungen nimmt sie die Rolle ein, als Deutsche die Integration zu verbessern. Mit dieser inhaltlichen Orientierung will sie das neue Leben verschiedener Menschen aus verschiedenen Ländern unterstützen und fördern. Gefragt bezüglich des Artikels 3 des deutschen Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland erwähnt Frau Sp3, dass laut einer Studie Bewerber*innen mit ausländischen Namen gegenüber Bewerber*innen mit deutschen Namen diskriminiert werden: „Auch alleine in der Arbeitswelt oder bei Bewerbungen. Ich hatte mal ne Studie gelesen, da war also von den Qualifikationen her praktisch alles gleich – das einzige, wo der Unterschied war, dass der eine einen deutschen Name hatte und der andere einen ausländischen Namen. Und deswegen wurde der andere nicht genommen, weil er einen ausländischen Namen hatte. So was kann halt nicht sein.“ Frau Sp3 hält diese Art von Diskriminierung für schlecht, wenn Bewerber*innen von den Qualifikationen her alle gleich sind und wegen eines nicht deutschen Namens vernachlässigt und abgewertet werden. Damit grenzt sie sich vom diskriminierenden Verhalten gegenüber Zugewanderten stark ab. 6.1 Zwölf Fallbeispiele 121 Beziehung zu Theater und Politik Über den Zusammenhang zwischen Theater und Politik äußert sich Frau Sp3 sehr positiv. Theaterspiel betrachtet sie als eine gute Methode, Menschen von Politik zu begeistern, Politikverdrossenheit zu bekämpfen und gesellschaftliche Änderungen zu bewirken: „Auch Leute von Politik zu begeistern, die vielleicht sonst nicht von Politik begeistert sind. Zum Beispiel Politikverdrossenheit ist ja auch sehr groß. Und dadurch hat man halt einen anderen Zugang – einen Zugang, der Spaß macht.“ Fazit: Zwischen Integrationsidentifikation und Abgrenzung von Diskriminierung Wie sieht und beschreibt Frau Sp3 sich selbst, wie möchte sie gerne gesehen werden, was ist ihr Selbstideal? Frau Sp3 präsentiert sich als offene und tolerante Persönlichkeit gegenüber Migrant*innen. Ihre positive Identifikation mit der Integration wird durch ihre Abgrenzung von Diskriminierung gegenüber Fremden und durch ihre Orientierung an politischen gesellschaftlichen Änderungen gekennzeichnet. Herr Sp1: „Ja, also generell das Projekt macht mir sehr viel Spaß. Ich finde es total cool, mit den verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten“ Als Reaktion auf unsere Anfrage mit der Bitte um ein Interview erhielten wir von Herrn Sp1 persönlich einen Termin Ende März 2019 in seinem Haus außerhalb Hannovers. Das Interview dauerte 45 Minuten. Herr Sp1 redete sehr geradlinig und durchdacht, hielt sich aber in seinen Ausführungen über Integration, Politik und Theater als Deutscher eher knapp. Wir erlebten ihn während des Interviews als sehr überlegt und distanziert. Zwischen uns stellte sich allerdings eine vertrauensvolle Atmosphäre her. Durch seine übermäßige Zurückhaltung wirkte Herr Sp1 auf uns als eine Person, die grundsätzlich vorsichtig agiert. 6.1.11 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 122 Das Leitmotiv: „Das Engagement für Toleranz“ „Ja, also generell das Projekt macht mir sehr viel Spaß. Ich finde es total cool, mit den verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten. […] – mit wir meine ich jetzt alle, die in Deutschland leben – mehr ja, ja generell alle Menschen hier im Land und vielleicht auch alle auf der ganzen Welt mehr Toleranz und mehr Interesse an Politik brauchen.“ In diesem Zitat geht es um die Vorstellung von Herrn Sp1 über seine politische Einstellung in Deutschland. Seine aktive Teilnahme am Projekt erklärt er als Folge seines Interesses mit Menschen aus anderen Ländern zusammenzuarbeiten und mehr Toleranz zwischen den Menschen zu fördern. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme Die ausgewählte Textstelle ist Teil von Herrn Sp1s Antwort auf die Frage, ob er politisch engagiert sei. Anfangs führt er aus, dass er vor allem auf Wahlen Wert legt aber für ein politisches Engagement in einer Partei keine Zeit und auch kein großes Interesse daran habe. Auf diese Weise – nämlich sehr sparsam – funktionieren auch die Gespräche über Politik mit seinen Eltern und seinem in der Bundeswehr beschäftigten Cousin: „Ich gehe auf jeden Fall wählen und ich spreche meine Meinung aus, wenn ich gefragt werde. Aber ich habe leider nicht die Zeit, um aktiv in einer Partei mitzuwirken. (...) Aber ansonsten rede ich mit meiner Familie nicht viel über Politik. Weil so – abgesehen von meinen Eltern und von meinem Cousin, der die Bundeswehr vertritt, ist das Politikinteresse nicht so hoch.“ Sein geringes Interesse an Politik wird offenbar auch vom Umfeld bedingt, das nicht sehr politisch ist bzw. ohne Parteimitgliedschaft auskommt. 6.1 Zwölf Fallbeispiele 123 Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Über Integration äußert sich Herr Sp1 sehr durchdacht. Herr Sp1 schätzt offensichtlich die positiven Seiten der Integration und begrüßt sie ausdrücklich. Er vertritt sogar die Auffassung, dass die Menschen nicht die ‚gute Integration’ sondern die ‚schlechte’ bewerten: „Ich – generell erst mal zur Integration an sich. Ich denke, dass Integration insofern schwer zu beurteilen ist oder für mich Integration erst mal das friedliche Zusammenleben in gegebenen Umständen ist. Also in den meisten Fällen ja in einem Land. Wenn Menschen von anderswo zuziehen, dass dann der Zustand von ‚integriert‘ erreicht ist, wenn man einfach normal zusammenlebt, wie man das halt so macht – normalerweise tun sollte. Von daher ist es für mich immer so, dass ich schätze, dass Integration schwer zu beurteilen ist, weil nur die negativen Fälle auffallen, wenn etwas – wenn jetzt jemand nach Deutschland zieht und sich einfach ‚gut integriert‘, dann ist es nicht negativ. Man lebt zusammen, man hat andere Kulturgebräuche. Es ist meistens okay aber viele Leute regen sich dann über schlechte Integration auf. Aber dann hört man nicht die Beispiele für gute Integration. Von daher finde ich das sehr schade.“ Sein positiver Umgang mit der Integration wird durch seine Unterscheidung von ‚schlechten‘ Integrationsmustern und durch seine Orientierung an ‚guten‘ Integrationsfällen unterstrichen. Das ist ein interessanter Gedanke, der seine positive Annäherung an die Integration deutlich werden lässt. Beziehung zum Theater und Politik Bezüglich der Beziehung zwischen Theater und Politik präsentiert sich Herr Sp1 durch sein ‚cooles’ und spaßiges Auftreten als Vertreter eines toleranten theatralisch-politischen Projektes und hofft als Deutscher, dass solche Projekte ‚alle Menschen hier im Land’ und ‚alle auf der ganzen Welt’ zur aktiven Durchsetzung einer gerechten und spannenden Politik ermutigen könnten: „Ja, also generell das Projekt macht mir sehr viel Spaß. Ich finde es total cool, mit den verschiedenen Menschen zusammenzuarbeiten. Und ich glaube auch, dass das etwas sehr Cooles wird. Und generell zu den Themen, zu denen wir gesprochen haben, dass wir in Deutschland – mit ‚wir‘ 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 124 meine ich jetzt alle, die in Deutschland leben – mehr ja – ja generell alle Menschen hier im Land und vielleicht auch alle auf der ganzen Welt mehr Toleranz und mehr Interesse an Politik brauchen. Das ist jetzt nochmal wiederholt, was ich vorhin gesagt habe.“ Herr Sp1 stellt sich selbst als ein Deutscher dar, der die Gesellschaft respektiert und toleriert und sich aktiv durch das Theaterprojekt für die Politikförderung einsetzt, obwohl er sich aber für seine eigene Person vom parteilichen Engagement sehr stark abgrenzt. Fazit: Zwischen Abgrenzung von parteilicher Politik und Politikförderung durch Theater Für Herrn Sp1s Erleben von Besonderheit ist der Aspekt der Selbstdefinition im Verhältnis zur Politik und zum Theater besonders aufschlussreich: Zunächst fällt es auf, dass er sich wenig für parteiliche Politik interessiert, aber ein gewisses Verlangen nach Toleranz durch das Projekt in Deutschland und weltweit anspricht. Diese Widersprüchlichkeit bezeichnet eine Mischung von Abgrenzung zur stereotypisierten Politik einerseits und von Entwicklung neuer Mittel wie Theater für politisch-gesellschaftliche Veränderungen und Integrationsförderung andererseits. Frau Sp10: „Also noch mehr Menschen sollten auch dafür begeistert werden, […] weil Theater also einfach so viele Bereiche anspricht“ Erst nach zwei Telefonaten für eine Interviewvereinbarung sagte Frau Sp10 zu und wir trafen uns in ihrer Wohngemeinschaft an einem Abend Ende Februar 2019. Sie sprach sehr offen und konkret und mit vielen Beispielen aus ihrem Leben als Deutsche. Ihre Ausführungen wurden als sehr eindrucksvoll empfunden. Sie vermittelte den Eindruck einer sehr freundlichen und positiven Persönlichkeit. Das Gespräch dauerte circa 35 Minuten. Das Interview verlief sehr präzise und war sehr ergiebig, weil Frau Sp10 sehr offen sprach. 6.1.12 6.1 Zwölf Fallbeispiele 125 Das Leitmotiv: „Das Bestreben nach Integration“ „Also, als Fazit würde ich auf jeden Fall festhalten, dass Theater als Mittel von Integration und als Mittel von politischer Bildung genutzt werden kann und auch sollte. […] Also noch mehr Menschen sollten auch dafür begeistert werden oder sich begeistern können, sich in solchen Projekten zu engagieren. […] das vielleicht so abschließend, weil Theater einfach […] so viele Bereiche anspricht. Bei dem einen persönlich und im Gehirn und bei einem anderen emotional, zwischenmenschlich, ja.“ Dieser Abschnitt, in dem das Leitmotiv für Frau Sp10 bezüglich des Verhältnisses zwischen Politik und Theater abgebildet wird, stammt aus der abschließenden Interviewsequenz, in der Frau Sp10 ein Fazit gibt. Mit der Formulierung, dass mehr Menschen fürs Theater begeistert und in Theaterprojekten engagiert werden sollten, betont sie ihre Meinung und Sehnsucht nach einem emotionalen und zwischenmenschlichen Politikverständnis, das zu mehr Integration führen könnte. Politisches Verhalten, politische Sozialisation, Einflussnahme In den Schilderungen von Frau Sp10 gibt es Hinweise auf die Beweggründe für ihr politisches Interesse. Sie teilt ganz persönliche Motive für ihre politische Haltung mit. Die Beweggründe sind stark an ihrem Studium der Geisteswissenschaften, an ihrer Teilnahme an Demonstrationen, an ihrem Interesse an Gender-Debatten und an ihrer theaterpädagogischen und künstlerischen Arbeit orientiert: „Ja, ich denke fast, also vieles, was man tut, ist politisch. Also, Politik heißt ja nicht nur irgendwas ankreuzen. So, also für mich heißt es auch, für mich ist es schon politisch, dass ich […] zum Beispiel was studiere, was eine Geisteswissenschaft ist. Das ist für mich auch schon politisch, weil es zu einer bestimmten Weltvorstellung gehört, weil ich dadurch auch bestimmte Diskurse mitgestalte und lerne und politisch aktiv bin. Also dann kann ich erst sagen, wenn ich so ein bisschen weiß, was so um mich herum passiert. Und zum Beispiel gehe ich auch schon auf Demonstrationen, wenn ich der Meinung bin, dass da für gute Dinge demonstriert wird. Und ich habe schon politisches Interesse, was […] die Gleichberechtigung von Mann und Frau angeht und diese Gender-Debatte und so. Ich finde das auch alles sehr wichtig und sehr interessant. Und deshalb würde ich schon sagen, dass ich da auch aktiv bin oder gerade 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 126 auch im Theater, also in der Kunst, auch immer wieder mich mit solchen Dingen tiefer beschäftige.“ Die politische Einstellung von Frau Sp10 entspringt ihrer Wertvorstellung, sich tiefer für politische Zusammenhänge zu interessieren und in die Gesellschaft einzubringen. Positive und negative Erfahrungen mit Integration, Grundgesetz, Stereotypen, Konflikten, Selbst- und Fremdwahrnehmung Frau Sp10 versteht Integration als „Hoffnung“ und nicht als „Angst“. Das Interesse an anderen Menschen zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Schilderungen über die Bedeutung von Integration. Es lohnt sich für sie, „gastfreundlich“ zu sein und Integration aktiv zu verfolgen, weil sie damit offenbar Erlebnisse verbindet, die für ihre persönliche Entfaltung ausschlaggebend sein können: „Meine Erwartungen sind, dass es weniger Angst gibt und mehr Öffnung für alles Mögliche. Also das […] gar nicht so im globalen Sinn, sondern insofern, dass einfach Menschen mal ein bisschen Interesse für irgendwie andere Menschen aufbringen, die halt herkommen und aus anderen Kontexten einfach kommen, und auch nicht so schnell aufgeben und denken so: ‚Ja ach, verstehen mich ja eh nicht‘, sondern ein bisschen was versuchen, gastfreundlich zu sein und sich darauf einzulassen. Das also so im kleinen Sinne.“ Bezüglich des Artikels 3 des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland führt Frau Sp10 einige Beispiele für die Situation in Deutschland an, in der Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder Ethnie Diskriminierung erleben und sich häufig dagegen wehren: „Aber klar, ich habe auch schon Situationen erlebt, wo es zu einem Alltagsrassismus oder Sexismus oder irgendwie kam. Wo Menschen – also irgendwie oft ist das ja so in der Öffentlichkeit, in der Bahn oder so, dass man ja entweder Gespräche anderer Menschen mithört oder merkt, dass der Zugkontrolleur oder die Zugkontrolleurin aufgrund von Hautfarbe oder Ethnie oder so zufällig diese eine Person kontrolliert. Das ist halt – das kriegt man natürlich mit. Ich hab aber auch schon viel erlebt, dass Menschen sich dagegengestellt haben, dass Menschen Einspruch erhoben haben sozusagen.“ 6.1 Zwölf Fallbeispiele 127 Gemäß ihrer Aussagen grenzt sie sich vom Alltagsrassismus ab und äußert ihren Wunsch nach Gleichberechtigung ohne Etikettierung der Nationen. Sie lehnt Rassismus ab und setzt sich bewusst damit auseinander. Beziehung zu Theater und Politik Frau Sp10 schätzt den Stellenwert von Theater und Politik in ihrem Leben sehr hoch ein und verbindet demzufolge ihr privates Leben mit dem Theaterspielen. Das folgende Zitat zeigt, dass Theater derjenige Bereich ist, in dem sie sich mit dem Thema „Nationen“ in Deutschland auseinandergesetzt hat. Sie misst dem Theater eine ebenso wertvolle Rolle zu wie der Politik und hebt hervor, dass Theater zur Integration und zu politischer Bildung beitragen könne. Aus ihren Schilderungen wird eines ganz deutlich: Frau Sp10 spricht sich dafür aus, die Verbindung zwischen Theater und Politik nicht zu unterschätzen. Im Gegensatz setzt sie sich dafür ein, dieses Verhältnis auf der Bühne zu intensivieren, und wünscht sich, Menschen dafür zu begeistern, zu sensibilisieren und zu engagieren: „Ja, zum Beispiel hatten wir ein Theaterstück. Da ging es um Deutschland. Das haben wir in der Uni gemacht. Das war so ein Semesterprojekt. Und da haben wir uns mit Deutschland auseinandergesetzt und einfach mal auch als Gruppe so geguckt, was das eigentlich für uns ist. Finden wir eigentlich Nationen schlecht? Damit haben wir uns damals auseinandergesetzt. Da gibt es natürlich auch keine eindeutige Antwort drauf. Aber wir haben dann Teile von unseren Gedanken auf die Bühne gebracht und, ja, das regt im Publikum auch etwas an. […].“ Fazit: Das Streben einer positiven und engagierten Person nach Integration Das Bild von Frau Sp10 enthält viele Facetten. Diese reichen von anspruchsvollen Abgrenzungen gegenüber Alltagsrassismus bis hin zum groß angelegten Streben nach Integration und politischer Bildung. In ihrem politischen Anliegen durch Theater vermittelt Frau Sp10 damit die Einsicht einer mutigen Persönlichkeit, die sich um die Integration in Deutschland Sorgen macht. Unterdessen spielen Gefühle und zwi- 6 Selbst- und Fremdwahrnehmung in Hinblick auf die Integration – Zwölf Porträts 128 schenmenschliche Beziehungen eine große Rolle in Frau Sp5s eigenen Argumenten für die von ihr erfahrenen Ausgrenzungen und Kämpfe. 6.1 Zwölf Fallbeispiele 129

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Abstract

Since the creation of the theater, the theater stage has been closely connected to the political. Can theater play also pave the way for integration? In this book, amateur actors from different language and cultural backgrounds develop a play based on their own experiences with flight, alienation and starting new. The authors present suggestions for the instructional processing of self-written texts, exercises for testing different forms of expressions of the body as well as practical tips for the stage performance. Interviews with participating migrants, refugees and German students about their experiences with theater and integration in their daily lives complete the text.

Zusammenfassung

Seit der Erschaffung des Theaters ist die Theaterbühne mit dem Politischen eng verbunden. Kann Theaterspiel auch den Weg zur Integration ebnen? In diesem Buch entwickeln LaienschauspielerInnen aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen gemeinsam ein Theaterstück, das auf ihren Erfahrungen mit Flucht, Fremdsein und Neuanfang beruht. Die Autorinnen präsentieren Vorschläge zur unterrichtlichen Bearbeitung von selbstverfassten Texten, Übungen zur Erprobung unterschiedlicher Ausdrucksformen des Körpers sowie Tipps zur Bühnenaufführung. Interviews mit teilnehmenden MigrantInnen, Geflüchteten und deutschen Studierenden über ihre Erfahrungen mit Theater und Integration im Alltag runden den Text ab.