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13 Schlusswort in:

Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation, page 815 - 820

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565-815

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
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13 Schlusswort 815 13 Schlusswort Schon der erste Arbeitstitel dieser Arbeit „Das Krankenhaus zwischen Funktionssystemen und Organisation“ war nicht haltbar. Diese Erkenntnis ist ein Ergebnis der intensiven Studien von Luhmanns und anderen systemtheoretisch orientierten Werken. Der Schwerpunkt hat auf dem Ausdruck „zwischen“ gelegen, der Zentrum dieser Arbeit werden sollte. Unweigerlich stößt man bei der Beschäftigung mit Beziehungen bzw. Verhältnissen von Systemen auf den Begriff der strukturellen Kopplung. Luhmann betont: Bei strukturellen Kopplungen handelt „[…] es sich nicht um Einrichtungen […], die gleichsam freischwebend ‚zwischen‘ den Systemen existieren und keinem von ihnen gehören. Vielmehr sind es Einrichtungen, die von jedem System in Anspruch genommen werden, aber von jedem in unterschiedlichem Sinne, denn wie sonst sollte es zu Irritationen kommen?“3925 Trotzdem nutzt Luhmann selbst sehr häufig den Ausdruck „zwischen“, um Verhältnisse von Funktionssystemen oder von Funktionssystemen und Organisationen zu benennen oder zu beschreiben.3926 Die Präposition „zwischen“ wurde im Titel mit Anführungszeichen versehen und der erklärende zweiter Titel „Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern“ gewählt, um das Forschungsvorhaben konkret zu benennen. Grundsätzlich war angedacht, das Thema bzw. den Begriff der strukturellen Kopplung bezogen auf Funktionssysteme und Organisationen näher zu beleuchten, ggf. sogar zu klären. Wie der veränderte Titel vermuten lässt, ist dies nur in (sehr) begrenztem Maß gelungen. Die Idee war, durch systematische Literaturrecherchen, Fleiß und gesunden Menschenverstand das Thema zu bearbeiten und auf die spezielle Organisation Krankenhaus zu beziehen. Allerdings wurden im Verlauf 3925 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 787 3926 Beispielhaft: vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 781–786; vgl. Backer, Dirk (Hrsg.): Einführung in die Systemtheorie, S. 275; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 780–781; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 382; vgl. Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 124 13 Schlusswort 816 der Bearbeitung viele Fragen aufgeworfen, auf die keine konkreten Antworten gefunden werden konnten. Zumindest konnte die Behauptung belegt werden, dass das Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen tatsächlich in Luhmanns Theorie sozialer Systeme ungeklärt ist, was die Zusammenfassung des aktuellen Stands der Theorieentwicklung zeigt. Zusätzlich sind ein komplexes Nachschlagewerk zu Luhmanns Systemtheorie und eine Gegenüberstellung der Begrifflichkeiten in den verschiedenen Entwicklungsphasen entstanden, wie es bislang in dieser Form nicht vorliegt. Teils werden in anderen Arbeiten Zitate von Luhmann aus den verschiedenen Etappen der Theorieentwicklung zusammengestellt, ohne sich verändernde Bedeutungen zu reflektieren. Häufig fehlen konkrete Hinweise darauf, in welcher Schaffensphase Luhmann sich bei der Formulierung der jeweils aufgeführten Werke befand und welche Stellung er im weiteren Verlauf zu der entsprechenden Thematik bezogen hat. Luhmann selbst hat festgestellt, dass sich insgesamt zeigt, „[…] daß in der Theorie sozialer Systeme noch viel in Bewegung ist und sicher noch mehr bewegt werden kann. Eine Publikation markiert in meinem Verständnis nicht den Abschlußbericht oder gar den Perfektionszustand einer Theorie. Es muß genügen, wenn sie so weit durchgeformt ist, daß sie den beliebigen Umgang mit ihren Thesen und Begriffen ausschließt und Korrekturen entscheidbar werden. Man kann sie pauschal ablehnen – aber das heißt dann nur: ihre Grenzen zu verlassen und in den unmarked state irgendwelcher anderen Beschäftigungen überzugehen.“3927 Schimank hat diese Aussage von Luhmann aufgegriffen: „Da sich Luhmanns Analysen gesellschaftlicher Differenzierung auf die Ebene der autopoietischen Kommunikationszusammenhänge beschränken, bleibt das von ihnen gezeichnete Bild der modernen Gesellschaft – 3927 Luhmann, Niklas: Stellungnahme. In: Krawietz, Werner; Welker, Michael (Hrsg.): Kritik der Theorie sozialer Systeme. Auseinandersetzungen mit Luhmanns Hauptwerk. 2. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1992, S. 371–386, S. 385–386 13 Schlusswort 817 wie er [Luhmann] selbst zugesteht – hochgradig unvollständig. Luhmanns ebenso wie Parsons Theorie erheben eben […] keinen Totalitätsanspruch. Dementsprechend muss man der Theorie ihren selektiven Zuschnitt zugestehen, solange sie nicht explizit oder implizit mehr zu sagen beansprucht; und dieses Zugeständnis kann man bereitwilliger machen, je überzeugender man die Behauptung findet, dass die Theorie sich nicht irgendein, sondern ein zentrales – vielleicht sogar: das zentrale – Merkmal des Differenzierungsprinzips der modernen Gesellschaft herausgreift.“3928 Vielleicht können in Zukunft die Ergebnisse des von Bund und Ländern geförderten Akademieprogramms und Langzeitforschungsprojekts der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK) „Niklas Luhmann – Theorie als Passion. Wissenschaftliche Erschließung und Edition des Nachlasses“3929 Hinweise bzw. Aufschluss geben, wie mit den verbliebenen Fragestellungen und/oder Widersprüchlichkeiten in der Theorie von Niklas Luhmann umgegangen werden kann. „Die Gesamtfördersumme [für dieses Projekt bzw. Forschungsvorhaben] beträgt 5.050.000 Euro für eine Laufzeit von 16 Jahren“3930 und wird von Prof. Dr. André Kieserling, Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der Universität Bielefeld, geleitet.3931 Ziele sind „[…] die Sicherung, Erschließung und Erforschung des wissenschaftlichen Nachlasses Niklas Luhmanns, dessen Präsentation auf einem allgemein zugänglichen Internetportal sowie die Edition der nachgelassenen Schriften.“3932 Luhmanns Nachlass enthält neben dem Zettelkasten mit mehr als 90.000 Notizzetteln nahezu 200 unveröf- 3928 Schimank, Uwe: Kapitel 4. Luhmanns Sicht gesellschaftlicher Differenzierung als Polykontexturalität selbstreferentiell geschlossener Teilsysteme. In: Schimank, Uwe: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung. 3. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2007, S. 123–183, S. 147 3929 vgl. https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/neues_langzeitforschungsproje kt_niklas_luhmann_theorie (10.11.2018, 18:15 Uhr) 3930 https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/neues_langzeitforschungsprojekt_ niklas_luhmann_theorie (10.11.2018, 18:15 Uhr) 3931 vgl. https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/neues_langzeitforschungsproje kt_niklas_luhmann_theorie (10.11.2018, 18:15 Uhr) 3932 https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/neues_langzeitforschungsprojekt_ niklas_luhmann_theorie (10.11.2018, 18:15 Uhr) 13 Schlusswort 818 fentlichte Manuskripte und umfangreiche Vorlesungsskripte.3933 Gestartet wurde das Forschungsvorhaben im Jahr 2015.3934 Einige Autoren wie André Brodocz und Thomas Schwinn beziehen sich bereits auf unveröffentlichte Manuskripte, die zurzeit noch nicht einsehbar sind. Noch ist auch nicht abzusehen, wann dies der Fall sein wird. Daher konnten diese Manuskripte in diesem Dissertationsvorhaben keinen Eingang finden. Nach Meinung von Brodocz ist das nicht veröffentlichte Manuskript von 1991 (Theorie der Gesellschaft) jedoch vollständig in dem Werk „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ aufgegangen.3935 Eventuell geben die Ergebnisse auch Anlass zur weiteren systematischen Theorieentwicklung und es wird aufgegriffen, was Schimank bereits formuliert hat: „[…] Hinweise auf Lücken oder Schwächen von Luhmanns differenztheoretischen Untersuchungen [stellen keinen posthumen] […] Vorwurf […] dar, sondern [dienen] einzig der Orientierung derer […], die […] nach Luhmann die Sache weiter vorantreiben wollen.“3936 Ein bzw. das Ergebnis ist aber auch, dass man Luhmanns Zielsetzung nicht aus den Augen verlieren sollte, wenn man sich mit seinem Theoriegebäude auseinandersetzt. Baecker hat treffend formuliert, dass „[d]ie Zielsetzung der Theorie Luhmanns […] immer eine empirische [ist]. Es geht darum, Begriffe bereitzustellen, die in der Lage sind, Daten zu sortieren, die in der sozialen Wirklichkeit der Gesellschaft erhoben werden können. […] Zielsetzung ist so oder so eine Modellierung, die als wissenschaftlich angeleitete und reflektierte Reduktion der Komplexität der Gesellschaft einen Beitrag zur Kontrolle dieser 3933 vgl. https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/neues_langzeitforschungsproje kt_niklas_luhmann_theorie (10.11.2018, 18:15 Uhr); vgl. http://www.nw.de/lokal/bielefeld/mitte/mitte/20450096_Einblick-in-Luhmanns- Zettelkasten.html (10.11.2018, 18:20 Uhr) 3934 vgl. https://ekvv.uni-bielefeld.de/blog/uniaktuell/entry/neues_langzeitforschungsproje kt_niklas_luhmann_theo rie (10.11.2018, 18:15 Uhr) 3935 Mail von Brodocz vom 02.01.2015, 12:00 Uhr 3936 Schimank, Uwe: Theorie der modernen Gesellschaft nach Luhmann – eine Bilanz in Stichworten, S. 274 13 Schlusswort 819 Komplexität leistet. ‚Kontrolle‘ heißt hierbei im kybernetischen Sinne nicht Beherrschung, sondern vergleichende und lernende Beobachtung: Es geht um den Aufbau eines Gedächtnisses im Umgang mit Phänomenen der Selbstorganisation, um Arbeit an der Interaktionsfähigkeit eines Beobachters.“3937 Vogds Meinung nach gelingt es mit der rekonstruktiven Sozialforschung, „[…] auf reflexiver Ebene angemessen mit polyzentrischen und polykontexturalen Verhältnissen umzugehen“3938, „[…] welche die unterschiedlichen relevanten Beobachterstandorte in ihren jeweils eigenen Orientierungen und Feldabhängigkeiten rekonstruieren kann.“3939 „Mit der Systemtheorie steht […] [nun] der Weg zur Verfügung […] die Beobachterabhängigkeit […] [zu thematisieren].“3940 Die Grundidee besteht darin, „[…] Abhängigkeiten zwischen den verschiedenen Systemen zu beschreiben, ohne kausale Beziehungen festlegen zu müssen.3941 Mölders stellt fest, dass „Polykontexturalität […] für die Differenzierungstheorie [auch bedeutet], dass ein und das gleiche Element in unterschiedliche Verstehenskontexte eingebunden werden kann, sich diese aber nicht aufsummieren lassen.“3942 „Luhmann gilt als schwer zu lesen und zu verstehen.“3943 Denn er hat mit seinem Werk ein Theoriegebäude entwickelt, dessen Komplexität einen Grad erreicht hat, dass das Begreifen eine intensive Auseinandersetzung erfordert. Die Theorie verhilft aber, sofern die hohe Einstiegsbarriere überwunden wird, „[…] zu einem neuen Zugang sowohl 3937 Baecker, Dirk: Kommunikation und Handlung (3. Kapitel), S. 38 3938 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 35 3939 vgl. Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 36 3940 Vogd, Werner: Polykontexturalität: auf dem Weg zu einer multidimensionalen Typologie, S. 1 3941 vgl. Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 55 3942 Mölders, Mark: Differenzierung und Integration. Zur Aktualisierung einer kommunikationsbasierten Differenzierungstheorie, S. 480; vgl. Mölders, Mark: Differenzierung und Integration. Zur Aktualisierung einer kommunikationsbasierten Differenzierungstheorie, S. 491; vgl. Vogd, Werner: Polykontexturalität: auf dem Weg zu einer multidimensionalen Typologie, S. 17 3943 Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie, S. 11 13 Schlusswort 820 im Alltag als auch in der wissenschaftlichen Analyse.“3944 Die ungewohnten Denkweisen ermöglichen eine Sicht auf Vorgänge beispielsweise in der Gesellschaft oder in einer Organisation, die einerseits zur Erklärung, andererseits aber auch zur Beruhigung und Entspannung oder auch in manchen Fällen sogar zur Erheiterung beitragen können. Wird die Herausforderung angenommen, die Zeit investiert und die Grenze von Verzweiflung zum Verstehen von Luhmanns Theorie überschritten, faszinieren die Inhalte, auch wenn, wie bereits mehrmals erwähnt, (noch) Unklarheiten bestehen. Sicherlich ist das Interesse auch davon abhängig, von wem, wie und in welchem Kontext die Theorie dem Einzelnen nahe gebracht wird. 3944 Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie, S. 11

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Abstract

At first, there is a systematic examination of Niklas Luhmann's sociological systems theory in order to comprehend the essential fundamental terms in all their facets. Building on this, the hospital is inspected more closely within a modern, functionally differentiated society, and it is analysed whether and how structures in such organisations arise as a result of society's requirements. It is based on the fact that the healthcare system has a firm place in the health policy and public discourse, but follows different rules than other areas of social life. Health is an undisputed good – possibly even the highest good in society – and is therefore outside of all ideological controversy. Numerous and highly different influences affect the institutions in which medical treatment takes place, such as from business, law, politics and science.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um die wesentlichen Grundbegriffe in all ihren Facetten zu erfassen. Darauf aufbauend wird das Krankenhaus innerhalb einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft genauer betrachtet, und es wird analysiert, ob und wie Strukturen in derartigen Organisationen in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Zugrunde gelegt wird, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt, jedoch anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn Gesundheit ist ein unumstrittenes Gut – möglicherweise sogar das höchste Gut in der Gesellschaft – und steht somit außerhalb aller ideologischen Kontroversen. Dabei wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse auf die Institutionen ein, in denen Krankenbehandlung stattfindet, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft.