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Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Te ct um Ba rb ar a Bo w er t D as K ra nk en ha us „ zw is ch en “ Fu nk tio ns sy st em en u nd O rg an is at io n Wissenschaftliche Beiträge Sozialwissenschaften | 94 Barbara Bowert Das Krankenhaus „zwischen“ Funktionssystemen und Organisation Eine systemtheoretische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Sozialwissenschaften Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Sozialwissenschaften Band 94 Barbara Bowert Das Krankenhaus „zwischen“ Funktionssystemen und Organisation Eine systemtheoretische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern Tectum Verlag Barbara Bowert Das Krankenhaus „zwischen” Funktionssystemen und Organisation Eine systemtheoretische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag, Reihe: Sozialwissenschaften; Bd. 94 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF 978-3-8288-7456-5 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4439-1 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN 1861-8049 Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. Dieses Buch ist aus einer (Inaugural-)Dissertation des Doktorgrades der Pflegewissenschaft (Dr. rer. cur.) hervorgegangen, die im Dezember 2018 im Rahmen eines Promotionsverfahrens im Fach Pflegewissenschaft an der Pflegewissenschaftlichen Fakultät der Philosophisch- Theologischen Hochschule Vallendar eingereicht und angenommen worden ist. Die Disputation fand am 07.11.2019 statt. Das zugehörige ausführliche Literaturreview zu diesem Werk wurde online auf dem Hochschulschriftenserver KiDokS (https://kidoks.bsz-bw.de) veröffentlicht. Wie Recht hat Dirk Baecker, wenn er sagt, „… dass die Systemtheorie in ihren besten Momenten ebenso Wissenschaft ist wie Magie, ebenso sehr Lehre wie Forschung und ebenso sehr Dogma wie Kunst.“* * Baecker, Dirk: Einleitung. In: Baecker, Dirk (Hrsg.): Schlüsselwerke der Systemtheorie. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 1. Aufl., Wiesbaden, 2005, S. 7–16, S. 15. Dieses Zitat ist dem Buch als Motto vorangestellt. Danksagung VII Danksagung Bei meinem Promotionsprojekt und der intensiven Auseinandersetzung mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann haben mich meine Familie, Freundinnen und Freunde sowie Kolleginnen und Kollegen unterstützt und viel Verständnis für Irrungen und Wirrungen gezeigt, die bei solch einem Vorhaben zu Tage treten können. Mein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater Herrn Professor Doktor Marcus Siebolds, der diese Arbeit mit vielen zielführenden Tipps und Hinweisen begleitet und bereichert hat und sich zudem bereit erklärt hat, mein Dissertationsvorhaben von seinem Freund und Kollegen Herrn Professor Doktor Heribert W. Gärtner weiter zu betreuen, nachdem dieser überraschend im Januar 2017 verstarb. Ebenfalls danken möchte ich meinem Zweitgutachter Herrn Professor Doktor Manfred Borutta, der mir auch hilfreich zur Seite stand und mich motivierte, nicht aufzugeben und das Vorhaben zu Ende zu führen. Dieses Werk habe ich in Gedenken an Herrn Professor Doktor Heribert W. Gärtner verfasst, der mir zutraute und mich überzeugte, mich nach meinem Masterstudium weiterhin auf wissenschaftlichem Niveau mit Themen auseinanderzusetzen und unter seiner Leitung dieses anspruchsvolle Projekt in Angriff zu nehmen. Köln, Dezember 2018 Barbara Bowert Vorbemerkung / Allgemeine Hinweise IX Vorbemerkung / Allgemeine Hinweise Die vorliegende Dissertation ist im Promotionsprogramm der Philosophisch Theologischen Hochschule Vallendar (PTHV) im Fachbereich Pflegewissenschaft entstanden. Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile. Teil I enthält die Darlegung des wissenschaftlichen Vorgehens und das Ergebnis zum Thema „Das Krankenhaus ‚zwischen‘ Funktionssystemen und Organisation. Eine systemtheoretische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern“, die zugehörigen Anhänge und die verwendete Literatur. Teil II enthält das systematische Literaturreview, wobei Teil I und Teil II jeweils über eine eigene Gliederung verfügen. Bei den folgenden Ausführungen wird stets mit dem Begriff Systemtheorie auf Luhmanns Ausführungen Bezug genommen. Meines Erachtens ist es bei der Analyse von Luhmanns Systemtheorie nicht notwendig, sich mit der Gender-Frage bzw. der (sprachlichen) Gleichstellung der Geschlechter auseinanderzusetzen. Sollten doch entsprechende Textpassagen vorhanden sein, gilt Folgendes: Zur angenehmeren Lesbarkeit wurde bei möglichen Bezeichnungen in weiblicher und männlicher Form nur die männliche gewählt, was selbstverständlich keine Diskriminierung des weiblichen Geschlechts darstellt. Luhmann hat sich auch hierzu in einer Fußnote in seinem Werk „Die Wissenschaft der Gesellschaft“ Anfang der 1990er Jahre geäußert: „Niemand sagt bisher ‚der/die‘ Beobachter/in. Aber das wird kommen, wenn man sich nicht rasch eines Besseren besinnt!“1 Luhmann lebte und verfasste seine Werke im 20. Jahrhundert. Werden in der Arbeit die 60er, 70er, 80er und 90er Jahre erwähnt, bezieht sich die nachfolgende Aussage grundsätzlich auf dieses Jahrhundert. Die- 1 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. 3. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1998, S. 14 Vorbemerkung / Allgemeine Hinweise X ser Hinweis gilt für Jahreszahlen, bei denen auf die Ergänzung „19..“ verzichtet wurde. Hervorhebungen innerhalb von wörtlichen Zitaten wurden stets übernommen, sofern es sich nicht um kursive oder fettgedruckte Hervorhebungen oder unterstrichene Textstellen handelt. Zusammenfassung XI Zusammenfassung Hintergrund Auf die Krankenbehandlung wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse und Ansprüche ein, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft, und damit auch auf die Institutionen, in denen Krankenbehandlung stattfindet. Insbesondere rechtliche Vorgaben und Regelungen werden von außen mit der Erwartung an die Organisation Krankenhaus herangetragen, dass diese stets Berücksichtigung finden bzw. vollständig und dauerhaft umgesetzt werden. Dabei ist zu beachten, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt2 und es sich um eine „[…] ‚eigene Welt‘ handelt, eine ‚Welt‘, die anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.“3 Daher ist es lohnenswert, das Krankenhaus innerhalb einer modernen funktional differenzierten Gesellschaft genauer zu betrachten und die Fragestellung zu bearbeiten, ob und wie Strukturen im Krankenhaus in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Ziel Es scheint Wirkungen in einem Krankenhaus zu geben, die in welcher Weise auch immer durch ein Funktionssystem ausgelöst werden (könnten). Zu beobachten ist, dass bei diesen Wirkungen eine hohe Diversität zu verzeichnen ist. So stellt sich die Frage, wie die Wirkung bzw. auch Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern ist. Aufgrund der Komplexität und der Besonderheiten der verschiedenen Bereiche der Gesellschaft, aber auch der hervorgehobenen Relevanz, beschränkt sich die Fragestellung auf rechtliche Vorgaben und Regelungen. Die neu erworbenen Erkenntnisse finden im Anschluss exemplarisch Anwendung auf das 2 vgl. Vogd, Werner: Medizinsystem und Gesundheitswissenschaften – Rekonstruktion einer schwierigen Beziehung. In: Soziale Systeme 11 (2005), Heft 2, S. 236–270, S. 237 3 Bauch, Jost: Medizinsoziologie. Oldenburg Wissenschaftsverlag GmbH, München; Wien; Oldenburg, 2000, S. 15 Zusammenfassung XII seit Herbst 2017 neu einzuführende Entlassmanagement im Krankenhaus. Methoden und Inhalte Die theoretische Grundlage dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung bildet die mit dem Namen Niklas Luhmann verbundene Theorie sozialer Systeme. Zunächst wurde ein Verfahren erarbeitet, wie eine systematische Literaturrecherche im Bereich der Soziologie standardisiert durchgeführt und dokumentiert werden kann, da für diesen Wissenschaftsbereich bislang keine verallgemeinerbaren Strategien für die Literaturrecherche zu finden sind. Ziel ist es, die Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Vorgehensweise sicherzustellen. Dabei wurde Bezug auf die bereits vorhandenen und bewährten Instrumente PRISMA-Standard und CERQual-Ansatz genommen. Die von diesen Instrumenten abgeleitete Methode fand Anwendung bei den Literaturrecherchen für die verschiedenen Themenbereiche. Im Anschluss erfolgte zunächst eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um das Forschungsinteresse bzw. die Arbeitshypothese unter Berücksichtigung des theoretischen Hintergrundes bearbeiten zu können und Grundbegriffe wie z. B. Funktionssystem, Organisation, Sytem/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen in all ihren Facetten zu erfassen. Die Begrifflichkeiten wurden in Anlehnung an die Methode der rationalen Rekonstruktion analysiert und der chronologische Entwicklungsverlauf verfolgt. Diese Rekonstruktionen und Analysen dienen der Schärfung und Präzisierung der Begrifflichkeiten und ggf. auch der Darstellung von Widersprüchlichkeiten bzw. der Ableitung von Fragestellungen. Im Kapitel „Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen“ wurde die vorhandene Literatur anderer systemisch orientierter Autoren, die sich intensiv mit Luhmanns Systemtheorie auseinandergesetzt haben, gesichtet, um zu erforschen, wie Zusammenfassung XIII diese die Beziehung von Funktionssystemen und Organisationen beschreiben. In diesen Arbeiten wurde teils auch Kritik an Luhmanns Systemtheorie deutlich. Um sich speziell mit dem Gesundheitswesen beschäftigen zu können, wurde – nach den allgemein gehaltenen Ausführungen – Bezug auf das (Funktions-)System zur Gesundheit/Krankheit (bei Luhmann Medizinsystem/System der Krankenbehandlung) genommen. Auch hier wurden die Abhandlungen von Luhmann und Werke anderer Autoren, die sich ebenfalls im systemtheoretischen Sinne mit diesem Thema beschäftigt haben, gesichtet und dahingehend überprüft, ob die verschiedenen Ausführungen Konsequenzen für die weitere Bearbeitung der Fragestellung haben und um eigene weiterführende Gedanken entwickeln zu können. Im Anschluss einer weiteren Literaturrecherche wurden die Erkenntnisse auf die Organisation Krankenhaus angewendet, um dem Ziel dieser Arbeit näher zu kommen. Hierfür wurde die Methode der funktionalen Analyse genutzt. Ergebnisse Bei den Recherchen und Analysen zur Erfassung des aktuellen Stands der Forschung zu Funktionssystemen, Organisationen und deren Beziehungen haben sich viele Fragestellungen ergeben, die nicht eindeutig beantwortet werden konnten. Somit konnten die Ergebnisse nicht wie geplant systematisch auf das Thema Krankenhaus als Organisation und das Zusammenspiel mit den Funktionssystemen, insbesondere mit dem Rechtssystem, übertragen werden. Die Beantwortung der Forschungsfrage ist somit erschwert bzw. nahezu unmöglich. Allgemein konnte nicht abschließend geklärt werden, ob Organisationen außerhalb oder innerhalb von Funktionssystemen operieren, ob es sich bei der Operationsweise von Organisationen um Entscheidungen oder Kommunikation von Entscheidungen handelt, ob Organisationen mit anderen Systemen, insbesondere Organisationen, kommunizieren können, was mit Ebenen der Systembildung oder Ebenendifferenzie- Zusammenfassung XIV rung gemeint ist, was strukturelle Kopplung genau bedeutet, was operative Kopplungen sind und was Mehrsystemzugehörigkeit bedeutet. Speziell für das Gesundheitswesen ergaben sich die ungeklärten Fragestellungen, ob das System der Krankenbehandlung ein Funktionssystem oder ein Subsystem des Funktionssystems Gesundheit ist, was der binäre Code des Systems der Krankenbehandlung ist und ob das System der Krankenbehandlung über ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium verfügt. Nicht neu ist die Erkenntnis, dass die Thematik mit dem Begriff der strukturellen Kopplung und der Einflussnahme nur durch Selbstirritation des Systems bearbeitet bzw. beantwortet werden kann. Dies würde zumindest erklären, wieso z. B. gesetzliche Änderungen oder Neuerungen in der Finanzierung von Krankenhausleistungen in Krankenhäusern unterschiedlich wahrgenommen und umgesetzt werden. Eine Rolle spielt auch die Entscheidungsprämisse der Person in Organisationen, die sich sehr an den vorherigen Begriff der Grenzstellen aus den 1960er Jahren von Luhmanns Theorie nähert. Je nach Funktion und Position beobachten diese die Umwelt und filtern Informationen, die für die Organisation und deren Überleben relevant erscheinen. Eine Leistung von Organisationen besteht im Einsatz des so genannten Als-ob-Modus, um Anforderungen der Funktionssysteme auf Distanz zu halten und somit noch funktionsfähig zu sein und das Überleben der Organisation zu sichern. Schlussfolgerung Mit der Entwicklung und Anwendung einer Vorgehensweise für eine systematische Literaturrecherche in der Soziologie, die Bezug auf bereits vorhandene und bewährte Instrumente nimmt, können die entsprechenden Anforderungen an eine wissenschaftliche Arbeit erfüllt werden. Die verschiedenen Recherchen wurden standardisiert durchgeführt und dokumentiert, um die Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Vorgehensweise sicherzustellen. Zusammenfassung XV Grundsätzlich war angedacht, das Thema bzw. den Begriff der strukturellen Kopplung bezogen auf Funktionssysteme und Organisationen näher zu beleuchten, ggf. sogar zu klären. Die Idee war, durch eine systematische Recherche, Fleiß und gesunden Menschenverstand das Thema zu bearbeiten und auf die spezielle Organisation Krankenhaus zu beziehen. Je weiter aber die Annäherung an die Fragestellung gedieh, desto mehr Fragen wurden aufgeworfen, ohne konkrete Antworten finden zu können. Allerdings konnte durch die Darstellung des aktuellen Stands der Theorieentwicklung nachgewiesen werden, dass das Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in der Theorie sozialer Systeme ungeklärt ist. Die Ergebnisse könnten zur weiteren systematischen Theorieentwicklung beitragen, ohne einen nachträglichen Vorwurf an Luhmanns Theorieentwicklung zu richten. Grundsätzlich sollte dabei Luhmanns Ziel nicht aus den Augen verloren werden, „[…] Begriffe bereitzustellen, die in der Lage sind, Daten zu sortieren, die in der sozialen Wirklichkeit der Gesellschaft erhoben werden können. […] Zielsetzung ist so oder so eine Modellierung, die als wissenschaftlich angeleitete und reflektierte Reduktion der Komplexität der Gesellschaft einen Beitrag zur Kontrolle dieser Komplexität leistet.“4 4 Baecker, Dirk: Kommunikation und Handlung (3. Kapitel). In: Horster, Detlef (Hrsg.): Niklas Luhmann. Soziale Systeme. Akademie Verlag, Deutschland, 2013, S. 37–47, S. 38 Abstract XVII Abstract Background There are many very different influences and demands on the treatment of patients, for example from business, law, politics and science, meaning that the institutions where the treatment takes place are also influenced. In particular, legal requirements and regulations are brought from the outside into the organization hospital with the expectation that they are always taken into account and implemented completely and permanently. It should be noted that the healthcare system has a firm place in health care policy and public discourse5 being a world of its own, a world that follows different rules than other areas of social life.6 Therefore, it is worthwhile to look more closely at the hospital within a modern functionally differentiated society and to work on the question of whether and how structures arise in the hospital as a result of society’s demands. Objective There seem to be effects in a hospital that (could) be triggered in whatever way by a functional system. It can be observed that these effects show a high degree of diversity. This raises the question regarding the impact or non-impact of societal expectations on the structures of hospitals. Due to the complexity and the special characteristics of the various areas of society, but also the highlighted relevance, the question is limited to legal requirements and regulations. The newly acquired findings will then be applied to the discharge management in the hospital, which has been newly introduced since autumn 2017. 5 cf. Vogd, Werner: Medizinsystem und Gesundheitswissenschaften – Rekonstruktion einer schwierigen Beziehung. In: Soziale Systeme 11 (2005), Heft 2, S. 236–270, S. 237 6 cf. Bauch, Jost: Medizinsoziologie. Oldenburg Wissenschaftsverlag GmbH, München; Wien; Oldenburg, 2000, S. 15 Abstract XVIII Methods and Contents The theoretical basis of this scientific debate is the Theory of Social Systems, which is associated with the name Niklas Luhmann. First of all, a method was developed for standardizing and documenting a systematic literature search in the field of sociology, since there are no standards for this field of science with the aim of ensuring traceability and transparency of the procedure. Thereby, the existing and proven tools PRISMA standard and CERQual approach were used as a basis. The method derived from these instruments has been used in literature research for the various subject areas. Subsequently, a systematic examination of the sociological System Theory of Niklas Luhmann was performed, in order to be able to work on the research interest and the working hypothesis, taking into account the theoretical background, and to explain basic concepts such as functional system, organization, system/environment and systemto-system relationships in all its facets. The terminology was analyzed on the basis of the method of rational investigation. In addition, the chronological course of development was verified. These investigations and analyzes are used to state and clarify the terms and definitions precisely and possibly also to highlight contradictions or to derive questions. In chapter “Interpretations of the Relationship of Functional and Organizational Systems”, the existing literature of other systemically oriented authors who have studied Luhmann’s system theory intensively has been reviewed and analyzed in order to explore how they describe the relationship between functional systems and organizations. In these works, Luhmann’s System Theory was criticized in some extent. After general topics, the (functional) system of health/disease (at Luhmann Medical System/System of Medical Treatment) was referenced. This was done in order to be able to deal specifically with the health service. The scientific papers by Luhmann and works by other Abstract XIX authors, who also dealt with this subject in a system-theoretical sense, were examined, checked and analyzed for consequences of the different statements on the further processing of the research question and the development of own continuative thoughts. After further literature research, the findings were then applied to the organization hospital in order to get closer to the goal of this work. For this purpose, the method of functional analysis was used. Results The research and analysis to capture the current state of research on functional systems, organizations and their relationships revealed many issues that could not be answered clearly. Hence, the results could not be systematically transferred to the hospital as an organization and the interaction with the functional systems, in particular the legal system, as planned. Therewith, answering the research question is difficult or almost impossible. In general, it could not be clarified finally whether organizations operate outside or within functional systems, whether the mode of operation of organizations are decisions or communication of decisions, whether organizations are able to communicate with other systems, in particular organizations, what is meant by levels of system formation or level differentiation, what structural coupling means exactly, what operative coupling is and what multisystem affiliation means. Specifically for the health sector, there are unanswered questions as to whether the system of medical treatment is a functional system or a subsystem of the functional system health, what is the binary code of the system of medical treatment and if the system of medical treatment uses a symbolically generalized communication medium. The finding that the topic can be handled or answered with the concept of structural coupling and influencing only by self-irritation of the system is not new. This would at least explain why for example Abstract XX legal changes or changes in the financing of hospital services are perceived and implemented differently in hospitals. The decision-making premise of the person in organizations plays also a role which is very similar to Luhmann’s theory of the previous concept of boundary points from the 1960s. Depending on their function and position, the person monitors the environment and filters information that seems relevant to the organization and its survival. One accomplishment of organizations is the use of the so-called as-if mode to keep functional system requirements at bay and thus to remain functional and to ensure the survival of the organization. Conclusions By developing and applying a methodology for a systematic literature research in sociology with reference to already existing and proven instruments, the corresponding requirements for scientific work can be met. The various analyses have been standardized and documented to ensure the traceability and transparency of the approach. In principle, the topic or rather the term of structural coupling in relation to functional systems and organizations should be analyzed or even clarified. The idea was to work on the topic through systematic research, diligence and common sense and to refer to the special organization “hospital”. The closer the approach to the question grew, the more questions raised without finding precise answers. However, by presenting the current state of theory development it was possible to prove that the relationship of organizational and functional systems in the theory of social systems is unexplained. The results could contribute to the further systematic development of the theory without reproaching Luhmann’s theory development subsequently. In general, Luhmann’s goal of providing terms capable of sorting data that can be collected in the social reality of society should not be lost out of sight. One way or another, the objective is a model- Abstract XXI ing that contributes the control of this complexity as a scientifically directed and reflected reduction of the complexity of the society.7 7 cf. Baecker, Dirk: Kommunikation und Handlung (3. Kapitel). In: Horster, Detlef (Hrsg.): Niklas Luhmann. Soziale Systeme. Akademie Verlag, Deutschland, 2013, S. 37–47, S. 38 Inhaltsverzeichnis XXIII Inhaltsverzeichnis Danksagung ...................................................................... VII Vorbemerkung / Allgemeine Hinweise ............................ IX Zusammenfassung ............................................................ XI Abstract ......................................................................... XVII 1 Einleitung ...................................................................... 1 2 Forschungsinteresse bzw. Arbeitshypothese ............... 5 3 Theoretischer Hintergrund .......................................... 7 3.1 Niklas Luhmann: Theorie sozialer Systeme ...............11 3.2 Forschungsansatz ........................................................14 3.3 Erkenntnisse ................................................................16 4 Aufbau der Arbeit ....................................................... 19 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie ......................... 25 5.1 Denkstil und Denkstilkollektive nach Ludwik Fleck ...............................................................26 5.2 PRISMA-Standard ......................................................29 5.3 Anpassung des PRISMA-Standards an wissenschaftliche Theoriearbeiten ..............................33 5.4 Beurteilung vorausgewählter Literatur auf Eignung ........................................................................41 5.5 Handrecherche .............................................................49 Inhaltsverzeichnis XXIV 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Luhmann ..................................................................... 51 6.1 Methode der rationalen Rekonstruktion ................... 52 6.1.1 Entwicklung von Kriterien für die Rekonstruktion........ 55 6.1.1.1 1960er Jahre – System/Umwelt-Differenz .... 57 6.1.1.2 1970er Jahre .................................................. 60 6.1.1.3 1980er Jahre – Autopoietische Wende .......... 61 6.1.1.4 1990er Jahre – Einführung des Beobachters .. 64 6.1.2 Kriterien / Formale Logik für die Analyse .................... 66 6.2 Methodendarlegung der systematischen Literaturrecherche ..................................................... 68 6.2.1 Datenbanken ................................................................. 69 6.2.1.1 Online Public Access Catalogue (OPAC) der Katholischen Hochschule NRW .................... 70 6.2.1.2 SOWIPORT .................................................. 70 6.2.1.3 Deutsche Nationalbibliothek ......................... 72 6.2.2 Suchbegriffe ................................................................. 73 6.2.3 Ein- und Ausschlusskriterien ........................................ 73 6.2.4 Darstellung der Ergebnisse ........................................... 74 6.2.5 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche ........ 75 6.2.5.1 Rechercheeinstieg ......................................... 75 6.2.5.2 SOWIPORT .................................................. 80 6.2.5.3 Deutsche Nationalbibliothek ......................... 83 6.2.5.4 Handrecherche .............................................. 86 6.2.5.5 Zusammenfassung der Ergebnisse der Literaturrecherche ......................................... 88 6.3 1960er Jahre – System/Umwelt-Differenz ................. 89 6.3.1 Soziale Systeme (Theorie) ............................................ 90 6.3.1.1 Soziales System ............................................ 92 6.3.1.2 Innen/Außen-Differenz ................................. 96 6.3.1.3 Welt .............................................................. 97 6.3.1.4 Handlung ...................................................... 99 6.3.1.5 Offenheit ..................................................... 100 6.3.1.6 Struktur / Generalisierung von Verhaltenserwartungen ............................... 102 Inhaltsverzeichnis XXV 6.3.1.7 Sinn ............................................................. 105 6.3.1.8 Systemdifferenzierung ................................. 107 6.3.1.9 Reflexion / Selbst-Thematisierung ............... 110 6.3.1.10 Rationalität .................................................. 111 6.3.1.11 Ebenen der Systembildung ........................... 113 6.3.2 Theorie der Gesellschaft .............................................. 116 6.3.2.1 Gesellschaft ................................................. 116 6.3.2.2 Funktionale Differenzierung / Funktionssystem .......................................... 120 6.3.2.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien .............................. 122 6.3.2.4 Binäre Codes ............................................... 126 6.3.2.5 Neben-Codes ............................................... 127 6.3.2.6 Selbst-Thematisierungen des Gesellschaftssystems ................................... 128 6.3.3 Organisationen (Theorie) ............................................. 130 6.3.3.1 Organisation ................................................ 131 6.3.3.2 Entscheidung ............................................... 137 6.3.3.3 Mitgliedschaft .............................................. 142 6.3.3.4 Struktur / Generalisierung von Verhaltenserwartungen ................................ 147 6.3.3.5 Entscheidungsprämisse ................................ 149 6.3.4 System/Umwelt- und System-zu-System- Beziehungen ................................................................ 151 6.3.4.1 Interpenetration ............................................ 153 6.3.4.2 Funktionssystem und Funktionssystem ........ 156 6.3.4.3 Gesellschaft / Funktionssystem und Organisationen ............................................. 158 6.3.4.4 Organisation und Organisation..................... 161 6.4 1980er Jahre – Autopoietische Wende ..................... 162 6.4.1 Soziale Systeme (Theorie) ........................................... 163 6.4.1.1 Soziales System ........................................... 164 6.4.1.2 Umwelt ........................................................ 168 6.4.1.3 System/Umwelt-Differenz ........................... 169 6.4.1.4 Welt ............................................................. 170 6.4.1.5 Kommunikation ........................................... 171 Inhaltsverzeichnis XXVI 6.4.1.6 Autopoiesis ................................................. 174 6.4.1.7 Operative Geschlossenheit .......................... 177 6.4.1.8 Strukturen ................................................... 179 6.4.1.9 Medium / Form ........................................... 181 6.4.1.10 Sinn ............................................................ 181 6.4.1.11 Systemdifferenzierung ................................ 185 6.4.1.12 Beobachtung ............................................... 187 6.4.1.13 Selbstbeschreibung ..................................... 190 6.4.1.14 Rationalität ................................................. 192 6.4.1.15 Ebenen der Systembildung .......................... 195 6.4.2 Theorie der Gesellschaft ............................................. 196 6.4.2.1 Gesellschaft ................................................ 196 6.4.2.2 Funktionale Differenzierung / Funktionssystem ......................................... 201 6.4.2.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien ............................. 207 6.4.2.4 Binäre Codierung ........................................ 209 6.4.2.5 Codierung / Programmierung ...................... 213 6.4.2.6 Zweitcodierung ........................................... 215 6.4.2.7 Reflexionstheorie ........................................ 216 6.4.3 Organisationen (Theorie) ............................................ 217 6.4.3.1 Organisation................................................ 218 6.4.3.2 Entscheidung .............................................. 222 6.4.3.3 Mitgliedschaft ............................................. 227 6.4.3.4 Strukturen ................................................... 229 6.4.3.5 Entscheidungsprämissen ............................. 231 6.4.4 System/Umwelt- und System-zu-System- Beziehungen ............................................................... 232 6.4.4.1 Irritation / Resonanz / Information .............. 235 6.4.4.2 Interpenetration ........................................... 237 6.4.4.3 Funktionssystem und Funktionssystem ....... 241 6.4.4.4 Funktionssystem und Organisation ............. 245 6.4.4.5 Organisation und Organisation .................... 248 6.5 1990er Jahre – Einführung des Beobachters........... 249 6.5.1 Soziale Systeme (Theorie) .......................................... 251 6.5.1.1 Soziales System .......................................... 251 Inhaltsverzeichnis XXVII 6.5.1.2 Umwelt ........................................................ 255 6.5.1.3 System/Umwelt-Differenz ........................... 256 6.5.1.4 Welt ............................................................. 258 6.5.1.5 Kommunikation ........................................... 260 6.5.1.6 Autopoiesis .................................................. 263 6.5.1.7 Operative Geschlossenheit ........................... 266 6.5.1.8 Strukturen .................................................... 269 6.5.1.9 Medium und Form ....................................... 272 6.5.1.10 Sinn ............................................................. 275 6.5.1.11 Systemdifferenzierung ................................. 278 6.5.1.12 Beobachtung ................................................ 280 6.5.1.13 Selbstbeschreibung ...................................... 288 6.5.1.14 Rationalität .................................................. 292 6.5.1.15 Ebenen der Systembildung ........................... 293 6.5.2 Theorie der Gesellschaft .............................................. 294 6.5.2.1 Gesellschaft ................................................. 295 6.5.2.2 Funktionale Differenzierung / Funktionssystem .......................................... 300 6.5.2.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien .............................. 307 6.5.2.4 Binäre Codierung ......................................... 314 6.5.2.5 Codierung / Programmierung ....................... 319 6.5.2.6 Zweitcodierung ............................................ 321 6.5.2.7 Reflexionstheorie ......................................... 324 6.5.3 Organisationen (Theorie) ............................................. 325 6.5.3.1 Organisation ................................................ 326 6.5.3.2 Entscheidung ............................................... 332 6.5.3.3 Mitgliedschaft .............................................. 338 6.5.3.4 Entscheidungsprämissen .............................. 340 6.5.4 System/Umwelt- und System-zu-System- Beziehungen ................................................................ 348 6.5.4.1 Irritation / Resonanz / Information ............... 350 6.5.4.2 Interpenetration ............................................ 355 6.5.4.3 Strukturelle Kopplung .................................. 358 6.5.4.4 Operative Kopplung ..................................... 367 6.5.4.5 Funktionssystem und Funktionssystem ........ 369 Inhaltsverzeichnis XXVIII 6.5.4.6 Strukturelle Kopplung über Organisation .... 374 6.5.4.7 Funktionssystem und Organisation ............. 376 6.5.4.8 Organisation und Organisation .................... 386 6.6 Synthese / Gegenüberstellung der Kriterien ........... 387 6.6.1 Soziale Systeme (Theorie) .......................................... 388 6.6.1.1 Soziales System .......................................... 388 6.6.1.2 Umwelt ....................................................... 391 6.6.1.3 System/Umwelt-Differenz .......................... 392 6.6.1.4 Basaler Prozess ........................................... 394 6.6.1.5 Autopoiesis ................................................. 396 6.6.1.6 Offenheit / Operative Geschlossenheit ........ 397 6.6.1.7 Strukturen ................................................... 399 6.6.1.8 Sinn ............................................................ 401 6.6.1.9 Beobachtung ............................................... 403 6.6.1.10 Reflexion / Selbstbeschreibung ................... 405 6.6.1.11 Rationalität ................................................. 406 6.6.1.12 Ebenen der Systembildung .......................... 408 6.6.2 Theorie der Gesellschaft ............................................. 412 6.6.2.1 Gesellschaft ................................................ 412 6.6.2.2 Funktionale Differenzierung / Funktionssystem ......................................... 416 6.6.2.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien ............................. 420 6.6.2.4 Binäre Codierung ........................................ 422 6.6.2.5 Codierung / Programmierung ...................... 426 6.6.2.6 Neben-Codes / Zweitcodierung ................... 428 6.6.2.7 Reflexionstheorie ........................................ 430 6.6.3 Organisationen (Theorie) ............................................ 432 6.6.3.1 Organisation................................................ 433 6.6.3.2 Entscheidung .............................................. 439 6.6.3.3 Mitgliedschaft ............................................. 444 6.6.3.4 Strukturen ................................................... 446 6.6.3.5 Entscheidungsprämissen / Entscheidungsprogramme ........................... 447 6.6.4 System/Umwelt- und System-zu-System- Beziehungen ............................................................... 449 Inhaltsverzeichnis XXIX 6.6.4.1 Irritation / Resonanz / Information ............... 450 6.6.4.2 Interpenetration ............................................ 452 6.6.4.3 Strukturelle Kopplung .................................. 456 6.6.4.4 Operative Kopplung ..................................... 467 6.6.4.5 Funktionssystem und Funktionssystem ........ 469 6.6.4.6 Strukturelle Kopplung über Organisation ..... 471 6.6.4.7 Funktionssystem und Organisationen ........... 472 6.6.4.8 Organisation und Organisation..................... 476 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktionsund Organisationssystemen ..................................... 477 7.1 Methodendarlegung der systematischen Literaturrecherche .................................................... 479 7.1.1 Datenbanken ................................................................ 480 7.1.1.1 SOWIPORT ................................................. 481 7.1.1.2 Deutsche Nationalbibliothek ........................ 483 7.1.1.3 Library of Congress ..................................... 484 7.1.2 Suchbegriffe ................................................................ 485 7.1.3 Ein- und Ausschlusskriterien ....................................... 486 7.1.4 Darstellung der Ergebnisse .......................................... 486 7.1.5 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche ....... 487 7.1.5.1 Rechercheeinstieg ........................................ 487 7.1.5.2 SOWIPORT ................................................. 489 7.1.5.3 Deutsche Nationalbibliothek ........................ 492 7.1.5.4 Library of Congress ..................................... 493 7.1.5.5 Handrecherche ............................................. 496 7.1.6 Zusammenfassung der Ergebnisse der Literaturrecherche........................................................ 497 7.2 Verortung / Zuordnung von Organisationen ........... 499 7.2.1 Organisationen bilden sich außerhalb von Funktionssystemen ...................................................... 499 7.2.1.1 Kneer (2001) ................................................ 500 7.2.1.2 Nassehi (2002 / 2004) .................................. 504 7.2.1.3 Schmidt (2005) ............................................ 507 7.2.1.4 Lieckweg und Wehrsig (2001) ..................... 510 Inhaltsverzeichnis XXX 7.2.1.5 Tacke (2001) ............................................... 514 7.2.1.6 Bora (2001 / 2003) ...................................... 517 7.2.1.7 Bode und Brose (2001) ............................... 520 7.2.1.8 Guggenheim (2007) .................................... 522 7.2.1.9 Tratschin (2007) .......................................... 525 7.2.2 Organisationen bilden sich innerhalb der Funktionssysteme ....................................................... 528 7.2.2.1 Schimank (2001 / 2003) .............................. 528 7.2.2.2 Türk (1995) ................................................. 530 7.2.3 Organisationen lassen sich nicht eindeutig verorten .... 531 7.2.3.1 Beetz (2003) ............................................... 531 7.2.3.2 Kieserling (2005) ........................................ 533 7.2.4 Resümee zur Verortung / Zuordnung von Organisationen ............................................................ 534 7.2.5 Lösungsansätze bzw. Problemvermeidungsstrategien . 538 7.2.5.1 Betrachtung der empirischen Verhältnisse (Vogd) ........................................................ 539 7.2.5.2 Zuordnungsthese auf Beobachtungsebene (Tratschin) .................................................. 541 7.2.5.3 Soziale Formen (Karafillidis) ...................... 543 7.3 Kritische Reflexion des Begriffs der strukturellen Kopplung ................................................................... 559 7.4 System-zu-System-Beziehung von Organisationen und Funktionssystemen ............................................ 577 7.4.1 Funktionen / Leistungen von Organisationen für die Operationsweise der Funktionssysteme ...................... 580 7.4.2 Strukturelle Kopplung über Organisation .................... 592 7.4.3 Externe Kommunikationsfähigkeit von Organisationen ............................................................ 594 7.4.4 Mehrsystemzugehörigkeit ........................................... 600 7.4.5 Steuerung/Regulierung/Einflussnahme ....................... 602 7.4.5.1 Regulierung / Responsivität (Bora) ............. 605 7.4.5.2 Indirekte Kontextsteuerung (Bendel) .......... 607 7.4.5.3 Dezentrale Kontextsteuerung (Willke) ........ 609 Inhaltsverzeichnis XXXI 7.4.5.4 Intervention (Baecker) ................................. 613 7.4.5.5 Thema .......................................................... 614 8 Das (Funktions-)System zur Gesundheit / Krankheit .................................................................. 617 8.1 Methodendarlegung der systematischen Literaturrecherche .................................................... 618 8.1.1 Datenbanken ................................................................ 619 8.1.1.1 SOWIPORT ................................................. 620 8.1.1.2 Deutsche Nationalbibliothek ........................ 622 8.1.1.3 Library of Congress ..................................... 622 8.1.2 Suchbegriffe ................................................................ 623 8.1.3 Ein- und Ausschlusskriterien ....................................... 624 8.1.4 Darstellung der Ergebnisse .......................................... 625 8.1.5 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche ....... 625 8.1.5.1 Rechercheeinstieg ........................................ 626 8.1.5.2 SOWIPORT ................................................. 628 8.1.5.3 Deutsche Nationalbibliothek ........................ 630 8.1.5.4 Library of Congress ..................................... 631 8.1.5.5 Handrecherche ............................................. 633 8.1.6 Zusammenfassung der Ergebnisse der Literaturrecherche........................................................ 633 8.2 Luhmann: Das Funktionssystem der Krankenbehandlung .................................................. 635 8.2.1 Gesundheit und Krankheit ........................................... 637 8.2.2 Krankheitsbild / Diagnose ........................................... 639 8.2.3 System der Krankenbehandlung .................................. 639 8.2.4 Binäre Codierung......................................................... 641 8.2.5 Zweitcodierung ............................................................ 642 8.2.6 Symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium .. 643 8.2.7 Reflexionstheorie ......................................................... 644 8.3 Weitere Autoren: System der Krankenbehandlung / des Gesundheitssystems ............................................. 645 8.3.1 Gesundheit und Krankheit ........................................... 645 8.3.2 Symptom / Befund / Diagnose ..................................... 654 Inhaltsverzeichnis XXXII 8.3.3 System der Krankenbehandlung / Gesundheitssystem 658 8.3.4 Binäre Codierung ........................................................ 664 8.3.5 Symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium . 674 8.3.6 Reflexionstheorie ........................................................ 678 8.4 Zusammenfassung .................................................... 680 9 Forschungsfrage ........................................................ 683 10 Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern ....................................................... 685 10.1 Methode der funktionalen Analyse .......................... 688 10.2 Methodendarlegung der systematischen Literaturrecherche ................................................... 695 10.2.1 Datenbanken ............................................................... 696 10.2.1.1 SOWIPORT ................................................ 696 10.2.1.2 Deutsche Nationalbibliothek ....................... 698 10.2.1.3 Library of Congress .................................... 699 10.2.2 Suchbegriffe ............................................................... 700 10.2.3 Ein- und Ausschlusskriterien ...................................... 700 10.2.4 Darstellung der Ergebnisse ......................................... 701 10.2.5 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche ...... 702 10.2.5.1 Rechercheeinstieg ....................................... 702 10.2.5.2 SOWIPORT ................................................ 704 10.2.5.3 Deutsche Nationalbibliothek ....................... 706 10.2.5.4 Library of Congress .................................... 707 10.2.5.5 Handrecherche ............................................ 708 10.2.6 Zusammenfassung der Ergebnisse der Literaturrecherche ....................................................... 709 10.3 Wissenswertes und Vorüberlegungen ...................... 710 10.3.1 Das (Funktions-)System der Gesundheit/Krankheit .... 710 10.3.1.1 Eigendynamik des (Funktions-)Systems ..... 715 10.3.1.2 Strukturelle Kopplungen mit anderen Funktionssystemen ...................................... 723 Inhaltsverzeichnis XXXIII 10.3.1.3 Gesundheit in Bezug auf Überlebensmöglichkeiten............................. 724 10.3.2 Krankenhaus ................................................................ 725 10.3.2.1 Zahlen / Daten / Fakten ................................ 726 10.3.2.2 Krankenhaus als Organisation ...................... 727 10.3.2.3 Organisation und Interaktion in der Krankenbehandlung ..................................... 729 10.3.2.4 Profession .................................................... 730 10.3.3 Krankenhaus und Funktionssysteme ............................ 732 10.3.3.1 Wissenschaft ................................................ 738 10.3.3.2 Wirtschaft .................................................... 740 10.3.3.3 Politik .......................................................... 744 10.3.3.4 Recht ........................................................... 748 10.3.3.5 Erziehung und Ausbildung........................... 749 10.3.3.6 Religion ....................................................... 749 10.3.3.7 Strukturelle Kopplung über Organisation ..... 751 10.3.4 Umgang des Krankenhauses mit Anforderungen der Funktionssysteme ........................................................ 753 10.3.4.1 Strukturelle Kopplungen des Krankenhauses ............................................. 754 10.3.4.2 Grenzstellen und Personen ........................... 756 10.3.4.3 Als-ob-Modus .............................................. 759 10.4 Umgang des Krankenhauses mit rechtlichen Anforderungen am Beispiel des Entlassmanagements ................................................. 763 10.4.1 Entlassmanagement im Krankenhaus ........................... 764 10.4.2 Umgang des Krankenhauses mit dem Entlassmanagement ..................................................... 767 11 Methodenreichweitendiskussion .............................. 775 11.1 Systematische Literaturrecherche ............................ 775 11.2 Rationale Rekonstruktion ......................................... 781 11.3 Funktionale Analyse .................................................. 784 Inhaltsverzeichnis XXXIV 12 Qualitätssicherung .................................................... 787 12.1 Allgemeine Kriterien ................................................ 789 12.1.1 Gliederung und Aufbau .............................................. 789 12.1.2 Inhaltliche Kriterien / Regeln wissenschaftlichen Arbeitens .................................................................... 790 12.1.3 Formale Aspekte ......................................................... 792 12.1.4 Eigenständigkeit ......................................................... 794 12.1.5 Zusammenfassung ...................................................... 794 12.2 Spezielle Kriterien für Theoriearbeiten................... 794 12.2.1 Recherche nach Gütekriterien ..................................... 795 12.2.2 Anwendung der Gütekriterien ..................................... 798 12.2.3 Zusammenfassung ...................................................... 800 12.3 Anwendung des adaptieren CERQual-Ansatzes ..... 802 12.4 Anwendung der adaptierten PRISMA-Checkliste .. 804 12.5 Vermeidung von Plagiatsvorwürfen ........................ 810 13 Schlusswort ................................................................ 815 14 Literatur .................................................................... 821 Anhang ............................................................................. 847 Anhang 1: Gegenüberstellung der (Schlüssel-)Begriffe in den verschiedenen Entwicklungsphasen von Niklas Luhmann ....................................................... 848 Anhang 2: Gegenüberstellung der Architekturbausteine und Merkmale in den verschiedenen Entwicklungsphasen von Niklas Luhmann ............. 887 Anhang 3: Übersicht zum (Funktions-)System zur Gesundheit / Krankheit ............................................ 914 1 Einleitung 1 1 Einleitung Viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse und Ansprüche wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft wirken auf die Krankenbehandlung ein und damit auch auf die Institutionen, in denen Krankenbehandlung stattfindet. Krankenhäuser müssen sich den vielfältigen, überfordernden und oftmals nicht zueinander passenden Ansprüchen einer funktional differenzierten Gesellschaft stellen. „Im Krankenhaus bestehen medizinische, ökonomische, juristische Funktionsbezüge gleichzeitig nebeneinander und ineinander, überlappen sich, irritieren sich wechselseitig und werden darüber hinaus überlagert von den ,Einzellogiken‘ einer Vielzahl von Akteuren, die als psychische Systeme jeweils innerhalb der Organisation Krankenhaus ihre eigenen ,Interessen‘ verfolgen.“8 „So wird innerhalb des Gesundheitssystems der Kranke zum Patienten, an dem sich Diagnose- und Therapiemöglichkeiten anschließen lassen, im Wirtschaftssystem wird der Kranke zum Schadensfall, der Versicherungen zu Zahlungen veranlasst oder das Rechtssystem transformiert den Kranken zum Klienten und überprüft, ob alle Schritte rechtmäßig abliefen.“9 Insbesondere rechtliche Vorgaben und Regelungen werden von außen mit der Erwartung an die Organisation Krankenhaus herangetragen, dass diese stets Berücksichtigung finden bzw. vollständig und dauerhaft umgesetzt werden. Mit dem Mysterium der Organisation im Allgemeinen beschäftigen sich Menschen seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert und dem Aufkommen moderner Großunternehmen. Damals festigte „[…] sich ein Sprachgebrauch, der Organisationen als soziale Forma- 8 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. Eine qualitativ rekonstruktive Studie unter dem besonderen Blickwinkel von Rahmen und Rahmungsprozessen. Erstauflage 2004, VWF (Gefunden unter: http://userpage.fu-berlin.de/~vogd/Habil.pdf), S. 116 9 Lippmann, Stefan: Organisationen im Spannungsfeld von Funktionssystemen. Eine systemtheoretische Diskussion am Beispiel der Organisation Krankenhaus. Books on Demand GmbH, Norderstedt Germany, 1. Aufl., 2010, S. 5 1 Einleitung 2 tionen besonderer Art von anderen sozialen Ordnungen (zum Beispiel von Gemeinschaften und sozialen Klassen) unterscheidet.“10 In der modernen Gesellschaft werden die Menschen das ganze Leben – von der Geburt bis zu ihrem Tod – von Organisationen begleitet. Dies macht deutlich, dass Organisationen einen zentralen Baustein der heutigen Gesellschaft bilden.11 „[…] [N]ur weniges, was heute unsere gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, gäbe es ohne Organisationen.“12 Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass „[s]eit dem Ende des zweiten Weltkrieges […] die Organisationsforschung einen Umfang angenommen [hat], der es ausschließt, über Trends, Ergebnisse, Autoren und Publikationen adäquat zu berichten.“13 Die ganzen Bemühungen verfolgen das Ziel, Organisationen – ihr Entstehen, ihr Bestehen und ihre Funktionsweise – zu erklären und zu verstehen. Da Organisationen hochkomplexe Gebilde sind und der Gegenstandsbereich sehr breit ist, ist es nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl von verschiedenen Organisationstheorien entstanden ist. Die entwickelten Theorien wollen/sollen der Verbesserung des Verständnisses der Organisationspraxis dienen. Hinzu kommt, dass Organisationen nicht isoliert betrachtet werden können, da sie in einem engen Verhältnis bzw. in einer engen Beziehung zur Gesellschaft und deren Entwicklung stehen. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, herauszufinden, ob und wie Organisationen mit den Ansprüchen und Erwartungen, die an sie gestellt werden, umgehen bzw. wie diese verarbeitet werden und welche Auswirkungen diese haben. Speziell für das Gesundheitswesen gilt, „[…], daß es sich hier um eine ‚eigene Welt‘ handelt, eine ‚Welt‘, die anderen Regeln folgt als andere 10 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden, 2000, S. 11 11 vgl. Preisendörfer, Peter: Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien, Problemstellungen. 4. überarbeitete Aufl., Springer VS, Wiesbaden, 2016, S. 7–8 12 Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie. Erste Auflage, Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 2007, S. 10 13 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 15 1 Einleitung 3 Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.“14 Dabei nimmt das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs ein.15 Daher ist es lohnenswert, das Krankenhaus innerhalb einer modernen funktional differenzierten Gesellschaft genauer zu betrachten und die Fragestellung zu bearbeiten, wie überhaupt Ansprüche und Erwartungen in die Organisation Krankenhaus gelangen und sich dort Geltung verschaffen können. 14 Bauch, Jost: Medizinsoziologie, S. 15 15 vgl. Vogd, Werner: Medizinsystem und Gesundheitswissenschaften – Rekonstruktion einer schwierigen Beziehung, S. 237 2 Forschungsinteresse bzw. Arbeitshypothese 5 2 Forschungsinteresse bzw. Arbeitshypothese Aus den Vorüberlegungen ergibt sich die Arbeitshypothese, dass nicht geklärt ist, wie Ansprüche und Erwartungen der Gesellschaft in die Organisation Krankenhaus „gelangen“ und sich dort „Geltung verschaffen“ können. Es scheint Wirkungen in einem Krankenhaus zu geben, die in welcher Weise auch immer durch Funktionssysteme ausgelöst werden (könnten). Zu beobachten ist, dass bei diesen Wirkungen eine hohe Diversität zu verzeichnen ist. So stellt sich die Frage, ob und wie Strukturen im Krankenhaus in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Ziel ist es, eine Antwort auf diese Frage zu finden und die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern zu erforschen. Zur Manifestation, Anpassung oder Verwerfung dieser Arbeitshypothese erfolgt eine Annäherung an das Forschungsfeld, eine Auseinandersetzung mit dem theoretischen Hintergrund und systematische Literaturrecherchen zu den jeweiligen Themengebieten. 3 Theoretischer Hintergrund 7 3 Theoretischer Hintergrund Zur Annäherung an das Forschungsfeld sowie als Voraussetzung für die thematische und systematische Literaturrecherche ist es notwendig, sich mit dem wissenschaftlichen Hintergrund auseinanderzusetzen, um die adäquaten Datenbanken für die Recherche wählen und die Suchstrategie entsprechend ausrichten zu können. Bei der Fragestellung handelt es sich um eine sozialwissenschaftliche Thematik, da es sich allgemein um Phänomene des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen handelt. „Die Sozialwissenschaften umfassen jene Wissenschaften, die sich mit den Institutionen und den Interaktionen menschlichen Zusammenlebens beschäftigen. Dies umschließt alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens von der Politik bis zur Kultur und von der Ökonomie bis zur Gesellschaft.“16 „Sie beschreibt ihre Untersuchungsgegenstände empirisch und ordnet sie theoretisch ein. Dabei werden sowohl Strukturen und Funktionen sozialer Systeme als auch die Prozesse individuellen Handelns und Entscheidens analysiert.“17 Auch die Disziplin der Soziologie zählt unter anderen zu den Sozialwissenschaften.18 „Die Soziologie beschäftigt sich mit Gesellschaften als Ganzes und all ihren Teilbereichen. Durch den umfassenden Blick auf Gesellschaften überschneidet sich der Untersuchungsgegenstand der Soziologie mit anderen Disziplinen aus den Sozialwissenschaften, wie der Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaft oder der Sozialpsychologie.“19 „Zu ihrem Gegenstandsbereich gehören auch die sozi- 16 https://verwaltung.uni-koeln.de/abteilung21/content/studienangebot/faecheruebersich t_grundstaendiges_studium/s/studiengang108351/index_ger.html (15.10.2017, 10:50 Uhr) 17 https://verwaltung.uni-koeln.de/abteilung21/content/studienangebot/faecheruebersich t_grundstaendiges_studium/s/studiengang108351/index_ger.html (15.10.2017, 10:50 Uhr) 18 vgl. Schäfers, Bernhard: Einführung in die Soziologie. Springer VS, Wiesbaden, 2013, S. 20 19 http://www.hochschulforschung.uni-kassel.de/soziologie-studium/htm/soziologiedefi nition.html (15.10.2017, 11:10 Uhr) 3 Theoretischer Hintergrund 8 alen Prozesse, die sowohl die Kontinuität bestimmter sozialer Strukturen und Institutionen gewährleisten als auch ihren Wandel bewirken.“20 „Die Grundfrage aller Soziologie lautet daher: […]: Wie ist soziale Ordnung möglich?“21 Dabei gibt es „[…] drei verschiedene theoretisch-konzeptionelle Zugänge zur soziologischen Perspektive und Wissenschaft […]: vom Individuum ausgehend, von der Gesellschaft ausgehend und von sozialen Verflechtungen ausgehend.“22 Diese werden auch als Mikro-, Makro- und Mesosoziologie bezeichnet.23 „Mit diesen […] drei Herangehensweisen […] sind für die Soziologie prägende Denkschulen und Betrachtungsweisen […] [verbunden].“24 „Ein Grundargument der Betrachtung sozialer Ordnungen aus der Perspektive von Gesellschaft ist, dass diese als soziale Systeme komplexen, in sich gegliederten und funktional differenzierten Organismen ähnlich sind: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Deshalb müssen soziales Handeln und auch soziale Ordnungsmuster aus der Perspektive eines ganzheitlichen Zusammenhangs heraus analysiert werden. Unterstellt wird hierbei also eine ganzheitliche soziale Entität, die Einheit eines sozialen Systems oder einer abgrenzbaren Gesamtgesellschaft.“25 „Wichtige Vertreter makrosoziologischer Theorieansätze sind […] [u. a.]: Karl Marx, Ludwig Gumplowicz, Ferdinand Tönnies, Max Weber, Amitai Etzioni, Pierre Bourdieu Strukturalistische Theorien (Émile Durkheim, Claude Lévi- Strauss), 20 Korte, Herrmann; Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. 8., durchgesehene Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden, 2010, S. 7 21 Hartmann, Rosa; Strecker, David; Kottmann, Andrea: Soziologische Theorien. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz, 2007, S. 13 22 Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven. 2., überarbeitete Auflage. Beltz Juventa. Weinheim und Basel, 2014, S. 28 23 vgl. Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven, S. 34 24 Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven, S. 34 25 Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven, S. 133 3 Theoretischer Hintergrund 9 Poststrukturalistische Ansätze (Michel Foucault) Soziologische Systemtheorien (Talcott Parsons, Niklas Luhmann).“26 „[…] [D]ie Organisationssoziologie [ist] mit der allgemeinen Soziologie, d. h. mit dem Nachdenken und Forschen über die Gesellschaft insgesamt, eng verflochten.“27 Sie wird daher zu den so genannten mesosoziologischen Ansätzen gezählt.28 Dabei „[…] handelt es sich um eine spezielle Soziologie, […] die sich die Beschreibung, die Erklärung und die Gestaltung/Steuerung von Organisationen zur Aufgabe macht.“29 „[…] [D]as Leben des Menschen in der westlichen Welt ist zu einem großen Teil von Organisationen und ihren Eigengesetzlichkeiten bestimmt. […] Es ist heute fast unmöglich zu überleben, ohne mit Organisationen in Berührung zu kommen: als Mitglied oder Mitarbeiter, Kunde oder Antragsteller, Nutznießer oder Leidtragender.“30 „Denn nur weniges, was heute unsere gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, gäbe es ohne Organisationen.“31 So sind sich „[d]ie unterschiedlichsten gesellschaftstheoretischen Perspektiven […] darin einig, den Beitrag formaler Organisationen für die moderne Gesellschaftsstruktur nicht hoch genug ansetzen zu können […].“32 Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine Vielfalt von Organisationstheorien existiert.33 26 https://de.wikipedia.org/wiki/Makrosoziologie (31.10.2017, 09:00 Uhr) 27 Preisendörfer, Peter: Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien und Problem stellungen, S. 1 28 vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Soziologie#Makrosoziologie_.28Gesellschaft.2C_ Kollektiv.2C_Struktur.2C_System.2C_Diskurs.29 (31.10.2017, 09:00 Uhr) 29 Preisendörfer, Peter: Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien und Problemstellungen, S. 1 30 vgl. Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie. Erste Auflage, Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 2007, S. 9 31 Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 10 32 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht. In: Allmendinger, Jutta; Hinz, Thomas (Hrsg.): Organisationssoziologie. Sonderheft 42/2002 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2002, S. 443–478, S. 443 33 vgl. Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 15 3 Theoretischer Hintergrund 10 Hier stellt sich nun das Problem, dass „[f]ür eine Diskussion des Verhältnisses von Organisation und Gesellschaft […] die Forschung in den Organisations- und Managementwissenschaften kaum Anknüpfungsmöglichkeiten [bietet]. […] Wer nicht nur auf Organisation, sondern auch auf Gesellschaft als Ganzes Bezug nehmen will, muß ein anderes Referenzsystem, nämlich die Gesellschaft, verwenden und die Gesellschaftstheorie zu Rate ziehen.“34 Hierfür eignen sich die Ausarbeitungen von Niklas Luhmann, denn „[e]r bzw. die neue soziologische Systemtheorie hat einen konzeptuellen Rahmen zur Verfügung gestellt, der die Organisationstheorie in eine Theorie der Gesellschaft und ihre Differenzierung einbettet. Erst dadurch wird die Logik der Entwicklung von Organisationen im Rahmen gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen nachvollziehbar.“35 Daher kann Luhmanns Einfluss als zentral beschrieben werden.36 „[…] [D]ie soziologische Systemtheorie [ist] nicht auf einen bestimmten Bereich oder Aspekt sozialwissenschaftlichen Denkens und Forschens beschränkt […], sondern [erhebt] den Anspruch […], grundsätzlich auf alle sozialwissenschaftlichen Fragen anwendbar zu sein.“37 „Der Systembegriff […] zielt auf eine sinnhaft strukturierte Transformation von Komplexitäten, auf die Auseinandersetzung des Systems mit seiner Umwelt. Die spezifische Problematik dieser Auseinandersetzung macht erst erkennbar, welche internen Systemprozesse und -strukturen zu welchen Zwecken und mit welchen Stabilisierungs- und/oder Veränderungschancen funktional sein können. Dadurch kommen funktionale Äquivalente und auch funktionale Alternativen für bestimmte Strukturen und Prozesse in den Blickpunkt.“38 34 Martens, Will: Organisation und gesellschaftliche Teilsysteme. In: Ortmann, Günther; Sydow, Jörg; Türk, Klaus (Hrsg.): Theorien der Organisation. Die Rückkehr der Gesellschaft. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1987, S. 263–311, S. 264 35 Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 9 36 vgl. Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 9 37 Willke, Helmut: Systemtheorie I. Grundlagen - Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie soziale Systeme. 6. Auflage, Lucius & Lucius, Stuttgart, 2000, S. 1–2 38 Willke, Helmut: Systemtheorie I. Grundlagen – Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie soziale Systeme, S. 7 3 Theoretischer Hintergrund 11 Luhmann „[…] betont die Eigenständigkeit des sozialen Systems Organisation, das er als eine spezifische – d. h. von anderen Arten sozialer Systeme unterscheidbare – kommunikative Einheit betrachtet. Dabei wird aber die Organisation nicht als Referenzpunkt angenommen. Organisation ist Moment der Gesellschaft und die moderne Gesellschaft ein typisches Moment der modernen, in spezialisierte Teilsysteme ausdifferenzierten Gesellschaft.“39 3.1 Niklas Luhmann: Theorie sozialer Systeme Die theoretische Grundlage der wissenschaftlichen Auseinandersetzung dieser Arbeit bildet, wie soeben dargelegt, die mit dem Namen Niklas Luhmann verbundene Theorie sozialer Systeme. Er gilt neben Talcott Parsons als einer der wichtigsten Vertreter der soziologischen Systemtheorie. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat er eine auf Talcott Parsons formulierten Systembegriff darauf aufbauende soziologische Systemtheorie formuliert40, in der er sich unter anderem mit der Gesellschaft und Organisationen auseinandergesetzt hat. „Die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann geht der Frage nach, wie die Beschreibung sozialer Ordnung in der modernen Gesellschaft möglich ist.“41 Seine Theorie beschreibt und erklärt aus soziologischer Sicht „[…] ausführlich die moderne Gesellschaft und ihre dazugehörigen Systeme […].“42 „Die traditionelle Soziologie in ihrer hierarchisch kategorisierenden Verfasstheit als ‚Lehre des Handelns von Personen und Gruppen in der Gesellschaft‘, wird durch Luhmanns Theorieansatz als ‚funktionale Ausdifferenzierung von Systemen die 39 Martens, Will: Organisation und gesellschaftliche Teilsysteme, S. 264 40 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie. Carl- Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 2002, S. 40 41 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 42 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen. Dissertation, Universität Wien, 2011, S. 43 3 Theoretischer Hintergrund 12 füreinander Umwelt sind‘ gänzlich anders erfasst und neu beschrieben.“43 „Luhmanns Theorie sozialer Systeme stellt das umfassendste Theoriegebäude der Soziologie dar. […] Luhmann [entwickelte] seit Anfang der sechziger Jahre mit unnachahmlicher Zielstrebigkeit eine Sozialtheorie, die zunächst als System-Umwelt-Theorie angelegt war und seit Ende der siebziger Jahre zu einer Theorie autopoietischer Systeme weiterentwickelt wurde.“44 Luhmann hat an seiner Theorie der Gesellschaft nahezu 40 Jahre seines Lebens gearbeitet. Luhmanns (Le-bens-) Projekt lautete: „Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine.“45 Luhmanns Systemtheorie erhebt einen Anspruch auf Universalität. Er selbst nennt seine Systemtheorie „eine besonders eindrucksvolle Supertheorie“46, die sich selbst und ihre Gegner mit einbezieht.47 Es handelt sich hierbei um eine Theorie der Gesellschaft, die den gesamten Bereich der Wirklichkeit und damit den gesamten sozialen Bereich, die gesamte Welt abdecken soll.48 Er sieht Gesellschaft als eine durch die Gesellschaft selbst konstruierte, als eine „Gesellschaft der Gesellschaft“.49 Diese soziologische Theorie ist ein Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstbeschreibung.50 Luhmanns Absicht war die Formulierung einer für die Soziologie fachuniversalen Theorie. Er erhebt zwar den Anspruch auf Universali- 43 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 44 Schimank, Uwe: Einleitung. In: Schimank, Uwe; Giegel, Hans, Joachim: Beobachter der Moderne. Beiträge zu Niklas Luhmanns „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S. 7–18, S. 7 45 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997, S. 11 46 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1884, S. 19 47 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 19 48 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. Böhlau Verlag, Köln, 2003, S. 25 49 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 866–868 50 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie, S. 16 3 Theoretischer Hintergrund 13 tät, aber keineswegs auf Absolutheit bzw. alleinige Richtigkeit oder absolute Wahrheit. Er sieht seine Systemtheorie nicht als die einzig mögliche oder richtige soziologische Theorie.51 Ein zentraler Bestandteil der Systemtheorie beinhaltet, dass „[d]ie Kommunikation als Hauptoperation eines Sozialsystems […] in den Mittelpunkt der Betrachtungen [rückt]. Der Mensch verschwindet mit seinem Wissen in die Umwelt der Organisation und übrig bleibt eine Erwartungsstruktur aus Kommunikation in der Qualität von Entscheidungen, die geschlossen selbstreferentiell operiert.“52 Mit Luhmanns Worten: „Die Theorie selbstreferentieller Systeme verzichtet darauf, ihren Gegenstand (in unserem Falle: Organisationen) durch Wesensannahmen zu bestimmen. […] Eine Organisation ist ein System, das sich selbst als Organisation erzeugt. Wir müssen dann nur noch die Art und Weise definieren, wie das geschieht.“53 „Diese Prämisse ermöglicht die Beobachtung des Systems aus der Frage heraus, welche Problemlagen Systeme (selbst) generieren und unter welchen strukturellen Bedingungen sie ihr Repertoire an Lösungsversuchen erzeugen.“54 Der Aufbau von Luhmanns Systemtheorie ist nicht so zu verstehen, dass in seinen Ausführungen ein Kapitel auf den vorhergehenden aufbaut.55 Die Abhandlung von Reihenfolge und Auswahl von Begriffen und Querverweisungen, Bezugnahmen und theoriegeschichtlichem Material könnte auch immer anders erfolgen.56 Die Begriffe der Theorie sind miteinander zirkulär verknüpft. Luhmann selbst schreibt in seinem Werk „Soziale Systeme“: „[…] [D]ie Theorie [hat] einen Komplexitätsgrad erreicht, der sich nicht mehr linearisieren läßt. Dann 51 vgl. Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Eine Einführung. 4. Aufl., Wilhelm Fink Verlag, München, 2000, S. 33 52 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 18 53 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 45 54 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 170 55 vgl. Horster, Detlef: Vorwort. In: Horster, Detlef (Hrsg.): Niklas Luhmann. Soziale Systeme. Akademie Verlag, Deutschland, 2013, S. IX–XI, S. IX 56 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 14 3 Theoretischer Hintergrund 14 müsste eigentlich jedes Kapitel in jedem anderen neu begonnen und zu Ende geführt werden.“57 Es bleibt zu erwähnen, dass Luhmanns Theorie nicht unumstritten ist.58 Luhmann selbst sah in ihr ungelöste bzw. nur unklar formulierbare Probleme.59 Er wies allerdings zu Recht darauf hin, dass kaum konkurrierende Theorieangebote vorliegen.60 3.2 Forschungsansatz Luhmanns Theorie „[…] geht der soziologischen Frage nach, wie das Unwahrscheinliche (Ordnung) wahrscheinlich geworden ist, wohingegen die klassische Gesellschaftstheorie fragt, wie das Selbstverständliche (Ordnung) zu bewahren ist.“61 Luhmanns Theorie beansprucht für sich, „[…] dass eine systemtheoretische Denkweise für alle Bereiche soziologischer Forschung einen einheitlichen Forschungsansatz bereitzustellen vermag, welcher auf der Einheitlichkeit der grundlegenden Systemprobleme aufbaut, unterschiedliche Interpretationen und Wahrheitsvorstellungen aber durchaus zulässt.“62 „Welt wird insofern induktiv erschlossen, als die Einheit der Differenz von System und Umwelt je systemspezifisch an die 57 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 13–14 58 vgl. Wollnik, Michael: Interventionschancen bei autopoietischen Systemen. In: Götz, Klaus (Hrsg.): Theoretische Zumutungen. Vom Nutzen der systemischen Theorie für die Managementpraxis. Carl-Auer-Systeme Verlag, 2. Aufl., Heidelberg, 1998, S. 118–159, S. 131 59 vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff. In: Haferkamp, Hans; Schmid, Michael (Hrsg.): Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung. 1. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1987, S.307–324, S. 309 60 vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 307 61 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 62 Wilke, Helmut: Systemtheorie I: Grundlagen. Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie sozialer Systeme, S. 2 3 Theoretischer Hintergrund 15 Beobachterposition der jeweiligen Systemperspektive gebunden ist und nicht von oben quo objektivem Geist verordnet wird.“63 Die Sicht der Systemtheorie ermöglicht andere Fragestellungen und andere Antworten.64 Aussagen der Systemtheorie beziehen sich auf die Beschreibung und Analyse von realen Systemen in der wirklichen Welt.65 Luhmanns Systemtheorie stellt daher die Analysesystematik in Anlehnung an Kant von Was-Fragen auf Wie-Fragen um.66 „Das ontologische ‚Warum‘ der Begründung ersetzt Luhmann durch ein funktionales ‚Wie‘ der Beschreibung.“67 „Die Unterscheidung von ‚Was‘- Fragen auf ‚Wie‘-Fragen zielt auf […] [die] Unterscheidung zweier Ebenen der Beobachtung. Oder jedenfalls gibt diese Interpretation ihr einen brauchbaren Sinn.“68 „[…] [D]ie eigentümliche Stärke systemtheoretischen Denkens […] [ermöglicht] eine neue Form des Sehens […] [D]er Gewinn besteht […] in der Gewinnung einer die bestehenden Strukturen relativierenden äquivalenz-funktionalistischen Betrachtung.“69 63 Kneer, Georg; Nassehi, Armin: Verstehen des Verstehens. Eine systemtheoretische Revision der Hermeneutik. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 20, Heft 5, 1991, S. 341 –356, S. 348 64 vgl. Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen. Dissertation, Universität Wien, 2011, S. 18 65 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 30 66 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven. 3. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2005, S. 15 67 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr); vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 15 68 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 15 69 vgl. Bauch, Jost: Vorwort. In: Bauch, Jost (Hrsg.): Gesundheit als System. Systemtheoretische Beobachtungen des Gesundheitssystems. Hartung,-Gorre Verlag, Konstanz, 2006, S. III–V, S. IV 3 Theoretischer Hintergrund 16 3.3 Erkenntnisse Für gewonnene Erkenntnisse gilt, dass sie aufgrund der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz erarbeitet wurden,70 „[…] [d]enn derjenige, der etwas beobachtet, muss sich selbst von dem, was er beobachtet, unterscheiden.“71 Erkenntnis ist das Beobachten eigener systeminterner Operationen und das Erzeugen einer Beschreibung dieser Beobachtung.72 Somit gilt, „[…] daß alle Erkenntnis (und damit alle Realität) eine Konstruktion eines Systems ist.“73 Jede Unterscheidung ist beobachterabhängig und könnte auch anders ausfallen.74 Auch „[…] [d]ie Beobachtung des Beobachtens, d. h. die Beobachtung zweiter Ordnung, ist […] [wie jede Beobachtung] an einen blinden Fleck gebunden. Aber anders als der Beobachter erster Ordnung kann der Beobachter zweiter Ordnung die Relativität seiner eigenen Beobachtungsoperationen beobachten.“75 Der Beobachter zweiter Ordnung „[…] kann zumindest sehen, daß er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann.“76 Ebenso wird bei wissenschaftlichen Beobachtungen und Beschreibungen die Systemrelativität nicht aufgehoben.77 „[D]ie Theorie selbstreferenzieller Systeme […] [postuliert] das Ende der Objektivität […].“78 Sie bietet eine neue Perspektive an, „[…] die Selbstbeobachtung bzw. die Selbstreflexion auf der Suche nach Lö- 70 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 92 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 596–597 71 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 73 72 vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 42 (1988), S. 292–300, S. S. 298 73 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 42 74 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. 3. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1998, S. 81–82 75 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 110 76 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 110 77 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 655–656 78 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 23 3 Theoretischer Hintergrund 17 sungen erlaubt.“79 „Erkenntnis ist nicht eine Art Abbildung der Umwelt im System, sondern Aufbau eigener Konstruktionen, eigener Komplexität, die durch die Umwelt nicht strukturiert und erst recht nicht determiniert, sondern nur irritiert werden kann. Wir erkennen die Außenwelt nur, weil der Zugang zu ihr blockiert ist.“80 79 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 23 80 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 42 (1988), S. 292–300, S. 294 4 Aufbau der Arbeit 19 4 Aufbau der Arbeit Für den Bereich der Soziologie existieren keine Standards für eine systematische und qualitätsgesicherte Literaturrecherche wie in anderen Disziplinen. Dabei sind „Literaturrecherchen […] zentraler Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens. Die recherchierten Literaturangaben und -quellen bilden den Grundstein, auf dem die Darstellung des Forschungsstandes […] basiert“81 und informieren über den neuesten Forschungs- bzw. Erkenntnisstand in einem bestimmten Themenbereich. Daher wird zunächst ein Vorschlag erarbeitet, wie solch eine Literaturrecherche standardisiert durchgeführt und dokumentiert werden kann, um auch für diesen Wissenschaftsbereich die Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Vorgehensweise sicherzustellen. Dabei wird Bezug auf bereits vorhandene und bewährte Instrumente genommen. Im Anschluss erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, welche die theoretische Grundlage dieser Arbeit bildet (s. Kapitel 3), um die Grundbegriffe wie z. B. Funktionssystem und Organisation in all ihren Facetten im Sinne von Niklas Luhmann zu erfassen und das Forschungsinteresse bzw. die Arbeitshypothese unter Berücksichtigung des theoretischen Hintergrunds bearbeiten zu können. In Luhmanns Theorieperspektive gelten „Gesellschaft als umfassendes Kommunikationssystem und Organisationen als entscheidungsbasierte Sozialsysteme […] als zwei unterschiedliche Typen sozialer Systeme, die sich auf ihre jeweils eigene Weise von einer nicht dazugehörenden Umwelt abgrenzen.“82 Die moderne Gesellschaft begreift Luhmann als funktional ausdifferenzierte Gesellschaft.83 Diese Teilsysteme, so genannte Funktionssysteme, übernehmen für die Gesellschaft exklusiv spezifi- 81 https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2010081634029/ 3/TutorialSystematischeLiteraturrecherche.pdf, (08.10.2017, 12:50 Uhr), S. 4 82 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 30, Heft 6, Dezember 2001, S. 407–428, S. 408 83 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 743 4 Aufbau der Arbeit 20 sche Funktionen, die nur von ihnen erfüllt werden können.84 Es gibt in der Gesellschaft keine Zentralkompetenz für die Behandlung von Problemen.85 „Jedes Funktionssystem ist auf sich selbst angewiesen. […] Jedes Funktionssystem kann auf die eigene Weise reagieren […].“86 Da sich in der Zeitspanne von über 40 Jahren und der Veröffentlichung einer Vielzahl von Werken auf ca. 15.000 Seiten87 Luhmanns Systemtheorie verändert bzw. weiterentwickelt, was sich wiederum auf seine Ausarbeitungen zu Organisationen und Funktionssystemen auswirkte, werden die Begriffe Funktionssystem und Organisation sowie System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen rekonstruiert bzw. der chronologische Entwicklungsverlauf nachvollzogen. „Zwar finden sich die meisten der systemtheoretischen Grundbegriffe, die Luhmann in den sechziger und siebziger Jahren formuliert hat, auch noch weiterhin, aber viele der Konzepte werden später neu definiert oder erhalten innerhalb der Theorie einen anderen Stellenwert – das gilt insbesondere für die Formel der Komplexität, die ihre dominante Position innerhalb der Theorie sozialer Systeme einbüßt. […] Sein Anliegen ist es […], Weiterentwicklungen der Allgemeinen Systemtheorie, die sich in anderen wissenschaftlichen Disziplinen – und hier vor allem innerhalb der Biologie und Neurophysiologie – vollzogen haben, auf die Soziologie zu übertragen und für eine Theorie sozialer Systeme fruchtbar zu machen.“88 Luhmanns Ziel war es, „[…] auf eine allgemeine Theorie sozialer Systeme oder sogar auf die Grundlagenprobleme der allgemeinen Systemtheorie [zurückzugreifen].“89 Dabei lässt sich „[…] das Spezifische von Organisationen […] nur erkennen […], wenn man Organisa- 84 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 131 85 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 803 86 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 804–805 87 vgl. http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 88 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 45–46 89 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 4 Aufbau der Arbeit 21 tionen von anderen Arten der Systembildung unterscheiden kann; und wenn man also […] die besondere Art und Weise angeben kann, in der Organisationssysteme die Differenz von System und Umwelt erzeugen.“90 Voraussichtlich wird dabei auch eine Auseinandersetzung mit dem „schwierigen Begriff der strukturellen Kopplung“91 erfolgen müssen. Für diese Rekonstruktion werden Methoden bzw. Kriterien benötigt, die im Vorfeld entwickelt werden. Diese Kriterien dienen als Leitfaden, um die entsprechende Literatur zu sichten und Schlüsselbegriffe zu definieren. Zu Beginn werden diesbezüglich alle Zitate gesammelt und im Anschluss sortiert. Zur besseren Verständlichkeit werden auch grundsätzliche Aussagen über soziale Systeme berücksichtigt, um die Besonderheiten von Organisationen herausstellen zu können. Die Analyse ist nah an den Texten von Luhmann orientiert, so dass ebenfalls seine Sprache übernommen wird, um auch Nuancen von Veränderungen feststellen zu können. Abschließend werden die Ergebnisse anhand der verschiedenen Kriterien einem Vergleich unterzogen und die Veränderungen aufgezeigt. In gleicher Weise werden System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen rekonstruiert bzw. analysiert. Diese Rekonstruktionen und Analysen dienen der Schärfung und Präzisierung der Begrifflichkeiten und ggf. auch der Darstellung von Widersprüchlichkeiten bzw. der Formulierung von Fragestellungen. Im Kapitel „Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen“ wird die vorhandene Literatur anderer systemtheoretisch orientierter Autoren, die sich intensiv mit Luhmanns Systemtheorie auseinandergesetzt haben, gesichtet und analysiert, um zu erforschen, wie diese die Beziehung von Funktionssystemen und Organisationen beschreiben. Grundsätzlich gilt, dass Organisationen – wie alle sozialen Systeme – ein Interesse daran haben, in ihrer Umwelt weiter bestehen zu können und ihre Strukturen und Prozesse entsprechend zu gestalten. Unangefochten gilt, dass die funktionale Differen- 90 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 91 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100 4 Aufbau der Arbeit 22 zierung unmittelbar mit der Ausbildung von Organisationen zusammenhängt – und umgekehrt.92 So stellt sich die Frage, in welcher Beziehung oder auch in welchen Beziehungen Funk-tionssysteme und Organisationen zueinander stehen. In der Literatur findet sich hierzu teils Kritik an Luhmanns Systemtheorie. Nach den allgemein gehaltenen Überlegungen wird Bezug auf das (Funktions-) System zur Gesundheit/Krankheit (bei Luhmann Medizinsystem/System der Krankenbehandlung) genommen. Nach der Darstellung der wenigen Abhandlungen von Luhmann werden wiederum Werke von Autoren, die sich ebenfalls im systemtheoretischen Sinne mit diesem Thema beschäftigt haben, gesichtet, geprüft und dahingehend analysiert, ob die verschiedenen Ausführungen ggf. Konsequenzen für die weitere Bearbeitung der Fragestellung haben und um eigene weiterführende Gedanken entwickeln zu können. Besonderes Interesse liegt dabei auf der Diskussion um den medizinischen Code und damit der Frage, ob das Medizinsystem autonom ist oder welche sonstigen Konstellationen vorstellbar sind. Im Anschluss finden die Erkenntnisse gemeinsam mit weiteren Rechercheergebnissen Anwendung auf die Organisation Krankenhaus, um somit dem Ziel dieser Arbeit näher zu kommen. Abschließend werden die neu erworbenen Erkenntnisse exemplarisch auf das seit Herbst 2017 neu einzuführende Entlassmanagement im Krankenhaus übertragen. Mit der Methodenreichweitendiskussion, d. h. der abschließenden Betrachtung und kritischen Reflexion des methodischen Vorgehens bzw. der gewählten Forschungsmethoden, werden die Qualität und Validität der Forschungsergebnisse gesichert. Die anschließenden qualitätssichernden Maßnahmen gewährleisten, den Kriterien, die an eine Dissertationsschrift gestellt werden, gerecht zu werden und eine Gutachterposition zur eigenen Arbeit zu entwickeln. 92 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 380; Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 840 4 Aufbau der Arbeit 23 Im Schlusswort wird ein kurzes Resümee gezogen und ein Ausblick geboten. 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 25 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie „Wissenschaftliches Arbeiten [zeichnet sich] […] durch seine Systematik und intersubjektive Nachvollziehbarkeit [aus].“93 Daher sind „Literaturrecherchen […] zentraler Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens. Die recherchierten Literaturangaben und -quellen bilden den Grundstein, auf dem die Darstellung des Forschungsstandes […] basiert“94 und informieren über den neuesten Forschungs- bzw. Erkenntnisstand in einem bestimmten Themenbereich. Ziel ist das Auffinden von relevanten Publikationen, die bereits zu diesem Themenbereich existieren, wobei auch die Qualitätskriterien der Vollständigkeit, Objektivität, Transparenz und somit die Reproduzierbarkeit der Recherche durch Dritte sichergestellt werden sollen. Ebenfalls werden so eine Verhaftung in einem Denkstil und die Unterwerfung lediglich eines Denkstilkollektivs vermieden. Ludwik Fleck hat sich in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt, das im folgenden Kapitel kurz dargestellt wird. Zeitgemäß erfolgt die Suche mithilfe elektronischer Datenbanken. Um eine systematische Recherche zu gewährleisten, ist das Vorgehen bzw. die Suchstrategie von herausragender Bedeutung. „Die Suchergebnisse in Datenbanken sind entscheidend davon abhängig, wie exakt […] die themenbezogenen Suchbegriffe […] [eingegrenzt, formuliert und verknüpft wurden].“95 93 https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2010081634029/ 3/TutorialSystematischeLiteraturrecherche.pdf (08.10.2017, 12:50 Uhr), S. 4 94 https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2010081634029/ 3/TutorialSystematischeLiteraturrecherche.pdf (08.10.2017, 12:50 Uhr), S. 4 95 Rossig, Wolfram E.; Prätsch, Joachim: Wissenschaftliches Arbeiten – Leitfaden für Haus- und Seminararbeiten, Diplom- und Magisterarbeiten, Dissertationen. 7. Aufl. BerlinDruck, Achim, 2008, S. 64 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 26 In den diversen Hinweisen zur Recherche soziologischer Literatur werden keine verallgemeinerbaren Strategien benannt mit der Begründung, dass „[…] das Vorgehen je nach Spezialisierungsgrad des Forschungsfeldes stark variieren kann: Bei breit diskutierten Themen gilt es, Schlüsseltexte aus der Masse herauszupicken; bei abseitigen Themen gilt es, überhaupt brauchbare Quellen zu finden.“96 Es gibt daher keinen Standard für eine systematische und qualitätsgesicherte Literaturrecherche wie in anderen Disziplinen. Um trotzdem den Anforderungen an eine wissenschaftliche Arbeit gerecht zu werden, wird im Folgenden ein Vorschlag erarbeitet, wie solch eine Literaturrecherche in der Soziologie standardisiert durchgeführt und dokumentiert werden kann, um auch für diesen Wissenschaftsbereich die Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Vorgehensweise sicherzustellen. Dabei wird Bezug auf bereits vorhandene und bewährte Instrumente genommen. Im Kapitel „Methodenreichweitendiskussion“ wird die Fragestellung vor dem Hintergrund des Literaturreviews und der Methodik kritisch reflektiert. Die systematische Literaturrecherche umfasst die Suche in Datenbanken, im Online Public Access Catalogue (OPAC) der jeweiligen Landesbibliotheken sowie die Handrecherche und deren Beschreibung. 5.1 Denkstil und Denkstilkollektive nach Ludwik Fleck Ziele einer systematischen Literaturrecherche sind auch, eine Verhaftung in einem Denkstil und die Unterwerfung unter lediglich einen Denkstilkollektiv zu vermeiden. Für die zeitgemäße Betrachtung der Wissenschaftsentwicklung ist Ludwik Flecks Theorie von Denkstilen und Denkstilkollektiven von maßgeblicher Bedeutung. Seine „[…] radikale Pointe […] ist: Nicht nur was als eine Tatsache gilt, sondern 96 https://sozialstruktur.soziologie.uni-mainz.de/files/2014/05/Hinweise-Literaturrecher che. pdf (18.12.2017, 10:40 Uhr) 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 27 was eine Tatsache ist, darüber entscheidet der jeweilige Denkstil lokaler Denkkollektive.“97 Ludwik „Fleck ist ein früher Vertreter eines epistemischen Kontextualismus: Was Wissen ist, wird durch den jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext festgelegt, und überzeitliche oder kontexttranszendierende Wissensansprüche werden in ihrer Geltung bestritten. Wissen ist somit nicht wie in der philosophischen Tradition als wahre und gerechtfertigte Meinung definiert, sondern als ‚fixation of belief‘.“98 „[…] Wissenschaft [ist also] immer in kulturelle Praktiken eingesenkt und […] ihre Begriffe [sind unauflöslich] mit kulturspezifischen Beobachtungen und Metaphern verquickt […].“99 „Fleck […] verzichtet […] somit auf das Modell, Wissenschaftsgeschichte als Prozeß der Reinigung von außerwissenschaftlichen Faktoren darzustellen […] und fragt danach, […] wie dieses imaginäre Wissenschaftsideal auf die Forschungspraxis und Forschungsliteratur zurückwirkt.“100 „In seinen Augen gibt es nicht die Wissenschaft auf der einen und den sozialen Kontext auf der anderen [sic!] [Seite], folglich auch keine nachzuweisenden Dynamiken und Praktiken des Wissens, die sich über die Zirkulation von Ideen, die soziale Schulung des Sehens und kollektiven Handelns konstituieren.“101 „Zweifellos am folgenreichsten von Flecks Ideen ist seine ‚Lehre vom Denkstil‘ geworden.“102 Fleck definiert Denkstil als ein „[…] gerichtetes Wahrnehmen, mit entsprechendem gedanklichen und sachlichen Verarbeiten des Wahrgenommenen […].“103 Daraus folgert er: „Er- 97 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse. Herausgegeben und kommentiert von Sylwia Werner und Claus Zittel unter Mitarbeit von Frank Stahnisch. Suhrkamp Verlag, Berlin, 2011, S. 10 98 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, S. 11 99 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, S. 17 100 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, S. 16 101 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, S. 17 102 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, S. 18 103 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache. Einführung in die Lehre vom Denkstil und Denkkollektiv. Mit einer Einleitung herausgegeben von Lothar Schäfer und Thomas Schnelle, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1980, S. 130 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 28 kennen heißt also vorerst, bei gewissen Voraussetzungen die zwangsläufigen Ergebnisse feststellen.“104 Denkstile sind „[…] weder Methoden noch fixe Denkformen […], sondern Vorgänge: Zirkulationen von Ideen und sozialen Praktiken und die aus ihnen resultierende unbewußte stilgemäße Konditionierung von Wahrnehmung, Denken und Handeln der Forscher. Für Fleck ist daher das Denkkollektiv der eigentliche wissens- und stilgeschichtliche Protagonist […].“105 Er definiert „[…] ‚Denkstilkollektiv‘ als Gemeinschaft der Menschen, die im Gedankenaustausch oder in gedanklicher Wechselwirkung stehen […] [als] Träger geschichtlicher Entwicklung eines Denkgebietes, eines bestimmten Wissensbestandes oder Kulturstandes, also eines besonderen Denkstiles.“106 „Denkgemeinschaften erzeugen Meinungen, Anschauungen, Denkzusammenhänge und Vorstellungen auf eine Art, die der Bildung von Wörtern, Redewendungen und Sprachgebräuchen sehr ähnlich ist.“107 Diese „[…] Stimmung ist der Kitt des Kollektivs, sie erzeugt eine Bereitschaft zum gerichteten Wahrnehmen, Bewerten, Anwenden des Wahrgenommenen, ist Triebkraft denkstilgemäßen kollektiven Sehens und Handelns.“108 Der kollektive Denkstil „[…] bestimmt, ‚was nicht anders gedacht werden kann‘.“109 Dies nennt Fleck „passive Kopplungen“110 oder „passive Elemente“111, die im Kollektiv als Wissen oder Tatsachenbestand betrachtet werden.112 Aktive Elemente bedürfen der 104 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 56 105 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, S. 19 106 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 54–55 107 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 278 108 Fleck, Ludwik: Denkstile und Tatsachen. Gesammelte Schriften und Zeugnisse, S. 19 109 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 130 110 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 124 111 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 125 112 vgl. Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 124–125 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 29 Diskussion im Denkstilkollektiv,113 allerdings beharrt „[…] ein einmal ausgebautes, geschlossenes Meinungssystem, das aus vielen Einzelheiten und Beziehungen besteht, […] beständig gegenüber allem Widersprechendem.“114 Daraufhin stellt sich die Frage, „[w]ie […] Denkstilveränderungen grundsätzlicher Art überhaupt zustande [kommen].“115 Andere wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Inhalte von Denkstilkollektiven nehmen dadurch Einfluss, dass die einzelnen Wissenschaftler diesen ebenfalls angehören.116 So fließen diese Denkstile „[…] in den Denkverkehr des Kollektivs ein. Aus dieser Informationsverarbeitung zwischen den Mitgliedern des Kollektivs ergeben sich die Veränderungstendenzen des Denkstils.“117 „Jeder interkollektive Gedankenverkehr [hat] eine Verschiebung oder Veränderung der Denkwerte zur Folge.“118 Mit der Einführung des Denkstil-Begriffs stellt Fleck die Vorstellung von der Existenz eines absoluten Wahrheitsbegriffes in der Wissenschaft in Frage, da er Wahrheit in Abhängigkeit zu dem hinter dem Erkenntnisprozess stehenden Denkstil betrachtet.119 5.2 PRISMA-Standard Um den Anforderungen einer systematischen Literaturrecherche zu genügen, erfolgt die Literaturrecherche in Anlehnung an den PRIS- MA-Standard. PRISMA steht als Abkürzung für Preferred Reporting 113 vgl. Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 125 114 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 41 115 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. XXXIX 116 vgl. Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. XXXIX 117 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. XXXIX 118 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 143 119 Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. 125; vgl. Fleck, Ludwik: Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, S. XXVI 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 30 Items for Systematic Reviews and Meta-Analyses und stellt ein evidenzbasiertes Minimalset an Kriterien für systematische Reviews und Meta-Analysen zur Verfügung.120 „Das PRISMA Statement soll Autoren dabei unterstützen, das Berichten von systematischen Übersichten und Meta-Analysen zu verbessern.“121 Es werden detaillierte und umfassende Empfehlungen z. B. zur Erstellung von medizinischen Leitlinien122 und Reviews von evaluierenden randomisierten Studien123 angeboten, wobei der PRISMA-Standard, auch für Literaturrecherchen anderer Art geeignet ist.124 „PRISMA kann bei der kritischen Bewertung publizierter systematischer Übersichten ebenfalls hilfreich sein. Allerdings ist PRISMA kein Instrument zur Abschätzung der Qualität einer systematischen Übersicht.“125 Im PRISMA- Standard wurden „[…] Definitionen übernommen, die von der Cochrane Collaboration verwendet werden.“126 Bei diesem Vorgehen werden „[…] systematisch und mit spezifischen Methoden relevante Forschungsergebnisse identifiziert, ausgewählt und kritisch beurteilt. Daten der eingeschlossenen Studien werden gesammelt und analysiert. Statistische Verfahren (Meta-Analyse) können benutzt werden, um die Ergebnisse der eingeschlossenen Studien zu analysieren und zusammenzufassen.“127 120 vgl. http://www.prisma-statement.org/ (11.12.2017, 13:00 Uhr) 121 Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta- Analysen: Das PRISMA Statement. Gefunden unter: http://www.prismastatement.org/documents/PRISMA%20German%20Statement.pdf (08.10.2017, 14:30 Uhr), S. 6 122 vgl. http://www.cochrane.de/sites/cochrane.de/files/public/uploads/20130517_ Manual_Literaturrecherche_Final-1.pdf (11.12.2017, 12:45 Uhr) 123 vgl. http://www.prisma-statement.org/ (11.12.2017, 13:00 Uhr) 124 vgl. http://www.prisma-statement.org/ (11.12.2017, 13:00 Uhr) 125 Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta- Analysen: Das PRISMA Statement, S. 6–7 126 Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta- Analysen: Das PRISMA Statement, S. 4 127 Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta- Analysen: Das PRISMA Statement, S. 4 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 31 „Das PRISMA Statement besteht aus einer 27 Item Checkliste […] und einem Flussdiagramm, das in vier Phasen aufgeteilt ist […].“128 Das Flussdiagramm beschreibt das systematische Vorgehen in den Phasen 1. Identifikation (Funde durch Datenbanksuche und andere Quellen), 2. Vorauswahl (Entfernung der Duplikate und Vorauswahl), 3. Eignung (Beurteilung des Volltextes mit Begründung) und 4. Eingeschlossen (qualitative und quantitative Zusammenfassung).129 Die Checkliste dient zur Darstellung der Betrachtung einer systematischen Übersicht oder einer Meta-Analyse, wobei sich die Items teils auf die Darstellung und Inhalte beziehen, aber auch Methoden wie z. B. die Suchstrategie und die Beschreibung des Auswahlprozesses einzelner Studien gefordert werden. Die Checkliste ist in folgende Abschnitte gegliedert: Titel (Identifikation des Berichts) Zusammenfassung (strukturiert) Einleitung (Hintergrund und Ziele) Methoden (Beschreibung der Suchstrategien, des Auswahlprozesses etc.) Ergebnisse (Anzahl der einbezogenen Ergebnisse, Ergebnisse der einzelnen Studien, Ergebnissynthese etc.) Diskussion (kritische Betrachtung und Schussfolgerungen, Interpretation der Ergebnisse) Finanzielle Unterstützung130 Zunächst werden die Duplikationen von Studien und Berichten identifiziert. Im Anschluss wird die Vorauswahl (Relevanz für das jeweilige 128 Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta- Analysen: Das PRISMA Statement, S. 6 129 vgl. Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta-Analysen: Das PRISMA Statement, S. 23 130 vgl. Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta-Analysen: Das PRISMA Statement, S. 18–21 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 32 Thema) anhand von zu bestimmenden und zu begründenden Auswahlkriterien getroffen. Die identifizierten Treffer werden nach folgendem Muster dargestellt. Nr. Referenz Thema Jahr Einbezogen Begründung N um m er A ut or : N am e, V or na m e Ti te l b zw . T he m a de r P ub lik at io n Er sc he in un gs ja hr Ja /N ei n K ur ze B eg rü nd un g zu m E in - b zw . A us sc hl us s e in er Pu bl ik at io n Da der PRISMA-Standard ursprünglich z. B. zur Erstellung von medizinischen Leitlinien131 und Reviews von evaluierenden randomisierten Studien132 erstellt wurde, ist es nicht verwunderlich, dass sich die Checkliste zur Beschreibung einer systematischen Übersicht oder Meta-Analyse und der darin verwendeten Literatur nicht vollständig auf eine theoretische bzw. literaturzentrierte Arbeit133 übertragen lässt. Daher erfolgt im folgenden Kapitel eine Überprüfung und entsprechende Anpassung des PRISMA-Standards an theoriegeleitete Arbeiten. 131 vgl. http://www.cochrane.de/sites/cochrane.de/files/public/uploads/20130517_Manu al_Literaturrecherche_Final-1.pdf (11.12.2017, 12:45 Uhr) 132 vgl. http://www.prisma-statement.org/ (11.12.2017, 13:00 Uhr) 133 vgl. Greinstetter, Roswitha; Haberfellner, Christina; Hosse, Sven; Lang, Claudia; Neureiter, Herbert: Leitfaden zum wissenschaftlichen Arbeiten. Pädagogische Hochschule Salzburg, 2015 (Gefunden unter: http://www.phsalzburg.at/fileadmin/PH_Da teien/Dateien_Forschung/Bachelorarbeiten/SkriptumNEU_Februar2015_gesamt.pdf, 18.08.2017, 10:30 Uhr), S. 6 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 33 5.3 Anpassung des PRISMA-Standards an wissenschaftliche Theoriearbeiten Im Folgenden wird nun überprüft, inwieweit sich der PRISMA- Standard auf theoretische bzw. literaturzentrierte Arbeiten anwenden lässt und ggf. entsprechend angepasst. Das Flussdiagramm des PRISMA-Standards beschreibt das systematische Vorgehen in vier Phasen. Für theoriegeleitete Arbeiten wird die Phase 2 der Vorauswahl modifiziert. Wie vom PRISMA-Standard vorgegeben werden nach der Entfernung der Duplikationen und vor dem Volltextstudium die verbleibenden Publikationen zunächst anhand von zuvor festgelegten Auswahlkriterien bzw. Ein- und Ausschlusskriterien auf deren Eignung überprüft. Bei einer theoriegeleiteten Arbeit und der entsprechenden Literaturrecherche empfiehlt es sich, diese Vorauswahl z. B. anhand des Titels, der Beschreibung innerhalb der Datenbank, des Abstracts, der Einleitung oder des Klappentextes vorzunehmen. Häufig wird bei neuerer Literatur zusätzlich im Internet die Einleitung oder einzelne Kapitel des Buches zur Verfügung gestellt (z. B. Google Books oder Amazon). Abstracts von Zeitschriftenaufsätzen können häufig über Google Scholar bzw. Google direkt eingesehen werden. Für die in Phase 3 geforderte Beurteilung des Volltextes auf Eignung mit Begründung wird im folgenden Kapitel eine Methode entwickelt. Die Gegenüberstellung der 27 Items der Checkliste des PRISMA- Standards134 mit dem im Rahmen dieser Arbeit entwickelten Standard (Adaption) zur Beurteilung bzw. Entwicklung von theoriegeleiteten Arbeiten verdeutlicht die notwendigen weiteren Anpassungen. 134 vgl. http://www.prisma-statement.org/documents/PRISMA%20German%20checklist. pdf (10.05.2018, 10:00 Uhr) 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 34 Publikationsabschnitt # Zusammenfassung TITEL PR IS M A Titel 1 Identifikation als Bericht einer systematischen Übersicht, Meta-Analyse oder beidem A da pt io n Titel 1 Identifikation als Publikation mit einer systematischen Recherche und Analyse zur jeweiligen Thematik ZUSAMMENFASSUNG PR IS M A Strukturierte Zusammenfassung 2 Strukturierte Zusammenfassung mit den Stichworten (sofern geeignet): Hintergrund; Ziele; Datenquellen; Auswahlkriterien der Studien, Teilnehmer und Interventionen; Bewertung der Studie und Methoden der Synthese; Ergebnisse; Einschränkungen; Schlussfolgerungen und Implikation der wichtigsten Ergebnisse; Registrierungsnummer der systematischen Übersicht A da pt io n Strukturierte Zusammenfassung 2 Strukturierte Zusammenfassung mit den Stichworten (sofern geeignet): Hintergrund, Ziele, Methoden und Inhalte, Ergebnisse und Schlussfolgerungen EINLEITUNG PR IS M A Hintergrund und Rationale 3 Wissenschaftlicher Hintergrund und Begründung der Studie A da pt io n Hintergrund und Rationale 3 Wissenschaftlicher Hintergrund und Begründung der Publikation PR IS M A Ziele 4 Präzise Angabe der Fragestellungen mit Bezug auf Teilnehmer, Interventionen, Vergleiche, Zielkriterien und Studiendesign 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 35 Publikationsabschnitt # Zusammenfassung A da pt io n Ziele 4 Präzise Angabe der Fragestellungen mit Angabe der angewandten Methoden und Ziele METHODEN PR IS M A Protokoll der Registrierung 5 Existiert ein Studienprotokoll für die Übersichtsarbeit? Wenn ja, wo kann es gefunden bzw. wie kann es bezogen werden (z. B. Webseite); wenn verfügbar: Informationen zur Registrierung einschließlich Angabe der Registrierungsnummer A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien, u. a. auf die Auswahl von Studienteilnehmern, die Datenerfassung und deren Auswertung, wesentliche andere Informationen sind bereits in den Abschnitten Zusammenfassung und Einleitung enthalten PR IS M A Auswahlkriterien 6 Merkmale der Studien (z. B. PICOS, Dauer der Nachbeobachtung) und der Berichte (z. B. Zeitraum der Studien, Sprache, Publikationsstatus), die als Auswahlkriterien verwendet wurden, mit Begründung A da pt io n Auswahlkriterien 5 Festlegung der Ein- und Ausschlusskriterien für Publikationen in die Informationsgewinnung (z. B. Eingrenzung des Suchzeitraums, Sprache, Publikationsstatus), die als Auswahlkriterien verwendet wurden, mit Begründung PR IS M A Informationsquellen 7 Beschreibung aller Informationsquellen (z. B. Datenbanken mit Zeitpunkten der Berichterstattung, Kontakt mit Autoren von Studien, um zusätzliche Studien zu identifizieren), die bei der Suche verwendet wurden einschließlich des letzten Suchdatums A da pt io n Informationsquellen 6 Beschreibung aller Informationsquellen (z. B. Datenbanken mit Zeitpunkt der Berichterstattung, Kontakt mit Personen zum Erhalt von Hinweisen auf weitere Publikationen, Handrecherchen), die bei der Suche verwendet wurden einschließlich des letzten Suchdatums 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 36 Publikationsabschnitt # Zusammenfassung PR IS M A Suche 8 Beschreibung der vollständigen elektronischen Suchstrategie für mindestens eine Datenbank einschließlich gewählter Limitierungen, so dass die Suche repliziert werden könnte A da pt io n Suche 7 Beschreibung der vollständigen elektronischen Suchstrategie für mindestens eine Datenbank einschließlich gewählter Limitierungen, so dass die Suche repliziert werden könnte PR IS M A Auswahl der Studien 9 Beschreibung des Auswahlprozesses von Studien (das heißt Vorauswahl, Eignung, Einschluss in die systematische Übersicht und, falls zutreffend, in die Meta-Analyse) A da pt io n Auswahl der Publikationen 8 Beschreibung des Auswahlprozesses von Publikationen (das heißt Vorauswahl, Eignung und Ein- bzw. Ausschluss), bei literaturbasierten Arbeiten anhand des Inhalts/der Beschreibung der Publikation und der Bewertung der Vertrauenswürdigkeit in Anlehnung an den CERQual-Ansatz PR IS M A Prozess der Datengewinnung 10 Beschreibung der Methode der Datenextraktion aus Berichten (z. B. Erhebungsbogen, unabhängig, doppelt) und alle Prozesse, um Daten von Untersuchern zu erhalten und zu bestätigen A da pt io n Prozess der Informationsgewinnung 9 Beschreibung der Methode der Informationsgewinnung aus den Publikationen, was bei literaturbasierten Arbeiten die strukturierte Sammlung von Aussagen und Zitaten bedeutet inkl. einer korrekten und durchgängigen Zitation PR IS M A Datendetails 11 Aufzählung und Definition aller Variablen, nach denen gesucht wurde (z. B. PICOS, Finanzierungsquellen) sowie Annahmen und durchgeführte Vereinfachungen A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und die konkrete Formulierung von Fragestellungen bezogen auf Studienteilnehmer, Interventionen und was erreicht werden soll 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 37 Publikationsabschnitt # Zusammenfassung PR IS M A Risiko der Verzerrung in den einzelnen Studien 12 Methoden zur Beurteilung des Risikos von Verzerrungen der einzelnen Studien (einschließlich der Angabe, ob dieses auf der Studienebene oder für das Zielkriterium durchgeführt wurde) und wie diese Information bei der Datensynthese berücksichtigt wurde A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und die Faktoren, die zu verzerrten Studienergebnissen führen können, die Bewertung der Vertrauenswürdigkeit der einzelnen Publikationen erfolgt bereits bei der Auswahl der Publikationen PR IS M A Effektschätzer 13 Wichtigste Effektschätzer (z. B. relatives Risiko, Mittelwertsdifferenz) A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und die Berechnung/Schätzung von z. B. Therapieeffekten PR IS M A Synthese der Ergebnisse 14 Beschreibung der Methoden zum Umgang mit den Daten und der Kombination der Ergebnisse der Studien; falls diese berechnet wurden, einschließlich Maßzahlen zur Homogenität der Ergebnisse (z. B. I2) für jede Meta- Analyse A da pt io n Synthese der Informationen 10 Beschreibung der Methoden zum Umgang mit den Informationen und der Kombination der Ergebnisse der Publikationen, in literaturbasierten Arbeiten mittels Zusammenführung der strukturiert gesammelten Aussagen und Zitate PR IS M A Risiko der Verzerrung über Studien hinweg 15 Beschreibung der Beurteilung des Risikos von Verzerrungen, die die kumulative Evidenz beeinflussen könnten (z. B. Publikationsverzerrung, selektives Berichten innerhalb von Studien) 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 38 Publikationsabschnitt # Zusammenfassung A da pt io n - - nicht relevant Bewertung der Vertrauenswürdigkeit der einzelnen Publikationen in Anlehnung an den CERQual-Ansatz erfolgt bereits bei der Auswahl der Publikationen PR IS M A Zusätzliche Analysen 16 Methoden für zusätzliche Analysen (z. B. Sensitivitätsanalysen, Subgruppenanalysen, Meta-Regression) mit Beschreibung, welche vorab spezifiziert waren A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und Methoden für Analysen ERGEBNISSE PR IS M A Auswahl der Studien 17 Anzahl der Studien, die in die Vorauswahl aufgenommen, auf Eignung geprüft und in die Übersicht eingeschlossen wurden, mit Begründung für Ausschluss in jeder Stufe, idealerweise unter Verwendung eines Flussdiagramms A da pt io n Auswahl der Publikationen 11 Anzahl der Publikationen, die identifiziert und vorausgewählt wurden, Prüfung der Eignung und Ein- bzw. Ausschluss mithilfe der Bewertung der Vertrauenswürdigkeit mit Begründung PR IS M A Studienmerkmale 18 Für jede Studie Darstellung der Merkmale, nach denen Daten extrahiert wurden (z. B. Fallzahl, PICOS, Nachbeobachtungszeitraum), Literaturstelle der Studie A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und die Formulierung der konkreten Studienbedingungen PR IS M A Risiko der Verzerrung innerhalb der Studien 19 Daten zum Risiko von Verzerrungen innerhalb jeder Studie und, falls verfügbar, eine Beurteilung der Güte der Zielkriterien (siehe Item 12) 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 39 Publikationsabschnitt # Zusammenfassung A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und die Faktoren, die zu verzerrten Studienergebnissen führen können, die Bewertung der Vertrauenswürdigkeit der einzelnen Publikationen erfolgt bereits bei der Auswahl der Publikationen PR IS M A Ergebnisse der einzelnen Studien 20 Für jede Studie Darstellung aller Endpunkte (Wirksamkeit und Nebenwirkungen): (a) einfache zusammenfassende Daten für jede Interventionsgruppe, (b) Effektschätzer und Konfidenzintervalle, idealerweise mit Forest Plot A da pt io n Beschreibungen/Inhalte der einzelnen Publikationen 12 Für jede Publikation Darstellung der Inhalte anhand der Beschreibung innerhalb der Datenbank, des Abstract, der Einleitung oder des Klappentextes (häufig auch Einsicht über das Internet) PR IS M A Ergebnissynthese 21 Darstellung der Meta-Analyse, einschließlich Konfidenzintervalle und Heterogenitätsmaße A da pt io n Ergebnissynthese 13 Darstellung der Ergebnisse der Recherchen und deren Synthese, jeweils enthalten in den entsprechenden Kapiteln PR IS M A Risiko von Verzerrungen über Studien hinweg 22 Darstellung der Ergebnisse zur Beurteilung des Risikos von Verzerrungen über alle Studien hinweg (siehe Item 15) A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und die Faktoren, die zu verzerrten Ergebnissen über alle Studien hinweg führen können PR IS M A Zusätzliche Analysen 23 Präsentation der Ergebnisse der zusätzlichen Analysen, falls durchgeführt (z. B. Sensitivitäts- oder Subgruppenanalysen, Meta- Regression (siehe Item 16)) A da pt io n - - nicht relevant Item bezieht sich speziell auf Studien und die Ergebnisse zusätzlicher Analysen 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 40 Publikationsabschnitt # Zusammenfassung DISKUSSION PR IS M A Zusammenfassung der Evidenz 24 Zusammenfassung der Hauptergebnisse einschließlich der Stärke der Evidenz für jedes Hauptzielkriterium; Relevanz für Zielgruppen (z. B. Gesundheitsdienstleister, Anwender, politische Entscheidungsträger) A da pt io n Zusammenfassung der Hauptergebnisse 14 Zusammenfassung der Hauptergebnisse und deren Relevanz PR IS M A Einschränkungen 25 Diskutiere Einschränkungen der Studie auf Studienebene und auf Ebene der Zielkriterien (z. B. Risiko von Verzerrungen) sowie auf Ebene der Übersicht (z. B. unvollständiges Auffinden der identifizierten Forschung, Verzerrung des Berichts) A da pt io n Einschränkungen 15 Diskussion der Einschränkungen der Ergebnisse, in den Kapiteln Qualitätssicherung und Methodenreichweitendiskussion sowie im Schlusswort enthalten PR IS M A Schlussfolgerungen 26 Interpretation der Ergebnisse unter Berücksichtigung des Stands der Forschung und Schlussfolgerungen für weitere Forschung A da pt io n Schlussfolgerungen 16 Interpretation der Ergebnisse unter Berücksichtigung des Stands der Forschung und Schlussfolgerungen für weitere Forschung, jeweils in den einzelnen Kapiteln und im Schlusswort enthalten FINANZIELLE UNTERSTÜTZUNG PR IS M A Finanzielle Unterstützung 27 Quellen der finanziellen Unterstützung sowie andere Unterstützung (z. B. zur Verfügung stellen von Daten); Funktion der Geldgeber für die systematische Übersicht A da pt io n - - nicht relevant Theoriegeleitete Arbeiten werden in der Regel nicht finanziell unterstützt Von den 27 Items der Checkliste des PRISMA-Standards können 16 auf theoriegeleitete Arbeiten übertragen werden. Elf Items beziehen 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 41 sich speziell auf Studien und wurden somit als nicht relevant beurteilt. In den Abschnitten Titel, Zusammenfassung, Einleitung und Diskussion können alle Items übertragen werden. Die als nicht relevant bewerteten Items sind demnach in den Abschnitten Methoden, Ergebnisse und Finanzielle Unterstützung zu finden. Sechs dieser Items sind im Abschnitt Methoden, vier Items im Abschnitt Ergebnisse und ein Item im Abschnitt Finanzielle Unterstützung enthalten. Da der Abschnitt Finanzielle Unterstützung nur aus einem Item besteht, entfällt dieser Abschnitt. Sowohl im Flussdiagramm als auch in der Checkliste in den beiden Abschnitten Methoden und Ergebnisse ist jeweils ein Item enthalten, das sich auf die Auswahl von Publikationen bezieht. Bei der Auswahl von Publikationen wird gefordert, dass der Auswahlprozess von Publikationen beschrieben wird, das heißt die Vorauswahl, die Eignung und der Ein- bzw. Ausschluss. Für die Eignung von Studien und im speziellen Fall von Publikationen werden vom PRISMA-Standard keine Methoden vorgegeben. Daher werden im folgenden Kapitel Kriterien zur Beurteilung von vorausgewählter Literatur auf deren Eignung entwickelt. Diese Kriterien eignen sich ebenfalls für die Items der Checkliste, die sich auf die Beschreibung des Risikos von „Verzerrungen“ in den Publikationen beziehen und somit, da bereits regelhaft berücksichtigt, als nicht relevant beurteilt wurden. 5.4 Beurteilung vorausgewählter Literatur auf Eignung Im Folgenden werden, wie bereits im vorigen Kapitel angekündigt, Kriterien zur Beurteilung von vorausgewählter Literatur auf deren Eignung entwickelt. Für Theoriearbeiten gibt es keine einheitlichen Vorgaben zur inhaltlichen Beurteilung von Literatur für den Ein- und Ausschluss bzw. ob diese für die weitere Bearbeitung eines Themas relevant ist. Trotzdem muss die vorausgewählte Literatur gesichtet und abschließend ent- 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 42 schieden werden, ob diese für die eigene Arbeit taugt bzw. ein- oder ausgeschlossen wird. Mögliche Kriterien könnten sein: Publikationsdatum Qualifikation des Autors Quelle oder Verlag Herausgeber bei Sammelwerken Inhaltsverzeichnis Ausgewählte Inhalte im Internet (z. B. Google Books oder Amazon) oder in Datenbanken (bereits überwiegend bei der Vorauswahl berücksichtigt) Literaturverzeichnis Nähe der Publikation zur Forschungsfrage bzw. zum Gegenstand Präsentation der Inhalte (Sprache, Objektivität der Darstellung, Genauigkeit, Ausführlichkeit) Theoretischer Hintergrund Stringenz Aufsätze in Zeitschriften oder Sammelwerken weisen häufig ähnliche Gliederungen auf, da diese andernfalls von Verlagen bzw. Redakteuren abgelehnt und somit nicht veröffentlicht werden, am Häufigsten wegen Mängeln im methodischen Teil.135 Eine Gliederung könnte demnach enthalten: Abstract: Darstellung des Inhaltes in sehr kurzer, prägnanter Form Einleitung: Kurzbericht des Forschungsstandes und Formulierung von Hypothesen Materialien und Methoden: Darstellung der Informationsquellen, Werkzeuge und Methoden zur Bearbeitung der Fragestellung sowie Rechtfertigung der Methode Resultate: Darstellung der Ergebnisse der Bemühungen 135 vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftliche_Publikation (11.12.2017, 12:45 Uhr) 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 43 Diskussion: Interpretation der Ergebnisse und deren Bedeutung für das Forschungsgebiet Zusammenfassung: Ähnlich wie das Abstract, jedoch eher zukunftsorientiert in Bezug auf weitergehende Fragestellungen. Danksagung: Dankworte an Geldgeber, Unterstützer und Kritiker sowie Mit- und Zuarbeiter Interessenkonflikte: Angabe der Interessenkonflikte, die sich durch die Finanzierung ergeben und eine Rolle spielen könnten Literaturliste: Auflistung der zitierten Publikationen136 „Diese Struktur ist aber nicht starr.“137 „Für den Leser jedoch sind zwei Teile am Wichtigsten: Der Abstract, da er angibt, ob der Rest der Studie lesenswert ist, und die Diskussion, da er die Ergebnisse schildert und einordnet.“138 Das Publikationsdatum lässt nicht unbedingt Rückschlüsse auf die Aktualität zu, da häufig mehrere Auflagen produziert werden, aber auch ältere Arbeiten relevant sind bzw. sein könnten. Jedoch lässt das erste Publikationsdatum den Bezug auf eine der verschiedenen Phasen von Niklas Luhmanns Theorie zu. Die Qualifikation des Autors gibt Hinweise darauf, ob dieser im relevanten Fachgebiet qualifiziert und anerkannt ist, ob er über eine wissenschaftliche Ausbildung (akademischer Titel) verfügt oder in einer wissenschaftlichen Institution tätig ist. Ein weiterer Anhaltspunkt könnte sein, ob er bzw. seine Werke in anderen Ausarbeitungen zitiert werden. Die Quelle oder der Verlag und deren Vertrauenswürdigkeit können Informationen zur Qualität einer Publikation liefern. Für Sammelwerke gilt dies analog für den Herausgeber. Bei Büchern lässt das Inhaltsverzeichnis erkennen, ob gewisse Kapitel Relevantes zu dem Thema bereitstellen, denn häufig ist es ausreichend, die wirklich geeigneten Kapitel herauszufiltern. Häufig wird bei neuerer Literatur zusätzlich im Internet die Einleitung 136 vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftliche_Publikation (11.12.2017, 12:45 Uhr) 137 https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftliche_Publikation (11.12.2017, 12:45 Uhr) 138 https://de.wikipedia.org/wiki/Wissenschaftliche_Publikation (11.12.2017, 12:45 Uhr) 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 44 oder einzelne Kapitel des Buches zur Verfügung gestellt (z. B. Google Books oder Amazon). Das Literaturverzeichnis vermittelt einen Überblick, welche Autoren und deren Werke in die Ausarbeitung einbezogen wurden. Auch lässt der Umfang, die Aktualität und die Nennung einschlägiger Autoren zum Thema auf die Qualität der Publikation schließen. Der theoretische Hintergrund als auch die Nähe der Publikation zur Forschungsfrage bzw. zum Gegenstand sind wesentliche Kriterien für die Auswahl einer Literaturquelle. Die Präsentation der Inhalte kann ebenfalls zur Beurteilung herangezogen werden. Hierzu zählen die Sprache oder die Objektivität der Darstellung sowie die Genauigkeit und Ausführlichkeit. Die Stringenz gibt einen Hinweis auf die Schlüssigkeit der Publikation und deren Beweis- bzw. Überzeugungskraft. Von einer Unterarbeitsgruppe der GRADE-Arbeitsgruppe (Grading Recommendations Assessment, Development and Evaluation139) wurde das CERQual (Confidence in the Evidence from Review of Qualitative Research = Vertrauen in die Evidenz aus Reviews qualitativer Studien140) Tool entwickelt.141 GRADE bietet „[…] einen allgemeinen, sinnvollen und transparenten Prozess zur Bewertung der Qualität der Evidenz und der Stärke der Empfehlung“142 von Effekten und Interventionen im Gesundheitswesen.143 GRADE ist jedoch für Reviews qualitativer Studien ungeeignet. Eine neue und transparente Herangehensweise bietet CERQual, um zu beurteilen, wie vertrauenswürdig die einzelnen qualitativen Studien, die in ein Review einbezogenen wurden, sind.144 139 http://www.cochrane.de/de/grade-faqs (11.12.2017, 12:50 Uhr) 140 http://www.cochrane.de/de/%C3%BCber-grade (11.12.2017, 09:00 Uhr) 141 vgl. http://www.cochrane.de/de/cerqual-zur-bewertung-qualitativer-studien (11.12.2017, 09:00 Uhr) 142 http://www.cochrane.de/de/willkommen-GRADE (11.12.2017, 12:45 Uhr) 143 http://www.cochrane.de/de/%C3%BCber-grade (11.12.2017, 12:50 Uhr) 144 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual). In: PLOS Medicine DOI:10.1371/ journal.pmed. 1001895 October 27, 2015, S. 2 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 45 Der CERQual-Ansatz ermöglicht, die einbezogenen Forschungsarbeiten eines Reviews qualitativer Studien konsistent und transparent zu bewerten und darzustellen, um so alle Bedenken hinsichtlich der Ergebnisse ausräumen zu können.145 Der CERQual-Ansatz basiert auf vier Kriterien, die zum Vertrauen in die einbezogenen Forschungsarbeiten eines Reviews qualitativer Studien beitragen: 1. Methodische Einschränkungen (Ausmaß der Probleme im Design oder bei der Durchführung der Primärstudien, die zu den Ergebnissen des Reviews beigetragen haben) 2. Relevanz (Ausmaß, in dem die Evidenz aus den Primärstudien, auf die sich die Ergebnisse des Reviews stützen, auf den in der Überprüfungsfrage angegebenen Kontext (Perspektive oder Population, Phänomen von Interesse, Festlegung) anwendbar ist) 3. Kohärenz der Erkenntnisfindung (Ausmaß, in dem die Ergebnisse des Reviews durch die Daten der beitragenden Primärstudien fundiert sind und eine überzeugende Erklärung für die in diesen Daten gefundenen Theorien oder Konzepte liefern) 4. Angemessenheit der unterstützenden Daten (Allgemeine Bestimmung des Umfangs und der Quantität von Daten, auf die sich die Review-Ergebnisse stützen)146 Die Einschätzung der Vertrauenswürdigkeit in die Evidenz beschreibt das Ausmaß, in der eine Studie eine angemessene Repräsentation des interessierenden Phänomens darstellt. Diese Einschätzung basiert auf den getroffenen Bewertungen für jede der vier CERQual-Kriterien.147 145 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual), S. 4 146 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual), S. 6 147 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 46 Die CERQual-Kriterien werden zunächst einzeln bewertet und im Anschluss für die finale Bewertung iterativ betrachtet, da die Komponenten interagieren und eine doppelte Herabstufung vermieden werden sollte.148 Zur Einschätzung des Vertrauens werden vier Stufen vorgeschlagen: hoch (sehr wahrscheinlich, dass die Studie das Phänomen angemessen darstellt und von Interesse ist) mittel bzw. moderat (wahrscheinlich, dass die Studie das Phänomen angemessen darstellt und von Interesse ist) gering (möglich, dass die Studie das Phänomen angemessen darstellt und von Interesse ist) sehr gering (nicht klar, ob die Studie das Phänomen angemessen darstellt und von Interesse ist) 149 Diese Kriterien werden auf Funde einer systematischen Literaturrecherche in der Soziologie übertragen, um die Vertrauenswürdigkeit bzw. Brauchbarkeit der zunächst einbezogenen Treffer beurteilen zu können. 1. Methodische Einschränkungen (Ausmaß der Probleme im Design der einzelnen Publikationen): Zu bewerten anhand des (ersten) Publikationsdatums, der Qualifikation des Autors, der Quelle oder dem Verlag, des Herausgebers bei Sammelwerken und der Präsentation der Inhalte (Sprache, Objektivität der Darstellung, Genauigkeit, Ausführlichkeit). Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual), S. 9 148 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual), S. 10 149 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual), S. 10–11 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 47 2. Relevanz (Ausmaß, in dem die Erkenntnisse bzw. Ergebnisse einer Publikation auf den in der Forschungsfrage angegebenen Kontext (Perspektive und Phänomen des Interesses) anwendbar sind): Zu bewerten anhand des theoretischen Hintergrunds und der Nähe der Publikation zur Forschungsfrage bzw. zum Gegenstand. 3. Kohärenz der Erkenntnisfindung (Ausmaß, in dem die Erkenntnisse bzw. Ergebnisse einer Publikation durch theoretische Hintergründe fundiert sind und eine überzeugende Erklärung für die gefundenen Theorien oder Konzepte liefern): Zu bewerten anhand des Inhaltsverzeichnisses und der Stringenz, des inhaltlichen Aufbaus der Argumentation, bei Aufsätzen zusätzlich anhand des Abstracts oder der Zusammenfassung und der Diskussion. 4. Angemessenheit der Quellen (Allgemeine Bestimmung des Umfangs und der Quantität von Daten, auf die sich die Erkenntnisse bzw. Ergebnisse stützen): Zu bewerten anhand des Literaturverzeichnisses. 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 48 Die Ergebnisse der abschließenden Prüfung auf die so genannten Vertrauenswürdigkeiten werden in einer gesonderten Tabelle nach folgendem Muster dargestellt: N r. R ef er en z T he m a M et ho di sc he E in sc hr än ku ng en R el ev an z K oh är en z A ng em es se nh ei t de r Q ue lle n B ew er tu ng d er V er tr au en sw ür di gk ei t in sg es am t E rk lä ru ng N um m er A ut or : N am e, V or na m e Ti te l b zw . T he m a de r P ub lik at io n A us m aß d er P ro bl em e im D es ig n de r e in ze ln en Pu bl ik at io ne n A us m aß , i n de m d ie E rk en nt ni ss e bz w . E rg eb ni ss e ei ne r P ub lik at io n au f d en in d er F or sc hu ng sf ra ge a ng eg eb en en K on te xt a nw en db ar si nd A us m aß , i n de m d ie E rk en nt ni ss e bz w . E rg eb ni ss e ei ne r P ub lik at io n du rc h th eo re tis ch e H in te rg rü nd e fu nd ie rt si nd u nd e in e üb er ze ug en de Er kl är un g fü r d ie g ef un de ne n Th eo rie n od er K on ze pt e lie fe rn A llg em ei ne B es tim m un g de s U m fa ng s u nd d er Q ua nt itä t v on D at en , a uf d ie si ch d ie E rk en nt ni ss e bz w . E rg eb ni ss e st üt ze n B ew er tu ng : ho ch , m it t el , g er in g od er se hr g er in g Zu sa m m en fa ss en de B eg rü nd un g de r B ew er tu ng 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 49 Lediglich zur besseren Lesbarkeit werden die Inhalte der Tabelle nochmals vorgestellt, wobei die Anordnung der Spalten und Zeilen getauscht wurde. Überschrift der Spalte Erklärung der Inhalte Nr. Nummer Referenz Autor: Name, Vorname Thema Titel bzw. Thema der Publikation Methodische Einschränkungen Ausmaß der Probleme im Design der einzelnen Publikationen Relevanz Ausmaß, in dem die Erkenntnisse bzw. Ergebnisse einer Publikation auf den in der Forschungsfrage angegebenen Kontext anwendbar sind Kohärenz Ausmaß, in dem die Erkenntnisse bzw. Ergebnisse einer Publikation durch theoretische Hintergründe fundiert sind und eine überzeugende Erklärung für die gefundenen Theorien oder Konzepte liefern Angemessenheit der Quellen Allgemeine Bestimmung des Umfangs und der Quantität von Daten, auf die sich die Erkenntnisse bzw. Ergebnisse stützen Bewertung der Vertrauenswürdigkeit insgesamt Bewertung: hoch, mittel, gering oder sehr gering Erklärung Zusammenfassende Begründung der Bewertung 5.5 Handrecherche Die Handrecherche dient der Vervollständigung bzw. Ergänzung des mit geeigneten Datenbanken beschriebenen Suchvorgehens. Bei der Handrecherche handelt es sich um die Durchsicht von Fachjournalen, die Prüfung der Referenzlisten relevanter Publikationen oder auch die Nutzung des Internets, um relevante Veröffentlichungen zu finden. 5 Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie 50 Wenn Literaturangaben von Quellen weiterverfolgt werden, sofern diese bei der systematischen Literaturrecherche nicht gefunden, aber als relevant erachtet werden, wird dies auch als „Methode der konzentrischen Kreise“150 benannt, auch als Schneeball- oder Lawinensystem bekannt. Da entsprechende Fachzeitschriften lediglich bis einschließlich 2015 in den Datenbanken zu finden sind,151 wurde zusätzlich eine Online- Handrecherche in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“, „Zeitschrift für Soziologie“, den Fachzeitschriften „Soziale Welt“ und „Soziologische Revue“ sowie dem „Berliner Journal für Soziologie“ durchgeführt. 150 Rossig, Wolfram E.; Prätsch, Joachim: Wissenschaftliches Arbeiten – Leitfaden für Haus- und Seminararbeiten, Diplom- und Magisterarbeiten, Dissertationen, S. 64 151 vgl. http://sowiport.gesis.org/Database (23.11.2017, 11:00 Uhr) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 51 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Luhmann Niklas Luhmann hat unzählige Schriften verfasst. Er ist Autor von vielen Büchern, hat Aufsätze in Zeitschriften veröffentlicht und auch Abhandlungen in Sammelwerken publiziert. Es existieren Schriftenverzeichnisse, die auf Grundlage fortlaufend geführter Publikationslisten erstellt und mit dem Gesamtverzeichnis der Veröffentlichungen Niklas Luhmanns abgeglichen wurden, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. In seinen Werken hat Luhmann sich immer wieder mit Funktionssystemen und Organisationen sowie System/Umwelt- und System-zu- System-Beziehungen beschäftigt und diese Begriffe bzw. Themen mit der Entwicklung seiner Systemtheorie angepasst. Jedoch ist häufig zu beobachten, dass in Veröffentlichungen Zitate von Luhmann aus den verschiedenen Etappen der Theorieentwicklung zusammengestellt werden, ohne zu reflektieren, was sich in der Bedeutung geändert haben könnte und welche Stellung Luhmann im weiteren Verlauf zu der entsprechenden Thematik bezogen hat. Daher werden diese Begrifflichkeiten und Themen rekonstruiert, d. h. der chronologische Entwicklungsverlauf verfolgt. Die Erklärung der Begrifflichkeiten wird durch die Zirkularität von Luhmanns Systemtheorie erschwert, so dass bei der Definition eines Begriffs bereits ein neuer Begriff auftaucht, der erst im Anschluss erläutert werden kann. Zudem hat Luhmann häufig verschiedene Erklärungen zu einem Begriff formuliert, die in Beziehung gesetzt werden müssen. Die Rekonstruktion der Begrifflichkeiten erfolgt in Anlehnung an die rationale Rekonstruktion. Es werden anhand der festgelegten Kriterien bzw. der formalen Logik zunächst jeweils das grundlegende Verständnis Luhmanns von einem sozialen System beleuchtet, um darauf 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 52 basierend die Begriffe Funktionssystem und Organisation sowie die System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen zu definieren. Dabei werden durchgängig Architekturbausteine und Merkmale unterschieden. Anzumerken ist, dass Luhmann selbst diese Einteilung nicht verwendet hat und diese auch nicht in der Literatur zu finden ist. Bei Architekturbausteinen handelt es sich um zentrale, wesentliche und unverzichtbare Begriffe der Systemtheorie, die nahezu alle in Inhaltsverzeichnissen von Luhmann zu finden und als definitionswürdig gedeutet werden. Die Festlegung der Architekturbausteine orientiert sich an der Zielsetzung der Arbeit und hätte in Teilen auch anders ausfallen können. Merkmale dienen der näheren Beschreibung und Erläuterung der Begrifflichkeiten. Gegenüberstellungen der (Schlüssel-)Begriffe sowie der Architekturbausteine und Merkmale in den verschiedenen Entwicklungsphasen von Niklas Luhmann sind in Anhang 1 bzw. Anhang 2 zu finden. 6.1 Methode der rationalen Rekonstruktion Bei der Betrachtung von Niklas Luhmanns Publikationen lassen sich über den langen Zeitraum der Entstehung verschiedene Einflüsse und Entwicklungen nachzeichnen. Um die Begrifflichkeiten rekonstruieren und diese Entwicklungen oder Veränderungen in seiner Theorie systematisch analysieren zu können, wird eine geeignete Methode benötigt. Allgemein wird Rekonstruktion als Nachvollziehen gedeutet, wozu die vorhandenen Publikationen von Niklas Luhmann herangezogen werden. In der Soziologie wird im Rahmen von Rekonstruktion die Einführung, Anwendung und/oder Diskussion qualitativer Methoden in der Sozial-152 und Organisationsforschung153 thematisiert. Dies ist 152 vgl. Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden. 9. überarbeitete und erweiterte Auflage, Verlag Barbara Budrich, Opladen & Toronto, 2014 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 53 der Tatsache geschuldet, dass „[d]ie Sozialwissenschaften […] empirische Wissenschaften [sind], also Erfahrungswissenschaften. Empirische Wissenschaften unterscheiden sich von nicht-empirischen Wissenschaften dadurch, dass in ihnen lediglich solche theoretischen Aussagen Anerkennung finden, die einer Nachprüfung durch die Erfahrung prinzipiell fähig sind.“154 „Der Vollständigkeit halber lassen sich von den empirischen Aussagen noch die analytischen Definitionen oder Begriffe unterscheiden. Diese beruhen auf Übereinkünften, Konventionen unter den Wissenschaftlern und stellen Voraussetzungen für empirische Aussagen dar.“155 Hierzu zählt z. B. auch Luhmanns Definition von System in seiner Systemtheorie.156 „Solche Definitionen oder analytischen Kategorien beruhen auf Übereinkünften, sind Voraussetzung für eine gemeinsame Sprache, mittels derer empirische Aussagen überhaupt erst getroffen werden können. Sie sind selbst keine empirischen Aussagen, zumindest keine solchen, die in der jeweiligen empirischen Untersuchung zur Überprüfung anstehen.“157 Für die Rekonstruktion von Begrifflichkeiten in Theorien oder anderen Bezügen konnte keine passende Methode gefunden werden. Am Geeignetsten erscheint die Methode der rationalen Rekonstruktion der empirisch-analytischen Wissenschaftstheorie158 mit „[…] ihrer Eigenschaft als metatheoretische Intellektualtechnik […]“159, die eine „[…] 153 vgl. Vogd, Werner: Rekonstruktive Organisationsforschung. Qualitative Methoden und theoretische Integration – eine Einführung. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills, 2009 154 vgl. Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 15 155 Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 17 156 vgl. Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 17 157 Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 17 158 Gallee, Martin Arnold: Bausteine einer abduktiven Wissenschafts- und Technikphilosophie. Das Problem der zwei „Kulturen“ aus methodologischer Perspektive. LIT Verlag, Münster 2003, S. 227–228 159 Gallee, Martin Arnold: Bausteine einer abduktiven Wissenschafts- und Technikphilosophie, S. 228 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 54 technische Unterform der Axiomatisierung […]“160 darstellt. Ziel ist es, eine Theorie durch einen Nachvollzug transparent zu machen und die logisch-formale (und nicht empirische) Struktur herauszuarbeiten.161 „[…] [R]ationale Rekonstruktionen [können] von Thesen, Theorien und Argumentationen durchgeführt [werden].“162 „Als rationale Rekonstruktionen können […] bereits [auch] schon solche Begriffsanalysen als rationale Rekonstruktion […] [aufgefasst werden], die die analysierten Begriffe zu explizieren suchen, auch ‚Begriffsexplikationen‘ genannt. […] Auch Systematisierungen von Theorien, die einzelne Thesen aus der Theorie unterscheiden und die möglicherweise widerspruchsvolle Theorien als konsistente Aussagenmengen darstellen – unter Umständen auch mit Begriffsexplikationen verbunden –, gelten als rationale Rekonstruktion.“163 Kennzeichnend für diese Methode ist, „[…] dass sie die untersuchten Theorien und Argumentationen im Lichte von Rationalitätsstandards und von zwischenzeitlich erworbenem Wissen zu verbessern suchen.“164 Allerdings ist „[d]ie Frage nach den Mitteln einer rationalen Konstruktion […] bewußt offen gelassen worden.“165 Laut Stegmüller läuft die Suche nach Rationalitätskriterien Gefahr, in der Irrationalität zu enden. Er stellt daher einen Zusammenhang zur formalen Logik her.166 Wenn Analysen „[…] einer ähnlichen Präzisierung zugänglich sind wie die formale Logik […] bilden diese Analysen eine logische 160 Gallee, Martin Arnold: Bausteine einer abduktiven Wissenschafts- und Technikphilosophie, S. 232 161 vgl. Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie. Heft 1, 2012, S. 117–126, S. 117 162 Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen. In: Internationale Zeitschrift für Philosophie. Heft 1, 2012, S. 117–126, S. 117 163 Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen, S. 119 164 Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen, S. 117 165 Stegmüller, Wolfgang: Neue Wege der Wissenschaftsphilosophie. Springer-Verlag, Berlin, Heidelberg, New York, 1980, S. 171 166 vgl. Stegmüller, Wolfgang: Neue Wege der Wissenschaftsphilosophie, S. 171 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 55 Rekonstruktion, also eine ‚rationale Rekonstruktionen‘ in einem engeren Sinne.“167 6.1.1 Entwicklung von Kriterien für die Rekonstruktion Für die Methode der rationalen Rekonstruktion ist kennzeichnend, „[…] dass sie die untersuchten Theorien und Argumentationen im Lichte von Rationalitätsstandards und von zwischenzeitlich erworbenem Wissen zu verbessern suchen.“168 Daher werden nun Kriterien bzw. eine formale Logik gesucht bzw. entwickelt, mit denen eine Rekonstruktion der Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann sinnvoll und logisch nachvollziehbar durchgeführt werden kann. Dirk Baecker unterteilt seinen Vortrag bei den Freiburger zur Orientierung „[…] der Einfachheit halber in ‚die 60er, 70er, 80er und 90er Jahre‘, um zu zeigen, was das Arbeiten Luhmanns in diesen Jahrzehnten mit Management, Organisation, Steuern von Organisation zu tun haben könnte.“169 Er zeichnet anhand dieser Unterteilung die verschiedenen Einflüsse und Entwicklungen in Luhmanns Systemtheorie nach.170 Daher eignet sich diese Einteilung ebenso gut zur Verfolgung der allgemeinen Entwicklungen in der Luhmannschen Systemtheorie, nicht nur bezogen auf die Aspekte Management, Organisation und Steuern von Organisation. „Luhmann [selbst] spricht im Anschluß an die Überlegungen des Wissenschaftshistorikers Thomas Kuhn von einem Paradigmenwechsel in der Allgemeinen Systemtheorie.“171 Der Paradigmenwechsel bezeichnet „[…] in der Systemtheorie einen Wechsel von zugrundegelegten Leitdifferenzen. Eine Leitdifferenz ist Paradigma, wenn sie als Diffe- 167 Stegmüller, Wolfgang: Neue Wege der Wissenschaftsphilosophie, S. 171 168 Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen, S. 117 169 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager. Vortrag vom 3. Oktober 1999. In: Freiburger Reden. Gefunden unter: http://www.hannesbrunner.com/sld/mat/Freibur ger_Reden-DirkBaecker.pdf (12.02.2018, 11:30 Uhr), S. 1 170 vgl. Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 1 171 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 47 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 56 renz in Differenz zu anderen Differenzen gewählt wird.“172 Weitere „An- und Umbauten der Systemtheorie in der Spanne von den sechziger bis zu den neunziger Jahren sind unverkennbar.“173 „Erste Leitdifferenz ist die von Ganzem und Teil (Ganzes-Teil- Schema). Bezeichnend ist [hier, Anm. d. Verf.] die Idee der Repräsentierbarkeit des Ganzen im Ganzen […].“174 In den 1960er Jahren „[…] tritt die Unterscheidung von System und Umwelt an die Stelle der Differenz vom Ganzen und seinen Teilen.“175 „Zweite Leitdifferenz ist [also, Anm. d. Verf.] die von System und Umwelt. Systeme existieren als jeweilige Differenzen von Systemen und Umwelten, wobei Systeme offen sind, also mit ihren Umwelten im Wesentlichen austauschmäßig verflochten betrachtet werden […]. Das Ganze erscheint jetzt als durch das jeweilige Zusammenwirken seiner Teile repräsentiert, was bereits verschiedene Repräsentationsmöglichkeiten impliziert.“176 In den 1980er Jahren „[…] wird die Theorie der offenen Systeme zunehmend durch eine Theorie autopoietischer Systeme ersetzt.“177 Diese „[d]ritte und aktuelle Leitdifferenz ist die Differenz von Identität und Differenz als Rational autopoietischer Systeme; in die dritte ist die zweite Leitdifferenz sekundär eingeschlossen. […] Speziell unter Bedingungen funktional ausdifferenzierter Teilsysteme 172 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, 3. Auflage, Lucius und Lucius, Stuttgart, 2001, S. 182 173 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 87 174 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 182 175 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 47; vgl. Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 182 176 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 182 177 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 47; vgl. Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 87 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 57 kann die Einheit des Ganzen nur noch mehrfach repräsentiert werden […].“178 6.1.1.1 1960er Jahre – System/Umwelt-Differenz „In den 60er Jahren war Luhmann hauptsächlich damit beschäftigt, eine inkongruente Perspektive zu entwickeln. Das heißt, eine Beobachtungsweise bzw. eine Beschreibungsform von sozialen Verhältnissen zu entwickeln, die quer zu dem steht, wie diese sozialen Verhältnisse sich selbst verstehen, sich selbst beschreiben, über sich selbst nachdenken.“179 Inkongruent bedeutet, dass Luhmann „[…] etwas in den Dingen und an den Dingen sieht, die die Dinge selbst von sich nicht sehen.“180 So sieht er auch in der Bürokratie etwas, was andere nicht sehen. Er beschreibt, „wie grandios, wie genial, wie intelligent und wie raffiniert“181 der bürokratische Mechanismus ist.182 „[…] [A]lle Welt [hat] den Eindruck, die Routine ist dasjenige, was den Menschen um seine reichen Möglichkeiten des Agierens, des Denkens, des Entscheidens, des Entwickelns beraubt.“183 Kein Gegenstand war damals bei den Soziologen stärker in der Kritik als die Bürokratie. Luhmann hingegen lobt die Routine von Bürokratien, denn nur dadurch, dass man sich auf sie verlassen kann, kann etwas verändert werden.184 „Das heißt – so die Formulierung von Luhmann: Routinen ermöglichen den Wechsel der Hinsichten, unter denen eine Organisation operiert.“185 Luhmann bezeichnet daher die Routinen als unentbehrlich.186 178 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 182 179 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 1 180 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 1 181 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 2 182 vgl. Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 2 183 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 2 184 vgl. Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 2 185 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 2 186 vgl. Luhmann, Niklas: Lob der Routine. In: Verwaltungsarchiv. Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik. 55. Band, Heft 1, 1964, S. 1–33, S. 1 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 58 Eine wichtige Grundlage für die Entwicklung von Luhmanns Theorie bildeten Talcott Parsons Erkenntnisse.187 Parsons ist Begründer der strukturell-funktionalen Systemtheorie,188 „[…] die dadurch gekennzeichnet [ist], dass der Strukturbegriff dem Funktionsbegriff vorgeordnet ist.“189 Die Systemtheorie hat sich vom traditionellen „[…] Paradigma des Ganzen und seiner Teile gelöst […]“190 und „[i]m ersten Schub […] durch die Differenz von System und Umwelt ersetzt.“191 „[…] [A]lle Entwicklungen der neueren Systemtheorie [erscheinen] als Variationen zum Thema ‚System und Umwelt‘.“192 Der von Luhmann herausgearbeitete Ansatz verdeutlicht, dass Systemtheorie notwendigerweise System-Umwelt-Theorie sein muss.193 „[…] [Z]um ersten Mal [wird] die Umwelt nicht nur als bedingender, sondern als konstitutiver Faktor der Systembildung betrachtet […] System-Umwelt-Konzeptionen […] begreifen soziale Gebilde als komplexe, sinnhaft konstituierte Einheiten, die eine Vielzahl von Problemen lösen müssen […].“194 Durch „[…] [d]ie Erkenntnis […], dass diese Einschränkung des Forschungsfeldes nicht Sache der Theorie ist, sondern durch Eigenleistung der Organisationen selbst zu erfolgen hat, ist eine neue Unterscheidung fällig: die von System und Umwelt. […] [A]lle bisherigen Unterscheidungen, die von Ganzem und Teilen, die der Hierarchie und die des Zweck/Mittel-Schemas, müssen jetzt neu interpretiert werden, die sich im Verhältnis von System und Umwelt zu bewähren haben.“195 „Konstitutiv für […] [den] Systembegriff ist somit die Vorstellung einer Grenze, die eine Differenzierung von Innen und Außen 187 vgl. Morstein Marx, Fritz: Einführung. In: Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation. Schriftenreihe der Hochschule Speyer, Band 20. 3. Aufl., Duncker & Humblot, Berlin, 1976, S. 7–14, S. 11 188 vgl. Willke, Helmut: Systemtheorie I: Grundlagen, S. 5 189 Willke, Helmut: Systemtheorie I: Grundlagen, S. 5 190 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 22 191 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 22 192 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 64 193 vgl. Willke, Helmut: Systemtheorie I: Grundlagen, S. 6–7 194 Willke, Helmut: Systemtheorie I: Grundlagen, S. 6–7 195 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 31 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 59 ermöglicht. Etwas ist entweder System (bzw. gehört zum System) oder Umwelt (bzw. gehört zur Umwelt).“196 Die Organisationstheorie der 1960er Jahre bediente sich der Theorie offener Systeme.197 „[…] [D]urch Austauschbeziehungen mit der Umwelt [schien es, als seien Systeme] in der Lage […], für sie brauchbare Differenzen zu produzieren, zufällig sich ergebende Gelegenheiten zum Aufbau eigener Ordnung zu nutzen und sich im erreichten Zustand stabil zu halten.“198 So konnte erklärt werden, „[…] wieso Entropie, der Verfall aller brauchbaren Differenzen, nicht eintritt und Ordnung aufgebaut wird. Offenheit bedeutet nun in jedem Falle Austausch mit der Umwelt, aber je nachdem, ob man an biologische oder organische Systeme oder an sinnorientierte Systeme denkt, also an soziale Systeme (Kommunikationssysteme) und an psychische Systeme (Bewusstsein und dergleichen, nimmt diese Vorstellung des Austausches verschiedene Formen an. […] [F]ür Sinnsysteme denkt man an in erster Linie an Austausch von Information. Ein Sinnsystem bezieht aus seiner Umwelt Information, interpretiert […] Überraschungen und ist in ein Netzwerk von anderen Systemen eingebaut, das auf dieses informationsverarbeitende System reagiert.“199 In den 1960er Jahren wurde von Luhmann die Basis für einen prinzipiell differenzialistischen bzw. differenztheoretischen Ansatz geschaffen.200 „Die Theorie beginnt mit einer Differenz, mit der Differenz von System und Umwelt, soweit sie Systemtheorie sein will […].“201 „Man kann jetzt sagen: Ein System ‚ist‘ die Differenz zwischen System und Umwelt.“202 196 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 38 197 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 31 198 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 31 199 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 45 200 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 67 201 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 67 202 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 66 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 60 „Innerhalb der Rahmenbedingungen, die mit der Unterscheidung gesetzt sind (und die erst die Möglichkeit bieten, etwas als ‚System‘ zu bezeichnen), haben sich zahlreiche Theoriekontroversen etabliert.“203 6.1.1.2 1970er Jahre Die 1970er Jahre waren durch einen großen Streit mit dem Thema geprägt,204 welche Rolle „[…] die Moral in der Integration und Konsensstiftung der Gesellschaft […]“205 spielt. Die „Luhmann-Habermas-Kontroverse“ bezeichnet die Auseinandersetzung von Luhmann mit der „Kritischen Theorie“ der Frankfurter Schule, speziell mit Jürgen Habermas.206 „Die beiden haben ein grundsätzlich unterschiedliches Wissenschaftsverständnis, völlig gegensätzliche theoretische Positionen und verwenden zentrale Begriffe wie ‚System‘ und ‚Kommunikation‘ in ganz unterschiedlichen Bedeutungen.“207 In der sozialwissenschaftlichen Theoriediskussion gelten die beiden Konzepte nach wie vor als weitgehend inkompatibel.208 Ende der 1970er Jahre war im Management-Kontext Reduktion von Komplexität das Thema.209 „Reduktion von Komplexität bezogen auf das Management heißt natürlich nichts anderes, als dass man einen Manager beobachten muss, der, genau so wie jeder andere Akteur auch, die Komplexität, von der er umgeben wird, auf ein Maß reduzieren muss, mit dem er umgehen kann […] Der Manager ist jemand, der beschrieben wird als jemand, der die Kontrollillusion benötigt, um seine Kontrolle, die tatsächlich möglich ist, durchzuführen.“210 „[…] [D]ie Formel der Reduktion der Komplexität […] [büßt im Laufe der 203 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 204 vgl. Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 3 205 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 3 206 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie, S. 19–21 207 Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie, S. 20 208 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie, S. 20 209 vgl. Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 4 210 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 4 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 61 Zeit] ihre dominierende Position innerhalb der Theorie sozialer Systeme […] [ein].“211 Die 1970er Jahre waren durch die oben genannte Kontroverse nicht von einschneidenden Aspekten geprägt, was die Entwicklung der Systemtheorie von Luhmann angeht. 6.1.1.3 1980er Jahre – Autopoietische Wende In den 1980er Jahren vollzog sich der nächste entscheidende Entwicklungsschritt der Systemtheorie nach der Einführung der System/Umwelt-Differenz. Er lag in der Einbeziehung selbstreferenzieller, also zirkulärer Verhältnisse. Die beiden chilenischen Biologen und Neurophysiologen Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela entwickelten den Begriff der Autopoiesis, der die Eigenart der Organisation von Lebewesen beschreibt.212 „Eine autopoietische Maschine ist eine Maschine, die als ein Netzwerk von der Produktion (Transformation und Destruktion) von Bestandteilen organisiert (als Einheit definiert) ist, das die Bestandteile erzeugt, welche erstens aufgrund ihrer Interaktionen und Transformationen kontinuierlich eben dieses Netzwerk an Prozessen (Relationen), das sie erzeugte, neu generieren und verwirklichen, und die zweitens dieses Netzwerk (die Maschine) als eine konkrete Einheit in dem Raum, in dem diese Bestandteile existieren, konstituieren, indem sie den topologischen Bereich seiner Verwirklichung als Netzwerk bestimmen.“213 Einfacher ausgedrückt sind „[a]utopoietische Systeme […] lebende Gebilde, die sich selbst herstellen und erhalten. Das geschieht, indem sie die Komponenten und Bestandteile, aus denen sie bestehen, selbst produzieren und herstel- 211 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 45–46 212 vgl. Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 47–49 213 Maturana, Humberto R.: Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit: Ausgewählte Arbeiten zur biologischen Epistemologie. Autorisierte deutsche Fassung von Wolfram K. Köck. 2. Aufl., Friedrich Vieweg & Sohn, Braunschweig, 1985, S. 184 ff. 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 62 len, indem sie also durch ihr Operieren ihre eigene Organisation fortlaufend erzeugen.“214 Diese Gedanken hat Luhmann auf soziale Systeme übertragen. „Autopoietische Systeme sind Systeme, die nicht nur ihre Strukturen, sondern auch die Elemente, aus denen sie bestehen, im Netzwerk eben dieser Elemente erzeugen. Die Elemente (und zeitlich gesehen sind das Operationen), aus denen autopoietische Systeme bestehen, […] werden […] im System erst erzeugt […].“215 „Es gibt weder Input noch Output von Elementen in das System oder aus dem System. Das System ist nicht nur auf struktureller, es ist auch auf operativer Ebene autonom.“ 216 „Entscheidend ist dabei die Erzeugung einer Differenz von System und Umwelt.“217 „[…] Mit dem Begriff Autopoiesis [wird] so gut wie nichts erklärt […], außer eben dieses Starten mit Selbstreferenz: eine Operation mit Anschlussfähigkeit.“218 „Die Theorie selbstreferenzieller Systeme behauptet, daß eine Ausdifferenzierung von Systemen nur durch Selbstreferenz zustande kommen kann, daß heißt dadurch, daß die Systeme in der Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst (sei es auf Elemente desselben Systems, sei es auf Operationen desselben Systems, sei es auf Einheit desselben Systems) Bezug nehmen.“219 Der differenzialistische Ansatz der Systemtheorie besagt, „[…] dass ein System nicht eine Einheit ist, sondern eine Differenz und dass man sich damit Schwierigkeiten einhandelt, sich die Einheit einer Differenz vorzustellen.“220 Es gibt „[…] die Unterscheidung zwischen System und Umwelt […]. Die Unterscheidung von System und Umwelt wird durch das System selber hergestellt.“221 Die These der operativen 214 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 48–49 215 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 65 216 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 67 217 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 66 218 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 78 219 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 25 220 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 91 221 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 91 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 63 und operationalen Geschlossenheit besagt, „[…] dass ein System seine Operationen nicht nutzen kann, um sich mit der Umwelt in Verbindung zu setzen.“222 Dabei kann das System vom Sinn der Operationen her Bezug auf die Umwelt nehmen. Operative Schließung bedeutet nicht die vollständige Isolierung eines Systems.223 Selbstreferenzielle Geschlossenheit erzeugt Offenheit.224 „Dies Konzept des selbstreferentiell-geschlossenen Systems steht nicht im Widerspruch zur Umweltoffenheit der Systeme; Geschlossenheit der selbstreferentiellen Operationsweise ist vielmehr eine Form der Erweiterung möglichen Umweltkontakts; sie steigert dadurch, daß sie bestimmungsfähigere Elemente konstituiert, die Komplexität der für das System möglichen Umwelt.“225 Luhmann selbst bezeichnete in seinem Werk „Soziale Systeme“ die neue Leitdifferenz, das neue Paradigma, als „Differenz von Identität und Differenz“226, über das die „[…] Theorie selbstreferenzieller Systeme […] die System/Umwelt-Theorie in sich aufnimmt […]. Denn Selbstreferenz kann in den aktuellen Operationen des Systems nur realisiert werden, wenn ein Selbst (sei es als Element, als Prozeß oder als System) durch es selbst identifiziert und gegen anderes different gesetzt werden kann.“227 Luhmann hat mit der autopoietischen Wende mit seiner Systemtheorie „[…] eine Kommunikationstheorie entwickelt, die zugleich Handlungstheorie ist. […] Allerdings ändert sich der Handlungsbegriff grundlegend. Er wird abhängig vom Kommunikationsbegriff.“228 222 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 93 223 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 95–100 224 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 25 225 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 63 226 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 26 227 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 26 228 Baecker, Dirk: Kommunikation und Handlung (3. Kapitel). In: Horster, Detlef (Hrsg.): Niklas Luhmann. Soziale Systeme. Akademie Verlag, Deutschland, 2013, S. 37–47, S. 37; vgl. Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 83–84 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 64 6.1.1.4 1990er Jahre – Einführung des Beobachters In den 1990er Jahren nimmt Luhmann Akzentverschiebungen in der Darstellung seiner Theorie vor,229 die „[…] sowohl sachlich als auch methodisch, aber auch situativ begründet [sind]. […] [D]er Beobachter [bekommt] eine wesentlich prominentere Rolle zugeschrieben. Das hat im Theoriegebäude Auswirkungen, die auf eine allmähliche Verschiebung des Akzents vom Autopoiesisbegriff Humberto R. Maturanas auf George Spencer-Browns Unterscheidungskalkül hinweisen. Und es ermöglicht, Luhmann selbst als Beobachter seiner Theorie, die nicht zuletzt auch seine eigene ist, vorführen, der andere Beobachter, sein Publikum, dazu einlädt, sich ebenfalls als Beobachter mit ihren Unterscheidungen ins Spiel zu bringen.“230 Wenn Luhmann „[…] auf George Spencer-Brown Bezug […] [nimmt], hat dies keinen deutlichen Bezug zu dem Formenkalkül als dem Hauptthema des Buches Laws of Form, sondern nur zu der Begrifflichkeit, mit der am Beginn und am Ende dieses Kalküls gearbeitet wird.“231 „[…] [O]hne eine Unterscheidung [kann man] nichts beobachten […] und […] diese Unterscheidung [muss] asymmetrisch verwendet werden […]. Sie muss die eine und nicht die andere Seite bezeichnen können.“232 Soziale Systeme sind, wie andere Systemarten auch, beobachtende Systeme.233 „Beobachten heißt einfach […]: Unterscheiden und Bezeichnen.“234 „[…] [U]nter Beobachtung [wird] eine systeminterne Operation verstanden, Beobachtung ist somit immer eine Konstruktion eines Systems, genauer: eine operativ hergestellte Konstruktion eines Systems.“235 229 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 8 230 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 8 231 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 143 232 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 144 233 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 69 234 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 69 235 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 98 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 65 Es existieren verschiedene Ebenen von Beobachtungen. Die Beobachtung erster Ordnung verbleibt auf der Ebene der Beschreibungen, mit denen die Welt so dargestellt wird, als ob sie so wäre, wie sie beschrieben wird.236 „Die Beobachtung zweiter Ordnung ist die Beobachtung eines Beobachters im Hinblick auf das, was er sehen, und im Hinblick auf das, […] was er nicht sehen kann.“237 Mit der Beobachtung zweiter Ordnung ist gemeint, dass ein Beobachter unter dem Aspekt beobachtet wird, wie er beobachtet. Dabei stellt sich die Frage, welche Unterscheidungen ein Beobachter nutzt, der beobachtet wird.238 „Erst im Beobachten dritter Ordnung läßt sich denn auch jene Einheit gewinnen, die eigens und fremdes Erkennen zusammenschließt. Der Beobachter zweiter Ordnung beobachtet sich selbst und andere. Der Beobachter dritter Ordnung fragt, wie dies möglich ist. Oder präziser: wie sich auf Grund der Beobachtung von Beobachtungen Systeme bilden.“239 Gemeinsam ist allen Ebenen, dass sie ihre Unterscheidung nicht sehen können, was als der „blinde Fleck“ des Beobachters bezeichnet wird.240 Desweiteren gibt es das Phänomen der Selbstbeobachtung. „Die Selbstbeobachtung ist nichts weiter als ein besonderer Anwendungsfall [der Beobachtung] […], der in Bezug auf sich selber unter anderem die vorher/nachher-Unterscheidung anwenden muss.“241 „Wie alles Beobachten erfordert Selbstbeobachtung eine Unterscheidung, und zwar hier die Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz. Mit dieser Differenz wird die Differenz von System und Umwelt, die das System durch die Autopoiesis seiner Operationen erzeugt, in das System hineinkopiert. Formal gesehen handelt es sich also um ein ‚re-entry‘ im Sinne des Formenkalküls von George Spencer Brown: Um einen Wiedereintritt der Unterscheidung in das durch 236 vgl. Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 98 237 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 155–156 238 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 155–156 239 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 499 240 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 145 241 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 60 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 66 sie Unterschiedene.“242 Bei allen Systemen findet dieses Unterscheiden zwischen sich selbst und allem anderen statt. Zur Erzeugung von Selbst- und Fremdreferenz kopieren sie ihre System/Umwelt- Differenz in sich hinein und benutzen diese als Beobachtungsschema (re-entry). Selbstbeobachtung heißt also, die eigene Systemlogik zu erschließen. Letztendlich macht sich das System seine Grenze bewusst, macht sie durch Differenz zum Thema.243 „Der Beobachter wurde auch von anderen und nicht nur auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie eingeführt, so z. B. von Heinz von Foerster, Humberto Maturana und Francisco Varela.“244 „Der Beobachter ist nicht einfach ein neues Faktum, das man zur Kenntnis zu nehmen hat, sondern er ist ein Erklärungsprinzip, dessen Einführung in die Wissenschaft deswegen von unabsehbaren Konsequenzen ist, weil unzählige andere Erklärungsprinzipien erst noch auf dieses neue abgestimmt werden müssen.“245 „Die 90er Jahre stehen [so] im Zeichen einer […] erstmaligen Platzierung des Begriffs der Kommunikation im Zentrum der Theorie.“246 Kommunikation wird als eine Zweiseitenform beschrieben,247 „[…] auf deren eine Seite Kommunikation ist und […] auf der anderen Seite das Bewusstsein ist oder der Mensch oder psychische Systeme oder sonst etwas.“248 6.1.2 Kriterien / Formale Logik für die Analyse Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Luhmannsche Systemtheorie in drei Phasen entstanden ist. Diese dienen auch als Kriterien bzw. formale Logik für die rationale Rekonstruktion der Be- 242 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72 243 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72 244 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 9 245 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 9 246 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 5 247 vgl. Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 5 248 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 5 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 67 griffe Funktionssystem und Organisation sowie der System/Umweltund System-zu-System-Beziehungen. 1. System/Umwelt-Differenz Die Differenz von System und Umwelt wird eingeführt. Dieses Modell konzipiert Systeme als offene Systeme, um erklären zu können, „[…] wieso Entropie […] nicht eintritt und wieso Ordnung aufgebaut wird. Offenheit bedeutet […] in jedem Falle Austausch mit der Umwelt […].“249 2. Autopoietische Wende „Die Übertragung des Autopoiesis-Begriffs auf den Phänomenbereich des Sozialen hat zur Konsequenz, daß soziale Gebilde als geschlossen operierende Einheiten beschrieben werden, die sich mittels der rekursiven Produktion ihrer Elemente selbst erzeugen und erhalten.“250 Die Ausdifferenzierung von Systemen kann nur durch Selbstreferenz zustande kommen. Systeme beziehen sich in ihrer Konstitution ihrer Elemente und ihrer elementaren Operationen auf sich selbst.251 So beruht alle Offenheit eines Systems auf dessen Geschlossenheit.252 3. Einführung des Beobachters Die Einführung des Beobachters ist ein Erklärungsprinzip, das viele Konsequenzen nach sich zieht.253 Eine Beobachtung ist immer eine systeminterne Operation, und die Beobachtung „[…] kann nur sehen, was sie mit ihrer Unterscheidung sehen kann und sie kann nicht sehen, was sie nicht sehen kann […].“254 249 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 45 250 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 65 251 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 25 252 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 63 253 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 9 254 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 101 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 68 6.2 Methodendarlegung der systematischen Literaturrecherche In „Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie“ (s. Kapitel 5) ist die Vorgehensweise der systematischen Literaturrecherche beschrieben, die für alle Recherchen dieser Arbeit Geltung hat. Um diese Recherche nachvollziehbar zu dokumentieren, wurden folgende Kriterien der Suchmethode vorangestellt: Vorstellung der verwendeten Datenbanken Eingesetzte Suchbegriffe Festlegung von Ein- und Ausschlusskriterien Quantifizierung der Treffer in den genutzten Datenbanken Typ und Güte der gefundenen Literatur Begründung für Ein- bzw. Ausschluss von Literatur Nach dem Rechercheeinstieg wurde eine systematische Literatursuche in geeigneten nationalen und internationalen Datenbanken durchgeführt, in denen soziologische Quellen gesammelt werden. Im Vorfeld wurden die Kriterien für einzuschließende und auszuschließende Suchergebnisse definiert. Um den Prozess der Recherche transparent und nachvollziehbar zu gestalten, werden die verwendeten Suchbegriffe, die genutzten Datenbanken, die Anzahl der Treffer und Typ der recherchierten Arbeiten sowie die Begründung für den Einbezug oder Ausschluss der Publikationen in Anlehnung an den PRISMA-Standard dargestellt. Die abschließende Beurteilung der so genannten Vertrauenswürdigkeit bzw. Brauchbarkeit erfolgte in Anlehnung an den CERQual-Ansatz, der auf Funde einer systematischen Literaturrecherche in der Soziologie adaptiert wurde (s. Kapitel 5.4). Für jede Datenbank besteht eine eigene Suchstrategie entsprechend der Datenbankkonzeption. Der Suchzeitraum wurde nicht begrenzt. Niklas Luhmann hat überwiegend seine Texte und Aufsätze in deutscher Sprache verfasst, nämlich in „[…] einer singulären Publikationsleistung von annähernd 600 Veröffentlichungen, darunter über 40 Monographien, zu fast allen Bereichen der modernen Gesellschaft.“255 Manche Publikationen wurden in andere Sprachen übersetzt wie z. B. 255 http://www.uni-bielefeld.de/soz/luhmann-archiv/ (21.05.2017, 11:10 Uhr) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 69 englisch, italienisch, portugiesisch und japanisch. Luhmann entwickelte also seine Systemtheorie in deutscher Sprache, worauf auch sein berühmter Zettelkasten hinweist.256 Daher wurden für die Rekonstruktion lediglich die deutschen Werke und nationale Datenbanken genutzt. Ergänzt wurde die systematische Literaturrecherche in den Datenbanken durch eine Handrecherche. Die Recherche wurde im November/Dezember 2017 durchgeführt und im November 2018 mit Ausnahme der Datenbank SOWIPORT wiederholt, da dieses Portal Ende 2017 eingestellt wurde.257 Anschließend finden sich die Ergebnisse der Recherche. Die zusätzlichen Funde der erneuten Recherche sind entsprechend gekennzeichnet. 6.2.1 Datenbanken Die Auswahl der Datenbanken richtete sich insbesondere nach der Nähe zum Forschungsgegenstand und nach der Zugänglichkeit. Die Recherche erfolgte in den Monaten November/Dezember 2017 in folgenden Datenbanken, die im Anschluss beschrieben werden: Online Public Access Catalogue (OPAC) der Katholischen Hochschule NRW SOWIPORT Deutsche Nationalbibliothek (DNB) Die Suchbegriffe wurden in den gewählten Datenbanken in deutscher Sprache verwendet. Zur transparenten Darstellung wurde für jede Datenbank, aus der relevante Treffer generiert werden konnten, ein Suchprotokoll angefertigt. Hier sind die exakten Recherchestrategien hinterlegt. Die Suchstrategie wurde bei Bedarf modifiziert, um den spezifischen Unterschieden der Literaturdatenbanken gerecht zu werden. Grundsätzlich wurden die Suchbegriffe soweit möglich anhand 256 vgl. Schmidt, Johannes F. K.: Der Zettelkasten Niklas Luhmanns als Überraschungsgenerator (http://www.uni-bielefeld.de/soz/luhmann-archiv/pdf/jschmidt_zettelkasten -als-uberraschungsgenerator.pdf (03.09.2017, 11:30 Uhr) 257 http://sowiport.gesis.org/ (01.11.2017, 11:35 Uhr) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 70 von booleschen Operatoren wie AND (UND), OR (ODER) und NOT (NICHT) kombiniert. Die Recherche wurde im November 2018 mit Ausnahme der Datenbank SOWIPORT wiederholt, da dieses Portal Ende 2017 eingestellt wurde.258 6.2.1.1 Online Public Access Catalogue (OPAC) der Katholischen Hochschule NRW Der Sucheinstieg erfolgte mittels des Online Public Access Catalogue (OPAC) der Katholischen Hochschule NRW. „Etwa 285.000 Medien aus verschiedenen Fachgebieten stehen dort - systematisch geordnet und frei zugänglich - zur Verfügung. […] Der Gesamtbestand der Hochschulbibliothek ist über […] den Online-Katalog jederzeit recherchierbar.“259 Aus Erfahrung ist bekannt, dass in dieser Bibliothek soziologische Literatur, insbesondere von Niklas Luhmann, vorgehalten wird. 6.2.1.2 SOWIPORT „Das sozialwissenschaftliche Fachportal SOWIPORT bündelt und vernetzt qualitätsgeprüfte Informationen nationaler und internationaler Anbieter. Zurzeit sind fast 10 Millionen Nachweise zu Veröffentlichungen und Forschungsprojekten aus 18 Datenbanken verfügbar. Durch die Verknüpfung der verschiedenen Datenbank-Thesauri untereinander lassen sich sämtliche Datenbanken und Informationsangebote in SOWIPORT mit einer datenbankübergreifenden Rechercheanfrage gleichzeitig durchsuchen. Folgende Themengebiete werden in SOWIPORT abgedeckt: Soziologie; Methoden der Sozialwissenschaften; Politikwissenschaft; Sozialpolitik; Sozialpsychologie; Psychologie; Bildungsforschung; Kommunikationswissenschaften; Wirtschaftswissenschaften; Demographie; Ethnologie; Historische Sozial- 258 http://sowiport.gesis.org/ (01.11.2017, 11:35 Uhr) 259 https://www.katho-nrw.de/katho-nrw/studium-lehre/hochschulbibliothek/ (03.03.2018, 15:40 Uhr) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 71 forschung; Arbeitsmarkt- und Berufsforschung; Gerontologie; Sozialarbeit; Geschichte und Gegenwart der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung. Im Fachportal eingebundene Datenbanken (Stand 11/2017): ASSIA: Applied Social Sciences Index and Abstracts (611.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) Bibliothekskatalog der Friedrich-Ebert-Stiftung (636.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Bibliothekskatalog der GESIS (ca. 133.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) FIS Bildung Literaturdatenbank (911.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Gerolit – Der Online-Katalog der DZA-Bibliothek (173.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Literaturdatenbank Arbeitsmarktforschung – LitDokAB (146.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Periodicals Archive Online – PAO (sozialwissenschaftlicher Ausschnitt, ca. 195.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Physical Education Index (432.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) PAIS International (2 Mio. Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) Social Science Open Access Repository – SSOAR (43.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Social Services Abstracts (189.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) Sociological Abstracts (1,1 Mio. Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) DZI-SoLit (220.000 Datensätze, kostenpflichtiger Zugang) USB Köln Opac Sozialwissenschaften (281.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) SOFIS (55.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) SOLIS (ca. 478.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Springer Online Journals (90.000 Datensätze, kostenpflichtiger Zugang) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 72 Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (118.000 Datensätze) World Affairs Online (1,0 Mio. Datensätze, kostenfreier Zugang) Worldwide Political Science Abstracts (845.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung)“260 Bei der Suche wurden boolesche Operatoren genutzt und, wenn sinnvoll, die Systematik der Trunkierungszeichen (*) beachtet. Für den Erscheinungszeitpunkt wurde kein Limit gesetzt. Die Suche wurde auf die Sprache Deutsch eingegrenzt. Leider wurde das Portal Ende 2017 eingestellt.261 6.2.1.3 Deutsche Nationalbibliothek Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek beinhaltet lückenlos sämtliche deutschsprachigen Publikationen wie Bücher, Zeitschriften, Dissertationen und Habilitationsschriften ab 1913262 und „[…] außerdem Übersetzungen aus dem Deutschen in andere Sprachen und fremdsprachige Germanica (seit 1941).“263 Diese werden dort archiviert und der Öffentlichkeit gedruckt oder in elektronischer Form zur Verfügung gestellt.264 Der weitere Vorteil dieser Bibliothek ist neben der Vollständigkeit, dass die Inhaltsverzeichnisse von Büchern online gesichtet werden können und somit eine erste Prüfung der Relevanz des Buches möglich ist. 260 http://rzblx10.uni-regensburg.de/dbinfo/detail.php?bib_id=rubo&colors=&ocolors=& lett=fs &tid=0&titel_id=7886 (01.11.2017, 11:30 Uhr) 261 http://sowiport.gesis.org/ (01.11.2017, 11:35 Uhr) 262 vgl. https://portal.dnb.de/opac.htm?view=redirect%3A%2Fopac.htm&dodServiceUrl =https%3A%2F%2Fportal.dnb.de%2Fdod (26.11.2017, 13:00 Uhr) 263 vgl. https://portal.dnb.de/opac.htm?view=redirect%3A%2Fopac.htm&dodServiceUrl =https%3A%2F%2Fportal.dnb.de%2Fdod (26.11.2017, 13:00 Uhr) 264 vgl. http://www.dnb.de/DE/Wir/wir_node.html (25.11.2017, 14:30 Uhr); vgl. https://portal.dnb.de/opac.htm?view=redirect%3A%2Fopac.htm&dodServiceUrl https%3A%2F%2Fportal.dnb.de%2Fdod (25.11.2017, 14:45 Uhr) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 73 Bei der Suche wurden die Option der erweiterten Suche und boolesche Operatoren genutzt und, wenn sinnvoll, die Systematik der Trunkierungszeichen (*) beachtet. Für den Erscheinungszeitpunkt wurde kein Limit gesetzt. 6.2.2 Suchbegriffe Für die Rekonstruktion von (Schlüssel-)Begriffen bei Niklas Luhmann werden, wie bereits erläutert, lediglich die deutschen Werke genutzt und die Literaturrecherche in deutscher Sprache geführt. Die Wahl der Suchbegriffe orientierte sich am Gegenstand. Die Suchbegriffe sind: Deutsch luhmann, niklas soziale systeme gesellschaft organisation Die Suchbegriffe wurden in die Datenbanken eingegeben und mit logischen Operatoren wie AND oder OR verbunden. Auf einen Ausschluss von Literatur aufgrund des Alters wurde verzichtet. Die Suche wurde über die Sprache Deutsch eingegrenzt. Sonstige Eingrenzungen der Suche erfolgten nicht, um die Bandbreite der Ergebnisse nicht einzuschränken. 6.2.3 Ein- und Ausschlusskriterien Die Definition der Ein- und Ausschlusskriterien erfolgte im Vorfeld der Recherche entsprechend der festgelegten Fragestellung. 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 74 Einschlusskriterien Publikationen, in denen explizit auf die jeweiligen Themen wie z. B. Gesellschaft und Organisation eingegangen wird, die der Soziologie zugeordnet werden können und als theoretischer Hintergrund Niklas Luhmanns Systemtheorie identifiziert werden kann. Die Einordnung geschieht entweder/oder über die Sichtung der Themengebiete (z. B. über Titel, Untertitel, Beschreibung in der Datenbank, Abstract) den Autor Niklas Luhmann Publikationen in deutscher Sprache Publikationen, deren Titel bzw. Inhaltsangabe aussagekräftig zur Forschungsfrage erscheinen Ausschlusskriterien Publikationen, die nicht von Niklas Luhmann verfasst wurden Publikationen in anderen Sprachen als Deutsch Nicht über nationale oder internationale Bibliotheken zugängliche Literatur Aufgrund eingeschränkter bibliographischer Informationen nicht nachvollziehbare Publikationen Unveröffentlichte Qualifikationsarbeiten Abstracts, denen kein Vollartikel folgt 6.2.4 Darstellung der Ergebnisse Die wichtigsten Daten zur Abfrage sämtlicher Datenbanken und Kataloge werden in einer einheitlichen Tabellenmaske entsprechend folgender Vorlage dargestellt. Institution z. B. Ort der Bibliothek Datenbank Name der Datenbank Suchbegriff(e) z. B. Schlagwort, Alle Felder Treffer Anzahl 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 75 Die identifizierten Treffer werden in einer gesonderten Tabelle nach folgendem Muster dargestellt. Nr. Referenz Thema Jahr Einbezogen Begründung N um m er A ut or : N am e, V or na m e Ti te l b zw . T he m a de r P ub lik at io n Er sc he in un gs ja hr Ja /N ei n K ur ze B eg rü nd un g zu m E in - b zw . A us sc hl us s e in er Pu bl ik at io n Die jeweiligen Listen mit den identifizierten Treffern und die entsprechende inhaltliche Beschreibung der einzelnen Publikationen können dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) entnommen werden. 6.2.5 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche Wie vom PRISMA-Standard gefordert werden die Suche und die Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche detailliert und nachvollziehbar abgebildet. 6.2.5.1 Rechercheeinstieg Der Rechercheeinstieg dient der Einschätzung der zu erwartenden Trefferquote bzw. der zu erwartenden Anzahl von Publikationen. Ziel ist, ggf. die Suchbegriffe und Suchstrategien aufgrund der gemachten Erfahrungen anzupassen sowie sich mit dem Gegenstand vertraut zu machen. Der Sucheinstieg erfolgte mittels des Online Public Access Catalogue (OPAC) der Katholischen Hochschule NRW. Es wurde die komplexe Suche gewählt, bei der drei Felder mit Suchbegriffen belegt und zusätzlich Suchkriterien (Alle Felder, Autor und Person, Schlagwort, Notation etc.) festgelegt werden können. Die Suchbegriffe wurden in die Datenbanken eingegeben und mit logischen Operatoren wie AND oder OR verbunden. Das Setzen weiterer 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 76 Limits ist nicht möglich. Die letztlich genutzte Suchstrategie ist grau hinterlegt. Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 143 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Alle Felder) soziale Systeme UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 7 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Alle Felder) gesellschaft UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 54 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Alle Felder) organisation UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 12 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Alle Felder) funktionale differenzierung UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 0 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 77 Suchbegriff(e) (Alle Felder) funktionssystem UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 0 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Alle Felder) strukturelle kopplung UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 0 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Alle Felder) interpenetration UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 0 Institution Frei zugänglich Datenbank OPAC der Katholischen Hochschule Köln Suchbegriff(e) (Alle Felder) soziale systeme OR (Alle Felder) gesellschaft OR (Alle Felder) organisation UND (Autor und Person) luhmann, niklas Treffer 61 Einschluss: 13; Ausschluss: 48 Mit der kombinierten Suche der Begriffe „Soziale Systeme“, „Gesellschaft“ und „Organisation“ (Alle Felder) in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Autor und Person) konnten 61 Treffer erzielt werden, was auch auf eine gute Trefferquote in anderen Datenbanken schlie- ßen lässt. Darunter befinden sich 46 Monographien, neun E-Books, ein Sammelwerksbeitrag, jeweils eine CD, DVD und Sprachkassette sowie zwei mehrbändige Werke. Die Suche mit den Begriffen „Funktionale Differenzierung“, „Funktionssystem“, „Strukturelle Kopplung“ und „Interpenetration“ (Alle Felder) jeweils in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Autor und Person) erzielten keine Treffer, wo- 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 78 raus geschlossen werden kann, dass diese Begrifflichkeiten auch in anderen Datenbanken zu wenigen Treffern führen werden. Es konnten 29 Dopplungen identifiziert werden, sodass lediglich 32 Treffer zu verzeichnen sind, die auf deren Tauglichkeit geprüft werden mussten. Falls es sich um Themengebiete rund um Funktionssysteme handelt und diese nicht die gesellschaftlichen Zentralbereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht betreffen, die in besonderem Maß Einfluss auf das System der Medizin nehmen, wurden diese ebenfalls ausgeschlossen. Auch das Erziehungssystem wurde in die Betrachtung einbezogen, da es laut Luhmann Parallelen bzw. Ähnlichkeiten zum System der Krankenbehandlung aufweist.265 Es finden dabei lediglich jeweils die zentralen Werke Luhmanns Berücksichtigung. Unstrittig ist dabei, dass es grundsätzlich keine Rangordnung bei den Funktionssystemen in dem Sinne gibt, dass ein Funktionssystem wichtiger als ein anderes ist, sondern dass diese horizontal nebeneinander geordnet sind.266 Bei der funktionalen Differenzierung handelt es sich um die „Gleichheit ungleicher Systeme“267. Dabei gilt „[i]n funktional differenzierten Gesellschaften […] die […] Ordnung: das System mit der höchsten Versagensquote dominiert, weil der Ausfall von spezifischen Funktionsbedingungen nirgendwo kompensiert werden kann und überall zu gravierenden Anpassungen zwingt“.268 Dennoch zeichnet 265 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 407–409; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem. Eine Stellungnahme aus gesellschaftstheoretischer Sicht. In: Dorneich-Herder, Philipp; Schuller, Alexander (Hrsg.): Die Anspruchsspirale. Schicksal oder Systemdefekt? Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart Berlin Köln Mainz, 1983, S. 28–49, S. 40–41 266 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft. 1. Aufl., Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 2005, S. 254; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 746; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft. 1. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2002, S. 106; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft. 3. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1999, S. 10 267 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 43, S. 746 268 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 769 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 79 sich anscheinend ein harter Kern „[…] der wichtigsten Funktionssysteme der Gesellschaft“269 ab. Schließlich konnten 13 Treffer identifiziert werden, die für die Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann relevant sein könnten. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). Bei der abschließenden Beurteilung der vorausgewählten Literatur auf Eignung anhand der entwickelten Kriterien wurden alle 13 Treffer mit einer hohen Vertrauenswürdigkeit eingestuft. Die Trefferbewertungen mit den abschließenden Beurteilungen zum Ein- oder Ausschluss der gefunden Literatur werden ebenfalls in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) ausführlich dargelegt. Es handelt sich um 12 Monographien und ein mehrbändiges Werk. Bei der Aktualisierung der Recherche im November 2018 wurden mit 72 Treffern elf weitere erzielt, wobei es sich um eine Dopplung und sechs neue Publikationen handelt, die teils mehrmals gelistet wurden. Fünf dieser Funde wurden bereits bei der Recherche in den Datenbanken SOWIPORT und/oder der Deutschen Nationalbibliothek im November/Dezember 2017 als relevant identifiziert. Somit hat lediglich eine neue Veröffentlichung vorgelegen. Es handelt sich um eine Ver- öffentlichung von schwer auffindbaren Texten und bisher unveröffentlichten Materialien zum Thema Organisation von Luhmann aus den Jahren 1958-1969. Die zuvor veröffentlichten und relevanten Aufsätze wurden bereits berücksichtigt. Die restlichen Arbeiten beziehen sich insbesondere auf die Verwaltung und fanden somit keine Berücksichtigung. 269 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 11 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 80 6.2.5.2 SOWIPORT In dieser Datenbank wurden exemplarisch Suchbegriffe aus dem Rechercheeinstieg übernommen, um nochmals zu überprüfen, ob die gewählten Suchbegriffe den Anforderungen an eine umfassende Recherche genügen. Es wurde die erweiterte Suche gewählt, bei der beliebig viele Felder mit Suchbegriffen belegt und zusätzlich Suchkriterien (Alle Felder, Titel, Personen, Institutionen, Schlagworte etc.) festgelegt werden können. Die Suchbegriffe wurden in die Datenbank eingegeben und mit logischen Operatoren wie AND oder OR verbunden. Die Suche wurde auf die Sprache Deutsch eingegrenzt. Die letztlich genutzte Suchstrategie ist grau hinterlegt. Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 635 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: soziale systeme) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 32 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: gesellschaft) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 256 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 81 Suchbegriff(e) (Alle Felder: organisation) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 55 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: funktionssystem*) AND (Alle Felder: organisation*) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 5 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: funktionale differenzierung) AND (Alle Felder: organisation*) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 1 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: strukturelle kopplung) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 2 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: interpenetration) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) Treffer 10 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: soziale systeme OR gesellschaft OR organisation) AND (Personen: luhmann, niklas) AND (Sprache: „Deutsch (DE)“) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 82 Treffer 266 Einschluss: 32; Ausschluss: 234 Mit der kombinierten Suche mit den Begriffen „Soziale Systeme“, „Gesellschaft“ und „Organisation“ (Alle Felder) in Kombination mit der Person „Luhmann, Niklas“ wurden 266 Treffer erzielt. Darunter befinden sich 104 Bücher, 80 Sammelwerksbeiträge, 79 Zeitschriftenaufsätze und zwei Treffer ohne Angabe des Dokumententyps. Die Suche mit den Begriffen „Funktionale Differenzierung“, „Funktionssystem“, „Strukturelle Kopplung“ und „Interpenetration“ (Alle Felder) jeweils in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Autor und Person) erzielten nur sehr wenige Treffer, wie bereits beim Rechercheeinstieg vermutet wurde. Bei der Bearbeitung der gefundenen Literatur konnten 111 Dopplungen festgestellt werden, sodass noch 155 Treffer zu beurteilen waren. Wie beim Rechercheeinstieg wurden Treffer ausgeschlossen, falls diese Themengebiete rund um Funktionssysteme behandeln, die nicht gesellschaftliche Zentralbereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht betreffen, die in besonderem Maße Einfluss auf das System der Medizin nehmen. Auch das Erziehungssystem wurde in die Betrachtung einbezogen, da es laut Luhmann Parallelen bzw. Ähnlichkeiten zum System der Krankenbehandlung aufweist.270 Es finden dabei lediglich jeweils die zentralen Werke Luhmanns Berücksichtigung. Nach Sichtung der Titel und Inhaltsbeschreibungen in der Datenbank oder anderweitig verfügbarer Abstracts konnten 32 Publikationen als relevant identifiziert werden. Hierin sind die 13 Treffer des Rechercheeinstiegs enthalten. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). 270 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 407–409; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 40–41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 83 Bei der abschließenden Beurteilung der vorausgewählten Literatur auf Eignung anhand der entwickelten Kriterien wurden 30 Publikationen als endgültig relevant bewertet, wovon 27 Treffer mit einer hohen und drei Treffer mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit eingestuft wurden. Zwei Treffer wurden mit einer geringen bzw. sehr geringen Vertrauenswürdigkeit bewertet und wurden somit nicht in die weitere Bearbeitung der Thematik einbezogen. Die Trefferbewertungen mit den abschließenden Beurteilungen zum Ein- oder Ausschluss der gefunden Literatur werden ebenfalls in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) ausführlich dargelegt. Es handelt sich um 19 Bücher, acht Sammelwerksbeiträge und drei Zeitschriftenaufsätze. 6.2.5.3 Deutsche Nationalbibliothek In der Deutschen Nationalbibliothek wurden die gewählten und bewährten Suchbegriffe und Kombinationen für eine umfassende Recherche übernommen. Mit der Anwendung der Einstellung „Alle Begriffe“ (woe all) wurden bei der kombinierten Suche 331 Treffer erzielt. Die Sichtung der Treffer zeigte, dass es sich überwiegend um Übersetzung von Luhmanns Werken in andere Sprachen wie z. B. Niederländisch, Italienisch, Portugiesisch, Dänisch, Japanisch, Französisch, Tschechisch, Koreanisch und Englisch handelt. Daher musste hier eine andere Suchstrategie Anwendung finden bzw. die Suche eingeschränkt werden. Die Expertensuche eröffnet die Möglichkeit, die Suche von Person auf Autor umzustellen und die Sprache auf deutsche Werke einzuschränken. Die letztlich genutzte Suche ist grau hinterlegt. Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) per="luhmann, niklas" Treffer 835 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 84 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) woe all "soziales system" or woe all "gesellschaft" or woe all "organisation" and per="luhmann, niklas" Treffer 331 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) atr="luhmann, niklas" Treffer 439 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) atr="luhmann, niklas" and spr=“ger“ Treffer 72 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) woe all "soziale systeme" and atr="luhmann, niklas" and spr=“ger“ Treffer 5 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) woe all "gesellschaft" and atr="luhmann, niklas" and spr=“ger“ Treffer 29 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) woe all „organisation“ and atr=“luhmann, niklas“ and and spr=“ger“ Treffer 7 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 85 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) woe all "soziale systeme" or woe all "gesellschaft" or woe all "organisation" and atr="luhmann, niklas" and spr="ger" Treffer 32 Einschluss: 12; Ausschluss: 20 Mit der kombinierten Suche mit den Begriffen „Soziale Systeme“, „Gesellschaft“ und „Organisation“ (Alle Begriffe) in Kombination mit dem Autor „Luhmann, Niklas“ und der Einschränkung der Sprache auf Deutsch wurden 32 Treffer erzielt. Darunter befinden sich ein Film bzw. Hörbuch, 28 Bücher, drei Online-Ressourcen und ein Sammelwerksbeitrag. Bei der Bearbeitung der gefundenen Literatur konnten acht Dopplungen festgestellt werden, sodass noch 24 Treffer zu beurteilen waren. Wie beim Rechercheeinstieg und der Recherche in dem Fachportal SOWIPORT wurden Treffer ausgeschlossen, die Themengebiete rund um Funktionssystemen behandeln, die nicht gesellschaftlichen Zentralbereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht betreffen, die in besonderem Maße Einfluss auf das System der Medizin nehmen. Auch das Erziehungssystem wurde in die Betrachtung einbezogen, da es laut Luhmann Parallelen bzw. Ähnlichkeiten zum System der Krankenbehandlung aufweist.271 Es finden dabei lediglich jeweils die zentralen Werke Luhmanns Berücksichtigung. Nach Sichtung der Inhaltstexte in der Datenbank oder anderweitig verfügbarer Abstracts konnten zwölf Publikationen als relevant identifiziert werden, wovon elf Publikationen bereits mithilfe des Fachportals SOWIPORT als relevant identifiziert werden konnten. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). 271 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 407–409; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 40–41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 86 Bei der inhaltlichen Beurteilung der vorausgewählten Literatur auf Eignung anhand der entwickelten Kriterien wurde der neue Fund mit einer hohen Vertrauenswürdigkeit und damit abschließend als relevant bewertet. Bei den elf Publikationen, die bereits mithilfe des Fachportals SOWIPORT als relevant identifiziert und abschließend bewertet wurden, liegen ebenfalls hohe Vertrauenswürdigkeiten vor. Die Trefferbewertungen mit den abschließenden Beurteilungen zum Ein- oder Ausschluss der gefunden Literatur werden ebenfalls in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) ausführlich dargelegt. Bei allen Treffern handelt es sich um Bücher. Bei der Aktualisierung der Recherche im November 2018 wurden mit 35 Treffern drei weitere erzielt. Beim Vergleich mit den Ergebnissen vom November/Dezember 2017 fällt auf, dass vier Publikationen nicht mehr gelistet und sieben neue hinzugekommen sind, wobei es sich um fünf neue Publikationen handelt, die teils mehrmals aufgeführt wurden. Einer dieser Funde wurde bereits bei der Recherche in der Datenbank SOWIPORT im November/Dezember 2017 als relevant identifiziert. Zwei Schriften werden voraussichtlich erst im April 2019 erscheinen und fallen somit aus der Betrachtung heraus. Die beiden noch verbleibenden Publikationen eignen sich nicht für die weitere Bearbeitung des Themas und finden daher keine Berücksichtigung. 6.2.5.4 Handrecherche Die Handrecherche dient der Vervollständigung bzw. Ergänzung des mit geeigneten Datenbanken beschriebenen Suchvorgehens. Bei der Handrecherche handelt es sich um die Durchsicht von Fachjournalen, die Prüfung der Referenzlisten relevanter Publikationen oder auch die Nutzung des Internets, um relevante Veröffentlichungen zu finden. Bei der Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann wurde insbesondere auf ein Schriftenverzeichnis von Niklas Luhmann zurückgegriffen, welches 1998 in der Fachzeitschrift „Soziale Syste- 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 87 me“272 mit 465 Nennungen veröffentlicht wurde, allerdings keinen Anspruch auf Vollständigkeit mit Blick auf Zweitveröffentlichungen, insbesondere Übersetzungen, erhebt. Zusätzlich wurde auf einen Fund im Internet zurückgegriffen, bei dem Primär- und Sekundärliteratur zu Niklas Luhmann und seiner Systemtheorie273 präsentiert wird. Gelistet werden hier 70 Buchpublikationen und 382 Aufsätze. Da entsprechende Fachzeitschriften lediglich bis einschließlich 2015 in den Datenbanken zu finden sind,274 wurde zusätzlich eine Online- Handrecherche in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“, „Zeitschrift für Soziologie“, in den Fachzeitschriften „Soziale Welt“ und „Soziologische Revue“ sowie dem „Berliner Journal für Soziologie“ durchgeführt. Gefunden wurde hier lediglich ein Artikel, verfasst von Niklas Luhmann im Jahr 1975, der 2017 von Johannes Schmidt und André Kieserling in der „Sozialen Welt“ veröffentlicht wurde, der allerdings aufgrund des Titels und der Zusammenfassung keine Berücksichtigung gefunden hat. Die Ergebnisse der verwendeten Publikationen können dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) entnommen werden. Auch diese Treffer wurden anhand der entwickelten Kriterien bei der inhaltlichen Beurteilung abschließend bewertet, was ebenfalls in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) ausführlich dargelegt ist. Bei der Handrecherche konnten 20 relevante Publikationen identifiziert werden. 19 Publikationen wurden anschließend mit einer hohen und eine Publikation mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit bewertet. Darunter sind drei Bücher, neun Sammelwerksbeiträge und acht Zeitschriftenaufsätze zu finden. 272 vgl. Niklas Luhmann: Schriftenverzeichnis. In: Soziale Systeme, Jahrgang 4, 1998, S. 232–263 273 vgl. https://w3-mediapool.hm.edu/mediapool/media/fk11/fk11_lokal/forschungpulika tionen/lehrmaterialen/dokumente_112/sagebiel_1/Publikationen-Niklas_Luhmann. pdf (06.01.2018, 09:00 Uhr) 274 vgl. http://sowiport.gesis.org/Database (23.11.2017, 11:00 Uhr) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 88 Die Wiederholung der Handrecherche im November 2018 ergab keine neuen Ergebnisse. 6.2.5.5 Zusammenfassung der Ergebnisse der Literaturrecherche Die Literatursuche zur Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann ermöglicht das Vorhaben, die verschiedenen Begriffe im zeitlichen Verlauf der Entwicklung von Niklas Luhmanns Systemtheorie zu betrachten. Die Suche erfolgte ohne Einschränkung des Suchzeitraums, allerdings mit der Einschränkung auf nationale Datenbanken und die Sprache Deutsch, wobei SOWIPORT auch internationale Daten vorhält. Niklas Luhmann hat, wie bereits erwähnt, seine Theorie in deutscher Sprache entwickelt. In den Datenbanken SOWIPORT und Deutsche Nationalbibliothek wurde die Suche mit deutschen Suchbegriffen durchgeführt. Es wurden Treffer ausgeschlossen, die, falls es sich um Themengebiete von Funktionssystemen handelt, nicht die gesellschaftlichen Zentralbereiche wie Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht betreffen, die in besonderem Maße Einfluss auf das System der Medizin nehmen. Auch das Erziehungssystem wurde in die Betrachtung einbezogen, da es laut Luhmann Parallelen bzw. Ähnlichkeiten zum System der Krankenbehandlung aufweist.275 So konnten insgesamt 31 Publikationen als endgültig relevant bewertet werden, wovon 28 Treffer mit einer hohen und drei Treffer mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit eingestuft wurden. Es handelt sich um 20 Bücher, acht Sammelwerksbeiträge und drei Zeitschriftenaufsätze, in denen insgesamt 2.442 brauchbare Zitate bzw. Textstellen identifiziert werden konnten. Bei der Handrecherche konnten zusätzlich 20 relevante Publikationen identifiziert werden, wovon 19 Publikationen mit einer hohen und eine Publikation mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit bewertet wurden. Darunter befinden sich drei Bücher, neun Sammelwerksbeiträge 275 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 407–409; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 40–41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 89 und acht Zeitschriftenaufsätze, in denen 396 Zitate bzw. Textstellen für die weitere Bearbeitung des Themas Verwendung finden konnten. Insgesamt liegt somit mit nahezu 3.000 Zitaten und Textstellen genügend Material vor, um die Architekturbausteine und Merkmale für die verschiedenen Etappen der Theorieentwicklung herauszuarbeiten und diese näher zu bestimmen bzw. zu definieren. Die meisten Treffer sind zum Begriff Gesellschaft zu verzeichnen, wobei bei der inhaltlichen Durchsicht insbesondere in den Hauptwerken ebenfalls Aussagen zu den Begrifflichkeiten Soziales System und Organisation gefunden werden konnten. Die Listen mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). 6.3 1960er Jahre – System/Umwelt-Differenz Zunächst wird grundlegend Luhmanns Verständnis von einem sozialen System in der Phase der System/Umwelt-Differenz beleuchtet, um darauf aufbauend auf die Begriffe bzw. Theorien zu Gesellschaft, Funktionssystem und Organisation einzugehen. Im Anschluss werden die Beziehungen von System und Umwelt sowie System zu System untersucht. Von Mitte der 1950er Jahre bis zu Beginn der 1960er Jahre wurde Niklas Luhmann von seiner Tätigkeit als Verwaltungsbeamter in Lüneburg und im Anschluss als Referent am Forschungsinstitut der Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer geprägt.276 Daher ist es nicht verwunderlich, dass sich seine Ausarbeitungen im besonderen Maße mit den Besonderheiten in Verwaltungen beschäfti- 276 vgl. http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/luhmann/26bio.htm (12.02.2018, 12:00 Uhr) 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 90 gen. Ab Mitte der 1960er Jahre beschäftigte er sich zunehmend mit der Sozialforschung und Soziologie.277 Luhmanns Systemtheorie „[…] erhebt […] einen Anspruch auf universelle Anwendbarkeit. […] Mit Universalität ist nur behauptet, daß sich alle Tatbestände, im Falle der Soziologie alle sozialen Tatbestände, systemtheoretisch interpretieren lassen. Damit ist nicht gesagt, daß Systemtheorie die einzig mögliche oder die einzig richtige soziologische Theorie sei und daß andere Soziologen im Irrtum seien, wenn sie sich ihr nicht anschließen.“278 „Universalität der Theorie heißt nicht, daß ihre Gegenstände total, das heißt in allen nur möglichen Hinsichten erfasse.“279 6.3.1 Soziale Systeme (Theorie) Grundsätzlich ist festzuhalten, dass „[d]ie allgemeine Theorie sozialer Systeme […] nur sehr abstrakte Begriffe und Rahmenbedingungen für die Analyse der sozialen Wirklichkeit [formuliert]. Sie klärt immerhin prinzipiell, wie soziale Systeme sich durch Prozesse der Selbstselektion und Grenzziehung konstituieren.“280 Luhmanns „[…] Skizze einer Systemtheorie […] sucht ihre Grundlagen in letzterreichbaren ‚Bezugsproblemen‘, die Vergleiche mit anderen Möglichkeiten erschlie- ßen, nicht in einem Axiomensystem, aus dem sich deduzieren ließe, wie die Welt in einem Zustand ist und nicht in einem anderen. Sie ermöglicht deshalb auch keine eindeutigen Prognosen bestimmter Ereignisse.“281 „Es geht in der Soziologie um zum Teil sehr komplexe, 277 vgl. http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/luhmann/26bio.htm (12.02.2018, 12:00 Uhr) 278 Luhmann, Niklas: Universalität und Begründbarkeit der Systemtheorie. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie-Diskussion Jürgen Habermas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 378–398, S. 378; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. Band 1. 5. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1984, S. 113 279 Luhmann, Niklas: Universalität und Begründbarkeit der Systemtheorie, S. 379 280 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2. Aufsätze zur Theorie der Gesellschaft. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1975, S. 13 281 Luhmann, Niklas: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 149 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 91 auf Sinn gebaute Handlungssysteme. Man weiß, daß solche Systeme nicht kausalgesetzlich auf spezifische Ursachen zurückführbar sind und daß ihre interne Kausalstruktur so komplex und variabel ist, daß jeder Versuch, bestimmte Wirkungen zu korrelieren, ‚certeris paribus‘-Annahmen machen muß, die von vornherein nur minimale Wahrscheinlichkeit in Anspruch nehmen.“282 „Dieses Interesse an problematischen Konstanzen in umweltoffenen und umweltabhängigen Systemen ist ein kennzeichnendes Merkmal der neueren Systemtheorie – im Gegensatz zu den älteren ontologischen Systemlehren, die den Systembegriff durch die Begriffe Teil, Ganzes und Beziehung, also ohne jeden Bezug zur Umwelt, definierten.“283 „Innerhalb […] [dieser Theorie] lassen sich mehrere Ebenen der Systembildung unterscheiden, nämlich gesamtgesellschaftliche Systeme, organisierte Sozialsysteme und einfache Interaktionssysteme unter Anwesenden.“284 Die Systemtheorie betrachtet auch die „‚dysfunktionalen‘ Folgen einer funktionalen Leistung“285. „Dem liegt die Vorstellung zugrunde, daß soziale Systeme faktischen Handelns […] nicht nur eine, sondern verschiedene, zueinander widerspruchsvolle Funktionen erfüllen müssen, wenn sie überleben wollen.“286 282 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 129 283 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 16 284 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen. In: Kommunikation und Gesellschaft: Möglichkeiten und Grenzen von Kommunikation und Marketing in einer sich wandelnden Gesellschaft. Verlag Nadolski, Karlsruhe, 1972, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 13–15; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 10–12 285 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 28 286 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 28 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 92 6.3.1.1 Soziales System Zur Bestimmung des Begriffs „Soziales System“ nutzt Luhmann unterschiedliche Begriffe seiner Theorie, nämlich die Architekturbausteine Handlungen Sinn Innen/Außendifferenz und Merkmale Grenzen Komplexitätsreduktion Verhaltenserwartungen „Systemtheorien […] begreifen soziale Gebilde jeder Art – Familien, Produktionsbetriebe, Geselligkeitsvereine, Staaten, Marktwirtschaften, Kirchen, Gesellschaften – als sehr komplexe Handlungssysteme, die eine Vielzahl von Problemen lösen müssen, wenn sie sich in ihrer Umwelt erhalten wollen.“287 „Soziale Systeme können wie alle Systeme begriffen werden als strukturierte Beziehungsgefüge, die bestimmte Möglichkeiten festlegen und andere ausschließen.“288 Ihre Besonderheit: Soziale Systeme bzw. Handlungssysteme sind Systeme, „[…] die aus konkreten Handlungen eines oder mehrerer Menschen gebildet sind und sich durch Sinnbeziehungen zwischen diesen Handlungen von einer Umwelt abgrenzen.“289 „[…] [D]iese Sinnbeziehungen [sind] […] von Veränderun- 287 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 70 288 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation. In: Ellwein, Thomas; Groothoff, Hans-Herrmann; Rauschenberger, Hans; Roth, Heinrich (Hrsg.): Erziehungswissenschaftliches Handbuch. Rembrandt Verlag GmbH, Berlin, 1969, S. 387–407, S. 392 289 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität. 1. Aufl., Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Tübingen, 1968, S. 7–8; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 39, S. 115; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation. Schriftenreihe der Hochschule Speyer, Band 20. 3. Aufl., Duncker & Humblot, Berlin, 1976, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, 9–10; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 24; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 93 gen in der Umwelt nicht ohne weiteres betroffen […] und das System [besitzt] dadurch eine gewisse Dauer […].“290 Das heißt, dass man sich „[s]oziale Systeme […] als Handlungszusammenhänge vorstellen [muss], die durch kausale Beziehungen mit ihrer Umwelt verknüpft, aber durch die Umwelt nicht eindeutig determiniert sind.“291 „Als Handlungssysteme gesehen, schließen soziale Systeme keineswegs alle Handlungen der beteiligten Personen ein. Sozialsysteme bestehen nicht aus konkreten Personen mit Leib und Seele, sondern aus konkreten Handlungen.“292 „Menschen sind für sie stets Umwelt.“293 „Soziale Systeme haben die Funktion der Erfassung und Reduktion von Komplexität […]“294, „[…] und zwar durch Stabilisierung einer vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft. Bestandsaufnahme und Entwurf. G. Grote´sche Verlagsbuchhandlung, Köln und Berlin, 1966, S. 65; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie–Diskussion Jürgen Habermas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 7–24, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 116, S. 155; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 392 290 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 24; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 42, S. 75; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 24 291 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 191 292 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 24–25; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie-Diskussion Jürgen Habermas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 25–100, S. 93–94; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 45; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System. Gesellschaft, Organisation. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1981, S. 56; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 394 293 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 45 294 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 116; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 75–76, 205; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren. 3. Aufl., Hermann Luchterhand Verlag, 1978, S. 40–41; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 175–176, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie-Diskussion Jürgen Habermas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnolo- 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 94 Innen/Außendifferenz.“295 Das konstituierende Prinzip von sozialen Systemen ist eine Differenz von Innen und Außen.296 „Das System ist seine Beziehung zur Umwelt, das System ist die Differenz zwischen System und Umwelt.“297 „Die Innen/Außen-Differenz besagt, daß eine Ordnung festgestellt wird, die sich nicht beliebig ausdehnt, sondern durch ihre innere Struktur, durch die eigentümliche Art ihrer Beziehungen Grenzen setzt.“298 Diese „ […] Grenzen sind nicht physischer Natur […], sondern sind Grenzen dessen, was in Sinnzusammenhängen relevant sein kann.“299 „Die Grenzen sozialer Systeme lassen sich […] nur als Sinngrenzen begreifen […]“300, „[…] als Elemente eines Bestandes von Informationen, deren Aktualisierung auslöst, daß Informationen nach bestimmten systeminternen Regeln behandelt werden.“301 „[…] gie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 7–24, S. 15 295 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 205; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie-Diskussion Jürgen Habermas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 7–24, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren. 3. Aufl., Hermann Luchterhand Verlag, 1978, S. 40–41; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 175–176; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 178 296 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 115; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 39; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Die Bedeutung der Organisationssoziologie für Betrieb und Unternehmung. In: Arbeit und Leistung 20 (1966), S. 181–189, S. 185–186; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 7–8; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 175 297 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 194 298 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 24; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 13 299 Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 11–12 300 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 117; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie-Diskussion Jürgen Habermas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 25–100, S. 72–73 301 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 117 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 95 Sinngrenzen […] ordnen ein Gefälle in Komplexität. Sie trennen System und Umwelt als Möglichkeitsbereiche von verschiedener Komplexität. […] Sinngrenzen markieren den Unterschied der Komplexität des Systems und der höheren, letztlich unbestimmten Komplexität der Welt und machen ihn für die Orientierung des Erlebens verfügbar.“302 „Für jede Systembildung ist bezeichnend, daß sie nur einen Ausschnitt der Welt erfaßt, nur eine begrenzte Zahl von Möglichkeiten zuläßt und verwirklicht. Ihre Umwelt ist stets überkomplex, unüberblickbar und unkontrollierbar, ihre eigene Ordnung dagegen höherwertig insofern, als die Komplexität reduziert und als systemeigenes Handeln nur noch vergleichsweise wenige Möglichkeiten zuläßt. […] Durch solche Reduktion ermöglichen Systeme eine sinnvolle Orientierung des Handelns.“303 „Das Bemerkenswerte an dieser sinnvermittelten Reduktionsweise ist, daß sie Selektion zwar leistet, aber diese Möglichkeiten als Möglichkeiten gleichwohl bestehen läßt. […] Trotz laufender Sinnverdichtung und Entscheidung bleibt die Welt als Welt mit anderen Möglichkeiten bestehen und von jedem Sinnmoment aus im ganzen zugänglich.“304 „Die Systembildung vollzieht sich nicht auf der Ebene der konkreten Handlungen, sondern auf der Ebene der Verhaltenserwartungen.“305 „Verhaltenserwartungen sind das ordnende Element in jedem Handlungssystem […]“306, „[…] mit deren Hilfe sich Handlungen einander 302 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 73 303 Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren, S. 40–41; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 175–176; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 143; Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 194 303 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 179 304 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 176 305 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 26–27, S. 42–43; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 26–27, S. 372 306 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 26; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 96 zuordnen, ein- und abgrenzen lassen.“307 Die „[…] Grenzen sind Grenzen der Erwartbarkeit von Handlungen.“308 Dabei kann „[e]ine konkrete Handlung […] mehreren Systemen zugleich angehören.“309 „Es gibt […] soziale Systeme, die sich auch in ihrem Außenhandeln primär mit Kommunikationen befassen, sozusagen in einer verbalen Umwelt leben, und deshalb ausschließlich Kommunikation als formales Handeln anerkennen – zum Beispiel Verwaltungen.“310 „Soziale Systeme können sich nur bilden und erhalten, wenn die teilnehmenden Personen Wahrnehmungen und Ansichten austauschen, also miteinander durch Kommunikation verbunden sind. […] Jede Leistung muß […], soll sie überhaupt im System Sinn haben und verstanden werden, von direkten oder indirekten Kommunikationen begleitet sein, zumindest also gemeinten Sinn erkennen lassen.“311 6.3.1.2 Innen/Außen-Differenz Für die Erklärung der Innen/Außen-Differenz verwendet Luhmann die Architekturbausteine System und Umwelt sowie die Merkmale Grenzen Erwartungen Komplexität bzw. Komplexitätsreduktion Der „[…] Systembegriff [wird] durch die Unterscheidung von innen und außen, durch invariante Grenzen gegenüber einer Umwelt definiert.“312 „Die Innen/Außen-Differenz besagt, dass eine Ordnung festgestellt wird, die sich nicht beliebig ausdehnt, sondern durch ihre innere Struktur, durch die eigentümliche Art ihrer Beziehungen Grenzen setzt.“313 „Die Differenzierung von Innen und Außen und die Erhal- 307 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 26; Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59 308 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 60 309 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 18 310 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 190 311 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 190 312 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 40–41 313 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 24–25 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 97 tung einer entsprechenden Grenze garantieren die Identität des Systems durch ein Mittelmaß von Selbstkontrolle über einige strategische wichtige Bestandsbedingungen.“314 „Die Innen/Außen-Unterscheidung ist kein Merkmal des Handelns selbst, sie wird ihm durch eine Erwartungsordnung aufgeprägt. Umgekehrt gesehen, ist die Ausbildung fester Verhaltensweisen nur möglich, wenn sich das erwartete Verhalten systematisch einordnen läßt.“315 „Die Innen-Außen-Differenz ermöglicht es, Inseln geringer Komplexität in der Welt zu bilden und konstant zu halten.“316 „Unter Komplexität ist die Gesamtheit der Möglichkeiten zu verstehen, die sich für das faktische Erleben abzeichnen […]. Zur systemeigenen Ordnung gehört auch ein selektiver Umweltentwurf, eine ‚subjektive‘ Weltsicht des Systems, die aus den Möglichkeiten der Welt nur wenige relevante Fakten, Ereignisse, Erwartungen herausgreift und für bedeutsam hält. Durch solche Reduktion ermöglichen Systeme eine sinnvolle Orientierung des Handelns.“317 „Der Begriff der Komplexität formuliert […] die Intention, Mannigfaltiges unter dem Gesichtspunkt seiner Einheit zu sehen. Der komplexe Gegenstand muss Mannigfaltiges und Einheit zugleich sein.“318 6.3.1.3 Welt Luhmann schreibt der Welt folgende Merkmale zu keine Grenzen Verweis ins Unendliche ist gleich System und Umwelt 314 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 45 315 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59 316 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 116; vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren, S. 41; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 206–207 317 Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren, S. 41; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 206–207 318 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 205 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 98 ist kein System, hat kein „Außen“ ist Totalhorizont ist Weltgesellschaft Die Bezugseinheit, die in der Systemtheorie keine Grenzen mehr hat, ist die Welt. Sie verweist ins Unendliche und wirkt doch sinngebend wie endlich.319 „Man muß dann klar unterscheiden zwischen System, Umwelt und Welt (= System und Umwelt).“320 „Die Welt kann nicht als System begriffen werden, weil sie kein ‚Au- ßen‘ hat, gegen das sie sich abgrenzt. […] Weil die Welt keine Umwelt hat, kann sie auch nicht bedroht werden. Anders als im Fall von Systemen ist ihr Bestand nie gefährdet und daher auch nicht problematisch.“321 „[…] [D]ie Welt ist Totalhorizont, das Ineinanderübergehen aller Horizonte, die Verweisung des täglichen Lebens, die in jedem Einzelthema und von jeder Selbst-Thematisierung aus zugänglich ist. Sie ist eine zentrierte Ordnung, aber eine solche, in der jedes Element Zentrum ist. Sie ist konkret und unendlich zugleich.“322 „Die Komplexität der Welt hängt von den Systemen in der Welt ab […].“323 „Für die Weltgesellschaft kann es nur noch eine Welt geben, die nicht mehr nur als universitas rerum begriffen werden kann, sondern darüber hinaus alles Mögliche einschließt und gerade dieser Möglichkeitshorizont des Vorhandenen oder Geltenden ist. „Die Weltgesellschaft konstituiert eine Welt mit offener Zukunft. […] So wie die Welt als Horizont, so scheint die Weltgesellschaft als System die Unnegierbarkeit einer zwangsläufigen Einheit zu sein, der die Bestimmbarkeit durch Grenzen des Möglichen fehlt.“324 319 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 115 320 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 143 321 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 115 322 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 90 323 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 115; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 66 324 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 89 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 99 6.3.1.4 Handlung Luhmann definiert den Begriff der Handlung anhand folgender Merkmale jedes sinnhaft orientiere, außenwirksame menschliche Verhalten Ereignis von Systemen, nicht weiter dekomponierbares Element eine Selektion kann einem System zugerechnet werden können mehreren Systemen gleichzeitig angehören und setzt folgende Architekturbausteine voraus Soziales System Innen/Außendifferenz „Unter Handlung soll jedes sinnhaft orientierte, außenwirksame menschliche Verhalten verstanden werden […].“325 „In den Handlung definierenden Begriffen ‚Orientierung‘, ‚Außenwirksamkeit‘ und ‚menschliches Verhalten‘ ist der Systembegriff mit seiner Innen/Außen-Differenz schon vorausgesetzt, so wie auch der Systembegriff in der gegebenen Bestimmung eine Aktivität der Selbsterhaltung, einen Austausch mit der Umwelt, bei Menschen und Sozialsystemen also Handlung voraussetzt.“326 Handlung ist das nicht weiter dekomponierbare Element, das Ereignis, von Systemen.327 „[…] Handlung [ist] unauflösbares Systemelement.“328 „Nur als Ereignis […] kann Handeln an jede Art von Überraschung anschließen.“329 „Handeln übernimmt […] eine zeitbindende Funktion. Als Ereignis ist es zeitlich bestimmt durch die Differenz von Vergangenheit und Zukunft, die im Sinn des Handelns zum Aus- 325 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 7 326 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 7–8 327 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 117 328 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 117 329 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 117; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 100 druck kommt.“330 „Ereignisse aber, und das gilt auch für Handlungen, ändern nicht sich selbst, sondern anderes.“331 „Von Handlung […] [spricht Luhmann immer dann], wenn eine Selektion einem System zugerechnet wird.“332 „Was eine Handlung zur Handlung macht, ist […] die Tatsache, daß sie in einem System als Element für Relationierungen in Anspruch genommen wird.“333 „Als selektive Prozesse können Handlungen mehreren Systemen gleichzeitig angehören, können sich also an mehreren System/Umwelt-Referenzen zugleich orientieren. Soziale Systeme sind daher nicht notwendig wechselseitig exklusiv – so wie Dinge im Raum. So gehört jedes Interaktionssystem und jedes Organisationssystem auch zu einem Gesellschaftssystem, und ein Interaktionssystem kann, braucht aber nicht einer Organisation angehören.“334 „Die begriffliche Trennung von Erwartung und Handlung ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die funktionale Analyse der Systembildung.“335 6.3.1.5 Offenheit Luhmann beschreibt soziale Systeme als umweltoffen und schreibt ihnen folgende Merkmale zu störende Umwelteinwirkungen werden in die interne Organisation einbezogen Systeme stehen in Leistungsbeziehungen zu ihrer Umwelt, was systemerhaltend ist 330 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 60; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 61 331 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 130 332 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen. In: Soziale Systeme 15 (2009), Heft 1, S. 3–35, S. 3 333 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 60 334 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 18 335 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 43 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 101 Änderung eines Systems bedeutet Änderung der Systemerwartungen und nutzt zur Erklärung die Architekturbausteine System und Umwelt. „Systeme sind umweltoffene, umweltempfindliche, Eindrücke verarbeitende und kompensierende Leistungseinheiten.“336 „Die Umweltoffenheit […] zeigt sich daran, daß sie […] störende Umwelteinwirkungen in die interne Organisation einbeziehen und sie dort durch konditional einsetzbare Mechanismen neutralisierender und substituierender Kausalität abfangen.“337 „Das System hat mehrere Alternativen zur Wahl, durch welche es Umweltänderungen abfangen und neutralisieren kann. Gerade auf dieser Elastizität beruht seine Stabilität, beruht seine Möglichkeit, günstige Existenzbedingungen zu finden.“338 „Umweltoffene Systeme stehen in Leistungsbeziehungen zu ihrer Umwelt und erhalten sich durch die Art, wie diese Beziehungen organisatorisch verknüpft sind.“339 „Statt der rein inneren Rationalität widerspruchsfreier Ordnung rückt die Problematik der Erhaltung eines Systems in einer ‚schwierigen‘ Umwelt in den Mittelpunkt des […] Interesses […].“340 „[…] Zentrale These der neueren Theorie umweltoffener Systeme [ist], daß interne Relationen an externen Relationen ausgerichtet werden. Üblicherweise wird das so verstanden, daß die Umwelt als Komplex unabhängiger Variabler gesehen wird, die den Spielraum der Systemvariablen beschränken. […] Andererseits muß man auch dem Um- 336 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers. In: Luhmann Niklas: Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1971, S. 90–112, S. 101; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 73 337 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 17 338 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 102 339 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 105 340 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 101 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 102 stand Rechnung tragen, daß Systeme ihre Umwelt seligieren oder gar verändern können und dadurch, bewußt oder unbewußt, diejenigen Bedingungen stellen, denen sie sich anpassen können. […] Diese zweiseitige Interdependenz korrespondiert mit einem asymmetrischen Verhältnis von System und Umwelt, denn nur durch Asymmetrie kann Interdependenz entstehen.“341 Änderung eines Systems bedeutet „[…] Änderung der Systemerwartungen […], gleichgültig, ob diese Erwartungen sich auf Handlungen des Systems selbst oder auf die Umwelt beziehen.“342 „Informationen kommen von außen, werden dann bearbeitet und verlassen darauf als Kommunikationen das System.“343 „[…] [D]ie informierende Umwelt [kann] nicht kontrolliert und beeinflusst werden […]. Nur die Bildung allgemeiner Erwartungen in bezug auf die Umwelt ist vorauszusetzen.“344 Das System nutzt Mittel, um die Empfangselastizität und damit die Fähigkeit zur Situationsanpassung zu erhöhen.345 Dadurch kann „[…] eine Entscheidungsleistung [des umweltoffenen und umweltabhängigen] Systems trotz wechselnder und unkontrollierbarer Umweltereignisse konstant gehalten werden […].“346 6.3.1.6 Struktur / Generalisierung von Verhaltenserwartungen Luhmann beschreibt die Strukturen von sozialen Systemen mit verschiedenen Merkmalen Generalisierung von Verhaltenserwartungen überdauert Schwankungen innerhalb gewisser Grenzen 341 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 210; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 10 342 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 137 343 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 8 344 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 9 345 vgl. Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 16 346 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 16 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 103 drei verschiedene Richtungen: zeitlich, sachlich, sozial Funktion der Reduktion von Komplexität und setzt folgende Architekturbausteine voraus Soziales System Differenz von System und Umwelt „Soziale Systeme gewinnen eine über die Situation hinausreichende, die Systemgrenzen definierende Systemstruktur durch Generalisierung der Erwartungen für systemzugehöriges Verhalten. […] Diese Vorauswahl des im System Möglichen kommt auf der Ebene des Erwartens, nicht des unmittelbaren Handelns, zustande, weil nur so die Situation im Vorgriff auf die Zukunft transzendiert werden kann.“347 Eine Verhaltensweise ist generalisiert, „[…] soweit sie vom Einzelereignis unabhängig besteht, von einzelnen Abweichungen, Störungen, Widersprüchen nicht betroffen wird und Schwankungen innerhalb gewisser Grenzen überdauert.“348 „[…] [I]n der Generalisierung von Verhaltenserwartungen [liegt] der Schlüssel für die Invarianz von Verhaltenssystemen […].“349 „Man kann […] Möglichkeiten der Generalisierung in drei verschiedenen Richtungen verfolgen: zeitlich – als Sicherung gegenüber einzelnen Erwartungen und Enttäuschungen; sachlich – als Sicherung gegen Zusammenhanglosigkeit und Widersprüche; sozial – als Sicherung gegen Dissens.“350 Die Formalisierung 347 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 42; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 55; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 146 348 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 55–56; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 65–66; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121–122 349 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 56–58; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 65–66; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121–122; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 145–146 350 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 56–58; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 65–66; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 145–146 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 104 „[…] ermöglicht für einen Teil des sozialen Systems – eben die formalisierten Erwartungen – ein Höchstmaß an Generalsierung in allen drei Richtungen zugleich. Sie erreicht damit ein Ausmaß an systematischer Ordnung, wie es sonst bei stärker differenzierten Verhältnissen nicht möglich wäre.“351 „Ein gewisses Maß an kongruenter (zeitlicher, sachlicher und sozialer) Generalisierung von Verhaltenserwartungen ist in jedem System zu erwarten, einfach deshalb, weil die Generalisierung in der einen Dimension die in den anderen in bestimmtem Umfange voraussetzt. Man könnte diesen Bestand an kongruent generalisierten Erwartungen in einem elementaren Sinne das Recht des Systems nennen.“352„[…] [D]ie drei Richtungen der Generalisierung von Verhaltenserwartungen stellen widerspruchsvolle Anforderungen an das System. […] Dazu kommt, daß eine ausbalancierte Lösung dieses Problems nie definitiv sein, weil die Umwelt des Systems sich ändert und das System mit seinen Erwartungen in Bezug auf die Umwelt und in bezug auf sich selbst in etwa folgen muss.“353 Strukturbildung erfolgt in einem sozialen System durch Generalisierung von Verhaltenserwartungen, was die Funktion der Reduktion von Komplexität erfüllt.354 „Die Funktion der Reduktion von Komplexität wird im wesentlichen durch Strukturbildung erfüllt, das heißt durch Generalisierung von Verhaltenserwartungen, die dann zeitlich über längere Zeitstrecken, sachlich für verschiedene Situationen und sozial für eine Mehrzahl von Personen ‚gelten‘. Durch die Strukturbildung gewinnt das System eine offene Identität, die Variationsmöglichkeiten nicht ausschließt, aber sie einschränkt, und besitzt so ein begrenztes Anpassungsvermögen. Die Struktur, selbst schon die Selektion im Verhältnis zur Komplexität der Umwelt, steuert das selektive Verhal- 351 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formalisierter Organisation, S. 59 352 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 122; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 56–58; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 65–66; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 42 353 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 43 354 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 105 ten des Systems, ermöglicht also doppelte Selektivität und dadurch erhebliche Leistungssteigerungen.“355 Durch die „Generalisierung [ist] […] die Struktur mit mehr als einem Umweltzustand bzw. Systemzustand kompatibel […]; der Begriff setzt eine Differenz von System und Umwelt voraus.“356 Dabei sind „[…] die Strukturen und Prozesse eines Systems überhaupt nur in Beziehung auf dessen Umwelt möglich und verständlich […].“357 6.3.1.7 Sinn Luhmann erklärt den Begriff Sinn anhand der Merkmale Ordnungsform menschlichen Erlebens Erfassung und Reduktion hoher Komplexität Selektion aus anderen Möglichkeiten und damit zugleich Verweisung auf andere Möglichkeiten Grenzen Unterscheidung einer sachlichen, sozialen und zeitlichen Dimension am Erleben und nutzt zusätzlich die Architekturbausteine Soziales System und Welt. „Sinn ist die Ordnungsform menschlichen Erlebens, die Form der Prämissen für Informationsaufnahme und bewußte Erlebnisverarbeitung, und ermöglicht die bewußte Erfassung und Reduktion hoher Komplexität.“358 „Durch sinnhafte Identifikationen ist es möglich, eine im einzelnen unübersehbare Fülle von Verweisungen auf andere Erlebnismöglichkeiten zusammenzufassen und zusammenzuhalten, Einheit in der Fülle des Möglichen zu schaffen und sich von da aus 355 Luhmann: Legitimation durch Verfahren, S. 42; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 114 356 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 105 357 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 194 358 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 61; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 12 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 106 dann selektiv an einzelnen Aspekten des Verweisungszusammenhanges zu orientieren.“359 „Sinn ist Selektion aus anderen Möglichkeiten und damit zugleich Verweisung auf andere Möglichkeiten. […] [D]urch sinnvermittelte Selektion können Systeme sich eine Welt konstituieren und erhalten und in diesem Sinne ‚Subjekt‘ sein. […] Soziale Systeme konstituieren durch ihren Sinn zugleich ihre Grenzen und Möglichkeiten der Zurechnung von Handlungen.“360 „[…] [D]ie Funktion von Sinn […] besteht [darin], Welt als äußerst komplexen Bereich von Möglichkeiten zu erhalten und doch selektives Erleben und Handeln zu orientieren.“361 „Sinn leistet […] ein Überziehen der Potentialitäten des aktuellen Erlebens durch ein Erfassen und Präsentieren von Nichtmiterlebtem.“362 „Die Mehrdimensionalität der Welt ist Voraussetzung für die Konstitution von identisch gehaltenem Sinn (und umgekehrt). Diese Dimensionen lassen sich als sachliche, soziale und zeitliche Dimension am Erleben unterscheiden.“363 „Sachlich erscheint Sinn im Anderssein – darin daß ein Pferd keine Kuh, eine Zahl kein Vergnügen, Schnelligkeit keine Farbe ist.“364 „Die soziale Dimension des Erlebens konstituiert sich im Zusammenhang mit sachlichen Identifikationen dadurch, daß ein Nicht-Ich als ein anderes Ich erkannt, als Träger eigener, aber anderer Erlebnisse und Weltperspektiven erlebt wird.“365 „[…] [D]ie 359 Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 12 360 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 116; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83 361 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 130; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 30, S. 32–34, S. 48, S. 61, S. 68; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 12 362 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 40 363 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 48; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 61 364 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 48; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 34 365 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 51 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 107 zeitliche Dimension des Erlebens [ist] […] recht kompliziert gebaut und nicht in einem Gedankenschritt zu erfassen. […] [Es beginnt] damit, die Zeitlichkeit und Zeitlage des konstituierenden Erlebens von der Zeitlichkeit und Zeitlage des konstituierten Sinns zu unterscheiden.“366 In Bezug auf Sinn hat Luhmann auch noch Folgendes erklärt: „Durch Wiederholung verliert eine Nachricht nicht ihren Sinn, wohl aber ihren Informationswert.“367 6.3.1.8 Systemdifferenzierung Luhmann beschreibt das Phänomen der Systemdifferenzierung anhand der Architekturbausteine Soziale Systeme Strukturen Funktional differenzierte Systeme und Merkmale Bildung von Teilen, die ebenfalls Systemcharakter haben Erfassung und Reduktion von Komplexität Weitergabe der Problematik der Umwelt nach innen Funktion einer relativ invarianten und doch elastischen Leistungsstruktur erhebliche Beschleunigung systeminterner Anpassungsprozesse Funktion, Leistung, Reflexion „Von einer gewissen (ziemlich geringen) Schwelle der Komplexität ab können Sozialsysteme, wie übrigens alle Systeme, nur noch weiterwachsen, indem sie sich differenzieren, d. h. Teile bilden, die ebenfalls Systemcharakter haben, also Grenzen stabil halten und in diesen Grenzen eine gewisse Autonomie besitzen. Komplexe Systeme müssen mithin eine weitere Strategie der Erfassung und Reduktion von 366 vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 53–54 367 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 41; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 34 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 108 Komplexität entwickeln: die der internen Differenzierung.“368 „Die Theorie der Systemdifferenzierung wendet den Strukturgedanken – doppelte Selektivität durch Grenzsetzung und Generalisierung von Verhaltenserwartung – auf mehrere Systeme im System an und potenziert ihn dadurch.“369 Systemdifferenzierung bedeutet, dass „[…] in jedem System, das eine gewisse Größenschwelle überschreitet, Leistungseinheiten […] [gebildet werden], die sich in begrenztem Umfang selbst stabilisieren und damit selbst Systemcharakter gewinnen. Jede Differenzierung ist Differenzierung in Untersysteme. […] Systemdifferenzierung ist zunächst einfach Wiederholung der Systembildung im Inneren von Systemen. […] Funktional differenzierte Systeme liefern ihren Untersystemen so viel Unterstützung, dass deren Probleme der Eigenerhaltung sich vereinfachen. Das Gesamtsystem wird für die Untersysteme zu einer strukturierten Umwelt, die ihnen erwartbare Anpassungsprobleme stellt.“370 „Die interne Differenzierung eines Systems in Untersysteme ist demnach ein Prozess, durch den das Gesamtsystem die Problematik seiner Umwelt nach innen weitergibt. […] Dafür kann es seiner schwierigen und unkontrollierbaren Umwelt gegenüber mit einer relativ invarianten und doch elastischen Leistungsstruktur aufwarten […].“371 „So können störende Umwelteinwirkungen in Teilsysteme abgekapselt und neutralisiert werden […], ohne daß jedes Ereignis alle Teile anginge und alles mit allem abgestimmt werden müßte. Darin liegt eine erhebliche Beschleunigung systeminterner Anpassungsprozesse, ein überlebenskritischer Zeitgewinn, der das Entstehen und die Erhaltung komplexer Systeme auf höheren Stufen der Entwicklung 368 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 123 369 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 125 370 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 76–77; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 148 371 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 79; vgl. Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 103; Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 219 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 109 überhaupt erst ermöglicht.“372 „Differenzierte Systeme sind leistungsfähiger als undifferenzierte Systeme.“373 „Durch Differenzierung erreichen Systeme ‚Ultrastabilität‘.“374 „Je mehr systemwichtige Funktionen man mit eigenen, leistungsspezialisierten Untersystemen bedenkt und dadurch sichert, desto mehr Probleme entstehen in den Beziehungen zwischen den Untersystemen. […] Es ergibt sich eine unausgeglichene Struktur formaler Zwecksetzungen, die das System im Verhältnis zu seiner Umwelt besser ausbalanciert, es dafür aber mit internen Widersprüchen belastet. Eine ausgearbeitete Systemdifferenzierung verwandelt mithin Probleme der Umweltanpassung in interne Konflikte. […] Eine Abwägung aller Probleme, die das System lösen muss, um sich in einer unkontrollierten Umwelt invariant zu halten, ist die Voraussetzung für rationale Entscheidungen über Art und Ausmaß interner Differenzierung.“375 Durch „[…] Systemdifferenzierung [wird] einem Teilsystem die Möglichkeit […] [gegeben], sich selbst als Umwelt anderer Teilsysteme zu reflektieren und sich in deren Erwartungen zu identifizieren […].“376 „Differenzierung und formale Generalisierung eines Systems sind Prozesse, die sich wechselseitig bedingen.“377 „In allen differenzierten Systemen kann man für jedes Teilsystem drei – und nur drei – Systemreferenzen unterscheiden: Die Beziehung zum umfassenden Gesamtsystem, die Beziehung zu anderen Teilsystemen und die Beziehung zu sich selbst.“378 „Unter der Voraussetzung funktionaler Differenzierung muß jedes Teilsystem […] diese drei Systemreferenzen wie folgt artikulieren: seine Beziehung zum Gesellschaftssystem als (institutionalisierte) Funktion, seine Beziehung zu anderen 372 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 219; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 84 373 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 73 374 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 123 375 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 88 376 Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2, S. 93 377 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 82 378 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 198 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 110 Teilsystemen als Leistung, die als Input und als Output zu erbringen ist, und seine Beziehung zu sich selbst als Reflexion.“379 6.3.1.9 Reflexion / Selbst-Thematisierung Um sich mit der Reflexion bzw. Selbst-Thematisierung auseinanderzusetzen, nutzt Luhmann folgende Architekturbausteine System Umwelt und Merkmale Technik der Relationierung Prozess, mit dem ein System ein Verhältnis zu sich selbst herstellt Leistungssteigerung „Reflexion ist der unwahrscheinlichste Fall einer weit verbreiteten Technik der Relationierung. Relationierung soll heißen, daß für etwas ursprünglich einheitlich-konkret-kompakt Gegebenes eine Relation oder eine Relationskette gesetzt wird […]. Durch Relationierung wird die Verweisungsstruktur lebensweltlicher Horizonte spezifiziert, schematisiert und für progressive Operationen des Erlebens und Handelns verfügbar gemacht […]. Das hat nur in dem Maße Sinn, als das, was durch die Relation aufeinander bezogen wird, kontingent gesetzt wird.“380 Reflexion ist der Prozess, „[…] mit dem ein System ein Verhältnis zu sich selbst herstellt. […] [Luhmann nennt] Reflexion deshalb auch, und prägnanter, Selbst-Thematisierung. Durch Selbst-Thematisierung wird ermöglicht, daß die Einheit des Systems für Teile des Systems – seien es Teilsysteme, Teilprozesse, gelegentliche Akte – zugänglich wird.“381 „Reflexion ist insofern eine Form von Partizipation. Ein Teil 379 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 198 380 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 72–73 381 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 73 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 111 kann das Ganze zwar nicht sein, kann es aber thematisieren, in dem er es sinnhaft identifiziert und auf eine ausgegrenzte Umwelt bezieht.“382 „Reflexive Mechanismen […] [sind also] Prozesse […], die auf sich selbst angewandt und dadurch in ihrer Leistung gesteigert werden können.“383 „Das Denken des Denkens ist das klassische Beispiel […].“384 „Reflexion wird damit begriffen als die Fähigkeit eines Systems, sich als System in seiner Selektivität zu steuern.“385 6.3.1.10 Rationalität Mit folgenden Merkmalen beschreibt Luhmann Rationalität Reduktion von Komplexität Systemrationalität bestandssichere Formulierung und Lösung von Problemen Vereinfachung der Umweltlage durch subjektive Wirklichkeit und nutzt für die Erklärung den Architekturbaustein Soziales System. „[…] Rationalisierung [muss] sehr viel komplexer gesehen werden […], als es die bisherigen Denkmodelle des Zweckes oder der optimalen Zweck/Mittel-Relation erlaubten“.386 „[…] Rationalität [liegt] in einer Beziehung zwischen Steigerung und Reduktion von Komplexität.“387 „Rationalität kann nicht als einsehende Entfaltung und Beachtung vorgegebenen Sinnes verstanden werden. Sie ist zuallererst Reduktion von Komplexität. […] Der Begriff des Rationalen wäre dann aus der einfachen, zweckgerichteten Handlungsrationalität umzudenken in eine komplexere, umfassendere Sys- 382 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 73 383 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 397; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 215 384 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 215 385 Luhmann, Niklas: Universalität und Begründbarkeit der Systemtheorie, S. 386 386 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 29 387 Luhmann Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 12–13 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 112 temrationalität. Deren Sinn ergäbe sich aus dem Bezug auf das Problem der Komplexität.“388 Der „[…] Begriff der Rationalität [kann also] nur […] systemrelativ […] [verwendet werden], […] [er muss] auf Systemrationalität […] [zurückgeführt] […]“389 bzw. „[…] als problemgebundene, funktionale Rationalität aufgefaßt […]“390 werden. „[…] [E]in System [ist] rational in dem Maße […], als es seine Probleme bestandssicher formulieren und lösen kann. Rationalität ist in diesem Sinne mithin eine Systemkategorie. Sie bezieht sich auf Erhaltung einer relativ einfachen, begrenzten und dadurch dem menschlichen Erlebnispotential angepassten Systemordnung in einer überkomplexen Welt.“391 „Grundlegend vereinfacht sich das System seine Umweltlage dadurch, daß es die objektive Situation durch eine subjektive ersetzt, das heißt sein Handeln nicht unmittelbar durch die Wirklichkeit bestimmen läßt, sondern es nach seiner Vorstellung von Wirklichkeit ausrichtet.“392 Zu bedenken ist dabei: „[…] Rationalität auf der Ebene des Einzelhandelns [ist] nicht dasselbe wie Rationalität auf Ebene des sozialen Systems.“393 „Die Rationalität eines sozialen Systems kann nicht allein dadurch gesichert werden, daß alle Beteiligten rational handeln. Sie setzt systemeigene Sinnkombinationen, vielleicht sogar ganz andersartige Kategorien des Verständnisses voraus.“394 388 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 14–15 389 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 163 390 Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 97 391 vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 92 392 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 182; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 92 393 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 91 394 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 91 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 113 6.3.1.11 Ebenen der Systembildung Luhmann verwendet verschiedene Begriffe für die Ebenen der Systembildung. Zur Erklärung nutzt er die Architekturbausteine System System/Umwelt-Differenz Gesellschaft Organisation Interaktion Systemdifferenzierung und Merkmale Unterscheidung mehrerer Ebenen Systemtypen verschiedene Formen der Systembildung Ebenendifferenzierung Ebenen der Systembildung „Die Systemtheorie […] [beinhaltet] Grundannahmen, die sie als universell verwendbaren Systembegriff voraussetzt: daß nämlich Systeme sich durch Prozesse der Autokatalyse oder Selbstselektion im Hinblick auf eine Differenz zur Umwelt konstituieren.“395 „Innerhalb […] [dieser Theorie] lassen sich mehrere Ebenen der Systembildung unterscheiden, nämlich gesamtgesellschaftliche Systeme, organisierte Sozialsysteme und einfache Interaktionssysteme unter Anwesenden. Auf all diesen Ebenen wird die Funktion der Systembildung, nämlich Aufbau von Komplexität durch Differenzierung von System und Umwelt, auf verschiedene Weise erfüllt.“396 395 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 20 396 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 10–15, S. 18; vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung (unveröffentlichtes Manuskript 1975). In: Heintz, Bettina; Tyrell, Hartmann (Hrsg.): Interaktion – Organisation – Gesellschaft revisited. Anwendungen, Erweiterungen, Alternativen. Sonderheft der Zeitschrift für Soziologie. Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft mbH, Stuttgart, 2015, S. 6–39, S. 7 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 114 Luhmann bezeichnet diese drei Unterscheidungen als Anwendungsfälle der Systemtheorie397 bzw. als Systemtypen398, als verschiedene Formen der Systembildung399, als Ebenendifferenzierung400 oder als Ebenen der Systembildung401. In einem Aufsatz von 1975, der erst 2015 veröffentlicht wurde, hat sich Luhmann intensiv mit den Ebenen der Systembildung bzw. der Ebenendifferenzierung beschäftigt.402 Diese „[…] Ebenendifferenz wird in der Gesellschaft selbst erzeugt dadurch, daß unter angebbaren Bedingungen Systembildungen bestimmten Typs Erfolgschancen haben.“403 „[…] Ebenendifferenzierung ist ein Produkt, eine Errungenschaft gesellschaftlicher Evolution […].“404 „Man kann die soziokulturelle Evolution beschreiben als zunehmende Differenzierung der Ebenen, auf denen sich Interaktionssysteme, Organisationssysteme und Gesellschaftssysteme bilden. […] Die Entwicklung zur einheitlichen Weltgesellschaft führt zwangsläufig zur Trennung der Systemtypen Gesellschaft und Organisation. Erst recht werden Interaktionssysteme und Gesellschaftssystem auseinandergezogen. […] In dem Maße, als diese Ebenen- und Typendifferenzierung sich durchsetzt, wird soziale Wirklichkeit komplexer.“405 „Je weiter die Systemebenen auseinandergezogen und je schärfer die Systemtypen differenziert werden, desto akuter stellen sich Folgeprobleme ein, die die Vermittlung zwischen den Ebenen betreffen.“406 „Je- 397 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 10 398 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 13–14 399 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 18 400 vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 17 401 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 13–15; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 10–12 402 vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 6–39 403 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 17 404 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 17; vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 36–37 405 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 13–14 vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 24 406 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 15 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 115 de Ebene der Systembildung leistet dann das ihre, und entsprechend verschärfen sich die Probleme der Vermittlung zwischen den Ebenen […].“407 „[…] [D]ie Systemdifferenzierung des Gesellschaftssystems [ist] nicht identisch […] mit der Differenzierung von Systembildungsebenen im Gesellschaftssystem.“408 „Während es bei der Ebenendifferenzierung um die Entwicklung und simultane Verwendung verschiedenartiger Prinzipien der Systembildung in der Gesellschaft geht, betrifft Systemdifferenzierung die Ausdifferenzierung von Teilsystemen innerhalb einzelner Systeme.“409 „Nur mittels einer Technik der Systemdifferenzierung kann die Komplexitätsdifferenz zwischen Gesellschaft und Organisationssystemen und Interaktionssystemen so gesteigert werden, daß die drei Ebenen in ihrer spezifischen Eigenart ausgeprägt werden und doch zueinander vermittelt werden können. Durch Teilsystembildung auf der Ebene der Gesellschaft kann eine sehr komplexe Gesellschaft aufgebaut und können zugleich in den Teilsystemen Bedingungen höherer Affinität für Organisation geschaffen werden. Dasselbe gilt für das Verständnis von Organisation und Interaktion.“410 „Organisationen und Interaktionen sind und bleiben, bei aller Lockerheit der Zuordnung, gesellschaftliche Teilsysteme allein schon deshalb, weil sie ihrer Struktur nach auf Ordnungsvorgaben durch die Gesellschaft und auf Möglichkeiten der Kommunikation mit einer erwartbaren Umwelt angewiesen sind. Würden sie als Organisation oder als Interaktionssystem aus der Gesellschaft emigrieren, dann würden sie […] zur Gesellschaft werden.“411 407 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 23 408 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 22 409 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 34; vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 37 410 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 34; vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 37 411 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 39 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 116 6.3.2 Theorie der Gesellschaft In den 1960er Jahren stellte Luhmann fest, dass „[e]ine Theorie der Gesellschaft […] mindestens auch eine Theorie der modernen Gesellschaft sein [muß]; sie muß in der Fassung ihrer Bezugsprobleme und in ihrem begrifflichen Apparat dafür adäquate Komplexität mitbringen.“412 Solch eine „[…] Theorie des umfassenden Sozialsystems […] betrifft zwar das umfassende Ganze, muß aber erkennen, daß es niemals möglich ist, das Ganze genau zu erforschen.“413 Luhmanns Ziel ist, „[…] mit geringerer, reduzierter Komplexität einen höheren Grad der Ordnung zu erreichen als die Gesellschaft selbst und damit Rationalitätsgewinne erzielen.“414 Zu beachten ist dabei, dass „Gesellschaftstheorie […], wenn sie Evolution in Betracht ziehen will, nur als reflexive Theorie möglich [ist].“415 6.3.2.1 Gesellschaft Zur Erklärung des Begriffs Gesellschaft nutzt Luhmann verschiedene Merkmale (umfassend, selbstsubstitutive Ordnung, Weltgesellschaft) und Architekturbausteine (Handlung (Kommunikation), Funktionale Differenzierung) seiner Theorie. „Gesellschaft ist das umfassende Sozialsystem aller kommunikativen füreinander erreichbaren Erlebnisse und Handlungen.“416 Gesellschaft muss „[…] in jeder Kommunikation und darüber hinaus in jedem sinnhaften Erleben und Handeln vorausgesetzt werden […].“417 Darüber hinaus stellt Luhmann fest, dass „Gesellschaft […] heute, nach- 412 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 145 413 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 10 414 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 152 415 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 193 416 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 145; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 309; vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 15 417 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 117 dem weltweite Kommunikation hergestellt ist, unweigerlich Weltgesellschaft [ist].“418 „Es gibt nur noch ein einziges Gesellschaftssystem.“419 Luhmann beschreibt Gesellschaft auch in einem Aufsatz von 1975 als „[…] das umfassende Sozialsystem […], das alle anderen Sozialsysteme als Teilsysteme einschließt. Allerdings darf man sich den Gesamtaufbau der Gesellschaft nicht nach der Art eines Systems chinesischer Kästchen vorstellen oder nach Art einer transitiven Hierarchie mit eindeutiger Zuordnung jedes Teilsystems zu einem und nur einem größeren System. Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist weitaus komplexer, und sie kann deshalb komplexer sein, weil sie eine Mehrheit von Prinzipien der Systembildung verwendet.“420 „Die Gesellschaft ist, da sie ja jede mögliche Kommunikation umfaßt, eine selbstsubstitutive Ordnung. Sie muß alle Änderungen an das vorhandene System anschließen und kann nicht, wie Interaktionen, einfach aufhören und neu anfangen.“421 Die Grenzen der Gesellschaft „[…] sind die Grenzen möglicher und sinnvoller Kommunikation, vor allem Grenzen der Erreichbarkeit und der Verständlichkeit. Sie sind viel abstrakter und […] sehr viel unschärfer definiert als die Grenzen von Interaktionssystemen.“422 Allerdings ist „Gesellschaft […] nicht einfach die Summe aller Interaktionen, sondern ein System höherer Ordnung, ein System anderen Typs. Die Gesellschaft muß in der Lage sein, auch die möglichen 418 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 145; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 309 419 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 11 420 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 38 421 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 12 422 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 11 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 118 Kommunikationen unter jeweils Abwesenden oder mit jeweils Abwesenden mitzusystematisieren.“423 Vom Aspekt der System/Umwelt-Komplexität aus gesehen ist „[d]ie Einheit der Gesellschaft […] letztlich nichts anderes als die Einregulierung eines Verhältnisses entsprechender Komplexität zwischen einer Vielzahl von Sozialsystemen, die wechselseitig füreinander gesellschaftliche Umwelt sind.“424 „[…] [D]ie Gesellschaft […] [ist] dasjenige Sozialsystem, das im Voraussetzungslosen einer durch physische und organische Systembildungen strukturierten Umwelt soziale Komplexität regelt – das heißt den Horizont des Möglichen und Erwartbaren definiert […]“425 „[…] und letzte grundlegende Reduktionen einrichtet.“426 „Gesellschaft schafft damit die Voraussetzungen, an die andere Sozialsysteme anknüpfen können; sie fundiert damit alle Strukturen der Sozialdimension. Gesellschaft – das ist dasjenige Sozialsystem, dessen Strukturen darüber entscheiden, wie hohe Komplexität der Mensch aushalten, das heißt in sinnvolles Erleben und Handeln umsetzen kann.“427 Noch einmal anders formuliert: „[…] Gesellschaft [ist] das jeweils umfassendste soziale System, das in der Lage ist, die grundlegenden Formen der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse und der Reduktion sozialer Komplexität zu gewährleisten und aufeinander abzustimmen, also namentlich die Verteilung des Zugangs zu wirtschaftlichen Gütern, die Legitimation kollektiv-bindender Entscheidungen und ein Mindestmaß an einheitlicher Weltsicht zu institutionalisieren.“428 423 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 16 424 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 149–150; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 145, S. 149 425 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 145 426 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 145; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 16 427 Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 16 428 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 399 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 119 Zum Thema Komplexität merkt Luhmann aber auch an, dass die „[…] Gesellschaft sich durch ein auf ihrer Ebene strukturell nicht mehr zureichend absorbierbares Maß an Komplexität auszeichnet, das sie zwar weltadäquater und leistungsfähiger, intern aber um so problematischer und risikoreicher macht.“429 Ein Merkmal der Gesellschaft und auch ein Architekturbaustein von Luhmanns Theorie ist „[…] die funktionale Differenzierung ihrer primären Teilsysteme […]“430 „[…] wie Wirtschaft, Politik, Familie, Wissenschaft, Religion, Erziehung usw., die sämtlich für spezifische Funktionen einen Überhang an Möglichkeiten produzieren, die sich als offene Zukunft abzeichnen, aber nie allesamt realisiert werden können […].“431 „[…] [D]ie Einheit der Gesellschaft wird durch solche Differenzierungen nicht gesprengt, sondern nur umstrukturiert.“432 Luhmann bezeichnet, wie bereits kurz erwähnt, die moderne Gesellschaft als Weltgesellschaft.433 „Die Weltgesellschaft ist dadurch entstanden, dass die Welt durch die Prämissen weltweiten Verkehrs vereinheitlicht worden ist.“434 „[…] [D]ie Weltgesellschaft [konstituiert] eine reale Einheit des Welthorizonts für alle.“435 Sie „[…] konstituiert eine Welt mit offener Zukunft. […] So wie die Welt als Horizont, so scheint die Weltgesellschaft als System die Unnegierbarkeit einer zwangsläufigen Einheit zu sein, der die Bestimmbarkeit durch Gren- 429 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 259 430 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 259; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 14–15; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 146; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 387–407, S. 399 431 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 259 432 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 147 433 vgl. Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 145 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 11 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 309 434 Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2, S. 55 435 Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2, S. 55; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 310 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 120 zen des Möglichen fehlt.“436 „Die Identifikation der Weltgesellschaft läuft nicht mehr über ein richtiges Prinzip der Perfektion, etwa Gerechtigkeit, sondern über Bedingungen und Beschränkungen ihrer Entwicklung.“437 6.3.2.2 Funktionale Differenzierung / Funktionssystem Die Begriffe Funktionale Differenzierung und Funktionssystem hängen im Sinn der Luhmannschen Systemtheorie in der modernen Gesellschaft unmittelbar zusammen und sind untrennbar. Zur Definition und Beschreibung der beiden Begriffe seiner Theorie nutzt Luhmann die Merkmale spezifische Funktion, Autonomie und Abhängigkeit sowie Überproduktion von Möglichkeiten und folgende Architekturbausteine Gesellschaft Systemdifferenzierung Kommunikationsmedien binärer Code Organisation Die moderne Gesellschaft ist durch funktionale Differenzierung charakterisiert. Das heißt: Ihre Teilsysteme orientieren sich primär jeweils an einer eigenen spezifischen Funktion.438 Die Funktionen dieser Teilsysteme sind gesamtgesellschaftlich notwendig.439 Beispiele für solche ausdifferenzierte Teilsysteme der Gesellschaft sind Politik, Religion, Wirtschaft, Wissenschaft, Kunst und Medizin.440 436 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 89 437 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 87 438 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 208; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 33; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 86–87; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 60 439 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 33 440 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 33; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 121 In funktional differenzierten Systemen „[…] [sind die] Teile […] aufeinander und auf das Ganze angewiesen. Das macht das System einerseits störempfindlich, andererseits leistungsfähig, weil so die Vorteile der Spezialisierung gewonnen werden.“441 Das Gesamtsystem liefert seinen „[…] [Untersystemen so viel Unterstützung, daß deren Probleme der Eigenerhaltung sich vereinfachen. Das Gesamtsystem wird für die Untersysteme zu einer strukturierten Umwelt, die ihnen erwartbare Anpassungsprobleme stellt.“442 „Funktionale Differenzierung ermöglicht […] eine Gesellschaftsordnung, in der die Stabilisierung fast nur die Kompatibilität der Teilsysteme im Verhältnis sicherzustellen hat und in der medienspezifische Selektoren (etwa: maximaler Profit, Staaträson, passionierte Liebe, ‚neugierige‘ Forschung) ohne Rücksicht auf Stabilisierungen spielen können, ohne daß die Gesellschaft als soziales System deswegen zusammenbräche.“443 „Funktionale Differenzierung beruht auf dem Prinzip der Ungleichheit der Untersysteme und macht deren gesellschaftliche Umwelt, wie leicht einzusehen, dadurch komplexer und schwieriger.“444 „Funktionale Differenzierung führt, […] gesamtgesellschaftlich gesehen, zu einer strukturell bedingten (und damit im System) Überproduktion von Möglichkeiten. Daraus folgen zum Beispiel eine Steigerung der Chancen, aber auch des Zwanges zur Selektion […].“445 Die gesellschaftlichen Teilsysteme benötigen Organisationen,446 denn das „[…] Schema funktionaler Differenzierung [kann] nur mit Hilfe vgl. Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 147; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 55 441 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 124 442 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 77 443 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 153 444 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 148 445 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 60; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 62; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 60 446 vgl. Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 147 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 122 von Organisationen erreicht und stabil gehalten werden […] [D]ie primären Teilsysteme […] [werden] durch Organisation entsprechender Teilsysteme getrennt und an spezifischen Funktionen ausgerichtet […]. In dem Maße, als die Gesellschaft durch funktionale Differenzierung hohe Komplexität erreicht, wird Organisation als Systembildungsprinzip in allen ihren Teilbereichen der Gesellschaft unentbehrlich.“447 „[…] [D]ie Ausdifferenzierung von primären gesellschaftlichen Teilsystemen [ist] auf die Institutionalisierung spezifischer Kommunikationsmedien angewiesen […] und erhält durch sie ihr Strukturgesetz.“448 Und „[a]lle wichtigen Funktionssysteme der heutigen Gesellschaft verfügen über systemeigene binäre Codes. So operiert das ökonomische System unter Codes für Eigentum und Geld, die auf der Differenz von Haben und Nichthaben aufbauen, das Wissenschaftssystem unter der Differenzierung von Wahrheit und Unwahrheit mit Hilfe einer binären Logik. Die Kunst muß zwischen schön und häßlich, die Politik zwischen stark und schwach unterscheiden können.“449 6.3.2.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien Luhmann erläutert den Begriff der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien anhand der Merkmale ihrer Entstehung ihrer Motivation zur Annahme der Kommunikation dem Zusammenhang zu symbiotischen Mechanismen und der Architekturbausteine Funktionale Differenzierung/Funktionssysteme Codes 447 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 400; vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 38 448 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 213 449 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 316 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 123 „In allen Fällen, in denen symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien entstanden sind, lassen sich zugespitzte Kommunikationsprobleme nachweisen.“450 „Kommunikationsmedien sind besondere Errungenschaften der gesellschaftlichen Evolution für hochgradig spezifizierte Problemsituationen.“451 Die neuzeitliche Gesellschaft hat die generalisierenden Mechanismen getrennt452 und „[…] relativ gut profilierten Untersystemen übertragen und sie in diesen im Interesse höherer Leistungen spezifiziert.“453 Mechanismen/Medien sind z. B. Recht, Wahrheit, Liebe, Macht, Geld und Kunst.454 „[…] Die Ausdifferenzierung von primären gesellschaftlichen Teilsystemen [ist] […] auf die Institutionalisierung spezifischer Kommunikationsmedien angewiesen […] und [erhält] durch sie ihr Strukturgesetz […].“455 „[…] [I]n der funktionalen Äquivalenz, seine Differenziertheit in der Unterschiedlichkeit dieser Kommunikationsmedien [drückt sich die Einheit des Gesellschaftssystems] aus.“456 „Daß keines der spezialisierten Medien ausreicht, um die Einheit der Gesellschaft zu thematisieren, liegt vielleicht einfach daran, daß man für die Annahme der Einheit keine Gründe und keine Motive mehr braucht.“457 Luhmann spricht „[v]on Kommunikationsmedien in einem engeren Sinne […], wenn durch die Art der Selektion zur Annahme motiviert wird.“458 „Die allgemeine Funktion generalisierter Kommunikationsmedien [ist], reduzierte Komplexität übertragbar zu machen und für 450 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 245 451 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 257; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 151; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 176 452 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 146; Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 127 453 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 146; Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 127 454 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 146–147; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 127; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 151; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 213 455 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 213 456 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 213 457 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 87 458 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 213 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 124 Anschlußselektivität auch in hochkontingenten Situationen zu sorgen […].“459 „Es geht […] um Sicherstellung der erfolgreichen Annahme von Kommunikationen.“460 Diese Funktion „[…] gehört zu den Grundvoraussetzungen des Aufbaus komplexer Gesellschaftssysteme.“461 „Kommunikationsmedien setzen Kommunikationspartner voraus, die unter dem gleichen Code seligieren. Nur unter dieser Voraussetzung kann die Selektionsweise des einen zur Annahmemotivation des anderen werden und kann diese Möglichkeit zugleich antizipatorisch die Selektionsweise vorsteuern.“462 In den 1960er Jahren grenzt Luhmann nicht immer die Begriffe Kommunikationsmedium, Code und Medien-Code eindeutig voneinander ab, wie z. B. die folgenden Textstellen zeigen: „[…] [S]ymbolisch generalisierte Kommunikationsmedien [und deren] […] besondere Codes wie Wahrheit, politische Macht, Recht, Eigentum, Geld, Liebe oder Kunst [stellen] […] institutionalisierte Regeln [bereit] […], wann Kommunikationen Erfolg haben sollten.“463 „Kommunikationsmedien sind symbolisch generalisierte Codes für die Übertragung von Selektionsleistungen – im Falle der Wahrheit von Selektionsleistungen des Erlebens, deren Selektivität der Welt zugerechnet wird.“464 „Mit ihrer letzten Sinngebung erfüllen alle Medien die Funktion von Kontingenzformeln. Das heißt: Sie müssen verständlich und plausibel machen, daß in bestimmter Weise erlebt und gehandelt wird, obwohl – oder sogar: gerade weil – auch anderes möglich ist. Dies geschieht auf der abstrakten Ebene eines Medien-Codes nicht durch Begründung der 459 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 174; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 172 460 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 172; vgl. Luhmann, Niklas, Soziologische Aufklärung 3, S. 186 461 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 174 462 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 257 463 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 199 464 Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2, S. 94 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 125 Selektion selbst, sondern nur durch Reduktion unbestimmter auf bestimmte oder doch bestimmbare Kontingenz.“465 „Zur Ausbildung symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien kommt es immer dann, wenn eine […] Codierung von Präferenzen sich einbauen läßt in eine spezifizierte Zurechnungskonstellation und sich damit verwenden läßt zur Regelung von Sonderproblemen und zum Aufbau funktionsspezifischer Sozialsysteme.“466 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien ermöglichen unter wechselnden gesellschaftlichen Bedingungen binäre Ja/Nein-Attribitutionen.467 „Für die Differenzierung der Medien entscheidend ist, daß […] Integrationsmöglichkeiten bestehen, aber nicht zum Durchgriff auf die binäre Struktur des anderen Mediums führen […].“468 „Die Ausdifferenzierung und Spezifikation der gesellschaftlich wichtigsten Medien-Codes hat zugleich eine Spezifikation symbiotischer Mechanismen erzwungen in dem Sinne, daß für jedes Medium ein und nur ein solcher Mechanismus zur Verfügung steht: für Wahrheit Wahrnehmung; für Liebe Sexualität; für Eigentum/Geld Bedürfnisbefriedigung; für Macht/Recht physische Gewalt. Die Zuordnungen sind nicht austauschbar.“469 „Alle erfolgreichen medienspezifischen Kommunikationsprozesse werden im Laufe der gesellschaftlichen Evolution reflexiv, das heißt auf sich selbst anwendbar.“470 465 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 184 466 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 175–176; vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 269 467 vgl. Niklas Luhmann: Soziologische Aufklärung 2, S. 93–94 468 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 182 469 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 181 470 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 182 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 126 6.3.2.4 Binäre Codes Luhmann nutzt zur Erklärung der binären Codes den Architekturbaustein symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien und die folgenden Merkmale binäre Struktur Duplikationsregel Wert/Unwert-Dichotomisierung Zusammenhang zu symbiotischen Mechanismen „[…] Codes [die die Annahme oder Ablehnung von negierbaren sprachlichen Kommunikationen regulieren] werden im Rahmen generalisierter Kommunikationsmedien für je spezifische Funktionsbereiche der Gesellschaft ausgebildet […]. Diese Medien-Codes sind im Unterschied zum allgemeinen Sprach-Code binäre Schematismen mit eingebauter Präferenz.“471 Beispiele für binäre Codes sind „[…] im Bereich der Wirtschaft Haben und Nichthaben (Eigentum), für die politische Macht ein Code, der Recht und Unrecht differenziert, und für die Wissenschaft der Code der binären Logik.“472 Luhmann versteht unter Codes Strukturen mit der Funktion einer Duplikationsregel.473 „Ihre Duplikationsregel beruht auf der Wert/Unwert- Dichotomisierung von Präferenzen. Sie konfrontiert Vorkommnisse, Fakten, Informationen mit der Möglichkeit, Wert oder Unwert zu sein […]“474, „[…] zum Beispiel wahr oder unwahr, stark oder schwach, recht oder unrecht, schön oder häßlich.“475 „[…] Kommunikations- 471 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 269 472 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 269 473 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 172; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 268; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 175 474 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 175; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 172; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 268; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 246 475 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 175 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 172 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 127 Codes […] [sehen] für Themen ihres Bereichs zwei (und nur zwei) mögliche Werte vor, die sich wechselseitig ausschließen und genau dadurch verknüpft sind.“476 „Medien-Codes sind Präferenz-Codes.“477 „Der Code verlockt sozusagen zur Ergänzung durch das Andere. Je nach Art und Ausstattung des Systems strukturiert ein Code selektive Empfindlichkeiten, Fragestellungen, Suchreize, Präferenzen – immer in der Form, daß zum Gegebenen ein Anderes hinzukommen muß. […] Dadurch erscheint die Umwelt als kontingent für das System. Dadurch definiert das System sich seinen Aktionsspielraum, und es erreicht in diesem Aktionsspielraum das, was man in der Entscheidungstheorie Unabhängigkeit von irrelevanten Alternativen genannt hat.“478 Codes sind „[…] Zusatzeinrichtungen […], die die wirksame Übertragung reduzierter Komplexität steuern“479, verursacht durch die Sprache gesteigerte Kontingenz.480 „Über Codes erreichen Systeme eine Umverteilung von Häufigkeiten und Wahrscheinlichkeiten im Vergleich zu dem, was an Materialien oder Informationen aus der Umwelt anfällt.“481 6.3.2.5 Neben-Codes In seinem Aufsatz „Einführende Bemerkungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien“482 aus den 1970er Jahren erwähnt Luhmann zweimal jeweils kurz gefasst sogenannte Neben-Codes und beschreibt sie mit den Merkmalen abhängig von Funktionsmängeln des Haupt-Codes und die Beschränkung auf dessen Ordnungsbereich 476 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 210 477 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 175 478 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 271 479 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 173; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 268; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 246 480 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 173 481 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 173 482 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 170–192 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 128 Fähigkeit zur Funktionsübernahme, größere Konkretheit und Kontextabhängigkeit bei geringerer Technizität und geringerer gesellschaftliche Legitimationsfähigkeit Aufrechterhaltung der Autonomie der Mediensysteme und ihrer funktionalen Differenzierung Es gibt die Erscheinung der sogenannten Neben-Codes.483 „Bezeichnend ist die Abhängigkeit solcher Erscheinungen von Funktionsmängeln des Haupt-Codes und die Beschränkung auf dessen Ordnungsbereich.“484 „Zu den typischen Eigenschaften von Neben-Codes gehören: gegenläufige Strukturen bei gleicher Funktion, also Fähigkeit zur Funktionsübernahme, größere Konkretheit und Kontextabhängigkeit bei geringerer Technizität und geringere gesellschaftliche Legitimationsfähigkeit. Die Möglichkeit, auf Neben-Codes innerhalb eines Medien-Bereichs zurückzugreifen, kann davor bewahren, Funktionsdefizite durch Inanspruchnahme andersartiger Medien auszugleichen; sie dient damit, obgleich Überlastungssymptom, der Aufrechterhaltung der Autonomie der Mediensysteme und ihrer funktionalen Differenzierung.“485 „Prominente Beispiele sind: […] gegenläufige informale Macht der Untergebenen über ihre Vorgesetzte […] [oder] so etwas wie Zigaretten-Währung bei Nichtfunktionieren des Geldsystems.“486 6.3.2.6 Selbst-Thematisierungen des Gesellschaftssystems Luhmann unternimmt den „[…] Versuch […], die Kategorie der Reflexion auf Gesellschaftssysteme zu übertragen.“487 „In der neuzeitlichen Gesellschaft werden zahlreiche, vielleicht alle wesentlichen, die Gesellschaft tragenden Mechanismen reflexiv […].“488 483 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 183 484 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 183 485 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 183 486 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 183 487 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 72 488 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 216; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 182 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 129 Hierfür nutzt er die Architekturbausteine symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien Funktionale Differenzierung Gesellschaft Sinn und Merkmale Reflexivwerden der Reflexion und Komplexitätsreduktion. Im Rahmen der Theorie symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien stellt Luhmann fest, dass „[a]lle erfolgreichen medienspezifischen Kommunikationsprozesse […] im Laufe der gesellschaftlichen Evolution reflexiv, das heißt auf sich selbst anwendbar [werden]. […] Reflexivität setzt funktionale Spezifikation der Prozesse voraus und dient unter dieser Voraussetzung der Steuerung und Leistungssteigerung durch zweistufige Komplexitätsreduktion.“489 „Die Erinnerung an Themengeschichte unter dem Gesichtspunkt der Selbst-Thematisierungsgeschichte dient nicht der bloßen Sortierung guter und schlechter Gedanken, der Abklärung wahrer und unwahrer Aussagen über die Gesellschaft. Sie verwendet vielmehr die gedankliche Technik der Relationierung, die sie der Gesellschaft zuschreibt, selber. Sie fragt selber nach dem Verhältnis der Gesellschaft zu sich selbst als eines Systems-in-einer-Umwelt. In dieser Fragestellung ist die Annahme eingebaut, daß sich zwischen kontingenten, evolutionär variablen Gesellschaftsstrukturen und kontingenten, evolutionär variablen Selbstbestimmungen nichtkontingente Beziehungen feststellen lassen.“490 „Soll die heutige Weltgesellschaft sich selbst zum Thema werden, kann dies nur mit Hilfe einer Kombination abstrakter Denkmittel geschehen, die eine Mitthematisierung der Geschichtlichkeit und Kontingenz jeweiliger Selbst-Thematisierungen ermöglicht. Das läuft auf 489 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 182 490 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 82 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 130 ein Reflexivwerden der Reflexion hinaus. Selbst-Thematisierungen werden damit als Systemprozesse bewußt. Dies erfordert […] einen [1] höheren Grad an Bewußtheit der gesellschaftlichen Konstitution von Sinn, damit zusammenhängend [2] die Verfügbarkeit der Einsicht, daß alle Sinnbildung immanent kontingent ist, das heißt über sich hinaus auf andere Möglichkeiten verweist, und [3] die Funktionalisierung der Reflexion im Hinblick auf die Differenz von System und Umwelt. Als Bezugssystem für diese Erörterung kommt weder die Einzelperson (als Subjekt) noch ein Erkenntnissystem (oder die Wissenschaft), sondern nur die Gesellschaft in Betracht.“491 In einer funktional differenzierten Gesellschaft sind „[…] die Teilperspektiven […] hochgradig autonom und damit unfähig, Gesellschaft als Ganzes zu repräsentieren. […] [E]ine Überwindung des Reflexionsdefizits […] [kann dadurch zustande kommen], daß die funktional ausdifferenzierten Teilsysteme sich selbst zugleich als adäquate Umwelt anderer Teilsysteme zu identifizieren und zu beschränken lernen. […] [So] reflektiert die gesellschaftliche Differenzierung sich in den Strukturen und Prozessen der Teilsysteme.“492 „Reflexion leistet […] [also] die Herstellung spezieller Beziehungen zwischen den einzelnen gesellschaftlich funktionsfähigen, symbolisch generalisierten Medien und dem Gesellschaftssystem, das durch die Herstellung einer solchen Beziehung thematisiert und zugleich kontingent gesetzt wird. Gesellschaftliche Reflexion gewinnt damit die Form von Sonderperspektiven, die aus dem Gesichtswinkel der einzelnen Medien-Codes und Medien-Systeme auf die Gesellschaft im ganzen gerichtet werden.“493 6.3.3 Organisationen (Theorie) Ziel ist es „[…] die strukturellen Beschränkungen des sozialen Mechanismus der Organisation zu erforschen […].“494 Hierzu wird eine systemtheoretische Analyse als sehr abstraktes Modell benötigt, „[…] 491 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83 492 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 86 493 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 88 494 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 144 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 131 das es ermöglicht, Gesellschaften, Organisationen und einfache Interaktionen als soziale Systeme verschiedener Art zu vergleichen.“495 Luhmann führt dazu den Unterschied zwischen der Organisationslehre und der Organisationssoziologie aus: „Die Organisationslehre befaßt sich mit dem richtigen Handeln, die Organisationssoziologie mit den nicht bedachten Folgen des Handelns.“496 „Organisation ist eine besondere Form der Verbindung menschlichen Erlebens und Handelns, die erst mit dem Vollausbau der neuzeitlichen Gesellschaft tragende Bedeutung gewonnen hat.“497 Bei dem Typus Organisation „[…] handelt es sich um eine vollständig eigene Entwicklung [in komplexen Gesellschaftsordnungen], die ein neuartiges Prinzip der Grenzziehung und Selbstselektion verkörpert und sich weder auf den Typus Interaktion noch auf den Typus Gesellschaft zurückführen läßt.“498 Luhmann kritisiert auch die faktischen als auch die rationalen Grenzen der klassischen Organisationstheorie. „Es ist weder möglich noch sinnvoll, alles Handeln in organisierten Systemen aus dem Organisationszweck abzuleiten.“499 Organisationen lassen sich nicht als in sich schlüssige rationale Konstruktionen erforschen.500 6.3.3.1 Organisation Luhmann hebt Organisationen unter den Handlungssystemen hervor, um das Interesse auf die formal normierten Erwartungen zu konzent- 495 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 144 496 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 3 497 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 387 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf. Band 232 der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Westdeutscher Verlag, 1978, S. 6, S. 41 498 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 12 499 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 32–33; vgl. Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 93–94 500 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 32–33; vgl. Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 93–94 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 132 rieren und nach der Funktion dieser Formalisierung von Verhaltenserwartungen zu fragen.501 Um den Begriff der Organisation bzw. des formal organisierten Systems zu erläutern, nutzt Luhmann verschiedene Architekturbausteine Formalisierung von Verhaltenserwartungen Mitgliedschaft und Merkmale Grenzen besondere Form der Reduktion von sozialer Komplexität ermöglicht Reflexivität kann mit besonderen Umweltausschnitten verkehren, ohne alle Umweltbeziehungen einbeziehen zu müssen Funktion und Zweck „Ein organisiertes Sozialsystem entsteht, wenn Verhaltenserwartungen und Mitgliedschaften als disponibel behandelt und zueinander in Beziehung gesetzt werden.“502 Organisationen sind „[…] soziale Handlungssysteme, in denen das faktische Verhalten durch eine Struktur von besonders herausgehobenen Erwartungen geordnet ist. Diese Struktur definiert die Grenzen des Systems gegenüber der Umwelt […].“503„[…] [D]urch die Art ihrer Grenzziehung [erreichen formalisierte Systeme] eine Verdichtung der internen Beziehungen und eine Generalisierung des Einflusses […].“504 „In einem solchen Sozialsystem sind formale Erwartungen nicht die einzigen, die zählen. Es gibt kein vollständig formalisiertes System in dem Sinne, daß alle Erwartungen und Handlungen des Systems formal 501 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 28 502 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 11 503 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 29; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 27– 28 504 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 127 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 133 organisiert wären. […] [E]in voll formalisiertes System [wäre] gar nicht lebensfähig. […] [D]ie formalisierten Erwartungen [nehmen aber] eine besondere Stellung ein. Sie sind nicht mit dem System als Ganzes identisch, aber in besonderer Weise auf das System als Ganzes bezogen.“505 „[…] [B]ei der Unterscheidung von formaler und informaler Organisation [kann] es sich nicht um zwei verschiedene Sozialsysteme handeln […], sondern nur um verschiedene Aspekte, verschiedene Erwartungsqualitäten eines einheitlichen Sozialsystems: des Systems der formal organisierten Kooperation, das sich als System faktischer Interaktionen nicht in seinem formalen Normengerüst erschöpft.“506 „[…] Organisationen [bestehen] nicht aus konkreten Menschen, sondern aus […] Verhaltenserwartungen. Dies bedeutet in der Konsequenz, daß die Beziehungen der Organisation zu ihren Mitgliedern, sofern es sich nicht um die Organisationsrolle selbst handelt, Umweltbeziehungen besonderer Art sind. […] Die Erhaltung des Systems ist eine Leistung, deren Chancen und Probleme sich nur im Zusammenhang mit einer bestimmten Art von Umweltdifferenzierung erkennen lassen.“507 Ende der 1970er Jahre definiert Luhmann „Organisationssysteme [als] soziale Systeme, die aus Entscheidungen bestehen und Entscheidungen wechselseitig miteinander verknüpfen.“508 Ein weiterer Architekturbaustein, mit dem Luhmann den Begriff der Organisation definiert Luhmann, ist Mitgliederschaft, also Verhaltensregeln bzw. die Anerkennung von Verhaltenserwartungen, die als Bedingungen des Eintritts und Austritts formalisiert werden. 505 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 27– 28 506 Luhmann, Niklas: Die Bedeutung der Organisationssoziologie für Betrieb und Unternehmung, S. 182 507 Luhmann, Niklas: Die Bedeutung der Organisationssoziologie für Betrieb und Unternehmung, S. 185; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 382–383; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 394 508 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 13 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 134 „Organisation ist, funktional gesehen, eine besondere Form der Reduktion sozialer Komplexität. Ihr Besonderes besteht darin, daß die Anerkennung und Befolgung bestimmter Verhaltenserwartungen zur Bedingung der Mitgliedschaft in einem Sozialsystem gemacht wird derart, daß nur eintreten kann, wer diese Mitgliedschaftsbedingungen akzeptiert, und austreten muß, wer gegen sie rebelliert.“509 „Mit Hilfe solcher Mitgliedschaftsregeln […] wird es möglich, trotz frei gewählter, variabler Mitgliedschaft hochgradig künstliche Verhaltensweisen relativ dauerhaft zu reproduzieren.“510 „Organisationssysteme unterwerfen alle Mitglieder einem Modus hierarchischer Konfliktbehandlung und -entscheidung, dessen Anerkennung sie zur Mitgliedschaftspflicht machen. […] [So können] Konflikte in einem Umfange ermöglicht und reguliert werden […], wie es auf der Basis von Interaktion und Gesellschaft alleine nicht möglich wäre.“511 „Diese personelle Mobilität ist die Grundlage aller Vorteile der Organisation: ihrer Stabilität und ihrer beliebigen Zusammensetzbarkeit, ihrer Komplexität und Autonomie. […] Der Einzelmensch ist im organisierten System ersetzbar […]. Alle Mitglieder müssen sich den gleichen, nur nach systeminternen Kriterien differenzierten Verhaltenserwartungen unterwerfen.“512 Schließlich äußert sich Luhmann zu Funktion und Zweck der formalen Organisation. 509 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 393; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 339–341; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 12; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 401; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 49–50 510 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 12; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 393; vgl. Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 146; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 387 511 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 18 512 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 393 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 135 „Die formale Organisation hat ihre Funktion als Struktur eines sozialen Systems darin, daß sie das System im Verhältnis zu mehreren Umwelten, die getrennt bleiben und sich getrennt entwickeln, invariant halten kann.“513 Eine formale Organisation „[…] kann mit besonderen Umweltausschnitten verkehren, ohne in jedem Falle alle Umweltbeziehungen einbeziehen zu müssen. […] Das System kann sich einmal von seinen Mitgliedern beeinflussen lassen, um nach ihren Interessen auf Kunden, Geldgeber, Kontrolleure, Lieferanten einzuwirken; und es kann umgekehrt Anregungen in Mitgliedspflichten umsetzen, ohne dass sich die Prozesse gegenseitig aufhöben oder störten.“514 „[…] Organisationssysteme [reagieren] selbst auf ihre eigene Differenz zur Umwelt […] [S]ie [schließen] ihre eigenen Strukturwahlen an die Tatsache […] [an], daß Umwelt- und Systemstrukturen teils abhängig, teils unabhängig voneinander variieren bzw. variiert werden könnten.“515 Es gibt keine generelle Antwort darauf, „[…] ob ein Organisationssystem sich mehr durch seine Umwelt oder mehr durch seine eigene Stellendefinitionsgeschichte bestimmen läßt.“516 „Zum Organisationszweck werden […] diejenigen Leistungen erhoben, die ihr [der Organisation, Anm. d. Verf.] etwas eintragen, die in ihrer Umwelt Anerkennung und Absatz in der Umwelt finden.“517 „Die Definition eines Organisationszwecks sichert zwar […] allein noch nicht den angepassten Fortbestand des Systems; aber sie macht die Fragen zur Umweltanpassung entscheidbar. […] Die Zwecksetzung strukturiert die Umwelt so, dass strategische Ansatzpunkte und Alternativen sichtbar werden.“518 Zu erwähnen ist hier, „[…] daß das faktische Verhalten in großen Arbeitssystemen nicht eindeutig von einem gemeinsamen Zweck aus zu begreifen ist. Das wirkliche Handeln in Organisationen zeigt eine Ordnung, in der der Organisationszweck zwar eine wesentliche Komponente, nicht aber die allein ent- 513 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 133 514 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 133 515 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 47 516 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 46 517 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 109 518 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 109 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 136 scheidende Grundlage ist.“519 Bei Organisationen spricht man von „Selbstrationalisierung intendierenden Gegenständen“520. „Jede Organisation muß verschiedenartige, zueinander widerspruchsvolle Systembedürfnisse zugleich erfüllen. Sie wird deshalb von Problemen (‚organizational dilemmas‘) geplagt, die durch Strukturentscheidungen, durch faktisches Verhalten oder durch Persönlichkeitsbelastung gelöst werden. Jede Lösung hat ‚dysfunktionale‘ Folgen im System, die wiederum als Problem bewußt werden, zu neuartigen Lösungen stimulieren usw., so daß der bürokratischen Hydra immer neue Köpfe anwachsen.“521 „Formale Organisation … [ermöglicht] den Entscheidungsprozessen […], reflexiv zu werden.“522 „Organisation […] steigert […] die Komplexität des Systems, nämlich die Zahl der Zustände, die mit der Systemstruktur vereinbar sind, und sie ermöglicht es dadurch, Systeme zu bilden, die der Welt angemessener sind.“523 „Je komplexer Systeme sind, desto mehr Umweltkomplexität können sie erfassen und verarbeiten.“524 Zusätzlich wird das Verhältnis von Organisationen zur Gesellschaft von Luhmann beschrieben. „Organisation ist […] in jedem Falle ein Phänomen von gesamtgesellschaftlicher Relevanz.“525 Dieser Aspekt wird allerdings an entsprechender Stelle (s. Kapitel 6.3.4.3) näher beleuchtet. An dieser Stelle wird nur der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen. 519 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 93–94 520 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 48 521 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 34 522 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 340 523 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 341; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 405 524 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 405; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 388 525 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 6 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 137 6.3.3.2 Entscheidung Zur Definition des Begriffs Entscheidung nutzt Luhmann die Architekturbausteine Organisation Kommunikation Reflexion und Merkmale wird als die Mitteilung des Ergebnisses einer Informationsverarbeitung, also kommunikatives Handeln verstanden ist Wahl zwischen Alternativen Vorteile: Steigerung der Komplexität, Entscheidungsprozesse sind reflexiv Aus dem Manuskript von 1973 soziale und personale Systeme entscheiden Spezialfall einer Handlung Verstärkung der Kontingenz der Selektion ist Relationierung des Handelns Beziehung zwischen einer Mehrheit von Möglichkeiten und einer ausgewählten Alternative dient der Vergleichzeitigung von Zukunft und Gegenwart Steigerung und Reduktion von Komplexität setzt eine doppelstufige Kontingenz voraus um reflexiv sein zu können In den 1960er Jahren hat sich Luhmann hauptsächlich mit Verwaltungen beschäftigt und daher den Begriff der Entscheidung auf Verwaltungen angewendet,526 in seinem Werk „Zweckbegriff und Systemrationalität“ ordnet er reflexive Entscheidungsprozesse allgemein der formalen Organisation zu. Er definiert Entscheidungen als kommunikatives Handeln bzw. als Kommunikationen. Darüber hinaus stellt 526 vgl. http://agso.uni-graz.at/lexikon/klassiker/luhmann/26bio.htm (12.02.2018, 12:00 Uhr); vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 111 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 138 Luhmann den Vorteil von reflexiven Entscheidungsprozessen dar.527 Ende der 1970er Jahre setzen seine Überlegungen zu einem Organisationsverständnis „[…] beim Zusammenhang von Organisation und Entscheidung an, sie interpretieren diesen Zusammenhang aber soziologisch und nicht allein unter dem Gesichtspunkt von Rationalitätsgewinnen; und sie versuchen, in eine organisationstheoretisch durchführbare Interpretation zugleich gesellschaftstheoretische Perspektiven einzubeziehen.“528 Es gibt soziale Systeme bzw. Organisationen, wie z. B. Verwaltungseinheiten, Staatsverwaltungen oder Behörden, deren Handlungen aus Entscheidungen, d. h. aus Kommunikationen bestehen.529 Die spezifische Funktion bzw. der Zweck von Verwaltungssystemen ist die Herstellung bindender Entscheidungen, was sie von anderen Handlungssystemen und Organisationen unterscheidet.530 Luhmann versteht „[…] [u]nter Entscheidung […] die Mitteilung des Ergebnisses einer Informationsverarbeitung, also kommunikatives Handeln. Durch Entscheidung in diesem Sinne werden Informationsgehalte verdichtet, Potentialitäten, die in den Ursprungsinformationen stecken, reduziert.“531 „Entscheidungsbeiträge [müssen] mitgeteilt werden […] und das Verständnis der Mitteilung [erfordert] eine, wenn auch abgekürzte, Wiederholung der Vorentscheidung […].“532 „[…] Verwaltungsentscheidungen, die selbst ja nur Kommunikationen sind […]“533, sind wesentlich für die „Form der Selbstdarstellung“534 527 vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 338–340 528 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 7 529 vgl. Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 5–7; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 191, S. 230–231 530 vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 67; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 111; vgl. Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 6 531 Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 69 532 vgl. Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 5 533 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 111 534 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 111 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 139 der Verwaltung und somit für das „Vertrauens- und Misstrauensverhältnis zur Verwaltung […] [bzw. für] die Einstellung zu ihren Entscheidungen.“535 Ende der 1970er Jahre stellt Luhmann fest, dass „[…] Handlung als Entscheidung veranstaltet [werden kann] […]. Entscheidung ist Wahl zwischen Alternativen. Dabei wird eine Klärung des relativen Gefüges erwartet, unterstellt und zum Teil auch vollzogen, in dem die gewählte Handlung eine Alternativen ist; tradierfähig wird nicht nur die Handlung selbst, sondern auch ihr Kontrast zu Alternativen, gegen die entschieden wurde.“536 Der Vorteil für Systeme, die sich mit reflexiven Entscheidungsprozessen ausrüsten,537 ist, dass sie „[…] durch eine Steigerung der eigenen Komplexität in einer komplexeren Umwelt existieren [können].“538 Durch die Komplexitätssteigerung wird „[…] der Widerspruch von Identitätsbedürfnissen und Programmatik auf der einen, Anpassungsfähigkeit und Opportunismus auf der anderen Seite in neuer Weise gelöst […].“539 Reflexiv bedeutet, dass „[d]er Entscheidungsprozeß […] laufend auf sich selbst angewandt [wird]“540, dass „[…] mit „[…] jeder Entscheidung immer auch über andere Entscheidungen mitentschieden werden muß.“541 „Entscheidung ist somit eine Form für Ereignisse, die der Selektivität von System/Umwelt-Beziehungen in offenen Situationen zugrunde gelegt werden kann, und wann immer diese Form gewählt und systematisiert wird, entstehen organisierte Sozialsysteme.“542 Ebenfalls Ende der 1970er Jahre in seinem ersten Werk mit dem Titel „Organisation und Entscheidung“ stellt Luhmann fest, dass „Entschei- 535 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 111 536 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 138 537 vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 338 538 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 338 539 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 341 540 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 338 541 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 338 542 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 140 dungen […] sich von Handlungen durch einen anderen Bezugspunkt ihrer Identifikation und eine andere Form der Erfassung von Kontingenz [unterscheiden].“543 „Im Unterschied zu Handlungen, die als gegeben hingenommen oder in ihrem typischen Ablauf erwartet werden, haben Entscheidungen ihre Identität nicht im Ablauf eines bestimmten Geschehens, sondern in der Wahl zwischen mehreren Möglichkeiten (Alternativen), die sich an der gewählten Alternative nur dokumentiert (aber nicht in der gewählten Alternative besteht).“544 „Als ‚Alternative‘ hat zunächst alles zu gelten, was auch hätte Entscheidung werden können. Für den Begriff der Alternative ist vor allem dies wesentlich: daß sie nicht immanent bewertet werden kann, also nicht als solche schon die Entscheidung ist oder zur Entscheidung führt.“545 „Entscheidungen werden […] als kombinatorische Elemente komplexer Sozialsysteme behandelt, deren Einheit als Element und deren Kontingenz (das heißt: deren Bezug auf Alternativen) im System selbst erst konstituiert werden.“546 „Entscheidungen in diesem Sinne sind Ereignisse, die sich selbst als kontingent thematisieren.“547 „Die Einheit Entscheidung kann nicht unterschritten werden. Wie immer sie zerlegt, dekomponiert, faktorisiert wird: Die Untereinheiten müssen wiederum Entscheidungen sein.“548 In dem Manuskript von 1973 „Zur Komplexität von Entscheidungssituationen“, das erst im Jahr 2009 veröffentlicht wurde, ist Luhmanns These, dass soziale und personale Systeme entscheiden549 und die Ent- 543 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 9 544 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 9 545 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 9 546 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 32 547 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 13 548 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung: 227. Sitzung am 18. Januar 1978 in Düsseldorf, S. 20 549 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 31 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 141 scheidung ein Spezialfall einer Handlung ist.550 In dieser Abhandlung verbindet er kein einziges Mal Entscheidung mit Organisationen bzw. formal organisierten Systemen, dementiert diese Verbindung aber auch nicht. Soziale und personale Systeme entscheiden.551 „Die Entscheidung ist […] ein Spezialfall einer Handlung […].“552 Handlung bedeutet, dass eine Selektion einem System zugerechnet werden kann. Bei einer Entscheidung kann dem Handelnden die relationale Thematisierung der Selektion seines Handelns zugerechnet werden.553 „Zurechnungen setzen Kontingenz der Selektion voraus.“554 Entscheiden wird als eine Verstärkung der Kontingenz der Selektion definiert555, „[…] als Verstärkung und Regulierung der Kontingenz des Handelns. Von Entscheiden kann man immer dann sinnvoll sprechen, wenn die Kontingenz des Handelns in der Form einer Relation in den Sinn des Handelns eingeht […]. Entscheiden ist demnach Relationierung des Handelns.“556 „Wir sehen die Entscheidungsrelation in der Selektion selbst, das heißt in der Beziehung zwischen einer Mehrheit von Möglichkeiten und einer ausgewählten Alternative und wollen von Entscheidung immer dann sprechen, wenn die zugerechnete Selektivität des Handelns als Selektion thematisiert wird. […] Als Entscheidung verstehen wir also eine dem Handelnden zurechenbare relationale Thematisierung der Selektion seines Handelns.“557 „Der Begriff der Alternative nimmt […] eine Schlüsselstellung in der Entscheidungstheorie ein […].“558 „Die Entscheidungssituation wird komplexer, wenn die Zahl der Alternativen zunimmt; sie wird auch komplexer, wenn die Verschiedenartigkeit der Alternativen zunimmt 550 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 3 551 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 31 552 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 3 553 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 3 554 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 3 555 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 4 556 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 4 557 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 5 558 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 8 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 142 oder wenn die Interdependenzen unter ihnen zunehmen, so dass man sie nicht mehr stückweise abarbeiten kann.“559 „Entscheidungsprozesse [operieren] nach Regeln der Steigerung und Reduktion von Komplexität […] und [bestimmen] in dieser Weise Unbestimmtes […].“560 Für Luhmann „[…] liegt der Gedanke nahe, nicht mehr in der Richtigkeit der Entscheidung, sondern in der Komplexität der Entscheidungssituation den Leitbegriff der Entscheidungstheorie zu sehen. […] „[M]it dieser Umkonzipierung [verlagert] sich […] der Blick von der Entscheidung auf die Entscheidungssituation.“561 Situation bedeutet hierbei, wenn „[…] die Lebenswelt eines Handelnden unter dem Gesichtspunkt einer Entscheidung erfasst wird.“562 Die Voraussetzung, um über Entscheiden entscheiden zu können, ist die Reflexivität,563 „[…] nämlich die Möglichkeit, den Entscheidungsprozess auf sich selbst zu beziehen. […] Prozessreflexivität entsteht nur, wenn ein Prozess funktional spezifiziert und mit seinem eigenen Funktionstypus auf sich selbst angewandt wird. Das setzt eine doppelstufige Kontingenz voraus, indem das Entscheiden selbst nochmals als ganzes oder in seinen Prämissen oder in seinen Phasen zum Entscheidungsthema wird.“564 6.3.3.3 Mitgliedschaft Zur Erläuterung der Mitgliedschaft nutzt Luhmann den Architekturbaustein Organisation und die Merkmale Formalisierung Anerkennung bestimmter Erwartungen als Bedingung für die Mitgliedschaft 559 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 9 560 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 24 561 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 6 562 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 7 563 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 24–25 564 vgl. Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 25 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 143 Symbol für Rolle mit bestimmten Rechten und Pflichten Status kann verliehen, entzogen oder aufgegeben werden daneben gibt es andere Verhaltenserwartungen hat Ordnungsfunktion Erwartungen können in drei Richtungen generalisiert sein: zeitlich, sachlich und sozial Kommunikationsnetz Luhmann entwickelt „[n]ach kritischer Würdigung bisheriger organisationswissenschaftlicher Definitionsversuche […] [einen] Begriff der Formalisierung […], der das Strukturmerkmal herausschält, durch welches sich formalisierte von elementaren sozialen Systemen unterscheiden: die Anerkennung bestimmter Verhaltenserwartungen als Mitgliedschaftsbedingung.“565 Demnach „[…] soll unter Formalität die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Systemstruktur verstanden werden, die formal ist, weil sie die Identität des Systems gegenüber wechselnden Personen und Orientierungsinhalten sichert.“566 „Das Charakteristische der Formalisierung selbst besteht in der Aussonderung bestimmter Erwartungen als Mitgliedschaftsbedingung.“567 Luhmann bezeichnet „[…] eine Erwartung daher als formalisiert […], wenn sie in einem sozialen System durch diese Mitgliedschaftsregel gedeckt ist, d. h. wenn erkennbar Konsens darüber besteht, dass die Nichtanerkennung oder Nichterfüllung dieser Erwartung mit der Fortsetzung der Mitgliedschaft unvereinbar ist.“568 „Für alle formal organisierten Systeme ist charakteristisch, dass ihre Mitglieder gewissen ausdrücklich herausgehobenen Erwartungen die Anerkennung nicht verweigern können, ohne ihre Mitgliedschaft zu 565 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 21 566 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 29 567 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 38; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 34 568 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 38; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 126–127 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 144 riskieren.“569 „[…] [D]ie Mitgliedschft [sic] [wird] als Symbol für eine besondere Rolle mit bestimmten Rechten und Pflichten aufgefaßt, d. h. als abgesonderter Komplex von Verhaltenserwartungen, der unter Bedingungen gestellt werden kann.“570 „Jedem Mitglied muß nicht nur die Erfüllung seiner eigenen Aufgaben, sondern zugleich die Anerkennung der Gesamtstruktur und der übrigen Aufgaben und Kompetenzen der anderen Mitglieder zur Pflicht gemacht werden.“571 „Durch Bindung der Vorteile an die Mitgliedschaft wird eine deutliche Interessenschwelle eingebaut: Das Mitglied wird ein gewisses Maß von Veränderungen, Enttäuschungen und Belastungen ertragen, bevor es sich zum Austritt entschließt.“572 „Das Mitglied erhält einen besonderen Status, der als solcher verliehen und entzogen oder aufgeben werden kann, je nachdem, ob das Mitglied gewisse Erwartungen teilt oder nicht. […] Die Mitgliedschaft wird auf ein klares Entweder/Oder gestellt. […] Die Bewußtheit der Mitgliedschaft als Sonderrolle macht es möglich, Kriterien für die Zulassung zur Mitgliedschaft zu definieren und damit den Kreis möglicher Mitglieder zu umgrenzen.“573 „Die Mitgliedsrolle bewirkt eine kritische Differenzierung: ein Teil der Verhaltenserwartungen im System wird zum Bestandteil der Mitgliedsrolle.“574 „Die Bindung der Mitgliedschaft an bestimmte Erwartungen kann nur durch Entscheidung geändert werden.“575 Wesentliches Merkmal aller formalisierten Systeme ist „[…] eine gewisse Unterscheidung von formalen und informalen Rollen nach Situ- 569 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 36; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 339; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 254 570 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 36; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 339–341; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 73 571 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 394 572 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 95 573 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 35 574 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 36 575 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 62 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 145 ationen und Zuschauerkreisen.“576 „Wenn formale Erwartungen als Bestandteil der Mitgliedsrolle definiert werden, ist dabei vorausgesetzt, daß es neben dieser Mitgliedsrolle andere Rollen und Verhaltenserwartungen im System gibt. […] Andere Rollen können [allerdings] nur in Kombination mit der Mitgliedsrolle übernommen werden.“577 „Die Mitgliedsrolle definiert die Situationen, in denen ein sozialer Handlungszusammenhang als System betrachtet werden kann.“578 Und „[f]ormale Organisationen [werden] […] auch von ihren Mitgliedern im täglichen Leben als System erlebt und behandelt […].“579 „Die Mitgliedschaftsrolle stellt […] eine Trennung des sozialen und des persönlichen Aktionssystems sicher […].“580 „[…] Mitglieder gehen, obwohl durch ihre Handlung in die Organisation involviert, als personale Aktionssysteme nicht in ihr auf, sondern bleiben externe Systeme.“581 Die Mitgliedsrolle enthält „[…] sowohl konstante als auch variable Bestandteile […]. Der Schwerpunkt [der konstanten Komponente] […] liegt […] in einem kommunikativen Ausdrucksverhalten, das die Bestätigung der formalen Erwartungen zum Inhalt hat.“582 Die variable Komponente „[…] liegt in der Rahmenvorzeichnung für die Sonderrolle der einzelnen Mitglieder. […] [Das] Verhalten ist nicht konkret vorgezeichnet, aber gewisse selektive Standards sind gesetzt. […] Das System vereint Lenkbarkeit und Elastizität.“583 576 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 284; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 48 577 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 39 578 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 41 579 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 41 580 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 42 581 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 108; vgl. Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 104 582 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 47 583 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 47–48 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 146 Die Mitgliedsrolle hat eine Ordnungsfunktion, „[…] die Tendenzen zur Selektion und Verfärbung des Erlebens […] beobachten [lässt]. […] Dazu treten entsprechend selektive Prozesse im Bereich der kausalen Zurechnung.“584 „Dieser Harmonisierungseffekt […] findet eine Abrundung in der Deutung des Unsichtbaren oder des in der Situation nicht Sichtbaren.“585 „Mit Hilfe von selektiver Wahrnehmung und Zurechnung, durch Deutung des Unsichtbaren und durch Abdecken latenter Beziehungen wird ein Konglomerat von Mitgliedschaftsbedingungen zu einer kohärenten Rolle zusammengefügt […].“586 „Wird die Anerkennung der Zweckstruktur als Mitgliedschaftsbedingung gefordert, was bei Arbeitsorganisationen stets der Fall ist, so begründet das hochgradig stabile, konsistente und konsentierte Leistungserwartungen und damit eine Stetigkeit der Leistung, die es auch der Umwelt erlaubt, in bezug auf das System feste Erwartungen zu bilden und dessen Leistungen in Dauerbeziehungen zu entgelten.“587 Durch die Formalisierung kommt es zur Grenzziehung in einem sozialen System.588 „Sie ermöglicht die Konstitution eines zeitlich, sachlich und sozial mit definierten Grenzen versehenen Erwartungssystems, das dazu dient, ein Handlungssystem zu strukturieren. […] Wenn und soweit Erwartungen in diesen drei Richtungen, zeitlich, sachlich und sozial formalisiert sind, besitzen sie hohe Sicherheit und Verlässlichkeit.“589 „Vor allem aber trägt diese Erwartungssicherheit dazu bei, ein soziales System in bestimmten, definierten Grenzen gegenüber seiner Umwelt zu erhalten.“590 584 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 50 585 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 50 586 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 52 587 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 110 588 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 71 589 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 71; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 126–127 590 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 71; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 126–127; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 268 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 147 Luhmann beschäftigt sich auch mit Kommunikationsnetzen. „Der Ausbau […] [solcher] Netze zu einer verläßlich funktionierenden, eindeutig vorhersehbaren Einrichtung der Informationsverarbeitung ist […] nur in formalisierten Systemen möglich.“591 „Kommunikationswege bilden ein Netz nur dann, wenn sie so miteinander verbunden sind, daß Informationen in übersehbarer Weise durch mehrere Stellen laufen. Zum Begriff des Netzes gehört, daß der Absender einer Nachricht sie dem Empfänger zu weiterer Verwendung in anderen kommunikativen Situationen zuleiten kann, wie und in welchen Bahnen die Information weitergegeben wird.“592 6.3.3.4 Struktur / Generalisierung von Verhaltenserwartungen Struktur bzw. Generalisierung von Verhaltenserwartungen werden erklärt durch die Architekturbausteine Organisation Soziales System und die Merkmale bauen auf Identifikation von Stellen (Rollen, Personen, Aufgaben, organisatorische Zuordnung) auf drei verschiedene Richtungen der Generalisierung (zeitlich, sachlich, sozial) ermöglichen für formalisierte Erwartungen ein Höchstmaß in allen drei Richtungen zugleich (zeitlich, sachlich, sozial), erreichen damit ein Ausmaß an systematischer Ordnung Differenzierung und formale Generalisierung bedingen sich wechselseitig „[…] Organisationsstrukturen [bauen] auf der Identifikation von Stellen […] [auf]. Stellen sind abstrakte Identifkationsgesichtspunkte für Rollen, bei denen Personen, Aufgaben und organisatorische Zuordnungen geändert werden können.“593 „Organisation leistet kongruente 591 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 192 592 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 191 593 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 120 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 148 Generalisierung von Erwartungen dadurch, daß sie die Anerkennung bestimmter Erwartungen als Bedingung setzt für die Mitgliedschaft in einem System.“594 Wie auch schon bei sozialen Systemen im Allgemeinen erwähnt, existieren drei verschiedene Richtungen der Generalisierung: „[…] zeitlich – als Sicherung gegenüber einzelnen Abweichungen und Enttäuschungen; sachlich – als Sicherung gegen Zusammenhanglosigkeit und Widersprüchen; sozial – als Sicherung gegen Dissens.“595 Die Formalisierung „[…] ermöglicht für einen Teil des sozialen Systems – eben die formalisierten Erwartungen – ein Höchstmaß an Generalsierung in allen drei Richtungen zugleich. Sie erreicht damit ein Ausmaß an systematischer Ordnung, wie es sonst bei stärker differenzierten Verhältnissen nicht möglich wäre.“596 „Differenzierung und formale Generalisierung eines Systems sind Prozesse, die sich wechselseitig bedingen.“597 „Vorstellungen wie Arbeitsplatz oder Amt, Kompetenz, Autorität, Verantwortlichkeit, oder die verschiedenen Kommunikationstypen wie Weisung, Entwurf, Entscheidung und deren konkrete Ausformungen, Entscheidungsregeln und Brauchbarkeitskriterien fungieren als institutionalisierte Situationsvereinfachungen, die zur allgemeinen Orientierung Handlungsmöglichkeiten, Freiheiten und Indifferenzen abstecken und legitimieren. Sie besitzen […] für alle Mitglieder dieselbe Grundbedeutung, obwohl sie in den verschiedenen Situationen je anders angewandt werden und ihren Sinn zu unterschiedlichen Ausprägungen entwickeln lassen.“598 Besondere Aufgaben werden den Untersystemen zugeteilt, die für spezifische Bedürfnisse gebildet werden.599 594 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 123 595 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 56 596 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formalisierter Organisation, S. 59 597 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 82 598 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 82 599 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 84 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 149 6.3.3.5 Entscheidungsprämisse Der Begriff Entscheidungsbegriffe wird erläutert durch den Architekturbaustein Organisation und die Merkmale Entscheidungsprogramme (Routine- (bzw. Konditional-) oder Zweckprogramm) Die regulative Festlegung von Entscheidungsprämissen600 ist „[…] einer der wichtigsten Serienvorgänge in großen Organisationen […].“601 Dadurch wird ermöglicht, „[…] abgeleitete nichthierarchische Autoritäten zu schaffen […].“602 Luhmann führt dazu aus, dass „[…] Entscheidungsprämissen die Auswahl der Informationen und der auf sie zu veranlassenden Kommunikation anleiten […].“603 „Ein Entscheidungsprogramm besteht aus verbindlich vorentschiedenen Entscheidungsprämissen, die den Spielraum des Entscheidens begrenzen und es insoweit schon mit reduzierter Komplexität umgeben, also von Verantwortung entlasten. Zweckprogramme fixieren in ihrer einfachsten Form den Zweck und dienen als Leitfaden für die Ermittlung geeigneter Mittel.“604 „Deshalb hat die Programmplanung für Entscheidungssysteme eine ganz andere, viel tiefer dringende Bedeutung als für Produktionssysteme.“605 „Ein Bedürfnis nach Entscheidungsprogrammen tritt nur […] auf, wenn Entscheidungstätigkeiten zu einem System zusammengefaßt sind, das von Veränderungen in der Umwelt relativ unabhängig fortbesteht, also Grenzen gegen die Umwelt definiert und invariant hält. Die Programmierung von Entscheidungen dient dazu, gleichmä- ßige Zustände oder Wirkungen des Systems zu sichern, die nicht von 600 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 97 601 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 97 602 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 97 603 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 186 604 vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 284 605 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 5 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 150 jeder Schwankung in der Umwelt durcheinander geworfen werden, sondern nur auf spezifische, ausgesuchte Informationen durch Anpassung reagieren.“606 „Entscheidungsprogramme werden […] so gewählt, dass Eingänge und Ausgänge wechselseitig füreinander Gesichtspunkte der Selektion sind.“607 „Es müssen also Grenzen der Variation definiert werden. Das ist die Funktion von Entscheidungsprogrammen.“608 „[…] [D]ie Programmdefinition [kann] an zwei (und nur an zwei) Punkten ansetzen: Sie kann bestimmte Informationen als auslösende Signale für die Wahl von bestimmten Kommunikationen festlegen; oder sie kann umgekehrt bestimmte Kommunikationen invariant setzen, um von dort her die relevanten Informationen zu ermitteln. Der erste Fall trifft den Sachverhalt, den man gemeinhin als Routine bezeichnet. Der zweite ordnet den Entscheidungsgang im Sinne des Zweck/Mittel-Schemas.“609 Routineprogrammierung wird wahlweise auch konditionale Programmierung genannt.610 „Ebenso wie Zweckprogramme dienen auch Routineprogramme der Stabilisierung von System/Umwelt-Beziehungen unter der Bedingung unvollständiger wechselseitiger Kontrolle.“611 „Entscheidungsprogramme, und zwar Zweckprogramme ebenso wie Routineprogramme, vermögen das Grundproblem jeder Organisation: die Erhaltung eines Systems in einer unkontrollierbaren Umwelt, nicht voll und definitiv lösen.“612 „So kommt es leicht dazu, daß Systeme an inadäquat gewordenen Programmen kleben, überholte Zwecke verfolgen oder auf Zeichen reagieren, die in der Umwelt ihren alten Sinn längst verloren haben. […] Und das bedeutet, daß Programme im allgemeinen nicht rechtzeitig geändert werden, sondern erst, wenn sich eine Krise abzeichnet.“613 Durch die Entscheidungsprogrammierung wird „[…] gewissen Umweltinformationen eine ‚abgeleitete nichthierarchische Autorität‘ ver- 606 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 6 607 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 6 608 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 7 609 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 7; vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren, S. 207–210 610 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 231 611 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 25 612 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 26 613 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 26 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 151 liehen, also die Möglichkeit, Entscheidungsprämissen für das Verhalten an Grenzstellen festzulegen.“614 Grenzstellen sind besondere Stellen einer Organisation, denen der Verkehr mit Außenstehenden aufgetragen wird.615 „Die Grenzstellen interpretieren die Umwelt für das System. Sie müssen Umweltinformationen sichten und sieben und sie zur Sprache bringen, die im System verstanden und akzeptiert wird.“616 „[…] [D]ie Informationen, die in das System hineingegeben werden, [werden] so […] [ausgewählt], daß das System sich auf die Bearbeitung dieser spezifischen Informationen beschränken und alles andere vernachlässigen kann.“617 Entscheidungszusammenhänge werden in programmierte Entscheidungszusammenhänge, Programmierung des Entscheidungsprozesses und Kontrolle unterschieden.618 „Das Programm ist […] ein Komplex von Entscheidungen – Entscheidungen in einer anderen Situation, mit anderer Problemkomplexität und anderen Erleichterungen, als die programmierten Entscheidungen sie aufweisen.“619 „In Organisationen, die Entscheidungen produzieren (Verwaltungen), herrschen völlig andere Bedingungen. […] Entscheidungsbeiträge [müssen] mitgeteilt werden […] und das Verständnis der Mitteilung [erfordert] eine, wenn auch abgekürzte, Wiederholung der Vorentscheidung […].“620 6.3.4 System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen Zunächst beschäftigte sich Luhmann mit dem Thema Umweltanpassung und stellte hierzu fest, dass „[j]edem System […] zwei Möglichkeiten der Umweltanpassung offen [stehen], die funktional zueinander äquivalent sind: Es kann, um seinen Bestand zu erhalten, sich selbst 614 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 232 615 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 220–221 616 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 224 617 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 224 618 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 337 619 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 298 620 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 5 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 152 ändern oder modifizierend in die Umwelt eingreifen. Der Einflußbegriff bezieht sich auf den zweiten Fall, den ändernden Eingriff in die Umwelt. Unter Einfluß […] wird eine Kommunikation [verstanden] […], sofern sie der Anpassung der Umwelt an ein System dient. Einfluß ist mithin die funktionale Beziehung einer Kommunikation auf das externe Bestandsproblem eines Systems und nicht einfach das Bewirken einer bezweckten Wirkung.“621 „Soweit die Annahmemotivation – mit welchen Mitteln auch immer – generell beschafft wird, kann eine Einflußerwartung als generalisiert bezeichnet werden.“622 „Wie bei Verhaltenserwartungen schlechthin ist auch bei Einflußerwartungen eine Generalisierung in drei Richtungen möglich: zeitlich, sachlich und sozial. […] Soll der Einfluß eines Systems seine Funktion erfüllen und den Bestand des Systems in einer problematischen Umwelt sicherstellen, so muß er in allen drei Richtungen generalisiert sein […].“623 „Jede Generalisierung von Einfluß bedeutet jedoch, daß diese zwei Systeme [einflußnehmendes System und beeinflußtes System], so verbunden sind, daß in einer Situation wechselseitigen Handelns auf andere mögliche Situationen Rücksicht genommen wird. Dadurch wird Einfluß als Potential bewußt und wirksam. Das besagt zugleich, daß sich ein weiteres, übergreifendes System herausbildet […].“624 „Die Generalisierung von Einfluß führt zur Bildung grenzsetzender sozialer Systeme, die Formalisierung des Einflusses zur bewußten Definition der Systemgrenzen und zu einem Verhalten, das sich mit Bezug auf spezifische Anpassungsprobleme rationalisieren läßt.“625 Später bezieht sich Luhmann auf das Input/Output-Modell. „Als theoretisches Modell, das […] [der] begrenzten Selbststeuerung eines umweltoffenen Systems Rechnung zu tragen sucht, ist […] das sogenannte Input/Output-Modell entwickelt worden. Es besagt, daß Kau- 621 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 123 622 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 124 623 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 124 624 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 125 625 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 137 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 153 salprozesse nicht auf genau vorgeschriebener Route durch das System hindurchlaufen, sondern daß das System Eindrücke aus der Umwelt in einem bestimmten Sinne, namentlich unter dem Gesichtspunkt der Selbsterhaltung, aussucht, verarbeitet und das Ergebnis an die Umwelt zurückgibt, um sich auf diese Weise seine Existenzbedingungen in einer problematischen Umwelt zu sichern.“626 „Jede strukturelle Änderung von Systemen (gleich welcher Ursache) verändert nicht nur das System selbst, sondern dadurch zugleich die Umwelt anderer Systeme und löst daher Anpassungen aus. Steigt durch solche Änderungen die Komplexität der relevanten Umwelt anderer Systeme, können (!) diese sich durch Steigerung ihrer Systemkomplexität anpassen. Die Bedingungen und Schranken dieser Möglichkeit liegen in ihrer Systemstruktur fest.“627 „Systeme vermitteln zwischen der äußersten, unbestimmten Komplexität der Welt und dem engen Sinnpotential des jeweils aktuellen Erlebens und Handelns. Sie sind das Medium der Aufklärung.“628 „Das System hat typisch mehrere Alternativen zur Wahl, durch welche es Umweltveränderungen abfangen und neutralisieren kann. Gerade auf dieser Elastizität beruht seine Stabilität, beruht seine Möglichkeit, günstige Existenzbedingungen zu finden. Das System verfährt in seinen Umweltbeziehungen selektiv und kann sich dadurch auch dann invariant halten, wenn die Umwelt es nicht ist.“629 6.3.4.1 Interpenetration Zur Interpenetration hat sich Luhmann vor der autopoietischen Wende lediglich in einem Aufsatz geäußert, der 1977 in der Zeitschrift für Soziologie erstmals veröffentlicht wurde. Er widmete sich hier dem Verhältnis von personalen und sozialen Systemen. Luhmann hat den 626 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 102 627 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 62 628 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 76 629 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 102 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 154 Text in seinem sechsteiligen Werk „Soziologische Aufklärung“ in Band 3 übernommen. In seinem Hauptwerk der 1960er Jahre „Funktionen und Folgen formaler Organisation nutzt er diesen Begriff nicht. Auch zur Erläuterung dieses Begriffs nutzt er Architekturbausteine Soziales System Umwelt Systemdifferenzierung Medien (Abgrenzung) und Merkmale seines Theoriegebäudes Komplexität von Umweltsystemen als Basis für Systemaufbau und Systemerhaltung Interpenetration und Systemdifferenzierung wirken als Grundbedingungen der Steigerung von Systemkomplexität zusammen nicht auf jede Intersystembeziehung ausdehnbar Auch bei Parsons, von dem Luhmann diesen Begriff übernimmt,630 „[…] kommt nicht klar heraus, was da vor sich gehen soll. Aber das ist nicht so wichtig […].“631 Geklärt werden sollte bei Parsons das Problem in der „[…] Theorie der Systemdifferenzierung, […] [wie] die Einheit, die sich differenziert, in der Differenzierung wiederzufinden [ist], etwa als Beschränkung der internen Relationierungs- und Kombinationsmöglichkeiten.“632 Luhmann begreift „Interpenetration […] als Konzept für den Aufbau der Bestimmtheit sozialer Systeme aus der Unbestimmtheit der Individuen ihrer Umwelt.“633 Seiner Meinung nach befasst sich „[…] die Theorie der Interpenetration […] [damit], wie die Komplexität von Umweltsystemen als Basis für Systemaufbau und Systemerhaltung in das System eingeführt und in ihm benutzt wird.“634 „Von Interpenetra- 630 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 151 631 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 151 632 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 151 633 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 156 634 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 158 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 155 tion soll immer dann die Rede sein, wenn die Eigenkomplexität von Umweltsystemen als Unbestimmtheit und Kontingenz für den Aufbau eines mit ihnen nicht identischen Systems aktiviert wird. Solche Umweltsysteme bezeichnen wir im Hinblick auf das System, das sie ermöglichen (aber nicht sind) als interpenetrierende Systeme.“635 Nur solche Systeme, „[…] die für sich selbst ein hohes Maß an Stabilität, Individualisierung und Feinregulierung gewährleisten […] können in dem Sinne interpenetrieren, daß sie sich im Bezugssystem einerseits adaptiv und andererseits selbstreguliert verhalten. Nur so können sie für das Bezugssystem die spezifische Funktion von Interpenetration erbringen, nämlich Instabilitäten zu stabilisieren als Voraussetzung für Selbstbewegung und Selbststeuerung im Verhältnis des Bezugssystems zu seiner Umwelt. Diese Voraussetzung der Umweltsystembildung ist nun nicht so zu verstehen, daß interpenetrierende Systeme sich unabhängig von dem Bezugssystem aufbauen und erhalten könnten. Ihre Selbstkatalyse setzt vielmehr in allen anforderungsreichen Fällen ihrerseits das Bezugssystem als Umwelt der interpenetrierenden Systeme voraus. Sie können, mit anderen Worten, nur in genau dieser Umwelt existieren. Das gilt für Neuronen in Nervensystemen, das gilt für Personen in Gesellschaften.“636 „Interpenetration durchbricht […] das einfache Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und Systemen. Als Gesamtheit aller anderen Systeme und ihrer Interdependenzen ist die Umwelt immer komplexer als jedes Bezugssystem. Das Grundverhältnis zur Umwelt ist daher immer, sowohl strukturell als auch prozessual, ein solches der Reduktion von Komplexität. Interpenetration ist ein Sonderfall dieser allgemeinen Regel. Hier wird nicht ‚die‘ Komplexität ‚der‘ Umwelt resorbiert […]. Vielmehr wird sehr hohe Komplexität einzelner (individualisierter!) Umweltsysteme als solche ‚internalisiert‘.“637 „Interpenetration 635 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 156 636 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 157 637 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 157 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 156 und Systemdifferenzierung wirken als Grundbedingungen der Steigerung von Systemkomplexität zusammen […].“638 Der Begriff der Interpenetration lässt sich nicht auf jede Intersystembeziehung ausdehnen, denn das würde heißen, dass man den Begriff mit dem Konzept der Medien gleichschaltet.639 „Das Medien-Konzept ist so gebaut, daß jedes Teilsystem seine Medien eigenständig codiert. Medien-Codes sind gerade nicht bloße Einrichtungen des Transfers kultureller Wertmuster in die Teilsysteme; sie sind Codes für die Autonomisierung der Teilsysteme aus Anlaß der durch Differenzierung notwendig werdenden Tauschbeziehungen. […] [M]it Hilfe des Differenzierungstheorems [kann] gezeigt werden […], daß und wie auf jeder Ebene der Systembildung eine systemspezifische Differenzierung Austauschleistungen erzwingt, deren Regulierung systemautonom erfolgt, an denen aber ein Teilsystem teilnimmt, das aus der Position eines Subsystems heraus (und nur so!) die Interpenetration in den Gesamtzusammenhang vermittelt. Die Theorie zwingt, und das ist ihr Raffinement, das Ganze, als Teil eines Teiles aufzutreten, um sich an den interchanges beteiligen zu können. Konformität wird so indirekt über Autonomisierung der Teilsysteme erzeugt. Eben deshalb können Teilsysteme sich konform oder abweichend verhalten. Will man diesen Erkenntnisgewinn halten, muß man den Begriff der Interpenetration von den Regulativen für systeminterne Leistungsbeziehungen trennen. Es wäre auch nicht recht einzusehen, wozu der Begriff der Interpenetration eigens ausgewiesen werden sollte, wenn er nur noch als andere Formulierung für interconnectedness fungiert.“640 6.3.4.2 Funktionssystem und Funktionssystem Luhmann beschäftige sich nur am Rande und in einem Aufsatz mit dem Verhältnis von Funktionssystemen untereinander, der erstmalig 1974 in der „Zeitschrift für Soziologie“ erschien und später in Band 2 638 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 158 639 vgl. Luhmann, Niklas: Diskussion. Interpenetration bei Parsons. In Zeitschrift für Soziologie, Jg. 7, Heft 3, 1978, S. 299–302, S. 301 640 Luhmann, Niklas: Diskussion. Interpenetration bei Parsons, S. 301–302 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 157 seiner „Soziologischen Aufklärung“ übernommen wurde. Sonst thematisierte er lediglich, dass „[f]ür funktional differenzierte Systeme gilt […] [dass] ihre Teile […] aufeinander und auf das Ganze angewiesen [sind]. Das macht das System einerseits störempfindlich, andererseits leistungsfähig, weil so die Vorteile der Spezialisierung gewonnen werden.“641 Trotz relativ kurzer Ausführungen verwendet er einige Architekturbausteine Medien (symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien) Kommunikation Code Systemdifferenzierung System Interpenetration und Merkmale seines Theoriegebäudes aufeinander angewiesen macht das System einerseits störempfindlich, andererseits leistungsfähig code-spezifische Prozesse müssen getrennt gehalten werden es bestehen Integrationsmöglichkeiten, die aber nicht zum Durchgriff in die binären Struktur des anderen Mediums führen „Die Beziehungen medienspezifisch ausgebildeter Subsysteme zueinander und zu anderen Sozialsystemen werden problematisch angesichts von Interdependenzen, die zu grenzüberschreitenden Kommunikationsprozessen führen. […] Infolge ihrer konstellationstypischen und funktionalen Spezifikation müssen Medien die Funktionsfähigkeit anderer Gesellschaftsbereiche auf adäquaten Niveaus voraussetzen können. Dazu gehört zweierlei: eine gewisse Indifferenz gegen Fluktuationen im anderen Bereich […] und die Fähigkeit, die jeweils anderen Medienbereiche unter dem Gesichtspunkt mobiler Ressourcen zu 641 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 124 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 158 behandeln. […] Die jeweils code-spezifischen Prozesse müssen getrennt gehalten werden […].“642 „Trotz solcher Konvertibilitätsverbote gibt es Zusammenhänge und Einflußmöglichkeiten vor allem auf motivationaler Ebene, die in der Darstellung dann unterdrückt oder cachiert werden, zum Beispiel politische und ökonomische Gesichtspunkte der Gattenwahl, Gesichtspunkte der Konjunktur- und Subventionspolitik, politisch gezielte Partei- und Pressefinanzierungen etc. Für die Differenzierung der Medien entscheidend ist, daß […] Integrationsmöglichkeiten bestehen, aber nicht zum Durchgriff in die binären Struktur des anderen Mediums führen, also nicht zur Entscheidung über wahr/unwahr, recht/unrecht usw. ausreichen.“643 Im Rahmen der Betrachtung der Interpenetration Ende der 1970er Jahre stellt Luhmann fest: „Medien-Codes […] sind Codes für die Autonomisierung der Teilsysteme aus Anlaß der durch Differenzierung notwendig werdenden Tauschbeziehungen. […] [M]it Hilfe des Differenzierungstheorems [kann] gezeigt werden […], daß und wie auf jeder Ebene der Systembildung eine systemspezifische Differenzierung Austauschleistungen erzwingt, deren Regulierung systemautonom erfolgt, an denen aber ein Teilsystem teilnimmt, das aus der Position eines Subsystems heraus (und nur so!) die Interpenetration in den Gesamtzusammenhang vermittelt.“644 6.3.4.3 Gesellschaft / Funktionssystem und Organisationen Für die Beschreibung der Beziehung von Gesellschaft/Funktionssystem und Organisation nutzt Luhmann folgende Architekturbausteine Soziales System Funktionale Differenzierung/Funktionssystem 642 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 181–182 643 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 182 644 Luhmann, Niklas: Diskussion. Interpenetration bei Parsons, S. 301–302 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 159 Struktur Umwelt und Merkmale Abhängigkeit der moderne Gesellschaft von Organisationen Organisationen sind der wichtigste Mechanismus der Steuerung gesellschaftlicher Komplexität und Differenziertheit nicht alle Organisationen müssen Funktionssystemen eindeutig zugeordnet werden, es gibt auch Mehrfachzuordnungen „Obwohl die Abhängigkeit der modernen Gesellschaft von Organisation unbestreitbar ist und für alle Versuche, die gegenwärtige Gesellschaftsordnung zu begreifen, symptomatische Bedeutung haben dürfte, fehlt eine einheitliche, allgemein anerkannte Theorie, die diesen Sachverhalt deuten könnte.“645 In der modernen Gesellschaft haben Organisationen eine große Bedeutung, denn zwischen Gesellschaft und Organisationen bestehen wachsende Interdependenzen.646 „In älteren Gesellschaftssystemen lagen die Ebenen Gesellschaftsbildung und der unmittelbaren Interaktion viel enger beieinander. […] Dieser enge Zusammenhang ist gesprengt dadurch, daß sich in zunehmendem Maße die durch Organisation gebildeten Sozialsysteme dazwischengeschoben haben.“647 Die Gesellschaft „[…] besteht in einem Schema funktionaler Differenzierung, das nur mit Hilfe von Organisationen erreichbar und stabil gehalten werden kann.“648 „[…] [D]ie Gesellschaft [muss] in fast alle Funktionssysteme Organisationssysteme einschalten […].“649 Allerdings können „[…] Gesellschaftsfunktionen nicht pauschal an Einzel- 645 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 399 646 vgl. Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 144 647 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 145; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 12 648 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 400 649 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 15 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 160 organisationen delegiert werden […], sondern die Funktionen [müssen] nochmals differenziert und spezifiziert werden […], bevor sie organisationsfähig werden.“650 „Organisationen transformieren gesellschaftliche Mobilität in eine Spezifikation und Änderbarkeit positiv gesetzter Strukturen. Sie sind auf diese Weise der wichtigste Mechanismus der Steuerung gesellschaftlicher Komplexität und Differenziertheit, ohne daß von ihnen aus das Gesamtresultat kontrolliert werden könnte. Organisationen gehen mit einer ihnen unbekannten Gesellschaft um […].“651 „[…] [N]ur über den Organisationsmechanismus [kann] ein so hohes Maß an Motivgeneralisierung und Verhaltensspezifikation erreicht werden, wie es die moderne Gesellschaft in vielen ihrer wichtigen Funktionsbereiche benötigt.“652 „[…] Organisation [wird] zum Prinzip der Neubildung und Stabilisierung sozialer Systeme.“653 „[…] Organisationen [werden] durch die Existenz anderer Systeme in ihrer Umwelt und allgemein durch die Prämisse einer durch das Gesellschaftssystem geordneten Umwelt [bestimmt]. […] Die Gesellschaftlichkeit von Organisationen drückt sich nicht in der Konformität mit vorgegebenen Wertmustern aus (so als ob abweichendes Verhalten gar nicht in der Gesellschaft stattfindet), sondern in der Steigerung der Selektivität des Verhaltens, die ihrerseits rationale Organisation als Systemform erforderlich macht.“654 „Die Kehrseite […] der Delegation von Gesellschaftsfunktionen auf Organisationen ist, daß innerhalb von Organisationssystemen gesamtgesellschaftliche Funktionen nicht angemessen reflektiert werden können. Der Variationsspielraum gesellschaftlicher Funktionen und 650 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 15–16 651 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 146 652 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 13; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 18 653 Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 387 654 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 148 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 161 die Bedingungen der Kompatibilität ihrer Erfüllungsweisen lassen sich auf der Ebene der Organisationsziele und -kriterien nicht angemessen ausdrücken.“655 „Das Reflexionsdefizit der Organisationen ist besonders augenfällig, weil es mit einem Höchstmaß an differenzierter Sensibilität, mit einem Höchstmaß an Auflösungsvermögen, mit einem Höchstmaß an organisierter Informationsverarbeitungskapazität zusammenfällt.“656 „Es bereitet zunehmend Schwierigkeiten, Organisationen gesellschaftspolitisch zu steuern oder umgekehrt: innerhalb der Organisationen die Linien der Organisationspolitik durch gesellschaftliche Reflexion zu steuern.“657 1975 formulierte Luhmann, dass nicht alle Organisationen Funktionssystemen eindeutig zugeordnet werden müssen.658 „Es gibt auch Organisationen mit einer mehrfachen Zuordnung […].“659 6.3.4.4 Organisation und Organisation Zur Beziehung von Organisationen hat sich Luhmann nur punktuell in einem 1975 erschienenen Aufsatz geäußert, der in seinem Werk „Soziologische Aufklärung“ in Band 2 übernommen wurde. „[…] [B]ei der Mehrzahl von verschiedenartigen Organisationen innerhalb der einzelnen Funktionsbereiche [können] interaktionelle Koordinationsformen nicht entbehrt werden […].“660 In dieser Ausführung sind der Architekturbaustein Funktionssystem und das Merkmal, dass interaktionelle Koordinationsformen nicht entbehrt werden können, zu finden. 655 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 16 656 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 16 657 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 145 658 vgl. Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 38 659 Luhmann, Niklas: Ebenen der Systembildung – Ebenendifferenzierung, S. 38 660 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 16 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 162 6.4 1980er Jahre – Autopoietische Wende Nach der grundlegenden Betrachtung von Luhmanns Verständnis eines sozialen Systems nach der autopoietischen Wende werden darauf aufbauend die Begriffe bzw. Theorien zu Gesellschaft, Funktionssystem und Organisation beleuchtet. Anschließend werden die Beziehungen von System und Umwelt sowie System zu System untersucht. Die Systemtheorie „[…] befaßt sich mit der Welt, gesehen mit Hilfe einer spezifischen Differenz, nämlich der von System und Umwelt. Es wird also alles, was vorkommt, erfaßt; aber nur unter der Bedingung, daß man angibt, ob es jeweils System oder Umwelt ist. Es handelt sich demnach um ein universalistisches und zugleich spezifisches Theorieprogramm, […] um eine Welttheorie, die nichts, was es gibt, ausläßt […].“661 In den 1980er Jahren entdeckte Luhmann die Bedeutung des Begriffs der Autopoiesis von Humberto R. Maturana und Francisco J. Varela für seine Systemtheorie und übertrug diese wissenschaftlichen Erkenntnisse auf soziale Systeme.662 Für Luhmann scheint „[d]ie eigentliche Alternative zur Systemtheorie […] in einer relativ theorielosen, mit Ad-hoc-Hypothesen arbeitenden empirischen Forschung zu liegen, deren bedeutende Verdienste man nicht schmälern sollte.“663 Nach seinen Vorstellungen „[…] sollte es möglich sein, Problemstellungen der Kommunikationsforschung radikaler anzusetzen und systematischer zu entwickeln, als bisher üblich ist. Der Zusammenhang von Unwahrscheinlichkeit und Systembildung ist eine der Konzeptionen, die die Systemtheorie hierfür bereithält.“664 Dabei gilt, dass „[…] keine Erkenntnistheorie es vermeiden 661 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 292–293; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff. In: Haferkamp, Hans und Schmid, Michael (Hrsg.): Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung. Beiträge zu Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1987, S. 307–324, S. 313 662 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 60–70 663 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 292–300, S. 298 664 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System. Gesellschaft, Organisation. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1981, S. 33 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 163 kann, den Gegenstand der Erkenntnis so zu definieren, daß sie selbst als einer ihrer Gegenstände wiederauftaucht […].“665 6.4.1 Soziale Systeme (Theorie) Luhmanns Ausgangsthese lautet: „Es gibt soziale Systeme.“666 Er begründet dies damit, dass jedes System „[…] ständig mit Hilfe der internen Unterscheidung von Fremd- und Selbstreferenz [operiert] […]. Will man dies bestreiten, muß man zu einem ‚nur analytischen‘ Gegenstandsbegriff übergehen. Das kann man natürlich tun, der Effekt ist aber, daß man dann nur noch die Komplexität des beobachtenden Systems und nicht mehr die Komplexität des beobachteten Systems, also auch nicht mehr die Erkenntnis konstituierender Komplexitätsdifferenz erfassen kann.“667 Für Luhmann ist von Interesse, „[…] wie sich ein ‚Paradigmenwechsel‘ auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie auf die allgemeine Theorie sozialer Systeme auswirkt.“668 Zu den sozialen Systemen zählen Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften.669 „Eine Theorie selbstreferentieller sozialer Systeme ist nur möglich, wenn man verschiedene Ebenen der Systembildung, nämlich Leben, Bewußtsein und Kommunikation, deutlich unterscheidet.“670 Die Theorie der selbstreferenziellen, autopoietischen Systeme unterhält eine enge Beziehung zur konstruktivistischen Erkenntnistheorie.671 665 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 19 666 Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 313 667 Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 313 668 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 15 669 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 15–16 670 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4. Beiträge zur fumktionalen Differenzierung der Gesellschaft. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1987, S.228; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 15–16; vgl. Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme. In: Simon, Fritz B. (Hrsg.): Lebende Systeme: Wirklichkeitskonstruktionen in der Systemischen Therapie. Springer- Verlag, Berlin-Heidelberg, 1988. S. 47–53, S. 48 671 vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 295 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 164 „Dem Konzept fehlt, das ist der Preis, den man für universalistische Geltungsansprüche immer zu zahlen hat, die prognostische und die erklärende Kraft […].“672 Bei der Systemtheorie „[…] geht [es] um die theoretische Vorfrage aller Verbesserungen: Wie kann eine Ordnung sich aufbauen, die Unmögliches in Mögliches, Unwahrscheinliches in Wahrscheinliches transformiert?“673 6.4.1.1 Soziales System Folgende Architekturbausteine nutzt Luhmann, um den Begriff des sozialen Systems zu bestimmen Autopoiesis System/Umwelt-Differenz Kommunikation Selbstreferenz Systemdifferenzierung und schreibt ihnen folgende Merkmale zu (Reduktion von) Komplexität Elemente bzw. Ereignisse Selbstbeschreibung eines Systems als Handlungssystem Selektion in einem Horizont, der alle Möglichkeiten einschließt und weitere Möglichkeiten doppelte Kontingenz Grenzen „Von System im allgemeinen kann man sprechen, wenn man Merkmale vor Augen hat, deren Entfallen den Charakter eines Gegenstandes als System in Frage stellen würde. Zuweilen wird auch die Einheit der Gesamtheit solcher Merkmale als System bezeichnet.“674 „[…] Einheit jeglicher Art, auch die Einheit von Elementen, [kann] nur 672 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 31 673 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 25; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 31 674 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 15 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 165 autopoietisch produziert werden. Es gibt keine andere Möglichkeit, Einheit in der Vielheit zu sehen, Mannigfaltiges zu synthetisieren, Komplexität auf Einheit zu reduzieren und dadurch Anschlüsse zu regulieren.“675 „Ein soziales System kommt zustande, wenn immer ein autopoietischer Kommunikationszusammenhang entsteht und sich durch Einschränkung der geeigneten Kommunikationen gegen eine Umwelt abgrenzt. Soziale Systeme bestehen demnach nicht aus Menschen, auch nicht aus Handlungen, sondern aus Kommunikationen.“676 „Systeme werden […] als Differenzen zwischen System und Umwelt [angesehen].“677 Denn „[…] Systeme [können] sich nur durch Ausdifferenzierung, nur in Differenz zu einer Umwelt konstituieren […];“678 „[…] und dies gilt nicht nur für ihre Strukturen, sondern auch für die Elemente, aus denen sie bestehen. Elemente sind, was immer sie an Substrat voraussetzen und wie immer sie dadurch gegen Änderungen auf dieser Ebene empfindlich sind, im System konstituierte und für das System nicht weiter auflösbare Letzteinheiten.“679 Diese Letzteinheiten sind für soziale Systeme Kommunikation.680 Diese Elemente, aus denen ein soziales System besteht, haben „[…] den Charakter von Ereignissen […], [verschwinden] also mit ihrem Auftreten sogleich 675 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 654 676 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? Westdeutscher Verlag, Opladen, 1986, S. 269 677 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 37 678 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 11, Heft 4, 1982, S. 366–379, S. 367; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 21 679 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 367; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 43 680 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 192; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6. Die Soziologie und der Mensch. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1995, S. 118, S. 181 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 166 wieder […].“681 „Elemente sind nur Elemente für die Systeme, die sie als Einheit verwenden, und sie sind es nur durch diese Systeme.“682 „Die Reproduktion kommunikativer Systeme ist [also] nur durch Kommunikation möglich […].“683 Konkret bedeutet dies: „Nur die Kommunikation kann kommunizieren.“684 „Soziale Systeme werden demnach nicht aus Handlungen aufgebaut […].685 Aber „[…] zur Sicherung der Anschlussfähigkeit [erfordert die Kommunikation] die laufende Reduktion auf Handlung.“686 „Systeme artikulieren sich selbst als Handlungssysteme, um über sich selbst kommunizieren zu können.“687 „[…] [E]s [ist] nie falsch, wohl aber einseitig, wenn ein Kommunikationssystem sich selbst als Handlungssystem auffaßt. Erst durch Handlung wird die Kommunikation als einfaches Ereignis an einen Zeitpunkt fixiert. Auf Basis des Grundgeschehens Kommunikation und mit ihren operativen Mitteln konstituiert sich ein soziales System demnach als Handlungssystem.“688 „Systeme selbst definieren ihre Grenzen, sie selbst differenzieren sich aus und konstituieren damit Umwelt als das, was jenseits ihrer Grenzen liegt. Umwelt in diesem Sinne ist dann kein eigenes System, nicht einmal eine Wirkungseinheit, sondern nur das, was als Gesamtheit 681 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, 174; vgl. Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 51 682 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 43 683 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 374; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 15, S. 17; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 192, S. 210, S. 223, 296; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 101; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 118 684 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 37; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 113 685 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 193; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 240 686 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 374; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 193, S. 240 687 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 17 688 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 1984, S. 227 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 167 externer Umstände die Beliebigkeit der Morphogenese von Systemen einschränkt und sie evolutionärer Selektion aussetzt. Die ‚Einheit‘ der Umwelt ist nichts anderes als ein Korrelat der Einheit des Systems, denn alles, was für ein System Einheit ist, wird durch das System als Einheit definiert.“689 „Systeme sind im Verhältnis zu ihrer Umwelt durch ein Komplexitätsgefälle ausgezeichnet. […] Daraus folgt, daß Systeme […] in der Form der basalen Selbstreferenz operieren. Sie […] erzeugen und ver- ändern […] eigene Zustände stets mit Bezug auf andere eigene Zustände und haben nur in Form von Selbstkontakt Umweltkontakt.“690 „Man kann ein System als komplex bezeichnen, wenn es so groß ist, das heißt so viele Elemente einschießt, daß nicht mehr jedes Element mit jedem anderen verknüpft werden kann, sondern Relationen selektiv erfolgen müssen. […] Selektivität und (gegebenenfalls) Verzeitlichung geben Formbedingungen vor, nach denen komplexe Systeme Elemente konstituieren und qualifizieren können.“691 „Systeme […] erfahren ihre Umwelt und sich selbst und alles, was darin als Element fungiert, als Selektion in einem Horizont, der alle Möglichkeiten einschließt und weitere Möglichkeiten anzeigt […].“692 „Die doppelte Kontingenz [also die Unterstellung von Spielräumen für andere Möglichkeiten] [setzt] einen Prozeß der Selektion und Anschlussselektion in Gang […], der die offene Komplexität des Möglichen einschränkt und dadurch soziale Systeme entstehen läßt.“693 „In der Analyse doppelter Kontingenz und kommunikativer Prozesse ist Systembildung bereits impliziert: Selektion ist nur als Systembildung und in unseren Zusammenhängen nur als selbstreferentielle Systembildung möglich.“694 689 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 23 690 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 18–19 691 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 340 692 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 283 693 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 15 694 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 17 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 168 Verwiesen wird von Luhmann noch auf den Aspekt der Systemdifferenzierung, der als weiterer Architekturbaustein detailliert beschrieben wird. „Innerhalb von Systemen kann es zur Ausdifferenzierung weiterer System/Umwelt-Differenzen kommen. […] Systemdifferenzierung ist ein Verfahren der Steigerung von Komplexität […].“695 6.4.1.2 Umwelt Für die Beschreibung der Umwelt nutzt Luhmann die Architekturbausteine System und Information sowie folgende Merkmale systemrelativer Sachverhalt Grenzen Voraussetzung für die Identität des Systems kein eigenes System Gesamthorizont der fremdreferenziellen Informationsverarbeitung eines Systems „Umwelt ist ein systemrelativer Sachverhalt. Jedes System nimmt nur sich aus seiner Umwelt aus. Daher ist die Umwelt eines jeden Systems eine verschiedene. Somit ist auch die Einheit der Umwelt durch das System konstituiert.“696 „Systeme selbst definieren ihre Grenzen, sie selbst differenzieren sich aus und konstituieren damit Umwelt als das, was jenseits ihrer Grenzen liegt.“697 „Für die Theorie selbstreferentieller Systeme ist die Umwelt […] Voraussetzung der Identität des Systems, weil Identität nur durch Differenz möglich ist.“698 „Umwelt in diesem Sinne ist dann kein eigenes System, nicht einmal eine Wirkungseinheit, sondern nur das, was als Gesamtheit externer Umstände die Beliebigkeit der Morphogenese von Systemen einschränkt und sie evolutionärer Selektion aussetzt. Die ‚Einheit‘ der 695 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 37–38 696 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 249; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 23 697 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 23 698 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 243 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 169 Umwelt ist nichts anderes als ein Korrelat der Einheit des Systems, denn alles, was für ein System Einheit ist, wird durch das System als Einheit definiert.“699 „Umwelt ist einfach alles andere.“700 „Umwelt ist für das System der Gesamthorizont seiner fremdreferentiellen Informationsverarbeitung. Umwelt ist für das System also eine interne Prämisse der eigenen Operationen, und sie wird im System nur konstituiert, wenn das System die Differenz von Selbstreferenz und Fremdreferenz (oder ‚innen‘ und ‚außen‘) als Schema der Ordnung eigener Operationen verwendet. In dieser Funktion einer internen Prämisse hat die Umwelt des Systems keine Grenze, und sie braucht auch keine Grenzen. Sie ist das Korrelat aller im System benutzten Fremdreferenzen und ist phänomenal als Horizont gegeben.“701 „Jedes System hat in seiner Umwelt mit anderen Systemen zu rechnen. Je nachdem, wie tiefenscharf die Umwelt aufgenommen werden kann, erscheinen in ihr mehr und verschiedenartigere Systeme.“702 6.4.1.3 System/Umwelt-Differenz Luhmann beschreibt die System/Umwelt-Differenz mithilfe der Merkmale Identität des Systems Bedingung für Selbstreferenz Grenzerhaltung ist Systemerhaltung unterstützt durch die Architekturbausteine System und Umwelt. 699 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 23 700 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 249; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 269 701 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, 1986, S. 51 702 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 256 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 170 „Für die Theorie selbstreferenzieller Systeme ist die Umwelt […] Voraussetzung der Identität des Systems, weil Identität nur durch Differenz möglich ist.“703 „Systeme […] sind strukturell an ihrer Umwelt orientiert und könnten ohne Umwelt nicht bestehen. Sie konstituieren und erhalten sich durch Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt. Ohne Differenz zur Umwelt gäbe es keine Selbstreferenz, denn Differenz ist Funktionsprämisse selbstreferentieller Operationen. In diesem Sinne ist Grenzerhaltung […] Systemerhaltung.“704 Daraus folgt, was aber in der Regel nicht gesehen wird,705 „[…] daß jedes Systemproblem letztlich auf die Differenz von System und Umwelt zurückzuführen ist.“706 Daher hat „[a]ls Ausgangspunkt jeder systemtheoretischen Analyse […] die Differenz von System und Umwelt zu dienen.“707 6.4.1.4 Welt Luhmann erklärt Welt anhand folgender Merkmale Begriff für die Sinneinheit der Differenz von System und Umwelt differenzloser Letztbegriff Logik des eingeschlossenen ausgeschlossenen Dritten Verweisungshorizont aller Möglichkeiten der Kommunikation Luhmann setzt „[…] den Weltbegriff […] als Begriff für die Sinneinheit der Differenz von System und Umwelt ein und benutzt ihn damit 703 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 243 704 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 35; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 358; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 367 705 vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 13 706 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 13 707 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 35 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 171 als differenzlosen Letztbegriff.“708 „Die Weltlogik kann […] nur eine Logik des eingeschlossenen ausgeschlossenen Dritten sein.“709 „Welt ist […] der Verweisungshorizont aller Möglichkeiten der Kommunikation. Es gibt keine transzendentale, sondern eine empirische Welt, aber eine Welt mit innerer und äußerer Unendlichkeit, und es ist eine paradoxe Welt: eine Welt, die sich selbst nicht enthält, weil sie als Horizont alles Enthaltenseins fungiert, eine Welt, die sich selbst enthält, weil sie in nichts anderem enthalten sein kann.“710 6.4.1.5 Kommunikation Luhmann definiert Kommunikation unter Zuhilfenahme der Architekturbausteine Soziales System Autopoiesis und Merkmale basaler Prozess sozialer Systeme ist eine soziale Operation dreistelliger Selektionsprozess, der zur Einheit gebracht werden muss (Information, Mitteilung, Verstehen) ist unwahrscheinlich hat keine Dauer ist ein von Handlung abgehobener Prozess „Der basale Prozess sozialer Systeme, der die Elemente produziert, aus denen diese Systeme bestehen, kann […] nur Kommunikation sein.“711 „Kommunikationen sind zwangsläufig soziale Operationen. Sie sind nur durch eine rekursive Vernetzung mit anderen Kommunikationen konstituierbar. (Sie kommen nicht isoliert vor.) Ihr Vollzug 708 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 283 709 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 285 710 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 272 711 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 192; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 172 bildet durch selektive Verknüpfung mit anderen Kommunikationen Systeme, indem er eine Differenz zur Umwelt mitproduziert.“712 „Alle Kommunikation ist ein Vorgang der Gesellschaft.“713 Und „Kommunikation ist nur als selbstreferentieller Prozess möglich.“714 „Der Begriff [Kommunikation] bezeichnet hier nicht einfach ein Mitteilungshandeln, das Informationen ‚überträgt‘, sondern eine eigenständige autopoietische Operation […].“715 Sie muss als dreistelliger Selektionsprozess (Information, Mitteilung, Verstehen) behandelt werden, und die drei Selektionen müssen zur Einheit gebracht werden,716 „[…] damit Kommunikation als emergentes Geschehen zustandekommt.“717 „Dies Zusammenfallen [dieser drei verschiedenen Selektionen] darf sich nicht hin und wieder oder zufällig ereignen, sondern dies muss regelmäßig und erwartbar reproduziert werden können.718 „Dafür bildet sich […] ein soziales System, das aber die Fähigkeit zur Selektionsproduktion muß voraussetzen können.“719 Dabei ist zu erwähnen, dass „[…] Kommunikation […] nicht notwendigerweise Konsensfindung [heißt].“720 712 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299 713 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 48 714 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 198 715 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 267 716 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 194–196, S. 225–226, S. 294; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 293; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 233; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 117; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 179 717 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 194–196, S. 225–226, S. 294; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 293; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 233; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 117; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 179 718 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 294 719 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 294; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 210 720 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 252 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 173 „Kommunikation ist ein von Handlung abgehobener Prozess, der Handlungen attribuiert, zurechnet, konstruiert, aber nicht selbst Handlung ist.“721 „Kommunikation ist die elementare Einheit der Selbstkonstitution, Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme.“722 „Kommunikation ist unwahrscheinlich.“723 Sie muss „[…] eine Mehrzahl von Hindernissen […] überwinden […], damit sie überhaupt zustandekommen kann. […] Als erstes ist unwahrscheinlich, daß einer überhaupt versteht, was der andere meint […] Es ist unwahrscheinlich, daß eine Kommunikation mehr Personen erreicht, als in einer konkreten Situation anwesend sind. […] Die dritte Unwahrscheinlichkeit ist die Unwahrscheinlichkeit des Erfolgs. Selbst, wenn eine Kommunikation verstanden wird, ist nicht gesichert, daß sie angenommen wird.“724 „Ohne Kommunikation bilden sich aber keine sozialen Systeme. Die Unwahrscheinlichkeiten des Kommunikationsprozesses und die Art, wie sie überwunden und in Wahrscheinlichkeit transformiert werden, regeln deshalb den Aufbau sozialer Systeme.“725 Kommunikationen, also „[…] Elemente, aus denen das System besteht, [können] keine Dauer haben […] [und müssen] unaufhörlich durch das System dieser Elemente selbst reproduziert werden […].“726 „Das Ereignis zieht es vor zu verschwinden. Andererseits vollzieht jedes Ereignis eine Gesamtveränderung von Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart – allein schon dadurch, daß es die Gegenwartsqualität an das nächste Ereignis abgibt und für dieses (für seine Zukunft also) 721 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 302 722 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 241; 723 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 26; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 233 724 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 26 725 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 27; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 30; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 219; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 234 726 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 28; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 174 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 174 Vergangenheit wird. […] Die zeitliche Punktualisierung der Elemente als Ereignisse ist nur in der Zeit und nur dank der Zeit möglich.“727 „In der Mitwirkung an solcher Kommunikation [in Interaktionssystemen] konstituieren Menschen sich als Personen, das heißt als Adressen für weitere Kommunikation. Aber dieses Personsein darf nicht verwechselt werden mit der psychischen Realität der Bewußtseinsvorgänge oder mit Lebensrealität des menschlichen Körpers. Personalität ist nichts anderes als eine Struktur des Kommunikationssystems Gesellschaft zur Dirigierung weiterer Kommunikation.“728 Letztendlich stellte Luhmann fest: „Die Kommunikation hat keinen Zweck.“729 6.4.1.6 Autopoiesis Der Begriff der Autopoiesis wird definiert anhand der Architekturbausteine System Umwelt Geschlossenheit Strukturen und Merkmale selbstreferenzielle Produktion leugnet nicht Umweltabhängigkeit auf anderen Ebenen Mit dem Konzept der Autopoiesis ist formuliert, dass ein „Element […] jeweils das [ist], was für ein System als nicht weiter auflösbare Einheit fungiert […] Elemente sind Elemente nur für die Systeme, die sie als Einheit verwenden, und sie sind es nur durch diese Systeme.“730 727 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 390 728 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 49 729 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 118 730 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 43; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 180 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 175 Die Theorie autopoietischer Systeme besagt, dass „[e]in System […] die Elemente [produziert], aus denen es besteht, mit Hilfe der Elemente, aus denen es besteht.“731 Ein System ist somit „[…] auf Eigenproduktion eingestellt, obwohl dies natürlich nur in einer Umwelt und auf der Grundlage von Materialien, Reizen und Störungen von Seiten der Umwelt möglich ist.“732 Autopoiesis bezeichnet also die Zirkularität der Selbstproduktion.733 Diese selbstreferenzielle Produktion ist ein „[…] Garant für Verwendbarkeit, für Reproduktion, für Anschlussfähigkeit […].“734 „[…] Selbstreferenz der elementaren Ereignisse [ist] Voraussetzung […] für ihre Verknüpfbarkeit […] und damit für ihre Wirklichkeit. […] [D]ie Einheit des Elements [wird] als Einheit von Identität und Differenz konstituiert […]. Ein Einzelereignis muss demnach beides in sich aufnehmen: Identität mit sich selbst und Differenz zu sich selbst […].“735 „Ein autopoietisches System kann dann dargestellt werden als ‚autonom’ aufgrund einer ‚geschlossenen Organisation’ selbstreferenzieller Reproduktion. Geschlossenheit und Selbstreferenz beziehen sich auf diese Synthese von Elementen gebildete Ebene, leugnen also keineswegs Umweltabhängigkeit auf anderen Ebenen. Sie betonen aber, daß im Bereich autopoietischer Systeme zirkuläre innere Geschlossenheit Voraussetzung ist für die Unaufhörlichkeit der Selbstproduktion des 731 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 369; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 56; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 38; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 180, S. 189 732 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166; vgl. Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 47–48 733 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 47 734 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 369; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 109; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 56; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 38 735 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 370 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 176 Systems; und daß ihr Aufhören eben Tod bedeutet.“736 „Offenheit beruht auf Geschlossenheit.“737 Der frühere Begriff der Selbstorganisation „[…] bezieht sich […] nur auf die Strukturbildung in Systemen und besagt, dass bestimmte Systeme (einschließlich Maschinen, z. B. Computer) eigene Strukturen bilden können oder sogar im Falle von Lebewesen nur unter Strukturen operieren können, die sie selbst erzeugt haben. Der Begriff der Autopoiesis geht in einer wesentlichen Hinsicht darüber hinaus […] [und] überträgt den Gedanken der Selbsterzeugung von den Strukturen auf die Elemente des Systems. Autopoietische Systeme sind Systeme, die alle Einheiten, die sie zur Fortsetzung ihrer Organisation benötigen, selbst erzeugen müssen.“738 Und noch einmal kurz zusammengefasst: „Der Begriff [der Autopoiesis] bezieht sich auf (autopoietische) Systeme, die alle elementaren Einheiten, aus denen sie bestehen, durch ein Netzwerk eben dieser Elemente reproduzieren und sich dadurch von einer Umwelt abgrenzen – sei es in der Form von Leben, in der Form von Bewußtsein oder (im Falle sozialer Systeme) in der Form von Kommunikation. Autopoiesis ist die Reproduktionsweise dieser Systeme.“739 736 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 368; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 143; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 137 737 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 294 738 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 295; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 367–368 739 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 266 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 177 6.4.1.7 Operative Geschlossenheit Operative Geschlossenheit wird definiert unter Zuhilfenahme der Architekturbausteine System System/Umwelt-Differenz Irritation/Information Autopoiesis Strukturen und Merkmale Selbstreferenz Information Offenheit Selbstanpassung/Selbstveränderung „Selbstreferenzielle Systeme sind auf der Ebene dieser selbstreferenziellen Organisation geschlossene Systeme, denn sie lassen in ihrer Selbstbestimmung keine anderen Formen des Prozessierens zu.“740 „[…] [A]utopoietische Systeme [verfügen] zwar über eine rekursivegeschlossene Operationsweise […], [sind] aber weder umweltlose Systeme noch [können sie] ihrerseits ohne Einwirkung durch und auf die Umwelt operieren […]. Im Kontext der autopoietischen Reproduktion wirkt die Umwelt als Irritation, als Störung, als Rauschen, und sie wird für das System erst sinnvoll, wenn sie auf die Entscheidungszusammenhänge des Systems bezogen werden.“741 Dieses Rauschen kann von dem System wahrgenommen und gegebenenfalls in Informationen umgewandelt werden.742 Information ist eine „[…] in der Umwelt liegende Differenz, die für das System eine eigene Differenz […] bedeuten kann. […] Information [ist] immer ein Eigenprodukt des Systems, ein Moment des Prozessierens von Entscheidungen […]. 740 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 60 741 Luhmann, Niklas: Organisation. In: Küpper, Willi und Ortmann, Günter (Hrsg.): Mikropolitik. Rationalität, Macht und Spiele in Organisationen. 2. Aufl., Westdeutscher Verlag, Opladen, 1992, S. 165–185, S. 173 742 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 173 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 178 Andererseits steht es nicht im Belieben des Systems, dies Eigenprodukt zu erzeugen oder es zu lassen.“743 „Aber weil Informationen und Informationserwartungen, also Strukturen, über Differenzprojektionen gewonnen werden, ist diese Geschlossenheit zugleich Offenheit, denn das System kann sich selbst mit eben dieser Technik in Differenz zu seiner Umwelt erfahren. Das ändert nichts an der internen Geschlossenheit des Zusammenhangs der eigenen Operationen, stattet diese aber mit der Fähigkeit aus, auf das, was für sie Umwelt ist, zu reagieren.“744 Geschlossenheit ist Basis für Offenheit bei der Einrichtung von Autopoiesis, wobei Offenheit nicht als Gegensatz, sondern als Bedingungsverhältnis gesehen werden muss.745 In diesem „[…] Sinne [ist] […] kein Input und kein Output [von Operationen] möglich […].“746 „Systeme sind mithin zur Selbstanpassung gezwungen, und zwar in dem Doppelsinne einer eigenen Anpassung an die eigene Komplexität. Nur so ist zu erklären, daß Systeme den Veränderungen ihrer Umwelt nicht bruchlos folgen können, sondern auch andere Gesichtspunkte der Anpassung berücksichtigen müssen und letztlich an Selbstanpassung zu Grunde gehen.“747 „Alle Strukturänderungen, sei sie nun Anpassung an die Umwelt oder nicht, ist Selbständerung. Sie ist in sozialen Systemen nur durch Kommunikation möglich.“748 743 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 173 744 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, 1986, S. 46 745 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 297; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197–198; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 626 746 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 313 747 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 56 748 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 478 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 179 6.4.1.8 Strukturen Der Begriff Strukturen wird erläutert mittels der Architekturbausteine System Autopoiesis Sinn Kommunikation und Merkmale Erwartungen Anschlussfähigkeit Handlungen Strukturveränderung ist Selbständerung Ereignishaftigkeit der Elemente „[…] [E]in autopoietisches System [wird], wenn es überhaupt seine Autopoiesis fortsetzt, Strukturen bilden, um einzuschränken, was auf was folgen kann. […] Durch Spezifikation von Strukturen individualisiert sich ein System.“749 „Etwas konkreter ausformuliert, bedeutet dies, daß das Kommunikationssystem nicht nur eine Elemente – das, was jeweils eine nicht weiter auflösbare Einheit der Kommunikation ist –, sondern auch seine Strukturen selbst spezifiziert.“750 „Strukturen müssen […] die Anschlußfähigkeit der autopoietischen Reproduktion ermöglichen, wenn sie nicht ihre eigene Existenzgrundlage aufgeben möchten […].“751„Struktur leistet […] die Überführung unstrukturierter Komplexität in strukturierte Komplexität.“752 „Ereignis/Struktur-Theorie und Erwartungstheorie werden zusammengeführt mit der These, daß Strukturen sozialer Systeme in Erwar- 749 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 172; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 384–385, S. 388; S. 392 750 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 118 751 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 62; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 391–392; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, 174 752 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 383 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 180 tungen bestehen, daß sie Erwartungsstrukturen sind und daß es für soziale Systeme [….] keine anderen Strukturbildungsmöglichkeiten gibt.“753 „Erwartung entsteht durch die Einschränkung des Möglichkeitsspielraums. Sie ist letztlich nichts anderes als diese Einschränkung selbst. Das, was übrig bleibt, wird eben erwartet.“754 „Diese Einschränkung konstituiert den Sinn von Handlungen, und im laufenden Betrieb der selbstreferentiellen Systeme motiviert und plausibilisiert der Sinn einer Handlung dann natürlich auch das, was als Verknüpfung einleuchtet.“755 „[…] [D]as Verhältnis von Erwartung und Handlung […] [bzw.] von Struktur und Handlung ist ein solches gegenseitiger Ermöglichung.“756 „Strukturbildung heißt […] nicht einfach, Unsicherheit durch Sicherheit zu ersetzen. Vielmehr wird mit einem höheren Grad an Wahrscheinlichkeit Bestimmtes ermöglicht und anderes ausgeschlossen, und in Bezug darauf können Erwartungen dann mehr oder weniger sicher/unsicher sein.“757 „Von Änderung kann man nur in bezug auf Strukturen sprechen. Ereignisse können sich nicht ändern, […] Strukturen garantieren trotz der Irreversibilität der Ereignisse eine gewisse Reversibilität der Verhältnisse. Auf Ebene der Erwartungen, nicht auf der Ebene der Handlungen, kann ein System lernen, kann es Festlegungen wieder auflösen, sich äußeren oder inneren Veränderungen anpassen.“758 Das heißt: „Alle Strukturveränderung, sei sie nun Anpassung an die Umwelt oder nicht, ist Selbständerung. Sie ist in sozialen Systemen nur 753 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 398; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 397–399 754 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 397; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 384–385 755 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 384 756 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 398 757 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 417–418 758 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 472 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 181 über Kommunikation möglich.“759 „Strukturveränderung setzt Selbsterhaltung voraus […].“760 „Der Strukturbegriff ist […] ein Komplementärbegriff zur Ereignishaftigkeit der Elemente. […] Struktur kann […] nie als Summe oder Häufung von Elementen begriffen werden. Der Strukturbegriff bezeichnet eine andere Ebene der Ordnung von Wirklichkeit als der Ereignisbegriff.“761 „Der Strukturbegriff präzisiert […] die Relationierung der Elemente über Zeitdistanzen hinweg.“762 Und „[…] Strukturen [können] auch beim Auswechseln der Elemente fortbestehen und reaktualisiert werden […].“763 6.4.1.9 Medium / Form Luhmann unterscheidet wird zwischen Medium und Form. „Ein Medium besteht aus einer großen Menge sehr locker verknüpfter Elemente. Beispiele: Licht und Luft oder auch politische Macht und Geld. Formen dagegen bestehen aus mehr oder weniger rigide gekoppelten Elementen, zum Beispiel ökonomischen Investitionen, politischen Programmen, wissenschaftlichen Theorien. Der Witz dieser Unterscheidung liegt in der These, daß sich im Zusammentreffen von Medium und Form die größere Rigidität durchsetzt. Die Form legt das Medium fest – und nicht umgekehrt.“764 6.4.1.10 Sinn Luhmann definiert den Begriff Sinn mittels der Architekturbausteine Soziale Systeme Welt Strukturen 759 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 478 760 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 474 761 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 392–393 762 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 383 763 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 383 764 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 202–203 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 182 und Merkmale Universalmedium unnegierbare, differenzlose Kategorie Form eines Überschusses an Verweisungen auf andere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns Einheit von aktualisiertem/gewähltem und potenziellem/möglichem Sinn Unterscheidung in drei Sinndimensionen: Sach-, Zeit-, Sozialdimension erfordert symbolische Generalisierung Begriff für den Zusammenhang von den Funktionen Unsicherheitsabsorption und Komplexitätsausgleich ermöglicht Interpenetration psychischer und sozialer Systembildung Sowohl psychische als auch soziale Systeme sind sinnkonstituierende Systeme.765 Sinn ist ein Universalmedium.766 „[…] [A]llen Prozessen psychischer und sozialer Systeme […] ist [Sinnzwang auferlegt] […].“767 Sinn kann man weder vermeiden noch verneinen.768 „Sinn ist […] eine unnegierbare, eine differenzlose Kategorie.“769 „Die Ausdifferenzierung des Systems mit Hilfe besonderer Sinngrenzen aktualisiert einen weltuniversalen Verweisungszusammenhang, daß für das System feststellbar ist, womit es sich selbst und womit es seine Umwelt intendiert.“770 „Geht man vom Problem der Kontingenz aus, […] [verweist] Sinn implizit auf andere Möglichkeiten und ist nur dadurch, daß dies so ist, identifizierbar.“771 Sinn ist die Einheit von aktualisiertem/gewähltem und potenziellen/möglichen Sinn.772 „Das Phänomen Sinn erscheint in 765 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 92 766 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 97 767 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 95 768 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 96 769 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 96 770 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 96 771 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 47 772 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 111 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 183 der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns.“773 Sinn wird in drei Sinndimensionen unterschieden, nämlich in Sach-, Zeit- und Sozialdimension.774 „Jede dieser Dimensionen gewinnt ihre Aktualität aus der Differenz zweier Horizonte, ist also ihrerseits eine Differenz, die gegen andere Differenzen differenziert wird.“775 „Die Sachdimension wird dadurch konstituiert, daß der Sinn die Verweisungsstruktur des Gemeinten zerlegt in ‚dies‘ und ‚anderes‘. […] Innen und außen werden als gebündelte Verweisungen in der Form von Horizonten zusammengefaßt.“776 „Die Zeitdimension wird dadurch konstituiert, daß die Differenz von Vorher und Nachher, die an allen Ereignissen unmittelbar erfahrbar ist, auf Sonderhorizonte bezogen, nämlich in die Vergangenheit und die Zukunft hinein verlängert wird. […] Durch die Zeitdimension] […] lassen sich dann auch die Zeitpunktsequenzen von den Vergangenheit/Gegenwart/Zukunft-Verhältnissen trennen und zu ihnen in Beziehung setzen.“777 „[…] Soziales an Sinnthemen […] [läßt sich] als Verweisung auf (möglicherweise unterschiedliche) Auffassungsperspektiven erfahren […].“778 Das „[…] selbstreferenzielle Prozessieren von Sinn [erfordert] symbolische Generalisierung […]. Der Begriff Symbol/symbolisch soll dabei das Medium der Einheitsbildung bezeichnen, der Begriff Generalisierung ihre Funktion der operativen Behandlung einer Vielheit.“779 „Symbolische Generalisierungen verdichten die Verweisungsstruktur jeden Sinns zu Erwartungen, die anzeigen, was eine gegebene Sinnanlage in Aussicht stellt. Und ebenso gilt das Umgekehrte: Die in konkreten Situationen benötigten und bewährbaren Erwartungen führen und korrigieren die Generalisierungen. […] Die Strukturen sozialer 773 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 93; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 47 774 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 111 775 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 112 776 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 114 777 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 116 778 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 120 779 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 135 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 184 Systeme lassen sich als generalisierte Verhaltenserwartungen definieren.“780 „Die Generalisierung von Erwartungen […] vollzieht einerseits eine Selektion aus der Gesamtheit angezeigter Möglichkeiten und reproduziert so die im Sinn angelegte Komplexität, ohne sie zu vernichten […] Als Selektion ist die Generalisierung Einschränkung des Möglichen und zugleich Sichtbarmachen anderer Möglichkeiten.“781 „Generalisierung […] ist ein Instrument für die Bewältigung des Komplexitätsgefälles zwischen System und Umwelt […] [und] hat auch die sinnspezifische Funktion, die Mehrheit der Sinndimensionen zu überbrücken und sie an jedem besonderen Sinnmoment zugänglich zu halten.“782 „Alle Sinndimensionen halten ein beliebiges Auflösevermögen bereit, etwa mit Hilfe genauerer Zeitmessung oder mit Präzisierung der Frage, wer gleichsinnig erlebt; und mit Generalisierung stoppt die immer weiter mögliche Auflösung je nach Bedürfnissen der Sinnverwendung irgendwo. Erst über Generalisierung, die rudimentär in allen Sinnen angelegt ist, kann Selbstreferenz entstehen, und erst über Generalisierung können lokale ‚Sinnstücke“ herausgehoben werden, denen man sich primär zuwendet und die alle Sinndimensionen appräsentieren, sie aber nicht primär zum Thema machen.“783 „[…] Sinnüberschüsse [müssen] selektiv benutzt werden […] im Sinne der Auswahl von Erwartungen, die Diskontinuitäten übergreifen und sich in diesem Sinne als Generalisierungen bewähren können.“784 „Die Generalisierung von Erwartungen auf Typisches oder Normatives hin hat mithin eine Doppelfunktion: Sie vollzieht einerseits eine Selektion aus der Gesamtheit angezeigter Möglichkeiten und reproduziert so die im Sinn angelegte Komplexität, ohne sie zu vernichten; und sie überbrückt Diskontinuitäten in sachlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht, so daß eine Erwartung auch dann noch brauchbar ist, 780 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 139; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 455 781 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 140 782 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 137 783 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 137–138 784 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 141 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 185 wenn die Situation sich geändert hat […] Als Selektion ist die Generalisierung Einschränkung des Möglichen und zugleich Sichtbarmachen anderer Möglichkeiten.“785 „Als Einheit dieser beiden Aspekte führt Generalisierung zur Entstehung strukturierter Komplexität (organized complexity).“786 Die „[…] Funktionen der Unsicherheitsabsorption und des Komplexitätsausgleichs hängen offensichtlich zusammen, und Generalisierung ist der Begriff für den Zusammenhang.“787 „Sinn ermöglicht die Interpenetration psychischer und sozialer Systembildung bei Bewahrung ihrer Autopoiesis; Sinn ermöglicht das Sichverstehen und Sichfortzeugen von Bewußtsein in der Kommunikation und zugleich das Zurückrechnen der Kommunikation auf das Bewußtsein der Beteiligten.“788 6.4.1.11 Systemdifferenzierung Zur Erklärung des Begriffs Systemdifferenzierung nutzt Luhmann die Architekturbausteine Soziales System (interne) Umwelt Reflexion und das Merkmal erfolgt autokatalytisch, das heißt selbstselektiv „Systemdifferenzierung ist nichts weiter als Wiederholung der Systembildung in Systemen. Innerhalb von Systemen kann es zur Ausdifferenzierung weiterer System/Umwelt-Differenzen kommen. Das Gesamtsystem gewinnt damit die Funktion einer ‚internen Umwelt‘ für die Teilsysteme, und zwar für jedes Teilsystem in je spezifischer Wei- 785 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 140 786 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 140 787 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 446, S. 455 788 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 297 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 297–298 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 186 se.“789 „[…] Systemdifferenzierung [ist] ein Verfahren der Steigerung von Komplexität – mit erheblichen Konsequenzen, was dann noch als Einheit des Gesamtsystems beobachtet werden kann.“790 „Das führt dazu, daß in einem System neue Systeme entstehen, die einander wechselseitig nur noch oberflächlich beobachten können. Sie sind füreinander im wesentlichen undurchsichtig.“791 „Systemdifferenzierung besagt nicht, daß keine Zusammenhänge, keine Abhängigkeiten bestehen.“792„[…] Ausdifferenzierung ‚von‘ Funktionseinrichtungen heißt […] niemals Herauslösung oder Abtrennung vom ursprünglichen Zusammenhang, sondern nur: Etablierung funktionsbezogener Differenzen innerhalb des Systems, auf dessen Probleme sich die Funktionseinrichtungen beziehen.“793 „Wie jede Bildung sozialer Systeme erfolgt auch systeminterne Systembildung autokatalytisch, das heißt selbstselektiv. Sie setzt keine ‚Aktivität‘ des Gesamtsystems, auch keine Handlungsfähigkeit des Gesamtsystems voraus, geschweige denn einen Gesamtplan.“794 „Die Einheit des Gesamtsystems muß dann in der Art und Weise Ausdruck finden, in der jede dieser Arten von Teilsystemen ihre Beziehung zur Umwelt (die die anderen enthält) handhabt; denn in differenzierten Systemen ist jedes Teilsystem zugleich es selbst und Umwelt für andere.“795„[…] [J]edes Teilsystem [kann] daher das Gesamtsystem reflektieren, freilich auf jeweils spezifische Weise, die andere Möglichkeiten der Teilsystembildung offen läßt.“796 789 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 37; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 259, S. 262; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 38 790 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 38 791 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 287 792 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 287 793 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 84 794 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 260 795 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 260; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 204 796 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, 1986, S. 204 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 187 „Interne Differenzierung kann […] nicht als Wesensmerkmal sozialer Systeme begriffen werden […]“.797 Denn „[e]s gibt durchaus undifferenzierte Sozialsysteme, etwa Interaktionssysteme des Kontaktes unter Anwesenden, die keine weitere interne Systembildung vorsehen.“798 6.4.1.12 Beobachtung Beobachtung wird definiert anhand der Architekturbausteine Autopoiesis System/Umwelt-Differenz Information und Merkmale Selbstbeobachtung re-entry blinder Fleck „Alle Kenntnisse über Systeme werden durch Beobachter gewonnen.“799 „Der Begriff Beobachtung ist auf dem Abstraktionsniveau des Begriffs der Autopoiesis definiert.“800 „Autopoietische Systeme können beobachten, können andere Systeme und sich selbst beobachten.“801 „Beobachtung […] heißt auf der Ebene der allgemeinen Systemtheorie nichts weiter als: Handhabung von Unterscheidungen.“802 „Jede Beobachtung legt eine Unterscheidung zu Grunde, mit deren Hilfe sie die eine und nicht die andere Seite bezeichnen kann.“803 „Nur so vermit- 797 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 264 798 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 263 799 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 138 800 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 266; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 492 801 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 491 802 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 63; vgl.Luhman n, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 51–52 803 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 138, S. 242; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 491; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 188 telt die Beobachtung Information; oder genauer: nur so konstruiert die Beobachtung Information als etwas, das etwas als etwas bezeichnet wird, was so und nicht anders ist.“804 „Unter Beobachtung soll ganz formal die Behandlung als Information anhand eines Differenzschemas verstanden werden […]“805, „[…] normalerweise anhand von Erwartungen, die erfüllt bzw. nicht erfüllt werden.“806 „Beobachten (operatives Unterscheiden) ist nur auf der Ebene der Elemente möglich, und dies nur so, daß der Beobachter über eine Beschreibung verfügt, die die Selbstreferenz der Elemente mitvollzieht und dadurch ihre Zugehörigkeit zum System in Differenz zur Umwelt erkennbar werden läßt.“807 „Unbestritten scheint auch zu sein, daß jede Beobachtung beschränkt ist durch die Autopoiesis des eigenen Systems und folglich ihre eigene Instrumentierung mit einem ‚blinden Fleck‘ bezahlen muß; daß sie also nicht sehen kann, daß sie nicht sehen kann, was sie nicht sehen kann.“808 „Systeme können einen Wiedereintritt der Differenz von System und Umwelt in das System vollziehen [re-entry, Anm. d. Verf.]. Sie können sich intern an der Differenz von System und Umwelt orientieren. Sie erzeugen diese Differenz allein dadurch, indem sie operieren und eine Operation an andere anschließen. […] Es ist eine in Form gevgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 229–230, S. 266; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 311; vgl. Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 51–52 804 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 242 805 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 49; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 111 806 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 49 807 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 548 808 vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 317; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 297; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 229–230; vgl. Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 51 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 189 brachte Paradoxie, weil das System als Einheit operiert.“809 „Selbstbeobachtung ist demnach die Einführung der System/Umwelt-Differenz in das System, das sich mit ihrer Hilfe konstituiert; und sie ist zugleich ein operatives Moment der Autopoiesis, weil bei der Reproduktion der Elemente gesichert sein muß, daß sie als Elemente des Systems nicht als irgendetwas anderes reproduziert werden.“810 „[…] Selbstbeobachtung [wird] zur notwendigen Komponente autopoietischer Reproduktion.“811 „Der Begriff Selbstbeobachtung ist […] komplexitätsbezogen einzusetzen. Er setzt voraus, daß man sich selbst nicht kennt. Nur unter dieser Voraussetzung hat der Versuch Sinn, sich selbst Informationen über sich selbst abzugewinnen. Und nur dafür setzt man Differenzschemata ein […], mit denen es möglich wird, Informationen als kontingente Selektionen aufzufassen – als dies und nicht etwas anderes.“812 „Selbstbeobachtung ist […] weniger willkürlich und weniger informativ als Fremdbeobachtung.“813 „Für Selbstbeobachtung gibt es […] keine Kontrollen und deshalb auch keine Kriterien, während der Fremdbeobachter sich daran orientieren kann, was andere in ähnlicher Lage am selben Objekt beobachten.“814 „Beobachten ist […] auch die Basisoperation von Verstehen. Verstehen kommt jedoch nur zustande, wenn man eine bestimmte Unterscheidung, nämlich die von System und Umwelt […] verwendet und diese Unterscheidung geschlossen-selbstreferentiell reproduzierten Sinn hineinprojiziert.“815 809 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 296; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 243–244 810 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 63; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 76–78 811 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 64 812 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 75 813 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 78 814 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 78 815 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 111 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 190 „Die Lebenswelt, in der die Gesellschaft sich für sich einrichtet und sich ausdifferenziert, wird damit nie voll erfaßt. Beobachten ist immer Distinguieren, muß daher die Einheit der Differenz als Welt und die Möglichkeit anderer Distinktionen als Kontingenz voraussetzen.“816 „Mit der Stellung des Beobachters verbindet sich [daher] kein Wahrheitsprivileg, und die Welt ist auch nicht so zu verstehen, als ob es in ihr privilegierte Standpunkte gäbe, von denen man aus richtig beobachten könnte. Richtig oder falsch – das ist nur ein Beobachtungschema unter vielen anderen, mit besonderen Konditionierungen, aber damit noch keineswegs ein Sonderzugang zur Realität.“817 „[…] Beobachtungen [bilden] keine abgeschlossenen, unvergleichbaren Welten. Es sind durchaus empirische Operationen, die ihrerseits beobachtet werden können; […] auch und gerade mit Blick auf das, was der beobachtete Beobachter nicht beobachten kann. Für die moderne, polykontexturale Gesellschaft ergibt sich das, was sie als Realität konstruiert, aus einem laufenden Beobachten des Beobachters.“818 „Die Beobachtung eines Systems durch ein anderes System, wir nennen das im Anschluß an Humberto Maturana ‚Beobachtung zweiter Ordnung‘, kann auch die Beschränkungen beobachten, die dem beobachteten System durch seine eigenen Operationen auferlegt sind.“819 6.4.1.13 Selbstbeschreibung Den Begriff Selbstbeschreibung erklärt Luhmann anhand der Architekturbausteine (Selbst-)Beobachtung Reflexionstheorie System 816 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 559 817 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 51 818 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 138 819 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 52–53 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 191 und Merkmale Steuerung von Selbstbeobachtung fixiert einen eine Struktur bzw. Text zu komplex für eine rein situative Beschreibung „[…] Selbstbeobachtungen [werden] mit Hilfe von Selbstbeschreibungen [konzentriert], das heißt mit Hilfe von Sinnstiftungen, die den Akt (das Ereignis) der Kommunikation von Selbstbeobachtung überdauern und nach Bedarf reproduziert werden können.“820 „[…] [D]ie Selbstbeobachtung [erfordert] nur dann eine Selbstbeschreibung […], wenn ihr Gegenstand zu komplex für eine rein situative Beschreibung und Reaktivierung von Fall zu Fall ist. Erst recht gilt dies für die Inanspruchnahme von Reflexionstheorien zur Selbstbeschreibung.“821 „Selbstbeschreibungen rekonstruieren die Komplexität des Systems, und zwar so, daß diese in vereinfachter Form (zum Beispiel als unklare Zielsetzung) in das System wieder eingeführt werden und dann als Orientierungsfaktor benutzt werden kann.“822 Dabei sind „[a]lle Selbstbeschreibungen […] Selbstimplifikationen […]“823, denn „es [ist] nicht möglich […], die Komplexität des Systems als Beschreibung der Komplexität in das System wieder einzuführen.“824 „Selbstbeschreibung kann nicht durch Fremdbeschreibung geknackt werden, und sie fungiert in sich selbst, was Identitätsbezug, also ihre Reflexion angeht, ohne Kontrolle an Kriterien. Transformationen sind dann auf unbemerkten Sinneswandel, auf allmählichen Plausibilitätsentzug angewiesen. Strukturell wie semantisch ist Selbstsubstitution die einzige Möglichkeit, die letztlich zu erwartende Destruktion eine Weile aufzuhalten.“825 820 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 77 821 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 85 822 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 77 823 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 101 824 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 101 825 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 102 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 192 „Grundsätzlich läuft jeder Versuch, im System die Einheit des Systems zum Gegenstand einer Operation des Systems zu machen, auf eine Paradoxie auf; denn diese Operation muß sich selbst dabei ausschließen und einschließen.“826 6.4.1.14 Rationalität Rationalität wird beschrieben durch die Architekturbausteine System/Umwelt-Differenz Beobachtung Organisation und die Merkmale Selbstreferenzialität keine Kausalität von Zwecken und Mitteln Rationalität ist Systemrationalität Paradoxie Rationalitätsansprüche werden mehr oder weniger auf organisierte Sozialsysteme verlagert „Die Theorie der Rationalität kommunikativen Handelns ist schon empirisch schlicht falsch.“827 „Ein Rationalitätsbegriff, der unsere Analyse an dieser Stelle bereichern könnte, ist nicht in Sicht. Wir lassen daher die Frage offen.“828 Der Begriff der Rationalität kann sich nicht „[…] an wissenschaftlich bewiesener Kausalität oder Optimierung des Verhältnisses wechselseitiger Beschränkungen von Zwecken und Mitteln […] [orientieren].“829 „Es bleibt wohl nur die Möglichkeit, das Problem mit der nötigen Schärfe zu formulieren, die funktionssystemspezifischen Umweltorientierungen zu verbessern und die gesellschaftsinternen Rückbelastungen und Problemverschiebungen 826 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 216 827 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 119 828 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 372 829 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 372 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 193 mit mehr Transparenz und Kontrollierbarkeit auszustatten.“830 „Der Begriff der Rationalität muß sich selbst unterstellt, er muß selbst rational gebildet werden […].“831 „Rationalität ist erst gegeben, wenn der Begriff der Differenz selbstreferenziell benutzt, das heißt, wenn auf die Einheit der Differenz reflektiert wird. […] Für Systeme heißt dies, daß sie sich selbst durch ihre Differenz zur Umwelt bestimmen und dieser Differenz in sich selbst operative Bedeutung, Informationswert, Anschlußwert verleihen müssen.“832 Anders ausgedrückt bedeutet dies, dass „[e]in System […] Rationalität in dem Maße [erreicht] als es die Differenz von System und Umwelt in das System wiedereinführt und sich daraufhin nicht an (eigener) Identität, sondern an Differenz orientiert.“833„Rationalität kann mithin nur über Reflexion erreicht werden, aber nicht jede Reflexion ist rational.“834 Da „[…] für Systeme […] die Unterscheidung von System und Umwelt die identitätskonstituierende Differenz [ist]; […] [kann] Systemrationalität […] nur in der Paradoxie liegen, diese Differenz zugleich als Differenz und als Einheit, zugleich als äußere Umwelt und als intern akzeptierte Unterscheidung von System und Umwelt zu handhaben. Systemrationalität ist daher nur zu gewinnen in Formen oder Direktiven, mit denen genau diese Paradoxie entparadoxiert werden kann.“835 „Die Rationalität des Systems kann weder aus dem Verborgenen heraus gesichtet sein noch in Konsens bestehen. Sie kann nur 830 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 645 831 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 640 832 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 640–41; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 617, S. 638; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 257 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 114 833 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 247; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 257 834 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 617 835 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 182 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 194 im Wechsel der Perspektiven und in der Beobachtung des Wechsels der Perspektiven bestehen – und dies nur dann, wenn es dabei um jede Operation des Wiedereintritts der Differenz in das Differenzierte geht.“836 „Diese Einsicht über die Systemrelativität bringt bereits wichtige Folgeerkenntnisse mit sich: So wird auf diese Weise die Vergeblichkeit (und folglich Verbissenheit) systemexterner Erwartungen und Appelle verständlich, die keinen Zugang zum internen Netzwerk der Entscheidungsprodukte finden […].“837 „Rationalität wird nicht als Wesenskontinuum der Welt, sondern als Moment eines Diskontinuums begriffen, dessen Einheit nicht mehr formuliert oder bewertet wird. Sie tritt als Kritik auf.“838 „[…] Rationalitätsansprüche [werden] mehr oder weniger auf organisierte Sozialsysteme verlagert […], die eine hochselektive und besser kontrollierbare Zwischenstellung [zwischen Interaktions- und Gesellschaftssystemen] einnehmen.“839 „Rationalisierung erfordert eine Dekomposition von Entscheidungen in sachlicher Hinsicht. […] Jede Bemühungen um Rationalisierung läuft auf eine Vermehrung von Entscheidungen hinaus und damit auf eine Steigerung der Komplexität des Systems […]. Rationalisierung ist ein Wachstumsprozeß. […] Rationalisierung erzeugt, mit anderen Worten, Strukturprobleme, die nicht mitrationalisiert worden sind.“840 „Alle Rationalität wird zur Anschlussrationalität – mag sie nun die Zwecke im Hinblick auf gegebene Mittel oder die Mittel im Hinblick auf gegebene Zwecke variieren. Die Rationalität wird weder durch eine erste noch durch eine letzte Entscheidung gesichert. Sie muß ihre Kriterien auf das Nichtzusam- 836 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 183; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 182 837 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 168 838 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 114 839 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 642–643 840 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 344–345 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 195 menfallen der Entscheidungen, auf die temporale Relation beziehen.“841 6.4.1.15 Ebenen der Systembildung Zur Erläuterung der Ebenen der Systembildung verwendet Luhmann die Architekturbausteine Soziale Systeme Gesellschaft Organisation Interaktion und Merkmale verschiedene Möglichkeiten, Systeme zu bilden Ebenen der Systembildung dritte Ebene: Gesellschaft, Organisation und Interaktion Organisation und Gesellschaft sind zwei verschiedene Ebenen der Systembildung Luhmann nutzt „[d]as Abstraktionsschema der drei Ebenen der Systembildung […] als begriffliches Schema. Es dient zunächst dem Vergleich verschiedener Möglichkeiten, Systeme zu bilden.“842 Im entsprechenden Schaubild bilden Systeme die erste Ebene. Die zweite Ebene zeigt nebeneinander Maschinen, Organismen, soziale Systeme und psychische Systeme. Unterhalb der sozialen Systeme werden auf der dritten Ebene Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften angeordnet. Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften befinden sich somit auf einer Ebene.843 Bei der Unterscheidung auf der dritten Ebene handelt es sich um verschiedene Arten sozialer Systeme.844 „Vergleiche zwischen verschiedenen Arten von Systemen müssen sich [nach Luhmann] an eine Ebene halten.“845 841 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 343 842 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 17 843 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 16 844 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 552 845 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 17 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 196 An anderer Stelle führt Luhmann aus, dass „Organisation und Gesellschaft […] zwei völlig verschiedene Ebenen der Systembildung [sind], und das macht es geradezu unwahrscheinlich, daß Probleme, die sich aus der Evolution von Gesellschaft ergeben, auf die Ebene der Organisation heruntertransformiert und dort durch richtige Entscheidungen gelöst werden können.“846 6.4.2 Theorie der Gesellschaft In den 1980er Jahren beschäftigt sich Luhmann eingehend mit der Theorie sozialer Systeme. Seine „[…] Untersuchungen halten sich strikt an die Ebene einer allgemeinen Theorie sozialer Systeme. Sie bieten zum Beispiel keine Gesellschaftstheorie – Gesellschaft verstanden als umfassendes Sozialsystem und damit als Fall unter anderen.“847 Luhmann nutzt diese Vorgehensweise, „[…] nicht um Gesellschaftstheorie (wegen Prämissenüberlastung) auszuschließen, sondern um sie (mit soziologisch noch klärbaren Prämissen) einzuschlie- ßen.“848 6.4.2.1 Gesellschaft Luhmann nutzt mehrere Architekturbausteine (Kommunikation, Geschlossenheit, System/Umwelt-Differenz (Einheit der Differenz von System und Umwelt), Funktionale Differenzierung, (Selbst- )Beobachtung) seiner Theorie und Merkmale (umfassend, selbstsubstitutive Ordnung, Weltgesellschaft), um den Begriff Gesellschaft zu erläutern. Die Gesellschaft enthält sich selbst und alle anderen Sozialsysteme.849 „Gesellschaft ist […] das umfassende Sozialsystem, das alles Soziale in sich einschließt und infolgedessen keine soziale Umwelt kennt. […] 846 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 208 847 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 18 848 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 18 (Fußnote) 849 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 554 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 197 [A]lles, was Kommunikation ist, ist die Gesellschaft.“850 „Gesellschaft ist das einzige Sozialsystem [sic!] bei dem dieser besondere Sachverhalt auftritt.“851 Die Gesellschaft besteht also „[…] aus Kommunikationen und nur aus Kommunikationen […].“852 „[…] [D]urch die laufende Reproduktion von Kommunikation durch Kommunikation grenzt sie sich gegen eine Umwelt andersartiger Systeme ab.“853 „[…] Gesellschaftssysteme [sind] nicht Interaktionssysteme […] und [können] auch nicht einfach als Summe der vorkommenden Interaktionssysteme begriffen werden […].“854 Interaktionssysteme setzen immer Gesellschaft voraus, sind aber nicht Gesellschaftssysteme.855 „Ohne Differenz zur Gesellschaft wäre keine Interaktion, ohne Differenz zu Interaktion wäre keine Gesellschaft möglich.“856 „Wichtig ist, […] daß diese Differenz von Gesellschaft und Interaktion nicht mit 850 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 555; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 18; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 38, S. 105, S. 228, S. 270; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 319; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 535; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 24 S. 62, S. 267 851 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 555; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 270 852 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen? In: Hellmann, Kai-Uwe (Hrsg.): Protest: Systemtheorie und soziale Bewegungen / Niklas Luhmann. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1996, S.46–63, S. 51; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 24; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 228; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 222–223 853 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 24 854 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 552; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 566, S. 568 855 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 552; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 535, S. 574 856 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 568; Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 566 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 198 der Differenz von System und Umwelt zusammenfällt, und zwar weder für das Gesellschafts- noch für die Interaktionssysteme.“857 „[…] [D]ie Gesellschaft ist ein kommunikativ geschlossenes System und kann nicht mit der Umwelt kommunizieren.“858 „Geschlossenheit ist hier, wie in der neueren Systemtheorie überhaupt, nicht als Gegensatz zu Offenheit, sondern als Bedingung für Offenheit zu begreifen.“859 „Auf der Basis und in den Grenzen selbstreferenzieller Kommunikation kann über die Umwelt kommuniziert und ihr dadurch systeminterne Relevanz verliehen werden.“860 Die Gesellschaft „[…] ist ein System mit Grenzen. Diese Grenzen sind durch die Gesellschaft selbst konstituiert. Sie trennen Kommunikation von allen nichtkommunikativen Sachverhalten und Ereignissen, sind also weder territorial noch an Personengruppen fixierbar.“861 „Nicht zu ihr gehören die personalen Systeme der Menschen und erst recht nicht die physisch-chemisch-organische Natur der Menschen und anderer Systeme. Dies zählt alles zur Umwelt der Gesellschaft, wobei selbstverständlich ist, daß eine Gesellschaft ohne diese Umwelt nicht möglich wäre.“862 „Man kann die Gesellschaft auch als eine selbstsubstitutive Ordnung bezeichnen, da alles, was an ihr geändert oder ersetzt werden muß, in ihr geändert oder ersetzt werden muß.“863 857 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 552 858 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 549; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 105, S. 228; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 555–557; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 63 859 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 105–106 860 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 106; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 228; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 555; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 557 861 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 557 862 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 51; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 228 863 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 556 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 199 „Der Einheit der Gesellschaft entspricht die Einheit ihrer Umwelt und zuletzt die Einheit der Differenz von System und Umwelt.“864 „Die Lebenswelt, in der die Gesellschaft sich für sich einrichtet und sich ausdifferenziert, wird damit nie voll erfaßt. Beobachten ist immer Distinguieren, muß daher die Einheit der Differenz als Welt und die Möglichkeit anderer Distinktionen als Kontingenz voraussetzen.“865 Luhmann unterstellt in seiner Theorie, dass es für die Gesellschaft „[…] auf operationsgleicher Ebene kein umfassendes System gibt, so daß kein Begreifen von außen, sondern nur Selbstbeobachtung, Selbstbeschreibung, Selbstaufklärung im Duktus der eigenen Operationen möglich ist.“866 Es „[…] entspricht der strukturellen Eigenart moderner Gesellschaft, sich selbst in sich selbst nicht repräsentieren zu können.“867 „Grundsätzlich läuft jeder Versuch, im System die Einheit des Systems zum Gegenstand zu machen, auf eine Paradoxie auf; denn diese Operation muß sich selbst dabei ausschließen und einschließen. […] Der Übergang zu funktionalen Differenzierung [überläßt] es vielen Funktionssystemen […], die Einheit der Gesellschaft durch jeweils ihre Teilsystem/Umwelt-Differenz zu repräsentieren, und [setzt] sie untereinander einer Konkurrenz [aus] […], für die es keinen übergeordneten Standpunkt der Superrepräsentation gibt. […] [D]ie Einheit der Gesellschaft ist dann nichts anderes als diese Differenz der Funktionssysteme; sie ist nichts anderes als deren wechselseitige Autonomie und Unsubstituierbarkeit. Sie ist nichts anderes als die Umsetzung dieser Struktur in ein Miteinander von hochgetriebener Unabhängigkeit und Abhängigkeit. Sie ist, mit anderen Worten, die dadurch entstandene, evolutionär höchst unwahrscheinliche Komplexität.“868 864 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 272 865 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 559 866 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 559–560 867 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 182 868 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 216–217; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 150 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 200 „[…] [D]ie moderne Gesellschaft ist ein funktional differenziertes Sozialsystem […], ein Gesamtsystem also, das sich in Funktionssysteme zergliedert.“869 „Sie ordnet ihre wichtigen Subsysteme bestimmten Funktionen zu – etwa Funktionen der Wirtschaft, der wissenschaftlichen Forschung, der Erziehung, der Politik, des Rechts.“870 „Paradox ist es, wenn man einsehen muß, daß die moderne Gesellschaft sich durch die Struktur ihrer Rationalität in Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin, Erziehung und Politik selbst gefährdet, indem sie eine Umwelt erzeugt, in der sie sich selbst nicht mehr aufrechterhalten und fortsetzen kann. Denn das heißt: wenn man richtig handelt, handelt man falsch.“871 „Gesellschaft ist heute eindeutig Weltgesellschaft.“872 „[…] Als Resultat von Evolution gibt es […] nur noch eine Gesellschaft: die Weltgesellschaft, die alle Kommunikationen und nichts anderes einschließt und dadurch völlig eindeutige Grenzen hat.“873 „[…] [D]ie Charakteristik der modernen Gesellschaft [ist] […] hohe Leistungsfähigkeit und hohe Unsicherheit, hohe Störbarkeit und hohe Rekuperationsfähigkeit.“874 „Wir leben in einer polykontextural konstituierten Welt; und das heißt: daß wir immer auf die Systeme, sodann aber auch auf die Unterscheidungen achten müssen, in deren Kontext jeweils etwas ist, was es für diesen Kontext ist.“875 869 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 287; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 30; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 143; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 47–48, A. 237 870 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 143; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 30; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 153 871 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 158 872 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 585 873 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 557; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 61; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 585 874 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 39 875 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 191 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 201 6.4.2.2 Funktionale Differenzierung / Funktionssystem „Dies Konzept der funktionalen Differenzierung und ihrer Folgen ist nur eine wissenschaftliche Theorie. Sie ist und bleibt als solche bestreitbar.“876 Zur Erklärung der funktionalen Differenzierung bzw. des Begriffs Funktionssystem nimmt Luhmann folgende Architekturbausteine zur Hilfe Gesellschaft Systemdifferenzierung Kommunikationsmedien Binärer Code System/Umwelt-Differenz und nutzt die Merkmale selbstreferentiell Autonomie/wechselseitige Abhängigkeit keine Rangordnung spezifische Funktion nicht substituierbar „[…] [D]ie moderne Gesellschaft ist ein funktional differenziertes Sozialsystem […], ein Gesamtsystem also, das sich in Funktionssysteme zergliedert.“877 Dabei bestimmt „[d]er gesellschaftsstrukturelle Kontext […] maßgeblich, in welchen Möglichkeitshorizonten sich die einzelnen Funktionssysteme bewegen. Er gibt allen Funktionssystemen eine gemeinsame Grundlage. […] Es handelt sich also um für alle Funktionssysteme identische Bedingungen ihrer Möglichkeit mit von Funktionsbereich zu Funktionsbereich sehr verschiedenartigen For- 876 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 291 877 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 287; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 30; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 143, S. 182; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 47–48, S. 237 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 202 men und Wirkungen.“878 „Die Ausdifferenzierung [von Funktionssystemen] konstituiert Kommunikationssysteme, die nur selbstreferentiell operieren können und all ihre Umweltbeziehungen mit sich selbst aushandeln müssen.“879 Der Sinn der funktionalen Differenzierung ist es, jedem System das Bestehen der eigenen Funktion zu erlauben.880 Luhmann bezeichnet „[e]ine Gesellschaft […] als funktional differenziert […], wenn sie ihre wichtigsten Teilsysteme im Hinblick auf spezifische Probleme bildet, die dann in dem jeweils zuständigen Funktionssystem gelöst werden müssen.“881 „[D]ie wichtigsten Teilsysteme der Gesellschaft sind heute auf jeweils eine, für sie spezifische und nur für sie vorrangige Funktion eingestellt.“882 „Das impliziert einen Verzicht auf eine feste Rangordnung der Funktionen […].“883 „[…] [D]ie funktionale Differenzierung steigert die wechselseitige Abhängigkeit der Systeme.“884 Des Weiteren haben Funktionssysteme 878 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 53 879 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 54; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 81; vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie. In: Medizin Mensch Gesellschaft. Jahrgang 8, 1983, S. 168–175, S. 171; vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 51 880 v gl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 30 881 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 34; vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie. In: Medizin Mensch Gesellschaft. Jahrgang 8, 1983, S. 168–175, S. 171; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 58 882 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 74; vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 51–52; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 39; vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code. In: Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven. 3. Auflage. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, S. 176–188, S. 177; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 182 883 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 34 884 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 287 vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 52–53; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 287 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 203 eine von außen nicht steuerbare Autonomie.885 „Autonomie und wechselseitige Abhängigkeit [nehmen] zugleich zu […].“886 Die Funktionssysteme können trotz dieser wechselseitigen Abhängigkeit allerdings „[…] nicht füreinander einspringen, einander ersetzen oder entlasten […].“887 Sie sind „[…] darauf angewiesen, daß die übrigen Funktionen woanders erfüllt werden.“888 Dabei „[…] gibt [es] keine Einzelfunktion, die wesentlich wichtiger wäre als alle anderen. Jedes Funktionssystem hält zwar die eigene Funktion für wichtiger als alle anderen; aber ein solcher Primat gilt eben nur für das Funktionssystem selbst und nicht für die Gesellschaft im ganzen.“889 „Grundsätzlich muß man [diesen] Verzicht auf Substituierbarkeit als Verzicht auf Redundanz, das heißt als Verzicht auf Mehrfachabsicherung verstehen. Redundanz verringert bekanntlich die Möglichkeiten des Systems, aus Störungen und Umwelt ‚rauschen‘ zu lernen.“890 „Andererseits setzt funktionale Differenzierung zum Ausgleich dieses Redundanzverlustes eine hohe Eigendynamik der Funktionssysteme frei, die hohe Resistenz mit sehr spezifischen Sensibilitäten in bezug auf Irritationen und Störungen zu kombinieren vermag.“891 885 vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 177; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 182 886 Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 31; vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 170 887 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S.46–63, S. 52–53; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 98, S. 207; vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 170 888 Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 32 889 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 57 890 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 210 891 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 97–98; vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 170; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 208 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 204 „Fast alle Funktionssysteme haben ihr Bezugsproblem in den gesellschaftlichen Kommunikationen selbst […] Sie hängen mit ihrer Funktion von ausdifferenzierten Medien ab, [wie z. B. Macht, Eigentum, Geld oder Wahrheit] […]. Nur das Erziehungs- und das Krankheitssystem machen in dieser Hinsicht eine Ausnahme. Sie haben kein eigenes Medium und müssen dieses Defizit durch vorausgesetzten Kooperationswillen und durch direkt interaktionsfähige Symbolik kompensieren ([…] verabreichte oder verschriebene Medikamente mit unverständlichen Namen und Sorgfalt symbolisierenden Gebrauchsanweisungen).“892 Ein weiteres Kriterium, das für ausdifferenzierte Funktionssysteme typisch ist, ist die binäre Codierung.893 „Jedes Funktionssystem hat seine Einheit darin, daß es sich an einem nur für es selbst geltenden binären Code orientiert. Seine Einheit ist seine Differenz, und zwar eine Differenz, die dem System die Möglichkeit nimmt, sich selbst auf der ‚richtigen‘ Seite zu verorten. Damit entfallen teleologische Rationalitäten (also wiederum: Handlungsrationalitäten), die es dem System ermöglichen würden, sich selbst als Streben nach Wahrheit, Recht, Macht, Reichtum, Bildung oder gottgefälliger Lebenszuführung zu bezeichnen und sich so, zumindest der Intention nach, für rational zu halten.“894 Grundsätzlich bedeutet funktionale Differenzierung Systemdifferenzierung der Gesellschaft.895 Anders formuliert: „Ausdifferenzierung funktionaler Subsysteme heißt […]: Etablierung neuer Umwelt/System-Differenzen innerhalb des Ursprungssystems.“896„Mit der Logik der Systemdifferenzierung muß man […] denken, daß die Ausdifferenzierung eines Teilsystems das Gesamtsystem in sich selbst als 892 Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 41 893 vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 177; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 237–238 894 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 253 895 vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 202–205 896 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 84 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 205 Differenz von Teilsystem und Teilsystemumwelt redupliziert; und daß dies auf verschiedene Weise zugleich geschehen kann, für Politik zum Beispiel anders als für Wirtschaft, anders als für Erziehung, anders als für Wissenschaft usw.“897 „[…] Ausdifferenzierung von Funktionseinrichtungen […] heißt niemals Herauslösung oder Abtrennung vom ursprünglichen Zusammenhang, sondern nur: Etablierung funktionsbezogener Differenzen innerhalb des Systems, auf dessen Probleme sich die Funktionseinrichtungen beziehen.“898 Daraus folgt, „[…] daß für jedes Funktionssystem in der Gesellschaft auch die Gesellschaft im übrigen Umwelt ist. Dabei gibt es keine Garantie, auch keine gesamtgesellschaftliche Garantie, für […] maßvolle Verhältnisse. Vielmehr können relativ belanglose Veränderungen in einem System überproportionale Veränderungen in anderen Systemen auslösen oder, umgekehrt: wichtige Veränderungen eines Systems von anderen glatt absorbiert werden.“899 Das wiederum bedeutet dass „[j]edes Teilsystem […] zusammen mit seiner Umwelt, die Gesamtgesellschaft […] [ausmacht]; aber jedes in anderer Weise, aufgrund einer anderen lokalen Perspektive.“900 „Man versteht auf diese Weise die eigentümliche Komplexität der modernen Gesellschaft. Sie kommt in sich sozusagen mehrfach vor.“901 Daher kann „[j]edes Funktionssystem […] [da es mit seiner Umwelt die Gesellschaft rekonstruiert], wenn und soweit es für die eigene Umwelt offen ist, für sich selbst plausibel annehmen, die Gesellschaft zu sein. Mit der Geschlossenheit der eigenen Autopoiesis bedient es eine Funktion des Gesellschaftssystems. Mit der Offenheit für Umweltbedingungen und Umweltveränderungen trägt es der Tatsache 897 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 106–107; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie., S. 84 898 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 84 899 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 60 900 Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie. In: Medizin Mensch Gesellschaft. Jahrgang 8, 1983, S. 168–175, S. 170; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, 1984, S. 262 901 Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 170 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 206 Rechnung, daß dies im Gesellschaftssystem geschehen muß, weil die Gesellschaft sich selbst nicht auf nur eine Funktion spezialisieren kann. Es geht mithin um Operationalisierung von Paradoxie. Das Funktionssystem ist, als Differenz von System und Umwelt begriffen, die Gesellschaft, und es ist sie zugleich nicht. Es operiert geschlossen und offen zugleich. Es verleiht dem eigenen Realitätsanspruch Ausschließlichkeit, wenn auch nur im Sinne einer operationsnotwendigen Illusion. Es verleiht dem eigenen Code Zweiwertigkeit und schließt dritte Werte aus, die sich dann in der Intransparenz und Überraschungsträchtigkeit der Umwelt verstecken.“902 Durch die funktionale Differenzierung ergeben sich Konsequenzen für die Gesellschaft. „Es gibt für unsere Gesellschaft keine Rationalität, die in Selbstbeschränkung liegen könnte. Es gibt zum Beispiel keine medizinischen Gründe, eine Heilung oder eine Verlängerung des Lebens, die möglich ist, nicht zu versuchen; so wenig wie es keine politischen Gründe gibt, auf Konsens zu verzichten, und keine wirtschaftlichen Gründe, Gewinnchancen abzuweisen.“903 „Beschränkungen […] müssen aufgezwungen werden. Sie kommen aus der innergesellschaftlichen Umwelt der Funktionssysteme und werden vor allem über das Kommunikationsmedium Geld vermittelt.“904 „Eine weitere Konsequenz funktionaler Differenzierung liegt in der Steigerung der sichtbaren Kontingenzen auf der strukturellen Ebene aller Funktionssysteme.“905 „Mit funktionaler Differenzierung wird das Prinzip der elastischen Anpassung durch Substitutionsvorgänge zum Prinzip der Spezifikation von Teilsystemen. Das hat zur Folge, daß funktionale Äquivalente mehr als je zuvor entworfen und verwirklicht werden können, aber nur im Rahmen der Teilsystemfunktionen und ihrer Codierungen. Die hohe Elastizität wird mit einer eigentümli- 902 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 204–205 903 Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 170; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 29–30 904 Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 171 905 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 211 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 207 chen Starrheit ihrer Rahmenbedingungen bezahlt. Alles erscheint als kontingent, aber die Realisierung anderer Möglichkeiten ist an spezifische Systemreferenzen gebunden.“906 „Ausdifferenzierte Funktionssysteme sind, bisher jedenfalls, so entwickelt, daß sie ihr eigenes Wachstum nicht selbst kontrollieren können. In die jeweiligen Funktionsperspektiven ist ein Steigerungsaspekt eingebaut.“907 „[…] Geschlossenheit und Offenheit, Autonomie und Interdependenz von Funktionssystemen [sind] gleichzeitig steigerbar […] [es besteht] also zwischen Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten kein Summenkonstanzverhältnis […], sondern […] [es können] bei höherer Systemkomplexität und unwahrscheinlicheren evolutionären Lagen Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten zunehmen […]. Legt man diese Theorie zugrunde, ist damit zu rechnen, daß die gesellschaftliche Evolution auf Lagen zutreibt (oder sie zumindest häufiger bzw. wahrscheinlicher macht), in denen die wechselseitige Inanspruchnahme und Rückbelastung der Funktionssysteme zu nicht mehr lösbaren Problemen führen.“908 6.4.2.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien „[Als Medien werden] […] zusammenfassend sämtliche Einrichtungen bezeichnet, die der Umformung unwahrscheinlicher in wahrscheinliche Kommunikation dienen […].“909 Hierzu zählen die Verbreitungsmedien, die Sprache und als dritte Art von Medien die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien.910 „Die unterschiedlichen Medien erfassen die wichtigsten zivilisatorischen Bereiche des Gesellschaftssystems und für die neuzeitliche Gesellschaft ihre primären Subsysteme. Man erkennt daran, wie sehr eine 906 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 207 907 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 57 908 Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 45; vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 170 909 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 28 910 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 28 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 208 Steigerung der Kommunikationschancen im Evolutionsprozeß systembildend gewirkt und zur Ausdifferenzierung von besonderen Systemen wie Wirtschaft, Politik, Religion, Wissenschaft usw. geführt hat.“911 Luhmann erläutert den Begriff der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien anhand der Merkmale der Symbolisierung des Zusammenhangs von Selektion und Motivation (Generalisierung) ihrer Funktion der Erhöhung der Annahmewahrscheinlichkeit der Kommunikation bzw. Umformung von unwahrscheinlicher in wahrscheinlicher Kommunikation ihrer Entstehung und mithilfe der Architekturbausteine Funktionale Differenzierung/Funktionssysteme Autopoiesis „Als symbolisch generalisiert wollen wir Medien bezeichnen, die Generalisierung verwenden, um den Zusammenhang von Selektion und Motivation zu symbolisieren, das heißt: als Einheit darzustellen. Wichtige Beispiele sind: Wahrheit, Liebe, Eigentum/Geld, Macht/Recht; in Ansätzen auch religiöser Glaube, Kunst und heute vielleicht zivilisatorisch standardisierte ‚Grundwerte‘.“912 „Offensichtlich gibt es eine strukturelle Affinität zwischen Medienbildung und funktionaler Differenzierung.“913 „[Die symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien] […] führen zur Ausdifferenzierung verschiedenartiger Funktionssysteme, die […] den Übergang in die moderne Gesellschaft ermöglichen.“914 „[…] [A]lle Operationen eines bestimmten Funktionssystems [orientieren] sich am systemeigenen 911 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 28–29 912 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 222; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 40 913 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 40 914 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 29; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 222 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 209 Medium […] und [bewirken] dadurch die Autopoiesis des Systems […].“915 Luhmann nutzt auch den „[…] Begriff „Medium“ […] als abgekürzte Formel für symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien. Der Begriff […] bezeichnet Symbole, die in der Kommunikation verwendet werden können und die Ablehnungswahrscheinlichkeit der Kommunikation mindern.“916 „Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien entstehen erst, wenn die Verbreitungstechnik es ermöglicht, die Grenzen der Interaktion unter Anwesenden zu überschreiten und Informationen auch für eine unbekannte Zahl von Nichtanwesenden und für noch nicht genau bekannte Situationen festzulegen. Sie setzten, mit anderen Worten, die Erfindung von generell verwendbarer Schrift voraus.“917 „Medium und Organisation sind mithin zwei verschiedene Formen der Bildung ungewöhnlicher, anspruchsvoller Erwartungen, der Transformation von Unwahrscheinlichkeit in Wahrscheinlichkeit. In dieser abstrakten Hinsicht sind es funktional äquivalente Mittel, und alle Funktionssysteme […] sind auf ihr Zusammenspiel angewiesen.“918 6.4.2.4 Binäre Codierung Luhmann erklärt die binären Codierungen anhand der Merkmale binäre Strukturierung und damit Sicherung der Anschlussfähigkeit Duplikationsregeln mit Hinweis auf andere Möglichkeiten eindeutige Zuordnung von Elementen zu jeweils nur einem Funktionssystem 915 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 41 916 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 40–41; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 513 917 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 29 918 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 210 Universalitätsanspruch Informationserzeugung und -verarbeitung bzw. anhand der Architekturbausteine Funktionale Differenzierung Beobachtung „[…] [D]ie Ausdifferenzierung eines gesellschaftlichen Funktionssystems [ist] nur möglich […], wenn die Funktion durch eine Unterscheidung, durch einen für sie spezifischen binären Code interpretiert werden kann.“919 „Zugleich ermöglicht diese Codierung (anders als die bloße Funktionsorientierung) eine unzweideutige Zuordnung zu jeweils einem und nur einem Funktionssystem.“920 „Binäre Codes sind Duplikationsregeln. Sie werden dadurch gebildet, daß Informationen im Kommunikationsprozeß bewertet und dem Vergleich mit einem genau korrespondierenden Gegenwert ausgesetzt werden. Die Realität, die nach Maßgabe des Codes behandelt wird, ist nur einmal vorhanden. Sie wird gleichwohl fiktiv dupliziert, so daß jede Bewertung sich ihr Komplement suchen und sich in ihrem Gegenteil spiegeln kann.“921 „Sie bieten damit ein Schema für Beobachtungen an, innerhalb dessen alles, was beobachtet wird, als kontingent, 919 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 237–238; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197; vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 54; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 85–86; vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 177 920 Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, 1986, S. 79; vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 55 921 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 77; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 13–14; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 266 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 211 das heißt: als auch anders möglich, erscheint.“922 „Binäre Codierung hat die Funktion, alles, was zum Thema von Kommunikation gemacht werden kann, mit Hinweis auf andere Möglichkeiten auszustatten.“923 „[…] [D]urch Codierung der Kommunikation über Realität erreicht man, daß alles, was aufgegriffen wird, als kontingent behandelt und an einem Gegenwert reflektiert werden kann.“924 „In ihrer abstraktesten Form sind Codes einfach Unterscheidungen […].“925„Alle Codes haben eine binäre Struktur, so daß prägnant erkennbar wird, daß die Zuordnung zum einen Wert die Zuordnung zum anderen Wert negiert.“926„Solche Codes enthalten einen Positivwert [Designationswert] und einen Negativwert [Reflexionswert], zu interpretieren nicht im Sinn von alltäglichen Präferenzen, sondern als Bezeichnung von Anschlußfähigkeit (positiv) und als deren Reflexion (negativ).“927 Sie „[…] ermöglichen die Umformung des einen in den anderen.“928 Sie erleichtern den Übergang von einem Wert zum anderen.929 „Codes sind Totalkonstruktionen, sie sind Weltkonstruktionen mit Universalitätsanspruch und ohne ontologische Begrenzung.“930 Sie 922 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 266 923 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 14; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 79, S. 266; vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 178 924 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 77 925 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 169 926 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 55 927 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 238; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 266; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 14, S. 182; vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 178–179 928 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 266 929 vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 178 930 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen? S. 78–79; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 248–249 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 212 sind „[…] Totalkonstruktionen, die unter der Prämisse des ausgeschlossenen Dritten universell angewandt werden können.“931 „Dem Code eines einzelnen Funktionssystems wird eine zugleich universelle (gesamtgesellschaftliche) und spezifische Bedeutung zuteil.“932 „Sie setzen, ohne daß dies der sachlichen Universalität widerspräche, die Beschränkung auf einen sozialen Funktionsbereich voraus.“933 „Aufgrund von Codierung kann ein Kommunikationssystem Information erzeugen und verarbeiten. Information ist dabei eine rein systeminterne Form der Behandlung von Ereignissen.“934 „Codierung ist Voraussetzung dafür, daß Umweltereignisse im System als Information erscheinen […].“935 „Die Codierung bewirkt eine scharfe Reduktion, und dies in allen Fällen: für jedes Funktionssystem. Nur im Ausnahmefall bringen Umweltveränderungen ein mit sich selbst beschäftigtes Funktionssystem zur Resonanz, nur in Ausnahmefällen stören und verändern sie die Bedingungen der laufende Reproduktion systemspezifischer Kommunikationen. Andererseits ist genau diese Reduktion Voraussetzung dafür, daß Umweltveränderungen überhaupt bemerkt und bearbeitet werden können.“936 Hier nun einige Beispiele: „Mit ‚Codes‘ sind Differenzcodes gemeint, also etwa Macht/Ohnmacht oder Recht/Unrecht, aber auch wahr/un- 931 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 184; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 78–79, S. 84; vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 177; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 248–249 932 Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 184; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 79, S. 207 933 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 184; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 84; vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 177 934 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, 15 935 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 219; vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 55 936 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 219 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 213 wahr, gläubig/ungläubig, gut/böse, Geld Haben/Nichthaben, gesund/ krank, usw. Die allgemeine Form dafür ist ‚dies und nicht das‘.“937 6.4.2.5 Codierung / Programmierung Für die Erklärung der Unterscheidung von Codierung und Programmierung verwendet Luhmann die Architekturbausteine Funktionssystem Strukturen Operative Geschlossenheit Umwelt und die Merkmale Offenheit, Autonomie und Paradoxie. In Luhmanns Theorie wird „[…] zwischen Codierung und Programmierung eines Systems […]“938 unterschieden. „Differenzierung von Codierung und Programmierung heißt natürlich nicht, daß keine Zusammenhänge bestünden.“939 „Keine Codierung kann ohne Programmierung existieren.“940 „Auf der Ebene der Codierung durch einen binären Schematismus wird ein System ausdifferenziert. Auf dieser Ebene etabliert sich ein System zugleich als ein geschlossenes System.“941 „[…] Die Programme sind dagegen vorgegebene Bedingungen für die Richtigkeit der Selektion von Operation.“942 „Sie ermöglichen einerseits eine ge- 937 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, 168–169; vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 54–55 938 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 55; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 90 939 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 173–174 940 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 192 941 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 90–91 942 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 90–91; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 214 wisse ‚Konkretisierung‘ (oder: ‚Operationalisierung‘) der Anforderungen, die an ein Funktionssystem gestellt werden, und müssen andererseits eben deshalb in gewissem Umfange änderbar sein. Auf der Ebene der Programme kann ein System, ohne seine durch den Code festgelegte Identität zu verlieren, Strukturen auswechseln. Auf der Ebene der Programme kann daher in gewissem Umfange Lernfähigkeit organisiert werden.“943 „Durch die Differenzierung von Codierung und Programmierung gewinnt ein System also die Möglichkeit, als geschlossenes und als offenes System zugleich zu operieren.“944 „Das System kann seine Operationen an dieser Differenz orientieren, kann innerhalb dieser Differenz oszillieren, kann Programme entwickeln, die die Zuordnung der Operationen zu Positionen und Gegenpositionen des Codes regeln, ohne die Frage nach der Einheit des Codes zu stellen.“945 „Das System kann sich auf der Ebene seiner Programme, mit denen es die Code-Werte richtig (oder auch versehentlich falsch) zuteilt, nach Umweltanforderungen richten, ohne damit seine Autonomie aufzugeben. Die Differenz von Codierung und Programmierung ermöglicht mithin, und das ist ihre eigentliche Funktion, Geschlossenheit und Offenheit zugleich.“946 „Die Differenz von Codierung und Programmierung ermöglicht eine spezifische Behandlung dieses Problems des eingeschlossenen Dritten. Was auf der Ebene des Codes ausgeschlossen ist, kann auf der Ebene des Programms wiedereingeführt werden.“947 „Die Programme transformieren das bloße ‚Rauschen‘ der Umwelt in einen für das System praktizierbaren Sinn, freilich nur auf der Ebene der Strukturen [...].“948 vgl. Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 55, S. 268; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 192 943 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 90–91 944 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, 1986, S. 91 vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 83; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197–198 945 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 76–77 946 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197–198 947 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 200 948 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 198 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 215 „Die gesellschaftliche Ausdifferenzierung der Funktionssysteme wird aber nicht über die Programmierung, sondern zunächst über die binäre Codierung erreicht. […] Das heißt: der Selektionsdruck bewirkt die Ausdifferenzierung, und die Programme des Systems müssen dann von gesamtgesellschaftlichen Selbstverständlichkeiten abgekoppelt und an der Funktion, Codewerten zuzuordnen, ausgerichtet werden.“949 „Binäre Codierung geben, konsequent eingeführt, keine Direktiven für richtiges Verhalten. Sie formulieren keine Programme.“950 „Binäre Codierungen führen bei Anwendung des Codes auf sich selbst zu Paradoxien.“951 „Die Codes selbst sind zugleich tautologisch und paradox. Nach ihnen ist alles und nichts möglich, und sie bedürfen deshalb der Ergänzung durch Programme, die die Codes enttautologisieren und entparadoxieren. Diese Programme werden aber auf den Kontext je eines spezifischen Codes spezialisiert.“ 952 6.4.2.6 Zweitcodierung Luhmann erläutert das Phänomen der Zweitcodierung mithilfe des Merkmals Überbrückung der Differenz von Code und Programm. Luhmann ersetzte „[…] das Zweck/Mittel-Schema ebenso wie das Delegationsschema […] durch die These einer Differenzierung von Codierung und Programmierung.“953 Die genannten Schemata haben seiner Meinung nach „[…] eine viel zu einfache Strukturbeschreibung.“954 „Für diese Überbrückung der Differenz von Code und Programm haben sich Zweitcodierungen eingebürgert. […] Auf diese Weise wird einerseits die binäre Struktur des Codes copiert und ande- 949 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197 950 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 15 951 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 191 952 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 55–56; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 76–77 953 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 173 954 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 173 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 216 rerseits zugleich ein Auswahlgesichtspunkt für das angedeutet, was man für richtig hält.“955 Zum Beispiel muss angegeben werden, wie politische Gewalt ausgeübt werden soll und was dabei als richtiges Verhalten angesehen wird.956 Im Wirtschaftssystem führt „[e]rst die Zweitcodierung […] durch Geld, die Ergänzung des Codes Haben/Nichthaben durch den Code Zahlen/Nichtzahlen, […] zur vollen funktionalen Ausdifferenzierung des Wirtschaftssystems.“957 6.4.2.7 Reflexionstheorie Für die Erklärung des Begriffs Reflexionstheorie nutzt Luhmann die Architekturbausteine Funktionssystem Sinn Strukturen und die Merkmale Selbstreflexion, Autonomie und Selbstbeschreibung. „[…] [E]s gibt für fast alle Funktionssysteme Traditionen der Selbstreflexion, an die man, wie immer polemisch und kritisch, anknüpfen kann.“958 „Reflexionstheorien entstehen in solchen Systemen erst sekundär, erst zur Verteidigung ihrer Autonomie und erst aufgrund einer Sinnnachfrage, die das System strukturell bereits voraussetzt.“959 „[…] [O]b eine solche Selbstbeschreibung ihre gesellschaftliche Funktion zutreffend erfaßt, ist eine andere Frage. Davon hängt ihre Ausdifferenzierung dann nicht mehr ab.“960 955 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 173–174 956 vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 174 957 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 103 958 vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 172 959 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 86 960 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 86 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 217 Reflexionstheorien entstehen, „[…] wenn Selbstbeschreibungen mehr leisten müssen als nur eine Folie zu bieten für laufende Selbstbeobachtung […].“961 „Das semantische Instrumentarium der Selbstbeschreibung wird auf entsprechende Komplexität gebracht. Der Bezug auf die Einheit (trotz Vielheit) des Systems wird nicht nur generalisiert; er wird auch abstrahiert, um ganz verschiedenartigen Folgerungen (zum Beispiel über Gewaltenteilung, Menschenrechte, Zulassung von Oppositionsparteien, Repräsentationsprinzip etc.) Anknüpfungen und Zusammenhalt bieten.“962 „Mit Reflexions‚theorien‘ ist […] nicht schon gleich wissenschaftliche Theorie im Sinne einer forschungsgeleiteten Hypothese oder eines Forschungsprogramms des Wissenschaftssystems gemeint.“963 Und „[…] [fast] alle Reflexionstheorien [sind] […] heute überholungsbedürftig. […] [Denn] sie halten eine erste Phase der Selbstwahrnehmung der modernen Gesellschaft fest.“964 6.4.3 Organisationen (Theorie) „[…] Die Gesellschaft [ist] in all ihren Funktionssystemen […] auf die Bildung von Organisationssystemen angewiesen […].“965 „Organisationssysteme entstehen im allgemeineren (und evolutionär früheren) Kontext von Gesellschaftssystemen, wenn und soweit es gelingt, soziale Systeme zu bilden auf der Basis von Entscheidungen.“966 Damit gehören Organisationen zur Gesellschaft.967 Luhmann stellt dabei klar, dass „[d]ie Gesellschaft selbst […] keine Organisation [ist], wohl aber unerläßliche Bedingung der Möglichkeit von Organisation.“968 961 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 82 962 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 82 963 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 82 964 vgl. Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 172 965 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 393; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 392 966 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 341 967 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 391 968 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 391 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 218 Die Operationsweise von Organisationen hat Auswirkungen auf die Organisations- und Gesellschaftstheorie. „Ein erwartungsbezogener Entscheidungsbegriff stellt mithin nicht nur andere Fragen an die Organisationstheorie. Er ist auch für die Gesellschaftstheorie relevant und zwingt dazu, sich zu überlegen, ob und in welchem Sinne man die moderne Gesellschaft weiterhin durch eine spezifische Form von Rationalität kennzeichnen kann.“969 6.4.3.1 Organisation Luhmann verwendet mehrere Architekturbausteine seiner Theorie, um den Begriff der Organisation weiter zu konkretisieren, nämlich Soziales System Autopoiesis Umwelt Entscheidung Mitgliedschaft Funktionssystem/Funktionale Differenzierung und Merkmale Verstärkermechanismen Rekonstruktion doppelter, relativ unabhängiger Kontingenzen, nämlich Verhaltensdisposition der Mitglieder und Regeln für Mitglieder verfügen über eine wesentlich höhere Dichte der wechselseitigen Festlegung der Operationen und der Beschränkung der Freiheitsspielräume der Elemente im Verhältnis zueinander Zunächst geht er darauf ein, woraus Organisationen bestehen bzw. wie sie sich konstituieren. 969 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens. In: DBW. Die Betriebswirtschaft. 44, Heft 1 (1984), S. 591–603, S. 603 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 219 Organisierte soziale Systeme bilden sich wie soziale Systeme als selbstreferenzielle autopoietische Systeme.970 „Der Begriff des autopoietischen Organisationssystems ist unabhängig von der Frage, wie weit eine Organisation von ihrer Umwelt oder auch von dominierenden Systemen ihrer Umwelt abhängig ist – sofern nur die Umwelt ihr einen hinreichenden Spielraum für Alternativen läßt, den das System als Entscheidungsspielraum interpretieren kann.“971 „[…] [D]ie Besonderheiten des Systemtypus Organisation [sind] […]; sie seligieren Mitglieder für programmierte Aufgaben, sie bestehen aus Entscheidungen, sie setzen, oft kontrafaktisch, eine organisationsaffine Umwelt voraus, usw. Sie sind aber zugleich gesellschaftlichen Funktionsbereichen zugeordnet.“972 Eine Organisation wird zunächst durch ihren Kommunikationsprozess konstituiert.973 „Wenn es erlaubt ist, sich wechselseitig Entscheidungsverhalten zuzumuten, und wenn es im formalen und sozialen Kontext von Organisationen erschwert wird, sich einer solchen Zumutung offen zu entziehen, wird der offizielle Kommunikationsprozeß typisch und für Normalfälle unter der Prämisse allseitigen Entscheidungsverhaltens ablaufen.“974 Das heißt, dass Organisationen soziale Systeme sind, „[…] die aus Entscheidungen und nur aus Entscheidungen bestehen, und zwar nur aus Entscheidungen, die sie selbst anfertigen.“975 Was als Entscheidung angesehen wird und so zur Herstellung anderer Entscheidungen beitragen kann, liegt bei den Organisationen. Dabei können sie sich im 970 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166–168 971 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 167 972 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 392 973 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 355 974 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 355 975 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 171; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 339–341, S. 355–356; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 155 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 220 Entscheidungsinhalt auf ihre Umwelt einstellen.976 „Sie differenzieren sich aus als ein rekursiv-geschlossenes, mit eigenen Entscheidungen auf eigene Entscheidungen bezugnehmendes System, das sich selbst durch ein Verfahren der Eigenzurechnung von Entscheidungen von der Umwelt unterscheiden kann und das deshalb auch von außen als ein System mit selbstbezogenen Grenzen beobachtet und behandelt werden kann.“977 „[…] [E]in Organisationssystem [setzt] Verstärkermechanismen […] [ein], die es (im Vergleich zu Zufallserwartungen oder im Vergleich zur Umwelt) wahrscheinlicher machen, daß überhaupt und interdependent entschieden wird.“978 Hierfür gibt es drei Mechanismen, nämlich lückenfüllendes Entscheiden von Entscheidungen, Wahrscheinlichkeit von Entscheidungen und das Entscheiden selbst. Diese drei Aspekte ermöglichen Systembildungen auf Basis von Entscheidungen.979 Des Weiteren nutzt Luhmann den Begriff der Mitgliedschaft, um Organisation zu erklären. Formale Organisationen regulieren „[…] ihre Grenzen primär über Mitgliedschaft und Zulassung zur Mitgliedschaft […] und [behandeln] Themen als etwas […], was den Mitgliedern des Systems aufgrund der Mitgliedschaft zugemutet werden kann.“980 Das Mitglied „[…] muß sich den Regeln der Organisation unterwerfen, um Mitglied werden und bleiben zu können. Man muß sich bereiterklären, Weisungen zu befolgen und Verantwortung zu übernehmen.“981 So kann „[…] 976 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166, S. 171; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 339–341, S. 355–356 ; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 155 977 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 359 978 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 353 979 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 353 980 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 268–269; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 601; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 41 981 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 221 über Organisation ein hochgradig unwahrscheinliches, zum Beispiel hochspezialisiertes, nicht direkt dem eigenen Interesse dienendes Verhalten sichergestellt werden.“982 „Die Mitglieder möchten, während sie ihre Aufgaben erfüllen, gelegentlich auch über etwas anderes reden [...]. Durch solche Seitenthemen werden die Grenzen des formalen Systems aber nicht verändert. Aber die informale Organisation […] kann für die Bedeutung der Arbeitsmotivation von hoher Bedeutung sein, die durch die formale Organisation allein nicht sichergestellt werden kann.“983 Auch bringt Luhmann den Begriff der doppelten Kontingenz ins Spiel. „Systembildung durch Organisation kann begriffen werden als Rekonstruktion doppelter, relativ unabhängiger Kontingenzen […].“ „Kontingent ist alles, was auch anders möglich ist.“ 984 „Kontingenz heißt einerseits, daß die Strukturen und Praktiken (etwa Konfliktregulierung) eines Systems abhängen von der Art, in der die Umwelt für das System relevant wird. […] Kontingenz heißt andererseits Unsicherheit darüber, ob Prämissen eigenen Verhaltens gegeben sind oder gegeben werden.“985 Die zwei Kontingenzbereiche in Organisationen liegen in der Verhaltensdisposition der Personen, die Handlungen zum System beitragen (Mitglieder) und in den Regeln, nach denen sich Mitglieder verhalten sollen. Diese kontingenten Regeln werden durch Entscheidung begründet.986 „Organisierte Sozialsysteme konstituieren sich dadurch, daß diese beiden Kontingenzen aufeinander bezogen und miteinander verknüpft werden und sich dadurch wechselseitig in ihrem Variationsspielraum beschränken. Die Mitgliedschaft wird, mehr oder weniger strikt, zumindest aber ‚formal‘, an die Bedingung der Regelbefolgung gebunden.“987 982 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 41 983 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 269 984 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 40 985 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 39–40 986 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 40 987 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 40–41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 222 Schließlich äußert sich Luhmann noch zur Funktion der Organisation. „[…] [Organisationen] führen [im Vergleich zu symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien] zu einem viel dichteren Zusammenhang der einzelnen Operationen […].“988 Sie verfügen „[…] [über eine wesentlich höhere] Dichte der wechselseitigen Festlegung der Operationen und der Beschränkung der Freiheitsspielräume der Elemente im Verhältnis zueinander.“989 „Reorganisation ist im allgemeinen leicht zu bewerkstelligen, denn die Organisation verkraftet alles, was sich an Organisation anschließen läßt. Aber nur ein einziger Effekt ist mit Sicherheit zu erwarten: daß mehr Organisation dabei herauskommt.“990 6.4.3.2 Entscheidung Zur Erläuterung des Begriffs der Entscheidung verwendet Luhmann folgende Architekturbausteine Kommunikation Organisation System/Umwelt-Differenz und Merkmale kann nur systemrelativ konstituiert werden zeitpunktgebundenes, nicht bestandsfähiges Ereignis Differenz von Vorher und Nachher, von Vergangenheit und Zukunft überbrückt die Vorher/Nachher-Differenz ist Transformation von Kontingenz ist die gerichtete Relation zwischen Alternativen entsteht aus Erwartungsdruck Luhmann definiert Entscheidungen als Kommunikation. 988 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 42 989 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 42 990 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 209 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 223 Entscheidungen sind soziale Ereignisse.991 „Entscheidungen sind Kommunikationen.“992 „Deshalb kann man auch nicht sagen, daß Entscheidungen, nachdem sie getroffen sind, noch kommuniziert werden müssen […] was natürlich nicht ausschließt, daß man über Entscheidungen kommunizieren kann.“993 Und „Eine Entscheidung ist […] alles, was die Organisation als Entscheidung ansieht.“994 Entscheidungen können nur systemrelativ konstituiert und entsprechend systemrelativ begriffen werden.995 „Die Einheit der Entscheidung kann nicht unterschritten werden: Wie immer sie zerlegt, dekomponiert, faktorisiert wird: Die Untereinheiten müssen wieder Entscheidungen sein.“996 „Entscheidungen lassen sich nicht als Monaden, als Einzelphänomene begreifen, sie bedingen sich wechselseitig in dem Sinne, dass es ohne andere Entscheidungen nichts zu entscheiden gäbe.“997 Des Weiteren erklärt Luhmann, dass es sich bei Entscheidungen um zeitpunktfixierte, nicht bestandsfähige Ereignisse handelt. „[…] [B]ei Entscheidungen [handelt] es sich um Ereignisse […], die an einem bestimmten Zeitpunkt vorkommen und mit ihrem Entstehen schon wieder verschwinden. Die elementaren Einheiten, aus denen Organisationen bestehen, sind nicht bestandsfähig.“998 „Die elementaren Einheiten, aus denen Organisationen bestehen, sind also nicht bestandsfähig. Das Problem liegt nicht in ihrer Erhaltung, sondern in ihrer Reproduktion.“999 „[…] Ereignisse [sind] im allgemeinen (und erst recht Handlungen, und erst recht Entscheidungen) weniger leicht zu 991 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166 992 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166 993 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166 994 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 168 995 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 351, S. 344; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166 996 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 345 997 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 353 998 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 168; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 593; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 169 999 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 168 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 224 beobachten […] als Objekte. […] Außerdem fehlen vor dem Ereignis zumeist sichere Anhaltspunkte dafür, auf was die Beobachtung sich richten muß.“1000 „In der Form eines Ereignisses, das mit seinem Auftreten schon wieder vergeht, kann man Einheiten herstellen, die nie die Qualität einer Struktur gewinnen, die nie auf Dauer gestellt werden könnten. In der Form einer Entscheidung kann deshalb die Differenz von Umwelt und System zur Einheit gebracht werden, ohne daß dies eine strukturelle Verschmelzung von System und Umwelt herbeiführen müßte. […] Sie bringt die Differenz zur Einheit, indem sie Entscheidungsmotive aus der Umwelt und aus dem System, Äußeres und Inneres zusammenführt und zugleich deren strukturelle Trennung bewahrt.“1001 „Ein Ereignis markiert eine Diskontinuität, also eine Differenz von Vorher und Nachher. […] Es präsentiert die Einheit des Vorher und Nachher, die Differenz der Einheit […]. Das Ereignis ist also paradox.“1002 „Entscheidungen müssen als zeitpunktfixierte und ‚vergehende‘ Ereignisse eine zeitbindende Funktion übernehmen und reflektieren. […] Entscheidungen können daher in je ihrer Gegenwart nur Ereignis sein, wenn sie eine Differenz von Vergangenheit und Zukunft zum Ausdruck bringen […].“1003 Zur weiteren Erklärung bringt Luhmann den Begriff der Kontingenz ins Spiel. „[…] [D]ie Entscheidung überbrückt ihre eigene Vorher/Nachher- Differenz. Die Entscheidung ist […] vor der Entscheidung eine andere als nach der Entscheidung. Vor der Entscheidung liegen die Alternativen, die sich durch das Erwarten bilden, offen zu Tage. […] Nach der Entscheidung steht die Auswahl fest […] Vor der Entscheidung gibt es mithin eine Differenz der Alternativen, nach der Entscheidung gibt 1000 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 593 1001 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 593 1002 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 169 1003 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 341 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 225 es zusätzlich eine Relation zu dieser Relation, nämlich die Beziehung der ausgewählten Alternative zu dieser Auswahldifferenz. Zwei Formen der Kontingenz, offene Kontingenz und Auch-anders-möglichsein der getroffenen Entscheidung kommen zur Einheit. Die Entscheidung überträgt die Kontingenz aus der einen in die andere Form […].“1004 „Eine Entscheidung kann daraufhin als Transformation der Form von Kontingenz begriffen werden. Vor der Entscheidung gibt es mehrere mögliche Entscheidungen, also einen begrenzten Raum von offenen Möglichkeiten. Nach der Entscheidung gibt es dieselbe Kontingenz in fixierter Form: die Entscheidung wäre anders möglich gewesen, sie ist jetzt selbst kontingent.“1005 „Die Autopoiesis des Entscheidens begleitet also die natürliche Zeit und entspricht ihr durch Umformung künftiger in vergangene Kontingenzen.“1006 „Kontingenz nimmt also zwei verschiedene Formen an, die durch die Vorher/Nachher-Differenz getrennt und verbunden werden, nämlich Wahlsituation bzw. Unsicherheit (über sich selbst) und Auch-anders-möglich-sein.“1007 „Jede Entscheidung schafft, indem sie Kontingenz transformiert, wiederum offene Entscheidungsmöglichkeiten.“1008 „Im Unterschied zu einfachen Handlungen thematisieren Entscheidungen […] ihre eigene Kontingenz und haben ihre Einheit darin, daß sie sich trotzdem zu eindeutiger Form bestimmen. Was als Einheit einer Entscheidung (und in Organisationen: als Systemelement) fungiert, ist mithin die gerichtete Relation zwischen Alternativen.“1009 1004 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 402 1005 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 170; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 592–593, S. 595; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 337–338 1006 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 170 1007 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 595 1008 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 172 1009 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 338; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 591 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 226 „[Bei Entscheidungen sind] […] die Gesamtheit der Alternativen oder alle Folgen der Durchführung einer bestimmten Wahl unbekannt bzw. unsicher […].“1010 „[…] [Es] geht […] um ein Überleben unter Entscheidungsdruck, um die Darstellbarkeit des Verhaltens als vertretbare Entscheidung in späteren Situationen, um die Auswahl von Entscheidungen, die im Hinblick auf anschließende Entscheidungsnotwendigkeiten günstig liegen.“1011 Der Begriff der Entscheidung steht auch in Verbindung mit Handlungen bzw. Verhaltenserwartungen. „Eine Handlung ist immer dann eine Entscheidung, wenn sie auf eine an sie gerichtete Erwartung reagiert.“1012 „Bei einer Verhaltenserwartung geht es um die Differenz von konform und abweichend. […] [Diese] Differenz […] ist diejenige, die den Tatbestand des Entscheidens konstituiert. Dabei führt die Orientierung an Erwartungen nicht schon zu einem Entscheidungsergebnis; sie macht die Entscheidung nötig und versetzt in eine wie immer reduzierte, wie immer disbalancierte, wie immer belastete Freiheit, den Erwartungen nicht zu folgen.“1013 „[…] [D]ie Erwartung [gibt] der Entscheidung die Möglichkeit, einen Mehrwert zu produzieren, nämlich etwas möglich bzw. unmöglich zu machen, was ohne sie nicht möglich bzw. unmöglich geworden wäre.“1014 „Entscheidungen entstehen aus Erwartungsdruck, und wenn dieser Druck in einer Weise organisiert ist, daß die Mitgliedschaft in einer Organisation, die berufliche Existenz oder zumindest die Karriere und 1010 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 602 1011 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 602 1012 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 594; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 401; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 596 1013 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 595; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 400 1014 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 596 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 227 das Ansehen im System von ihrer Erfüllung abhängen, wird man besondere Verhaltensweisen zu erwarten haben, die ‚in der freien Natur‘ nicht vorkommen.“1015 „Entscheiden in der Organisation wird für sich selbst nur plausibel, wenn es Entscheidungsprozesse auch in der Umwelt voraussetzen kann, so daß die Systemgrenze nicht nur als Trennlinie fungiert, sondern zugleich auch als Zuordnungsregel für Entscheidungszusammenhänge. Die Differenz von System und Umwelt besagt dann für das System, daß Entscheidungen intern und extern nach verschiedenen Regeln ausgewählt werden.“1016 6.4.3.3 Mitgliedschaft Zur Definition von Mitgliedschaft dienen folgende Architekturbausteine Organisation Entscheidung und Merkmale heißt, es wird eine Stelle (Besetzung durch eine Person, Ausführung eines Programms, Ausstattung mit begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten) übernommen Erkennungsregel, erlaubt festzustellen, unter welchen Aspekten Handlungen als Entscheidungen gelten Für Organisationsbildung ist es konstitutiv, „[…] daß Mitgliedschaftsverhältnisse durch Entscheidung begründet und aufgelöst werden können […]. Zugehörigkeit ist und bleibt damit an Entscheidung gebunden.“1017 1015 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 599 1016 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 361 1017 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 364 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 228 Die Rollentypik und die Umweltbeziehungen organisierter Sozialsysteme hängen eng zusammen und bedingen sich wechselseitig.1018 „In eine Organisation einzutreten heißt: mit der Mitgliedschaft eine Stelle übernehmen, in der alle Verhaltensprämissen kontingent gesetzt, also auch anders möglich sind und demzufolge variiert werden können.“1019 „Stelle bedeutet [dabei], daß alle Struktur explizit durch Einschränkung anderer Möglichkeiten eingeführt wird.“1020 „Die Identifikation von Rollen als Stellen, die mehrere Änderungsdimensionen [Besetzung durch eine Person, Ausführung eines Programms, Ausstattung mit begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten] verknüpfen, ermöglicht […] eine Operationalisierung von Kontingenz, indem sie Direktiven gibt für die Variation aller strukturellen Verhaltensprämissen in Anlehnung an die jeweils nicht variierten. Insofern ‚besteht‘ eine Organisation aus Stellen.“1021 Vor allem die Mitgliedschaftsregel als „[…] Erkennungsregel […] erlaubt dem System festzustellen, unter welchen Aspekten […] [Handlungen] als Entscheidungen im System zu gelten haben.“1022 Dabei „[…] geht [es] immer um eine rollenspezifische Bestimmung, nie um die Inklusion des Gesamtverhaltens eines konkreten Menschen in das System.“1023 Die Organisation „[…] macht mittels Gehaltzahlung, relativer Zukunftssicherheit und anderer Vorteile Mitgliedschaft wirtschaftlich (!) so attraktiv, daß sie Mitglieder findet, die bereit sind, sich dafür der Fremdbestimmung des eigenen Verhaltens zu unterwerfen.“1024 1018 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 41 1019 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 41 1020 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 41 1021 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 42 1022 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 171 1023 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 171 1024 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 409; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 403 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 229 6.4.3.4 Strukturen Der Begriff Strukturen wird erklärt anhand der Architekturbausteine Organisation Entscheidung Entscheidungsprämisse und Merkmale werden auf Grundlage von Kontingenzerfahrung gewählt vollzieht sich auf drei Ebenen (Konstitution des Systems, Entscheidungsprämissen, Stellen) schränken irgendwie ein und machen damit entscheidbar, wie entschieden werden kann Erhöhung der Redundanz (strukturelle Einschränkung der Entscheidungszusammenhänge) Sicherung der Fortsetzung der Autopoiesis Überbrückung der Distanz von Entscheidung zu Entscheidung „[…] [D]ie Strukturen organisierter Sozialsysteme [werden] auf der Grundlage von Kontingenzerfahrung, also in Orientierung an der Selektivität von Zuständen und Ereignissen, gewählt […].“1025 Diese selbstselektive „[…] Strukturbildung [vollzieht] sich auf […] drei Ebenen, nämlich der Konstitution des Systems, der Entscheidungsprämissen und der Stellen […].“1026 „Organisationen können als geschlossene Systeme der Produktion von Entscheidungen ihre eigenen Strukturen nur durch eigene Entscheidungen spezifizieren. Sie können nur selbst lernen. Zugleich benutzen sie ihre selbstorganisierten Strukturen, um Erwartungen zu spezifizieren, die sicherstellen, daß das Handeln, und zwar jedes Handeln [auch Unterlassungen] im System als Entscheidung behandelt werden kann.“1027 1025 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 47 1026 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 46–47 1027 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166–167 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 230 „[…] Entscheidungsarbeit im System [tendiert] dazu […], im Nebeneffekt (oder auch absichtlich) Strukturen zu kondensieren und damit die Redundanz des Systems zu erhöhen.“1028 Organisationen oszillieren ständig „[…] zwischen Aufnahme und Abweisen von Rauschen und zwischen Verlust und Wiederherstellung von Redundanz, wobei die Autopoiesis des Systems auf verschiedene Weise durchgehalten wird und die strukturelle Komplexität des Systems zunehmen oder in Richtung auf gleich bleibende Varietät und erhöhte Redundanz abnehmen kann.“1029 Redundanz ist die „strukturelle Einschränkung der Entscheidungszusammenhänge“1030 und bedeutet, Rückschlüsse ziehen zu können auf vorige Entscheidungen und Entscheidungen in der Zukunft.1031 „[…] Varietät [ist] die Verschiedenartigkeit der Entscheidungen.“1032 Die Spezifikation von Strukturen dient der Sicherung der Fortsetzung der Autopoiesis und der differentiellen Überlebenschance der Systemspezifikation.1033 „Alles, was der Überbrückung der Distanz von Entscheidung zu Entscheidung dient, hat deshalb im System die Funktion einer Struktur.“1034 „[…] [W]esentliche Strukturen [werden] im nachträglichen Behandeln früherer Entscheidungen bzw. in der Vorsorge für künftige Möglichkeiten der rückblickenden Behandlung der jetzt anstehenden Entscheidungen aufgebaut […]; und dabei sind unangenehme oder angenehme nachträgliche Überraschungen das die Strukturbildung katalysierende Problem. […] Entscheidungen [werden] modo futuri exacti kalkuliert und gegen die Gefahr, dass es anders kommt, abgesichert […].“1035 1028 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 174; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 47–48 1029 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 175 1030 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 174 1031 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 174 1032 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 174 1033 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 172 1034 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 172 1035 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 167 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 231 6.4.3.5 Entscheidungsprämissen Luhmann nutzt zur Erklärung der Entscheidungsprämissen die Architekturbausteine Organisation Entscheidung und Merkmale gelten für mehr als nur eine Entscheidung Entscheidungsprogramme, das Kommunikationsnetz und die Personen Erwartungen werden zu Entscheidungsprämissen und in diesem Sinne zu Entscheidungen über Entscheidungen mithilfe der Entscheidungsprogramme (Zweckprogramme, Konditionalprogramme) beurteilen Organisationen die Richtigkeit von Entscheidungen In Organisationen werden „[…] Entscheidungsprämissen festgelegt […], die dann jeweils für mehr als nur eine Entscheidung gelten.“1036 Entscheidungsprämissen sind Entscheidungsprogramme, das Kommunikationsnetz und die Personen.1037 Sie legen „[…] Redundanzen in Organisationen [aus] […] [verdichten Entscheidungszusammenhänge und] limitieren, was im Normalfall an Entscheidungen zugelassen werden kann.“1038 „[…] [J]ede Stelle [kann] als eine Kombination aus programmatischen, netzwerkartigen und personalen Entscheidungsprämissen angesehen werden. […] Sie bilden die relativ hohe Redundanz des Systems auf einem abstrakten Niveau wieder ab.“1039 Durch die „[…] Festlegung von Kommunikationswegen (unter Ausschluss anderer) [können] […] Informationen mit Bindungswirkung 1036 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 176 1037 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 176–177 1038 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 176–177 1039 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 178 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 232 im System zirkulieren […].“1040 „Personen […] [stellen] dem Entscheidungsbetrieb Körper und Geist, Reputation und persönliche Kontakte zur Verfügung […] und dadurch teils ausweiten, teils einschränken, was entschieden werden kann. in vielen Hinsichten und für viele Arten von Organisationen liegt hier die schärfste Absicherung der Redundanz […].“1041 „Erwartungen werden zu Entscheidungsprämissen und in diesem Sinne zu Entscheidungen über Entscheidungen.“1042 „Sofern eine Entscheidung als Prämisse anderer Entscheidungen dient – sei es qua Erinnerung oder qua Antezipation [sic!] –, bildet sich eine Struktur. Da es sich um ein dynamisches System handelt, das aus ständig wegfallenden Elementen besteht, genügen für die Autopoiesis schon ad hoc gebildete Strukturen, sofern sie nur irgendwie einschränken und damit entscheidbar machen, wie entschieden werden kann.“1043 Mit Hilfe der Entscheidungsprogramme (Zweckprogramme, Konditionalprogramme) beurteilen Organisationen die Richtigkeit von Entscheidungen.1044 „Die Organisation selbst wird dazu tendieren, die durch die Entscheidungsprogramme programmierte Richtigkeit für Rationalität zu halten bzw. sich den Durchblick auf Systemrationalität (was immer das sein mag) durch ihre Programme zu verstellen. […] [W]as im System als rational erscheint, ist eben diese Bedachtsamkeit im Auspendeln von Varietät und Redundanz.“1045 6.4.4 System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen „Dies Konzept des selbstreferentiell-geschlossenen Systems steht nicht im Wiederspruch zur Umweltoffenheit der Systeme; Geschlossenheit der selbstreferentiellen Operationsweise ist vielmehr eine Form der Erweiterung möglichen Umweltkontaktes; sie steigert da- 1040 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 176–177 1041 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 177 1042 Luhmann, Niklas: Soziologische Aspekte des Entscheidungsverhaltens, S. 601 1043 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 172 1044 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 176–177 1045 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 177 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 233 durch, daß sie bestimmungsfähigere Elemente konstituiert, die Komplexität der für das System möglichen Umwelt.“1046 Luhmann erklärt das Außenverhältnis von Systemen systemtheoretisch mithilfe der Begriffe In- und Output unter Beachtung der Autopoiesis und Selbstreferenz.1047 Ein System „[…] kann den eigenen Selektionsvollzug […] präzisieren. Das geschieht in der Form der Programmierung des Handelns […].“1048 Hierbei werden Konditionalund Zweckprogramme unterschieden,1049 je nachdem, ob die „[…] Richtigkeit des Handelns an Hand von Auslösebedingungen oder an Hand von bezweckten Folgen oder an beiden Gesichtspunkten festgemacht [wird].“1050 „Das System wird von bestimmten Eigenschaften oder Vorgängen seiner Umwelt, nämlich solchen, die für den Input oder für die Aufnahme des Outputs relevant sind, abhängiger, von anderen Umweltaspekten dagegen unabhängiger.“1051 Autonomie heißt in diesem Zusammenhang, dass das System in den Aspekten wählen kann, in denen es sich auf Abhängigkeit von der Umwelt einlässt.1052 „Jedes selbstreferentielle System hat nur den Umweltkontakt, den es sich selbst ermöglicht […].“1053 „An der Input-Grenze [bzw. ‚Grenzstelle‘] eines Systems lassen sich entsprechende Differenzierungen ausmachen. Sie finden sich in der Ausdifferenzierung von Empfangs- oder Beschaffungsstellen für spezifische Umweltleistungen, zum Beispiel Information. […] Der Vorteil ist nicht zuletzt: daß für interne und externe Anschlussprozesse Adressen zur Verfügung stehen und daß man in Bezug auf das Verhal- 1046 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 63 1047 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 275–282 1048 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 278 1049 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 278 1050 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 278 1051 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 279 1052 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 279 1053 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 146 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 234 ten an diesen Stellen gesteigerte Erwartungen normalisieren kann.“1054 „Input und Output sind nur systemrelativ ansetzbare Ordnungsgesichtspunkte. Außerdem handelt es sich um stark reduzierte, punktualisierte Zugriffe auf Umwelt, auf Reduktion der Umweltkomplexität an den Grenzen und durch die Grenzen des Systems.“1055 „Das System wird durch seine Umwelt gehalten und gestört, nicht aber zur Anpassung gezwungen und nicht nur bei bestmöglicher Anpassung zur Reproduktion zugelassen.“1056 Das heißt, dass Systeme von außen „[…] keine spezifische Direktion […] [zulassen], sondern nur Irritationen und Störungen, die nach Maßgabe der internen Strukturen aufgegriffen und normalisiert werden.“1057 In einer anderen Ausarbeitung erklärt Luhmann noch einmal deutlich: „[…] [E]s gibt weder Input von Einheit in das System, noch Output von Einheit aus dem System. Das heißt nicht, daß es keine Beziehungen zur Umwelt bestehen, aber diese Beziehungen liegen auf anderen Realitätsebenen als die Autopoiesis selbst. Sie werden im Anschluss an Maturana oft als Kopplung des Systems an die Umwelt bezeichnet.“1058 Im Glossar von „Ökologische Kommunikation“ erklärt Luhmann den Begriff der Kopplung folgendermaßen: „Der Begriff [Kopplung] bezeichnet die wechselseitigen Abhängigkeiten von System und Umwelt, die ein Beobachter sehen kann, wenn er die Unterscheidung von System und Umwelt zugrundelegt. Der Beobachter kann auch das System selbst sein, wenn es zur Selbstbeobachtung unter Verwendung der Unterscheidung von System und Umwelt in der Lage ist.“1059 „Die primäre Zielsetzung autopoietischer Systeme ist immer die Fortsetzung der Autopoiesis ohne Rücksicht auf Umwelt, und dabei wird 1054 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 280 1055 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 282 1056 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 36 1057 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 50 1058 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 56 1059 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 267 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 235 der nächste Schritt typisch wichtiger sein als die Rücksicht auf die Zukunft, die ja gar nicht erreichbar ist, wenn die Autopoiesis nicht fortgesetzt wird.“1060 6.4.4.1 Irritation / Resonanz / Information „Mit Begriffen wie Komplexität und Reduktion, Selbstreferenz und Autopoiesis, oder rekursiv-geschlossener Reproduktion bei umweltoffener Irritierbarkeit sind komplizierte Fragen aufgeworfen, die […] bei den folgenden Überlegungen nicht ständig im Blick behalten [werden] können. […] [Luhmann vereinfacht] die Darstellung dadurch, daß […] [er] das Verhältnis von System und Umwelt mit dem Begriff der Resonanz […] beschreibt.“1061 Zur weiteren Erklärung nutzt er die Architekturbausteine System, Umwelt, Autopoiesis, Struktur und Sinn. Für Irritation und Resonanz werden des Weiteren folgende Merkmale genutzt Verhältnis von System und Umwelt Umwelt wirkt als Irritation, als Störung, als Rauschen System kann nur unter besonderen Bedingungen seiner Eigenfrequenz in Schwingungen gesetzt werden Folgende Merkmale erläutern den Begriff Information Unterschied, der einen Unterschied macht ist immer ein Eigenprodukt des Systems Der Begriff Resonanz „[…] besagt, daß Umweltereignisse ein System nur unter besonderen Bedingungen seiner Eigenfrequenz in Schwingungen setzen können. […] [Das heißt:] Umweltereignisse führen nur dann zu einer Sequenz von Reaktionen im System, wenn dies nach 1060 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 38 1061 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 40 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 236 den eigentümlichen Strukturbedingungen dieses Systems möglich ist.“1062 „Umweltereignisse und Umweltveränderungen können nur als ‚Rauschen‘ wahrgenommen werden, und ob sie im System Resonanz finden können, hängt von den systemeigenen Strukturen ab.“1063 „Im Kontext der autopoietischen Reproduktion wirkt die Umwelt als Irritation, als Störung, als Rauschen, und sie wird für das System erst sinnvoll, wenn sie auf Entscheidungszusammenhänge des Systems bezogen werden kann. Das ist nur der Fall, wenn das System erkennen kann, welchen Unterschied es für seine Entscheidungstätigkeit ausmacht, wenn die Umwelt sich in der einen oder anderen Hinsicht ändert oder nicht ändert. Eine solche für das System in der Umwelt liegende Differenz, die für das System eine eigenen [sic!] Differenz, nämlich eine verschiedene Entscheidung bedeuten kann, […] [nennt Luhmann] im Anschluß an Gregroy Bateson Information […].“1064 „Als ‚difference that makes a difference‘ ist Information immer ein Eigenprodukt des Systems, ein Moment des Prozessierens von Entscheidungen und nicht ein Faktum der Umwelt, das unabhängig von Beobachtung und Auswertung existiert.“1065 „Andererseits steht es nicht im Belieben des Systems, dieses Eigenprodukt zu erzeugen oder es zu lassen. Das System wird durch seine Umwelt laufend irritiert, und es sucht mit seinem Entscheidungsnetz geradezu Irritationen auf, um sie in Informationen umzuwandeln und zur Führung seines Entscheidens benutzen zu können.“1066 „Das System führt eigene Unterscheidungen ein und erfaßt mit Hilfe dieser Unterscheidungen Zustände und Ereignisse, die für das System 1062 Luhmann, Niklas: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdung einstellen?, S. 49; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 40 1063 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 183 1064 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 173 1065 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 173 1065 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, 15; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 295; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 45 1066 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 173 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 237 selbst dann als Information erscheinen.“1067 Denn „[…] Informationen [können] nur mit Hilfe von Unterscheidungen gewonnen werden […]. Jede Aussage, jede Kommunikation setzt daher voraus, dass eine Unterscheidung verwendet wird, innerhalb derer die eine (und nicht: die andere) Seite bezeichnet wird. Ohne Information (oder genauer: ohne die Unterscheidung von Information und Mitteilung) kann keine Kommunikation zustande kommen.“1068 „[…] Informationsverarbeitung kann dann als Erzeugung von Differenzen durch Differenzen begriffen werden.“1069 „Alles, was als Information, als Auswahl aus anderen Möglichkeiten erscheint, ist daher in einem sinnverarbeitenden System selbst erzeugt; denn die Umwelt ist nur, was sie ist; sie enthält weder negative Tatsachen noch Informationen.“1070 „Das System profiliert […] selbst, was es aus der Umwelt aufnimmt, indem es laufend Kontraste subsituiert und damit Informationen produziert. Die Form, in der dann das Resultat erscheint, ist für rein interne Zwecke produziert.“1071 „Solche Systeme, die sich selbst Kausalität beschaffen, lassen sich dann auch nicht mehr ‚kausal‘ erklären […], und dies nicht nur aus Gründen der Undurchsichtigkeit ihrer Komplexität, sondern aus Gründen der Logik. Sie setzen sich selbst als Produktion ihrer Selbstproduktion voraus.“1072 6.4.4.2 Interpenetration Luhmann nutzt „[d]en Begriff ‚Interpenetration‘ […] um eine besondere Art von Beitrag zum Aufbau von Systemen zu bezeichnen, der von Systemen der Umwelt erbracht wird.“1073 „Zunächst: Es geht nicht 1067 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 45 1068 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 236 1069 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, 15–16 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 325 1070 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 74; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 69 1071 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 74 1072 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 69 1073 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 289 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 238 um die allgemeine Beziehung zwischen System und Umwelt, sondern um eine Intersystembeziehung zwischen Systemen, die wechselseitig füreinander zur Umwelt gehören.“1074 Interpenetration ist „[…] eine Art Dachbegriff für die Beobachtung von Beziehungen zwischen psychischen und sozialen Systemen […], und speziell ein Begriff für die Beobachtung von Kausalitäten, die unter Umständen in den beobachteten psychischen bzw. sozialen Systemen weder bewußtseinsmäßig noch kommunikativ aktualisiert werden.“1075 „Von Interpenetration soll nur die Rede sein, wenn auch die ihre Komplexität beitragenden Systeme autopoietische Systeme sind. Interpenetration ist demnach ein Verhältnis autopoietischer Systeme.“1076 An anderer Stelle beschreibt er Interpenetration „[…] als eine allgemeine Form der Koordination von System und Umwelt, die sich der Simultaneität von Ereignissen bedient und nur so zustande kommen kann.“1077 „[…] Interpenetrationsverhältnisse [sind] System/Umwelt- Verhältnisse […].“1078 Er nutzt folgende Architekturbausteine Komplexität Doppelte Kontingenz Strukturen Autopoiesis System/Umwelt-Differenz Umwelt und Merkmale, um den Begriff zu verdeutlichen Beitrag von Systemen der Umwelt zum Aufbau von Systemen Intersystembeziehung zwischen autopoietischen Systemen, die wechselseitig füreinander zur Umwelt gehören Verhältnis von System und Umwelt 1074 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 290 1075 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 50 1076 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 296 1077 Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 315 1078 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 344 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 239 klärt Bedingungen der Möglichkeit von doppelter Kontingenz Konstitutionszusammenhang Von dem Begriff Penetration ausgehend definiert Luhmann den der Interpenetration. „Von Penetration […] [wird gesprochen], wenn ein System die eigene Komplexität (und damit: Unbestimmtheit, Kontingenz und Selektionszwang) zum Aufbau eines anderen Systems zur Verfügung stellt. […] Im Falle von Penetration kann man beobachten, daß das Verhalten des penetrierenden Systems durch das aufnehmende System bestimmt wird […].“1079 „Interpenetration liegt entsprechend dann vor, wenn dieser Sachverhalt [von Penetration, Anm. d. Verf.] wechselseitig gegeben ist, wenn also beide Systeme sich wechselseitig dadurch ermöglichen, daß sie in das jeweils andere ihre vorkonstituierte Eigenkomplexität einbringen. […] Im Falle von Interpenetration wirkt das aufnehmende System auch auf die Strukturbildung des abgebenden Systems zurück […].“1080 „Die interpenetrierenden Systeme bleiben füreinander Umwelt. […] Die Eigenselektion und Autonomie der Systeme wird durch Interpenetration also nicht in Frage gestellt.“1081 „[…] [I]nterpenetrierende Systeme [stellen] wechselseitig füreinander Komplexität in Form von Kontingenz und Transparenz zur Verfügung […].“1082 „Wechselseitige Komplexität, wechselseitige Kontingenz, wechselseitige Intransparenz profitieren von der Unterschiedlichkeit der autopoietischen Operationen, von ihrer systematischen Geschlossenheit und von der zwangsläufig-laufenden Regenerierung dieser Differenz.“1083 „Sie sind deshalb mit struktureller Selbstdetermination der jeweiligen Systeme vollauf kompatibel. Jedes System kann die eigenen Strukturen spezifizieren, es benutzt dafür nur die eigenen 1079 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 290 1080 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 290; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 289, S. 292–293, S. 299, S. 344 1081 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 291; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 299, S. 344 1082 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 50 1083 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 50–51 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 240 Operationen und ist in diesem Sinne autonom. Und zugleich sorgt die Interpenetration dafür, daß dieser Prozeß mit stets neuer Kontingenz und Unsicherheit versorgt wird, so daß eine unerläßliche Betriebsbedingung von außen zugeführt wird.“1084 „Gerade autopoietische, geschlossen-selbstreferentielle Systeme sind […] auf Interpenetration angewiesen. Oder anders formuliert: Interpenetration ist die Bedingung der Möglichkeit von geschlossenselbstreferentieller Autopoiesis. Sie ermöglicht ihre Emergenz dadurch, daß sie den autopoietischen Systemen Umweltkontakte auf anderen Ebenen der Realität erschließt. Durch Interpenetration ist es möglich, Funktionsebenen des operativen Prozessierens von Informationen getrennt zu halten und trotzdem zu verbinden, also Systeme zu realisieren, die in Bezug auf ihre Umwelt zugleich geschlossen und offen sind. Und diese Kombination scheint die Möglichkeit eröffnet zu haben, ein Komplexitätsgefälle zwischen Umwelt und System bei höherer Komplexität auf beiden Seiten noch stabil zu halten.“1085 „Interpenetration stellt die beteiligten Systeme vor Aufgaben der Informationsverarbeitung, die sachgerecht nicht zu lösen sind. […] Interpenetrierende Systeme können die Variationsmöglichkeiten der Komplexität des jeweils anderen Systems nie voll ausnutzen, das heißt, nie ganz und gar ins eigene System überführen.“1086 „Der Begriff der Interpenetration antwortet auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von doppelter Kontingenz. […] Die Ausgangsfrage ist […]: welche Realitätsvorgaben vorliegen müssen, damit es hinreichend häufig und hinreichend dicht zur Erfahrung doppelter Kontingenz und damit zum Aufbau sozialer Systeme kommen kann. Die Antwort heißt Interpenetration.“1087 „Dann sind trotz (nein: wegen!) dieser Verstärkung der Abhängigkeiten größere Freiheitsgrade möglich. Das heißt auch: daß Interpenetra- 1084 Luhmann, Niklas: Selbstreferentielle Systeme, S. 51 1085 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 558 1086 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 311 1087 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 293 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 241 tion im Laufe der Evolution das Verhalten stärker als Penetration individualisiert.“1088 „[…] Evolution [ist] nur durch Interpenetration, das heißt nur durch wechselseitige Ermöglichung möglich. Evolution ist in diesem Sinne, systemtheoretisch gesehen, ein zirkulärer Prozess, der sich in die Realität hinein (nicht: ins Nichts hinein!) konstituiert.“1089 Allerdings darf „[m]an […] sich Interpenetration weder nach dem Modell der Beziehungen zweier getrennter Dinge vorstellen noch nach dem Modell zweier sich teilweise überschneidender Kreise. Alle räumlichen Metaphern sind hier besonders irreführend. Entscheidend ist, daß die Grenzen des einen Systems in den Operationsbereich des anderen übernommen werden können.“1090 „Jedes an Interpenetration beteiligte System realisiert in sich selbst das andere als dessen Differenz von System und Umwelt, ohne selbst entsprechend zu zerfallen. […] Interpenetration […] ist kein Leistungszusammenhang, sondern ein Konstitutionszusammenhang.“1091 Bereits in den 1980 Jahren verwendete Luhmann den Begriff der strukturellen Kopplung zur Erklärung von Interpenetration, ohne ihn näher zu erläutern. „[…] Interpenetration [ermöglicht] ein Verhältnis von autonomer Autopoiesis und strukturellen Kopplungen […].“1092 6.4.4.3 Funktionssystem und Funktionssystem Die Ausführungen von Luhmann, die sich auf die System-zu- Systembeziehung von Funktionssystemen beziehen, beinhalten die Architekturbausteine Systemdifferenzierung Resonanz Autopoiesis 1088 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 290; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 296 1089 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 294 1090 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 295 1091 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 295 1092 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 300 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 242 Code Kommunikation Programme und Merkmale sind wechselseitig voneinander abhängig Interdependenzen sind nicht ausgeschlossen leicht irritierbar besondere Bedeutung der Wirtschaft „Systemdifferenzierung besagt nicht, daß keine Zusammenhänge, keine Abhängigkeiten bestehen. Im Gegenteil: Gerade die funktionale Differenzierung steigert die wechselseitige Abhängigkeit der Systeme. Das politische System ist aus politischen Gründen an Wissen interessiert, und die Wissenschaft muß, um forschen zu können, politisch gesicherten Frieden und Entscheidungs- und Durchsetzungsfähigkeit der politischen Instanzen voraussetzen können.“1093 „Höhere Unabhängigkeit ist, um es paradox zu formulieren, Voraussetzung höherer Abhängigkeit; denn nur so kann eine höhere funktionale Spezifikation der Systeme erreicht werden, und nur über den Ausbau einer Ordnung selbstreferentieller Produktion und Reproduktion von Elementen läßt sich die Sensibilität eines Systems gegenüber seiner Umwelt steigern.“1094 „Die strukturell aufgezwungene Nichtsubstituierbarkeit der Funktionssysteme schließt Interdependenzen der vielfältigsten Art nicht aus.“1095 „Funktionssysteme sind für funktionsspezifische Hochleistung ausdifferenziert, codiert und programmiert, sie suchen ihre ge- 1093 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 287; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 149 1094 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 149 1095 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 208; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 224; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 645; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 221 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 243 sellschaftsinterne Umwelt laufend auf Impulse ab und greifen auf, was ihnen geboten wird. Sie sind endogen unruhig und leicht irritierbar.“1096 „[…] [D]enn jedes System, das für die eigene Funktion allein und universell zuständig ist, regelt eigenständig die Bedingungen des Sichaufschaukelns der Resonanz, kann aber zugleich die dies auslösenden Umweltanlässe nicht kontrollieren.“1097 „Kleine Veränderungen in einem […] [Funktionssystem] können per Resonanz immense Veränderungen in einem anderen auslösen.“1098 „Auch wenn die Funktionssysteme auf der Basis einer eigenen Autopoiesis, eines eigenen Codes und eigener Programme ausdifferenziert sind, sind sie durch Kommunikation in ganz anderer Weise störbar als die Gesellschaft selbst im Verhältnis zu ihrer Umwelt. Es ist daher hochwahrscheinlich, daß sich Turbulenzen eines Systems auf andere übertragen, auch wenn, und gerade weil, jedes nach dem jeweils eigenen Code verfährt.“1099 Ein Funktionssystem „[…] kann über bindendes Entscheiden andere Systeme der Gesellschaft zwar nicht regulieren, aber beeinflussen.“1100 Luhmann hat sich mit verschiedenen Funktionssystemen beschäftigt, deren Bedeutung und der nicht vorhandenen Rationalität und Selbstbeschränkung. Dem Funktionssystem Wirtschaft kommt bei ihm eine besondere Bedeutung zu. „[…] [D]ie Geldwirtschaft [ist] unerläßliche Voraussetzung für die Durchorganisierung aller gesellschaftlichen Funktionssysteme. […] Eine voll monetarisierte Wirtschaft ermöglicht nicht nur 1096 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 223 1097 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 224 1098 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 222 1099 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 221 1100 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 225 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 244 Organisation, sie setzt Organisation als Form der Geldverwendung voraus.“1101 „Die Wissenschaft produziert im Blick auf ihre eigene Funktion für andere Funktionssysteme nur Überschüsse an Selektionsmöglichkeiten, die nach deren Kriterien benutzt oder beiseite gelassen werden können. […] Damit ist, und dies Problem wird uns weiterhin beschäftigen müssen, die Folgenverantwortung aufgeteilt. Sie ist in der Gesellschaft nicht mehr zentralisierbar. […] Es scheint, daß unter solchen gesellschaftsstrukturellen Bedingungen diejenigen Funktionssysteme am besten reussieren [sic!], die sich auf ihre Funktion konzentrieren können ohne dadurch andere Funktionssysteme zu stark zu präjudizieren. Das gilt besonders für Wissenschaft, Wirtschaft und für in Rechtsform gefaßte Politik. Nicht zufällig sind es auch die Kommunikationssysteme dieser Systeme, nämlich Wahrheit, Geld und an Rechtsform gebundene Macht, die sich in hohem Maße als ‚technisierbar‘ erwiesen haben, in dem sie nämlich den operativen Vollzug vom konkreten Mitvollzug aller Sinnesimplikationen ablösen und ihn zu Selektionszusammenhängen mit noch kontrollierbaren Fernwirkungen verknüpfen können. Es gilt also, das kann hier im einzelnen nicht vorgeführt werden, Zusammenhänge zwischen forcierter Ausdifferenzierung, funktionaler Spezifikation, Technizität der kommunikativen Operationen und relativer „Offenheit“ des Beitrags für die Operationen anderer Teilsysteme der Gesellschaft. Diese Zusammenhänge zeichnen einige, aber keineswegs alle Funktionsbereiche des Gesellschaftssystems aus. Sie haben, eben wegen dieser Vorteile, nämlich wegen der Möglichkeit, auch unter der Bedingung hoher Komplexität in System und Umwelt noch operationsfähig zu bleiben, die moderne Gesellschaft geprägt. Es könnte aber sein, daß die Grenzen der Leistungsfähigkeit dieses technischen Syndroms von Kontingenzsteigerungen und Entlastungen inzwischen erreicht sind. Und jedenfalls wird man sich fragen müssen, ob die Folgeprobleme eines 1101 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 400 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 245 derart unbalancierten Wachstums mit den gleichen Mitteln gelöst werden können, die als Antriebsfaktoren gewirkt haben.“1102 „Es gibt für unsere Gesellschaft keine Rationalität, die in Selbstbeschränkung liegen könnte. Es gibt zum Beispiel keine medizinischen Gründe, eine Heilung oder eine Verlängerung des Lebens, die möglich ist, nicht zu versuchen; so wenig wie es keine politischen Gründe gibt, auf Konsens zu verzichten, und keine wirtschaftlichen Gründe, Gewinnchancen abzuweisen.“1103 „Beschränkungen […] müssen aufgezwungen werden. Sie kommen aus der innergesellschaftlichen Umwelt der Funktionssysteme und werden vor allem über das Kommunikationsmedium Geld vermittelt.“1104 6.4.4.4 Funktionssystem und Organisation Um die Beziehung von Funktionssystem und Organisation zu erklären, verwendet Luhmann die Architekturbausteine Gesellschaft Funktionale Differenzierung Entscheidung und Merkmale Gesellschaft ist in allen Funktionssystemen auf die Bildung von Organisationen angewiesen normalerweise sind Organisationen der modernen Gesellschaft auf jeweils eines der gesellschaftlichen Funktionssysteme spezialisiert alle Organisationen sind an die Wirtschaft angeschlossen Redundanz und Varietät Unsicherheitsabsorption 1102 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 52–53 1103 Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 170; vgl. Luhmann, Niklas: Anspruchsinflation im Krankheitssystem, S. 29–30 1104 Luhmann, Niklas: Medizin und Gesellschaftstheorie, S. 171 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 246 „[…] Die Gesellschaft [ist] in all ihren Funktionssystemen […] auf die Bildung von Organisationssystemen angewiesen […] Erst auf Grund einer solchen Unterscheidung von Gesellschaftssystem und Organisationssystemen kann man offen lassen und sinnvoll fragen, ob und wie weit die einzelnen Funktionssysteme des Gesellschaftssystems in Organisationsform überführt werden können.“1105 „Organisationssysteme entstehen im allgemeineren (und evolutionär früheren) Kontext von Gesellschaftssystemen, wenn und soweit es gelingt, soziale Systeme zu bilden auf der Basis von Entscheidungen.“1106 „Organisation und Gesellschaft sind zwei völlig verschiedene Ebenen der Systembildung, und das macht es geradezu unwahrscheinlich, daß Probleme, die sich aus der Evolution von Gesellschaft ergeben, auf die Ebene der Organisation heruntertransformiert und dort durch richtige Entscheidungen gelöst werden können.“1107 „Organisationen sind offensichtlich nur in Gesellschaften möglich. Die Gesellschaft selbst ist keine Organisation, wohl aber unerläßliche Bedingung der Möglichkeit von Organisation.“1108 „Die hohe Organisationsabhängigkeit der Funktionssysteme führt zu einer Abhängigkeit von der ‚bürokratischen‘ Logik der Selbstproduktion von Organisationen, die die Offenheit und Flexibilität der Funktionssysteme erheblich einschränkt und ein ständiges Nichtausnutzen von Chancen erzeugt.“1109 „Normalerweise sind Organisationen der modernen Gesellschaft auf jeweils eines der gesellschaftlichen Funktionssysteme spezialisiert: Industrieunternehmen und Banken auf Wirtschaft, Kirchen auf das Religionssystem, Schulen auf das Erziehungssystem, politische Par- 1105 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 393; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 392–392 1106 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 341 1107 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 208 1108 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 391 1109 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 36 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 247 teien und Interessenvertretungen auf das politische System.“1110 „Organisationen bringen einerseits die Besonderheiten des Systemtypus Organisation zum Tragen; […] sind zugleich aber gesellschaftlichen Funktionsbereichen zugeordnet.“1111 „Sie müssen damit den Primat einer bestimmten Funktion anerkennen und sich zugleich an einer gesellschaftlich bestimmten Umwelt ausrichten.“1112 Luhmann stellt punktuell fest, dass „[…] Organisation die eigentliche Machtquelle in der modernen Gesellschaft ist.“1113 Denn „Organisation ist ein Mechanismus der Differenzierung und Verteilung von Macht.“1114 Luhmann hebt die Besonderheit des Funktionssystems Wirtschaft hervor. „[…] [A]lle Organisationen [sind] an die Wirtschaft angeschlossen, nämlich insofern, als sie konsumieren, und insofern, als sie Arbeitsplätze bereitstellen, also Gelegenheit bieten, Geld zu verdienen. Wirtschaft ist ein funktionsspezifisches, gleichwohl aber universelles, bis in die hintersten Winkel durchorganisiertes Teilsystem der Gesellschaft. Ihre Funktion ist nicht zuletzt: Organisationsbildung zu ermöglichen. Das allein heißt jedoch nicht, daß jede Organisation auf die Funktion des Wirtschaftssystems bezogen ist, ihr den Primat gibt und von ihr her ihre Entscheidungskriterien erhält.“1115 „[…] Funktionale Differenzierung [hat] eine Balancierung von Varietät und Redundanz begünstigt […] und […] ermöglicht, Formen zu finden, die höhere Varietät mit ausreichender Redundanz zu versorgen.“1116 Im Wirtschaftssystem zum Beispiel repräsentiert „[…] das Medium Geld die Varietät, die Organisationen dagegen die Redundanz […].“1117 „Die Organisation limitiert das Mögliche stärker und 1110 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 205; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 392 1111 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 392 1112 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 392 1113 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 119 1114 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 122 1115 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 401 1116 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 43 1117 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 43 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 248 setzt sich deshalb durch. Andererseits rächt sich das Medium für seine Niederlage dadurch, daß es ständig Möglichkeiten sichtbar macht, die nicht ausgenutzt worden sind. […] Diese Überlegungen lassen vermuten, daß es eine die Organisation bestimmende Tendenz zur Verstärkung von Redundanz gibt, das heißt zur Vermeidung von (oder Vorbereitung auf) Überraschungen zur ‚Unsicherheitsabsorption‘.“1118 Dabei muss man die „[…] allzu einfache Bewertungen aufgeben – etwa die, daß Varietät gut und Redundanz schlecht, daß Flexibilität gut und Starrheit schlecht sei.“1119 6.4.4.5 Organisation und Organisation Das Verhältnis von Organisationen beschreibt Luhmann anhand des Architekturbausteins Umwelt und der Merkmale unerlässliche Voraussetzung für das Entstehen von Organisationen liefern die Voraussetzung für das Erfordernis des Wachsens und ständigen Reorganisierens verkehren am liebsten mit Organisationen „Das Bestehen von Organisationen ist unerläßliche Voraussetzung, ja Hauptmotiv für das Entstehen von Organisationen geworden.“1120 „Organisationen machen […] die Umwelt anderer Organisationen turbulent und liefern so die Voraussetzungen für das Erfordernis des Wachsens und ständigen Reorganisierens in allen Organisationen.“1121 „Organisationen verkehren am liebsten mit Organisationen. Individuen […] sind ihnen zu unhandlich und zu unberechenbar. Jede Organisation legt Wert darauf, daß es auf der anderen Seite des Telefons funktioniert und daß die andere Seite nicht die Wahl hat, sich aus dem 1118 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 44 1119 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 47 1120 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 361 1121 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 361 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 249 Kontakt zurückzuziehen, sondern ihren Entscheidungsbeitrag erbringen muß.“1122 6.5 1990er Jahre – Einführung des Beobachters Zunächst ist das grundlegende Verständnis Luhmanns von einem sozialen System nach Einführung des Beobachters von Interesse. Darauf aufbauend werden die Begriffe bzw. Theorien zu Gesellschaft, Funktionssystem und Organisation beleuchtet und die Beziehungen von System und Umwelt sowie System zu System untersucht. Luhmann beschäftigt sich ab den 1990er Jahren mit Beobachtungen und Beobachtern verschiedener Ordnungen und greift damit die Ausarbeitungen von Gregory Bateson auf. „Die Voraussetzung [für eine Metaperspektive] ist, daß alles, was beobachtet und beschrieben werden kann, durch einen Beobachter beobachtet und beschrieben wird, und zwar mit Hilfe einer Unterscheidung, die es ihm erlaubt, die eine oder auch die andere Seite der Unterscheidung zu bezeichnen, um entweder hier oder dort (oder auch: von hier nach dort) Operationen anzuschließen.“1123 Es „[…] gilt […] vorzuführen, was man zu sehen bekommt, wenn man die Welt mit Hilfe der Unterscheidung von System und Umwelt beobachtet.“1124 „[…] [D]iese Unterscheidung von System und Umwelt […] [ist] eine willkürliche oder kreative Entfaltung einer Paradoxie […]. Es gibt keine zwingende Möglichkeit, jemanden zu überzeugen, dass dies jetzt die richtige Theorie ist.“1125 „Es handelt sich […] um eine universelle Theorie oder um einen universellen Begriffsvorschlag, eine universelle Unterscheidung, die frei- 1122 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 212 1123 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 7 1124 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 7; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 51; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59, S. 64 1125 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 50 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 250 lich bestimmte Konsequenzen hat.“1126 Die Systemtheorie ist „[…] eine Welttheorie; denn alles, was es geben kann, ist von jedem System aus gesehen entweder System oder Umwelt.“1127 „Mit systemtheoretischen Ausgangspunkten gewinnt man zwar keine Distanz zur eigenen Theorie, wohl aber ein komplexeres Analyseinstrumentarium.“1128 Luhmann „[…] geht es also weniger um Prognoseansprüche als vielmehr um Beschreibungsformen komplizierter Begrifflichkeiten, um Interdependenzen […].“1129 Er glaubt nicht, „[…] dass man mit Hilfe von Systemtheorie zu Ergebnissen kommen kann, die festlegen, wie die Gesellschaft eigentlich sein müsste.“1130 Die Theorie „[…] versucht, trotzdem anzuregen, sich zu überlegen, ob das, was man beobachten und beschreiben kann, eigentlich so sein muss oder warum es so ist und wo eventuell Bewegungsspielräume sind.“1131 Luhmann verfolgt mit seiner „Soziologischen Aufklärung“ nicht das Ziel der Vernunftaufklärung1132, sondern „[e]s geht um Kritik des Wissens.“1133 Zu beachten ist: „Tatsachen sind immer nur Aussagen über die Welt, nie etwas, was unabhängig von Sprache, Kommunikation, Bewußtsein vorhanden ist. Akzeptiert man das (…), kann keine Methodologie in 1126 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 51 1127 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft., S. 331 1128 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1993, S. 287 1129 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 32; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 8, S. 333; 1130 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 16 1131 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 16 1132 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 7; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 51; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59, S. 64 1133 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 7 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 251 Anspruch nehmen, einen Zugriff auf Sachverhalte außerhalb aller Erkenntnis zu ermöglichen.“1134 6.5.1 Soziale Systeme (Theorie) „Die Theorie selbstreferenzieller, autopoietischer Systeme weiß, dass sie mit der Umbegründung von Einheit und Differenz eine Paradoxie verwendet, aber sie vermeidet es, die Paradoxie in die Theorie einzubeziehen […] Die Paradoxie, die ausgeschlossen werden muss, ist deshalb die Einheit dieser Differenz, und das ist die Welt. […] Aber das ist kein gravierender Nachteil, wenn die Theorie sich einmal darauf eingelassen hat, keine Welterkenntnisse, sondern nur polykontexturale Beschreibungen zu liefern.“1135 „‚Paradoxie‘ ist mithin eine Funktionsformel, ein pragmatischer Begriff für Anstoß und Abstoß in den Operationen theorieorientierter Forschung.“1136 Zu den sozialen Systemen zählen Interaktionen, Organisationen und Gesellschaften.1137 6.5.1.1 Soziales System Zur Erklärung des Begriffs des sozialen Systems nutzt Luhmann Begrifflichkeiten seines Theoriegebäudes, nämlich folgende Architekturbausteine Kommunikation Autopoiesis Geschlossenheit System/Umwelt-Differenz Strukturen 1134 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen. In: Derlien, Hans-Ulrich und Gerhardt, Uta und Scharpf, Fritz W. (Hrsg.): Systemrationalität und Partialinteresse. Festschrift für Renate Mayntz. Nomos Verlag, Baden-Baden, 1994, S. 189–201, S. 199 1135 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 55–56 1136 Luhmann, Niklas: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“: Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 22 (1993), H. 4, S. 245–260, S. 246 1137 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 812–813 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 252 (Selbst-)Beobachtung Selbstbeschreibung Strukturelle Kopplung Information und Merkmale Form, die zwei Seiten hat Komplexität produzieren Überschüsse an Möglichkeiten, damit im nächsten Schritt etwas Passendes ausgewählt werden kann Ereignisse Grundsätzlich gilt: „[…] [A]lle sozialen Systeme sind autopoietische, sich selbst bildende Systeme, die sich in einer vorhandenen Umwelt absondern und auf sich selber stellen.“1138 „Die Ausdifferenzierung von sozialen Systemen erfordert die Schließung eines selbstreferentiellen Verweisungszusammenhangs für alle Operationen des entsprechenden Systems.“1139 „Systeme werden durch diejenige Operationsweise definiert, mit der das System sich selbst produziert und reproduziert.“1140 „Wenn Operationen aneinander anschließen, entsteht ein System. Der Anschluß kann nur selektiv erfolgen, denn nicht alles paßt zu jedem. Und er kann nur rekursiv erfolgen, indem die folgende Operation berücksichtigt und dann voraussetzt, was gewesen ist.“1141 Die Begriffe (autopoietisches) System und Operation stehen also in einem zirkulären Verhältnis.1142 „Nur ein System kann operieren, und nur Operationen können Systeme produzieren. […] Die Operationen kondensieren […] eine Differenz von System und Umwelt. […] Mit derselben Operation 1138 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft., S. 245 1139 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft. 3. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1999, S. 15 1140 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 26 1141 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 271 1142 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 27; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 455 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 253 erzeugt das System zugleich die Strukturen, die die Bedingungen für die Anschlußfähigkeit fixieren.“1143 „Die Autopoiesis eines Systems produziert […] auch immer die Grenzen des Systems.“1144 „Der entscheidende Vorgang, der zur Systembildung führt und der eine Unterscheidung zwischen System und Umwelt ermöglicht, ist [also] die Operationsweise des Systems.“1145 Dies geschieht dadurch, „[…] daß Operationen aneinander anschließen und damit eine Kontinuität des Operierens herstellen […]. Die anschließbaren Operationen bilden das System. Das, was dadurch ausgeschlossen wird, wird zur Umwelt des Systems.“1146 „Die Operationen […] erzeugen eine Form, die zwei Seiten hat, nämlich eine Innenseite – das ist das System – und eine Außenseite, die Umwelt. Die Form System kann nicht entstehen, ohne daß es zu dieser Trennung von System und Umwelt kommt.“1147 „Soziale Systeme bestehen aus Kommunikation.“1148 „Sie reproduzieren Kommunikation durch Kommunikation jeweils auf der Basis eines durch Kommunikation erreichten historischen Zustandes.“1149 „Sie tun 1143 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 27; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 34, 67 1144 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 13 1145 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 17; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 238; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 13; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 41 1146 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 27 1147 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 27; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 241; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 247; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 13; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren. In: Haan, Gerhard de (Hrsg.): Umweltbewußtsein und Massenmedien. Perspektiven ökologischer Kommunikation. Akademie Verlag, Berlin, 1995, S. 37–45, S. 38 1148 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1138 1149 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 29–30; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 171; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 254 dies mit Hilfe von Strukturen, die selber Produkte von Kommunikation sind.“1150 „Nur so ist zu erklären, daß es trotz doppelter Schließung gegenüber der Umwelt zu internen Interferenzen kommen kann.“1151 Autopoietische Systeme, die sich aus Kommunikation bilden, produzieren „[…] Überschüsse an Möglichkeiten […], damit im nächsten Schritt etwas Passendes ausgewählt werden kann.“1152 „[…] Systeme [produzieren] ihre Letztelemente als Ereignisse […], die zeitpunktbezogen entstehen und sofort wieder zerfallen, die keine Dauer haben können und jeweils zum letzten Male vorkommen. Es handelt sich um temporalisierte Systeme, die Stabilität nur als dynamische Stabilität, nur durch laufende Ersetzung von vergehenden Elementen durch neue, andere Elemente gewinnen können.“1153 „Systeme bestehen immer nur in der Gegenwart ihres momentanen realen Operierens, also nur dann, wenn kommuniziert wird oder, im Fall von psychischen System, nur dann, wenn Aufmerksamkeit aktiviert wird.“1154 Systeme bauen eine systemeigene Komplexität auf.1155 „Komplexität […] ist ein Begriff des Beobachtens und Beschreibens.“1156 „Die Form der Komplexität ist […] die selektive Organisation der Autopoiesis vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 442; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft. 1. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2002, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 41; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 26 1150 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 29–30; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft.3, S. 67; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 478 1151 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 478 1152 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 46 1153 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 52; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie. In: Müller, Andreas; Dress, Andrea; Vögtle, Fritz (Eds.): From Simlicity to Complexity in Chemistry – and Beyond. Part I. Vieweg Verlagsgesellschaft, Braunschweig/Wiesbaden, 1996, S. 235–243, S. 239 1154 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 328 1155 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 135 1156 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 136 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 255 des Systems.“1157 Das heißt, dass „[s]oziale Systeme […] die Möglichkeit haben und davon reichlich Gebrauch machen, sich selbst zu beobachten und zu beschreiben.“1158 Zur Beeinflussung sozialer Systeme erklärt Luhmann: „Jedes System wurstelt auf Grund eigener Informationserzeugung vor sich hin, setzt seine eigene Autopoiesis auf Grund von strukturellen Kopplungen, Irritationen, darauf bezogenen Reaktionen und Umstrukturierungen fort, ohne von innen oder von außen als Einheit zugänglich zu sein – es sei denn in der spezifischen Weise der Beobachtung, die von je spezifischen Unterscheidungen abhängt, die ihrerseits Information produzieren, aber eben nur für das System, das sie operativ verwendet.“1159 6.5.1.2 Umwelt Zur Erklärung der Umwelt nutzt Luhmann die Architekturbausteine System und Information sowie folgende Merkmale enthält keine Unterscheidungen enthält keine Informationen ist, wie sie ist kann nicht kontrolliert werden ist Voraussetzung für die Existenz von Systemen wird in der Theorie eingeschlossen „Die Umwelt enthält keine Unterscheidungen. Sie enthält keinerlei Information darüber, an Hand welcher Unterscheidungen sie durch welche Systeme beobachtet wird. Sie ist, wie sie ist. Und sie existiert, ob feststehend oder beweglich, immer gleichzeitig mit dem System, also so, daß sie gar nicht kontrolliert werden kann.“1160 Denn grund- 1157 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 138 1158 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 263 1159 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1093; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 401 1160 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 306 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 256 sätzlich gilt: „[…] [K]ein System [kann] ohne Umwelt existieren […].“1161 „Die Umwelt wird nicht ausgeschlossen, sondern, in der Theorie zumindest, eingeschlossen. Wie das System diese dann berücksichtigt, wie zum Beispiel die Gesellschaft das Individuum berücksichtigt, ist eine zweite Frage.“1162 6.5.1.3 System/Umwelt-Differenz Zur Erläuterung des Begriffs System/Umwelt-Differenz verwendet Luhmann folgende Architekturbausteine Autopoiesis Beobachtung, Beschreibung und Merkmale differenztheoretischer Ansatz im System selbst produziert und reproduziert kein System kann ohne Umwelt existieren wird durch die Operationsweise des Systems ermöglicht Der Systemtheorie „[…] liegt […] prinzipiell ein differenzialistischer oder differenztheoretischer Ansatz zugrunde. Die Theorie beginnt mit einer Differenz, mit der Differenz von System und Umwelt, sofern sie Systemtheorie sein will; wenn sie etwas anderes sein will, muss sie eine andere Differenz zugrunde legen.“1163 „System und Umwelt ist eine konzeptuelle Einheit, die als Differenz beschrieben wird.“1164 1161 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 66; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 1162 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 61 1163 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 67; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59 1164 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 35 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 257 „[…] Systemtheorie [besagt], dass die Differenz von System und Umwelt im System selbst produziert und reproduziert werden muss und dass genau dies die Systeme dazu zwingt, ihre Umwelt zu beachten.“1165 „[…] [K]ein System [kann] ohne Umwelt existieren […].“1166 „Der entscheidende Vorgang, der zur Systembildung führt und der eine Unterscheidung zwischen System und Umwelt ermöglicht, ist die Operationsweise des Systems.“1167 „Die Differenz von System und Umwelt entsteht alleine aus der Tatsache, dass eine Operation eine weitere Operation gleichen Typs erzeugt. […] Es ist eine bestimmte zirkuläre Struktur oder […] eine Autopoiesis, eine zirkuläre Selbstproduktion. […] [M]it dem Begriff Autopoiesis [wird] so gut wie nichts erklärt […], außer eben dieses Starten mit Selbstreferenz: eine Operation mit Anschlussfähigkeit.“1168 „[…] [D]ie Systemtheorie [ist] Grundlage für eine bestimmte Praxis des Unterscheidens und Bezeichnens. Sie benutzt die Unterscheidung System und Umwelt als Form ihrer Beobachtungen und Beschreibungen […].“1169 „Formen sind […] [im Sinne von George Spencer Brown] als Grenzlinien [zu sehen], als Markierungen einer Differenz, die dazu zwingt, klarzustellen, welche Seite man bezeichnet […] Die andere Seite der Grenzlinie (der ‚Form‘) ist gleichzeitig mitgegeben. Jede Seite der Form ist die andere Seite der anderen Seite.“1170 „In Anwendung auf die Systemtheorie müßte man entsprechend sagen: 1165 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 36; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 10 1166 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 66; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 1167 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 17 1168 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 77–78; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens. In: Verwaltungsarchiv. Zeitschrift für Verwaltungslehre, Verwaltungsrecht und Verwaltungspolitik. 84. Band, Heft 3, 1993, S. 287–310, S. 290 1169 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 64 1170 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 60; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 236; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 143; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 64 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 258 das System und seine Umwelt. Die Form ist demnach […] die Differenz, sie ist eine Zwei-Seiten-Form, sie ist eine Grenze, deren Überschreiten Zeit kostet.“1171 „Ein System ‚ist‘ die Differenz, die Differenz zwischen System und Umwelt.“1172 „Systeme […] können, wenn sie über entsprechende Reflexionskapazitäten verfügen, diese Form, die sie selbst sind, benutzen, um sich selbst im Unterschied zur Umwelt zu bezeichnen, zu beobachten, zu beschreiben.“1173 Sie operieren „[…] immer mit der Kontextur Selbstreferenz/Fremdreferenz. Sie können ihre Umwelt nicht vergessen. Sie bleibt durch Einschluß des Ausgeschlossenen immer präsent. […] Daraus folgt aber nicht, daß systemintern eine Kompetenz für die Behandlung für Umweltfragen ausdifferenziert wird.“1174 „Die Form Selbstreferenz/Fremdreferenz individualisiert das System.“1175 6.5.1.4 Welt Welt wird erklärt anhand der Architekturbausteine Paradox und Merkmale unfassbare Einheit Einheit der Differenz von System und Umwelt nicht bezeichenbar unbeobachtbar ist ein Paradox Gesamthorizont alles sinnhaften Erlebens 1171 Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 236; vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form. In: Baecker, Dirk (Hrsg.): Probleme der Form. 1. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1993, S. 45–69, S. 61–62 1172 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 66; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 1173 Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 61–62 1174 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 803; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 82–83; 1175 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 145 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 259 Differenz zwischen Vergangenheit und Zukunft bzw. die Einheit dieser Differenz „[…] [D]ie Welt [ist] nicht ein ‚Ganzes‘ […], das in ‚Teile‘ gegliedert [ist] […]. Sie ist vielmehr eine unfaßbare Einheit, die auf verschiedene, und nur auf verschiedene, Weisen beobachtet werden kann.“1176 „In der Systemtheorie erscheint die Welt als die Einheit der Differenz von System und Umwelt.“1177 Mit Welt ist also „[…] jeweils diejenige Einheit […] [gemeint], die noch hinzugedacht werden muß, wenn man Differenz denkt; also einen Begriff von Welt, der je nach Differenzschema verschieden ausfällt und doch immer dieselbe Funktion hat, nämlich die Funktion eines letzten, differenzlosen Begriffs.“1178 „Die Welt selbst ist nicht bezeichenbar.“1179 Es gilt die Annahme, dass die Welt unbeobachtbar ist.1180 „Alles kommt darauf an, welche Beobachter man beobachtet, und in der rekursiven Wiederverwendung von Beobachtungen im Beobachten ergibt sich nur noch eine unbeobachtbare Einheit – die Gesamtwelt als Einheitsformel aller Unterscheidungen.“1181 „Die Einheit der Welt ist […] kein Geheimnis, sie ist ein Paradox. Sie ist das Paradox des Weltbeobachters, der sich in der Welt aufhält, aber sich selbst im Beobachten nicht beobachten kann.“1182 1176 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 155–156 1177 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 316; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 154; Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 51; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 315 1178 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 310; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 48; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 93 1179 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 48 1180 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 151–152 1181 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 151–152 1182 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 154 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 260 „Die Welt selbst ist nur der Gesamthorizont alles sinnhaften Erlebens, mag es sich nach innen oder außen richten und in der Zeit vor oder zurück. Sie ist nicht durch Grenzen geschlossen, sondern durch den in ihr aktivierbaren Sinn. Die Welt will nicht als Aggregat, sondern als Korrelat der in ihr stattfindenden Operationen verstanden sein.“1183 „Die Welt […] ist nichts anderes als die Differenz zwischen Vergangenheit und Zukunft bzw. die Einheit dieser Differenz - also ein Paradox.“1184 Denn „[f]ür alle Systeme, die sich durch ihre eigenen Operationen produzieren, gilt, daß sie nur in der Form des rekursiven Operierens existieren und also nur in dem Moment, in dem eine Operation stattfindet. Daher besteht auch die Welt immer gleichzeitig mit den aktuellen Operationen und weder vorher noch nachher. Sofern solche Systeme ihre Operationen für Beobachtungen benutzen, also unterscheiden und bezeichnen können, können sie Gegenwart als Grenze zwischen jeweiliger Vergangenheit und jeweiliger Zukunft einsetzen.“1185 6.5.1.5 Kommunikation Luhmann definiert den Begriff Kommunikation mithilfe der Architekturbausteine Autopoiesis Soziales System System/Umwelt-Differenz und Merkmale Synthese von drei Selektionen, nämlich von Information, Mitteilung und Verstehen ist ein von Handlung abgehobener Prozess, der Handlungen attribuiert, zurechnet, konstruiert, aber nicht selbst Handlung setzt psychische Systeme voraus 1183 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 153 1184 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 290 1185 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 290 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 261 Bei Kommunikation handelt es sich um diejenige Operation, „[…] die ein soziales System und insbesondere das umfassende System ‚Gesellschaft‘ produziert, reproduziert und damit ausdifferenziert.“1186 Dies wird im entsprechenden Kapitel über die Gesellschaft (s. Kapitel 6.5.2.1) weiter vertieft. „Kommunikation ist diejenige autopoietische Operation, die rekursiv auf sich selbst zurückgreift und vorgreift und dadurch soziale Systeme erzeugt. Kommunikation gibt es somit nur als soziale Systeme und nur in sozialen Systemen.“1187 „Ein Sozialsystem entsteht, wenn sich Kommunikation aus Kommunikation entwickelt.“1188 „Das System braucht nur eine einzige Operation, einen einzigen Operationstypus, um […] die Differenz zwischen System und Umwelt zu reproduzieren, Kommunikation durch Kommunikation.“1189 „Kommunikationssysteme […] reproduzieren Kommunikation durch Kommunikation jeweils auf der Basis eines durch Kommunikation erreichten Zustands.“1190 Konkret bedeutet dies: „Der Mensch kann nicht kommunizieren; nur die Kommunikation kann kommunizieren.“1191 Der Kommunikationsbegriff beinhaltet die Unterscheidung der drei Komponenten Information, Mitteilung und Verstehen. Bei diesen drei 1186 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 61; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 54–55; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 16 1187 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 59; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 87 1188 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 78; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 78–80; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 16 1189 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 79–80; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 29–30 1190 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 29–30; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 63 1191 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 31 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 262 Unterscheidungen handelt es sich um unterschiedliche Selektionen.1192 Kommunikation ist eine Synthese dieser drei Selektionen.1193 „[…] [D]er Kommunikationsprozeß […] entscheidet [selbst], an welche dieser drei Komponenten er im weiteren Verlauf anknüpft.“1194 „Kommunikation […] orientiert sich an der Unterscheidung von Medium und Form.“1195 „Kommunikationssysteme konstituieren sich selbst mit Hilfe einer Unterscheidung von Medium und Form. […] Kommunikation ist nur […] als Prozessieren dieser Differenz möglich.“1196 „Kommunikation ist ein von Handlung abgehobener Prozess, der Handlungen attribuiert, zurechnet, konstruiert, aber nicht selbst Handlung ist.“1197 „[…] [Der] Begriff der Handlung als Letztbegriff [wird] durch den Begriff der Beobachtung [ersetzt]. Danach ist jedes psychische Erleben, das sein Wahrnehmen und sein Denken fokussieren muss, Beobachten. Aber auch jedes Handeln, dass etwas Bestimmtes erreichen (und nichts anderes) erreichen will, und schließlich jede Kommunikation, die eine Information herausgreift, um sie mitzuteilen.“1198 1192 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 62–63; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 293; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 115; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 51 1193 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 63, S. 146; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 43; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 24 1194 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 51 1195 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59 1196 Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 195 1197 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 302 1198 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 126 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 263 Luhmann versteht „[…] unter Kommunikation eine stets faktisch stattfindende, empirisch beobachtbare Operation […].“1199 „[…] Kommunikation [ist] nur als beobachtende Operation möglich. Sie ist darauf angewiesen, dass der Sinn der Differenz von Mitteilung und Information verstanden und damit für weitere Kommunikation aufbereitet wird.“1200 „Kommunikation setzt immer eine Mehrheit psychischer Systeme voraus. Das ist zunächst trivial, wird aber zu einer folgenreichen Feststellung, wenn man hinzufügt, daß die psychischen Systeme selbstreferenziell-geschlossen operieren und füreinander unzugänglich sind.“1201 „[…] [D]ie eigenen Operationen [können] nur durch die eigenen Strukturen und die eigenen Strukturen nur durch die eigenen Operationen […] [determiniert werden]. Nur so kann das System stabiler sein als seine Umwelt.“1202 6.5.1.6 Autopoiesis Wie auch bei den anderen Bergriffen nutzt Luhmann zur Erklärung der Autopoiesis Begrifflichkeiten seiner Theorie, nämlich die Architekturbausteine System Operative Schließung Irritation/Information Strukturen und Merkmale Selbstreproduktion des Systems auf der Basis seiner eigenen Elemente 1199 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 14; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 669 1200 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 538; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 86–87 1201 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 23; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 26 1202 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 46; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 45 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 264 ist Entweder/Oder-Prinzip der Systembildung Operationen und Strukturen eines Systems dienen der Fortsetzung der Autopoiesis, nicht der besseren Anpassung an die Umwelt Luhmann definiert „[…] Autonomie [eines Systems] als operative Schließung des Systems und operative Schließung als autopoietische Reproduktion der Elemente des Systems durch das Netzwerk eben dieser Elemente.“1203 Autopoiesis heißt, „[…] daß die Einheit des Systems und mit ihr alle Elemente, aus denen das System besteht, durch das System selbst produziert werden.“1204 „Die Elemente […] werden […] im System erst erzeugt, und zwar dadurch, daß sie (auf welcher Energie- und Materialbasis immer) als Unterschiede in Anspruch genommen werden. Elemente sind Informationen, sind Unterschiede, die im System einen Unterschied machen.“1205 „Autopoietische Systeme sind somit an ihren Operationstypus gebunden, und zwar sowohl für die Erzeugung nächster Operationen als auch für die Bildung von Strukturen.“1206 „Es gibt keinen Import von Einheit (also auch keinen Import von Information) in ein System und ebensowenig einen Export. Natürlich kann das System selbst die Welt unter solchen Voraussetzung beobachten und beschreiben; aber das ist und bleibt dann seine Eigenleistung.“1207 1203 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 114; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 22 1204 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 49, S. 71; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 12; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 65–66 1205 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 65–66; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239 1206 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 49 1207 Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 265 „[…] Autopoiesis [ist] ein Entweder/Oder-Prinzip der Systembildung. Es gibt entsprechende Systeme, oder es gibt sie nicht […].“1208 „Im autopoietischen System gibt es keinen Abschluß, weder Anfang noch Ende. Jedes Ende ist Anfang.“1209 „Der bloße Begriff der Autopoiesis dient dem Unterscheiden und Bezeichnen eines entsprechenden Sachverhalts.“1210 „Er hat, als Begriff, keinen empirischen Erklärungswert.“1211 „Die Leistung des Begriffs liegt vor allem darin, andere Begriffe zur Anpassung zu zwingen – zum Beispiel den Begriff der Evolution oder das Verständnis des Verhältnisses von System und Umwelt.“1212 „Er sagt aber nichts darüber, welche spezifischen Strukturen sich in solchen Systemen auf Grund von strukturellen Kopplungen zwischen System und Umwelt entwickelt haben. Er erklärt also nicht die historischen Systemzustände, von denen die weitere Autopoiesis ausgeht.“1213 „Autopoiesis ist […] nur möglich, wenn das System sich im Dauerzustand der Unsicherheit über sich selbst im Verhältnis zur Umwelt befindet und diese Unsicherheit durch Selbstorganisation produzieren und kontrollieren kann. Das System kann die eingebaute (wir werden auch sagen: selbsterzeugte) Unsicherheit nicht in Sicherheit umwandeln. Unsicherheitsabsorption […] kann nur eine Transformation der jeweils aktuellen Form von Unsicherheit sein in Anpassung an wechselnde Zustände der Irritation.“1214 1208 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 757; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 45, S. 50; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 67 1209 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1081 1210 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 49; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 132 1211 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 49; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 132; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 66 1212 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 49; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 132 1213 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 66 1214 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 47 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 266 „[…] [D]ie Operationen und die durch sie aufgebauten Strukturen [eines Systems dienen] nicht der besseren Anpassung des Systems an seine Umwelt, sondern der Fortsetzung der Autopoiesis des Systems. […] Irritation [dient] nicht der besseren Anpassung an die Umwelt, sondern der Erzeugung von systeminternen Problemen […] und damit der Suche nach Problemlösungen – also der Anpassung des Systems an sich selbst.“1215 Schließlich merkt Luhmann an: „Für die Fortsetzung der Autopoiesis genügt die einfache Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz.“1216 6.5.1.7 Operative Geschlossenheit Operative Schließung wird erklärt anhand der Architekturbausteine System Umwelt Autopoiesis Strukturen System/Umwelt-Differenz Strukturelle Kopplung Information Umwelt Beobachtung und Merkmale Grenze Basis für Offenheit kein Transport von Informationen in das System re-entry Die Konzepte der „[…] Selbstorganisation, Autonomie, Autopoiesis, operative Schließung, Strukturdetermination, Beobachtung zweiter 1215 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 74–75 1216 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 757 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 267 Ordnung (Beobachtung von Beobachtern) und […] [konstruktivistische] Tendenzen der Epistemologie [setzen] eine Geschlossenheit des Netzwerks der Systemoperationen […] [voraus].“1217 Operative Geschlossenheit heißt nur, daß die Autopoiesis des Systems nur mit eigenen Operationen durchgeführt, daß die Einheit des Systems nur mit eigenen Operationen reproduziert werden kann,1218 sowie umgekehrt: „[…] dass ein System nicht in seiner Umwelt operieren […] [oder] seine eigenen Operationen nicht benutzen kann, um, sich mit der Umwelt in Verbindung zu setzen.“1219 Das System kann nicht mit seinen Operationen seine Grenze überschreiten.1220 Und „[e]s gibt keinen Transport von Informationen aus der Umwelt in das System.“1221 „Beziehungen zu dieser Umwelt kann das System nur auf Grund von Eigenleistungen herstellen, nur im Vollzug eigener Operationen, die nur dank jener rekursiven Vernetzung möglich sind, die wir als Geschlossenheit bezeichnen.“1222 „Schließung heißt: daß das System nur eigene Operationen als Anlässe für die Änderung eigener Zustände anerkennen kann; und das heißt 1217 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 26 1218 vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 44; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 305; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 13, S. 22; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 49; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 39 1219 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 93; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 51, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16–17; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 36–37; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 39 1220 vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 39 1221 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 555 1222 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 76; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 307; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 555; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 268 auch, daß es Annahmen über die Umwelt nur an eigenen Operationen ablesen, nur mit eigenen Operationen ändern kann.“1223 „Operative Schließung heißt nicht, daß es zu kausalen Unabhängigkeiten, zur wechselseitigen Isolierung kommt. Erreichbar ist nur, aber das genügt, daß diese […] Systeme durch strukturelle Kopplungen verknüpft werden und sich in einer Form beeinflußen, die mit voller Autonomie im Bereich der jeweils eigenen Operationen kompatibel ist. Die wechselseitige Abhängigkeit wird herabgesetzt auf die Form der wechselseitiger Irritation, die nur im jeweils irritierten System bemerkt und bearbeitet wird.“1224 „Autopoietische Systeme […] sind gleichwohl offene Systeme insofern, als sie diese Selbstproduktion nur in einer Umwelt, nur in Differenz zu einer Umwelt vollziehen können.“1225 „Selbstverständlich gibt es Kausalbeziehungen zwischen System und Umwelt. […] Ohne operative Geschlossenheit gäbe es kein System, also auch keine Kausalbeziehungen zwischen System und Umwelt. Ohne operative Geschlossenheit gäbe es kein umweltoffenes, in spezifischen Hinsichten von Umweltbedingungen abhängiges System.“1226 „[…] Offenheit [ist] nur auf Basis von Geschlossenheit möglich […].“1227 1223 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 277; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106 1224 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 36; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 32 1225 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 49; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 105–106; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 43–44, S. 555 1226 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 28 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 277, S. 303; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 43–44; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 11, S. 105–106, S. 372–373 1227 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 71; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 54; vgl. Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“ aus Anlaß von Beiträgen im Heft 6, 1992, der Zeitschrift für Soziologie. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 22, Heft 2, April 1993, S. 141–146, S. 141; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 76; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 105–106 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 269 „Erst operative Geschlossenheit ermöglicht die Reproduktion einer Differenz von System und Umwelt, in die dann auf Seiten des Systems diese hineincopiert werden kann, wenn das System über die Fähigkeit verfügt, sich selbst im Unterschied zu anderen zu beobachten.“1228 „[…] [E]in geschlossenes System [kann] sich zu seiner Umwelt hin öffnen […], obwohl es mit seinen eigenen Operationen die Umwelt nicht erreichen kann […].“1229 Dies wird durch die Selbstbeobachtung ermöglicht.1230 „[…] [E]in psychisches oder ein soziales System [kann] zugleich operativ geschlossen und kognitiv offen operieren, wenn es ein ‚re-entry‘ der Form in die Form [Bezeichnung vor etwas im Unterschied zu anderem] vollziehen [sic!], nämlich die eigenen Operationen (die der Umwelt bleiben unzugänglich) an der Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz orientieren kann.“1231 Das hast zur Konsequenz: „Rekursive Systeme sind […] unprognostizierbar bzw. nur prognostizierbar, wenn man sie konkret und im Detail kennen würde.“1232 6.5.1.8 Strukturen Folgende Architekturbausteine Soziales System Autopoiesis und Merkmale Übergang von einem zum nächsten Ereignis hochselektiven Verknüpfung von Operationen Komplexitätsreduktion 1228 Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 141 1229 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72 1230 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72 1231 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 372–373; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 15 1232 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 277 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 270 werden durch Operationen des Systems erzeugt Änderung eines Systems nur auf Ebene der Strukturen möglich dienen Luhmann zur Erläuterung des Begriffs der Strukturen. „[…] [S]oziale Systeme [bestehen] aus Ereignissen, die mit ihrem Entstehen gleich wieder vergehen und nicht durch dieselben, sondern durch andere Ereignisse abgelöst werden müssen.“1233 „[…] [Dies] setzt eine im System selbst erzeugte Anschlussfähigkeit voraus. […] Nur das System selbst kann den von Moment zu Moment sich ereignenden eigenen Zerfall aufhalten.“1234 „Und damit sind zugleich sehr spezifische Ansprüche an Strukturen gestellt; sie dürfen gerade nicht auf Wiederholung hinwirken, sondern zunächst einmal den Übergang vom einen zum anderen regulieren.“1235 „Strukturen sind zur jeweils hochselektiven Verknüpfung von Operationen erforderlich […].“1236 „[…] Strukturen […] reduzieren die Beliebigkeit dessen, was als nächstes drankommt, sie ermöglichen […] Redundanz, und damit auch ein hohes Tempo im Aktualisieren nächster Ereignisse, die sich eignen, die Autopoiesis des Systems fortzusetzen.“1237 „Strukturen sind […] notwendige Komplexitätsreduktionen.“1238 1233 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 283; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 204 1234 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 164 1235 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 329; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 1236 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 35; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 304 1237 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 1238 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 437 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 271 „[…] Strukturen eines Systems [können] nur durch die Operationen des Systems erzeugt oder jedenfalls fallweise benutzt oder nichtbenutzt, erinnert oder vergessen werden […] Autonomie heißt denn auch wörtlich: Selbstlimitierung.“1239 Dem Vergessen kommt eine besondere Bedeutung zu,1240 den „[e]s liegt […] eine enorme und primäre Anpassungsfähigkeit des Systems im schlichten Vergessen, in der Nichtwiederverwendung von strukturgebenden Erwartungen […].“1241 „[Strukturen] […] existieren nur im Moment ihres Gebrauchs, in dem sie den Übergang von einer Operation zu einer anderen dirigieren.“1242 „[…] [S]ie dienen der Autopoiesis dazu, sich von Ereignis zu Ereignis zu schwingen.“1243 „[…] Strukturen [sind] ein im System benutztes Abbild der rekursiven Vernetzungen der Operationen […]. Eine Operation greift auf Vergangenes zurück und auf Zukünftiges vor.“1244 „Strukturen sind Erwartungen in Bezug auf die Anschlussfähigkeit von Operationen […].“1245 „Strukturen […] müssen aus Erwartungen bestehen, die die Variationsmöglichkeiten weiterer Kommunikationen einschränken.“1246 „Erwartungen erzeugen, gerade weil sie auf Enttäu- 1239 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 63; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 281; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 27; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 50; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 101 1240 vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 46 1241 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 46; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 1242 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, 2002, S. 23; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 328; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 1243 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 1244 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 329; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 329–330; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 384 1245 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 103 1246 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 136; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 283; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 304 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 272 schungen gefaßt sein müssen, eine ausreichende Kontinuität der Welt.“1247 „Nur auf der Ebene der Strukturen ist ein Änderungsdruck überhaupt möglich […].“1248 Denn „[…] Strukturen sind überhaupt das Einzige, von dem man sagen könnte, dass es sich ändern kann.“1249 „[…] Ereignisse [können] sich nicht ändern […].“1250 Dabei ist „[…] jede Transformation von Strukturen immer der Umwelt angepasst ist, in der sie vollzogen wird, weil sie andernfalls nicht vollzogen werden könnte.“1251 6.5.1.9 Medium und Form Medien und auch symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien bestehen aus voneinander nicht abhängigen und nicht gekoppelten Ereignissen und bzw. Kommunikationen1252, „[…] die von Fall zu Fall, aber immer nur temporär, zu festen Formen, zu bestimmten Aussagen gebunden [werden] […], die sich alsbald wiederauflösen und dadurch das Medium reproduzieren.“1253 „[…] [D]as Medium [wird] von den Systemen, die es benutzen, erst erzeugt.“1254 „[…] Medien [sind] als solche immer unsichtbar […].“1255 Dies gilt auch für symbolisch generalisierte Kommunikati- 1247 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 136 1248 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 204 1249 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 204 1250 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 204 1251 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 281 1252 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 305; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 287; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 482 1253 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 287; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 482 1254 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 54 1255 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 96 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 273 onsmedien, wie z. B. Macht oder Geld.1256 „Geld zum Beispiel besteht aus Zahlungen; […] die Macht zum Beispiel aus durch Zwang gedeckten Anforderungen, die von Fall zu Fall voneinander unabhängig sind und so weit reichen, wie Erzwingungsmöglichkeiten reichen.“1257 „Ereignisse, die ein Medium bilden, müssen massenhaft zur Verfügung stehen. Sonst lohnt es sich nicht, ein Medium zu unterhalten. Das Medium bietet also zunächst einmal Selektionspotential, das nur bei einem riesigen Überschuß an kombinatorischen Möglichkeiten und bei hinreichend häufigem Anfall von Gelegenheiten genutzt werden kann. Die Nutzung des Mediums erfolgt über rigidere Strukturen, die die entkoppelten Ereignisse verknüpfen und sich dadurch dem Medium einprägen können.“1258 „[…] Form ist die rigide Kopplung eben dieser Elemente, die sich durchsetzt, weil das Medium keinen Widerstand leistet.“1259 „Jede Form dient der Bezeichnung von etwas durch sie Bestimmtem und damit der Unterscheidung von allem, was im Moment unbeachtet bleibt.“1260 „Jedes System ist eine Form, die sich von der Umwelt unterscheidet.“1261 „[…] [D]ie Differenz von Medium und Form [muss] durch Systemgrenzen gesichert, also als System/Umwelt-Differenz institutionalisiert sein […].“1262 „Entscheidend für die Begriffsbildung ist […] die Unterscheidung Medium und Form im Sinne von Schwäche und Stärke, von loser und strikter Kopplung und die daraus folgende Annahme einer Asymmetrie: Die rigidere Form setzt sich gegenüber dem weicheren Medium 1256 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 96 1257 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 305 1258 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 305–306; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 94 1259 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 53 1260 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 99; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 247 1261 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 247 1262 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 314 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 274 durch und prägt sich ein.“1263 „[…] [L]ose Kopplung [heißt] nur, dass es um eine Einschränkung und Freigabe von Kombinationsmöglichkeiten und Kommunikationsmöglichkeiten geht.“1264 „Die Unterscheidung [von Medium und Form] betrifft die Art, wie Elemente kombiniert werden (also auch die Art, wie Komplexität entfaltet und organisiert wird).“1265 „[…] [E]in Medium ist nur Medium in Hinblick auf Form (also nicht als die pure Zerstreutheit der Elemente). Es hält Formbarkeit bereit. Und ebenso ist eine Form immer Form in einem Medium, also an ihr selbst sichtbare Selektion.“1266 „Ein Medium reproduziert sich […] durch die Bildung von Formen. Und eine der Funktionen von Formen ist es, im ständigen Gebrauch auch das Medium, das ihrer Bildung zugrunde liegt, zu reproduzieren.“1267 „Medien und Formen werden immer miteinander, also gleichzeitig reproduziert. Das Medium ist nicht die noch unbestimmte Zukunft möglicher Formen. Es wird vielmehr mit jeder Form appräsentiert.“1268 „Die Unterscheidung von Medium und Form ist […] immer eine historisch bewährte Unterscheidung. Sie legt aber damit noch nicht fest, welche Formen künftig gebildet werden […]. Sie ist, anders gesagt, selber eine Form im allgemeinen Medium von Sinn, mit der die Gesellschaft es möglich macht, Bestimmtheit (Form) und Unbestimmtheit (Medium) zu reproduzieren und dabei selbstge- 1263 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 183; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 94; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 303; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 198 1264 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 95; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 96 1265 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 303; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 196 1266 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 303 1267 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 97 1268 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 83 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 275 schaffene Ungewißheit auszuhalten.“1269 „Im gesamten Bereich von Sinn kann man nach Medium und Form unterscheiden, denn Sinn ist das Medium schlechthin, das jede Formbildung als Selektion erscheinen lässt.“1270 „Das vielleicht griffigste Beispiel für den gesellschaftlichen Gebrauch der Unterscheidung von Medium und Form ist die Sprache. Sie besteht aus einer ziemlich großen Menge von Worten und einigen Kombinationsregeln, also einer Grammatik. Die Worte sind aber nicht die Formen des Mediums, sondern sind seine Elemente, die im Gebrauch des Mediums als nicht weiter auflösbare Komponenten vorausgesetzt werden. Zur Formbildung kommt es erst, wenn Sätze gebildet werden, denn nur Sätze artikulieren Kommunikation.“1271 „Das Beispiel Sprache zeigt auch, daß das Medium bei allem Sprechen vorausgesetzt und zugleich reproduziert wird. Das Medium wird also nicht ‚konsumiert‘. Es wird durch Gebrauch nicht verbraucht, sondern im Gegenteil erneuert und wieder verfügbar gemacht.“1272 „Schließlich ist zu beachten, daß nicht das mediale Substrat, sondern nur die Formen im System operativ anschlußfähig sind. Mit den formlosen, lose gekoppelten Elementen kann das System nichts anfangen.“1273 6.5.1.10 Sinn Um den Begriff Sinn im Luhmannschen Theoriegebäude zu definieren, nutzt Luhmann folgende Architekturbausteine Welt Medium und Form Beobachtung 1269 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 83 1270 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 36 1271 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 83; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 95 1272 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 84 1273 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 201 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 276 und Merkmale ist die Einheit der Differenzen von Aktualität und Potenzialität im Erleben oder Kommunizieren, also die Form dieser Unterscheidung ist ein endloser, unbestimmbarer Verweisungszusammenhang auf Möglichkeiten im Medium der Kommunikation generelles Medium ist als Einheit dieser Unterscheidung unbeobachtbar letztes, für Sinnsysteme nicht transzendierbares Medium wird in sachliche, zeitliche, soziale Sinndimensionen unterschieden „Welt ist […] als Sinnkorrelat zu begreifen, als Weltillusion […].“1274 „Sinn ist […] ein endloser, also unbestimmbarer Verweisungszusammenhang, der aber in bestimmter Weise zugänglich gemacht und reproduziert werden kann.“1275 „Sinn ist als Gesamt der Verweisung auf Möglichkeiten in einer Weise Medium der Kommunikation, daß jeder Versuch, sinnfrei zu kommunizieren, als sinnlos erscheinen muss.“1276 „[…] Sinn [ist] ein generelles Medium […], das nur durch interne Unterscheidungen benutzbar gemacht werden kann.“1277 „[…] Sinn [ist] nur operationsfähig zu machen, wenn man den Begriff der Unterscheidung als Voraussetzung jeder sinnhaften Operation einführt. Das heißt immer auch, dass jede Operation etwas Unbeobachtbares produziert.“1278 „Im gesamten Bereich von Sinn kann man nach Medium und Form unterscheiden, denn Sinn ist das Medium schlechthin, das jede Formbildung als Selektion erscheinen lässt.“1279 1274 vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 62–63 1275 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 49–50 1276 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 687 1277 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 43 1278 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 49 1279 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 36 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 277 „[…] [D]ie Repräsentation von Komplexität in Form von Sinn“1280 ist „[…] die wichtigste evolutionäre Errungenschaft, die gesellschaftliche Kommunikation erst möglich macht […]. Form heißt auch hier: Unterscheidung von zwei Seiten. […] Es sind: Wirklichkeit und Möglichkeit […].“1281 „Das letzte, für Sinnsysteme nicht transzendierbare Medium ist […] der Sinn.“1282 „[D]ie Form von Sinn […] [kann auch] als Differenz von Aktualität und Möglichkeit […] [bezeichnet werden].“1283 „Damit gelangt man vor die Frage der Einheit dieser Unterscheidung, und diese Einheit erweist sich als unbeobachtbar, da jede Beobachtung eine aktuelle Bezeichnung im Unterschied zu anderem erfordert. Also ist Sinn und also die Welt selbst etwas Unbeobachtbares.“1284 „Sinn ist eine potente Form der Reduktion von Komplexität, der Auflösung eines erzwungen Selektionsproblems […].“1285 „[...] Sinn [ist] eine unnegierbare Kategorie […], also etwas, das nichts ausschließt.“1286 „Das bedeutet, dass wir, wenn wir etwas negieren, ihm eben damit Sinn zuweisen. Anders gesagt, ist die Negation selbst eine sinnvolle oder eine sinnhaltige Operation. Sie nimmt Sinn in Anspruch.“1287 Es wird zwischen sachlichen, zeitlichen und sozialen Sinndimensionen unterschieden. Die Zeitdimension wird durch den Unterschied 1280 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 142 1281 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 142 1282 Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59 1283 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 50; vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 62–63; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 102; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 44, S. 46, S. 49; vgl. Luhmann, Niklas: Stellungnahme. In: Krawietz, Werner; Welker, Michael (Hrsg.): Kritik der Theorie sozialer Systeme. Auseinandersetzungen mit Luhmanns Hauptwerk. 2. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992, S. 371–386, S. 383–384 1284 Luhmann, Niklas: Stellungnahme, S. 383–384 1285 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 237 1286 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 42 1287 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 42 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 278 von Vergangenheit und Zukunft bezeichnet und gibt Auskunft darüber, wann etwas geschieht. Die Sachdimension beschreibt die Innen/Außen-Differenz und qualifiziert das, was in der Welt ist, nämlich Dinge, Theorien, Meinungen usw. Die Sozialdimension gibt vor, wer Dinge, Theorien, Meinungen etc. thematisiert.1288 6.5.1.11 Systemdifferenzierung Luhmann erläutert den Begriff der Systemdifferenzierung mithilfe der Architekturbausteine Soziales System System/Umwelt-Differenz Umwelt Operative Geschlossenheit Autopoiesis Beobachtung und Merkmale Systembildung innerhalb von bereits gebildeten Systemen re-entry der Unterscheidungen in das Unterschiedene vom System aus gesehen ist der Rest systeminterne Umwelt bewirkt Zunahme von Abhängig- und Unabhängigkeiten Systemdifferenzierung beschreibt eine Systembildung innerhalb von bereits gebildeten Systemen1289 und „[…] [beruht] auf der Möglichkeit […], die Differenzierung von System und Umwelt innerhalb des Gesamtsystems zu wiederholen.“1290 „Vom Teilsystem aus gesehen, ist der Rest des umfassenden Systems jetzt Umwelt. Das Gesamtsystem 1288 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 239–241 1289 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 597, S. 760; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 241; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 8 1290 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 446; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 597 –598, S. 760; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 238 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 279 erscheint für das Teilsystem dann als Einheit der Differenz von Teilsystem und Teilsystemumwelt. Die Systemdifferenzierung generiert, mit anderen Worten, systeminterne Umwelten.“1291 „In der Sprache von George Spencer-Brown geht es um ein re-entry der Unterscheidungen in das Unterschiedene. Das Unterschiedene ist in diesem Fall das System, und innerhalb des Systems gibt es wieder eine neue System-Umwelt-Differenz. Deswegen spricht man von ‚internen Umwelten‘.“1292 „Im Kontext von Systemdifferenzierung ist mithin jede Ver- änderung eine doppelte, ja eine vielfache Veränderung. Jede Änderung eines Teilsystems ist zugleich eine Änderung der Umwelt anderer Teilsysteme. Was immer passiert, passiert mehrfach – je nach Systemreferenz.“1293 „Es geht nicht um eine Dekompensation eines ‚Ganzen‘ in ‚Teile‘, und zwar weder im begrifflichen (divisio) noch im Sinne einer Realteilung (partitio). Vielmehr rekonstruiert jedes Teilsystem das umfassende System, dem es angehört und das es mitvollzieht, durch eine eigene (teilsystemspezifische) Differenz von System und Umwelt.“1294 „Der Differenzierungsvorgang […] setzt keine Koordination durch das Gesamtsystem voraus, wie das Schema des Ganzen und seiner Teile suggeriert hatte. Und er setzt auch nicht voraus, daß alle Operationen, die im Gesamtsystem vollzogen werden, auf Teilsysteme verteilt werden, so daß das Gesamtsystem nur noch in den Teilsystemen operieren kann. Auch eine hochdifferenzierte Gesellschaft kennt viel ‚freie‘ Interaktion.“1295 „Differenzierung bewirkt […] zwangsläufig: Zunahme von Abhängigkeiten und von Unabhängigkeiten zugleich unter Spezifikation und systemeigener Kontrolle der Hinsichten, in denen man abhängig bzw. 1291 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 597–598; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 238 1292 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 238 1293 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 599 1294 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 598 1295 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 598 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 280 unabhängig ist. Und als Resultat formieren die Teilsysteme sich schließlich als operativ geschlossene autopoietische Systeme.“1296 „Von Form der Systemdifferenzierung sprechen wir mithin, wenn von einem Teilsystem aus erkennbar ist, was ein anderes Teilsystem ist, und das Teilsystem sich durch diesen Unterschied bestimmt. Die Form der Differenzierung ist also nicht nur eine Einteilung des umfassenden Systems, sie ist vielmehr die Form, mit der Teilsysteme sich selbst als Teilsysteme beobachten können […] Und dabei vertritt die so geformte (unterschiedene) Differenz zugleich die Einheit des umfassenden Systems der Gesellschaft, das man dann nicht gesondert beobachten muß.“1297 6.5.1.12 Beobachtung Beobachtung wird in Luhmanns Systemtheorie definiert mit den Architekturbausteinen System/Umwelt-Differenz Autopoiesis Sinn Paradoxie Kommunikation Welt Operative Schließung und anhand der Merkmale Gebrauch einer Unterscheidung zum Zwecke der Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite Unterscheiden und Bezeichnen ist eine einzige Operation blinder Fleck des Beobachters Beobachtung zweiter Ordnung Selbstbeobachtung, „re-entry“ Beobachten dritter Ordnung 1296 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 599–600 1297 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 610 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 281 Der Begriff der Beobachtung wird in der Terminologie von Spencer Brown behandelt.1298 „[…] [D]ie Systemtheorie ist Grundlage für eine bestimmte Praxis des Unterscheidens und Bezeichnens. Sie benutzt die Unterscheidung System und Umwelt als Form ihrer Beobachtungen und Beschreibungen […].“1299 Hervorzuheben ist, dass „[k]omplexe soziale Systeme […] ohne beobachtende Operation nicht […] [auskommen], ihre Autopoiesis ist darauf angewiesen.“1300 Beobachten ist eine Operation, „[…] die Unterscheidungen verwendet, um etwas zu bezeichnen […]“1301, „[…] oder genauer: die Bezeichnung der einen (und nicht der anderen) Seite einer Unterscheidung.“1302 „Unterscheidung ist das Markieren einer Grenze mit der 1298 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 143 1299 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 64; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 9; vgl. Luhmann, Niklas: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“: Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, S. 250 1300 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 77 1301 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 37; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 21, S. 37–38, S. 222–223; vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 53; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 47– 48, S. 73–74, S. 143; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 43, S. 126; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form. In: Baecker, Dirk (Hrsg.): Kalkül der Form. 1. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1993, S. 197–212, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 69; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 21; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 73, S. 79, S. 81–84, S. 91, S. 268, S. 381; vgl. Luhmann, Niklas: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“: Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, S. 253 1302 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 21; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 37; vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 53; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 143; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 43, S. 48, S. 126; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 69; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 21; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 37–38, S. 222–223; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 73, S. 79, S. 81–82, S. 84, S. 91, S. 268, S. 381; vgl. Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 141 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 282 Folge, daß man nur durch Überschreiten der Grenze von der einen zur anderen Seite gelangen kann. Spencer Brown nennt das Form.“1303 „Danach ist jedes psychische Erleben, dass sein Wahrnehmen und sein Denken fokussieren muss, Beobachten. Aber auch jedes Handeln, das etwas Bestimmtes (und nichts anderes) erreichen will, und schließlich jede Kommunikation, die eine Information herausgreift, um sie mitzuteilen. […] Beobachten […] [bezeichnet] das bezeichnende Unterscheiden selbst […], [schließt] also auch sich selbst in den eigenen Begriffsumfang [ein] […].“1304 „Alles, was Unterscheidungen verwendet, ist immer schon Beobachtung, Beobachtung als solche ist aber eine autopoietische Operation.“1305 „[…] Beobachten, Unterscheiden und Bezeichnen [ist] immer eine empirische Operation, die den Zustand des sie vollziehenden Systems verändert; und das heißt nicht zuletzt: eine ihrerseits beobachtbare Operation.“1306 „[…] [D]as ‚Unterscheiden und Bezeichnen‘ [ist] eine einzige Operation […]; denn man kann nichts bezeichnen, ohne, indem man dies tut, unterscheidet, so wie auch das Unterscheiden seinen Sinn nur darin erfüllt, daß es zur Bezeichnung der einen oder der anderen Seite dient (aber eben nicht: beider Seiten). In der traditionellen Logik formuliert, ist die Unterscheidung im Verhältnis zu den Seiten, die sie unterscheidet, das ausgeschlossene Dritte. Und somit ist auch das Beobachten im Vollzug seines Beobachtens das ausgeschlossene Dritte.“1307 „Die Unmöglichkeit, die Unterscheidung zu unterscheiden, mit der man unterscheidet, ist eine Grundbedingung des Erkennens schlecht- 1303 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 223; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 17 1304 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 126 1305 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 131 1306 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 49 1307 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 69; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 268; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 293–294; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 126–127; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 215 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 283 hin.“1308 „Die in der Beobachtung operativ verwendete, aber nicht beobachtbare Unterscheidung ist der blinde Fleck des Beobachters. Mit logischen Begriffen formuliert: der Beobachter ist das ausgeschlossene Dritte seiner Beobachtung […].“1309 „Daß alles Beobachten auf Unterscheidungen angewiesen ist, erklärt den Sinnreichtum dieser Welt. […] Jede Unterscheidung repräsentiert dann Welt, indem ihre andere Seite das mitführt, was im Moment nicht bezeichnet wird.“1310 „Verschiedene Beobachter legen verschiedene Schnitte in die Welt, unterscheiden verschieden, benutzen verschiedene Formen, konstruieren also die Welt nicht als Universum, sondern als Multiversum.“1311 „Beobachten ist eine paradoxe Operation. Sie aktualisiert eine Zweiheit als Einheit.“1312 Die Beobachtung „[…] bleibt aber trotzdem operationsfähig, weil sie ihre Paradoxie durch die Faktizität ihres Vollzugs verdeckt – verdecken kann, verdecken muß. Sie sieht nicht, daß sie nicht sieht, was sie nicht sieht […]. Nur ein Beobachter eines Beobachters kann die Paradoxie bezeichnen […]. Auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung sieht man die Unterscheidung der Beobachtung erster Ordnung als Form. […] Die Form der Paradoxie ergibt sich also erst auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung.“1313 „Entfaltung einer Paradoxie ist nichts anderes als Verlage- 1308 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 44 1309 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 223; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 60, S. 85; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 145; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 17; vgl. Luhmann, Niklas: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“: Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, S. 257 1310 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 56–57 1311 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 203–204 1312 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 95; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 212 1313 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 293–294; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 198, S. 211–212; vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 69 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 284 rung des blinden Flecks des Beobachters an eine andere, weniger störende Stelle.“1314 „[…] [E]twas [wird] unbeobachtbar […], wenn etwas beobachtet wird. […] [Luhmann findet sich] damit vor einer fundamentalen Paradoxie: Jede Beobachtung erzeugt Beobachtetes und Nichtbeobachtetes. Aber was genau ist daran paradox? Die Operation des Beobachtens wird […] dadurch erst möglich.“1315 „Die Begriffe Beobachtung und Selbstreferenz implizieren einander wechselseitig.“1316 „Denn einerseits kann ein Beobachter nur beobachten, wenn er sich selbst von seinen Beobachtungsinstrumenten, seinen Unterscheidungen und Bezeichnungen unterscheiden kann, sich selbst also nicht dauernd mit seinen Gegenständen verwechselt. Und andererseits ist genau dazu Selbstreferenz erforderlich.“1317 „Die Selbstbeobachtung ist nichts weiter als ein besonderer Anwendungsfall [der Beobachtung] […], der in Bezug auf sich selber unter anderem die vorher/nachher-Unterscheidung anwenden muss.“1318 „[…] [E]in geschlossenes System [kann] sich [durch Selbstbeobachtung] zur Umwelt hin öffnen […], obwohl es mit seinen eigenen Operationen die Umwelt nicht erreichen kann, weil es nicht außerhalb seiner eigenen Grenzen operieren kann.“1319 „Wie alles Beobachten erfordert Selbstbeobachtung die Unterscheidung von Selbst- und Fremd- 1314 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 294 1315 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 127 1316 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 52; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 73; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 175 1317 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 52; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 73; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 175; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 65 1318 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 60 1319 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 80–81; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 22; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 200; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 83 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 285 referenz.“1320 „Selbstreferenz referiert das, was die Operation Beobachtung vollzieht. Fremdreferenz referiert das, was dadurch ausgegrenzt wird.“1321 „Mit dieser Unterscheidung wird die Differenz von System und Umwelt in das System hineinkopiert. Formal gesehen handelt sich um ein ‚re-entry‘ im Sinne des Formenkalküls von George Spencer Brown: um einen Wiedereintritt der Unterscheidung in das Unterschiedene.“1322 „Das System kann dann mit eigenen Operationen zwischen System und Umwelt unterscheiden.“1323 „[…] [O]perative Schließung [wird] durch Selbstbeobachtung, also durch Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz, kompensiert […].“1324 „Ein System kann nie vollständige (klassisch gesprochen: objektive) Selbsttransparenz erreichen, denn das würde erfordern, daß auch die Operationen der Selbstbeobachtung und der Selbstbeschreibung, während sie als Operationen vollzogen werden, in die Beobachtung und Beschreibung einbezogen werden.“1325 1320 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 80–81; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 22, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 200; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 129; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 707; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 51–52, S. 175 1321 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 707; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 51–52 1322 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 80–81; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 22; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 200; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 107, S. 129; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59 1323 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 84; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 379–380; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 174; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 113, S. 182 1324 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 74 1325 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 34 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 286 „[…] [A]ls Beobachtungsoperationen [kommen] sehr verschiedenen Operationsformen in Betracht […], mindestens das Leben, Bewusstsein und Kommunikation. Eine Theorie sozialer Systeme beschränkt sich auf den letzten Fall. Sie versucht nachzuweisen, dass auch Kommunikation nur als selbstreferenzielle Beobachtungsoperation realisiert werden kann.“1326 Unterschieden werden muss „[…] zwischen Beobachten und dem Beobachter […].“1327 „Beobachten wird als eine Operation gesehen und der Beobachter als ein System, das sich bildet, wenn solche Operationen nicht nur Einzelereignisse sind, sondern sich zu Sequenzen verketten, die sich von der Umwelt unterscheiden lassen.“1328 „Wenn von Beobachter gesprochen wird, setzt dies eine Systemreferenz voraus.“1329 „Keine beobachtende (unterscheidende und bezeichnende) Operation kann sich selber beobachten und bezeichnen. Zur Unterscheidung von Beobachtungen bedarf es einer weiteren Operation, die ihrerseits in der gleichen Weise blind operiert.“1330 „[…] [E]in Beobachter eines Beobachters (der auch er selber sein kann) kann beobachten, wie der beobachtete Beobachter mit diesem Problem umgeht. Er kann unterscheiden, was ein Beobachter mit dem Schema seiner Beobachtung sehen und was er damit nicht sehen kann.“1331 „Auch das Beobachten von Beobachtern sucht und findet keine Letztantwort auf erkenntnistheoretische Fragen, sondern setzt sich seinerseits der rekursiven Be- 1326 Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 142 1327 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 142; vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 20 1328 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 142; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 27, S. 96 1329 vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 141; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 87 1330 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 543; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 328 1331 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 328 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 287 obachtung von Beobachtungen aus.“1332 Denn „[f]ür einen Beobachter des Beobachters […] ist nicht die Frage: was gibt es? – sondern: wie konstruiert ein Beobachter, was er konstruiert, um weitere Beobachtungen anschließen zu können.“1333 „Der Umbau der Realitätskonstruktion und ihre Verlagerung auf die Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung […] wird zum generellen Modus anspruchsvoller gesellschaftlicher Realitätsvergewisserung.“1334 „Die Beobachtung zweiter Ordnung vermittelt einen universalen Weltzugang. […] Nur eines bleibt zwangsläufig ausgeschlossen: die im Moment aktualisierte Beobachtung selbst, ihr Fungieren als Beobachter erster Ordnung.“1335 „Beobachten ist immer eine aktuelle Operation eines Systems, das nur aus jeweiligen aktuellen Operationen, also nur aus Ereignissen besteht, die mit ihrem Entstehen schon wieder verschwinden.“1336 „[…] [A]uch ein Beobachter beobachtet nur, wenn er es tut, und nicht, wenn er es nicht tut. […] Er ist also seinerseits ein an Zeitbedingungen gebundenes System, und zwar gebunden an die Zeit, die er in jeweils seiner Gegenwart durch eigene Unterscheidungen als Horizont seines Beobachtens konstruiert.“1337 „Alle Beobachtungen und Beschreibungen sind mithin abhängig von einer vorgängigen Kontextwahl, die in unserer Gesellschaft nur als kontingent präsentiert werden kann.“1338 Wenn Aussagen über die Welt getroffen werden sollen, muss immer der Gedanke an einen Beobachter mitgeführt werden.1339 „[Man] […] muss also immer einen 1332 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 97–98 1333 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 62–63 1334 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 768 1335 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 16 1336 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 104; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 46 1337 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 46 1338 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 666 1339 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 139; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 288 Beobachter beobachten, einen Beobachter benennen, eine Systemreferenz bezeichnen, wenn man Aussagen über die Welt macht. […] Es gibt keine beobachtungslose Welt.“1340 „Tatsachen sind immer nur Aussagen über die Welt, nie etwas, was unabhängig von Sprache, Kommunikation, Bewußtsein vorhanden ist. Akzeptiert man das […], kann keine Methodologie in Anspruch nehmen, einen Zugriff auf Sachverhalte außerhalb aller Erkenntnis zu ermöglichen.“1341 „Erst im Beobachten dritter Ordnung läßt sich denn auch jene Einheit gewinnen, die eigens und fremdes Erkennen zusammenschließt. Der Beobachter zweiter Ordnung beobachtet sich selbst und andere. Der Beobachter dritter Ordnung fragt, wie dies möglich ist. Oder präziser: wie sich auf Grund der Beobachtung von Beobachtungen Systeme bilden.“1342 6.5.1.13 Selbstbeschreibung Den Begriff der Selbstbeschreibung erläutert Luhmann mittels folgender Architekturbausteine System Umwelt Autopoiesis (Selbst-)Beobachtung und Merkmale Identifizierung des Systems als Einheit Texte besonderer Art Paradoxie „Selbstbeschreibung bedeutet […], dass das System sich als etwas erklärt, beobachtet, beschreibt, was auch für andere Zusammenhänge vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 78, S. 519; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 16 1340 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 139; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 16 1341 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 199 1342 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 499 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 289 bedeutsam werden kann, sich also dauerhaft oder relativ dauerhaft von der Umwelt unterscheidet.“1343 Mit Selbstbeschreibung des Systems „[…] ist die Identifizierung des Systems als Einheit und die Beschreibung seiner Eigenschaften (seiner Funktion usw.) im System gemeint.“1344 „Selbstbeschreibungen sind nur möglich, wenn das System sich selbst von anderen unterschieden kann, wenn es also die Referenz seiner Beschreibungen unterscheiden kann in Selbstreferenz und Fremdreferenz.“1345 „[…] Selbstbeschreibungen […] sind Texte besonderer Art, die sich, zunächst phänomenal, dadurch auszeichnen, dass sie sich auf das System als Einheit aller seiner Operationen (= autopoietischer Reproduktionszusammenhang) beziehen.“1346 Sie sind keine direktiven Texte, sondern haben die Funktion, „[…] die laufend anfallenden Selbstreferenzen zu raffen, zu bündeln, zu zentrieren, um damit deutlich zu machen, dass es immer um dasselbe ‚Selbst‘, immer um ein mit sich identisches System geht.“1347 „Selbstbeschreibungen konstituieren eine imaginäre Realität.“1348 „Selbstbeschreibungen [übernehmen] Gedächtnisfunktionen […], [regulieren] also Vergessen und Erinnern […] (und mithin: Unbestimmtes und Bestimmtes auseinandersortieren) […].“1349 Eine vollständige Selbstbeschreibung eines Systems ist nicht möglich1350, denn „[j]ede Selbstbeschreibung geht selektiv vor […]“1351 1343 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 286 1344 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 53–54; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 506 1345 Luhmann, Niklas: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“: Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, S. 255 1346 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 419 1347 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 421 1348 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 203 1349 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 428–429; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 423 1350 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 469; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 33; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 34 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 290 „[…] und wirkt mit ihrer Auswahl dann wieder auf das sich beschreibende System zurück.“1352 „[…] Selbstbeschreibungstexte [schließen] sich selbst [ein] […], [sind] also autologisch konzipiert […].“1353 Das heißt, dass „[e]in System […] nie vollständige (klassisch gesprochen: objektive) Selbsttransparenz erreichen [kann], denn das würde erfordern, daß auch die Operationen der Selbstbeobachtung und der Selbstbeschreibung, während sie als Operation vollzogen werden, in die Beobachtung und Beschreibung einbezogen werden.“1354 „Eine Selbstbeschreibung kann natürlich nur im System selbst hergestellt werden.“1355 „[…] Selbstbeschreibungen [sind], wie alle Beschreibungen, konkret vollzogene, system- und kontextabhängige Operationen. Sie geben nicht wieder, was ‚das ist‘, sondern konstruieren, was ihren Annahmen entspricht.“1356 Sie sind eine Operation unter vielen anderen Operationen des Systems.1357 „[…] [W]enn man wissen will, wie das System sich beschreibt, muß man eben diese Operation beobachten und sich im Beobachten des Beobachtens seinerseits dem Beobachtetwerden aussetzen.“1358 „Jede Selbstbeschreibung erfordert historische Plausibilität in der Situation, in der die Beschreibung beobachtet wird. Ohnehin wissen wir, 1351 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 263; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 33–34, S. 78, S. 263; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 469 1352 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 263; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 33, S. 78; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 469; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 321; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 542–543 1353 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 423; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 498, S. 501; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 366 1354 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 34 1355 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 433; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 286 1356 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 499 1357 vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 53–54; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 498, S. 506 1358 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 506 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 291 daß die Position des Beobachters zweiter Ordnung nur kontingente Phänomene erzeugen kann.“1359 „[…] [A]lle Selbstbeschreibungen sind letztlich paradoxe Unternehmungen. Die eigene Einheit kann einem System nur als Paradox gegeben sein, und das heißt: als Blockierung der Selbstbeobachtung. Die Quintessenz der Selbstbeschreibung, das Geheimnis ihrer Alchemie, ist die Unbeobachtbarkeit ihrer eigenen Operationen.“1360 Sie behandeln eine „[…] interne Beschreibung so […], als ob es eine externe Beschreibung wäre, die über objektive Sachverhalte berichten könnte.“1361 „[…] Die Paradoxie der Einheit des Systems […] [wird] durch eine Mehrzahl von gleichzeitig probierten Selbstbeschreibungen des Systems [gelöst].“1362 „[…] Fremdbeschreibung schließt ein: die externe Beschreibung eines sich selbst beschreibenden Systems, die Fremdbeschreibung von Selbstbeschreibungen. Was dann auch den umgekehrten Fall eines reentry der Unterscheidung in das Unterschiedene zuläßt, nämlich die Selbstbeschreibung eines Systems, das sich in seiner Selbstbeschreibung […] damit auseinandersetzt, wie es von außen beschrieben wird.“1363 Jedes System, also auch ein Funktionssystem, arbeitet „[…] mit der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz. Dabei verliert es die Selbstbeschreibung des jeweils bezeichneten Umweltsystems aus dem Blick. […] [Es will] an einer eindeutigen Selbstreferenz festhalten […]. Denn wollte das […] [System] mitberücksichtigen, wie es in der Sicht des politischen Systems, des Wissenschaftssystems, des Wirtschaftssystems erscheint, müßte es seine Identität multiplizieren und sie in eine Vielzahl von beobachterrelativen Beschreibungen auflösen. […] Damit würde es aber die Möglichkeit einer intern konsensfähi- 1359 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1137 1360 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 322 1361 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 545 1362 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 35 1363 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 320 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 292 gen, motivträchtigen Selbstbeschreibung überfordern. Und was geschieht statt dessen? Die Lösung scheint darin zu bestehen, daß die Beziehung zu den einzelnen Umweltsystemen in der Form einer Paradoxie ausgedrückt wird und in dieser Form systemintern weiterbearbeitet wird.“1364 6.5.1.14 Rationalität Rationalität wird erklärt mittels der Architekturbausteine Soziales System Umwelt Paradoxie und Merkmale nur als Systemrationalität möglich nur durch re-entry möglich paradoxe Bewegung Die Operationen sozialer Systeme sind rekursiv vernetzt.1365 Und „[j]ede Operation setzt, um sich selbst zu ermöglichen, Rückgriffe und Vorgriffe auf andere Operationen desselben Systems voraus.“1366 Diese „[…] rekursive Vernetzung der Operationen folgt weder logischen noch rationalen Regeln. Sie stellt nur Anschlüsse her und Anschlussfähigkeit in Aussicht.“1367 „Rationalität ist […] [somit] nur als Systemrationalität möglich in einer Umwelt, die dies zu tolerieren scheint. Und nur durch Wiedereinführung der Unterscheidung in das System kann dieses versuchen, sich danach zu richten […].“1368 „[…] [E]in System [kann] nur rational handeln […], wenn es mehr Umweltdaten berücksichtigt, als es 1364 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 124–125 1365 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 48 1366 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 48 1367 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 51 1368 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 695; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 693; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 128 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 293 berücksichtigen kann. Eine allgemeine Formel für diesen Sachverhalt verdanken wir George Spencer Brown – nämlich die bereits erwähnte Formel des re-entry einer Unterscheidung in das durch sie Unterschiedene.“1369 Das heißt: „[…] Systemrationalität […] [liegt vor], als Aspekte der Umwelt im System in Rechnung gestellt werden können. […] Das ist eine paradoxe oder, wenn man so will, utopische Bewegung, die bedeutet, dass man die Umwelt ausschließt und wieder einschließt.“1370 6.5.1.15 Ebenen der Systembildung Zur Erklärung der Ebenen der Systembildung nutzt Luhmann die Architekturbausteine Soziales System Gesellschaft Organisation und Merkmale Gesellschaft erscheint auf Ebene der Theorie sozialer Systeme als ein Sozialsystem unter vielen anderen erst auf der dritten Ebene kommt die Spezifik von Gesellschaftssystemen zur Geltung Paradoxie: ein Sozialsystem schließt unter anderen zugleich alle anderen in sich ein Unterscheidung von Ebenen ist eine Form, die zwei Seiten hat Organisationen bilden sich in den Funktionssystemen Luhmann unterscheidet „[…] drei verschiedene Ebenen bei der Analyse von Gesellschaft […]: (1) die allgemeine Systemtheorie und in ihr die allgemeine Theorie autopoietischer Systeme; (2) die Theorie sozialer Systeme; 1369 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 129 1370 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 190 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 294 (3) die Theorie des Gesellschaftssystems als eines Sonderfalls sozialer Systeme.“1371 Auf der Ebene der Theorie sozialer Systeme „[…] erscheint die Gesellschaft […] als ein Sozialsystem unter vielen anderen und kann verglichen werden mit Organisationssystemen und Systemen der Interaktion unter Anwesenden als anderen Typen sozialer Systeme. Erst auf der dritten Ebene kommt die Spezifik von Gesellschaftssystemen zur Geltung. Hier muß artikuliert werden, was das Merkmal ‚umfassend‘ besagt, das auf die Anfangssätze der Politik des Aristoteles zurückgeht. Offensichtlich liegt dem eine Paradoxie zu Grunde. Sie besagt, daß ein Sozialsystem […] unter anderen zugleich alle anderen in sich einschließt. […] Wir entfalten diese Paradoxie durch die hier vorgeschlagene Unterscheidung von Ebenen der Analyse von Gesellschaft. Das läßt die Möglichkeit zu, bei Gelegenheit an die paradoxe Fundierung der Gesamttheorie zu erinnern. (Denn die Unterscheidung von ‚Ebenen‘ ist in unseren Begriffen eine ‚Form‘, die zwei Seiten hat; der Begriff der Ebene impliziert, daß es andere Ebenen gibt).“1372 Luhmann verfolgt das Anliegen, „[…] die Beziehungen zwischen Funktionssystemen und ‚ihren‘ Organisationen zu klären, und dies unter der Prämisse, daß in beiden Fällen autopoietische Systeme vorliegen, obwohl unbestritten ist, daß sich solche Organisationen in den Funktionssystemen zum Vollzug ihrer Operationen und zur Implementation ihres Funktionsprimats bilden.“1373 In Organisation und Entscheidung wird nicht in Frage gestellt, dass sich Organisationen in der Gesellschaft bzw. sogar in Funktionssystemen bilden.1374 6.5.2 Theorie der Gesellschaft Luhmann geht es „[…] um die Einführung einer Gesellschaftstheorie, der es gelingt, die bisherigen Erkenntnisblockaden, die jeder Einsicht in die Typik und Form der Gesellschaft im Wege stehen, zu überwin- 1371 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 79 1372 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 80 1373 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 841 1374 vgl. Organisation und Entscheidung, S. 394, S. 387, S. 383 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 295 den.“1375 Nach seinem Verständnis ist „[d]ie Gesellschaftstheorie […] die Theorie des umfassenden sozialen Systems, das alle anderen sozialen Systeme in sich einschließt.“1376 Sie ist das „[…] Angebot einer Beschreibung der Gesellschaft in der Gesellschaft.“1377 Diese „[…] Beschreibung des Gesellschaftssystems kann nur im System, nur mit Mitteln des Systems und immer nur mit einem Bruchteil seiner Operationen erfolgen […].“1378 6.5.2.1 Gesellschaft Luhmann wagt einen Übergang „[…] zu einem radikal antihumanistischen, einem radikal antiregionalistischen und einem radikal konstruktivistischen Gesellschaftsbegriff.“1379 Um den Gesellschaftsbegriff zu bestimmen, nutzt Luhmann die Merkmale umfassend, durch sich selbst bestimmtes System und Weltgesellschaft sowie folgende Architekturbausteine seiner Theorie Kommunikation Operative Geschlossenheit Autopoiesis System/Umwelt-Differenz (Einheit der Differenz von System und Umwelt) Funktionale Differenzierung (Selbst-)Beobachtung Sein systemtheoretisches Konzept betrachtet die Gesellschaft als ein operativ geschlossenes1380 autopoietisches1381 Sozialsystem, „[…] das 1375 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 8; vgl. Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 144 1376 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 78, S. 80 1377 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1128 1378 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1128 1379 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 35 1380 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 171; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 10; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 296 alle anderen Sozialsysteme, also alle Kommunikation, einschließt […].“1382 Das heißt, dass die Gesellschaft „das umfassende System aller Kommunikationen“1383 ist. Es handelt sich also um „[…] ein soziales System, das aus Kommunikation und nur aus Kommunikation besteht.“1384 Dabei ist „[d]as Verhältnis [von Gesellschaft und Kommunikation] […] zirkulär zu denken.“1385 „[D]as Merkmal ‚umfassend‘ besagt […], daß ein Sozialsystem […] unter anderen zu gleich alle anderen in sich einschließt.“1386 „Denn die Gesellschaft kennt als das umfassende soziale System keine sozialen Systeme außerhalb ihrer Grenzen.“1387 „[…] [I]n […] [ihrer] Umwelt [gibt] es keine Kommunikationen, sondern nur Ereignisse anderen Typs […] Folglich muß man alle sozialen Systeme als Vollzug von Gesellschaft begreifen.“1388 „[…] [D]ie Gesellschaft [produziert] sich selber durch Kommunikation […] oder, noch schärfer, noch zugespitzter formuliert, […] die Gesellschaft [produziert] Kommunikation vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 42, S. 92, S. 95, S. 205; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 26; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 552 1381 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 171, S. 205; S. 96; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 552; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 55 1382 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 171; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. S. 205, S. 95; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 50 1383 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 54–55; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 189–190; vgl. Luhmann, Niklas: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“: Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, S. 255 1384 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 165; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 13; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 70; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 50 1385 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 13 1386 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 80, S. 78 1387 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 88 1388 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 54–55; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 50; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 279 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 297 durch Kommunikation […] und […] dies [ist] das System […].“1389 „Alle Kommunikation ist gesellschaftsinterne Operation, ist Vollzug von Gesellschaft und setzt sich als empirisches Ereignis nicht nur der Fortsetzung, sondern auch der Beobachtung durch andere Kommunikationen aus.“1390 „[…] [E]s [gibt also] eine klare Grenze von Gesellschaft, nämlich Kommunikation/Nichtkommunikation.“1391 Operative Geschlossenheit bedeutet, dass es für die Gesellschaft „[a]uf der Ebene der eigenen Operationen […] keinen Durchgriff in die Umwelt [gibt], und ebensowenig können Umweltsysteme an den autopoietischen Prozessen eines operativ geschlossenen Systems mitwirken.“1392 „[…] [D]ie Gesellschaft [kann] nur in sich selbst kommunizieren, aber weder mit sich selbst, noch mit ihrer Umwelt.“1393 „Gesellschaft ist daher ein vollständig und ausschließlich durch sich selbst bestimmtes System.“1394 „[…] [D]ie Form […] [der Gesellschaft] ist […] nichts anderes als die Unterscheidung von System und Umwelt.“1395 Die Gesellschaft „[…] ist eine Differenz, die sie selber erzeugt, wobei auf der einen Seite die innere Differenz, das heißt das, was die Gesellschaft tut, wie sie operiert, wie sie beobachtet, wie sie kommuniziert, zu sehen ist, aber auf 1389 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 56 1390 vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 241 1391 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 60; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 150; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 186 1392 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 92; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 95; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 38; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 552 1393 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 96 1394 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 95 1395 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 79 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 298 der anderen Seite auch noch etwas.“1396 „Menschen mit Körper und Geist, mit Gehirn und Bewußtsein, mit all ihren Fähigkeiten zur Wahrnehmung […] [gehören] zur Umwelt des Sozialsystems Gesellschaft. Nichts, was im Menschen vorgeht, erzeugt Gesellschaft.“1397 „Zu den strukturellen Merkmalen der modernen Gesellschaft […] gehört ein hohes Maß an funktionaler Differenzierung.“1398 „Damit verbunden ist die Einrichtung binärer Codes, die es ermöglichen, alle Operationen, die einen solchen Code verwenden, dem dafür zuständigen System zuzuordnen […] als Bedingung des autopoietischen Operierens der betreffenden Systeme selbst.“1399 „Die funktional differenzierte Gesellschaft operiert ohne Spitze und ohne Zentrum. Die Bearbeitung, ja schon die Umwandlung von Irritationen in Informationen fällt in die jeweiligen Funktionssysteme.“1400 Luhmann bezeichnet die moderne Gesellschaft als Weltgesellschaft, denn es kann für alle anschlussfähigen Kommunikationen nur eine Gesellschaft geben.1401 So ist „[…] in jeder Kommunikation Weltgesellschaft impliziert, und zwar ganz unabhängig von der konkreten Thematik und der räumlichen Distanz zwischen den Teilnehmern.“1402 „Will man eine Gesellschaft beschreiben, die ihre Welt und sich selbst […] beschreibt, muß man polykontexturale Formen wählen. Was das im einzelnen bedeutet, ist trotz der Bemühungen Gotthard Günthers 1396 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 24–25; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 90; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 10 1397 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 10 1398 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 25; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 743, S. 963; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 572 1399 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 25 1400 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 803 1401 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 156, S. 145, S. 1084; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 571; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 242 1402 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 150 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 299 bei weitem noch nicht geklärt.“1403 „Selbstbeschreibung der Gesellschaft kann deshalb nur heißen, daß die Gesellschaft sich selbst von dem unterscheidet, was nicht Gesellschaft ist, und damit zugleich die Beschreibung als Operation oder als ein Operationen sequenzierendes Reflexionszentrum unterscheidet von dem, was beschrieben wird. Es entstehen im Prozeß der gesellschaftlichen Selbstbeschreibung also immer zugleich zwei unmarkierte Bereiche: das, was nicht Gesellschaft ist (ihre Umwelt also, wenn man Systemtheorie zugrundelegt) und das, was in ihr die Beschreibung anfertigt.“1404 Geklärt ist in Luhmanns Theorie, dass „[e]s […] im Falle der Gesellschaft […] keine externe Beschreibung [gibt], an der man sich korrigieren könnte […]“1405 und dass es „[…] keine Weltkenntnisse, sondern nur polykontexturale Beschreibungen […] [gibt].“1406 „[…] [D]ie Dynamik der modernen Gesellschaft […] [lässt sich] nur polykontextural, das heißt: nur aus der Sicht verschiedener System/Umwelt-Differenzierungen begreifen.“1407 „[…] Polykontexturalität [heißt] […]: daß die Gesellschaft zahlreiche binäre Codes und von ihnen abhängige Programme bildet und überdies Kontextbildungen mit sehr verschiedenen Unterscheidungen […] anfängt.“1408 „Die Gesellschaft ist […] der Extremfall von polykontexturaler Selbstbeobachtung, der Extremfall eines Systems, das zur Selbstbeobachtung gezwungen ist, ohne dabei wie ein Objekt zu wirken, über 1403 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 26 1404 Luhmann, Niklas: „Was ist der Fall?“ und „Was steckt dahinter?“: Die zwei Soziologien und die Gesellschaftstheorie, S. 253 1405 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 89; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 88 1406 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 56; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 297 1407 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 357 1408 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 666; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 296 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 300 das nur eine einzige richtige Meinung bestehen kann, so daß alle Abweichung als Irrtum zu behandeln ist.“1409 6.5.2.2 Funktionale Differenzierung / Funktionssystem Zur Erklärung der funktionalen Differenzierung bzw. des Begriffs Funktionssystem nutzt Luhmann neben den Architekturbausteinen Gesellschaft Systemdifferenzierung Autopoiesis Operative Geschlossenheit Kommunikationsmedien Binärer Code System/Umwelt-Differenz Kommunikation Beobachtung zweiter Ordnung Reflexionstheorie Organisation Merkmale wie orientiert an einer Funktion Autonomie/wechselseitige Abhängigkeit keine Rangordnung nicht ersetz- bzw. austauschbar Bei der „[…] [funktionalen] Differenzierung […] handelt [es] sich immer um Formen, die sich auf das Gesellschaftssystem als Ganzes beziehen […].“1410 Die moderne Gesellschaft „[…] bildet Subsysteme auf der Basis von Funktionen des Gesellschaftssystems, und zwar so, dass die Ausdifferenzierung der primären gesellschaftlichen Subsys- 1409 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 88; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 891–892, S. 1094; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 26 1410 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 279 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 301 teme an jeweils einer Funktion orientiert wird.“1411 Dies richtet „[…] sich nach Problemen […], die die Gesellschaft auf ihrem jeweiligen Entwicklungsniveau zu lösen hat.“1412 „[…] [D]er Gesichtspunkt der Einheit, unter dem eine Differenz von System und Umwelt ausdifferenziert ist, [ist] die Funktion […], die das ausdifferenzierte System (also nicht: dessen Umwelt) für das Gesamtsystem erfüllt.“1413 „[…] [B]ezeichnend [ist], daß jede Funktion, die am Differenzierungsschema teilnimmt (das müssen nicht alle sein!), in nur einem Teilsystem der Gesellschaft bedient wird. Anders läßt sich diese Form der [funktionalen] Differenzierung nicht realisieren.“1414 Ein Funktionssystem kann daher nie durch ein anderes ersetzt werden kann.1415 „[…] [D]ie Gesellschaft und jedes Funktionssystem [ist] darauf angewiesen […], daß andere Systeme jeweils ihre Funktion erfüllen.“1416 „Insofern gibt es auch keine Möglichkeit einer wechselseitigen Steuerung, weil dies bis zu einem gewissen Grade Funktionsübernahme implizieren würde.“1417 1411 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 340–341; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 10; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 190; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 408 1412 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 408 1413 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 745–746 1414 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 77; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 753, S. 762; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 636; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 302; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254 1415 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254 1416 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 111; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften. In: Grossmann, Ralph; Krainz, Ewald; Osterloh, Margit (Hrsg.): Veränderung in Organisationen. Management und Beratung. Gabler, Wiesbaden, 1995, S. 9–18, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 636–637; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft., S. 124 1417 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 753; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 762; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 474; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 302 „Funktionale Differenzierung ist die radikalste Form [der internen Differenzierung eines Systems], […] da in der Umwelt natürlich keine Einteilungen vorkommen, die auf die Funktionen des Systems abgestimmt sind.“1418 „Funktionale Differenzierung ist […] nicht nach dem Muster der Arbeitsteilung zu begreifen. […] [D]ies [ist] mit einem Verzicht auf eine auferlegte gesamtgesellschaftliche Ordnung (etwa eine Hierarchie) verbunden […].“1419 „Funktionale Differenzierung heißt […], daß sich in der Orientierung an der jeweils eigenen Funktion autonome Teilsysteme der Gesellschaft bilden, die sich selbstreferentiell reproduzieren, sich rekursiv an den jeweils selbstproduzierten Kommunikationen orientieren und damit die Merkmale von strukturdeterminierten autopoietischen Systemen realisieren.“1420 Das bedeutet, „[…] daß auch innerhalb der Gesellschaft noch einmal die Möglichkeit der operativen Schließung wiederholt wird, daß also die Funktionssysteme ihrerseits wiederum operativ geschlossen sein müssen, um überhaupt Systeme zu sein.“1421 „Das hat zur Folge, daß die Funktionssysteme sich selbst in den Zustand selbsterzeugter Unbestimmtheit versetzen.“1422 „Autonomie, operative Schließung und Selbstorganisation der Funktionssysteme bedeuten nicht Unabhängigkeit im Sinne gegenseitiger Isolation. Nach wie vor beschränken sich Teilsysteme einander wechselseitig und mehr und mehr werden Problemlasten hin und her vervgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 11; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254 1418 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 744 1419 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 115; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 42–43, S. 745, S. 789 1420 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 479; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1061; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 426; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 190; 1421 vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 131, S. 745–748 1422 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 745 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 303 schoben je nachdem, welches Funktionssystem zuständig ist. Wechselseitige Unabhängigkeit (Indifferenz) und wechselseitige Abhängigkeit nehmen zugleich zu, und entsprechend steigen die Ansprüche an Selbstorganisation, Responsivität und Reaktionstempo in den einzelnen Funktionssystemen.“1423 „[…] [J]edes Funktionssystem [bestimmt] die eigene Identität selbst - und dies […] durchweg über eine elaborierte Semantik der Selbstsinngebung, der Reflexion und der Autonomie.“1424 „[…] [K]ein Funktionssystem kann als Einheit organisiert und entsprechend durch Auflösungsbeschluß beendet oder durch Fusionsbeschluß mit anderen zusammengeschlossen werden.“1425 Bei der funktionalen Differenzierung handelt es sich um die „Gleichheit ungleicher Systeme“1426. Es gibt keine Rangordnung in dem Sinne, dass ein Funktionssystem wichtiger als ein anderes ist,1427 „[…] sondern eine „horizontale Nebeneinanderordnung ohne gesellschaftliche Vorprägung der Verhältnisse“1428. Dabei gilt „[i]n funktional differenzierten Gesellschaften […] die […] Ordnung: das System mit der höchsten Versagensquote dominiert, weil der Ausfall von spezifischen Funktionsbedingungen nirgendwo kompensiert werden kann und überall zu gravierenden Anpassungen zwingt“1429 1423 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 355; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 167, S. 745; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 140–141; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 10; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254 1424 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 745 1425 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 190 1426 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 43, S. 746 1427 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 746; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 10 1428 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 746; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 10 1429 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 769 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 304 „Jedes Funktionssystem operiert in einer für es unkontrollierbaren innergesellschaftlichen Umwelt. Daß dies erfolgreich möglich ist, macht für andere Funktionssysteme deren Umwelt kontrollierbar. Im Endergebnis löst sich dadurch jede gesamtgesellschaftliche verbindliche Ordnung des Verhältnisses der Funktionssysteme untereinander auf; und um so mehr ist dann jedes Funktionssystem auf eigene Schlie- ßung, auf eigene Autopoiesis angewiesen […].“1430 „In einer funktional differenzierten Gesellschaft besteht die innergesellschaftliche Umwelt der Funktionssysteme hauptsächlich aus anderen Funktionssystemen. Die Gesellschaft selbst ist kein System in der Gesellschaft, und sie ist kommunikativ unerreichbar.“1431 Mit der Erwähnung von Kontingenzformeln stellt Luhmann den Bezug zu Kommunikationsmedien her. Eine Kontingenzformel ist in den Mediencode eines Funktionssystems eingebaut.1432 „Mit der Ausdifferenzierung besonderer Funktionssysteme entstehen, auf sie bezogen, Kontingenzformeln, die eine systemspezifische Unbestreitbarkeit behaupten können, etwa Knappheit für das Wirtschaftssystem, Legitimität für das politische System, Gerechtigkeit für das Rechtssystem, Limitationalität für das Wirtschaftssystem.“1433 „Die Funktionsorientierung allein reicht […] nicht aus. Während Funktionssysteme sich über ihre Funktion in der Gesellschaft etablieren und mit der Beschreibung ihrer Funktion auf die Gesellschaft verweisen, benötigen sie einen binären Code, um ihre eigene Autopoiesis zu formieren.“1434 Luhmann beschreibt, dass organisierte Sozialsysteme sich erst unter dem Regime funktionaler Differenzierung ausbilden.1435 „Funktionssysteme verhalten sich änderungsbereit unter der Bedingung funktio- 1430 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 770 1431 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 124 1432 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 70 1433 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 470 1434 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 748–749, S. 756 1435 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 840; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 131–132 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 305 naler Äquivalenz und Nettoüberlegenheit neuerer Formen. Auch wenn sie nicht selbst Innovationen in die Welt setzen, haben sie ein hohes Potential, auf Innovation zu reagieren. Das gilt in dem Maße mehr, in dem sich innerhalb der Funktionssysteme Organisationen bilden, die sich selbst und ihre Entscheidungspraxis durch Entscheidung ändern können.“1436 Luhmann nimmt in seine Ausführungen zur funktionalen Differenzierung bzw. zu Funktionssystemen auch auf die „Laws of Form“ von George Spencer-Brown Bezug. „Der Primat funktionaler Differenzierung ist die Form der modernen Gesellschaft. Und Form heißt nichts anderes als die Differenz, mit der sie ihre Einheit intern reproduziert, und die Unterscheidung, mit der sie ihre eigene Einheit als Einheit des Unterschiedenen beobachten kann.“1437 Die Übernahme einer Universalzuständigkeit der Funktionssysteme für ihre je spezifische Form1438 „[…] führt zu einer immensen Steigerung des Auflöse- und Rekombinationsvermögens, sowohl in bezug auf die eigenen Operationen als auch in bezug auf die gesellschaftsinterne und die gesellschaftsexterne Umwelt der Funktionssysteme.“1439 „Für jedes Funktionssystem gilt, daß die eigene Funktion Priorität hat und den Vorrang vor allen anderen Funktionen genießt. Der Ausgleich dieser Einseitigkeit liegt darin, daß Entsprechendes auch für die anderen Funktionssysteme gilt. Das Gesellschaftssystem reagiert auf diese Weise auf die Unmöglichkeit, Funktionen in ein Rangverhältnis zu bringen, also hierarchisch zu ordnen.“1440 Luhmann stellt sich auch die Frage, was die Gemeinsamkeit aller Funktionssysteme ist. „Das, worin alle Funktionssysteme überein- 1436 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 492 1437 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 776 1438 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 131; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 11–12; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der, S. 983 1439 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 131 1440 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 138; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 747; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 306 kommen und worin sie sich nicht unterscheiden, ist nur noch die Tatsache des kommunikativen Operierens.“1441 „Das führt vor die Frage, wie Kommunikationen überhaupt erkennen, ob sie sich um [sic!] einem Funktionssystem einordnen (und welchem) oder nicht.“1442 Hier formuliert Luhmann zwei verschiedene Ansätze in unterschiedlichen Publikationen. Entweder erkennt das System, „[…] welche Operationen als ‚eigene‘ zu behandeln sind“1443 oder „[e]s bleibt der Kommunikation überlassen, durch Verdichtung von Referenzen zu entscheiden, wohin sie sich bewegt.“1444 „Allein schon die Sinngebung bestimmter Kommunikationen […] ordnet diese einem bestimmten Funktionssystem zu.“1445 Das „[…] schließt nicht aus, daß bestimmte Ereignisse in mehreren Systemen zugleich als Operationen identifiziert werden und ein Beobachter sie dann als Einheit sehen kann.“1446 „Eine […] wichtige Konsequenz funktionaler Differenzierung kann als eine weitreichende Umstellung des Beobachtens auf ein Beobachten zweiter Ordnung, also auf ein Beobachten von Beobachtern, beschrieben werden.“1447 „Wohl alle Funktionssysteme beobachten ihre eigenen Operationen auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung. […] Das heißt: Die Funktionssysteme müssen entsprechende Formen und Gelegenheiten für Selbstbeobachtung einrichten und können nur auf diese Weise Realität konstruieren.“1448 Darüber hinaus entwickeln „[…] Funktionssysteme [in der Regel] Theorien der Reflexion ihrer selbst […].“1449 „[…] Reflexionstheorien sind mehr als nur Erfahrungssammlungen. Sie schließen Zukunftsthe- 1441 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 149 1442 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 775 1443 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 79 1444 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 775 1445 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 625 1446 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 753 1447 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 766; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 151 1448 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 766–767; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 144, S. 1124; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 144 1449 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 964; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 475 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 307 orien ein, fordern Autonomie, erläutern Problemlösungskapazitäten und individualisieren ihr System.“1450 Der Übergang der Gesellschaft zur funktionalen Differenzierung hat weitere Konsequenzen, z. B. wird damit „[…] die Irritierbarkeit der Gesellschaft […] [gesteigert und damit] ihre Fähigkeit, auf Veränderungen der Umwelt rasch zu reagieren, […] [allerdings] mit einem weitgehenden Verzicht auf Koordination der Irritationen […].“1451 Grundsätzlich wurden „[d]ie vielen problematischen Folgen der funktionalen Differenzierung und der unkorrigierbaren operativen Autonomie der Funktionssysteme […] oft beschrieben und der modernen Gesellschaft zur Last gelegt […].“1452 Anzumerken ist, dass Funktionssysteme, „[…] solange sie als Kommunikation durchgeführt werden können, immer auch gesellschaftlich angepasst [sind].“1453 6.5.2.3 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien Luhmann unterscheidet ausgehend von der Unterscheidung von Medium und Form zwei Arten von Kommunikationsmedien: Verbreitungsmedien (wie Sprache, Schrift, Buchdruck, Rundfunk, Fernsehen, Computernetze) sowie Erfolgsmedien bzw. symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien (wie Macht, Geld, Wahrheit oder anderes).1454 Luhmann äußerte in einer seiner Vorlesungen, dass er sich „[…] nach wie vor nicht sicher [ist], ob […] [er] gut daran getan habe, dieses ‚symbolisch generalisiert‘ [von Parsons] zu übernehmen.“1455 „‚Symbolisch generalisiert‘ bedeutet […], dass sich in der Ausdifferenzie- 1450 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 965 1451 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 789; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 618 1452 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 801; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 163, S. 802 1453 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 622 1454 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 202–205 1455 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 148 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 308 rung und im Komplex der vorhandenen Systeme diese beiden Momente immer zusammen ergeben, einerseits die Koordination von Erwartungen und Handlungsbereitschaften und andererseits die Fixierung von Sinn nicht nur für eine Situation.“1456 Luhmann erläutert den Begriff der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien anhand der Merkmale ihrer Entstehung ihrer Funktion der Erhöhung der Annahmewahrscheinlichkeit der Kommunikation ihrer Universalzuständigkeit Erfolgsmedien im Gegensatz zu Verbreitungsmedien und nutzt die Architekturbausteine seiner Theorie Autopoiesis Funktionale Differenzierung/Funktionssysteme Binäre Codierung Codierung/Programmierung Medium/Form Organisation Luhmanns Meinung nach ist „[…] das Ausgangsproblem für eine Bildung symbolisch generalisierter Medien eine evolutionäre Lage […], in der durch Komplexitätszuwachs und durch Schrift die Wahrscheinlichkeit eines Neins zunimmt und man in gewisser Weise Gegenmittel erfinden muss, was das wahrscheinliche Nein in ein Ja transformiert.“1457 „Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien entstehen […] nur, wenn in der allgemeinen gesellschaftlichen Kommunikation Sonderprobleme auftauchen, die sich nur durch besondere 1456 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 147–148 1457 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft. 1. Aufl., Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 2005, S. 151; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 322; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 240 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 309 Mittel lösen lassen.“1458 „Diese Medien entstehen auf Grund der in aller Kommunikation laufend reproduzierten Bifurkation: Eine Kommunikation kann, wenn sie verstanden worden ist, das heißt: wenn sie zustande gekommen ist, angenommen oder abgelehnt werden.“1459 Sie „[...] entstehen […] in Situationen, in denen die Annahme der Kommunikation positive Funktionen hätte, also wichtige gesellschaftliche Probleme lösen könnte.“1460 „[…] [B]ei symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien kommt es auf die soziale, nicht auf die psychische Ordnungsleistung an.“1461 Dies bedeutet konkret: „Die Funktion der symbolisch generalisierten Kommunikation ist es, Selektionen so zu konditionieren, daß Kommunikationen angenommen werden, obwohl dies von der Zumutung her unwahrscheinlich ist.“1462 „Mit Hilfe der Institutionalisierung symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien kann also die Schwelle der Nichtakzeptanz von Kommunikation […] hinausgeschoben werden.“1463 „Zu Grunde liegt dem ein Vorgang der Auflösung und Rekombination, also eine enorme Steigerung kombinatorischer Möglichkeiten, die sich dann Formen suchen kann, die trotzdem binden.“1464 „Zu einer vollen Entfaltung der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien kommt es erst unter der Voraussetzung einer funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems; denn nur dann können die Medien als Katalysatoren dienen für die Ausdifferenzierung 1458 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 215–216 1459 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 36; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 37 1460 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 37 1461 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 343; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 316 1462 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 382; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 204, S. 316, S. 319–321, S. 332, S. 481; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 87; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 179; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 68 1463 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 204 1464 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 481 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 310 von Funktionssystemen und Gesellschaft.“1465 So „[…] gibt [es] für die moderne Gesellschaft, für eine Gesellschaft mit voll entwickelten symbolisch generalisierten Medien kein Supermedium, das alle Kommunikationen auf eine ihnen zugrunde liegende Einheit beziehen könnte.“1466 Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind Einrichtungen, die als „ […] [strukturelle] Grundlagen für die Autopoiesis gesellschaftlicher Kommunikation nachentwickelt […] [wurden] […] und Wahrheit ist einer der wichtigsten Fälle.“1467 „[…] [A]lle symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien [haben] […] die Form eines Präferenzcodes. Die positive Seite des Codes […] wird präferiert, die negative […] wird dispräferiert.“1468 „Die Zweiwertigkeit garantiert […] gegenüber jedem möglichen Fall die Autopoiesis des Systems.“1469 „[…] [D]as Medium [bleibt] eine durch Codierung bestimmte, unverwechselbare Einheit. Elementare Operation, Strukturbildung, Strukturänderung, Kreuzen im Code und Ebenenwechsel werden im selben Medium vollzogen.“1470 „In diesem Sinne nehmen die Medien eine Universalzuständigkeit für alle Kommunikationen in Anspruch, die in ihren Anwendungsbereich fallen.“1471 1465 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 358; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 387–388, S. 483; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 68 1466 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 359; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 390 1467 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 180 1468 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 88; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 359–360, S. 363; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 196; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 240 1469 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 191 1470 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 375; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 376 1471 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 375; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 376; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 240 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 311 „[…] [F]ür alle symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien [werden] Codierung und Programmierung […] unterschieden […] wodurch Medien Komplexität generieren können.“1472 Programme sind „[…] weitere Bedingungen […], die festlegen, unter welchen Umständen die Zuordnung des positiven Wertes und unter welchen Umständen die Zuordnung des negativen Wertes richtig bzw. falsch ist.“1473 „Codierung sichert die Ausdifferenzierung und Spezifikation eines Mediums zu anderen, und Programmierung kann deshalb nur codespezifisch erfolgen.“1474 „Einen Code kann man nicht ändern. Ein solcher Versuch würde nur besagen, daß man der Kommunikation ein anderes symbolisch generiertes Medium zu Grunde legt oder gar keines. Auf der Ebene der Programme dagegen kann Variabilität organisiert werden.“1475 „Medien entstehen […] im kommunikativen Gebrauch. Daher muß alle medienspezifische Kommunikation sich immer auf die anderen Kommunikationen im selben Medium beziehen, um das Medium selbst zu etablieren. Die Differenz Medium/Form wird dadurch erzeugt, daß man sie voraussetzt und rekursiv von ihr Gebrauch macht.“1476 „[…] [S]ymbolisch generalisierte Medien [setzen] die Differenz von loser und strikter Kopplung [voraus] […] und [ermöglichen] auf der Grundlage eines lose gekoppelten medialen Substrats Formbildung […].“1477 „Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien koordinieren […] Selektionen, die sich nicht ohne weiteres verknüpfen lassen und insofern zunächst als eine lose gekoppelte Menge von Elementen gegeben sind – Selektionen von Informationen, Mitteilungen und Verstehensinhalten. Sie erreichen eine strikte Kopplung nur durch 1472 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 377 1473 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 377 1474 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 377 1475 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 377 1476 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 248 1477 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 319 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 312 die für das jeweilige Medium spezifische Form – etwa Theorien, Liebesbeweise, Rechtsgesetze, Preise.“1478 „[…] [S]ymbolisch generalisierte Kommunikationsmedien [eignen sich] nur für Funktionsbereiche […], in denen das Problem der angestrebte Erfolg in der Kommunikation selbst liegen. Ihre Funktion ist erfüllt, wenn die Selektion einer Kommunikation weiteren Kommunikationen zugrunde gelegt wird.“1479 „Sie eignen sich deshalb nicht für Kommunikationsbereiche, deren Funktion in der Änderung der Umwelt liegt – sei es eine Änderung menschlicher Körper, sei es eine Änderung von Bewußtseinsstrukturen. Es gibt deshalb keine symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien […] für Krankenbehandlung und für Erziehung. In diesen Fällen tritt das Problem, das die Autokatalyse von symbolisch generalisierten Medien in Gang setzt, nämlich das Problem sehr hoher Ablehnungswahrscheinlichkeit, gar nicht auf.“1480 „Auch das Recht hat kein eigenes Medium, sondern ist ‚letztlich‘ auf politisch zentrierte Macht angewiesen. […] In all diesen Fällen wird dann von Organisation viel verlangt, und es ist kein Zufall, daß sich in genau diesen Funktionssystemen Professionen finden, die Überzeugungsarbeit leisten müssen und dafür in der professionstypischen Weise ausgerüstet sind: durch Prestige, Ausbildung, institutionalisierte Kollegialität usw.“1481 „Schon durch die Codierung sind symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien selbstreferentiell strukturiert und als geschlossene Operationszusammenhänge ausdifferenziert. Davon zu unterscheiden ist die prozessuale Reflexivität, die sich bei allen voll entwickelten Medien nachweisen lässt.“1482 Operationen werden unter den spezifischen Mediencodes reflexiv, was bedeutet, „[…] dass sie auf Operationen desselben Typs wieder angewandt werden können. […] [D]ie 1478 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 320 1479 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 407 1480 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 407; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 304 1481 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 304; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 407–408 1482 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 372 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 313 Reflexivität muss innerhalb des Codes, innerhalb des Mediums bleiben.“1483 „Resultate in einem Medienbereich können nur durch Operationen desselben Mediums geändert werden.“1484 „Im Bereich der symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien gelten […] [für die Reflexivität] Sonderbedingungen […] [Die] Formen der Reflexivität [laufen] auf eine Indirektheit hinaus […] Reflexivität [ist] nicht nur ein Anwendungsfall unter anderen […], sondern die Form, in der das Medium Distinktheit und Autonomie gewinnt und sich gegenüber Anforderungen der Familien- und Schichtenzuordnung durchsetzt.“1485 „Die funktionale Differenzierung des Gesellschaftssystems folgt in vielen, aber nicht in allen Hinsichten, dem Schema, das die Differenzierung unterschiedlicher symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien vorgibt. Zahlreiche Probleme, die in den Reflexionstheorien der einzelnen Funktionssysteme abgehandelt werden, sind daher durch die bereits ausdifferenzierten Medien vorgezeichnet. […] Ebenso sind die Probleme der wichtigsten Codes Gegenstand der Reflexionstheorien […].“1486 „Aber die Paradoxie, die den Medien letztlich zugrunde liegt, führt nicht zu einer Blockierung ihrer Operationen. Sie ist, im Gegenteil, Bedingung kreativer Entfaltungen, medienspezifischer Unterscheidungen oder zeitlicher Sequenzierungen, die das, was zugleich nicht möglich ist, ins Nachhinein verlagern.“1487 „Eine der wichtigsten Paradoxieauflösungen liegt in der Differenzierung von Beobachtung erster und Beobachter zweiter Ordnung. Zu den auffälligsten Merkmalen symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien gehört, daß sie 1483 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 168; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 372–373 1484 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 373 1485 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 372–373 1486 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 984 1487 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 374 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 314 eine solche Differenzierung ermöglichen.“1488 „Sobald es eine Beobachtung zweiter Ordnung gibt, wird alles Beobachten in dem jeweiligen Medienbereich auf die Ebene zweiter Ordnung bezogen.“1489 „Schließlich fällt etwas Überraschendes auf: über symbiotische Symbole werden die Medien abhängig von Organisation. […] Hinter der externen Referenz und Irritation, die durch die strukturelle Kopplung an Bewußtsein und Körper gegeben ist, taucht nun wieder die Gesellschaft auf. Die letzte Sicherheit liegt nicht im Kontrollieren der Körper, […] sondern im Funktionieren der Organisationen.“1490 Beispiele für symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien sind Macht, Wahrheit, Kunst, Eigentum/Geld und Liebe.1491 6.5.2.4 Binäre Codierung Luhmann erklärt die binäre Codierung anhand der Merkmale binäre Strukturierung und damit Sicherung von Anschlussfähigkeit Duplikationsregeln Zuordnung von Elemente zu Systemen universale Relevanz Paradoxie re-entry bzw. Architekturbausteine Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien Funktionssysteme Autopoiesis Programmierung Beobachtung 1488 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 374 1489 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 375 1490 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 382 1491 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 142; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 336–338 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 315 „Symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien benötigen einen einheitlichen Code (Zentralcode) für den gesamten Medienbereich. […] Im Unterschied zu vielen anderen Codierungen handelt es sich hier um Präferenzcodes.“1492 Funktionssysteme benötigen einen binären Code, „[…] um ihre eigene Autopoiesis zu formieren“1493, „[…] und damit erst kommt ihre Ausdifferenzierung zustande.“1494 „[…] Die binäre Codierung [bringt] sequentielles Operieren und als dessen Effekt: Systembildung in Gang.“1495 „Die binäre Codierung von Medien und Funktionssystemen stellt […] sicher, daß es weitergeht. […] Binär codierte Systeme sind daher immer eigendynamische, autopoietische Systeme, die ihr eigenes Ende nie mit ihren eigenen Operationen herbeiführen können.“1496 „Der Code selbst ist keine Norm. Er ist nichts anderes als eine Struktur eines Erkennungs- und Zuordnungsverfahrens der gesellschaftlichen Autopoiesis.“1497 „Die Code-Werte öffnen nur einen Kontingenzraum und stellen sicher, daß alle Operationen des Systems auch der entgegengesetzten Wertung unterliegen könnten; aber sie geben nicht an, wie zu entscheiden ist. […] [S]ie steuern das System nicht im Sinne des Dirigierens und Festlegens richtiger Operationen.“1498 „Ein Code 1492 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 359–360; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 208; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 88; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 166 1493 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 748–749; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 191; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 749, S. 752; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 143 1494 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 752; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 310 1495 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 195 1496 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 226; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 264 1497 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 70 1498 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 198 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 316 schafft und dirigiert zugleich die Entscheidungsfreiheit des Systems: Erzeugung und Reduktion von Kontingenz in einem.“1499 „Binäre Codierung ist, mit anderen Worten, eine bedeutsame, ja die in der Gesellschaftsentwicklung führende Erfindung der Neukonstituierung eines Mediums über der immer schon in Formen und nur so benutzbaren Sprache.“1500 „Das Merkmal einer Zuordnung oder des Erkennens von Systemzugehörigkeit ist die Anwendung eines binären Codes. […] Es geht immer um binäre Strukturen und in diesem Sinne um einen engeren Codebegriff […]: Ein Begriff, der nur zwei Werte kennt, einen positiven und einen negativen, und dritte Möglichkeiten ausschließt, also sehr abstrakt und künstlich ist. […] Alle Operationen können immer den einen oder anderen Wert wählen. Sie stehen immer vor der Notwendigkeit, sich auf die positive oder negative Seite hin zu orientieren.“1501 Dabei „[…] symbolisiert der positive Wert [bzw. Designationswert] immer Anschlussfähigkeit […], während der negative Wert [bzw. Reflexionswert] nur die Kontingenz der Bedingungen der Anschlussfähigkeit symbolisiert. […] Die entsprechenden Negativwerte stehen nur zur Kontrolle zur Verfügung und stellen den Kontext her, durch den die Anschlusspraxis der positiven Seite rationale Selektion werden kann.“1502 „Die positive Seite des Codes […] wird präferiert, die nega- 1499 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 88 1500 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 208–209 1501 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 263–264; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 69–70; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 363, S. 752–753; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 195; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 88 1502 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 363; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 165–166, S. 265; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 182–183; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 208–209, S. 226; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 195, S. 200, S. 271; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 88 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 317 tive […] wird dispräferiert.“1503 „Die Zweiwertigkeit garantiert […] gegenüber jedem möglichen Fall die Autopoiesis des Systems.“1504 Und dieser binäre Code wird „[…] nur in diesem System und in keinem anderen benutzt […].“1505 „Der binäre Code funktioniert als Einheit einer Differenz. Aber er lenkt den Blick nicht auf die Einheit dieser Differenz zurück, sondern läßt ihn zwischen beiden Seiten oszillieren. Jeder Wert vertritt insofern, als er selbst und nicht der Gegenwert ist, mit Hilfe dieser eingebauten Negation das Ganze.“1506 „Codes sind mithin kondensierte Opposition.“1507 „Durch die Unterscheidung eines positiven und eines negativen Wertes innerhalb eines bestimmten Codes und durch Ausschluß dritter Werte wird der Übergang vom einem zu anderen erleichtert; es handelt sich ‚nur‘ um den Übergang zum Gegenteil und nicht um den Fortgang zu etwas qualitativ anderem.“1508 „Codes sind aber nicht Abbilder einer Wertwirklichkeit, sondern einfache Duplikationsregeln. Sie stellen für alles, was in ihrem Anwendungsbereich (den sie selbst definieren) als Information (die sie selbst konstituieren) vorkommt, ein Negativkorrelat zur Verfügung. […] Daraufhin erscheint alles, was mit der Form des Codes erfaßt wird, als kontingent – als auch anders möglich.“1509 „Daß es sich um eine bloße Duplikation handelt, kann freilich nicht reflektiert werden, denn der Anwender des Codes muß ihn als Zweiheit und nicht als Einheit be- 1503 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 88; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 365; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 191; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 208–209; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 164–165 1504 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 191; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 208–209 1505 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 748 1506 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 198–199 1507 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 188 1508 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 199; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 264–265; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 359–360, S. 750 1509 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 750 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 318 nutzen.“1510 „[…] [D]ie Einheit des Codes [dient] als blinder Fleck […], der ein beobachtendes Operieren erst ermöglicht. […] [J]eder Rückbezug von codierten Operationen auf die Einheit ihres eigenen Codes [läßt] diesen als Paradoxie erscheinen […].“1511 „Auf diese Weise ‚entfaltet‘ der Code das Paradox, das darin liegt, daß die Einheit des Systems in zwei inkompatiblen Werten besteht, also daß eine Unterscheidung zwei Seiten hat, die, zeitlich gesehen, zugleich relevant sind, aber nicht zugleich genutzt werden können.“1512 „Binarität ermöglicht die Einbeziehung des Gegenwertes in den Wert und des Wertes in den Gegenwert. Der Wert ist dann zugleich Identität und Differenz, nämlich er selbst und nicht der Gegenwert (und ebenso auf der anderen Seite).“1513 „Nur […] [auf der negativen Seite des Codes] gibt es den re-entry im Sinne von Spencer Brown. […] [D]ies [ist] nicht die Seite, auf der die Anschlußfähigkeit organisiert, also die eigentliche Funktion erfüllt wird.“1514 „Der Code bietet keine Möglichkeit der Anpassung des Systems an seine Umwelt. Ein codiertes System ist angepaßt – oder es existiert nicht.“1515 „[…] [A]lle [binären] Codes [beanspruchen] universale (nicht partikulare) und spezifische (nicht diffuse) Relevanz […]. Sie gelten für alles, was im Informationshorizont des entsprechenden Systems relevant wird also für die Welt, gesehen aus der entsprechenden Perspektive), aber sie bilden zugleich eine Unterscheidung, die mit Hilfe von zugeordneten Programmen operationalisiert wird und eindeutige Zuordnungen (unter Ausschluß anderer) ermöglicht.“1516 1510 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 364 1511 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 364 1512 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 182 1513 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 364; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 203 1514 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 377–378 1515 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 188; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 750 1516 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 25 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 319 „Codes sind Unterscheidungen, mit denen ein System seine eigenen Operationen beobachtet, sie im Falle der Wissenschaft zum Beispiel nach wahr und unwahr unterscheidet. Außerdem ist zu beachten, daß binäre Codes immer die Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung eines Systems strukturieren, also nicht etwa irgendwelche Unterscheidungen sind, die durch einen externen Beobachter herangetragen werden.“1517 „Über binäre Codierung zwingt ein System sich um Prozessieren von Selbstreferenz, und ein externer Beobachter, der dies nicht sieht, versteht das System nicht.“1518 „Codes fungieren, wie andere Unterscheidungen auch, als Zwei-Seiten-Formen, die ein Beobachter benutzen kann oder auch nicht.“1519 „Einen Code kann man nicht ändern. Ein solcher Versuch würde nur besagen, daß man der Kommunikation ein anderes symbolisch generiertes Medium zu Grunde legt oder gar keines. Auf der Ebene der Programme dagegen kann Variabilität organisiert werden.“1520 „Die funktionale Spezifikation von Medien und Codes erfordert eine verschiedenartige Absicherung des Realitätsbezugs – im Falle der Macht z. B. über Kontrolle der physischen Gewalt, im Falle der Liebe über Kontrolle der Sexualität. Für Wahrheit liegt das funktionale Äquivalent in der Kontrolle von Wahrnehmungen. Gerade weil Wahrnehmungen der Außenwelt zugerechnet werden, kann ihr ‚Rauschen‘ im System nicht ignoriert werden.“1521 6.5.2.5 Codierung / Programmierung Luhmann erläutert die Unterscheidung Codierung/Programmierung anhand der Architekturbausteine Autopoiesis Medium/Form Funktionssystem 1517 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 194–195; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 310 1518 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 195 1519 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 359–360 1520 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 377 1521 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 230 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 320 und der Merkmale Kontingenz, Regeln für Zuordnung zu den Werten sowie Beziehung konstant/variabel. Funktionssysteme benötigen zusätzlich zum Code „[…] Programme, die bestimmen, welche Erkenntnisse welchem der beiden Codewerte richtig zugeordnet werden.“1522 „Codes allein sind mithin nicht existenzfähig.“1523 „[…] [A]lles, was mit der Form von Codes erfasst wird, [erscheint] als kontingent – als auch anders möglich. In der Praxis entsteht damit ein Bedarf für Entscheidungsregeln, die festlegen, unter welchen Bedingungen der Wert bzw. der Gegenwert richtig bzw. falsch zugeordnet ist. Wir nennen solche Regeln Programme.“1524 „Codes sind [also] Unterscheidungen, die nur mit Hilfe einer weiteren Unterscheidung autopoietisch produktiv werden können, nämlich mit Hilfe der Unterscheidung Codierung/Programmierung. Sie sind die eine Seite einer Form, deren andere die Programme des Systems sind.“1525 „Die Programme können nur innerhalb des Systems ausgewechselt werden, aber nicht zwischen den Systemen.“1526 „Durch Differenzierung von Codierung und Programmierung kann demnach das Problem der zeitlichen Invarianz und der Anpassungsfähigkeit des Systems gelöst werden. Invariant und immer schon angepaßt ist das System nur in der Strukturform seines Codes. Auf der Ebene seiner Programme kann es dagegen Änderbarkeit konzedieren, ohne Identitätsverlust befürchten zu müssen.“1527 1522 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 401 1523 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 190 1524 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 750; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S, 362, S. 377; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 266; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 190 1525 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 190 1526 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 267; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 191 1527 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 193; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 204 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 321 „Für Zwecke der Programmierung muß die Eindeutigkeit des Code, die nur in seiner Binarität liegt, aufgebrochen werden. Die Codewerte müssen als Möglichkeiten interpretiert werden, oder in anderen Worten: als Medium, das verschiedene Formen annehmen kann.“1528 „Die Codes bezeichnen für ihren jeweiligen Funktionsbereich das zuständige Medium, also eine begrenzte, aber lose Kopplung von Möglichkeiten. Sie wirken an jeder Operation mit, denn anders ließe die Operation sich dem Medium und eventuell dem entsprechenden Funktionssystem nicht zuordnen. Sie können also nicht vergessen werden, während auf der Ebene der Programme sowohl Erinnern als auch Vergessen möglich ist […]. Nur die Codes werden zwangsläufig regeneriert. Nur sie definieren die Einheit des Mediums und eventuell des Funktionssystems durch eine spezifische Differenz, während die Programme wechseln können.“1529 „Zwischen Codierung und Programmierung herrscht daher keine hierarchische, sondern eine komplementäre Beziehung. […] Aber der Code definiert die Einheit des Systems, er macht erkennbar, welche Operationen das System reproduzieren und welche nicht. Programme dagegen sind Strukturen, die in den Operationen des Systems mal verwendet, mal nicht verwendet werden. Programme können auch, anders als der Code, durch Operationen des Systems geändert werden. Man kann die Beziehung Code/Programm daher mit den Begriffen konstant/variabel formulieren […].“1530 6.5.2.6 Zweitcodierung Merkmale der Zweitcodierung sind nach Luhmann Technisierung eines Mediums (Erleichterung des Übergangs von Wert zu Gegenwert) eröffnet Abstraktions- und Vergleichsmöglichkeiten 1528 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 193 1529 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 362; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 377 1530 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 401–402 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 322 gesteigerter Programmbedarf nicht alle Medien sind technisierbar „Für wichtige gesellschaftliche Codes gibt es heute Zweitcodierungen.“1531 Durch diese Struktur der Zweitcodierung wird „[…] ein besonderes Maß an Technisierung […] [erreicht].“1532 Zusätzlich kommt man „[a]uf diese Weise […] zur Öffnung neuer Kontingenzräume, zu einem entsprechend gesteigerten Programmbedarf und zu Problemen des Risikos und der Risikoabsorption.“1533 „Der Begriff der Zweitcodierungen eröffnet Abstrakions- und Vergleichsmöglichkeiten.“1534 „Er läßt, wenn er zutreffend angewandt werden kann, erwarten, daß das Gesamtsystem – Codierung ist nicht irgendeine Struktur, sondern die Leitdifferenz des Systems, der alle Operationen folgen – danach transformiert wird.“1535 „[…] [A]ls Technisierung eines Mediums […]“1536 wird „[…] die Erleichterung des Übergangs von Wert zu Gegenwert und zurück […] [bezeichnet] – Technik verstanden als eine Entlastung der informationsverarbeitenden Prozesse von Aufnahme und Mitberücksichtigung aller konkreten Sinnbezüge, die impliziert sind.“1537 „[…] [D]ie prominenten Fälle sind die Zweitcodierung des Eigentums durch das Geld und die Zweitcodierung der Macht durch das Recht. In beiden Fällen wird der positive Wert nochmals dupliziert, indem man Eigentum an Geld zum Zahlen und zum Nichtzahlen verwenden und Macht rechtmäßig und rechtwidrig brauchen kann – aber beides natürlich nicht, wenn man gar kein Eigentum oder gar keine Macht hat.“1538 1531 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 185 1532 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 367; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 185 1533 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 185 1534 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 186; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 367 1535 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 186 1536 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 367 1537 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 367 1538 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 367 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 323 Für das Wirtschaftssystem erklärt Luhmann ausführlicher, dass „[m]it dem Übergang zur Geldwirtschaft […] der Eigentumscode nicht etwa entbehrlich [wird]. Im Gegenteil: Mit der ‚Zweitcodierung‘ soll gerade gesagt sein, daß der Geldcode auf dem Eigentumscode aufbaut und dessen Funktionsfähigkeit voraussetzt.“1539 „Eigentum muß sich in den Kontext der Geldwirtschaft einfügen und kann sich nur behaupten, wenn es hinreichende Gründe gibt, es in der einen und nicht in der anderen Form als festgelegtes Geld zu halten.“1540 Für den Bereich des Medizincodes lassen sich folgende Zweitcodierungen beobachten: Der Wert Gesundheit […] wird nochmals gespalten in genetisch o. k./genetisch bedenklich.“1541 „[…] Auf Seiten des Wertes der Krankheit [geschieht dasselbe] mit Hilfe der Unterscheidung heilbare/unheilbare Krankheiten […] Im übrigen darf man vermuten, daß diese Zweitcodierungen das System der Krankenbehandlung in eine stärkere Abhängigkeit von der Gesellschaft bzw. von anderen gesellschaftlichen Funktionssystemen bringen […]“1542, wobei seine Autonomie nicht aufgehoben oder eingeschränkt würde.1543 Das Erziehungssystem verfügt über eine Zweitcodierung nach der Grundform besser/schlechter.1544 „Die Erziehung selbst läßt sich nur nach dem Code vermittelbar/nicht vermittelbar bewerten und daraus ergibt sich kein Anhaltspunkt für die Beurteilung ihrer Erfolge. Die Primärcodierung wird daher ergänzt durch ein retrospektives Verfahren, das festzustellen sucht, ob die Vermittlung gelungen ist oder nicht.“1545 Andere Medien zeigen als besondere Eigenart, dass sie nicht technisierbar sind, wobei diese Medien (z. B. Liebe, Kunst)1546 „[…] 1539 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 201 1540 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 194 1541 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 185 1542 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 186 1543 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 186 1544 vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 73 1545 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 73 1546 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 368 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 324 auf einige der Merkmale der anderen Medien verzichten müssen, vor allem auf gesicherte Systembildungsfähigkeit.“1547 6.5.2.7 Reflexionstheorie Den Begriff Reflexionstheorie erläutert Luhmann mittels der Architekturbausteine Funktionale Differenzierung/Funktionssysteme Code sowie dem Merkmal Selbstbeschreibung des Systems im System. „[…] Reflexionstheorien [bilden sich] im Zuge des Übergangs zu einer funktionalen Differenzierung des Gesellschaftssystems in allen wichtigen Funktionssystemen [aus] […].“1548 „[…] [Sie reagieren] auf gesellschaftliche Differenzierung und [verstärken] dadurch die gesellschaftliche Differenzierung […].“1549 Bei dem Begriff der Reflexionstheorie handelt „[…] es sich um eine Selbstbeschreibung des Systems im System […], also um eine Beschreibung, von der ein Beitrag zur Fortsetzung der spezifischen Autopoiesis des Systems erwartet wird.“1550 „Reflexionstheorien unterscheiden sich von bloßen Identitätsbezeichnungen dadurch, daß sie die Identität des Systems, das sich selbst bezeichnet, als Problem sehen und sie damit – obwohl es sich um die Identität des Systems handelt, in dem gerade dies stattfindet, einem Vergleich verschiedener Problemlösungen aussetzen.“1551 Sie „[…] unterstellen sich ihrerseits dem Code des Systems, das sie beschrei- 1547 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 368 1548 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 201 1549 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 82 1550 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 471–472; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 320; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 648 1551 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 483; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 82 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 325 ben, und operieren insofern in dem System.“1552 „Verglichen mit den Normaltheorien weisen alle Reflexionstheorien deutlich höhere Unsicherheiten [z. B. Quantenphysik oder Biochemie] auf.“1553 „Es kann in modernen Funktionssystemen (und erst recht: im System der Gesellschaft) eine Mehrheit unterschiedlicher Selbstbeschreibungen geben.“1554 6.5.3 Organisationen (Theorie) Organisationen sind „[…] eine evolutionäre Errungenschaft, die ein relativ hohes Entwicklungsniveau einer Gesellschaft voraussetzt.“1555 Daher müssen es „[…] gesellschaftliche Bedingungen gewesen sein […], die zur Entstehung und zur raschen, massenhaften Vermehrung von Organisationen geführt haben.“1556 „[…] [D]ie moderne Gesellschaft [ist] in all ihren Vorzügen direkt oder indirekt auf Organisation angewiesen […].“1557 „Organisationen ersetzen externe soziale Abhängigkeiten durch selbsterzeugte Abhängigkeiten.“1558 „[…] [D]as Spezifische von Organisationen wird sich nur erkennen lassen, wenn man Organisationen von anderen Arten der Systembildung unterscheiden kann; und wenn man also, wenn es um Systembildung geht, die besondere Art und Weise angeben kann, in der Organisationssysteme ihre Differenz von System und Umwelt erzeugen.“1559 1552 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 485 1553 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 486 1554 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 367 1555 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 827; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 380 1556 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 380; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 827 1557 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 384; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 847; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 15 1558 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 827–828 1559 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 326 „Die Theorie der Organisation muss […] auf der Ebene der Beobachtung dritter Ordnung angesetzt werden“1560, denn „[…] das Organisationssystem selbst operiert auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung; es diagnostiziert ständig (wenn auch nicht immer in jedem Einzelfall), die eigenen Beobachtungen.“ 6.5.3.1 Organisation Der Begriff Organisation wird erläutert anhand der Architekturbausteine Soziales System Operative Geschlossenheit System/Umwelt-Differenz Autopoiesis (Kommunikation von) Entscheidungen Mitgliedschaft Entscheidungsprämissen und Merkmale Zwei-Seiten-Form, auf deren anderer Seite mit Unsicherheit zu rechnen ist Produktion von Entscheidungen aus Entscheidungen leistet Unsicherheitsabsorption Verbindung von Organisation und Bewusstsein: Organisation ist bei Wahrnehmung auf Bewusstsein angewiesen Vorteile: stellt Motivation bereit, garantiert das Weitermachen auch für den Fall des Nichtweiterwissens, kann riesige Mengen von Interaktionen aufeinander abstimmen Organisationen sind soziale Systeme, für die somit alles gilt, was auch für soziale Systeme gilt.1561 „In diesem Sinne handelt es sich, wie auch 1560 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 47 1561 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 59; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 282; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 673; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 327 immer es um kausale Abhängigkeiten oder Unabhängigkeiten steht, um operativ geschlossene, autonome Systeme.“1562 „Ein Organisationssystem existiert nur dadurch, dass es sich von seiner Umwelt unterscheidet“1563 und besteht „[…] nur aus Ereignissen, die, indem sie vorkommen, schon wieder verschwinden […].“1564 „Organisation heißt schließlich [auch], daß es unterschiedliche Posten, unterschiedliche Gehälter, also Karrieren gibt.“1565 Luhmann definiert den Begriff der Organisationen aus mehreren Blickwinkeln. Hier bezieht er sich auf die Autopoiesis als Besonderheit von Organisationen und deren operativer Basis. „[…] Organisationen [sind] autopoietische Systeme […], die sich selber durch eigene Operationen produzieren und reproduzieren.“1566 Oder auch: „Eine Organisation […] ist ein autopoietisches System eigenen Typs – ein selbstreferenzielles, jeweils für sich intransparentes, daher auch unzuverlässiges, andererseits aber robustes System, das sich in der Gesellschaft etabliert, ohne ihr zu dienen.“1567 „Das schließt die These ein, dass die Organisationen sich selber als Organisationen charakterisieren.“1568 „Organisation ist die (sich selbst fortsetzende) Autopoiesis der Form von Sicherheit – das heißt: einer Zwei-Seiten-Form, auf deren anderer vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 282 1562 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 159–160 1563 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 37 1564 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 152 1565 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 330 1566 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 9; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 376; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 159; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 234, S. 236–237 1567 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 379; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 9 1568 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 9; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 45 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 328 Seite mit Unsicherheit zu rechnen ist.“1569 Durch diese so genannte Unsicherheitsabsorption wird „[…] Unsicherheit mehr und mehr abgebaut […] und im selben Zug aufgebaut, also erneuert […].“1570 „[F]ortbestehende und immer wieder neu generierte Unsicherheit ist die wichtigste Ressource der Autopoiesis des Systems. Denn ohne Sicherheit bliebe nichts zu entscheiden, die Organisation fände im Zustand kompletter Selbstfestlegung ihr Ende und würde mangels Tätigkeit aufhören zu existieren.“1571 „Mit dem Begriff der Unsicherheitsabsorption werden Organisationen als soziale Systeme beschrieben, die in einer für sie intransparenten Welt Unsicherheit in Sicherheit transformieren.“1572 „Damit legt sich die Organisation auf eine Welt fest, die sie selber konstruiert hat und an die sie glaubt, weil sie das Resultat ihrer eigenen Entscheidungsgeschichte ist. […] [D]ies [geschieht] durch Entscheidungen, und das garantiert eine ständige Regenerierung von Unsicherheit.“1573 Organisationen fertigen also eine eigene Wirklichkeitskonstruktion in einer unbekannten Welt, die sich mit jedem Entscheiden ändert, an.1574 Das bedeutet, dass „Organisationen […] ‚nichttriviale Maschinen‘ [sind], […] die [nicht] von außen gesteuert oder durch eine Input/Output- Transformationsfunktion beschrieben werden […] [können].“1575 Die operative Basis von Organisationen ist die Kommunikation von Entscheidungen.1576 Dadurch wird „[…] eine Art von Selektionsbewusstsein transportiert […], eine Art von Bewusstsein, das auch an- 1569 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 167 1570 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 167 1571 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 186 1572 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 216; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 302; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 317 1573 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 216; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 837; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 302 1574 vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 302; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 216 1575 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 191–192; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 243; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 9, S. 379 1576 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 830–831; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 329 ders hätte entschieden werden können.“1577 Organisationen „[…] produzieren Entscheidungen aus Entscheidungen und sind in diesem Sinne operativ geschlossene Systeme.“1578 „Die Produktion von Entscheidungen aus Entscheidungen leistet eine Unsicherheitsabsorption […] Organisationen erzeugen Entscheidungsmöglichkeiten, die es anderenfalls nicht gäbe.“1579 „[…] [A]ber in jeder Organisation [gibt es] auch eine Fülle von […] [auf die Entscheidungen] bezogenen anderen Kommunikationen […], etwa Nachfragen, vorbereitende Gespräche, Hinweise auf Umstände und Möglichkeiten, die Berücksichtigung verdienen, oder auch einfach sozial förderliche Kommunikation, auf die man jedoch keinen Wert legen würde, wäre man nicht gemeinsam Mitglied einer Organisation.“1580 Luhmann beleuchtet den Begriff der Organisation auch mit unter Aspekt der Mitgliedschaft. „[…] Organisationen […] [differenzieren] sich über die Frage der Mitgliedschaft oder der Nichtmitgliedschaft […] [aus].“1581 Sie rekrutieren ihre Mitglieder durch Entscheidung, entweder durch die Entscheidung der Organisation oder durch die Entscheidung des Mitglieds, was beides typischerweise zusammenhängt.1582 „Der für die 1577 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 285; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 69 1578 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 830–831; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 833; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 62–63, S. 68, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 159; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 397 1579 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 830 1580 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 69 1581 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 282 1582 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 390; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 282; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 189–190; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 159; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 330 Organisation wichtige Punkt ist, dass die Organisation in Bezug auf Mitgliederverhalten Anforderungen stellen kann, die sie in Bezug auf Nichtmitglieder nicht stellen kann.“1583 „[…] [D]as Verhalten in der Organisation [kann], soweit es formal reguliert ist, als Entscheidung behandelt werden […]. Hier wird die Erwartung sozusagen miteinkalkuliert, daß sie zur Entscheidung führt. Das Entscheiden selbst wird reflexiv. Erwartungen werden zu Entscheidungsprämissen und in diesem Sinne zu Entscheidungen über Entscheidungen.“1584 Zusätzlich wird das Verhältnis von Organisationen zur Gesellschaft bzw. zu deren Funktionssystemen von Luhmann beschrieben. Dieser Aspekt wird allerdings im entsprechenden Kapitel näher beleuchtet. An dieser Stelle wird nur der Vollständigkeit halber darauf hingewiesen. Auch interessiert sich Luhmann für die Verbindung von Organisationen und Bewusstsein. „[…] [S]oziale Systeme, also auch Organisationen, [können] nicht wahrnehmen […] [Dies ist ihnen] nur indirekt zugänglich, nämlich nur in Form ihrer eigenen Operationen, nämlich nur insoweit, als auf Grund von Wahrnehmungen kommuniziert wird. […] Organisationen [standardisieren] […] die Wahrnehmungsfelder der Individuen […], vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 673; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 236–237; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 296 1583 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 282; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 189–190; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 159; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 390; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 282; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 673; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 236–237; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 296; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 329 1584 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 296 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 331 z. B. durch Schrift, und […] regulieren [damit], welche Wahrnehmungen eine Chance haben, in Kommunikation transformiert zu werden.“1585 Und: „[…] Organisationen sind […] in ihrer Selbstbeobachtung in hohem Maße durch Personenzurechnungen bestimmt.“1586 Luhmann beschäftigt sich ebenso mit den Vorteilen von Organisation. „Die Vorteile formal organisierter Systeme lassen sich in vielen Hinsichten genauer präzisieren. Organisationen stellen Motivation bereit. Sie setzen das interaktionelle Aushandeln von Ergebnissen und Publikationen, das die neuere Wissenschaftsforschung stark betont, unter interaktionell nicht verfügbaren Beschränkungen und neutralisieren so gewisse Zufälligkeiten rein situativer Arrangements. Sie garantieren das Weitermachen auch für den Fall des Nichtweiterwissens. Vor allem ermöglichen Organisationen Periodenbildung, also Einrichtung von zeitlimitierten Projekten, mit der Gewißheit, daß der Betrieb (aber nicht notwendig die individuelle Anstellung und Karriere) nach der Beendung weiterläuft.“1587 „Organisationen können riesige Mengen von Interaktionen aufeinander abstimmen. Sie schaffen das Wunder, Interaktionen, obwohl sie stets und zwangsläufig gleichzeitig geschehen, trotzdem in ihren Vergangenheiten und Zukünften zu synchronisieren.“1588 „Die Prämisse von Organisationen ist das Unbekanntsein von Zukunft und der Erfolg von Organisationen liegt in der Behandlung dieser Ungewissheit: ihrer Steigerung, ihrer Spezifikation und der Reduktion ihrer Kosten.“1589 1585 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 119–120; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 305–307 1586 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 33 1587 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 674 1588 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 837 1589 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 10 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 332 6.5.3.2 Entscheidung Der Begriff Entscheidung wird definiert anhand folgender Architekturbausteine Organisation Autopoiesis Paradoxie Sinn und Merkmale Operation Kontingenz Unterscheidung von Vorher und Nachher (Zeitbegriff) Information Unsicherheitsabsorption (Funktion) Auch hier nutzt Luhmann verschiedene Sichtweisen, um den Begriff der Entscheidung zu präzisieren. Hier ist sein Ansatzpunkt die der Operation. „Als Elementarereignisse sind Entscheidungen die Letztelemente, aus denen ein organisiertes Sozialsystem besteht.“1590 „Entscheidung ist […] ein Ereignis, also ein Systemelement ohne eigene Dauer.“1591 Durch die Operation Entscheidung unterscheidet sich eine Organisation von anderen autopoietischen Systemen und bestimmt sich damit als eine Organisation bzw. macht sich damit zu einer Organisation.1592 „Entscheidungen sind […] keine präzidierbaren Objekte, sondern differenzerzeugende Operationen.“1593 „Entscheidung ist […] die einzige Möglichkeit, Einheit zu realisieren unter Bewahrung von Differenz.“1594 1590 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 277 1591 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 282 1592 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 9 1593 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 170 1594 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 278 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 333 „[…] [I]nnerhalb von Organisationssystemen kommt […] [eine Entscheidung] nur als Kommunikation zustande. […] [D]ie Entscheidung [ist demnach] ein kommunikatives Ereignis […].“1595 Die Entscheidung „[…] kann eine Zukunft in gewissem Ausmaß binden, weil sie etwas ermöglicht (ohne des determinieren zu können), was ohne die Entscheidung nicht möglich wäre. Eben deshalb bedarf die Entscheidung der Kommunikation. Das geschieht in der Normalsituation unter Festlegung auf eine von mehreren Optionen.“1596 „[…] Entscheidungen [gewinnen] nur als Kommunikation soziale Realität […].“1597 Teils bedient sich Luhmann des Begriffs der Kontingenz, um „Entscheidung“ zu erklären. „Entscheidungen werden durchweg als Auswahl unter mehreren Möglichkeiten beschrieben.“1598 „Für [einen Beobachter] […] ist die Entscheidung vor der Entscheidung eine andere als nach der Entscheidung. Vor der Entscheidung handelt es sich um eine offene Alternative, also auch um offene Kontingenz. […] Nach der Entscheidung verdichtet sich die Kontingenz; und man sieht jetzt nur noch, daß die getroffene Entscheidung auch anders möglich gewesen wäre. Die Kontingenz (definiert als: weder notwendig noch unmöglich) ist dann an einer Entscheidung fixiert. Auch hier gilt also: Eine Entscheidung ist etwas Verschiedenes (the same ist different).“1599 „Sachlich gesehen handelt es sich [also bei einer Entscheidung] […] um eine Konstruktion von Alternativität, also um den Einschluss des Ausgeschlosse- 1595 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 141; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 234 1596 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 831 1597 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 144 1598 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 308 1599 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 291; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 132–133, S. 170; vgl. Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft. In. Corsi, Giancarlo; Esposito, Elena: Reform und Innovation in einer modernen Gesellschaft. Lucius & Lucius, Stuttgart, 2005, S. 27–40, S. 34; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 235, S. 379; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 282 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 334 nen.“1600 „Sie ist die Differenz, die diese Alternativität konstituiert; oder genauer: sie ist die Einheit dieser Differenz. Also ein Paradox.“1601 „Entscheidungen gibt es nur, wenn etwas prinzipiell Unentscheidbares (nicht nur: Unentschiedenes!) vorliegt. Denn anderenfalls wäre die Entscheidung schon entschieden und müßte nur noch ‚erkannt‘ werden. Diese Paradoxie liegt im Sachverhältnis des ausgeschlossenen Dritten zur Alternative, die es konstruiert, um ausgeschlossen zu sein (= entscheiden zu können) […].“1602 „Die Entscheidung verhüllt das Entscheidende. […] [Luhmann vermutet], dass der blinde Fleck dazu dient, eine Paradoxie zu verdecken.“1603 Das heißt, dass die Besonderheit von organisierten Sozialsysteme ist, dass „Entscheidungen […] nur kommuniziert werden [können], wenn auch die abgelehnten Möglichkeiten mitkommuniziert werden, denn anders würde nicht verständlich werden, dass es sich überhaupt um eine Entscheidung handelt.“1604 „Die Entscheidung muss über sich selbst, aber dann auch noch über die Alternative informieren, also über das Paradox, dass die Alternative eine ist (denn sonst wäre die Entscheidung keine Entscheidung) und zugleich keine ist (denn sonst wäre die Entscheidung keine Entscheidung). [So] [k]ommuniziert […] jede Entscheidung auch die Kritik an sich selber, weil sie zugleich mitteilt, dass sie auch anders möglich gewesen wäre.“1605 „Dass eine Auswahl [einer Alternative] stattgefunden hat, kann man nur an dem Resultat, also nur retrospektiv erkennen. Das Ereignis (die Entscheidung) selbst bleibt ungeklärt und unbegriffen. Das hat zur Folge, dass es bei der Darstellung von Entscheidungen typisch zu Mystifikationen kommt […].“1606 1600 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 289; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 308 1601 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 308; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 292; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 236 1602 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 308 1603 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 288–289 1604 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 64 1605 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 142 1606 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 135 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 335 Entscheidungen können aber auch mit Hilfe der Unterscheidung von Vorher und Nachher, also über den Zeitbegriff, definiert werden, nämlich als Einführung von Zeit in die Zeit.1607 Aus der Handlung wird eine Entscheidung, wenn „[…] man das Vorher als Vergangenheit und das Nachher als Zukunft interpretiert.“1608 „[…] Zeit [bleibt] im Sinne einer Vorher/Nachher-Differenz beobachterrelativ.“1609 „Entscheidungen markieren […] damit die Irreversibilität der Zeit. Bemerkenswert ist, dass dies in Form von Ereignissen geschieht, die selbst an Zeitpunkte gebunden sind, also weder reversibel noch irreversibel sein können.“1610 „Entscheidungen können, ganz abstrakt, begriffen werden als eine Form, mit der der Zusammenhang von Vergangenheit und Zukunft unterbrochen und wiederhergestellt wird.“1611 „Vom jeweils gegenwärtigen Standpunkt aus, und Entscheidungen können selbstverständlich nur in der Gegenwart getroffen werden, steht die Vergangenheit bereits fest, die Zukunft dagegen noch nicht.“1612 „Die Gegenwart […] konstruiert, wenn man so sagen darf, einen Kompromiß zwischen Rekonstruktionen ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft, und in genau diesem Sinne ist jede Entscheidung neu.“1613 Eine „[…] Entscheidung [kann] nicht die Vergangenheit ändern oder die Zukunft bestimmen […].“1614 1607 vgl. Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 34–36; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 45–46, S. 65, S. 162; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, 236 1608 Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 34–36; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 45–46, S. 65, S. 162; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, 236 1609 Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 34–35; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 140 1610 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 65 1611 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 325 1612 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 145–146, S. 235; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 291; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 309, S. 325 1613 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 146 1614 Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 35–36; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 309 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 336 „Die Gegenwart […] ist nichts anderes als die Differenz von Vergangenheit und Zukunft und hat nur als Differenz (also nicht: als momentane Anwesenheit des Seins) Aktualität. Sie ist nur, indem sie nicht mehr und noch nicht ist.“1615 „[…] Gegenwart ist in jedem Moment neu, in jedem Moment der Beginn einer neuen Geschichte, und deshalb muss sie Information und Entscheidung werden, um durch Bezeichnung ihrer Vergangenheit und ihrer Zukunft für sich selbst Form zu gewinnen.“1616 „[…] [D]ie Entscheidung [ist] vor der Entscheidung eine andere als nach der Entscheidung, und während der Entscheidung (gleichzeitig) kann man sie überhaupt nicht beobachten. Also ist die Entscheidung […] ein Paradox: Dasselbe und nicht Dasselbe.“1617 „[…] Entscheidungen [bewerkstelligen] einen Wiedereintritt der Zeit in die Zeit […] – ein ‚re-entry‘ im Sinne des Formenkalküls von George Spencer Brown.“1618 „[…] [N]ämlich ein re-entry der gegenwärtig erfahrenen Differenz von Vergangenheit und Zukunft in sich selbst […].“1619 „Die Entscheidung findet also nicht nur in der Zeit statt. Sie erzeugt sich selbst mit Hilfe der Zeit, nämlich durch jenes re-entry der Zeitdifferenz in die Zeitdifferenz.“1620 „Entscheidungen dienen […] der Beobachtung von Zeit.“1621 „Erst Entscheidungen machen Voraussicht möglich.“1622 „[…] [E]in System [integriert] durch Entscheidungen sich selbst zeitlich […], [es benutzt] seine Vergangenheit zur Einschränkung seiner Zukunft und seine Zukunft zur Einschränkung seiner Vergangenheit […].“1623 1615 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 154; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 235 1616 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 156 1617 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 171 1618 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 150; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 152; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 171 1619 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 171 1620 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 150; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 152 1621 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 145 1622 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 148 1623 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 152 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 337 Luhmann beleuchtet auch den Zusammenhang von Information und Entscheidung. „Um eine Alternative entscheiden, um ihre eine, aber nicht andere Variante bezeichnen zu können, braucht eine Entscheidung Information. […] Aber auch das Umgekehrte gilt: Die Entscheidung erzeugt das Moment der Überraschung, der als Information kommuniziert werden kann. […] In diesem Sinne kann man den autopoietischen Zusammenhang von Entscheidungen als Informationsverarbeitung bezeichnen.“1624 „Obwohl alle Irritationen wie Informationen intern konstruiert sind, oszilliert das System ständig zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz. […] [D]as System [verwandelt] jetzt mit einer bestimmten Konstruktion seine Irritation in Informationen […] und [ändert] daraufhin die eigenen Zustände […] und [ist] dann darüber wieder irritiert […].“1625 „[…] [K]eine Entscheidung [kann] sich auf vollständige Information stützen […].Die Last der fehlenden Information ist die Voraussetzung für die Lust am Entscheiden. Bei vollständiger Information könnte keine Entscheidung sich als Entscheidung kenntlich machen.“1626 „Fortbestehende und immer wieder neu generierte Unsicherheit ist die wichtigste Ressource der Autopoiesis des Systems. Denn ohne Unsicherheit bliebe nichts zu entscheiden, die Organisation fände im Zustande kompletter Selbstfestlegung ihr Ende und würde mangels Tätigkeit aufhören zu existieren.“1627 1624 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 183; vgl. Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 30 1625 Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 17–18; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 397; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 287–310, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 32; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 52 1626 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 188 1627 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 186 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 338 Schließlich befasst sich Luhmann mit den Funktionen von Entscheidungen. „[…] [I]n den Prozessen der Entscheidungskommunikation, in denen Entscheidungen aus Entscheidungen produziert werden […] findet die Absorption der Unsicherheit statt, also die Transformation von Unsicherheit in selbstgarantierte, konstruierte Sicherheit.“1628 „Und hier entscheidet sich, welche operative, nicht nur strukturelle Komplexität das System erreicht.“1629 „Entscheidungen sind auffällige Ereignisse, die zugleich erhellen und verdunkeln, wie die Welt sich bewegt.“1630 Alles in allem dienen Entscheidungen der „[…] Sinnfindung, […] der Limitierung der möglichen Zukunft des Systems; und das Gedächtnis des Systems hält folglich nicht die vorhandenen Informationen fest, sondern die eigenen Entscheidungen.“1631 6.5.3.3 Mitgliedschaft Mitgliedschaft wird erläutert anhand der Architekturbausteine Organisation Umwelt Strukturelle Kopplung Entscheidung Entscheidungsprämissen Gedächtnis und Merkmale zu verstehen als Abstraktion eines Motivationspotenzials, als Erzeugung von Indifferenz, die im System durch besondere Regelungen und Weisungen spezifiziert werden kann Mitgliedschaftsrolle symbolisiert Zugehörigkeit zum System 1628 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 317; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 257 1629 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 317 1630 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 154 1631 Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 31 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 339 betrifft nur Ausschnitte des Verhaltens von gesamten Personen, nur eine Rolle neben anderen ist dasjenige Symbol, das die Kommunikation als interne Operation ausweist markiert die Innenseite der Form, also dass, was im System primär interessiert und in seinen Konsequenzen zu beachten ist „[…] [D]ie Mitgliedschaftsrolle [in Organisationen ist zu] verstehen als Abstraktion eines Motivationspotenzials, als Erzeugung von Indifferenz, die dann im System durch besondere Regelungen und Weisungen spezifiziert werden kann. Gemeint ist damit, dass ein Mitglied einer Organisation verschiedene fremddeterminierte Verhaltensweisen ausführen kann, ohne an Selbstrespekt einzubüßen und ohne mit der Vorstellung von sich selbst in Konflikt zu geraten.“1632 „Als eine […] ‚Black Box‘ gehört das Individuum Mensch zur Umwelt der Gesellschaft, also auch zur Umwelt ihrer Organisationen. […] [Es wird] […] die Einheit von Individuum und Person als operative Fiktion […] [unterstellt]. […] [E]ine Person ist nichts anderes als ein ‚token for (Eigen-)Behaviors‘ sozialer Systeme.“1633 „[…] [D]ie Mitgliedsrolle [ist] eine Gesamtformel für strukturelle Kopplungen, deren Irritationen dann in den psychischen Systemen und in den Organisationen auf sehr verschiedene, nicht integrierbare, immer wieder überraschende Weise verarbeitet werden.“1634 „[…] [D]ie Mitgliedschaftsrolle, die Zugehörigkeit zum System, [ist] dasjenige Symbol, das die Kommunikation als interne Operation ausweist.“1635 „Mitgliedschaft […] wird durch Entscheidung […] erworben und kann durch Entscheidung […] verloren gehen.“1636 „Sie betrifft auch nicht […] die gesamte Person, sondern nur Ausschnitte ih- 1632 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 84 1633 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 90 1634 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 111 1635 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 830 1636 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 829; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 236–237 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 340 res Verhaltens, nur eine Rolle neben anderen.“1637 „In der Auswahl von Personen geht es letztlich um die Selektion von Entscheidungsprämissen für Entscheidungen.“1638 „Letztlich muss jedes Sozialsystem von der Unerforschlichkeit des bewussten/unterbewussten Innenlebens psychischer Systeme ausgehen […].“1639 „[…] [D]ie Mitgliedschaftsrolle der Organisation [dient] als Teil ihres Gedächtnisses.“1640 Luhmann bezieht sich bei der Erklärung der Mitgliedschaft auch auf den Formbegriff. „Als Systemform gesehen markiert Mitgliedschaft die ‚Innenseite‘ der Form, also das, was im System primär interessiert und in seinen Konsequenzen zu beachten ist.“1641 6.5.3.4 Entscheidungsprämissen Luhmann definiert den Begriff der Entscheidungsprämissen mithilfe der Architekturbausteine Organisation Entscheidung Strukturen Reflexion und Merkmale Funktionen/Wirkungen in Organisationen nehmen Strukturen die Form von Entscheidungsprämissen an Typen von Entscheidungsprämissen (Entscheidungsprogramme, Kommunikationswege, Regulierung des Personaleinsatzes) Stellen 1637 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 829 1638 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 269 1639 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 96 1640 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 113; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 86 1641 Luhmann Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 829 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 341 Organisationskultur (nicht entschiedene Entscheidungsprämissen) Unsicherheitsabsorption „Es ist klar, daß keine Organisation funktionieren könnte, wenn in jeder Entscheidung alle vorangegangenen Entscheidungen überprüft würden, was auch heißen müßte, die Überprüfung zu überprüfen.“1642 Stattdessen ermöglichen sich „Organisationen […] die Erzeugung interner, noch bestimmungsbedürftiger Komplexität durch die Entscheidung über Entscheidungsprämissen für weitere Entscheidungen. Mit ‚Prämisse‘ soll gesagt sein, dass es sich um Voraussetzungen handelt, die bei ihrer Verwendung nicht mehr geprüft werden. […] Durch Entscheidungen über Entscheidungsprämissen können zwar Entscheidungskosten eingespart werden, aber dafür müssen nicht voll spezifizierte Entscheidungen in Kauf genommen werden.“1643 Das heißt: „In Organisationen nehmen Strukturen die Form von Entscheidungsprämissen an.“1644 Mit Entscheidungsprämissen wird sichergestellt, „[…] dass eine Vielzahl von Entscheidungen sich (1) an denselben Entscheidungsprämissen orientiert und (2) sich darauf eingestellt, dass andere Entscheidungen sich nach anderen Entscheidungsprämissen richten.“1645 „Entscheidungsprämissen wirken […] als Redundanzen, die die Informationslast auf ein leistbares Format reduzieren.“1646 „[…] Entscheidungsprämissen […] [schränken] den Spielraum für eine Mehrzahl von Entscheidungen gleichsinnig [ein] […]“1647 und „[…] wirken […] als Re- 1642 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 301 1643 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 222–223; vgl. Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 30–31; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 837 1644 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 331; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 833–834; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 397 1645 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 237–239; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 225 1646 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 227 1647 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 225; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 296 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 342 dundanzen, die die Informationslast auf ein leistbares Format reduzieren.“1648 „[…] [W]enn Entscheidungen als Entscheidungsprämissen akzeptiert und dem weiteren Entscheiden zugrunde gelegt werden [findet Unsicherheitsabsorption statt].“1649 „Der Begriff Unsicherheitsabsorption beschreibt […] die Sukzession von Entscheidungen, den Entscheidungsprozess.“1650 „Unsicherheitsabsorption ist […] nur ein anderer Begriff für die systeminterne Erzeugung von Information […] über die Unwahrscheinlichkeit systemeigener Einschränkungen des Spielraums anderer Möglichkeiten.“1651 „Unsicherheitsabsorption verbindet Entscheidungen mit Entscheidungen, aber nicht jede Entscheidung mit jeder Entscheidung des Systems. Insofern sind Organisationen komplex: Sie können nicht jedes Element mit jedem anderen Element verknüpfen, sondern können nur selektive Verknüpfungen realisieren. Diese notwendige Selektivität kann man als systemeigenes Gedächtnis begreifen. […] [D]as Gedächtnis [nimmt] an allen Entscheidungen der Organisation teil; denn anders könnten die Operationen gar nicht erkennen, dass sie Entscheidungen sind, und könnten sich auch nicht einem bestimmten System (und keinem anderen) zuordnen.“1652 „Nur mit Hilfe ihres Gedächtnisses kann die Organisation in ihre Vergangenheit Alternativen hineinlesen und ihre Zukunft durch Differenzbestimmungen strukturieren […].“1653 „[…] [I]n der Unsicherheitsabsorption hinterläßt die Autopoiesis des Systems ihre Spuren, das heißt: die Produktion (= Reproduktion) von Entscheidungen aus Entscheidungen ist nur in dieser Form möglich ist. […] Unsicherheitsabsorption [ist] ein invariantes Merkmal von 1648 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 227 1649 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 299 1650 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 185; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 317 1651 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 185 1652 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 192–193 1653 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 195 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 343 Organisationen, Strukturierung dagegen eine variable Engführung von Entscheidungsinhalten.“1654 „[…] [U]m das Reflexions- und Selbständerungspotenzial von Organisationen zu begreifen, […] dient die Unterscheidung von Entscheidungen und Entscheidungsprämissen, die eine doppelte Schließung des Systems auf operativer und struktureller Ebene ermöglicht, und doppelte Schließung ist generell eine Bedingung für Reflexion.“1655 Es gibt verschiedene Typen von Entscheidungsprämissen, nämlich Entscheidungsprogramme, Kommunikationswege und Regulierung des Personaleinsatzes.1656 Entscheidungsprogramme sind „[…] regulative Bedingungen für richtiges (oder im anderen Falle: fehlerhaftes Entscheiden) […].“1657 „Über Entscheidungsprämissen können auch Kommunikationswege vorgeschriebenen werden, die eingehalten werde müssen, wenn die Entscheidung als solche der Organisation Anerkennung finden soll.“1658 „Kommunikationswege haben […] nur den Sinn des (typisch verlustreichen, durch ‚Rauschen‘ gestörten) Transports von Kompetenz.“1659 Die Regulierung des Personaleinsatzes soll sicherstellen, dass die ausgewählten Personen sich für bestimmte Aufgaben eignen.1660 „Zu den Entscheidungsprämissen […] gehören die Entscheidungsprogramme. […] Entscheidungsprogramme definieren Bedingungen der sachlichen Richtigkeit von Entscheidungen. […] Wie alle Entscheidungen in Organisationen gewinnen auch Entscheidungsprämissen nur 1654 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 301–302 1655 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 9 1656 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 225; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 9–10; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 296 1657 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 225; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 296 1658 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 225; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 296 1659 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 319 1660 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 225; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 296 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 344 als Kommunikation Realität.“1661 Entscheidungsprogramme sind „[…] Regeln, die ohne Zeitbeschränkung auf mehr als einen Fall angewendet werden können. […] Die Programme gelten, wenn sie in Kraft gesetzt sind, bis sie geändert oder aufgehoben werden. Sie bilden das ‚positive Recht‘ der Organisation.“1662 „Mit dieser Konstruktion von Eigenkausalität [durch Entscheidungsprogramme] erreicht das System eine Unabhängigkeit von der Umwelt, die ihm operative Schließung und den Aufbau von eigener Komplexität ermöglicht.“1663 Bei den Entscheidungsprogrammen wird zwischen primär inputorientierten Konditionalprogrammen und primär outputorientierten Zweckprogrammen unterschieden.1664 Es handelt sich um Konditional- bzw. Zweckprogramme, wenn „[…] Orientierungspunkte für eine Entscheidung in der Vergangenheit verankert oder in die Zukunft ausgelagert werden. […] Entweder lässt die Entscheidung sich durch Bedingungen einschränken, wenn nicht zwingen, die in der Vergangenheit gesetzt sind; oder sie legt einen Zweck in die Zukunft, der eine Differenz bezeichnet, was andernfalls eintreten würde.“1665 „Konditionalprogramme unterscheiden zwischen Bedingungen und Konsequenzen, Zweckprogramme zwischen Zwecken und Mitteln. […] [B]eide Programmformen [erhalten] den Status normativer Geltung. Das heißt aber nur, dass sie durch Entscheidung in Kraft gesetzt werden und gelten solange, wie sie nicht verändert werden.“1666 „Konditionalprogramme haben die allgemeine Form des ‚wenn – dann‘. Im Allgemeinen heißt das: ‚nur wenn – dann‘. Das heißt dann: was nicht erlaubt ist, also durch die genannten Bedingungen ausgelöst wird, ist verboten. […] Konditionalprogramme können sequentiell 1661 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 256–258 1662 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 271; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 842 1663 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 278 1664 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 261–262 1665 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 172–173 1666 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 261–262 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 345 hintereinander geschaltet werden, indem die Durchführung eines Programms Auslösesignal für das nächste ist.“1667 „Zweckprogramme sind vom Prinzip her anders gebaut, auch wenn man sie, vor allem im Bereich ihrer ‚Mittel‘, mit Konditionalisierungen durchmischt vorfindet. […] [B]ei Zwecken [handelt] es sich immer um ‚Programme‘ […], also um Kontruktionen, die auch anders gewählt werden könnten. […] Auch über Zwecke muss erst noch entschieden werden […]. Zweckprogramme sind deshalb reine Zukunftsprogramme. […] [E]ine stets unsichere, stets unbekannte Zukunft [muss] in der Gegenwart so behandelt werden, als ob sie schon feststünde. […] Bei Konditionalprogrammen gilt: was nicht verboten ist, ist erlaubt.“1668 „In beiden Formen, als Konditionalprogramme und Zweckprogramme, strukturieren Entscheidungsprogramme das Gedächtnis des Systems.“1669 „Durch Entscheidungsprogramme kann festgelegt werden, was zu erinnern ist und was vergessen werden kann. […] Die Funktion des Gedächtnisses besteht […] nicht in der Aufbewahrung von möglichst viel ‚Daten‘ der Vergangenheit, sondern in der Reduktion von Komplexität durch ständiges Vergessen, das in Ausnahmefällen unterbrochen wird. […] Es arbeitet immer in der Gegenwart, und es referiert, im Vergessen wie im Erinnern, nur die Eigenzustände des Systems.“1670 „Was erreicht wird, ist eine Steigerung der Selektivität.“1671 „Das Gedächtnis der Organisation hält im Allgemeinen nicht fest, warum so entschieden worden ist, wie entschieden worden ist.“1672 „Das programmierte Systemgedächtnis muss abgestimmt sein auf die Entscheidungs- bzw. auf die Kommunikationskapazitäten des Sys- 1667 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 263 1668 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 265–266 1669 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 275 1670 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 275; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 317 1671 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 317 1672 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 154 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 346 tems. Wenn das System sich durch seine eigene Programmierung überfordert […], vergisst das System seine Programme; oder es entwickelt ein Zweitgedächtnis, das Anhaltspunkte festhält, aus welchen Anlässen in Büchern nachzuschlagen ist.“1673 „[…] Stellen im Organisationssystem [dienen] der Herstellung von Konsistenz im Verhältnis der Entscheidungsprämissen zueinander. In jedem Falle müssen die Entscheidungsprämissen Programm, Personal und Kommunikationswege koordiniert werden. […] Die Stelle […] ist nichts weiter als eine inhaltsleere Identität mit auswechselbaren Komponenten. […] Der Sinn einer Stelle liegt in der wechselseitigen Einschränkung von Entscheidungsprämissen. […] Stellen [sind] bewegliche Redundanzen […], in die Entscheidungsprämissen verschiedener Typik eingebaut und aus denen sie ausgebaut werden können.“1674 „Organisationen benötigen ständig freie Stellen, um Reformpläne oder andere Neuerungen zu realisieren.“1675 „Jede Entscheidung ist rein faktisch immer auch Entscheidungsprämisse für andere Entscheidungen, gleichgültig, ob sie dafür die Form einer Regel, eines Programms, einer Direktive wählt oder nicht. Denn: was entschieden ist, muss im Normalfalle nicht nochmals entschieden werden […] In diesem Sinne kommt es zu einer operativen Schlie- ßung des Systems auf der Grundlage eigener Entscheidungen und dies unabhängig davon, was die beteiligten Bewusstseinssysteme als Entscheidungen erleben. […] Vorentscheidungen setzen Folgeentscheidungen in der Kommunikation unter Erwartungsdruck, der es dann unausweichlich macht, die weitere Entscheidung in der Kommunikation als Entscheidung auszuflaggen.“1676 „[…] [I]n jeder Organisation […] entstehen Strukturen, die nicht auf Entscheidungen des Systems zurückgeführt werden, obwohl sie ent- 1673 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 277 1674 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 232–234; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 316 1675 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 309 1676 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 298 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 347 stehen, wenn das System autopoietisch funktioniert, sich selbst also durch Entscheidungen reproduziert. […] [S]olche nichtentschiedenen Entscheidungsprämissen [bilden die] Organisationskultur […], [die] als Selbstverständlichkeit angesehen [wird] […].“1677„[…] Organisationskulturen [entstehen] dort […], wo Probleme auftauchen, die nicht durch Anweisung gelöst werden können […].“1678 „Eine Organisationskultur entsteht wie von selbst.“1679 „[…] [D]ie sich ohne Entscheidung entwickelnden […] Organisationskulturen [unterscheiden] sich von System zu System […] Die Abhängigkeit von der eigenen Geschichte individualisiert das System.“1680 Neben den in selbstreferenzieller Perspektive konstruierten Entscheidungsprämissen „[…] gibt [es] auch Entscheidungsprämissen, die in die Umwelt ausgelagert, also in fremdreferenzieller Perspektive konstruiert werden. […] [Luhmann nennt] sie ‚kognitiven Routinen‘ […] ‚[K]ognitive Routinen‘ [sind] […] Identifikationen, die für mehrfachen Gebrauch in Kommunikationen gespeichert sind und bei Bedarf abgerufen werden können. […] Kognitive Routinen entstehen mit der Entscheidungspraxis des Systems und bleiben von ihr abhängig. […] Kognitive Routinen sind selbst das Ergebnis von Prozessen der Unsicherheitsabsorption, aber das System behandelt sie nicht als selbstkonstruierte Artefakte, sondern gewährt ihnen Realitätskredit. […] [Sie dienen] dazu, Entscheidungsmöglichkeiten zu erzeugen, die anderenfalls gar nicht denkbar wären.“1681 1677 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 145; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 241–243 1678 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 241 1679 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 243 1680 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 248 1681 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 250–251 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 348 6.5.4 System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen Die Systemtheorie unterscheidet „[…] zwischen System/Umwelt- Beziehungen und System-zu-Systembeziehungen.“1682 „In der System/Umwelt-Beziehung operiert das System universalistisch, das heißt in der Form eines Schnitts durch die Welt. In System-zu-System- Beziehungen operiert es spezifisch, das heißt in bestimmten kontingenten Operationsweisen.“1683 „Nur mit der Unterscheidung von System und Umwelt erfaßt das System die Welteinheit bzw. die Einheit des umfassenden Systems, und zwar mit einer jeweils selbstbezüglichen Unterscheidung.“1684 In System/Umwelt-Beziehungen gibt „‚[d]ie Umwelt‘ […] keine Information“,1685 da das System die Umwelt nicht kontaktieren kann.1686 Trotzdem gibt es Kausalbeziehungen zwischen System und Umwelt, denn das System kann „[…] in bestimmter Weise kausale Interdependenzen zur Umwelt eingehen, ohne die eigene Reproduktionsfähigkeit zu verlieren. Ohne operative Geschlossenheit gäbe es kein System, also auch keine Kausalbeziehungen zwischen System und Umwelt. Ohne operative Geschlossenheit gäbe es kein umweltoffenes, in spezifischen Hinsichten von Umweltbedingungen abhängiges System.“1687 „Beziehungen zu dieser Umwelt kann das System nur auf Grund von Eigenleistungen herstellen, nur im Vollzug eigener Operationen, die nur dank jener rekursiven Vernetzung möglich sind, die wir als Geschlossenheit bezeichnen. Oder kurz gesagt: Offenheit ist nur auf Grund von Geschlossenheit möglich.“1688 1682 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 600; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 247; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 410 1683 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 609–610 1684 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 600; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 609 1685 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 609 1686 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53 1687 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 28 1688 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 76 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 349 Bei „[…] System-zu-System-Beziehungen tauchen in der Umwelt bezeichnungsfähige Einheiten auf. Auch hier kann das System seine eigenen Grenzen nicht operativ überschreiten (denn sonst müßte es in der Umwelt operieren), aber es kann beobachten, das heißt bezeichnen, welche spezifischen Sachverhalte in der Umwelt (hier: andere Systeme) für es in spezifischer Weise relevant sind.“1689 „Gerade diese Ausschnitthaftigkeit ermöglicht es dann, das jeweils andere Systeme als System-in-einer-eigenen-Umwelt zu beobachten und damit die Welt bzw. die Gesellschaft aus der Perspektive des Beobachtens von Beobachtungen (Beobachtungen zweiter Ordnung) zu rekonstruieren.“1690 Darüber hinaus schafft „[d]ie Differenzierung des Gesellschaftssystems […] für jedes Teilsystem eine Dreifalt von Beziehungsmöglichkeiten: (1) die Beziehung zum Gesamtsystem Gesellschaft, dem es angehört und mitvollzieht [Funktion], (2) die Beziehung zu den anderen Teilsystemen [Leistung] und (3) die Beziehung zu sich selbst [Reflexion].“1691 Dies sind auch die drei „[…] Möglichkeiten der Beobachtung von Systemen[…], wenn es zur Bildung von Teilsystemen kommt.“1692 „[…] [B]ei allem Beobachten und Beschreiben (auch bei dem zweiter und dritter Ordnung) [handelt es sich] um kontextabhängige Realoperationen […] Der Beobachter ist eben kein Subjekt mehr mit transzendental begründeten Sonderrechten im Safe; er ist der Welt, die er erkennt, ausgeliefert.“1693 „[…] [E]in Beobachter (und auch: ein Selbstbeobachter) kann nicht sehen, was er nicht sehen kann, und zwar vor allem sich selbst nicht. Die Einheit der Gesellschaft wird in der Selbstbeobachtung zur Paradoxie des Beobachters.“1694 1689 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 609; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 600 1690 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 600 1691 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 635–637 1692 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 757 1693 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1117–1118 1694 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 1061 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 350 6.5.4.1 Irritation / Resonanz / Information Grundsätzlich gilt, dass ein autopoietisches System seine Umwelt nicht kontaktieren kann.1695 Luhmann nutzt daher zur Erklärung der „[…] Kompatibilität der strukturellen Kopplung mit der Autopoiesis […] die Ausdrücke ‚Irritationen‘ oder ‚Reizung‘ oder auch, vom System her gesehen, ‚Resonanzfähigkeit‘. Die Resonanz des Systems wird durch strukturelle Kopplung aktiviert.“1696 Mithilfe folgender Architekturbausteine definiert Luhmann die Begriffe Autopoiesis Strukturelle Kopplung Operative Geschlossenheit Beobachtung System-zu-System-Beziehung Interpenetration (Abgrenzung) Irritation/Resonanz wird anhand nachstehender Merkmale beschrieben Umsetzung von strukturellen Kopplungen in Irritationen systemeigener Zustand kann nur von einem Beobachter gesehen werden dient nicht der besseren Anpassung des Systems an die Umwelt dient der Fortsetzung der Autopoiesis des Systems Information wird mit den Merkmalen erläutert entsteht aus Irritation, wenn diese nicht verdrängt, sondern beobachtet und bearbeitet wird systeminternes Konstrukt muss neu sein Unterschied, der einen Unterschied macht „Irritation [oder ‚Pertubation‘] ist […] ein Systemzustand, der zur Fortsetzung der autopoietischen Operationen des Systems anregt, da- 1695 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53 1696 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 124 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 351 bei aber zunächst offen lässt, ob dazu Strukturen geändert werden müssen oder nicht; ob also über weitere Irritationen Lernprozesse eingeleitet werden oder das System sich darauf verläßt, daß die Irritationen mit der Zeit von selbst verschwinden werde [sic!], weil sie ein nur einmaliges Ereignis war. Im Offenhalten beider Möglichkeiten liegt eine Garantie für die Autopoiesis des Systems und zugleich eine Garantie seiner Evolutionsfähigkeit. Aber die Autopoiesis hängt nicht, das wäre fatal, von der Lernfähigkeit des Systems ab.“1697 „Irritation ist […] nicht etwas, was in der Umwelt schon vorhanden ist und dann in das System überführt werden kann.“1698 „Die Umsetzung von strukturellen Kopplungen […] in Irritationen verknüpft mithin einen System/Umwelt-Zusammenhang, den nur ein Beobachter sehen kann, mit Eigenzuständen, auf die das System autopoietisch reagieren kann und, mehr oder weniger folgenreich, reagieren muß. Strukturelle Kopplung gibt den Anstoß zu einer Art Dauerirritation der Systeme […].“1699 Das heißt: „[…] [N]ur ein Beobachter kann formulieren, daß ‚die Umwelt das System irritiert‘.“1700 Denn „[d]ie Umwelt selbst ist nicht irritiert, wenn sie das System irritiert […].“1701 Das bedeutet auch, dass „[d]ie strukturellen Kopplungen […] den Zustand des Systems nicht [determinieren]. Sie versorgen das System nur mit Störungen […].“1702 Somit ist „Irritation […] ein jeweils systemeigener Zustand ohne Entsprechung in der Umwelt des Systems.“1703 1697 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 790 1698 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 213; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 124 1699 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 213 1700 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 443 1701 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 443; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 17 1702 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 124 1703 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 792;vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 213; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 17 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 352 Luhmann erwähnt auch, dass „[…] Irritationen nie auf ‚die Umwelt‘ (als Einheit) zugerechnet werden können. Der Begriff bezieht also sich nicht auf das allgemeine System/Umwelt-Verhältnis, sondern auf System-zu-System-Beziehungen […].“1704 Um den Begriff der Irritation zu konkretisieren, grenzt Luhmann ihn von dem Begriff Interpenetration ab. „Unter ‚Interpenetration‘ soll verstanden sein, daß ein autopoietisches System die komplexen Leistungen der Autopoiesis eines anderen Systems voraussetzen und wie ein Teil des eigenen Systems behandeln kann. […] Unter ‚Irritation‘ soll verstanden sein, daß ein autopoietisches System auf dem eigenen Bildschirm Störungen, Ambiguitäten, Enttäuschungen, Devianzen, Inkonsistenzen wahrnimmt in Formen, mit denen es weiterarbeiten kann.“1705 „Die Pauschalisierung (Generalisierung) der Interpenetration wird durch die Irritabilität des Systems kompensiert und gegen ein andernfalls sehr rasch zunehmendes Aus-dem-Gleichschritt-Kommen abgesichert. Im Gesamteffekt operieren autopoietische System daher schon immer umweltangepaßt, weil sie durch diese Doppeleinrichtung von Interpenetration und Irritabilität in der Zone realer Möglichkeiten gehalten werden. Und dies geschieht, ohne daß die autopoietische Autonomie und Strukturdeterminiertheit der Eigendynamik der Systeme dadurch beeinträchtigt würde. Es geschieht ausschließlich auf der Grundlage der systemeigenen Operationen.“1706 Hervorzuheben ist, wozu Irritationen nicht dienen. „[…] [D]ie Operationen und die aufgebauten Strukturen eines Systems [dienen] nicht der besseren Anpassung des Systems an seine Umwelt, sondern der Fortsetzung der Autopoiesis des Systems.“1707 „Der Gegenfall wäre: Beendung der Operation.“1708 Ebenso dienen die Irritationsfähigkeit 1704 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 791 1705 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 153 1706 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 153 1707 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 74; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 467–468 1708 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 467–468 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 353 des Systems bzw. Irritationen „[…] nicht der besseren Anpassung an die Umwelt, sondern der Erzeugung von systeminternen Problemen […] und damit der Suche nach Problemlösungen – also der Anpassung des Systems an sich selbst.“1709 Allgemein bedeutet dies, dass sich „[…] aus den kausalen Beziehungen zwischen System und Umwelt [nicht] auf Anpassung des Systems an die Umwelt […] schließen [läßt].“1710 „[…] [J]edes System [ist] immer schon angepaßt an seine Umwelt (oder es existiert nicht), hat aber innerhalb des damit gegebenen Spielraums alle Möglichkeiten, sich unangepasst zu verhalten […].“1711 „[D]as bedeutet weder, daß das System sich um eine immer bessere Anpassung an seine Umwelt bemüht; noch daß die Umwelt präferentiell die bestangepaßten Systeme auswählt.“1712 Luhmann führt auch den Begriff Information ein. „Ein System, das eigene Irritation nicht verdrängt, sondern beobachtet und bearbeitet, gibt ihnen die Form einer Information.“1713 „Alle Information […] ist ein systeminternes Konstrukt und hängt von Unterscheidungen ab, mit denen ein System die Welt beobachtet.“1714 „[…] [A]ber was im Schema der Information verarbeitet wird, kann auf Irritationen des Systems durch seine Umwelt zurückgehen.“1715 „[…] Information hat im System die Funktion der selektiven Beschränkung der Möglichkeiten der Fortsetzung eigener Operationen mit der weiteren Funktion, dass über Anschlussmöglichkeiten relativ schnell entschieden werden 1709 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 74–75 1710 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 133 1711 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 101; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 344 1712 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 344 1713 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 99 1714 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53, S. 56; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 38; vgl. Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 32; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 99 1715 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 354 kann.“1716 „Geschlossenheit in diesem operativen Sinne ist Voraussetzung für die Offenheit von Systemen.“1717 „Informationsverarbeitende Systeme sind demnach operativ geschlossene Systeme. […] Die Umformung von irritierenden Signalen in Information kann deshalb nicht als eine bloße Verlängerung der Umwelteinwirkungen im System verstanden werden.“1718 „Alle Operationen des Systems sind Informationsverarbeitung.“1719 „Eine Information ist eine Information, wenn sie nicht nur ein vorhandener Unterschied ist, sondern wenn ein System daraufhin den eigenen Zustand ändert, wenn also die Wahrnehmung […] eines Unterschieds einen Unterschied im System erzeugt.“1720 „Eine Information muss neu sein […] [Sie] verliert […] im Wiederholungsfalle ihren Informationswert.“1721 „Information setzt immer voraus, dass man eine Möglichkeit gegen andere Möglichkeiten abgrenzt und innerhalb eines Bereichs von Möglichkeiten die eine oder andere Information vorgelegt bekommt. Information ist eine Selektion aus einem Bereich von Möglichkeiten; wird die Selektion wiederholt, enthält sie keine Information mehr.“1722 „[…] Information [ist] immer ein Ereignis […], also gerade nicht etwas, was ständig vorhanden ist.“1723 Der „[…] Informationsbegriff [muss] auch wieder wie ein Formbegriff [gebaut werden], das heißt als einen Begriff mit zwei Seiten 1716 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 321 1717 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 54 1718 Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 32 1719 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 57 1720 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 69; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 354; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 306; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 57 1721 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 58 1722 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 128 1723 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 127 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 355 […].“1724 Nach Gregory Bateson ist „[…] Information […] ‚a difference that makes a difference‘: ein Unterschied, der einen Unterschied macht.“1725 „[…] [D]as System greift auf eigene Zustände, auf Irritationen, die es selbst erfährt, zu, um daraus Informationen zu machen und mit diesen Informationen weiterzuarbeiten. Das heißt eben auch, dass Informationen keine festen Körperchen sind, die von der Umwelt in das System übertragen werden können.“1726 6.5.4.2 Interpenetration Luhmann verwendet wie gewohnt Architekturbausteine und Merkmale, um den Begriff der Interpenetration zu erläutern, nämlich die Architekturbausteine Strukturelle Kopplung Autopoiesis Irritation (Abgrenzung) Umwelt und Merkmale Frage, ob die Begriffe Interpenetration und strukturelle Kopplung unterschieden werden müssen strukturelle Kopplung: eher aus der Perspektive eines externen Beobachters formuliert, der zwei Systeme gleichzeitig betrachtet autopoietische Systeme sind immer schon umweltangepaßt Kopplung von psychischen und sozialen Systemen In den 1990er Jahren erwähnt Luhmann noch den Begriff der Interpenetration, ist sich aber „[…] nicht völlig sicher, ob es auf die Dauer notwendig ist, die Begriffe Interpenetration und strukturelle Kopplung 1724 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 128 1725 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 128 1726 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 129–130; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 296 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 356 zu unterscheiden.“1727 „[…] [D]iese beiden Begriffe […] liegen nahe beieinander.“1728 „Der Begriff der strukturellen Kopplung […] ist aber eher aus der Perspektive eines externen Beobachters formuliert, der zwei Systeme gleichzeitig betrachtet und sich die Frage stellt, wie sie miteinander verbunden sind […].“1729 Luhmann spricht von Interpenetration, wenn „[…] sich solche Verhältnisse [Verwendung der geordneten Komplexität nach Maßgabe der eigenen Operationsmöglichkeiten] koevolutiv entwickeln und keines der in dieser Weise strukturell gekoppelten Systeme ohne sie existieren könnte […].“1730 Der Begriff der Interpenetration besagt, „[…] dass die Operation eines Systems in der Durchführung davon abhängt, dass komplexe Leistungen oder Vorgaben in der Umwelt garantiert sind, ohne dass diese operativ teilnehmen können, ohne dass also die Umweltvoraussetzungen in das System eingeschlossen und eine eigenständige Operation werden können.“1731 Die so strukturell gekoppelten Kommunikationssysteme entwickeln sich wechselseitig koevolutiv und können nicht ohne einander existieren.1732 Auch stellt er einen Zusammenhang zur Irritation her. „Strukturelle Kopplungen vermitteln Interpenetration und Irritationen. Sie dienen insofern ihrerseits als Formen, die dies leisten und zugleich andere Bahnen des Interpenetrierens und Irritierens ausschließen. Unter ‚Interpenetration‘ soll verstanden sein, daß ein autopoietisches System die komplexen Leistungen der Autopoiesis eines anderen Systems voraussetzen und wie ein Teil des eigenen Systems behandeln kann. […] Unter ‚Irritation‘ soll verstanden sein, daß ein autopoietisches System auf dem eigenen Bildschirm Störungen, Ambiguitäten, Enttäuschun- 1727 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 268; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 82, S. 378 1728 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 268 1729 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 269 1730 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 108 1731 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 268; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 153 1732 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 108 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 357 gen, Devianzen, Inkonsistenzen wahrnimmt in Formen, mit denen es weiterarbeiten kann.“1733 „[…] [M]an [könnte] auch sagen, dass Interpenetration so etwas wie die Berücksichtigung des Abwesenden ist. Was ausgeschlossen wird, wird dadurch, dass es ausgeschlossen ist, wieder als anwesend behandelt. Man setzt voraus, dass die Welt – was immer das ist, worüber man nicht reden kann – es ermöglicht, zu reden, zu schreiben, drucken zu lassen, elektronisch zu kommunizieren oder was immer. Ohne diese Voraussetzung könnte die Operation nicht anfangen. Sie könnte auch keine Konturen gewinnen. Sie könnte ihre eigene Selektivität nicht benutzen, um dies und nicht das zu tun, wenn es nicht etwas gäbe, was im Moment nicht berücksichtigt wird, was aber Bedingung der Möglichkeit der Operation selber ist.“1734 „Die Pauschalisierung (Generalisierung) der Interpenetration wird durch die Irritabilität des Systems kompensiert und gegen ein andernfalls sehr rasch zunehmendes Aus-dem-Gleichschritt-Kommen abgesichert. Im Gesamteffekt operieren autopoietische Systeme daher schon immer umweltangepaßt, weil sie durch diese Doppeleinrichtung von Interpenetration und Irritabilität in der Zone realer Möglichkeiten gehalten werden. Und dies geschieht, ohne daß die autopoietische Autonomie und Strukturdeterminiertheit der Eigendynamik der Systeme dadurch beeinträchtigt würde. Es geschieht ausschließlich auf der Grundlage der systemeigenen Operationen.“1735 Teils bezieht Luhmann sich nur auf das Verhältnis von psychischen und sozialen Systemen: „Ständig referiert die Kommunikation […] auf Personen und setzt dabei voraus, daß diese Referenz durch die Realität hochkomplexer, aber intransparenter autopoietischer Systeme gedeckt ist. Da dies in umgekehrter Perspektive auch für psychische Systeme gilt, kann man, mit einer Anleihe beim Begriffsapparat der 1733 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 153 1734 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 266 1735 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 153 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 358 Parson’schen Theorie des allgemeinen Handlungssystems, von Interpenetration sprechen.“1736 6.5.4.3 Strukturelle Kopplung Mit dem schwierigen Begriff der strukturellen Kopplung antwortet die Theorie autopoietischer Systeme auf die schwierige Frage, wie Systeme ohne Umweltkontakt ihre Beziehungen zur Umwelt gestalten.1737 „Die gesamte Gesellschaftstheorie hängt von der Beantwortung dieser Frage ab.“1738 „Der Begriff zielt bewußt auf die Frage, wie autopoietische Systeme unbeschadet ihrer eigenen Autonomie und operativen Geschlossenheit dennoch als mit der Umwelt verbunden gedacht werden können.“1739 Luhmann macht den Begriff der strukturellen Kopplung nach der Einführung des Beobachters sehr stark, viel stärker noch als in den 1980er Jahren.1740 Für Luhmann tritt „[s]trukturelle Kopplung […] an die Stelle einer Einheitstheorie, die zu unscharf wird, wenn man die Operationsweise der beteiligten Systeme auf der Grundlage des möglichen Wissensstandes explizieren will. Im Prinzip wird damit nichts geleugnet, sondern nur etwas auf die Frage des Beobachtens von Beobachtern verschoben.“1741 Zur Erläuterung des Begriffs, den Luhmann von Maturana übernommen hat, nutzt er einige Begrifflichkeiten seiner Theorie, nämlich die Architekturbausteine Autopoiesis (Selbst-)Irritation 1736 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 378 1737 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100 1738 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100 1739 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 269; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 36 1740 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 274 1741 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 112 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 359 Information Umwelt und Merkmale von System und System von Umwelt und System von Funktionssystem und Funktionssystem kann nur Irritationen, Überraschungen, Störungen auslösen bildet hochselektive Zusammenhänge ist schlicht gegeben Systeme sind immer umweltangepasst structural drift Der „[…] Begriff der ‚strukturellen Kopplung‘ [ist also] […] mit der Autopoiesis (Autonomie, operative Schließung, Selbstorganisation usw.) des Systems kompatibel […].“1742 Denn „[…] strukturelle Kopplungen [steuern] keine Operationen für die Autopoiesis der Systeme [bei] […].“1743 Strukturell gekoppelte „[…] Systeme [operieren] vollständig getrennt voneinander […]. Es gibt keinen Einbau von Operationen des einen in das andere […] Aber die Systeme können sich wechselseitig irritieren (zum Beispiel in der Form von überraschenden Informationen oder der Enttäuschung von Erwartungen), daß im jeweils irritierten System strukturelle Unsicherheiten entstehen, für die dann eine Lösung gesucht werden muß, die mit der Autopoiesis des Systems […] kompatibel ist.“1744 Die Begriffe strukturelle Kopplung und Autopoiesis „[…] sind deshalb kompatibel, weil die 1742 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16, S. 32, S. 213; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 311, S. 373; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 98–99; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 120; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 443; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30, S. 40–41 1743 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31–32; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 44; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 442 1744 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 32; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 36 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 360 strukturelle Kopplung die Ereignisse, die sie erfaßt, nicht spezifiziert, sondern dies den Systemen überläßt.“1745 „Strukturelle Kopplungen […] schränken […] die Autopoiesis nicht ein, sie benutzen sie, um Umweltbedingungen trotzdem zur Geltung zu bringen.“1746 „‚Strukturelle‘ Kopplung bezieht sich also nur auf die Strukturwahl (und damit: auf die Evolution), nicht aber auf die Autopoiesis selbst. Im Falle sozialer Systeme bezieht sie sich […] nur auf die Themen der Kommunikation.“1747 „[…] [D]ie Umwelt [gewinnt] nur unter der Bedingung struktureller Kopplungen und nur im Rahmen von dadurch kanalisierten und gehäuften Möglichkeiten der Selbstirritation Einfluß auf die Strukturentwicklung von Systemen.“1748 „Im System selbst können strukturelle Kopplungen also nur Irritationen, Überraschungen, Störungen auslösen. Die Begriffe ‚strukturelle Kopplung‘ und ‚Irritation‘ bedingen einander wechselseitig.“1749 „Wenn Autopoiesis, dann auch strukturelle Kopplung.“1750 „Der Begriff der strukturellen Kopplung macht „[…] die bestehenden kausalen (aber eben nicht: operativen) Interdependenzen zwischen System und Umwelt erklärbar […]. Er schließt nahezu alle denkbaren Interdependenzen aus […] und intensiviert zugleich andere.“1751 „[…] [S]trukturelle Kopplungen [bilden] hochselektive Zusammenhänge 1745 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 24 1746 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 373 1747 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16 1748 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 120, S. 124, S. 269; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 98–99; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 443; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30, S. 41, S. 530 1749 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 442 1750 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 862 1751 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 196; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239–240; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 58 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 361 […], [verknüpfen] also keineswegs die Gesamtrealität der Umwelt mit dem System […] (denn das würde jede Unterscheidung von Systemen und Umwelt in den weiteren Operationen des Systems ausschlie- ßen).“1752 „[…] [D]ie Funktion spezifischer struktureller Kopplung [ist, dass sie] die Irritabilität autopoietischer Systeme [verdichten und steigern] […].“1753 „Strukturelle Kopplungen mit ihrem Doppeleffekt von Einschließung und Ausschließung erleichtern es, Irritabilität zu konzentrieren und sich im Bereich ihrer Möglichkeit auf Eventualitäten vorzubereiten.“1754 „Nur wenn nicht alles gleichzeitig auf das System einwirkt, […] kann das System auf Irritationen und ‚Pertubationen‘ […] reagieren, das heißt sie als Information verstehen und die Strukturen entsprechend anpassen oder Operationen entsprechend ansetzen, um die Strukturen zu transformieren.“1755 Strukturelle Kopplungen „[…] setzen voraus, daß das System intern Möglichkeitsüberschüsse erzeugt (zum Beispiel: weder durch den Raum noch durch den Organismus in ihrer Richtung definierte Bewegungsmöglichkeiten). Nur dadurch ist das System in der Lage, sich 1752 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239–240; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 121; vgl. Luhma n, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 374; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16–17, S. 32; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441 1753 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 32; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 779; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 110; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 58 1754 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 444; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 121; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 98–99 1755 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 121; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 240 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 362 auf Einschränkungen seiner Freiheiten einzulassen, und dies in einer Weise, die von Situation zu Situation variieren kann.“1756 Bei strukturellen Kopplungen handelt „[…] es sich nicht um Einrichtungen […], die gleichsam freischwebend ‚zwischen‘ den Systemen existieren und keinem von ihnen gehören. Vielmehr sind es Einrichtungen, die von jedem System in Anspruch genommen werden, aber von jedem in unterschiedlichem Sinne, denn wie sonst sollte es zu Irritationen kommen?“1757 „Strukturelle Kopplungen sind auf der Ebene der Zustände, Ereignisse und Operationen schlicht gegeben – so wie die Schwerkraft bei der Bewegung der Organismen.“1758 „Kein System kann über seine strukturellen Kopplungen disponieren. Sie bleiben für das System selbst unsichtbar, weil sie ja nicht Operationen beisteuern können.“1759 „Strukturelle Kopplungen des Systems sind für das System operativ unzugänglich [...]“1760 und „[…] müssen während der Operation als kausal unbeeinflußbar vorausgesetzt werden.“1761 Und „[v]on strukturellen Kopplungen soll […] die Rede sein, wenn ein System bestimmte Eigenarten seiner Umwelt dauerhaft voraussetzt und sich strukturell darauf verlässt […].“1762 „[S]trukturelle Kopplung [ist] ein Verhältnis von Gleichzeitigkeit. Das heißt […]: sie kann nicht als kausale Sequenz von Ursache und Wirkung begriffen werden.“1763 „[…] [I]m Begriff der strukturellen Kopplung [liegt] […] eine Absage an die Vorstellung effektsicherer externer Steuerbarkeit.“1764 1756 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 101 1757 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 787 1758 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31 1759 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 375 1760 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 163 1761 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 164; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31 1762 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441 1763 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 39, S. 43–44; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31 1764 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 311 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 363 Der Begriff der strukturellen Kopplung trägt die Erklärungslast für das Angepasstsein von Systemen.1765 „Über strukturelle Kopplung ist für die Fortsetzung der Autopoiesis ausreichende Anpassung schon garantiert.“1766 Denn „[f]ür [die Theorie autopoietischer Systeme] […] ist Angepaßtsein Vorausaussetzung, nicht Resultat von Evolution; und Resultat dann allenfalls in dem Sinne, daß die Evolution ihr Material zerstört, wenn sie Angepaßtsein nicht länger garantieren kann.“1767 Der Begriff der strukturellen Kopplung „[…] bezeichnet Beziehungen zwischen System und Umwelt, die zwar nicht strukturdeterminierend in das System eingreifen, also mit Autopoiesis kompatibel sind, aber langfristig gesehen die im System selbst produzierten Strukturen beeinflussen und in diesem Sinne einen ‚structural drift‘ auslösen […]“1768, „[…] also z. B. regeln, wie viel Muskeln eine Tierart entwickelt, um sich bei eigenem Körpergewicht und bei gegebenen Gravitationsbedingungen bewegen zu können.“1769 „Maturana spricht von der Einwirkung struktureller Kopplung auf die ‚structural drift‘ der Systeme.“1770 „[…] [D]ie Vorstellung eines ‚structural drift‘ [erkärt], […] weshalb autopoietische Systeme, gleichsam blind und ohne operativen Kontakt mit der Umwelt, Strukturen ausbilden, die zu bestimmten Umwelten passen und sich auf diese Weise spezialisieren, also die Freiheitsgrade, die ihre Autopoiesis an sich bereithielte, einschränken.“1771 „Obwohl es keine Möglichkeit des Durchgriffs auf Strukturentwicklungen gibt, spielt eine wesentliche Rolle, mit welchen Irrita- 1765 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 446 1766 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 446; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 373; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 40 1767 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 446; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 102; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 17 1768 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 24 1769 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397 1770 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 32 1771 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 24 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 364 tionen ein System sich immer und immer wieder beschäftigen muß – und welche Indifferenzen es sich leisten kann.“1772 „Strukturelle Kopplungen selbst sind […] immer nur in den Systemen gegeben oder als durch sie identifizierte (beobachtete) Umweltzustände. Und nur auf der Ebene der Strukturen (nicht auf der Ebene der Operationen) ist Ähnlichkeit, Wiederholbarkeit und Reversibilität vorstellbar.“1773 „Strukturelle Kopplungen sind Formen [Zwei-Seiten-Formen], die etwas einschließen dadurch, daß sie etwas anderes ausschließen. Sie transportieren also keineswegs die Außenwelt als Welt in das System.“1774 „Was sie einschließt (was gekoppelt wird), ist ebenso wichtig wie das, was sie ausschließt. Formen struktureller Kopplung beschränken mithin und erleichtern dadurch Einflüsse der Umwelt auf das System.“1775 „[…] Strukturelle Kopplungen [können] stärker oder schwächer ausgeprägt sein, und Ausdifferenzierung kann folglich als ‚Wahl‘ von Anlehnungssystemen beschrieben werden, die mehr Freiheiten lassen. Der wichtigste Zwang zu operativer Autonomie und Selbstorganisation dürfte jedoch in der Vielzahl von strukturellen Kopplungen mit verschiedenen Segmenten der Umwelt liegen, denn das hat zur Folge, daß keiner dieser Außenbeziehungen die Führung überlassen werden kann und Engpassprobleme vorübergehender Natur sind.“1776 „Komplexität […] erlaubt unter weiter zu klärenden Bedingungen mehr (oder ‚weichere‘) strukturelle Kopplungen zwischen System und 1772 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 779–780; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 32–33 1773 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31 1774 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 163; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 103 1775 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 103 1776 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 780 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 365 Umwelt und folglich differenziertere Irritierbarkeiten des Systems.“1777 „Daß strukturelle Kopplungen Systeme zugleich trennen und verbinden, kann man auch mit der Zeitlichkeit abzielender Unterscheidungen von analogem und digitalem Prozessieren zum Ausdruck bringen.“1778 „Da die Umwelt und in ihr die anderen Systeme stets gleichzeitig mit dem jeweiligen Bezugssystem der Beobachtung operieren, sind zunächst nur analoge (parallellaufende) Verhältnisse gegeben. Daraus können die beteiligten Systeme keine Information ziehen, denn dies setzt Digitalisierung voraus. Strukturelle Kopplungen müssen daher zunächst analoge in digitale Verhältnisse umformen, wenn über sie die Umwelt Einfluß auf ein System gewinnen soll. Das ist, im Verhältnis des Kommunikationssystems zu den Bewußtseinssystemen, eine Funktion der Sprache, die ein kontinuierliches Nebeneinander in ein diskontinuierliches Nacheinander verwandelt.“1779 „Die Zeit selbst läuft demnach für alle gleichmäßig, und das garantiert den operationsunabhängigen Erhalt der strukturellen Kopplungen; aber zugleich können in diese Zeit unterschiedliche Unterscheidungen eingebracht werden mit der Folge, daß zum Beispiel die Rechtsverfahren für Zwecke in der Wirtschaft (oder auch: in der Politik) oft viel zu langsam und deshalb als Mechanismen in der Herbeiführung von Entscheidungen nahezu unbrauchbar sein können.“1780 Luhmann spezifiziert in manchen Schriften den Begriff der strukturellen Kopplung und nutzt ihn für ausgewählte System-zu-System- Beziehungen. „Theoretisch ist der Begriff der strukturellen Kopplung vor allem deshalb notwendig und bemerkenswert, weil er einen einschränkbaren Sachverhalt bezeichnet. Er steht nicht für jede beliebige Kausalbeziehung zwischen System und Umwelt, sondern für ausgewählte System-zu-System Beziehungen […].“1781 1777 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 447–448 1778 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441–442; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 101 1779 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 101 1780 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441–442 1781 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 41 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 366 Luhmann betrachtet die strukturelle Kopplung von sozialen und psychischen Systemen gesondert. „Strukturelle Kopplung bedeutet andererseits vor allem, daß die Umweltkopplung der Kommunikation auf Bewußtseinssysteme beschränkt ist und daß es [das Kommunikationssystem] keinen direkten (nicht über Bewußtsein vermittelten) physikalischen, chemischen oder biologischen Einwirkungen ausgesetzt wird.“1782 Das heißt: „Gesellschaft kann nur durch Bewußtsein irritiert werden […]. Kommunikation ist somit nur an Bewußtsein und an keinerlei andere Sachverhalte gekoppelt. Alle anderen Umweltereignisse können nur destruktiv wirken.“1783 „Kommunikation läuft nur über Bewusstsein mithilfe von Bewusstsein, aber nie operativ als Bewusstsein.“1784 Das heißt auch: „[…] [S]oziale Systeme [lassen] sich ausschließlich durch Bewusstseinssysteme irritieren […], können aber mit eben dieser Form der strukturellen Kopplung ungewöhnlich sensibel und variabel operieren.“1785 „Kommunikation ist in diesem Sinne total abhängig von Bewusstsein und zugleich komplett ausschließend. Bewusstsein ist selbst nie eine Kommunikation.“1786 „[…] [D]er Mechanismus der strukturellen Kopplung zwischen psychischen und sozialen Systemen [ist] […] die Sprache. Sprache ist […] sowohl psychisch als auch kommunikativ verwendbar und verhindert nicht, dass die beiden Operationsweisen – nämlich Disposition über Aufmerksamkeit und Kommunikation – separat laufen und sepa- 1782 Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239–240; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16–17; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 398; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 225 1783 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 374; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 113–114, S. 545 1784 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 274; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 272; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 374; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 240 1785 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 17; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 374 1786 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 272 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 367 rat bleiben.“1787 Sprache ist strukturelle Kopplung, wobei sie kein System ist und keine eigene Operationsweise hat.1788 „Personen dienen der strukturellen Kopplung von psychischen und sozialen Systemen. Sie ermöglichen es den psychischen Systemen, am eigenen Selbst zu erfahren, mit welchen Einschränkungen im sozialen Verkehr gerechnet wird.“1789 6.5.4.4 Operative Kopplung Zur Erklärung des Begriffs Operative Kopplung nutzt Luhmann die Architekturbausteine Autopoiesis, System und Umwelt sowie die Merkmale zwei Varianten: Autopoiesis und momenthafte Kopplung von Operationen des Systems mit solchen, die das System der Umwelt zurechnet ergänzt die strukturelle Kopplung, ersetzt diese aber nicht, setzt diese aber voraus Integration und Desintegration (Thema Systemdifferenzierung) „Für operative Kopplungen gibt es zwei Varianten. Die eine heißt Autopoiesis. Sie besteht in der Produktion von Operationen des Systems durch Operationen des Systems. Die andere beruht auf der immer vorauszusetzenden Gleichzeitigkeit von System und Umwelt. Sie erlaubt eine momenthafte Kopplung von Operationen des Systems mit solchen, die das System der Umwelt zurechnet, also zum Beispiel die Möglichkeit, durch eine Zahlung eine Rechtsverbindlichkeit zu erfüllen oder mit dem Erlaß eines Gesetzes politischen Konsens/Dissens zu symbolisieren. Operative Kopplungen zwischen System und Umwelt durch solche Identifikationen sind aber immer nur auf Ereignislänge möglich. Sie halten nicht stand oder beruhen auf einer gewissen Ambiguität der Identifikation, denn im Grunde wird die Identität der Ein- 1787 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 275 1788 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 279; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 210 1789 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 153–154 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 368 zelereignisse stets durch das rekursive Netzwerk des Einzelsystems erzeugt, und wirtschaftlich ist deshalb Zahlung im Hinblick auf die Wiederverwendbarkeit des Geldes etwas ganz anderes als rechtlich im Hinblick auf die Umgestaltung der Rechtslage, die dadurch bewirkt wird.“1790 „Die strukturelle Kopplung wird durch eine operative Kopplung ergänzt.“1791 Diese „[…] Besonderheit [ergibt] […] sich nur bei systeminternen strukturellen Kopplungen. Während im Außenverhältnis für die Kopplungen keine Operationen zur Verfügung stehen, ist dies im Innenverhältnis anders. Hier kann im Falle des Gesellschaftssystems Kommunikation verwendet werden, um Systemkopplungen durchzuführen. So kann ein Arzt eine Krankheit schriftlich bestätigen und das Schriftstück dem Patienten für seinen Arbeitgeber mitgeben. Vor allem im Umkreis des politischen Systems haben sich zahlreiche ‚Verhandlungssysteme‘ etabliert, die in Form von regulären Interaktionen Organisationen zusammenführen, die ihrerseits Interessen aus verschiedenen Funktionssystemen vertreten.“1792 „Operative Kopplungen können strukturelle Kopplungen nicht ersetzen. Sie setzen sie voraus. Aber sie verdichten und aktualisieren die wechselseitigen Irritationen und erlauben so schnellere und besser abgestimmte Informationsgewinnung in den beteiligten Systemen.“1793 „So gibt es zahllose ereignishafte operative Kopplungen, die ein ständiges Herstellen und Wiederauflösen von Systemzusammenhängen bewirken. […] Auf diese Weise werden Systeme kontinuierlich integriert und desintegriert, mur momenthaft gekoppelt und sofort für eigenbestimmte Anschlußoperationen wieder freigestellt. Eine solche Temporalisierung des Integrationsproblems ist die Form, die hochkomplexe Gesellschaften entwickeln, um Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten zwischen den Teilsystemen gleichzeitig prozessieren zu 1790 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 440–441 1791 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 788 1792 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 788 1793 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 788 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 369 können.“1794 „[…] ‚Integration‘ [bedeutet] die wechselseitige Einschränkung der Freiheitsgrade von Systemen […].“1795„Integration ist also ein mit der Autopoiesis der Teilsysteme voll kompatibler Sachverhalt.“1796 Luhmann hat „[…] das Thema Systemintegration überführt in eine Unterscheidung von Formen der Systemdifferenzierung, die jeweils kontrollieren, wie Teilsysteme aufeinander verweisen und voneinander abhängig sind.“1797 Auch erwähnt Luhmann, dass „[…] Sprache […] zusätzlich operative Kopplungen [ermöglicht], die von den Teilnehmern reflexiv kontrolliert werden können.“1798 Dabei ist Sprache, wie bereits erwähnt, „[…] der Mechanismus der strukturellen Kopplung zwischen psychischen und sozialen Systemen […].“1799 6.5.4.5 Funktionssystem und Funktionssystem Das Verhältnis von Funktionssystemen wird erklärt anhand der Architekturbausteine Funktionale Differenzierung Gesellschaft Strukturelle Kopplung Autopoiesis Struktur Code Programme Organisation 1794 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 606 1795 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 99–100; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 603, S. 759; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 238; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 268–269 1796 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 606; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 99–100 1797 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 619 1798 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 211 1799 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 275 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 370 und Merkmale System-zu-System-Beziehung viele Beziehungen zwischen den Funktionssystemen = strukturelle Kopplungen kein einheitlicher Mechanismus „In einer funktional differenzierten Gesellschaft besteht die innergesellschaftliche Umwelt der Funktionssysteme hauptsächlich aus anderen Funktionssystemen. Die Gesellschaft selbst ist kein System in der Gesellschaft, und sie ist kommunikativ unterreichbar.“1800 Das bedeutet, dass „[…] es eine größere Zahl von Funktionssystemen und entsprechend viele Beziehungen [System-zu-System-Beziehungen, Anm. d. Verf.] zwischen ihnen gibt […] [Diese strukturellen Kopplungen haben] […] sehr unterschiedliches Gewicht.“1801 Zum Beispiel gibt „[…] es Funktionssysteme, etwa das Religionssystem, […] die kaum strukturelle Kopplungen ausgebildet haben […].“1802 „In den System-zu-System-Beziehungen, die eine gesellschaftliche Ordnung der Differenzierung zuläßt, kann es nur strukturelle Kopplungen geben, die die Autopoiesis der Teilsysteme nicht aufheben. Das gilt […] auch für das Verhältnis der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft zueinander.“1803 „[…] Funktionssysteme [können einander] […] nur über strukturelle Kopplungen mehr oder weniger massiv irritieren […].“1804 Luhmann nutzt „[…] die Unterscheidung von Autopoiesis und struktureller Kopplung“1805, um „[…] jene Schieflage der Gesellschaftstheorie zu korrigieren, die entsteht, wenn man allein die autopoietische 1800 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 124 1801 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 780–781; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 382; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 124 1802 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 787 1803 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 601 1804 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 400–401 1805 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 778 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 371 Dynamik der Funktionssysteme in Betracht zieht.“1806 „Ausgearbeitete und differenzierte strukturelle Kopplungen setzen funktionale Differenzierung voraus.“1807 „Was im Verhältnis der Teilsysteme zueinander als strukturelle Kopplung fungiert, ist zugleich aber eine Struktur des umfassenden Systems der Gesellschaft. Das rechtfertigt es, Gesellschaftssysteme vor allem durch die Form ihrer Differenzierung zu charakterisieren, denn das ist die Form der Strukturbildung, die jeweils bestimmt und einschränkt, welche strukturelle Kopplungen im Verhältnis der Teilsysteme zueinander möglich sind.“1808 Wie bereits bei der Klärung des Begriffs der Funktionalen Differenzierung/ Funktionssystem beschrieben sind Funktionssysteme wechselseitig voneinander unabhängig und abhängig zugleich.1809 Sie sind „[…] in der Erfüllung der eigenen Funktion autonom, aber zugleich davon abhängig, dass die anderen Funktionssysteme ihre jeweilige Funktion auf adäquatem Leistungsniveau erfüllen.“1810 Und es gibt keine Rangordnung zwischen den Funktionssystemen.1811 „[…] [D]ie Austauschbeziehungen zwischen den Funktionssystemen sind durch Ungleichheit unterbunden, aber andererseits sind es gleiche Systeme 1806 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 778 1807 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 382 1808 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 601 1809 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 396; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 12–13; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 321; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, 298–299, S. 635–637; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254, S. 268–269; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 124 1810 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 396; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 12–13; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 321; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, 298–299, S. 635–637; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254, S. 268–269; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 124 1811 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 372 insofern, als keines den gesellschaftlichen Primat über andere in Anspruch nehmen kann.“1812 „[…] [D]ie Orientierung eines Systems [hört] nicht an seinen Grenzen auf, und Intersystemkommunikation ist gesellschaftlich möglich, ja völlig normal. […] Nur ändert das nichts daran, daß ein System nur unter der Bedingung der Fortsetzung seiner eigenen Autopoiesis operieren kann und alle operativen und strukturellen Kopplungen allenfalls beeinflußen können, welche konkreten Strukturen, Erwartungen, Themen das System dafür aktiviert.“1813 „Jedes Funktionssystem orientiert sich an eigenen Unterscheidungen, also an eigenen Realitätskonstruktionen, also auch an einem eigenen Code. Kein Steuerungsversuch kann diese Differenzen aufheben oder auch nur überbrücken. Jedes System baut in den eigenen Operationskontext aber Programme ein, und diese können als Differenzminimierungsprogramme angelegt sein, also entweder Störungen oder Ziele bezeichnen, im Hinblick auf welche ein Systemzustand angenähert, in seiner Differenz also minimiert werden soll.“1814 „Obwohl es keine Möglichkeit des Durchgriffs auf Strukturentwicklung von außen gibt, spielt eine wesentliche Rolle, mit welchen Irritationen ein System sich immer und immer wieder beschäftigen muß – und welche Indifferenzen es sich leisten kann.“1815 „[…] [S]trukturelle Kopplung […] [besagt] Intensivierung bestimmter Bahnen wechselseitiger Irritation bei hoher Indifferenz gegenüber der Umwelt im übrigen.“1816 Luhmann führt einige Beispiele für strukturelle Kopplungen von Funktionssystemen auf. „Unter dem Regime funktionaler Differenzierung kommt es je nach Art der beteiligten Systeme zu sehr verschiedenen strukturellen Kopplungen, so daß sich kein einheitlicher Me- 1812 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 254 1813 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 639 1814 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 345–346 1815 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 780 1816 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 779 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 373 chanismus mehr angeben läßt.“1817 „[…] Einige Beispiele [von strukturellen Kopplungen von Funktionssystemen]: (1) Die Kopplung von Politik und Wirtschaft wird in erster Linie durch Steuern und Abgaben erreicht […] “1818 (2) „Die Kopplung zwischen Recht und Politik wird durch die Verfassung geregelt […] (3) „Im Verhältnis von Recht und Wirtschaft wird die strukturelle Kopplung durch Eigentum und Vertrag erreicht […] (4) „Wissenschaftssystem und Erziehungssystem werden durch die Organisationsform der Universitäten gekoppelt […] (5) Für die Verbindung von Politik und Wissenschaft […] bilden sich neue Einrichtungen struktureller Kopplung heraus. Sie liegen mehr und mehr in der Beratung durch Experten […] (6) Für die Beziehung zwischen Erziehungssystem und Wirtschaft (hier: als Beschäftigungssystem) liegt der Mechanismus struktureller Kopplung in Zeugnissen und Zertifikaten.“1819 „Wissenschaft und Wirtschaft finden sich durch die technische und ökonomische Umsetzbarkeit neuen Wissens gekoppelt […].“1820 „Man könnte weitere nennen, etwa das ‚Krankschreiben‘ im Verhältnis von Medizinsystem und Wirtschaft wird oder Kunsthandel (Galerien) im Verhältnis von Kunstsystem.“1821 „Wie weit Organisationen an diesen strukturellen Kopplungen beteiligt sind, müsste von Fall zu Fall untersucht werden.“1822 „In einem allgemeinen Überblick kann man also nur sagen, dass sich in genauer Anpassung an Sonderbedingungen solcher struktureller Kopplungen eine Vielfalt von Formen, teils auf Interaktions- und teils auf Organisationsebene entwickelt hat, wie es ohne Rückgriff auf kommunikationsfähige Organisationen nicht möglich gewesen wäre.“1823 1817 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 398 1818 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 781 1819 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 781–786 1820 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397 1821 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 787 1822 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397 1823 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 398 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 374 6.5.4.6 Strukturelle Kopplung über Organisation Luhmann beschäftigt sich damit, wie bereits erwähnt, inwieweit Organisationen an strukturellen Kopplungen von Funktionssystemen beteiligt sind. Genutzt werden hier folgende Architekturbausteine Funktionale Differenzierung/Funktionssystem Gesellschaft Organisation Entscheidung Prämissen Symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium und Merkmale keine Funktion von Organisation sorgt dafür, dass die durch strukturelle Kopplung erzeugte Dauerirritation der Funktionssysteme in anschlussfähige Kommunikation umgesetzt wird eignet sich vor allem für Funktionssysteme ohne symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium „Strukturelle Kopplungen sind Konsequenzen der funktionalen Gesellschaftsdifferenzierung. Sie stellen sich ein, weil mit dieser Differenzierungsform sowohl die Abhängigkeiten als auch die Unabhängigkeiten der Funktionssysteme im Verhältnis stehen. Sie sind auf der Ebene des Gesellschaftssystems angesiedelt und als solche nicht eine Funktion von Organisationen. Aber sie wären in der notwendigen Komplexität und Differenziertheit kaum möglich, wenn es nicht Organisationen gäbe, die Informationen raffen und Kommunikationen bündeln können und so dafür sorgen können, dass die durch strukturelle Kopplungen erzeugte Dauerirritation der Funktionssysteme in anschlussfähige Kommunikation umgesetzt wird.“1824 „[…] [K]eineswegs alle Funktionssysteme [haben] ein eigenes symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium ausgebildet […]. So gibt es kein Medium für Erziehung und auch kein Medium für Kran- 1824 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 400 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 375 kenbehandlung, denn das sind Fälle, in denen der Erfolg nicht allein im Gelingen von Kommunikation, sondern in der Veränderung der Umwelt besteht.“1825 Luhmann nutzt hier den Ausdruck der strukturellen Kopplung über Organisation. „[…] [D]ie strukturelle Kopplung über Organisation […] scheint sich vor allem für die Beziehungen der Politik zu Funktionssystemen anzubieten, in denen interaktionsintensiv, also personalintensiv, also kostenträchtig gearbeitet werden muß. Das gilt für das Erziehungssystem und, weniger zwingend, auch für das System der Krankenbehandlung – also für Fälle, in denen die Gesellschaft nicht nur die Annahme und Weiterführung von Kommunikation gewährleisten muß, sondern über Kommunikation auch Personen zu verändern sucht. Ein solches ‚people processing‘ erfolgt in der Interaktion unter Anwesenden. Diese kann aber nicht dem Zufall ihres Zustandekommens überlassen bleiben, sondern wird, wenn der Bedarf eine bestimmte Größenordnung erreicht, organisiert. Nur so können rationale Formen der Zusammenfassung und Differenzierung von Fallgruppen sowie langwierige Behandlungssequenzen sichergestellt werden; und nur so kann eine gewisse Unabhängigkeit von den Finanzmitteln Einzelner und eine generalisierte Vorsorge für Behandlungsmöglichkeiten gewährleistet werden.“1826 „In all diesen Fällen wird dann von Organisation viel verlangt, und es ist kein Zufall, daß sich in genau diesen Funktionssystemen Professionen finden, die Überzeugungsarbeit leisten müssen und dafür in der professionstypischen Weise ausgerüstet sind: durch Prestige, Ausbildung, institutionalisierte Kollegialität usw.“1827 „Daß Organisationen der strukturellen Kopplung von Funktionssystemen dienen, und in einigen Fällen mehr so als in anderen, liegt mithin daran, daß sie eine Hypertrophie von Entscheidungsmöglichkeiten erzeugen, die dann durch die Entscheidungspraxis und ihre ‚Selbstorganisation‘ reduziert wird. […] Von der basalen Operation des Entscheidens her gesehen, ist dabei ein loos coupling unerläßlich. Entschei- 1825 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 304 1826 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 396 1827 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 304 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 376 dungen sind im Verhältnis zueinander nur einschränkende und ausweitende Prämissen, nicht im klassischen Sinne Anweisungen, die sinngenau ausgeführt werden müssen.“1828 6.5.4.7 Funktionssystem und Organisation Die Beziehung Funktionssystem und Organisation beschreibt Luhmann mithilfe der Architekturbausteine Gesellschaft System Autopoiesis Funktionale Differenzierung Entscheidung Operative Schließung Irritation/Information Medium und Form und Merkmale Verhältnis ist ungeklärt moderne Gesellschaft ist von Organisationen abhängig Organisationen entstehen in der Gesellschaft Organisationen sind Funktionssystemen zugeordnet Organisationen sind die einzigen Sozialsysteme, die mit Systemen ihrer Umwelt kommunizieren Umkehrverhältnis von Inklusion und Exklusion Funktion der Interdependenzunterbrechungen Netzwerk-Konzept „[…] [D]as Verhältnis von Organisation und Gesellschaft [ist] ungeklärt geblieben […].“1829 Luhmanns Erklärungsansatz besagt, dass „[…] die Ausdifferenzierung der […] [Funktionssysteme], ihre operative Schließung und ihr selbstreferenzielles Operieren zu einer Erzeugung von Möglichkeitsüberschüssen [führt], die als strukturelle Unbe- 1828 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 400 1829 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 415 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 377 stimmtheit erfahren und auf Selbstorganisation verwiesen werden.“1830 Langfristperspektiven für künftige Forschungen wären, „[…] zunächst einmal [zu] fragen, wie es überhaupt möglich ist, innerhalb des Gesellschaftssystems und sogar innerhalb seiner Funktionssysteme Organisationen zu bilden, und dies in der Form von selbstreferenziellen, nicht-trivialen, für sich intransparenten, für Außenbeobachter unberechenbaren, komplexen Sozialsystemen. […] Und wie evoluieren Organisationen, wenn ihnen diese paradoxen Bedingungen ihrer innergesellschaftlichen Reproduktion gestellt sind?“1831 Grundsätzlich ist festzuhalten, dass es „Organisationen […] nicht immer schon gegeben […] [hat, sondern dass diese] erst im Laufe der gesellschaftlichen Evolution [entstanden sind].“1832 „[…] [E]rst unter dem Regime funktionaler Differenzierung [kommt es] zu jenem Typus autopoietischer Systeme […], den […] [Luhmann] als organisiertes Sozialsystem bezeichnet […].“1833 Man muss zwischen Gesellschaftssystem und Organisationssystemen im Hinblick auf unterschiedliche Arten ihrer Autopoiesis unterscheiden.1834 Und diese Funktionssysteme „[…] brauchen sich nicht abzustimmen.“1835 „Jedes von Ihnen arbeitet auf seine Weise. […] Und alle Integrationsprobleme, alle wechselseitigen Einschränkungen der Freiheitsgrade, fallen nur in der Organisation an.“1836 „Stärker als in jeder Gesellschaft zuvor ist die moderne Gesellschaft in ihren Funktionssystemen, also in ihren Hochleistungsbereichen, von Organisation abhängig […].“1837 „Die wachsende Bedeutung von Or- 1830 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 415 1831 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 387–388 1832 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 380 1833 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 840 1834 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 229 1835 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 398 1836 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 398 1837 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 190; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 303; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 309; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 165, S. 607, S. 847; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 378 ganisationen in Funktionssystemen […] wird ausgelöst durch die Unmöglichkeit, die Funktionssysteme selbst zu organisieren. […] [Mit der Bildung von Organisationen wird] auf die Künstlichkeit einer Differenzierung des Gesellschaftssystems nach Funktionen […] [reagiert].“1838 „Organisation […] sucht sicherzustellen, daß vieles, was zugleich geschieht, dennoch synchronisiert und in Sequenzen von Folgehandlungen zu einem guten Ende zusammengefügt werden kann.“1839 „Organisationen führen durch die Eigenart ihrer Autopoiesis in die Gesellschaft Schnittlinien ein, an denen sie zwischen sich selbst und ihrer Umwelt unterscheiden können. Sie multiplizieren damit auf vielfältigste Weise das, was in der Gesellschaft als interne Umwelt behandelt werden kann. Sie machen das Gesellschaftssystem in diesem Sinne so komplex, daß es von keiner anderen Organisation (auch nicht von der Organisation des Staates aus) als Einheit beschrieben werden kann.“1840 „Auch Organisationen sind ausdifferenzierte Sozialsysteme, […] aber sie durchsetzen mit ihrer Eigendynamik die Funktionssysteme der Gesellschaft.“1841 „Ihre Evolution folgt dem Entscheidungsbedarf und der Notwendigkeit, Entscheidungen zu kommunizieren, um die Ausgangspunkte für weitere Entscheidungen festzulegen. Sie legen sich zwischen die Gesellschaft und ihre Funktionssysteme auf der einen und die Interaktionen unter Anwesenden auf der anderen Seite. Sie machen in allen Sektoren der Gesellschaft einen weltweiten Verbund unvermeidlich.“1842 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 189; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 673–675; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383, S. 389; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 229 1838 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 843–844 1839 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 673 1840 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 230 1841 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 166; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 836–837 1842 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 166; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 607 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 379 Luhmann beschäftigt sich auch damit, wo Organisationen entstehen und zu was sie zugeordnet sind. „Organisationen entstehen nicht in der Umwelt des Gesellschaftssystems, sondern im Gesellschaftsystem.“1843 Die moderne Gesellschaft „[…] richtet in sich selbst autopoietische Systeme ein, deren Operation in sich selbst reproduzierenden Entscheiden besteht, also Organisationen in einem Sinne, der sowohl von Interaktion als auch von Gesellschaft zu unterscheiden ist.“1844 Somit „[…] operieren die Organisationen als Vollzug von Gesellschaft in der Gesellschaft.“1845 „Organisationen sind der Gesellschaft weitgehend (wenn nicht ausschließlich) durch funktionale Differenzierung zugeordnet. Die meisten Organisationen orientieren ihre Ziele an den Funktionen bestimmter Funktionssysteme.“1846 Es gibt aber auch Organisationen, die „[…] ohne gesellschaftlichen ‚Systemzwang‘ frei entstehen, und […] die sich keinem der gesellschaftlichen Funktionssysteme zuordnen.“1847 „Quer dazu steht jedoch die Tatsache, dass alle Organisationen Geld kosten. […] Insofern operieren alle Organisationen im Wirtschaftssystem. […] Organisationen, die ihre Kernkompetenz außerhalb des Wirtschaftssystems haben, […] werden ihren Geldbedarf eher als Grenze ihrer Möglichkeiten einschätzen […] und bringen auf diese Weise ihre Primärordnung zu anderen, nichtwirtschaftlichen Funktionssystemen zum Ausdruck.“1848 „Organisation ist nur möglich, weil Geld zur Verfügung steht.“1849 „Sie übernehmen den Funktionsprimat (oft allerdings mit Konzessionen an andere Funktionen, zum Beispiel mit Wirtschaftlichkeitsüberlegungen in der Verwendung budgetierter Mittel). Sie übernehmen den binären Code des jeweiligen Funktions- 1843 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 229; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 190; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 836–837 1844 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 836–837 1845 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 392; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 229, S. 234 1846 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 405; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 840–841 1847 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 840 1848 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 405 1849 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 321 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 380 systems. Nur unter diesen Bedingungen können sie ihre eigenen Operationen dem betreffenden Funktionssystem zuordnen […].“1850 Anzumerken ist, dass „[…] Organisationen in ihren Entscheidungsmöglichkeiten durch die Zuordnung zu ihrem Funktionssystem beschränkt sind.“1851 Und „[k]eine Organisation ist in der Lage, den Zustand des jeweiligen Funktionssystems zu determinieren, aber das schließt natürlich nicht aus, daß durch organisierte Kommunikation wichtige Variable des Funktionssystems (etwa Zinssätze) im Hinblick auf ein mehr oder weniger verändert werden. Ohne Organisation wäre das nicht möglich.“1852 „Operative Schließung heißt […] nicht, dass ein Organisationssystem keine Kontakte mit der innergesellschaftlichen Umwelt unterhalten kann. Die Gesellschaft stellt die Möglichkeit innergesellschaftlicher Kommunikation über Subsystemgrenzen hinweg zur Verfügung.“1853 „[…] Organisationen [sind] die einzigen Sozialsysteme […], die mit Systemen ihrer Umwelt kommunizieren können.“1854 Sie sind „[…] in der Lage, intern erarbeitete Resultate nach außen zu kommunizieren.“1855 Sie statten Funktionssysteme, in denen sie gebildet werden, mit externer Kommunikationsfähigkeit aus.1856 „Dies Nach-außen- Kommunizieren setzt Autopoiesis auf der Basis von Entscheidungen voraus. Denn die Kommunikation kann intern nur im rekursiven Netzwerk der eigenen Entscheidungstätigkeit angefertigt werden; sie wäre andernfalls nicht als Kommunikation erkennbar. Die Kommunikation widerspricht also nicht der operativen Geschlossenheit des Sys- 1850 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 841–842 1851 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 309 1852 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 195; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 841 1853 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 52 1854 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 842–843; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 241; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383, S. 388–389, S. 401 1855 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 672–673 1856 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 842–843; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 388–389; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 241 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 381 tems; im Gegenteil: sie setzt sie voraus.“1857 „Am liebsten kommunizieren Organisationen mit Organisationen […].“1858 „Es gibt also durchaus Kommunikationen, die systeminterne Systemgrenzen überschreiten.“1859 Das Verhältnis von moderner Gesellschaft zu dem, was Organisationen leisten können, kann durch den Ausdruck Irritation beschrieben werden.1860 Irritation als Vorschaltebegriff zur Information ist eine „[…] noch undefinierte Überraschung, die auf die Umwelt bezogen, aber im System selber erzeugt wird. Nicht die Umwelt ist irritiert, sondern das System.“1861 „Als Empfänger von Kommunikation regeln die eigenen Strukturen der Organisation, durch welche Informationen sie sich irritieren und zu eigener Informationsverarbeitung anregen lässt. Als Absender von Kommunikationen trifft die Organisation Entscheidungen darüber, was sie mitteilen will und was nicht. Insofern bleibt die Umwelt für die Organisation eine eigene Konstruktion, deren Realität natürlich nicht bestritten wird.“1862 Wie bereits beschrieben sind „[…] Funktionssysteme für ihre Operationen auf Organisationen angewiesen […]. Es kommt hinzu, daß in der heutigen Gesellschaft Zusammenhänge zwischen Vergangenheit und Zukunft einer expliziten Kopplung durch Entscheidung bedürfen […].“1863 „Das Problem, mit dem Organisationen sich konfrontiert finden, ist die in einem atemberaubenden Tempo ständig reproduzierte Unbestimmtheit in der Zukunft, worauf Organisationen durch Ent- 1857 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383, S. 388 1858 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383, S. 388; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 607 1859 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 607; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 52 1860 vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 17–18; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 190, S. 192 1861 Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 17 1862 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 52 1863 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 309; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 192–193 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 382 scheidungsfähigkeit und durch vertikale Integration ihrer eigenen Entscheidungsprozesse reagieren müssen.“1864 „Organisationen können riesige Mengen von Interaktionen aufeinander abstimmen. Sie schaffen das Wunder, Interaktionen, obwohl sie stets und zwangsläufig gleichzeitig geschehen, trotzdem in ihren Vergangenheiten und Zukünften zu synchronisieren.“1865 Dabei ist die Rolle der Organisationen in Funktionssystemen, dass „Organisationen […] die einzigen Sozialsysteme [sind], die regulär als ‚kollektive Akteure‘ auftreten können; die einzigen Sozialsysteme, die im Kommunikationssystem Gesellschaft ‚im eigenen Namen‘ kommunizieren können.“1866 Das können sie nur deshalb, „[…] weil sie Mitglieder durch Entscheidungen rekrutieren und sich, wenn Mitgliedschaft akzeptiert wird, zur Anerkennung der Entscheidungen der Organisation verpflichten.“1867 „Einzelne Organisationssysteme haben dann eine doppelte Beziehung zur Gesellschaft: Einerseits vollziehen sie mit jeder ihrer Kommunikation Gesellschaft; andererseits gibt es auch in ihrer Umwelt Kommunikation, also Gesellschaft. Die System/Umwelt-Differenz kerbt sich gewissermaßen in die Gesellschaft ein. Die Systemgrenze kann deshalb, anders als die Außengrenze des Gesellschaftssystems, durch Kommunikation überschritten werden, auch wenn das Organisationssystem selbst auf der Basis seiner eigenen Entscheidungen operativ geschlossen ist. Eine Organisation findet somit immer in einem Doppelsinne Gesellschaft vor: in sich und in ihrer Umwelt. Das Besondere von Organisationen liegt in der Art und Weise, wie sie diese Differenz – organisieren.“1868 „Daß gerade Funktionssysteme auf Organisationen angewiesen sind, ergibt sich aus einem Umkehrverhältnis von Inklusion und Exklusion.“1869 „Die Weltgesellschaft kann keine Kommunikation ausschlie- ßen. Sie kann deshalb auch keine Personen ausschließen, weil Perso- 1864 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 416 1865 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 837 1866 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 191 1867 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 390 1868 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383 1869 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 192 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 383 nen (im Unterschied zu Menschen als lebenden und bewußtseinsfähigen Einheiten) als Zurechnungspunkte für Kommunikationen dienen. Oder anders gesagt: wenn kommuniziert wird, reproduziert sich Gesellschaft. Auch für Funktionssysteme gilt dieses Exklusionsgebot.“1870 „Funktionssysteme behandeln Inklusion, also Zugang für alle, als Normalfall. Für Organisationen gilt das Gegenteil: sie schließen alle aus mit der Ausnahme der hochselektiv gewählten Mitglieder.“1871 „Der Mechanismus Inklusion/Exklusion wird [in Organisationen] benutzt, um besondere Anforderungen zu stellen und im Übrigen indifferent zu sein.“1872 „Die Gesellschaft bringt auf die Weise der Trennung der beiden Typen von Systemen, Funktionssystem und Organisation, die Merkwürdigkeit zustande, die Differenz von Inklusion und Exklusion zugleich zu haben und nicht zu haben.“1873 Das zeigt, „[…] daß die Inklusion den Funktionssystemen überlassen ist.“1874 „Eine weitere Funktion der Organisationsbildung innerhalb des Gesellschaftssystems kann man in der Einrichtung von Interdependenzunterbrechungen [Ultrastabilität] sehen.“1875 Funktionssysteme sind 1870 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationem, S. 192 1871 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 844; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 192–193; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 390; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 232–233, S. 426; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 392; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 283 1872 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 280 1873 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 283; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 232–233; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften., S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 193; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 393–394 1874 Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 192–193 1875 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 394; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 396; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 829, S. 845 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 384 komplexe, dynamische Systeme, die Interdependenzunterbrechungen (Ultrastabilität) benötigen.1876 „Das […] Spannungsverhältnis von Generalisierung und Respezifikationsbedarf […] erfordert ständige organisatorische Eingriffe in die sich daraus ergebende Zustandsdeterminiertheit. Die dazu befähigten Organisationen müssen in den Funktionssystemen gebildet werden, also über deren Medien verfügen können.“1877 „Eine weitere wichtige Funktion von Organisationen könnte man als Verdichtung struktureller Kopplungen zwischen Funktionssystemen bezeichnen.“1878 „[…] Dank ihrer eigenen Autopoiesis (und nur so!) können diese [Organisationen] sich durch mehrere Funktionssysteme irritieren lassen.“1879 Organisationen bieten durch das „[…] Erzeugen und Wegarbeiten von Entscheidungsmöglichkeiten […] nach dem allgemeinen Prinzip von Überschuss und Repression […] einen Treffraum für die unterschiedlichsten Funktionssysteme, ohne daß deren systemeigene Autopoiesis dadurch eingeschränkt würde.“1880 „Offenbar können Funktionssysteme sich gerade dank dieses ‚loose coupling‘ in Organisationssystemen einnisten – und zwar mehrere Funktionssysteme in ein und derselben Organisation. Das Rechtssystem zum Beispiel beteiligt sich an wohl jeder Organisation, auch wenn diese speziell auf ein bestimmtes Funktionssystem gerichtet ist – als Produktionsbetrieb der Wirtschaft, als Schule des Erziehungssystems, als politische Partei. Dasselbe gilt für das Wirtschaftssystem, wo immer Mitglieder in Geld entlohnt werden müssen. Auch wenn eine solche Primärorientierung gegeben ist. können andere Funktionssysteme fallweise involviert sein …“1881 Loose coupling beschreibt die „[…] hohe Interdependenz von Entscheidungsprämissen […] [auch wenn diese] recht lose miteinander und mit den erwarteten Ergebnissen verbunden [sind] […].“1882 1876 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 195 1877 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 195 1878 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 195 1879 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 196 1880 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 398 1881 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 398 1882 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 397 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 385 Luhmann nutzt die Unterscheidung von Medium und Form um die Frage zu klären, „[…] weshalb überhaupt die funktionale Differenzierung zu starker Organisationsabhängigkeit der Funktionssysteme führt.“1883 „Die Unterscheidung ermöglicht es […], die Konzepte, mit denen die vorgestellte Organisationstheorie gearbeitet ist, aufzulösen. […] Außerdem wird man durch die Unterscheidung von Medium und Form auf die Frage gebracht, was denn jeweils diese Differenzierung ermöglicht, oder anders: aufgrund welcher Formung welches Mediums sie entstanden ist. Und mit dieser Frage […] [hofft Luhmann], zur Klärung von gesellschaftstheoretischen Prämissen von Organisation beitragen zu können.“1884 „Für die Gesellschaft selbst ist diese Möglichkeit organisatorisch aggregierter Kommunikation nur ein Medium, also eine Menge lose gekoppelter (= vielfältig, aber nicht beliebig kombinierbar) elementarer Kommunikationen.“1885 Nur durch Organisationen kann in der Gesellschaft entschieden werden, „[…] welche Formen in diesem Medium gewählt, welche bestimmten Kommunikationen realisiert werden, wie also im Medium organisierter Kommunikation feste Kopplungen zustande kommen und wieder aufgelöst werden.“1886 „Organisierte Kommunikation wirkt in der Gesellschaft gleichsam als agonische [kämpferische, Anm. d. Verf.] Masse, die alle Organisationen ihrerseits unter den Druck setzt, sich, weil sie es können, mit Außenkommunikation zu beschäftigen. Das Medium erzeugt in der Gesellschaft seine eigene dauernervöse Aktivierung.“1887 „An die Stelle einer hierarchischen Konzeption des Verhältnisses von Funktionssystem und Organisationen tritt […] eine Art Netzwerk- Konzept. Die Organisationen entfalten eine Eigendynamik, die im Funktionssystem mit Verfahren der Beobachtung zweiter Ordnung aufgefangen wird, und dies unter der Bedingung laufender 1883 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 303 1884 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 303–304 1885 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 389 1886 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 389 1887 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 390 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 386 Reaktualisierung […]“1888 „Die Vernetzungen zwischen System und Umwelt nehmen nicht ab, sondern zu.“1889 6.5.4.8 Organisation und Organisation Für die System-zu-System-Beziehung von Organisationen nutzt Luhmann die Architekturbausteine System und Umwelt und folgende Merkmale haben die Möglichkeit, mit Systemen, am liebsten mit Organisationen, in ihrer Umwelt zu kommunizieren Suchen von symbiotischen Verhältnissen, um relevante Umwelt in eine überschaubare Fassung zu bringen Bildung von Netzwerken, um Herausforderungen in Grenzen zu halten Wie bereits beschrieben haben „[...] Organisationen zusätzlich die Möglichkeit, mit Systemen in ihrer Umwelt zu kommunizieren.“1890 „Am liebsten kommunizieren Organisationen mit Organisationen.“1891 „[…] [D]ie Turbulenzen in der Umwelt von Organisationen [werden] weitgehend durch andere Organisationen erzeugt […], denn niemand sonst kann so konzentriert kommunizieren […].“1892 „Und es gibt in erheblichem Umfange auch direkte Steuerungskommunikation von Organisation zu Organisation.“1893 Luhmann nennt das besondere Verhältnis von Organisation zu Organisation symbiotisches Verhältnis oder auch Netzwerk. „[…] Organisationen [suchen] ein symbiotisches Verhältnis zu anderen Organisationen, um die für sie relevante Umwelt in eine überschaubare Fassung zu bringen. […] [Sie versuchen], wechselseitige 1888 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 846 1889 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 70 1890 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834 1891 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834 1892 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 407 1893 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 402 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 387 Abhängigkeiten zu verdichten und in ‚soziales Kapital‘ umzuwandeln, auf das man zurückgreifen kann, wenn die im Übrigen unkontrollierbare Umwelt sich ändert.“1894 Organisationen bilden „Netzwerke zur wechselseitigen Unterstützung und Begünstigung“1895. Diese „Netzwerke bilden sich auf der Basis von konditionierter Vertrauenswürdigkeit.“1896 „Vernetzungen gewährleisten kein ruhiges Leben, aber sie halten die Herausforderungen in Grenzen, mit denen man zurechtkommen kann. Solche Beziehungen haben eine gewisse Resistenz gegen Veränderungen; sie beschränken die Lernanreize in den vernetzten Systemen.“1897 „[…] [D]ie Bildung von Systemgrenzen übergreifenden Netzwerken […] [setzt voraus], dass Systeme als distinkte Einheiten, die sich selbst reproduzieren, überhaupt existieren.“1898 6.6 Synthese / Gegenüberstellung der Kriterien Um die Begrifflichkeiten rund um Funktionssysteme und Organisationen von Niklas Luhmann zu rekonstruieren, werden die ausgearbeiteten Inhalte anhand der Kriterien bzw. formalen Logik für die Analyse miteinander verglichen. Im Anhang sind jeweils die wesentlichen Aussagen und Architekturbausteine/Merkmale von Niklas Luhmann in den verschiedenen Phasen übersichtlich in tabellarischer Form dargestellt. Luhmann hat viele Begrifflichkeiten während seiner gesamten Schaffensphase beibehalten, teils erweitert oder neu interpretiert, was bei der Gegenüberstellung der verschiedenen Phasen deutlich wird. 1894 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 409 1895 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 407 1896 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 408 1897 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 409 1898 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 411 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 388 6.6.1 Soziale Systeme (Theorie) Luhmanns Entwicklung der allgemeinen Theorie sozialer Systeme führt „[…] von der funktional-strukturellen Theorie umweltoffener Systeme […] zur […] Autopoiesistheorie im Rahmen des Paradigmas operativ geschlossener Systeme“1899 bis hin zur Hervorhebung des Beobachters1900. „Idealtypisch verkürzt, läuft die paradigmatische Bewegung im Luhmannschen Werk von einem strukturellen zu einem operativ-prozessualen Verständnis sozialer Systeme und damit auch von Organisation als Sozialsystem.“1901 Bereits recht früh in der Entwicklung der allgemeinen Theorie sozialer Systeme unterscheidet Luhmann mehrere Arten der Systembildung, „ […] nämlich gesamtgesellschaftliche Systeme, organisierte Sozialsysteme und einfache Interaktionssysteme […].“1902 Diese Unterscheidung behält er bis zum Schluss bei. Allerdings tritt diese Systemtopologie Mitte der 1960er Jahre in der Form noch nicht klar zu Tage. 6.6.1.1 Soziales System Während der Phase der System/Umwelt-Differenz gilt die Annahme, dass soziale Systeme „[…] aus konkreten Handlungen eines oder mehrerer Menschen gebildet sind […].“1903 Luhmann bezeichnet daher 1899 Drepper, Thomas: Organisationen der Gesellschaft. 1.Aufl., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2003, S. 95 1900 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 8 1901 Drepper, Thomas: Organisationen der Gesellschaft, S. 95 1902 Luhmann, Niklas: Überlegungen zum Verhältnis von Gesellschaftssystemen und Organisationssystemen, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 15–16; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 79–80 1903 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 7–8; vgl. Luhmann, Niklas: Luhmann, Niklas: Soziologie als Theorie sozialer Systeme, S. 617–618; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 39, S. 115, S. 116, S. 155; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 9–10; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 24; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 65; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 389 soziale Systeme auch als Handlungssysteme.1904 Gleichzeitig betont er, dass sich „[d]ie Systembildung [sozialer Systeme] […] nicht auf der Ebene konkreter Handlungen, sondern auf der Ebene von Verhaltenserwartungen [vollzieht].“1905 „Verhaltenserwartungen sind das ordnende Element in jedem Handlungssystem“ 1906, „[…] mit deren Hilfe sich Handlungen einander zuordnen, ein- und abgrenzen lassen.“1907 Dieser Handlungszusammenhang reduziert Komplexität,1908 denn „[…] Sinngrenzen […] ordnen ein Gefälle in Komplexität. Sie trennen System und Umwelt als Möglichkeitsbereiche von verschiedener Komplexität.“1909 Ein soziales System grenzt sich durch Sinnbeziehungen zwischen den Handlungen von seiner Umwelt ab,1910 wobei das konstituierende Prinzip die Differenz von Innen und Außen ist.1911 vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Gesellschaftliche Organisation, S. 392 1904 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 69–70; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 7–8 1905 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 26–27, S. 42–43; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 26–27, S. 372 1906 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 26; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59 1907 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 26; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 59 1908 vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 73; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 116; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 75; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 205; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren. 3. Aufl., Hermann Luchterhand Verlag, 1978, S. 40–41; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 175–176; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie-Diskussion Jürgen Habermas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 7–24, S. 15; Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung. Aufsätze zur Theorie sozialer Systeme. Band 1. 5. Auflage. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1984, S. 76 1909 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 73 1910 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 117; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie. In: Habermas, Jürgen; Henrich, Dieter; Taubes, Jacob (Hrsg.): Theorie-Diskussion Jürgen Haber- 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 390 Auch nach der autopoietischen Wende konstituiert sich ein soziales System durch die Differenz zu seiner Umwelt,1912 wobei nun die Letzteinheiten Kommunikation sind.1913 Diese Letzteinheiten können „[…] nur autopoietisch produziert werden […].“1914 Soziale Systeme operieren in basaler Selbstreferenz und zeichnen sich durch ein Komplexitätsgefälle zur Umwelt aus.1915 Sie können sich ausdifferenzieren, um die Komplexität zu steigern.1916 Durch die Einführung des Beobachters werden die Aussagen der 1980er Jahre bestätigt. Soziale „Systeme werden durch diejenige Operationsweise definiert, mit der das System sich selbst produziert und reproduziert.“1917 Das System baut systemeigene Komplexität auf.1918 Dabei wird unter Komplexität eine Form des Beobachtens und Beschreibens verstanden.1919 „Die Form der Komplexität ist […] die selektive Organisation der Autopoiesis des Systems.“1920 Der Begriff der Komplexität wird von Luhmann während der gesamten Laufzeit seiner Theorieentwicklung thematisiert. Soziale Systeme mas/Niklas Luhmann. Theorie der Gesellschaft oder Sozialtechnologie – Was leistet die Systemforschung?, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1971, S. 25–100, S. 72–73 1911 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 76, S. 205; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 15; vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren. 3. Aufl., Hermann Luchterhand Verlag, 1978, S. 40–41; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 175–176, S. 178; 1912 vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 367; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 21 1913 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 192; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299 1914 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 654 1915 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 18–19 1916 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 37–38 1917 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 26 1918 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 135 1919 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 136 1920 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 138 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 391 reduzieren Komplexität1921 bzw. zeichnen sich durch ein Komplexitätsgefälle zur Umwelt aus, die immer komplexer ist als das jeweilige System selbst.1922 Zunächst wird „[u]nter Komplexität […] die Gesamtheit der Möglichkeiten […] [verstanden], die sich für das faktische Erleben abzeichnen.“1923 Im Anschluss wird Komplexität mit Hilfe der Unterscheidung von Element und Relation erklärt. „Als komplex […] [wird] eine zusammenhängende Menge von Elementen […] [bezeichnet], wenn auf Grund immanenter Beschränkungen der Verknüpfungskapazität nicht mehr jedes Element jederzeit mit jedem anderen verknüpft werden kann.“1924 Nach der Einführung des Beobachters ist Komplexität ein Begriff des Beobachtens und Beschreibens und wird dementsprechend angepasst.1925 6.6.1.2 Umwelt In den 1980er Jahren ist für Luhmann die „Umwelt […] ein systemrelativer Sachverhalt. Jedes System nimmt nur sich aus seiner Umwelt aus. Daher ist die Umwelt eines jeden Systems eine verschiedene. Somit ist auch die Einheit der Umwelt durch das System konstituiert.“1926 „Umwelt ist für das System der Gesamthorizont seiner fremdreferentiellen Informationsverarbeitung.“1927 Sie ist kein eigenes 1921 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 75–76, 116, S. 205; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 11; vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren. 3. Aufl., Hermann Luchterhand Verlag, 1978, S. 40–41; vgl. Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 175–176, S. 178; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 135 1922 vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 73; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 18–19; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 135 1923 Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren, S. 41; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 206–207 1924 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 46 1925 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 134–144 1926 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 249; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 23 1927 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 51 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 392 System.1928 Sie ist „[…] Voraussetzung für die Identität des Systems […].“1929 „Jedes System hat in seiner Umwelt mit anderen Systemen zu rechnen. Je nachdem, wie tiefenscharf die Umwelt aufgenommen werden kann, erscheinen in ihr mehr und verschiedenartigere Systeme.“1930 Auch in den 1990er Jahren betont Luhmann nochmals, „[…] dass kein System ohne Umwelt existieren kann.“1931 „Die Umwelt enthält keine Unterscheidungen […] keinerlei Informationen […] [k]ann nicht kontrolliert werden […].“1932 Das heißt, dass die Umwelt in Luhmanns Theorie eingeschlossen wird.1933 „Wie das System diese dann berücksichtigt, […] ist eine zweite Frage.“1934 6.6.1.3 System/Umwelt-Differenz Das konstituierende Prinzip von Systemen allgemein und somit auch von sozialen Systemen ist bereits seit den 1960er Jahren die Differenz von System und Umwelt. Durch Systembildung werden Grenzen gesetzt.1935 Luhmann benennt zwar in späteren Abhandlungen1936 im Rückblick die Differenz von System und Umwelt, aber in seinen frühen Werken wird stattdessen überwiegend die Innen/Außen-Differenz erwähnt.1937 1928 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 249; vgl. Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 269 1929 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 243 1930 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 256 1931 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 66; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 1932 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 10 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 306 1933 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 61 1934 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 61 1935 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 40–41 1936 vgl. z. B. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 22 1937 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 40–41, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 116; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 393 In den 1980er Jahren „[…] konstituieren und erhalten sich Systeme [ebenfalls, Anm. d. Verf.] durch die Erzeugung und Erhaltung einer Differenz zur Umwelt. […] In diesem Sinne ist Grenzerhaltung […] Systemerhaltung.“1938 Auch im nächsten liegt der Jahrzehnt liegt der Systemtheorie „[…] prinzipiell ein differenzialistischer oder differenztheoretischer Ansatz zugrunde. Die Theorie beginnt mit einer Differenz, mit der Differenz von System und Umwelt, sofern sie Systemtheorie sein will; wenn sie etwas anderes sein will, muss sie eine andere Differenz zugrunde legen.“1939 „System und Umwelt ist eine konzeptuelle Einheit, die als Differenz beschrieben wird.“1940 „[…] [D]ie Differenz von System und Umwelt [wird] im System selbst produziert und reproduziert […]“1941, wobei „[…] kein System ohne Umwelt existieren kann.“1942 Durch die Einführung des Beobachters ist die „[…] Systemtheorie Grundlage für eine bestimmte Praxis des Unterscheidens und Bezeichnens. Sie benutzt die Unterscheidung System und Umwelt als Form ihrer Beobachtungen und Beschreibungen […].“1943 vgl. Luhmann, Niklas: Legitimation durch Verfahren, S. 41; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 206–207 1938 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 35; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 358; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 367 1939 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 67; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59 1940 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 35 1941 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 36; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 10 1942 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 66; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 1943 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 64 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 394 6.6.1.4 Basaler Prozess In den 1960er Jahren werden soziale Systeme aus Handlungen gebildet.1944 Als Handlung bezeichnet Luhmann „[…] jedes sinnhaft orientierte, nach außen wirksame menschliche Verhalten […].“1945 Handlung ist das nicht weiter dekomponierbare Element, das Ereignis, von Systemen.1946 „[…] Handlung [ist] unauflösbares Systemelement.“1947 „Von Handlung […] [spricht Luhmann immer dann], wenn eine Selektion einem System zugerechnet wird.“1948 Allerdings scheint Luhmann in seinen frühen Werken die Erklärung der Handlung oftmals als nicht notwendig zu erachten. Nach der autopoietischen Wende sind die Letzteinheiten bzw. elementaren Einheiten der Selbstkonstitution eines sozialen Systems Kommunikation.1949 „Der Begriff bezeichnet hier nicht einfach ein Mitteilungshandeln, das Informationen ‚überträgt‘, sondern eine eigenständige autopoietische Operation […].“1950 Kommunikation ist eine soziale Operation und beinhaltet einen dreistelligen Selektionsprozess (Information, Mitteilung, Verstehen), der zur Einheit gebracht werden muss.1951 Luhmann nimmt auch Bezug auf seinen früher verwendeten Begriff Handlung: „Kommunikation ist ein von Handlung abgehobener Pro- 1944 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 117 1945 Luhmann, Niklas: Zweckbegriff und Systemrationalität, S. 7 1946 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 117 1947 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 117 1948 Luhmann, Niklas: Zur Komplexität von Entscheidungssituationen, S. 3 1949 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 192; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 299 1950 Luhmann, Niklas: Ökologische Kommunikation: Kann die moderne Gesellschaft sich auf ökologische Gefährdungen einstellen?, S. 267 1951 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 225–226; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 63, S. 293; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 233; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 294 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 395 zess, der Handlungen attribuiert, zurechnet, konstruiert, aber nicht selbst Handlung ist.“1952 „Kommunikation ist die elementare Einheit der Selbstkonstitution, Handlung ist die elementare Einheit der Selbstbeobachtung und Selbstbeschreibung sozialer Systeme.“1953 Des Weiteren beschreibt er, dass Kommunikation unwahrscheinlich ist1954 und keine Dauer hat.1955 Auch nach der Einführung des Beobachters gelten die Aussagen der 1980er Jahre. „Kommunikation ist diejenige autopoietische Operation, die rekursiv auf sich selbst zurückgreift und vorgreift und dadurch soziale Systeme erzeugt. Kommunikation gibt es somit nur als soziale Systeme und nur in sozialen Systemen.“1956 Durch Kommunikation wird die Differenz zwischen System und Umwelt reproduziert.1957 Jedoch wird nun der Aspekt der Beobachtung mit einbezogen. „[…] [S]oziale Systeme (und das schließt dann den Fall Gesellschaft ein) [können] nur als sich selber beobachtende Systeme zustande kommen […] So fungiert die Kommunikation selbst operativ als Einheit der Differenz von Information, Mitteilung und Verstehen, ohne diese Einheit kommunizieren zu können.“1958 „[…] Kommunikation [ist] nur als beobachtende Operation möglich.“1959 Sie „[…] orientiert sich an der Unterscheidung von Medium und Form.“1960 „Kommunikationssysteme konstituieren sich selbst mit Hilfe der Unterscheidung Medium und Form. […] Kommunikation ist nur, und das ist […] [die] 1952 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 302 1953 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 241 1954 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 26; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 233 1955 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 28; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, 174 1956 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 59; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 87 1957 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 79–80; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 29 1958 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 86–87 1959 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 538; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 86–87 1960 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 396 Antwort auf das Unwahrscheinlichkeitsproblem, als Prozessieren dieser Differenz möglich.“1961 Luhmann ersetzt mit der autopoietischen Wende Handlungstheorie durch Kommunikationstheorie und geht in seinen theoretischen Überlegungen vom Grundbegriff der Kommunikation aus.1962 6.6.1.5 Autopoiesis In den 1960er Jahren gilt das Prinzip der Selbstorganisation.1963 „Der Begriff der Selbstorganisation bezog sich jedoch – rückblickend muß man sagen ‚nur‘ – auf die Strukturen eines Systems.“1964 In den 1980er Jahren findet die so genannte autopoietische Wende statt. Hier wird der Begriff der Autopoiesis in die allgemeine Systemtheorie eingeführt. Das heißt, dass „[e]in System […] die Elemente [produziert], aus denen es besteht, mit Hilfe der Elemente, aus denen es besteht.“1965 „Ein autopoietisches System kann dann dargestellt werden als ‚autonom’ aufgrund einer ‚geschlossenen Organisation’ selbstreferenzieller Reproduktion.“1966 Nach der Einführung des Beobachters wird der Begriff inhaltlich nicht verändert. Weiterhin heißt Autopoisis, „[…] daß die Einheit des Sys- 1961 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 195 1962 vgl. Baecker, Dirk: Kommunikation und Handlung (3. Kapitel), S. 37; vgl. Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 83–84 1963 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 24–25; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 295; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigun, S. 367–368 1964 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 24; vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 295; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigun, S. 367–368 1965 Luhmann, Niklas: Autopoiesis, Handlung und kommunikative Verständigung, S. 369; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 166; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 38 1966 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, S. 294 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 397 tems und mit ihr alle Elemente, aus denen das System besteht, durch das System selbst produziert werden.“1967 Hinzugefügt wird, dass „[d]er bloße Begriff der Autopoiesis […] dem Unterscheiden und Bezeichnen eines entsprechenden Sachverhalts [dient].“1968 Interessant ist auch, dass der Begriff „[…] keinen empirischen Erklärungswert [hat].“1969 „[…] [D]ie Operationen und die durch sie aufgebauten Strukturen [eines Systems dienen weiterhin] nicht der besseren Anpassung des Systems an seine Umwelt, sondern der Fortsetzung der Autopoiesis des Systems.“1970 6.6.1.6 Offenheit / Operative Geschlossenheit In den 1960er Jahren werden Systeme als umweltoffen bezeichnet.1971 Umweltoffene Systeme können Austauschbeziehungen mit der Umwelt unterhalten und ihre internen Relationen an externen ausrichten1972 oder aber auch die Umwelt verändern1973. Sie stehen mit ihrer Umwelt in Leistungsbeziehungen, was systemerhaltend ist.1974 An an- 1967 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 49, S. 71; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 12; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 65–66 1968 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 49; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 132 1969 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 49; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 132; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 66 1970 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 74–75 1971 vgl. Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 101; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 73 1972 vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 137 1973 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 210; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 10 1974 Luhmann, Niklas: Zweck – Herrschaft – System. Grundbegriffe und Prämissen Max Webers, S. 105 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 398 derer Stelle schreibt Luhmann, dass „[…] die informierende Umwelt nicht kontrolliert und beeinflusst werden kann. Nur die Bildung allgemeiner Erwartungen in bezug auf die Umwelt ist vorauszusetzen.“1975 Ab der autopoietischen Wende gelten Systeme als operativ geschlossen.1976 Dies bedeutet, dass sich ein System nicht mit Hilfe seiner eigenen Operationen mit der Umwelt in Verbindung setzen kann. Umwelt wirkt wie eine Irritation, als ein Rauschen. Daraus folgt, dass „[…] Informationen immer ein Eigenprodukt des Systems [sind] […]1977 und dass Systeme zur Selbstanpassung gezwungen sind.1978 Geschlossenheit fungiert als Basis für Offenheit bei der Einrichtung von Autopoiesis, wobei Offenheit nicht als Gegensatz, sondern als Bedingungsverhältnis formuliert werden muss.1979 In diesem „[…] Sinne [ist] […] kein Input und kein Output [von Operationen] möglich […].“1980 In den 1990er Jahren gelten die gleichen Aussagen. Grundsätzlich sind autopoietische Systeme operativ geschlossen1981 und können nicht in der Umwelt operieren.1982 Auf Basis dieser Geschlossenheit sind diese Systeme umweltoffen,1983 also „[…] in spezifischen Hin- 1975 Luhmann, Niklas: Lob der Routine, S. 9 1976 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 60 1977 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 173 1978 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 56 1979 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 297; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197–198; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 626; 1980 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197; vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 313 1981 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 26 1982 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 93; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 51, 53; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16–17; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 36–37; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 39 1983 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 28; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 277, S. 303; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 43–44, S. 76; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 11, S. 105–106, S. 372–373; 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 399 sichten von Umweltbedingungen [abhängig] […].“1984 Neu hinzugefügt hat Luhmann den Aspekt der Beobachtung. „Erst operative Geschlossenheit ermöglicht die Reproduktion einer Differenz von System und Umwelt, in die dann auf Seiten des Systems diese hineincopiert werden kann, wenn das System über die Fähigkeit verfügt, sich selbst im Unterschied zu anderen zu beobachten.“1985 „[…] [E]in geschlossenes System [kann] sich zu seiner Umwelt hin öffnen […], obwohl es mit seinen eigenen Operationen die Umwelt nicht erreichen kann […].“1986 Dies wird durch die Selbstbeobachtung ermöglicht.1987 6.6.1.7 Strukturen Zu Beginn seiner Theorieentwicklung heißt Strukturentwicklung für Luhmann Generalisierung von Verhaltenserwartungen.1988 Dabei existieren drei verschiedene Richtungen der Generalisierung: „[…] zeitlich – als Sicherung gegenüber einzelnen Erwartungen und Enttäuschungen; sachlich – als Sicherung gegen Zusammenhanglosigkeit und Widersprüche; sozial – als Sicherung gegen Dissens.“1989 Struktuvgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 54, 71; vgl. Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 141; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 15 1984 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 28 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 277, S. 303; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 43–44, S. 76; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 11, S. 105–106, S. 372–373; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 54, 71; vgl. Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 141; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 15 1985 Luhmann, Niklas: Bemerkungen zu „Selbstreferenz“ und zu „Differenzierung“, S. 141 1986 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72 1987 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72 1988 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 42, S. 146; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 55 1989 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 56–58; vgl. Luhmann, Niklas: Theorie der Verwaltungswissenschaft, S. 65–66; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121, S. 145–146 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 400 ren gewährleisten eine „[…] Vorauswahl des im System Möglichen […]“1990 und haben die Funktion der Reduktion von Komplexität.1991 Im weiteren Verlauf werden Strukturen nicht mehr mit der Generalisierung von Verhaltenserwartungen in Verbindung gebracht, erhalten bleiben aber die Einschränkung des Möglichkeitsspielraums1992 und die Bildung aus Erwartungen.1993 Hinzu kommt, dass „Strukturen […] die Anschlussfähigkeit der autopoietischen Reproduktion ermöglichen […]“1994 und ein System spezifizieren.1995 Dies bedeutet: „Alle Strukturveränderung, sei sie nun Anpassung an die Umwelt oder nicht, ist Selbständerung. Sie ist in sozialen Systemen nur über Kommunikation möglich.“1996 „Strukturveränderung setzt Selbsterhaltung voraus […].“1997 Nach der Einführung des Beobachters ändert sich an der Bedeutung des Begriffs nichts. „Strukturen sind zur jeweils hochselektiven Verknüpfung von Operationen erforderlich […].“1998 „[…] Strukturen […] reduzieren die Beliebigkeit dessen, was als nächstes drankommt, sie ermöglichen […] Redundanz, und damit auch ein hohes Tempo im 1990 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 42, S. 146; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 55 1991 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 121; vgl. Luhmann: Legitimation durch Verfahren, S. 42; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 114 1992 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation, S. 172; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 384–385, S. 388, S. 392 1993 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 398; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 397–399 1994 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 62; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 391–392; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 174 1995 Luhmann, Niklas: Organisation, S. 172; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 384–385, 388, 392 1996 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 478 1997 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 474 1998 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 35; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 304 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 401 Aktualisieren nächster Ereignisse, die sich eignen, die Autopoiesis des Systems fortzusetzen.“1999 „Strukturen sind […] notwendige Komplexitätsreduktionen.“2000 Und „Strukturen sind Erwartungen in Bezug auf die Anschlussfähigkeit von Operationen […].“2001 „Nur auf der Ebene der Strukturen ist ein Änderungsdruck überhaupt möglich […].“2002 6.6.1.8 Sinn Meiner Einschätzung nach hat Luhmann den Begriff Sinn erst nach der Ausarbeitung von „Funktionen und Folgen formaler Organisation“ mit Inhalt im Rahmen seiner Systemtheorie gefüllt. Er spricht zwar vom Sinn von Handlungssystemen als „eine bestimmte Ordnung von Erwartungen“2003 und „von Sinnverbundenheit der Handlungen eines Systems“2004, bedient sich hier aber dem allgemeinen Gebrauch des Wortes. Trotzdem enthält die Theorie in allen Phasen, bezogen auf weitere Werke von Luhmann, den Begriff Sinn. In den 1960er Jahren ist „Sinn […] die Ordnungsform menschlichen Erlebens, die Form der Prämissen für Informationsaufnahme und bewußte Erlebnisverarbeitung, und ermöglicht die bewußte Erfassung und Reduktion hoher Komplexität.“2005 Für Luhmann bedeutet „Sinn […] Selektion aus anderen Möglichkeiten und damit zugleich Verweisung auf andere Möglichkeiten.“2006 Er unterscheidet drei Sinndimensionen, die „[…] sich als 1999 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 2000 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 437 2001 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 103 2002 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 204 2003 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 26 2004 Luhmann, Niklas: Funktionen und Folgen formaler Organisation, S. 27 2005 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 61; vgl. Luhmann, Niklas: Moderne Systemtheorien als Form gesellschaftlicher Analyse, S. 12 2006 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung, S. 116; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 83 6 Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann 402 sachliche, soziale und zeitliche Dimension am Erleben unterscheiden [lassen].“2007 Die letzten beiden Merkmale behält Luhmann in allen Phasen seiner Theorieentwicklung bei. „Das Phänomen Sinn verweist erscheint in der Form eines Überschusses von Verweisungen auf weitere Möglichkeiten des Erlebens und Handelns.“2008 Und Sinn wird auch weiterhin in drei Sinndimensionen unterschieden, nämlich wie in den 1960er Jahren in Sach-, Zeit- und Sozialdimension.2009 Ab den 1980er Jahren wird Sinn explizit als Einheit von aktualisiertem/gewähltem und potenziellem/möglichem Sinn definiert,2010 was auch nach Einführung des Beobachters beibehalten wird.2011 Nach der autopoietischen Wende greift Luhmann den Begriff der generalisierten Verhaltenserwartungen als Synonym für Strukturen aus den 1960er Jahren wieder auf.2012 Sinn erfordert symbolische Generalisierung, um die Verweisungsstruktur jeden Sinns zu Erwartungen zu verdichten.2013 In den 1990er Jahren bringt Luhmann die Unterscheidung Medium und Form in Verbindung mit dem Begriff Sinn. „Im gesamten Bereich von Sinn kann man nach Medium und Form unterscheiden, denn Sinn 2007 Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 48; vgl. Luhmann, Niklas: Sinn als Grundbegriff in der Soziologie, S. 61 2008 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 93; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 2, S. 47; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 687 2009 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 111; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 239–241 2010 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 111; 2011 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 50; vgl. Luhmann, Niklas: Zeichen als Form, S. 62–63; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 102; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 44, S. 46, S. 49; vgl. Luhmann, Niklas: Stellungnahme, S. 383–384 2012 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 139; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 455 2013 vgl. Luhmann, Niklas