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I. Camus als Mensch in:

Bernd Oei

Albert Camus – Revolution und Revolte, page 5 - 46

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4445-2, ISBN online: 978-3-8288-7462-6, https://doi.org/10.5771/9783828874626-5

Tectum, Baden-Baden
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Camus als Mensch Leben Algerische Wurzeln Das Land Reichtum der Armut würde er sie wohl nennen, das Land seiner Herkunft, die glühende Sonne, staubige Steine, die ewige Ferne der Wüste. Der glühende Himmel über den Wellpappedächern. Ein kleiner Junge, der in einem Armenviertel von Mondovi Angst vor dem Sterben hat, weil er Blut spuckt. Im Treppenhaus ist es stets dunkel, weil es kein künstliches Licht gibt. Der weißblaue fleckenlose Himmel wird sein Mutterland. Mondovi, im nordöstlichsten Zipfel Algeriens, heißt längst Dréan. Er wächst auf in existenzieller Not, umgeben vom Reichtum der Erde, das Meer, das Salz auf seiner Haut, und, die Freiheit, die im Schwimmen liegt, das Kämpfen mit den Fluten und dann das Sich- Tragen-Lassen von der Strömung, auf den Wellen, ein Körper, eins mit der Natur. Nichts kann schöner sein, als den nackten Körper trocknen zu lassen vom heißen Atem der Wüste. Wie viele Stunden hat der dem kühlenden Wasser entstiegene Knabe damit verbracht, „Ruinen sanft zu streicheln“, sein ganzes Reich zwischen Staub und Welle zu bergen. Der Maghreb ist die Höhlung des Steines, in dem der Tod schläft, dicht neben dem Atem des zweibeinigen Raubtiers. Menschen, die täglich auf dem Meer ihr Leben wagen, und dankbar sind für jede Nacht, die sie unter den Sternen erleben. Ein noch mächtigerer Räuber, der auf der anderen Seite des Meeres wohnt, sperrt das dankbare Tier ein, kontrolliert seinen Atem, presst sein Blut und stellt ihm Papiere aus, der Ordnung wegen, damit es sich nicht zu weit von der Herde entfernt. Der Mensch ist das gezähmte, das gezüchtete Tier. Er misstraut sich selbst und schafft sich dafür einen Gott, den er anbeten kann. Er nennt den von ihm erschaffenen Kontinent Zivilisation und hütet seinen Gott am warmen Feuer in kerzengefüllten Kirchen. Aber das wahre, echte und unverfälschte Leben zittert drau- ßen zwischen Licht und Schatten, jenseits aller Morgenröten. Er spürt Lebendigkeit, sobald er das Licht sieht und die Wärme auf der Haut fühlt. Die Sonne, das Licht und das Meer bilden eine untrennbare Einheit in allen Geschichten Camus’. Sie trennen die Kontinente Afrika und Europa. An jedem Ort, den er besucht, sucht er das Licht seiner Heimat. In seinen Reisenotizen bemerkt Camus stets, wie die Sonne auf ihn wirkt, und in welchem geheimnisvollen Dreiecksverhältnis sie zum Himmel und zum Meer steht. Drei Körper, die miteinander tanzen. Vater, Mutter und Kind. Hochzeit in Tipasa, Hochzeit des Lichts. In nahezu allen Erzählungen spielen Sonne, Meer und Himmel die tragende Rolle. „Um einer angeborenen I. I. 1. I. 1. 1. 5 Gleichgültigkeit die Waage zu halten, wurde ich halbwegs zwischen das Elend und die Sonne gestellt.“3 Es gibt keine Kunst ohne Ablehnung oder Bejahung, und weil sich die Kunst positionieren muss, hat der Künstler sich zu entscheiden, zwischen Licht und Schatten, Sonne und Meer. Beides ist da in der Welt, das Sein und die Leere, von der viele sagen, sie sei das Nichts und die Welt dazwischen, die Lichtreflexionen und Wellenbewegungen, vieles, was die Vielheit beweist, die Buntheit der Sinne und des Lebens, dennoch sind wir verpflichtet, die Einheit zu suchen, verlässlich zu sein. Wenn der Mensch keinen Willen hat, sich gegen die Ewigkeit aufzulehnen, gleicht er einem Sandkorn, das unter jedem Tritt knirscht. Aber der Mensch ist kein Sandkorn, sondern der Motor, der die Geräusche zerriebener Sandkörner imitiert. Das arabische Licht reflektiert die nackte Schönheit der Steine, im Wasser glattgeschliffen und poliert, manche leuchten ockerfarben. In einer Welt, wo das Licht des Orients nicht ist, kann er nicht existieren. Die Mutter Der Junge fragt die Mutter, woran sie denkt, stets lautet ihre Antwort: „An nichts“ oder sie schweigt. Das Leben hat sie duldsam und vielleicht auch gleichgültig gegen alles gemacht, was von außen kommt. Zuerst hat sie den Mann an der Marne verloren, dann hat sie nach Algier müssen, ins Armenviertel Belcourt, mit ihren zwei Kindern und zur Großmutter, hat als Färberin gearbeitet, die Chemie macht sie kränker Tag für Tag, zuletzt erleidet sie einen Schlaganfall, der die ohnehin Schweigsame das karge Sprechen zur Qual macht. Er liebt sie, die Wortkarge und vom Leben Verschmähte, mit all der Zärtlichkeit, zu der ein vaterlos aufgewachsener Junge fähig ist, das ist gewiss, und sie hat ja recht, das Leben erklärt sich besser aus dem Schweigen. Sie denkt an nichts weiter als das, was zu erledigen ist oder was sie sieht, sie sucht nicht nach Gründen, und Worte können ihr nicht helfen. Nur das Licht, der Himmel und das Meer sind wirklich. Für die Liebe zum Diesseits gilt es zu leben. Er hustet, hat Schmerzen, erbricht, Stille und Dunkelheit um ihn, es ist Nacht, doch der Himmel hält seine Türen verschlossen, noch, als hätte er etwas vor mit ihm. Seine Worte folgen der Landschaft in ihrer einfachen Klarheit und Kargheit der bloßen fraglosen Existenz. Er redet nicht viel, seine Mutter hat nicht viel zu sagen und nach dem Tod des Gatten ist sie fast völlig verstummt. Jede Silbe kostet sie Mühe. Ihr Schweigen und ihre Armut sind nicht traurig, sondern stolz, jeder Blick so bedeutsam. Sie ist arm, doch zäh, resigniert nicht auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, Al Andaluz, Land des Lichts, Leuchtkraft des Geistes, Land der Araber, Spanier, Franzosen, Mischlinge, herkunfts- aber nicht heimatlos. Was sie verbindet ist dieselbe Sonne, dasselbe Meer, der Wechsel von Licht und Schatten. Trennungen haben bei Camus nichts Bitteres oder Verzweifeltes, nichts Unerträgliches, sondern bestenfalls etwas Gleichgültiges. Einmal im Jahr, wenn es Zeugnisse gibt, verlässt sie mit matter Kraft eines flügellahmen Sperbers, aber mit glänzenden Augen eines Adlers ihr Nest in Belcourt. Sie 3 Camus, Tagebuch 1, 1935–42, S. 36. I. Camus als Mensch 6 zieht ihre schönste Kleidung an, zusammen mit der Großmutter betreten sie mit scheuer Ehrfurcht die Schule, eine für sie fremde Welt, wo niemand anstehen muss für Brot. Sie warten geduldig, bis er seine Auszeichnungen als Klassenbester erhält, für Dinge, die sie nicht kennen. Zum ersten Mal befällt ihn das tiefe Gefühl der Scham und seine Augen füllen sich mit den feuchten Perlen der Erde, denn seine Klassenkameraden wissen nicht, woher er kommt. Nie beklagt sich die Mutter, und einmal sagt sie zu ihm: „Hätte der liebe Gott gewollt, dass alle Menschen klug und wissend sind, er hätte sie klug und wissend gemacht.“ Der Vater Sein erstes Buch trägt den bezeichnenden Titel Licht und Schatten. Die Geschichten darin beschreiben das Schicksal seines Ortes, die Menschen seines Viertels, Straßen seiner Kindheit. Alte Menschen warten, selbst wenn sie nicht mehr wissen worauf. Söhne fragen nach ihren Vätern und erhalten keine Antwort, bestenfalls „Er sah dir ähnlich“, wie es auch dem kleinen Albert immer wieder von seiner Mutter gesagt wird. Er kennt seinen Vater nur von Fotos, das letzte zeigt ihn vor der Schlacht an der Marne, deren Opfer er wird, da ist Camus noch kein Jahr alt. In „Der erste Mensch“ berichtet er jedoch von einer Erinnerung, als der Vater von einer Hinrichtung kommt und sagt, der Tote habe ihm ähnlichgesehen, bevor er sich erbricht und drei Tage in sein Zimmer einsperrt. Die Geschichte muss ihm erzählt worden sein oder er hat sie sich ausgedacht. „Nur im Leiden liegt wahres Glück“, schreibt er zu Beginn in sein Tagebuch. Wir müssen stets dem widerstehen, was unseren inneren Widerstand bricht. Er wird ein guter Fußballspieler. Ein Mythos entsteht, in der sich Dichtung und Wahrheit scheu begegnen. Der Knabe Camus hat nur den gebrochenen Blick des Vaters vor Augen. Zuerst sind seine Augen gestorben, dann seine Seele, zuletzt der Körper, der nun in der Fremde, in der französischen Normandie, begraben liegt. Rotglühende Asche unter Schnee. Albert spuckt das erste Mal Blut, er sieht roten Schnee fallen. Er kommt in ein Lungensanatorium in Südfrankreich. Er ist siebzehn. Oder ist es nur die Asche der Toten, und er nur geblendet durch das Abendrot? Er ist hineingeboren in diese Zeit ohne Väter, 1913, in jenem Jahr, als nicht nur die Zeit stillstand, sondern wenig später auch die Soldaten in den Schützengräben. Mit einem Granatsplitter im Schädel, den er oft angestarrt hat als Kind. Ein Splitter nur, ein fremdes Stück Metall, das Leben eines jungen hoffnungsvollen Mannes ausgelöscht, noch bevor es richtig begonnen hat. Das Leben eines Mannes, der in der Fremde starb, für ein ihm fremdes Land, eine fremde Idee und mit einem Strohhut statt einem Stahlhelm auf dem Kopf. Der Tod hielt reiche Ernte, er brauchte nicht weit zu gehen und zu schauen, sie fielen ihm alle zu. Die Erde tat sich auf, um ihren Hunger mit dem Blut so vieler unbekannter Soldaten zu stillen. Die Zeit füllte sich mit Toten, so sehr, dass die Räume eng wurden. Die vom Regen aufgeweichte Erde wurde warm und feucht und fruchtbar von ihrem Fleisch, vergehendem Atem und pulsierendem Leben. Ein namenloses Grab ist geblieben. I. 1. Leben 7 Die Großmutter Belcourt. Das Arme-Leute-Viertel von Algier. Mit elf erhält Camus sein erstes selbst verdientes Geld und schämt sich dafür, weil er dafür hat lügen müssen. Er bekommt keine Arbeit, wenn er die Wahrheit sagt, dass er nur Ferien hat und bald wieder zur Schule muss. Die Großmutter zwingt ihn zu dieser Lüge. Die Lüge ist unverzichtbar, sagt sie. Albert kann nur wählen zwischen dem Verrat an der Familie, die das Geld braucht und dem Verrat an jenem Unternehmer, der ihn einstellt. Kann ein Dreizehnjähriger wählen? Die Sonne ist heiß, das Wasser faulig, er tut, was er tun muss. Er lügt, weil die Patriarchin es von ihm verlangt, er beugt sich der Autorität, arbeitet und gibt seinen Verdienst ab. Tag für Tag das Gleiche, er isst nur um zu arbeiten, schläft den Schlaf der Armen, um am Morgen aufzustehen, und doch ändert sich etwas Entscheidendes. Er verliert seine Kindheit, seine Scham, sein Vertrauen in die behütete Welt der Erwachsenen. Es ist jener Moment, als der Onkel anerkennend zu ihm sagt: Jetzt bist du ein Mann. Er ist dreizehn. Ihm wird bewusst: Jetzt trägt er bei zum Brot, das er verzehrt. Durch die Anerkennung der Erwachsenen weiß er plötzlich, dass er etwas schuldig ist, und zugleich hat er erfahren, wie seine Schuld zu tilgen ist. Brot gewährt Freiheit. Durch die Existenz des Leibes wird der Laib abgearbeitet. Mit der Lüge bekommt er Arbeit, durch die Arbeit Brot, das er mit dieser Lüge kaufen kann. Dem Brot sieht niemand die Lüge an. Es ist bloß Brot. Geld hat keine Farbe und es kennt keine Moral. Die Großmutter ist eine vom Schicksal gezeichnete Frau ohne Alter, die niemals aufgibt, die selbst den Kot durchwühlt, als er eines Tages vorgibt, sein Wechselgeld vom Brotkauf sei ihm aus der Tasche in den Abort gefallen. Nie wird er ihn vergessen, den metallischen Glanz ihrer Augen, die Hartnäckigkeit ihres Suchens. Zum ersten Mal in seinem jungen Leben spürt er einen bösen Stolz in sich, und als die Großmutter wieder ausholt, um ihn zu schlagen, duldet er seine Schuld nicht mehr mit der Ergebenheit eines Kindes, das nichts von einem Recht auf Widerstand weiß. Die Mutter schweigt zu den Schlägen, manchmal trifft ihn ihr trauriger Blick gleich einer auslaufenden Welle am Uferstrand. „Und wenn er, der es bis dahin geduldig hingenommen hatte, von seiner Großmutter geschlagen zu werden, als sei dies ein Teil der unvermeidlichen Pflichten eines Kinderlebens, ihr eines Tages, plötzlich rasend vor Wut und Gewalttätigkeit, den Ochsenziemer aus der Hand riss und so entschlossen war, dieses weiße Haupt, dessen kalte, helle Augen ihn zur Raserei brachten, zu schlagen, dass die Großmutter es begriff, dass sie Jacques nie wieder schlagen würde, dass sie ihn tatsächlich nie wieder schlug.“4 Er hat sich empört. Er ist der Junge in der Revolte. Zugleich fürchtet und achtet der kleine Junge die Großmutter, deren Logik keine Buchstaben kennt, und der Brot stets mehr wert ist als die Freiheit, nach der er sich bereits verzehrt, eine Freiheit, die jenseits des Meeres beginnen soll, so sagt man. „Nur Brot lässt dich atmen“ sagt die Großmutter und es ist, als wollte sie ihm sagen, das Brot erst lasse ihn die ersehnte 4 Camus, Der erste Mensch, S. 307. Die Autobiografie seiner Kindheit endet mit diesem Erlebnis. In dem Fragment gebliebenen Roman heißt Camus Jacques Cormery. I. Camus als Mensch 8 Freiheit spüren, jene feuchte Freiheit des Meeres, der Sonne und der Wüste, die nichts kostet, außer den eigenen Atem. All das Wunder der Erde kannst du nur spüren, wenn das Geld zum Brotkauf reicht. Ein harter Glanz tritt in die Augen der Großmutter, als sie sagt: „Erst kommt die Gerechtigkeit des Brotes, dann kommt das Meer und danach sieht man weiter.“ Die erste Ehe Seine erste Liebe lernt er an der Universität kennen, die sie besucht, obschon sie nicht einmal das Abitur hat. Ihr Mut beeindruckt ihn. Als er volljährig ist, heiratet er 1934 Simone Hié, eine Frau mit wachem Verstand, zweifelhaftem Ruf und einer langen Suchtkarriere. Einmal hätte er sie fast umgebracht. Er erinnert sich daran, wie seine fiktive Gestalt Meursault in „Der Fremde“ den Verstand in der in der Mittagshitze verliert, aber er tötet nicht. Seitdem weiß Camus, dass jeder zum Mörder werden kann, selbst wenn er zartfühlend ist. Dass sie Drogen nimmt weiß er, auch dass sie lügt und ihn betrügt, um an den Stoff zu kommen. Er fährt mit ihr nach Europa, um sie zu retten. Sie begeistern sich beide für Kafka, Seite an Seite in Prag. Durch Simone begreift er, wie absurd das Leben sein kann. Er vermag sie nicht zu retten, dafür genügt die Liebe nicht. Sucht ist auch wie jeden Tag ins Tal hinabzugehen, aufzusteigen den mühevollen Weg nach oben und wieder zu fallen. Er weiß jetzt, dass er in eine viel zu frühe Ehe geflüchtet ist, in der absurden Hoffnung, sie retten zu können. Sie verspricht mit Blicken, nie wieder Drogen zu nehmen. Sie schwört am Abend, betet, bittet, bettelt am Morgen und sie raubt ihn aus, wenn er schläft. Wenn er erwacht, fehlt das Geld, das für die Reise oder das Hotel gedacht ist. Manchmal ist Simone tagelang verschwunden. Wenn er sie findet, gleicht sie einer herrenlosen Hündin. Das Unglück kettet ihn stärker an sie als das Glück. Seine Liebe zu ihr macht alles nur schlimmer. In manchen Nächten taucht sie aus der Dunkelheit an seinem Bett auf wie ein Gespenst, körperlos, er fragt nicht mehr, woher sie kommt und was sie getan hat. Manchmal ist sie von zärtlicher Scheu, und vielleicht ist es das, ihre Seele hat sich vom Körper gelöst und nimmt nicht mehr an den Handlungen seiner Glieder teil. Eines Abends ist er gegangen, um Zigaretten zu holen. Er ist an eine Kreuzung gekommen und dort auf der schlecht beleuchteten Straße ist ihm etwas Seltsames passiert. Ein Auto rast mit überhöhter Geschwindigkeit auf ihn zu. Hätte ihm nicht ein aus einer Bar flüchtender Jugendlicher einen Stoß versetzt, er wäre unter die Räder gekommen, Simone verwitwet. Sie wird ihn auch so lange überleben und erst 1970 sterben, er weiß es nur nicht. So aber steht er auf und klopft sich nur Staub von der Jacke. In jenem Augenblick weiß er nicht nur, dass ihm ein zweites Leben geschenkt wird, sondern auch, dass er es nicht mehr an der Seite von Simone führen kann. Mehr als eine Kreuzung bleibt zurück. Er kauft tatsächlich die Zigaretten, aber er kehrt nicht wieder ins Hotelzimmer zurück, sondern beauftragt einen Boten mit einem Zettel dorthin zu gehen. Es hat keinen Zweck. Adieu. Es ist eine trügerische Hoffnung, zu zweit weniger einsam I. 1. Leben 9 zu sein. Er vertraut es seinem Tagebuch an: Vielleicht muss Francine für vieles büßen, was er Simone nie gesagt, aber auch nie verziehen hat. Die zweite Ehe Francine Faure stammt aus Oran. Sie ist genauso alt wie Simone, auch sie wird ihren Mann lange überleben. Sie wird lernen müssen, mit seinen vielen Affären umzugehen und dass die Kunst immer seine erste Geliebte bleiben wird. Sie arbeitet als Mathematiklehrerin und ist ausgebildete Pianistin. Spätestens mit den Zwillingen 1945 ist sie die Frau an seiner Seite, Mutter seiner Kinder, die er einmal verächtlich Nebenwerke nennt. Zumindest in seinen Tagebuchnotizen werden die moralischen Skrupel und Schuldgefühle eines Mannes ersichtlich, der nur als Sonntagsvater seiner Familie zur Verfügung steht und sonst nur als Schatten auf sie fällt, der betrügt und lügt, obschon seine philosophische Grundhaltung die Aufrichtigkeit ist. Sie heiraten 1938. Heiraten oder sich erschießen lassen, dazwischen scheint es nichts zu geben. Camus schreibt es so in seiner Vorliebe für kafkaesken Humor. Andererseits: An der Front, wo er sich für den Spanischen Bürgerkrieg gemeldet hat, weil seine Mutter Spanierin ist und sein Vater im Krieg gefallen, hat man ihn, den Lungenkranken, nicht haben wollen. Er braucht die Frauen und er braucht ein Zuhause, es ist auch der Egoismus eines Schriftstellers, der ihn zur Heirat nötigt. Reine Liebe ist tote Liebe, „wenn ein Leben für Kunst Liebe bedeutet, [...] dann ist sie nichts als eine ständige Andeutung, und über alles andere muß man sich verständigen.“5 Er stirbt auf dem Weg zu seiner Frau. Im Wagen seines Verlegers Gallimard, der ihn überredet hat, mitzufahren und nicht den Zug zu nehmen, weil er dann schneller zu Hause sein würde. Camus, der immer ein schlechtes Gewissen hat, zu wenig präsent zu sein, steigt ein. Drei Menschen begleiten ihn in den Tod, vor dem er sich nie gefürchtet hat. Die Mutter seiner Kinder erwartet ihn erst mit dem Nachtzug. Seine Frau wird nicht weinen am Grab, und sie wird seine Schriften, die unveröffentlichten Manuskripte, lange zurückhalten, trotz lukrativer Angebote, die Verleger ihr machen. Sie wird seine Zeilen wegsperren wie ihre Tränen; manchmal ist die Trauer zu stark, um feucht zu werden. Er war eher schweigsam, andere reden bis heute über ihn. Ob er daran gedacht hat, was er 1940 in Oran seinem Tagebuch anvertraut hatte: „Heute erfüllt sich mein Schicksal.“ Er meint „Die Pest“ damit. Jener Roman, der ihn unsterblich macht, zugleich unbegreiflich wie die Zeit selbst, die er damit zu heilen versucht. Der viel aussagt über ihn und sein Verhältnis zu Francine, die überlebt, wo ihr Mann, der Journalist stirbt, aber eigentlich stirbt nicht der Mann, sondern die Liebe ist bei ihrer ersten Begegnung nach „Die Pest“ verloschen. Erst nach dem Tod von Simone Hié lässt Francine die Veröffentlichung des ersten Romans, mehr eine lange Erzählung, „Der glückliche Tod“, zu. Frauen spielen in keinem Werk von Camus eine zentrale Rolle, außer der Erzählung „Die Ehebrecherin“, doch wenn, dann sind es zwielichtige Frauen, die zumindest in der Halbwelt verkehren wie Simone. Auch der Held des glücklichen Todes tötet. „Es war zehn Uhr mor- 5 Camus, Tagebuch 1, 1935–42, S. 101. Folg. Zitat Tagebuch 3, S. 159. I. Camus als Mensch 10 gens und Patrice Mersault ging mit gleichmäßigen Schritten auf Zagreus’ Villa zu.“ So lautet der erste Satz. Ahnt Francine seine Einsamkeit, wenn alles um ihn herum, was Licht, Meer, Himmel ist, verschwindet? Wenn die Natur den Kranen und Kabeln Platz macht und dem, was der Mensch Zivilisation nennt? Wie viel einfacher und schöner das Meer ist als die Götter des Öls? Sieht sie nicht, dass ein dampfender Ozeantanker, schnaubend und brüllend wie ein verendendes Tier, wenn er sich dem wie in Watte gepackten Häusermeer nähert, wie die Apokalypse selbst wirkt? Was empfindet Francine beim Anblick eines Schwarmes Tauben, die in ihrem geradlinigen Flug doch immer den großen Gedanken und den schrecklichen Epidemien voraus sind? Sieht sie die Sonne ins Wasser tauchen wie er? Die Nacht sinkt nicht aufs Meer, sondern aus ihren Tiefen steigt die Nacht empor. Und die Küsten, wenn sie in atemraubendem Tempo vorbeiziehen, überkommt sie dann auch jenes Begehren auf der Suche nach entschwindenden Inseln? Wenn Francine Albert wäre, könnte sie wissen, dass die Natur eine Metapher des Seelenzustandes ist und dass sich in ihren Bildern etwas mitteilt, wozu es früher Götter brauchte. Jene einst an Naturerscheinungen gebundenen Götter sind nun verwaist in den Städten, sie verrauchen im Schlot der Kamine, verglühen in den Stahlöfen oder werden vom Verkehrslärm verschluckt. Aber Francine ist keine Künstlerin, sondern Mathematikerin. Sie ist nüchtern, sagt man, selbst in ihrem Spiel, präzise, aber beherrscht, kontrolliert, niemals leidenschaftlich. Entweder haben sich die beiden gut ergänzt oder vertragen, denn Camus spricht viel von Freundschaft. Oder aber sie sind sich fremd geblieben, denn noch mehr schreibt Camus von dem Verlangen nach Liebe. Einer seiner letzten Briefe an seine Frau enthält die Zeilen: „Glaub mir, ein jeder Mann hat mindestens zwei Charaktere. Den seinen und jenen, den ihm die Frau zuschreibt. Die Flut von Worten und hastigen Urteilen, die heutzutage alles in einem Meer von Leichtsinn ertränkt.“ Die Zwillinge Als er von seiner Reise in die Rue Madame zurückkehrt, findet er Francine und die Zwillinge Jean und Cathérine6 spielend in der Wohnung vor. Die Koffer sind an ihren vertrauten Platz gestellt, das Lächeln nicht. Die Augen wirken regenverhangen, er küsst Francine zart in den Nacken, er weiß, sie hat geweint und er fühlt, wie schwer es ihr gefallen ist, all die Jahre an seiner Seite, besonders jetzt, wo sie nicht mehr die Augen davor verschließen kann, dass er sie betrogen hat. Abgelegt wie ein Kleid, das einmal nur getragen wurde und dann auf die Gelegenheit wartet, wieder hervorgeholt zu werden. Man spart es sich auf, dieses Kleid, wartet auf die besondere Gelegenheit, wartet und wartet und vergisst am Ende, dass es die besondere Gelegenheit nie gibt. In gewisser Weise sind Frauen leidensfähiger als Männer, gewaltiger in ihrer Selbsthingabe und Bereitschaft zum Opfer. Vielleicht hat sie durchgehalten wie ein Soldat, den die Füße automatisch nach Hause tragen, durchgehalten nur der Kinder wegen, oder aber, weil sie sein Werk nicht gefährden möchte. Er nimmt sich vor, achtsamer 6 Cathérine ist nach der Mutter, Jean nach seinem Lehrer benannt, geboren am 5.9.1945. I. 1. Leben 11 zu sein, weil die Leidenschaft vergehen wird wie Tauwetter, die Liebe aber bleibt, wie der Schmutz, klebrig und zäh und doch existent. Worauf es ankommt, sind nicht die getrennten Nächte, sondern das gemeinsame Morgen. Das Erwachen, grau, müde und zerschlagen, diese mühsam sich abgerungene Umarmung, nicht das Rouge, das so leicht wie begehrenswert erscheint. Francine trägt viel, manches scheinbar gelassen, mit stoischer Gleichmut, anderes lastet auf ihr, er kann die Ringe unter ihren Augen sehen. Aber kein Wort des Vorwurfes. Sie hat gelernt, mit seinem Schweigen zu reden und ihn seiner Einsamkeit zu überlassen. Sie lebt von der Hoffnung, jener Schöpfung ohne ein Morgen. „Die Hoffnung ist unser einziger Reichtum, wie könnten wir ihrer entbehren?“7 Vielleicht ist die Liebe wirklich halb Traum, halb Vision und hat nichts Reales, obwohl sie wirkt. Es gab den Krieg und die Résistance, da ließ man sich nicht scheiden. Es gab die Kinder. Gleich zwei auf einmal, da erst recht nicht. Schnell verliert man sich in den Höhlen des Minotaurus, doch noch hält sie den roten Faden in der Hand. Aber auch Ariadne wurde verlassen. Francine schaut ihren Mann an, sie weiß nichts mit seinen Sätzen anzufangen, wenn er sagt: „Es wird immer etwas Unversöhnliches in unseren Meinungsverschiedenheiten geben, etwas Unentwirrbares in unseren Ruinen. Eben weil es das Irreparable gibt, gibt es die Geschichte.“ „Es ist ein Unglück, wenn man nicht geliebt wird, aber eine Tragödie, nicht lieben zu können.“8 Camus leidet unter seiner selbst gewählten Einsamkeit. Er fühlt sich wie Sisyphos, doch das Glück will sich nicht einstellen. Als Kind und als Mensch, als Schriftsteller und als Ehemann gleichzeitig voranzuschreiten ist unmöglich, eigentlich absurd, notiert er. Die Algerienfrage lastet als ein schwerer Stein auf ihm. 1952 zu Neujahr schreibt er seinen zweiten Brief an Francine. „Ich habe immer das Meer an den Stränden geliebt. Jetzt liebe ich nur noch die Mitte des Meeres, dort, wo keine Menschen sind.“ Sisyphos ist gealtert. Seit dem Roman „Die Mandarine von Paris“, der ihm vorwirft, ein Verräter zu sein, nehmen seine Depression zu. Alkohol, Medikamente, dazwischen ein paar Sätze eingestreut, manchmal sogar brauchbar. Er hat wütende und klarsichtige, zweifelnde und entschlossene Phasen. Er leidet darunter, als Familienvater seinen Ansprüchen nicht zu genügen. Anders als im Schreiben misslingt ihm das Gespräch zu Hause und gleitet ab. Er spürt, wie ihm die Kräfte schwinden. „Einsamkeit. Mein Tag besteht darin, die Tragik zu erforschen. Sie besteht nicht darin, allein zu sein, sondern nicht allein sein zu können.“9 Was das Leben erträglich macht, sind doch die Beziehungen zu Menschen, am Ende jene Liebe, gegen die er sich immer gesträubt hat, weil sie unvereinbar erscheint mit der Freiheit. Er will sich trennen. Der Brief, der seinen Entschluss ankündigt, erreicht Francine 1952. Zehn Jahre sind seit ihrer ersten Wohnung in Paris und den Sperrstunden vergangen. Er kehrt gerade aus Briançon am Rande der Cottischen Alpen zurück, ein neuerlicher Tuberkuloseanfall hat den Aufenthalt in den Bergen erzwungen. Ihre Wohnung trägt immer noch den seltsamen Namen Rue Madame. Er sitzt im Garten und schaut 7 Camus, Dramen, Der Belagerungszustand, 3. Akt, S. 172. 8 Camus, Heimkehr nach Tipasa, S. 175. Eine Paraphrase auf Miguel de Unamuno. 9 Camus, Tagebuch 3, 1951–59, S. 311. I. Camus als Mensch 12 auf die Zwillinge. Seltsam, wie wenig Gemeinsames sie doch haben. Cathérine sieht merkwürdig aus mit ihrer dicken Brille und den viel zu großen Füßen. Sie ist sportlich, sehr lebendig, malt gerne. Jean, von dem alle sagen, er sehe aus wie er, habe aber das Temperament seiner Mutter, ist still, spielt gerne Klavier oder Schach, zum Fußball oder Sport kann er ihn nicht bewegen, er ist introvertiert, ganz das Gegenteil seiner Schwester. Camus zeigt sich nur selten zu Hause, manchmal kommt er sich vor wie ein Gast, vielleicht ist er deshalb nicht so streng mit den Kindern. Er hat das schlechte Gewissen eines Sonntagsvaters. Er liebt seine Kinder, aber er kann nicht arbeiten, wenn sie um ihn sind. Francine wirft ihm vor, er mache sie vorzeitig zu Erwachsenen. Wann sollen sie denn lernen, zu denken und eigenständig Entscheidungen zu treffen, deren Konsequenzen sie zu tragen haben. Er fragt seinen Elfjährigen: „Was willst du werden, Jean?“ – „Mediziner oder Schachspieler.“ – „Das ist aber ein Unterschied.“ – „Nicht so sehr. Man vermeidet Fehler und muss logisch denken.“ – „So?“ – „Auf keinen Fall werde ich Schriftsteller.“ Es ist die herablassende Art, in der Jean es sagt, die Camus traurig stimmt, denn es klingt so, als wolle er zum Ausdruck bringen: Auf keinen Fall werde ich wie du. Er blickt Francine an. Sie hat geweint, er kann es deutlich sehen. Stets fragt sie nach dem Warum, auf das er keine Antwort kennt und von dem er glaubt, dass es auch keine gibt. Auch er ist nicht glücklich, aber er kann dennoch von Zeit zu Zeit genießen. Francine, so fühlt er, kennt nur die dunklen Tage. Weshalb sagt sie nie, dass sie unglücklich ist oder dass sie ihn nicht mehr liebt. Es wäre dann einfacher. Aber ihre Vorwürfe bleiben stumme Pfeile. Kann man an einer Ehe zerbrechen? Er ist nicht dafür gemacht, er benimmt sich nicht so, wie sie es erwartet, er weiß es. Er glaubt nicht an die Treue in einer Ehe, aber er hat auch gesagt, wenn man eine Frau hat, braucht man sich keine andere mehr zu suchen. Er will sie nicht verletzten oder verlassen, aber er weiß, dass er beides längst getan hat. Die Kinder sind eine Narbe oder gar eine offene Wunde. Was wäre das für eine Freiheit, ohne Francine oder die Kinder? Er wendet sich an Cathérine und versucht, ihr nicht mehr auf die großen Füße zu starren. In ihrem Alter haben nur Kleinigkeiten wirkliche Bedeutung. „Was bekümmert dich?“ – „Ich möchte zur Kommunion.“ Camus hat beide, entgegen Francines Willen, auf konfessionslose Schulen geschickt. „Glaubst du an Gott?“ – „Nein“, erwidert sie nach einer Weile, wird verlegen und hält den Kopf schief. „Es ist wegen der Geschenke und weil es alle meine Freundinnen tun.“ – „Das sind beides schlechte Gründe. Ich möchte, dass du darüber nachdenkst und mir einen kleinen Aufsatz schreibst. Nicht viel, aber wenn dir daran liegt, dass du Geschenke bekommst, solltest du auch etwas dafür tun.“ – „Ich will nicht in die Kirche.“ Jean schüttelt den leicht länglichen Kopf und sieht jetzt ein wenig wie ein Pferd aus. „Aber ich möchte auch etwas, Papa. Eine Befreiung vom Sportunterricht.“ – „Fehlt dir etwas?“ – „Nein. Aber die anderen lachen mich aus, weil ich nicht so geschickt bin.“ – „Das wirst du tragen lernen. Man ist immer ein wenig auf sich allein gestellt. Außerdem solltet ihr beide nicht viel auf das geben, was andere sagen.“ – „Auch nicht auf das, was man über dich und Mama erzählt?“ Aus den Augenwinkeln nimmt Camus wahr, wie Francine zittert. I. 1. Leben 13 „Was erzählt man denn, in der Schule, nehme ich an?“ – „Es steht doch in den Zeitungen. Und Roger sagt auch, es stimmt. Cathérine hat es von Brieu gehört, und Parain war dabei und hat nichts dazu erwidert.“ Er ist nun der Befragte, die Rollen haben sich schnell vertauscht. Er muss daran denken, wie er sie gezwungen hat, im Winter barfuß zu laufen und auf den Bergen mit nacktem Oberkörper, zur Abhärtung. Er will nicht, dass sie verweichlichen, und er glaubt an die Selbstheilungskräfte des Immunsystems. Er selbst ist von Natur aus schwächlich und doch selten krank. Man muss sich überwinden lernen. „Was gehört?“ – „Ach“, sagt Francine, ihre Augen füllen sich mit Tränen. Die anderen interessieren sie nicht, manches, das weiß sie, ist einfach nur erfunden, aber ein Name nicht. – „Sie sprechen von Scheidung.“ Cathérine hat es ausgesprochen, nüchtern, doch für ein Kind hat so ein Wort meist eine mythische Kraft. Was denkt sie? Sie weiß, dass viele sich scheiden lassen, zumindest einige. Und sie hat selbst gesagt, es sei besser, als unglücklich zusammen zu bleiben. Aber bei den eigenen Eltern macht sie eine Ausnahmeregel geltend. „Wovon?“ – „Dass du mit der anderen gehst. Mit Maria.“ Die Geliebte Maria Casarès ist längst mehr eine Affäre, die er braucht, um zu vergessen und die er anschließend vergisst. Sie ist seine ständige Geliebte, die er immer wieder, über alle Jahre auf Raten geliebt hat. Damals bei Leiris, mit ihrem schräg fallenden Silberblick, hat es begonnen. Inzwischen führt er zwei Leben, das des Schriftstellers und das des Familienvaters. In ein paar Jahren könnte Cathérine aussehen wie sie. Sie ist eine Frau und Frauen teilen dasselbe Schicksal auf ihre Weise. April ist er in Cabris mit ihr, nahe Grasse, einem Dorf des Lichts, Tipasa in der Provence. Er kann zu Hause nicht mehr schreiben, nur in Hotels, und er verbringt viele Tage an Orten, die ihn an seine verlorene Heimat erinnern. Im Vaudée, wo er fünf Jahre an „Die Pest“ geschrieben hat. In der Provence, auf den Balearen. Selten sind die Kinder oder Francine dabei, wenn er reist und im Meer badet. Manchmal reisen ihm andere nach oder er trifft sich mit ihnen, als wären sie Freunde oder Bekannte. Die Einsamkeit trägt er mit sich herum, gleich, wo er ist, mit wem er ist. Glück hängt nur vom Inneren ab, nicht von Umständen, die man wählt oder erträgt. Deshalb ist es vielleicht so schwer, glücklich zu sein. Die Extreme verbinden, Freiheit und Liebe, ist das möglich? „Kann ich lieben? Nein. Was liebe ich? Nichts.“10 Ein kalter Apriltag oder einfach nur Bewusstsein für eine lange Depression. Maria ist unglücklich, vielleicht nicht allein durch seine Schuld, aber frei davon ist er nicht. Sie sagt, sie sei in guter Hoffnung, und er werde bald der Vater ihres Kindes. Ein Kind, das nicht getauft werden kann und dennoch, sie will das Kind, ihr Kind, die Frucht einer großen Liebe, wie sie sagt, aber sie wird es nicht austragen, wenn er es so verlangt. Das Recht eines Ungeborenen verhält sich wie das der Zukunft gegenüber der Gegenwart. Was werden die Zwillinge zu einem Geschwisterchen sagen? Werden auch sie ihn wie Sartre einen Feigling, einen Mann oh- 10 Camus, Tagebuch 3, 1951–59, S. 176. I. Camus als Mensch 14 ne Standpunkt nennen? Wird Francine, nachdem sie „Die Mandarine von Paris“ gelesen hat, Simone zustimmen? Ihr die Entscheidung abzunehmen, das vermag er nicht. Für die Konsequenz seiner Leidenschaft ist er, dessen Denken im Schreiben immer präzise einen Schritt nach dem anderen setzt, nicht gemacht. Er folgt der Leidenschaft, die darin besteht, für ein paar Stunden ungebunden und weniger einsam zu sein, dann kehrt er zurück zu seinem Felsen und versucht dabei angestrengt, glücklich zu sein. Er möchte es vielleicht fühlen, was die anderen die große Liebe nennen, aber in seinem Herzen liegt die Antwort wie ein grober Faustschlag bereit. Nein, Maria, du irrst, hört er seine kalte Stimme sagen, was du die Frucht einer tiefen Liebe nennst, sind nur die Folgen unseres verstohlenen Begehrens. Nun ist es endgültige Gewissheit, dass es ein lebendes und ein ungeborenes Opfer geben muss, auf diesem Schlachtfeld einer unzureichend diskret gehaltenen Beziehung. Es sind nicht mehr nur zwei Menschen in diesem kleinen Drama beteiligt, nicht mehr nur drei, sondern sechs. Er sieht, dass eine zweite Familie ebenso verwerflich ist wie die Aufrechterhaltung des Scheins. Ist es unaufrichtig von ihm, wenn er der Geliebten zu einer Abtreibung rät? Er muss es ihr sagen: Kinder will er nicht mehr. Er fühlt sich zu jener Treulosigkeit verleitet, die er einst dem Absurden zugeschrieben hat. In solchen Momenten möchte er Schluss machen mit allem. Maria, ganz Schauspielerin, schlüpft in die Rolle der Geliebten, die sich zwischen ihn und seine Frau gedrängt hat und die weiß, wie es enden muss. Als Maria ihn nach zehn Jahren gemeinsamer Zeit verlässt, spürt er keine Kraft mehr in sich. Welches Verlangen, welche Versuchung, nichts zu sein. Als er Stunden später Francine begegnet, ist er selbst für eine flüchtige Umarmung zu müde. Er spürt etwas in seiner Hand. „Da ist ein Brief für dich,“ sagt sie und er spürt, dass sie fort will von ihm und dem Brief. Er sieht, dass ihre Lider die Schrift erkannt haben, dass er nicht von Maria ist. Régine Junier steht im Absender. Mit einem unguten Gefühl öffnet er ihn. Sie sind sich vertraut seit der Zeit, in der er in Gallimard begonnen hat. Sie hat damals Versorgungspakete aus Amerika geschickt, als es ihr gut und seiner kleinen Familie wirklich schlecht ging. Viele Geschenke für die Kinder, Freuden, welche die Hoffnung erleichtern. Er hingegen hat ihr nur manchmal eine französische Zeitschrift, ein Modejournal geschickt, damit die Modistin auf der anderen Seite des Atlantiks auf dem Laufenden blieb. Viele Emigranten nehmen ihre Erinnerungen mit und werden so pariserischer als die Pariser. Aus Régine ist Emma Bovary geworden, die Macht der Illusion ersetzt ihr die Realität. Sie hat sich im fernen Amerika immer als Verräterin an Frankreich gefühlt, wie jemand, der sich gerettet weiß, nur weil er die anderen im Stich gelassen hat. Vielen überlebenden Juden des Holocaust geht es so, sie leiden und begehen Selbstmord als eine Form von posthumer Solidarität. Schuldig, obwohl sie sich mit ihrer Flucht nur das nackte Leben gerettet hat. Die sich retten konnten, vermögen die Toten nicht zu vergessen und daher auch nicht zu leben. Manchmal hat sie von Freitod gesprochen, und er hat mit der Frage nach dem philosophischen Selbstmord geantwortet. Es gibt nichts, was die Verneinung von Leben legitimiert. Selbstmord und der politische Mord durch eine Hinrichtung sind für Camus untrennbar verknüpft. Es bedeutet vergessen, was lebenswert ist und wie bedeutsam jedes einzelne Individuum sein kann. Er schweigt I. 1. Leben 15 über seine tiefe Sehnsucht zum Nichts, auch nachdem er erwacht ist in Cabris, dem Dorf des Lichts, der Nacht, nachdem Maria ihn verlassen hat, diesmal endgültig.11 Der Tod Am 4. Januar 1960 verunglückt Camus tödlich. Bei La Chapelle Champigny platzt ein Hinterreifen. Der Fahrer eines silberfarbenen Facel Vega gerät ins Schleudern, die rechte Seite des Wagens zerschellt an einem Straßenbaum. Auf dem Nebensitz hält ein Toter mit einer Zugfahrkarte in der Tasche handgeschriebene Notizen zu seinem aktuellen Roman, einer Art Biografie, in den Händen: „Der erste Mensch“ lautet der Titel. Der Fahrer, ein Neffe von Camus’ Verleger, stirbt wenig später im Krankenhaus. Die Passagiere auf der Rückbank überleben. Ironie des Schicksals: Der Baum, der als Sicherheitsrisiko bekannt ist, sollte wenige Tage später gefällt werden. Für viele Menschen weltweit ist es ein echter Schock. Zeit zur Besinnung, zur Einkehr und Umkehr vielleicht. Er wird spät gehört, endlich dringt seine Stimme vom Rand des Vergessens durch das Radio an die ganze Welt heran. Die Stimme des Gewissens, des Nobelpreisträgers, ist tot. Nicht von einer Kugel niedergestreckt, wie so viele deiner Freunde während des Widerstands in der Résistance. Nicht durch ein Attentat, wie es auf so viele Journalisten verübt wurde. Nicht im Alkohol ertrunken, wie die Einsamen und Verzweifelten, die sich selbst an das Nichts verlieren. Nicht im Krieg, denn der wollte dich nicht, als du dich lungenkrank als Freiwilliger für den Dienst an der Waffe gemeldet hast. Ein Pazifist, den es freiwillig an die Front drängt. Keine Frage des eigenen Willens, nur der Pflicht, keine Frage der Überzeugung, nur der Gerechtigkeit. Gestorben bist du, weil ein Baum, den man ohnehin hat fällen wollen, dem beschleunigten Metall im Weg stand. Weil du schneller sein wolltest, bist du nie angekommen. Das Leben ist absurd, hast du gesagt, die ganze Existenz nur im Absurden zu überstehen. Nun ist es überstanden. Von allen Getriebenen ist er am meisten gereist. Besonders gerne in seine Heimat, die ferne Erde, die ewige Glut der Wüste, das Land, das erden Minotaurus nennt. Fast alle Geschichten spielen zwischen Meer und Strand, zwischen Sonne und Steinen, Schaum und Schatten, immer in der die Nähe zum Meer. In Oran und Algier, das heilige Licht, Al Andaluz oder in den Dörfern der Provence im Luberon, der sein Grab wird. Das Fabrikat des Autos, nach einem Stern benannt, wird ihn nicht lange überleben. Sein Schatten ist leichter als das Licht, das ihn trägt, eine Epoche im Schatten der Blütezeit des alten Kontinents Europa, das in sich zusammensinkt, gerade als die Technik die Kontinente verbindet und einen rasanten Fortschritt erlaubt. Die letzten Tagebucheinträge gehören dem Luberon, Roussillon, dem Dorf, in dem Beckett vor zehn Jahren „Warten auf Godot“ schrieb. „Hier ist die Erde rosarot, die Steine sind fleischfarben, die Morgensonne feuerrot. Das Licht wird am Abend 11 Es ist der 11. Juni 1951, an dem Camus vom Selbstmord seiner Freundin Régine Junier erfuhr, mit der er gleichfalls ein, allerdings flüchtiges, Verhältnis unterhielt. Die umfassenden Biografien Todds und Radischs belegen, dass Camus oft an Selbstmord dachte, weil ihn seine Unaufrichtigkeit mit seinen eigenen Idealen in Konflikt brachte. I. Camus als Mensch 16 zart und golden wie ein Likör und löst allemal die schmerzenden Kristalle auf, die zuweilen ein Herz verletzen.“12 Ein anderer, ein sentimentaler Camus spricht aus diesen Notizen. In Paris bleibt er ein Fremder, hier in den Bergen, wenn er sich seinem wahren Zuhause, Lourmarin, nähert, wird er zu einem anderen; über die Natur findet er langsam sein Gleichgewicht zurück. Er will einer Aufführung von „Die Besessenen“ beiwohnen. Er ist bereit zu einer Scheidung, trotz der Kinder, die unter der Trennung leiden, aber mehr noch unter seiner Unentschlossenheit, seiner Feigheit. Sie sind vierzehn, fünfzehn beinah. Er schreibt einen Brief an die fast erwachsene Tochter, fürsorglich, als gelte es, die Liebe genau nach Maß zu verteilen, danach, schon weil es die Gerechtigkeit fordert, an den Sohn, der ihm fremd geblieben ist. Einen dritten an Francine. Niemand soll sich benachteiligt oder übervorteilt fühlen. Zeilen wie „Ich fürchte nicht den Tod, sondern im Tod noch nicht tot genug zu sein“ kann er nur an die Ehefrau richten. Er stellt sich den Tod im Auto vor, plötzlich, mit einem Lächeln würde er sterben, wenn das Auto mit Höchstgeschwindigkeit gegen einen Baum prallt. Kurz und schmerzlos soll es sein. Seine spätere Witwe Francine hat diesen Brief doch veröffentlicht, der eigentlich nur dem Tagebuch anvertraut war. Aber die Tragik seiner Voraussicht soll einen Mythos verhindern. „Er hat seinen Tod nicht gesucht, aber er ist ihm auch nicht ausgewichen“, sagt sie in ihrem einzigen Interview, das sie den Journalisten gewährt. Literarische Einflüsse Dostojewski Gottessucher Der erste Schriftsteller, für den Camus in Leidenschaft entbrennt, ist Dostojewski. Seit er seine Werke gelesen hat, will er Schauspieler werden. Sein erstes, unveröffentlichtes Stück, das er mit 19 Jahren schreibt, ist eine Dramatisierung „Die Brüder Karamasow“, in dem er den intellektuellen Selbstmörder Iwan spielt. Das Thema Selbstmord ist für den jungen Camus früh und praktisch: Unheilbar an Tuberkulose erkrankt, fragt er sich nicht nur nach dem Sinn, weiterzuleben, sondern auch nach dem Recht, sich selbst zu töten. Damit verbunden ist die Frage nach dem Recht, sich zu empören und sich gegen das Schicksal aufzulehnen. Dostojewski wählt das Leben und entscheidet sich gegen den Tod, weil er es für ein Geschenk Gottes hält, das unbedingt geachtet werden muss. Camus wird es ebenso halten, nur anders begründen, denn er ist Atheist. Es ist vor allem die Menschlichkeit, die Demut, das Wissen um bittere Armut, das ihn mit dem Russen verbindet. Sein Theaterstück bleibt ein Gesellenstück für die Universität. Camus hat Iwan den Selbstmörder nur gespielt. Mit einem anderen tritt er von der Bühne des Lebens ab, endgültig. Für „Die Besessenen“ schlüpft er in die Rolle der für ihn wichtigsten Figur, Kirilow. Die Beschäfti- I. 2. I. 2. 1. 12 Camus, Tagebuch 3, 1951–59, S. 370. Folg. Zitat S. 376. I. 2. Literarische Einflüsse 17 gung mit dem russischen Schriftsteller hört nie auf. Ihn sichtbar zu machen, ist das eine Thema, es mit dem Absurden zu verbinden, das andere. Camus’ Karriere als Literat beginnt mit der Tragödie und endet mit ihr. Er tritt von der Bühne irgendwo in der Provinz ab, wenige Nächte später liegt er im Graben. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass er sich, im Auto sitzend, kurz vor dem Aufprall, Kirilows Satz sagen hört, der das Absurde pointiert: „Entweder ist Gott, dann bin ich nicht oder Gott ist nicht und dann bin ich Gott.“13 Camus betont, Dostojewskis „zartfühlende Mörder“ lehren den Unterschied zwischen Ideologie und Idee, Brot und Freiheit, blutiger Revolution und Versöhnung suchender Revolte. „Man versteht nun, daß die Revolte nicht ohne eine sonderbare Liebe auskommt. Diejenigen, die weder in Gott noch in der Geschichte ihren Frieden finden, verurteilen sich dazu, für die zu leben, welche wie sie nicht leben können: die Gedemütigten. Die reinste Bewegung der Revolte wird dann vom erschütterten Schrei Karamasows gekrönt: wenn sie nicht alle gerettet sind, wozu dann das Heil eines Einzigen!“14 Auch wenn Camus selbst immer Atheist geblieben ist, so hat ihn die Gottesfrage nie losgelassen, was bereits die Wahl seiner Abschlussarbeit über den Gottesstaat Augustinus belegt und noch mehr sein Interesse für Dostojewski dokumentiert. Für Camus fallen Glaube und Religion längst auseinander und nur der Mensch, der keinen Glauben hat, ist für ihn rettungslos verloren. Da das Leben keinen Sinn hat, das Absurde, aber nicht gleichzusetzen ist mit Sinnlosigkeit, muss auch ohne Sinnfrage gelebt werden. Das Paradoxon ist sein Weg zur Wahrhaftigkeit. Auch wenn er nie wie Dostojewski, der als junger Mann sein Heil im Sozialismus Fouriers suchte, ein Gottessucher wird und sich damit bewusst dem metaphysischen Trost verweigert, so wird Camus den Tod Gottes nur ins Innere verlegen und mit der Frage nach dem Wert des Lebens gleichsetzen. Seine Aussage, man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen, ist wesensverwandt mit Dostojewskis Lehre vom Gottmenschen15. Dostojewski und Camus eint der lebensphilosophische Ansatz, nach dem Sinn des Lebens und der Stellung des Individuums in der Gemeinschaft explizit zu fragen. Für beide ist es unannehmbar, dass im Namen eines besseren Systems, gleich ob zukünftig oder gegenwärtig, gemordet wird. Beide erkennen auch, dass die Menschen nicht die Freiheit, sondern meist das Brot wählen, dass sie mit Freiheit ein Geschenk und nicht eine Aufgabe, Verantwortung oder Pflicht verbinden. Geben, wann immer man kann und nicht hassen, wenn man es will. Für die Gegenwart leben und dennoch die Zukunft nicht gefährden; zu erkennen, dass Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit, verstanden als Gerechtigkeit, nie zusammen gleichzeitig gelebt werden können und dennoch daran arbeiten, dass die Unterschiede geringer werden. 13 Camus, Der Mythos von Sisyphos, Das absurde Kunstwerk, Kirilow, S. 89. Kirilow ist eine Figur aus Dostojewskis Roman Die Dämonen (Böse Geister). 14 Camus, Der Mensch in der Revolte, Die zartfühlenden Mörder, S. 189. 15 Der „Menschengott“ maßt sich an, wie Gott zu richten und tritt in selbstverherrlichender Hybris an seine Stelle. Solche Figuren sind in Dostojewskis „Die Dämonen“ Stawrogin und in „Die Brüder Karamasow“ Iwan, die beide am Ende Suizid begehen. Demgegenüber steht der „Gottmensch“, der wie Sisyphos das (göttliche) Leben uneingeschränkt bejaht. I. Camus als Mensch 18 Seine Tagebucheinträge erwähnen Dostojewskis Namen immer wieder und zumeist in Zusammenhang mit Nietzsche. „Kunst ist eine korrigierte Schöpfung: Nietzsche und Dostojewski lesen. Unbedingt.“16 Beide haben sich intensiv mit dem Recht auf Selbstmord auseinandergesetzt und sich dagegen entschieden, nicht aus Vernunft, sondern den Regungen des Herzens folgend. Lebensekel Dostojewskis Helden sind häufig für Außenstehende irrational Handelnde und Selbstmörder. Sie durchlaufen alle den Lebensekel und sie proben den Aufstand, die Rebellion oder Revolte, was nicht dasselbe ist für Camus. Die Rebellion richtet sich gegen etwas oder jemanden, sie geschieht aus Verneinung heraus und sie endet, wenn ein anderer Zustand erreicht ist, der den Lebensekel behebt. Die Rebellion kann aus sozialen oder egoistischen Motiven erfolgen, sie hat psychologische, gesellschaftliche oder religiöse Ziele, aber sie bleibt aktualitäts- und situationsbezogen; ihr Ausgang ist daher erfolgsabhängig. Anders die Revolte die untrennbar ist von aufrichtiger Reue und universaler Liebe zum Allmenschentum. In „Schuld und Sühne“ tötet der Student Raskolnikow weder aus dem Affekt noch aus Eigennutz heraus, sondern, um eine Theorie zu beweisen, sich zu überwinden oder um Gutes im Sinn des Utilitarismus zu schaffen; als Ausnahmemensch fühlt er sich zum Stellvertreter Gottes berufen, der nicht eingreift, wo er eingreifen sollte. Die Thematik der Theodizee verleitet den Menschen zur Revolution, aber auch zum Nihilismus und nicht selten zum Freitod, der aber dann der Resignation oder dem Martyrium geschuldet ist und wiederum nur relativ in Abhängigkeit der Stabilität des Gemüts, der seelischen Verfassung, zu bewerten ist. Im Fall Raskolnikows bietet die Liebe, verbunden mit Reue und Glaube die Umkehr aus einer ausweglos empfundenen Situation, in Camus’ Worten, aus einer sinnentleerten Existenz. Er selbst hat diesen Weg der Rettung abgelehnt, denn die Welt ist nicht dadurch sinnvoll oder weniger absurd, indem wir auf eine höhere Instanz vertrauen. Einzig aus metaphysischen Gründen ist der Suizid philosophisch. Für Camus ist immer die Revolte interessant, die weitermacht, obschon die Existenz als sinnlos anerkannt wird. Nur in diesem Stadium kann sich der Mensch solidarisieren, gemeinsam einsam zu bleiben und sich zu empören, weil es sein muss, nicht weil es möglich ist, sich zu retten. Die Situation in der Revolte bleibt ausweglos und damit ohne metaphysische oder irdische Tröstung. Was sich jedoch ändert ist der Lebensekel: aus Stolz wird Demut, Wille, den Dingen standzuhalten und dies sogar zu wollen, d. h. sich ein eigenes oberes Begehrungsvermögen zu schaffen, das sich selbst genug ist und auf Lohn verzichtet. Kein Autor übt mehr Faszination aus und genießt größere Präsenz im Werk Camus’ als Dostojewski. Der Russe ist ein Grenzgänger zwischen Philosophie und Poesie, auf der Suche nach dem tieferen Sinn seiner Existenz. Den zum Drama umgearbeite- 16 Camus, Tagebuch 1, 1935–1942, S. 327. I. 2. Literarische Einflüsse 19 ten Roman „Die Dämonen“ bezeichnet Camus als „meine gewagteste Herausforderung“. Sein letztes Drama „Die Besessenen“ antwortet auf Dostojewskis Roman. Kaliajew als Protagonist in Les Justes und Kirilow in Les Possédés, zwei zentrale Figuren, deren Namen mit dem gleichen Buchstaben beginnen. Dann kann man die Brüder Karamasow hinzunehmen und schon erscheint das K Dostojewskis wie das Zeichen Kains. Kaliajew ist der Inbegriff des zartfühlenden Mörders, der bereits dem Nihilismus, der Krankheit seiner Zeit, abgeschworen und das Mitgefühl entdeckt hat. Verkürzt formuliert, er tötet einen Menschen und dafür sich selbst aus Liebe und nicht aus Hass zum Leben und der Menschheit. Er ist ein Freund und nicht ein Feind der Existenz des Absurden. Dem Studenten Kaliajew entspricht Kirilow; bevor er tötet, nimmt er sich selbst das Leben und damit einen Mord auf sich. „Die Gerechten“ zeigen die Grenzen des Erlaubten in der Revolution auf. „Die Besessenen“ verdeutlichen den Unterschied zwischen Revolution und Revolte. Die Hauptfigur ist für ihn nicht der lebensverneinende Stawrogin, sondern der lebensbejahende Ingenieur Kirilow. Beide bringen sich um, doch nur eine Form interessiert Camus: der metaphysische Selbstmord. Stawrogin entscheidet sich aus psychologischen Motiven heraus (Angst, Schuld, Ekel) zum Freitod. Sein Tod geht nur ihm selbst etwas an, es lässt sich daraus keinerlei Gewinn ablesen. Seine Haltung bleibt unversöhnt dem absurd erscheinenden Leben gegenüber. Camus hat sich für die Frage, ob es Mut oder Feigheit ist, aus dem Leben zu scheiden, nie interessiert. Ebenso wenig kümmert ihn der moralische oder der religiöse Aspekt, die hier zusammenzufallen scheinen. Sein Drama wird an anderer Stelle untersucht; an dieser Stelle genügen zwei Aspekte. Der Freitod Kirilows ist gänzlich anderer Art und kann nicht für einen Attentäter geltend gemacht werden, der sein Leben für ein anderes hinzugeben bereit ist, auch nicht nur für eine Idee. Wer den Märtyrertod stirbt, begeht einen politisch nicht ohne Eigennutz motivierten Suizid, doch er tötet sich, um frei zu sein. Die letzten Worte Kirilows vor seinem Freitod sind fraternité, egalité. Laut Kirilow, in dem viel Camus steckt, macht einzig der Tod uns gleich, brüderlich und frei. Kirilow weiß sich frei von Furcht, Leid und Langeweile, den drei Quellen des Lasters und jeder Versuchung. Niemand hat noch Macht über ihn, nicht einmal das Glück der Hoffnung. In seinem politischen Roman distanziert sich Dostojewski gleichermaßen von den Nihilisten und Sozialrevolutionären, weil sie das Leben an sich nicht genügend wertschätzen. Camus stimmt mit dem Autor überein, der Gewalt ablehnt und dennoch nicht über den Mörder seinen Stab bricht. Die Entwicklung des Menschen, seine Evolution, macht nur Sinn, wenn ihm der Sprung in eine andere Existenzform, die Nietzsche „Übermensch“ und Dostojewski „Gottmensch“ nennt, gelingt. „Die Besessenen“ Dostojewskis und Nietzsches „Der tolle Mensch“ sind darum Brüder im Geiste und im Fleisch, die zum selben Ergebnis gelangen und sich in Kirilow kristallisieren, in einer Zeit des Untergangs. Darin, dass sie diesen Untergang bejahen, weil sie ihn für einen Neubeginn als notwendig erachten, ist nichts Absurdes, sondern es entspricht vielmehr der Logik des Absurden, Camus’ „Schöpfung ohne Morgen“. I. Camus als Mensch 20 Tat-Menschen Dostojewski stellt seinem 1873 vollendeten Roman das Lukasevangelium voran, die Stelle, in der es heißt, der Besessene werde durch Jesus geheilt und dann bei den anderen Kranken zurückgelassen. Nietzsche konfrontiert den Leser in „Die fröhlichen Wissenschaft“ (1882) mit dem Johannesevangelium, das von der Apokalypse und dem kommenden neuen Menschen handelt, aber er wird nicht verstanden und auch hier bleibt der Genesende allein. Kirilow und Kaliajew sind Wahlverwandte, Gesinnungs- und Leidensgenossen, zudem Tat-Menschen. Beide wählen auf ihre Art den Freitod als letzte Konsequenz ihres Gerechtigkeitsempfindens heraus, sie zahlen den Preis für ihre Revolte und sind nicht verzweifelt, sondern glücklich. Am Ende des Stücks fragt die Fürstin den Todgeweihten Kaliajew nach seinem letzten Wunsch. Dieser lässt die Möglichkeit zur Flucht oder Begnadigung verstreichen, um für seinen Mord zu sühnen. Die Großfürstin, deren Mann Kaliajew getötet hat, will in christlicher Milde dem Verurteilten vergeben: „Ich bin hierhergekommen, um Sie zu Gott zurückzuführen. Das weiß ich jetzt. Sie wollen sich allein richten und allein retten [...]. Das können Sie nicht […].“17 Kaliajew schlägt das Angebot der Versöhnung aus, da er sie gleichsetzt mit der Absolution seiner Taten und Unfreiheit seines Willens. Er verweigert ein Leben, dem Schuld oder Sünde abgenommen werden können von einer Instanz, an die er nicht glaubt. Er will sterben, wie er gelebt hat und duldet keine Barmherzigkeit. Kirilow tötet sich aus anderen Motiven, weil er seinen freien Willen zu beweisen und die Idee des Gottmenschen, der ohne Furcht und Schmerz alles bejaht, den eigenen Tod eingedenk, zu verwirklichen sucht. Die Hauptperson für Dostojewski in „Die Dämonen“ ist jedoch nicht Kirilow, sondern Stawrogin, der an nichts mehr glaubt, ein Nihilist, der durch die Vernunft und das Wissen der Aufklärung um jede Illusion gebracht ist und an „gekränktem Stolz“ leidet. Viele Interpretationen setzen seine Figur mit der des Übermenschen bzw. Zarathustra gleich. Beide lehren eine irdische Metaphysik, sowohl sich selbst zu befehlen als auch zu gehorchen. Die Revolte beinhaltet die Selbstzucht zu wahren Befehlen, frei von Herrschaft oder Knechtschaft anderen gegenüber, sie träumen von einem Selbst ohne Fremdbestimmung. Alle in Wahnsinn oder Tod endende Figuren gehen an ihrem Stolz zugrunde. Dostojewskis Lösung lautet Demut und Glauben durch aufrichtige Reue und Verzeihen. Noch deutlicher: Wir sollen dem Leben dienen, nicht das Leben uns. Dieses Dienen für alle Menschen (Dostojewskis Allmenschentum) macht den Tat-Menschen aus. Der Suizid ist daher selbstgerecht und verurteilt zur lebenslänglichen Passivität. Nur aus diesem Grund heraus, dass immer aufbegehrt werden soll, wird der Freitod verworfen. „Wie komme ich zu diesem Glauben und welchen Preis muss ich dafür zahlen?“, fragt sich Camus angesichts der „Dämonen.“ In griechischer Philosophie geschult, weiß er, dass die Hellenen in einem daimon weder Böses noch Gutes erblickten, sondern das Maß suchende Sein, woraus sich alles Werden entwickelt. Die Menschen 17 Camus, Sämtliche Dramen, Die Gerechten, 4. Akt. S. 222. I. 2. Literarische Einflüsse 21 sind ohne eine spirituelle Führung verloren, lehrt Dostojewskis Demut. Aber zugleich gilt: Nur verlorene Seelen, nach Wissen und Ideen gierige Seelen, ergeben sich blind ihrem Schicksal und werden zur Schar. Alles andere als die Frage nach der eigenen Verantwortung unabhängig von dem, was die anderen denken, erscheint Camus in diesen Jahren als sekundär. Es geht ihm auch in diesem (seinem) Stück primär um die seelischen Abgründe des Einzelnen und wie er sich seinem Mitmenschen gegenüber verhält. Wie er Kirilows Gleichgültigkeit verhindert oder seine Selbstjustiz. Wie er sich selbst überwindet, nicht andere zu etwas zwingt wie Stawrogin. Furcht, Neid, Mitleid oder Stolz sind schlechte Ratgeber. Die Unfähigkeit, sich selbst genug zu sein, zwingt dann zur Herrschaft über andere, dem Zynismus Pjotrs. Wer erträgt es, für sich selbst leben zu können? Wer vermag zu vertrauen, wer sich selbst nicht traut? Dostojewskijs desillusionierter Blick verweist auf die Verführbarkeit des Menschen für inhumane Ziele durch Gruppenzwang und Herdentrieb. Die Idee vom Gottmensch (oder Nietzsches Übermensch) ist zugleich tragische Verführung und ethische Verpflichtung zur ewigen Wiederkehr der Revolte. Der Dämon fordert auch Leidensfähigkeit, den Wahnsinn und die Irrationalität des unbedingten Ja zur Genesung. Der Integration des Irrationalen fühlt sich auch Camus verpflichtet, denn Entgrenzung einerseits und extreme Bevorzugung andererseits führen laut Camus’ Betrachtung der Geschichte zum individuellen bzw. staatlichen Terror. Gewiss brauchen wir andere, um zu sein: „Ich empöre mich, also sind wir.“18 Doch im anderen sein zu wollen, um etwas zu gelten ist gefährlicher noch, als den anderen zwingen zu wollen, der zu werden, der er sein soll. Nihilismus und Sozialismus koinzidieren bei Dostojewski. Betrachten wir also die Unterschiede zwischen Kirilow und Stawrogin. Zunächst die historischen Hintergründe des Romans, die Ermordung eines Studenten durch eine Gruppe, die sich selbst zu beweisen versucht, dass der Mensch alles kann, wenn er es nur will. Im Kern wollen sie beweisen, dass es keinen Gott gibt, der den Mord an einem Unschuldigen verhindert. Das wäre die Antwort auf die Theodizee, die Dostojewski (und nicht nur ihn) intensiv beschäftigt. Auch für Camus wird sie zur Frage aller Fragen: Kann Mord oder Selbstmord jemals gerechtfertigt werden? Da beides zusammenhängt würde dies das Ende bejahen, die Zerstörung über die Schöpfung, den Tod über das Leben stellen. Wer die eigene Existenz erduldet, der muss auch die der anderen als unantastbar betrachten; wer die Grenze überschreitet, muss auch konsequent alle überschreiten. Die zweite Person, die Camus besonders interessiert, ist die Figur des Schigalew, dessen Theorie (Proudhon) der historische Kampf um Freiheit in der Revolution zur Tyrannei führen muss. Neunzig Prozent der Menschen, die arbeiten, werden von zehn Prozent der Intelligenz regiert. Alle sind gleich, nur zehn Prozent sind ein wenig „gleicher“, weil sie darüber wachen, was Gleichheit ist. Schigalew glaubt, die allgemeine Gleichheit durch Diktatur zu erschaffen und setzt die Gottwerdung mit Entmenschlichung gleich. Er wohnt dem Mord an den mutmaßlichen Denunzianten Schatow bei, protestiert, schweigt und wird wahnsinnig, weil er die Gefühle der Logik untergeordnet hat. Dostojewski drückt in ihm seine Verachtung eines autoritären So- 18 Camus, Der Mensch in der Revolte, gleichnamiger Essay, S. 31. I. Camus als Mensch 22 zialismus, das Umschlagen der Revolution in Terror, aus. In Schigalew sah (laut Camus) Dostojewski Lenin voraus, der ein mathematisches Kalkül anstellte, das den Menschen als Sache betrachtet. Wenn das Sein auf Nutzen, Erfolg und Zweck ausgerichtet bleibt, werden Menschlichkeit, Brüderlichkeit und Freiheit nur von der Logik instrumentalisiert und pervertiert, das gebietet die „totalitaristische Revolution.“ Dostojewski begleitet Camus über all die Jahre. Den Roman „Die Dämonen“, den er seit seiner Kindheit liebt, verarbeitet er zu einem Bühnenstück, das unterbrochen von anderen Arbeiten, 20 Jahre später seine Uraufführung erlebt. Der Kreis hat sich geschlossen, denn am Anfang und am Ende von Camus’ Werk steht Dostojewski als Maß der philosophisch gewordenen Literatur. Camus hält nichts von allgemeinen Aussagen, nicht einmal von symbolischen, von Kollektivschuld oder Kollektivversagen. Ein guter Autor erzählt immer die Geschichte aller Menschen am besten, wenn er nur Einzelne erleben, sprechen, fühlen lässt. Viel ist gesagt mit dem scheinbaren Paradox „zartfühlenden Mörder.“ Kaliajew glaubt nicht an Gott, aber an die Menschheit, heißt es in Camus’ gleichlautendem Essay. Das kann man natürlich nicht für alle Revolutionäre sagen. Das Thema: Wie gehen wir mit der Entgottung um, was folgt aus der Säkularisierung, der Mündigkeit des Menschen, seiner Qual der Wahl, damit sie nicht in der Sackgasse, eine Wahl zur Qual zu sein endet? Die Neigung, sich mit dem Opfer zu identifizieren ist ebenso falsch wie die Solidarität mit dem Täter. Alle leben, wie Camus sagt, „vom gleichen Paradox, vereinigen in sich die Achtung vor dem menschlichen Leben im Allgemeinen mit der Verachtung des eigenen Daseins.“19 Erinnert sei an seine konvergierende Aussage: „Es gibt kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.“ Revolte bedeutet immer, die Spannung auszuhalten, dazu gehören Zweifel, Mitgefühl und viele menschliche Regungen, welche die Berufsrevolutionäre längst als Schwäche brandmarken und zynisch zu den Akten gelegt haben. Für die wahren Rebellen koinzidieren die Frage und die Rechtfertigung des Mordes und des Selbstmordes immer notwendigerweise. Ihr einziger scheinbarer Sieg ist es, „wenigstens über die Einsamkeit und die Verneinung zu triumphieren.“ Die Idee des amor fati scheint unter diesen besonderen Umständen nur in der Solidarität des Sterbens möglich. Eine Absurdität: Die metaphysische Revolte geht über die historische Machtergreifung über das Leben hinaus; sie verändert sie und gibt sich nicht mit einer Revolution zufrieden, die nur Herrschaftsverhältnisse verändert. „Wir sind gemeinsam allein“, formuliert Camus im Roman „Die Pest“. – „Der alte Wert, der Glauben, erhält hier, am Ende des Nihilismus, am Fuß des Galgens, selbst neues Leben [...], Kaliajew und seine Brüder, Kirilow und die Seinen siegten über den Nihilismus.“20 19 Camus, Der Mensch in der Revolte, Der zartfühlende Mörder, S. 193. Folg. Zitat S. 195. 20 Camus, Der Mensch in der Revolte, Der zartfühlende Mörder, S. 198. Folg. Zitat, ebenda, Nihilismus und Geschichte S. 121. Rebellion und Empörung sind Synonyme. I. 2. Literarische Einflüsse 23 Die Brüder Karamasow Es liegt in der Absicht Dostojewskis und Nietzsches, das Leben höherzustellen als den Tod, meint Camus. Im eigenen Sterben opfert sich der Stolz und stellt das Leben der anderen über sich. Camus geht es nicht um Glorifizierung oder gar den Heldentod, wie es manchmal in Malraux’ Romanen anklingt, sondern um die Konsequenz, niemals über Andersdenkende herrschen zu wollen. Sich zu opfern bedeutet bei Camus sich mit den Opfern, den Unterdrückten oder Besiegten zu solidarisieren. Jede Empörung beinhaltet immer eine Grenze, die das Recht zu leben heiligt und nur aus Liebe zu den Menschen das eigene Leben opfert. Das diese Ethik am Ende nicht das Töten auszuschließen vermag, macht die Absurdität deutlich. Camus ist sich immer bewusst, dass keine Geschichte oder Revolte auf Gewalt verzichtet, dass es niemals Glück, Gerechtigkeit oder Freiheit auf Dauer geben kann – eben darum versucht er, weder das Absurde zu leugnen noch es zu eskamotieren. Im Roman „Die Pest“ klingt die Analogie zu Der Großinquisitor an. Camus’ Hauptanliegen besteht darin, die Revolte von der Revolution abzugrenzen und ferner die Rolle Dostojewskis für die metaphysische Revolte festzulegen. Iwan Karamasows Revolte durch Empörung an der sozialen Ungerechtigkeit folgt nur blinde Askese: „Dem Ich rebelliere, also sind wir, fügt er hinzu [...]. Und wir sind allein.“ Trotz und Wut genügen nicht. Am Anfang seiner Revolte steht die Frage nach der Theodizee. Iwan Karamasow rebelliert gegen Gott: „Mit Dostojewski macht die Revolte einen Schritt mehr. Iwan Karamasow ergreift die Partei des Menschen und legt den Akzent auf ihre Unschuld. Er versichert, daß das Todesurteil, das über ihnen schwebt, ungerecht ist.“21 Die wichtigsten Bestandteile der Metaphysik aus Sicht Camus’, zumindest in Hinblick auf die Revolte, sind die drei Begriffe Gleichheit (verstanden als Brüderlichkeit), Freiheit und Gerechtigkeit im versöhnten Zustand, die allein Selbstverantwortung ohne Selbstjustiz ermöglichen. Dies ist der entscheidende Unterschied von „Alle sind gleich.“ zu „Alles ist gleich.“. Empörung gegen die Ungleichheit und Gleichgültigkeit schließen sich gegenseitig aus. In der Empörung vereint sich die Verneinung gegen das Unrecht mit der gleichzeitigen Bejahung des Rechts zu leben. Gott wird im Namen eines moralischen Wertes, den Camus den „neuen Humanismus“ nennt, negiert. Es genügt den Menschen nicht mehr, auf Augenhöhe mit Gott zu sein, zu richten wie er oder zu verwerfen wie er. Das war bei de Sade oder Vigny der Fall. Es genügt nicht, auf die eigene Tugend zu vertrauen und diese Tugend mit Vernunft gleichzusetzen, wie es Saint-Just tat. Diese Revolte geht einen Schritt weiter, indem sie Gott geradezu verurteilt und nicht bloß leugnet. Sie zieht den Schöpfer für seine Schöpfung zur Rechenschaft. Damit leitet Iwan ein Unternehmen der Revolte, vergleichbar mit der Inquisition ein, welches „das Reich der Gnade ersetzen muss durch das der Gerechtigkeit“. Ob Gutes geschieht, darf nicht mehr vom Zufall abhängen. Die historische Revolte richtet Schuldige und Unschuldige gleichermaßen. Iwans mit Nietzsches „Also sprach“ ver- 21 Camus, ebenda, Die Verwerfung des Heils, S. 69 f. Folg. Zitate S. 70. I. Camus als Mensch 24 gleichbarer Notschrei setzt ein mit der Formel „selbst wenn“, die Pascals Wette auf Gott umkehrt: Selbst wenn es einen Gott gibt, so hat man kein Recht mehr an ihn zu glauben oder ihm zu dienen, so lange er Ungerechtigkeit auf Erden duldet. Nur vordergründig spricht der Zorn aus Iwan oder gar Selbstgerechtigkeit; philosophisch vertritt er eine „Alles oder Nichts“-Haltung und gleichzeitig schwankt er in jeder Lebensphase „zwischen ja und nein“. In ihm tritt die Sehnsucht nach Gerechtigkeit deutlich hervor. Iwan Karamasow erfüllt damit Camus’ Kriterien der metaphysischen Revolte, frei von Ressentiments zu sein und immer ein Zweifelnder zu bleiben. Das Spannungsfeld von Gesinnung und Tat lässt ihn niemals eine Endlösung propagieren. Sein Urteil richtet sich nicht auf die Zukunft der Menschen, sondern nur auf den Augenblick. Er sieht sich allein dem irdischen Jetzt verpflichtet und leugnet die Ewigkeit, auf die sich die anderen Revolutionäre in blindem Hass berufen. „Alles ist gut“, sagt er wortgleich zu seinem Bruder Aljoscha wie der Selbstmörder Kirilow zu Stawrogin, der seiner Tat folgen wird. In diesem Satz löst Dostojewski die Werturteile von Gut und Böse auf, weil sie jedes eigenständige Handeln oder Denken, jede freie Entscheidung ad absurdum führen. „Ich weiß nur, daß es Leid gibt, daß es aber keine Schuldigen gibt“, zitiert Camus aus „Der Großinquisitor“ und verweist darauf, dass Dostojewski sich trotz seines Christentums Iwans Position näher fühlt als derjenigen Aljoschas, der unbeirrt seiner christlichen Demut und Nächstenliebe nachgeht. Camus’ Interesse an Iwans Haltung führt auf die Frage nach der Notwendigkeit der metaphysischen Revolte zurück: „Iwan läßt seine (Dostojewskis) Antwort erraten: man kann in der Revolte nur leben, indem man sie bis ans Ende treibt [...], die metaphysische Revolution. Der Herr dieser Welt muß, nachdem ihm seine Legitimität abgestritten ist, gestürzt werden. Der Mensch muß seinen Platz einnehmen.“22 Aber nicht, indem er sich zum Rächer aufschwingt – wie Spartacus oder Saint-Just –, die den Knecht von gestern zum Herren von morgen erklären, und den Feind lieber versklaven als ihn auf Augenhöhe zu respektieren. Hass bleibt mit der Demut und der Gnade unvereinbar und begründet keine philosophische Revolte, sondern Terror. Mord, Folter, Diskriminierung oder Herrschaft sind durch nichts legitimierbar. Schafft man Gott ab, ohne ihn gleichwertig zu ersetzen, herrscht noch immer Despotismus. Atheist, Idealist oder Nihilist zu sein, bewahrt noch nicht vor Unsittlichkeit oder Willkür. Erlösung und Rettung dürfen weder dem Jenseits noch einer unhinterfragten politisch absoluten Autorität zufallen. Laut Camus müssen wir so handeln, als gäbe es niemanden, der für uns handelt. Wir müssen Gottes Schweigen ertragen. Die Berechtigung der Liebe und des Glaubens bedarf der absoluten Bejahung des Lebens: „Die Moral ist Gottes letztes Gesicht, das man zerstören muß vor dem Neuaufbau. Gott ist dann nicht mehr und gewährleistet nicht mehr unser Sein, der Mensch muß sich entschließen zu handeln, um zu sein.“ Der sich empörende Mensch, Dostojewskis Iwan, der wie Stawrogin im Wahnsinn und Selbstmord endet, weiß, dass es nicht genügt, eine alte Moral durch eine 22 Camus, Der Mensch in der Revolte, Die absolute Bejahung, S. 76. I. 2. Literarische Einflüsse 25 neue zu ersetzen. Das lehrt ihm die Geschichte. „Der Revolutionär ist zur gleichen Zeit ein Revoltierender oder er ist nicht mehr Revolutionär, sondern ein Polizist und Beamter, der sich gegen die Revolte wendet. [...] Jeder Revolutionär endet als Unterdrücker oder als Ketzer. In der rein geschichtlichen Welt, die sie erwählt haben, münden Revolte und Revolution in dasselbe Dilemma: entweder Polizei oder Wahnsinn.“ Die wahre (metaphysische) Revolte fordert immer und kategorisch die Weigerung, den Menschen als Ding oder Mittel zum historischen Endzweck zu behandeln, selbst, wenn es der Sieg der Revolution (wie von den Kommunisten befürwortet) oder des ewigen Friedens (von den Christen erhofft) sein sollte. Die Revolution betrachtet den Menschen als Sache und damit gelegentlich als Mittel zum Zweck. Selbstmord Die Figur Kirilow ist die wichtigste für Camus, wie seine Auseinandersetzung in „Der Mythos von Sisyphos“ klar dokumentiert. Absurd erscheint seine Liebe zum Leben der folgt, er habe beschlossen, dass ihm alles gleichgültig ist. Die Verneinung des Geschenks Leben erscheint ihm als höchste Bejahung seines Selbst. Er überwindet die Furcht, die ihm die Freiheit raubt, weil sie seine Handlungen lähmt. Er nimmt sich sein Leben grundlos oder, paradox, um sich seine Freiheit nachträglich zu beweisen, die er sich vorher gewährt. Einzig sein Tod vermag seine Unabhängigkeit zu bestätigen. Camus hat keinen Satz im Dialog verändert, mehrfach zitiert er wortwörtlich. An die Stelle des natürlichen und des fremdbestimmten, zufälligen Sterbens, setzt Kirilow eindeutig den vernünftigen, den selbstbestimmten Tod. Er ist davon überzeugt, dass Furcht, Schuld und Scham die wahren Gefängniswärter des Lebens seien. Der vernünftige Tod ist der freie, ohne Furcht und zum selbst bestimmten Zeitpunkt. Dann werden wir zu Göttern. Will der Atheist beweisen, dass es Gott nicht gibt und nur seinen freien Willen, muss er sich töten. Camus denkt an Nietzsche: „Gott ist tot, aber ich fürchte wir werden ihn nicht los, so lange wir noch an die Grammatik glauben.“23 Die menschliche Tragödie, ohne Gott leben zu müssen, aber ihn nicht durch bloße Leugnung loszuwerden. Kirilow muss sich selbst überwinden. Er, der die Menschen liebt, muss sich aus Liebe zu ihnen töten. Darin besteht die Absurdität in Ewigkeit. Es ist immer das Opfer, das unsere Taten rechtfertigt. Schizophrenie und Ich- Identität bilden eine paradoxale Dialektik: „Entweder ist Gott, dann bin ich nicht oder Gott ist nicht und dann bin ich Gott.“24 Der rationale Kirilow ist ein Besessener. Die Zusammenfassung von Camus’ Blick auf den Russen liefert er in der Selbsterklärung seines Dramas: „So hat er die Zukunft der wahren Religion und des wahren Sozialismus gerettet, obwohl die Welt von heute ihm in beiderlei Hinsicht Unrecht zu geben scheint.“25 23 Nietzsche, Götzendämmerung, 5, Die Vernunft in der Philosophie, S. 155. 24 Camus, Der Mythos von Sisyphos, Das absurde Kunstwerk, Kirilow, S. 89. 25 Camus, Dramen, Vorwort, S. 13. I. Camus als Mensch 26 Kafka Entfremdung und Hoffnungslosigkeit Sein Aufsatz über Franz Kafka erscheint 1943 in der Zeitschrift L’Arbalète (Die Armbrust); in der ersten Ausgabe des „Sisyphos“ fehlt er daher. Doch neben Dostojewski liefert Kafka die wichtigsten Impulse für Camus’ Auseinandersetzung mit dem Absurden, der damit verbundenen Fragestellung, ob das Leben einen Sinn hat und wenn nicht, ob Selbstmord erlaubt ist. Geht es um Kafka, geht es apodiktisch um Schuld: „Es ist unmöglich, nicht schuldig zu werden, aber fast unmöglich, die Schuld zu beweisen“.26 Die Leitmotive Scham, Schuld und Sühne verbinden Kafka und Dostojewski in signifikanter Weise, analog zu den Lebensanschauungen von Nietzsche und Kierkegaard, die sich mit eigenem Recht als Begründer der Existenzphilosophie betrachten lassen. Kafka beschreibt das Vorhersehbare und Unabwendbare, das die Protagonisten jedoch nicht sehen können oder wollen, weshalb sie stets zum Untergang verdammt sind. Wir sind zum Leben verurteilt, das vor allem. Fremdheit verbindet. Camus ist (wie Kafka) ein begeisterter Theatergänger. Das kafkaeske Stück von Maurice Blanchot „Aminadab“27 (1942) erinnert ihn an „Das Schloss“, deren Handlung in unterirdischen Gängen eines Hotels spielt. Auch Thomas versucht vergeblich, in die Freiheit zu gelangen. Der Ausweg bleibt immer versperrt. Kafka repräsentiert die Inhumanität des bürokratischen Systems, die Folter der Behörde und die Unentrinnbarkeit, die auch Dostojewski erlebt und mit Inquisition gleichsetzt. In ihrer Bewertung von „Aminadab“ sind er und Sartre kontroverser Meinung, dies gilt auch für Kafka. Camus rezensiert ihn als mysteriös konstruiertes Gleichnis auf das Leben und Parabel zu Kafka, der auf den Mythos von Orpheus und Eurydike basiert, Sartre verwirft ihn als diffus und nicht engagierte Literatur. Die Kommunikation der Protagonisten misslingt, die Störung wird zur Realität. Die gleiche Form ausbleibender Verständigung mit Ausnahme des teilnahmsvollen Schweigens vollzieht sich bei Kafka und in Camus’ Drama „Das Missverständnis“, das Kafka am nächsten kommt und auch die Tschechei als Handlungsort angibt. Kafka entzieht sich einer psychologischen oder sozialkritischen Analyse, er lässt kein moralisches Urteil gelten, laut Camus geht es ihm immer um die Thematik der Menschlichkeit, die er von der absurden Existenz und Fremdheit der Welt latent bedroht sieht. Kafka wird sein Schlüssel, der Weltfremdheit zu begegnen und ihr nicht auszuweichen. Es ist natürlich möglich, Kafka unter dem Aspekt der Sogwirkung des Suizids zu lesen, da er im Werk die Hoffnung ablehnt und der Liebe keine Zukunft einräumt. I. 2. 2. 26 Camus, Der Mythos Sisyphos, Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka, S. 94. Camus zitiert hier Kafka aus „Das Schloss“. 27 Aminadab ist eine biblische Figur. Ihr hebräischer Name wird mit „der Reine“ übersetzt. Blanchot nennt seinen Roman so in Anlehnung an Kafkas Hygienezwang. Eine Aussage lautet „Das Wesentliche ist, sicher zu sein, dass man nicht vergeblich gekämpft hat.“. I. 2. Literarische Einflüsse 27 Kafka kehrt (weshalb ihn Sartre ablehnt) der Hoffnung den Rücken, er lehrt die Ausweglosigkeit. Irdische Hoffnung auf Besserung ist, so auch die Lehre des Sisyphos, ein Irrglaube. Um frei zu werden für die wahre Hoffnung, muss der metaphysischen, sei es die religiöse oder historische Aussicht auf Gerechtigkeit, eine Absage erteilt werden. Hoffnung, Liebe, Reue, Scham, menschliches Begehren bleiben vergeblich und nicht nur vergänglich. Das Gute in der Welt besänftigt, beschönigt oder verdrängt bestenfalls das Leid. Die Eroberung des Unendlichen bleibt utopisch. Die wahre Revolte liegt in der Abkehr vom persönlichen Glück, der Akzeptanz der Absurdität, die eine Folge ist von Glück oder Hoffnungen, die nie eintreffen. Das Glück der Menschen liegt niemals im Schoß des anderen. Es ist unsinnig zu glauben, man könne Hoffnung im Heute verlieren, denn was bliebe sonst vom Morgen. Was wir nicht aushalten ist, dass wir zusehen müssen, wie wir zu anderen werden als die, die wir sein wollen. Es ist unmöglich, den anderen uneigennützig zu lieben, als gäbe es das Ich nicht. Und absurd, auf die Unschuld zu warten, denn es gibt keinen zweiten Eindruck für das erste Mal. Was bleibt ist der Irrsinn, alles Leben gehöre uns allein. Wer auf naive Weise hofft, dass es besser wird, eines fernen Tages vielleicht, hat sich das Ende der jetzigen Existenz im Grunde schon herbeigewünscht. „Es gibt zwei Arten der Hoffnung. Die aus der Verzweiflung geborene, die nur zu unsinnigem Optimismus verführt, die Menschen beten macht angesichts der Gefahr oder fatalistisch werden lässt. Die Hoffnung auf einen Retter, ein Wunder, das alle Last von unseren Schultern nimmt.“28 Mythische Gewalt In „Der Prozess“ wird K. der Gleichgültigkeit dem Leben gegenüber angeklagt und er nimmt seinen Tod hin „wie ein Hund“. Dieselbe Gleichgültigkeit findet man auch in „Der Fremde“ von Camus. Wie Kafkas Romane „Amerika“, „Der Prozess“ und „Das Schloss“, stehen auch Camus’ „Der Fremde“, „Die Pest“ und „Der Fall“ in einem Gesamtkontext: Problem, Lösung und Ausblick auf eine neue, aus der Lösung hervorgehenden, Problematik sind darin enthalten. Meursault, „Der Fremde“, bleibt wie (Josef) K. isoliert und kann deshalb bis zuletzt dem Leben nichts abgewinnen. Er stirbt, ohne wahrlich gelebt zu haben. In der Entfremdung von allem Menschlichen, der Gleichgültigkeit dem Lebendigen gegenüber, besteht sein Todesurteil. In diesem Sinne ist Camus ein kafkaesker Autor. Auch darin, sich Verbündete, Solidarität zu suchen. In „Die Pest“ gelingt einigen wenigen der Ausweg, die Kafka mitunter gleichfalls andeutet. Beide verwenden das Motiv gescheiterter Integration, mangelnder Solidarität dem Leben und dem Leiden anderer gegenüber. Es handelt sich um die gleiche poetische Provokation, die absurd oder kafkaesk anmutet. Es gibt in beiden Fällen einen psychischen, einen physischen und einen metaphysischen Tod. Einige überleben selbst die metaphysische (geistige) Herausforderung, sie begreifen die Krankheit als Krisis zur Selbstheilung, Selbsterkenntnis, Selbstannahme. Sie brechen aus der Negativität aus, erfahren Genesung im Sinn von Akzeptanz, Gelassenheit, Frieden. 28 Camus, Der Mythos von Sisyphos, Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka, S. 109. I. Camus als Mensch 28 Walter Benjamins Begriff der „mythischen Gewalt“, wie er das Schicksal nennt, bedarf Verschuldung und Sühne. Der Kampf um Versöhnung spielt eine tragende Rolle im Werk von Kafka. Benjamin geht es in seinem Essay nicht um die Strafe oder Verhältnismäßigkeit von Tat und Strafe, sondern um die Richtschnur des Handelns für ein Leben in der Gemeinschaft zur Integration der natürlichen Einsamkeit eines jeden Menschen. Die mythische Gewalt ist jene, die keine Sieger und Verlierer mehr kennt, im Gegensatz zur List des Odysseus, mit der jener Triumph des Abendlands und seiner Logik beginnt. Camus und Kafka stellen die entscheidende Frage, ob eine Gewalt ohne Opfer denkbar ist. „Camus sprach von der Revolte, um sich von der Revolution loszusagen, die auf Opfer und Selbstopfer nicht verzichten kann.“29 Meursault in „Der Fremde“ symbolisiert den absurden Helden und mehr noch eine absurde Zeit. So erscheint es ihm, als würde man gar nicht über ihn zu Gericht sitzen, als gälte der Strafprozess einem Fremden. Was man ihm vorwirft, hat scheinbar nichts mit ihm zu tun – hier besteht eine Analogie zu Kafkas „Der Prozess“. Auch sein Gnadengesuch (Türsteher-Gleichnis) wird abgelehnt. Spät wird ihm klar, dass die Hinrichtung symbolische Strafe ist, dass es eigentlich um Selbsterkenntnis, um Reue geht. Die eigentliche Schuld besteht weniger in der Tat als einem unterlassenen Handeln, das der Gleichgültigkeit den Mitmenschen gegenüber geschuldet ist. „Er wird in die Mitwelt gezwungen, in dem ihn diese Mitwelt verurteilt.“30 Da ist zum einen die tadellose Verwaltung, wie es in „Die Pest“ zynisch heißt, die vor Liquidation nicht zurückschreckt und den Tod staatlich anordnet und zum anderen ein Gericht, das von dem Angeklagten fordert, das Töten als unmenschlichen Akt einzusehen. Für Camus und Kafka („In der Strafkolonie“) bleiben die Frage nach der der Selbsttötung und die nach dem Gewaltmonopol der Todesstrafe unmittelbar und untrennbar miteinander verbunden. Daher ist es möglich, Camus’ Romane, vor allem „Der Fall“, als Parabel zu lesen. Kafka erklärt den modernen Menschen aufgrund seiner Gleichgültigkeit und lebensverneinenden Haltung für schuldig. Er gibt sich mit einem nomologischen Ethos nicht zufrieden. Sittlich zu leben, befreit nicht von der Schuld der Existenz. Das Gleichnis vom Türwächter deutet Camus so: Er will es nicht den anderen überlassen zu bestimmen, wann er in eine neue Form der Existenz einzutreten hat. Der Prozess gleicht dem Ich bzw. dem Selbst, jeder führt ihn allein und es gibt genau eine Tür, einen Zugang und keinen Ausgang, der dafür bestimmt ist. Er denkt die absolute Einsamkeit durch die radikalste Form: nur ein Leben, nur eine Tür, nur ein Weg. Solidarität erwächst durch die solitude, weil jeder Mensch von Natur aus einsam ist. Man hat Camus häufig den gleichen Vorwurf gemacht wie Kafka: Er bietet keine Lösung, er entscheidet sich nicht klar für eine Seite. Das Alleinsein, die Einsamkeit, sie ist vielleicht seine Stärke. Der vor der Tür Stehende lebt in der Illusion, man werde 29 Scheit, Suicide Attack: Zur Kritik der Gewalt, S. 25. Der Wiener Philosoph versteht darunter einen Gegenentwurf zur Staatsraison als individuelles Recht auf Souveränität. 30 Pieper, Albert Camus, S. 89. Die Philosophin setzt sich mit der zunehmenden Differenzierung von Ethik und Moral in der Moderne auseinander. I. 2. Literarische Einflüsse 29 ihn schon zum richtigen Zeitpunkt an den rechten Ort berufen. Er lebt in der Hoffnung, ein anderer werde entscheiden, wann dieser Zeitpunkt kommt und ihm die Tür öffnen. Er wartet vergeblich, aber die Hoffnung hat ihn warten lassen. Der Wartende allein hat sein Schicksal in der Hand, niemand atmet für dich, niemand schließt für dich die Tür auf, niemand verzeiht dir deine Schuld, wenn du es selbst nicht tust. Er lehnt den vorauseilenden Gehorsam ab. In uns selbst wurzelt das Absurde, daher vermag es der Mensch nicht abzuschütteln, es loszuwerden. In Camus ist viel Kafka. Es ist möglich, wie K. nicht mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, kein Verbrechen zu begehen, für das man sich zu verantworten hätte und sogar, sich keines bewusst zu sein, und dennoch unaufrichtig gelebt zu haben. „Der Fall“ zeigt dies deutlich und wieder weist der Angeklagte, Johannes Clamans, große Ähnlichkeit mit (Josef) K. auf. Das Absurde Camus wendet sich dem Symbolwert zu; Kafkas Figuren ist Eigensinn und Fremdartigkeit zu eigen. Das Absurde entsteht durch das In- und Nebeneinander von Selbstverständlichkeit und Ungeheuerlichkeit. Der Wechsel von Natürlichem, mitunter banaler Alltäglichkeit und Außergewöhnlichem ist es, das Camus für wesentlich erachtet. Das Absurde ist in seinen Augen nicht das Besondere, sondern der Normalzustand des Daseins, bestenfalls die Bewusstwerdung stellt einen spezifischen Moment dar. Die Lösung bleibt unklar. Camus spricht von einer „Ethik der Klarsichtigkeit“, die trotz der Klarheit der Worte zwei Möglichkeiten der Interpretation, zwei Deutungen in der Schwebe lässt: Zum einen ist Kafkas Werk eine Suche nach Schuld, zum anderen aber auch eine Suche nach Gnade. Der Mangel an Staunen, der sachliche Bericht, kontrastiert mit der Zeugschaft des Ungeheuerlichen, das den Menschen widerfährt. Die unpersönliche Leere tritt in ihren Farben der Macht dem Individuum entgegen. Wie zwei Reiche stehen sich Idee und Empfindung gegenüber; es bedarf Kontraste wie Licht und Schatten, um das Absurde zu zeichnen. Kafkas Werk, „eine Wiederbelebung der Geburt des Tragischen“31 hat viel mit der von Camus über alles geschätzten griechischen Tragödie gemein. „Sie drückt sich durch das Alltägliche aus wie das Absurde durch das Logische.“ Alles fängt stets von Neuem an, nichts führt zu einem Ende, wenigstens zu einem Erfolg. Daher ist die Ausweglosigkeit des Sisyphos in Kafkas Romanen immanent. Wichtig sind auch das Schweigen und die Selbstanklage für das „unaussprechliche Universum“, das Leben bedeutet. Alles ist ein Rätsel, eine „unausgesprochene Auflehnung, eine hellsichtig stumme Verzweiflung, zu der der Lebende verurteilt ist.“ Die Kontraste sind notwendig, um das Maß zu finden und nicht in den Extremen zu verweilen. Das Außergewöhnliche bei Kafka lehrt Camus, was Sartre ablehnt: Wir müssen der irdischen Hoffnung erst den Todesstoß versetzen, um frei zu werden für 31 Camus, Die Hoffnung und das Absurde im Werk von Franz Kafka, S. 96 ff. I. Camus als Mensch 30 die wahre metaphysische Hoffnung, dass die Revolte ewig währt und sich nicht in der Revolution erschöpft. Nicht die Überwindung, sondern das Dulden und Sich-Fügen von Einsamkeit bietet einen Ausweg. Mindestens zwei Werke suchen die Nähe zum Nebel: „Das Missverständnis“ und „Der Fall“; einmal geht es um die Paradoxie der Sprache und einmal um den endlosen Monolog, der auch eine Form der Vermeidung von Verständigung darstellt. Beide Stücke sind nicht restlos negativ, ebenso wenig die Kafkas Welt. Jean Grenier Vaterfigur Der erste Mensch, wer ist das? Die Suche nach dem Vater. Das Romanfragment Le premier homme beschreibt das Erwachsenwerden des Jacques Cormery mit einem „mer“ (Meer) im Namen. Leicht zu erkennen: Jacques ist Camus. Am Beginn der Erzählung besucht er das Grab seines in der Marne-Schlacht gefallenen Vaters. Er erinnert sich an etwas, was er nur aus Erzählungen kennt, die eigene Geburt. Über den Karren, der auf steinigen Wegen fuhr, über karstige Berge, die seine Eltern hinter sich wussten. Das Meer erscheint ihm als ein einziger verflüssigter Regentropfen. Er sieht seinen Vater vor sich, stämmig, mit energischem Kiefer und hellen Augen, auf dem Weg an die Front. So hat er ihn auf Fotos gesehen, und so stellt er ihn sich vor. Sein Vater gleicht einem Bild, das man sich von einem Vater macht. Ganz anders das Portrait seines ehemaligen Professors, im Roman heißt er Malan, im wirklichen Leben Jean Grenier32. Albert liebt ihn wie seinen Vater. In Malan begegnen wir einem lebendigen Charakter. Die Figur atmet, weil sie sich nicht zu einem Bild mit glatter Oberfläche aus losen Erinnerungen durch Fotos fügen mag. Camus besucht das Grab seines Vaters in fremder Erde. „Vierzig Jahre später betrachtete ein Mann [...] das unter der blassen Sonne eines Frühlingsnachmittags vorbeiziehende, mit Dörfern und häßlichen Häusern übersäte, herbe, flache Land.“33 Grenier ist in allem sein Förderer, Mäzen und Vorbild, als Schriftsteller, Philosoph und Kunstkritiker. Auch wenn sie hinsichtlich des sozialen Engagements anderer Meinung sind, denn Grenier ist Taoist und stellt sich nie die Frage, ob der Einzelne in das Getriebe des Großen und Ganzen eingreifen soll. Im Gegensatz zu Camus, der die vita activa vertritt, zieht er die Kontemplation vor. Es ist Grenier, der ihm schreibt: „Ich habe den Eindruck, dass jene, die versuchen, deine Persönlichkeit zu ergründen, es gar nicht schaffen, da du stets eine instinktive Scham gehabt hast, deine Gefühle zu zeigen.“34. Der Schriftsteller ist immer wie ein Vater zu ihm gewesen und hat ihm zu einem Stipendium verholfen, damals, als er zu arm gewesen ist, die Schulbücher zu bezahlen. I. 2. 3. 32 Grenier, 1898–1971, stammt aus der Bretagne, unterrichtet von 1930–38 in Algier. 33 Camus, Der erste Mensch, S. 28. 34 Lebesque, Camus. Hochzeit in Tipasa, S. 37. Lebesque zitiert einen Brief Greniers an Camus. I. 2. Literarische Einflüsse 31 Für seine Armut hat Camus sich nie geschämt, wohl aber für die Bevorzugung, die ihm zuteilwurde, weil er klüger und begabter erschien als seine Altersgenossen. Er hat sich auch dafür geschämt, dass seine Freunde in den Krieg mussten, von dem er freigestellt blieb, weil die anderen gesund waren und er nicht. Im ersten Weltkrieg fällt sein Vater, im zweiten der Sohn von Grenier. Weder Grenier noch Camus sind Soldaten, sie müssen ihr Dasein als Schriftsteller rechtfertigen, denen das Schicksal einen zu schwachen Körper schenkte. „Wenn du philosophieren willst, schreib Romane. Willst du Schriftsteller werden, fang an Philosophie zu studieren.“ Jean Grenier sagt das zu seinem begabtesten Schüler, der zunächst Fußball-, dann Schauspieler werden möchte. Nie wird der väterliche Lehrer ihm zeigen, dass er ihn für den Besten hält. Seine Noten sind bestenfalls gut, niemals hervorragend. Er will ihn zu Fleiß und Disziplin erziehen, sonst verkümmert sein Talent. Schon früh bringt er ihn auf André Gide und warnt ihn mit dessen Zitat: „Wenn ein Philosoph einem antwortet, versteht man überhaupt nicht mehr, was man ihn gefragt hat.“ Sie verlieren sich auch nicht aus den Augen, als der junge Camus heiratet und nach Europa geht, nachdem ihn in Algier keine Zeitung mehr einstellen will. Der erste Mensch Im Roman treffen sie sich später noch einmal in der Bretagne, in Saint-Brieuc, der Geburtsstätte Greniers (im Roman Malan). Jacques sucht dort auf dem flachen Land die Wurzeln seiner väterlichen Herkunft. „Der erste Mensch“ erzählt von der Verbindung zweier Männer durch eine außergewöhnliche Freundschaft über einen außergewöhnlichen Humor. So spricht der alte Lehrer immer in der dritten Person, wenn er sich selbst meint und sagt Ich, wenn er über das Leben anderer erzählt. „Ich mag nichts Süßes“, heißt es, wenn er von seiner Frau spricht, die nur vorgibt, keine douceurs zu wollen und dabei über 35 Jahre heimlich Backwaren bezieht, die sie stets vergeblich vor ihrem Gatten zu verstecken sucht. Die Eigenheit eines Menschen mit seiner Lust an der Verstellung ist hinzunehmen wie die glatte und die schroffe Seite eines Steines. Malan sagt: „Wir erfahren den anderen mittelbar durch sein Tun. Es ist absurd, für jemand anders handeln zu wollen. Da dies unmöglich ist, kannst du auch nicht wirklich für jemanden handeln. Du kannst lediglich nach bestem Gewissen handeln.“ Es kommt zum Disput über die Revolte, die zu dieser Zeit noch eins ist mit der Revolution. Malan wirft seinem ehemaligen Studenten vor, in seiner Solidarität mit den Schwachen, allen gefallen zu wollen. Nach all den Jahren, in denen Camus versucht hat, keinen Stein im alten Fundament liegen zu lassen und es sich mit allen seinen früheren Bewunderern verdorben hat, gibt er empört zurück: „Meine Bewunderer meiden mich.“ „Bewunderer“, erwidert sein Lehrer von einst, „sind stets falsche Freunde, die einem nie sagen, was Not tut, sondern das, was man hören will. Verwechsle nicht, gefallen zu wollen mit der Frage des Geliebtwerdens. Willst du gefallen, entscheide dich dafür, dir eine Rolle auszusuchen, in der die anderen dir Recht geben. Das Gefallen liegt in der erfüllten Erwartung deines Gegenübers, dem du zu gefallen I. Camus als Mensch 32 suchst. Willst du geliebt werden, verdiene dir ihren Respekt und der liegt in der Anerkennung einer Handlung, die nicht dem eigenen Verständnis entspricht.“ Jacques Cormery räumt ein, dass er stolz ist auf seine Aufrichtigkeit und dass er alles dafür tut, um für seine Freunde als aufrichtig zu gelten. Er glaubt an uneigennützige Gefühle und für diesen Glauben ist er bereit, Wahrhaftigkeit zu setzen. „Halten Sie den Gott der Uneigennützigkeit für wahrhaftiger?“, will Jacques wissen. „Für die eigene Überzeugung zu sterben, ist nicht wahrhaftiger als ohne“, sagt Malan. „Hat der Tod dann einen Sinn?“ – „Wenn er dem Leben dient, ja.“ Malan macht eine Pause. „Philosophie muss nur Bilder zum Denken liefern.“ – „Muss ein guter Philosoph dann nicht auch Schriftsteller sein?“ Jacques beginnt zu zweifeln, denn Sokrates weigerte sich, einen Satz zu schreiben. Um sich einer Antwort anzunähern, fragt Malan, wo der Unterschied zwischen Geiz und Großzügigkeit liege. Dieser erwidert „Zwischen Egoismus und Altruismus.“ „Gut, sprechen wir von der Ehe. Weshalb lieben Sie?“ Liebe Hat er seine Frau nur um ihrer selbst willen geliebt? Natürlich nicht, weil sie ihn lebendiger fühlen oder als Mann begehrenswert erscheinen ließ. Wäre dem so, er hätte nicht Maria Casarès gebraucht. Das Gefühl, als Mann begehren zu dürfen, ist nicht uneigennützig, er sieht das ein. Instinktiv, so die Lehre Greniers, kann niemand an uneigennützige Gefühle glauben. Selbst der christliche Altruismus basiert auf den Glauben an die Barmherzigkeit und der Identifikation mit den Lehren Christi. Man kann bestenfalls gesunden, liebenden Egoismus von berechnendem Narzissmus unterscheiden. Grenier nennt den liebenden, den großzügigen und den anderen den geizigen Anteil. Beides kann man zugleich sein. Es ist möglich, sogar wahrscheinlich, dass ein Mann etwas einspart, um es anderswo zu verschenken, ja sogar zu verschwenden. Das Zugleichsein von Wahrheit und ewiger Suche nach Gleichheit, Freiheit und Gerechtigkeit wird zur Frage nach dem höheren Menschen, jener heiligen Pflicht, sich selbst zu überwinden. Keinem Prinzip zu folgen, nur der Wahl des Augenblicks, des rechten Moments, nur das bedeutet wahrhaftig zu lieben. Wir brauchen Bindungen, um zu sein, obgleich diese Bindungen häufig nur fiktive Vereinbarungen sind, man könnte auch von Verträgen sprechen wie Rousseau. Verträge, die jederzeit kündbar sind, von der einen oder anderen Seite. So verhält es sich mit Armut und Reichtum oder Großzügigkeit und Geiz. Grenier und Camus trinken Wacholderschnaps, einen der wenigen Schnäpse, die Camus sich erlaubt. Grenier ist Skeptiker, Camus Melancholiker. Der Skeptiker, so sein Lehrer, erspart sich damit die Melancholie. Sein Schüler argumentiert, er erlaube sich die Melancholie nur, um ein besserer Skeptiker zu sein. Grenier erzählt seinen Lieblingswitz: In der Badewanne sitzt ein Mann mit einer Angel. Auf die Frage, was er da tut, erwidert er: Glauben Sie, ich bin verrückt und fische? Ein Schriftsteller sucht Bilder, um das Absurde zu fassen. Die Poesie erlaubt er sich, um schlagkräftigere Argumente für das Denken zu haben. Wenn wir die Welt besser machen wollen, sagt Grenier, müssen wir bei uns selbst beginnen. Das vermeintlich Schlechte, das Dunkle I. 2. Literarische Einflüsse 33 verhilft dem Licht zur Geburt. Die großen Probleme liegen auf der Straße. Werden wir sie einfach rücksichtslos überfahren oder ihnen nicht doch auszuweichen versuchen? Der erste Mensch weiß: Wir müssen zurückfinden zu einer Ethik des Staunens für das Alltägliche und Umgehen mit dem Fehlschlag, müssen vielleicht das Suchen und Irren in einem Labyrinth lieben lernen, weil es keinen wirklichen Ausweg in die endgültige Freiheit gibt. Der Ort, der uns Asyl gewährt, liegt einzig in unserem Herzen, vielleicht lernen wir eines Tages, unser Herz liebevoll zu betrachten, und auf seine Stimme zu vertrauen. „Wenn man ein Wort an dich versucht, wird es dich ermüden?“ So steht es in „Hiob“. Er wird ihn Sisyphos nennen, denn der biblische Gedanke ist der Antike entlehnt. Worte wie Steine zurückhalten, wer könnte das? Grenier schreibt ihm ein Abschlusszeugnis, als Camus aufgrund seiner Lungenerkrankung nicht mehr zu Ende studieren kann. Niemand erfährt es, und in der Welt, wo die Sonne untergeht, ist man ohnehin nur an Papieren interessiert. Das Dokument bestimmt, wer du bist und was du kannst. In Frankreich will man nur das Zeugnis sehen, Fragen werden nie gestellt. Die Menschen glauben an das Papier, an das Gedruckte, nicht an die Wirklichkeit. Er ist zu arm, braucht das Stipendium und kann sein Studium aufgrund von TBC nicht zu Ende bringen. Auf die Frage des Schülers, ob dies gerecht sei, antwortet Grenier: „Natürlich ist die Fälschung eines Zeugnisses Betrug, aber wäre es nicht ein grö- ßerer Verrat, den begabtesten und klügsten Schüler hinter den Mittelmäßigen zurückstehen zu lassen?“ Er wird es künftig als seine Pflicht betrachten, das in ihn gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen. Es gibt einen Stolz der Armut. Auch das lernt Camus von Grenier: stolz auf seine Herkunft und seine Armut zu sein. Die Dinge, die er als die wertvollsten betrachtet, kosten nichts, weil man sie nicht kaufen kann. Die Natur ist gerecht, sie schenkt und nimmt allen dasselbe. Die Freiheit, sie ist Versprechen und Lohn für alle. Ein gesundes Leben. Das Gefühl, glücklich zu sein. Die Philosophie des Meeres, das mittelmeerische Denken, lehrt die Einfachheit. Die Wertschätzung der Armut und des Mangels, der empfänglich macht und nicht satt. Die Sonne am Himmel verschenkt ihre Kraft, verschenkt sich an alle. Man muss die Menschen lieben, das ist alles. „Wenn die Wahrheit darin besteht, die Götter zu leugnen, so besteht der Irrtum darin, die Menschen zu leugnen.“35 Er beginnt mit „Hochzeit in Tipasa“, einigen kleinen Erzählungen, der Bürgerkrieg in Spanien richtet sein Interesse auf die Politik, auf journalistische Arbeit. Dazwischen liegt das Theater, seine Arbeit an Caligula. Zu Ende kommt nichts, der Zweifel scheint zu siegen, keinen Stein, den er ewig wälzen will. Grenier: „Wenn Sie sich entschließen sollten, mit der Literatur zu brechen, breche ich mit Ihnen.“ Eine letzte Unterredung erfolgt während der Polenoffensive der Deutschen unter vier Augen. Camus steht am Scheideweg wie einst Theseus vor dem Höhleneingang auf Kreta, den Ruinen des Tempels von Knossos. Woran er glauben soll, fragt ihn Camus. „Glauben bedeutet immer seinem Schicksal eine Form, eine Wendung zu verleihen. 35 Camus, Hochzeit des Lichts, S. 33. I. Camus als Mensch 34 Wo glauben Sie liegt Ihre Heimat, Ihre Zukunft, Ihr Wert zu schreiben?“, fragt Grenier. „Mein Reich ist überall, auf der ganzen Welt bin ich gleich zu Hause“, erwidert Camus. „Dann richten Sie Ihre Worte an die ganze Welt. Seien Sie das Gewissen, die Stimme, der Anwalt aller, die aus Verzweiflung stumm bleiben.“ Er macht weiter, trotz seiner Angst vor der Reise und dem Scheitern. Schreiben ist Katharsis, das bedeutet Reinigung. Grenier schenkt ihm das Buch Gides Uns nährt die Erde – es wird seine erste Bibel. Als zweites erhält er „Der Schmerz“ von Richaud. Nachdem er beide Werke gelesen hat, erfolgen seine offiziell angeordnete Ausweisung und der Beginn seiner Odyssee, die er nicht geplant hat und die sich nicht planen lässt. Camus verlässt die ihn nährende Sonnenwelt seiner Jugend, betritt die dunkle Höhle des Vaters, er betritt Frankreich. Lourmarin: das mittelmeerische Denken Dass er nicht zu leben verstünde, hat er schon häufig von anderen gehört, besonders in den Kliniken von den Ärzten. Er hat seinen ersten Brief von André de Richaud36 erhalten, aus Aix-en-Provence. Den Kontakt hat Grenier gestiftet. Es ist noch nicht lange her, dass er ihm aus Oran in glühender Begeisterung geschrieben hat. Er wird ihn bald treffen, in Lourmarin, einem wunderbaren Ort, voller bizarrer Berge, Schluchten, Täler, Lavendelfelder, Pinienwälder. Seit 1927 finden im Schloss von Lourmarin Schriftstellertagungen statt, an denen auch Jean Grenier teilnimmt. In den 1930er Jahren veröffentlicht Grenier zwei Essays, die den Namen „Lourmarin“ im Titel tragen: Terrasses de Lourmarin und Sagresse de Lourmarin. Der Ort wird sowohl für Grenier als auch für Camus zu einer Metapher für den „mittelmeerischen Geist“ (esprit méditerranéen). Das südfranzösische Dorf, auf dessen Namen Camus in den Büchern Greniers zum ersten Mal stößt, beheimatet für Lehrer wie Schüler einen Ort der Stille, eine Insel des Glücks, frei vom Brüllen des Minotaurus, der Stimme Europas. In den fünfziger Jahren bezieht Camus auf dem Schloss ein Arbeitszimmer. Mit Grenier und Richaud teilt Camus die ungebrochene Liebe zur Natur, ihrer Kargheit, nur durchbrochen vom Licht, diesem Wunder, das alles Sein sichtbar macht. Mit Richaud wird ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden. Sein durch Grenier vermitteltes Buch „Der Schmerz“, bewegt ihn überhaupt erst zum Schreiben. La douleur ist die Geschichte einer leidvollen Jugend, voller Armut und vieler Sorgen und noch mehr Schweigen, der lange Abschied eines Jungen von seiner Mutter. Die langen Passagen, in denen nichts zu geschehen scheint, verstehen die Schriftsteller seiner Zeit nicht, zu hektisch und turbulent rückt sie vor, als dass sie diese Verlangsamung nachvollziehen könnten. Die Intellektuellen diskutieren unablässig, längst haben sie das Schweigen verlernt und wenn sie es hören, sagt es ihnen nichts mehr. Richaud aber hat dieses Buch über die Farben des Schweigens geschrieben und damit über die vielen Nuancen von Schmerz. Er hat der Armut ihren Reichtum zurückgegeben. 36 Richaud, 1907–68 stammt aus Perpignan an der Mittelmeerküste. 1927 ist er in Lourmarin. und schreibt im Alter von 20 Jahren La douleur (Der Schmerz). I. 2. Literarische Einflüsse 35 Richaud und die Provence bilden das Gegengewicht zu André Gides Novelle Les Nourritures terrestres („Uns nährt die Erde“, „Die Früchte der Erde“), die Bezug nimmt auf die Sonnenwelt Algeriens, seinem Asyl der Neunziger Jahre in Algier, Bilda und Biskra. Richaud bleibt ein nahezu Unbekannter, Gide steigt zu einem der bedeutendsten Schriftsteller seiner Zeit auf. Camus bewundert Gide, doch zu lieben vermag er nur Richaud als „Gralshüter jenes Paradieses, das ich verloren habe.“ Der Schmerz versperrt den Weg zur unverstellten Natur, ihrem Nacktsein und dem Sichausliefern im Rauschen der Meeresbrandung, wo nichts als Schaum der Erde ist. Sich rückhaltlos für das einzusetzen, woran man glaubt, ein unbedingtes Ja zum Leben, darauf kommt es Camus an. Richaud betrachtet Frankreich als den wiederauferstandenen Mythos der Antike. Er wird sein erster Gratulant zu seinem Buch „Der Fremde“, zusammen mit Grenier wird er ihn besuchen. Ihm und Grenier wird Camus die ersten Exemplare schicken, denen er den Durchbruch verdankt. In dieses Buch, von dem der noch nicht einmal dreißigjährige Autor meint, es werde Geschichte schreiben, setzt er die Widmung vorweg: „Verehrter Monsieur André de Richaud, Ihr Schmerz war es, der mich bewog, selbst zur Feder zu greifen. Vorher habe ich nur übersetzt, Theater gespielt, Dostojewski bewundert, Studien der Philosophie getrieben und nicht zu leben gewußt. Seit Ihrem Schmerz weiß ich endlich, wozu ich bestimmt bin. Ich habe begonnen zu schreiben. Lesen Sie und schreiben Sie mir, was Sie davon halten.“37 Der Schmerz La douleur. Die Geschichte einer unglücklich verheirateten Frau, die als Witwe – ihr Mann fällt wie Camus’ Vater in der Schlacht an der Marne 1914 – die Geliebte eines deutschen Kriegsgefangenen wird. Die Geschichte vom Leid des Sohnes, der sich verraten fühlt, als sie sich neu verliebt. Die Geschichte vom stillen Leid der Mutter, die spürt, dass sie nicht mehr lieben darf. Die Geschichte vom Leid eines Volkes, das sich durch die Beziehung mit dem Kriegsfeind, dem Mörder der Väter, gedemütigt fühlt und die Liebe einer Frau zu einem Deutschen als Verrat ahndet. Die Geschichte vom Leid eines Soldaten, der die spät geborene Liebe nicht mehr im vollen Umfang zu erwidern vermag, weil sie zu stark für sein gebrochenes Herz ist. Die Liebe, die aus den Adern der entsagenden gequälten Mutter hervorquillt, je stärker sie versucht, diese Liebe zurückzuhalten. Der Schmerz erst zeigt uns, was wahres Leben ist. Er macht lebendig, weil er fühlen lässt, was wir entbehren. Er ist die Fülle des Mangels. Der Roman über den Schmerz steht am Beginn ihrer lebenslangen Freundschaft. Es ist wahr, das seltsame, vielleicht ambivalente Gefühl, das ein heranwachsender Sohn der Mutter gegenüberbringt, bildet die Grundlage des gesamten Empfindens. Der Schmerz ist meine erste Liebe, denkt Camus, sie geht tiefer als die Liebe zu Simone oder Francine. Den Schmerz eines unterdrückten Gefühls kann man nicht verlassen, anders als die Geliebte aus Fleisch und Blut. La douleur thematisiert die Untreue in jenem Schmerz, niemandem mehr vertrauen zu können. Der Schmerz handelt 37 Camus, Tagebuch 1, 1935–42, S. 297. I. Camus als Mensch 36 vom mangelnden Vertrauen ins Leben, dem Erwachsenwerden und dem damit verbundenen endgültigen Verlust des Paradieses. Der Schmerz handelt von all dem Schweigen, das sich nicht sagen lässt. Es ist dieser Roman, der ihn dazu bewegt, Schriftsteller zu werden. Über Richaud findet Camus zur Essenz von Sisyphos. Er fängt an, sich intensiv mit de Sade und Lautréamont auseinanderzusetzen. Später, während der Résistance, wird er einen engen Freund Greniers treffen, den Schriftsteller Jean Paulhan, der für die Nouvelle Revue Française38 als Chefredakteur schreibt und Les Temps Modernes herausgibt, zusammen mit Sartre und de Beauvoir. Er erkennt einen Zusammenhang zwischen der physischen Lust zur Unterwerfung und sexueller Gewalt mit der psychischen Bereitschaft der Fremdbestimmung und der metaphysischen Revolte. Möglicherweise lernt er nicht nur Paulhan, sondern auch dessen Geliebte Anne Desclos kennen, die als Journalistin unter dem Pseudonym Dominique Aury39 publiziert, weil man Frauen noch nicht ernst nimmt zu dieser Zeit. Die Wirklichkeit ist erfindungsreicher, als die Literatur es sein kann, und gewalttätiger, als es die Poesie wiederzugeben vermag. Philosophische Einflüsse Augustinus Licht und Schatten Der kleine Junge Albert fragt sich, wie einst Augustinus von Hippo40: Wenn Gott allwissend ist, in die Herzen aller Menschen sieht und allmächtig ist, zu strafen als auch zu verzeihen, so muss der Mensch auch erst schuldig durch sein Begehren werden, damit er sein Leid büßen und Gott ihm durch Leid seine Schuld entsühnen kann. In Algier schreibt er seine Abschlussarbeit über Augustinus’ Prädestinationslehre. Wenn es Freiheit im Willen gibt, dann bildet sie die Voraussetzung dafür, schuldig werden zu können. Nur wenn die Schuld erwählt wurde, macht die Verzeihung oder Gnade einen Sinn. Der kleine Junge Albert fragt seinen Lehrer empört, weshalb Gott auch die Unschuldigen, die noch keine Zeit zu sündigen hatten, richtet. Weshalb auch jene leiden müssen, die von Schuld noch nichts wissen können. „Damals erkannte ich eine Wahrheit, die mich seither immer bewogen hat, die Zeichen des Wohlstands und der Gesundheit mit Grimm zu vermerken.“41 Es ist, als habe er das Sterben versäumt. Albert Camus hat Tuberkulose und niemand sieht voraus, wie lange er damit leben kann. Er gründet eine Theatergruppe, I. 3. I. 3. 1. 38 Die NRF gehört dem Verlag Gallimard, für den Camus auf Vermittlung Greniers anfänglich als Lektor arbeitet. Auch Gide und Grenier schreiben für die NRF. 39 In ihrem berühmten Skandalroman „Die Geschichte der O“, thematisiert Desclos ihre SM-Liebschaft zu dem 20 Jahre älteren Paulhan; er erscheint 1954. 40 Augustinus, 354–430 ist im heutigen Algerien, dem damaligen Numidien geboren. 41 Camus, Tagebuch Band 1, 1935–42, S. 163. I. 3. Philosophische Einflüsse 37 spielt Fußball im Universitätsverein und schreibt seine Abschlussarbeit über den Einfluss Plotins auf Augustinus Theorie der „Zwei Reiche“. Demnach sind das weltliche Reich und seine Form der Freiheit von der göttlichen und ihrer Form der Freiheit grundverschieden. Der Mensch kennt zwei Formen von Existenz und zwei Reiche der Macht. Er existiert als ein gedoppeltes Wesen. Camus erblickt darin die politische Frage nach Verwirklichung der Freiheit und dem Appell, seinem Gewissen zu folgen, dem Herzen zu vertrauen. Das impliziert, stets das Menschliche zu sehen, nicht das Trennende. Es inkludiert, sich im anderen wesenhaft zu erkennen, nicht ihn auszuschließen. Es gibt Dinge, die der Mensch annehmen muss, weil sie unvermeidbar sind, wie den Tod, der Camus früh begleitet. Allem Lebendigen folgt ein Schatten, jedem Schicksal das Absurde. Man muss eine Wahl treffen, selbst wenn ihr Ausgang keinen Einfluss auf das eigene Fatum hat. Seit seiner Jugend, die er unter Hoffnungslosen verbringt, interessiert ihn, wie Menschen mit dem vermeintlich Unvermeidbaren umgehen. Wie sie sich vertrösten auf ein Jenseits und das Diesseits daraus zu rechtfertigen versuchen. Zwei Reiche, das sind und die mögliche und die wirkliche Existenz. Augustinus und Plotin sind die beiden wichtigsten Theologen, die antikes Denken in eine christliche Form übersetzen und damit der Scholastik vorarbeiteten. Camus begreift die Wirkung von Augustinus auf Blaise Pascal. Es sind zwei Reiche, in denen wir leben, die untrennbar miteinander verbunden sind wie das Gesetz und die Freiheit, wie Licht und Schatten. Augustinus lehrt: Das Leben ist es immer wert, gelebt zu werden, weil alle Räume ihrer Möglichkeit nach gleich lichtdurchflutet sind. Jeder vernünftige Mensch erkennt, dass die Welt nicht vernünftig ist oder gerecht. Niemand würde daraus schließen, dass es besser ist, nicht nach Vernunft oder Gerechtigkeit zu streben. Die Logik des Augustinus wird Camus’ Logik, auch wenn er seinen Gott und seinen Glauben nicht teilt. Absurd, so nennt es Camus und anmaßend, so nennt Augustinus das Verlangen nach absoluter Klarheit und Scheidung von Gut und Böse. Es ist, als ob bei der Hochzeit die Braut des Lichts ohne ihren Bräutigam im Schatten vor den Altar treten könnte. Das Absurde besteht darin, dass der Mensch immer beides in sich trägt, Gott und Teufel. Göttlich nennt Camus die Bejahung des Lebens, das jeder zu fühlen imstande ist, weil Licht überall wirkt und wie eine nie versiegende Quelle aus uns herausund in uns zurückfließt. Teuflisch aber ist das Ungewollte, das wir unglücklichen Zufall oder Schicksal nennen. Der Zufall erscheint uns absurd: Warum ich? fragt der Mensch, wenn er Leid und Unglück erfährt und mitunter zweifelt er an der Vorsehung, an Gott. Gnadenlehre Camus glaubt nicht an eine göttliche Existenz, er bekennt sich zum Atheismus, doch die Prinzipien des Lebens verteidigt er. In seiner Haltung sind viel Barmherzigkeit und Mitgefühl, das Christentum hat darauf kein Monopol. Gewiss ist, dass Augustinus darin den Halt fand, den Camus in der Solidarität, in der Revolte sucht. Gewiss scheint nur eins: Man muss zuerst leben, um den Tod zu begreifen. Das Absurde erhält täglich seine Nahrung durch das Bewusstsein und verleitet uns dazu, nichts mehr I. Camus als Mensch 38 zu hoffen. Doch nächtlich kehrt die Hoffnung zurück und mit ihr die Liebe und am nächsten Tag rollen wir wieder den Stein den Berg hinauf. Augustinus’ Theorie handelt von den zwei Reichen, der kommenden Freiheit und dem seienden Notwendigen. Gottes und das irdische Reich Augustinus’ fordert die Tugend als Preis für ewigen Lohn, denn in der irdischen Existenz bilden Freiheit, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit die Voraussetzung für den Eintritt in die paradiesische Existenz. In dieser Welt, die Camus die metaphysische nennt, geht es jedoch von Geburt an ungerecht zu. Der Mensch ist unfrei und arm, schwach und trostlos. Brot hier, Freiheit dort, und der Mensch immer im Exil, nur mit sich, für sich und bei sich, kann er es vermeiden, die Freiheit der anderen zu beschneiden oder ungerecht zu erscheinen. Die Suche nach dem Seinsgrund, zu der wir verdammt sind, sobald wir denken und fragen können, besteht fort in alle Geschichtlichkeit, in alle Ewigkeit des Menschen. Camus hat früh den Respekt vor der hohen Philosophie verloren. Vielleicht auch, weil ihm ein ordentliches Studium verwehrt bleibt. Er sieht sich als Schriftsteller und er trennt nicht in Literatur und Philosophie. Er ist entschlossen, das Denken nicht den „Denkern vom Gewerbe“ (Kant) zu überlassen, sondern es als Schicksal und Notwendigkeit anzunehmen, um aus dem Dilemma herauszukommen. In der Erzählung „Der Abtrünnige“ tötet ein missionierender Christ, weil er das Christentum für Mord an der Gerechtigkeit Gottes erachtet. Gewalt, um vor Gewalt zu schützen. „Was für ein Durcheinander“, so lautet die erste Zeile. Der Missionar gleicht einem fröhlichen Narren, der die Bühne betritt, dem tollen Menschen Nietzsches, der den Mord an Gott verkündet. Die Welt des Augustinus ist nicht mehr, dennoch besteht sein Gedanke fort, im Steinbruch der Geschichte und aus seinen Trümmern werden neue Tempel entstehen. So lange der Mensch den Trost auf eine andere Welt vertagt, handelt er nicht in dieser. Es kommt folglich darauf an, die zwei Welten in sich zu versöhnen, das Absurde und die Liebe zum Leben. Der Mensch bleibt ein gefallener Engel, ein Fürst ohne Reich. Laut Augustinus vermag er alles und zugleich nichts; in diesem Zwischenreich von Möglichem, Werdendem und Wirklichem muss er es aushalten, ohne zu verzweifeln, darauf kommt es an. In Camus’ Sprache: Dem Absurden ins Auge sehen, ihm auf Augenhöhe begegnen. Ohne Augustinus ist auch das Kapitel „Der Großinquisitor“ aus Dostojewskis Roman „Die Brüder Karamasow“ nicht zu verstehen, auf die seine eigene Dialektik im Essay „Brot und Freiheit“ beruht. Die Auslegung Iwans stützt sich auf Augustinus Transformation der antiken in eine christliche Lehre. Er zitiert ihn wörtlich: „Mag der Mensch zweifeln, über was er will, über diese Zweifel selbst kann er nicht zweifeln.“ Im Roman „Die Pest“ reflektieren Arzt und Pfarrer, Wissen und Glauben der? augustinischen Logik. Es wird ergänzt durch das Verhältnis von Rieux zu Tarrou und damit der paradoxalen Dialektik Pascals. Für Camus stellt sich seit Augustinus die Frage, wie der Atheist Gott ersetzt, sein Leben ohne fremdbestimmte Werte leben und darüber urteilen soll. Er ist davon überzeugt, dass der Mensch, um zu transzendieren, aus der Immanenz schöpfen muss. Er muss einen eigenen tanzenden Stern aus seiner Mitte gebären. Camus sieht die zwei Reiche stets zusammen: Sonne und Meer, Licht und Schatten, Reichtum und Armut, Geist und Körper, Frankreich und Algerien, Ge- I. 3. Philosophische Einflüsse 39 rechtigkeit (Brot) und Freiheit. Wer sie trennt, trennt die Wahrhaftigkeit. Es gibt eine Zeit, die wir leben und eine Zeit, in der wir leben. Ein Leben für sich und eine Existenz an sich, das ist zugleich die Existenz für die anderen. Nomen est omen. In „Der Fall“ lautet der Name des Bußrichters Clamence: Clementia rigormem temperentia. Augustinus lässt die Milde über die Leidenschaft siegen. Dies entspricht auch der Haltung Camus’. Er vertraut sich allerdings nicht einer göttlichen, sondern einer rein menschlichen Gnade an. Auch die Erzählsammlung „Das Exil und das Reich“ lässt sich leicht als Andeutung auf Augustinus verstehen. Schon frühzeitig entscheidet sich Camus dafür, die Welten nicht zu trennen und die Erlösung nicht in einem anderen Reich zu suchen, im Grunde verweigert er der Erlösung dem Gehorsam oder sucht sie in der Natur, dem mediterranen Denken. Im Licht betrachtet bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe. Camus’ Welt ist immer wieder eine Welt des Lichts, der Lichtempfindung. Die Daseinsberechtigung steht außer Zweifel. Pascal Glaube Camus Weltverneinung zu unterstellen ist geradezu grotesk. Er sagt von sich, er sei ein Optimist mit experimenteller Erfahrung. Das verbindet ihn mit dem Jesuiten Blaise Pascal. Augustinus enthält einiges von dem, was Camus eine mediterrane Philosophie oder Philosophie des Lichts nennt. Noch deutlicher wird die positive Gesinnung bei gleichzeitiger Akzeptanz dessen, was man als dunkel, düster oder unheilbar bezeichnen kann, im Denken Blaise Pascals. Er findet die Antwort seiner Sinnsuche für das paradoxale Wesen der Welt im Glauben, weil er ihn mit der praktizierten Liebe wieder allen Wahrscheinlichkeitsgesetzen gleichsetzt. Die „Vernunft des Herzens“ beginnt stets dort, wo die des Verstandes endet. Sie beinhaltet in der Wette auf Gott, dass man nichts verliert, wenn man glaubt und nur gewinnen kann, selbst im Fall einer Illusion. Diese Mentalität, die auch Luthers Haltung entspricht, der selbst im Wissen, die Welt geht unter, noch einen Apfelbaum pflanzen möchte, entspricht sicherlich auch die des Sisyphos, der sich entschließt, das, was ohnehin unabwendbar ist, zu seinem eigenen Schicksal zu machen. Für Pascal gleicht der Glaube einer Wette: Entweder es gibt Gott oder es gibt ihn nicht. Da er stets abwesend ist, hat man nur die Wahl, sich ihm zuzuwenden oder von ihm abzukehren. Sein Gleichnis entspricht dem Ja oder Nein zum Leben, genauer, zur Sinnsuche. Der Glaube an Gott wird zu Camus’ Glaube an das Glück oder den Sinn, was nicht dasselbe ist, und beides wird zunächst verneint. Man müsse sich Sisyphos jedoch als glücklichen Menschen vorstellen, und im Konjunktiv, in der Utopie des auratischen Moments, dem Jetzt, ist alles möglich. Bei Pascal verliert der sich dem Glauben Zuwendende nichts, bei Camus macht sich Sisyphos die Arbeit leichter, indem er sie bejaht. Wer nicht glaubt, muss die eigene nackte Existenz allein gegen Himmel und Hölle stemmen. Der Ungläubige beurteilt das Leben als steten Verfall allen Sinns I. 3. 2. I. Camus als Mensch 40 und Seins, gleich einem nie endenden Abstieg vom Gipfel der Lebendigkeit und Schöpfung. „Und dann kommt der Abstieg, das Vergessen.“42 Etwas anders im Essay zum Mythos: Beim Abstieg ist Sisyphos frei, erleichtert. Es gibt glückliche Momente zwischen dem Absurden unserer Existenz und das genügt. Pascal unterscheidet drei Formen der menschlichen Existenz. Zunächst die unglücklichen, aber unwissenden Menschen, dann die um ihr Unglück wissenden und zuletzt die glücklichen Menschen. Die Einfältigen wissen nichts von ihrem Unglück und halten bereits seine Absenz für Glück. Sie aber sie leiden nicht, so lange sie unwissend bleiben. Ein einfacher Zufall oder Ereignis vermag ihr Behagen jedoch zu zerstören. Intelligente Menschen wissen dagegen um ihr Unglück und suchen nach einem höheren Sinn des Lebens, der ihre Existenz rechtfertigt. Sie gleichen dabei Reisenden, die nicht ankommen, solange sie an der Wahrhaftigkeit des Glücks zweifeln. Erst die Weisen machen ihr Glück nicht mehr von äußeren Umständen wie Erfolg abhängig. Die absurde Logik: Der Mensch bedarf des Unglücks und des Zweifels, um wahres Glück zu suchen und im Glauben zu finden. Ihnen bleibt nur die Verzweiflung, die Gleichgültigkeit oder die Auflehnung gegen das Unglück. Glück Camus hält Pascal für einen Weisen: „Wenn er die Laufbahn des revoltierenden Geistes durchlaufen hat. […] Damit der Gott Mensch sei, muß er verzweifeln.“ 43 De Sade in seiner Replik auf die Wette ist der invertierte Pascal, der Gott leugnet, um seine Existenz und die des Bösen zu rechtfertigen. Menschen finden das Glück niemals au- ßerhalb von, sondern nur in sich selbst und nur dann, wenn sie eins werden mit ihrem Schicksal, eins mit ihrer Last. Für Pascal und Augustinus sind jene Seelen mit Gott vereint, eingetaucht in jenen Schatten, der die Tränen des Mondes und den Schweiß der Sonne vereint. Für Camus liegt das Glück im irdischen Duft seiner Heimat, der Kraft der Natur, den Bergen und dem Meer. Er glaubt nicht an Gott, aber an das Heute. Über Pascal formt Camus die cartesianische Logik cogito ergo sum in ein plurales „Ich denke“, also sind wir, aus der er seine Maxime ableitet „Ich empöre mich, also sind wir.“ Pascal vertritt keine Subjektphilosophie, aus der heraus die Welt erfasst oder erkannt wird, seine Mystik vertraut der Intuition. Camus’ Philosophie mag irrational im Sinne von mystisch erscheinen, sie ist in jedem Fall intuitiv, da sie keine Lehre oder Vorwissen voraussetzt. Er setzt Stein auf Stein, sehr gründlich wägt er die Worte ab und gewichtet jedes Argument, aber es entsteht kein System daraus wie das Sartres. Pascal ist, wie Kierkegaard und Nietzsche eher Dichter als Denker, kreativ und doppelbödig, keinesfalls geometrisch linear und zweckausgerichtet. Mit Pascal beginnt die Philosophie zu laufen, zu tanzen. Sie ist leiblich und lebendig. Die Ambiguität beruht auf Gleichzeitigkeit, die Synchronität auf das Paradoxem der Zeit, die die Dauer nicht wirklich zu messen versteht, bestenfalls in Abständen 42 Camus, Freude des Lichts, Hochzeit in Tipasa, S. 19. 43 Camus, Der Mensch in der Revolte, Die metaphysische Revolte S. 44. Folg. Zitat S. 49. I. 3. Philosophische Einflüsse 41 den Takt in ein Maß transformiert. Das paradoxale Denken führt Camus auch in „Der Fall“ fort. Wie treffend lässt Johannes Clamans Pascal aus sich sprechen: „Der Mensch hat zwei Gesichter. Er kann nicht lieben, ohne sich selbst zu lieben.“ Erst die Selbstannahme führt zur Annahme des scheinbar fremd verhängten Schicksals. Der Januscharakter des Menschen ist zentraler Bestandteil in Augustinus’, Pascals, Kierkegaards und Nietzsches Denken, die zweifellos zu den Wurzeln von Camus’ Existenzialismus zählen. Nietzsche Das mediterrane Denken „Nietzsche unter französischen Literaten“ thematisiert die intensiven Studien von Camus, die sich wie bei Dostojewski durch sein ganzes Leben und Werk ziehen.44 In „Der erste Mensch“ – Camus’ unvollendetes Romanfragment – erscheint eine Anspielung auf Nietzsches „letzten Mensch“. Seinem radikalen Individualismus sieht er sich verpflichtet, wenn es darum geht, sich von keiner Partei, Ideologie oder Bewegung vereinnahmen zu lassen und unbestechlich zu bleiben. Er will nicht als Philosoph gelten, sondern sieht sich als Schriftsteller. Kein Zweifel, dass er zu jenen Grenzgängern gehört, deren Philosophie poetisch und deren Poesie philosophisch wirkt und der sich ausschließlich konkreten Fragen des Lebens widmet. Ein System lehnt er ab; wie Nietzsche fühlt er sich den Vorsokratikern, allen voran Heraklit, verbunden, ihrem Denken des Maßes und der Tragödie, die Camus in den modernen Begriff des Absurden überführt. Mit Nietzsche teilt er die Begeisterung für die Natur, für Südfrankreich, das Licht, das Meer und die Berge und die Philosophie des Leibes. Wie er fühlt er sich als „Unzeitgemäßer“ zu einer absurden Existenz verurteilt, zudem verkannt, missverstanden. Leid wird zum Widerstand, um sich und das behagliche Glück zu überwinden. Der Ausdruck mediterranes Glück bleibt ebenso auf ihn bezogen wie glückselige Inseln. Nietzsche schwärmt sogar von jenem Licht, das er nie gesehen hat und in dem Camus aufwuchs: „Das Glück im Licht von Algier, die schmeichlerische Art Licht, wie man Heiterkeit atmet.“45 Nach dem Ende der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“(Kant), dem „Tod Gottes“(Nietzsche), dem „Ende der Vernunft“ (Spengler), findet er sich im Zeitalter der Diktaturen, der Despotie und des Terrors wieder. Die zentrale Frage nach dem Suizid verbindet er wie Nietzsche mit jener nach dem freien Willen. Wie er verwirft er beides, was aber existiert und bejaht wird ist der Wille zur Freiheit. Auch Nietzsche erklärt diesen in Zusammenhang mit der „Wiederkehr des Gleichen“, als die sich sowohl das Schicksal des Sisyphos als auch die Revolte verstehen lassen. Fatalismus und Determinismus erteilt er eine Absage. I. 3. 3. 44 Oei, Nietzsche unter französischen Literaten, Albert Camus, S. 159–184. 45 Nietzsche, KSA, 13, Fragmente, Nachlass April 1887, S. 119. I. Camus als Mensch 42 Dem mythischen Denken gewinnt er das lebensbejahende Prinzip amor fati ab, dem kategorischen Imperativ Liebe dein Schicksal. Über den Wert Nietzsches für das Denken und die Lösung von jeder Partei oder Ideologie überwirft er sich mit Sartre. Alle Dichter lügen; Camus versteht das, denn die doppelte Verneinung macht aus ihnen die Wahrhaftigen und Aufrechten, aus den Erfindern die Finder, aus den Zweiflern die Suchenden. Bereits in „Hochzeit des Lichts“ wird dies deutlich, denn sie stellt die nietzscheanische Frage: Bist du bereit, dein Leben mit all den Fehlern und Schmerzen wieder zu leben? Es ist auch die Frage Iwan Karamasows, die Camus niemals verlassen wird. Auf die Vergleichbarkeit und Verbundenheit Dostojewskis mit Nietzsche kommt er immer wieder zu sprechen. Hinter dem Willen, allem Leid, aller Ungerechtigkeit in dieser Revolte zu trotzen, steht das unbändige Ja zum Leben. Das Absurde, nicht frei sein zu können, diese Freiheit mit ganzer Kraft zu wollen, vermag nichts an der Revolte zu ändern. Lass Besitz, Vertrautes und Gewohntes hinter dir, und du wirst frei sein. „Doch Sade und Karamasow, die Romantiker und Nietzsche traten nur in die Welt des Todes, weil sie das wahre Leben wollten.“46 Einzig das Ja sprengt die Kraft des nihilistischen Nein. Das zweite Fundament seiner eigenen Moral basiert auf Nietzsches dionysischem Lebensgefühl „Bleibt der Erde treu!“. Keine Religion, kein Trost, kein Elysium – Verzicht auf alles, was nicht intuitiv gelebt und aus eigener Erfahrung angeeignet werden kann. Kampf gegen Tyrannei, Despotie, unrechtes Töten, und daher gilt es, selbst in der Niederlage nicht den Eroberern das Recht auf Eroberung zuzusprechen. Man muss den Feind lieben, selbst wenn man gegen ihn kämpft. In seinem „Briefen an einen deutschen Freund“ kennt Camus kein Ressentiment. Er weiß, der andere, der Beleidiger, das könnte auch er sein. Tarrou in „Die Pest“ gibt sich mehrfach mit Zitaten als Schüler Zarathustras zu erkennen. „Wir entscheiden uns für Ithaka, die treue Erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat, die Großzügigkeit des wissenden Menschen. Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe.“47 Freilich geht Camus nicht in ihm oder ihnen auf; er ist ein eigenständiger Denker und er weiß, wie sehr Nietzsche missverstanden, missdeutet und missbraucht werden konnte, dass es kein Zufall ist, dass ausgerechnet er zum Leitbild der Faschisten wurde wie Marx von den Kommunisten pervertiert wurde. Dennoch: Auch Camus fordert den aufrechten Menschen. Das Kriterium der Aufrichtigkeit geht im über alles. Er sieht Nietzsches häufig falsch interpretierten Satz, der Heraklit entlehnt ist „Der Krieg ist der Vater aller Dinge.“ als einen nie endenden Konflikt im Inneren zwischen dem ästhetischen und dem ethischen Zustand. Es ist der Krieg des Ich um sein Wir. Der Mensch wird immer Zwielicht, Schatten und Licht in einem sein. Auch Nietzsche spricht von der „Zucht des Geistes“ und des Herzens, einer neuen Rasse (Gattung) Mensch und nennt diesen „den ersten Menschen“. Die Geschichte der metaphysischen Revolte kann nicht mit derjenigen des Atheismus verwechselt werden. Mit Nietzsche beginnt die Philosophie die einer ewig wiederkehrenden Revolte zu sein. 46 Camus, Der Mensch in der Revolte, Nihilismus und Geschichte, S. 117. 47 Camus, Der Mensch in der Revolte, Maß und Maßlosigkeit, S. 334. Folg. Zitat, S. 83. I. 3. Philosophische Einflüsse 43 Die Revolte Zu den vielen Missverständnissen gehört, Nietzsche als Atheisten und Gottesmörder zu bezeichnen. Camus, im Gegensatz zu ihm wirklich Atheist, sagt dazu: „Nietzsche hat nicht den Plan gefasst, Gott zu töten. Er fand ihn tot in der Seele seiner Zeit.“ Nietzsche beklagt sowohl den Mangel an aufrichtigem, gelebtem Glauben als auch die Feigheit, das Leben aus sich selbst heraus zu rechtfertigen. Der tolle Mensch erklärt daher alle zu Mördern an Gott, respektive dem Glauben: „Wir haben ihn getötet.“ Nietzsche richtet die Revolte nur gegen eine grausame und launenhafte Gottheit, und hält Gott für tot in der Seele seiner Zeitgenossen Es sind die drei wiederkehrenden Themen: Gott von Glauben zu trennen, Liebe von Mitleid (anstelle von Mitgefühl oder Solidarität) und Nihilismus überwinden, die Camus mit Nietzsche verbindet. Insgesamt über achtzig Mal fällt sein Name in „Der Mensch und die Revolte“, elfmal zitiert er ihn (ohne Quellenangabe). Ein Zitat davon lautet hinsichtlich der Verneinung des Suizids: „Die sind meine Feinde, die umstoßen und sich nicht selbst erhalten wollen.“ Camus’ Weg des Sisyphos führt zur ewigen Empörung; in der Frage Kirilows ist existentialistisch, nicht Gottmensch sein wollen, sondern Menschengott zu werden, nicht Rache (Ressentiment) und Masse, aber Individuum und Einsamkeit zu bejahen: Nur diese Elemente schaffen Schöpfung anstelle Zerstörung. Natürlich muss sich Camus damit beschäftigen, weshalb man Nietzsche über Rosenberg für den Nationalsozialismus gebrauchen und umlügen konnte. Natürlich muss er sich auf der Suche nach einer Balance zwischen Rationalität und Irrationalität, Apoll und Dionysos, mit Nietzches Wahnsinn auseinandersetzen.48 Die Welt ist auch für Camus kein von einem ewigen Willen geordnetes System, kein Kosmos im griechischen Sinne der „schönen Ordnung“, sondern „Chaos“, in ihr herrscht „König Zufall“ und eine „göttliche Gleichwertigkeit, die aus der Anarchie erwächst.“49 Mit der Lektüre Nietzsche überwindet auch Camus den Nihilismus und findet aller Wirrnis zum Trotz zu einer lebensbejahenden Existenz. In Bezugnahme auf Nietzsches Morgenröte schließt Camus’ Essay „Die Schöpfung ohne ein Morgen“ mit den Worten: „Nicht in der göttlichen Fabel, die unterhält und blind macht, sondern in Gesicht, Tat und Drama dieser Erde vereinigen sich eine wunderliche Weisheit und eine Leidenschaft ohne ein Morgen.“ Der Mensch lehnt sich auf gegen eine Schöpfung, die keinen Trost bietet, weil sie ihn ausgesetzt hat und den Wechselfällen des Daseins überlässt. Zusammenfassend gilt, dass die vier großen Themen Nietzsches: Der Tod Gottes, die ewige Wiederkehr des Gleichen, der Übermensch und der Wille zur Macht in variierter Form auch von Camus übernommen werden. Der Tod Gottes betrifft zunächst eine Philosophie, die sich nicht auf die Existenz einer anderen Autorität als das eigene Urteil berufen darf und absolut unvoreingenommen bleiben muss. In Camus’ Fall verschiebt sich die Religionskritik zu einer 48 Pieper, Nihilismus und Revolte: Camus’ Nietzschekritik, Zeitschrift für philosophische Forschung, 2/1991, S. 171–185. 49 Reif, Zur Bedeutung der Liebe im Werk von Camus, Dissertation, S. 18. I. Camus als Mensch 44 persönlichen Ethik. Während bei Nietzsche die Ablösung von einem traditionellen Gottesbild durch einen individuellen Glauben überwiegt, verwandelt Camus die Religionsfrage des Kollektivs in die Ethik des Einzelnen. Zentrales Unterscheidungsmerkmal ist das Umschlagen der Überwindung des Todes als Verlust und Betonung der Einsamkeit (Negativaussage) in eine positive durch die Selbstermächtigung des Handelns und der Solidarität. Der Übermensch beinhaltet bei Nietzsche den Wandel vom letzten in den ersten Menschen, der sich selbst genug ist, ohne herrschen zu müssen. Für Camus führt das zur Anerkennung des absurden Menschen, der in mit der Dialektik der Paradoxien umzugehen lernt und sich trotz aller Widerstände als frei empfindet, wobei er sich durchaus einem universalen Gesetz verpflichtet weiß, das man in kürzester Formel als amor-fati-Prinzip fassen kann, welches den Selbstmord verwirft, ebenso aber auch die Rache, die einen politischen Mord legitimieren würde. Der absurde Mensch erträgt das Absurde seiner Existenz. Die ewige Wiederkehr des Gleichen, die nicht mit simpler Wiederholung geschichtlicher Paradigmen gleichzusetzen ist, inkludiert das Glück, welches dem Schmerz innewohnt. Das Prinzip des Werdens und der Veränderung ist keineswegs ausgeschlossen, da das Gleiche nicht dasselbe ist. Die Wiederkehr besteht in der fortlaufenden Revolte, der sich täglich neu stellenden Situation der Existenzhinterfragung und der Konfrontation mit einer absurden Welt. Der Wille zur Macht als Wille zum Leben darf nicht verwechselt werden mit Herrschaft oder Unterdrückung, sondern beinhaltet die bejahende Fähigkeit, sich im anderen und mit dem anderen zu versöhnen. Die Notwendigkeit schließt die Freiheit ein und nicht aus, aber immer in Balance gehalten werden müssen. In diesem Willen wurzelt die Logik des Absurden und des Irrationalen. I. 3. Philosophische Einflüsse 45

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References

Abstract

Taking three well-known biographies and Camus’s own diaries into account, philosopher and literary scholar Bernd Oei provides an expert and accessible personal survey of the life and philosophical and literary work of Albert Camus. Analogies to well-known contemporary thinkers, but also mavericks like Vian and Char, are being examined, as are Camus’s attitude in the Algerian War and his private crises.

In addition to an overview over central terms in Camus’s work such as the absurd, freedom or love, another focus of this interdisciplinary volume lies on the summary of Camus’s essays and their ratiocination on his literary work.

Zusammenfassung

Unter Einbeziehung dreier bekannter Biografien sowie von Camus’ Tagebüchern liefert der Philosoph und Literaturwissenschaftler Bernd Oei eine ebenso fachkundige wie zugängliche persönliche Bestandsaufnahme über das Leben und das philosophische und literarische Schaffen Albert Camus’. Analogien zu bekannten zeitgenössischen Denkern, aber auch Querdenkern wie Vian und Char, werden dabei ebenso untersucht wie Camus’ Haltung im Algerienkonflikt und seine privaten Krisen.

Neben einem Überblick über zentrale Begriffe in Camus’ Werk wie das Absurde, die Freiheit oder die Liebe, liegt ein weiterer Schwerpunkt des interdisziplinär angelegten Bandes auf der Zusammenfassung von Camus’ Essays und ihrer Reflexion auf sein literarisches Werk.