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3 Theoretischer Hintergrund in:

Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation, page 7 - 18

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565-7

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
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3 Theoretischer Hintergrund 7 3 Theoretischer Hintergrund Zur Annäherung an das Forschungsfeld sowie als Voraussetzung für die thematische und systematische Literaturrecherche ist es notwendig, sich mit dem wissenschaftlichen Hintergrund auseinanderzusetzen, um die adäquaten Datenbanken für die Recherche wählen und die Suchstrategie entsprechend ausrichten zu können. Bei der Fragestellung handelt es sich um eine sozialwissenschaftliche Thematik, da es sich allgemein um Phänomene des gesellschaftlichen Zusammenlebens der Menschen handelt. „Die Sozialwissenschaften umfassen jene Wissenschaften, die sich mit den Institutionen und den Interaktionen menschlichen Zusammenlebens beschäftigen. Dies umschließt alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens von der Politik bis zur Kultur und von der Ökonomie bis zur Gesellschaft.“16 „Sie beschreibt ihre Untersuchungsgegenstände empirisch und ordnet sie theoretisch ein. Dabei werden sowohl Strukturen und Funktionen sozialer Systeme als auch die Prozesse individuellen Handelns und Entscheidens analysiert.“17 Auch die Disziplin der Soziologie zählt unter anderen zu den Sozialwissenschaften.18 „Die Soziologie beschäftigt sich mit Gesellschaften als Ganzes und all ihren Teilbereichen. Durch den umfassenden Blick auf Gesellschaften überschneidet sich der Untersuchungsgegenstand der Soziologie mit anderen Disziplinen aus den Sozialwissenschaften, wie der Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaft oder der Sozialpsychologie.“19 „Zu ihrem Gegenstandsbereich gehören auch die sozi- 16 https://verwaltung.uni-koeln.de/abteilung21/content/studienangebot/faecheruebersich t_grundstaendiges_studium/s/studiengang108351/index_ger.html (15.10.2017, 10:50 Uhr) 17 https://verwaltung.uni-koeln.de/abteilung21/content/studienangebot/faecheruebersich t_grundstaendiges_studium/s/studiengang108351/index_ger.html (15.10.2017, 10:50 Uhr) 18 vgl. Schäfers, Bernhard: Einführung in die Soziologie. Springer VS, Wiesbaden, 2013, S. 20 19 http://www.hochschulforschung.uni-kassel.de/soziologie-studium/htm/soziologiedefi nition.html (15.10.2017, 11:10 Uhr) 3 Theoretischer Hintergrund 8 alen Prozesse, die sowohl die Kontinuität bestimmter sozialer Strukturen und Institutionen gewährleisten als auch ihren Wandel bewirken.“20 „Die Grundfrage aller Soziologie lautet daher: […]: Wie ist soziale Ordnung möglich?“21 Dabei gibt es „[…] drei verschiedene theoretisch-konzeptionelle Zugänge zur soziologischen Perspektive und Wissenschaft […]: vom Individuum ausgehend, von der Gesellschaft ausgehend und von sozialen Verflechtungen ausgehend.“22 Diese werden auch als Mikro-, Makro- und Mesosoziologie bezeichnet.23 „Mit diesen […] drei Herangehensweisen […] sind für die Soziologie prägende Denkschulen und Betrachtungsweisen […] [verbunden].“24 „Ein Grundargument der Betrachtung sozialer Ordnungen aus der Perspektive von Gesellschaft ist, dass diese als soziale Systeme komplexen, in sich gegliederten und funktional differenzierten Organismen ähnlich sind: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Deshalb müssen soziales Handeln und auch soziale Ordnungsmuster aus der Perspektive eines ganzheitlichen Zusammenhangs heraus analysiert werden. Unterstellt wird hierbei also eine ganzheitliche soziale Entität, die Einheit eines sozialen Systems oder einer abgrenzbaren Gesamtgesellschaft.“25 „Wichtige Vertreter makrosoziologischer Theorieansätze sind […] [u. a.]: Karl Marx, Ludwig Gumplowicz, Ferdinand Tönnies, Max Weber, Amitai Etzioni, Pierre Bourdieu Strukturalistische Theorien (Émile Durkheim, Claude Lévi- Strauss), 20 Korte, Herrmann; Schäfers, Bernhard (Hrsg.): Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. 8., durchgesehene Aufl., VS Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden, 2010, S. 7 21 Hartmann, Rosa; Strecker, David; Kottmann, Andrea: Soziologische Theorien. UVK Verlagsgesellschaft, Konstanz, 2007, S. 13 22 Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven. 2., überarbeitete Auflage. Beltz Juventa. Weinheim und Basel, 2014, S. 28 23 vgl. Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven, S. 34 24 Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven, S. 34 25 Pries, Ludger: Soziologie. Schlüsselbegriffe Herangehensweisen Perspektiven, S. 133 3 Theoretischer Hintergrund 9 Poststrukturalistische Ansätze (Michel Foucault) Soziologische Systemtheorien (Talcott Parsons, Niklas Luhmann).“26 „[…] [D]ie Organisationssoziologie [ist] mit der allgemeinen Soziologie, d. h. mit dem Nachdenken und Forschen über die Gesellschaft insgesamt, eng verflochten.“27 Sie wird daher zu den so genannten mesosoziologischen Ansätzen gezählt.28 Dabei „[…] handelt es sich um eine spezielle Soziologie, […] die sich die Beschreibung, die Erklärung und die Gestaltung/Steuerung von Organisationen zur Aufgabe macht.“29 „[…] [D]as Leben des Menschen in der westlichen Welt ist zu einem großen Teil von Organisationen und ihren Eigengesetzlichkeiten bestimmt. […] Es ist heute fast unmöglich zu überleben, ohne mit Organisationen in Berührung zu kommen: als Mitglied oder Mitarbeiter, Kunde oder Antragsteller, Nutznießer oder Leidtragender.“30 „Denn nur weniges, was heute unsere gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, gäbe es ohne Organisationen.“31 So sind sich „[d]ie unterschiedlichsten gesellschaftstheoretischen Perspektiven […] darin einig, den Beitrag formaler Organisationen für die moderne Gesellschaftsstruktur nicht hoch genug ansetzen zu können […].“32 Daher ist es nicht verwunderlich, dass eine Vielfalt von Organisationstheorien existiert.33 26 https://de.wikipedia.org/wiki/Makrosoziologie (31.10.2017, 09:00 Uhr) 27 Preisendörfer, Peter: Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien und Problem stellungen, S. 1 28 vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Soziologie#Makrosoziologie_.28Gesellschaft.2C_ Kollektiv.2C_Struktur.2C_System.2C_Diskurs.29 (31.10.2017, 09:00 Uhr) 29 Preisendörfer, Peter: Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien und Problemstellungen, S. 1 30 vgl. Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie. Erste Auflage, Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 2007, S. 9 31 Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 10 32 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht. In: Allmendinger, Jutta; Hinz, Thomas (Hrsg.): Organisationssoziologie. Sonderheft 42/2002 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2002, S. 443–478, S. 443 33 vgl. Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 15 3 Theoretischer Hintergrund 10 Hier stellt sich nun das Problem, dass „[f]ür eine Diskussion des Verhältnisses von Organisation und Gesellschaft […] die Forschung in den Organisations- und Managementwissenschaften kaum Anknüpfungsmöglichkeiten [bietet]. […] Wer nicht nur auf Organisation, sondern auch auf Gesellschaft als Ganzes Bezug nehmen will, muß ein anderes Referenzsystem, nämlich die Gesellschaft, verwenden und die Gesellschaftstheorie zu Rate ziehen.“34 Hierfür eignen sich die Ausarbeitungen von Niklas Luhmann, denn „[e]r bzw. die neue soziologische Systemtheorie hat einen konzeptuellen Rahmen zur Verfügung gestellt, der die Organisationstheorie in eine Theorie der Gesellschaft und ihre Differenzierung einbettet. Erst dadurch wird die Logik der Entwicklung von Organisationen im Rahmen gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen nachvollziehbar.“35 Daher kann Luhmanns Einfluss als zentral beschrieben werden.36 „[…] [D]ie soziologische Systemtheorie [ist] nicht auf einen bestimmten Bereich oder Aspekt sozialwissenschaftlichen Denkens und Forschens beschränkt […], sondern [erhebt] den Anspruch […], grundsätzlich auf alle sozialwissenschaftlichen Fragen anwendbar zu sein.“37 „Der Systembegriff […] zielt auf eine sinnhaft strukturierte Transformation von Komplexitäten, auf die Auseinandersetzung des Systems mit seiner Umwelt. Die spezifische Problematik dieser Auseinandersetzung macht erst erkennbar, welche internen Systemprozesse und -strukturen zu welchen Zwecken und mit welchen Stabilisierungs- und/oder Veränderungschancen funktional sein können. Dadurch kommen funktionale Äquivalente und auch funktionale Alternativen für bestimmte Strukturen und Prozesse in den Blickpunkt.“38 34 Martens, Will: Organisation und gesellschaftliche Teilsysteme. In: Ortmann, Günther; Sydow, Jörg; Türk, Klaus (Hrsg.): Theorien der Organisation. Die Rückkehr der Gesellschaft. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1987, S. 263–311, S. 264 35 Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 9 36 vgl. Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie, S. 9 37 Willke, Helmut: Systemtheorie I. Grundlagen - Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie soziale Systeme. 6. Auflage, Lucius & Lucius, Stuttgart, 2000, S. 1–2 38 Willke, Helmut: Systemtheorie I. Grundlagen – Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie soziale Systeme, S. 7 3 Theoretischer Hintergrund 11 Luhmann „[…] betont die Eigenständigkeit des sozialen Systems Organisation, das er als eine spezifische – d. h. von anderen Arten sozialer Systeme unterscheidbare – kommunikative Einheit betrachtet. Dabei wird aber die Organisation nicht als Referenzpunkt angenommen. Organisation ist Moment der Gesellschaft und die moderne Gesellschaft ein typisches Moment der modernen, in spezialisierte Teilsysteme ausdifferenzierten Gesellschaft.“39 3.1 Niklas Luhmann: Theorie sozialer Systeme Die theoretische Grundlage der wissenschaftlichen Auseinandersetzung dieser Arbeit bildet, wie soeben dargelegt, die mit dem Namen Niklas Luhmann verbundene Theorie sozialer Systeme. Er gilt neben Talcott Parsons als einer der wichtigsten Vertreter der soziologischen Systemtheorie. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat er eine auf Talcott Parsons formulierten Systembegriff darauf aufbauende soziologische Systemtheorie formuliert40, in der er sich unter anderem mit der Gesellschaft und Organisationen auseinandergesetzt hat. „Die Theorie sozialer Systeme von Niklas Luhmann geht der Frage nach, wie die Beschreibung sozialer Ordnung in der modernen Gesellschaft möglich ist.“41 Seine Theorie beschreibt und erklärt aus soziologischer Sicht „[…] ausführlich die moderne Gesellschaft und ihre dazugehörigen Systeme […].“42 „Die traditionelle Soziologie in ihrer hierarchisch kategorisierenden Verfasstheit als ‚Lehre des Handelns von Personen und Gruppen in der Gesellschaft‘, wird durch Luhmanns Theorieansatz als ‚funktionale Ausdifferenzierung von Systemen die 39 Martens, Will: Organisation und gesellschaftliche Teilsysteme, S. 264 40 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie. Carl- Auer-Systeme Verlag, Heidelberg, 2002, S. 40 41 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 42 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen. Dissertation, Universität Wien, 2011, S. 43 3 Theoretischer Hintergrund 12 füreinander Umwelt sind‘ gänzlich anders erfasst und neu beschrieben.“43 „Luhmanns Theorie sozialer Systeme stellt das umfassendste Theoriegebäude der Soziologie dar. […] Luhmann [entwickelte] seit Anfang der sechziger Jahre mit unnachahmlicher Zielstrebigkeit eine Sozialtheorie, die zunächst als System-Umwelt-Theorie angelegt war und seit Ende der siebziger Jahre zu einer Theorie autopoietischer Systeme weiterentwickelt wurde.“44 Luhmann hat an seiner Theorie der Gesellschaft nahezu 40 Jahre seines Lebens gearbeitet. Luhmanns (Le-bens-) Projekt lautete: „Theorie der Gesellschaft; Laufzeit: 30 Jahre; Kosten: keine.“45 Luhmanns Systemtheorie erhebt einen Anspruch auf Universalität. Er selbst nennt seine Systemtheorie „eine besonders eindrucksvolle Supertheorie“46, die sich selbst und ihre Gegner mit einbezieht.47 Es handelt sich hierbei um eine Theorie der Gesellschaft, die den gesamten Bereich der Wirklichkeit und damit den gesamten sozialen Bereich, die gesamte Welt abdecken soll.48 Er sieht Gesellschaft als eine durch die Gesellschaft selbst konstruierte, als eine „Gesellschaft der Gesellschaft“.49 Diese soziologische Theorie ist ein Beitrag zur gesellschaftlichen Selbstbeschreibung.50 Luhmanns Absicht war die Formulierung einer für die Soziologie fachuniversalen Theorie. Er erhebt zwar den Anspruch auf Universali- 43 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 44 Schimank, Uwe: Einleitung. In: Schimank, Uwe; Giegel, Hans, Joachim: Beobachter der Moderne. Beiträge zu Niklas Luhmanns „Die Gesellschaft der Gesellschaft“. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2003, S. 7–18, S. 7 45 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1997, S. 11 46 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 1884, S. 19 47 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 19 48 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie. Böhlau Verlag, Köln, 2003, S. 25 49 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 866–868 50 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht. Eine Einführung in die Systemtheorie, S. 16 3 Theoretischer Hintergrund 13 tät, aber keineswegs auf Absolutheit bzw. alleinige Richtigkeit oder absolute Wahrheit. Er sieht seine Systemtheorie nicht als die einzig mögliche oder richtige soziologische Theorie.51 Ein zentraler Bestandteil der Systemtheorie beinhaltet, dass „[d]ie Kommunikation als Hauptoperation eines Sozialsystems […] in den Mittelpunkt der Betrachtungen [rückt]. Der Mensch verschwindet mit seinem Wissen in die Umwelt der Organisation und übrig bleibt eine Erwartungsstruktur aus Kommunikation in der Qualität von Entscheidungen, die geschlossen selbstreferentiell operiert.“52 Mit Luhmanns Worten: „Die Theorie selbstreferentieller Systeme verzichtet darauf, ihren Gegenstand (in unserem Falle: Organisationen) durch Wesensannahmen zu bestimmen. […] Eine Organisation ist ein System, das sich selbst als Organisation erzeugt. Wir müssen dann nur noch die Art und Weise definieren, wie das geschieht.“53 „Diese Prämisse ermöglicht die Beobachtung des Systems aus der Frage heraus, welche Problemlagen Systeme (selbst) generieren und unter welchen strukturellen Bedingungen sie ihr Repertoire an Lösungsversuchen erzeugen.“54 Der Aufbau von Luhmanns Systemtheorie ist nicht so zu verstehen, dass in seinen Ausführungen ein Kapitel auf den vorhergehenden aufbaut.55 Die Abhandlung von Reihenfolge und Auswahl von Begriffen und Querverweisungen, Bezugnahmen und theoriegeschichtlichem Material könnte auch immer anders erfolgen.56 Die Begriffe der Theorie sind miteinander zirkulär verknüpft. Luhmann selbst schreibt in seinem Werk „Soziale Systeme“: „[…] [D]ie Theorie [hat] einen Komplexitätsgrad erreicht, der sich nicht mehr linearisieren läßt. Dann 51 vgl. Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme. Eine Einführung. 4. Aufl., Wilhelm Fink Verlag, München, 2000, S. 33 52 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 18 53 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 45 54 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 170 55 vgl. Horster, Detlef: Vorwort. In: Horster, Detlef (Hrsg.): Niklas Luhmann. Soziale Systeme. Akademie Verlag, Deutschland, 2013, S. IX–XI, S. IX 56 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 14 3 Theoretischer Hintergrund 14 müsste eigentlich jedes Kapitel in jedem anderen neu begonnen und zu Ende geführt werden.“57 Es bleibt zu erwähnen, dass Luhmanns Theorie nicht unumstritten ist.58 Luhmann selbst sah in ihr ungelöste bzw. nur unklar formulierbare Probleme.59 Er wies allerdings zu Recht darauf hin, dass kaum konkurrierende Theorieangebote vorliegen.60 3.2 Forschungsansatz Luhmanns Theorie „[…] geht der soziologischen Frage nach, wie das Unwahrscheinliche (Ordnung) wahrscheinlich geworden ist, wohingegen die klassische Gesellschaftstheorie fragt, wie das Selbstverständliche (Ordnung) zu bewahren ist.“61 Luhmanns Theorie beansprucht für sich, „[…] dass eine systemtheoretische Denkweise für alle Bereiche soziologischer Forschung einen einheitlichen Forschungsansatz bereitzustellen vermag, welcher auf der Einheitlichkeit der grundlegenden Systemprobleme aufbaut, unterschiedliche Interpretationen und Wahrheitsvorstellungen aber durchaus zulässt.“62 „Welt wird insofern induktiv erschlossen, als die Einheit der Differenz von System und Umwelt je systemspezifisch an die 57 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 13–14 58 vgl. Wollnik, Michael: Interventionschancen bei autopoietischen Systemen. In: Götz, Klaus (Hrsg.): Theoretische Zumutungen. Vom Nutzen der systemischen Theorie für die Managementpraxis. Carl-Auer-Systeme Verlag, 2. Aufl., Heidelberg, 1998, S. 118–159, S. 131 59 vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff. In: Haferkamp, Hans; Schmid, Michael (Hrsg.): Sinn, Kommunikation und soziale Differenzierung. 1. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1987, S.307–324, S. 309 60 vgl. Luhmann, Niklas: Autopoiesis als soziologischer Begriff, S. 307 61 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 62 Wilke, Helmut: Systemtheorie I: Grundlagen. Eine Einführung in die Grundprobleme der Theorie sozialer Systeme, S. 2 3 Theoretischer Hintergrund 15 Beobachterposition der jeweiligen Systemperspektive gebunden ist und nicht von oben quo objektivem Geist verordnet wird.“63 Die Sicht der Systemtheorie ermöglicht andere Fragestellungen und andere Antworten.64 Aussagen der Systemtheorie beziehen sich auf die Beschreibung und Analyse von realen Systemen in der wirklichen Welt.65 Luhmanns Systemtheorie stellt daher die Analysesystematik in Anlehnung an Kant von Was-Fragen auf Wie-Fragen um.66 „Das ontologische ‚Warum‘ der Begründung ersetzt Luhmann durch ein funktionales ‚Wie‘ der Beschreibung.“67 „Die Unterscheidung von ‚Was‘- Fragen auf ‚Wie‘-Fragen zielt auf […] [die] Unterscheidung zweier Ebenen der Beobachtung. Oder jedenfalls gibt diese Interpretation ihr einen brauchbaren Sinn.“68 „[…] [D]ie eigentümliche Stärke systemtheoretischen Denkens […] [ermöglicht] eine neue Form des Sehens […] [D]er Gewinn besteht […] in der Gewinnung einer die bestehenden Strukturen relativierenden äquivalenz-funktionalistischen Betrachtung.“69 63 Kneer, Georg; Nassehi, Armin: Verstehen des Verstehens. Eine systemtheoretische Revision der Hermeneutik. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 20, Heft 5, 1991, S. 341 –356, S. 348 64 vgl. Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen. Dissertation, Universität Wien, 2011, S. 18 65 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 30 66 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5. Konstruktivistische Perspektiven. 3. Auflage, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 2005, S. 15 67 http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr); vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 15 68 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 15 69 vgl. Bauch, Jost: Vorwort. In: Bauch, Jost (Hrsg.): Gesundheit als System. Systemtheoretische Beobachtungen des Gesundheitssystems. Hartung,-Gorre Verlag, Konstanz, 2006, S. III–V, S. IV 3 Theoretischer Hintergrund 16 3.3 Erkenntnisse Für gewonnene Erkenntnisse gilt, dass sie aufgrund der Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz erarbeitet wurden,70 „[…] [d]enn derjenige, der etwas beobachtet, muss sich selbst von dem, was er beobachtet, unterscheiden.“71 Erkenntnis ist das Beobachten eigener systeminterner Operationen und das Erzeugen einer Beschreibung dieser Beobachtung.72 Somit gilt, „[…] daß alle Erkenntnis (und damit alle Realität) eine Konstruktion eines Systems ist.“73 Jede Unterscheidung ist beobachterabhängig und könnte auch anders ausfallen.74 Auch „[…] [d]ie Beobachtung des Beobachtens, d. h. die Beobachtung zweiter Ordnung, ist […] [wie jede Beobachtung] an einen blinden Fleck gebunden. Aber anders als der Beobachter erster Ordnung kann der Beobachter zweiter Ordnung die Relativität seiner eigenen Beobachtungsoperationen beobachten.“75 Der Beobachter zweiter Ordnung „[…] kann zumindest sehen, daß er nicht sehen kann, was er nicht sehen kann.“76 Ebenso wird bei wissenschaftlichen Beobachtungen und Beschreibungen die Systemrelativität nicht aufgehoben.77 „[D]ie Theorie selbstreferenzieller Systeme […] [postuliert] das Ende der Objektivität […].“78 Sie bietet eine neue Perspektive an, „[…] die Selbstbeobachtung bzw. die Selbstreflexion auf der Suche nach Lö- 70 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 92 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 596–597 71 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 73 72 vgl. Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 42 (1988), S. 292–300, S. S. 298 73 vgl. Berghaus, Margot: Luhmann leicht gemacht, S. 42 74 vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft. 3. Aufl., Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1998, S. 81–82 75 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 110 76 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 110 77 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 655–656 78 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 23 3 Theoretischer Hintergrund 17 sungen erlaubt.“79 „Erkenntnis ist nicht eine Art Abbildung der Umwelt im System, sondern Aufbau eigener Konstruktionen, eigener Komplexität, die durch die Umwelt nicht strukturiert und erst recht nicht determiniert, sondern nur irritiert werden kann. Wir erkennen die Außenwelt nur, weil der Zugang zu ihr blockiert ist.“80 79 Stingl de Vasconcelos Guedes, Tília: Begehrtes Wissen – Eine systemtheoretische Reflexion zu Wissens- und Entscheidungskulturen in Organisationen, S. 23 80 Luhmann, Niklas: Neuere Entwicklungen in der Systemtheorie, In: Merkur. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken, 42 (1988), S. 292–300, S. 294

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Abstract

At first, there is a systematic examination of Niklas Luhmann's sociological systems theory in order to comprehend the essential fundamental terms in all their facets. Building on this, the hospital is inspected more closely within a modern, functionally differentiated society, and it is analysed whether and how structures in such organisations arise as a result of society's requirements. It is based on the fact that the healthcare system has a firm place in the health policy and public discourse, but follows different rules than other areas of social life. Health is an undisputed good – possibly even the highest good in society – and is therefore outside of all ideological controversy. Numerous and highly different influences affect the institutions in which medical treatment takes place, such as from business, law, politics and science.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um die wesentlichen Grundbegriffe in all ihren Facetten zu erfassen. Darauf aufbauend wird das Krankenhaus innerhalb einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft genauer betrachtet, und es wird analysiert, ob und wie Strukturen in derartigen Organisationen in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Zugrunde gelegt wird, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt, jedoch anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn Gesundheit ist ein unumstrittenes Gut – möglicherweise sogar das höchste Gut in der Gesellschaft – und steht somit außerhalb aller ideologischen Kontroversen. Dabei wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse auf die Institutionen ein, in denen Krankenbehandlung stattfindet, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft.