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5 Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen in:

Christiane Lemke, Amalia Sdroulia

Theater und Politik als Weg zur Integration, page 67 - 78

Ein Erfahrungsbericht

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4447-6, ISBN online: 978-3-8288-7464-0, https://doi.org/10.5771/9783828874640-67

Tectum, Baden-Baden
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Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen Die Ermittlung der Ansichten der Spieler*innen im Theaterprojekt über die Bedeutung des Theaterspiels als Weg zur Integration ermöglicht es, Erkenntnisse über den Lernprozess im Übungs- und Theaterraum zu sammeln. Die Art und Weise, in der sie erzählen, wie sie sich politisches Wissen aneignen und wie sie politische Texte in Szene setzen, lässt ihre Lernansprüche und -taktiken sowie ihre Wahrnehmung von Integration erkennen. Die Ansichten und Erwartungen sollen in zwei Schwerpunkten veranschaulicht werden: – Integrationsweg mittels Theaterspiel – politische und sprachliche Wissensvermittlung durch Theater Theaterspiel und Integration Die folgenden Ausführungen beruhen auf den Aussagen von Teilnehmer*innen am Theaterprojekt, die sie in den Leitfaden-Interviews getätigt haben.7 Für den deutschen Studenten Sp1 ist es beispielsweise ausschlaggebend, welche Bedeutung die Integration in unserer Gesellschaft einnimmt, wie mit Wertevielfalt positiv oder negativ umgegangen werden kann und wie sich dieser Wertedialog gemäß politischer Situationen zwischen unterschiedlichen Gruppen, zum Beispiel zwischen Theaterspielenden und Zuschauenden, gestalten lässt. Ein beispielhaftes Theater gebe die Gelegenheit zum vertieften Austausch darüber, welche Rolle Theaterspiel in der Integration zukomme und wel- 5 5.1 7 Die folgenden Originalzitate aus den Interviews sind redaktionell leicht überarbeitet, um die Lesbarkeit und allgemeine Verständlichkeit zu erhöhen. So sind beispielsweise Füllwörter und Wiederholungen gestrichen und einige grammatische Fehler korrigiert worden. 67 che Faktoren ihren Erfolg beeinflussen könnten. Dabei wird deutlich: Integration geht uns alle an. Sie ist nicht nur eine Herausforderung für die Migrant*innen, sondern auch eine politische Aufgabe für alle Zuschauenden, die durch das Theater veranschaulicht werden kann. Er schildert dies wie folgt: „[…] und sei es jetzt durch beispielhaftes Theater oder durch anderweitige Verwendung, ob positive oder negative Beispiele gegeben werden, um den Zuschauern die Wichtigkeit und die Umstände von Integration, in unserem Fall auch von Migranten und politischen Situationen, klarzumachen. Und auch, um politische Systeme, Gegebenheiten oder etwas Anderes – der Begriff fehlt mir –, um Politik dem Zuschauer näherzubringen. Würde ich schon sagen.“ Die deutsche Studentin Sp3 erklärt Theaterspiel als didaktisch angebracht, weil Integration durch das Zusammenkommen der Menschen aus verschiedenen Kulturen gefördert wird. Sie vergleicht sogar die Spielgruppe metaphorisch mit einer kleinen „Familie“, die mit der Zeit zusammenwächst. Sie äußert sich in Bezug auf das Theaterspiel als didaktische Methode folgendermaßen: „Also ich glaube schon, dass das auf jeden Fall eine geeignete Methode ist. Besonders in Bezug auf Integration. Weil man dadurch auch die Möglichkeit hat, mit verschiedenen Menschen aus verschiedenen Kulturen so zusammenzukommen. Und man wächst ja auch richtig zusammen. Also ich persönlich habe auch das Gefühl, dass wir so eine Art kleine Familie geworden sind. Also wenn alle sich total herzlich begrüßen usw. Und von daher finde ich, dass das auf jeden Fall eine richtig, richtig tolle Methode ist, um Integration zu fördern.“ Der irakische Spieler Sp2 spricht ebenfalls vom Zusammenbringen der Menschen durch Theaterspielen. Wie er betont, bietet Theater eine Grundlage für ein klares Integrationsverständnis an, wenn die Akteur*innen das Publikum ihre Offenheit spüren lassen: „Ja, also es ist – wie ich vorher gesagt habe – es bringt die Menschen zusammen. Weil die Menschen sich auch verstehen werden, wenn – ja, ich glaube, wenn die Menschen auch alles sehen, wie zum Beispiel was wir gezeigt haben. Dann werden sie auch ein besseres Verständnis haben und so hilft es, sich zu integrieren, zur Integration beizutragen. Ja.“ In ähnlicher Weise äußert sich der irakische Spieler Sp12. In seiner Aussage begreift er Integration als einen Lernprozess durch Theaterspielen. Er plädiert dafür, Integration durch Aufführen erlebter Ge- 5 Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen 68 schichten zu fördern. Nach seiner Meinung sind für die Integration „nicht vorher existierende Realitäten“ ein entscheidender Beweggrund für den Aufbau eines Theaterspiels, sondern die gelebten, eigenen Erfahrungen, die in das Spiel eingehen. „Also, das Ding ist, ich und die anderen Teilnehmer – jeder hat eine andere Geschichte mit vielen Varianten, vielen Farben, würde ich sagen. Und wenn wir das zeigen, was hinter dem Grund für unsere Integration steht, dann lernen die Leute vielleicht, was Integration ist. Vielleicht lernen sie etwas, was sie vorher nicht kannten, kennen. Sie lernen etwas, was so vorher nicht existierte. Und dann, aha! Ich würde sagen, vielleicht sind wir auch nicht so perfekt in diesem Projekt. Aber vielleicht können wir etwas zeigen. Eine Seite, die sich auf die Integration bezieht, vielleicht können wir das zeigen. Und wenn wir das zeigen, können wir vielleicht etwas verbessern.“ Der Argumentation der Spielerin Sp7 mit Migrationshintergrund aus Osteuropa liegt die Vorstellung zugrunde, dass das Theaterprojekt ihre Integration in die deutschen Gesellschaft erleichtern würde. Ihr politisches Wissen, das sie sich im Orientierungskurs nach dem Integrationskurs B1 angeeignet hat, könnte durch ihre Teilnahme am politischen Theaterprojekt zunehmen und ihre Kenntnisse über das politische System in Deutschland sogar erweitert werden: „Und das war auch besonders für mich interessant und ist interessant, weil es nicht nur um Theater geht, sondern auch um die Politik. Und das war mein erster Wunsch oder mein erster Gedanke: ‚Okay, das wird meine Integration in die deutsche Gesellschaft erleichtern.‘ Das war mein erster Gedanke. […] Ich hatte schon diesen Orientierungskurs, wo wir diese einfachen politischen Begriffe gelernt haben. Das war direkt nach dem B1-Kurs. Und ich habe gedacht: ‚Okay, das hilft mir nicht nur diese Begriffe nicht zu vergessen, in meinem Kopf zu behalten, sondern auch etwas Neues zu lernen und wirklich dieses System besser kennenzulernen.‘“ Die deutsche Studentin Sp10 betrachtet den Spracherwerb als einen Teil der Integration und weist nicht nur auf den verbalen Spracherwerb hin, sondern auch auf das Nonverbale. Denn ein Fortschritt in der Integration, so die Spielerin, sei viel mehr als der sprachliche Ausdruck durch Verben und Nomen. Integration umfasse viel mehr auch die Körpersprache, Mimik, Gestik und den Habitus; sie solle als ein „pragmatischer Ansatz“ angesehen werden, in dem kognitive Sprachfähigkeit auch mit dem Körperausdruck vereint ist. Es sei sinnvoll, Theater als Mittel zur Integration und zur politischen Bildung zu nut- 5.1 Theaterspiel und Integration 69 zen, da viele Bereiche, emotionale, geistige und zwischenmenschliche Ebenen, angesprochen werden könnten: „Ja, also erst mal ist halt Integration auch immer Spracherwerb. Ich glaube, durch Theater lernt man, sich vielseitig auszudrücken, weil es um Ausdruck geht. Also nicht nur um Verben und Nomen, sondern es geht um – also einen pragmatischen Ansatz. […] Man drückt sich ja auch mit dem ganzen Körper aus. Und in jeder Sprache ist das auch anders. Und das würde ich schon sagen, das ist ein großer Teil der Integration. […].“ Die mannigfachen Blickwinkel der interviewten Spieler*innen scheinen auf ein breites Spektrum von Erkenntnissen zu verweisen, das deutschen Studierenden, Migrant*innen und Geflüchteten ein besseres Verständnis von Integration verschafft. Theaterspiel als didaktische Methode trägt zu einer Neudefinition der Rolle von Migrant*innen bei, da es Wertevielfalt, Wertedialog, Zusammenkommen und Zusammenspielen zwischen Menschen verschiedener Kulturen durch Darstellen erlebter Geschichten, Sprachausdruck und Körpersprache arrangiert. Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und Vertrauen zueinander aufzubauen ist ein wichtiger Schritt zur gelungenen Integration. Wenn Menschen sich näherkommen, geben sie viel von sich und ihrer Persönlichkeit preis. Sie lernen in diesem interaktiven Prozess sehr viel voneinander. Damit wird nicht allein der Reduzierung auf die Migrant*innenrolle entgegengesteuert, sondern auch die Interaktion zwischen Einheimischen und Migrant*innen nachhaltig verbessert, wodurch das Integrationsverständnis eine andere Qualität gewinnt. Sie wird nicht als einseitige Anpassung, sondern als ein beidseitiger Lernprozess verstanden. Im folgenden Abschnitt soll beschrieben werden, wie Theaterspielen zum Aneignen politischen Wissens und politischen Einfühlungsvermögens beisteuert. Politische und sprachliche Wissensvermittlung durch Theater Wie aus den Aussagen der Spieler*innen im Theaterprojekt deutlich wird, ist die Sprache der Politik oft schwerer zu verstehen als die Alltagssprache. Auch der Sinn politischer Begriffe und Konzepte ist zunächst fremd. Für sie bedeutet das zunächst, dass sie Zusammenhänge 5.2 5 Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen 70 finden müssen, wenn sie über Politik für die Bühne schreiben und spielen. Für den Spieler Sp2 aus dem Irak vereinfacht ein Theaterstück die Vermittlung von politischem Wissen und unterstützt die Lernenden bei einem schnelleren Lernen, weil Wissen vereinfacht dargestellt und unkompliziert aneignet wird. Er äußert sich in diesem Sinn auf die Frage, ob Theater eine akzeptable Methode fürs Politikunterrichten ist: „Ja. Es wird immer vereinfacht […]; ich glaube alles, was man auch im Theater spielt – ich glaube, wenn der Lehrer etwas zeigen will, dann wird es einfach, [es] auch in einem Theaterstück zu machen. Also, die Themen werden vereinfacht. […] Für die Schüler, ja. […] Und man versteht das schneller und ja, man versteht das schneller. So ist es.“ Die irakische Spielerin Sp8 sieht den Wert des Theaterspielens mit politischem Themeninhalt darin, dass sie mit der Sprache auch Wissen über politische Zusammenhänge erlernen kann. Die politische Sprache sei sehr schwer, betonte sie, und daher erleichtere das viele Diskutieren darüber das Verständnis politischer Wörter und Begriffe: „[…] Die Sprache der Politik ist schwer. Aber jede Woche, wenn ich im Unterricht lerne, das ist wichtig. Und viele Wörter, neue Wörter lerne ich. […] Und Politik auch. Früher ich wusste nichts über die Politik in Deutschland und über etwas Anderes. Aber jetzt wir haben im Unterricht viel diskutiert.“ Die polnische Spielerin Sp6 versteht Politik im Theaterprojekt deshalb besser, weil dort auch autobiografisch gespielt wird. Politische Wissensvermittlung wird durch Autobiografisches besser verständlich, weil Selbsterlebnisse „keine fremden Sachen“ sind, sondern durch die autobiografische Methode im Theaterspiel authentisch vermittelt werden, wie beispielsweise die Kriegserfahrung: „Was kann Krieg bedeuten? Kann jemand etwas dazu sagen? Aber ich habe das jetzt von einer ganz anderen Seite gesehen und das war für mich richtig traurig, kann man sagen. Ich habe mir niemals das so vorgestellt, dass es so tragisch für die Personen sein könnte. Ja, man sieht alle diese Bilder im Fernsehen oder so. Aber sowieso ist das nicht so hier. Nicht so nah, sondern dort. Und wenn wir darüber gesprochen haben, habe ich alles richtig verstanden. Wie das, was die Leute dann fühlen und wie das wirklich alles aussieht. Das war für mich – ja, das waren die konkreten Beispiele. Ja, das hilft sehr, weil das so auch autobiografisch ist. Und wir spielen auch nicht so ganz fremde Sachen. Aber auch etwas, was jemand 5.2 Politische und sprachliche Wissensvermittlung durch Theater 71 schon erlebt hat. Und das ist so eine ganz andere Erfahrung, wenn wir das von der anderen Person hören, die das richtig schon erlebt hat – oder auch überlebt hat.“ Das Theaterspielen hilft vielen Projektteilnehmenden auch andere Themen in der Politik besser zu verstehen, wie etwa das politische System in Deutschland, so der iranischen Spieler Sp4. Er interessiert sich eher fürs Spielen der Politik auf der Bühne und nicht fürs Politiklehrbuch. Im Theaterprojekt fühlt er sich als Person wohl und begreift jetzt seiner Meinung nach Politik besser als früher: „Politik verstehe ich nicht. In unserem Theater, unserem Projekt habe ich ein bisschen über Politik gelernt. […] So fühle ich mich gut bisher. Später weiß ich nicht, aber bisher fühle ich mich gut. Besonders mit diesem Projekt. Weil das – weil ich von diesem Projekt viel über Politik gelernt habe, über die politischen Sachen. […] Ja, da habe ich gesagt, das ist total hilfreich. […] Das verstehe ich. Bei diesem Projekt verstehe ich Politik in Deutschland aber richtig. […] Durch das Theater konnte ich besser die Politik lernen, besser als im Buch. Zum Beispiel habe ich viel über Politik durch das Theater gelernt. Durch das Buch wollte ich nicht [lernen].“ In ähnlicher Weise äußert sich auch der syrische Spieler Sp5. Er erlebt das Buchwissen als etwas „Langweiliges“ und plädiert dafür, das Gelesene praktisch zu üben und anzueignen, um seine ganze Emotionalität zu offenbaren und dadurch den Stoff selbst kennenzulernen. Er betrachtet das Theaterprojekt als einen Ort, einerseits seine Träume des politischen Handelns und des Schauspiels zu verwirklichen, andererseits politische Begebenheiten und Persönlichkeiten zu verstehen, um politische Angelegenheiten zu verändern und Probleme beseitigen zu können. Er ist emotional sehr engagiert und bezieht dieses Gefühl auch auf das Erlernen politischer Zusammenhänge. Seine Erfahrungen im Theaterprojekt lassen sich generell mit einem Gefühl der Zufriedenheit in Verbindung bringen: „[…] wenn ich also ein Buch – über Politik rede, […] das finde ich ein bisschen langweilig. Wenn wir also dieses Buch oder diese Szene, was ich gelesen habe, praktizieren, das finde ich […] ganz anders, weil wir gut unsere Gefühle und unsere Emotionen zeigen können. Und hier können wir uns so kennenlernen. Wie, was sind wir? Ich fühle mich natürlich sehr zufrieden, weil ich meine Träume [lebe]; ja, ich habe zwei Träume, also in unserem Projekt. Wir reden über Politik. Ja, was – ich leide unter Politik. In Syrien leide ich unter Politik und hier zeigen wir, was die Politik ist. Und wir können also verbessern und verschönern diese Politik – 5 Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen 72 ohne Krieg, ohne Krise und ohne Probleme. Also wir können das finden. Und danach der andere Traum ist, ich spiele. Also als Schauspieler spiele ich mit euch. Ja, als Schauspieler und als jemand, der unter Politik leidet – ja, ich kann es so sagen. […] Ja, bestimmt. Wir können einfach so sagen; in unserem Projekt finden wir [es] so, […] wir können alle Probleme, alle Politiker oder alle Schauspieler verstehen. Wir können die Politik verbessern und vielleicht alle Probleme lösen. Durch vielleicht – wie ich schon gesagt habe – durch Liebe.“ Eine weitere Dimension benennt der irakische Spieler Sp12. Um den Wert des Theaterspiels für die politische Bildung zu erläutern, verwendet der Spieler im Interview Ausdrücke wie „Spaß“ und „Freiheit“. Auf die Frage nach dem Stellenwert des Theaterspiels für das Politiklernen antwortet er: „Warum? Das macht Spaß! Ab und zu vergesse ich, wie das draußen ist. Und ich kann etwas sagen, machen, mich äußern und ich hoffe, dass es nicht so schlimm ist. Ich kann nur sagen, das gibt mir ein bisschen Freiheit und Spaß. Und ich lerne auch viel, ich lerne auch etwas über die Politik, zum Beispiel in den letzten paar Tagen.“ Der deutsche Student Sp1 schildert ebenfalls, dass Lernen durch Theater spaßig und unterhaltsam ist. Sein Politikwissen wurde durch das Theaterspiel erweitert. Allerdings sieht er bei der szenischen Umsetzung keine Erweiterung seines Politikverständnisses. Theater sei aber nach seiner Ansicht eine gute Methode, Frontalunterricht oder Auswendiglernen zu ersetzen. „[…] Nachdem wir die Texte gelesen haben oder nachdem ich die Texte gelesen habe, würde ich schon sagen, dass sich mein Wissen bezüglich Politik erweitert hat. Weil ich in der Schule selbst nur einen grundlegenden Politikkurs hatte. Also keinen Leistungskurs, keinen weiterführenden Kurs. Und mich seitdem auch nur insoweit mit Politik beschäftige, wie man das als normaler Mensch – Zeitung lesen, im Internet Texte lesen oder so was – macht. Aber ich habe keine wissenschaftlichen Texte gelesen. […] Von daher würde ich sagen: Ja, es hat meinen Horizont erweitert. Ich würde aber nicht sagen, dass die szenische Umsetzung, die wir gemacht haben, mein Verständnis erweitert hat. […] Ja, der Frontalunterricht. Von wegen: ‚Hier sind 20 Dinge, die ihr auswendig lernen müsst, bis nächste Woche könnt ihr das‘ – da würde ich sagen, das ist interessanter mit Theater das zu machen. […] Also, erstmals ist es spaßig für mich, weil ich gerne Theater spiele und die Leute auch alle sehr cool finde, mit denen wir das Projekt machen. Und auf der anderen Seite ist natürlich auch so ein bisschen – wenn man politisch was vermitteln kann oder Po- 5.2 Politische und sprachliche Wissensvermittlung durch Theater 73 litik vermitteln kann, hat man gleichzeitig – habe ich auch noch einen positiven Effekt gehabt im Endeffekt und das ist cool, wenn wir das schaffen. Und wenn wir das nicht schaffen, war es immer noch unterhaltsam und spaßig.“ Für die bulgarische Spielerin Sp11 steht das Erlernen der deutschen Sprache im Vordergrund. Sie sei froh, nach der B1-Prüfung am Theaterprojekt teilnehmen zu können. Ihre Sprachkenntnisse wurden verbessert. Sie fühle sich gut, wenn sie mit den jungen Leuten im Theater probt, besonders wenn sie müde von der Arbeit sei. Sie fühle sich „wie ein Vogel“, erzählt sie metaphorisch. Damit drückt sie explizit eine Empfindung der Befreiung und Entspannung aus: „Politik ist ein bisschen schwieriges Thema für mich. […] Ja, Schritt für Schritt ich wachse mit euch. Das ist sehr interessant, weil ich normalerweise mitteilen möchte, dass die jungen Leute mit uns spielen. Und es ist sehr – was kann man sagen – nett. […] Ich sage immer so: ‚Ja, ich bin müde‘, oder so: ‚Ich arbeite.‘ Aber wenn wir für zwei Stunden oder drei oder ein bisschen mehr spielen, dann sage ich zu mir: ‚Gott sei Dank, du spielst‘, oder: ‚Du bist – du nimmst Teil an diesem Projekt.‘ Ich fühle mich so gut – ich weiß nicht, das ist meine Person. […] Als ich die B1-Prüfung bestanden habe, habe ich mit dem Theaterprojekt angefangen. […] Ich fühle mich wie ein Vogel. […] Ja, ich konnte kein Deutsch sprechen. Und ich bin sehr froh, dass ich die deutsche Sprache gelernt habe.“ Auch dem syrischen Spieler Sp9 macht das Theaterprojekt Spaß. Er zieht in seinen Erzählungen Bilanz: Man müsse eine Idee haben, sie zeigen und von ihr erzählen, das Vibrieren in der Gestik und Mimik des Anderen, auch wenn die Zunge versagt, wahrnehmen und spüren lassen. Neben Theaterspielen gilt es vor allem, die Gesellschaft zu reformieren, den Mitmenschen ein gutes Vorbild zu sein und eine wertvolle Botschaft zu verbreiten. Wenn er ein Bildungsminister wäre, sagt er, würde er den Theaterunterricht in der Schule als Pflichtfach etablieren, um die Kinder zu befähigen, kritisch politische Konstellationen zu hinterfragen: „Nein, nein. Das Projekt macht mir Spaß. Das Projekt – wenn wir unsere Meinung sagen dürften, dann könnte man die Idee zeigen und könnte man von dieser Idee etwas den Leuten erzählen. Was die Zunge nicht zeigen kann, das kann dann die Mimik und Gestik. […] Warum nicht. Theater spielt eine große Rolle. Seit langer Zeit. […] Was für eine große Rolle? Theater hat Europa reformiert, […] geändert. Bei uns auch. Ich meine, ein Schauspieler ist ein Vorbild für die Leute. […] Für die Gesellschaft. 5 Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen 74 Für jede Person in der Gesellschaft. Und hat eine wichtige Botschaft zu vermitteln und spielt eine wichtige Rolle. Und beeinflusst die anderen Personen. […] Wenn ich ein Bildungsminister wäre, dann würde ich den Theaterunterricht als Pflichtfach etablieren. […] Ich würde der Politik sagen, damit die Kinder gut verstehen, wie die Sache läuft. […] Ja, damit sie intelligent werden. Damit sie nicht eine Sache direkt glauben. Damit sie ein bisschen analysieren.“ Sprachvermittlung, Freiheit, Kreativität, Ästhetisierung, Herausforderung, Menschenvertrauen, Vertiefung theoretischen Wissens, Meinungsbildung und Horizonteröffnung verbindet die deutsche Spielerin Sp10 mit dem Wunsch, Theater generell im Unterricht einzusetzen. Theater erscheint ihr als die richtige Methode, später im Spanischunterricht als Lehrerin darauf zurückzugreifen. Die Art und Weise, wie Ästhetisierung theoretischer Hintergründe in unserem Theaterprojekt erfolgt, könne zum besseren Verständnis des Lernstoffs führen: „Ja, auf jeden Fall. Also, sicherlich kann man nicht eine ganze Sprache über Theater nur vermitteln. Also, es braucht auch grundlegende Kenntnisse und auch grammatische Kenntnisse, sicherlich. Aber auf jeden Fall würde ich später im Sprachunterricht auch darauf zurückgreifen, was ich im Theater so gelernt habe. […] Für mich bedeutet Theaterspielen Freiheit, also Freiheit, auch Dinge auszuprobieren. Auch Freiheit zu scheitern. Es bedeutet auch Herausforderung. Mich immer wieder mit neuen Dingen zu beschäftigen, mich auch auf neue Dinge einzulassen – auch auf neue Menschen einzulassen. Und es bedeutet auch Kreativität so richtig stark mit mir auszuleben. […] Ja, ja, also ich glaube immer, wenn man ein Thema tiefer durchdringt und das wirklich in eigene Texte umwandelt, sich anschaut – okay, das ist der theoretische Hintergrund. Aber was haben wir für Erfahrungen damit gemacht? Wie können wir das irgendwie ästhetisieren? –, dann dringt man einfach tiefer in ein Thema ein und versteht es wirklich viel besser. Und […] weil Theater ebenso vielfältig ist und so viele Dinge in einem bewegen kann und ansprechen kann. Und so viele neue Horizonte eröffnet. Also das ist einfach toll, ein tolles Metier. […] Und sich da mit Texten irgendwie auseinandersetzen und eine Meinung dazu bilden. Es geht im Theater ja auch viel um Meinung. Und in anderen Fächern geht es auch so.“ Die Spielerin Sp7 aus der Ukraine meint, sie erkenne jetzt Politik eher als einen Prozess, einen Kompromiss, eine Debatte und nicht nur als Gesellschaftsregel oder Kampf zwischen verschiedenen Parteien oder Meinungen. Ihr Verständnis von Demokratie und Politik habe die Spielerin im Theaterprojekt durch Diskussionen, freie Meinungsäuße- 5.2 Politische und sprachliche Wissensvermittlung durch Theater 75 rung und gemeinsame Lösungen in der Gruppe verbessert. Sie verbindet Politik im Theater mit Vielfältigkeit und der Präsenz von Spieler*innen aus unterschiedlichen Kulturen. Sie empfindet das Theaterspielen dabei auch als stressbefreiend, weil die Lernenden nicht gezwungen sind, etwas am Schreibtisch zu lernen, sondern durch das Spiel: […] Ich hatte gedacht, dass Politik mehr Regeln für die Gesellschaft [aufstellt] und verschiedene Mechanismen hat, wie unsere Gesellschaft koordiniert werden kann. Aber jetzt verstehe ich Politik auch wie einen Prozess und nicht nur wie einen Kampf zwischen verschiedenen Parteien oder verschiedenen Meinungen. Auch mehr wie einen Kompromiss und das Ergebnis auch ohne Situationen wie Konflikte oder Krise. Das kann auch mit normalem Dialog erreicht werden. […] Ihr habt vorbereitet diese Plakate und alles aufgeschrieben und wir haben aktiv an diesem Prozess teilgenommen. Das war auch Politik, Verständnis von Politik, wie ein Prozess. Wir haben zusammen sehr friedlich diskutiert und die gemeinsame Lösung aufgeschrieben, was wir unter jedem Begriff verstanden hatten. Plus als wir zum Beispiel diskutierten, welches Lied nehmen wir oder wer sagt was oder wer hält welchen Dialog oder wer spielt welche Rolle. Wir hatten immer Auswahl und diese Auswahl war nicht nur begrenzt bei der Vorstellung von unserem Theaterleiter und Projektleiter. Wir konnten alle unsere Meinung äußern und das war meistens auf unserer Vorliebe oder was wir bevorzugten, dann diese Wahl zu treffen. Also, das bedeutet, wenn zum Beispiel im Rahmen dieses Projektes wir das und das machen und wir jetzt zum Beispiel über diese Begriffe sprechen, dann konnte ich wählen: ‚Okay, ich will das und das sagen. Ich will das beschreiben und ich verstehe so was‘, und ich konnte mit eigenen Worten das formulieren. Das war mit dem Satz der Demokratie in unserem Theaterprojekt. Niemand hat mir gesagt: ‚Nein! Du wirst einen anderen Begriff nehmen! Nein, du wirst so und so sagen!‘ – Ich konnte frei wählen. […] Erstens Politik im Theater ist am meisten für mich mit Vielfältigkeit und verschiedenen Völkern verbunden – und mit den politischen Begriffen. Also, wir werden auf der Bühne unser Verständnis von Demokratie, Politik und anderen politischen Begriffen bringen und auch das im Spiel zeigen. Das ist sehr gespannt und auch lehrreich. […] Warum? Weil die Menschen sich mit diesen politischen Begriffen beschäftigen in einem Spiel. Sie sind nicht gezwungen, dazu etwas zu lernen, sich an den Tisch zu setzen und etwas wie ein Unterricht [zu] machen – das bringt immer Stress. Und die Menschen fühlen sich gezwungen und dann verlieren sie die Lust – verlieren die Lust sehr schnell.“ Für die deutsche Studentin Sp3 sind künstlerische Aspekte, wie Musik und Theater, eine spielerische und spaßige Art, die „trockene“ Theorie 5 Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen 76 zu ersetzen und unterschiedliche Lerntypen zu beeinflussen. Sie plädiert dafür, dass Theater als eine gute Methode weiterentwickelt werden sollte, um Politik zu vermitteln und Menschen politisch zu interessieren, weil sie dadurch zum ständigen Austausch angeregt werden und miteinander agieren: „Weil es ist ja auch – diese ganzen künstlerischen Aspekte: Musik, Theater – das hat ja auch viel mit Praxis, viel auch eher mit Freizeit und Spaß zu tun. Und was auf so eine spielerische, spaßige Art vermittelt zu bekommen, ist ja was ganz Anderes als diese trockene Theorie, die zum Beispiel die Schulen haben. Und ich glaube, dass ist auch ein guter Ansatz, um auch mal andere Zielgruppen – genau – zu erreichen, auch andere Lerntypen zu erreichen. […] Genau. Und zwar finde ich auf jeden Fall, dass das Projekt eine tolle Idee war und die Methode, jetzt das zu vermitteln durch Theater, eine gute Methode ist. Man muss sie erst mal – glaube ich – nochmal ausfeilen und weiterentwickeln. Aber irgendwann muss man dann ja immer mit dem ersten Schritt beginnen. Und dieser erste Schritt war auf jeden Fall gut – auch Leute von Politik zu begeistern, die vielleicht sonst nicht eben politikbegeistert sind. Zum Beispiel Politikverdrossenheit ist ja auch sehr groß. Und dadurch kann man halt durch einen anderen Zugang – mit einem Zugang, der Spaß macht, mit Theater, mit Musik oder Kunst eben – mehr Leute erreichen und mehr schaffen, glaube ich. Und wahrscheinlich auch effizienter. Also, wahrscheinlich war es auch für viele bestimmt einfach jetzt, dadurch Deutsch zu lernen. Weil man eben viel spricht und viel miteinander agiert.“ Insgesamt bemerkenswert an den Aussagen über die Wirkung des Theaterspiels auf die politische Wissensvermittlung ist, dass Theater ein Türöffner in eine Welt des Politischen ist und neue methodische Herangehensweisen beim Erlernen von politischem Wissen ermöglicht. Theater kann den Lernenden ein tieferes Verständnis für die politische Wirklichkeit vermitteln, da es interaktiv, autobiografisch, spielerisch, ästhetisch, kreativ, gefühlsbetont, entspannt und lustig die politische und interkulturelle Lernerfahrung gestaltet. Es öffnet den Erfahrungshorizont, baut Menschenvertrauen auf und erweitert politische Sprache sowie Sprachkenntnisse für Menschen mit Migrationshintergrund. Die Spieler*innen verknüpfen alles, was sie lesen, sprechen, hören, spielen oder fühlen, zunächst mit ihren eigenen Meinungen und Erfahrungen. Was die Spieler*innen umtreibt, sind nicht Daten und Fakten, sondern Gefühle, Geschichten und vor allem Menschen. Sie sprechen, schreiben und spielen eigene Geschichten und Gefühle oder bes- 5.2 Politische und sprachliche Wissensvermittlung durch Theater 77 ser gesagt: über ihre Geschichten und Gefühle. So sind die Spieler*innen bereit und offen für Selbstentdeckung, gemeinsame Arbeit, offenen Dialog und Gestaltung von Politik. Klare Aufgabenstellungen und Zielorientierung führen dazu, dass sie die Kompetenzen entwickeln, die sie benötigen, um ihre Sprachkenntnisse zu verbessern und dabei auch die politische Sprache zu erlernen. Und besonders schön ist: Sie lernen mit viel Spaß, ohne es zu merken, dass sie lernen. 5 Die Sicht der Spieler*innen auf die Bedeutung des Theaters für das Politiklernen 78

Chapter Preview

References

Abstract

Since the creation of the theater, the theater stage has been closely connected to the political. Can theater play also pave the way for integration? In this book, amateur actors from different language and cultural backgrounds develop a play based on their own experiences with flight, alienation and starting new. The authors present suggestions for the instructional processing of self-written texts, exercises for testing different forms of expressions of the body as well as practical tips for the stage performance. Interviews with participating migrants, refugees and German students about their experiences with theater and integration in their daily lives complete the text.

Zusammenfassung

Seit der Erschaffung des Theaters ist die Theaterbühne mit dem Politischen eng verbunden. Kann Theaterspiel auch den Weg zur Integration ebnen? In diesem Buch entwickeln LaienschauspielerInnen aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen gemeinsam ein Theaterstück, das auf ihren Erfahrungen mit Flucht, Fremdsein und Neuanfang beruht. Die Autorinnen präsentieren Vorschläge zur unterrichtlichen Bearbeitung von selbstverfassten Texten, Übungen zur Erprobung unterschiedlicher Ausdrucksformen des Körpers sowie Tipps zur Bühnenaufführung. Interviews mit teilnehmenden MigrantInnen, Geflüchteten und deutschen Studierenden über ihre Erfahrungen mit Theater und Integration im Alltag runden den Text ab.