Content

Ralf Beutler, Frank-Harald Greß (ed.)

Jazz/Rock/Pop - Das Dresdner Modell

Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber

1. Edition 2021, ISBN print: 978-3-8288-4441-4, ISBN online: 978-3-8288-7458-9, https://doi.org/10.5771/9783828874589

Series: Dresdner Schriften zur Musik, vol. 12

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Jazz/Rock/Pop – Das Dresdner Modell Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf der Grundlage des vom Sächsischen Landtag beschlossenen Haushaltes. Dresdner Schriften zur Musik Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden Herausgegeben von Matthias Herrmann Band 12 Ralf Beutler und Frank-Harald Greß (Hrsg.) Jazz/Rock/Pop – Das Dresdner Modell Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Tectum Verlag Ralf Beutler und Frank-Harald Greß (Hrsg.) Jazz/Rock/Pop – Das Dresdner Modell. Ein Beitrag zur Geschichte der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresdner Schriften zur Musik Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden Herausgegeben von Matthias Herrmann Band 12 ePDF 978-3-8288-7458-9 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4441-4 im Tectum Verlag erschienen.) © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft Baden-Baden 2021 Umschlagabbildung: Volkmar Spiller Foto Rückdeckel: Manuel Gervink Redaktion, Bildgestaltung und Layout: Konstanze Kremtz Projektleitung: Thomas Wasmer Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird in den meisten Beiträgen auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleicherma- ßen für alle Geschlechter. Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. 5| Inhalt Günter Baby Sommer, Grußwort 7 Till Brönner, Grußwort – Vielfalt in den Möglichkeiten, Einigkeit im Anspruch 9 Vorwort der Herausgeber 11 Frank-Harald Greß, Jazz-Frühling an unserer Hochschule – Erinnerungen an eine Aufbruchszeit 13 Rainer Lischka, Try to Remember 23 Stefan Gies, Vom Raachermannl zum Baby 33 Ralf Beutler, Die Zeit des Übergangs und der Profilierung 37 Günter Baby Sommer, Spagat zwischen Underground und Hochschule 49 Jens Wagner, Günter Hörig – Visionäre Bescheidenheit 55 Simon Harrer, Begeisterung für die Musik 61 Finn Wiesner, Fachrichtung Jazz/Rock/Pop der HfMDD 65 Thomas Zoller, Komposition Jazz/Rock/Pop in Dresden 69 Thomas Fellow, Auf zu neuen Ufern – „Akustische Gitarre“ an der Musikhochschule Dresden 73 6 | Stephan Bormann, Leben am Fluß. Mit der elektrischen Gitarre in die neue Zeit 77 Sönke Meinen, Studiengang „Akustische Gitarre“ – eine wegweisende Ausbildung 81 Jäcki Reznicek, Musikalische Begleiter ein Leben lang. Meine Zeit an der Musikhochschule Dresden 87 Tom Götze, Der Walking Bass ist keine Sportart 93 Céline Rudolph, Vom Sänger zum Vokalisten 97 Esther Kaiser, Der Weg zum „Musiker-Lehrer“ 101 Inéz Schaefer, Vom Lernen zum Lehren 107 Michael Fuchs, Tradition und Innovation in Lehre und künstlerischer Praxis 113 Matthias Bätzel, Wurzeln, Wege und Weitergänge 117 Julia Kadel, Jazzklavier an der HfM Dresden 121 Malte Burba, Wo gibt es so was noch 127 Sebastian Studnitzky, Real Time Composition & Recording Ensemble 129 Sebastian Haas, Eine Ausbildung mit Freiheiten und Flexibilität 133 Sebastian Merk, Kommunikation verbindet 137 Demian Kappenstein, Vom Wettiner Platz in den Bundestag 141 Verzeichnis aller Lehrkräfte 145 Abbildungsverzeichnis 151 7| Grußwort Günter Baby Sommer Wenn man weltläufig Dresden denkt, wird die Semperoper genannt. Wenn man „Dresden“ und „Jazz“ denkt, wird man sehr schnell mit dem Dixieland- Festival konfrontiert oder hört von den Jazztagen Dresden. Wenn man genauer hinschaut, stößt man bald auf die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber mit ihrer Abteilung für Jazz/Rock/Pop. Diese wurde bekanntermaßen schon 1962 als Abteilung für Tanz- und Unterhaltungsmusik eingerichtet. Die wechselvolle Geschichte dieser Abteilung gilt es nun mit diesem Buch nachzuzeichnen. Dass diese Geschichte nicht nur in Form von Anekdoten von Mund zu Mund weitergereicht wird, haben wir der Idee von Ralf Beutler, einem über Jahrzehnte der Abteilung verbundenen Musiker und leitenden Mitarbeiter derselben, zu verdanken. Ein weiterer Glücksfall ist es, dass der eigentliche Begründer und spiritus rector der ersten Stunde, Frank-Harald Greß, trotz seines Ruhestandes bereit war, an diesem Buch maßgeblich mitzuarbeiten. Ich selbst war Student der ersten Generation dieser Abteilung und verbinde mein heutiges Berufsleben im Rückblick mit dem Haus auf der Blochmannstraße, mit Günter Hörig, meinem Lehrer Siegfried Ludwig und anderen Musikern von den Dresdner Tanzsinfonikern, der starken politischen Einflussnahme auf das damalige Musikstudium und meinem von BeBop und Free Jazz genährten Widerspruchsgeist gegen die staatlich verordnete Kulturpolitik. Möge dieses Buch mit seinen Beiträgen dem geneigten Leser einen kurzweiligen Überblick von eben diesen Anfängen bis in die Gegenwart geben. An der Hochschule für Musik in Dresden wird im Bereich Jazz bei einer minimalen Ausstattung an hauptamtlichen Lehrpersonal durch die Integration freischaffender Jazzmusiker als Honorarlehrer eine beispielhafte 8 | Arbeit geleistet. Unbeirrt von der oftmals geringen Lobby im traditionell klassisch geprägten Hochschulsystem und den damit verbundenen Herausforderungen, wurde in Dresden über Jahrzehnte eine wunderbare Erfolgsgeschichte geschrieben. Das beweisen viele Musiker, die heute erfolgreich in der Welt unterwegs sind und den Namen dieser Hochschule und der Abteilung Jazz/Rock/Pop in ihrer Vita mit sich herumtragen. Den Herausgebern dieses Buches, Ralf Beutler und Frank-Harald Greß, wünsche ich eine große Leserschaft und möchte mich bei ihnen bedanken, durch dieses Buch einen großen Lebensabschnitt meiner eigenen Verbindung zur Jazzabteilung der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden nachlesbar gemacht zu haben. 9| Grußwort Vielfalt in den Möglichkeiten, Einigkeit im Anspruch Till Brönner Von den ersten Tagen als Jungstudent im rheinischen Köln bis zur Gegenwart unterhielt ich stets ein eher gespaltenes Verhältnis zu öffentlichen Lehrbetrieben im Bereich des Jazz. Das lag zum einen an Schlüsselerlebnissen in meiner Jugend, zum anderen an meiner persönlichen Vision, die klar im Konflikt mit dem stand, was damals „common sense“ an mir bekannten Instituten war. Umso bemerkenswerter noch heute für mich, dass mich mein Weg und ja – auch mein Herz – an die Dresdner Hochschule für Musik Carl Maria von Weber führte und ich damit bis heute eine besonders sinngebende Station meiner beruflichen Biografie verbinde. Der Anruf von Günter Baby Sommer, verbunden mit einer Einladung zu einem Workshop an den Wettiner Platz, ist mir rückwirkend so präsent wie prägend in Erinnerung, denn die daraus hervorgegangene persönliche Freundschaft und künstlerische Beziehung zu einem der großen musikalischen Freidenker unseres Landes öffnete mir unerwartet die Tür zu einer Welt, die ich eigentlich glaubte hinter mir gelassen zu haben. Ich begann als Professor für Jazztrompete zu unterrichten. Es kam jedoch anders als vorhergesagt und mein ursprünglich dauerhaft angesetzter Auftrag pausierte auf Grund eines längeren Schwerpunktaufenthaltes in den USA für mehrere Jahre, so dass der Teil meiner heutigen Errungenschaften für die Dresdner Musikhochschule im Vergleich mit den meisten Lehrkräften als überschaubar gelten darf. Und dennoch: Ich bin Teil einer Entwicklung, deren Beginn 2009 mit der Staffelstabübergabe als künstlerischer Leiter von Baby Sommer an mich nicht nur symbolischer Natur ist. Im Gegenteil. Es standen Veränderungen an, das spürte jeder. 10 | Für den mir anvertrauten Teil der Trompetenklasse gelang die Einführung eines Konzepts, das ich bis zum damaligen Zeitpunkt an europäischen Musikhochschulen noch nicht gesehen hatte: Ein „Duales System“ für Blechbläser, dessen Kern nicht nur die Wiege meiner eigenen Unzufriedenheit mit den meisten Angeboten im Bereich Jazz-Trompete war. Die Idee war geradezu antizyklisch: zwei Lehrer – ein Student. Und mit Malte Burba hatte ich den idealen Partner gefunden, der mir selber und ganz persönlich über Jahre aufgezeigt hatte, welch hohen Stellenwert technische Stabilität für einen Blechbläser im Bereich Jazz hat. Für den künstlerischen Teil übernahm ich meinen Teil der Verantwortung und verbinde eine ehrliche Zufriedenheit mit der Tatsache, dass unsere gemeinsame Erfolgsquote an Master-Absolventen sich sehen lassen kann. Entscheidend jedoch war die Offenheit und das Interesse einer Musikhochschule, die mit Stefan Gies an der damaligen Spitze des Instituts offen und interessiert war, diesen Weg mit uns zu beschreiten. Die stilistische und perspektivische Bandbreite der Fachrichtung Jazz/ Rock/Pop steht für mich in besonderer Weise für die Motivation, meine persönliche Sicht auf den Beruf Jazzmusiker*in immer wieder aufs neue zu aktualisieren und den Blick für die Potentiale Einzelner gemeinsam zu schärfen. Der Standort Dresden erscheint mir auch heute noch optimal, um unter studentischen Idealbedingungen seiner persönlichen Entwicklung Raum zu geben und einen realistischen Blick auf die zukünftigen und erheblich im Wandel begriffenen Anforderungen für Jazzkünstler in Deutschland und der Welt zu entwickeln. Gerade hier darf auch in Zukunft ein über die Landesgrenzen hinaus relevanter Schwerpunkt unserer Fachrichtung liegen, der ich nach meiner Rückkehr als Professor im Jahre 2021 wieder angehören darf. Ich freue mich auf die Zukunft! 11| Vorwort der Herausgeber Mit informativen Essays wollen wir Einblicke vermitteln in Geschichte und Gegenwart der Jazz/Rock/Pop-Ausbildung an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Was in Dresden im Jahre 1962 entstand, war wegweisend für andere Ausbildungsstandorte im Osten Deutschlands, aber in dieser umfassenden Form auch neu im gesamtdeutschen und europäischen Rahmen. Innovative Grundsätze prägten von Beginn an das „Dresdner Modell“: • Schaffung einer selbständigen Vollausbildung für Jazz statt eines „Aufbaustudiums“ im Anschluss an ein „klassisches“ Studium und die Einbeziehung von Rock und Pop, • Integration aller Pflicht- und Zusatzfächer in die neu entstandene Fachrichtung mit fachspezifischen Konzepten und Lehrkräften, • Aufnahme der Pädagogik in das Studium zur Bereitstellung von Fachlehrkräften für Musikschulen und Privatunterricht, • Veranstaltung jährlicher „Ferienkurse“ zur Weiterbildung für externe Teilnehmer sowie für Studieninteressenten als Beitrag zur Nachwuchsgewinnung, • Erweiterung der Studieninhalte durch „klassisches“ Repertoire, z.B. durch „duale“ Gitarrenausbildung und Orchesterschlagwerk in der Schlagzeugausbildung, • Angebot des Gaststudiums für „Klassikstudenten“ in den Fächern des Jazz/Rock/Pop-Bereichs. Die Abteilung unter Leitung von Frank-Harald Greß gliederte sich in die Studienrichtung „Instrumentalisten“ unter Günter Hörig und die Studienrichtung „Gesang“ unter Hanns-Herbert Schulz. Wesentliche Grundlage der Instrumentalausbildung war ein auch als Verlagspublikation („Studio Dresd- 12 | ner Tanzsinfoniker“) weit verbreitetes Studienmaterial, erarbeitet durch Lehrkräfte und weitere Autoren. Auf dieser Basis reformierte und erweiterte sich die Ausbildung nach der politischen Wende vor allem durch die Verjüngung des Lehrkörpers, zusammen mit der Neugestaltung des Curriculums und einer zunehmend internationalen Ausrichtung. Das Musizieren in unterschiedlicher Besetzung und Stilistik ergänzte die Big Band. Eine entscheidende Rolle hierbei spielte Free-Jazz-Pionier Günter Baby Sommer. Neu hinzu kamen die Bereiche Lehramt Musik und die eigenständige Ausbildung am Sächsischen Landesgymnasium für Musik Dresden Mit der Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master im Jahre 2010 erfolgte eine Modularisierung des Studiums. Sie ermöglichte anteiligen Hauptfachunterricht im Fach Komposition und bei Dozenten anderer Instrumentengruppen. Durch spezielle Module können die Studierenden eigene hochschulunabhängige Projekte in das Curriculum integrieren und als Credits anrechnen lassen. Die Texte dieser ersten Bilanz stammen von Protagonisten der Gründungsjahre, dem gegenwärtig festangestellten Kollegium sowie einigen Dozenten im Lehrauftrag, die auch Hauptfachklassen leiten. Zudem kommen der ehemalige Rektor Stefan Gies und Absolventen einzelner Studienrichtungen zu Wort. Sicher bewahren zahlreiche gegenwärtige und ehemalige Lehrkräfte und Absolventen viele weitere Erinnerungen in ihren Herzen. Die Herausgeber hoffen, dass dafür bald erneute Publikationen folgen können. Unser herzlicher Dank gilt neben den Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes allen, die an der erfolgreichen Entwicklung der Ausbildung mitwirkten. Und besonderen Dank verdient unsere tatkräftige und mitschöpferische Buchgestalterin Konstanze Kremtz. Das Einende aller Lehrenden und Lernenden in einer fast sechzigjährigen Geschichte der Ausbildung in Dresden ist die lebendige familiäre Atmosphäre vielschichtiger Inspiration und kreativer Energie. Studiendekan Finn Wiesner fasste seine Gedanken in folgende Worte: „Zusammen erfüllen wir die Zimmer der Hochschule mit Leben und tragen die Früchte unserer Arbeit nach draußen, um sie dort zu teilen. Die Hochschule ist für eine bestimmte Zeit unser Zuhause, Studierende und Lehrende bilden eine Familie. Die Musik strömt von hier in die Stadt Dresden und in die ganze Welt.“ Das wünschen wir uns auch für die Zukunft. Ralf Beutler und Frank-Harald Greß Dresden, 12. Februar 2021 13| Jazz-Frühling an unserer Hochschule – Erinnerungen an eine Aufbruchszeit Frank-Harald Greß Mit dem frischen Staatsexamen als Musikwissenschaftler in der Tasche erhielt ich 1959 die Chance, an der Dresdner Musik hochschule zu unterrichten. Neben Musikgeschichte, Akustik und Instrumentenkunde versuchte ich, den Studierenden auch meine Begeisterung für den Jazz zu vermitteln. Ich schmuggelte dieses Thema in meine Vorlesungen, denn in den damaligen Lehrplänen wurde es verschwiegen. Jazz war in der frühen DDR offiziell als „dekadent“, „Amerikanismus“ und „Musik des Klassen feindes“ verpönt. Der damals amtierende Staats- und Parteichef Walter Ulbricht verurteilte den Jazz als „Affenmusik“. Außerdem probte ich im abseits gelegenen „Wintergarten“ des Hochschulgebäudes Mendelssohnallee mit interessierten Klassik-Studenten und Schülern der Spezialschule (heute: Sächsisches Landesgymnasium für Musik). Wir arbeiteten an Jazz-Standards und einigen von mir geschriebenen Titeln. Dieses Tun war heikel in einer Zeit, in der das „Strippen“ (öffentliches Auftreten mit Tanzmusik und aller „unernsten“ Musik) während des Studiums disziplinarisch streng geahndet wurde. 14 FRANK-HARALD GRESS | Zu den Bewährungen, die mir als jungem Kollegen auferlegt wurden, gehörte der Auftrag, eine Dozentenvollversammlung am Beginn des Studienjahres 1960/61 musikalisch auszugestalten. Statt der erwarteten klassischen Werke oder einiger „Kampflieder der Arbeiterklasse“ ließ ich als gewagte Provokation die Jazz-Combo auftreten. In den Gesichtern der Kollegen spiegelte sich blankes Entsetzen. Rektor Karl Laux kommentierte schlitzohrig: „Eine ‚greß’liche Musik!“, ergänzte aber, die Entwicklung der sozialistischen Musikkultur verlange, auch für ein höheres Niveau der „leichten Musik“ zu sorgen. Die Hochschule dürfe sich dieser Aufgabe nicht verweigern. Deshalb beauftrage er mich, die begonnene Arbeit fortzusetzen. – Größte Überraschung im Auditorium! Diese Stellungnahme entsprang folgendem Kalkül: Die politische Führung der DDR bemühte sich, zur Abwehr „imperialistischer“ Einflüsse um eine „sozialistische Unterhaltungskunst“. Laux erkannte, dass er mit seiner Hochschule vorauseilenden Gehorsam leisten konnte. Den kulturpolitisch umstrittenen Begriff Jazz benutzte er aber geflissentlich nicht! In einem nachfolgenden Gespräch fragte er, ob ich noch weitere Lehrkräfte empfehlen könne. Die Antwort fiel mir leicht, denn in der Dresdner Jazz-Szene gab es Ensembles wie „Heinz Kretzschmar mit seinen Solisten“ und die „Original Dixies“, aus denen später die „Dresdner Tanzsinfoniker“ hervorgingen. Und dazu gehörten einige hervorragende Musiker, von denen manche bereits über pädagogische Erfahrungen verfügten. Meine vorfühlenden Kontaktgespräche waren zunächst alles andere als erfolgreich. Ich erinnere mich an ein erstes Treffen mit dem Pianisten und Kapellenleiter Günter Hörig, der sich sehr skeptisch äußerte. Er schilderte mir das Unverständnis gegen über seinen Jazz-Ambitionen, dem er während seines Hochschul studiums ausgesetzt war und das er nicht für überwunden hielt. Und tatsächlich: Die Dresdner Musikwelt gab sich noch keinesfalls allgemein jazz-freundlich. So bat mich in dieser Zeit ein namhafter Dresdner Musiker eine Kampagne im „Kulturbund der DDR“ zu unterstützen, die das vermeintliche Jazz-Unwesen in die Schranken weisen sollte. Nachdem ich seinen Tiraden aufmerksam folgte, schreckte ich ihn mit dem Hinweis auf seinen personellen Missgriff. Die Arbeit mit der Hochschul-Combo und die Gespräche mit potentiellen Lehrkräften wurden fortgesetzt. Nach etlichem Zögern waren einige „Tanzsinfoniker“ bereit, sich über Modalitäten zu informieren. Ich schlug dem Rektor vor, einige Kollegen mit einem Konzert in praxi vorzustellen. Er stimmte dem Vorhaben zu, allerdings nicht in Räumen der Hochschule! 15 JAZZ-FRÜHLING AN UNSERER HOCHSCHULE | Es wurde ein denkwürdiges Ereignis im Saal der Oberschule „Romain Rolland“: In der ersten Reihe saßen die Mitglieder der Hochschulleitung mit ernsten Mienen. Im seriösen Abendanzug musizierten Günter Hörig, Lothar Spiller und Siegfried Ludwig. Die Spannung löste sich, als sich der Rektor zunehmend animiert zeigte. Nun galt es, die Funktionäre des DDR-Kulturministeriums von der Notwendigkeit einer Ausbildung für Jazz und Popularmusik zu überzeugen. Fachkenntnisse waren bei den Verantwortlichen kaum vorauszusetzen. Obgleich einige Vorbehalte unter Hinweis auf die Wurzeln des Jazz als „Musik des anderen Amerika“ ausgeräumt werden konnten, verordnete man uns für das neue Studiengebiet die Tarnbezeichnung „Abteilung Tanz- und Unterhal- Siegfried Ludwig (dr), Günter Hörig (p) und Lothar Spiller (kb) im Jahr 1960 16 FRANK-HARALD GRESS | tungsmusik“ (vielgebrauchtes Kürzel: TUM). Es war mir eine Genugtuung, sofort nach der politischen Wende unsere Abteilung sach gerecht in „Fachgruppe Jazz/Rock/Pop“ umbenennen zu können. Aber auch in der Hochschule zeigten sich Barrieren. Ich gewann fast den Eindruck, dass „Klassiker“ und „Jazzer“ gleichsam auf unterschiedlichen Sternen lebten und nur wenige Musiker sich auf beiden Gestirnen heimisch fühlten – offenbar eine historisch gewachsene und berufspraktisch bedingte Situation mit Langzeitfaktor! Bei Demonstrations konzerten mit „meiner“ Combo für die einzelnen Fachabteilungen (auf Empfehlung der Hochschulleitung) spürten wir steife Reserviertheit bei vielen Kollegen, allerdings kaum bei den Studierenden. Es bewarben sich sogar etliche fachlich gut geeignete „Überläufer“. Bald wurden die ersten Lehraufträge ausgestellt und die ersten Aufnahmeprüfungen anberaumt. Aber damit ergaben sich neue Probleme. So standen für die Aufnahme prüfung des ersten Schlagzeugbewerbers – er hieß Günter Sommer – nicht einmal hochschuleigene Instrumente zur Verfügung. So trommelte er auf hölzernen Stuhlsitzen – und das mit überzeugender Musikalität und Technik! Ein Zufall half uns weiter: Die Hochschulcombo wurde zu einer Großveranstaltung der „Freien Deutschen Jugend“ delegiert. Für diesen politisch erwünschten Auftritt wurde uns ein Drumset aus der DDR-Produktion bewilligt. Immerhin! Aber die Beschaffung von Instrumenten und Tontechnik blieb bis zur politischen Wende ein aufreibendes und oft vergebliches Bemühen. Die Situation in „erster Stunde“ erforderte wesentliche Weichenstellungen. Ich konnte meine Kollegen dafür gewinnen, statt eines zunächst erwogenen Aufbau- oder Zusatzstudiums für „klassisch“ ausgebildete Studierende eine selbständige Vollausbildung aufzubauen, mit Diplomabschluss für den Studien gang Kapellenleiter. Ich entwarf ein Ausbildungskonzept, das allen Kompromissen aus dem Weg ging und sich in der Folgezeit bewährte. Dieses „Dresdner Modell“ war mit seiner Konsequenz neu und erstmalig in Europa. Es verlangte allerdings, auch die erforderlichen Ergänzungsfächer mit fachspezifisch modifiziertem Lehrinhalt durch Lehrkräfte des eigenen Bereichs zu komplettieren – ein langer Weg, der sich als ebenso richtig wie notwendig erwies. Zu diesen Lehrbereichen gehörten unter anderem Musiktheorie/Gehörbildung, Jazz- und Rockgeschichte, Ensemblespiel, für die Gesangsstudierenden Korrepetition, Sprecherziehung sowie Tanz und Bewegungslehre. In den Folgejahren kamen noch Improvisation, Satzgesang, Arrangieren und Komposition hinzu. 17 JAZZ-FRÜHLING AN UNSERER HOCHSCHULE | Zurück zur Anfangszeit: Im Herbst 1962 konnte eine „Tanzmusikklasse“ im Rahmen der Abteilung Orchesterinstrumente die Arbeit aufnehmen. Für drei Jahrzehnte leitete ich von nun an den Lehrbereich Jazz/Rock/Pop. Der erfolgversprechende Start stellte uns vor weitere dringende Aufgaben. Für den neuen Fachbereich waren Lehrpläne zu schaffen. Und es musste Studienmaterial erarbeitet werden, da wir Neuland in der DDR beschritten. Die Einfuhr „westlicher“ Noten war offiziell nicht gestattet und scheiterte ohnehin an fehlenden Devisen (auf dem Privatweg schlüpfte freilich einiges an den Kontrollen vorbei). Deshalb verfassten die Kollegen in kurzer Zeit eigene Unterrichtsliteratur. Sie wurde später von anderen Autoren ergänzt und als Verlagspublikation unter dem Titel „Studio Dresdner Tanzsinfoniker“ herausgegeben, wodurch sie weite Verbreitung fand. Mit unserem neuen Fachbereich standen wir als die „zuletzt Hinzugekommenen“ vor großen organisatorischen Problemen. Es fehlte an Mitteln für eine ausreichende Zahl von Lehraufträgen und erst recht an Planstellen. Erschwerend war die permanente Raumnot in der Hochschule. Anfangs stand uns im Haus Blochmannstraße nur ein einziges Zimmer zur freien Verfügung! Viele Fächer mussten deshalb in anderen Gebäuden und in den Privatwohnungen der Lehrkräfte unterrichtet werden, mit entsprechenden Belastungen für Kollegen und Studierende! Nur mit Mühe konnte die Aula für Konzertproben und Praktika immer wieder „erkämpft“ werden. Ein gefährlicher Rückschlag drohte mit dem Wirken von Hans-Georg Uszkoreit als Rektor von 1963 bis 1968. Als kulturpolitischer Hardliner ließ er seine Abneigung gegen den Jazz deutlich erkennen. Nach eigenem Bekunden habe er sich „immer dagegen gewandt, den Jazz salonfähig zu machen.“ Nach Uszkoreits Abberufung übernahm Siegfried Köhler das Rektorenamt. Mit seiner Unterstützung konnte 1969 ein wesentlicher Schritt getan werden: die organisato rische Herauslösung aus der Orchesterabteilung und die Gründung einer selb ständigen Fachabteilung. Diese Abteilung verfügte über zwei Studienrichtungen: Neu hinzu kam eine Studienrichtung Gesang. Hier wurde leitend und lehrend Hanns-Herbert Schulz tätig, der als behutsamer Stimm bildner die Anlagen und Neigungen seiner Studierenden verständnisvoll förderte. Es erwies sich allerdings als schwierig, weitere geeignete Gesangslehrkräfte für die gesamte Genrebreite – von Jazz, Rock und Pop bis zu Liedermachern – zu gewinnen. Trotzdem konnten etliche Absolventen mit individuellem künstlerischen Profil eine erfolgreiche Berufspraxis antreten. Die Instrumentalausbildung wurde unter der Obhut Günter Hörigs fortgesetzt. Sie konzentrierte sich auf 18 FRANK-HARALD GRESS | Mainstream-Jazz und die Vermittlung eines soliden „Handwerks“ in allen Instrumentalfächern. Zur Erweiterung des stilistischen Gestaltungsspielraums und im Interesse beruflicher Flexibilität der Absolventen erweiterte Gerhard Hiensch das Fach Gitarre auf mehrere Instrumententypen und Spieltechniken. Mit gleicher Absicht ergänzte Manfred Koza das Fach Drums durch eine Ausbildung am Orchesterschlagwerk. Unsere Abteilung unterstützte auch „Klassik-Studierende“ der Hochschule, die sich eine vielseitigere Berufseignung erwerben wollten. Sie konnten in Gruppenunterrichten unserer Abteilung hospitieren. In einem zusätzlichen Sonderkurs für Jazz-Stilistik arbeitete Günther Karpa mit Bläsern der Orchesterabteilung. Enger Kontakt bestand mit der Abteilung „Fern- und Abendstudium“. Diese Studienform beschränkte sich auf einen wöchentlichen Studientag und ergänzendes Selbststudium. Hier konnten sich Amateurmusiker weiterbilden, einen Studienabschluss erwerben (wichtig für die Ausstellung eines erstrebten „Berufsausweises“!) und auch für eine zusätzliche pädagogische Tätigkeit qualifizieren. Unsere Arbeit gewann rasch an Ausstrahlung. Unsere Absolventen wurden tätig in Jazzorchestern, Rundfunk-, Film- und Studioorchestern, namhaften Rockformationen und zahlreichen weiteren Ensembles. Und nicht zu vergessen: Zum Hochschulabschluss auf unserem Fachgebiet gehörte auch die pädagogisch-methodische Ausbildung. Hierdurch konnten unsere Absolventen neben ihrer musikpraktischen Tätigkeit auch an den vielen Musikschulen des Landes fachspezifisch unterrichten, somit die Stafette weiter tragen und schon im Anfängerunterricht die entsprechenden stilistischen Grundlagen vermitteln. Diese Frühausbildung der Talente ermöglichte eine größere Breitenwirkung und die Gewinnung gut vorgebildeter Studienbewerber. 1969 folgten die übrigen Musikhochschulen der DDR dem Dresdner Vorbild mit dem Aufbau entsprechender Fachabteilungen. Gleichzeitig mit der Gründung der Fachabteilung richtete ich „Ferienkurse“ ein – eine Dresdner Sonderlösung. Unter Mitarbeit der Lehrkräfte unserer Abteilung, aber auch zahlreicher Gastdozenten, fanden mit sehr starker Beteiligung jährlich jeweils ein Instrumental- und ein Vokalkurs statt. Diese Kurse standen unseren Studierenden ebenso offen wie Berufs- und Amateurmusikern, Musikpädagogen und Studienbewerbern. Teilnehmer waren auch Absolventen der Musikschulen und des „Zentralen Studios für Unterhaltungskunst“ Berlin. Die Kurse kamen dem breiten Wunsch nach fachspezifischer Aus- und Weiterbildung entgegen. Zum Arbeits programm 19 JAZZ-FRÜHLING AN UNSERER HOCHSCHULE | gehörten neben dem jeweiligen Hauptfach auch theoretische und praktische Ergänzungs fächer. Viele junge Teilnehmer, die wir oft über mehrere Jahre in den Kursen betreuten, konnten gezielt auf ein Studium vorbereitet werden. Die Ferienkurse erfüllten unter DDR-Bedingungen auch eine weitere wichtige Funktion: Wir konnten (da ich nicht an staatlich sanktionierte Lehrpläne gebunden war) durch Informationen über aktuelle internationale Trends der kulturellen Abschottung entgegenwirken, die gerade unser Fachgebiet belastete. Ein wesentliches Anliegen war mir die öffentliche Präsentation der Leistungen unserer Studierenden und Absolventen. Die unterschiedlichen Veranstaltungsformen reichten von öffentlichen künstlerischen Examina über „Musizierstunden“ einzelner Fach gebiete bis zu den „Podien“ (Gesangsprogramme mit unterschiedlichen Instrumentalformationen) und Bigband- Konzerten. Weitere Auftrittsmöglichkeiten boten die Dresdner „Schulkonzerte“, die als Ergänzung des Musikunterrichts fest in das Schulsystem integriert waren. Auch die facettenreichen Abschlusskonzerte der Sänger- Ferienkurse lockten regelmäßig eine erwartungsfrohe große Hörerschar. Dazu kam die von mir geschaffene und geleitete Veranstaltungsreihe „Die Orgel von Bach bis Beat“ (späterer Titel „… vom Barock bis zum Rock“). Anliegen dieser 1974 für den Dresdner Kulturpalast konzipierten Program- Eröffnung eines „Ferienkurses“ 1979 20 | FRANK-HARALD GRESS me waren Brückenschläge zwischen „E- und U-Musik“ und klingende Instrumentenkunde. Das Konzept war unter anderem angeregt durch mein Arbeitsgebiet der Orgelforschung und -planung. Zu den Mitwirkenden dieser Konzerte gehörten Kollegen und Studierende unserer Fachabteilung sowie prominente Musiker und Ensembles aus der DDR und den östlichen Nachbar ländern. Beteiligt waren „klassische“ Organisten, Jazz-Ensembles und Rock formationen. Auch ich konnte als Organist Neues beitragen. Bei amüsanten Improvisationsrunden anhand von Publikumswunschthemen ließen „Klassiker“, Jazz- und Rockmusiker ihrer Phantasie und ihrem Temperament freien Lauf. Die Reihe profitierte davon, dass Absolventen unserer Hochschule namhafte Rockformationen wie „Stern Combo Meißen“, „Electra“ und „Lift“ bildeten, die sich dem „Progressive Rock“ verschrieben und unter anderem mit Klassik-Adaptionen hervortraten, die sehr breites Interesse fanden. Bald gastierten wir mit diesen Programmen auch in den großen Sälen anderer Städte, in denen ich einige von mir disponierte Orgeln vorstellen konnte. Diese Veranstaltungen, die unterschiedliche Genres und Stile und ihre mögliche Fusion demonstrierten, fanden bald ungezählte Nach ahmungen, was ich durchaus als Erfolg verbuche. Frank-Harald Greß bei einem Konzert der Reihe „Die Orgel vom Barock bis zum Rock“ im Kulturpalast Dresden 1975 21 JAZZ-FRÜHLING AN UNSERER HOCHSCHULE | Es war ein Glücksumstand, dass ich in meiner Berufslaufbahn neben anderen Lehr- und Forschungsaufgaben auf einem so bedeutsamen, wenn auch anfangs risikoreichen Tätigkeitsfeld arbeiten konnte. Meine bleibende Dankbarkeit gilt allen meinen engagierten Mitstreitern, die mit Fachkompetenz und anspornender Vorbildwirkung eine immense Aufbauleistung vollbrachten. Es würde den Rahmen dieses knappen Rückblicks sprengen, alle Lehrkräfte zu nennen, die sich in den ersten Jahrzehnten große Verdienste erwarben, und unsere vielen erfolgreichen Absolventen aufzuzählen. Deshalb sei an dieser Stelle nur der verstorbenen Kollegen in großer Anerkennung ihres Wirkens gedacht, die mit mir 1962 den Schritt ins Neuland wagten: Willy Baumgärtel, Walter Hartmann, Günter Hörig, Günther Karpa, Siegfried Ludwig, Lothar Spiller und Walter Wirsig. Wir Dresdner dürfen stolz darauf sein, dass an unserer Musikhochschule als erster in Deutschland frühzeitig und trotz immens erschwerender Bedingungen eine eigen ständige Jazz- und Popularmusik-Ausbildung geschaffen werden konnte. Und ich erlebe mit großer Freude, wie die Nachfolge - Generationen Lehrender und Lernender mit beeindruckenden Leistungen neue Maßstäbe setzen und damit den Gründern des Studienzweiges alle Ehre erweisen. Frank-Harald Greß studierte an der Dresdner Musikhochschule, danach Musikwissenschaft, Kunstgeschichte und Orgel an der Universität Leipzig. Promotion und Habilitation vervollständigten seine wissenschaftliche Laufbahn. Er lehrte als Professor für Musikwissenschaften an der Dresdner Hochschule. Hier gründete und leitete er auch die Jazz/Rock/Pop-Ausbildung. Außerdem wirkt er, seit 1993 freiberuflich, als Orgelforscher und -planer sowie als Autor zahlreicher Veröffentlichungen. www.frank-harald-gress.de 23| Try To Remember Rainer Lischka Als Kompositionsstudent war es für mich äußerst spannend, die ersten Schritte und das Wachsen der damals neuen Abteilung für Tanz- und Unterhaltungsmusik mitzuerleben. Noch aufregender war es sicherlich für den jazz-begeisterten Musikwissenschaftler Frank-Harald Greß, der mit der Leitung betraut wurde und der damit viel Verantwortung auf sich genommen hatte. Waren doch so wichtige Dinge wie künstlerisches Profil, Lehrkräfte-Verpflichtung, Praxisbezug der Studieninhalte, Stundentafel, Prüfungsgestaltung, Öffentlichkeitsarbeit und vieles andere völlig neu zu durchdenken und umzusetzen. Auf jahrzehntelange Erfahrungen, wie sie in den klassischen Abteilungen bestanden, konnte man nicht zurückgreifen. Auch die ersten Hauptfach-Lehrkräfte aus den Reihen der „Dresdner Tanzsinfoniker“ waren vor neue Aufgaben gestellt. Zum einen war nicht abzusehen, ob das neue Lehrangebot erfolgreich werden und bleiben könnte. Zum anderen fragte sich der eine oder andere womöglich, ob und wie man wohl schulischen Unterricht und musikalische Berufspraxis miteinander 24 | RAINER LISCHKA vereinbaren könnte. Außerdem fehlte jegliches Unterrichtsmaterial, an dem man Anhaltspunkte hätte finden können. Die ungewohnte Aufgabe an einer Hochschule zu unterrichten, wurde jedoch mit Elan und Zuversicht angegangen. Erziehung zum differenzierten Hören, besonders im Hinblick auf jazz-spezifische Tonbildung, stilistische Besonderheiten, Zusammenspiel und Improvisation bildeten von Anfang an Schwerpunkte, die bis heute gelten. Trotz Wichtigkeit der Improvisation sollte selbstverständlich auch das Spiel notierter Musik gepflegt werden. Gedruckte Spezialarrangements gab es kaum. Sie selbst herzustellen war die Devise. Mit den Arrangements der Lehrkräfte, zunehmend aber auch der Studierenden, entstand bald ein umfangreicher Fundus. Einen besonderen Platz nehmen in der klassischen Ausbildung die Etüden ein. Spieltechnische Probleme sollen durch variantenreiche Wiederholungen geübt und bewältigt werden. Etwas Derartiges für Jazzer fehlte zunächst völlig. So schrieben die Dozenten für das jeweilige Hauptfach ihre Studien selbst. Es entstand die Reihe „Rhythmisch-stilistische Studien“ und wurde veröffentlicht. Hier standen neben den sich steigernden technischen Anforderungen vor allem jazzspezifische Phrasierung und Artikulation im Fokus. Es ist beachtlich und erfreulich, dass diese Studien auch heute noch erhältlich und im Gebrauch sind (Reihe „Studio Dresdner Tanzsinfoniker“ bei Breitkopf & Härtel). Titelseite eines Heftes der Reihe „Studio Dresdner Tanzsinfoniker“ 25| TRY TO REMEMBER Ich erinnere mich noch genau daran, wie das neue Studienangebot in der Hochschulöffentlichkeit kritisch und oft auch etwas überheblich betrachtet wurde. Das ist zum Teil verständlich, wenn man sich klar macht, welche gravierenden Unterschiede, ja in mancher Hinsicht geradezu Gegensätze, bestehen. So ist die Tongebung, vor allem bei Sängern und Bläsern, nicht einem Klangideal und einem bereits weitgehend fertig ausgearbeiteten Werk verpflichtet, sondern es geht, vor allem im Solospiel, um eine möglichst individuell geprägte Erfindung mit vielfältigen Nuancen in der Intonation (blue notes, dirty tones), beim Anblasen, bei Tonverbindungen, Verwendung verschiedener Dämpfer, Geräuschbeimischungen u. ä. Der für die klassische Musik so wichtige Begriff „Werktreue“ ist hier also gar nicht möglich. So musste Frank-Harald Greß wohl oft gegenüber skeptischen Kollegen oder – noch schwieriger – engstirnigen Funktionären im Rektorat und den Ministerien, Rede und Antwort stehen. Durch seine „Schutzschild-Taktik“ und die Erledigung der umfangreichen, leidigen administrativen Arbeit hielt er seinen Kollegen den Rücken für einen unbeschwerten Unterricht frei. Später, als ich selbst als Lehrbeauftragter Mitglied der Abteilung war, be kam ich nach und nach eine Ahnung von diesen unerquicklichen und zähen Disputen. Durch öffentliche Vorspiele und Konzerte, zunächst nur in kleiner Besetzung, später auch immer häufiger mit der Bigband, kam aber allmählich ein erfreulicher Anerkennungsprozess in Gang. Etliche Kollegen und Studierende der klassischen Zunft waren zunehmend interessiert, ja sogar begeistert. Das öffentliche Interesse wuchs ebenfalls, sodass die Konzerte immer, wie heute, sehr gut besucht waren. Schließlich wurde das Fernsehen aufmerksam, und mit der neuen Abteilung wurde 1982 eine komplette Sendung gestaltet. Hinzu kam die von Frank-Harald Greß initiierte und geleitete Konzertreihe „Die Orgel von Bach bis Beat“. Hier zeigte sich dieser nicht nur als fachkundiger Orgelspezialist am Instrument, sondern auch als Moderator, der eingeladene Orgel-Solisten, aber auch Bigbands oder Rockgruppen vorund gegenüberstellte. Die Reihe wurde im Dresdner Kulturpalast begründet und war auch in anderen Städten sehr erfolgreich. Die Dresdner Tanzsinfoniker, von deren musikalischer Arbeit es leider nur wenige Tonaufzeichnungen gibt (z. B. die LP „Jazz mit Günter Hörig“, 1964) wirkten durch ihr Vorbild, ihre fachliche Autorität. Insbesondere war das kritische, unbestechliche Gehör von Günter Hörig bekannt. Da hatte mancher Student vor seinem Vorspiel eine unruhige Zeit. Bei Prüfungen war die anschließende Auswertung und Kritik sachlich und von Wohlwol- 26 | RAINER LISCHKA len geprägt. Im Unterricht wurde ein freundschaftliches, partnerschaftliches Verhältnis von Lehrer zu Student gepflegt, getragen von gegenseitigem Vertrauen, das für den künstlerischen Unterricht so wichtig, ja notwendig ist. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, dieses Vertrauensverhältnis zwischen Lehrer und Student aufzubauen, auch über einen längeren Zeitraum durchzuhalten und mit jedem Jahrgang neu herzustellen. Immer wieder überrascht eine neue Generation mit ihren Interessen und Ansprüchen. So drangen bald die politischen Erschütterungen der Sechzigerjahre mit jugendlichem Aufbegehren, wenn auch stark abgeschwächt, bis nach Dresden. Auf musikalischem Gebiet äußerte sich das im Aufkommen und in schneller Verbreitung neuer Stile oder Moden. In der populären Musik war eine Hinwendung zu einem neuen Klangideal zu beobachten. Es war gekennzeichnet von rockiger Phrasierung, einfacher, von der Grifftechnik der Rhythmusgitarre kommender Harmonik. Überhaupt ging die Entwicklung zum an der Gitarre orientierten und durch vielfältige technische Verfahren generierten oder verfremdeten Sound. Die neue Zauberformel hieß „Beat“, die Frühform der Rockmusik. Auf der anderen Seite zeigten sich neue jazzige Spielarten. Eine Abkehr von herkömmlichen Stilen schien das Gebot der Stunde. Lizenz-LPs von AMIGA (auch polnische, tschechische und ungarische Produktionen) machten verschiedenste klangliche Beispiele dafür zugänglich. Der Begriff „Free Jazz“ übte eine große Faszination aus und begeisterte bald mehr und mehr DDR-Jazzer, auch als Ausdruck ihrer Rebellion gegen die staatliche, auf Parteitagen festgelegte Kulturpolitik. Allerlei Hörempfehlungen, Tape-Umschnitte, auch Geheimtipps zur Jazzwerkstatt in Peitz machten die Runde, mit denen Günter Baby Sommer und das „Zentralquartett“ das Zentralkomitee der SED auf die Schippe nahm. Der Beginn der Ausbildung an der Hochschule war stark vom Swing und von der Persönlichkeit Günter Hörigs geprägt. Es gab zunächst kaum Diskrepanzen zur Tanzmusik, die später mit dem Durchbruch des Rock stärker wurden. Sie flossen auch nach und nach in den Studienbetrieb ein, zunächst durch die individuellen Vorlieben einiger Studierender. Neue Titel, neue Spielarten bereicherten allmählich die Programme der Prüfungskonzerte. Zum gelegentlichen Vorwurf, die Ausbildung sei zu einseitig, zu stark an der Tradition orientiert, sei vermerkt, dass es wohl ein ständiges Problem eines künstlerischen Unterrichts war, ist und sein wird, dass die Lehrenden nicht zwingend das gleiche stilistische, auch von der jeweiligen Mode geprägte Ideal haben. Gerade die Bereiche Jazz, aber auch Pop und verwand- 27| TRY TO REMEMBER te Spielarten unterliegen ja sehr schnell jeweils aktuellen Trends, aber auch den Anforderungen des Musikbetriebes, sodass es für einen Schulbetrieb immer daraus erwachsende Spannungen geben kann, ja geben muss. Um einer vermeintlichen Einseitigkeit entgegen zu wirken, wurde ein Kurssystem geschaffen (zunächst sog. „Ferienkurse“), das nach der Wende mit international renommierten Gastdozenten ausgebaut werden konnte. Dazu kam die Möglichkeit für die Studierenden, an anderen Hochschulen der Welt Gastsemester zu absolvieren. Mitunter führten diese auch schon dazu, die heimische Ausbildung aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten und neu zu bewerten, vielleicht sogar wieder mehr zu schätzen. Diskrepanzen traten dann auch immer mal wieder im Studienalltag zutage. Dennoch sei deutlich herausgestellt, dass auch sehr individuell geprägte stilistische Neigungen der Studierenden akzeptiert wurden. Die Musiker um Günter Hörig waren ein Beispiel für Vielseitigkeit. Sie waren im Aufnahmeraum des DEFA-Trickfilmstudios in Dresden-Gittersee wegen ihrer Improvisations- und kompositorischen Fähigkeiten und ihrer Wendigkeit gern und häufig verpflichtete Gäste. Bei Turniertanz-Wettbewerben waren ihre Stil- und absolute Temposicherheit sehr gefragt. Aber auch ungewöhnliche Projekte und Experimente gehörten zu ihren speziellen Fähigkeiten. So waren die Tanzsinfoniker am 18. März 1966 anlässlich eines Konzertes der Dresdner Philharmonie als mitwirkende Gäste eingeladen. Auf dem Programm stand das „Concerto for Jazzband and Symphony Orchestra“ (1954) des Schweizer Komponisten und Intendanten Rolf Liebermann. (Das Konzert wurde in Donaueschingen uraufgeführt. Man kann es bei YouTube mit dem SWR-Sinfonieorchester Baden-Baden und Solisten vom Orchester Kurt Edelhagen nachhören.) Ich habe die Dresdner Aufführung im Hygiene-Museum als Zuhörer miterlebt und war, wie wohl das gesamte Publikum einigermaßen verblüfft, wie gut die Ausführung dieses eigentümlichen Werkes gelang. Günter Hörig, bei dem ich damals einen Zusatz-Kompositionsunterricht erhielt, hatte mir vorher die Klavierstimme gezeigt, die durch ihre an Zwölftontechnik angelehnte Struktur ein gehöriges Pensum an Lese- und Übungsfleiß verlangte, insbesondere der sechste Satz „Boogie-Woogie“. Die Mitwirkung der Tanzsinfoniker wurde durch damalige Studenten komplettiert. Der Posaunensatz mit Willy Baumgärtel an der Basstrompete wurde durch die Studenten Siegmar Schlage und Konrad (Conny) Bauer ergänzt. Alle „Jazz-Gäste“ erhielten am Ende Sonderapplaus, auch von den Philharmonikern. In der Abteilung TUM gab es regelmäßig Konzerte, auch außerhalb der Hochschule, die stets sehr gut besucht waren, was sich ja glücklicherweise 28 | RAINER LISCHKA bis heute so fortgesetzt hat. Die nötigen Arrangements, vor allem für die Bigband, aber auch für verschiedene andere Ensembles gab es nicht zu kaufen, sodass sich hier ein reiches Betätigungsfeld für Dozenten und Studenten ergab. Dabei verblüffte so manch erstaunliche Gehörleistung beim Nachspielen berühmter Vorbilder. Auch theoretische Fachliteratur war kaum zu bekommen. Von Bekannten erhielt ich die erste Ausgabe des „neuen jazzbuchs“ von Joachim Ernst Berendt (Fischer Bücherei, 1959). In Budapest konnte man auch mal fündig werden. Die zwei Bände „Jazzharmonik“ von Axel Jungbluth hatte ich dort erwerben können. Die Gestaltung des theoretischen Unterrichts, mit dem ich ab 1970 betraut wurde, war eng mit dem Fach Gehörbildung verbunden und auf grundlegende tonsetzerische Fähigkeiten orientiert (melodische Qualitäten, Satzübungen, Bassstimmen, Instrumentenkenntnisse, rhythmische Übungen, Blattsingen, Durchspielen harmonischer Folgen am Klavier, Korrektur- Hören). Die „Sterncombo Meißen“ beim Konzert zum 25. Jahrestag der DDR im Studiotheater des Kulturpalastes Dresden (1974) 29| TRY TO REMEMBER Zu analysierende Beispiele wählte ich aus allen möglichen Epochen und Stilarten. Viele Erfindungsübungen sollten auf die unendlichen Möglichkeiten melodischer, rhythmischer und harmonischer Struktur und Verknüpfung aufmerksam machen. Unter den sogenannten Fernstudenten waren auch die jungen Bandmitglieder von LIFT und STERNCOMBO MEISSEN. In ihnen hatte ich außerordentlich aufmerksame und interessierte junge Musiker vor mir, die die gestellten Aufgaben, mögen sie auch manchmal recht abstrakt gewesen sein, engagiert und mit wachsendem satztechnischen Können erfüllten. Allerdings muss man aus heutiger Sicht kritisch feststellen, dass die notwendigen fachspezifischen Belange von der damals üblichen Musiktheorie nicht optimal behandelt wurden. Ich sehe das zumindest so selbstkritisch für meinen damaligen Unterricht. So wurde die heute längst international übliche Stufenbezeichnung der Akkorde erst später konsequent verwendet. Die auf dem Quintfall basierende Funktionsbezeichnung kann bei der Entwicklung des harmonischen Verständnisses durchaus behilflich sein. Allerdings kommt man, auch bei vielen Standards, bald an ihre diesbezüglichen Grenzen. Gar nicht theoretisch waren die gut zu verwendenden Arrangements von Günter Hörig, Günther Karpa, Manfred Pieper, Walter Hartmann, Willy Baumgärtel und Rolf Haerting. Letztgenannter hatte eine große Samm- Hans Schulze, Leiter der Abteilung Fern-und Abendstudium und Lehrkraft für Musiktheorie 30 | RAINER LISCHKA lung sehr gut klingender Gesangssätze geschrieben, die im Fach Satzgesang einstudiert wurden und stets Höhepunkte bei Podien waren (eigenartiger Weise meist von Instrumentalisten gesungen). Das Fach Arrangieren hatte der Geiger Siegfried Pfeiffer über 20 Jahre unterrichtet. Er war Mitglied der Staatskapelle Dresden (damalige Bezeichnung) und hatte sich autodidaktisch, verbunden mit einem ausgezeichneten Gehör, ein großes theoretisches Wissen und satztechnische Fertigkeiten angeeignet. Seinen Erfahrungsschatz hatte er in Beiträgen für die Zeitschrift „Melodie und Rhythmus“ in über siebzig Folgen veröffentlicht. Die zwei Teile erschienen als „Die Harmonik der modernen Tanz- und Unterhaltungsmusik“ und „Die Instrumentation der modernen Tanz- und Unterhaltungsmusik“. Anhand kurzer, instruktiver zwei- bis neunstimmiger Beispiele wurden geschickt verschiedene Satztechniken erläutert. In Verbindung mit seiner praktischen Erfahrung als Arrangeur war das wohl für so manchen Studierenden eine wahre Fundgrube für das Erlernen grundlegender Satztechnik. Als Beispiel für produktive Kooperationen aus späterer Zeit sei die Zusammenarbeit der beiden Posaunenlehrer Hans Hombsch (Sächsische Staatskapelle) und Henry Walther (Posaunist der Leipziger Rundfunk Bigband und gefragter Arrangeur) genannt. Der Hauptfachunterricht erfolgte zu gleichen Teilen bei zwei Lehrern. Viele Absolventen bestätigten den Vorteil dieses dualen Verfahrens, nicht nur mit Worten sondern durch den beruflichen Erfolg, den sie durch ihre Vielseitigkeit erreichen konnten. Meine Erinnerungen möchte ich auf diese Eindrücke vom Anfang der Abteilung TUM, der späteren Fachrichtung Jazz/Rock/Pop, beschränken. Viele Absolventen haben ihr handwerkliches Rüstzeug für ihre Laufbahn hier erhalten. Indirekt fühle ich mich auch inbegriffen. Ich war zwar als Student weiterhin bei der Komposition und Musikerziehung eingeschrieben, habe aber durch meine Jazz-Kommilitonen und den bereits erwähnten Unterricht bei Günter Hörig vieles lernen können, was mich bis heute als Komponist geprägt hat und was ich wohl vermissen würde, hätte ich mich auf mein reguläres Studienpensum beschränkt. Der erste und langjährige Abteilungsleiter Frank-Harald Greß und die ersten Lehrkräfte haben den Grundstein für eine große, bis heute erfolgreiche und stark öffentlichkeitswirksame Studienrichtung gelegt. Rainer Lischka wurde 1942 in Zittau geboren. Nach dem Abitur studierte er Musikerziehung und Komposition an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. Seine Lehrer waren Manfred Weiss, Johannes Paul Thilman, Günter Hörig und Conny Odd (Komposition) sowie Theo 31| TRY TO REMEMBER Other und Wolfgang Plehn (Klavier). 1970-2007 unterrichtete er an der Dresdner Musikhochschule Musiktheorie, Gehörbildung und Komposition/Arrangieren. 1992 wurde er zum Professor berufen. Zahlreiche seiner Kammermusik- und Orchesterwerke wurden von der Staatskapelle Dresden und Musikern der Dresdner Philharmonie erfolgreich uraufgeführt. Besonders in seinen Werken für Kinder und Jugendliche zeigt sich immer wieder sein Sinn für Leichtigkeit und Humor. www.lischka-kompositionen.de 33| Vom Raachermannl zum Baby Stefan Gies Als ich im Winter 1995/96 meine Tätigkeit in Dresden begann, nahm ich in den ersten Wochen Quartier in einer der Hochschulwohnungen unterm Dach des Gebäudes auf der Grünen Straße. Dort traf ich eines Tages beim Frühstück auf Günter Baby Sommer. Auch er hatte – beinahe zeitgleich mit mir – eine Professur an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden angetreten und pendelte zunächst von Konstanz nach Dresden. Für Dresden, und auch für die Hochschule für Musik, war die Mitte der Neunziger Jahre eine Zeit der Neugierde und des Aufbruchs. Der Sturm, der mit den gesellschaftlichen Umwälzungen durchs Land gefegt war, hatte auch in der Hochschule für Musik Spuren hinterlassen. Aber nun klarte es langsam auf, und man konnte sich daran machen, die Dinge konstruktiv zu gestalten und neu zu denken. Dass die Jazz/Rock/Pop-Abteilung damals die Gunst der Stunde genutzt hat, lag keineswegs auf der Hand und verdankt bei näherem Hinsehen einer glücklichen Koinzidenz der Ereignisse. Mit Siegfried Ludwigs Eintritt in den Ruhestand war eine Ära zu Ende gegangen. Schnell wurde klar, dass ein Nachfolger zwar auf dessen verdienst- 34 | STEFAN GIES voller Arbeit aufbauen, aber nicht nahtlos an ihr anknüpfen könnte. Zu verschieden waren die Rahmenbedingungen in der alten und der neuen Zeit. Als man einen Nachfolger für ihn suchte, war es zunächst reiner Zufall, dass man jemanden fand, der das „Raachermannl“ (den Spitznamen verdankte Siegfried Ludwig seiner Leidenschaft des Kettenrauchens, der er damals auch in den Diensträumen der Hochschule noch uneingeschränkt frönte) in doppelter Funktion ersetzen konnte: als Leiter der J/R/P-Abteilung und als Lehrender im Fach Schlagzeug. Günter Sommer machte sich nun daran, eine Abteilung zu formen, die viele im Haus noch Mitte der 1990er Jahre „Die Tanzmusik“ nannten. Er folgte dabei einer Vision, die am Jazz vor allem das Element der Freiheit und der Spontaneität der musikalischen Erfindung betonte. Er tat das in einer gesunden Mischung aus Konsequenz und Rücksichtnahme gegenüber gewachsenen Strukturen, über die er zwar immer mal wieder die Nase rümpfte, die er aber nicht zerstörte. Dass er all das unbeschadet tun konnte und dass es die Abteilung nicht nur überlebte, sondern daraus die Kraft sog, zu einer Vorzeigeabteilung der Hochschule aufzusteigen, wäre vermutlich nicht möglich gewesen, würde nicht Günter Sommer zu den Dresdner Künstlern zählen, die in der Stadt etwas gelten und zugleich draußen in der Welt einen Namen haben. Vor diesem Hintergrund konnte er seine langjährigen Kontakte zur internationalen Jazzszene nutzen, um immer wieder hochkarätige Gäste nach Dresden einzuladen. Daneben kümmerte er sich aber auch systematisch um eine Verjüngung und Öffnung des Lehrkörpers. Céline Rudolph und Marko Lackner gehörten zur ersten Generation derer, die der Abteilung ein neues Gesicht gaben, aber auch diejenigen mitnahmen und inspirierten, die schon länger hier wirkten, darunter zu Urgesteinen der Abteilung gewordene Kollegen wie Jäcki Reznicek, Jens Wagner und Ralf Beutler. Überhaupt gehört es bis heute zu kennzeichnenden Merkmalen der Fachrichtung, von einem Lehrkörper getragen zu sein, der sich als Kollektiv versteht. Hier gibt es nicht „mein Schüler“ und „dein Schüler“, man freut sich gemeinsam über Erfolge und trägt gemeinsam Verantwortung für die Dinge, die im künstlerischen Werdegang einzelner Studierender nicht so laufen, wie man sich das wünscht. Den Hauptfachunterricht auf mehrere Köpfe zu verteilen, ist eher die Regel als die Ausnahme, und selbst wenn ein Saxophonist den Wunsch äußert, er möchte gern für zwei Semester seinen Hauptfachunterricht bei einem Pianisten oder Schlagzeuger nehmen, wird das ermöglicht. Man ist eben Musiker, und nicht Saxophonist oder Drummer. 35| VOM RAACHERMANNL ZUM BABY Vergleicht man die Dresdner Fachrichtung J/R/P in jenen Jahren mit denen an anderen deutschen Musikhochschulen, so fällt vor allem die stilistische Breite ins Auge, die hier gepflegt wird, wobei die jeweilige Schwerpunktsetzung je nach Instrument und Professur sichtbar unterschiedlich sein konnte. So war der Rock eher im Bass zu Hause, der Free Jazz im Schlagzeug, Weltmusik in der Gitarre und der gepflegte Mainstream im Klavier. All das hinderte die Protagonisten nicht daran, regelmäßig zum gemeinsamen Spiel auf einem der legendären Jazz-Summits zusammenzufinden. Dass die Dresdner Fachrichtung J/R/P eine der ersten Musikhochschulen in Deutschland war, die sich auch den Schulmusikern öffnete und schließlich auch im Landesgymnasium für Musik Fuß fasste, stellt einen besonderen Aspekt ihrer durchaus ungewöhnlichen Offenheit dar. So war die Fachrichtung J/R/P der Hochschule für Musik Dresden mit Beginn des neuen Jahrhunderts nicht nur zur Heimstatt einer der attraktivsten Jazzausbildungen in Deutschland geworden, sondern auch zum Motor der Innovation innerhalb der Dresdner Hochschule. Anfang 2008 fanden die Vorstellungen um die Nachfolge von Günter Sommer als Leiter der Fachrichtung statt. Allein das attraktiv besetzte Bewerberfeld ließ aufhorchen, und als schließlich Till Brönner den Zuschlag erhielt, zog die hier schon immer erfolgreich geleistete Arbeit plötzlich auch das Interesse der Medien auf sich. Brönner setzte neue Impulse und zeigte Wege auf, die an dieser Hochschule bislang wenig begangen waren. Das Dozenten-„Jazztet“ 2005 mit Ralf Beutler, Jens Wagner, Céline Rudolph, Günter Baby Sommer, Marko Lackner, Jäcki Reznicek und Joachim Hesse (v.l.n.r.) 36 | STEFAN GIES Daraus eine nachhaltige Weiterentwicklung der Fachrichtung werden zu lassen, verbindet sich aber mit anderen Namen, zu denen neben Thomas Zoller unter anderem Malte Burba, Esther Kaiser, Matthias Bätzel, Sebastian Merk, Eric Schäfer, Thomas Fellow, Finn Wiesner, Simon Harrer und Sebastian Studnitzky gehören. In meiner Eigenschaft als Leiter des Verbandes der europäischen Musikhochschulen sehe ich die Dresdner Hochschule inzwischen eher aus der Vogelperspektive. Nach wie vor sind es die Breite und die Offenheit, die als besonderes Merkmal der Dresdner J/R/P-Ausbildung auch im internationalen Vergleich hervorstechen. So hat sie einerseits der Gefahr widerstanden, einer allzu einseitigen Ausrichtung am akademisierten Neo-Bebop anheimzufallen, andererseits ist sie aber auch überschaubar genug geblieben, um individuelle künstlerische Interessen und Neigungen auch tatsächlich individuell betreuen und fördern zu können. Stefan Gies lehrte von 1996 bis 2018 als Professor für Musikpädagogik und Leiter der neu gegründeten Lehramtsstudiengänge an der Hochschule für Musik Dresden. Von 2003 bis 2010 stand er dem Haus als Rektor vor. Seit 2015 ist er geschäftsführender Leiter (CEO) des Verbandes der europäischen Konservatorien und Musikhochschulen (AEC) mit Sitz in Brüssel. Antrittskonzert von Till Brönner (Mitte) am 9. November 2009 im Rahmen der Jazztage Dresden mit Stephan Bormann (g), Tom Götze (kb), Michael Griener (dr), Céline Rudolph (voc), Jörg Ritter (perc), Finn Wiesner und Thomas Zoller (sax) sowie Micha Winkler (pos) (v.l.n.r.) 37| Die Zeit des Übergangs und der Profilierung Ralf Beutler Der Beginn meiner Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik Dresden fiel in die turbulente Wendezeit. Schneller als erhofft erfüllte sich mein Jugendtraum, eine professionelle Tätigkeit im Bereich der Gitarrenausbildung aus- üben zu können. Nach mehrjähriger Erfahrung durch die frühzeitige Arbeit an Musikschulen bot sich mir 1988, unmittelbar im Anschluss an mein Studium, die Möglichkeit, eine künstlerische Assistenz im Bereich der Ausbildung Jazz/Rock/Pop, damals noch unter dem Namen „Abteilung für Tanzund Unterhaltungsmusik“ (TUM), zu übernehmen. Die Spannungen der Wendezeit erlebte ich aufgrund vieler Auftritte in ganz Ostdeutschland einschließlich eines Konzertes am Tag der Maueröffnung am 9. November 1989 in Berlin hautnah. Einhergehend mit den dramatischen politischen Umwälzungen wurde mir schnell klar, dass sich auch an der Musikhochschule in Dresden künftig große Veränderungen ergeben würden. Ich war jung und widmete mich fortan hochmotiviert meiner weiteren künstlerischen und pädagogischen Entwicklung. 38 | RALF BEUTLER Die Gitarrenklasse Im Bereich der Gitarrenausbildung waren die verdienstvollen Kollegen Walter Wirsig und Gerhard Hiensch gerade in den Ruhestand getreten und übergaben „ihrem Assistenten“ den Staffelstab. Auf der Suche nach geeigneten Mitstreitern wurde meine Aufmerksam keit durch den damaligen Kollegen Detlef Bunk auf den virtuosen Akustik-Gitarristen Thomas Günther (Fellow) gelenkt, der gerade mit dem von Jazz und Soul geprägten Projekt „Friend & Fellow“ für Furore sorgte. Bei einem ersten Treffen mit ihm im Frühjahr 1992 zeigte er sofort Interesse an einer Mitarbeit und sprühte vor Ideen. Wir waren uns einig, die duale Ausbildung des seit 1972 an der Dresdner Hochschule arbeitenden Vor gängers Gerhard Hiensch beizubehalten und weiter zu profilieren. Seine wegweisende Praxis bestand darin, neben dem Hauptfachstudium J/R/P konsequent klassische und folkloristische Lehrinhalte zu integrieren. Die wesentliche Innovation bestand nun darin, das Studium der Akustischen Gitarre als eigen ständigen Studiengang zu etablieren und dabei konsequent mit der Ausbildung im Bereich Jazz zu vernetzen. Walter Wirsig und Gerhard Hiensch zu Beginn ihrer Tätigkeit an der Hochschule 39| DIE ZEIT DES ÜBERGANGS UND DER PROFILIERUNG Thomas Fellow wollte jungen, kreativen und selbst komponierenden Gitarristen eine neuartige Studienmöglichkeit eröffnen. Anstelle einer weiteren Hauptfachklasse für Konzertgitarre wurde in Dresden ein stilistisch offener und eigenständiger Bereich für „Akustische Gitarre“ geschaffen. Mit dem jungen, aufstrebenden, stilistisch vielseitigen Jazz- und Fusion-Gitarristen sowie Komponisten Stephan Bormann konnte 1994 eine ideale Ergänzung für die Leitung einer E-Gitarren-Hauptfachklasse in Dresden gewonnen werden. Frank Hill, zu dieser Zeit Vorsitzender der „European Guitar Teacher Association“ und Herausgeber einer wegweisenden Gitarrenschule, ergänzte das Team als Experte im Bereich der klassischen Gitarre. Das nun im Kern auf vier Hauptfach dozenten erweiterte Kollegium wurde zum Ausgangspunkt für eine völlig neuartige, zeit gemäße und die Kreativität fördernde Gitarrenausbildung. In dieser Zeit ent stan den Ideen und Initiativen mit gro- ßer Außenwirkung, wie das String Spring Festival und später der European Guitar Award. Die Gitarrenausbildung in Dresden entwickelte sich sukzessive zu der heute national und international anerkannten Exzellenz. Im Jahr 2018 wurde Thomas Fellow für seine innovative Arbeit der Sächsische Lehrpreis in der Kategorie Kunsthochschulen verliehen. Die Fachrichtung Jazz/Rock/Pop Zunehmend wurde mir Verantwortung für die gesamte Ausbildung der Fachrichtung J/R/P übertragen. Das war überaus spannend und wurde zu einer großen, mein Leben enorm bereichernden Aufgabe. Die Öffnung des Landes und der damit einhergehende Konkurrenzdruck anderer Musikhochschulen bezüglich der Gewinnung junger, möglichst hochbegabter Studierender aus ganz Deutschland und anderer Staaten erforder- Gerhard Hiensch, Ralf Beutler, Thomas Fellow und Detlef Bunk 1995 (v.l.n.r.) 40 | RALF BEUTLER te eine Anpassung der überwiegend traditionell orientierten Ausrichtung der Studieninhalte. Die Ausbildung der Instrumentalisten war bis dahin geprägt durch eine hohe Qualität des Hauptfachunterrichtes und einer Fokussierung auf die Big Band und das Improvisationsensemble. Die jahrzehntelange, überaus erfolgreiche Arbeit der Persönlichkeiten um die ostdeutsche Jazzlegende Günter Hörig, den Abteilungsleiter Frank-Harald Greß sowie seinen Nachfolger Siegfried Ludwig sollte sich in den kommenden Jahren unter Beibehaltung der entwickelten Stärken erfolgreich den neuen Bedingungen und Erfordernissen anpassen. Viele Lehrkräfte und Studenten ergriffen die Initiative und organisierten neben der eigenen Weiterbildung Workshops mit renommierten Künstlern und Pädagogen. Kontinuierlich erweiterten sich die Kontakte ins In- und Ausland. 1993 beauftragte mich der Rektor Wilfried Krätzschmar mit dem Aufbau einer Partnerschaft zur Jazzausbildung an der Capital University in Dresdens Partnerstadt Columbus/Ohio. Studenten und Lehrkräfte besuchten regelmäßig weitere Partnerinstitute in Rotterdam und später in Nashville sowie Brennpunkte des Jazz, insbesondere New York City. Es war eine Zeit der Wandlung und Neuorientierung für unseren Fachbereich, den Frank-Harald Greß sofort nach der Wende vom irreführenden Namen Abteilung für „Tanz und Unterhaltungsmusik“ in „Jazz/Rock/Pop“ umtaufte. Das Ausbildungsschiff hatte Fahrt aufgenommen, um auf den gesamtdeutschen und internationalen Gewässern zu bestehen. Was fehlte, war der passende Kapitän. Dieser sollte sich 1994 mit der Ausschreibung der Professur in Nachfolge Siegfried Ludwigs finden und eine neue Qualität der Entwicklung einleiten. Ein magischer Kreis schloss sich, als Günter Baby Sommer im Jahr 1995 zum Professor für Schlagzeug berufen wurde. Er, der im Herbst 1962 aufgrund noch fehlenden Equipments in Dresden seine Aufnahmeprüfung auf Stühlen absolvierte, war vom Studenten des ersten Jahrgangs zu einem charismatischen, international angesehenen Free-Jazzer, Solisten und umfassend gebildeten Künstler gereift. Auch als musikalischer Partner herausragender Persönlichkeiten diverser Genres setzte er bereits über Jahrzehnte Maßstäbe und war Bindeglied zwischen verschiedenen Kunstgattungen. Die Bereitschaft, seine vielfältigen Erfahrungen an unserer Hochschule einzubringen, war ein Glücksfall für die Jazz-Ausbildung in Dresden. Mit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch Günter Sommer kam frischer Wind in die Segel, die Ausbildung wurde stärker praxisorientiert und entwickelte eine neue gesamtdeutsche sowie internationale Ausstrahlung. Unter dem von Günter Sommer häufig genannten Motto „Face Facts“ gelang es, im Teamwork mit den Lehrkräften, Studenten und Absolventen 41| DIE ZEIT DES ÜBERGANGS UND DER PROFILIERUNG sowie Veranstaltungspartnern außerhalb der Hochschule die Fachrichtung auf eine neue Entwicklungsstufe zu heben. Das von einigen Kollegen angeregte Ensemblespiel in unterschiedlichen Stilistiken (Freie Improvisation, Rock-, Fusion-, Latin- und später das Sound-Song-Ensemble) bekam eine zentrale Bedeutung. Neue Unterrichtsangebote, wie die Fächer Repertoirespiel und Audiation dienten dem Ziel einer umfassenden und praxisorientierten Basisausbildung. Weitere Neuerungen waren Dozenten-Podien, Instrumentalklassenkonzerte und die regelmäßige Durchführung von Workshops mit international erfolgreichen Künstlern und Pädagogen. Das Ensemble „Jazz Pack Dresden“ während (oben) und nach dem Konzert im deutschen Pavillon zur Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover (hintere Reihe v.l.n.r.): Ralf Beutler, Günter Hörig, Günter Baby Sommer, Friedhelm Schönfeld, Joachim Hesse und Roger Goldberg (vordere Reihe v.l.n.r.): Peter Gieger, André Schubert, Sascha Mock, Ulli Niedermüller, Matthias Wendl und Daniel Wolf 42 | RALF BEUTLER Höhepunkte dieser Zeit waren u. a. die Konzerte des Dozenten-Ensembles „Jazz Pack Dresden“ gemeinsam mit Studenten und renommierten Gastmusikern anlässlich der Weltausstellung EXPO 2000 in Hannover, zur Veranstaltungsreihe Kunst und Kultur Karstadt Dresden und zum vierzigjährigen Jubiläum der Fachrichtung 2002 im Staats schauspiel Dresden. Nach der Wahl von Stefan Gies zum neuen Rektor im Jahr 2003 wurde Günter Sommer Prorektor der Musikhochschule in Dresden und meine Person zum Studiendekan der Fachrichtung Jazz/Rock/Pop gewählt. Stefan Gies erkannte das Potential der Jazzer und förderte deren Profilierung. Die Ausschreibung von Lehraufträgen und die Neubesetzung bzw. Einrichtung „halber Professuren“ in den Folgejahren führten zu einer kontinuierlichen Verjüngung und Stärkung des Lehrkörpers. National und international anerkannte Künstler und Pädagogen, beginnend mit Marco Lackner (Big Band/Saxofon) und Celine Rudolph (Gesang) sowie später Thomas Zoller (Komposition), gaben der Abteilung wesentliche neue Impulse. Die im Jahre 2009 erfolgte Berufung von Till Brönner als Professor für Trompete und künstlerischem Leiter in Nachfolge von Günter Sommer war ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte unserer Fachrichtung und Aus druck eines kontinuierlichen Entwicklungsprozesses. Dieser wurde dann während der Amtszeit des Rektors Ekkehard Klemm (2010 –2015) erfolgreich fortgesetzt. Beispielgebend dafür sind die Neuberufungen von Sebastian Merk (Schlagzeug), Esther Kaiser (Gesang) und Simon Harrer (Posaune/Big Band). Günter Baby Sommer und Till Brönner beim Antrittskonzert am 9. November 2009 43| DIE ZEIT DES ÜBERGANGS UND DER PROFILIERUNG Seit der „Wende“ vollzogen sich tiefgreifende Veränderungen in den Unterrichtsinhalten und im Dozententeam. Aus meiner Sicht basiert die Stärke des Kollektivs – neben der individuellen Qualität – auf der Fähigkeit und Bereitschaft zu Unvoreingenommen heit, Flexibilität und stilistischer Offenheit. Es herrscht ein positives Klima, getragen von gegenseitigem Vertrauen, welches auch bei entwicklungsbedingten „Reibungen“ immer erhalten blieb. Die Studierenden werden ermutigt, ihre ganz persönliche musikalische Stimme zu finden. Die nahezu legendären und humorvollen Vollversammlungen im meistens restlos überfüllten Raum W 1.12 sind Abbild der im Bereich J/R/P herrschenden