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Epilog in:

Bernd Oei

Albert Camus – Revolution und Revolte, page 277 - 280

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4445-2, ISBN online: 978-3-8288-7462-6, https://doi.org/10.5771/9783828874626-277

Tectum, Baden-Baden
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Epilog Wenn man das Ende nicht versteht, sollte man zum Anfang zurückkehren. Ist Camus nun Franzose oder Algerier? Existenzialist oder Utopist? Dramatiker einer menschlichen Tragödie oder humanistischer Humorist? Eigentlich ist bereits der Name ein Witz: Facel Vega. So heißt doch kein Auto. Eine Luxuslimousine, die Auto-Nostalgiker mit einem Rolls Royce vergleichen, zumindest wegen der geringen Stückzahl, in der sie produziert wurde. In Villeblevin, kurz vor dem Ziel, den Toren von Paris, da ist es passiert. Sisyphos’ Leiden hat ein Ende. Er muss nicht mehr in den Steinbruch hinabkehren und sich keine unbequemen Fragen mehr stellen. Andere werden es für ihn tun. Camus schreibt zuletzt an „Der glückliche Tod“. Er hält das Manuskript zwar nicht auf dem Schoß, das wäre grotesk, aber es befindet sich in seiner Aktentasche. Kurz zuvor hat er seiner Frau geschrieben, dass er sich einen schnellen Tod im Auto wünscht. Makaber? Erfunden? Absurd. So ist das Leben. Die traurige Seite: Er hat dem Tod nicht ausweichen wollen. Nicht, weil er ein Held war, sondern, laut seinen Tagebuchaufzeichnungen, weil er an Depressionen litt. Er bejahte die Einsamkeit der Melancholie und vermied doch Tristesse und Resignation. Die gute, hoffnungsfrohe Seite: Camus ist lebendig geblieben. Ihn hat man nicht vergessen, viele andere, darunter Char, Vian oder Nobelpreisträger du Gard, schon. Folglich muss seinem Denken etwas Unzeitgemäßes und damit unfreiwillig Metaphysisches angehaftet haben. Camus denkt nicht nur die Widersprüchlichkeit des Lebens, er lebt sie auch – wie wir alle, wenngleich nicht auf so großer, öffentlicher Bühne. Er schreibt über die Liebe, doch er kann sie selbst nicht leben. Mag sein, dass Treue nur etwas für Spießer ist und der Zeitgeist sowieso nichts für Spießer übrighatte (gleichwohl auch Spießer promiskuitiv leben), aber er litt unter der Lüge und seine Affären haben ihn zu Lügen getrieben. Ob er ein guter Vater war, hätten ihm nur die erwachsenen Kinder beantworten können. Und ob seine politische Haltung nicht klarsichtiger war als die Sartres nur die Zeit. Da auch Camus nur ein einsamer Faden und nicht der ganze Teppich ist, hat er unter seiner Unwissenheit gelitten. Er schreibt von der Freiheit und träumt von ihr, das ist gewiss, aber er sieht, wohin der Kampf um sie führt und dass seine Epoche nicht reif ist für sie. Er ist Pazifist, aber einmal, als Spanien von Franco bedroht ist, lässt man ihn nicht an die Front, in der Résistance entscheidet er sich für das Schreiben für den Combat, und zweimal stirbt ein anderer, man möchte sagen, für ihn, zumindest an seiner Seite. Widerstand kennt viele Seiten, Widerspruch noch mehr. Zusehen oder handeln, so einfach ist es nicht immer. Man kann Zivilcourage haben und dennoch überleben. Er will die Veränderung, doch nicht mit Gewalt. Schon das Verhalten der Kommunisten, noch mehr der Stalinisten, gibt ihm zu denken, was 277 soll er dann von den Grausamkeiten in Algerien halten? Die Guten und die Bösen, so hätten wir es gerne; ein Attentat auf einen Mörder will keiner mit der staatlichen Hinrichtung eines vielleicht Unschuldigen vergleichen. Unser Leben scheint für einen Schwarzweißfilm gemacht. Camus steht dazwischen, blendet die Farben ein und er glaubt nicht an ein Ende wie die meisten von uns, weder an den Sieg im irdischen noch an das höchste Gericht im jenseitigen Reich. Er steht für sich allein, wissend, dass es nicht genügt, sich zu empören, dass es nicht genügt, zu glauben und zu hoffen, nicht einmal zu lieben. Die Welt ist absurd, sie wird es bleiben, so wie sie rund ist, beinahe jedenfalls. Obschon es nicht seriös ist, Einzelheiten für seine Sympathie oder Antipathie herauszugreifen: Der große Sartre, der Baader in Stammheim besuchte, verschwieg lange die Gulags Stalins, und noch länger die grausamen Attentate der FLN, denen ebenso zahlreiche Unschuldige zum Opfer fielen. Er hat anderswo seine Verdienste und seine Redlichkeit, niemand ist vollkommen, nur unaufrichtig war er trotzdem, politisch wie philosophisch und das, obschon er die Aufrichtigkeit als das Manifest des Existenzialismus bezeichnet. Da war Camus zumindest bescheidener, ehrlicher, perspektivischer in seinem Denken. Gegenüberstellungen neigen meist zur Schwarz-Weiß-Kontrastierung. Polarisierung gab es bereits in der Antike unter dem Namen Chorismos zwischen der realen und der nominalen, der sinnlich erfahrbaren und der intelligiblen Welt. Man hat die beiden Gründer der Philosophie, Platon und Aristoteles, als Archetypen für Idealismus und Materialismus bezeichnet, für einen Weg der transzendentalen und einen der empirischen Logik. Diese Opposition verdeckt die zahlreichen Gemeinsamkeiten in ihrem Denken. Camus und Sartre sind gleichfalls keine Antipoden, keine Gladiatoren in der Arena (eine Metapher Valérys), sie sind auch keine kongenialen Führer einer Bewegung, bestenfalls Repräsentanten eines Systems, das sich seine individuellen Stärken und Schwächen erlaubt. Die Nachwelt hat in der Stunde Null den Mythos ihrer Unvereinbarkeit geboren. In Camus, das belegen seine Tagebuchaufzeichnungen steckt viel melancholisch imprägnierte Romantik. Notgedrungen auch Naturmystik, Irrationalität, Sentimentalität und vor allem Einsamkeit, die auch aus seiner Prosa spricht. Dies steht keinesfalls im Widerspruch mit seiner klarsichtigen Wortwahl, der cartesianischen Methode, bildlich Stein für Stein umzudrehen und auf Konsistenz zu prüfen. Ein zweifelnder Mensch muss nicht verzweifeln und ein Verzweifelter sich nicht das Leben nehmen. Camus’ Credo in einer Welt der Gewalt, die Ideen durch Ideologie abschafft und die mehr zerstört, als wir wissen können, ist die Demut. Der Mut zu dienen ist substanziell, den Herrschenden entgegenzutreten. Camus’ mittelmeerisches Denken tritt ein für scheinbar antiquierte Werte: Achtsamkeit, Geduld, Maß, Toleranz. Tugenden, die ausgestorben scheinen oder von jenen gepredigt werden, die sie am meisten missbrauchen, pervertieren oder inflationieren. Camus ist gut, um zu sich zurückzufinden aus den stinkenden Gassen und aus den Einbahnstraßen, zurück ins Leben, seine duftenden Wiesen und seine Felder. Die Wüste (in seinem Fall Jordaniens Wadi Rum) hat auch Thomas Edward Lawrence geliebt, besser bekannt als Lawrence of Arabia. Er war gleichfalls ein Pazifist, Epilog 278 der in den Krieg geworfen wurde. Auch er stand zwischen Moderne und Tradition, Veränderung und Anpassung, Revolte und Revolution (laut Camus die Anpassung der anderen an die eigene Überzeugung). Dieser Mann hatte die Wüste und das arabische Volk lieben gelernt, auch er besaß eine romantische und eine pragmatisch sachliche Ader. Aus dem Krieg kehrte er als ein Fremder und Entwurzelter zurück. In seinem nie erlahmenden Anspruch auf Redlichkeit zeigte er sich tief enttäuscht von den Lügen des Lebens –die Briten versprachen den Arabern Freiheit und Unabhängigkeit für ihre Hilfe, doch am Ende waren die Rohstoffe wichtiger als die Menschen. Analogien zu Camus mit austauschbaren Protagonisten setzen sich fort bis zu seinem Tod durch einen Verkehrsunfall, doch der springende Punkt ist der wiederkehrende Gedanke, weshalb der Schatten schwerer ist als das Licht. Die Katastrophen prägen sich tiefer ein in der Seele als die Momente der Leichtigkeit und des Glücks. Sich das Paradies vorstellen zu können heißt nicht, es auch zu erreichen, nicht einmal, seine Existenz sicherstellen zu müssen. Camus hat auf Glauben und Hoffnung im traditionellen Sinn verzichtet. Das ist keineswegs gleichbedeutend mit Pessimismus oder Resignation. In seinem Fall ist der Mut zur Redlichkeit und Aufrichtigkeit das einzige Maß und die Liebe zum Leben alternativlos. Epilog 279

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References

Abstract

Taking three well-known biographies and Camus’s own diaries into account, philosopher and literary scholar Bernd Oei provides an expert and accessible personal survey of the life and philosophical and literary work of Albert Camus. Analogies to well-known contemporary thinkers, but also mavericks like Vian and Char, are being examined, as are Camus’s attitude in the Algerian War and his private crises.

In addition to an overview over central terms in Camus’s work such as the absurd, freedom or love, another focus of this interdisciplinary volume lies on the summary of Camus’s essays and their ratiocination on his literary work.

Zusammenfassung

Unter Einbeziehung dreier bekannter Biografien sowie von Camus’ Tagebüchern liefert der Philosoph und Literaturwissenschaftler Bernd Oei eine ebenso fachkundige wie zugängliche persönliche Bestandsaufnahme über das Leben und das philosophische und literarische Schaffen Albert Camus’. Analogien zu bekannten zeitgenössischen Denkern, aber auch Querdenkern wie Vian und Char, werden dabei ebenso untersucht wie Camus’ Haltung im Algerienkonflikt und seine privaten Krisen.

Neben einem Überblick über zentrale Begriffe in Camus’ Werk wie das Absurde, die Freiheit oder die Liebe, liegt ein weiterer Schwerpunkt des interdisziplinär angelegten Bandes auf der Zusammenfassung von Camus’ Essays und ihrer Reflexion auf sein literarisches Werk.