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3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung in:

Christiane Lemke, Amalia Sdroulia

Theater und Politik als Weg zur Integration, page 31 - 56

Ein Erfahrungsbericht

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4447-6, ISBN online: 978-3-8288-7464-0, https://doi.org/10.5771/9783828874640-31

Tectum, Baden-Baden
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Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung Der konzeptionelle Ansatzpunkt des Projekts „Die Insel“ bestand darin, dass die Spieler*innen sich nicht mit einer literarischen Vorlage auseinandergesetzt haben, sondern vor allem mit autobiografischem Material, das sie selbst erarbeitet haben, und ein Stück entwickeln konnten. Dieses Verfahren bot die Möglichkeit, alle Beteiligten einzubinden und authentisches Erleben zu verarbeiten. Hierzu gehörten Erfahrungen von Krieg, Flucht und Vertreibung, aber auch der Alltag in Deutschland und Erfahrungen mit Integration und Spracherwerb. Unterstützt wurde dieses Vorgehen durch einen professionell arbeitenden Regisseur, eine Theraterpädagogin und eine Sprachlehrerin. Punktuell wurden auch einige Textpassagen aus der Fachliteratur oder Dokumente (wie z.B. das Grundgesetz) zur Unterstützung des Verständnisses komplexer Themen wie Krieg und Frieden oder Demokratie gelesen. Dieses didaktische Mittel diente auch zur Verbesserung des Sprachwortschatzes der Migrant*innen. In der Theaterpädagogik wird das Vorgehen des biografischen Theaters gern gewählt, um Jugendliche von Anbeginn aktiv in die Vorbereitung und Durchführung von Theateraufführungen einzubeziehen. Insofern ist es eng mit politischer Bildung und Didaktik verbunden. Beide konzeptionelle Linien, das biografische Theater und die Bedeutung der politischen Bildung, werden im Folgenden näher erörtert. Das biografische Theater Biografisches Theater ist der Raum, in dem immer wieder Ängste thematisiert und Vorurteile bewegt werden, und zwar authentisch. Authentizität wird zwar häufig auf der Bühne bemüht, es scheint allerdings für die Schauspieler*innen schwer, „authentisch“ zu spielen, weil 3 3.1 31 die Anleitung „Sei mal authentisch“ die Magie des Authentischen wegnimmt. Je mehr ein/e Schauspieler*in versucht, jedes Verlangen der Spielleitung von den Lippen abzulesen und eine fertige Reproduktion der Spielleitungserwartungen abzuliefern, desto weniger authentisch spielt er/sie. Wichtig, um Authentizität zu gewinnen, ist die vollzogene Identifikation der Akteur*innen mit den auf der Bühne dargestellten Stoffen. Daher ist es für die Spieler*innen ausschlaggebend, bei ihren eigenen Lebenserinnerungen und Empfindungen anzusetzen (vgl. Plath 2009, S. 25f.). Bei unserem Projekt „Politik theatralisch unterrichten“ haben wir uns für den biografischen Ansatz entschieden, weil biografische Theaterarbeit erlebnisorientiert ist. Im Stück wollten wir autobiografische Episoden von politischem Geschehen dem Publikum vermitteln. Von Beginn an wurde den Akteur*innen klar, dass sie über ihre eigenen Themen intensiv nachdenken sollten. So konnten sie durch kreative Schreibaufgaben, Diskussionen, Spielimpulse zu politischen Begriffen ihre Gedanken und Gefühle öffnen, darüber konstruktiv sprechen und ästhetische Mittel einsetzen, damit das Publikum ihr Anliegen versteht. Über diese dramaturgischen Strategien gerieten die Darsteller*innen auf ein höheres Reflexionsniveau. Sie waren überrascht, wie bedeutungslos ihnen die wirklichkeitsnahen gespielten Szenen zunächst erschienen, während ihre ästhetischen Ausdrücke durch Klarheit glänzten und viel deutlicher dargestellt werden konnten. Geschützt durch die Ästhetisierung waren sie bereit, Hemmungen zu überwinden, stark zu spielen und ihre tiefsten Gefühle mit großer Charakterstärke auszudrücken, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erreichen. Wie die Theaterpädagogin Maike Plath bereits hervorhub, findet im biografischen Theater eine Trennung der ästhetischen Sprache von der persönlichen Befindlichkeit in ihrem künstlerischen Ansatz auf der Bühne statt. So fanden die Protagonist*innen am Ende zu ihren wahren Empfindungen bzw. zur Authentizität zurück, nicht mehr naiv wie am Anfang, sondern bewusst durch den Darstellungsprozess (vgl. Plath 2009, S. 27ff.). 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 32 Theater als Ort verbaler und nonverbaler symbolischer Ausdrucksform Wie wird die Betroffenheit der Darsteller*innen in einen künstlerischkreativen Prozess umgewandelt, um dann diesen Stoff beim Publikum abzuliefern? Diese Frage ist zentral im Zusammenhang mit biografischem Theater. Im Folgenden geht es um Möglichkeiten der ästhetisierten Umsetzung. Alle beschriebenen Übungen motivieren die Spieler*innen, wenn es um ihre eigenen Geschichten geht. Demzufolge sollte man sich als Spielleitung nicht darüber ärgern, wenn sie fremden dramaturgischen Texten negativ gegenüberstehen. Die intensive Beschäftigung mit autobiografischen Themen hilft ihnen, sich selbst in bestimmten Kontexten zu verstehen und ein tieferes Feingefühl von Inhalten zu bilden. Zugleich stärkt dieses Vorgehen das Selbstbewusstsein und die Selbstrepräsentanz der Spielenden. Verknüpfung biografischen Materials mit der Figur Autobiografische Übung: Die Gruppe wird in mehrere Kleingruppen zu je vier und sechs Personen geteilt. Alle Spieler*innen haben ein leeres Blatt Papier und einen Stift vor sich. Jede Gruppe für sich denkt an einen Begriff über Politik und Theater. Alle Spielenden beschreiben für sich ihre Erfahrungen mit Politik. Diese werden auf einem Blatt Papier sauber aufgeschrieben. Die Sätze können eine Art Mini-Bericht, ein Songtext, ein Gedicht oder eine Erzählung sein. Die Länge und Art der Sätze bleibt den Spieler*innen selbst überlassen. Mit ihren Begriffen bekommen die Kleingruppen eine Schreibaufgabe, die sie für ihren Begriff lösen sollen. 1. „Schreibt mit eurem Begriff einen Zeitungsartikel: Der Begriff soll im Titel vorkommen!“ 2. „Sucht eine prominente Persönlichkeit eurer Wahl! Sie erklärt euch den Begriff. Schreibt ihre Erklärung auf!“ 3. „Euer Begriff fängt plötzlich zu sprechen an. Schreibt auf, was er zu sagen hat!“ 4. „Schreibt eine Kurzgeschichte mit eurem Begriff und vier weiteren, frei gewählten Begriffen!“ 3.1.1 3.1.2 3.1 Das biografische Theater 33 5. „Gestaltet einen Dialog, in dem ihr euch mit euren Großeltern über den Begriff unterhaltet!“ Durch die Schreibaufgaben sind die folgenden Texte entstanden. Die Spieler*innen haben etwas von sich preisgegeben. Text 1: Die enge Verbindung zwischen Politik und Theater4 Die Geschichte vieler Länder zeigt, welchen Einfluss Politik auf das Theater hat. Immer haben Politiker*innen Theater kontrolliert und geprüft, was und wie auf der Bühne gesprochen werden sollte. Vor der Aufführung wurden immer Kritiken geschrieben und viele Texte korrigiert. Die berühmten Schauspieler*innen mussten immer die „richtige Meinung“ über die bestimmten politischen Parteien äußern, damit sie nicht ins Gefängnis kommen und Möglichkeiten haben, im Theater weiter zu spielen. Freundlichkeit, Unterstützung und Verständnis zwischen politischen Parteien äußern sich in guter Zusammenarbeit, bringen Motivation für die Gesellschaft, zeigen ein gutes Beispiel, die Wirtschaft ohne Krieg zu entwickeln und Kompromisse einzugehen. Im 20. Jahrhundert kommt in die Gesellschaft ein neuer Begriff: „Meinungsfreiheit“. Aber in der Wirklichkeit funktioniert er noch nicht in seiner vollen Bedeutung. Die Politik will immer noch die Kontrolle über die Massenmedien, die Kunst und die Kirche haben, damit die Parteien in der Regierung nicht ihre Posten verlieren. Die Frage steht immer noch offen: Gibt es denn einen Kompromiss zwischen Politik und Kunst? Die Antwort ist ja und nein. Es hängt vom Land ab. Zum Beispiel in den USA und den EU-Ländern kann man schon seine Meinung offen äußern und Politiker*innen kritisieren, ohne dass Konflikte entstehen werden. Infolgedessen arbeiten die Politiker*innen und die Bevölkerung zusammen, um die Gesellschaft und den Staat durch verschiedene Ideen weiterzubilden. Aber in anderen Ländern sind die Politiker*innen leider nicht so weitsichtig. Aus diesem Grund können wir viele bewaffnete Zusammenstöße beobachten wie im Mittleren Osten. Politik und Theater beeinflussen sich gegenseitig. In Ländern, wo Meinungsfreiheit in vollem Sinn erlaubt ist, können Theaterschauspieler*innen auf der Bühne Witze über die Politiker*innen machen, sie offen kritisieren und auch politische Strategien auf eine lustige Weise zeigen. Text 2: Arnold Schwarzenegger sagt: „Ich war ein Schauspieler, ich war ein Politiker, ich kenne beide Bereiche gut. Ich glaube, es gibt viele Übereinstimmungen. Ich mache viel Sport. Es geht viel um Teamarbeit überall! Im Theater brauchen wir Zusammenarbeit, weil wir ohne sie kein Stück aufführen können. Wir brauchen Zusammenarbeit für ein gutes Ergebnis. Man muss Vertrauen haben. Man kann sich in der Politik ergänzen. Politik gehört nicht nur einer Person, sondern vielen Parteien. Die Entscheidungen werden von der Bevölkerung getroffen. Außerdem, wenn die Parteien ihr Land verbessern wollen, müssten sie zusammenbleiben und ihre Teamfähigkeit entwickeln wie im Theater. Zum Beispiel, als ich Anfänger im Sport war, wollte ich immer durch eine bestimmte Nachricht die Welt erreichen. Ich konnte im Bereich Schauspiel und Kunst meine Nachrichten besser darstellen. Ich bin der Meinung, dass alle auf der Welt versuchen sollten, zusammenarbeiten zu lernen. Dadurch wird alles einfacher für die Gesellschaft.“ 4 Alle grau hinterlegten Texte stammen von Spieler*innen. 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 34 Text 3: Ein Begriff fängt an, plötzlich zu sprechen Politik muss Grenzen zwischen den Menschen aus der ganzen Welt abbauen und für Harmonisierung sowie Akzeptanz zwischen den Völkern trotz verschiedener Mentalitäten sorgen. Politik sollte Frieden stiften. Alle Menschen auf der Welt, egal aus welchem Land sie kommen, sollten sich mit Respekt und Toleranz begegnen. Das ist unsere Botschaft! Mithilfe des Theaters wollen wir diese Botschaft in die Welt hinaustragen. Wir wollen zeigen, dass eine Welt ohne Grenzen, ohne Krieg und ohne Hass möglich ist. Denn das Ziel muss es sein, gemeinsam in Frieden zu leben. Text 4: Eine Kurzgeschichte Ein kleiner Junge wurde in einem Dorf geboren. Dort lebten die Menschen ein einfaches, fast banales Leben. Dort hatte er von Politik nie gehört. Sein Vater gab ihm einen Esel, damit er zur Schule, die in einer weit entfernten Stadt lag, gehen konnte. Dort hatte er von Politik gehört, wusste aber nicht, was das bedeutet. Er zog in die Stadt, um das Gymnasium zu beenden. Er wollte Medizin studieren, er bekam jedoch in diesem Bereich keinen Platz. Es war Schicksal, dass er so Politikwissenschaft studierte. Er lernte eine Frau, die Theater spielte, im letzten Jahr seines Studiums kennen. Sie erzählten sich ihre Geschichten, sprachen von ihrer Herkunft und ihrem Lebensstil. Und sie erzählten es mit Herz. Sie beendeten ihr Studium und er arbeitete als Politiker in einem Büro ohne Fenster. Sie stritten sich viel, denn am Theater zeigte sie auf politische Probleme, die er nicht sehen konnte. Sie war da, sie sah etwas, was außerhalb des Schreibtisches geschah. Doch sie konnte nur seine Augen, nicht sein Herz ersetzen. Er hatte auf seins verzichtet. Bei der Trennung fragte sie ihn: „Darf man als Politiker keine Gefühle mehr haben?“ Und er dachte viel darüber nach. 5. Ein Dialog zwischen euch und euren Großeltern Wir: Wir haben heute einen Artikel in der Zeitung über Partizipation gelesen. Was denkt ihr darüber? Opa: Partizipation heißt doch wählen gehen. Oma: … und dass man seine Meinung äußern kann. Wir: Genau. Und seine Meinung kann man zum Beispiel durch Theater ausdrücken. Opa: Wieso? Was hat denn Theater mit Partizipation zu tun? Wir: Beim Theater kann man Politik durch Singen, Tanzen und Witze darstellen und als Zuschauer*in nimmt man daran teil und wird auch eingebunden. Oma Ja stimmt. Das ist ein guter Gedanke. Partizipation gibt es sowohl in der Politik als auch im Theater. Der Inhalt solcher Schatztexte wird unter keinen Umständen eins zu eins auf der Bühne ungefiltert präsentiert. Im Gegenteil wird das biografische Material ästhetisiert. Durch spätere Proben begreifen die Spieler*innen, dass ihre künstlich gewirkte Figur Teile von den selbstgeschriebenen Texten enthalten darf. Aus diesen langen Texten werden nur ganz kleine Passagen auf der Bühne gezeigt, weil dieses Material als Grundlage für das Endstück genutzt wird. Das Theaterstück am 3.1 Das biografische Theater 35 Schluss wird komplett verändert sein im Vergleich zu den ursprünglichen Texten. Schon hier werden die Rollen geschützt. Die Rollen der Spielenden werden nicht auf sie selbst zurückgeführt, sondern auf Rollen anderer Mitspieler*innen. Vom Text zur szenischen und ästhetischen Umwandlung Die Spielleitung spricht mit der Gruppe darüber, welche Gefühle jede Figur in dieser Geschichte hatte und welche Bilder bei der Geschichte in dem Kopf der Spieler*innen entstanden sind. Er gibt folgende Aufgabe: „Stellt eines der Gefühle aus der Geschichte in einem Stadtbild dar.“ Die beobachtenden Spieler*innen geben direktes Feedback zum Effekt des Bildes und machen Umgestaltungsvorschläge. Schließlich dürfen die Spielenden für sich die Entscheidung treffen, wie sie am besten ihre Rollen spielen wollen. Die Gruppe arbeitet einzelne Stadtbilder zu den Gefühlen und wichtigen Stationen der Geschichte aus. Somit wird eine erste Basis für die weiteren Durchführungsmöglichkeiten geschaffen. In dieser Zeitspanne des biografischen Theaters sollen sich die Spieler*innen von biografischen Inhalten des Textes mithilfe ästhetischer Mittel distanzieren. Die Spielleitung gibt zu den biografischen Texten ästhetische Mittel vor und erarbeitet zusammen mit der Gruppe eine Szenenskizze. Fürs Durcharbeiten einer Szene ist es wichtig, dass die Spielleitung eine mögliche Überforderung der Spieler*innen vermeidet und sie vielmehr durch motivierende Impulse ermutigt, eigenständig und kreativ mit den ästhetischen Mitteln umzugehen. Für das Durcharbeiten einer Szene werden folgende ästhetische Formen vorgegeben: – Figurensplitting (eine Person wird durch mehrere Spieler*innen abgebildet) – Pose beim Sprechen – Requisiten verwenden – Freeze 3.1.3 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 36 – chorische Elemente einsetzten (jemand erzählt etwas und alle fangen plötzlich an, ein Lied zu singen; synchrone Bewegungen) – einen Monolog mit verschiedenen Personen ins Publikum sprechen (eine Person erzählt ihre gesamte Geschichte auf Arabisch, die anderen erzählen Teile der Geschichte auf Deutsch weiter) – Tanzansatz Ästhetisierung im biografischen Theateransatz hilft den Spieler*innen, künstlerisch auf der Bühne Gefühle darzustellen. Dies ist ein weiterer wichtiger Schritt, um sie von der naturgetreuen Spielart wegzubringen (vgl. auch Plath 2009, S. 126f.). Theater mit allen Sinnen: Tanz, Bewegung, Gesang Tanztheater ist eine Ästhetisierungsform, die Lust an der Bewegung weckt und Anstöße für eigene Ideen gibt. Die Spieler*innen lernen, wie sie von der natürlichen Bewegung zu einer getanzten Episode kommen. Sie setzen ihren Körper als Instrument ein und damit geben sie ausdrücklicher ihren Gefühlen und Gedanken eine theatralische Struktur. Dieser körperorientierte Ansatz gibt den Akteur*innen die Chance, eine illustrative Sprache für das häufig Unausgedrückte zu finden. Die Spielleitung erarbeitet mit den Spieler*innen zusammen fortwährend eine Choreografie, die ein Gemeinschaftsgefühl auf der Bühne erzeugt. Die Akteur*innen lernen bewusst dabei Bewegungselemente, wie Harmonisierung, Körperspannung, Sensibilisierung, auszudrücken. Demzufolge sollte die Spielleitung hoffnungsfreudige Ruhe, Gelassenheit und Begeisterung vermitteln (vgl. auch Plath 2009, S. 101f.). Übung zu tänzerischer Choreografie: Alle stehen im Raum und hören ein Musikstück. Jede Person tanzt allein und versucht, eine tänzerische Interpretation von Gefühlen wie z.B. Furcht, Bitterkeit, Zorn etc. auszudrücken. Danach sollen die Spieler*innen zu zweit Bewegungsbausteine erarbeiten, die zu den Begriffen „Kampf “ und „Krieg“ passen. Die Choreografien werden mit Musik unterlegt. Sie sollen von der Gruppe simultan, dennoch persönlich ausgeführt werden. Ein Einklang der Bewegungen kann durch ein Bewegungszeichen oder durch Appell erfolgen. 3.1.4 3.1 Das biografische Theater 37 Schlussbild der Choreografie soll eine kriegerische Szene sein. Die Spieler*innen sollten sich bei Kampfszenen so wenig wie möglich berühren und einen Sicherheitsabstand halten. Sonst besteht die Gefahr, dass Akteur*innen ihre Energien und Bewegungen falsch einschätzen. Am Schluss der Übung wird in der Gruppe Feedback gegeben, inwiefern die Bühnenskizze gelungen ist oder nicht. Übung zum Gesang: Einige Spieler*innen, die gerne singen, denken sich ein Lied aus ihrem Land (z.B. über das Thema Heimat, Heimkehr etc.) aus und singen es in ihrer Muttersprache. Ohne große Begründungen wird den Spieler*innen klar, dass Musik als ästhetisches Mittel der Szene ein anderes Gewicht geben kann. Musik erzeugt einflussreiche Stimmungen und weckt auch bei den Zuschauenden oft Emotionen, die verstärkend einen atmosphärischen Hintergrund erzeugen. Übung zum chorischen Sprechen: Alle Spieler*innen schreiben einen Satz groß und gut lesbar auf ein DIN-A4-Papier über das Thema Nationalhymne: Wir sind ein Teil von der Welt. Wir sind die Söhne und die Töchter der Sterne. Unter der Haut sind wir alle gleich. Unsere Herzen schlagen im gleichen Rhythmus. Wenn jemand uns trennt, werden wir auf einmal schwach. Wir wollen alle im Frieden leben. Im Kreis erzählen alle, warum sie sich diesen Satz ausgesucht haben und was er für sie ausdrückt. Alle schreiben einen Text gemeinsam. Die Spieler*innen entwickeln eine „Sprach-Choreografie“ und singen eine selbstgeschriebene Nationalhymne: Wunder, Freundschaft und Freiheit Unsre Herzen schlagen gleich Frieden, Respekt und Toleranz Wir sind Teil dieser Welt Dialog, Einklang und Harmonie Wir möchten in Frieden leben Liebe, Vielfalt und Verständnis Nur gemeinsam sind wir stark 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 38 Die Stückbearbeitung und Dramaturgie Die Gruppe plant, ein gesamtes autobiografisches Bühnenstück oder die ganze Dramaturgie autobiografischen Geschehens zu zeigen. Sie legt fest, welchem roten Faden das Stück folgt. Es gibt einen oder mehrere Erzählende. Im Folgenden wird der Aufbau unseres Stückes nach der klassischen Akteinteilung im Dramenaufbau von Gustav Freytag geschildert; diese Einteilung folgt einer Schilderung von Christiane Hess (vgl. 2017, S. 75f.). Es geht hier um den Aufbau des autobiografisch inspirierten Stückes „Die Insel“ (siehe Anhang). 1. Exposition Der dramatische Konflikt ist die Theaterinszenierung über eine regierungslose Insel einerseits und die Etablierung eines demokratischen Regierungssystems andererseits. Wie können wir demokratische Werte verwirklichen? Wie lassen sich Konflikte politisch lösen und gesellschaftliches Zusammenleben besser gestalten? Welche Bedeutung hat Flucht für unsere Zukunftsvorstellungen auf der Insel? 2. Steigerung Die Handlung steigt, wenn dreizehn junge Leute nach einem Flugzeugabsturz das gemeinsame Überleben und damit auch das Zusammenleben erproben. Die Situation spitzt sich zu, als die Frage gestellt wird, was Demokratie bedeutet, denn es wird sofort vereinbart, dass Demokratie ihre Gesellschaft regeln soll. Dabei zeigt sich schnell, dass sich die Geister an dieser Frage scheiden. „Du weißt nicht was Demokratie ist? Ich sage dir, was Demokratie ist.“ Schnell zersplittert die Einigkeit in viele verschiedene Sichtweisen. „Demokratie ist, wenn die Bushaltestelle genau vor meiner Haustür ist.“ „Demokratie ist, wenn ich meinen Nachbarn grüßen kann oder eben auch nicht.“ „Demokratie ist, wenn ich alle Bücher lesen darf.“ „Demokratie ist, wenn ich ein Theaterstück aufführen darf, ohne die Religion zu fragen.“ Demokratie hat eine andere Bedeutung für jede und jeden. Diese Fluidität regt auch die Zuschauer*innen an, selbst über diese Frage nach- 3.1.5 3.1 Das biografische Theater 39 zudenken. Was ist Demokratie und welche Aspekte sind uns wichtig? Wie kann Demokratie gelebt werden? Was macht den Alltag in einer Demokratie aus? 3. Höhepunkt Die Handlung erreicht ihren Höhepunkt (Klimax), wenn die Frage auftaucht, was zum Leben überhaupt wichtig sei. Dabei variieren die Ansichten vom Schwerpunkt Essen bis zum Internet. Und als die Idee aufkommt, eine gemeinsame Stadt zu bauen, in der alle zusammen leben können, läuft der ganze Pulk von einer Ecke der Bühne zur nächsten, immer wieder den Ratschlägen Einzelner folgend, wo der begehrenswerteste Standort dafür ist. Die gesamte Inszenierung spiegelt die Komplexität einer gemischten Gesellschaft wieder, stellt das gesellschaftliche Miteinander in einer außergewöhnlichen Aufnahmegesellschaft dar und zeigt, wie mühsam in einer „echten“ Demokratie die Wege zu einem gemeinsamen Konsens sind. 4. Retardierendes Moment Fallende Handlungen mit retardierenden (verlangsamenden) Momenten werden in der Szene des Tagesablaufs gezeigt, wo die Frage nach Demokratie auf einmal nicht mehr thematisiert wird. Alle Spieler*innen schlafen ein, sie legen den Kopf auf eine Seite, öffnen die Augen, stehen auf und machen einen Schritt nach vorne und fangen an, die Zähne zu putzen und ihren Beruf auszuüben. Eine ähnliche Handlung mit retardierender Bedeutung präsentiert die Szene des Geburtstags. Alle versammeln sich auf der rechten Bühnenseite und murmeln, was sie Zerteste schenken sollen. Blumen, Geschenk? Die Handlung verlangsamt sich durch diese zwei Szenen, um in einer Phase der höchsten Spannung auf die bevorstehende Katastrophe (Krieg) hinzuarbeiten. 5. Katastrophe Es kommt zur Katastrophe. In der Tanzszene „Samurai“ stellen alle choreografisch Hass, Blut, Feindseligkeit, Kampf, Attacke dar. Auf der Bühne herrscht Krieg. Die Spielenden hasten über die Bühne, ducken sich weg und schießen zurück. Die Folgen des Krieges werden angekündigt. Der Krieg ist offiziell vorbei, alle Krankenhäuser sind voll, der Friedhof ist riesig geworden. 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 40 „Tanz Samurai“. Szene aus „Die Insel“ (Foto: Samir Balko) „Folgen des Krieges “. Szene aus „Die Insel“ (Foto: Samir Balko) Abb. 3: Abb. 4: 3.1 Das biografische Theater 41 Das Zivilisatorische Friedenshexagon5 (in Anlehnung an Dieter Senghaas) als Darstellungsbild einer friedlichen Gesellschaft und ein Schiff als Rettung für die Bevölkerung der Insel deuten die Auflösung des Konflikts an. Wir haben als Arbeitsgruppe auf die klassische Akteinteilung nach Gustav Freytag geachtet, weil sie einen roten Faden, ein klares Motiv, einen klar verständlichen Konflikt, einen oder mehrere Spannungskrönungen und einen Abbau des Konflikts vorgibt. Starke Metaphern und Symboliken bieten den Rahmen für ein Kaleidoskop aus eigenen biografischen Erfahrungen und persönlichen Sichtweisen und Haltungen der einzelnen Protagonist*innen. Die Zuschauenden brauchen eine Handlung mit Höhepunkten, weil die Neugier steigt. Sonst reagieren sie mit Abneigung, Missmut und schalten irgendwann ab. Die Symbolik drängt sich den Zuschauer*innen derart auf: „Wir sind eine bunte Truppe“ scheint das Mosaik aus dreizehn jungen Menschen zu rufen, deren Bekleidung in starken Buntstiftfarben kraftvolle Akzente setzt, Diversität bildhaft macht. Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung Wie wird es möglich, dass in einer pluralistischen Gesellschaft mit verschiedenen kulturellen, religiösen und weltanschaulichen Normen und Werten das Zusammenleben so gestaltet wird, dass ein tolerantes, offenes, respektvolles und friedvolles Miteinander entsteht? Das Theater steht dabei vor der Aufgabe, den Wandel der Gesellschaft wahrzunehmen und zur Kunst des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Kulturen beizutragen. Im Folgenden wird davon ausgegangen, dass Theater als Kommunikationsmedium einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen politischen Bildung und zum interkulturellen Lernen sowie Erfahrungsaustausch leisten kann. In dem Projekt „Die Insel“ geht es um die didaktische Aufgabe, mit Laienschauspieler*innen, die durch ihr Zusammenspielen in einer Gruppe den Kontext als interkulturell definieren, eine Theaterauffüh- 3.2 5 Zum Zivilisatorischen Friedenshexagon siehe Coverabbildung. 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 42 rung zusammenzustellen. Menschen aus unterschiedlichen Sprachund Kulturkreisen entwickeln ein Theaterstück, das direkt mit kultureller Vielfalt in einer modernen Migrationsgesellschaft zu tun hat. Die Auseinandersetzung mit Migration, Einwanderung, Rassismus, Anerkennung der verfassungsrechtlich garantierten demokratischen Grundrechte und Werte, wie z.B. Meinungsfreiheit, Glaubensfreiheit, Recht auf individuelle Selbstverwirklichung, verlangt nach einer entsprechenden didaktischen Konzeption für den Umgang mit Menschen ungleicher Herkunft. Der heutige politische, kulturelle und soziale Alltag ist auf vielfältige Weise direkt und indirekt von Prozessen des Politischen und des Theatralischen bestimmt. Früher einmal voneinander getrennte Bereiche wie Bildung, Politik, Theater gehen eine synergetische Verbindung ein. Aktuelle Theaterprojekte können dabei diesen Wandel katalysieren. Es gilt für die politische Bildung durch Theater, in dieser Hinsicht in enger Anlehnung an die Theaterpädagogik, das Primat der Didaktik einzulösen, welches Lehren und Lernen eines der sich wandelnden Realität angemessenen politischen Bewusstseins letztlich durch praktische und erfahrungsnahe Thematisierung der „Politikwelt“ und „Politikexistenz“ zum Ziel hat. Eine neue Methodik der Theaterpädagogik – vermittelt über das Theaterprojekt – soll die Teilnehmenden anregen, ihre Einstellungen zu verändern und ihre Kompetenzen zu erweitern. Wissen, sprachliches Vermögen, Emotionen und Einstellungen werden durch „ästhetische Kommunikation“ in kleinen Gruppen und Projekten beeinflusst. Lernaktivitäten und Lerngegenstände bleiben nicht mehr in einen festen Wissensblock eingefügt, sondern geraten in Bewegung durch Fantasie und interessengeleiteten Perspektivenwechsel. Gruppentheaterpädagogisches Verfahren ist der Schwerpunkt eines außeruniversitären Lernprozesses. In einem arbeitsteiligen Prozess werden verschiedene Meinungen eines politischen Problems in der Regel unter Anleitung eines so genannten „Teams“ ausgearbeitet. Hier ist es wichtig, dass Studierende und Migrant*innen gemeinsam interkulturell lernen. Ein zentrales Ziel der interkulturellen Erziehung ist, die gegenseitigen Lernmöglichkeiten besser als bisher zu nutzen. Sie betreffen die Heterogenität von Lebenserfahrungen und die Vielfalt der Sprachen und Regionen (vgl. Pommerin 1996, S. 8f.). Interkulturelle Erziehung ist 3.2 Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung 43 eine zentrale Aufgabe für die Bildungsplanung in einer multikulturellen Gesellschaft. Wie die Pädagogik hervorhebt, ist die Universität für das interkulturelle Lernen einer der wertvollsten Lebensräume, da hier Unterricht und Bildung planmäßig stattfinden und Studierende meist aus verschiedenen Kulturkreisen kommen. Sie sprechen ihre Muttersprache und häufig noch zwei bis drei weitere Sprachen. Dieses Verständnis von Mehrsprachigkeit ist mit der Hoffnung verbunden, dass die Beherrschung mehrerer Sprachen zu einem besseren Wissen der jeweiligen Kulturen und damit zu einem gründlicheren Feingefühl und zur größeren Akzeptanz von Fremden führt. Demzufolge wird einer mehrsprachigen, interkulturellen Erziehung auch eine antirassistische Erziehung beigemessen, die gegenseitige Achtung und Toleranz fördert (vgl. Essinger/Ucar 1993). Angesichts des immer wieder aufflammenden Rassismus und der oft zu beobachtenden Ausländerfeindlichkeit ist es sehr wichtig, diese soziale Dimension neben kognitiven Lernzielen zu verstehen. Das Besondere an dem Projekt „Die Insel“ ist, dass hier Studierende gemeinsam mit Migrant*innen und Geflüchteten über ein Jahr lang zusammen an einem Projekt gearbeitet haben, das in mehrere Theateraufführungen mündete. Für die Migrant*innen und Geflüchteten, aber auch für die deutschen Studierenden stellte die gemeinsame Arbeit ein wichtiger Schritt zur Integration dar. Insofern hatte dieses Projekt für die politische Bildung weit mehr Wert, als nur zur Wissensvermittlung beizutragen. Politische Bildung durch Theaterpädagogik Die Vermittlung politischer Bildung lässt sich optimal mit einem praxisorientierten Argument erklären: Politische Bildung will Einblick in gesellschaftliche und politische Zusammenhänge vermitteln, Toleranz und Kritikfähigkeit ermöglichen, demokratische Spielregeln befestigen und so zur Beteiligung in der Demokratie anregen. Politische Bildung sollte immer frei von einer einseitigen Beeinflussung und Meinungsgebung anderer Menschen sein. Das heißt, dass die demokratischen Spielregeln andauernd Basis der Meinungsbildung sein sollten. Politisches Handeln ist praxisbezogen und mit Recht argumentierte der Po- 3.2.1 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 44 litikdidaktiker Kurt Gerhard Fischer schon 1973, dass politische Praxis nicht bei der massenhaften Aktion beginnt, sondern vielmehr beim politischen Gespräch in der Klasse, durch Handheben bei einer Abstimmung in einer Gruppe oder beim Leserbrief an die Medien (vgl. Fischer 1973), d.h. also in der konkreten Handlung jedes Einzelnen. Kernaufgabe des Politikunterrichts ist es, für das nötige Basiswissen zu sorgen, z.B. Wissen über politische Beteiligung, Staatsformen und gesellschaftliche und politische Zusammenhänge zu vermitteln. Hier eröffnet sich der politischen Bildung im Unterricht ein Trainingsbereich, der durch Fachlehrer*innen und Theaterpädagog*innen im Zusammenwirken gepflegt werden kann. Im Projekt „Die Insel“ wirkten auch Lehramtsstudierende und Studierende der Theaterpädagogik mit; für sie stellte das Projekt eine wichtige Erfahrung für die zukünftige Lehrpraxis in Schulen dar. In der Vermittlung politischer Themen ist es wichtig, Fähigkeiten und Fertigkeiten für eine aktive Teilnahme an der Gesellschaft zu erlernen. Hierzu gehört: – kritische Fragen zu stellen – sich politisch schriftlich und mündlich auszudrücken – bewusst eine Rolle zu spielen – strategisch zu argumentieren – Fachleute und Politiker*innen gezielt zu befragen – politische Verbände und Parteien vor Ort kennenzulernen – politisches Theater zu besuchen Die Didaktik der Theaterpädagogik ist jünger als die Didaktik der politischen Bildung. Erst in den 1970er Jahren begann sich die politische Bildung nach innovativen Ausdruckmethoden umzusehen. Politisch interessierte Theaterkünstler*innen hielten das Theater aufgrund seiner Auseinandersetzung mit Politik für die neue Methode, weil Lernende ihre Ansicht der Welt durch Theaterspiel ausdrücken sollten. Das heißt, die Lernenden können als Menschen und Kunstschaffende politische Handlungsräume bewusst durch spielerisches Erkunden verstehen und mögliche Fragen stellen oder Antworten geben (vgl. Martens 2012, S. 50). Theater spricht die Sinne und den Intellekt in derselben Weise an und bietet auch Lernenden, die lieber spielen und improvisieren als lesen, die Chance, dem Lernstoff zu folgen. Dadurch lernen 3.2 Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung 45 die Teilnehmenden, selbst auf der Bühne mit ihren Worten politische Begriffe und Ereignisse nachzustellen. In dem Theaterprojekt ging es uns darum, nicht nur Studierende politisch auszubilden, um in einer Gesellschaft zu leben und zu funktionieren, sondern sie sollten neue Erfahrungen in Bereichen sammeln, die mit dem akademischen Stoff nicht oder nur unzureichend abgedeckt werden. Darüber hinaus sollten sie Modelle zur Verbesserung des Zusammenlebens in einer multikulturellen Gesellschaft erörtern und erproben. Das Theaterprojekt erscheint als ein idealer Weg, diese Ziele zu erreichen, zumal es auch konkret zur Integration von Menschen unterschiedlicher Herkunft beiträgt. Auch der Aspekt der Entwicklung von Selbstständigkeit und Ausdrucksvermögen, beides Fertigkeiten, die in der politischen Partizipation im Alltag einen wichtigen Platz einnehmen, sollten in diesem Theaterprojekt weiterentwickelt werden. Theaterpädagogische Arbeit ist nicht denkbar, ohne auch politisch aufzuklären, Handlungsalternativen zu imaginieren und Gedanken zu befreien. Die Bildungspraxis in Hinblick auf politische Bildung, die mit Theaterpädagogik möglich ist, eröffnet jeder Gruppe die Chance, ein Regelwerk des Miteinanders zu schaffen und politische Handlung zu erproben. Ferner wirken didaktische Methoden der Theaterpädagogik außergewöhnlich motivierend und sind eine wünschenswerte Abwechslung im Methodenrepertoire der politischen Bildung. So äußerten unsere Teilnehmer*innen, dass sie beim Erlernen der politikwissenschaftlich relevanten Themen durch Theater immer begeistert dabei waren, weil es die Politikrelevanz für ihr aller Leben deutlich werden ließ. Diesbezüglich möchten wir einige ausgesuchte Aufgaben vorstellen, die sich je nach Ziel besonders eignen, um die politische Bildung mit Migrant*innen, Geflüchteten und Studierenden zu fördern. Übung zur Ideensammlung über Begriffe: Als wir mit der Gruppe das Stück entwickeln wollten, hatten wir den Vorteil der kreativen Freiheit. Wir sammelten zuerst Ideen zu den Begriffen Konflikt, Krise, Krieg und Frieden. Wir konnten gemeinsam mit den Spielenden die Bedeutung der Wörter analysieren und uns darüber austauschen und diskutieren. Diese Übung schöpfte zum einen aus unserem eigenen Erfahrungsrepertoire; zum anderen wurde ein an der Universität gängi- 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 46 ges Lehrbuch (Lemke 2018) herangezogen, um die Themen auch systematisch zu behandeln. Wir haben die folgenden Punkte mit der Gruppe besprochen: 1. Was bedeutet Krieg, Frieden, Konflikt und Krise? 2. Was gibt es für Erklärungsmuster? 3. Was ist das Ziel der Internationalen Politik? 4. Welchen Unterschied gibt es zwischen positivem und negativem Friedensbegriff? 5. Was zeigt das zivilisatorische Hexagon über einen friedfertigen Zustand? Nach einer längeren Diskussion und einem abwechslungsreichen Austausch kamen wir zu den folgenden stichwortartigen Resümees, die wir dann auf einer Wandzeitung festgehalten haben: Begriff: Konflikt – zentraler Bestandteil sozialen Lebens – unvereinbare Positionsdifferenz – kann Vorstufe von Gewaltanwendung sein Begriff: Krise – Situation erhöhter Spannung – politische, wirtschaftliche, religiöse oder ethnische Interessensgegensätze Begriff: Krieg – bewaffnete Auseinandersetzung – zwei Parteien – eine Partei (Regierung) – gelenkte Organisation – Kontinuität der Feindseligkeit Erklärungsmuster: Kriegerische Konflikte – sozioökonomisch: hierarchische Wertordnung (Machtgefälle), ökonomische Interessen, Ressourcenverteilung – ordnungspolitisch: expansives Machtstreben, krisenhafte Nationalstaatsbildung, ideologisches Hegemonialstreben – kulturell: friedensunfähige Dominanzkultur, religiöse oder ethnische Konfliktlinien 3.2 Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung 47 Szenische Umsetzung der Begriffe „Konflikt“, „Krise“ und „Krieg“. Szene aus „Die Insel“ (Foto: Samir Balko) Begriff: Frieden – Abwesenheit von Krieg und Gewalt (kein Zustand, sondern historischer Prozess) – negativer Friedenbegriff: Abwesenheit von Krieg, alles von Diktatur bis Demokratie (Iran, Türkei) – positiver Friedensbegriff: Abwesenheit von Krieg, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit, politische und persönliche Freiheit, Diversität, Demokratie (Schweden, Schweiz) Zivilisatorisches Hexagon – legitimes Gewaltmonopol – demokratische Beteiligung für alle – konstruktive Konfliktkultur – wirtschaftliche Abhängigkeit und Verflechtung – soziale Gerechtigkeit – Rechtsstaatlichkeit Abb. 5: 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 48 Szenische Umsetzung des Begriffs „Frieden“. Szene aus „Die Insel“ (Foto: Samir Balko) Ein geeignetes Instrument aus der theaterpädagogischen Praxis, um einen Einstieg in ein politisches Thema zu finden, ist Improvisationsspiel (vgl. Pfeiffer/List 2009, S. 20f.). Die Spieler*innen wurden da abgeholt, wo sie stehen, kamen in Austausch miteinander, improvisierten Rollen, Szenen und sogar ein ganzes Stück. Die Spieler*innen lernten die Improvisation als erstklassige Methode der Theaterarbeit kennen und nutzten sie für die Entfaltung und Entwicklung von Szenen. Dafür wurden verschiedene Arten aus dem Improvisationstheater erprobt. Übung zur Traumreise: Die Spieler*innen legten sich im Raum verteilt auf den Boden. Sie konzentrierten sich auf ihre Atmung, kamen zur Ruhe und ließen den Tag gedanklich hinter sich. Die Spielleitung improvisierte eine kurze Episode als Traumreise. Sie sprach gelassen und mit vielen Pausen, damit sich die Spieler*innen die Story in ihrer Fantasie ausmalen konnten. Als die Übung vorbei war, ließen sich die Spieler*innen Zeit zum Ankommen in der Realität und streckten sich, bevor sie aufstanden. Ein enormer Gewinn von Theaterspiel in der politischen Bildung ist, dass die Spieler*innen vor, während und nach dem Spiel auf einem Abb. 6: 3.2 Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung 49 ganzheitlichen Plateau reflektieren. Sie bedenken die Rollenfigur für sich selbst und für ihre Spielpartner*innen und handeln spontan, gefühlvoll und empathisch. Die Theaterdozentin Gitta Martens äußert sich dazu wie folgt: „Das gemeinsame Spiel […] macht die Menschen wach für ihre Schwächen und Wünsche, ihre Verletzungen und Ängste, genauso wie für ihre Wut. Dies miteinander zu spüren und zu erkennen, führt zu realistischen Einschätzungen über politische oder soziale Zusammenhänge, Verhaltensweisen und Strategien“ (vgl. Martens 2012, S. 60). Das gemeinsame Spiel kann neben einem Zugewinn an Fachwissen auch zu einer tieferen Auffassungsgabe gesellschaftlicher Prozesse führen. Die Teilnehmenden lernen, wie kompliziert der demokratische Kampf um eine gemeinschaftliche Lösung ist. Aus diesem Grund werden theaterpädagogische Übungen vielfach in der Demokratieerziehung eingesetzt. Eine Innovation im Bereich der Theaterpädagogik sind auch Planspiele. Sie sind eine handlungsorientierte Lehr- und Lernmethode, die komplexe Zusammenhänge in der Politik, Wirtschaft und Gesellschaftslehre vermittelt. Die Datenbank der Bundeszentrale für politische Bildung (August 2016) umfasst circa 300 Darstellungen von Planspielen für die Anwendung in der schulischen und außerschulischen politischen Bildung. Hintergrund eines Planspiels ist ein Szenario, in dem ein derzeitiges politisches Geschehen behandelt wird, wobei die Spieler*innen die durchführenden Auseinandersetzungs- und Entscheidungsprozesse selbst erfahren. Ein Planspiel kann in vier Phasen aufgeteilt werden: 1. Vorbereitung 2. Einführung und Rollenvergabe 3. Simulation und Verhandlungsphase (Spielphase) 4. Auswertung (Nachbereitung) Die Simulation als Kern des Spiels besteht aus folgenden Schritten: – Konfrontation mit einer Problemsituation, in die mehrere Personen involviert sind – Informationsrecherche und Informationsanalyse, die für die Problemlösung erforderlich sind – Suche nach verschiedenen Lösungswegen 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 50 – Finden von Problemlösungsstrategien aus der existierenden rollenspezifischen Interessensposition – Spielphase: Lösung der bestehenden Problemsituation trotz unterschiedlicher Interessen, indem nach Mittelwegen gesucht wird, die für alle Teilnehmenden angemessen sind – Auswertung der Spielphase in Bezug auf die Spielergebnisse und praktizierten Spielstrategien – unter Umständen zweite Spielphase mit Probe erneuerter Spielstrategien oder Fortführung der ersten Spielphase – Beurteilung des Spiels bezüglich der Realität (vgl. Bundeszentrale für politische Bildung/Rappenglück 6.4.2010) Übung zum Planspiel: Sechs Spieler*innen bekamen getrennt eine Aufgabe über das Thema Demokratie, um sich auf ein Tischgespräch vorzubereiten. Sie sollten sich eine Definition und ein Konzept ausdenken. Jede Person repräsentierte eine Rolle bzw. eine Partei, zum Beispiel die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD), die Christlich Demokratische Union Deutschlands (CDU), die Christlich- Soziale Union in Bayern (CSU), Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und die Freie Demokratische Partei (FDP). Bei der Simulation und Verhandlungsphase (Spielphase) waren alle Spieler*innen mit derselben Problemsituation konfrontiert. Am Tischgespräch versuchten alle Parteirepräsentant*innen eigene Erklärungen zum Thema Demokratie zu geben. Trotz Meinungsverschiedenheit wurde nach objektiven Ansichten gesucht, die für alle passend waren und in Zukunft vertreten werden konnten. In der Auswertung (Nachbereitung) wurden diese Übungen mehrmals durchgeführt, damit das Rollenspiel mit dem nötigen Abstand auf der Metaebene differenziert reflektiert und in der Gruppendynamik gemeinsamer Erfolg erlebt werden konnte. Wir sind durch Praxiserfahrung der festen Überzeugung, dass Planspiele Grundstoff theaterpädagogischer Methoden in der politischen Bildung sein sollten, weil je mehr in die Arbeit an der Theaterrolle investiert wird, je deutlicher die Spieler*innen ihre Ansicht vertreten, desto echter und gewisser wird der Ablauf in der Spielphase sein und umso fruchtbarer die Reflexion. Planspiele führen zur Wissensvermittlung und zur wirklichkeitsnahen Sensibilisierung über politische und soziale Ereignisse, Strategien und Konzepte. Daher sollten 3.2 Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung 51 sie Pädagog*innen und Lehrer*innen in ihre Arbeit integrieren, wenn es um politische Bildung geht. Kreatives Schreiben und politische Bildung Versteht man kreatives Schreiben6 als Manifestation des Politischen, so kann das Text-Schreiben als Weg betrachtet werden, sich in Bezug auf gesellschaftliche Interessen zu äußern und politische Handlungskompetenz anzueignen. Die Verknüpfung von politischer Bildung und kreativem Schreiben hat folgende erwähnenswerte Qualitäten: Wenn die Schreibenden einen Text in politischen Bildungsmethoden verfassen, entwickeln sie einerseits die eigene Kreativität und Fantasie und daher außerordentliche Problemlösungen und Ideen, die für offene politische Prozesse und Ergebnisse nicht vorhersehbar sind; andererseits ist so über den geschriebenen Text ein sehr persönlicher Gesichtspunkt zu einem politischen Thema gelungen. Kreatives Schreiben sollte in der Politik auf Überraschendes, Unmögliches, Utopisches stoßen, so dass Mögliches, das verborgen liegt, erweitert wird. Kreative Ansätze, die die Welt verbessern wollen, können zu unerforschten Wegen führen und sehr erfolgreich für innovative politische Kontexte und Resultate sein (vgl. Danter/Hermann 2014, S. 4). Theaterstück „Die Insel“ Für unser Stück haben wir, wie oben genannt wurde, Texte über die Begriffe „Konflikt“, „Krise“, „Krieg“ und „Frieden“, über Erklärungsmuster für kriegerische Konflikte sowie über das zivilisatorische Hexa- 3.2.2 6 Kreatives Schreiben bedeutet die Didaktik und Methode, mit der die Kunst des Schreibens beigebracht werden kann. Die Begriffe „kreatives Schreiben“ und „literarisches Schreiben“ werden als Begriffsverwandtschaft verstanden, aber kreatives Schreiben muss nicht unter allen Umständen literarische Texte anbelangen. Auch journalistische, populärwissenschaftliche und wissenschaftliche Texte sind sehr stark mit kreativen Schreibansätzen verbunden. Das kreative Schreiben hat seine Wurzeln in den USA und der englischsprachigen Welt im 20. Jahrhundert. Im deutschsprachigen Raum hat das kreative Schreiben in den 80er und 90er Jahren des letzten Jahrhunderts an Aufmerksamkeit gewonnen. 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 52 gon gelesen, im Plenum darüber diskutiert und sie reflektiert. Dabei ging es vor allem um den Eindruck von Politik und die folgenden Fragen: Wo finden wir Krieg, Konflikt, Krise, Frieden? Wo führt es mich hin, wenn ich mich mit politischen Texten auseinandersetze? Wie übersetze ich meinen politischen Sinneseindruck der Welt in den politischen Texten? Nach der Diskussion und Reflexion der Begriffe im Plenum folgte in zwei Gruppen ein Redaktionsworkshop. In diesem Workshop erfolgten Textverfassungs- und Überarbeitungsphasen. Ein zentraler Punkt war der Aufbauprozess bezüglich der szenischen Texte für die Theateraufführung. Übung zum Schreiben in der Gruppe: Die Teilnehmenden sollten eine Figur erfinden und ihr einen Lebensraum auf der Insel geben, auf der sie selbst wohnen. Sie verwickelten die Figur aber nicht in einen handlungsbezogenen Stoff, sondern sie konzentrierten sich ganz auf ihr Innenleben. Sie ließen freier, entschlossener und mutiger über all das nachdenken, wie die oben genannten Begriffe „Konflikt“, „Krise“, „Krieg“ etc. optimal in dieser Stadt angewendet werden könnten. 3.2 Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung 53 Die in den Gruppen verfassten Texte sehen wie folgt aus: Text 1: Eine Liebeserzählung Ich bin der Liebe wegen nach Deutschland gekommen. Das war mein Hauptgrund. Kennengelernt habe ich meinen Mann im Internet. Nicht auf einer (Dating-)Website, sondern auf einer Sprachlernplattform. Wir haben drei Jahre lang eine Fernbeziehung geführt. In dieser Zeit hat er mich oft besucht, weil er als Deutscher für einen Besuch im Gegensatz zu mir kein Visum beantragen musste. Dann haben wir uns dazu entschlossen, zusammenzuziehen und zu heiraten. Die Frage war nur wo? In meinem Heimatland herrscht Krieg, in Deutschland Frieden. In meiner Heimat darf man nicht alleine auf der Straße spazieren gehen. In Deutschland schon. In meinem Land ist Zwangsheirat Normalität. In Deutschland ist es verboten. Also haben wir uns entschieden, nach Deutschland zu ziehen – ein Land mit mehr Freiheit und Frieden. Aber mehr Freiheit und Frieden bedeutet nicht, dass automatisch alles einfacher ist. Die Bürokratie in Deutschland hat mir viele Steine in den Weg gelegt. Ich musste drei Jahre lang warten, bis meine Papiere fertiggestellt wurden und ich nach Deutschland kommen durfte. Drei Jahre! Keiner in meiner Heimat hat mich verstanden! Warum wartest du so lange auf ihn, wurde ich andauernd gefragt. Ich antwortete: „Aus Liebe!“ Nachdem ich endlich in Deutschland angekommen war und meinen Mann wiedersehen konnte, gingen die Probleme aber leider weiter. Ich musste vier Monate auf meine Aufenthaltsgenehmigung warten. Und ohne sie ist Integration quasi nicht möglich. Du kannst nicht arbeiten gehen, keinen Sprachkurs besuchen, gar nichts! Du bist praktisch dazu gezwungen, zuhause zu sitzen und nichts zu tun. Es ist, als ob du daran gehindert wärst, dich zu integrieren. Niemand versteht das! Wir haben in meinem Heimatland geheiratet und trotzdem hat man mir es in Deutschland nicht geglaubt. Erst als ich schwanger wurde und unser Kind bekam, glaubte man mir. Das ist jetzt 16 Jahre her und ich habe immer noch keine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung. Ich habe einen Sohn, der in Deutschland geboren ist, und einen Mann, der Deutscher ist, und trotzdem muss ich dauernd von einem Amt zum anderen hetzen. Immer und immer wieder, hin und her. Stress, Chaos, Verzweiflung. Es ist, als ob man vor lauter Papierkram ersticken würde. Der Stress macht mich krank. Er zerreißt mich. Man muss stark sein. Aber das geht nicht immer. Ich vermisse meine Familie, meine Eltern und meine Geschwister. Oh, ich fühle mich alleingelassen und kann nichts Anderes tun, als zu weinen. Warum macht man mir das Leben so schwer? Warum darf ich nicht in Ruhe in meiner neuen Heimat leben? 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 54 Text 2: Ein Alptraum Ich wache auf. Das Bett ist noch ganz warm und ich schaue verschlafen auf den Kaffeefleck an der Wand, den ich schon mein ganzes Leben lang sehe. Mir steigt der bekannte Duft von Chai- Tee in die Nase. Es klingelt an der Tür, das wird mein Bruder sein, der frischen Joghurt und Brötchen bringt. Mama ruft, dass das Essen gleich kalt wird, und ich schwinge meine Beine aus dem Bett, denn mir läuft schon das Wasser im Mund zusammen. Ich wache auf. Aber es bleibt dunkel. Ich weiß nicht, wo ich bin, aber ich liege auf Stein. Es riecht nach Dreck und nach Blut. Nach verwesendem Blut. Jemand sagt: „Bis wann bleibt sie hier?“ – „Noch ein paar Stunden, dann wird sie verkauft.“ Ich habe Hunger, oder ist es Durst? Es ist eine Leere. Mein Rücken schmerzt, ich kann nicht aufstehen, der Schmerz zieht bis in die verbundenen Handgelenke. Alles ist kalt, außer die Stellen, an denen letzte Nacht die groben Hände mich gepackt haben. Die sind warm, und zwischen meinen Beinen brennt es wie Feuer. Ich wache auf. Von einem lauten Knall. Männerstimmen rufen meinen Namen. „Wo ist er?“ Ich höre, meine Eltern betteln, mich nicht zu nehmen. Ich überlege krampfhaft, wo ich mich verstecken oder ob ich gleich abhauen könnte. Vielleicht über die Dächer. Ich will aufstehen, losrennen, aber ich bin wie gelähmt, alles Blut ist in meinem Kopf. Das Szenario kenne ich, jeder hier kennt es, ob Militär, Miliz, ISIS usw. „Das ist ein Durcheinander“, das sagt man so, denn das passiert immer wieder. Ich werde gepackt, gefesselt und höre, wie meine Mutter weiter bettelt und weint. Ich sage: „Mama alles gut. Ich komme gleich wieder.“ Mein Vater schaut die Nachrichten. Er sieht kurz auf. Dann wieder auf den Bildschirm. „Er kommt vielleicht nie wieder“, sagt meine Mutter, als ich durch die zertretene Tür hinausgeführt bin. Das Haus wird still hinter mir. In insgesamt zwei Redaktionsworkshops hat die Projektleitung kontinuierlich die Teilnehmenden begleitet. Die Schreibübung bestand darin, alle Begriffe, über die kontrovers in der Gruppe diskutiert wurde, in die Texte einzubeziehen. Die Verfasser*innen sollten etwa alles aufschreiben, was ihnen einfiel. Zuerst kam es zum Gedankenaustausch und dann folgte eine Stunde assoziatives Schreiben. Jede Person fand in diesem Assoziationsprozess eine Idee, mit der alle zusammen weiterarbeiten konnten. Lesen, Schreiben und Diskutieren sind erforderlich, wenn man literarisch aktiv sein will. Daher konnten die Schreibenden vieles im eigenen Text der Gruppe klären und alle ein Feedback geben. Die Theaterpädagogin ließ die Teilnehmenden über diverse Textpassagen üben und spielen. Es war später spannend zu sehen und zu hören, was aus den Anfangstexten geworden war. Manche Textpassagen sind vollkommen überarbeitet und zu komplett neuen Texten für die Bühne angefertigt worden und manche waren gleich geblieben. Die Buntheit der Resultate war beachtlich. Es lässt sich festhalten, dass das kreative Schreiben in der politischen Bildung als eine Suchbewegung zur eigenen politischen Identität verstanden werden kann. Je stärker Fantasie und Schöpferkraft freigesetzt werden, umso eher gelangt das schreibende Individuum über eine faire, demokratische, politische Identität hinaus. Kreatives Schrei- 3.2 Kreative politische Bildung im Rahmen der interkulturellen Erziehung 55 ben setzt nicht nur die Fantasie frei, sondern beansprucht vom schreibenden Subjekt – aufgrund vielfältiger Verhaltensweisen und der Auseinandersetzung mit dem Fremdsein – eine außergewöhnliche Form der Bewusstwerdung und Bearbeitung von politischer Wirklichkeit. 3 Das Projekt „Die Insel“ – Konzeption und Durchführung 56

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References

Abstract

Since the creation of the theater, the theater stage has been closely connected to the political. Can theater play also pave the way for integration? In this book, amateur actors from different language and cultural backgrounds develop a play based on their own experiences with flight, alienation and starting new. The authors present suggestions for the instructional processing of self-written texts, exercises for testing different forms of expressions of the body as well as practical tips for the stage performance. Interviews with participating migrants, refugees and German students about their experiences with theater and integration in their daily lives complete the text.

Zusammenfassung

Seit der Erschaffung des Theaters ist die Theaterbühne mit dem Politischen eng verbunden. Kann Theaterspiel auch den Weg zur Integration ebnen? In diesem Buch entwickeln LaienschauspielerInnen aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen gemeinsam ein Theaterstück, das auf ihren Erfahrungen mit Flucht, Fremdsein und Neuanfang beruht. Die Autorinnen präsentieren Vorschläge zur unterrichtlichen Bearbeitung von selbstverfassten Texten, Übungen zur Erprobung unterschiedlicher Ausdrucksformen des Körpers sowie Tipps zur Bühnenaufführung. Interviews mit teilnehmenden MigrantInnen, Geflüchteten und deutschen Studierenden über ihre Erfahrungen mit Theater und Integration im Alltag runden den Text ab.