positiven Umgangskultur. Das bestehende Curriculum fördert die Integration individueller Projekte und ermöglicht deren Anrechnung in Form von Credits. Immer mehr zeigt sich eine fortschreitende Internationalisierung der Bewerber und der Studentenschaft. Die Fachrichtungen „Lehramt Musik“ sowie „Instrumental- und Gesangspädagogik“ werden als wesentlich erachtet und Projekte dieser Bereiche in die Aktivi täten der Fachrichtung J/R/P integriert. Die Möglichkeit zur Promotion vervollständigt das aus gezeichnete Ausbildungsangebot. Das Sächsische Landesgymnasium für Musik und die Kinderklasse In den vielen Jahren meiner Lehrtätigkeit am Haus habe ich an verschiedensten Aufnahmeprüfungen teilgenommen. Dabei wurde immer wieder deutlich, dass die Qualität der Ausbildung grundlegender musikalischer Fertigkeiten in den Bereichen Spieltechnik, Stilistik, Blattspiel, Musiktheorie und Klavierspiel bei der Vorbereitung der Jugendlichen auf ein Studium im Bereich Jazz/Rock/Pop nicht immer den Notwendigkeiten und Voraussetzungen an ein Musikstudium entspricht. Aufgrund dieser Erfahrung entstand im Jahr 2006 die Idee, am Landesgymnasium für Musik eine eigenständige Fachrichtung zur optimalen Förderung des Nachwuchses im Bereich J/R/P zu etablieren. Diese Gedanken trafen auf das Interesse der damaligen Direktorin Uta Vincze sowie später ihrer Nachfolgerin Marlies Jacob und so konnte dieser Plan Wirklichkeit werden. Gemeinsam mit Jens Wagner, Sina Neumärker, André Schubert, Joachim Callejas, Michael Winkler und inzwischen vielen weiteren Kolleginnen und Kollegen wurde das Ziel erreicht und eine der traditionsreichen klassischen Ausbildung adäquate und fachlich mit ihr eng verzahnte Nachwuchsförderung aufgebaut. Die Schüler, die ab der 5. Klasse das Musikgymnasium besuchen können, erhalten neben dem jazzspezifischen auch klassischen Instrumentalunterricht. Inzwischen haben viele umfassend ausgebildete Nachwuchstalente, die regelmäßig als Solisten 44 | RALF BEUTLER oder im Ensemble Preisträger bei Wettbewerben wie „Jugend Musiziert“ wurden, diese Schule besucht und erfolgreich das Abitur abgelegt. Viele studierten oder studieren Musik in Dresden oder an anderen Hochschulen, sind inzwischen erfolgreiche Solisten und zeugen von der hohen Qualität der Ausbildung J/R/P am Sächsischen Landesgymnasium für Musik Dresden. Diese positive Entwicklung wird auch von der aktuellen künstlerischen Direktorin Ekatarina Sapega-Klein gefördert. Ergänzend zur Ausbildung am Landesgymnasium wurde durch die Initiative der Leiterin der Kinderklasse an der Hochschule für Musik, Christine Straumer, vor einigen Jahren auch die Ausbildung für Gitarre in das Ange- Auftritt des Ensembles „New Wonder“ des Landesgymnasiums (v.l.n.r.) Friedrich Grattenthaler (vl), Matteo Schwarzbach (bg), Philipp Adam, Jonah Roth und Samuel Gottlebe (git) zur Kultusministerkonferenz in Berlin am 14. Januar 2015 Max Alfred Schiekel und Hans Tröger beim Sommerkonzert der Kinderklasse der HfM am 09. Juni 2018 im Konzertsaal der Hochschule 45| DIE ZEIT DES ÜBERGANGS UND DER PROFILIERUNG bot aufgenommen und kann jetzt auch mit anderen Instrumenten weiterentwickelt werden. Somit besteht die Möglichkeit, auch die jüngsten Begabungen im Bereich J/R/P an der Musikhochschule frühzeitig zu fördern und optimal auf ihren weiteren musikalischen Weg vorzubereiten. Ausblick Es war ein großer Gewinn für die Fachrichtung, als im Jahr 2016 Finn Wiesner als fachlich und menschlich hervorragend geeigneter Kollege die Position des Studiendekans übernahm. Ich konnte wieder mit voller Konzentration meiner Berufung als Musikpädagoge folgen und ahnte nicht, dass ich ab dem Frühjahr 2019, dem Vorschlag der amtierenden Rektorin Rebekka Albrecht folgend, als Dekan für die Entwicklung der Fakultät II an der Hochschule für Musik in Dresden verantwortlich sein würde. Mit dem Blick aus dieser neuen Perspektive kann ich mit Freude feststellen, dass sich der in meiner Fakultät befindliche Bereich J/R/P seit dem Jahr 1962 zu einer starken und erfolgreichen Antriebskraft des gesamten „Ausbildungsschiffes“ Musikhochschule entwickelt hat. Aktuell studieren über 100 angehende Musiker und Musikpädagogen verschiedenster Nationalitäten diesen Studiengang in Dresden. Um die Fachrichtung und damit auch die gesamte Hochschule in Zukunft auf Erfolgskurs zu halten und weiter zu profilieren, ist eine zielgerichtete Stärkung z. B. durch weitere feste Anstellungsverhältnisse notwendig und folgerichtig. Darüber hinaus ist es vor allem wichtig, die prekäre Situation der Lehrbeauftragten durch eine Erhöhung der Honorare zu verbessern. Beides wird vom derzeitigen Rektor Axel Köhler gefördert und im Rahmen der Möglichkeiten zunehmend verwirklicht. Die Lehrbeauftrag- Unterricht bei Ralf Beutler zum Tag der offenen Tür am 09. Januar 2020 46 | RALF BEUTLER ten sichern etwa die Hälfte der gesamten Hochschullehre ab und leisten dabei fachlich die gleiche Arbeit wie festangestellte Kollegen. Neben der Ausbildung von exzellenten Solisten gilt es, dem steigenden Bedarf der Gesellschaft an Musikpädagogen und Lehrern an Allgemeinbildenden Schulen gerecht zu werden. Damit schaffen wir die Voraussetzung dafür, in Zukunft über genügend regionale Bewerber verfügen zu können. Seit der Gründung im Jahre 1962 fehlte der Fachrichtung J/R/P ein eigener und zeitlich frei verfügbarer Raum für Prüfungen und Konzerte. Es ist sehr erfreulich, dass bei dem jetzt in Planung befindlichen Neubau auf dem Gelände der ehemaligen Hutfabrik hinter dem Konzertsaal der Musikhochschule eine Bühne für die Jazzer mit der Möglichkeit von Livemitschnitten und Videoaufzeichnungen vorgesehen ist. Damit geht ein langgehegter Traum in Erfüllung. Die bisher immer wieder notwendige Suche nach Alternativen für Konzerte und Prüfungen führte zu einer Reihe von erfolgreichen Kooperationen mit verschiedenen Dresdner Spielstätten, welche es auch zukünftig zu erhalten gilt. Momentan ist der Jazzclub Tonne offizieller Kooperationspartner. Eine Vielzahl von Veranstaltungen finden aber auch in der Dresdner Neustadt, z. B. in der Blauen Fabrik und im Blue Note statt. Weitere teilweise von Studierenden, Absolventen und Dozenten organisierte und durch Konzerte bereicherte Kulturorte sorgen für eine lebendige Dresdner Musikszene. Auch eine von den Deutschen Werkstätten Hellerau finanzierte, für das Publikum kostenfreie und von mir seit zehn Jahren betreute Konzertreihe widmet sich intensiv dem Anliegen der Nachwuchsförderung. Konzert mit den Studierenden Lucia Schiller (p), Johannes Fricke (kb), Berthold Brauer (tr), Pat Eric Beutler (dr) und dem Absolventen Michal Skulski (sax) (v.l.n.r.) am 16. September 2020 in den Deutschen Werkstätten Hellerau 47| DIE ZEIT DES ÜBERGANGS UND DER PROFILIERUNG Im Wissen um das weitere große Entwicklungspotenzial der gesamten Hochschule für Musik Dresden im Verbund mit dem Sächsischen Landesgymnasium für Musik bin ich sehr dankbar für die Möglichkeit, in beiden Institutionen Teil einer großen lebendigen Familie bestehend aus dem Lehrund Verwaltungspersonal, den Studierenden und Schülern sowie allen weiteren Mitarbeitern zu sein. Ralf Beutler, Jahrgang 1963, kennt die Dresdner Musikhochschule seit seinem Studienbeginn im Herbst des Jahres 1982. Seit 1988 ist er fest angestellt, lehrt seit 2002 als außerordentlicher Professor für Gitarre und war von 2003 bis 2016 Studiendekan der Fachrichtung J/R/P. Er verfügt über große Erfahrungen aus diversen Tätigkeiten als Musiker, Lehrer, Juror, Gutachter, Konzertorganisator sowie Kommissions- und Gremienmitglied im In- und Ausland. Seit März 2019 ist er Dekan der Fakultät II an der Hochschule für Musik in Dresden. www.ralfbeutler.de Hochschulcampus 49| Spagat zwischen Underground und Hochschule Günter Baby Sommer Wenn mich in den Nach-68er-Jahren, also Anfang der 70er, als ich mich den frei spielenden Avantgardisten des europäischen Jazz zuwandte und zur Generation der „Kaputtspieler“ aufschloss, jemand gefragt hätte, ob ich mir vorstellen könnte, jemals in einer institutionellen Anstellung Jazzmusik zu unterrichten, so hätten mich Ungläubigkeit oder gar Entsetzen über solch Ansinnen erfasst. Schon in den rebellischen Jugendjahren keimte in mir der Widerwille gegen alles, was geordnet und im Gleichschritt daher kam. Die Pionierbewegung und die Jugendorganisation „Freie Deutsche Jugend“ wurden mir in der Schulzeit als Träger des Fortschritts angepriesen. Dabei kam der Fortschritt doch für mich über Washington DC Willis Conover „Voice of America Jazzhour“ im Lang- oder Kurzwellenformat jede Nacht von 0:00 bis 1:00 Uhr morgens! Dort wurde der Samen gelegt, der mich zum unerbittlichen Verfechter von Freiheit und Individualismus machte. Der kollektive Gedanke hatte für mich nur in einer Jazzband Platz. Dort galt es, 4, 5, 6 oder mehr Musiker auf einen gemeinsamen Nenner einzu- 50 | GÜNTER BABY SOMMER schwören. Fernab aller politischen Ideologien wurden individuelle Leistungen einem gemeinsamen Ziel unterstellt. Die Band musste swingen, und ein jeglicher Solist musste alle Freiheit haben, seine individuellen Fähigkeiten zu entwickeln. Diese Ausgewogenheit zwischen Individualität und Kollektiv lernte ich durch die Jazzmusik kennen. Und als es dann 1962 hieß, an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden wird ein neuer Studiengang eingerichtet und die Lehrer seien alles Jazzer, gab es für mich kein Halten mehr. In Ermanglung eines Schlagzeugs erschlich ich mir, über eine mehr als fragwürdig erscheinende Eignungsprüfung auf drei zusammengestellten Holzstühlen, den Zugang zu dieser auf Anregung von Dr. Frank-Harald Greß gegründeten Abteilung für Tanz- und Unterhaltungsmusik, kurz TUM genannt. Für meinen damaligen Schlagzeuglehrer Siegfried Ludwig muss ich wohl so manches Mal eine Zumutung gewesen sein. Fragen zu avantgardistischen Stilen und neuesten instrumentalen Spielpraktiken musste er über sich ergehen lassen. Nach vier Jahren Studium wurde ich dann auf die Bahn eines freiberuflichen Jazzmusikers geworfen, der sich nun mit den Vorgaben staatlicher Kulturpolitik der DDR auseinander zu setzen hatte. In den folgenden Jahrzehnten prallten das, was ich beim Studium erlernt hatte und mein Drang nach individuellen Spielformen immer öfter aneinander. Das Ringen wurde mit der Erkenntnis beendet, dass man Jazz in seiner hohen persönlichen Ausprägung, wie ich sie betrieb, an einer Hochschule weder lehren noch lernen kann, Punkt. So zog ich meinen immer größer werdenden Radius durch die Welt und entfernte mich dabei immer weiter weg von der Institution Hochschule. 1995, damals wohnte ich in Konstanz am Bodensee, erreichte mich die Nachricht, dass es an der Hochschule für Musik in Dresden eine Professorenstelle für Schlagzeug und Ensemblespiel zu besetzen galt. Es war Siegfried Ludwig, mein ehemaliger Lehrer und damaliger Leiter der Abteilung Jazz/Rock/Pop, der mir diese Nachricht zukommen ließ. Mittlerweile hatte ich als Freiberufler durch meine Weltumtriebigkeit festen Boden in der internationalen Jazzszene unter meinen Füßen gefasst. So kam mir dieses Angebot recht ungewöhnlich vor und brachte den alten Konflikt zwischen freier Jazzmusik und Lehrtätigkeit wieder auf den Tisch. Nach reiflichen Überlegungen und dem Wissen, dass es im Falle einer Ablehnung meiner Person für diese Stelle keinerlei Nachteil für meine freiberufliche Tätigkeit bedeutete und ich meinen Lebensweg niemals von einer institutionellen Anstellung abhängig gemacht hatte, reihte ich mich in die Zahl der anstehenden Bewerber ein. Am Ende war ich es, auf den der Fin- 51| SPAGAT ZWISCHEN UNDERGROUND UND HOCHSCHULE ger des Vorsitzenden der Berufungskommission zeigte. Man hatte den bunten Vogel, der einst dem Käfig der Hochschule entflohen war, wieder eingefangen, und ich hatte mich damit einer bisher nie da gewesenen Herausforderung ausgesetzt. Los ging es, hinein in dieses Abenteuer! Ich hatte keinerlei Kompendium für die Arbeit mit den Studenten. Jede Stunde war wie ein Improvisationskonzert. Diese zermürbende Arbeit mit unzähligen Exercises zur Vervollständigung technischer Fähigkeiten war nicht meine Sache. Ich wollte ihnen die Musik beibringen, wollte ihre Kreativität testen und vertiefen. Nach kurzer Zeit kam noch die Arbeit von Siegfried Ludwig hinzu, den ich als Leiter der Abteilung Jazz/Rock/Pop ablöste. Ralf Beutler und er waren mir am Anfang sehr hilfreich zur Seite. Meine unbürokratische und offene Umgangsweise mit den verschiedenen Stufen in der Hierarchie des ganzen Verwaltungsapparats einer solchen Institution verschafften mir bald Freiräume beim Organisieren von Workshops mit Musikern der freien internationalen Jazzszene, die ich zum Teil von ihrem day off bei Konzerttouren für einen Workshop in die Hochschule umleitete. Hier bekam ich aber teilweise Probleme mit den verdienstvollen älteren Kollegen Professoren, die zum Teil schon vor Jahrzehnten die praktische Konzertszene verlassen hatten und das „Jazzen“ nur in der Hochschule angesiedelt sahen. Unruhestifter waren sie, die da von draußen kamen – und „mit Wasser kochen sie auch nur“. Das war eine Abwehr gegen die lebendige zeitgenössische Szene und etwas Unsicherheit im Umgang mit den neuen Spielpraktiken. Und für mich kam der alte Konflikt, Innovation in der Jazzmu- Antrittskonzert von Günter Baby Sommer (links) und Übergabe der Leitung der Abteilung Jazz/Rock/Pop durch Siegfried Ludwig im Jazzclub Tonne 1995 52 | GÜNTER BABY SOMMER sik und deren Möglichkeit in einer Musikhochschule zu unterrichten, wieder auf den Tisch. Ich richtete als nunmehriger Leiter der Fachrichtung mit der organisatorischen und künstlerischen Hilfe von Ralf Beutler die sogenannten Dozentenkonzerte ein. Das waren Konzerte der verkehrten Welt. Die Studenten saßen als zuhörendes Publikum unten und die Dozenten und Professoren waren die Akteure auf der Bühne. Diese Programmidee führte sogar zu freien Improvisationen von Günter Hörig und mir im Duo. Mit dieser Konzertreihe und den Workshops hatte ich das Gefühl, dass endlich das passierte, was ich unter universitärer Lehre und Forschung an einer Musikhochschule verstand und was mich mit meinem Schritt ins institutionalisierte Lehramt versöhnte. Die folgenden Jahre waren von diesem Geist geprägt und gaben der Fachrichtung Jazz/Rock/Pop auch eine gewisse Anziehungskraft nach außen. 2003 wurde ich dann als Prorektor ins Rektorat berufen. Damit drang ich noch tiefer in die administrative Führungsebene der Hochschule ein. Auf Grund meiner immer noch parallel laufenden künstlerischen Tätigkeit auf der internationalen Konzertszene habe ich die Verbindung zur selbigen nie verloren. Das war sowohl mir, als auch meinen Kollegen im Rektorat nicht unwichtig. Sie erkannten, dass ich bei jedem wichtigen Konzert den Namen der Hochschule mit im Gepäck führte und somit auch ein Repräsentant derselben war. Im Rektorat selbst konnte ich mich durch die Verbindung zu Förderern und Sponsoren der Hochschule gewinnbringend für die Belange der Abteilung Jazz/Rock/Pop einsetzen. Dozentenkonzert 2005 mit Jäcki Reznicek (bg), Céline Rudolph (voc), Günter Baby Sommer (dr), Ralf Beutler (git), Marko Lackner (sax) und Joachim Hesse (tr) (v.l.n.r.) 53| SPAGAT ZWISCHEN UNDERGROUND UND HOCHSCHULE Es gab aber auch einen neuen Konflikt. Nämlich den, mit den um ihre Existenz kämpfenden Jazzmusikern der freien Szene. Der abgesicherte institutionalisierte „Jazzprofessor“ war ihnen Angriffsfläche in einer Haltung, die ich ja selbst vertreten hatte und zum Teil noch vertrat. Der Jazz war für viele immer noch eine Musik des Protests, des Widerstands und des Undergrounds und hatte in den philharmonischen Höhen der Konzertsäle und in den Hochschulen nichts zu suchen. So war es am Anfang der Jazzgeschichte und in den folgenden Jahrzehnten bis in die 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Ich selbst hatte in den Zeiten der damaligen DDR den Jazz als eine Kunstgattung angesehen, welche sich kritisch, unangepasst und rebellisch zu Zeiterscheinungen des politischen und kulturellen Lebens ins Benehmen zu setzen hatte. Dem Haifisch wurden an einer staatlichen Hochschule die Zähne gezogen. Die süße warme Honigmilch einer festen Anstellung mit sicherem Einkommen drohten ihn korrumpierbar zu machen. Dieser Gefahr bewusst, und der Tatsache ins Auge sehend, dass es den alten Feind Polit- und Kultursystem der DDR nicht mehr gab, suchte ich nach den Konfliktherden im neuen System. Die fand ich auch bald im Blick auf den Allgemeinzustand unserer Mutter Erde, in den neuen Lebensbedingungen nach dem Fall der Mauer und in den teilweise noch veralteten Strukturen an staatlichen Institutionen. Im Rektorat konnte ich mich dann den Belangen der Studenten in einem größeren Umfang widmen, denn die Leitung der Fachrichtung Jazz war mittlerweile in die bewährten Hände von Ralf Beutler übergegangen. Sowohl Rektorats- und Senatssitzungen, als auch Rektorenkonferenzen und der ständige Behauptungskampf gegenüber der geldgebenden und Rechenschaft verlangenden Landesregierung drängten die Arbeit mit dem einzelnen Studenten in den Hintergrund. Am Ende verblieben mir bis nach der Beendigung meines offiziellen Angestelltenverhältnisses und einer Zwischenphase als Vorsitzender des Fördervereins der Hochschule noch 1,5 Wochenstunden Freie Improvisation an Arbeit mit den Studenten. Dort war und bin ich wieder in meinem Element. Etwas kreative Unruhe schaffen und das Selbstbewusstsein einer künstlerischen Minderheit stärken, sind mir dabei neben den fachlichen musikalischen Aspekten sehr wichtig. So komme ich nach fast 15 Jahren Hochschulzugehörigkeit wieder an den Ausgangspunkt dieser Tätigkeit zurück. Ich bin freiberuflich auf der internationalen Jazzszene tätig und blicke wieder von Außen auf diesen, sich etwas schwerfällig im Wasser zeitgenössischer künstlerischer Ströme bewegenden Dampfer Hochschule, der umgeben ist von kleinen wendigen Booten, die reaktionsschnell jeweiligen Zeitströmungen ausweichen oder 54 | GÜNTER BABY SOMMER sie aufnehmen können. Ich bin aber auch um eine riesige Erfahrung bereichert. In heutiger Zeit, wo Jazz auch ein Teil der Kunstmusik zu sein scheint und deshalb in die Hochschulen allerorten eingezogen ist, sind die alten Konflikte ja nur neuen, globaleren Konflikten gewichen. Man muss sie nur benennen. Die Verlockung durch Kommerz und schlechten Geschmack, der widerstandslose Weg zum Erfolg und ein achtloser Umgang mit ästhetischen Werten sind heute eine Gefahr. Das macht das Gespräch und die Arbeit mit Studenten an einer Musikhochschule neben ihren täglichen instrumentalen Aufgaben so wichtig. Während der 15 Jahre sinnhafter Teilnahme an den inneren Strukturen der Hochschule ist mir der kritische Blick nie abhanden gekommen. Freie Improvisation heißt das Band, welches mich heute noch mit der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden verbindet. Günter Sommer, Jahrgang 1943, studierte von 1962 bis 1966 an der Dresdner Musikhochschule. Seit 1995 ist er dort Professor für Schlagzeug und Percussion mit gleichzeitiger Übernahme der FG-Leitung in Nachfolge von Prof. Siegfried Ludwig. Sommer gibt künstlerischen Hauptfach-Unterricht in Schlagzeug und Percussion und hat das Fach „Freie Improvisation“ im Kurssystem eingeführt. Außerdem setzte er sich für eine stärkere Workshoptätigkeit mit Gastlehrern ein. Er gibt Meisterkurse für Improvisation sowie fördert und unterstützt Aktivitäten zwischen sogenannter E- und U-Musik. www.babysommer.com Improvisationskurs mit Günter Baby Sommer und Christoph Hartel (fl) zu den Dresdner Meisterkursen Musik 2017 55| Günter Hörig – Visionäre Bescheidenheit Jens Wagner Man kann es schon als einen Glücksumstand betrachten, einer solchen Persönlichkeit wie Günter Hörig bereits in jungen Jahren begegnet zu sein. Da stand ein Musiker an der Spitze der Studienrichtung Instrumentalisten, dessen Vielseitigkeit und Bildung sich kaum übertreffen lassen. Kapellmeisterstudium, klassisches Klavierstudium, Kompositionsstudium sowie Jazzensemble- und Bigbandleiter. Eine Bandbreite, die bei einem Studierenden Faszination auslöst. Bereits 1947 gründete er ein eigenes Sextett. 1950 wurde er Pianist bei den Dresdner Tanzsinfonikern, deren Leitung er 1953 übernahm. Es war ein mutiger und spektakulärer Schritt, 1962 die von Frank- Harald Greß ein Jahr zuvor ins Leben gerufene Jazzabteilung mit aufzubauen und zu formen. Da fanden zwei Persönlichkeiten zueinander, die bereit waren, jegliche Widerstände aus klassischer Voreingenommenheit und politischer Enge zu überwinden. Und dies tat man mit großem Erfolg. Günter Hörig kannte die Bedürfnisse einer umfassenden Ausbildung aus seiner täglichen Praxis. Er etablierte Bigband-Arbeit, Improvisation und 56 | JENS WAGNER Transkription, um nur einiges zu nennen. Zusätzlich gab es theoretische Fächer wie klassische Musikgeschichte, Formenkunde, Arrangieren u. a. Wichtig ist auch zu erwähnen, dass Günter Hörig einen fachlich ausgezeichneten und leidenschaftlichen Jazzgeschichts-Unterricht beisteuerte. Dieser führte über die Anfänge des Jazz bis zum modernen und freien Spiel, über stilbildende Arrangeure (Verschmelzung von Bigband mit Klassik, Hörner, klassische Holzsätze …), stilistisch und chronologisch auf feinste Art und Weise strukturiert. Dieser Unterricht zeichnete sich nicht zuletzt dadurch aus, dass Günter Hörig wöchentlich Hörbeispiele auf Schallplatte aus seiner persönlichen Plattensammlung mitbrachte und auflegte. Es gelang ihm, uns gleichermaßen für die „satten“ Count-Basie-Arrangements, für die sensible Kommunikation innerhalb des Modern Jazz Quartets wie auch für die polyphonen Linien von Gerry Mulligan zu begeistern. Er hatte diese Arrangements in seinen vielseitigen Ensembles alle selbst gelebt und gespielt. Günter Hörig beim Improvisationsunterricht 57| GÜNTER HÖRIG – VISIONÄRE BESCHEIDENHEIT Günter Hörig musizierte vom Duo über Trio bis zu Sextett- und letztlich natürlich Bigband-Besetzungen. Er war ein ausgezeichneter Arrangeur und ein sensibel begleitender Duopartner. Außerdem hat er unzählige Filmmusiken komponiert, arrangiert und eingespielt. Seine Arrangements für die internationalen Tanzturniere der Professionals waren von auserlesener Ästhetik, wobei er immer darauf achtete, dass seine bandinternen Solisten entsprechend präsentiert wurden, allen voran sein ausgezeichneter Klarinettist und Altsaxophonist Friwi Sternberg, der in der Idee von Lee Konitz zuhause war. Es war faszinierend, Günter Hörig dabei zu beobachten, wie er in Berlin eine dänische Jazzsängerin, oder etwa bei einem Fernsehauftritt den wundervollen lyrischen Tenor, Kammersänger Peter Schreier, begleitete. Als überaus bemerkenswert empfand ich immer das Zusammenspiel seiner Rhythmusgruppe mit Lothar Spiller (b) und Siegfried Ludwig (dr). Da ich selbst an verschiedenen Positionen in dieser Bigband Platz nehmen durfte (p/saxes), konnte ich die Energie dieser Band hautnah erleben. Ich glaube, das gehörte zum besten Zusammenspiel eines Ensembles, das ich jemals erlebt habe. Günter Hörig und die Dresdner Tanzsinfoniker (1960) 58 | JENS WAGNER Bei Günter Hörig konnte man sich im klassischen Klavier ausbilden lassen, technische Details studieren und sich natürlich Jazzpiano in den vielseitigsten Variationen erschließen. Man wurde vertraut gemacht mit den traditionellen Spielweisen bis hin zu den moderneren Handschriften, etwa von Bill Evans, McCoyTyner, Kenny Barron, Chick Corea. Günter Hörig schwärmte aber genau so von der freien Handschrift einer Aki Takase und empfahl, sich mit dem Thema der freien Improvisation ernsthaft auseinanderzusetzen. Günter Hörig hatte nach meinem Empfinden immer ein aufrichtiges Interesse, junge Menschen voranzubringen. Dies wurde nie ausgesprochen, war aber stets spürbar. Die von Frank-Harald Greß eingerichteten „Ferienkurse“ boten die Möglichkeit, Dozenten und Studierenden bei der Arbeit über die Schulter zu schauen. Außerdem gab es das so genannte „Vorstudienjahr“ (heute als Stuvo bekannt). Es ermöglichte, dem eigentlichen Studium ein Jahr vorzuschalten und somit junge Studierende frühzeitig in die Hochschule zu integrieren. Bis zum heutigen Tage werden all diese Ideen und Ausbildungskonzepte in ihrer Vision und ihrem Anliegen fortgesetzt. Beispielsweise am Jens Wagner beim Tag der offenen Tür am 09. Januar 2020 59| GÜNTER HÖRIG – VISIONÄRE BESCHEIDENHEIT Sächsischen Landesgymnasium für Musik, das direkt an die Hochschule für Musik angeschlossen ist und an dem man alle Instrumente, im klassischen wie auch im jazzigen Bereich, bereits ab Klasse 5 lernen und sich somit für ein Musikstudium vorbereiten lassen kann. Es existieren kleine Ensembles, Improvisationsgruppen, Bigband-Arbeit, um nur einige zu benennen. Ich bin momentan in der glücklichen Situation, die Jazzabteilung des Landesgymnasiums leiten zu dürfen, nachdem sie Ralf Beutler in verdienstvoller Arbeit in den vergangenen Jahren, gemeinsam mit einem Team wunderbarer Kollegen, aufbaute. Alle Merkmale einer vielseitigen und weitreichenden Jazzausbildung, die damals von Günter Hörig visionär angedacht und praktiziert wurden, finden unter den Gesichtspunkten einer ständigen Weiterentwicklung heute ihre Fortführung. Bis zur Umstellung führte das Studium zum Diplomabschluss. Jetzt gibt es den Bachelor- und Masterstudiengang mit den vielfältigsten Variationsmöglichkeiten. Als eine außergewöhnliche Eigenschaft Günter Hörigs möchte ich noch erwähnen, dass er nie Wert darauf legte, sich zu repräsentieren. Er genoss es in besonderer Art und Weise, die Erfolge seiner Studierenden zu erleben und in den Vordergrund zu stellen. Es ist diese visionäre Bescheidenheit, die uns allen wohl tief im Gedächtnis bleiben wird und jeden Menschen in seinem Umfeld auf eine bestimmte Art und Weise prägte. Günter Baby Sommer, Günter Hörig und Till Brönner im Januar 1999 60 | JENS WAGNER Keinesfalls unerwähnt bleiben darf der Klavierpädagoge Gilbert Ruhland in seiner Stetigkeit und Beharrlichkeit und seiner jahrzehntelangen Erfahrung. Ich selbst kam über viele Jahre in den Genuss seines Unterrichts. Er bildete ebenfalls neben Günter Hörig und Manfred Pieper eine große Zahl an Jazzpianisten aus, die heute auf den verschiedensten Betätigungsfeldern unterwegs sind, nicht zuletzt in der Big Band der Bundeswehr. Ich versuche, in meiner Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik, den Geist dieser Fachrichtung einerseits zu bewahren und andererseits kreativ fortzuführen. Mit acht Jahren Beginn der Ausbildung an den Musikschulen Glashütte und Freital. Erstes eigenes Ensemble mit zwölf Jahren. 1980–1985 Studium Jazzpiano an der HfM Dresden bei Gilbert Ruhland und Günter Hörig, Privatstudium Saxofon bei Helmut Vietze. Seit 1985 freiberuflich tätig: Theaterprojekte u. a. mit Gisela May, Thea Elster, Gitte Haenning, Michael Frowin und Thomas Quasthoff; Mitarbeit bei Dresdner Tanzsinfonikern, Rundfunk-Big-Band Leipzig, Dresdner Philharmonie und Sinfonieorchester des tschechischen Rundfunks; Zusammenarbeit mit Rolf Kühn, Michael Fuchs, Henry Walther und Dittmar Trebeljahr; Studioproduktionen bei ZDF, SWR, SAT1, 3SAT; Bühnenmusik für Landesbühnen Sachsen; Filmkompositionen; Gründung des Latin-Jazz-Ensembles „Trio de Janeiro“ und der Latin-Band der HfM Dresden mit Jörg Ritter; Gastspiele in Tschechien, Polen, Österreich, Luxemburg, Belgien, Senegal. Seit 1988 Hochschullehrer an der HfM Dresden, 2014 außerplanmäßige Professur. 61| Begeisterung für die Musik Simon Harrer Seit 2014 darf ich an der Musikhochschule Dresden unterrichten. Jetzt haben wir das Jahr 2021, und ich habe mich an der Hochschule eingelebt, kenne die Abläufe, weiß, wem man die GEMA-Liste nach einem Hochschulauftritt gibt, oder dass man mit der Bigband nicht im Raum W1.11 proben sollte. Weil ich in den gut sieben Jahren viele Ensembles unterrichtet habe, kenne ich die meisten Jazz-Studenten der Hochschule. Zur Vergangenheit der Hochschule wurde schon einiges geschrieben, also erlaube ich mir meinen Blick eher nach vorn zu richten, aber auch ein paar Fragen zu stellen. Als Posaunist bin ich schon sehr früh mit der Bigband-Szene in Kontakt gekommen und habe sie schnell schätzen und lieben gelernt. Mit tollen Musikern und Bandleadern durfte und darf ich zusammenarbeiten und konnte von ihnen sehr viel lernen. Ich spiele sowohl in Ensembles, die traditionelle Jazzmusik aufführen, wirke aber auch in der modernen Bigband- Szene bei vielen Projekten mit. Da ich unter anderen Ensembles auch die Bigband der Hochschule leite, frage ich mich natürlich auch, wie wichtig das 62 | SIMON HARRER Musizieren im großen Ensemble ist, inwieweit die Studenten davon profitieren und ob es eine positive Auswirkung auf die neu entstehende Musikszene hat. Im Vergleich zur Gründungszeit der J/R/P-Ausbildung an der Hochschule hat sich vieles verändert: die Musik, das politische Umfeld, die Medien und die künstlerischen Informationsmöglichkeiten. Zwei Klicks, und wir können jedes Musikstück hören und Noten dazu ausdrucken, der Computer ersetzt teilweise die „Rehearsal“-Band. Hören wir aber noch gut genug zu, oder wird es uns zu einfach gemacht? Lernt man nur dann etwas besonders wertzuschätzen, für das man eben noch kämpfen musste? Oder hören wir zu viel Musik, werden wir oder die Hörer von zu viel Input überfordert und wird dadurch unser Musik-Erleben flacher? Ich sehe vieles positiv und blicke optimistisch in die Zukunft. Da wir leicht zu Informationen kommen, müssen wir eben lernen, diese zu filtern und ihren Wert zu erkennen. Die Verfügbarkeit von Noten darf nicht dazu führen, das Stück weniger oft und intensiv zu hören. Wichtig ist es, die Begeisterung für Musik weiter zu geben. Begeisterung fördert Motivation, Motivation fördert Zielbewusstsein, Lernen und Fortschritt. Musik darf nicht stehen bleiben. Konzert des hfmdd jazz orchestra vom 29. Juni 2017 im Konzertsaal der Hochschule unter Leitung von Simon Harrer 63| BEGEISTERUNG FÜR DIE MUSIK Nicht alle Musikabsolventen werden eine Karriere als Solist einschlagen. Viele werden Musikschullehrer, leiten Theaterproduktionen, schreiben Filmmusik, vertonen Hörspiele, werden Produzenten, organisieren Festivals und vieles mehr. Unsere Aufgabe ist es, und das ist eine sehr wichtige in der Gesellschaft, die Wertschätzung der Musik weiter zu geben. Es gibt doch nichts Besseres! Und wenn wir diese Begeisterung und das Wissen weitergeben, dann profitieren davon die Gesellschaft, der Absolvent und das Hörspiel. Ich glaube, dass die Bigband eine gute Plattform ist, um genau dieses Ziel zu erfüllen. In keinem anderen Jazz-Ensemble geht es in diesem Maße um Zusammenspiel, Rücksichtnahme, Zuhören in verschiedensten Formen, Selbsteinschätzung sowie Wahrnehmung und Zusammenhalt. – Politik und Gesellschaft könnten sich davon sicher oft eine Scheibe abschneiden. Simon Harrer, Jahrgang 1978, studierte von 1999 bis 2004 Jazzposaune in Berlin bei Jiggs Whigham und Sören Fischer. Nach dem Studium Engagements in unterschiedlichen Formationen (u. a. Marc Secaras Berlin Jazz Orchestra, Andrej Hermlins Swing Dance Orchestra, Rias Bigband, Deutsche Oper Bigband, Stefan Schulze Large Ensemble, Berlin Art Orchestra, Simon Harrer bei einer Ensembleprobe im Raum W 1.12 der Hochschule 64 | SIMON HARRER Lillo Scrimali Band). Zahlreiche CD-Produktionen und internationale Tourneen mit den verschiedenen Ensembles. Seit 2004 regelmäßige Dozententätigkeit bei diversen Landesjugendjazzorchestern, von 2007 bis 2015 Dozent für Jazzposaune an der Hochschule für Musik in Leipzig, ab 2008 regelmäßige Dozententätigkeit beim internationalen Bigbandworkshop Neubrandenburg, 2008 bis 2011 Leiter der Unibigband Magdeburg, 2010-2012 Dozent an der hdpk in Berlin, 2013 Gastprofessur in Graz, seit 2014 Professor an der HfM Dresden. www.simon-harrer.de 65| Inspiriert von der Fachrichtung Jazz/Rock/Pop der HfMDD Finn Wiesner Die Hochschule ist kein Gebäude. Die Hochschule, das sind die Menschen, die in ihr studieren, lehren und arbeiten. Eine aktive Fachrichtung braucht Menschen, die aktiv sind. Eine lebendige Fachrichtung braucht Menschen, die lebendig sind. Eine fortschrittliche Hochschule braucht Menschen, die sich weiterentwickeln. Jede Hochschule hat ihre eigene Stimmung, geprägt von den Menschen, die dort lehren und studieren und denen, die dort gelehrt und studiert haben. Um eine Jazzabteilung zum Leben zu erwecken, braucht man eine kleine Gruppe von sehr leidenschaftlichen Personen, die mit viel Geduld diesen Plan verfolgen. In Dresden gab es eine solche Gruppe, die diese Fachrichtung gegründet und geprägt hat, und deren Werk wir heute weiterführen und weiterentwickeln dürfen. Als Fachrichtung wachsen wir unter anderem jeden Tag an den Fragen, die wir uns stellen, einige davon sind schon sehr alt: Wie unterrichtet man Jazz? Was ist eine zeitgemäße Jazzausbildung? Wie können wir den Studie- 66 | FINN WIESNER renden helfen, sich ihren Traum zu erfüllen? Was sind die größten Herausforderungen für unsere Absolventen, wie können wir sie darauf vorbereiten? Wie viel Kokon brauchen sie, wie viel Realität brauchen sie? Was müssen wir einfordern? Wo lassen wir Freiräume? Wir begleiten die Studierenden in einer intensiven Phase ihrer künstlerischen Entwicklung. Wie viel sie bei uns lernen, hängt nicht davon ab, was sie schon können, sondern was sie bereit sind, aufzunehmen. Zusammen erfüllen wir die Zimmer der Hochschule mit Leben und tragen die Früchte unserer Arbeit nach draußen, um sie dort zu teilen. Die Hochschule ist für eine bestimmte Zeit unser Zuhause, Studierende und Lehrende bilden eine Familie. Die Musik strömt von hier in die Stadt Dresden und in die ganze Welt. Finn Wiesner (Mitte), Mitglieder der Bigband der Hochschule (Stephan Hoffmann, Mikko Krebs und Jakob Kirchner [v.l.n.r.] sowie Simon Harrer [2. von r.]) und die Mittelsächsische Philharmonie Freiberg spielen Kompositionen von Studierenden der Klasse Thomas Zoller am 16. April 2018 im Konzertsaal der Hochschule 67| INSPIRIERT VON DER FACHRICHTUNG JAZZ/ROCK/POP DER HFMDD Studium am Hilversums Conservatorium der Amsterdamer Hochschule der Künste/Niederlande bis 1996. Unterricht bei Ferdinand Povel und Eric van Lier, Workshops u. a. mit Bob Mintzer, Harold Land, Gunther Schuller, Jerry van Rooyen. 