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7 Zusammenfassung und Ausblick in:

Christiane Lemke, Amalia Sdroulia

Theater und Politik als Weg zur Integration, page 131 - 134

Ein Erfahrungsbericht

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4447-6, ISBN online: 978-3-8288-7464-0, https://doi.org/10.5771/9783828874640-131

Tectum, Baden-Baden
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Zusammenfassung und Ausblick Über die Bedeutung des Theaters für die Politik wird seit geraumer Zeit diskutiert. Bereits in der Antike erfüllte das Theater nicht nur die Aufgabe, das Publikum zu unterhalten, sondern es übernahm auch wichtige politische Funktionen, wie in Kapitel 1 ausgeführt. In Deutschland wurde in jüngerer Zeit vor allem während der Weimarer Republik mit politischen Formen des Theaters experimentiert. Die Vorstellungen Bertold Brechts zum epischen, „dialektischen“ Theater nahmen dabei eine prägende Rolle ein. Das Theater sollte eine aufklärerische, ja erzieherische politische Funktion übernehmen und vor allem die Rationalität der Zuschauer ansprechen. Nach der Beseitigung der nationalsozialistischen Herrschaft gingen die DDR und die Bundesrepublik Deutschland dann unterschiedliche Wege. Während die DDR für sich in Anspruch nahm, das alte System durch den Aufbau einer neuen Gesellschaftsordnung überwunden zu haben, unterlagen künstlerische Ausdrucksformen und so auch das Theater einer strengen Zensur durch die SED, wobei Brechts Theatertheorie zunächst auch weiter Einfluss ausübte. In Westdeutschland entstanden vor allem unmittelbar vor und während der Studierendenbewegung der sechziger Jahre neue Theaterprojekte, die kritisches Bewusstsein fördern und teilweise auch die Zuschauer*innen mit einbeziehen wollten. Dem pluralistischen Verständnis Westdeutschlands entsprach die Vielfalt der Theaterlandschaft und der künstlerischen Ausdrucksformen. Nach der deutschen Einheit brach das Theater auf, um neue Wege zu finden; Konzeptionen, Stoff und Aktionsformen wurden dabei auch von gesellschaftskritischen Themen beeeinflußt, wie der Kritik an der Globalisierung, an Marginalisierungstendenzen und sozialer Ungleichheit. Unter dem Eindruck einer wachsenden Zahl von Schutzsuchenden aus den Krisen- und Kriegsgebieten Europas sowie später des Nahen und Mittleren Ostens griff auch das Theater verstärkt Themen wie Asylpolitik, Ausgrenzung und Rassismus sowie Integrationsprobleme auf. 7 131 Das Projekt „Die Insel“ knüpft an diesen gesellschaftskritischen Suchbewegungen des Theaters an und verbindet sie mit der Frage nach den Potenzialen des Theaterspielens für die Integration in einem zunehmend als Einwanderungsgesellschaft verstandenen sozialen Kontext. In dem von Laienschauspieler*innen gemeinsam mit Theaterpädagog*innen und einem Theaterregisseur entwickelten und mehrfach aufgeführten Stück geht es zum einen um die biografischen Erfahrungen von Geflüchteten, Migrant*innen und deutschen Studierenden mit Integration. Zum anderen geht es auch darum, in einem konkreten Projekt Integration zu fördern. Die von den Integrationskursen geforderte und durch staatliche Mittel geförderte Sprachentwicklung sowie die Vermittlung von politischem Grundwissen über die deutsche Gesellschaft und das politische System reicht häufig nicht für eine gelungene Integration aus. Die Problemstellung des in diesem Band geschilderten Projektes zielte folgerichtig darauf ab, kreative Methoden, wie das Theaterspielen, auf seine Wirkungsweise und Bedeutung für die Integration zu prüfen und praktisch zu erproben. Im Ergebnis zeigte sich, dass das Theater eine sehr wirkungsvolle Methode für eine aktive, die verschiedenen Gruppen einbeziehende künstlerische und pädagogische Maßnahme ist, um Integration zu fördern. Diese Einschätzung wird nicht nur von den Projektverantwortlichen vertreten. Mit ausführlichen Interviews wurden vielmehr auch die Sicht der Spieler*innen ermittelt und ausgewertet. Die Motive, an dem Projekt teilzunehmen, waren unterschiedlich und reichen vom Interesse, die eigenen Sprachkenntnisse zu verbessern, dem Wunsch ein Projekt gemeinsam mit Anderen durchzuführen bis zur Leidenschaft für das Theaterspielen. Das gemeinsame Erstellen des Skripts sowie das Spielen und Einüben der Szenen beschreiben sie als wertvolle und anregende Erfahrung im gemeinsamen Austausch. Theaterspielen wird hier als ein Weg beschrieben, Kommunikation und Interaktionen zwischen Menschen sehr unterschiedlicher Herkunft, Kultur und Sprache zu fördern. Theater und Politik können dadurch in lebendiger und authentischer Form erlebt und erfahren werden. Ein weiterer Vorteil des Theaters besteht darin, dass die Teilnehmenden durch konkretes Theaterspiel und Szenisches Schreiben gemeinsam mit Anderen politisches Wissen erwerben können, statt sich dieses nur passiv anzueignen und wiederzugeben. Sie können Politik 7 Zusammenfassung und Ausblick 132 nicht nur durch Lesen, Schreiben und Sprechen studieren, sondern auch durch Dramaturgie und Inszenierung ihres eigenen politischen Theaterstücks, in das nach der Methode des biografischen Theaters auch sehr persönliche Erlebnisse und Geschichten einfließen. Die Verknüpfung zwischen Theaterspiel und Politik fördert darüber hinaus mannigfaltige Kompetenzen, wie Fantasie, Teamfähigkeit, Führungsstärke; diese Aspekte können im gewöhnlichen Politikunterricht kaum berücksichtigt werden. Im Lernprozess setzen sich die Teilnehmenden in Beziehung zu politisch relevanten Fragen in Deutschland, sie vergleichen es mit Systemen anderer Länder, stellen Fragen zu ihren politischen Einstellungen und Erfahrungen, ihren Gefühlen und ihren einzigartigen Autobiografien. In den Interviews wurden auch die Erfahrungen und Ansichten zur Integration erfragt. Beim Vergleich der zwölf interviewten Migrant*innen und deutschen Studierenden lassen sich ähnliche, aber auch unterschiedliche Tendenzen und Verhaltensstrategien in ihrem Umgang mit der Integration unterscheiden. Alle zwölf Interviewten grenzen sich grundlegend ab von Benachteiligung, Hass, Diskriminierung, Alltagsrassismus gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund. Charakteristisch für die Migrant*innen und Geflüchteten ist der Kampf für ihre Integration in Deutschland, die sie häufig als Beitrag zu Frieden, Demokratie, eigene Freiheit und Autonomie verstehen. Die Deutschen orientieren sich an Toleranz und politisch- gesellschaftlichen Änderungen zum Vorteil von Menschen mit Migrationshintergrund. Der Theaterunterricht dient also aller Interviewten Ansicht nach dem Verständnis der Politik, der Demokratie und der Integration. Indem er gleichzeitig Kreativität, Motivation und Charakterstärke der Lernenden gegenüber ihrem sozialen Umfeld fördert, schafft er zugleich eine Grundlage für Kompetenzen, die sich auch auf andere Gebiete der Bildung anwenden lassen. Die enge Beziehung untereinander, die die Teilnehmenden im Verlauf der Theaterproben entwickelten, half ihnen im Projekt auch, über schwierige persönliche und familiäre Erlebnisse (z.B. Traumata wegen Krieg, religiöse und politische Probleme etc.) zu reden. Ihr Mitteilungsbedürfnis konnte für ihren politischen Entwicklungsgang genutzt werden, weil sie durch eigene oder fremde Schilderungen ihre politische Identität entfalten, verändern und neu konstruieren konnten. Im 7 Zusammenfassung und Ausblick 133 Austausch in der Gruppe kommunizierten sie bewusst darüber, da der Ausdruck eigener Emotionen sie dazu brachte, diese in ihren Texten und auf der Bühne frei darzulegen. Mithin war es ihnen möglich, anhand von Schreib- und Theaterübungen erlebte Zustände politisch in einem neuem Kontext durchzuarbeiten, um damit konstruktiv umzugehen. Die Unterrichtskombination zwischen Theaterspiel und Politik hat außerdem einen starken Bezug zu den Inhalten der Integration, weil kulturelle Pluralität sowie interkulturelle Kompetenz gelebt und weiterentwickelt werden. Dadurch, dass einige Teilnehmenden von der Universität kamen, andere aber aus dem nicht-universitären Umfeld, konnten auch wertvolle Brücken zwischen den Erfahrungen in diesen unterschiedlichen Lebenswelten hergestellt werden. Somit wird ein wertvolleres Zusammenleben sowie ein politischer Austausch gefördert. Die Darstellung der konzeptionellen Grundlagen des Projekts, seines Verlaufs und der Ergebnisse können Anregungen für die politische Bildung in der konkreten Auseinandersetzung mit Modellen und Erfahrungen der Integration bieten. Integration wird hier nicht als einseitige Anpassung, sondern als ein beidseitiger Lernprozess verstanden. Diese Integration ist ein langfristiger Prozess und die hier geschilderten Ergebnisse werden im Sinne der Nachhaltigkeit weiter zu überprüfen und auszubauen sein. Ihren Stellenwert können sie in der Ausbildung von Lehrer*innen, in Einrichtungen der Erwachsenenbildung und der politischen Bildung entfalten. Wir hoffen, dass der Band vielseitige Anregungen für die politische Bildung und das Theater bietet. 7 Zusammenfassung und Ausblick 134

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References

Abstract

Since the creation of the theater, the theater stage has been closely connected to the political. Can theater play also pave the way for integration? In this book, amateur actors from different language and cultural backgrounds develop a play based on their own experiences with flight, alienation and starting new. The authors present suggestions for the instructional processing of self-written texts, exercises for testing different forms of expressions of the body as well as practical tips for the stage performance. Interviews with participating migrants, refugees and German students about their experiences with theater and integration in their daily lives complete the text.

Zusammenfassung

Seit der Erschaffung des Theaters ist die Theaterbühne mit dem Politischen eng verbunden. Kann Theaterspiel auch den Weg zur Integration ebnen? In diesem Buch entwickeln LaienschauspielerInnen aus unterschiedlichen Sprach- und Kulturkreisen gemeinsam ein Theaterstück, das auf ihren Erfahrungen mit Flucht, Fremdsein und Neuanfang beruht. Die Autorinnen präsentieren Vorschläge zur unterrichtlichen Bearbeitung von selbstverfassten Texten, Übungen zur Erprobung unterschiedlicher Ausdrucksformen des Körpers sowie Tipps zur Bühnenaufführung. Interviews mit teilnehmenden MigrantInnen, Geflüchteten und deutschen Studierenden über ihre Erfahrungen mit Theater und Integration im Alltag runden den Text ab.