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11 Methodenreichweitendiskussion in:

Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation, page 775 - 786

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565-775

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
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11 Methodenreichweitendiskussion 775 11 Methodenreichweitendiskussion Die Methodenreichweitendiskussion dient der abschließenden Betrachtung und kritischen Reflektion des methodischen Vorgehens bzw. der gewählten Forschungsmethoden. In der vorliegenden Dissertation werden folgende Methoden angewendet, die hier kritisch beleuchtet werden: Systematische Literaturrecherche Rationale Rekonstruktion Funktionale Analyse 11.1 Systematische Literaturrecherche Im Folgenden werden die systematische Literaturrecherche und die dabei angewendeten Methoden kritisch reflektiert. Ziel einer systematischen Literaturrecherche ist es, möglichst alle Publikationen und somit umfassende Informationen zu einem Themengebiet in die Forschung einzubeziehen. Ebenfalls werden somit eine Verhaftung in einem Denkstil und die Unterwerfung unter lediglich einen Denkstilkollektiv vermieden. Ludwik Fleck hat sich in den 1930er Jahren des 20. Jahrhunderts intensiv mit diesem Phänomen beschäftigt (s. Kapitel 5.1). In „Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie“ (s. Kapitel 5) sind u. a. die Methoden beschrieben, die für die systematische Literaturrecherche Anwendung gefunden haben. Grundsätzlich wird mit einer systematischen Literaturrecherche das Ziel verfolgt, relevante Publikationen aufzufinden, die bereits zu diesem Themenbereich existieren, wobei auch die Qualitätskriterien der Vollständigkeit, Objektivität, Transparenz und somit die Reproduzierbarkeit der Recherche durch Dritte sichergestellt werden sollen. 11 Methodenreichweitendiskussion 776 Das Vorhaben wurde dadurch erschwert, dass in den diversen Hinweisen zur Recherche soziologischer Literatur keine verallgemeinerbaren Strategien benannt werden. Um trotzdem den Anforderungen an eine wissenschaftliche Arbeit gerecht werden zu können, wurde ein Vorgehen erarbeitet, wie solch eine Literaturrecherche in der Soziologie standardisiert durchgeführt und dokumentiert werden kann, um auch für diesen Wissenschaftsbereich die Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Vorgehensweise sicherzustellen. Dabei wurde Bezug auf bereits vorhandene und bewährte Instrumente aus anderen Disziplinen genommen. Die Recherchen erfolgten in Anlehnung an den PRISMA-Standard. Dieser Standard bietet eine systematische Vorgehensweise und deren Dokumentation. Die verwendeten Datenbanken, die Ein- und Ausschlusskriterien, die Suchstrategie mit den Suchbegriffen und weiteren Eingrenzungen der Suche werden detailliert beschrieben. Die Ergebnisse werden ausführlich dargestellt und begründet, warum diese einoder ausgeschlossen wurden.3828 Anzumerken ist, dass von den Treffern relativ viele ausgeschlossen werden mussten. Die Quote der zunächst eingeschlossenen Treffer lag zwischen 0 % und 13 %, nur einmal konnten 37,5 % erreicht werden. Dies könnte allerdings auch der Tatsache geschuldet sein, dass die Suche mit nur wenigen Eingrenzungen durchgeführt wurde, um die Bandbreite der Ergebnisse nicht einzuschränken. Da sich der PRISMA-Standard nicht vollständig auf eine theoriegeleitete Arbeit übertragen lässt, erfolgte eine entsprechende Überprüfung und Anpassung. Das Flussdiagramm mit den vier Phasen wurde modifiziert und die Checkliste mit den 27 Items wurde adaptiert. Elf Items beziehen sich speziell auf Studien und wurden somit als nicht relevant eingestuft. Im Anschluss wurden Kriterien für die weitere Beurteilung der vorausgewählten Literatur auf deren Eignung entwickelt. Für diesen Prozess werden vom PRISMA-Standard keine Methoden vorgegeben. Hierfür wurde der CERQual-Ansatz herangezogen, der auf vier 3828 vgl. Ziegler, Andreas: Bevorzugte Report Items für systematische Übersichten und Meta-Analysen: Das PRISMA Statement, S. 4–23 11 Methodenreichweitendiskussion 777 Kriterien (Methodische Einschränkungen, Relevanz, Kohärenz, Angemessenheit der Quellen) basiert, die zum Vertrauen in die einbezogenen Forschungsarbeiten eines Reviews qualitativer Studien beitragen.3829 Diese Kriterien wurden auf Funde einer systematischen Literaturrecherche in der Soziologie übertragen, um die Vertrauenswürdigkeit bzw. Brauchbarkeit der zunächst einbezogenen Treffer beurteilen zu können. Die Vertrauenswürdigkeit wurde mithilfe der vier vorgeschlagenen Stufen des CERQual-Ansatzes abschließend bewertet (hoch, mittel, gering, sehr gering).3830 Durch die sorgfältige Vorauswahl der Literatur durch Sichtung der Hinweise in den Datenbanken zu den Inhalten war hier die Quote der endgültig eingeschlossenen Literatur recht hoch und häufig sogar bei 100 %. Die niedrigste Quote lag bei 50 % (eine Publikation von zwei Treffern), ansonsten wurde immer eine Quote von über 71 % erzielt. Die vom CERQual-Ansatz adaptierten Kriterien ließen sich in der Praxis gut zur Bewertung der Vertrauenswürdigkeit der einzelnen Publikationen anwenden. Es handelt sich um eine neue Analyseart, die sich wesentlich von dem sonst angewendeten „Bauch-Gefühl“ unterscheidet. Strukturiert wurde die Brauchbarkeit der einzelnen Funde überprüft. Ein wenig schwierig bzw. ungewohnt, aber auch sehr interessant, waren die Einordnung der Autoren und deren Qualifikationen. Die Relevanz, Kohärenz und die Angemessenheit der Daten konnten recht einfach und unproblematisch erhoben werden. Auffällig war, dass Luhmann in seinen Schriften nahezu immer auf ein Literaturverzeichnis verzichtet hat und lediglich in den meisten Fällen entsprechende Hinweise in den Fußnoten oder Anmerkungen zu finden sind. 3829 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual), S. 6–9 3830 vgl. Lewin, Simon; Glenton; Claire; Munthe-Kaas, Heather; Carlsen, Benedicte; Colvin, Christopher J.; Gülmezoglu, Metin; Noyes, Jane; Booth, Andrew; Garside, Ruth; Rashidian, Arash: Guidelines and Guidance. Using Qualitative Evidence in Decision Making for Health and Social Interventions: An Approach to Assess Confidence in Findings from Qualitative Evidence Syntheses (GRADE-CERQual), S. 10–11 11 Methodenreichweitendiskussion 778 Die Bewertung der Vertrauenswürdigkeit insgesamt konnte ebenfalls unproblematisch erfolgen, wobei in den meisten Fällen der Schwerpunkt auf das Kriterium der Relevanz gelegt wurde. Die entsprechende Erklärung ergab sich aus den vorigen Einschätzungen. Mit einer systematischen Literaturrecherche wird davon Abstand genommen, sich ausschließlich auf die „Methode der konzentrischen Kreise“3831 bzw. des Schneeball- oder Lawinensystems und die Durchsicht von Fachjournalen, die Prüfung der Referenzlisten relevanter Publikationen oder auch die Nutzung des Internets zu stützen, um relevante Veröffentlichungen zu finden. Die Methode bietet den Vorteil, dass strukturiert, transparent und nachvollziehbar nach relevanter Literatur gesucht sowie der Ein- und Ausschluss von Funden begründet wird. Die für die Soziologie neuen Instrumente haben allerdings einen sehr hohen Dokumentationsaufwand zur Folge, wie am zugehörigen umfangreichen systematischen Literaturreview (Teil II) zu sehen ist. Die neue Methode ist auch mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden. Für diese Dissertationsschrift wurden vier systematische Literaturrecherchen durchgeführt. Je nach Themengebiet wurden mehr oder weniger Publikationen durch die Handrecherche ergänzt. In manchen Themengebieten wurden wesentliche Publikationen lediglich durch die Handrecherche ausfindig gemacht. Eine Begründung könnte sein, dass die Soziologie sehr in ihrem Denkstilkollektiv (s. Kapitel 5.1) verhaftet ist. Ein Hinweis hierfür könnte auch sein, dass kaum geeignete Datenbanken ausfindig gemacht werden konnten, die viele Publikationen aus verschiedenen soziologischen Datenbanken bündeln. Das Einstellen des als besonders hilfreich bewerteten Fachportals SOWIPORT zeigt ebenfalls, dass in der Soziologie andere Arbeitsweisen präferiert werden. Daraus folgt, dass auf eine sorgfältige Handrecherche keinesfalls verzichtet werden sollte. 3831 Rossig, Wolfram E.; Prätsch, Joachim: Wissenschaftliches Arbeiten – Leitfaden für Haus- und Seminararbeiten, Diplom- und Magisterarbeiten, Dissertationen, S. 64 11 Methodenreichweitendiskussion 779 Für die Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Luhmann konnten durch die systematische Suche in den Datenbanken 31 Publikationen mit 2442 relevanten Zitaten bzw. Textstellen gefunden werden. Die Handrecherche ergänzte das Ergebnis um 20 Publikationen mit 396 relevanten Zitaten bzw. Textstellen. Insgesamt standen nahezu 3.000 Zitate bzw. Textstellen für die Bearbeitung der Thematik zur Verfügung. Von den insgesamt 51 Publikationen wurden 47 Treffer mit einer hohen und 4 mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit bewertet. Zum Verhältnis von Funktions- und Organisationssystemen konnten insgesamt 650 relevante Zitate bzw. Textstellen ausgemacht werden. Davon wurden 13 Publikationen mit 208 Zitaten bzw. Textstellen bei der Recherche in den Datenbanken gefunden. Bei der Handrecherche konnten 39 Publikationen mit 452 Zitaten bzw. Textstellen – also wesentlich mehr – als relevant erachtet werden. Von den insgesamt 52 verwendeten Publikationen wurden 34 mit einer hohen und 18 mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit bewertet. Mithilfe des Fachportals SOWIPORT konnten fünf Publikationen mit 85 relevanten Zitaten bzw. Textstellen zum Themenbereich „Das (Funktions-)System zur Gesundheit/Krankheit“ gefunden werden. Die Recherche in den anderen Datenbanken ergab keine relevanten Treffer. Bei der Handrecherche konnten zusätzlich nahezu dreimal so viele relevante Publikationen (13) mit 287 relevanten Zitaten bzw. Textstellen identifiziert werden. Auffällig war hier, dass zwei weitere relevante Aufsätze von Niklas Luhmann zum Thema Medizinsystem nicht durch die systematische Suche in den Datenbanken aufzufinden waren. Insgesamt standen mehr als 370 Zitate bzw. Textstellen für die Bearbeitung dieses Themenbereichs zur Verfügung. Von den 18 Publikationen wurden 17 mit einer hohen und eine mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit eingestuft. Zur Thematik „Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern“ bezogen auf rechtliche Anforderungen konnten durch die Recherche in den Datenbanken keine Treffer erzielt werden. Bei der Handrecherche konnten 11 Methodenreichweitendiskussion 780 jedoch elf relevante Publikationen mit 158 relevanten Zitaten bzw. Textstellen identifiziert werden. Sieben Publikationen wurden mit einer hohen und vier Publikationen mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit bewertet. Es konnte auch eine Erklärung dafür gefunden werden, warum kaum englischsprachige Literatur zu den Themen gefunden werden konnte. Bei allen durchgeführten Handrecherchen in entsprechenden Fachzeitschriften ab dem Jahr 2016 konnten keine Artikel gefunden, die auf Relevanz für die zu bearbeitenden Themen schließen lassen konnten. Auch bei den geeigneten und verwendeten Publikationen sind kaum aktuelle Veröffentlichungen aus den letzten fünf Jahren auszumachen, sodass davon ausgegangen werden kann, dass derzeit das Verhältnis von Funktionssystemen und Organisationen (noch) nicht (wieder) im Fokus der Soziologie steht. Das Thema „Wirkung bzw. Nicht- Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern“ kann als nahezu unbearbeitet gelten. Die systematische Literaturrecherche setzt eine begründete Auswahl der Datenbanken voraus. Die Entscheidung fiel auf das sozialwissenschaftliche Fachportal SOWIPORT, da hier qualitätsgeprüfte Informationen nationaler und internationaler Anbieter gebündelt und vernetzt wurden. Nahezu zehn Millionen Nachweise zu Veröffentlichungen und Forschungsprojekten aus 18 Datenbanken waren verfügbar. Durch die Vielzahl an geeigneten Datenbanken wurde bereits eine umfassende Recherche sichergestellt. Auch bot das Fachportal SOWIPORT den Service, für nahezu alle Publikationen bereits Hinweise zum Inhalt vorzuhalten. Zur Vervollständigung der Suche wurde die Recherche ebenfalls in den Datenbanken der Deutschen Nationalbibliothek, zum Teil in der Library of Congress sowie eine Handrecherche durchgeführt. Die Library of Congress wurde insbesondere aus dem Grund gewählt, um auch englischsprachige Literatur mit einbeziehen zu können. 11 Methodenreichweitendiskussion 781 Das sozialwissenschaftliche Informationsportal SOWIPORT wurde bedauerlicherweise zum Ende des Jahres 2017 eingestellt und ein neues Rechercheangebot online zur Verfügung gestellt. Dieses neue Portal bietet allerdings keine Basis für eine systematische Literaturrecherche, sodass für zukünftige vergleichbare Vorhaben die einzelnen Datenbanken bemüht werden müssen, was den zeitlichen Aufwand erheblich steigern und somit eine systematische Literaturrecherche für das Fachgebiet der Sozialwissenschaften eventuell sogar unmöglich machen wird. Im Gesamtergebnis ist das Vorgehen zur systematischen Literaturrecherche in der Soziologie als gelungen zu bezeichnen. Dabei ist die Adaption des PRISMA-Standards und des CERQual-Ansatzes grundlegend für die Arbeit und führte zu der Entwicklung einer Reviewtechnik für den Fachbereich. 11.2 Rationale Rekonstruktion Im Folgenden wird die Rekonstruktion der Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann vor dem Hintergrund der angewandten Methodik der rationalen Rekonstruktion (s. Kapitel 6.1) kritisch reflektiert. In der Soziologie wird im Rahmen von Rekonstruktion die Einführung, Anwendung und/oder Diskussion qualitativer Methoden in der Sozial-3832 und Organisationsforschung3833 thematisiert. Dies ist nach Bohnsack der Tatsache geschuldet, dass „[d]ie Sozialwissenschaften […] empirische Wissenschaften [sind], also Erfahrungswissenschaften. Empirische Wissenschaften unterscheiden sich von nichtempirischen Wissenschaften dadurch, dass in ihnen lediglich solche theoretischen Aussagen Anerkennung finden, die einer Nachprüfung 3832 vgl. Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden 3833 vgl. Vogd, Werner: Rekonstruktive Organisationsforschung. Qualitative Methoden und theoretische Integration – eine Einführung. Verlag Barbara Budrich, Opladen & Farmington Hills, 2009 11 Methodenreichweitendiskussion 782 durch die Erfahrung prinzipiell fähig sind.“3834 „Der Vollständigkeit halber lassen sich von den empirischen Aussagen noch die analytischen Definitionen oder Begriffe unterscheiden. Diese beruhen auf Übereinkünften, Konventionen unter den Wissenschaftlern und stellen Voraussetzungen für empirische Aussagen dar.“3835 Hierzu zählt z. B. auch Luhmanns Definition von System in seiner Systemtheorie.3836 „Solche Definitionen oder analytischen Kategorien beruhen auf Übereinkünften, sind Voraussetzung für eine gemeinsame Sprache, mittels derer empirische Aussagen überhaupt erst getroffen werden können. Sie sind selbst keine empirischen Aussagen, zumindest keine solchen, die in der jeweiligen empirischen Untersuchung zur Überprüfung anstehen.“3837 Die Rekonstruktion von Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann erfolgte in Anlehnung an die Methode der rationalen Rekonstruktion, da diese am Geeignetsten erschien. Ziel dieser Methode ist es, eine Theorie durch einen Nachvollzug transparent zu machen und die logischformale (und nicht empirische) Struktur herauszuarbeiten.3838 „[…] [R]ationale Rekonstruktionen [können] von Thesen, Theorien und Argumentationen durchgeführt [werden].“3839 Ebenso können Begriffsanalysen als rationale Rekonstruktion aufgefasst werden, „[…] die die analysierten Begriffe zu explizieren suchen, auch ‚Begriffsexplikationen‘ genannt. […] Auch Systematisierungen von Theorien, die einzelne Thesen aus der Theorie unterscheiden und die möglicherweise widerspruchsvolle Theorien als konsistente Aussagenmengen dar- 3834 vgl. Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 15 3835 Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 17 3836 vgl. Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 17 3837 Bohnsack, Ralf: Rekonstruktive Sozialforschung. Einführung in qualitative Methoden, S. 17 3838 vgl. Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen, S. 117 3839 Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen, S. 117 11 Methodenreichweitendiskussion 783 stellen – unter Umständen auch mit Begriffsexplikationen verbunden –, gelten als rationale Rekonstruktion.“3840 Kennzeichnend für diese Methode ist, „[…] dass sie die untersuchten Theorien und Argumentationen im Lichte von Rationalitätsstandards und von zwischenzeitlich erworbenem Wissen zu verbessern suchen.“3841 Allerdings ist „[d]ie Frage nach den Mitteln einer rationalen Konstruktion […] bewußt offen gelassen worden.“3842 Laut Stegmüller läuft die Suche nach Rationalitätskriterien Gefahr, in der Irrationalität zu enden. Er stellt daher einen Zusammenhang zur formalen Logik her. Wenn Analysen eine logische Rekonstruktion bilden, handelt es sich um rationale „Rekonstruktionen in einem engeren Sinne“.3843 Daher wurden Kriterien gesucht bzw. entwickelt, mit denen eine Rekonstruktion der Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann sinnvoll und logisch nachvollziehbar durchgeführt werden kann. Dirk Baecker unterteilt seinen Vortrag bei den Freiburger Reden 1999 zur Orientierung „[…] der Einfachheit halber in ‚die 60er, 70er, 80er und 90er Jahre‘, um zu zeigen, was das Arbeiten Luhmanns in diesen Jahrzehnten mit Management, Organisation, Steuern von Organisation zu tun haben könnte.“3844 Er zeichnet anhand dieser Unterteilung die verschiedenen Einflüsse und Entwicklungen in Luhmanns Systemtheorie nach.3845 Daher eignet sich diese Einteilung ebenso gut zur Verfolgung der allgemeinen Entwicklungen in der Luhmannschen Systemtheorie und nicht nur bezogen auf die Aspekte Management, Organisation und Steuern von Organisation. 3840 Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen, S. 119 3841 Bühler, Axel: Nutzen und methodische Eigenheiten rationaler Rekonstruktion im Rahmen ideengeschichtlicher Untersuchungen, S. 117 3842 Stegmüller, Wolfgang: Neue Wege der Wissenschaftsphilosophie, S. 171 3843 vgl. Stegmüller, Wolfgang: Neue Wege der Wissenschaftsphilosophie, S. 171 3844 Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 1 3845 vgl. Baecker, Dirk: Niklas Luhmann und die Manager, S. 1 11 Methodenreichweitendiskussion 784 Somit erfolgte die Rekonstruktion der Begrifflichkeiten der Luhmannschen Systemtheorie anhand der Kriterien 1960er, 1980er und 1990er Jahre. Durch die systematische und transparente Vorgehensweise bei der Rekonstruktion der Begrifflichkeiten bei Niklas Luhmann enthält die Analyse wissenschaftliche und nachvollziehbare Aussagen, die in der Soziologie in dieser Form und in diesem Ausmaß bisher nicht zu finden sind. Als grundlegend hierfür ist die auf dieses Fachgebiet adaptierte systematische Literaturrecherche zu bezeichnen. Entstanden ist ein komplexes Nachschlagewerk zu Luhmanns Systemtheorie und eine Gegenüberstellung der Begrifflichkeiten in den verschiedenen Entwicklungsphasen, was es bislang in dieser Form nicht gibt. 11.3 Funktionale Analyse Im Folgenden wird die Bearbeitung der Forschungsfrage vor dem Hintergrund der angewandten Methodik der funktionalen Analyse (s. Kapitel 10.1) kritisch reflektiert. Grundlage für die Bearbeitung des Themas „Wirkung bzw. Nicht- Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern“ ist die Methode der funktionalen Analyse. Diese „[…] Theorietechnik [dient] der Informationsgewinnung und Erklärung […], und somit ist sie eine wichtige Entwicklung für theoretische und empirische Probleme und Analysen […].“3846 Diese Methode wird genutzt, um „Systembezüge […] im Hinblick auf andere Möglichkeiten und Veränderung, Austausch, Ersatz und Rückkopplungseffekte oder Systemschleifen [zu analysieren]. […] Auf dieser Ebene ist Komplexität analysierbar – außerhalb von Kausalitäten oder deren Prognosen, ebenso außerhalb von Interpretationszumutungen.“3847 „Die funktiona- 3846 Sühlsen, Thorsten: Forschen als System. Rekursive Reflexion als Methode der Erziehungswissenschaft, 2017, S. 151; vgl. Fuchs, Peter: Die Theorie der Systemtheorie – erkenntnisreich, S. 180 3847 Sühlsen, Thorsten: Forschen als System. Rekursive Reflexion als Methode der Erziehungswissenschaft, S. 146; 11 Methodenreichweitendiskussion 785 le Methode ist eine wissenschaftliche Beobachtungstechnik mit der Unterscheidung Problem/Lösung.“3848 Entweder wird ein Problem identifiziert3849 oder aber eine Lösung für ein „Problem […], für das es auch andere Lösungsmöglichkeiten geben könnte […].“3850 Entweder ist also das Problem bekannt und es wird nach Lösungen dafür gesucht, oder die Lösung ist bekannt und es wird nach dem Problem geforscht.3851 Luhmann hat seine „Systemtheorie […] von Anfang an [so] konzipiert, dass sie als aussagekräftige sozialkräftige Theorie und die funktionale Analyse als Methodologie Hand in Hand gehen.“3852 Die Methode der funktionalen Analyse wird auf unterschiedliche Weise durchaus kritisch betrachtet.3853 Diese Kritik kann laut Luhmann als nicht berechtigt angesehen werden, „[…] wenn die funktionalistische Methode selbständig bestimmt und die funktionale Beziehung nicht länger als eine spezielle Kausalbeziehung, sondern umgekehrt Kausalität als ein besonderer Anwendungsfall funktionaler Kategorien betrachtet wird.“3854 Auch verhilft „[d]ie Theorie sozialer Systeme […] dazu, die Klasse der funktional äquivalenten Alternativen, die als Problemlösungen zur Verfügung stehen, zu verdichten, so daß Erklärungen bzw. Vorhersagen möglich werden. Das Problem liegt nicht im Ob, sondern in der Spezifikation der Voraussage. Voraussagen können prinzipiell nur die gesamte Klasse der funktional äquivalenten Altervgl. John, René: Funktionale Analyse – Erinnerungen an eine Methodologie zwischen Fixierung und Überraschung, S. 40 3848 Sühlsen, Thorsten: Forschen als System. Rekursive Reflexion als Methode der Erziehungswissenschaft, S. 162; vgl. Sühlsen, Thorsten: Forschen als System. Rekursive Reflexion als Methode der Erziehungswissenschaft, S. 147 3849 vgl. Schneider, Wolfgang Ludwig: Grundlagen der soziologischen Theorie, S. 59 3850 Schneider, Wolfgang Ludwig: Grundlagen der soziologischen Theorie, S. 59-60; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 83–84 3851 vgl. Schneider, Wolfgang Ludwig: Grundlagen der soziologischen Theorie, S. 60 3852 John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana: Systemisches Beobachten, S. 329; vgl. Schneider, Wolfgang Ludwig: Grundlagen der soziologischen Theorie, S. 67; vgl. Stichweh, Rudolf: Theorie und Methode in der Systemtheorie. In: John, René; Henkel, Anna; Rückert-John, Jana: Die Methodologien des Systems. Wie kommt man zum Fall und wie dahinter? VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2010, S. 15–28, S. 17 3853 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 1, S. 9 3854 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 1, S. 10 11 Methodenreichweitendiskussion 786 nativen umfassen, die als Lösung eines Problems in Betracht kommen.“3855 Durch die systematische und transparente Vorgehensweise bei der Bearbeitung des Themas „Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern“ und die Anwendung der Methode der funktionalen Analyse enthält die Analyse wissenschaftlich begründete und nachvollziehbare Aussagen, auch wenn die Forschungsfrage letztlich nicht abschließend beantwortet werden konnte. 3855 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 1, S. 37–38

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References

Abstract

At first, there is a systematic examination of Niklas Luhmann's sociological systems theory in order to comprehend the essential fundamental terms in all their facets. Building on this, the hospital is inspected more closely within a modern, functionally differentiated society, and it is analysed whether and how structures in such organisations arise as a result of society's requirements. It is based on the fact that the healthcare system has a firm place in the health policy and public discourse, but follows different rules than other areas of social life. Health is an undisputed good – possibly even the highest good in society – and is therefore outside of all ideological controversy. Numerous and highly different influences affect the institutions in which medical treatment takes place, such as from business, law, politics and science.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um die wesentlichen Grundbegriffe in all ihren Facetten zu erfassen. Darauf aufbauend wird das Krankenhaus innerhalb einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft genauer betrachtet, und es wird analysiert, ob und wie Strukturen in derartigen Organisationen in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Zugrunde gelegt wird, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt, jedoch anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn Gesundheit ist ein unumstrittenes Gut – möglicherweise sogar das höchste Gut in der Gesellschaft – und steht somit außerhalb aller ideologischen Kontroversen. Dabei wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse auf die Institutionen ein, in denen Krankenbehandlung stattfindet, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft.