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Prolog in:

Bernd Oei

Albert Camus – Revolution und Revolte, page 1 - 4

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4445-2, ISBN online: 978-3-8288-7462-6, https://doi.org/10.5771/9783828874626-1

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Prolog „Das seh ich schon ein, dass es ungerecht zugehen muss, weil halt die Menschen keine Menschen sind – aber es könnt doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen.“1 Der Autor dieser Worte verstirbt am 1. Juni 1938 in Paris. Er wird während eines Gewitters von einem Ast erschlagen, unter einem Kastanienbaum stehend, nachdem er es vorher abgelehnt hat, in einen Wagen zu steigen. Eine Wahrsagerin hat ihm einen tödlichen Unfall prophezeit. In dem Wagen sitzt aber ein anderer: Albert Camus. Dieser, kein Freund von Automobilen im Allgemeinen, hat bereits eine Zugfahrkarte nach Paris gekauft, doch dem schnittigen Sportwagen vermag er nicht zu widerstehen. „Du sparst mindestens eine Stunde, wahrscheinlich mehr“, sagt ihm sein Freund und Arbeitgeber, der Verleger Gallimard. Es ist der 4. Januar 1960, gegen 14 Uhr, als ein Kastanienbaum den Wagen halbiert. Camus ist auf der Stelle tot. Der Fahrer wird schwer verletzt und stirbt zehn Tage später. Die beiden Frauen im Fond des Wagens überleben den Unfall. Der Baum soll zwei Tage später gefällt werden, weil er hinter einer Kurve steht. Aus „Glaube Liebe Hoffnung“, dem Titel Horváths, könnte man fast einen Camus machen. Die beiden hätten sich vermutlich gut verstanden. Der eine verließ diese Erde in der Stadt der Liebe, als der andere gerade voller Hoffnungen ihre Bühne betrat. „Seit es eine menschliche Gesellschaft gibt, kann sie aus Selbsterhaltungsgründen auf das Verbrechen nicht verzichten.“ So steht es in Horváths „Jugend ohne Gott“. In jener geheimnisvollen Stunde, da eine Schuld durch eine andere Schuld getilgt wird, verschmilzt der Henker mit dem Mörder zu einem Wesen, der Mörder geht gewissermaßen im Henker auf. „Darum betrachten die wahren Künstler nichts mit Verachtung; sie fühlen sich verpflichtet, zu verstehen, nicht zu richten.“2 Unsere Existenz ist reich an Absurditäten und der einzige Sinn besteht darin, zu leben. Nur rückwärts ist unser Leben zu verstehen, nach vorne aber muss es gelebt werden. Beide Autoren haben im Exil gelebt, der eine gezwungenermaßen, der andere freiwillig. Horváth in einem äußeren (die Kulissen ändern sich ständig), Camus in einem inneren Gefängnis, aus dem heraus allein die Freiheit möglich ist. „Der Fremde“ bietet Anlass zu einem Vergleich mit „Jugend ohne Gott“: Konvention mordet Außenseitertum, Zynismus bricht Herzen. Der Protagonist in Horváths Stücken ist zumeist der perspektivlose Kleinbürger, der entwurzelte Großstadtmensch. 1 Glaube Liebe Hoffnung ist das neunte Drama des österreichisch-ungarischen Schriftstellers Ödön von Horváth, erschien im Jahr 1932 und trägt den Untertitel „Ein kleiner Totentanz in fünf Bildern“. Elisabeth, jung, hoffnungsfroh und wild entschlossen, ihr Glück zu machen, kämpft mit allen Mitteln um ihre Existenz. Am Ende wird sie Dirne. 2 Albert Camus, Kleine Prosa, Nobelpreis-Rede, 10.12.1957, S. 9. Camus entscheidet sich für eine Welt „in der nach Nietzsches großem Wort nicht mehr der Richter herrschen wird, sondern der Schaffende, sei er nun Arbeiter oder Intellektueller.“. 1 Der Autor liest Nietzsche und stellt die Sinnfrage. Auch Camus interessiert sich für den Philosophen, das Menschliche, allzu Menschliche in der Tragödie, die wir Existenz nennen. „Camus: Sisyphos zwischen dem Absurden und der Revolte“ (2010) war Teil meiner Reihe Grenzgänger. Lebensphilosophen wie Nietzsche, Rilke und Camus, deren Werke zwischen Dichtung und tiefen Gedanken angelegt sind, gehören nach meinem Verständnis dazu. Dass Camus sich lange und dezidiert mit Nietzsche auseinandersetzt, erfuhr in „Nietzsche unter französischen Literaten“ (2008) seine Würdigung. Es gehört zu den Absurditäten des Lebens, dass ich die korrigierte und lektorierte Fassung für meinen Camus-Band löschte und stattdessen die erste Version, die ich unter Endfassung abgespeichert hatte, für den Druck freigab. Was man darin lesen kann sind abgebrochene Sätze, Gedankensplitter vielleicht und neben den vielen Rechtschreibfehlern auch manche sachliche Unzulänglichkeit: man könnte meinen, das Buch sei wild durcheinandergewürfelt und im Zuge einer durchzechten Nacht entstanden, nicht nach jahrelanger Recherche. Wenn man davon ausgeht, dass Philosophie oder ein Buch zu schreiben eine Sisyphusarbeit ist, mit der man, im Gegensatz zur berühmten Allegorie für das vorgestellte Glück, zu einem Ende kommen muss, so sammelte ich damals Steine und schleppte sie vielleicht wirklich zu dem mir damals erreichbaren Gipfel. Der Brocken stürzte ins Tal. Es lag daher nahe, dieser absurden Verwerfung etwas entgegenzusetzen und irgendwann das Buch einer Prüfung und Korrektur zu unterziehen. Da man aber nicht zweimal in denselben Fluss steigt (Heraklit) oder denselben Stein trägt, steht am Ende ein anderes Buch. Der Fokus hat sich verändert, Camus’ Denken nachzuvollziehen. Nichts ist geblieben von der Idee, Episoden seines Lebens romanhaft nachzustellen, um die Grenze von Literatur und Philosophie, die er selbst gerne überschritt, auf sein Werk zu übertragen. Ein Kritiker oder Exeget oder auch nur Liebhaber, sollte kenntlich machen, wo das Eigene beginnt und das Faktische, mitunter Tragische seiner Liebe, endet. Ein Bekenntnis für Camus ist wohl verbunden mit einem gegen Sartre. Alle Denker, denen ich meine Monografien widmete, sind Grenzgänger und dabei weniger Kritiker als Schöpfer, weniger systematisch oder gar dogmatisch als freigeistig vorgegangen. Zwischen der willkürlich gewählten Unterscheidung von Philosoph und Dichter existieren Nuancen. Platon, angeblich einer der Urväter der reinen Philosophie, bietet zur Darstellung seiner Ideenlehre eine Märchenwelt und eine Fülle von Metaphern oder Anekdoten aus der Rumpelkammer, die der Odyssee entsprungen sein könnten, Homer hingegen schreibt in der Iliade manchmal abstrakt, als habe er von Hegel gelernt. Worum es in der folgenden Monografie geht, sei hier kurz umrissen. Zunächst um die wichtigsten Personen in Camus’ Leben: seine Mutter, Großmutter und der väterliche Freund Grenier, die beiden Ehefrauen und die Kinder, zudem die langjährige Geliebte. Es folgen Schriftsteller, die er selbst am häufigsten zitiert, und unmissverständlich als seine Wahlverwandten bezeichnet: Dostojewski, Kafka, Augustinus, Pascal, Nietzsche. Auf Kierkegaard als Gründer des Existenzialismus wird verzichtet, um Prolog 2 Wiederholungen zu vermeiden Er bildet einen Stein am Grunde des Tals, zu dem Sisyphos ohnehin zurückkehren muss. Im Gegensatz zu meinem ersten Buch bilden die Dramen, die heute eher selten aufgeführt werden, einen unverzichtbaren Teil. Sie verdeutlichen die Nähe von Camus zu Dostojewski und Kafka und seine politische Haltung, die immer um die drei Themen Horváths Glaube, Liebe, Hoffnung kreist, allerdings sich kreuzt mit ihren Entsprechungen Revolution, Revolte, Absurdes. Die beiden Dreierfiguren sind sehr bewusst in dieser Reihenfolge nebeneinandergestellt, sie koinzidieren allgemein und im Werk Camus’. Camus hat seine Dramen selbst kommentiert, hauptsächlich, um sie vor Missverständnissen zu schützen, denen sie sich in seiner Zeit ausgesetzt sahen, da um sie herum der ideologische Kampf zwischen ihm und Sartre sich zuspitzte. Vielleicht haben andere die beiden zu den Protagonisten des Existenzialismus gemacht, Camus selbst hat sich mehrfach davor verwahrt, ein Existentialist zu sein, doch bildet es eine unbestreitbare Tatsache, dass er und Sartre die international berühmtesten Köpfe dieser, nennen wir es Bewegung, waren und vielleicht sogar noch immer sind. Ebenso unbestreitbar ist, dass sich die Schriftsteller ihrer Zeit gesellschaftlichen Fragen nicht entziehen konnten und wahrscheinlich auch nicht wollten. Die drei heiligen Begriffe lauten hier gemäß der Französischen Revolution Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wobei letztere bereits mit Gerechtigkeit und Gleichheit mit Solidarität (eine Form der Liebe) gleichgesetzt wird, zumindest von Camus. Ob man seine Dramen besuchte oder die von Sartre war im Paris der unmittelbaren Nachkriegsjahre nahezu von existenzieller Bedeutung, es stellte eine Wahl dar und eine Positionierung. Etwas plump ausgedrückt: Für Camus oder Sartre, für die individuelle Linke oder doch für den Kommunismus? Die Essays zeigen das Problem auf. Man kann dem Absurden weder entfliehen noch es aus der Welt schaffen. Die Hoffnung auf Erleichterung hat Camus negiert. Glück erwächst einzig durch Annahme des Absurden im eigenen Schicksal. Nirgendwo wird erwähnt, woraus der Stein unserer Existenz besteht, den der Held bewegen muss. Häufig wird der zweite Essayband über die Revolte als die Antwort auf Sisyphos’ Frage interpretiert. Dies erscheint wenig plausibel, denn eine Frage stellt Camus eigentlich nicht. Von Anfang an legt er fest, dass Leben sei absurd und bleibe es, gleich was wir tun. Es drängt sich natürlich die Frage auf: Und wie sollen wir leben? Camus antwortet wieder nicht, auch die Revolte bleibt uns die Lösung schuldig. Klarer ist seine Abgrenzung, was alles nicht sein soll: Revolution, weil sie mit Mord und damit Unrecht verbunden ist, Selbstmord als die wichtigste Frage überhaupt, weil er Resignation einschließt und diese die Möglichkeit zum Handeln a priori raubt. Camus spricht sich gegen die Ideologie aus und eigentlich gegen alles, was nicht human ist, die Würde des Individuums verletzt, dazu gehört auch Parteigehorsam. Mit Camus kann man Demut lernen, dass es auf einfache Fragen oft keine Antwort oder Lösung oder endgültige Wahrheit gibt. Dies sollte nicht gleichgesetzt werden mit Unentschiedenheit oder Feigheit, wie ihm, vor allem durch Sartre und seinen Anhängern, zum Vorwurf gemacht wurde. Natürlich positioniert sich der Mensch in Prolog 3 der Revolte, er steht auf und er kämpft, er empört sich, trotzt dem Unvermeidbaren, er wählt und bekennt sich zu seiner persönlichen Verantwortung. Eigentlich leistet er Unmenschliches. Aber zugleich Unaussprechliches, Camus nennt es Schweigen. Mit Camus kann man die Freiheit der Natur, die gleichzeitig auch ein Gesetz ist und Notwendigkeiten inkludiert, spüren. Er schreibt viel über Meer, Wind, Erde, Wüste, Steine. Er nennt seine Haltung mediterranes Denken. Er hat nicht den Anspruch, sie Philosophie zu nennen. Wie Nietzsche fühlt er sich dem Leben, dem dionysischen Ja und dem Denken der Vorsokratiker verbunden, Menschen des Maßes und der Heiterkeit, glückseligen Inseln im Mittelmeer. Nach einer Zusammenfassung oder Zusammenstellung der wichtigsten Themen in Camus’ Werk Glück, Hoffnung, Liebe, Freiheit – Elemente, um den schweren Stein des Nihilismus zu tragen – bleibt doch nur die Erkenntnis, dass der glückliche Moment, den wir uns bei Sisyphos vorstellen, also denken dürfen, ja müssen, der kurze Moment ist, die Atempause, bevor die Plackerei von Neuem beginnt. Diese Erkenntnis entbehrt nicht der Ironie, wenn man bedenkt, dass Camus schwer an Tuberkulose erkrankt und trotz seines Asthmas starker Raucher war, eigentlich jederzeit vom Tod bedroht. Den Schlusspunkt bilden Vergleich und Auseinandersetzung mit den zeitgenössischen Größen des Existenzialismus, die die Vielfalt in Camus’ Schaffen betonen. Sartre und de Beauvoir, Malraux, Char und Vian verbindet auf den ersten Blick wenig und doch waren sie Freunde und vor allem Weggenossen des existentialistischen Denkens. Überschneidungen wie Unterschiede mit Camus sind unvermeidbar. Am Ende gilt: Lasst uns das Leben lieben wie es ist, denn wir haben kein anderes. Prolog 4

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References

Abstract

Taking three well-known biographies and Camus’s own diaries into account, philosopher and literary scholar Bernd Oei provides an expert and accessible personal survey of the life and philosophical and literary work of Albert Camus. Analogies to well-known contemporary thinkers, but also mavericks like Vian and Char, are being examined, as are Camus’s attitude in the Algerian War and his private crises.

In addition to an overview over central terms in Camus’s work such as the absurd, freedom or love, another focus of this interdisciplinary volume lies on the summary of Camus’s essays and their ratiocination on his literary work.

Zusammenfassung

Unter Einbeziehung dreier bekannter Biografien sowie von Camus’ Tagebüchern liefert der Philosoph und Literaturwissenschaftler Bernd Oei eine ebenso fachkundige wie zugängliche persönliche Bestandsaufnahme über das Leben und das philosophische und literarische Schaffen Albert Camus’. Analogien zu bekannten zeitgenössischen Denkern, aber auch Querdenkern wie Vian und Char, werden dabei ebenso untersucht wie Camus’ Haltung im Algerienkonflikt und seine privaten Krisen.

Neben einem Überblick über zentrale Begriffe in Camus’ Werk wie das Absurde, die Freiheit oder die Liebe, liegt ein weiterer Schwerpunkt des interdisziplinär angelegten Bandes auf der Zusammenfassung von Camus’ Essays und ihrer Reflexion auf sein literarisches Werk.