1996 Finalteilnahme an den drei großen europäischen Jazzwettbewerben in Brüssel, Bilbao und Leverkusen. Zusammenarbeit u. a. mit Vincent Herring, Deborah Brown, Gunther Schuller, Lyambiko, Heinrich Koebberling, Marc Muellbauer, J. Moods Quartet, Brandicity, Swing Dance Orchestra. CD-Veröffentlichungen (u. a. mit dem Finn Wiesner Trio: City Shadows 2010, Odd Ball 2007, Lets face the music and Dance 2000). Als Komponist und Songwriter vertreten auf weiteren CD-Produk tionen bei Sony/BMG. Seit 2006 im Lehrauftrag, ab Oktober 2010 als ordentlicher Professor für Saxophon an der Hochschule tätig, seit dem Sommersemester 2016 Studiendekan der Fachrichtung J/R/P. www.finnwiesner.com Erstes Dozentenkonzert mit Finn Wiesner (3.v.l.) 13. Juli 2007. Mitwirkende: Jürgen Neudert (pos), Christian Grabandt (tr), Ralf Beutler (git), Jäcki Reznicek (bg) und Matthias Bätzel (hammond) 69| Komposition Jazz/Rock/Pop in Dresden Thomas Zoller Der Studiengang Komposition J/R/P als Bachelor- und Masterstudium existiert unter verschiedenen Namen und mit verschiedenen Schwerpunkten an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber schon seit drei Jahrzehnten. Seit ich die Professur übernahm, ist der Studiengang ein Anlaufpunkt der „Heimatlosen“ geworden und hat in relativ kurzer Zeit die Potenziale und Chancen einer nicht zielgerichteten postmodernen kulturellen Situation aufgezeigt. „Heimatlos“ ist hier nicht als Synonym für Verlust gemeint, sondern als Sammelbegriff für nicht kontrollierbare persönliche Erfahrungen und Möglichkeiten, die nach außen stilistisch völlig offen und unabhängig vom „Stil“ des lehrenden Professors sind. Da ganz verschiedene Musik vom Popgesang bis zu Facetten Neuer Musik durch die Studierenden entsteht, sind bei dieser Arbeitsweise Eigenschaften wie Offenheit, Spieltrieb, Leidensfähigkeit, Freude und Disziplin erforderlich. Konkrete handwerkliche Fähigkeiten, die zur Realisierung des jeweils persönlichen „Stils“ notwendig sind, stellen einen wichtigen Teil der Arbeit dar. 70 | THOMAS ZOLLER Die Vernetzung mit den Kollegen der Fachrichtung Komposition Neue Musik hat sich als erfolgreich und fruchtbar herausgestellt. Das zusätzlich Besondere in der Fachrichtung J/R/P ist die Möglichkeit, als Instrumentalist*in oder Sänger*in einen fokussierten Einblick in den persönlichen lebendigen Prozess des Komponierens in Verbindung mit praktischer Spielerfahrung zu bekommen. Das geschieht bei interessierten Studierenden durch eine zeitlich begrenzte Aufteilung in das jeweilige Hauptfach und Komposition J/R/P. Auch das Angebot im Bachelor J/R/P, neben dem Pflichtmodul Arrangieren im 3. Jahr das Wahlpflicht-Modul Komposition zu besuchen, trägt zur konkret beschleunigten Entwicklung einer musikalischen Persönlichkeit bei, was durch jährliche Studioaufnahmen belegt werden kann. Das allmähliche vollständige Erkennen einer musikalischen Persönlichkeit macht ihre „Vermarktung“ erst sinnvoll und nachhaltig. Ausgewählte Studierende nutzten schon die Aufnahme in die Meisterklasse Komposition. Das Erleben nicht-linearer Prozesse – man könnte es manchmal ein Wunder nennen – steht bei lebendigen Kompositionen direkt in Verbindung mit dazu notwendigen konkreten handwerklichen Fähigkeiten. Erst diese Verbindung macht einen „eigenen Stil“ aus und bedient nicht nur bekann- Thomas Zoller (l.) mit Halym Kim (dr) beim Konzert am 11. März 2017 im Konzertsaal der Hochschule 71| KOMPOSITION JAZZ/ROCK/POP IN DRESDEN te Konzepte. In jeder neuen Komposition sollte etwas dem Komponisten selbst Unbekanntes enthalten sein, sonst wäre es eigentlich sinnvoller, das schon existierende Material einfach neu zu beleben und dadurch das Unbekannte zu entdecken. Damit wäre man, treffender formuliert, bei der Interpretation, der individuellen Neubelebung von Meisterwerken. Beispiele für dieses Neubeleben ist die Fuke Zen Shakuhachi Schule, die ausschließlich das Spielen von zwei Dutzend jahrhundertealten Solostücken für Shakuhachi-Flöte lehrt, oder auch die Wiedergabe sogenannter Alter Musik, wo sich durch die Bandbreite zwischen Notation und akustischer Umsetzung ein großer Spielraum eröffnet. Dazu gehören auch bestimmte Jazzstile wie New Orleans oder Be Bop, bei denen das Material zur Improvisation, die Komposition, so begrenzt wie möglich gehalten wird, um die größtmögliche spontane Kommunikation innerhalb der „ewigen Melodie“ zu erzielen. Mit anderen Worten: Neue Kompositionen sind nicht zwingend notwendig! Thomas Zoller (r.) musiziert mit Steffen Roth (dr) auf einer Shakuhachi-Flöte beim Konzert am 11. März 2017 im Konzertsaal der Hochschule 72 | THOMAS ZOLLER Affinität zu Themen wie Pausen, Wiederholung, Nichtwiederholbarkeit, sozialer Plastik, Eintönigkeit, komplexen Strukturen, ganzheitlicher Analyse, Glasperlenspiel, Wegbegleitung, Erlebnisse begünstigen, Lernen und Vergessen können mit Thomas Zoller in Verbindung gebracht werden. Sein Feld ist die Komposition im weiten Sinn: erlebnisoffen, sowohl spontan als auch im Kalkül, sowohl mit Instrument als auch in der Werkstatt, am Rechner/Schreibtisch, in der Klangforschung und im Kontakt mit jungen Musikern. 2008 erhielt er eine Professur für Komposition Jazz /Rock /Pop an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden. 2020 wurde er emeritiert. Thomas Zoller überrascht sich gerne selbst. Dabei kamen heraus: Werke / Konzepte für Kammermusik, von Hackbrett, Cembalo, präpariertem Klavier bis Perkussion und Saxophonquartett, alternative popmusic, Bläserund Jazzensembles, Big Band, Chor, Orchester, Musiktheater, samplebasierte Solo-CD Produktionen, Klangforschung mit Gongs und Schieferplatten, Musik Performance, Zeichnungen, Fundstücke, Skulpturen und natürliche Kontakte im Erlebnisfeld „Lehrer-Schüler“. Seine Instrumente sind Baritonsaxophon, Schieferplatten, Gongs, Sampletechniken, Stimme, Harmonium, verschiedene Klangerzeuger … Ausgewählte, spezielle Produktionen: „Open Hearts“ Zollsound Four featuring Lee Konitz (1999); „Songs Closer To Silence“ Zollsound Chamber Orchestra (2002); „Spielvereinigung Süd spielt Zollers Expeditions Orkest“ (2012); „Der Fremde und der Alte, unter dankenswerter Teilnahme des Jungen und des Wanderers“ mit Ludger Rèmy, Cembalo/Clavichord (2016); „do!“, 8 CD Box der unveröffentlichten Aufnahmen, Artwork und Texten mit größtenteils Solo-Produktionen der Dresdner Jahre 2009–2018. Mit verschiedenen Instrumenten u. a. Gongs, Schieferplatten, Saxophone, Loop Produktionen, Stimme, Percussion. (2019)! … und er geht einfach weiter. www.thomaszoller.com 73| Auf zu neuen Ufern. „Akustische Gitarre“ an der Musikhochschule Dresden Thomas Fellow Soweit ich mich erinnere, war es ein „Triumvirat“ aus Gerhard Hiensch, Detlef Bunk und Ralf Beutler, welches mich nahezu zeitgleich Anfang der 90er Jahre ansprach. Detlef hatte mich kurz zuvor zu einem Konzert eingeladen und Ralf kannte ich von einer äußerst einprägsamen Begegnung: Sein Duo und mein Duo standen einst gemeinsam vor der Tür eines Veranstalters in Magdeburg. Beide der festen Über zeugung, am Abend dort ein Konzert spielen zu dürfen. Beide hatten recht – Doppel buchung! Mein Duo fuhr wieder nach Hause. Die Frage der drei Herren aus Dresden war, ob ich mir vorstellen könnte, den Jazz-Gitarristen „Klassik-Unterricht“ zu geben. Für mich klang dies zwar etwas nach „Pflichtfach“ und „Straf-Expedition“, aber ich sagte zu, nachdem mein Vorschlag, diesen Unterricht auf verbindende Elemente auszudehnen (also auch moderne Stile, Gitarre in der Funktion als Begleitinstrument und kreative Ansätze einzubinden) begeistert aufgenommen wurde. 74 | THOMAS FELLOW Glücklicherweise hatte ich bereits im ersten Jahr hervorragende Studenten, z. B. Lars Kutschke, welche bereitwillig und mit überzeugendem Ergebnis als „Versuchs kaninchen“ für diesen neuen Weg dienten. Den Fuß einmal in der Tür, entwickelte ich kurze Zeit später ein Curriculum für eine eigenständige Ausbildung. Und ein entsprechender Name musste her: „Gitarre Weltmusik“. Aber was ich als musikalisch offen empfand, erweckte bei manch anderen wohl den Eindruck, als würde man in kleiner Runde mit selbstgebastelten Klangschalen indonesische Gamelan-Musik nachspielen. Jedenfalls deuteten Fragen und Kommentare in diese Richtung. Dennoch kamen schon nach wenigen Jahren „musikalische Rohdiamanten“ wie Sina Neumärker, Reentko Dirks, Daniel Wirtz, David Sick und Malte Vief und später dann noch weitere wie u. a. David Lindorfer, Christian Buchmann, Gaelle Solal, Franziska Henke, Sönke Meinen und und und … in die neue Gitarrenhochburg Dresden. Es wurde auch deutlich internationaler, und inzwischen aufmerksam beäugt mit entsprechender Neugier und wachsendem Respekt aufgenommen. Verstanden wurde es oft dennoch nicht. Auch wenn der Name inzwischen zu „Akustische Gitarre (Konzertmusik, Worldmusic, Jazz, Pop)“ ge- ändert wurde, kamen oft Fragen wie: „Kann man bei euch denn auch richtig Thomas Fellow beim Unterricht während der Dresdner Meisterkurse Musik 2014 75| AUF ZU NEUEN UFERN Gitarre studieren …?“ oder: „Klassische Gitarre kann man in Dresden wohl nicht lernen?“ (Doch! Aber eben nicht nur darauf reduziert …) oder: „Kann man sich da raussuchen, was man macht?“ (Nein! Aber neben dem Erwerb der fundamentalen Kenntnisse und Fertigkeiten in den wesent lichen musikalischen Bereichen kann man eben auch gezielt nach einem eigenen kreativen Weg suchen …). Ich war ja bereits nach wenigen Jahren und ersten Erfolgen überzeugt davon, diese Idee würde alsbald von vielen anderen Hochschulen übernommen (und ich hoffe dies im Interesse der Studenten und Interessenten nach wie vor). Inzwischen weiß ich jedoch auch, dass dies gar nicht so einfach sein dürfte. Denn es bedarf nicht nur eines Teams kreativer und aufgeschlossener Dozenten (hier idealerweise im Zusammenspiel mit der Ausbildung für E-Gitarre J/R/P), sondern auch einer möglichst heterogenen Truppe guter, interessierter und ambitionierter Studenten. Und das ist verdammt schwer zu finden! So haben wir unter den Dozenten, welche in den vergangenen Jahren für das Fach „Akustische Gitarre“ verantwortlich waren, nicht nur etliche erfolgreiche Musiker aus der eigenen Ausbildung (Sina Neumärker, Reentko Dirks, Daniel Wirtz, Jule Malischke und Sönke Meinen – neben weiteren Das Gitarrenteam (Nora Buschmann, Daniel Wirtz, Thomas Fellow, Ralf Beutler, Reentko Dirks, Sina Neumärker, Stephan Bormann und Constanze Friend als Gast (v.l.n.r.) beim Konzert „Fellow & Friends“ am 17. April 2016, Konzertsaal der HfM 76 | THOMAS FELLOW Lehrern für Lehramt und IGP), sondern auch eine neue Generation beeindruckender Studenten aus den verschiedensten Kulturkreisen, welche die Besonderheit, Offenheit und Qualität dieser Ausbildung eindrucksvoll aufzeigen. Denn welcher Gitarrist auch immer auf der Suche nach Konzerten gefragt wird, ob er nicht bei diesem oder jenem Projekt auf einer akustischen Gitarre begleiten und dafür arrangieren könnte oder von einem Musikschüler neben Stücken aus dem „Klassik-Repertoire“ auch um ein Stück von Tommy Emmanuel, klangvolle Perkussions techniken auf der Gitarre oder eine coole Begleitung für einen Justin-Bieber-Song gebeten wird, mag sich denken: „Hätte ich doch nur in Dresden studiert!“ Thomas Fellow studierte Konzertgitarre an der Hochschule für Musik „Franz Liszt“ in Weimar. Während seiner Zeit als Konzertgitarrist wurde er Preisträger verschiedener internationaler Wettbewerbe, spielte als Solist mit herausragenden Orchestern und konzertierte weltweit. Bereits 1991 fand er sich mit der Sängerin Constanze Friend zum äußerst erfolgreichen Duo FRIEND ̀ N FELLOW zusammen, seit 2000 besteht das Duo HANDS ON STRINGS mit dem Gitarristen Stephan Bormann. Thomas Fellow ist Initiator und künstlerischer Leiter des EUROPEAN GUITAR AWARD, einem prestigeträchtigen Wettbewerb für junge kreative Gitarristen. Die Ausbildung „Akustische Gitarre (Konzertmusik/Worldmusic/Jazz/Pop)“ – vormals „Gitarre/Worldmusic“ – wurde auf seine Anregung hin Mitte der 90er Jahre an der Hochschule aufgebaut und gilt heute als eine der erfolgreichsten Ausbildungsstätten für Gitarre überhaupt. 2018 wurde ihm der Sächsische Lehrpreis in der Kategorie Kunsthochschulen verliehen. www.thomasfellow.de 77| Leben am Fluß. Mit der elektrischen Gitarre in die neue Zeit Stephan Bormann Mein Gitarrenlehrer am Magdeburger Konservatorium hatte in Dresden studiert und empfahl mir bei meinem aufkeimenden Studieninteresse (es gab eigentlich nie eine ernstzunehmende Alternative), meine Fühler gen Süden auszustrecken – die Stadt wäre großartig, das Umfeld der Hochschule inspirierend. Da in den 80er Jahren die legendären „Ferienkurse“ stattfanden − ein Unterrichtsangebot für potentielle Studieninteressenten − hatte ich schnell einen Grund gefunden, mich auf den Weg zu machen. In einem kalten Februar wurde in der wunderbaren Stadt durch den Unterricht bei Walter Wirsig, Gerhard Hiensch (Gitarre), aber auch durch großartige Studenten wie Jörg Naßler, Tom Götze, Scotty Böttcher u. a. mein heißes Interesse am Studium eine beschlossene Sache. Von 1988 bis 1992 studierte ich Plektrumgitarre in der damaligen Abteilung für Tanz- und Unterhaltungsmusik. Ich habe also die letzten Züge der DDR während meines Studiums in Dresden miterlebt und genau in dieser Zeit des Umbruchs die Sehnsucht nach Veränderung in mir getragen (wie die meisten Menschen in der DDR) und gespürt, dass sich die Dinge bald 78 | STEPHAN BORMANN gravierend ändern werden. Der „antike“ Name „Abteilung für Tanz- und Unterhaltungsmusik“ verschwand gleich nach der Wende, und nun durfte jeder auch offiziell jazzen, rocken und noch vieles mehr … Anfang der 90er Jahre ging ein Großteil der älteren Lehrer in den Ruhestand – darauf folgend läuteten Professoren wie Baby Sommer, Marko Lackner u. a. eine neue Ära ein. So freute ich mich sehr, als Ralf Beutler zwei Jahre nach meinem Studium fragte, ob ich mir vorstellen könnte, im jungen Team der Gitarrenlehrer mitzuwirken. Nach meinem Probeunterricht wurde mir das auch erlaubt. Thomas Fellow war hinzugekommen – er prägte ab sofort die Gitarrenausbildung − und auf seine Initiative hin wurde bald auch die Möglichkeit, akustische Gitarre (zunächst „Gitarre/Weltmusik“) in Dresden zu studieren, eingeräumt. Für die E-Gitarre waren der kollegiale Ralf Beutler und ich zuständig, wobei sich Ralf Beutler mit Begeisterung für die Verbreitung des traditionellen Swing engagierte und ich die ambitionierten Studenten mit Fusion und Modern Jazz bekehrte. Konzert von Stephan Bormann (li.) mit FRIEND 'N FELLOW am 14. April 2016 im Konzertsaal der Hochschule 79| LEBEN AM FLUSS Wir luden nun vermehrt nationale und internationale Musiker für Workshops ein und reisten als Lehrer-Team in die USA. Zu jener Zeit veranstalteten wir einmal im Jahr selber Workshops, um Interessenten für das Gitarren-Studium zu rekrutieren. Das Niveau der Ausbildung und der Studenten stieg stetig an. Das konnte man bei den Band Summits der Studenten ebenso erleben, wie bei regelmäßig stattfindenden Dozentenpodien, bei denen sich die Lehrer „duellierten“. An vielen Hochschulen findet oftmals ein reger Wechsel der Gitarrenlehrer statt, ebenso gibt es an anderen Hochschulen nur wenige Lehrer für das Instrument – nicht so in Dresden. Hier erfreuen wir uns seit über zwei Jahrzehnten an Konstanz und gelegentlichem Zuwachs, was eben auch sehr viel Positives über das Teamkonstrukt aussagt. Zudem sind natürlich einige fantastische junge Lehrer wie Reentko Dirks, Sina Neumärker, Martin Miller u. a. hinzugekommen, die wieder eine andere Perspektive auf das Instrument eröffnen. All dies hat letztendlich auch zu der besonderen Qualität der Ausbildung geführt. Seit den 2000er Jahren hat sich meine musikalisch-künstlerische Orientierung etwas verändert, indem ich vermehrt von der elektrischen Gitarre zur elektroakustischen wechselte. Aber: Es ist auf jeden Fall immer noch eine Menge Elektrizität im Spiel! Und natürlich beeinflusste dies auch meinen Unterricht. Durch unzählige Konzerte mit HANDS ON STRINGS und dem CRISTIN CLAAS TRIO verlagerte sich der Fokus auf die kreative Eigenständigkeit, und dafür versuche ich natürlich auch die E-Gitarristen zu sensibilisieren. Das Team der Gitarrendozenten der HfM (Ralf Beutler, Thomas Fellow und Stephan Bormann [v.l.n.r.]) bei einem Workshop in Columbus/Ohio im Jahr 2002 80 | STEPHAN BORMANN Seit 2015 transportiert der virtuose Jazz- und Rockgitarrist Martin Miller ebenso neue Impulse in die Abteilung. Er kann neben seinem fundierten instrumentalen Wissen auch vermitteln, wie man sich gekonnt im World Wide Web positioniert. Neben Martin Miller zählt Lars Kutschke zu den herausragenden ehemaligen Dresdner E-Gitarren-Studenten. Seit dem Frühjahr 2019 gehört auch er zum Team und bereichert die inhaltlich breitgefächerte Ausbildung. Mittlerweile bilden die elektrische und akustische Gitarrenausbildung eine wunderbare Symbiose. Das liegt daran, dass die E- Gitarristen anteilig auch das Spielen auf der akustischen Gitarre studieren und umgekehrt. Das breit aufgestellte Team kann auf die unterschiedlichsten Studenten sehr individuell eingehen und ein einzigartiges, neben Basics auch auf sehr spezielle Interessen abgestimmtes, Studienprogramm anbieten. Durch Finn Wiesner – Professor für Saxophon und Studiendekan – wurden nun wieder Anfang jeden Jahres Jazzworkshops (für alle Instrumente) initiiert − quasi eine Wiederbelebung der Idee der Dresdner Ferienkurse der Vorwendezeit. Es war mir von Anbeginn eine Ehre, an der Musikhochschule zu unterrichten und ein Teil dieser Ausbildung zu sein. Natürlich hoffe ich, dass diese erhalten bleibt und immer großartigere Studenten uns in unserer Arbeit beflügeln. Wünschenswert wäre nach so langer Zeit eine feste(re) Integration. Stephan Bormann zählt zu den viels(a)itigsten deutschen Gitarristen. Mit seinen Projekten, dem CRISTIN CLAAS TRIO, HANDS ON STRINGS, dem 10STRING ORCHESTRA, JULE MALISCHKE oder als SOLIST bestreitet er ca. 100 Konzerte im Jahr. Als Gitarrist des Cristin Claas Trios ist er SONY Recording Artist und tourt durch verschiedene Länder Europas. Er ist nicht nur erfolgreicher Musiker, sondern auch Komponist mit Veröffentlichungen im AMA-Verlag und bei SCHOTT MUSIC. 2013 erschien dort sein SOLO GUITAR BOOK, das verschiedene Ansätze zum Arrangieren für Solo-Gitarre vorstellt. Als Sideman hat er mit diversen Künstlern gearbeitet und war im Konzert mit Nils Landgren, Till Brönner, den Klazz Brothers, der Leipzig Big Band, Günther Fischer u. v. a. zu erleben. Von 1989–2006 arbeitete er als Gitarrendozent an der Universität Magdeburg, von 1998–1999 an der Musikhochschule Leipzig. Er leitet seit 1995 eine Hauptfachklasse an der Hochschule für Musik in Dresden und ist dort Professor für Gitarre Jazz/Rock/Pop. Workshops führten ihn in zahlreiche Städte Deutschlands sowie nach Italien, Österreich und in die USA. www.stephanbormann.de 81| Studiengang „Akustische Gitarre“ – eine wegweisende Ausbildung Sönke Meinen Betrachtet man die Entwicklung der akustischen Gitarre in den letzten 30 bis 40 Jahren genauer, so lässt sich ein spannender Prozess beobachten: Zu den prägenden Stilistiken wie der langen Tradition der klassischen Gitarre und dem sich fortlaufend verändernden Feld des Jazz gesellte sich nach und nach eine Vielzahl neuer Spielarten und Genres. Durch kreative, oft perkussive Spieltechniken, offene Gitarrenstimmungen und die weiterentwickelten Möglichkeiten der elektrischen Verstärkung kann die akustische Gitarre vorher nicht gehörte Klänge erzeugen. Viele Gitarristen traten in Erscheinung, denen eine klare Trennung von Jazzgitarre und klassischer Gitarre nicht zeitgemäß erschien, sodass eine Sortierung in stilistische Schubladen in einem großen Bereich der Gitarrenmusik heute kaum noch möglich ist. Wo sich diese klare stilistische Trennung allerdings bis heute hartnäckig hält, sind fast alle Musikhochschulen. Diese Tatsache ließ mich lange am Sinn eines Musikstudiums zweifeln, schließlich setzte ich mir von Beginn an das Ziel, meine „eigene“ Musik zu machen. Meine Kompositionen waren vor dem Studium vielleicht noch nicht 82 | SÖNKE MEINEN besonders ausgereift, dennoch war eines bereits klar: Inspiriert von dieser neuen Gitarrenmusik, wollte ich weder ein rein klassischer Gitarrist noch ein reiner Jazzer sein. Umso überraschter war ich, als ich im Jahre 2008 auf einem Gitarrenfestival Reentko Dirks begegnete, der mir von dem Studiengang in Dresden erzählte, der heute „Akustische Gitarre – Konzertmusik/ Worldmusic/Jazz/Pop“ heißt. Es dauerte nicht lange und ich wusste endlich, wohin der Weg gehen sollte: Wenn ein Musikstudium, dann in Dresden – Plan B gab es in musikalischen Bereichen nicht, es wäre sonst wohl ein Architekturstudium geworden. Nach Abitur, Zivildienst und intensiver Studienvorbereitung parallel zu einem freiwilligen Jahr in der Denkmalpflege war es 2011 endlich soweit: Nach bestandener Aufnahme prüfung wurde ich „vom Ostfriesen zum Ossi“. Auch wenn es ein paar Monate brauchte, bis ich mich in Dresden eingelebt hatte, war die (zu Studienbeginn sehr überschaubare) Gitarrenklasse sofort wie eine kleine Familie. Das umfangreiche Programm an Vorlesungen und Veranstaltungen forderte und förderte eine musikalische Entwicklung und Veränderung, die auch jetzt nach dem Studium nicht einfach „abgeschlossen“ ist. Und dennoch war mein Tatendrang nicht gestillt: Mit Kommilitonen ergab sich eine Vielzahl an Projekten, in denen ich während meines Studiums etwa 300 Konzerte im ganzen deutschsprachigen Raum spielen durfte. Wie es mit dem Sich-Ausprobieren nun mal ist, haben nicht alle Projekte überlebt, aber jedes einzelne hat mich immens weitergebracht, nicht zuletzt deshalb, weil ich mir der Unterstützung meiner Dozenten sicher sein konnte. In den ersten Jahren meines Studiums spielte ich mich durch alle traditionellen Stile und Epochen, die für die akustische Gitarre wichtig sind. Auf Solokonzerte verzichtete ich bewusst, denn ich bemerkte, dass sich in meinem Spiel eine Menge veränderte. Erst gegen Ende des zweiten Studienjahres entstanden die ersten neuen Kompositionen für Sologitarre, aber schon nach wenigen Stücken wurde deutlich, was sich bereits getan hatte: Viele grundsätzliche Dinge waren auf den ersten Blick erkennbar: Statt auf Stahlsaiten spielte ich vermehrt auf Nylonsaiten – und plötzlich mit Fingernägeln, was ich vor dem Studium nicht für möglich gehalten hatte. Aber auch die Musik selbst hatte sich stark verändert: Viele Stilistiken, mit denen ich mich intensiver beschäftigt hatte, fanden irgendwie einen Weg in die eigenen Kompositionen und Arrangements, bei denen ich nun zum ersten Mal das Gefühl hatte, sie auch „eigen“ nennen zu können. Im Verlauf meines Studiums kristallisierte sich eine Schwerpunktverteilung heraus: Während ich bei Thomas Fellow und später bei Nora Buschmann viel klassische Gitarrenliteratur erarbeitete, bei Reentko Dirks und Thomas 83| STUDIENGANG „AKUSTISCHE GITARRE“ – EINE WEGWEISENDE AUSBILDUNG Zoller hauptsächlich auf Komposition fokussierte, lag bei Stephan Bormann der Schwerpunkt auf Arrangieren und Improvisieren. Zudem spielte besonders in der ersten Hälfte meines Studiums die Basisarbeit an Groove, Skalen, Blattspiel und Co. bei Ralf Beutler eine große Rolle. Es war nie ein Problem, diese Rollenverteilung zu ändern, wenn es mir zum Beispiel für ein Stück, an dem ich arbeitete, passend erschien. Ergänzt wurde das Dozententeam durch Sina Neumärker und Daniel Wirtz, die für mich mit den Fächern Stilkunde und Ensemblespiel das breite gitarristische Lehrangebot vervollständigten, allerdings auch viele Haupt- und Nebenfachstudenten in Einzelstunden unterrichten. Was mich beeindruckte, war das stete Bemühen der Dozenten, so eine Verteilung und auch die Zusammenstellung der Lehrkräfte individuell auf jeden Studenten zuzuschneiden und anzupassen. Es ist offensichtlich, dass die Sonderstellung der Dresdner Gitarrenausbildung seit einigen Jahren für ein hohes internationales Ansehen sorgt. Dass Bewerber und Studenten aus Asien, Australien, ganz Europa und den USA kommen, ist der beste Beleg dafür. Und genau das ist für mich auch die besondere Würze dieses Studiengangs: Dadurch, dass jeder Student einen anderen musikalischen Hintergrund mitbringt, sind es nicht nur die Dozenten, die für einen großen Pool an Inspiration sorgen. So blicke ich dankbar auf viele Momente zurück, in denen ich von meinen Kommilitonen lernen durfte – meist in der von den Studenten liebevoll so genannten 08/15, einer Art Abstellraum neben den Toiletten – mit der Akustik eines Konzertsaals. Die unerschöpflich wirkenden Möglichkeiten des Gitarrenstudiums machten die Entscheidung nicht schwer, an mein Bachelor-Studium auch gleich noch den Master in Dresden anzuhängen, zu dem ich parallel noch einen pädagogischen Bachelor-Abschluss machte. Dieser wurde besonders durch intensiven Lehrpraxisunterricht bei Ralf Beutler und Nora Buschmann geprägt. Zu dieser Zeit wurde für mich auch deutlich, welche Projekte langfristig angelegt werden sollten. So liegt nun der Fokus auf meinem Soloprojekt, mit dem ich 2016 meine Debüt-CD produzierte, sowie auf Duos mit dem dänischen Geiger Bjarke Falgren, der Jazzsängerin Anna-Lucia Rupp und dem Gitarristen Philipp Wiechert. Die beiden letzteren kommen ebenfalls von der Hochschule für Musik in Dresden. Der Übergang zwischen Studium und „freier Wildbahn“ war durch die bestehenden Projekte und nicht zuletzt auch durch eine sehr gute Vorbereitung und Betreuung durch das Dozenten-Team kaum merkbar. Statt gähnender Leere im Kalender wartete eine Woche nach meiner letzten Prüfung meine erste Tournee durch Asien auf mich, kurze Zeit später ging es nach Australien. Ich bin sehr gespannt, wo mich die Musik noch hinführen wird. 84 | SÖNKE MEINEN Und ich bin für die sechs Jahre an der Hochschule in Dresden unendlich dankbar, dass sie mich nicht nur vor einem Architekturstudium bewahrt, sondern als Künstler, aber auch als Person stark geprägt haben. Ich wünsche den Dozenten und Studenten, dass dieser moderne Ansatz, ein Gitarrenstudium zu gestalten, als so wegweisend gesehen wird, wie ich ihn erfahren habe. Aber vielleicht wird dieses „Modell Dresden“ ja nicht nur weiterhin die angemessene hohe Reputation erfahren, sondern sogar Grundlage und Inspiration für viele weitere Studienorte sein. Die Gitarre hätte es verdient. Die Finalisten des European Guitar Award 2016: Simon Riedlecker, Fabian Zeller, Antoine Boyer, Samuelito, Heiko Bloemers (sitzend), Gianluca Calivà, Marton Stummer, Lukas Häfner, Sönke Meinen, Leon Albert, Janko Rašeta (v.l.n.r.) 85| STUDIENGANG „AKUSTISCHE GITARRE“ – EINE WEGWEISENDE AUSBILDUNG Sönke Meinen, 1991 geboren, studierte bei Prof. Thomas Fellow, Prof. Stephan Bormann und Reentko Dirks an der HfM Dresden. Er ist Preisträger diverser Wettbewerbe, im Jahre 2016 gleich bei zwei der renommiertesten weltweit: als Gewinner des „Guitar Masters“-Wettbewerbs und Sponsoring-Preisträger des „European Guitar Awards“. Tourneen führten ihn bisher in nahezu alle Länder Europas und nach Übersee. Neben seinen Solokonzerten steht Meinen auch regelmäßig mit dem dänischen Violinenvirtuosen Bjarke Falgren auf der Bühne. Das hochgelobte Debütalbum „Postcard to Self “ brachte dem Duo 2019 gleich zwei Nominierungen für die Danish Music Awards ein. Sönke Meinen hat sich mit seiner Musik, in denen er virtuosen Fingerstyle mit Einflüssen aus klassischer Konzertmusik, Jazz und Weltmusik verbindet, in der nationalen und internationalen Gitarrenszene einen herausragenden Ruf erspielt. Seit 2019 unterrichtet er akustische Gitarre an der HfM Dresden. www.soenkemeinen.com 87| Musikalische Begleiter ein Leben lang. Meine Zeit an der Musikhochschule Dresden Jäcki Reznicek Es kostete meinen ersten Basslehrer Werner Stürmer schon eine Menge Überzeugungsarbeit, um meine Eltern und vor allem mich zu überreden, an der Aufnahme prüfung der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden teilzunehmen. Das war 1972. Ich war gerade mal 19 Jahre alt und im zweiten Ausbildungslehrjahr als Elektromonteur mit Abitur. Eine Bewerbung an einer Musikhochschule kam für mich überhaupt nicht in Betracht. Musik bedeutete mir zwar zu dieser Zeit schon sehr viel, aber so eine Hochschule war für mich der Musik-Olymp, und ich konnte mir nicht vorstellen, da angenommen zu werden. Werner aber blieb hartnäckig. Also tat ich ihm den Gefallen und bewarb mich für ein Studium an der Abteilung für „Tanz- und Unterhaltungsmusik“. Am Tag der Aufnahmeprüfung war mein Basslehrer, der mich begleitete, aufgeregter als ich. War ich doch immer noch der Überzeugung, dass das nicht klappen würde. Es kam anders. Hauptfach Bass mit Bravour be- 88 | JÄCKI REZNICEK standen, Musiktheorie und Gehörbildung auch okay, aber im Pflichtfach Klavier durchgefallen. Jetzt war es mein künftiger Hochschuldozent Lothar Spiller, der sich für mich einsetzte und die Klavierlehrerin Frau Golf überredete, mich ein Jahr privat zu unterrichten. Wahnsinn! Ich hatte das nie für möglich gehaltene fast geschafft. Jetzt wollte ich unbedingt Musik studieren. Zurück im Internat der Elektromonteur-Berufs schule in Falkenberg/Elster gab es für mich nur noch eins: Musik, Musik, Musik. Während sich meine Mitlehrlinge mit ihren Freundinnen trafen, mit Kumpels in der Kneipe waren oder für ihre Ausbildung büffelten, saß ich im Kulturraum des Internats und übte stundenlang Klavier. Natürlich beschäftigte ich mich auch mit dem Bass und der Musiktheorie. Klavier hatte aber den absoluten Vorrang. Denn ich musste ja wöchentlich nach der Arbeit bzw. der Schule zum Klavierunterricht zu Frau Golf nach Dresden fahren und nachts wieder zurück nach Falkenberg. Wenn man etwas aber unbedingt will, Feuer gefangen und ein klares Ziel vor Augen hat, nimmt man vieles in Kauf, verzichtet auf so manches, und plötzlich ist alles möglich und machbar. An den Wochenenden spielte ich weiterhin mit meiner Band, der Gruppe „Pi“, in Kultur häusern in und um Dresden. In der Woche hieß es weiterhin üben, üben, üben. Da blieb natür- Lothar Spiller in den 60er Jahren 89| MUSIKALISCHE BEGLEITER EIN LEBEN LANG. MEINE ZEIT AN DER MUSIKHOCHSCHULE DRESDEN lich keine Zeit mehr für die Berufsausbildung und das Abi. Trotzdem schloss ich beides aber mit ganz passablen Noten ab. Im September 1973 war es dann endlich so weit. Ich war Bass-Student an der Musikhochschule Dresden, überglücklich, und hatte dazu noch Riesenspaß. Den ganzen Tag lang konnte, durfte, musste und wollte ich Musik machen. Da störten auch die wöchentlichen Vorlesungen und Seminare in den Fächern Marxismus-Leninismus, Wissenschaftlicher Sozialismus oder der Russisch- und Sportunterricht nicht. Und ich hatte wunderbare Dozenten! Da war zuallererst mein Basslehrer Lothar Spiller. Vier Jahre studierte ich bei ihm ausschließlich Jazzkontrabass. Sein Unterricht war immer geprägt von der Liebe zur Musik und zum Bassspielen im Besonderen. Trotz aller Ernsthaftigkeit, trotz Strenge und Arbeitsintensität haben wir viel gelacht, war es immer locker und freundlich. – Eine kleine Episode am Rande: „Also Herr Reznicek (Lothar bot mir erst nach dem Studium das ‚Du‘ an), für Blatt spiel war das gar nicht so schlecht, aber bis nächste Woche noch mal richtig üben“, sagte damals mein Dozent mit einem verschmitzten Lächeln zu mir. Erwischt! Hatte ich doch diese kleine Etüde erst kurz vor dem Unterricht im Bus „im Kopf geübt“. Natürlich waren auch mein Hauptfachlehrer und die anderen Dozenten sehr kompetent, aufgeschlossen und ermutigend. So habe ich von Günter Hörig im Bigband-Unterricht viel über das Zusammenspiel in einer Band und die Jäcki Reznicek und Roger Goldberg 1995 90 | JÄCKI REZNICEK einzelnen Rollen der Instrumente gelernt. Siegfried Ludwig, Siggi, wie ich ihn später nennen durfte, hat mir gezeigt, wie wichtig der Rhythmus in der Musik ist. Und von beiden erfuhr ich eine ganze Menge über das Musik- Business, als ich die Ehre hatte, meinen Haupt fachlehrer bei den Dresdner Tanzsinfonikern zu vertreten. Na, und Frau Golf brachte mich im Klavierunterricht sogar zum Singen. So ganz „nebenbei“ haben sie mir alle gezeigt, was einen guten Unterricht ausmacht. Während meines Studiums spielte ich in vielen Bands und wurde auch dazu von meinen Dozenten ermutigt (entgegen allen damaligen Gepflogenheiten). Das waren so zum Beispiel die unterschiedlichsten Hochschul-Jazzbands, viele Bar- und sogenannte KGD-Kapellen („Konzert- und Gastspieldirektion“), das legendäre Günter Philipp Improvisationstrio, eine Blues- und eine Soul-Band. Später dann die bekannteste Jazzbigband der DDR, die Klaus Lenz Big Band in Berlin, und am Ende meines Studiums spielte ich in der Band von Veronika Fischer. Dank meiner Ausbildung an der Dresdner Musikhochschule bin ich mit all den verschiedenen Musikrichtungen gut zurechtgekommen und konnte dadurch auch in den unterschiedlichsten Bands überzeugen. Das Wichtigste aber, was ich während meines Studiums gelernt hatte, war die Erkenntnis, dass Musizieren immer Spaß machen sollte, sonst verliert es seinen Sinn! Jäcki Reznicek (bg) und Günter Baby Sommer (dr) beim Dozentenkonzert 2005 91| MUSIKALISCHE BEGLEITER EIN LEBEN LANG. MEINE ZEIT AN DER MUSIKHOCHSCHULE DRESDEN Studium an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden, Hauptfach Jazz-Kontrabass und Bassgitarre bei Lothar Spiller. Bassist bei zahlreichen Bands (u. a. Klaus-Lenz-Big Band, Veronika Fischer & Band, PANKOW, Barbara Thalheim, East Blues Experience, SILLY, RAUSCH- HARDT, Driftwood Holly). Seit 1991 als Dozent für Bass an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden tätig. Publikation von mehreren Basslehrbüchern. www.jackireznicek.com Jetzt, im Jahre 2021, bin ich nun schon 30 Jahre Dozent für Bass in der Jazz/Rock/Pop-Abteilung der Musikhochschule, da ich das Glück hatte, die Arbeit meines Hochschuldozenten Lothar Spiller 1991 übernehmen zu dürfen. Dabei habe ich in all den Jahren versucht – und versuche es noch immer – auch meinen Studenten diese Liebe zur Musik und insbesondere zum Bassspielen nahe zu bringen, sie für den musikalischen Berufsalltag bestmöglich vorzubereiten, sie anzuregen, Neues auszuprobieren, ihnen das Zusammenspiel in einer Band und die einzelnen Rollen der Instrumente zu vermitteln, zu zeigen, wie wichtig der Rhythmus in unserer Musik ist, ihnen meine Erfahrungen im Musik-Business weiterzugeben und sie manchmal auch zum Singen zu bringen. Bei allem hoffe ich, ihnen immer zu zeigen, was einen guten Unterricht ausmacht. Aber das Wichtigste und das, was mir ganz besonders am Herzen liegt, ist, den Spaß und die Freude am Musizieren zu vermitteln, ganz in der Tradition meiner Ausbildung an der Musikhochschule Carl Maria von Weber. Das ist mir nicht nur ein Bedürfnis, sondern gleichzeitig auch ein großes DANKESCHÖN an meine damaligen Dozenten. Kleiner Nachtrag: Als ich 1991 die Stelle meines Lehrers Lothar Spiller, der in Rente ging, an der Musikhochschule übernahm, hatte der Student Tom Götze sein Diplom-Abschlusskonzert und ich war Teil der Prüfungskommission. Jetzt bin ich in Rente gegangen und Tom hat meine Stelle bekommen. So wird der Dozenten-Staffelstab weitergegeben. 93| Der Walking Bass ist keine Sportart Tom Götze Als ich 1984 mit dem Studium an der HfM Dresden begann, war bei mir von einem Jazzbass-Studium keine Rede. Ich studierte zunächst im Vorstudienjahr, später im Regelstudium das Instrument Tuba in der Orchesterabteilung. Während dieser ersten Jahre wuchs mein Interesse an der sogenannten „U-Musik“ jedoch ständig. Nicht zuletzt dadurch, dass ich in einer gemischten Seminargruppe, bestehend aus Holz- und Blechbläsern und Schlagwerkern der Orchesterabteilung und Studenten der Abteilung „Tanzund Unterhaltungsmusik“, kurz und unsäglich TUM genannt, studierte. Mein damaliger Hauptfachdozent Claus Schweter war Jazzfan und empfahl mir zur Horizonterweiterung Unterricht im Nebenfach Schlagzeug oder Bassgitarre. Nach anfänglichem Zögern entschied ich mich für den Bass, da ich schon immer ein Faible für Groove und Bassfunktion hatte. Unterrichtet wurde ich von Anfang an von meinem späteren Hauptfachlehrer Lothar Spiller, der mir die ersten Töne beibrachte. Der Unterricht war für mich als Nebenfächler angenehm und entspannter als mein eigentliches Hauptfach Tuba. 94 | TOM GÖTZE Wegen einer plötzlichen und unerwarteten Krankheit infolge Überlastung musste ich das Tubaspielen von einem Moment zum anderen beenden. Nach anfänglicher Orientierungslosigkeit stürzte ich mich voll in das Studium meines ehemaligen Nebenfaches. Gespielt wurde damals eigentlich ausschließlich Bassgitarre. Der Kontrabass war Ende der 80er Jahre völlig aus der Mode gekommen. Meines Wissens gab es zwischen 1985 und 1990 keinen einzigen reinen Jazzkontrabass-Studenten. Nach meinem Diplomkonzert 1991 wurde ich erst wieder 2006 an der HfM aktiv. Nachdem ich von 2000 bis 2006 an der Musikhochschule Leipzig als Dozent für Bassgitarre arbeitete, ergab sich die Möglichkeit, als Nachfolger von Michael Hauser, welcher wiederum zusammen mit Tino Scholz  Roger Goldberg nachfolgte, in meiner Heimatstadt Dresden zu unterrichten. Seitdem arbeite ich gemeinsam mit meinen Kollegen Tino Scholz als Kontrabass-Dozent und Jäcki Reznicek als E-Bass-Dozent in bester Atmosphäre zusammen. Die Kontrabassausbildung hat sich natürlich im Laufe der Zeit erheblich ver- ändert und verbessert. Hinweisen möchte ich besonders auf das Modell des geteilten Hauptfach unterrichts. Der Student kann sich so viel individueller entwickeln. Er erhält Unterricht vom gewünschten Dozenten im gewünsch- Matthias Bätzel (p), Tom Götze (kb), Till Brönner (tr) und Finn Wiesner (sax) beim „Jazzpack“ am 14.10.2010 im Konzertsaal der Hochschule 95| DER WALKING BASS IST KEINE SPORTART ten Ausmaß. So auch bei Dozenten anderer Hauptfächer, allen voran Schlagzeug. Die Schlagzeugprofessoren können über das Zusammenspiel ganz konkreten Einfluss auf die Entwicklung und Anforderungen des Bass-Studenten nehmen. So arbeite auch ich umgekehrt häufig mit Schlagzeug studenten an Timing und Zusammenspiel. Mittlerweile haben wir einige Studenten, die den Kontrabass als ihr Hauptinstrument bevorzugen ohne die Ausbildung auf dem E-Bass zu vernachlässigen. Wir sind als Team immer noch davon überzeugt, dass man als Doubler bessere Chancen im Job eines Berufsmusikers und Instrumentalpädagogen hat. Die Arbeit mit Studenten macht mir immer mehr Spaß, und ich versuche ständig, mich als Lehrer zu verbessern. Wesentlich ist dabei, dass ich aus der Arbeit als professioneller Musiker in verschiedensten Genres ständig erfahre, was es Studenten weiter zu vermitteln gilt. Hervorheben möchte ich ausdrücklich den fantastischen Umgang der Professoren und Dozenten untereinander. Das ermöglicht uns einen stressfreien und uneitlen Studienbetrieb. Ich hoffe, das bleibt so! Tom Götze mit den Studierenden Adrian Zendeh (p), Pat Eric Beutler (dr), Anna Tsombanis (sax), Berthold Brauer (tr) sowie Tobias Krüger (sax) beim Band Summit am 25. Januar 2016 im Konzertsaal der Hochschule 96 | TOM GÖTZE Tom Götze studierte von 1984 bis 1990 Tuba, Bassgitarre und Kontrabass an der Musikhochschule in Dresden. Seit seinem Studienaufenthalt 1992/93 in den USA (New York/Los Angeles) ist er als freiberuflicher Musiker in den Bereichen Jazz, Rock, Klassik und Schauspielmusik tätig. Als Jazzmusiker arbeitete er u. a. mit Adam Rogers, Mike Stern, Richie Beirach, den Pet Shop Boys, Volker Schlott, Uschi Brüning, Pascal von Wroblewsky, Andreas Gundlach, Christian Röver, Günther Fischer, Manfred Krug, Günther Baby Sommer und Günter Hörig. Im Bereich Rock und Funk spielt Tom Götze seit 1989 in der Dresdner Band Dekadance. Des Weiteren ist er als Gründungsmitglied der Dresdner Sinfoniker regelmäßig, auch als Solist, an deren Projekten beteiligt. Zudem arbeitet er u. a. am Theater der Jungen Generation und am Staatsschauspiel in Dresden und ist als Solist und Ensemblemitglied in ca. 200 Konzerten und Aufführungen jährlich zu erleben. Gastspiele und Tourneen führten ihn nach Kanada, Skandinavien, England, Spanien, Italien, Österreich, Russland, in die Schweiz und nach Tschechien. Von 2000 bis 2006 hatte er einen Lehrauftrag für Kontrabass/Bassgitarre an der Hochschule für Musik und Theater Leipzig. Seit 2006 unterrichtet er im Lehrauftrag für Kontrabass/Bassgitarre an der Dresdner Hochschule für Musik und wurde 2012 zum Honorarprofessor berufen, zum Wintersemester 2019/2020 erfolgte eine Festanstellung. www.tomgoetze.de 97| Vom Sänger zum Vokalisten Céline Rudolph Dienstags um 11.30 Uhr füllt sich der Raum W 1.13 am Wettiner Platz mit einem bunten Dutzend quirlig durcheinander sprechender Sänger, alles Solisten, die hier geballt aufeinander treffen und sich viel zu erzählen haben. Der Raum platzt vor Energie. Wir schließen die Augen und bündeln diese Energie beim Aufwärmen, Dehnen, die Mitte finden, Atmen. Der Atem wird zum Groove, wir erfinden Rhythmen, erweitern uns zu einem perkussiven Ensemble, jede einzelne Stimme verzahnt sich mit der anderen. Wir ersingen freie Klanglandschaften, die im Moment entstehen und improvisieren rein vokal über Standards. Zwölf verschiedene Farben leuchten als Unikate und experimentieren gemeinsam mit Sound und Groove, mit Sprache und Geste, mit Spannung und Entspannung. Das ist die „Vocal Impro“ am Dienstag, das Herzstück der Gesangsklasse, der Jour Fixe seit 2002, als Günter Baby Sommer mich nach Dresden holte, um die Klasse in die Jetztzeit zu holen, vom reinen Sänger zum „Vokalisten“, also zum kompletten Musiker als aktivem Impulsgeber in der Improvisation. In diesem geschützten Raum gehen wir in direkten Dialog 98 | CÉLINE RUDOLPH mit der Musik, verabschieden uns von Kategorien wie „richtig-falsch“ und heißen den Moment willkommen. Auf dieser Erfahrung und dem entstandenen Selbstvertrauen basiert letztlich die Fähigkeit, angstfrei auf der Bühne zu agieren und ins Risiko zu gehen. Nichts ist weniger inspirierend als das abge kartete Spiel. Ich möchte mich auf der Bühne selbst überraschen und etwas erobern. Zu diesem Abenteuer lade ich alle ein, es darf und soll sichtbar sein, der Hörer spürt das Entdecken und ist in Echtzeit dabei. Ich lebe das in meiner Musik genauso wie im Unterricht. Das Curriculum ist nicht fest geschrieben, die jungen Musiker bilden das Curriculum gewissermaßen selbst, und ich stehe ihnen zur Seite und begleite sie mit Impulsen und individuellen Aufgaben stellungen. Ich biete, um mit Montessori zu sprechen, die „vorbereitete Umgebung“ an und aktiviere als „Flamme“. Durch meine eigene Aktivität als Musikerin außerhalb der Hochschule, als Mitmusikerin innerhalb des Kollegiums, als musikalischer Part im Ensembleunterricht, als Hauptfachdozentin, die am Klavier musikalische Impulse setzt, in herausfordernden Kompositionsaufgaben, beim Song writing Workshop, bei der Betrachtung von selbstgeschriebenen Texten in verschie denen Sprachen. Durch Workshops von internationalen Kollegen aus Indien, Af- Unterricht bei Céline Rudolph 99| VOM SÄNGER ZUM VOKALISTEN rika oder Brasilien, die ich in meinen Unterricht integriere. Und manchmal gilt es, nicht einzugreifen. Oder auch die richtige Frage zu stellen. Es sind nicht immer die Antworten, die Entwicklung weitertreiben. Raus aus der W 1.13 und dem „geschützten Raum“, rauf auf die Bühne: Die „Vocal Night“ ruft, und jeder Gesangsstudent ist mit einem oder zwei Songs, Kompositionen, Improvisationen dabei. 2003 gründete ich die Reihe im Dresdner Jazzclub „Tonne“, und inzwischen haben die vielen Generationen von Vokalisten 80 Konzerte gesungen und die „Vocal Nights“ einen festen Platz in der musikalischen Landschaft Dresdens. Der Club ist voll, das Hallo ganz groß und die Sänger können auf der Bühne, die sonst von internationalen Jazzgrößen bespielt wird, ihren poetischen Moment freisetzen. Oftmals stellen wir uns ein Thema für die Konzerte. Ich erinnere mich an unglaubliche Momente, an „Protestsongs“, „Kinderlieder“, „Brazil Night“, „Polyphone afrikanische Musik“, „Thelonious Monk“, „Hancock & Shorter“, „Stevie Wonder“, „Sing my Song“ oder auch an den Abend, als nur drei Standards zur Auswahl standen und die verschiedenen Interpretationen und Arrangements die zwölf individu ellen Farben besonders eindrücklich zum Leuchten brachten. Vocal Night im Jazzclub Tonne mit Céline Rudolph und den Studierenden Fama M'Boup, Carla Caballero, Karoline Weit, Victor Sepulveda, Evin Kücükali, Finna Saathoff, Nina Emerson sowie Anna Lucia Rupp am 16. Juni 2016 100 | CÉLINE RUDOLPH Energiegeladen kommen wir zurück zum Wettiner Platz, wieder gewachsen, und doch: das Üben geht weiter, das ganz normale Leben des Musikers wird wieder auf genommen. Nach dem Konzert ist vor dem Konzert. Mit Demut verstehen, dass der innere Raum immer weiter entwickelt werden will, dass das Handwerk die Wieder holung braucht. Aufwärmen, dehnen, die Mitte finden … Prof. Céline Rudolph studierte Jazz an der Hochschule der Künste Berlin von 1991–1997 bei David Friedman, Jerry Granelli und Catherine Gayer und leitete die Gesangs klasse Jazz/Rock/Pop der HfM Dresden von 2001 bis 2020. Für ihre Alben „Metamorflores“ (2010) und „Obsession“ mit dem Herbie Hancock-Gitarristen Lionel Loueke (2017) wurde sie mit dem Echo Jazz als beste Jazzsängerin ausgezeichnet. In musikalischen Begegnungen mit Sängern wie Bobby McFerrin, Jay Clayton oder Gérard Lesne und mit Instrumentalisten wie Naná Vasconcelos, Gary Peacock oder Helio Alves improvisiert Céline Rudolph, „eine der schönsten europäischen Jazzstimmen“ (Badische Zeitung), auf internationalen Bühnen. Komposition und Songwriting/Texten bilden weitere Schwerpunkte ihrer Arbeit. www.celinerudolph.com Dozentenpodium am 01. November 2017 mit Jochen Aldinger (p), Céline Rudolph (voc), Tom Götze (bg), Sebastian Merk (dr) und den Studierenden Lukas Häfner (git), Fama M'Boub und Viktoria Anton (beide voc) im Konzertsaal der Hochschule 101| Der Weg zum „Musiker-Lehrer“ Esther Kaiser Als ich in der 9. Klasse war, trat ein neuer Typus des Musiklehrers in mein damaliges Schulleben: Ein junger Referendar, voller Motivation und Begeisterung für Musik. Nun, dies sollte man natürlich von einem Musiklehrer auch erwarten. Was diesen Lehrer für mich aber von anderen Musiklehrern, die ich bis dato kennengelernt hatte, unterschied, war: Er stand regelmäßig auf der Bühne, galt als fester Bestandteil der Freiburger Kleinkunstszene und schrieb an einem Buch mit witzigen Chorarrangements und Einsing-Übungen, die er „Stimmicals“ nannte. Diese Übungen wurden wenige Jahre später zu einem Muss im Repertoire eines jeden Pop-orientierten Chorleiters der Republik. Denn noch etwas unterschied den jungen Lehrer von anderen Musiklehrertypen der frühen neunziger Jahre, damals im Süden Deutschlands: Er war zwar klassisch ausgebildet worden, spielte Geige und Klavier, aber er konnte auch andere Musik spielen: Auf der Gitarre „groovte“ er, gesanglich hatte er eine Affinität zum Swing und zu Stücken in badischer Mundart. Schullehrer für Musik sein und nicht nur Klassik spielen? Bei mir fiel das 102 | ESTHER KAISER auf fruchtbaren Boden, da ich selbst zu diesem Zeitpunkt in vielen musikalischen Welten zu Hause war und mich dies immer noch prägt. Vor unserer Klasse stand also ein richtiger Allround-Musiker, der die Kombination aus „Lehrer-Sein“ und aktiver „Musiker-Sein“ in sich vereinte. Er hat die Polarität, die ich bis dahin kannte, in Frage gestellt: Entweder Du wirst Lehrer oder Du wirst Musiker. Nein – es ging ja beides zusammen! Und das Beste daran: Es entstand eine Synergie für den Musikunterricht, bei dem sogar die unmotiviertesten Schüler von der praxisnahen Begeisterung des Lehrers mitgenommen wurden. Gerade auch wegen seiner stilistischen Offenheit den Schülern gegenüber. Das Klassenzimmer ist ja auch irgendwie eine Bühne – und zwar eine im besten Falle sehr interaktive Bühne. Und es braucht viele Fertigkeiten und Talente eines Bühnenmusikers, um auf dieser ganz speziellen Bühne mit diesem besonderen und oft auch ziemlich kritischen Schüler-Publikum zu bestehen. Neben den musikalischen Fähigkeiten und instrumentalen Fertigkeiten braucht es ein Gefühl für Raum und ein Bewusstsein für die eigene Kommunikation. Die ganz spezielle Authentizität und Energie, die einen berührt und mitnimmt ins musikalische Geschehen. Dies gilt sowohl im Klassenzimmer als auch auf der Bühne. Diese Fähigkeiten gemeinsam mit den Studierenden im Lehramt zu entdecken und zu entwickeln ist eine gleichsam reizvolle als auch fordernde Aufgabe. Als mich Céline Rudolph 2004 zunächst in Form eines Lehrauftrags für Gesang Jazz/Rock/Pop (J/R/P) an die HfM Dresden holte, ahnte ich noch nicht, dass ich meinen Arbeitsplatz für die kommenden Jahrzehnte gefunden hatte. Damals erst Ende Zwanzig wurde ich in einem grossen Vertrauensvorschuss vonseiten Céline Rudolphs von Anfang an für einen sehr breiten Bereich innerhalb der Gesangsabteilung J/R/P eingesetzt und war in unserem Kollegenteam, dem u. a. auch Nadia Maria Fischer und Eleanor Forbes angehörten, sozusagen die „Wanderin zwischen den Welten“. So unterrichtete ich Hauptfachstudierende sowohl im künstlerischen Bereich als auch im Bereich Lehramt. Es kamen dann auch Nebenfachstudierende im Lehramt dazu und später dann auch immer wieder vereinzelt Schüler des Sächsischen Landesgymnasiums für Musik Dresden, die Gesang Jazz/Rock/ Pop als ihr Hauptfach gewählt hatten. Nicht zu vergessen das Seminar Methodik und Lehrpraxis, in dem die künstlerischen J/R/P-Sänger über einen Zeitraum von insgesamt drei Jahren lernen, wissende und reflektierte Gesangspädagogen zu werden. Dieses Aktivsein auf vielen „Spielfeldern“ und das Verbinden der beiden Welten miteinander – die der auf die Bühnen strebenden Jazzsänger 103| DER WEG ZUM „MUSIKER-LEHRER“ und die der zukünftigen Schulmusiklehrer – hat von Anfang an für eine wunderbare Transparenz und Durchlässigkeit zwischen den Abteilungen geführt, v. a. auch zu einem musikalischen Austausch und einer gegenseitigen Wertschätzung zwischen den unterschiedlichen Studierenden. Hilfreich ist hier auch, dass die künstlerischen und die Lehramts-Studierenden zu gro- ßen Teilen im gleichen Gebäude und oft auch in den gleichen Räumlichkeiten unterrichtet werden; auch nachdem das Kraftwerk Mitte als neue Dependance der HfM Dresden v. a. das Zuhause der Lehramtsstudierenden wurde, hat sich dies nicht signifikant geändert. Zu Beginn, und bevor das sächsische Kultusministerium die sogenannte Zielvereinbarung zur Förderung der Musiklehrerausbildung ausgegeben hat, gab es noch nicht so viele Lehramtsstudierende an der HfM Dresden, die sich für „Jazz/Rock/Pop“ entschieden hatten – dies war ja immer noch relativ neu und musste sich erst einmal herumsprechen. Auch hier galt es, ein festgefahrenes Bild des (ausschließlich klassisch ausgebildeten) Musiklehrers zu hinterfragen und anzupassen an die heutige Zeit. Eine Zeit, in der viele Kinder keinen Bezug mehr zu klassischer Musik haben und klassischen Gesang als eher fremd empfinden, teils sogar mit Irritation und Ablehnung darauf reagieren. Meine tiefe Überzeugung ist es, Kindern und Jugendlichen alle Arten von Musik nahezubringen, unbedingt und natürlich auch die klas- Antrittskonzert von Esther Kaiser (voc) und Simon Harrer (pos) am 21. Dezember 2014 im Konzertsaal der Hochschule. Tom Götze (kb) im Hintergrund 104 | ESTHER KAISER sische Musik, denn sie ist ein zentraler Teil unserer kulturellen Wurzeln. Aber ein Musikunterricht in dem fast ausschließlich nur klassische Musik besprochen und gehört wird, kann viele Schüler heute nicht mehr erreichen. Sie abzuholen mit Musik, die eine Resonanz in ihnen auslöst, die für sie auch eine Möglichkeit zum Mitmachen und zur gemeinsamen Identifikation beinhaltet, halte ich für unabdingbar um ihnen dann auch Musik nahezubringen, die auf den ersten Höreindruck noch fremd erscheint. Wie aber nun kann ein Curriculum aussehen für ein Studium im Bereich Lehramt Jazz/Rock/Pop-Gesang? Im Gegensatz zum künstlerischen Studierenden, der sich immer mehr spezialisiert, soll der Schulmusiker ein Allrounder werden, jemand der viele Dinge „bedienen“ kann, diese jedoch nicht mit dem Anspruch eines Virtuosen, sondern immer mit Blick auf die spätere Musik-Vermittlung. Trotzdem ist es meinem Team und mir sehr wichtig, dass die Studierenden in ihrem Hauptfach ein überzeugendes künstlerisches Niveau erreichen, gerade auch im Hinblick auf die oben erwähnte Doppelfunktion des „Musiker-Lehrers“, um in der Lage zu sein, nicht nur als Lehrer, sondern auch als Musiker vor die Schüler zu treten, um diese zu inspirieren und ein Feuer für die Musik zu wecken. Seit einigen Jahren gibt es an der HfM Dresden auch die Möglichkeit, Musik für Lehramt und ein künstlerisches Musikstudium im Doppelfach zu studieren. Diese Studienplätze sind zwar stark kontingentiert, verkörpern aber konsequent den „Musiker-Lehrer“, der sogar auf ein zweites Schulfach verzichtet, um sich ganz der Musik zu widmen. In der Schulpraxis funktioniert das leider noch nicht immer, weil viele Schulen aus nachvollziehbaren Gründen lieber Lehrer einstellen, die auch noch ein Zweitfach anbieten können. Dennoch ist das Doppelfachstudium nach wie vor eine sinnvolle Option für einige Musikstudent*innen, auf diesem Wege vor eine Schulklasse zu gelangen. Lehramtsstudierende mit zweitem Schulfach sehen sich derweil vor der großen Herausforderung, dieses mit ihrem musikalischen Studium zeitlich und kräftemäßig parallel zu bewältigen. An dieser Stelle gab und gibt es immer einmal wieder kleine und größere Studien-Krisen, durch die die meisten Lehramtsstudierenden aber gut und sogar gestärkt hindurch kommen. Auch der spätere Schulalltag wird einiges von ihnen abverlangen, und eine gewisse Stress-Resistenz ist von großer Wichtigkeit. Darüberhinaus erwartet den Lehramtsstudierenden nicht nur zwischen den beiden Studienfächern, sondern auch innerhalb des Studienfachs Musik eine große Vielzahl von Unterrichtsangeboten und Pflichtveranstaltungen. Gerade der J/R/P-orientierte Lehramtsstudierende „tanzt auf vielen 105| DER WEG ZUM „MUSIKER-LEHRER“ Hochzeiten“: Der Theorie- und Klavierunterricht ist anfänglich v. a. klassisch orientiert, auch der Hochschulchor widmet sich ausschließlich klassischen Werken. Im Nebenfach Gesang müssen zunächst alle Nicht-Sänger, ob im J/R/P oder im klassischen Bereich für mindestens ein Studienjahr klassischen Gesang belegen, als Grundlage für die spätere Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, die oft ein geführtes und v. a. bei Frauenstimmen höheres Singen verlangt als es im Jazz-Pop-Gesang oftmals praktiziert wird. Gerade was die Verbindung zur klassischen Musik betrifft, erfreuen wir uns an der HfM Dresden sehr guter und produktiver Beziehungen zwischen den Lehrenden. Regelmäßig veranstalte ich mit meiner sehr geschätzten Kollegin und jetzigen Prorektorin für Künstlerische Praxis Prof. Claudia Schmidt- Krahmer gemeinsame Liederabende, bei denen klassische und J/R/P-Sänger gemeinsam einen Abend zu einem bestimmten Thema gestalten. In gemeinsam angeleiteten Proben und Workshops erarbeiten wir zusammen das künstlerische Ergebnis und haben dabei auch die Möglichkeit, voneinander zu lernen und einmal eine andere Perspektive einzunehmen. Auch mein seit 2012 bestehender Kurs „Vokale Improvisation Lehramt“ ist offen für klassische Lehramtsstudierende, ob im Hauptfach Gesang oder im Nebenfach. Dieser Kurs ist frei wählbar und findet viel Anklang bei den Studierenden. Zahlreiche Auftritte (u. a. bei einer Rektoren-Investitur vor einigen Jahren) und das sich derzeit noch in Arbeit befindliche Audio-Video- Projekt „Klangrauschen“ zeugen von den Früchten dieser verbindenden und stilistisch offenen Arbeit. Im Rahmen dieser durch den Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 entstandenen Projektidee „Klangrauschen“ versuchen wir den künstlerischen Ausdruck nochmals um eine neue Ebene zu erweitern und integrieren die bildende Kunst mit ins musikalische Geschehen. Esther Kaiser und Studierende der Bereiche J/R/P und Lehramt Musik bei der „Singers Night“ im Januar 2018 auf der Probebühne der Hochschule 106 | ESTHER KAISER Mir als Hauptfachdozentin im Lehramt ist es ein großes Anliegen, dass die Studierenden regelmäßig praktische Erfahrungen sammeln können, um so auch ihr künstlerisches Selbstbewusstsein und ihre Entwicklung zu stärken. So habe ich die „Lehramts-Singers-Night J/R/P“ ins Leben gerufen, die zusätzlich zu Liederabenden und Podien mindestens einmal im Jahr auf der Probebühne der HfM Dresden stattfindet. Hier dürfen die Studierenden ihre eigenen Bands zusammenstellen und ein bis zwei Songs ihrer Wahl zum Besten geben. Das können gerne auch selbstgeschriebene Stücke oder Arrangements sein. Ergebnis ist immer ein bunter und sehr energiegeladener Abend, zu dem in großer Zahl auch künstlerisch Studierende aller Fachrichtungen kommen, um die Sänger und Sängerinnen auf der Bühne zu erleben und gebührend zu beklatschen. Diese gegenseitige Unterstützung zwischen den Studierenden – auch die Lehramtsstudierenden besuchen übrigens regelmäßig die Vocal Nights im Jazzclub Tonne – ist sicherlich auch eine Frucht der sehr guten Teamarbeit zwischen den J/R/P-Dozenten, v. a. der jahrelangen engen Zusammenarbeit mit Céline Rudolph. Sie hat Dresden zum Wintersemester 2020/21 in Richtung Berlin verlassen und am dortigen Jazzinstitut ihre neue Professur für Jazzgesang angetreten. Wir bleiben dankbar und inspiriert zurück und blicken neugierig in die Zukunft auf die neuen und sicher weiterhin sehr spannenden Wege, die das Gesangstudium Jazz/Rock/Pop in Dresden – sowohl im künstlerischen als auch im Lehramtsbereich – beschreiten wird. Ich freue mich darauf, nun mit der Entfristung meiner halben W2 Professur für Gesang Jazz/Rock/Pop auch zukünftig ein aktiver und prägender Teil dieser wunderbaren Abteilung an der HfM Dresden sein zu dürfen. Esther Kaiser (*1975) stammt aus Freiburg i. Br. und gehört zu den deutschen Jazzsängerinnen, die seit vielen Jahren stilübergreifend und vielseitig den heutigen „German Vocaljazz“ prägen. Sie studierte bis 2002 „Jazz und Popularmusik Gesang“ an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in Berlin u. a. bei Jiggs Whigham und Judy Niemack und arbeitete im Laufe der Jahre mit Musikern wie Peter Herbolzheimer, Ack van Rooyen, André Hermlin, Céline Rudolph, Tino Derado, Marc Muellbauer, Carsten Daerr, Jörg- AchimKeller (HR Bigband), den BERLIN VOICES, der Vokalband KLANG- BEZIRK und vielen mehr. Seit 2004 veröffentlichte Esther Kaiser sechs Soloalben und gilt als Livekünstlerin, die mit ihren verschiedenen Projekten Jazz und Improvisation mit anderen musikalischen Strömungen zu verbinden sucht. Seit 2004 arbeitet sie an der HfM Dresden, wo sie seit 2014 die Professur für Gesang J/R/P mit Schwerpunkt Lehramt inne hat. www.estherkaiser.de 107| Vom Lernen zum Lehren Inéz Schaefer Seit meinem dreizehnten Lebensjahr wusste ich, dass ich Musikerin werden wollte. Ich ging damals auf ein Musikgymnasium, an dem es sowohl einen Chor als auch zwei Bigbands gab. Mein Chorleiter nahm mich nach einer Chorprobe mit zu seiner Gesangslehrerin, die mich wiederum für die Schul- Jazz-Bigbands empfohlen hatte, wodurch ich meine Liebe zum Jazz entdeckt habe. Mit zwölf Jahren habe ich mein erstes Lied komponiert. Seit dem vierzehnten Lebensjahr war ich Gastsolistin in drei weiteren saarländischen Bigbands und habe nebenbei mit Saarbrücker Jazzstudierenden geprobt und konzertiert. Sehr schnell merkte ich, dass meine studierten Mitmusiker*innen einiges mehr wussten, und häufig verstand ich deren Fachchinesisch nicht. Ich wusste damals schon, dass ich Jazz gesang studieren wollte, aber mit meinem musiktheoretischen Wissen keine Aufnahmeprüfung bestehen würde. Nach dem Abitur ging ich also nach Köln, um mich dort in einem Vorstudium unter der Leitung von André Nendza auf die Aufnahme prüfungen vorzubereiten. Nebenbei arbeitete ich in Bars und in einem Callcenter. 108 | INÉZ SCHAEFER Im Vorstudium hat uns André verschiedenste Jazzplatten vorgespielt. Irgendwann war eine Platte mit einer Stimme dabei, die mich unglaublich faszinierte. „Das ist Céline Rudolph, sie ist Professorin in Dresden.“ Seit diesem Tag wollte ich nirgendwo lieber studieren als in Dresden. Okay, das Vorstudium war vorbei und die unzähligen Aufnahmeprüfungen standen bevor. Erst Mainz, dann Dresden, dann Essen – und dann doch keine Aufnahmeprüfungen mehr, denn ich hatte mir das Bein gebrochen. Glücklicherweise kam im Krankenhaus die Zusage aus Dresden. WAHNSINN! Zwei Wochen später wurde die Zusage allerdings wieder zurück genommen, da die Finanzierung und die Verteilung der Studienplätze inner halb der Hochschule noch nicht abschließend geklärt waren. Ich verbrachte also den Sommer mit gebrochenem Bein, hielt mir die anderen beiden Hochschulplätze warm und hoffte sehnlichst, den Platz in Dresden doch noch zu bekommen. Irgendwann kam der Anruf mit der Zusage von Céline Rudolph, die sich den Sommer über für eben diesen einen Studienplatz eingesetzt hatte. Ich war überglücklich. Ungefähr zwei Monate später ging das Studium los. Mein Jahrgang bestand aus zwei Schlagzeugern, zwei Bassisten, einem Gitarristen, einem Pianisten, einem Saxophonisten, einem Trompeter und mir. Wir waren der erste Bachelorstudiengang der Hochschule. Dadurch war es oft etwas chaotisch. Dank der guten Seele Ute Hanke im Sekretariat hat aber letztendlich immer alles geklappt! Wenn man Gesang in Dresden studiert, hat man vergleichsweise viele spezifische Fächer: Hauptfach wird in künstlerischen Unterricht und in Gesangstechnik aufgeteilt, dazu gibt es Sprecherziehung für die Ausbildung der Sprechstimme und später dramatischen Unterricht, quasi Schauspielunterricht in einer Gruppe. Damit die Verbindung der Stimme zum Körper noch gestärkt wird, schreibt der Studien ablaufplan außerdem einen Bewegungskurs mit Yoga und Tanz speziell für Sänger*innen vor. Im Korrepetitonsunterricht kann man jede Woche sein dazugelerntes Können zusammen mit einem Pianisten ausprobieren. Darüber hinaus gibt es jede Woche noch zusätzlich „Vocal Impro“, den Gruppen-Improvisationsunterricht von Céline Rudolph für die gesamte J/R/P-Gesangsklasse. Im ersten Studienjahr fühlte ich mich wie im Schlaraffenland! Zweimal im Semester gibt es mit der „Vocal Night“ einen Konzertabend, den die J/R/P-Gesangsklasse zu einem bestimmten Thema gestaltet. Es wurde immer ein neues Thema ausgewählt, zum Beispiel „Lieblingslieder“. Ich suchte mir eine Band zusammen, wählte zwei Songs aus und überlegte mir ein Arrangement. Im Hauptfach wurde dann an den technischen und künstlerischen Feinheiten gearbeitet. Das 109| VOM LERNEN ZUM LEHREN war sehr effektiv, denn es gab mit jeder „Vocal Night“ immer ein neues Etappenziel. Ich finde es klasse, dass der Hauptfachunterricht in „Technik“ und „Künstlerisch“ geteilt ist. In beiden Fächern wurde ich sehr individuell unterrichtet. Klar, jeder Gesangsstudierende hat eigene Baustellen. Deshalb ist es toll, nicht über einen „Unterrichtskamm“ geschert zu werden. Und das Resultat kann man auf einer „Vocal Night“ sehr gut beobachten. Wenn ich in der Stadt bin und Zeit habe, gehe ich immer gerne zu dieser Konzertreihe. Es ist wunderschön zu hören, wie unterschiedlich die Sänger*innen klingen – sowohl stimmtechnisch, als auch musika lisch. So etwas ist selten in Jazz-Gesangsklassen der Musikhochschulen. In den letzten Jahren meines Studiums habe ich dann musikpädagogische Fächer belegt, um mein Wissen effektiv weitergeben zu können. Erst gab es theoretische Kurse wie allgemeine Musikpädagogik, Methodik für Gesangstechnik und Methodik für den künstlerischen Gesangsunterricht. Später wurde dieses theoretische Wissen im Kurs „Lehrpraxis“ in der Gruppe mit eigenen Schüler*innen ausprobiert, anschließend gemeinsam mit Eleanor Forbes oder Esther Kaiser diskutiert und schließ lich ausgewertet. Von diesem Unterricht zehre ich heute im Umgang mit meinen eigenen Studierenden. Neben den gesangspezifischen Fächern gab es noch allerhand andere Fächer, die laut Modulbeschreibung belegt werden sollten. Dazu gehörten Theorie, Gehör bildung, Audiation, Jazzgeschichte, Europäische Musikgeschichte, Chor, Arrangie ren, ein Jazzstandard-Ensemblekurs, ein Improvisationskurs und Computer/Midi/Audio. Letzterer ist ein Kurs, in dem man Grundlagen fürs Musik produzieren am Rechner bekommt und lernt, wie man ein Soundsystem mit dem Misch pult einrichtet. Ich finde rückblickend super, dass es außerdem Pflicht ist, Vorlesungen wie „Üben“ und „Musikphysiologie“ zu besuchen und zwei Semester lang einen selbst gewählten Kurs zur Physioprophylaxe zu belegen. Während des Studiums fand ich das überflüssig und wollte in der Zeit viel lieber üben oder mit meinen Projekten proben. Aber das viele Üben bringt eben nichts, wenn man sich Fehlhaltungen angewöhnt. Ich habe viele Mitstudent*innen beobachtet, die zu Beginn des Studiums unter Überlastungserscheinungen litten. Man stellt sein Übeverhalten mit dem Studium um und übt oft schlagartig viel mehr als vor dem Studium. Ich kann nur allen Musikstudierenden ans Herz legen, diese Kurse wirklich für sich zu nutzen, denn sie sind Gold wert! In der Jazzabteilung gibt es viele stilistisch unterschiedliche Ensembles, an denen man mitarbeiten kann. Eigentlich muss man laut Studienplan nur 110 | INÉZ SCHAEFER zwei belegen, aber ich freute mich über die verschiedenen Einflüsse und habe das Latinensemble, das Ensemble Joni Mitchells Mingus-Album, das Rockensemble, das Brazilensemble, das Freejazzensemble von Günter Baby Sommer, das Soundsongsensemble und das Gershwinensemble besucht. Parallel dazu gab es immer wieder interessante Workshops von Musiker*innen jenseits der Hochschule. Für mich persönlich war es groß artig, in so viele verschiedene Stilistiken eintauchen zu können. Von jedem Ensemble konnte ich wertvolles Wissen für eigene Ideen und Kompositionen mitnehmen. Durch das Studium habe ich viele tolle Musiker*innen kennengelernt und eigene Bands gegründet. Inmitten meines Studiums wurde ich sogar für ein Stipendium ausgewählt: Ich durfte im Studio der Hochschule mein eigenes Album aufnehmen und produzieren. Was für ein Glück und was für eine Ehre! Ich hatte mir eine Band aus meinen Lieblingsmusikern zusammengestellt: André Nendza aus Köln am Bass, Christian Pabst aus Amsterdam am Klavier, Matthias Kurth aus Köln an der Gitarre und Demian Kappenstein aus Dresden am Schlagzeug. Sechs Monate später hatten wir einen Tag Pro- Inéz Schaefer (2.v.r.) mit Victor Sepulveda, Jana Pöche (voc), Halym Kim (dr) und Olga Tabitha Xavier (voc) (v.l.n.r.) beim Band Summit im Januar 2014 111| VOM LERNEN ZUM LEHREN be, um uns untereinander kennen zu lernen und gingen dann drei Tage ins Studio. Um diese knappe Produktionszeit möglichst gut vorzubereiten und die Arrangements meiner Kompositionen für die ausgewählte Besetzung zu perfektionie ren, habe ich Kompositionsunterricht bei Prof. Thomas Zoller genommen, was sehr hilfreich war! Und natürlich habe ich das Album-Projekt vor allem in meinen Hauptfach-Unterrichten bearbeitet. Ein Großteil der Stücke ist schon innerhalb der ersten zwei Jahre aus Improvisations- Übungen, Kompositionsaufgaben entstanden oder aus Arrangement-Hausaufgaben im Hauptfach bei Céline Rudolph. Sie hat mich über den regulären Unterricht hinaus bei den Studioaufnahmen als Mentorin begleitet, wofür ich nach wie vor überaus dankbar bin! In einer meiner Aufnahmeprüfungen wurde ich damals gefragt, wo ich mich zehn Jahre später sähe. Ich antwortete selbstbewusst: „Auf der anderen Seite des Aufnahmeprüfungs-Tischs und als international konzertierende Musikerin.“ Seit 2016 doziere ich nun selbst Jazz/Rock/Pop-Gesang im Nebenfach Lehramt an der Dresdner Musikhochschule und bin international mit meiner Band ÄTNA unterwegs. Das Studium in Dresden hat mir geholfen, meine eigene musikalische Sprache zu vertiefen, mein „Handwerkszeug“ zu lernen und meine beruflichen Ziele zu erreichen. Dabei durfte ich immer ich selbst bleiben und wundervolle Menschen fürs Leben kennenlernen. Inéz Schaefer ist in Saarbrücken geboren und aufgewachsen. Sie besucht das Musikgymnasium am Schloss, singt dort im Chor, in der Bigband und später in der Landesschülerbigband. Nebenbei baut sie sich ein Netzwerk mit Musikern aus dem Saarland und NRW auf. Nach dem Abitur studiert sie Jazzgesang an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden. 2016 gründet Inéz mit dem Schlagzeuger Demian Kappenstein die Band ÄTNA. Sie produzieren zwei EPs und geben Konzerte in Amsterdam, Brüssel, Venedig, London, Tallin, Ljubljana, Helsinki, Moskau, St. Petersburg und Istanbul sowie auf namhaften Festivals wie Montreux Jazz Festival, Elbjazz Hamburg, JazzOpen Stuttgart, Reeperbahnfestival, Eurosonic und der Fusion. 2019 werden ÄTNA für die VUT Indie Awards nominiert. Im Februar 2020 erscheint ihr Debütalbum gefolgt von einer ausgedehnten Europatour und einer Medienpartnerschaft mit Deutschlandfunk und Arte. Gemeinsam mit GRANOLA-Studios Berlin veranstalten sie das weltweit erste virtuelle 3D Live-Konzert mit mehr als einem Musiker gleichzeitig in der virtuellen Welt YABAL. Darüber hinaus gewinnt ÄTNA in 112 | INÉZ SCHAEFER diesem Jahr als erste deutsche Band den internationalen Musikpreis AN- CHOR AWARD. Darüber hinaus kuratiert Inéz Schaefer gemeinsam mit Sebastian Studnitzky und Julien Quentin das erste RESONANZEN-Festival in Saarbrücken. Seit 2016 arbeitet Inéz Schaefer als Dozentin für Gesang an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden. Nebenbei kollaboriert sie mit der NDR Bigband, Martin Kohlstedt, Dendemann, Marteria & Casper, The Krauts, Seeed, Mine, Meute, Alli Neumann, Farhot, den Grandbrothers, Sirius Mo, Solomun und komponiert Filmmusik u. a. für den Arthaus-Film „Wanda“ (2020). 113| Tradition und Innovation in Lehre und künstlerischer Praxis Michael Fuchs Während meines Studiums an der Hochschule für Musik in Dresden von 1971 bis 1977 wurde ich durch einige wichtige Lehrerpersönlichkeiten geprägt. Da möchte ich in erster Linie meinen Hauptfachlehrer Günter Hörig erwähnen. Seine umfassenden musikalischen Kenntnisse auf den unterschiedlichsten Gebieten von traditionellen bis zu modernen Strömungen des Jazz und in der klassischen Musik bis zur Moderne haben mich angeregt. Und so war er mir als Lehrer und Musiker immer ein Vorbild. Die Verknüpfung verschiedener Musikstile, Musik als Ganzes, als etwas Emotionales, waren ihm und später auch mir sehr wichtig. Geprägt wurde ich in diesem Sinne schon in meiner Zeit an der Spezialschule für Musik Dresden von meinem Geigenlehrer Reinhard Ulbricht, welcher mir den Weg in die Unterhaltungsmusik ebnete. Es war eine folgerichtige Ergänzung, auf meinen Kompositionslehrer Rainer Lischka zu treffen, der mich immer wieder zu neuen musikalischen Abenteuern ermutigte. Ich lernte, die Tradition zu achten, aber trotzdem neue Wege zu gehen. 114 | MICHAEL FUCHS Ich lernte auch Hanns-Herbert Schulz kennen, der die Fachrichtung Gesang leitete. Ursprünglich war er als Opernsänger tätig, danach als Schlagersänger mit dem Orchester Kurt Henkels. Es gelang ihm, seine Erfahrungen genreübergreifend an werdende Vokalisten zu übertragen. Mir vermittelte er einige schöne Aufgaben als Arrangeur und Bandleader, z. B. bei der Begleitung von Teilnehmern des Nachwuchs festivals „Goldener Rathausmann“. Das Wort spielt ja auch in der Musik eine große Rolle. An der Hochschule lehrte auch Thea Elster. Durch sie kam ich in Berührung mit dem Medium Theater und mit Komponisten wie Weill, Dessau oder Eisler. Durch das analytische Vorgehen bei Inter pretationen von Musik und Text fand ich ein spezielles Verhält nis zum Wort, das sich in über 200 Songs für unterschiedliche Interpreten wider spiegelt. All diese so erworbenen Grundlagen übertrug ich auf meine künstlerische Tätigkeit mit Sängern, Bands und Schauspielern. Ob bei Filmmusiken, Orchester arrange ments, in Chansons, Musicals und Jazz − für mich zählen zuerst die Inhalte. Michael Fuchs im Konzert 115| TRADITION UND INNOVATION IN LEHRE UND KÜNSTLERISCHER PRAXIS Bereits über 40 Jahre versuche ich, meinen Schülern und ihren Ensembles Grund sätze zu vermitteln, mit denen sie arbeiten können, die sie aber nicht einengen, sondern ermutigen sollen, eigene individuelle Wege zu gehen, um so in der Praxis zu bestehen. Seit einigen Jahren unterrichte ich in einem neu entwickelten Fach: Audiation. Hier arbeite ich mit den unterschiedlichsten Instrumentalisten und Sängern, denen ich das innere Hören, das musikalische Vorausdenken nahe bringen möchte, ein Hören weg von der Gewohnheit musikalischer Verbindungen und eingeübter Licks. Es geht darum, das Einfache dem Komplizierten vorzuziehen, was so schwer ist. Das bereitet mir und hoffentlich auch den Studenten viel Freude. So, denke ich, ist unsere Abteilung, an Tradition anknüpfend und neue Trends einbindend, auf einem guten Weg, um unsere Studenten gut strukturiert mit einem guten musikalischen Allgemeinwissen in die Praxis zu entlassen. Geboren 1953 in Löbau, wurde Michael Fuchs 1962 Mitglied der Dresdner Kapellknaben, besuchte die Spezialschule für Musik in Dresden und lernte im Fach Violine bei Reinhard Ulbricht. Ab 1971 studierte er Klavier bei Günter Hörig und Komposition bei Rainer Lischka an der Musikhochschule Dresden und ist als Begleiter, Arrangeur, Komponist und Bandleader tätig. Seit über 40 Jahren unterrichtet er an der HfM in den Fächern Klavier, Ensemble und Audiation. Er schrieb für verschiedene Orchester und gastierte bei vielen Festivals. Als musikalischer Leiter ist er an zahlreichen Dresdner Theatern tätig. Besonders eng ist er dem Theaterkahn verbunden. www.michaelfuchs.net 117| Wurzeln, Wege und Weitergänge Matthias Bätzel Als ich um 1980 anfing, mich ernsthaft mit Jazz zu beschäftigen, sammelte ich natürlich auch Schallplatten des staatlichen DDR-Labels Amiga. Markenzeichen war das rote „J“ in der oberen Ecke. Die sehr gute Auswahl an internationalen Lizenzübernahmen und eigenen Produktionen verschafften mir einen ersten Einstieg in diese für mich neue musikalische Welt, studierte ich doch aufgrund familiärer Prägung seit einigen Jahren zunächst klassische Violine. Die aufregenden Klänge der Platten-Aufnahmen und die informativen Begleittexte auf den Rückseiten der LP-Hüllen übten eine starke Faszination auf mich aus. Ich versuchte intensiv, alles mögliche in der DDR zu erhaltende Material zum Thema zu bekommen, so zum Beispiel Noten, Zeitschriften und Buchveröffentlichungen. Darunter befand sich auch ein Katalog der bis 1981 erschienenen Jazz-LP’s. In diesem fand ich Abbildungen von bedeutenden amerikanischen und anderen internationalen Musikern, wie auch von Künstlern aus der DDR, gleichberechtigt aufgeführt. Unter diesen waren nun auch zwei herausragende Dresdner Musiker, mit denen ich dann 118 | MATTHIAS BÄTZEL viel später das Glück hatte, bei verschiedenen Gelegenheiten an der Hochschule zusammenzuarbeiten: der Pianist und Leiter der Dresdner Tanzsinfoniker Günter Hörig und der Schlagzeuger Günter Baby Sommer. Die Zeitspanne vom Kennenlernen im Katalog und auf LP bis zur Zusammenarbeit in der Abteilung umfasste etwa 25 Jahre. – Im Rückblick erscheint es des Öfteren erstaunlich, wie sich die Dinge im Leben entwickeln. Eines der ersten Gespräche im Hinblick auf eine Unterrichtstätigkeit an der HfM führte ich 2001 mit Günter Sommer, damals Studiendekan der Fachrichtung. Die große Offenheit, eigene Akzente zuzulassen, wirkte sehr positiv auf mich. Sie half bei der Einrichtung eines neuen Studiengangs für die Ausbildung an der Hammondorgel im Jahre 2006, nicht zuletzt bei der Beschaffung eines Instruments. Das Studienangebot für eine weiterführende Ausbildung an der Hammond B3 war einmalig in Deutschland. Günter Hörig lernte ich in verschiedenen Situationen kennen, z. B. als Mitglied in Prüfungskommissionen, beim Hospitieren in seinem Unterricht sowie in persönlichen Gesprächen. Hierbei traf ich auf einen warmherzigen und in künstlerischen Belangen unbestechlichen Menschen. Gerade als Pianist ist es natürlich eine große Ehre, in seiner Nachfolge mit meinen zwei Kollegen Michael Fuchs und Jens Wagner im Team zusammenzuarbeiten. Jeder von uns setzt seine eigenen Akzente und so entsteht zum Vorteil der Studierenden ein breitgefächertes Ausbildungsangebot. linkes Bild: Übergabe der Hammond-Orgel am 25. November 2005 (Günter Sommer, Matthias Bätzel und Michael Falkenstein von der Firma Hammond Deutschland, v.l.n.r.) | rechtes Bild: Matthias Bätzel an der Hammond-Orgel beim Jubiläumskonzert „50 Jahre Jazz“ am 10.11.2012 119| WURZELN, WEGE UND WEITERGÄNGE Gerade die dem Jazz wesenhafte Fähigkeit, Individualität und Gruppendynamik in Balance bringen zu können, finde ich auch für das pädagogische Arbeiten vorbildhaft. In diesem Sinne freue ich mich für die gesamte Abteilung auf ein gutes gemeinsames Weitergehen auf diesem spannenden und reizvollen Weg. Matthias Bätzel zählt zu den herausragenden Jazzpianisten Deutschlands der letzten 25 Jahre und ist darüber hinaus nicht nur Kennern als einer der besten Hammond B3-Orgel-Virtuosen in Europa ein Begriff. Besonderes Merkmal seines Spiels ist die ästhetische Souveränität, mit der er sich in den verschiedensten Stilen des Jazz hochvirtuos bewegt. Sowohl als Pianist mit seinem eigenen Jazztrio als auch innerhalb seines eigenen „Orgeltrios“ (Hammond B3-Orgel, Gitarre, Drums) ist er seit über zwei Jahrzehnten auf deutschen und europäischen Bühnen zu erleben und konzertierte gleichzeitig mit einer Vielzahl internationaler Jazzmusiker wie Red Holloway, Houston Person, Carla Bley, Clark Terry, Sonny Fortune, Nils Landgren, Stanley Blume, Wolfgang Schlüter, Charlie Antolini, Roman Schwaller, Till Brönner, Dusko Gojkovich, Herb Robertson, Benny Bailey, Ingolf Burkhardt, Jocelyn B. Smith, Toots Thielemans. Matthias Bätzel (p) mit Stephan Bormann (git) und Tom Götze (kb) beim Konzert „Jazzpack DD“ am 09.11.2009 im Konzertsaal der Hochschule 120 | MATTHIAS BÄTZEL Während der 15jährigen Zusammenarbeit mit Manfred Krug entstanden zahlreiche Tonträger, für die letzte gemeinsame CD „Auserwählt“ erhielten sie die Auszeichnung „German Jazz Award Platinum“. Für die 2015 erschienene CD „So wie ich“ der Sängerin Uschi Brüning gab es eine ECHO- Nominierung. Von den über 40 produzierten Tonträgern seien stellvertretend die Trio-CDs „Green Dumplings“ (2000) und „Monk‘s Mood“ (2002) genannt. Seit 1983 spielt der 1966 in Weimar geborene Pianist regelmäßig als Solist und Mitglied in diversen Jazz-, Soul- und Rockformationen, nach 1990 auch als Gastmusiker der HR- und der NDR-Bigband. Auf seine Initiative richtete die Musikhochschule Dresden 2006 einen Masterstudiengang Hammond B3 Jazz/Rock/Pop ein. Seit 2007 ist Matthias Bätzel Honorarprofessor für Jazzpiano und Hammondorgel an der HfM Dresden. 121| Jazzklavier an der HfM Dresden Julia Kadel Als ich 2009 an der Hochschule für Musik in Dresden mit dem Studium begann, ging für mich ein Traum in Erfüllung. In den drei Jahren zuvor hatte ich noch Psychologie in Berlin studiert. Obwohl mich das Studium sehr interessierte, fehlte die Musik und ich stellte fest, dass ich das ändern muss. Also habe ich von heute auf morgen beschlossen, wieder zu üben und mich an Berliner Musikschulen auf die Aufnahmeprüfungen vorzubereiten. Ich entschied mich für Dresden. Ich werde nie vergessen, wie ich dort zum ersten Mal als neue Studentin die Hochschule betrat und dachte: endlich zu Hause! Die freundliche Atmosphäre, die netten Leute und die ganzen Instrumente überall gaben mir von Anfang an das Gefühl, hier genau richtig zu sein. Ich war unendlich dankbar, Jazzklavier studieren zu dürfen, noch dazu an einem so schönen Ort. Als ich Dresden besser kennenlernte, hielt ich es als gebürtige Berlinerin für das „bessere Berlin“ – mehr Ruhe, weniger Hektik und ebenfalls viel Kultur. Manchmal hat mich aber auch die abendliche Ruhe und Leere auf den Straßen irritiert. Im Laufe der sechs Studienjahre habe ich in vier ver- 122 | JULIA KADEL schiedenen Stadtteilen gelebt. Das war sehr spannend, zumal alle Bezirke so unterschiedlich waren. Die Ruhe der Stadt hat mir letztendlich sehr gutgetan und mir ermöglicht, mich auf die Musik zu konzentrieren – ein Grund dafür, weshalb Dresden für mich immer eine Stadt der Musik bleiben wird. An der Hochschule empfand ich die Individualität der Dozent*innen als bemerkenswert. Ich habe Jazzklavier und Ensemblespiel bei Matthias Bätzel und Michael Fuchs studiert, war in der Bigband bei Thomas Zoller, lernte Jazzgeschichte, Theorie und Gehörbildung bei Robert Bauer. Manchmal frage ich mich sogar jetzt noch, was Robert wohl zu dem einen oder anderen komplizierteren Akkordgebilde sagen würde. Es war besonders bereichernd, durch meine Klavierdozenten noch weiter in die amerikanische Jazztradition einzutauchen. Es hat mich zutiefst beeindruckt, wie diese in Zeiten eines repressiven DDR-Systems auf autodidaktische Art und Weise zum Jazzklavier gekommen waren. Das prägt den eigenen Zugang zur Musik, insbesondere zum Jazz, wo improvisiert wird. Ich war mir meines Privilegs also umso mehr bewusst, meiner Leidenschaft frei nachgehen zu können und diese im Rahmen eines Studiums entdecken und ausleben zu können. Hier und da schwang für mich also auch noch diese Atmosphäre der Geschichte der HfM mit, in der anfangs mutige, engagierte Persönlichkeiten beständig um die pure Existenz des Jazzstudiengangs kämpfen mussten. Obwohl ich aus ganz anderen lebensgeschichtlichen Kontexten als einige meiner Dozent*innen kam, ist die Herangehensweise an das Musizieren oft dann doch eine ähnliche gewesen: Jazz und improvisierte Musik als befreiende Kraft und als verbindendes Element zwischen Menschen. Auch Günter Baby Sommer, Tom Götze, Stephan Bormann, Finn Wiesner, Sebastian Merk, Heidrun Richter, Till Brönner und Eric Schaefer haben mir viel beigebracht im Einzel- und Ensembleunterricht. Sie alle verkörpern nicht nur unterschiedliche Generationen, sondern haben auch ganz verschiedene musikalische Profile. Die Gemeinsamkeiten und Gegensätze mit und zu ihnen haben mich im Laufe der Semester auf vielen Ebenen geprägt. Ich begann früh, eigene Musik zu schreiben und gründete mein erstes Bandprojekt in Dresden, das „Julia Kadel Trio“. Mit der Unterstützung von Till Brönner konnte mein Klaviertrio nach drei Jahren des Zusammenspiels schließlich sein Debütalbum bei Blue Note/Universal herausbringen. Damit standen Releasetouren sowie erste Radiosendungen und Interviews an. Ich war sehr glücklich und aufgeregt. Eric Schaefer war der Produzent des Albums, der uns im Studio künstlerisch begleitete. Es war genial, mit ihm zu 123| JAZZKLAVIER AN DER HFM DRESDEN arbeiten. So habe ich zu Hochschulzeiten mein erstes Album mit der künstlerischen Unterstützung von einem Dozenten produzieren können. Ein weiteres Highlight meiner Studienzeit war es, in Günter Baby Sommers „Ensemble für freie Improvisation“ zu spielen. Das ist wohl der einzige Ort gewesen, wo sich Musikstudierende aus der Klassik- und Jazzabteilung unter professioneller Anleitung regelmäßig begegnen konnten. Da ich aus der klassischen Musiktradition und dem freien Spielen kam, war dieser Ort, der ebendiese Musikarten verband, sehr wichtig und wie ein weiteres Zuhause. Ich hätte mir sogar noch mehr Freiräume für die Studierenden aus allen Bereichen gewünscht, in denen sich die unterschiedlichen Stile und Musizierweisen begegnen können und wo diese Erfahrung gemeinsam besprochen und reflektiert wird. Es liegt im Wesen der Improvisation, über Genregrenzen hinwegzuschauen und sich ein übergreifendes Verknüpfungswissen anzueignen – in der Musik, aber auch in der Kunst im Allgemeinen. Improvisieren bedeutet für mich, auch den Willen zu haben, sich immer wieder Neuem zu öffnen, etwas auszuprobieren, zu entdecken und den eigenen Spielhorizont zu erweitern. Diese Haltung führte mich in den klassischen Unterricht bei der Klavierprofessorin Heidrun Richter, der ich sehr dankbar für ihre intensive Arbeit mit mir Konzert in der Tonne am 16. Juni 2018 124 | JULIA KADEL bin. Dazu gehörte vor allem die Auseinandersetzung mit dem Klang, wodurch ich meine Improvisation beflügelt fühlte. Die Klassik war für mich einfach ein notwendiger Bestandteil meines Jazzklavierstudiums. Ich war so dankbar, diesen Unterricht in mein Studium integrieren zu dürfen! Thomas Zoller habe ich erst so richtig entdecken und verstehen können, als meine Ausbildungszeit schon fast beendet war. Wir hatten bereits im Landesjugendjazzorchester und in der Hochschulbigband zusammengearbeitet. Jedoch habe ich etwas mehr Zeit benötigt, um offen genug für seine musikalische und philosophische Inspiration zu sein. So hat er mich bei der Vorbereitung meines Diplomkonzertes, der Arbeit an meinen Kompositionen unterstützt und mich auf völlig neue, auch spirituelle Weise als Komponistin gesehen und gefördert. Stolz bin ich auch, Konzerte im Quartett „Vor der Mauer – Nach der Mauer“ gemeinsam mit Günter Baby Sommer, Friedhelm Schönfeld und Walburga Walde gespielt zu haben, eine musikalische Kollaboration, die sich mit einer kleinen zeitlichen Verzögerung aus dem Studium heraus entwickelt hatte. Entscheidend für ein gutes Studium war für mich außerdem die ungezwungene und freundliche Atmosphäre unter den Kommiliton*innen. Ich denke, dies ist eine Besonderheit der Jazzabteilung an der HfM. Es ist nicht selbstverständlich, dass Musik im leistungsorientierten Bildungskontext in eine angenehme und entspannte Atmosphäre eingebettet ist. Das habe ich sehr genossen, insbesondere in den Momenten, in denen man viel Zeit mit dem Warten auf Proberäume oder in der Mensa verbracht hat. Da war es wichtig, den Raum für gute Gespräche und nette Menschen um sich herum spüren zu können. So habe ich unter anderem auch viele Studierende aus den anderen Fachbereichen kennenlernen können. Es hat mich auch glücklich gemacht, dass zu meinem Abschlusskonzert ein sehr heterogenes musikalisches Publikum kam. Darin zeigte sich ein genreübergreifendes Miteinander unter den Studierenden in Dresden. Wichtig war mir schließlich auch noch, den musikpädagogischen Abschluss zu machen, für den mir nur noch einige Zusatzfächer fehlten. In der Abschlussarbeit hierfür habe ich mich mit Jazzpianist*innen beschäftigt und mein geschichtliches, analytisches und vor allem pädagogisches Wissen vertiefen können. Rückblickend hätte ich mir grundsätzlich mehr Gespräche über die Themen des Musiker*innenlebens wie Selbstorganisation, Booking- und Promotionarbeit, die Arbeit mit Labels für die Zeit nach dem Studium gewünscht. Ebenso sollten auch politische Themen adressiert und kritisch reflektiert 125| JAZZKLAVIER AN DER HFM DRESDEN werden, wie z. B. das leider allzeit präsente Thema des Sexismus in der Musikbranche. Wenn ich aus meiner heutigen Perspektive anderen Studierenden einen Tipp geben sollte, dann wäre es wohl dieser, sich Dozent*innen gewissenhaft auszuwählen. Es ist wichtig, darauf zu achten, dass die eigene musikalische Persönlichkeit gesehen und respektiert wird. Bei wem lerne ich das, was mich interessiert und wer unterstützt mich in meiner individuellen Entwicklung? Danach habe ich mir meinen Studienplan eingerichtet. Eine gute pädagogische und künstlerische Betreuung ist für mich eine solche, die eine junge musikalische Persönlichkeit mit Empathie und einer Vision erkennt und sie darin fördert, die eigene musikalische Stimme zu finden und weiterzuentwickeln. Dies habe ich an der HfM erfahren und kann somit auf eine vielseitige Ausbildung zurückblicken, für die ich bis heute sehr dankbar bin. Die Berliner Pianistin und Komponistin Julia Kadel ist zu einer starken neuen Stimme innerhalb der jungen europäischen Jazzszene geworden. 2013 erhielt sie das Deutschlandstipendium, gewann 2015 den HFM-Jazzpreis der Musikhochschule Saar und wurde zweifach nominiert für den German Echo Jazz mit ihrem Trio und als Instrumentalistin. 2017 erhielt sie ein Arbeitsstipendium des Australian Music Centre und wurde von 2017 bis 2019 durch das Goethe-Institut für europaweite Konzerttourneen gefördert. Die ersten beiden Alben ihres Hauptprojektes „Julia Kadel Trio“ wurden beim legendären Jazzlabel Blue Note/Universal veröffentlicht, von der Fachpresse hoch gelobt. 2019 folgte das dritte Album beim deutschen Traditions-Jazzlabel MPS, das im sagenumwobenen analogen Tonstudio im Schwarzwald aufgenommen wurde. Damit wurde das Studio nach 37 Jahren des Stillstands quasi wiedereröffnet. In der Fachpresse fand Kadels Musik großen Anklang bis hin zu Artikeln in großen Zeitschriften wie dem Spiegel. 2019 porträtierte sie das Magazin Jazzthing als eine der deutschen „Top Ten Key Players“, und das renommierte Jazzfestival Frankfurt präsentierte sie als Teil der „German All Stars“ Band. 2020 wurde Kadel mit dem Essener „Jazz Pott“ für ihr innovatives musikalisches Schaffen ausgezeichnet. Auch als Solistin und in zahlreichen anderen Projekten spielte Kadel international Konzerte in Ländern wie Frankreich, Österreich, Norwegen, Italien, Ungarn, Russland, Litauen, Tschechische Republik und der Türkei. https://juliakadel.com 127| Wo gibt es so was noch Malte Burba In den vergangenen 39 Jahren war ich an etlichen Musikhochschulen, unter anderem in Berlin, Bern, Frankfurt, Köln, Luxembourg und Mainz, tätig. Meine jetzige Arbeit in Dresden kann ich mit Fug und Recht als Höhepunkt meiner Hochschullaufbahn sehen! In dieser Jazzabteilung haben wir eine seltene Konstellation von wirklich loyalen und kompetenten Kollegen, die im Interesse einer in jeder Hinsicht fundierten Musikerausbildung keine Mühen scheuen. Die schwierige Balance zwischen den kreativen Voraussetzungen der Studenten und der zu erwartenden zukünftigen Lebensgestaltung macht eine individuell abgestimmte Ausbildung nötig, die in unserer J/R/P-Abteilung sehr gut möglich ist und trotz aller Schwierigkeiten auch fast immer gelingt. Das Kollegium ist sich einig, dass die Qualifizierung eines Musikers und Musiklehrers nicht nur aus erlernbaren Elementen besteht, sondern auch aus den Faktoren der persönlichen Entwicklung, und dass es dazu auch gro- ßer Freiräume bedarf, die gerne eingeräumt werden. 128 | MALTE BURBA Das Konzept einer dualen Trompetenausbildung, bei der die physikalische Besonderheit von Blechblasinstrumenten dadurch berücksichtigt wird, dass die instrumentaltechnischen Probleme Klang, Ausdauer, Tonumfang und Kontrolle zum großen Teil selbständig neben der musikalisch-gestalterischen Ebene behandelt werden, kann hier von Till Brönner, Sebastian Studnitzky und mir gemeinsam praktiziert werden und fällt wegen des günstigen Umfeldes auf fruchtbaren Boden. Ich freue mich daher sehr, in Dresden erfolgreich arbeiten zu können! Malte Burba studierte Trompete, Klavier, Musikwissenschaft und Musikpädagogik. Seit 1982 ist er Hochschullehrer für klassische Trompete/Methodik und gibt weltweit Workshops. Er gilt als einer der kreativsten und vielseitigsten Blechbläser unserer Zeit, dokumentiert auf über 30 CDs. Seine bahnbrechende, logische Blechblas-Methode „Brass Masterclass“ (Schott, Mainz) gilt seit dem Erscheinen 1994 als eine der erfolgreichsten Instrumental-Schulen. Seit dem Wintersemester 2009/2010 lehrt er zusammen mit Till Brönner an der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden in der Fachrichtung Jazz/Rock/Pop. www.burbabrass.net Malte Burba mit Trompete und Alphorn beim Short Concert am 20. April 2011 im Konzertsaal der Hochschule 129| Real Time Composition & Recording Ensemble Sebastian Studnitzky In meiner Arbeit mit Musikern der neueren „studierten“ Generation ist mir immer wieder aufgefallen, wie sehr der Intellekt die Herrschaft beim Musizieren übernimmt, und mit welchem weiten Abstand erst das Zuhören und Fühlen folgen. Das mag an der Akademisierung liegen, bei der viel analysiert und in Methoden und Konzepte gepackt wird, die intellektuell deutlich schneller zu erfassen sind, als sie dann auch wirklich gehört werden. Aber der Sinn der Musik liegt im Hören und Fühlen und vor allem in der Kommunikation. Eine ganz besondere Rolle nimmt dabei die musikalische Empathie ein: Verstehen und ahnen, was die Mitmusiker machen, um im Ensemble Gemeinsames entstehen zu lassen. Oft spielt jeder für sich bzw. in seiner Klischee-Welt und es fehlt die Fähigkeit zum Zusammenwirken. Aber erst, wenn die Beteiligten miteinander kommunizieren, aufeinander eingehen und sich gegenseitig anregen, erschließt sich eine neue Qualität. Ich unterrichte Ensembles, in denen wir Echtzeit-Komposition betreiben (also quasi Improvisation in „slow motion“). Wir nehmen die erste Idee/ Impuls im Raum – eine Bass-Line, einen Melodie-Fetzen, ein paar Akkor- 130 | SEBASTIAN STUDNITZKY de oder einen Groove – als Basis unserer gemeinsamen Komposition. Im ersten Schritt lernen wir diese erste Idee. Und zwar nur übers Zuhören. Der „Komponist“ ist dafür verantwortlich, diese erste Idee den Mitmusikern beizubringen. Dabei muss man sich immer auch in die Mitmusiker einfühlen und erfassen, inwieweit diese Idee schon verstanden ist. Gemeinsam spielen wir diese Idee dann im Kreis und entwickeln das Arrangement für diese Idee – allerdings immer komplett über das Gehör und auswendig („headarrangement“). Es wird dabei immer wieder kurz abgebrochen und wieder neu eingesetzt, um sich diese Arrangements einzuprägen. Sobald so eine Idee rund läuft, wird zufällig einer aus dem Ensemble bestimmt, der die nächste spontane Idee beisteuert. So entwickeln wir Stück für Stück teils recht komplexe Kompositionen. Es geht also vor allem ums Zuhören, Imitieren und Initiieren. Jeder Musiker steuert dabei einen ganz individuellen Teil bei, der von den Mitmusikern gelernt und verstanden wird. Durch das gemeinsame Komponieren bekommen die Studenten viel mehr Einblick in die Parts und Rollen und Mitmusiker. Und man musiziert viel mehr auf einer gemeinsamen Ebene. Diese vielen unterschiedlichen Teile werden per Zeichen („on cue“) der Bandmitglieder dirigiert. Ich lege großen Wert auf optische Kommunikation – also auf Aufmerksamkeit und gegenseitiges Anschauen, wenn es in neue Teile geht. Man soll ein Vertrauen in diese ersten Ideen entwickeln und ein Gefühl dafür, wie umfangreich und tragfähig so eine Idee sein kann, damit man sie selber reproduzieren und dem Ensemble später beibringen kann. Wir nehmen jede erste Idee ernst, und aus jeder Idee ist bisher ein interessanter Song entstanden, auch wenn vor allem die „Komponisten“ am Anfang sehr skeptisch ihren Ideen gegenüber waren. Vor allem diese ersten Ideen haben oft einen perfekten inneren Rhythmus/Flow, der oft beim weiteren Reflektieren verloren geht. Auffallend ist, dass sich viele dieser Spontan-Kompositionen in einem ganz anderen stilistischen Rahmen bewegen als die Musik, die zum Großteil unterrichtet und geübt wird. Ich sehe es als Herausforderung für den Studiengang insgesamt an, diesen doch recht breiten Graben zwischen unterrichteter Jazztradition und der Musik, die aus dem Unterbewusstsein der Studenten kommt, zu schließen. Obwohl keinerlei stilistische Vorgaben existierten, basierten alle diese Kompositionen auf binären Grooves. Es gibt einen auffallenden Reflex bei den Studenten, diese Ideen unnötig kompliziert zu gestalten (ungerade Takte/Formen/komplizierte Harmonien), teilweise sogar so komplex, dass der Komponist sie selber gar nicht sicher reproduzieren kann. Es entwickelt sich erst mit der Zeit ein Selbstbewusstsein und 131| REAL TIME COMPOSITION & RECORDING ENSEMBLE Gespür dafür, dass (aufgesetzte) Komplexität nicht unbedingt ein Mehr an Qualität bedeuten, sondern die Kunst oft auch darin liegt, etwas schlicht und schlüssig zu formulieren. Im Ensembleraum gibt es ein kleines Recording-Setup mit Mikrophonen, einem Mischpult und einer Soundkarte. Wir beginnen jede Ensemble-Einheit mit Aufbau und Einrichtung dieses Recording Setups und nehmen am Ende eine Demoversion des zusammen erarbeiteten Songs auf. So lernen die Studenten auch die Studioumgebung kennen und bekommen ein Gefühl dafür, wie komplex eine Komposition sein kann, um sie in einem gewissen Zeitrahmen zu lernen, auszuarbeiten und aufzunehmen. Die Aufnahmen werden von den Studenten grob gemischt und in einem Dropbox- Ordner gespeichert, wo sie als Demos für das gemeinsame Konzert am Ende des Semesters dienen. Grundsätzlich wird nichts notiert, sondern alles nur übers Gehör und Erinnern eingeübt. Bei den Wiederholungen der Songs und beim Proben fürs Konzert erinnern sich die Studenten an die Songs wieder gemeinsam und helfen und korrigieren sich gegenseitig. Es ist bemerkenswert, wie viel grösser das Bewusstsein und die Aufmerksamkeit für die Parts der anderen geworden ist. Im Idealfall spielt sich auch die Improvisation auf so einer Ebene ab. Das Unterbewusstsein liefert Ideen, die sofort aufgenommen, kommuniziert und Dozentenkonzert am 1. November 2017 mit Johanna Summer (p), Tom Götze (kb), Sebastian Studnitzky (tr), Sebastian Merk (dr), Céline Rudolph (voc), Finn Wiesner (sax) und Simon Harrer (pos) (v.l.n.r.) 132 | SEBASTIAN STUDNITZKY verstanden werden. Jeder Musiker ist jederzeit maximal achtsam auf das Spiel der Mitmusiker und man entwickelt beim Spielen gemeinsame Arrangements um diese Ideen. Die Grenzen zwischen Unterbewusstsein und Gelerntem und zwischen Improvisiertem und Komponiertem verschwinden. Schon immer war Studnitzky als Wanderer zwischen den Genres Jazz, Klassik und Elektro unterwegs. Bei seiner ungewöhnlichen Musik erscheint kein Ton zu viel. Sie ist detailliert, minimalistisch, transparent, dabei von großer emotionaler Tiefe und beeindruckend eigen. Wie wenige andere Instrumentalisten seiner Generation ist der Trompeter und Pianist in den Clubs und auf den Festivals weltweit präsent (mit Nils Landgren’s Funk unit, Jazzanova, Mezzoforte oder Wolfgang Haffner). Aktuell ist er auf den Aufnahmen von Nils Landgrens Funk Unit, Jazzanova, Wolfgang Haffner, Nightmares On Wax, Moritz von Oswald, Mezzoforte, Dominic Miller u. v. m. zu hören. 2012 gründete er mit Contemplate sein eigenes Label/ Netzwerk. 2014 initiierte er als musikalischer Leiter das XJAZZ Festival – das aus dem Stand größte Jazzfestival Berlins. Seit September 2014 lehrt Sebastian Studnitzky als Professor an der HfM Dresden und von 2017– 2019 am Jazz Institut in Berlin und 2020 an der Zürcher Hochschule der Künste. 2015 bekam er den ECHO Jazz und 2020 den Opus Klassik. www.ky-music.com Sebastian Studnitzky am Flügel beim Dozentenkonzert am 1. November 2017 133| Eine Ausbildung mit Freiheiten und Flexibilität Sebastian Haas Als ich im Herbst 2009 meine Sachen gepackt hatte und mein Umzug nach Dresden bevorstand, um mein Studium zu beginnen, war das alles andere als geplant. Ursprünglich wollte ich in Mainz bleiben und dort mein Studium im Fach klassische Trompete beginnen. Als dann die Nachricht über die Möglichkeit eines Studiums bei Till Brönner und Malte Burba eintraf, gab es für mich eine klare Entscheidung für die Hochschule in Dresden. Für jeden Schüler ist es eine Umstellung: Man wechselt von festen Strukturen und Stundenplänen zu einem Fächerkanon, der hauptsächlich das umfasst, womit man sich am liebsten beschäftigt. Erst im Rückblick erkenne ich, welche  Möglichkeiten mir die Hochschule gerade in Bezug auf Freiheiten und Flexibilität in meiner Ausbildung als Musiker geben konnte. Die Fachrichtung Jazz/Rock/Pop hält diverse Angebote unterschiedlicher Musikrichtungen für die Studenten bereit. Neben der „klassischen“ Ausbildung in Improvisations- und Repertoire-Ensembles gab es in jedem Jahr spezielle Bands mit Schwerpunkten im Rock, Latin, Pop und in der freien Improvisation. Als Beispiel sei nur das „Freie Ensemble“ von Baby Sommer 134 | SEBASTIAN HAAS oder auch das Projekt mit dem hfmdd jazz orchestra und Hans-Joachim Hespos genannt. Natürlich wurde man immer noch ab und zu aus der Klassikabteilung als „Tanzmusiker aus dem Keller drüben“ belächelt, aber über die Zeit wurde aus dem Nebeneinander immer mehr ein Miteinander. Eine große Rolle spielte dabei die Offenheit der Trompetenklassen der beiden Fachrichtungen. Es gab gemeinsame Vorlesungen, Konzerte und, nicht zu vergessen, die Weihnachtsfeiern. Für mich bot sich die Gelegenheit, im Hochschulsinfonieorchester mitzuwirken, was mich auf meine jetzige Tätigkeit als freiberuflicher Musiker und Pädagoge in vieler Hinsicht unterstützte. Somit konnte ich in den immer häufigeren Anfragen von Orchestern bei Crossover-, Musical- oder Jazzprojekten bestehen. Des Weiteren ist es für mich als Trompetenlehrer hilfreich, den Schülern in ihrem musikalischen Wirkungsfeld aus eigener Erfahrung weiterhelfen zu können. Mit dieser Öffnung, die immer noch andauert und stetig voran schreitet, reagiert die Hochschule auf die sich ändernden Tätigkeitsfelder eines Berufsmusikers. Dies geschieht auch immer mehr in der Schulmusik. Einen Anstoß für mein Studium gab mein Musiklehrer am Gymnasium, der mich und meine gesamte Jahrgangsstufe für die unterschiedlichsten Genres begeistern konnte. Das betraf besonders die Musik der Bigband. Daher hat die Schulmusik einen großen Einfluss auf nachfolgende Musiker-Generationen. Umso lobenswerter ist die immer größere Bandbreite der Schulmusik mit der Möglichkeit von Orchester- und Bigbandleitung. Konzert der Werkstatt-Bigband am 08. März 2020 im Konzertsaal der Hochschule unter der Leitung von Sebastian Haas 135| EINE AUSBILDUNG MIT FREIHEITEN UND FLEXIBILITÄT Eine weiteres Ereignis hat mich nachhaltig geprägt: Thomas Zoller bot mir die Möglichkeit, die Hochschulbigband mit seiner Unterstützung für ein Semester zu leiten. Dazu gehörten Notenauswahl, Programmgestaltung, Probenplanung … Was ich dort mitnehmen durfte, ist unverzichtbar für meinen heutigen Berufsalltag. Natürlich ist eine Institution wie eine Hochschule in ihren Strukturen manchmal etwas unflexibel, wenn es um die Belange von (Jazz-)Studenten geht. Aus studentischer Sicht bekommt man oft nicht mit, wie viele Gewerke und Instanzen an einer Entscheidung, an der Umsetzung von Veranstaltungen oder bei Neuanschaffungen beteiligt sind. Trotzdem hat sich dies in den letzten Jahren immer mehr verbessert. Transparenz, Kommunikation und Mitspracherecht sind da die Mittel der Wahl. Raumknappheit und häufig vermisste Vorlesungen zum Backgroundwissen als Freiberufler (Rechnungsstellung, Steuer, KSK u. a.) bleiben noch Baustellen im Hochschulalltag. Aber dies gilt für alle Hochschulen, die ich kennenlernen durfte. Es war eine gute Entscheidung, für ein Studium an die Hochschule für Musik nach Dresden zu kommen. Hier findet man Offenheit, Freiheit, hilfsbereite und kompetente Lehrende auf Augenhöhe und eine Atmosphäre, die eine individuelle Entwicklung in jegliche Richtung ermöglicht. Sebastian Haas studierte an der Hochschule für Musik Dresden bei Prof. Till Brönner und Prof. Malte Burba Trompete. Als Mitglied der Profi-Bigband „Spielvereinigung Süd“, Leiter der Kinderbigband Plauen sowie künstlerischer Leiter der Werkstatt Bigband, Hochschuldozent für Bigband- Leitung und Workshopdozent mit Julian Wasserfuhr liegen seine Schwerpunkte in der ganzen Vielfalt der Bigbandmusik. www.sebastianhaas.com 137| Kommunikation verbindet Sebastian Merk Als ich nach meinem Studium in Weimar und Berlin 2005 den Hochschulabschluss hatte, war der Gedanke an eine Lehrtätigkeit noch weit entfernt. Till Brönner, der die künstlerische Leitung der Fachrichtung J/R/P von Günter Baby Sommer übernommen hatte, berichtete mir vier Jahre später von der Ausschreibung einer Professur für Schlagzeug in Dresden. Mein Vorspiel für die Stelle glich gefühlt einer freien Improvisation. Im Moment reagieren und auf die Situation einstellen! Wie auf der Bühne. „Wow!, first take“. Das hatte ich nicht erwartet! Mit umso mehr Engagement wollte ich mich meiner neuen Aufgabe widmen. Klar, meine vielfältige Arbeit mit ganz unterschiedlichen Bands, Lehrern und Mitmusikern, auch schon vor meiner Studienzeit, lieferte mir einen grundlegenden Erfahrungsschatz für den Start. Trotzdem: Es fühlte sich an wie ein Sprung ins kalte Wasser. Sich von jetzt auf gleich auf ganz verschiedene Persönlichkeiten einzustellen und jeden Einzelnen an der richtigen Stelle abzuholen war für mich neu. Mit zwölf Hauptfachstudenten war es damals die größte Schlagzeugklasse Deutschlands. Doch wenn man Spaß 138 | SEBASTIAN MERK an der Materie hat, kann man wachsen, auch wenn man erkennt, wie sich die Verantwortung und die Anforderungen an das Individuum durch den Umgang mit sich wandelnden Musikströmungen in unserer Gesellschaft stetig verändern. Die gerade mal ein bisschen mehr als hundert Jahre alte Tradition des Schlagzeugs ist immer noch die wichtigste Ausgangsbasis. Doch wie bringt man diese Fülle an Ausdrucksmöglichkeiten und die Ästhetik verschiedener Stilrichtungen einer jungen Generation nahe, die in einer anderen Zeit sozialisiert wurde und ihren eigenen authentischen Umgang mit der Materie finden will? Es geht und könnte spannender nicht sein! Da muss man über den „Beckenrand“ schauen, die Stärken jedes Einzelnen erkennen, Mut machen und universelle musikalische Zusammenhänge verdeutlichen. Das Unterrichten hat mich vieles gelehrt – und es geht hoffentlich noch so weiter. Fast elf Jahre später kann ich mit Freude feststellen, als Leiter der Schlagzeugklasse mit meinen geschätzten Kollegen Michael Griener, Eric Schaefer, André Schubert und Jörg Ritter viele tolle Spieler und Musikerpersönlichkeiten auf den richtigen Weg gebracht zu haben. Wir sind ein gutes Begrüßung von Sebastian Merk (Mitte r.) durch Andreas Baumann, damaliger Prorektor für Künstlerische Praxis, beim Dozentenpodium am 14. November 2010; Finn Wiesner (li) und Till Brönner (re) 139| KOMMUNIKATION VERBINDET Team, und ich sehe, dass wir uns mit unseren teilweise unterschiedlichen Betätigungsfeldern optimal ergänzen. Mich bestärkt das gute Gefühl, mit allen am gleichen Strang zu ziehen. Jazz aus Dresden wird wahrgenommen! Die aktuelle Besetzung des Bundesjugend Jazz Orchesters mit zahlreichen Studenten aus Dresden zeigt das ganz offensichtlich. Musik ist vielfältig definierbar. Doch der vielleicht wichtigste Faktor dabei ist für mich die Kommunikation. – Kommunikation verbindet! Das Schlagzeug ist in der Musik Kommunikationsmittel und Bindeglied zwischen Kommunikatoren. Es kann musikalisch zusammenführen oder auseinanderbrechen lassen bzw. neu vernetzen. Die Vernetzung in unserem Jazz-Fachbereich gefällt mir jedenfalls sehr gut! Es gibt sicher nicht viele Fakultäten für Jazz in Deutschland, wo Studierende und Lehrende so viel zusammen aktiv musizieren wie in Dresden. Und darum geht es doch eigentlich: „Learning by doing“! Und – raus in die Welt! Sebastian Merk mit Tom Götze (bg) und Jochen Aldinger (hammond) beim Dozentenpodium am 1. November 2017 140 | SEBASTIAN MERK Sebastian Merk, geboren in Frankfurt a. M. gehört in Deutschland zu den renommiertesten und vielseitigsten Schlagzeugern der deutschen Jazzszene. Im Jahr 2000 wurde ihm das Arbeitsstipendium Jazz der Stadt Frankfurt verliehen. Seither arbeitet er von Berlin aus in vielfältigen Projekten und Bands der deutschen und internationalen Szene. Sebastian Merk spielte mit Musikern wie Lee Konitz, Ack van Rooyen, Till Brönner, Kurt Rosenwinkel, Eddie Henderson, Mark Murphy, Ernie Watts, u. v. a. Er ist auf 40 veröffentlichten CD-Produktionen vertreten und spielte auf internationalen Festivals (Deutsches Jazzfestival, Jazzfest Berlin, Jazzbaltica, Gexto Jazzfestival in Spanien, Stuttgart Jazz Open, Neuer Deutscher Jazzpreis u. v. a.) Tourneen und Konzerte führten ihn in verschiedene Teile der Welt, u. a. nach Japan, Südamerika, USA, Russland, Malaysia, Vietnam, Thailand, Türkei, Kanada, Norwegen, Schweden, Italien und Spanien. Seit Oktober 2010 unterrichtet er als Professor für Schlagzeug an der Hochschule für Musik in Dresden. www.sebastian-merk.de 141| Vom Wettiner Platz in den Bundestag Demian Kappenstein Mein Kontakt zur Hochschule Carl Maria von Weber war Liebe auf den ersten Blick. Gleich nach dem damals noch üblichen Zivildienst begab ich mich selbstbewusst auf Aufnahmeprüfungs-Tournee durch Deutschland: Köln, Mainz, Berlin, Dresden und Mann heim sollten sehen, dass sie an mir einen jungen jazzbegeisterten Musiker mit viel Potential für sich gewinnen konnten. Die Jurys dieser Hochschulen attestierten mir zwar Talent, schickten mich jedoch für eine extra Überunde und ein weiteres Jahr auf die Weide. Einzig die Dresdner Kommission, bestehend aus Ulrich Niedermüller, Sven Helbig, Michael Griener und Günter Sommer, erkannte in meinem Vortrag etwas, das sich schon gleich zu fördern lohnte. Die Stadt zeigte sich in dieser Woche mit satten Elbwiesen, seinem Altstadtpanorama und der farbenfrohen Neustadt im schönsten Antlitz. Sofort fühlte ich mich hier gut aufgehoben. Die Dresdner Musikhochschule unterscheidet sich schon in ihrer Ausrichtung von den meisten anderen Hochschulen. Jazz/Rock/Pop heißt hier der musikalische Zweig, der schon früh die Wertigkeit aller Musikrichtun- 142 | DEMIAN KAPPENSTEIN gen erkannt hat und den Blick in die Zukunft wagt, anstatt mit einem spezialisierten Jazz-Studiengang die antiquierte Haltung einer reinen Lehre zu propagieren. Standards, Harmonik, Theorie und Geschichte – der Lehrplan hat schon eine unverkenn bare Jazz-Lastigkeit, die jedoch durch einzelne Lehrer und Ensemble-Unterrichte in Richtung Progressive Rock, Weltmusik/Folklore, freie Improvisation und Hip-Hop erweitert wird. Welch eine Bereicherung für alle Seiten! Die Stadt bekommt durch die vielen Diplom konzerte (inzwischen Bachelor- und Masterstudiengänge) sowie Klassenvorspiele und Band- Summits ein ganzjähriges Festival aller Sparten geboten, und die Studierenden können zugleich sorgfältig prüfen, welche Bühne für sie die passende ist: Jazzclub, Rockfestival, Salsacruise, Stadtgalerie oder Hochzeitsfeier. Anfänglich war es mein Bestreben, vorrangig die technischen Herausforderungen des Instrumentalspiels und die angrenzenden Themenfelder Klavier, Musiktheorie und Gehörbildung zu meistern. Doch vor allem Michael Griener und schließlich Günter Sommer vermochten es, in mir ein Bewusstsein dafür zu erwecken, wie man am Instrument eine eigene Stimme entwickeln und vielleicht sogar die Gesellschaft mit seinem Werk prägen oder verändern kann. Meine Entscheidung, eine künstlerische Laufb ahn einzuschla- Demian Kappenstein während des Konzerts der Band „Ätna“ am 11. Juli 2019 beim Montreux Jazz Festival 143| VOM WETTINER PLATZ IN DEN BUNDESTAG gen, wurde von den Dozenten belohnt. Ich durfte immer öfter gemein sam mit ihnen auf der Bühne stehen und kam auch in den Genuss außerplanmäßiger Unterrichtseinheiten. Bald schon wurden auch die eigenen Bands an die etablierten Veranstalter empfohlen und erste Auslands erfahrungen beim Austausch mit England und Tschechien gesammelt. Schließlich wurde mir mit der Aufnahme in die Meisterklasse und der Vergabe des sächsi schen Landesstipendiums die Möglichkeit besonderer Spezialisierung geboten. Inzwischen waren Eric Schaefer aus Berlin als Nachfolger für Ulrich Niedermüller und Sven Helbig an die Hochschule gekommen. Er gilt nicht nur als beachtlicher Schlagzeuger, sondern auch als Komponist mit sowohl klassischem als auch Jazz-Hintergrund. Er feilte mit mir an der Ausarbeitung meiner kompositorischen Ideen für Soloschlagzeug und eröffnete mir die Welt moderner Komponisten mit Boulez, Ligeti und Xenakis. Dabei empfand ich den geringen Altersunterschied als besonders erfrischend, gehörten doch bis dato meine Professoren und Dozenten zu einer anderen Generation. Im dritten Jahr meines Studiums gründete ich mit meinen Kommilitonen Felix Jacobi und Simon Slowik die Konzertreihe FEATURE RING, deren musikalische Gäste wir mit Stephan Bormann, Esther Kaiser, Marko Lackner, Céline Rudolph und Sebastian Studnitzky zunächst aus dem hiesigen Lehrkörper rekrutierten. Das führte nach und nach zu genügend Selbstvertrauen, sich auch überregionale und internationale Musiker wie Markus Stockhausen, Kurt Rosenwinkel, Louis Sclavis, Aki Takase und Arve Henriksen einzuladen. Heute kann ich sagen, dass mich die fünf Jahre Diplomstudium und die anschließenden zwei Jahre Meisterklasse inhaltlich gut auf meinen künstlerischen und beruflichen Alltag vorbereitet haben. Ich spiele im Jahr mehr als hundert Konzerte mit den Ensembles MASAA, CHRISTOPHER RUM- BLE, ÄTNA sowie auch solo. Wir bereisen und bespielen andere Kontinente, veröffentlichen regelmäßig neue Alben und werden vereinzelt für Preise wie den Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgewählt. Die Konzertreihe FEATURE RING ist nun schon seit mehreren Jahren im Festspielhaus Hellerau zuhause und hat ihren ursprünglichen stilistischen Wirkungskreis Jazz längst gesprengt. Ganz selbstverständlich treten hier auch Künstler*innen der Popmusik, Lyriker*innen, Tänzer*innen sowie experimentelle Musiker*innen auf. Die mit Marc Bangert und Hans-Christian Jabusch am Institut für Musikermedizin der Musikhochschule entwickelte Soloperformance INVISIBLE DRUMS durfte ich gar im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestages aufführen. 144 | DEMIAN KAPPENSTEIN Auch wenn ich als Musiker nach dem Studium selbst Antworten auf die Fragen der Wirtschaftlichkeit und Selbstvermarktung des eigenen Werks finden musste und dazu Strategien für den Umgang mit dem Älterwerden der Zuhörerschaft zu entwickeln hatte, bin ich der Musikhochschule Carl Maria von Weber und ihrem Lehrkörper ausge spro chen dankbar, dass sie mich mit allen Möglichkeiten gefördert hat. Insbesondere die stilistische Bandbreite der Ausbildung und die vermittelte gesellschaftliche Verantwortung empfinde ich heute als besondere Merkmale, welche ich gerne aus Dresden hinaus in die Welt trage. Demian Kappenstein studierte von 2004 bis 2009 an der Hochschule für Musik in Dresden Schlagzeug Jazz/Rock/Pop, freie Improvisation und zeitgenössische Musik bei Prof. Günter Baby Sommer und Prof. Michael Griener. Von 2009–2011 war er Meisterschüler beim Komponisten und Schlagzeuger Prof. Eric Schaefer und Träger des Landesstipendiums des Freistaates Sachsen. Kappenstein arbeitete mit Musikern wie Rolf Kühn, Giora Feidman, Markus Stockhausen, Kurt Rosenwinkel, Arve Henriksen, Louis Sclavis und Robyn Schulkowsky. 2012 gewann er mit der Band Masaa den Bremer Jazzpreis, 2015 den RUTH Weltmusikpreis (Kategorie: Förderpreis), 2017 den Preis der deutschen Schallplattenkritik. In seinen Konzerten für Soloschlagzeug arbeitet er an der Verbindung elektronischer und akustischerMusik und deren visueller Wahrnehmung. Sein Solodebüt WEIT erschien 2016 als Sonderedition auf CD mit 90-seitigem Bildband. 2015 präsentierte Kappenstein im Duo mit Vincent von Schlippenbach das „unsichtbare Schlagzeug – invisible drums“ im Deutschen Bundestag. https://demiankappenstein.tumblr.com 145| VERZEICHNIS ALLER LEHRKRÄFTE UND MITARBEITERINNEN DES SEKRETARIATS Verzeichnis aller seit 1962 für die Fachrichtung Jazz/Rock/Pop tätigen Lehrkräfte und Mitarbeiterinnen des Sekretariats Die im Studienjahr 2020/2021 tätigen Lehrkräfte und Mitarbeiterinnen sind mit einem * versehen. Lehrkräfte *Aldinger, Jochen | Klavier, Korrepetition, Musiktheorie/Gehörbildung Altmann, Jan | Satzgesang *Arnold, Michael | Saxophon, Methodik/Lehrpraxis Aust, Bernd | Rockgeschichte *Bätzel, Matthias | Klavier, Hammondorgel, Ensemble Bauer, Robert | Musiktheorie/Gehörbildung, Jazzgeschichte Baumgärtel, Willy | Posaune *Baumgärtner, Moritz | Schlagzeug Becker, Olaf | Jazzdance *Behrisch, Stefan | Komposition, Arrangieren Bergmann, Götz | Satzgesang Berlin, Thomas | Elektronische Klangerzeugung *Beutler, Ralf | Gitarre-JRP, Methodik/Lehrpraxis, Comping Bleck, Beate | Jazzdance Bleck, Volker | Jazzdance *Böhm, Lukas | klassisches Schlagwerk *Bormann, Stephan | Gitarre-JRP, Ensemble *Brönner, Till | Trompete, Ensemble *Buchmann, Christian | Akustische Gitarr Buhler, Hans | Korrepetition Bunk, Detlef | Akustische Gitarre *Burba, Malte | Trompete, Methodik/Lehrpraxis Buschmann, Nora | Konzertgitarre, Methodik/Lehrpraxis *Callejas, Joachim | klassisches Saxophon, Saxophonquartett *Chang, Cheng Tai | Korrepetition Deutschmann (Bingel), Cornelia | klassische Korrepetition Deyda-Teubert, Janis | Gesang, Methodik/Lehrpraxis Dietze, Kerstin | Tanz, Bewegung *Dirks, Reentko | Akustische Gitarre, Kammermusik Elster, Thea | Schauspiel, Interpretation Engelbrecht, André | Musiktheorie/Gehörbildung *Erfurth, Katja | Tanz, Bewegung Feilhaber, Ute | Sprecherziehung 146 | VERZEICHNIS ALLER LEHRKRÄFTE UND MITARBEITERINNEN DES SEKRETARIATS *Fellow (Günther), Thomas | Akustische Gitarre, Comping, Kammermusik Fiebach, Sonnhild | Pflichtfach Klavier Fiebig, Volker | Chor, Satzgesang *Fink, Uwe | Ensembleleitung, Gitarre Fischer, Nadia Maria | Gesang Flechsenhar, Britta-Ann | Gesang Forbes, Eleanor | Gesang, Stimmbildung, Methodik/Lehrpraxis Frerichs, Ina | Gesang Frohberg, Fred | Gesang *Fuchs, Michael | Klavier, Audiation, Ensemble Gärtig, Lothar | Konzertgitarre Gerstengarbe, Johannes | Musiktheorie/Gehörbildung, Arrangieren Gervink, Manuel | Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts Goldberg, Roger | Kontrabass, Bassgitarre, Rhythmusgruppe Götz, Andreas | Pflichtfach Klavier *Götze, Tom | Kontrabass, Bassgitarre, Ensemble Götze-Eulitz, Hiltrud | Sprecherziehung Grabandt, Christian | Trompete Greß, Frank-Harald | Musikgeschichte, Jazzgeschichte, Stilistik *Griener, Michael | Schlagzeug *Groß, Thomas | Gesang, Stimmbildung Gründel, Liselotte | Sprecherziehung Gundlach, Andreas | Klavier *Haas, Sebastian | Trompete, Werkstatt-Bigband Haerting, Rolf | Satzgesang Hahlbeck, Ulf | Gesang Hahn, Jürgen | Trompete Hähne, Burkhard | Saxophon, Methodik/Lehrpraxis Hammer, Georg | Elektronische Klangerzeugung *Harrer, Simon | Posaune, hfmdd jazz orchestra, Ensemble Hartmann, Walter | Saxophon Hasselmeyer, Detlef | Konzertgitarre Hauser, Michael | Kontrabass, Bassgitarre Hein, Wolfgang | klassische Korrepetition Heinemann, Michael | Musikgeschichte im Überblick Helbig, Sven | Schlagzeug Hellmig, Torsten | Methodik/Lehrpraxis Saxophon *Helmbold, Sabine | Jazzchor, Gesang, Ensembleleitung Herberger, Tilman | Elektronische Klangerzeugung 147| VERZEICHNIS ALLER LEHRKRÄFTE UND MITARBEITERINNEN DES SEKRETARIATS Hermann, Christoph | Posaune *Herrmann, Matthias | Europäische Musikgeschichte Hesse, Joachim | Trompete Hiekel, Jörn Peter | Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts Hiensch, Gerhard | Gitarre, Methodik/Lehrpraxis Hill, Frank | Konzertgitarre, Methodik/Lehrpraxis Höhle, Jochen | klassische Korrepetition Hombsch, Hans | Posaune, Satzproben Hörig, Günter | Klavier, Jazzgeschichte, Improvisation Hurshell, Michael | Ensembleleitung, Dirigieren *Jabusch, Hans-Christian | Musikphysiologie *Jachmann, Jan | Instrumentaldidaktik Jakowitz, Bernhard | Pflichtfach Klavier, Korrepetition Jakowitz, Ulla | Pflichtfach Klavier, Korrepetition Jänke, Stefan | Satzgesang, Audiation Juling, Lars | Arrangieren Jungnickel, Karl | klassisches Schlagwerk *Kaiser, Esther | Gesang, Methodik/Lehrpraxis Kandl, Jörg | Saxophon Karpa, Günther | Trompete, Satzproben Kassner-Pfund, Ingeborg | Bühnentanz Kluge, Christiane | Gesang Kolbach, Gloria | Gesang Koza, Manfred | klassisches Schlagwerk *Kraske, Ilka | Pflichtfach Klavier, Korrepetition Krause, Rüdiger | Korrepetition Gitarre, Improvisation für Sänger *Kutschke, Lars | Gitarre-JRP Lackner, Marko | Saxophon, Bigband *Lahoud, Rabih | Gesang, Stimmbildung *Lehmann, Jörg | Pflichtfach Klavier Lessing, Wolfgang | Instrumentaldidaktik *Leuschner, Andreas | Pflichtfach Klavier *Levermann, Christoph | Schauspielunterricht Liese, Wilfried | Pflichtfach Klavier Lischka, Rainer | Komposition, Korrepetition, Musiktheorie/Gehörbildung Lösch, Eberhard | Posaune *Lübeck, Christopher | Pflichtfach Klavier, Korrepetition, Ensemble *Ludewig, Hans-Richard | Pflichtfach Klavier, Korrepetition Lüdtke, Sebastian | Pflichtfach Klavier 148 | VERZEICHNIS ALLER LEHRKRÄFTE UND MITARBEITERINNEN DES SEKRETARIATS Ludwig, Siegfried | Schlagzeug, Methodik/Lehrpraxis, Percussion Maaß, Susanne | Flöte *Malischke, Julia | Akustische Gitarre, Methodik/Lehrpraxis *Manders, Kiki | Gesang *Mattar (Oertel), Daniel | Gesang *Mattstedt, Nancy | Sprechen *Mayer, Ralf-Ulrich | Physioprophylaxe *Meinen, Sönke | Akustische Gitarre *Merk, Sebastian | Schlagzeug, Ensemble Meyer, Wolfgang | Arrangieren Miersch, Holger | Vokalkorrepetition Mißmahl-Gruschke, Ingeborg | Dramatischer Unterricht *Mock, Sascha | Korrepetition für Tanz, Bewegung *Moritz, Johannes | Musiktheorie/Gehörbildung *Moritz, Marius | Musiktheorie/Gehörbildung, Jazzgeschichte, Komposition Müller, Matthias | Posaune Müller, Reinhard | Klarinette Naßler, Jörg | Gitarre Naumann, Monika | Sprecherziehung *Neffe, Roland | Vibraphon Neudert, Jürgen | Posaune *Neumärker, Sina | Konzertgitarre, Kammermusik Niedermüller, Ulrich | Schlagzeug, Methodik/Lehrpraxis Nürnberger, Katharina | Sprechen Oelschlegel, Peter | Gesang Oelze, Dominic | klassisches Schlagwerk *Olivanti, Enrico | Musiktheorie/Gehörbildung *Osypov, Igor | Gitarre-JRP *Patzer, Christian | Saxophon, Saxophonquartett *Paulitz, Katrin | Flöte Petersen, Christiane | Gesang Pfeiffer, Siegfried | Arrangieren Pieper, Manfred | Klavier Promny-Göpfert, Victoria | Gesang, Stimmbildung *Reznicek, Hans-Jürgen | Bassgitarre, Methodik/Lehrpraxis, Ensemble *Ritter, Jörg | Percussion, Ensemble Robbers, Jens | Ensemble *Rogacki, Malte | Pflichtfach Klavier, Computer/Midi/Audio Rosemann, Karl-Heinz | Dramatischer Unterricht 149| VERZEICHNIS ALLER LEHRKRÄFTE UND MITARBEITERINNEN DES SEKRETARIATS Roth-Schofield, Natascha | Gesang Rotter, Kurt | Korrepetition Rudolph, Céline | Gesang, Ensemble, Improvisation Ruhland, Gilbert | Klavier, Pflichtfach Klavier *Sandmann, Georg-Christoph | Dirigieren *Schaefer, Eric | Schlagzeug, Ensemble *Schaefer (Kappenstein), Inéz | Gesang Schäfer, Anke | Sprecherziehung Schardt, Hartmuth | Saxophon, Klarinette, Methodik/Lehrpraxis Schiller, Malte | Saxophon, Bigband Schiller, Wolfgang | Gesang, Interpretation Schindler, Rolf | Pflichtfach Klavier Schmidt, Bernhard | klassisches Schlagwerk *Scholz, Tino | Kontrabass, Methodik/Lehrpraxis Schönfeld, Friedhelm | Saxophon, Bigband Schöniger, Bettina | Sprecherziehung *Schubert, André | Schlagzeug, Ensemble, Methodik/Lehrpraxis Schubert, Dieter | Gitarre-JRP Schüler, Axel | Percussion Schulz, Hanns-Herbert | Gesang, Interpretation Schulze, Hans | Musiktheorie/Gehörbildung Schulze, Matthias | Pflichtfach Klavier Schüßler, Rainer | Chor, Satzgesang Schwarz, Ulrich | Dramatischer Unterricht, Performance Secara, Marc | Gesang Sick, David | Akustische Gitarre *Sommer, Günter | Schlagzeug, Percussion, freie Improvisation Spiller, Lothar | Kontrabass, Bassgitarre, Satzproben Stauner, Aenne | klassische Korrepetition Steiner, Fritz | Dramatischer Unterricht *Studnitzky, Sebastian | Trompete, Ensemble Thuß, Rita | Pflichtfach Klavier Tiburtius, Clemens | Gesang, Chor Töpfer, Moritz | Pflichtfach Klavier *Trebeljahr, Dittmar | Klarinette Vief, Malte | Akustische Gitarre *Wagner, Jens | Klavier, Ensemble, Musiktheorie/Gehörbildung Walther, Bernd | Gesang Walther, Henry | Posaune, Arrangieren 150 | VERZEICHNIS ALLER LEHRKRÄFTE UND MITARBEITERINNEN DES SEKRETARIATS Sekretärinnen ab 1969 Gawlitta, Catrin Greß, Marlies *Hanke, Ute Schmidtberger, Ingrid Tschackert, Christine Weichert, Bettina | Dramatischer Unterricht *Weiße, Kay | klassisches Schlagwerk *Wessel, Anna | Sprechen Wichmann (Miller), Martin | Gitarre-JRP *Wiesner, Finn | Saxophon, Ensemble *Winkler, Michael | Posaune, Bigband und Ensemble SLGM Wirsig, Walter | Gitarre-JRP *Wirtz, Daniel | Akustische Gitarre, Kammermusik *Zoller, Thomas | Komposition, Arrangieren, hfmdd jazz orchestra 151| ABBILDUNGSVERZEICHNIS Abbildungsverzeichnis Dresden, Archiv der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Berg, Doris: S. 39, 89 Binder, Ulla C.: S. 129 Böhme, Hans-Ludwig: S. 59 Buschmann, Eberhard: S. 29 Debus, Christian: S. 42, 77, 117, 119 Floss, Stephan: S. 98 Gebers, Dagmar: S. 49 Grottker, Katharina: S. 52, 90 Hoffmann, Christian: S. 110 Jung, Steffen: S. 127 Kadenbach, Björn: S. 134 Leicht, Marius: S. 74, 118 (rechts), 128 (beide), 138, 139 Leicht, Oliver: S. 137 Lieder, Marcus: S. 44 (unten), 47, 62, 63, 65, 66, 69, 70, 71, 75, 78, 84, 93, 95, 99, 100, 131, 132 Maquet, Hans-Joachim: S. 36, 94 Mönnig, Ulrike: S. 73 Schmidt, Günter: S. 15 Schwinge, Rainer: S. 41 Vu, Christian: S. 45, 58 Waleska, Ronny: S. 54, 55, 103 unbekannter Fotograf: S. 19, 28, 35, 51, 56, 57, 67, 88, 118 (links) Dresden, Pressestelle des Sächsischen Staatsministeriums für Kultus S. 44 (oben) Fotos aus Privatbesitz Ralf Beutler: S. 37 (Oliver Napravnik), 46 (Ralf Beutler), 38 und 79 (ohne Fotografenangabe) Michael Fuchs: S. 113, 114 (Carsten Nüssler) Stefan Gies: S. 33 (Brigitte Schwarz) Frank-Harald Greß: S. 13 (Constantin Beyer), 20 (Waltraut Kossack) Sebastian Haas: S. 133 (Franziska Pilz) Simon Harrer: S. 61 (ohne Fotografenangabe) 152 | ABBILDUNGSVERZEICHNIS Trotz umfangreicher Bemühungen konnten nicht alle Urheber der Aufnahmen ermittelt werden. Sollten Veröffentlichungsrechte betroffen sein, die im Nachhinein geklärt werden können, wenden Sie sich bitte an die Herausgeber. Julia Kadel: S. 121 (Thomas Schlorke), 123 (Matthias Creutziger) Esther Kaiser: S. 101 (David Beecroft), 105 (ohne Fotografenangabe) Demian Kappenstein: S. 141 (Beate Stein), 142 (Stephanie Moretti) Rainer Lischka: S. 23 (Heide Christin Behrnd) Sönke Meinen: S. 81 (Pavel Lychagin) Jäcki Reznicek: S. 87 (Robert Schultze) Céline Rudolph: S. 97 (Joachim Gern) Inéz Schaefer: S. 107 (Kani Marouf) In der Schriftenreihe Dresdner Schriften zur Musik, herausgegeben von Matthias Herrmann, sind bisher erschienen: Vitus Froesch Die Chormusik von Rudolf Mauersberger Eine stilkritische Studie Dresdner Schriften zur Musik | Band 1 ISBN 978-3-8288-3064-6 220 Seiten, Hardcover, 2013 Johannes Voit Klingende Raumkunst Imaginäre, reale und virtuelle Räumlichkeit in der Neuen Musik nach 1950 Dresdner Schriften zur Musik | Band 2 ISBN 978-3-8288-3261-9 332 Seiten, Hardcover, 2014 Boris Kehrmann Vom Expressionismus zum verordneten „Realistischen Musiktheater“ Walter Felsenstein – Eine dokumentarische Biographie 1901 bis 1951 Dresdner Schriften zur Musik | Band 3 in zwei Bänden ISBN 978-3-8288-3266-4 1372 Seiten, Hardcover, 2015 Romy Petrick „War ich gut?“ Der Dresdner Nachkriegsregisseur Erich Geiger Dresdner Schriften zur Musik | Band 4 ISBN 978-3-8288-3660-0 312 Seiten, Hardcover, 2015 Manuel Gervink, Robert Rabenalt (Hrsg.) Filmmusik und Narration Über Musik im filmischen Erzählen Dresdner Schriften zur Musik | Band 6 ISBN 978-3-8288-3682-2 254 Seiten, Hardcover, 2017 Wolfram Steude (hrsg. von Matthias Herrmann) Heinrich Schütz – Mensch, Werk, Wirkung Texte und Reden Dresdner Schriften zur Musik | Band 7 ISBN 978-3-8288-3840-6 358 Seiten, Hardcover, 2016 Vitus Froesch Franz Herzog – ein Kruzianer in Göttingen Chordirigent und Komponist Dresdner Schriften zur Musik | Band 10 ISBN 978-3-8288-3954-0 176 Seiten, Hardcover, 2017 Eberhard Steindorf Die Konzerttätigkeit der Königlichen musikalischen Kapelle zu Dresden (1817–1858) Institutsgeschichtliche Studie und Dokumentation Dresdner Schriften zur Musik | Band 11 ISBN 978-3-8288-4155-0 962 Seiten, Hardcover, 2019 Matthias Herrmann (Hrsg.) Sichten auf Max Reger und seinen Schüler Paul Aron Mit Korrespondenz des Ehepaars Reger und Aron Dresdner Schriften zur Musik | Band 8 ISBN 978-3-8288-4300-4 200 Seiten, Hardcover, 2020 In Vorbereitung: Matthias Herrmann (Hrsg.) Paul Aron in Dresden Konzertreihen „Neue Musik“ 1919–1933 • Selbstzeugnisse • Korrespondenz Dresdner Schriften zur Musik | Band 5

Abstract

The jazz/rock/pop programme at the Dresden College of Music developed into a multifaceted educational complex during the GDR era, despite reservations by cultural politicians, and gained international recognition after the fall of the Berlin Wall. Contemporary witnesses, current teachers and graduates report in 25 essays on their work, experiences, individual views and the interaction between artistic practice and pedagogical activity. This richly illustrated volume provides unique insights into the structure and goals of this field of study in all its breadth, from the children's class and the cooperation with the Saxon State Grammar School for Music to the Bachelor's, Master's and graduate programmes.

Zusammenfassung

Das Jazz/Rock/Pop-Studium an der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber entwickelte sich bereits in der DDR-Zeit trotz kulturpolitischer Vorbehalte zu einem vielseitigen Ausbildungskomplex und erhielt nach der Wende internationale Ausstrahlung. Zeitzeugen, gegenwärtig Lehrende und Absolventen berichten in 25 Essays über ihre Arbeit, Erfahrungen, individuelle Sichten und die Wechselwirkung zwischen künstlerischer Praxis und pädagogischer Tätigkeit. Der reich illustrierte Band vermittelt einmalige Einblicke in die Struktur und die Ziele dieses Studienbereichs in seiner ganzen Breite, von der Kinderklasse und der Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Landesgymnasium für Musik bis zum Bachelor-, Master- und Graduiertenstudium.

References

Abstract

The jazz/rock/pop programme at the Dresden College of Music developed into a multifaceted educational complex during the GDR era, despite reservations by cultural politicians, and gained international recognition after the fall of the Berlin Wall. Contemporary witnesses, current teachers and graduates report in 25 essays on their work, experiences, individual views and the interaction between artistic practice and pedagogical activity. This richly illustrated volume provides unique insights into the structure and goals of this field of study in all its breadth, from the children's class and the cooperation with the Saxon State Grammar School for Music to the Bachelor's, Master's and graduate programmes.

Zusammenfassung

Das Jazz/Rock/Pop-Studium an der Dresdner Musikhochschule Carl Maria von Weber entwickelte sich bereits in der DDR-Zeit trotz kulturpolitischer Vorbehalte zu einem vielseitigen Ausbildungskomplex und erhielt nach der Wende internationale Ausstrahlung. Zeitzeugen, gegenwärtig Lehrende und Absolventen berichten in 25 Essays über ihre Arbeit, Erfahrungen, individuelle Sichten und die Wechselwirkung zwischen künstlerischer Praxis und pädagogischer Tätigkeit. Der reich illustrierte Band vermittelt einmalige Einblicke in die Struktur und die Ziele dieses Studienbereichs in seiner ganzen Breite, von der Kinderklasse und der Zusammenarbeit mit dem Sächsischen Landesgymnasium für Musik bis zum Bachelor-, Master- und Graduiertenstudium.