Content

9 Forschungsfrage in:

Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation, page 683 - 684

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565-683

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
9 Forschungsfrage 683 9 Forschungsfrage „Krankenbehandlung ist in der modernen Gesellschaft nahezu vollständig eingebettet in organisiertes Handeln und Entscheiden.“3416 Dabei ist „[d]as Gesundheitssystem […] als Ensemble aller Organisationen aufzufassen, die über den Gesundheitscode ihre Operationen kurzschließen.“3417 Und es ist zu beobachten, „[dass] [d]as Gesundheitswesen […] sich erfolgreich wie kein anderes Funktionssystem von einer ‚objektiven Außenbetrachtung‘ entkoppelt [hat]. […] Es fehlt gleichsam der interesselose Blick von Außen [sic!].“3418 Es ist also ungeklärt, wie Ansprüche und Erwartungen der Gesellschaft in die Organisation Krankenhaus „gelangen“ und sich dort Geltung „verschaffen“. Ausgehend von der Arbeitshypothese, der Annäherung an das Forschungsfeld, der Bestimmung des theoretischen Hintergrunds und den systematischen Literaturrecherchen zu den jeweiligen Themengebieten ist folgende Forschungsfrage von Interesse: Wie ist die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher, insbesondere rechtlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern? Aufgrund der Komplexität, der Besonderheiten der verschiedenen Bereiche der Gesellschaft und deren Erwartungen, aber auch der hervorgehobenen Relevanz, beschränkt sich die Fragestellung auf rechtliche Vorgaben und Regelungen. Denn insbesondere rechtliche Vorgaben und Regelungen werden von außen mit der Anforderung an die Organisation Krankenhaus herangetragen, dass diese stets Berücksichtigung finden bzw. vollständig und dauerhaft umgesetzt werden. 3416 Baecker, Dirk: Zur Krankenbehandlung ins Krankenhaus, S. 39 3417 Bauch, Jost: Gesundheit als sozialer Code. Von der Vergesellschaftung des Gesundheitswesens zur Medikalisierung der Gesellschaft, S. 127 3418 vgl. Bauch, Jost: Vorwort. In: Bauch, Jost (Hrsg.): Gesundheit als System. Systemtheoretische Beobachtungen des Gesundheitssystems. Hartung-Gorre Verlag, Konstanz, 2006, S. III–V, S. III 9 Forschungsfrage 684 Bei Gesetzen handelt es sich um kodifizierte Erwartungsstrukturen der Gesellschaft, die klar formuliert sind, ggf. bei Missachtung pönalisiert werden und somit über eine hohe Bindungskraft verfügen. Für das Gesundheitssystem liegen viele rechtliche Regelungen vor, die sich aus verschiedenen Bereichen des Rechtssystems ergeben, wie z. B. aus dem Straf-, Zivil- und Sozialrecht.3419 Die beispielhafte Betrachtung der Vorgaben zum Entlassmanagement bezieht sich auf sozialrechtliche Vorgaben, die sich aus den Inhalten des Sozialgesetzbuches ergeben und zum öffentlichen Recht zählen. Theoretischer Hintergrund ist die soziologische Systemtheorie von Niklas Luhmann. Luhmann hat sich bei der Entwicklung seiner Systemtheorie nur am Rande mit dem Medizinsystem bzw. dem System der Krankenbehandlung beschäftigt. „Die Medizin der Gesellschaft ist bekanntlich nicht geschrieben […].“3420 Dies ist ein Grund mehr, dieser Thematik nachzugehen. Kein Zweifel besteht von Luhmanns Seite aber darin, dass das System der Krankenbehandlung ein autonomes Funktionssystem der Gesellschaft ist3421 und nur im Medizinsystem Kranke behandelt werden können.3422 Allerdings finden sich „[z]u Fragen der Innen- oder Binnendifferenzierung des Systems [der Krankenbehandlung], wie der Ausdifferenzierung spezifischer Subsysteme (z. B. Status der Medizin oder Pflege) […] und spezifischer Beziehungen bzw. struktureller Kopplungen mit anderen Funktionssystemen […] höchstens beispielhaft Hinweise.“3423 3419 Siebolds, Marcus: Erläuterungen bei der Offenen Lesung am 10.09.2018 im Rahmen des Promotionsprogramms der Philosophisch-Theologischen Hochschulie Vallendar 3420 Vogd, Werner: Medizinsystem und Gesundheitswissenschaften – Rekonstruktion einer schwierigen Beziehung, S. 236 3421 vgl. Luhmann, Niklas: Der medizinische Code, S. 177 3422 vgl. Vogd, Werner: Medizinsystem und Gesundheitswissenschaften – Rekonstruktion einer schwierigen Beziehung., S. 238 3423 Pelikan, Jürgen M.: Zur Rekonstruktion und Rehabilitation eines absonderlichen Funktionssystems – Medizin und Krankenbehandlung bei Niklas Luhmann und in der Folgerezeption, S. 293

Chapter Preview

References

Abstract

At first, there is a systematic examination of Niklas Luhmann's sociological systems theory in order to comprehend the essential fundamental terms in all their facets. Building on this, the hospital is inspected more closely within a modern, functionally differentiated society, and it is analysed whether and how structures in such organisations arise as a result of society's requirements. It is based on the fact that the healthcare system has a firm place in the health policy and public discourse, but follows different rules than other areas of social life. Health is an undisputed good – possibly even the highest good in society – and is therefore outside of all ideological controversy. Numerous and highly different influences affect the institutions in which medical treatment takes place, such as from business, law, politics and science.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um die wesentlichen Grundbegriffe in all ihren Facetten zu erfassen. Darauf aufbauend wird das Krankenhaus innerhalb einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft genauer betrachtet, und es wird analysiert, ob und wie Strukturen in derartigen Organisationen in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Zugrunde gelegt wird, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt, jedoch anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn Gesundheit ist ein unumstrittenes Gut – möglicherweise sogar das höchste Gut in der Gesellschaft – und steht somit außerhalb aller ideologischen Kontroversen. Dabei wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse auf die Institutionen ein, in denen Krankenbehandlung stattfindet, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft.