Content

Einleitung in:

Sebastian Brinks

Positionsbestimmungen im Streit, page 1 - 4

Autor- und Literaturreflexionen im mittelhochdeutschen "Wartburgkrieg" und in E.T.A. Hoffmanns "Der Kampf der Sänger"

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4446-9, ISBN online: 978-3-8288-7463-3, https://doi.org/10.5771/9783828874633-1

Series: Literatur und Medien, vol. 10

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Die Wartburg ist bis heute ein wichtiger Ort der deutschen Geschichte, der immer wieder zum Schauplatz bedeutender Ereignisse wurde. Martin Luther soll hier die Bibel übersetzt haben, vor der Revolution von 1848 trafen sich hier liberale Vordenker und -streiter,1 heute dient die Burg rechtsextremen Bewegungen als wirksame Kulisse für die eigene Inszenierung. Wesentlich beeinflusst wird die Darstellung der Burg aber auch von einem Ereignis, das in der Regel auf die Zeit des Hohen Mittelalters datiert wird, auch wenn es heute als fiktiv gilt2 – dem sogenannten Sängerstreit, der als riesiges Fresko bis heute den größten Saal der Burg ziert, in Szene gesetzt von Moritz Schwind im 19. Jahrhundert.3 Seine Verarbeitung des Stoffes fügt sich in eine lange Traditionslinie ein, die wahrscheinlich auf eine Textsammlung zurückgeht, die von der Forschung als Wartburgkrieg-Komplex erfasst wird – sie wird im Mittelpunkt des ersten großen Teils dieser Arbeit stehen. Bewusst ist hier von einer Sammlung die Rede, zu unklar ist die Überlieferung der einzelnen Textteile, zu undurchsichtig die Frage der Autorschaft – der älteste Teil der Textsammlung, der in Anlehnung an die Ausgabe Simrocks bis heute als Rätselspiel bezeichnet wird, ist vermutlich im ersten Drittel des 13 Jahrhunderts entstanden,4 während das sogenannte Fürstenlob eher in der zweiten Hälfte (1260–1280) des gleichen Jahrhunderts verortet wird.5 Teilweise ist der Textkomplex anonym überliefert, in der Mannesseschen Liederhandschrift ist er der Autorsigle Klingesor zugeordnet, einer Figur, die nur aus Wolframs Parzival und eben dem Wartburgkrieg bekannt ist.6 Die Überlieferungsgeschichte selbst soll aber in dieser Arbeit nicht weiter im Zen- 1 Vgl.: Wachinger: Der Sängerstreit auf der Wartburg, S. 13. 2 Schäfer-Hartmann: Literaturgeschichte als wahre Geschichte, S. 203. 3 Vgl. ebd., S. 31–33. 4 Vgl. Wachinger: Der Sängerstreit auf der Wartburg, S. 20. 5 Vgl. ebd., S. 16. 6 Vgl. ebd., S. 14. 1 trum stehen. Stattdessen rückt der eigentliche Text in den Fokus, wenngleich die Editionsgeschichte im weiteren Verlauf bei der Textauswahl Berücksichtigung finden muss. Der verdunkelten Entstehung zum Trotz findet der fiktionale Streit zwischen populären Autoren der mittelhochdeutschen Literatur schnell Eingang in die Texte von Chroniken – die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen und geraten in Vergessenheit, der Sängerstreit selbst dagegen nicht. Immer wieder wird er aufgegriffen, im 19. Jahrhundert erlebt er schließlich eine Renaissance, die wohl vor allem auf Novalis‘ Roman Heinrich von Ofterdingen zurückzuführen ist.7 In der Folge widmen sich verschiedene Autoren dem Stoff, unter ihnen auch E.T.A Hoffmann, der die Geschichte von den Serapionsbrüdern erzählen lässt. Schäfer-Hartmann begründet die neue Popularität des Stoffes auch mit der Suche nach einer nationalen Identität im zersplitterten Deutschland, die in der Hinwendung zum Mittelalter verfolgt worden sei.8 Heute hat diese Beschäftigung ihre politische Konnotation weitgehend verloren, für das 19. Jahrhundert spricht Schäfer-Hartmann mit Blick auf Wolfram oder Walther zurecht von „Gewährsleute[n] deutschen Geistes im Mittelalter“9, die für die Etablierung einer nationalen Literatur herangezogen worden seien. So unklar und verdunkelt die Entstehung des ursprünglichen Wartburgkriegs ist,10 so groß ist das Interesse in der Literatur und der Forschung für diese Texte stets gewesen, die mutmaßlich reale ‚Heroen‘ der mittelhochdeutschen Literatur, wie Walther von der Vogelweide und vor allem Wolfram von Eschenbach, in einen fiktionalen Wettstreit treten lassen. Der Streit zwischen den Dichtern im Wartburgkrieg ist dabei kein Selbstzweck, vielmehr dient er einer poetologischen Reflexion über die Rolle der Dichtung (oder sogar der Kunst allgemein), diskutiert ihre Stellung in der Gesellschaft und fragt nach der Verbindung von Literatur und Wissen. Mehr noch, der Streit wird zum entscheidenden Erzählprinzip des Wartburgkriegs. Dezidiert greift der un- 7 Begründet wird das unter anderem und vor allem mit der enormen Popularität von Novalis’ Text (vgl. u.a. Kluckhohn: Friedrich von Hardenbergs Schriften und Entwicklung, S. 66). 8 Vgl. Schäfer-Hartmann: Literaturgeschichte als wahre Geschichte, S. 23–27. 9 Schäfer-Hartmann: Literaturgeschichte als wahre Geschichte, S. 205. 10 Über die Entstehungsgeschichte grundlegend: Wachinger: Wartburgkrieg. Einleitung 2 bekannte Autor bzw. greifen die unbekannten Autoren dabei auf verbreitete Typisierungen der einzelnen Autorenfiguren zurück, wie in dieser Arbeit gezeigt werden soll. Er macht bzw. sie machen die Autorenfiguren zu Trägern eines bestimmten Verständnisses der eigenen Rolle und Stellung, zu Protagonisten einer poetologischen Diskussion, deren Positionen hier ebenfalls nachgezeichnet werden sollen. Im Anschluss an die Forschung vertritt diese Arbeit die These, dass insbesondere Wolfram als herausragender Dichter inszeniert wird – wie das gelingt, ist Gegenstand der späteren Analyse. Der zweite Teil der Arbeit widmet sich vom mittelhochdeutschen Wartburgkrieg ausgehend der schon angesprochenen Bearbeitung E.T.A. Hoffmanns, veröffentlicht zunächst als Erzählung eines Taschenalmanachs, später aufgenommen in die Serapionsbrüder. Bislang ist Der Kampf der Sänger von der Forschung vor allem negativ aufgenommen worden.11 Die negative Rezeption ist in den meisten Fällen mit den vermeintlichen konzeptionellen Schwächen des Textes begründet, die sowohl die Handlung und ihre Logik als auch die Figuren betreffen. Diese Arbeit versucht einen neuen Zugang zum Kampf der Sänger zu finden, in den insbesondere Erkenntnisse aus der Analyse ausgewählter Passagen des Wartburgkriegs einfließen. Ziel ist es, plausibel zu zeigen, dass sich viele der vermeintlichen ‚Schwächen‘ auf die lange Texttradition und so letztendlich auch auf den Wartburgkrieg zurückführen lassen. Dabei ist zu beobachten, dass Hoffmanns Text seinerseits die Positionen und Figuren des Dichters bzw. des Autors ebenfalls im Streit verhandelt – natürlich unter gänzlich anderen Prämissen, wie zu zeigen ist. Wieder rückt dabei insbesondere Wolfram in den Blick, wobei auch seinem Gegenspieler Klingsor eine Schlüsselrolle zukommt. Insofern beschränkt sich die Untersuchung des Kampfes der Sänger nicht darauf, Rückbezüge zum Wartburgkrieg aufzudecken, sondern will darüber hinaus auch zeigen, dass Hoffmanns Text sich ebenfalls in einer zeitgenössischen Diskussion positioniert – und dabei nicht selten mit doppelbödiger Inszenierung agiert. Um diese These zu belegen, muss auch die Mittelalter-Rezeption, wie sie im Kampf der Sänger betrieben wird, näher betrachtet werden. Auf den ersten Blick scheint sie zwar 11 Vgl. dazu Kapitel 3 und 3.1 dieser Arbeit Einleitung 3 aus zeitgenössischer Sicht recht gewöhnlich, auf den zweiten Blick dagegen weist sie signifikante Brüche auf, die den oben geäußerten Verdacht der Doppelbödigkeit erhärten. Um sich den zeitlich sehr weit auseinanderliegenden und anderen Gattungen zugerechneten Texten zu nähern, sind natürlich methodische Vorüberlegungen nötig, die jeweils den Textuntersuchungen vorangestellt werden. Behutsam sollen dabei trotzdem Tendenzen erkennbar gemacht werden, die eine Vergleichbarkeit der Befunde möglich machen und so geeignet sind, zu zeigen, inwiefern auch in Hoffmanns Bearbeitung Tendenzen der mittelhochdeutschen Textsammlung zu erkennen sind bzw. wie sie dort umgeformt werden12 – und wie sie den Text prägen und dessen Eigenheiten erklärbar machen. Die Darstellungen der jeweiligen Textzugriffe erfolgen dabei für beide Teile der Arbeit separat, um sie möglichst spezifisch gestalten zu können. Eine Ausnahme bilden die grundlegenden Überlegungen zur Intertextualität, die den Auftakt der Arbeit bilden. Der Grund für diese exponierte Stellung ist, dass die Intertextualität für beide Textuntersuchungen wichtige Denkanstöße liefert. Um Wiederholunggen zu vermeiden, ist dieses Kapitel daher der weiteren Arbeit vorangestellt, wobei Spezifizierungen an späterer Stelle trotzdem nötig sein werden. An die jeweiligen theoretischen Ausführungen schließen sich die Textanalysen an, die verschiedene Aspekte der Primärtexte diskutieren und beleuchten. Dies geschieht natürlich immer unter Rückgriff auf die hier vorgestellte These der Arbeit. Den Abschluss bilden dann ein Ausblick darauf, inwiefern der Sängerstreit als Thema weiter prominent bleibt – und Überlegungen darüber, welche Untersuchungen diese Arbeiten nicht leisten kann. 12 Wichtig ist an dieser Stelle darauf hinzuweisen, dass die Arbeit keine intentionale Überschreibung des Textes durch Hoffmann vorsieht, der sich explizit (intradiegetisch) auf andere Textvorlagen bezieht. Aufgrund der aufgezeigten Traditionslinien erscheint eine solche Betrachtung trotzdem fruchtbar. Einleitung 4

Chapter Preview

References

Zusammenfassung

Der Kampf der Sänger ist eine der Erzählungen E.T.A. Hoffmanns, die in der Forschung bislang vor allem negativ aufgenommen worden ist. Dass sich der Text, der den berühmten Dichterwettstreit auf der Wartburg zum Thema macht, auch ganz anders lesen lässt, zeigt diese Arbeit. Vor dem Hintergrund des mittelhochdeutschen Wartburgkriegs werden sowohl die Figuren als auch die Handlungskonzeption einer genauen Analyse unterzogen – mit dem bemerkenswerten Ergebnis, dass sich viele der auf den ersten Blick als Schwächen zu bezeichnenden Eigenheiten des Hoffmann’schen Textes nachvollziehbar auf den mittelalterlichen Prätext zurückführen lassen können. Im Mittelpunkt der Arbeit stehen detaillierte Textanalysen, die sich verschiedener Methoden bedienen, ohne eine strikte Trennung zwischen ‚Älterer‘ und ‚Neuerer‘ Literaturwissenschaft zu verfolgen. Die Arbeit plädiert so dafür, auch mediävistische Überlegungen in die Neuere Literaturwissenschaft zu integrieren.