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7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen in:

Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation, page 477 - 616

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565-477

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 477 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen Ziel ist es, zu erfassen bzw. zu erforschen, wie andere systemtheoretisch orientierte Autoren die Beziehung von Funktionssystemen und Organisationen beschreiben. Denn mit der Unterscheidung der drei Systemreferenzen von Gesellschaft, Organisation und Interaktion in Luhmanns Systemtheorie wird die Frage aufgeworfen, in welchem Verhältnis diese Systeme stehen. Aufgrund der Thematik der Arbeit liegt der Fokus auf dem Verhältnis von Funktionssystemen und Organisationen. Unstrittig scheint zu sein, dass „Organisationen […] als ein spezifisches Merkmal der modernen Gesellschaft [gelten]. Ein Großteil gesellschaftlich folgenreicher Kommunikation findet heutzutage innerhalb oder unter Beteiligung von Organisationen statt.“2516 Die moderne Gesellschaft kann daher auch als Organisationsgesellschaft bezeichnet werden.2517 „Organisationsgesellschaft bedeutet: Fast alle gesellschaftlichen Teilsysteme sind mittlerweile in hohem Maße von formalen Organisationen durchdrungen.“2518 Dass ein Zusammenhang zwischen Organisation und Gesellschaft besteht, ist also unbestritten.2519 Allerdings besteht „[…] kein Konsens 2516 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 407 2517 vgl. Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft. In: Tacke, Veronika (Hrsg.): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. 1. Aufl., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2001, S. 19–38, S. 19, S. 25, S. 31; 2518 Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 19 2519 vgl. Tacke, Veronika: Einleitung. In: Tacke, Veronika (Hrsg.): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. 1. Aufl., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2001, S. 7–18, S. 7; vgl. Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 36; vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht. In: Allmendinger, Jutta; Hinz, Thomas (Hrsg.): Organisationssoziologie. Sonderheft 42/2002 der Kölner Zeitschrift 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 478 darüber, wie er soziologisch beschrieben werden kann.“2520 Trotz unzähliger Ausarbeitungen und einer unermesslichen Fülle an systemtheoretischer Literatur wird dieser Zusammenhang als (weitestgehend) ungeklärt beschrieben2521 und wurde „[…] nur in wenigen Ausnahmefällen zum expliziten Untersuchungsgegenstand gemacht […].“2522 „So findet sich die These der Ausdifferenzierung verschiedener Gesellschaftsbereiche in der Gesellschaftstheorie, während sich für die Untersuchung von Organisationen eine eigene Bindestrichsoziologie herausgebildet hat: die Organisationssoziologie.“2523 „Zu wenig ist bis jetzt systemtheoretisch gezeigt worden, welchen Beitrag Organisationssysteme für die Autopoiesis der Funktionssysteme leisten […].“2524 Auch von Luhmann selbst wird „[d]er soziologische Gegenstand der Organisation […] nicht systematisch in das gesellschaftstheoretische für Soziologie und Sozialpsychologie, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2002, S. 443–478, S. 454; vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie. In: Sociologia Internationalis, Bd. 45, Heft 1/2, 2007, S. 145–175, S. 145 2520 Tacke, Veronika: Einleitung, S. 7; vgl. Brodocz, André: Das politische System und seine strukturellen Kopplungen, S. 91 2521 vgl. Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 7; vgl. Schimank, Uwe: Einleitung, S. 16; vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 444; vgl. Tacke, Veronika: Einleitung; S. 10–11; vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung. In: Tacke, Veronika (Hrsg.): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. 1. Aufl., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2001, S. 112–140, S. 112; vgl. Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. In: Türk, Klaus: „Die Organisation der Welt“: Herrschaft durch Organisation in der modernen Welt. Westdeutscher Verlag, Opladen, 1995, S. 155–216, S. 157; vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen. In: Soziale Welt, 58. Jg., 2007, Heft 4, S. 419–438, S. 419–421 2522 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 408 2523 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 145 2524 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 472–473; vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 459–460 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 479 Gesamtwerk integriert.“2525 Er sieht in der Bearbeitung der Frage, „[…] wie es überhaupt möglich ist, [dass sich] innerhalb des Gesellschaftssystems und sogar innerhalb seiner Funktionssysteme Organisationen […] bilden, […] Langfristperspektiven für künftige Forschungen unter der Rahmenbedingung einer doppelten Systemreferenz, nämlich Gesellschaftssystem und Organisationssysteme.“2526 Hinweise auf Unklarheiten und/oder Widersprüche in Luhmanns Theoriegebäude dienen zur weiteren systematischen Theorieentwicklung, ohne Luhmanns Werk generell in Frage zu stellen.2527 7.1 Methodendarlegung der systematischen Literaturrecherche In „Entwicklung eines Standards für die Literaturrecherche in der Soziologie“ (s. Kapitel 5) ist die Vorgehensweise der systematischen Literaturrecherche beschrieben, die für alle Recherchen dieser Arbeit Geltung hat. Um diese Recherche nachvollziehbar zu dokumentieren, wurden folgende Kriterien der Suchmethode vorangestellt: Vorstellung der verwendeten Datenbanken Eingesetzte Suchbegriffe Festlegung von Ein- und Ausschlusskriterien Quantifizierung der Treffer in den genutzten Datenbanken Typ und Güte der gefundenen Literatur Begründung für Ein- bzw. Ausschluss von Literatur 2525 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 39; vgl. Schimank, Uwe: Einleitung, S. 16; vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 444–445; vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungsfirmen als intersystemische Organisationen, S. 419; vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 146 2526 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 387–388 2527 vgl. Schimank, Uwe: Theorie der modernen Gesellschaft nach Luhmann – eine Bilanz in Stichworten, S. 274 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 480 Nach dem Rechercheeinstieg wurde eine systematische Literatursuche in geeigneten nationalen und internationalen Datenbanken durchgeführt, in denen soziologische Quellen gesammelt werden. Im Vorfeld wurden die Kriterien für einzuschließende und auszuschließende Suchergebnisse definiert. Um den Prozess der Recherche transparent und nachvollziehbar zu gestalten, werden die verwendeten Suchbegriffe, die genutzten Datenbanken, die Anzahl der Treffer und Typ der recherchierten Arbeiten sowie die Begründung für den Einbezug oder Ausschluss der Publikationen in Anlehnung an den PRISMA-Standard dargestellt. Die abschließende Beurteilung der so genannten Vertrauenswürdigkeit bzw. Brauchbarkeit erfolgte in Anlehnung an den CERQual-Ansatz, der auf Funde einer systematischen Literaturrecherche in der Soziologie adaptiert wurde (s. Kapitel 5.4). Für jede Datenbank besteht eine eigene Suchstrategie entsprechend der Datenbankkonzeption. Der Suchzeitraum wurde nicht begrenzt. Ergänzt wurde die systematische Literaturrecherche in den Datenbanken durch eine Handrecherche. Die Recherche wurde im November/Dezember 2017 durchgeführt und im November 2018 mit Ausnahme der Datenbank SOWIPORT wiederholt, da dieses Portal Ende 2017 eingestellt wurde.2528 Anschlie- ßend finden sich die Ergebnisse der Recherche. Die zusätzlichen Funde der erneuten Recherche sind entsprechend gekennzeichnet. 7.1.1 Datenbanken Die Auswahl der Datenbanken richtete sich insbesondere nach der Nähe zum Forschungsgegenstand und nach der Zugänglichkeit. Die Recherche erfolgte in den Monaten November/Dezember 2017 in folgenden Datenbanken, die im Anschluss beschrieben werden: SOWIPORT Deutsche Nationalbibliothek (DNB) Library of Congress 2528 http://sowiport.gesis.org/ (01.11.2017, 11:35 Uhr) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 481 Die Suchbegriffe wurden je nach Datenbank in deutscher und/oder englischer Sprache verwendet. Zur transparenten Darstellung wurde für jede Datenbank, aus der relevante Treffer generiert werden konnten, ein Suchprotokoll angefertigt. Hier sind die exakten Recherchestrategien hinterlegt. Die Suchstrategie wurde bei Bedarf modifiziert, um den spezifischen Unterschieden der Literaturdatenbanken gerecht zu werden. Grundsätzlich wurden die Suchbegriffe soweit möglich anhand von booleschen Operatoren wie AND (UND), OR (ODER) und NOT (NICHT) kombiniert. Zu vermuten war allerdings, dass nur wenige Treffer in englischer Sprache zu verzeichnen sein würden, da leider keines von Luhmanns Büchern über Organisationen ins Englische übersetzt wurde.2529 In englischsprachigen Ländern besteht generell „[…] ein Rezeptionsdefizit der soziologischen Systemtheorie […]. Die soziologische Systemtheorie kommt wegen der fehlenden Übersetzung der systemtheoretischen Schlüsselwerke über Organisationen ins Englische in der US-amerikanischen und britischen Wissenschaftsdiskussion faktisch nicht vor. Folge ist, dass […] in den USA und in Großbritannien nach wie vor […] die Systemtheorie in der Organisationsforschung weitgehend […] [ignoriert wird].“2530 Ergänzt wurde die systematische Literaturrecherche in den Datenbanken durch eine Handrecherche. Die Recherche wurde im November 2018 mit Ausnahme der Datenbank SOWIPORT wiederholt, da dieses Portal Ende 2017 eingestellt wurde.2531 7.1.1.1 SOWIPORT „Das sozialwissenschaftliche Fachportal SOWIPORT bündelt und vernetzt qualitätsgeprüfte Informationen nationaler und internationaler 2529 vgl. Nassehi, Armin: Organizations as Decision Machines. Niklas Luhmanns Theory of Organized Social Systems. In: The Sociological Review. 2005, Band 53, S. 178–191, S. 179 2530 Kühl, Stefan: Die fast unvermeidliche Trivialisierung der Systemtheorie in der Praxis. Von der Gefahr des systemischen Ansatzes sich in Beliebigkeit zu verlieren. In: Gruppendynamik und Organisationsberatung, 2015, Heft 46, S. 327–339, S. 328–329 2531 http://sowiport.gesis.org/ (01.11.2017, 11:35 Uhr) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 482 Anbieter. Zurzeit sind fast 10 Millionen Nachweise zu Veröffentlichungen und Forschungsprojekten aus 18 Datenbanken verfügbar. Durch die Verknüpfung der verschiedenen Datenbank-Thesauri untereinander lassen sich sämtliche Datenbanken und Informationsangebote in SOWIPORT mit einer datenbankübergreifenden Rechercheanfrage gleichzeitig durchsuchen. Folgende Themengebiete werden in SOWIPORT abgedeckt: Soziologie; Methoden der Sozialwissenschaften; Politikwissenschaft; Sozialpolitik; Sozialpsychologie; Psychologie; Bildungsforschung; Kommunikationswissenschaften; Wirtschaftswissenschaften; Demographie; Ethnologie; Historische Sozialforschung; Arbeitsmarkt- und Berufsforschung; Gerontologie; Sozialarbeit; Geschichte und Gegenwart der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung. Im Fachportal eingebundene Datenbanken (Stand 09/2017): ASSIA: Applied Social Sciences Index and Abstracts (611.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) Bibliothekskatalog der Friedrich-Ebert-Stiftung (636.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Bibliothekskatalog der GESIS (ca. 133.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) FIS Bildung Literaturdatenbank (911.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Gerolit – Der Online-Katalog der DZA-Bibliothek (173.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Literaturdatenbank Arbeitsmarktforschung – LitDokAB (146.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Periodicals Archive Online – PAO (sozialwissenschaftlicher Ausschnitt, ca. 195.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Physical Education Index (432.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) PAIS International (2 Mio. Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) Social Science Open Access Repository – SSOAR (43.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 483 Social Services Abstracts (189.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) Sociological Abstracts (1,1 Mio. Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung) DZI-SoLit (220.000 Datensätze, kostenpflichtiger Zugang) USB Köln Opac Sozialwissenschaften (281.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) SOFIS (55.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) SOLIS (ca. 478.000 Datensätze, kostenfreier Zugang) Springer Online Journals (90.000 Datensätze, kostenpflichtiger Zugang) Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (118.000 Datensätze) World Affairs Online (1,0 Mio. Datensätze, kostenfreier Zugang) Worldwide Political Science Abstracts (845.000 Datensätze, kostenfreier Zugang, nach Anmeldung)“2532 Bei der Suche wurden boolesche Operatoren genutzt und, wenn sinnvoll, die Systematik der Trunkierungszeichen (*) beachtet. Für den Erscheinungszeitpunkt wurde kein Limit gesetzt. Die Suche wurde je nach Themengebiet entweder auf die Sprache Deutsch oder auf die Sprachen Deutsch und Englisch eingegrenzt. Leider wurde das Portal Ende 2017 eingestellt.2533 7.1.1.2 Deutsche Nationalbibliothek Der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek beinhaltet lückenlos sämtliche deutschsprachigen Publikationen wie Bücher, Zeitschriften, Dissertationen und Habilitationsschriften ab 19132534 und „[…] außer- 2532 http://rzblx10.uni-regensburg.de/dbinfo/detail.php?bib_id=rubo&colors=&ocolors=& lett=fs&tid=0&titel_id=7886 (01.11.2017, 11:30 Uhr) 2533 http://sowiport.gesis.org/ (01.11.2017, 11:35 Uhr) 2534 vgl. https://portal.dnb.de/opac.htm?view=redirect%3A%2Fopac.htm&dodServiceUrl =https%3A%2F%2Fportal.dnb.de%2Fdod (26.11.2017, 13:00 Uhr) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 484 dem Übersetzungen aus dem Deutschen in andere Sprachen und fremdsprachige Germanica (seit 1941).“2535 Diese werden dort archiviert und der Öffentlichkeit gedruckt oder in elektronischer Form zur Verfügung gestellt.2536 Der weitere Vorteil dieser Bibliothek ist neben der Vollständigkeit, dass die Inhaltsverzeichnisse von Büchern online gesichtet werden können und somit eine erste Prüfung der Relevanz des Buches möglich ist. Bei der Suche wurden die Option der erweiterten Suche und booleschen Operatoren genutzt und, wenn sinnvoll, die Systematik der Trunkierungszeichen (*) beachtet. Für den Erscheinungszeitpunkt wurde kein Limit gesetzt. 7.1.1.3 Library of Congress „Die Library of Congress (LoC, deutsch Kongressbibliothek) ist die öffentlich zugängliche Forschungsbibliothek des Kongresses der Vereinigten Staaten“2537 und befindet sich in Washington D.C.2538 Bei dieser Bibliothek handelt es sich um die älteste staatliche Kulturinstitution der Vereinigten Staaten.2539 Sie „[…] ist bezüglich Medienbestand die zweitgrößte, bezüglich Bücherbestand die größte Bibliothek der Welt und insgesamt eine der bedeutendsten.“2540 Die Sammlung umfasst mehr als 162 Millionen Objekte wie Bücher, Tonaufnahmen, Filme, Fotografien, Karten und Manuskripte.2541 2535 vgl. https://portal.dnb.de/opac.htm?view=redirect%3A%2Fopac.htm&dodServiceUrl =https%3A%2F%2Fportal.dnb.de%2Fdod (26.11.2017, 13:00 Uhr) 2536 vgl. http://www.dnb.de/DE/Wir/wir_node.html (25.11.2017, 14:30 Uhr); vgl. https://portal.dnb.de/opac.htm?view=redirect%3A%2Fopac.htm&dodServiceUrl =https %3A%2F%2Fportal.dnb.de%2Fdod (25.11.2017, 14:45 Uhr) 2537 https://de.wikipedia.org/wiki/Library_of_Congress (27.12.2017, 12:30 Uhr); vgl. https://www.loc.gov/ (27.12.2017, 12:30 Uhr) 2538 vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Library_of_Congress (27.12.2017, 12:30 Uhr) 2539 vgl. https://www.loc.gov/ (27.12.2017, 12:30 Uhr) 2540 https://de.wikipedia.org/wiki/Library_of_Congress (27.12.2017, 12:30 Uhr); vgl. https://www.loc.gov/ (27.12.2017, 12:30 Uhr) 2541 vgl. https://www.loc.gov/ (27.12.2017, 12:30 Uhr) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 485 Der Online-Katalog der Library of Congress enthält ungefähr 17 Millionen Datensätze. Dazu gehören Bücher, Serien, Manuskripte, Karten, Audio- und Videoaufnahmen sowie multimediale Dokumente.2542 Bei der Suche wurden die Option der fortgeschrittenen bzw. erweiterten Suche und boolesche Operatoren genutzt und, wenn sinnvoll, die Systematik der Trunkierungszeichen (*) beachtet. Für den Erscheinungszeitpunkt wurde kein Limit gesetzt. 7.1.2 Suchbegriffe Die Literaturrecherche wurde sowohl in deutscher als auch in englischer Sprache durchgeführt. Deutsch Englisch luhmann, niklas luhmann, niklas soziale systeme social systems gesellschaft society funktionssystem functional system Deutsch Englisch organisation organization Die Suchbegriffe wurden in die Datenbanken eingegeben und mit logischen Operatoren wie AND oder OR verbunden. Auf einen Ausschluss von Literatur aufgrund des Alters wurde verzichtet. Die Suche wurde über die Sprache bei den deutschen Suchbegriffen auf die Sprachen Deutsch und Englisch und bei den englischen Suchbegriffen auf die Sprache Englisch eingegrenzt. Sonstige Eingrenzungen der Suche erfolgten nicht, um die Bandbreite der Ergebnisse nicht einzuschränken. 2542 vgl. https://www.loc.gov/ (27.12.2017, 12:30 Uhr) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 486 7.1.3 Ein- und Ausschlusskriterien Die Definition der Ein- und Ausschlusskriterien erfolgte im Vorfeld der Recherche entsprechend der festgelegten Fragestellung. Einschlusskriterien Publikationen, in denen explizit auf die jeweiligen Themen wie z. B. Gesellschaft und Organisation eingegangen wird, die der Soziologie zugeordnet werden können und als theoretischer Hintergrund Niklas Luhmanns Systemtheorie identifiziert werden kann. Die Einordnung geschieht entweder/oder über die Sichtung der Themengebiete (z. B. über Titel, Untertitel, Beschreibung in der Datenbank, Abstract) Autoren, die sich eindeutig der Soziologie mit systemtheoretischen Hintergrund zuordnen lassen (z. B. anhand der Berufsbezeichnung oder Zugehörigkeit zu einer entsprechenden Institution) Publikationen in deutscher und englischer Sprache Publikationen, deren Titel bzw. Inhaltsangabe aussagekräftig zur Forschungsfrage erscheinen Ausschlusskriterien Publikationen in anderen Sprachen als Englisch und Deutsch Nicht über nationale oder internationale Bibliotheken zugängliche Literatur Aufgrund eingeschränkter bibliographischer Informationen nicht nachvollziehbare Publikationen Unveröffentlichte Qualifikationsarbeiten Abstracts, denen kein Vollartikel folgt 7.1.4 Darstellung der Ergebnisse Die wichtigsten Daten zur Abfrage sämtlicher Datenbanken und Kataloge werden in einer einheitlichen Tabellenmaske entsprechend folgender Vorlage dargestellt. 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 487 Institution z. B. Ort der Bibliothek Datenbank Name der Datenbank Suchbegriff(e) z. B. Schlagwort, Alle Felder Treffer Anzahl Die identifizierten Treffer werden in einer gesonderten Tabelle nach folgendem Muster dargestellt. Nr. Referenz Thema Jahr Einbezogen Begründung N um m er A ut or : N am e, V or na m e Ti te l b zw . T he m a de r P ub lik at io n Er sc he in un gs ja hr Ja /N ei n K ur ze B eg rü nd un g zu m E in - b zw . A us sc hl us s e in er Pu bl ik at io n Die jeweiligen Listen mit den identifizierten Treffern und die entsprechende inhaltliche Beschreibung der einzelnen Publikationen können dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) entnommen werden. 7.1.5 Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche Wie vom PRISMA-Standard gefordert werden die Suche und die Ergebnisse der systematischen Literaturrecherche detailliert und nachvollziehbar abgebildet. 7.1.5.1 Rechercheeinstieg Der Rechercheeinstieg dient der Einschätzung der zu erwartenden Trefferquote bzw. der zu erwartenden Anzahl von Publikationen. Ziel ist, ggf. die Suchbegriffe und Suchstrategien aufgrund der gemachten Erfahrungen anzupassen sowie sich mit dem Gegenstand vertraut zu machen. Der Sucheinstieg erfolgte mittels des sozialwissenschaftlichen Fachportals SOWIPORT. 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 488 Es wurde die erweiterte Suche gewählt, bei der beliebig viele Felder mit Suchbegriffen belegt und zusätzlich Suchkriterien (Alle Felder, Titel, Personen, Institutionen, Schlagworte etc.) gewählt werden können. Die Suchbegriffe wurden in die Datenbank eingegeben und mit logischen Operatoren wie AND oder OR verbunden. Die Suche wurde auf den Informationstyp Zeitschriftenaufsätze und auf die Sprache Deutsch eingegrenzt. Die letztlich genutzte Suche ist grau hinterlegt. Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: gesellschaft) AND (Alle Felder: organisation) AND (Alle Felder: luhmann, niklas) AND (Informationstyp: "Zeitschriftenaufsätze") AND (Sprache: "Deutsch (DE)") Treffer 32 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: funktionssystem) AND (Alle Felder: luhmann, niklas) AND (Informationstyp: "Zeitschriftenaufsätze") AND (Sprache: "Deutsch (DE)") Treffer 2 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: gesellschaft OR funktionssystem) AND (Alle Felder: organisation) AND (Alle Felder: luhmann, niklas) AND (Informationstyp: "Zeitschriftenaufsätze") AND (Sprache: "Deutsch (DE)") Treffer 32 Einschluss: 4; Ausschluss: 28 Mit der kombinierten Suche der Begriffe „Gesellschaft“, „Funktionssystem“ und „Organisation“ (Alle Felder) in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Alle Felder), eingegrenzt auf Zeitschriftenaufsätze und die Sprache Deutsch konnten 32 Treffer erzielt werden, was auch auf 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 489 eine gute Trefferquote in anderen Datenbanken oder im Fachportal SOWIPORT ohne eingegrenzte Suche auf Zeitschriftenaufsätze schließen lässt. Es konnten sechs Dopplungen identifiziert werden, sodass lediglich 26 Treffer zu verzeichnen sind, die auf deren Tauglichkeit geprüft werden mussten. Nach Sichtung der Titel und Inhaltstexte in der Datenbank oder anderweitig verfügbarer Abstracts konnten vier Treffer identifiziert werden, die für die Bearbeitung des Verhältnisses von Funktionssystemen und Organisationen aus systemtheoretischer Sicht nach Niklas Luhmann relevant sein könnten. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). Bei der abschließenden Beurteilung der vorausgewählten Literatur auf Eignung anhand der entwickelten Kriterien wurden alle vier Publikationen als endgültig relevant bewertet und jeweils mit einer hohen Vertrauenswürdigkeit eingestuft. Die Trefferbewertungen mit den abschließenden Beurteilungen zum Ein- oder Ausschluss der gefunden Literatur werden ebenfalls in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) ausführlich dargelegt. Es handelt sich um vier Zeitschriftenaufsätze. 7.1.5.2 SOWIPORT Es wurde die erweiterte Suche gewählt, bei der beliebig viele Felder mit Suchbegriffen belegt und zusätzlich Suchkriterien (Alle Felder, Titel, Personen, Institutionen, Schlagworte etc.) gewählt werden können. Die Suchbegriffe wurden in die Datenbank eingegeben und mit logischen Operatoren wie AND oder OR verbunden. Die Suche wurde auf die Sprachen Deutsch und Englisch eingegrenzt. Die genutzten Suchstrategien sind grau hinterlegt. 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 490 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: gesellschaft OR funktionssystem) AND (Alle Felder: organisation) AND (Alle Felder: luhmann, niklas) AND (Sprache:"Englisch (EN)") OR (Sprache:"Deutsch (DE)") Treffer 142 Einschluss: 13; Ausschluss: 129 Institution Frei zugänglich Datenbank SOWIPORT Suchbegriff(e) (Alle Felder: society OR "functional system") AND (Alle Felder: organization) AND (Alle Felder: luhmann, niklas) AND (Sprache:"Englisch (EN)") Treffer 48 Einschluss: 2; Ausschluss: 46 Mit der kombinierten Suche mit den Begriffen „Gesellschaft“, „Funktionssystem“ und „Organisation“ (Alle Felder) in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Alle Felder) und der Eingrenzung der Sprachen auf Deutsch und Englisch wurden 142 Treffer erzielt. Darunter befinden sich 50 Bücher, 35 Sammelwerksbeiträge und 57 Zeitschriftenaufsätze. Bei der Bearbeitung der gefundenen Literatur konnten 15 Dopplungen festgestellt werden, sodass noch 127 Treffer zu beurteilen waren. Bei 19 Treffern handelt es sich um Publikationen von Niklas Luhmann, die bereits bei der Rekonstruktion von Begrifflichkeiten Berücksichtigung fanden. Nach Sichtung der restlichen Titel und Inhaltsbeschreibungen in der Datenbank oder anderweitig verfügbarer Abstracts konnten 13 Publikationen als relevant identifiziert werden. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). Bei der abschließenden Beurteilung der vorausgewählten deutschen Literatur auf Eignung anhand der entwickelten Kriterien wurden zwölf Publikationen als abschließend relevant bewertet. Davon wurden elf Publikationen mit einer hohen und eine Publikation mit einer mittleren 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 491 Vertrauenswürdigkeit eingestuft. Eine Publikation wurde mit einer sehr geringen Vertrauenswürdigkeit bewertet und fließt damit nicht in die weitere Bearbeitung ein. Die Trefferbewertungen mit den abschließenden Beurteilungen zum Ein- oder Ausschluss der gefunden Literatur werden ebenfalls in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) ausführlich dargelegt. Es handelt sich um vier Bücher, drei Sammelwerksbeiträge und vier Zeitschriftenaufsätze. Mit der kombinierten Suche mit den entsprechenden englischen Begriffen „Society“, „Functional System“ und „Organization“ (Alle Felder) in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Alle Felder) wurden 48 Treffer erzielt. Darunter befinden sich 14 Bücher, ein Sammelwerksbeitrag und 33 Zeitschriftenaufsätze. Bei der Bearbeitung der gefundenen Literatur konnten zwei Dopplungen festgestellt werden, sodass noch 46 Treffer zu beurteilen waren. Nach Sichtung der Inhaltsbeschreibungen in der Datenbank oder anderweitig verfügbarer Abstracts konnten zwei Publikationen als relevant identifiziert werden. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). Bei der abschließenden Beurteilung der vorausgewählten englischen Literatur auf Eignung anhand der entwickelten Kriterien wurde eine der zwei Publikationen als abschließend relevant bewertet und mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit eingestuft. Die Trefferbewertungen mit den abschließenden Beurteilungen zum Ein- oder Ausschluss der gefunden Literatur werden ebenfalls in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) ausführlich dargelegt. Es handelt sich um ein Buch. Wie bereits vermutet waren nur wenige Treffer in englischer Sprache zu verzeichnen. Verwunderlich ist daher auch nicht, dass die beiden Zeitschriftenaufsätze, die in die Vorauswahl aufgenommen werden konnten, von Autoren verfasst wurden, die auch in deutscher Sprache entsprechende Aufsätze und Artikel verfasst haben. 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 492 7.1.5.3 Deutsche Nationalbibliothek In der Deutschen Nationalbibliothek wurden die gewählten und bewährten Suchbegriffe und Kombinationen für eine umfassende Recherche übernommen. Die letztlich genutzten Suchstrategien sind grau hinterlegt. Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) woe all "gesellschaft" or woe all "funktionssystem" and woe all "organisation" and woe all "luhmann, niklas" and spr="ger" Treffer 13 Einschluss: 1; Ausschluss 12 Institution Frei zugänglich Datenbank Deutsche Nationalbibliothek Suchbegriff(e) woe all "society" or woe all "functional system" and woe all "organization" and woe all "luhmann, niklas" and spr="eng“ Treffer 0 Mit der kombinierten Suche mit den Begriffen „Gesellschaft“, „Funktionssystem“ und „Organisation“ (Alle Begriffe) in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Alle Begriffe) und der Einschränkung der Sprache auf Deutsch wurden 13 Treffer erzielt. Es handelt sich um 13 Bücher. Bei der Bearbeitung der gefundenen Literatur konnten zwei Dopplungen festgestellt werden, sodass noch 11 Treffer zu beurteilen waren. Nach Sichtung der Inhaltstexte in der Datenbank oder anderweitig verfügbarer Abstracts konnte eine Publikation als relevant identifiziert werden, wobei diese bereits mithilfe des Fachportals SOWIPORT als relevant identifiziert werden konnte. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 493 Die Suche mit den entsprechenden englischen Suchbegriffen und der Einschränkung der Sprache auf Englisch war nicht erfolgreich, da keine Treffer erzielt werden konnten. Bei der Aktualisierung der Recherche im November 2018 wurden mit 15 Treffern bei der Suche mit den deutschen Suchbegriffen zwei weitere erzielt, wobei es sich um eine Dopplung handelt. Der zweite neue Fund wurde bereits bei der Recherche in der Datenbank SOWIPORT in den Monaten November/Dezember 2017 als relevant identifiziert, sodass sich keine neuen Erkenntnisse aus dieser wiederholten Recherche gewinnen ließen. Die Suche mit den entsprechenden englischen Suchbegriffen und der Einschränkung der Sprache auf Englisch war wieder nicht erfolgreich. 7.1.5.4 Library of Congress Es wurde die erweiterte Suche (Advanced Search) gewählt, bei der drei Felder mit Suchbegriffen belegt und zusätzlich Suchkriterien (Keywords Anywhere, Title: All, Name: Personal, Name: All etc.) gewählt werden können. Die Suchbegriffe wurden in die Datenbank eingegeben und mit logischen Operatoren wie AND oder OR verbunden. Die Suche wurde auf die Sprache Englisch eingegrenzt. Die letztlich genutzte Suchstrategie ist grau hinterlegt. Institution Frei zugänglich Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" Treffer 349 Institution Frei zugänglich Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German Treffer 230 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 494 Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: English Treffer 75 Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): society AND Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: English Treffer 22 Datenbank Lbrary of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "functional system" AND Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: English Treffer 1 Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): society AND Keyword Anywhere (GKEY): organization AND Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: English Treffer 1 Einschluss: 0; Ausschluss: 1 Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 495 Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "functional system" AND Keyword Anywhere (GKEY): organization AND Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: English Treffer 0 Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): society 'OR' "functional system" AND Keyword Anywhere (GKEY): organization AND Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: English Treffer 0 Datenbank Library of Congress Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: German Suchbegriff(e) Keyword Anywhere (GKEY): (society 'OR' "functional system") AND Keyword Anywhere (GKEY): organization AND Keyword Anywhere (GKEY): "luhmann, niklas" | Language: English Treffer 13 Die Suche mit den booleschen Operatoren innerhalb dieser Suchfelder insbesondere in Kombination mit verschiedenen Verknüpfungen (AND und OR) ergab keine sinnvollen Ergebnisse. Mit den getrennten kombinierten Suchen mit den Begriffen „society“ und „organization“ (Keyword Anywhere) sowie „functional system“ und „organization“ (Keyword Anywhere) jeweils in Kombination mit „Luhmann, Niklas“ (Keyword Anywhere) und der Einschränkung der Sprache auf Englisch wurde ein Treffer erzielt. Es handelt sich um ein Buch. Nach Sichtung der Inhaltsbeschreibung in der Datenbank konnte diese Publikation als nicht relevant identifiziert werden. Die Liste mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 496 Wie auch bei der Recherche in dem Fachportal SOWIPORT konnten nur wenige Treffer in englischer Sprache erzielt werden, da leider keines von Luhmanns Büchern über Organisationen ins Englische übersetzt wurde.2543 Bei der Aktualisierung der Recherche im November 2018 wurde mit zwei Treffern ein weiterer erzielt. Somit liegt eine Veröffentlichung vor, die noch nicht in die Recherche zum Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen berücksichtigt wurde. Bei dem Fund handelt es sich um die erstmalige Übersetzung von Luhmanns Werk „Organisation und Entscheidung“ ins Englische, das bereits in der deutschen Version durch die Recherche in der Datenbank SOWIPORT im November/Dezember 2017 einbezogen wurde. 7.1.5.5 Handrecherche Die Handrecherche dient der Vervollständigung bzw. Ergänzung des mit geeigneten Datenbanken beschriebenen Suchvorgehens. Bei der Handrecherche handelt es sich um die Durchsicht von Fachjournalen, die Prüfung der Referenzlisten relevanter Publikationen oder auch die Nutzung des Internets, um relevante Veröffentlichungen zu finden. Da entsprechende Fachzeitschriften lediglich bis einschließlich 2015 in den Datenbanken zu finden sind,2544 wurde zusätzlich eine Online- Handrecherche in der „Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie“, „Zeitschrift für Soziologie“, den Fachzeitschriften „Soziale Welt“ und „Soziologische Revue“ sowie dem „Berliner Journal für Soziologie“ durchgeführt. Die Ergebnisse der verwendeten Publikationen können dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation) entnommen werden. 2543 vgl. Nassehi, Armin: Organizations as Decision Machines. Niklas Luhmanns Theory of Organized Social Systems, S. 179 2544 vgl. http://sowiport.gesis.org/Database (23.11.2017, 11:00 Uhr) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 497 Bei der Handrecherche konnten 39 relevante Publikationen identifiziert werden. 23 Publikationen wurden mit einer hohen und 16 Publikationen mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit bewertet. Darunter sind fünf Bücher, 21 Sammelwerksbeiträge und zwölf Zeitschriftenaufsätze zu finden. Eine Publikation konnte keinem Dokumententyp zugeordnet werden. Es handelt sich um einen Fund im Internet. Bei der Aktualisierung der Handrecherche im November 2018 wurde lediglich in der Soziologischen Revue eine Sammelbesprechung mit dem Titel „Die Grenzen der Organisation – Aktuelle Perspektiven der Organisationssoziologie“ gefunden. Beschrieben werden in diesem Beitrag die Inhalte von fünf Veröffentlichungen aus den Jahren 2012 bis 2014. Zwei Sammelbände setzen einen Schwerpunkt auf die Luhmannsche Systemtheorie und beschäftigen sich mit Wissensarbeit aus unterschiedlichen Perspektiven, Vorstellungen über das Scheitern von Organisationen oder Humor, praktischen Fragen zur Personalführung oder zur Gestaltung der Organisationskultur. Keine der Veröffentlichung ist daher geeignet für die Bearbeitung des Verhältnisses von Organisations- und Funktionssystemen. 7.1.6 Zusammenfassung der Ergebnisse der Literaturrecherche Die systematische Literatursuche zum Verhältnis von Funktions- und Organisationssystemen im Rahmen der Luhmannschen Systemtheorie ermöglicht, Einblicke in diese Thematik zu erhalten und den gegenwärtigen Diskussionsstand zu erfassen. Die Suche erfolgte ohne Einschränkung des Suchzeitraums in nationalen und internationalen Datenbanken in den Sprachen Deutsch und Englisch. In den Datenbanken SOWIPORT und Deutsche Nationalbibliothek wurde die Suche mit deutschen und englischen Suchbegriffen durchgeführt. In der Datenbank Congress of Library beschränkte sich die Suche auf englische Suchbegriffe. So konnten insgesamt 13 Publikationen als endgültig relevant bewertet werden, wovon elf Treffer mit einer hohen und zwei Treffer mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit eingestuft wurden. Es handelt sich um sechs Bücher, drei Sammel- 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 498 werksbeiträge und vier Zeitschriftenaufsätze, in denen insgesamt 208 relevante Zitate bzw. Textstellen identifiziert werden konnten. Wie bereits vermutet waren nur wenige Treffer in englischer Sprache zu verzeichnen und lediglich eine Publikation als endgültig relevant zu bewerten. Verwunderlich ist daher auch nicht, dass die beiden Zeitschriftenaufsätze, die in die Vorauswahl aufgenommen werden konnten, von Autoren verfasst wurden, die auch in deutscher Sprache entsprechende Aufsätze und Artikel verfasst haben. Bei der Handrecherche konnten zusätzlich 39 relevante Publikationen identifiziert werden. 23 Publikationen wurden mit einer hohen und 16 Publikationen mit einer mittleren Vertrauenswürdigkeit bewertet. Darunter sind fünf Bücher, 21 Sammelwerksbeiträge und zwölf Zeitschriftenaufsätze zu finden. Eine Publikation kann zu keinem Dokumententyp geordnet werden. Es handelt sich um einen Fund im Internet. Insgesamt konnten aus diesen Publikationen 452 Zitate bzw. Textstellen für die weitere Bearbeitung des Themas Verwendung finden. Insgesamt liegt somit mit mehr als 650 Zitaten bzw. Textstellen genügend Material vor, um den Diskussionsstand zum Verhältnis von Funktions- und Organisationssystemen im Rahmen der Systemtheorie von Niklas Luhmann zu erfassen. Fraglich ist bzw. diskutiert wird, ob Organisationen sich innerhalb oder außerhalb von Funktionssystemen bilden bzw. verorten lassen, was genau unter struktureller Kopplung zu verstehen ist und welche Funktionen bzw. Leistungen Organisationen für die Operationsweise von Funktionssystemen zur Verfügung stellen (könnten). Die Literaturrecherche zu dieser Thematik kann nicht zur endgültigen Klärung des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen dienen. Allerdings wird durch die umfassende thematische Aufbereitung des derzeitigen Diskussionsstands eine Erkenntnisgrundlage für die weitere Betrachtung der Fragestellung und Formulierung der For- 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 499 schungsfrage geschaffen und ein grundsätzliches Verständnis für die Problematik erzeugt. Die Listen mit den Daten zu den Treffern und Begründungen befindet sich in dem systematischen Literaturreview (Teil II der Dissertation). 7.2 Verortung / Zuordnung von Organisationen Verschiedene Autoren haben sich intensiv und kritisch mit dem Theoriegebäude der Luhmannschen Systemtheorie und dem dort beschriebenen Verhältnis von Funktions- und Organisationssystemen beschäftigt und kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Es lassen sich zwei zentrale Fragestellungen ausmachen, nämlich: 1. Bilden sich Organisationen innerhalb oder außerhalb von Funktionssystemen? 2. Können Organisationen eindeutig einem Funktionssystem zugeordnet werden? Fünf der Beiträge wurden mit dem Werk „Organisation und gesellschaftliche Differenzierung“ im Jahr 2001 von Veronika Tacke erstmals herausgegeben (Lieckweg und Wehrsig, Tacke, Bora, Bode und Brose, Schimank). Zuvor hat sich lediglich Türk zu diesem Thema kurz geäußert. Drei der fünf Beiträge enthalten im Literaturverzeichnis Türks Beitrag (Lieckweg und Wehrsig, Bode und Brose, Schimank), wobei dieser nicht explizit Erwähnung findet. Auch in späteren Jahren erscheint dieser Beitrag in Literaturverzeichnissen (Nassehi, Schmidt, Beetz), auch wenn andere Thesen vertreten werden. 7.2.1 Organisationen bilden sich außerhalb von Funktionssystemen Die folgenden elf Autoren stellen nach kritischen Überlegungen fest, dass Organisationen außerhalb von Funktionssystemen operieren. Sechs Autoren (Lieckweg und Wehrsig, Tacke, Bora, Bode und Bro- 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 500 se) haben sich in vier Beiträgen erstmals in dem Werk „Organisation und gesellschaftliche Differenzierung“ mit diesem Thema beschäftigt und sind zu diesem Ergebnis gelangt. Auch Kneer hat seinen Artikel im Jahr 2001 veröffentlicht, sodass diese fünf Beiträge unabhängig voneinander entstanden sind und sich somit nicht aufeinander beziehen. Die Literaturverzeichnisse der anderen sechs Ausarbeitungen (Nassehi (2), Schmidt, Bora, Guggenheim, Tratschin) weisen in unterschiedlichen Konstellationen die zuvor verfassten Artikel auf, insbesondere Kneer (Nassehi, Schmidt, Guggenheim), Tacke (Schmidt, Bora, Guggenheim) und Tratschin (Tacke, Kneer, Lieckweg und Wehrsig, Bode und Brose). Lieckweg und Wehrsig finden sich bei Nassehi und Bora, Nassehi bei Schmidt und Guggenheim. Guggenheim hat des Weiteren Bora, Bode und Brose und Kieserling aufgenommen. 7.2.1.1 Kneer (2001) Georg Kneer kommt in seinem Artikel „Organisation und Gesellschaft“ in der Zeitschrift für Soziologie zu folgenden Ergebnissen: In Luhmanns Theorie ist das Verhältnis von Funktionssystemen und Organisationssystemen nicht konsistent beschrieben.2545 Organisationen können Funktionssystemen nicht eindeutig zugeordnet werden.2546 Organisationen bilden keine Teilsysteme von Funktionssystemen.2547 Organisierte Sozialsysteme wirken nicht zugleich an mehreren gesellschaftlichen Teilsystemen operativ mit.2548 2545 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414 2546 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 412; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 417, S. 415 2547 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 415, S. 412 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 501 Organisationen operieren außerhalb von Funktionssystemen, also in deren Umwelt.2549 Organisationen haben nicht die Fähigkeit der grenzüberschreitenden bzw. externen Kommunikation.2550 Kneer stellt fest, dass „[…] es Luhmann [offenbar] nicht gelungen [ist], das Verhältnis von Funktions- und Organisationssystemen konsistent, d. h. in theorieadäquater Weise zu beschreiben. Seine Ausführungen stehen vielmehr […] in deutlichem Widerspruch zu seinen konzeptionellen Ausgangsentscheidungen. […] Weder die Auffassung einer eindeutigen Zuordnung organisierter Sozialsysteme zu gesellschaftlichen Funktionssystemen noch die These einer grenzüberschreitenden Kommunikationsfähigkeit von Organisationen sind mit dem Autopoiesis-Konzept vereinbar.“2551 In Luhmanns Perspektive gelten „Organisationen […] als Untereinheiten gesellschaftlicher Funktionssysteme, systemtheoretisch formuliert also als Teilsysteme von Politik, Recht, Wirtschaft etc.“2552 „Gegen die These einer mehr oder weniger eindeutigen Zuordnung von Organisationssystemen zu Funktionssystemen, die Luhmann fraglos unterstellt, spricht die Beobachtung einer Mehrfachbeteiligung organisierter Sozialsysteme an gesellschaftlichen Subsystemen.“2553 „[…] [A]uch bilden sie keine Teilsysteme von Funktionssystemen. Ebenso 2548 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 415, S. 412 2549 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 415 2550 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414 2551 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414 2552 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 411 2553 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 412; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 417, S. 415 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 502 wenig macht im Rahmen des Autopoiesis-Konzepts die Annahme Sinn, dass organisierte Sozialsysteme zugleich an mehreren gesellschaftlichen Teilsystemen operativ mitwirken. Folgt man dem System/Umwelt-Paradigma, dann gibt es nur zwei Möglichkeiten der Zuordnung von zwei Systemen: Entweder bildet das System ein Teilsystem des anderen Systems oder aber beide Systeme bleiben füreinander Umwelt.“2554 „Aus dem Gesagten […] [zieht Kneer] die Schlussfolgerung, dass Organisationen nicht innerhalb, sondern außerhalb von Funktionssystemen, also in deren Umwelt operieren. Damit wird selbstverständlich nicht bestritten, dass Organisationen Teil des Gesellschaftssystems sind. […] Bei Organisationen und Funktionssystemen handelt es sich somit um getrennt operierende Systeme, die sich nicht überlappen oder überschneiden.“2555 Kneer nimmt auch Stellung zu dem Begriff der Mehrsystemzugehörigkeit. „Gesellschaft als umfassendes Kommunikationssystem und Organisationen als entscheidungsbasierte Sozialsysteme gelten […] als zwei unterschiedliche Typen sozialer Systeme, die sich auf ihre je eigene Weise von einer nicht dazugehörigen Umwelt abgrenzen. Aus dieser Begriffsentscheidung resultiert die Auffassung, dass die einzelnen Organisationen eine Art Doppelbeziehung zum Gesellschaftssystem unterhalten. Auf der einen Seite vollziehen sie mit jeder ihrer Operationen Gesellschaft, auf der anderen Seite kommt auch in der Umwelt der Organisationen Kommunikation und damit Gesellschaft vor.“2556 Das bedeutet auch, dass wenn „[…] man das Autopoiesis- Konzept zugrunde [legt], dann […] für Kommunikationen, aufgrund ihres systemrelativen Charakters, eine Mehrsystemzugehörigkeit nicht möglich [ist]. Ausgenommen hiervon ist allein der folgende Fall: 2554 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 415; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 412 2555 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 415 2556 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 408 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 503 Elemente eines Subsystems sind zugleich auch Elemente des Gesamtsystems, aus dem sich das Teilsystem differenziert.“2557 Entgegen seiner früheren Annahmen stattet Luhmann Organisationen in seinen Werken „Organisation und Entscheidung“ und „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ „[…] mit externer Kommunikationsfähigkeit […] [aus]“2558 und stellt fest, dass sich Organisationssysteme in Funktionssystemen bilden.2559 „Mit den Prämissen des Autopoiesis- Konzepts sind solche Vorstellungen schlechterdings unvereinbar.“2560 „Aus den Grundannahmen des Autopoiesis-Konzepts ergibt sich […] zwingend, dass auch diese Entscheidungen – wie im übrigen auch die Entscheidung für ein Nach-Außen-Kommunizieren – stets interne Operationen organisierter Sozialsysteme sind, also die Organisation nicht verlassen können. Die Organisation selbst mag das anders sehen, mag sich also als kommunizierende Einheit beschreiben. Hierbei handelt es sich jedoch um eine Selbstbeschreibung. Die Autopoiesis- Theorie unterscheidet sorgfältig zwischen operativer Selbsterzeugung der Organisation und Selbstbeschreibung der Organisation. Auf operativer Ebene bleibt grenzüberschreitendes Kommunizieren ausgeschlossen, auf der Ebene der Selbstbeschreibungen nicht – weil hier Kommunikation handlungstheoretisch in ein nach außen gerichtetes Mitteilungshandeln umgedeutet wird.“2561 2557 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 412 2558 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 843; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 401; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 842; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 409 2559 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 394, S. 387, S. 383; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 492 2560 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 413; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414 2561 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 504 Kneer reformuliert die „[…] These einer Kommunikationsfähigkeit von Organisationen. Orientiert man sich an den Prämissen des Autopoiesis-Konzepts, dann ist ein operativer Kontakt zwischen zwei Organisationssystemen vollkommen ausgeschlossen. Nicht ausgeschlossen ist dagegen, dass zwei Organisationssysteme in eine Situation doppelter Kontingenz geraten, sich also wechselseitig beobachten, wechselseitig Erwartungen aufbauen und sich mit ihren stets internen Operationen am jeweiligen Gegenüber orientieren. Eine Grundannahme der Theorie sozialer Systeme besagt, dass zwei operativ geschlossene Systeme, die es in diesem Sinne miteinander zu tun gekommen, ein drittes System konstituieren. Dieses Drittsystem ist mit keinem der beiden Ausgangssysteme identisch, sondern etabliert eine eigenständige System/Umwelt-Differenz.“2562 „Drittsysteme, die durch das Zusammentreffen von Organisationen zustande kommen, bilden keinen zusätzlichen Typus sozialer Systeme. Als Drittsysteme können etwa Interaktionssysteme auftreten, aber auch wiederum Organisationen, man denke nur an Dachorganisationen, die sich durch das Aufeinandertreffen einer Vielzahl von Organisationen konstituieren. Vor allem Funktionssysteme übernehmen die Rolle von Drittsystemen.“2563 7.2.1.2 Nassehi (2002 / 2004) Nassehis Aussagen bzgl. des Verhältnisses von Gesellschaft und Organisation lauten: Der Zusammenhang von Organisation und Gesellschaft ist nicht geklärt.2564 Organisationen sind strikt als Umwelt von Funktionssystemen anzusehen.2565 2562 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 418 2563 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 418 2564 vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 444–445 2565 vgl. Nassehi, Armin: Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont ihrer Kritik. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 2, April 2004, S. 98–118, S. 109 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 505 Organisationen sind jeweiligen Funktionssystemen zugeordnet.2566 Organisationen und Funktionssysteme operieren getrennt voneinander. Funktionssysteme können nicht innerhalb von Organisationen ihre Grenzen überschreiten.2567 Organisationssysteme liegen quer zur Codierung von Funktionssystemen.2568 Laut Nassehi geht Luhmann „[…] allzu kursorisch mit der Frage nach dem Verhältnis von Organisation und Gesellschaft […] [um].“2569 „[…] [D]er systematische Zusammenhang von Organisation und Gesellschaft [ist] nicht wirklich geklärt […].“2570 „Zunächst ist unstrittig, dass alle Funktionssysteme der modernen Gesellschaft ohne Organisationen nicht denkbar wären.“2571 Für Nassehi stellt sich daher „[…] die Frage nach dem spezifischen funktionalen Beitrag von Organisationsbildung für die funktional differenzierte Gesellschaft. […] [Seine] Leitfrage lautet also: Für welches funktionale Bezugsproblem sind Organisationen die Lösung?“2572 Nassehi stimmt den Ausführungen von Kneer zu den „[…] theorietechnischen Problemen […], die Luhmann sich mit der These der grenzüberschreitender Kommunikation einhandelt [zu].“2573 „Organisationssysteme sind damit – anders als bei Luhmann – strikt als Um- 2566 vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454 2567 Nassehi, Armin: Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont ihrer Kritik, S. 109–110 2568 vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454–455 (Fußnote) 2569 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 444 2570 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 444–445 2571 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454 2572 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 445 2573 Nassehi, Armin: Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont ihrer Kritik, S. 108 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 506 welt von Funktionssystemen anzusehen.“2574 „[…] [D]ie Ausdifferenzierung von Funktionssystemen [geht] flächendeckend mit der Herausbildung von Organisationen […] [einher], die jeweiligen Funktionssystemen zugeordnet sind, ohne dass Organisationssysteme selbst Teilsysteme von Funktionssystemen wären.“2575 Zum Thema grenzüberschreitender Kommunikation erläutert Nassehi: „Keineswegs also überschreiten die Funktionssysteme innerhalb von Organisationen ihre Grenzen, wie Luhmann meint. Vielmehr bringen Organisationen Kommunikationsformen hervor, in denen Entscheidungen die Anschlussfähigkeit funktionssystemischer Prozesse benutzen und diese damit auch aufeinander beziehen. […] Der Funktionssinn von Organisationen besteht gerade darin, die Operationen der Funktionssysteme mit Zonen dichter Kommunikation zu versorgen und damit ihre operative Trennung zu gewährleisten.“2576 Nassehi bezeichnet Luhmanns Formulierung, „[…] Organisationen könnten ‚Teilsysteme‘ von Funktionssystemen sein oder Organisationen befänden sich ‚in‘ den Funktionssystemen […]“2577, als uneindeutig, die von verschiedenen Autoren richtig gestellt wurden.2578 „Aber in der Tat liegen Organisationssysteme quer zur Codierung von Funktionssystemen.“2579 „[…] Organisationen [vollziehen] […] einerseits die Autopoiesis der Funktionssysteme […] [mit], andererseits [beziehen sie] ökonomische, rechtliche, religiöse, wissenschaftliche oder politische Ereignisse und Ereignisketten aufeinander […], ohne dass es damit zu einer Verschmelzung der Funktionssysteme kommt. Organisationen liegen also quer zur primären Differenzierungsform der 2574 Nassehi, Armin: Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont ihrer Kritik, S. 109 2575 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454 2576 Nassehi, Armin: Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont ihrer Kritik, S. 109–110 2577 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454–455 (Fußnote) 2578 vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454–455 (Fußnote) 2579 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454–455 (Fußnote) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 507 modernen Gesellschaft – und verschaffen gerade dadurch den Funktionssystemen einen internen Ordnungsgewinn.“2580 7.2.1.3 Schmidt (2005) Für Schmidt gibt es, um das Problem des Verhältnisses von Gesellschaft und Organisationen zu lösen, grundsätzlich „[…] nur zwei Möglichkeiten: entweder (1) Umbau der begrifflichen Grundlagen der Theorie bei Verzicht auf das Autopoiesiskonzept oder (2) Beibehaltung des Konzepts unter Aufgabe weitreichendender gesellschaftstheoretischer Ambitionen.“2581 Sein Artikel „Die Systeme der Systemtheorie“ in der Zeitschrift für Soziologie beinhaltet folgende Aussagen: Funktionssysteme können nicht gleichzeitig operativ geschlossen sein und Organisationen in sie hineinprojiziert werden.2582 Wird das Konzept der Autopoiesis beibehalten, operieren Organisationen außerhalb von Funktionssystemen.2583 Organisationen sind mehreren Funktionssystemen zugeordnet (Mehrsystemzugehörigkeit), oder aber es muss ganz auf eine Zuordnung verzichtet werden.2584 Schmidt kritisiert, dass „[…] man […] nicht behaupten [kann], Funktionssysteme seien operativ geschlossene Kommunikationskreise, und gleichzeitig Sozialkriterien und -gebilde [wie z. B. Organisationen, Anm. d. Verf.] in sie hineinprojizieren, die nach der eigenen Definiti- 2580 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 455 2581 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 34, Heft 6, Dezember 2005, S. 406–426, S. 414; vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 420 2582 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 409 2583 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 413 2584 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 410–411 (teils Fußnote) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 508 on zwingend aus ihnen herausfallen müssten. Entweder Systeme bestehen wirklich nur aus differenzerzeugender Kommunikation. Dann muß man die Existenz von Organisationen und Funktionseliten oder rollen leugnen, die auf die Realisierung bestimmter gesellschaftlicher Leitwerte verpflichtet und auf die Erbringung bestimmter Arten von Leistungen spezialisiert sind, kann diese aber nicht mehr den Systemen inkorporieren, weil sie damit zu Elementen der betreffenden Systeme würden, die sie nicht sein können, weil sie keine Kommunikation sind. Oder man konzipiert, etwa im Anschluß an Simmel, Großformen […] gesellschaftliche[r] Teilsysteme‘, die ‚in einem Meer ständig neu gebildeter und wieder aufgelöster Kleinsysteme‘ schwimmen und die man, präferiert man eine nüchterne Sprache, auch als teilsystemische ‚Ordnungen‘ bezeichnen kann. Dann bereitet es keine Schwierigkeiten, sich darin auch sie [sic!] ‚organisierende‘ Organisationen und Funktionseliten vorzustellen. Nur wären das keine reinen Kommunikationssysteme mehr […] Wie dem auch sei, beides zusammen geht jedenfalls nicht.“2585 Luhmann haben Gründe bewogen, „[…] es dennoch beisammen zu lassen […].“2586 „Wer Funktionssysteme rein kommunikationstheoretisch als selbstreferentielle, an sich geschlossene Operationslogiken orientierte Ereigniskette faßt, in dessen Systemen haben weder einzelne Organisationen noch, erst recht, komplexe institutionelle Ordnungsgefüge wie ‚die‘ Wirtschaft, ‚die‘ Politik, ‚das‘ Recht usw. Platz.“2587 „Der Preis, den sie [vgl. Kneer (2001) und Nassehi (2004)] für den damit angestrebten Konsistenzgewinn [Verfolgung des Autopoiesis-Konzepts] entrichten müssen, besteht in der ontologischen ‚Entleerung‘ der Funktionssysteme, die diese Autoren strikt organisationsfrei denken, weil sie vorbehaltlos akzeptieren, daß Organisationen durch einen so 2585 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 409 2586 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 409 2587 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 413 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 509 konzipierten Theorierahmen wirklich nur als Umwelt von Funktionssystemen behandelt werden können.“2588 Zur Zuordnung von Organisationen zu Funktionssystemen äußert sich Schmidt dahingehend, dass z. B. „[e]in Krankenhaus […] ein Krankenhaus [ist], und in welches Funktionssystem es fällt, hängt davon ab, welchen Systemkontext seine Operationen mit Hilfe welcher Codereferenz jeweils aufrufen. Das kann in einem Moment dieser und im nächsten Moment jener sein, und nicht selten werde es mehrere zugleich. Aber es wird nie nur ‚der eine‘ sein, den ‚wir alle‘ nahezu reflexartig assoziieren, wenn die Rede auf Krankenhäuser kommt. Man hat also realistischerweise von Mehrsystemzugehörigkeit auszugehen.“2589 Denn Organisationen partizipieren an mehreren Funktionssystemen.2590 „Oder, wenn man das nicht mitmachen will, ganz auf entsprechende Zuordnungen zu verzichten.“2591 Des Weiteren stellt er fest, dass zu dem, was innerhalb und zwischen den verschiedenen Funktionssystemen geschieht, „[…] die ‚Theorie funktionaler Differenzierung‘ keine Auskunft zu geben [vermag].“2592 Grundsätzlich urteilt Schmidt, wie bereits angedeutet, radikal über Luhmanns Einführung des Autopoiesiskonzepts in die Systemtheorie und der daraus resultierenden Definition von Funktionssystemen und Organisationen.2593 Die Gesellschaft bildet durch die Unterscheidung von Recht, Politik, Wirtschaft etc. „[…] höherstufig aggregierte Teil- 2588 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 419 2589 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 411 2590 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 410 2591 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 411 (Fußnote) 2592 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 420; vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 413 2593 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 414; vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 420 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 510 ordnungen […] aus, die nach Maßgabe je eigener Relevanzsetzungen unterschiedliche Bezugsprobleme verfolgen und der Gesellschaft gerade damit ihr besonderes Gepräge geben. Diese Ordnungen kann die autopoietisch gewendete Systemtheorie begrifflich nicht mehr einholen, sie erfaßt allenfalls deren jeweilige Eigenrationalitäten.“2594 Für ihn gibt es „[…] damit nur zwei Möglichkeiten: entweder (1) Umbau der begrifflichen Grundlagen der Theorie bei Verzicht auf das Autopoiesiskonzept oder (2) Beibehaltung des Konzepts unter Aufgabe weitreichendender gesellschaftstheoretischer Ambitionen.“2595 7.2.1.4 Lieckweg und Wehrsig (2001) Lieckweg und Wehrsig haben sich zum Verhältnis von Funktionssystemen und Organisationen unabhängig von den Analysen von Kneer im gleichen Jahr wie folgt geäußert: Organisationen sind nicht Sub-Systeme von Funktionssystemen.2596 Die Systembildungsebenen von Organisation und Gesellschaft stehen in einem Verhältnis vertikaler doppelter Kontingenz.2597 Organisationen sind durch multireferenzielle Umweltbezüge charakterisiert.2598 „Organisationen sind nicht Sub-Systeme. Sie sind nicht in die jeweiligen Funktionssysteme eingeschlossen. […] Organisationen unter- 2594 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 413 2595 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 414; vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 420 2596 vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation. In: Tacke, Veronika (Hrsg.): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. 1. Aufl., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2001, S. 39–60, S. 42–43 2597 vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 42, S. 39, S. 57 2598 vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 40, S. 43 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 511 scheiden Kontingenzen und richten darüber Umweltentscheidungen ein. Damit wird ersichtlich, dass Organisationen in einem doppelt bestimmten Verhältnis von Autonomie und Interdependenz zu ihren Funktionssystemen stehen: Deshalb müssen Interdependenzen selbständig (mit-)geordnet werden, und jede Ordnungsleistung enthält einen Akt der Selbstselektion und der Selbstbindung.“2599 Lieckweg und Wehrsig gehen davon aus, „[…] dass die Systembildungsebenen von Organisation und Gesellschaft in einem Verhältnis vertikaler doppelter Kontingenz stehen. […] [E]s [geht] um ein Verhältnis unterschiedlicher Ebenen, die zur eigenen Systembildung wechselseitig auf die Strukturen der jeweils anderen Ebene angewiesen ist.“2600 „[…] [D]er Prozess von funktionaler und organisationaler Differenzierung [wird] in ein konstitutives Wechselverhältnis gestellt […].“2601 Daraus ergibt sich: „Die wechselseitige Ausdifferenzierung von Organisationen und von Funktionssystemen führt dazu, dass Entwicklungsprozesse innerhalb der Gesellschaft von den auf der Organisationsebene zur Verfügung gestellten Möglichkeiten und Beschränkungen unabhängig sind. Umgekehrt stehen auch Organisationen zu den Funktionssystemen in einem nicht determinierenden Abhängigkeitsverhältnis. Deshalb ist auch für Organisationen nur das möglich, was auf der Ebene der Funktionssysteme als Beschränkung und Möglichkeit bereitgestellt wird. Für Organisationen und Funktionssysteme be- 2599 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 42–43 2600 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 42; vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 39, S. 57 2601 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 45; vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 57 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 512 deutet dies, dass sie mit einer dynamischen Ebenen-Umwelt konfrontiert sind, die sie nur durch ihre eigene Komplexität nutzen können.“2602 „Organisationen sind durch multireferentielle Umweltbezüge charaktierisiert.“2603 „Durch Subsystembildung werden Organisationen zu Multireferenten, die die anfallenden Umweltdifferenzen sortieren und parallel abarbeiten können. In der Perspektive der jeweils kompetenten Funktionssysteme werden so interne Distanzierungen aufgebaut, die auch Inkonsistenzen und Widersprüche tragbar machen.“2604 „Der eigenlogische Zugriff [der Organisationen] auf die Codes der Funktionssysteme setzt Varietät frei. Über ihre so gebildeten Entscheidungsprogramme versorgen Organisationen dann ‚ihre‘ Funktionssysteme mit einer komplexitätserhaltenden Mesodiversität. Diese führt im nächsten Schritt der Evolution zu generalisierenden Selektionen, über die sich die abstrakteren Programme der Funktionssysteme aufbauen.“2605 „An der Fähigkeit zur Multireferenz von Organisationen wird deutlich, dass die Entscheidungsprogramme nicht einfach vorgegebenen Codierungen der Funktionssysteme folgen. Vielmehr zeichnen sich die Entscheidungsprogramme dadurch aus, dass sie ebenso auf ‚diabolische‘ Werte einer in die Zukunft gerückten Codierung zugreifen und sie systematisch nutzen können. Wie bereits beschrieben, eröffnet das den Möglichkeitsraum einer Entfaltung und Veränderung von Codierleistungen. Organisationen werden innovativ, indem sie den Codegebrauch verzeitlichen. Sie belegen dann den ne- 2602 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 50 2603 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 40; vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 43 2604 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 49 2605 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 40 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 513 gativen Reflexionswert, z. B. Nicht-Zahlung, mit einer weiteren Negation und überführen ihn so in zukünftige Möglichkeiten und zusätzliche Optionen: Noch-Nicht-Zahlung.“2606 „Organisationen sind notwendigerweise Multireferenten. Ihre Systemrationalität schließt Leistungsbeziehungen jenseits der präferierten Funktionsreferenzen ein und ist also intransitiv. Sie bilden unterschiedliche und auch widersprüchliche lokale Rationalitäten. Das er- öffnet zum einen die Möglichkeit von ‚parasitären‘ Organisationen, die ihre eigenen Bestandskriterien gegen die Funktionskriterien ihrer offiziellen Zwecke subversiv durchsetzen. Das eröffnet zum anderen die Möglichkeit der Abwanderung von Organisationen aus ihren ursprünglichen Funktionskontexten. […] Für Funktionssysteme bedeutet das, dass sie über eine Mesodiversität von Funktionsausprägungen verfügen, die einer strukturellen Selektivität unterliegt und darüber den evolutionären Wandel trägt.“2607 „[…] Organisationen [sorgen] innerhalb von Funktionssystemen für Stabilität bei gleichzeitiger Irritation an anderer Stelle […]. Das begründet das Innovativitätspotential der Gesellschaft. Die Funktion von Konflikten zwischen und innerhalb von Organisationen besteht somit darin, einerseits Widersprüche zwischen der Selbst- und Fremdbeschreibung von Funktionssystemen zu bearbeiten und andererseits diese erst auszulösen. Die Widersprüche stoßen Prozesse der Reflexivität an, die Veränderungen innerhalb der Funktionssysteme möglich machen. Diese Veränderungen werden wiederum von Organisationen aufgenommen und sind ein weiterer Beleg für die Innovativität der Organisation.“2608 „[…] [D]ie Innovativität der Organisation für die 2606 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 49–50 2607 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 43 2608 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 56 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 514 Gesellschaft [besteht] darin […], Reflexivität auf der Ebene der Funktionssysteme anzustoßen.“2609 7.2.1.5 Tacke (2001) Veronika Tacke macht ebenfalls unabhängig von Kneers Ausarbeitungen folgende Aussagen zum Verhältnis von Funktionssystemen und Organisationen: Organisationen lassen sich nicht exklusiv einem Funktionssystem zuordnen, sondern richten ihre Entscheidungen an einer Mehrzahl von Funktionssystemen aus (Konzept der Multireferenz).2610 Das Zuordnungsproblem kann als Ausweg beobachtungstheoretisch formuliert werden.2611 Für Tacke ist eindeutig, dass Organisationen nicht exklusiv einem Funktionssystem zugeordnet werden können2612, sondern „[…] dass Organisationen ihre Entscheidungen an einer Mehrzahl von Funktionssystemen der Gesellschaft ausrichten.“2613 Dieser Sachverhalt wird auch als Konzept der Multireferenz bezeichnet.2614 „[…] Multireferentialität [macht] nicht auf eine unsortierbare Beliebigkeit im Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen aufmerksam 2609 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 54 2610 vgl. Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien. In: Tacke, Veronika (Hrsg.): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. 1. Aufl., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2001, S. 141–169, S. 166 2611 vgl. Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 149–150 2612 vgl. Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166 2613 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166 2614 vgl. Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 515 […], sondern [beruht] – als Beobachtung im Schema funktionaler Differenzierung – auf einer vorgängigen typologischen Zuordnung der Organisationen […].“2615 „Die theoretische Zuordnung von Organisationen zu Funktionssystemen scheitert in der Systemtheorie an der Annahme der operativen Geschlossenheit und Autonomie der Systeme. Systeme können nur sich selbst, aber nicht ihre Umwelt festlegen. Gleichwohl bleibt in der Systemtheorie der Ausweg, das Zuordnungsproblem beobachtungstheoretisch zu formulieren, die Lösung darin zu finden, dass Systeme sich im operativen Vollzug ihrer Autopoiesis beobachtend auf sich selbst und ihre Umwelt zu beziehen.“2616 „Es ist die Beobachtungsoperation – also eine Konstruktion – eines Systems, das die Zurechnung von Organisationen […] [zu einem Funktionssystem der Gesellschaft] vollzieht und das operativ nicht Verknüpfbare beobachtend verknüpft.“2617 „Im Ergebnis kann festgehalten werden, dass die gesellschaftliche Kommunikation Organisationen mit hoher Selbstverständlichkeit im Schema funktionaler Differenzierung typologisiert und das Schema auch verwendet, um Abweichungen verständlich und handhabbar zu machen. […] Die Typologisierung von Organisationen im Schema funktionaler Differenzierung kommt empirisch vor und ist in der gesellschaftlichen Kommunikation relevant und folgenreich. […] [E]ine Theorie der Organisationstypen [ist] unter Bedingungen gesellschaftlicher Polykontexturalität nur auf der Ebene der Beobachtung zweiter Ordnung – und damit der Unterscheidung von Unterscheidungen – zu 2615 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166 2616 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 149 2617 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 149; vgl. Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 150 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 516 gewinnen […]. Genau hier liegt der Beitrag, den die Systemtheorie zu diesem Problem der Organisationsforschung erbringen kann.“2618 „Anstatt also die Systemtheorie mit einer schlichten Zuordnungsthese von Organisationen zu Funktionssystemen selbst der Simplifikation anheim zu stellen, ist auf dieser Theoriegrundlage die Frage der funktionsbezogenen Typologisierung von Organisationen zu rekonstruieren, und zwar als beobachterabhängige Simplifikation, die sich bei der Adressierung von Organisationen und in der Kommunikation über sie des Schemas funktionaler Differenzierung bedient.“2619 Tackes Meinung nach kann dieser Vorschlag „[…] zur Auflösung einiger Unklarheiten beitragen, die die Systemtheorie selbst mit der Beschreibung des Verhältnisses von Funktionssystemen und Organisationen hat. Diese Unklarheiten konnten dabei mit eigenen Mitteln geklärt werden.“2620 Für Tacke klärt sich nun auch, „[…] warum die Systemtheorie in der Frage nach dem Stellenwert von Organisationen bisher überhaupt kein Problem gesehen hat. Dies wird erkennbar in der Art und Weise, wie Luhmann in der Organisationstheorie einerseits und der Gesellschaftstheorie andererseits das Verhältnis von Organisationen und Funktionssystemen bestimmt hat.“2621 Luhmanns „[…] Theorie vollzieht die operative Trennung [von Funktionssystemen und Organisationen] in ihrer Beschreibung von Gesellschaft mit, läuft so aber Gefahr zu übersehen, dass diese Differenzierung in der Gesellschaft zwar einerseits operativ vollzogen und über die Verwendung des Schemas funktionaler Differenzierung auch beobachtend vollzogen wird, dass in der gesellschaftlichen Kommunikation andererseits aber im Schema, über 2618 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 165–166 2619 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 150 2620 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166 2621 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166–167 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 517 die simplifizierende Zurechnung von Organisationen zu Funktionssystemen, beobachtend zusammengehalten wird, was operativ getrennt ist.“2622 7.2.1.6 Bora (2001 / 2003) „Im Mittelpunkt des Interesses [von Bora] steht die Multireferentialität der Programmierung von Entscheidungen in Organisationen […] [um den Zusammenhang von Organisation und Gesellschaft zu klären.] Organisationen operieren bisweilen in mehreren solchen Referenzen [der Gesellschaft] zugleich.“2623 Bora kommt zu folgenden Ergebnissen: Organisationen sind multireferenziell, d. h. sie programmieren ihre Entscheidungen durch die Beobachtung funktionsspezifischer Codes.2624 Entscheidungen in Organisationen sind multipel programmierbar.2625 In der Regel referieren Organisationen vorrangig auf den Code eines Funktionssystems, aber sie tun dies nicht ausschließlich.2626 2622 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 167 2623 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation. In: Tacke, Veronika (Hrsg.): Organisation und gesellschaftliche Differenzierung. 1. Aufl., Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2001, S. 170–191, S. 170 2624 vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 170–172, S. 188; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts. In: Nassehi, Armin; Schroer, Markus (Hrsg.): Der Begriff des Politischen. Soziale Welt. Sonderheft 14. Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden, 2003, S. 189–216, S. 205–206 2625 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 188 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205–206; vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 170–172 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 518 „Das Konzept der Multiferefentialität ist eingebettet in einer Theorie der funktionalen Differenzierung moderner Gesellschaft.“2627 Der „[…] Begriff Multireferentialität […] [beschreibt, dass] Organisationen […] ihre Entscheidungen durch die Beobachtung funktionssystemspezifischer Codes [programmieren]; sie referieren in der Regel vorrangig auf einen solchen Code; aber sie tun dies nicht ausschließlich. […] Entscheidungen in Organisationen sind in diesem Sinne multipel programmierbar.“2628 „Organisationen sind nicht auf eine Referenz festgelegt.“2629 Luhmann beschreibt ebenfalls, dass „[a]uch wenn eine solche Primärcodierung gegeben ist, […] andere Funktionssysteme fallweise involviert sein […] [können].“2630 „Organisationen orientieren sich in diesem Sinne an Funktionssystemen. Dabei stellen sich Prioritäten der Programmierung heraus, was dazu führt, dass man von Organisationen ‚des Rechts‘, ‚der Politik‘, der ‚Wissenschaft‘ usw. spricht. Das heißt, die organisatorischen Entscheidungsprogrammierungen sind auf die Herstellung von Entscheidungen vorrangig mit Blick auf den betreffenden Code orientiert.“2631 „[…] [I]n der Perspektive multipler Programmierung […] [kann] es Verschie- 2626 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 188 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205–206; vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 170–172 2627 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 173 2628 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 188; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205–206; vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 170–172 2629 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 172; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205–206 2630 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 398 2631 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 171; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 206 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 519 bungen in den organisatorischen Programmierungsprioritäten geben […], auf die dann wiederum organisationsintern reagiert wird.“2632 „Das Auswechseln dieser Bezüge in einer kommunikativen Episode wird in Funktionssystemen und Organisationen unterschiedlich beobachtet. Aus der Perspektive funktionssystemspezifischer Kommunikation gibt es nach dem Referenzwechsel keinen kommunikativen Anschluss […] Der organisatorische Programmablauf […] operiert jedoch weiter, mit Blick auf funktionssystemrelevante Codes ist aber die Referenz gewechselt. […] Politisierung ist ebenso wie Verrechtlichung, Verwissenschaftlichung, Ökonomisierung etc. unter diesen Voraussetzungen als Änderung der prioritären Programmierung auf der Ebene von Organisationen zu begreifen.“2633 „Mit solchen Überlegungen und Verschiebungen organisatorischer Präferenzen ist in gewissem Sinne ein Fall abweichenden Verhaltens beschrieben. Aber auch der organisatorische Normalbetrieb enthält genügend organisationseigene Strukturbildungsmöglichkeiten, auf die Operationen des Rechts oder der Politik nur äußerst begrenzten Einfluss auszuüben vermögen.“2634 Bora identifiziert Organisationsroutinen für multiple Referenzen, wie z. B. Politisierung, Hierarchisierung (in der Sachdimension), Professionalisierung (in der Sozialdimension) und Parallelisierung (in der Zeitdimension).2635 Hierarchisierung heißt, dass „[…] die Prioritäten [für einen Code bzw. ein Funktionssystem] […] im Normalfall in die Entscheidungsprogramme mit eingebaut [sind].“2636 „Professionalisie- 2632 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 172; vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 177; S. 179–180; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 207 2633 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 207 2634 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 207 2635 vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 181 2636 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 181 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 520 rung […] meint dann entsprechend die beim Personal erwartete Kompetenz […].“2637 Parallelisierung bedeutet, dass „Organisationen […] eine gleichzeitige Bearbeitung eines Problems an verschiedenen Stellen erlauben.“2638 7.2.1.7 Bode und Brose (2001) Für Bode und Brose gilt „[…] das Verhältnis von Organisation und Gesellschaft keinesfalls als geklärt […].“2639 Für sie besteht „[d]ie ‚Organisationsgesellschaft‘ vielmehr (nach wie vor) als Ensemble strukturell unterschiedlicher Organisationen, wobei diese aber nicht selten an mehreren Funktionssystemen gleichzeitig orientiert sind.“2640 Dabei vertreten sie folgende Aussagen: Organisationen können an einem oder an mehreren Funktionssystemen gleichzeitig orientiert sein.2641 Intersystemische Organisationen können keinem Funktionssystem zugerechnet werden.2642 Intersystemische Organisationen bewegen sich in verschiedenen Teilsystemen gleichzeitig.2643 Intersystemische Organisationen weisen einen multireferenziellen Charakter auf.2644 2637 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 181 2638 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 182 2639 vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns–Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 112 2640 Bode, Inge; Brose, Hanns–Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 112 2641 vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns–Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 112 2642 vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns–Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 118 2643 vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns–Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 119 2644 vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns–Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 114 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 521 Bode und Brose beschäftigen sich intensiver mit den systemübergreifenden, in konstitutiver Weise multireferenziellen Organisationen und benennen diese als „intersystemische Organisationen“2645. „Intersystemische Organisationen sind Organisationen besonderen Typs. […] Entscheidend ist […], dass intersystemische Organisationen keinem Funktionssystem zugerechnet werden können sowie konstitutiv mit pluralen Referenzen operieren – und dadurch zwischen mehreren Teilsystemen vermitteln. Sie sind gewissermaßen institutionalisierte Katalysatoren der Einbettung.“2646 „Damit bewegen sich diese [intersystemischen] Organisationen in verschiedenen Teilsystemen gleichzeitig, jenseits der funktionalen Differenzierung bzw. in einem durch diese konstituierten Spannungsfeld. Gemeinsam ist ihnen, dass sie öffentliche Aufgaben übernehmen und dass ihre Zuständigkeit partiell in Rechtsordnungen institutionalisiert ist.“2647 „Intersystemische Organisationen liegen also zwischen den (System-)Grenzen und vermitteln unterschiedliche systemspezifische Funktionslogiken.“2648 „Ihre Entwicklung ist zugleich Ausdruck gesellschaftlicher Dynamik: Denn sie erweisen sich als in besonderer Weise beweglich und nicht auf eine bestimmte Mischung ihrer Referenzen festgelegt.“2649 Intersystemische Organisationen verknüpfen „[…] Referenzen aus unterschiedlichen Funktionssystemen […] und […] [weisen] – gerade weil sie dies leisten – einen spezifisch multireferentiellen Charakter […] [auf].“2650 „Der Charakter intersystemischer Organisationen lässt sich deshalb an drei Eigenschaften festmachen: Erstens basieren sie auf hybriden 2645 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 113 2646 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 118 2647 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 119 2648 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 113; vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 123, S. 118 2649 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 113 2650 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 114 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 522 Strukturen, also dem Ineinandergreifen unterschiedlicher Steuerungsmodi im Organisationsprozess. Zweitens bestehen für solche Organisationen institutionell verankerte, universalistische Leistungserwartungen; und drittens vermitteln sie gesellschaftlich zwischen verschiedenen ‚Systemlogiken‘ und weisen von daher einen intermediären Charakter auf.“2651 Intersystemische Organisationen „[…] stabilisieren […] die Autonomie der gesellschaftlichen Teilbereiche durch ihre Fähigkeit zur Unterbrechung von Interdependenzen. Sie tragen aber auch zur Stabilisierung des Gesellschaftssystems bei, indem sie – als intersystemische Organisationen – durch ihre konstitutive Multireferentialität die Verständigungstendenzen der Funktionssysteme auffangen.“2652 7.2.1.8 Guggenheim (2007) Grundsätzlich stellt Guggenheim fest, dass „[d]ie Systemtheorie […] Systeme als Kommunikationszusammenhänge [konzipiert] und […] widersprüchlich [bleibt], wie sich Organisationen zu Funktionssystemen verhalten, insbesondere, wenn sich Organisationen nicht einzelnen Funktionssystemen eindeutig zuordnen lassen. […] Gerade intersystemisch, d. h. nicht einem einzelnen Funktionssystem zuordenbare Organisationen bleiben dabei […] für beide Theorien nicht fassbar.“2653 Guggenheim äußert sich zum Verhältnis von Gesellschaft und Organisationen wie folgt: Organisationen sind nicht Bestandteile von Funktionssystemen.2654 2651 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 119; vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 135 2652 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 134–135 2653 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 419–420 2654 vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 421–422 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 523 Organisationen werden durch Beobachter Funktionssystemen zugeordnet.2655 Organisationen können einzelnen Funktionssystemen zugeordnet oder sie können intersystemisch sein.2656 Guggenheim greift bei seinen Überlegungen Kneers Ausarbeitungen auf, dass Organisationen nicht Bestandteile von Funktionssystemen sein können. Die Auffassung führt zu massiven Konstruktionsproblemen.2657 „Vielmehr werden Organisationen Funktionssystemen durch Beobachter zugeordnet, wie Veronika Tacke es formuliert.“2658 „Die Zuordnung der Organisation kann jedoch nicht allein durch organisationsexterne Beobachtung erfolgen, sondern auch durch interne Beobachtung wie Strukturbildung. Strukturbildung bedeutet eine Stabilisierung von internen und externen Zuordnungen durch zeitlich stabile Beobachtungsschablonen […]. Strukturbildung ist gerade bei Organisationen dann stabil, wenn sie nicht nur in einer Organisation erfolgt, sondern in vielen, und damit die Zuordnung ganzer Organisationsklassen zu Funktionssystemen ermöglicht.“2659 Guggenheim bezieht sich hier auf Kieserling mit der Aussage, dass nur durch Strukturbildung erklärbar ist, wie „[…] Organisationen an mehreren Funktionssystemen mitwirken [können] (und zwar ohne darüber den Funktionsprimaten ihres eigenen Systems zu vergessen).“2660 Guggenheim stellt Unterschiede in der Zuordnung von Organisationen fest und greift damit die Ausführungen von Bode und Brose auf: „Or- 2655 vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 422 2656 vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 436 2657 vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 421–422 2658 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 422 2659 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 422 2660 Kieserling, André: Drei Vorbehalte gegen „Funktionssysteme“. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 34, Heft 6, Dezember 2005, S. 433–436, S. 436; vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 422 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 524 ganisationen können einzelnen Funktionssystemen zugeordnet sein, oder sie können intersystemisch sein.“2661 Unter intersystemischen Organisationen sind Organisationen zu verstehen, bei denen „[…] die Dethematisierung unterschiedlicher Funktionssysteme nicht gelingt und […] die Zuordnung [nicht] strukturell gestützt [wird].“2662 Es handelt sich um „[…] Organisationen, die mehreren Funktionssystemen zugeordnet werden. Dabei können sie vermittelnd sein, wenn sie Effekte mehrerer Funktionssysteme ausgleichen, oder sie können mehrdeutig sein, wenn sie sich nicht eindeutig einem Funktionssystem zuordnen lassen.“2663 Diese Organisationen beziehen „[…] ihre Funktionsfähigkeit genaz aus ihrem intersystemischen Status […].“2664 „Dies ist jedoch nicht als Zeichen für Entdifferenzierung zu bewerten, sondern für eine Stufe von Differenzierung, die eine große Bandbreite an Organisationen für die Bearbeitung von Differenzierungsfolgen nach sich zieht.“2665 „Innerhalb der intersystemischen Organisationen lassen sich weitere Unterscheidungen vornehmen.“2666 Es gibt, vermittelnde, mehrdeutige und fehlzugeordnete Organisationen.2667 „Alle diese unterschiedlichen Typen intersystemischer Organisationen zeichnen sich dadurch aus, dass, anders als bei eindeutig zugeordneten Organisationen, ihre Funktionssystemzuordnung problematisch und mehrdeutig ist.“2668 2661 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 436 2662 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 423 2663 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 436; vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 423, S. 424 2664 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 437 2665 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 437 2666 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 423 2667 vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 423 2668 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 424 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 525 Zusätzlich erwähnt Guggenheim, dass „[…] schon bei Niklas Luhmann das Verhältnis von Organisationstheorie zur Theorie funktionaler Differenzierung immer von Spannungen durchzogen [war].“2669 „Wenn man die Theorie funktionaler Differenzierung jedoch durch eine entsprechend fein justierte Organisationstheorie ergänzt, dann lässt sich ein Beobachtungsmuster gewinnen, mit dem sich die Operationen von Organisationen in Bezug zu Funktionssystemen beschreiben lassen.“2670 7.2.1.9 Tratschin (2007) Tratschin beschreibt das Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in der Systemtheorie als komplex und von Luhmann nicht immer ohne widersprüchliche Aussagen ausgearbeitet.2671 Im Wesentlichen argumentiert er, „[…] dass eine Zuordnungsthese auf operativer Ebene unhaltbar ist, während sie auf der Beobachtungsebene keine Probleme darstellt.“2672 Er äußert sich zum Verhältnis von Gesellschaft und Organisationen wie folgt: Organisationen sind nicht Teil von Funktionssystemen, sondern gehören auf der Ebene ihrer Autopoiesis zur Umwelt von gesellschaftlichen Teilsystemen.2673 Die These der Zuordnung von Luhmann könnte beobachtungstheoretisch reformuliert werden, dann Zuordnung bedeutet 2669 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungsfirmen als intersystemische Organisationen, S. 421 2670 Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungsfirmen als intersystemische Organisationen, S. 421 2671 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 171 2672 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 147 2673 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 167 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 526 nicht, dass alle Organisationen zu Funktionssystemen gehören.2674 Tratschin stellt fest, dass zwar „[…] [d]ie Situierung von Organisationen in Funktionssystemen […] zunächst sehr einleuchtend [ist] […] Außerdem fungieren Organisationen in manchen Fällen als funktionale Äquivalente für Kommunikationsmedien und ermöglichen damit die Autopoiesis von Funktionssystemen wie Erziehung und Medizin. […] Allerdings ist es aus theoriebaulichen Gründen nicht möglich, Organisationen als Teilsysteme von Funktionssystemen zu begreifen. Der Grund dafür liegt in der Multireferenz von Organisationen. So offensichtlich die Bedeutung vieler Organisationen für Funktionssysteme ist, so unbestreitbar bleibt, dass keine Organisation nur Operationen eines einzigen Funktionssystems zu ihrer Reproduktion verwendet. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass alle Organisationen Geld verwenden müssen und damit an Operationen des Wirtschaftssystems teilhaben.“2675 „Damit man Organisationen als Subsysteme von Funktionssystemen begreifen könnte, müssten Organisationen sich in Funktionssystemen ausdifferenzieren. Dies wäre der Fall, wenn Organisationen auf Grundlage der funktionssystemischen Kommunikationstypen weitere Selektivität schafften und sich ausschliesslich [sic!] durch diese spezifizierte Kommunikationssorte reproduzierten.“2676 „[…] Organisationen [können] ihre Autopoiesis nicht auf der dünnen Grundlage eines einzigen funktionssystemischen Kommunikationstyps formieren. […] Sie produzieren stets verschiedene funktionssystemische Kommunikationen und haben dabei immer an der Autopoie- 2674 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 170 2675 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 162 2676 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 162 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 527 sis verschiedener Funktionssysteme teil.“2677 „Da Organisationen multireferenziell operieren, d. h. ihre Operationen an den Codes verschiedener Funktionssysteme orientieren, können Organisationen keine Subsysteme von jeweils einem Funktionssystem sein.“2678 Tratschin versucht in einem zweiten Schritt, die zwei eigentlich unvereinbaren Perspektiven bzw. Sichtweisen auf die beiden Typen sozialer Systeme Organisation und Gesellschaft zu verbinden. Er setzt an den Elementen der Systeme an.2679 Denn „[d]ass Organisationen und Funktionssysteme sich auf dieselben Ereignisse zu ihrer Reproduktion beziehen, steht […] nicht im Widerspruch zum Konzept der Autopoiesis.“2680 Zusammenfassend formuliert er, dass „[…] Organisationen […] sich insofern ‚in‘ Funktionssystemen [befinden], als sie sich auf dieselben Ereignisse wie letztere beziehen, vollziehen ihre Autopoiesis aber gleichzeitig in der Umwelt von Funktionssystemen, da sie diese Ereignisse anders beobachten und in einen anderen rekursiven Zusammenhang betten. Mit dieser Erklärung lässt sich auch die Multireferenz von Organisationen neu fassen. Organisationen stützen ihre Reproduktion auf Ereignisse, die auch für die Autopoiesis verschiedener Funktionssysteme verwendet werden.“2681 Durch die Zwecke, die sich Organisationen in ihrer Selbstbeschreibung setzen und damit dem Hinweis auf den Zweckbegriff, scheint es „[…] für die Mehrheit von Organisationen von Vorteil […] [zu sein], sich selbst einem bestimmten gesellschaftlichen Subsystem zuzuord- 2677 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 163 2678 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 163 2679 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 162 2680 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 165 2681 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 165–166 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 528 nen.“2682 „[…] [D]ie Zuordnungsthese besagt ja nicht, dass alle Organisationen zu Funktionssystemen gehören […].“2683 Mit diesen Überlegungen strebt Tratschin eine beobachtungstheoretische Reformulierung von Luhmanns These der Zuordnung an.2684 Auch werden „Organisationen […] ‚von der Gesellschaft‘ als zu Funktionssystemen gehörig beobachtet.“2685 7.2.2 Organisationen bilden sich innerhalb der Funktionssysteme Schimank und Türk vertreten die These, dass sich Organisationen innerhalb von Funktionssystemen bilden. Bei diesen beiden Soziologen liegt der Schwerpunkt nicht in der Systemtheorie. So könnte auch zu erklären sein, dass bei Schimank die Beiträge der anderen systemtheoretisch orientieren Autoren bei seiner Betrachtung im Jahr 2003 keine Beachtung finden bzw. nicht im Literaturverzeichnis enthalten sind. 7.2.2.1 Schimank (2001 / 2003) Schimank stellt zum Verhältnis von Gesellschaft und Organisationen fest, dass sich Organisationen innerhalb der Funktionssysteme bilden.2686 Dabei unterscheiden sich „[d]ie verschiedenen Teilsysteme der modernen Gesellschaft […] in erheblichem Maße hinsichtlich des Ausmaßes und der Art der vorkommenden Organisationen und interorganisatorischen Beziehungen.“2687 Er argumentiert, dass „[f]ormale Organisationen […] zumeist von vornherein als teilsystemische Ak- 2682 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 170 2683 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 170 2684 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 170 2685 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 171 2686 vgl. Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, 28–29 2687 Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 28 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 529 teure konzipiert […] [werden]. Und an dieser Totalinklusion einer Organisation in ein und nur ein Teilsystem wird dann auch festgehalten.“2688 […] Damit ist nicht ausgeschlossen, dass eine Organisation, die einem bestimmten Teilsystem angehört, nicht Untereinheiten ausdifferenziert, die andere Teilsysteme repräsentieren – etwa Rechtsoder Forschungsabteilungen von Unternehmen.“2689 Des Weiteren weist er darauf hin, dass „[m]it Ausnahme des Systems der Intimbeziehungen […] alle Teilsysteme der modernen Gesellschaft auf formale Organisationen angewiesen [sind]. […] Die funktional differenzierte moderne Gesellschaft kann sich somit nur als Organisationsgesellschaft entfalten.“2690 Schimank bringt die seiner Einschätzung nach „[…] zentrale […] Erkenntnis von Luhmanns Differenzierungstheorie auf den Punkt […]. Die beiden dafür von Luhmann bereitgestellten Konzepte sind: binäre Codes und Polykontexturalität. Damit erfasst Luhmann […] das Wesen der modernen Gesellschaft.“2691 „[…] [A]us Luhmanns differenztheoretischer Perspektive […] ]folgt] dass man sich streng genommen von der Redeweise der ‚funktionalen‘ Differenzierung der modernen Gesellschaft verabschieden und stattdessen von polykontexturaler Gesellschaft sprechen muss. ‚Funktionale‘ Differenzierung impliziert, dass die Differenzierung der Teilsysteme sich nach Funktionserfordernissen der Gesellschaft richtet. […] Bei Luhmann wird diese Begrifflichkeit und der Bezug der Teilsysteme auf Funktionen für die Gesellschaft […] seit dem Übergang zur Autopoiesis-Perspektive nur 2688 Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 27–28 2689 Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 28 (Fußnote) 2690 Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 31; vgl. Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 25; vgl. Schimank, Uwe: Kommentar: Zur Verknüpfung von Gesellschafts- und Organisationstheorie, S. 312 2691 Schimank, Uwe: Theorie der modernen Gesellschaft nach Luhmann – eine Bilanz in Stichworten, S. 261 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 530 noch theoretisch funktionslos mitgeschleppt.“2692 Für Luhmann „[…] bestimmt im Falle funktionaler Differenzierung jedes Funktionssystem die eigene Identität selbst […] Die Gesellschaft im übrigen kommt dann nur noch als Umwelt des Funktionssystems in Betracht und nicht als spezifische Unter- oder Überlegenheit.“2693 „[…] Luhmann [bestimmt] das zentrale Charakteristikum der modernen Gesellschaft differenztheoretisch als polykontexturalen Verdinglichkeitszusammenhang […]. Er unterläuft damit die traditionelle gesellschaftstheoretische Alternative, entweder von Gesellschaft als Ganzer oder von den einzelnen Individuen her zu denken.“2694 7.2.2.2 Türk (1995) Klaus Türk beschäftigt sich mit der Verbindung der funktionalen Teilsysteme untereinander, die er auf der Ebene der Programme vermutet.2695 Organisationen bilden dabei die „[…] die zentrale gesellschaftliche Ebene und Form der Programmformulierung und -implementation […].“2696 Zum Verhältnis von Organisationen und Gesellschaft stellt er fest: Organisationen können gesellschaftlichen Teilsystemen zugeordnet werden.2697 Organisationen bilden sich innerhalb von Funktionssystemen.2698 Zur Zuordnung von Organisationen zu Funktionssystemen äußerst er sich dahingehend, dass „[d]ie modernen Organisationen […] sich geradezu über eine funktionale Spezifizierung [legitimieren], was bereits daran deutlich wird, daß es jedem Alltagsmenschen leicht fällt, ein- 2692 Schimank, Uwe: Theorie der modernen Gesellschaft nach Luhmann – eine Bilanz in Stichworten, S. 271–272 2693 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 745 2694 Schimank, Uwe: Theorie der modernen Gesellschaft nach Luhmann – eine Bilanz in Stichworten, S. 273 2695 vgl. Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 198 2696 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 199 2697 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 204 2698 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 206 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 531 zelne Organisationen gesellschaftlichen Teilsystemen zuzuordnen und sich über Codemischungen zu empören.“2699 Funktionale „Differenzierung findet auf der Ebene der Gesellschaft statt, Organisation scheint eine Ebene ‚tiefer‘ zu liegen – wie immer man diese räumliche Metapher deuten mag.“2700 Dass Organisationen seiner Meinung nach innerhalb von Funktionssystemen gebildet werden, lässt sich folgenden Aussagen übernehmen: „Da Organisationen in funktionale Teilsysteme eingelagert sind, sind ihre Programme auf funktional spezifische Verwertung hin ausgerichtet.“2701 Und: „Die Organisationen der Teilsysteme teilen sich nicht dingliche Bereiche der Welt, sondern greifen alle auf die ‚eine Welt‘ zu, aber stets unter ‚entlastender‘ Perspektivität.“2702 7.2.3 Organisationen lassen sich nicht eindeutig verorten Beetz stellt fest, dass Organisationen sich nicht eindeutig verorten lassen. Bei Kieserling kann nicht eindeutig festgestellt werden, welche Meinung er vertritt. Bei beiden Autoren wurde Kneers Artikel berücksichtigt bzw. wurde im Literaturverzeichnis aufgenommen. Kieserling bezieht sich explizit darauf. Bei Beetz finden sich noch die Ausarbeitungen von Lieckweg und Wehrsig, Schimank, Türk und Tacke im Literaturverzeichnis. 7.2.3.1 Beetz (2003) Beetz ermittelt „[i]m systemtheoretischen Angebot […] die Möglichkeiten der Modellierung des Verhältnisses von Organisationen und Funktionssystemen als eines der mengentheoretischen Inklusion, als Emergenzphänomen und als strukturelle Kopplung. Ein Vergleich der […] implizit verwendeten Modelle wird jede dieser Möglichkeiten als 2699 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 204 2700 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 161 2701 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 206 2702 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 207 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 532 teilweise, keine als umfassend geeignet erweisen, um den anfallenden Erklärungsbedarf zu bewältigen.“2703 Im Ergebnis nach Anwendung der drei Modelle stellt Beetz fest, dass „Organisationssysteme […] sich weder eindeutig im Funktionssystem noch in dessen Umwelt verorten [lassen].“2704 Seiner Meinung nach besitzt „[…] [j]edes Modell eine gewisse Plausibilität innerhalb eines bestimmten Problemzusammenhangs […] [woraus sich] eine paradoxe Situation hinsichtlich des Postulats der operativen Geschlossenheit sozialer Systeme [ergibt]: Die verschiedenen Systemebenen Gesellschaft, Interaktion und Organisation sind nicht vollständig voneinander getrennt.“2705 Bei Verwendung des Modells der mengentheoretischen Inklusion „[…] bleibt vor dem Hintergrund des Theorems operativer Geschlossenheit autopoietischer Systeme nur die Option, die Organisation in der Umwelt des Funktionssystems zu verorten.“2706 „[…] [B]ezüglich der Anwendbarkeit des Emergenzmodells zur Erfassung des Verhältnisses von Organisation und Funktionssystem […] [zeichnet] sich keine charakteristische Emergenzhierarchie […] [ab]. Emergenzen lassen sich in zwei Richtungen beobachten. Organisation und Funktionssystem stehen daher – so der diesbezügliche Begriffsvorschlag – zueinander in einem Verhältnis der doppelten Emergenz.“2707 „Ein Ausweg, die Vorentscheidung für eines der besprochenen, hierarchischen Modelle […] zu umgehen, besteht darin, Organisationen und Funktionssysteme als eigenständige, autonome Systeme zu begreifen, die in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis stehen 2703 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 50 2704 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 83 2705 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 83 2706 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 59 2707 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 66 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 533 und sich in einem (allerdings asymmetrischen) Verhältnis der Ko- Evolution entwickeln. Das Verhältnis zwischen Funktionssystemen und Organisationen wäre demnach als strukturelle Kopplung zu verstehen. Was heißt das genau? Der Begriff der strukturellen Kopplung dient als Oberbegriff zur Beschreibung von Intersystembeziehungen bzw. des Verhältnisses eines Systems zu seiner Umwelt.“2708 Zusätzlich schlägt Beetz bei der Analyse des Verhältnisses von Organisationen und Funktionssystemen vor, zu unterscheiden „[…] zwischen Funktionssystemen, deren Operationen von einem organisatorischen Gerüst lediglich gestützt werden, die aber vor allem organisationsextern ausgerichtet sind (Medizin, Pädagogik), und Funktionssystemen, deren Operationen primär organisationsintern ausgerichtet sind (Politik).“2709 7.2.3.2 Kieserling (2005) Kieserling bezieht sich mit seiner Argumentation auf Kneer: „Das theoretische Argument bei Kneer lautete: Die Subsysteme eines Funktionssystems könne man diesem nur entweder ganz oder gar nicht zurechnen. Das ist richtig gesehen. Organisationen sind aber keine Subsysteme von Funktionssystemen, auch wenn Luhmann manchmal so redet, sondern soziale Systeme eigener Art. Gegenüber der Schematik funktionaler Systemdifferenzierung haben Organisationen daher, ähnlich wie Interaktionen, ein hohes Maß an intern garantierter Bewegungsfreiheit und Mobilität.“2710 Im gleichen Artikel widerspricht sich Kieserling und erwähnt, dass „[…] Organisationen an mehreren Funktionssystemen mitwirken (und zwar ohne darüber ihren Funktionsprimat ihres eigenen Systems zu vergessen) [können]. Es spricht also nicht viel für die Umweltpositionierung von Organisationen, und damit verlieren auch Schmidts Be- 2708 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 66 2709 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 88 2710 Kieserling, André: Drei Vorbehalte gegen „Funktionssysteme“, S. 436 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 534 fürchtungen über eine analytische ‚Entleerung‘ der Funktionssysteme an Gewicht.“2711 7.2.4 Resümee zur Verortung / Zuordnung von Organisationen Die hier aufgeführten Autoren sind sich einig, dass das Verhältnis von Funktionssystemen und Organisationssystemen nicht konsistent beschrieben2712 bzw. der Zusammenhang nicht geklärt ist.2713 In der Mehrzahl der systemtheoretischen Ausarbeitungen wird die These vertreten, dass sich Organisationen außerhalb von Funktionssystemen bilden bzw. außerhalb von Funktionssystemen operieren. Die These, dass Organisationen keine Teilsysteme von Funktionssystemen bilden, vertreten Kneer2714, Schmidt2715, Lieckweg und Wehrsig2716, Guggenheim2717 sowie Tratschin2718. Daraus folgt für 2711 Kieserling, André: Drei Vorbehalte gegen „Funktionssysteme“, S. 436 2712 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414; vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 419–420; vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 171 2713 vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 444–445; vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 112; vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 171 2714 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 412, S. 415 2715 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 409 2716 vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 42–43 2717 vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 421–422 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 535 Kneer und Schmidt bzw. die beiden weisen explizit darauf hin, dass Organisationen außerhalb von Funktionssystemen operieren, also in deren Umwelt.2719 Nassehi formuliert, dass „Organisationen […] strikt als Umwelt von Funktionssystemen anzusehen sind.“2720 Dass Organisationen außerhalb von Funktionssystemen operieren, wird mit der Autopoiesis der verschiedenen Systemtypen begründet. Wird dieses Argument konsequent auf die Systemebenen Gesellschaft, Organisation und Interaktion angewendet, können Organisationssysteme und Interaktionssysteme nicht Bestandteile der Gesellschaft sein. Damit wäre unmöglich, dass Gesellschaft das umfassende System aller Kommunikationen ist. Was die Zuordnung von Organisationen zu Funktionssystemen betrifft, gibt es viele unterschiedliche Meinungen. Die Bandbreite reicht von Nassehis Annahme, dass „[…] Organisationen […] jeweiligen Funktionssystemen zugeordnet sind […]“2721 bis zu Kneers Feststellung, dass Organisationen Funktionssystemen nicht eindeutig zugeordnet werden können2722. Auch Tacke vertritt die Meinung einer nicht exklusiven Zuordnung und nutzt in diesem Zusammenhang das Konzept der Multireferenz.2723 „[…] Organisationen [richten somit] ihre Entscheidungen an einer Mehrzahl von Funktionssystemen […] 2718 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 167 2719 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 415; vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 413 2720 Nassehi, Armin: Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont ihrer Kritik, S. 109 2721 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 454 2722 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 412, S. 415, S. 417 2723 vgl. Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 536 aus.“2724 Nach Lieckweg und Wehrsig sind „Organisationen […] [ebenfalls] durch multireferenzielle Umweltbezüge charakterisiert.“2725 Für Bora sind Organisationen auch multireferenziell,2726 d. h. sie „[…] programmieren ihre Entscheidungen durch die Beobachtung funktionsspezifischer Codes.“2727 Seiner Meinung nach referieren Organisationen in der Regel vorrangig auf den Code eines Funktionssystems, aber sie tun dies nicht ausschließlich.2728 Tratschin benennt auch den Aspekt der Multireferenz, da „[…] unbestreitbar bleibt, dass keine Organisation nur Operationen eines einzigen Funktionssystems zu ihrer Reproduktion verwendet.“2729 Bode, Brose und Guggenheim, der sich auf Bode und Brose bezieht, unterscheiden zwischen Organisationen, die sich an einem Funktionssystem orientieren und Organisationen, die an mehreren Funktionssystemen orientiert, d. h. intersystemisch sind.2730 „[…] [I]ntersystemische Organisationen [können also] keinem Funktionssystem zuge- 2724 Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166 2725 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 40, S. 43 2726 vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 170–172, S. 188 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205–206 2727 Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 170–172, S. 188 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205–206 2728 vgl. Bora, Alfons: Öffentliche Verwaltungen zwischen Recht und Politik. Zur Multireferentialität der Programmierung organisatorischer Kommunikation, S. 170–172, S. 188; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205–206 2729 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 162 2730 vgl. Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 112; vgl. Guggenheim, Michael: Beobachtungen zwischen Funktionssystemen. Umweltdienstleistungen als intersystemische Organisationen, S. 436 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 537 rechnet werden […]“2731 und „[…] weisen einen multireferentiellen Charakter […] [auf].“2732 Für Schmidt gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder sind Organisationen mehreren Funktionssystemen zugeordnet (Mehrsystemzugehörigkeit), oder aber es muss ganz auf eine Zuordnung verzichtet werden.2733 Kneer und Nassehi beschäftigen sich darüber hinaus mit der Fragestellung, ob Organisationen über die Fähigkeit der grenzüberschreitenden bzw. externen Kommunikation verfügen und kommen beide zu dem Ergebnis, dass dem nicht so ist.2734 Schimank und Türk stellen zum Verhältnis von Gesellschaft und Organisationen fest, dass sich Organisationen innerhalb der Funktionssysteme bilden.2735 Für Schimank ist „[d]amit nicht ausgeschlossen, dass eine Organisation, die einem bestimmten Teilsystem angehört, nicht Untereinheiten ausdifferenziert, die andere Teilsysteme repräsentieren […].“2736 Laut Türk können Organisationen gesellschaftlichen Teilsystemen zugeordnet werden.2737 Beetz stellt bei seinen Analysen fest, dass „Organisationssysteme […] sich weder eindeutig im Funktionssystem noch in dessen Umwelt ver- 2731 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 118 2732 Bode, Inge; Brose, Hanns-Georg: Zwischen den Grenzen. Intersystemische Organisationen im Spannungsfeld funktionaler Differenzierung, S. 114 2733 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 410–411 (teils Fußnote) 2734 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414; vgl. Nassehi, Armin: Die Theorie funktionaler Differenzierung im Horizont ihrer Kritik, S. 109–110 2735 vgl. Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 28–29; vgl. Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 206 2736 Schimank, Uwe: Funktionale Differenzierung, Durchorganisierung und Integration der modernen Gesellschaft, S. 27–28 2737 Türk, Klaus: Organisation und gesellschaftliche Differenzierung, S. 204 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 538 orten [lassen].“2738 Seiner Meinung nach ergibt sich „[d]araus […] eine paradoxe Situation hinsichtlich des Postulats der operativen Geschlossenheit sozialer Systeme: Die verschiedenen Systemebenen Gesellschaft, Interaktion und Organisation sind nicht vollständig voneinander getrennt.“2739 Kieserling kommt innerhalb eines Aufsatzes zu zwei konträren Ansichten, die er selbst weder aufgreift noch aufklärt. Zunächst bezieht er sich auf Kneer und sagt aus, dass „Organisationen […] keine Subsysteme von Funktionssystemen […] [sind].“2740 Am Ende des Artikels merkt er an, dass nicht viel für die Umweltpositionierung von Organisationen im Verhältnis zu Funktionssystemen spricht.2741 7.2.5 Lösungsansätze bzw. Problemvermeidungsstrategien Grundsätzlich ist die Frage zu stellen, ob es sich bei dem Verhältnis von Organisation und Gesellschaft um ein topografisches Problem handelt. In Luhmanns Ausführungen taucht allerdings häufig auf, dass Organisationen sich in Funktionssystemen bilden oder diesen zugeordnet sind, sodass es daher angezeigt erscheint, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Vogd, Tratschin und Karafillis haben versucht, neben der Benennung des Problems auch Lösungen zu finden. Vogd bezeichnet „[…] diese Offenheit in der Gestaltung von Koppelungen […] als strukturelles Merkmal von Organisationen […].“2742 Er verweist auf die Empirie und den konkreten Einzelfall, wodurch gezeigt werden wird, wie Organisationen und Funktionssysteme zuei- 2738 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 83 2739 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 83 2740 Kieserling, André: Drei Vorbehalte gegen „Funktionssysteme“, S. 436 2741 Kieserling, André: Drei Vorbehalte gegen „Funktionssysteme“, S. 436 2742 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung. Erste Auflage, Velbrück Wissenschaft, Weilerswist, 2011, S. 146 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 539 nander stehen.2743 Durch die Praxis wird also diese theoretische Leerstelle geschlossen.2744 Karafillidis versucht, die Formtheorie von George Spencer-Brown konsequenter als Niklas Luhmann für die Systemtheorie zu nutzen.2745 Daher ist für Karafillidis „[…] die Gesellschaft […] das einzige, aber hochdifferenzierte, soziale System […]. Ihre Differenzierung läuft als Formdifferenzierung, das heißt ihre Autopoiesis ist die Bedingung dafür, dass sich Formen ausdifferenzieren und diese sind wiederum Bedingungen der Fortsetzung ihrer Autopoiesis.“2746 „Differenzierung ist entsprechend Formbildung in der Form, was Systembildung mit einschließt, ohne auf sie beschränkt zu sein.“2747 Das Problem der multiplen Autopoiesis, also dass autopoietische Systeme innerhalb von autopoietischen Systemen entstehen, wird somit umgangen. Verschiedene Formen der Kommunikation ermöglichen die autopoietische Reproduktion der Gesellschaft.2748 7.2.5.1 Betrachtung der empirischen Verhältnisse (Vogd) Vogd resümiert: „Luhmann selbst schreibt zu dem Verhältnis von Organisation und Gesellschaft […] eher wenig.“2749 Für ihn ergibt sich „[m]it der Ausformulierung einer Gesellschaftstheorie […] eine […] dissonante Kopplung. Organisationen erscheinen nun einerseits als Teil der Funktionssysteme […], stellen jedoch andererseits hinsichtlich der Typik ihrer Reproduktion ein autonomes System dar, das sich 2743 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 146 2744 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 148–149 2745 vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms. transcript Verlag, Bielefeld, 2010, S. 11 2746 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 244–245 2747 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 258; vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 257 2748 vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 244–245; vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 343 2749 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 144–145 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 540 über die besonderen Zeitverhältnisse von Entscheidungssemantiken perpetuiert, um dann alles, worüber nicht entschieden wird (so auch die Organisationskultur), in die Umwelt von Organisationen zu verlagern.“2750 Er zitiert Kneer, der „[…] an dieser Stelle eine Inkonsistenz in Luhmanns Theoriegebäude [sieht], welche das Verhältnis zwischen Organisationen und Funktionssystemen ungeklärt lasse.“2751 Für Vogd scheint es sinnvoll „[…] diese Offenheit in der Gestaltung von Koppelungen selbst als strukturelles Merkmal von Organisationen anzusehen“2752, „[a]nstatt hier eine endgültige theoretische Schließung anzustreben, wie das Verhältnis zwischen Organisationen und Gesellschaft (bzw. zwischen Organisation und Interaktion) gestaltet sei […] Im Sinne des methodologischen Primats der strukturellen Autonomie der jeweiligen Systeme ist dann im konkreten Fall zu schauen, wie sich die empirischen Verhältnisse im Einzelfall, beispielsweise in einem konkreten Krankenhaus, aufschließen lassen.“2753 „Es geht nun darum, Organisationen von ihrer Eigenlogik her zu betrachten, und entsprechend ist damit zu rechnen, dass sich nicht nur eine Logik der Organisation zeigt, sondern dass – je nach Lagerung der Bezugsprobleme und organisationalen Umwelten, denen Organisationen ausgesetzt sind – verschiedene Formen und Lösungen möglich sind.“2754 „Die Verhältnisse werden nun als Koevolution begriffen, die ihre Grenze einzig und allein im Kompositionsproblem der Autopoiesis findet. Beispielsweise mag die Organisation gegenüber dem Recht zwar ihre Autonomie wahren, indem sie rechtliche Vorschriften im Modus des ‚Als-ob‘ bearbeitet und […] sich nur begrenzt veranlasst sehen, den ökonomischen Zielvorgaben zu folgen. Die rechtliche (wie auch ökonomische) Umwelt grob zu missachten, würde im Extremfall jedoch die Existenz der Einrichtung gefährden.“2755 2750 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 144 2751 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 144; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 407–428 2752 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 146 2753 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 146 2754 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 147 2755 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 148 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 541 „Wie sich die Beziehung zwischen Organisation und Gesellschaft gestaltet, bleibt aus dieser Perspektive aus guten Gründen eine theoretische Leerstelle, die erst durch den Gegenstand, d. h. durch die Praxis geschlossen wird. Auf theoretischer Ebene wäre dann zunächst die Feststellung ausreichend, dass eine Lösung gefunden werden muss. Ob man diese dann eher unter dem Blickwinkel der strukturellen Koppelung, der losen Koppelung oder einer Koevolution, die auf Entkoppelung setzt, fassen würde, ist eine Frage, die zunächst auf Basis gegenstandspezifischer Rekonstruktion zu beantworten ist. Erst in einem zweiten Schritt ließe sich dann schauen, ob vielleicht bestimmte Organisationstypen bestimmte Formen von Lösungen präferieren lassen und unter welchen Bedingungen sich die so gefunden Arrangements wandeln.“2756 „Üblicherweise funktionieren Organisationen gerade dann gut, wenn sie ein Arrangement entwickeln können, indem zugleich hingeschaut wird und nicht hingeschaut wird, also indem gegebenenfalls die Dinge im Diffusen gelassen werden. Eine ihrer wesentlichen Leistungen besteht darin, sich äußeren Steuerungsversuchen widersetzen können.“2757 7.2.5.2 Zuordnungsthese auf Beobachtungsebene (Tratschin) Tratschin argumentiert im Wesentlichen bezüglich des Verhältnisses von Organisation und funktionaler Differenzierung in der Systemtheorie, „[…] dass eine Zuordnungsthese auf operativer Ebene unhaltbar ist, während sie auf der Beobachtungsebene keine Probleme darstellt.“2758 Auf operativer Ebene „[…] ist es aus theoriebaulichen Gründen nicht möglich, Organisationen als Teilsysteme von Funktionssystemen zu begreifen. Der Grund dafür liegt in der Multireferenz von Organisationen. So offensichtlich die Bedeutung vieler Organisationen für Funktionssysteme ist, so unbestreitbar bleibt, dass keine Organisation nur 2756 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 148–149 2757 Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 149 2758 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 147 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 542 Operationen eines einzigen Funktionssystems zu ihrer Reproduktion verwendet. Dies zeigt sich beispielsweise daran, dass alle Organisationen Geld verwenden müssen und damit an Operationen des Wirtschaftssystems teilhaben.“2759 Allerdings können die zwei eigentlich unvereinbaren Perspektiven bzw. Sichtweisen auf die beiden Typen sozialer Systeme Organisation und Gesellschaft miteinander verbunden werden, und zwar auf der Ebene der Elemente der Systeme.2760 Denn „[d]ass Organisationen und Funktionssysteme sich auf dieselben Ereignisse zu ihrer Reproduktion beziehen, steht […] nicht im Widerspruch zum Konzept der Autopoiesis.“2761 Zusammenfassend formuliert er, dass „[…] Organisationen […] sich insofern ‚in‘ Funktionssystemen [befinden], als sie sich auf dieselben Ereignisse wie letztere beziehen, vollziehen ihre Autopoiesis aber gleichzeitig in der Umwelt von Funktionssystemen, da sie diese Ereignisse anders beobachten und in einen anderen rekursiven Zusammenhang betten. Mit dieser Erklärung lässt sich auch die Multireferenz von Organisationen neu fassen. Organisationen stützen ihre Reproduktion auf Ereignisse, die auch für die Autopoiesis verschiedener Funktionssysteme verwendet werden.“2762 Durch die Zwecke, die sich Organisationen in ihrer Selbstbeschreibung setzen und damit dem Hinweis auf den Zweckbegriff, scheint es „[…] für die Mehrheit von Organisationen von Vorteil […] [zu sein], sich selbst einem bestimmten gesellschaftlichen Subsystem zuzuordnen.“2763 „[…] [D]ie Zuordnungsthese besagt ja nicht, dass alle Orga- 2759 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 162 2760 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 162–165 2761 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 165 2762 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 165–166 2763 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 170 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 543 nisationen zu Funktionssystemen gehören […].“2764 Auch werden „Organisationen […] ‚von der Gesellschaft‘ als zu Funktionssystemen gehörig beobachtet.“2765 7.2.5.3 Soziale Formen (Karafillidis) Karafillidis verfolgt einen sehr interessanten Gedanken in seiner Dissertation „Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms“. Er versucht, die Formtheorie von Spencer-Brown konsequenter als Niklas Luhmann für die Systemtheorie zu nutzen. Er bezeichnet die Formtheorie in Bezug auf Fragen der Systemtheorie in Verbindung mit der Theorie des Beobachters als leistungsfähig.2766 Auch „Niklas Luhmann hat auf Grundlage dieses Formbegriffs der Unterscheidung ungefähr Mitte der 1980er Jahre damit begonnen, seine Systemtheorie – zwar äußerst vorsichtig, aber bestimmt – umzubauen.“2767 Die Unterscheidung von System und Umwelt ist laut Luhmann „[v]om allgemeinen Formenkalkül her gesehen […] ein Sonderfall, ein Anwendungsfall.“2768 Karafillidis betont, dass es sich bei seinen Überlegungen nicht nur um „[…] artifizielle Probleme und rein theoretische Spielereien handelt.“2769 Es „[…] gilt […] zu fragen, wie sich Problemstellungen konstruieren lassen, die überraschende Einsichten und Erkenntnisse produzieren und die Konstruktion weiterer Probleme anleiten können. Die Konstruktion von Artifizialität von Problemstellungen hat so ge- 2764 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 170 2765 vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 171 2766 vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 11 2767 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 11 2768 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 62 2769 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 19 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 544 sehen nicht mit Empirieferne zu tun, sondern lediglich mit der Formulierung inkongruenter Perspektiven.“2770 „[…] Spencer- Brown [ist] im Prinzip der erste […], der überhaupt einen Unterscheidungsbegriff formuliert. Er beobachtet eine Unterscheidung als Zusammenhang einer Grenze, ihrer verschiedenen Seiten und des Raums, der dadurch entsteht und nennt dies: Form. Das ist auch schon fast alles, was Spencer-Brown zu Beginn benötigt, um einen komplexen, selbstreferentiellen Kalkül zu konstruieren: eine leere, nicht weiter qualifizierte Unterscheidung.“2771 Karafillidis behauptet und versucht nachzuweisen, „[…] dass das Aufgreifen dieses Begriffs der Form in der Soziologie drei einschneidende Konsequenzen mit sich bringt: eine Abkehr von Kausalität als erkenntnistheoretische und methodologische Grundlage; eine empirische und theoretische Konzentration auf Kommunikation; und eine Einschränkung des Systembegriffs auf die Gesellschaft. Mit anderen Worten: Eine Formtheorie behandelt Kausalität als Spezialfall; sie ist nur als Kommunikationstheorie zu haben; und sie ermöglicht eine allgemeine Differenzierungstheorie von Kommunikationsformen, die nur noch Gesellschaft als soziales System voraussetzen muss.“2772 „Es genügt […], von nur einer einzigen Form sozialer Autopoiesis auszugehen und alle weiteren Formen als Resultat einer Formendifferenzierung zu begreifen.“2773 Karafillidis begreift also „[…] die Gesellschaft als das einzige, aber hochdifferenzierte, soziale System […]. Ihre Differenzierung läuft als Formdifferenzierung, das heißt ihre Autopoiesis ist die Bedingung dafür, dass sich Formen ausdifferenzieren und diese sind wiederum Be- 2770 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 19 2771 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 10 2772 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 12 2773 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 23–24 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 545 dingungen der Fortsetzung ihrer Autopoiesis. Es geht also nicht um eine Widerlegung Luhmanns, sondern um die Einführung eines Freiheitsgrads und den Versuch, ihn zu konditionieren.“2774 „Differenzierung ist entsprechend Formbildung in der Form, was Systembildung mit einschließt, ohne auf sie beschränkt zu sein.“2775 „[…] [A]n dieser Stelle [können von Karafillids] die Konsequenzen dieser neuen Hypothese noch nicht vollends abgeschätzt und in allen Facetten ausgearbeitet werden […].“2776 Eine Konsequenz ist, dass man „[…] Luhmanns Hypothese, dass es innerhalb der Autopoiesis von Kommunikation zur Entstehung weiterer autopoietischer Systeme kommen kann […], auf sich beruhen lassen und mit einem höheren Auflösungsvermögen verschiedene Formen der Kommunikation beobachten, die als rekursiv erzeugte Eigenwerte der Kommunikation die autopoietische Reproduktion der Gesellschaft ermöglichen und regeln. Man benötigt dann nur noch die Autopoiesis der Einmalerfindung Kommunikation und kann auf das Problem einer multiplen Autopoiesis verzichten.“2777 Karafillidis ist daran gelegen, eine „[…] Theorie der Differenzierung […] [zu formulieren], […] die in der Lage ist, das Problem einer Autopoiesis innerhalb der Autopoiesis zu suspendieren und dadurch nicht nur Systemdifferenzierung, sondern auch Rollen-, Personen-, Sinn-, Struktur-, Stellen-, Evolutions- und Kontextdifferenzierung erfassen und modellieren kann.“2778 „Die Frage, ob es autopoietische 2774 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 244–245 2775 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 258; vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 257 2776 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 244 2777 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 244; vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 343 2778 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 306–307 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 546 Systeme im Gesellschaftssystem gibt oder nicht, stellt sich damit nicht mehr, weil man zumindest sicher davon ausgehen kann, dass es sich um ausdifferenzierte soziale Formen handelt, und falls es autopoietische Systeme sind, kann man auch das mit dem Formbegriff erfassen und modellieren. Systeme interessieren dann nur als Form. Die einzige Ausnahme ist Gesellschaft, die uns auch als System interessieren muss, denn es braucht einen Beobachter, der all diese verteilten und vernetzten Formen trägt, erträgt und vor allem: verträgt.“2779 Es ist nicht das Ziel, „[…] die Systemtheorie [durch die Formtheorie] zu ersetzen.“2780 „Man kann auf Systemtheorie nicht verzichten, wenn man nicht zugleich auf Erkenntnisgewinne verzichten möchte, die sich aus Einsichten in operative Schließung, perturbierte Rekursion, Kognition, Selbstorganisation und Selbstproduktion oder die Selbstreferenz und Verteiltheit des Beobachters ergeben. Deshalb wird weiterhin auf die Behauptung gesetzt, dass jede (differenzierte) soziale Form zum Netzwerk der Autopoiesis der Gesellschaft gehört, inklusive der Form der Gesellschaft selbst. […] Dazu sind im Prinzip nur kleine Verschiebungen der Aufmerksamkeit in Luhmanns Theorie der Gesellschaft nötig.“2781 Kurz werden wesentliche Begriffe der Systemtheorie aus Sicht von Karafillidis skizziert. 7.2.5.3.1 Gesellschaft Die Gesellschaft ist keine „[…] Superform, die alle ausdifferenzierten und differenzierten Formen in ein großes Ganzes bettet […]“2782, was 2779 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 343; vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 286–287 2780 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 307 2781 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 307 2782 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 262; 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 547 ihre mannigfaltige Differenzierung zeigt.2783 „Doch mit Gesellschaft ist die ereignishafte Reproduktion einer Unterscheidung der Kommunikation bezeichnet, die sich durch all diese Formen hindurch realisiert.“2784 „[…] Gesellschaft [nutzt] jede einzelne dieser Kommunikationsformen zu ihrer Reproduktion und kommt deshalb vielfach in sich selbst vor.“2785 Für Karafillidis bedeutet „Differenzierung […], dass mit jedem kommunikativen Ereignis vielfach umgegangen wird, und zwar ohne dass das jeweilige Ereignis deshalb ebenfalls vielfach vorkommt. Es kann etwas in der Umwelt sozialer Systeme passieren und die Gesellschaft multipliziert es (und dabei: sich) in ein Vielfaches.“2786 „[…] [E]mpirisch verlässt sich die Differenzierung der Gesellschaft auf einige wenige Formen, mit denen sie sich bereits hinreichend anspruchsvoll ordnen kann, nämlich Interaktion, Organisation, soziale Bewegung und Gesellschaft […].“2787 „Diese vier Formen des Sozialen operieren nicht einfach sauber getrennt nebeneinander her. […] Die differenzierten Sozialformen durchkreuzen sich, laufen gleichzeitig, unterlaufen sich gegenseitig und sorgen für wechselseitige Einschränkungen, aber auch für kombinatorische Freiheitsgrade. […] Alle diese Formen sind letztlich nur Wege, Spielräume von Kommunikation einzuführen und so zu konditionieren, dass ihre Fortsetzung wahrscheinlich wird. Und die Außenseite der hier notierten Form erinnert immerzu daran, dass dabei auch die unbestimmte Seite der difvgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 284, S. 288 2783 vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 262; vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 288 2784 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 263 2785 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 284 2786 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 283 2787 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 288 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 548 ferenzierten Form der Gesellschaft mit eingeschlossen ist. Auch die Umweltbeobachtung der Gesellschaft wird deshalb nur in dieser und durch diese Form ermöglicht und konditioniert.“2788 „Gesellschaft, also die Errechnung von Möglichkeiten der Selbstfortsetzung von Kommunikation, beobachtet anhand des Widerstands eigener Operationen gegen sich selbst ihre Auswirkungen in der Umwelt und errechnet dadurch die eigenen Voraussetzungen der Fortsetzung von Kommunikation […]. Doch die Gesellschaft bildet genau deshalb auch Formen aus, um ihre Umweltbeobachtung zu kanalisieren und in bestimmten Hinsichten zu spezifizieren.“2789 Karafillidis führt aus, „[…] dass die vier Formen des Sozialen, die sich gesellschaftlich ausdifferenzieren, jeweils eine solche spezifische Umweltbeobachtung nach sich ziehen. Interaktion spezifiziert Umwelt durch Beobachtung von Verhalten und daran ablesbaren psychischen Befindlichkeiten, Organisation durch Beobachtung der Erzeugung, Entnahme und des Verbrauchs von Ressourcen und Protest durch Beobachtung bio-physischer Zustände und Abhängigkeiten der Gesellschaft. Die Umweltbeobachtung der Gesellschaft selbst erfolgt über symbiotische Symbole ihrer Medien.“2790 7.2.5.3.2 Gesellschaftliche Mediendifferenzierung Luhmann beschreibt die gesellschaftliche Ordnung mit Unterscheidung von Funktionssystemen, „[…] die operativ geschlossen in einer operativ geschlossenen Gesellschaft operieren. […] [Allerdings ist] […] die Hypothese (oder war es Hypothek?) einer Autopoiesis in der Autopoiesis nur schwer durchzuhalten […].“2791 2788 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 302 2789 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 296 2790 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 296 2791 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 305 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 549 Anstatt den Begriff Funktionssystem zu nutzen, spricht Karafillidis von „[…] gesellschaftlicher Mediendifferenzierung, die sich an spezifischen, selbsterzeugten Bezugsproblemen der Autopoiesis der Kommunikation orientiert.“2792 „Man stößt […] auf mediale Formen, auf codierte Kommunikationen als spezielle Form des Unterscheidungsgebrauchs […]. Ein Code gewinnt seine Attraktivität durch Binarisierung und funktioniert deshalb wie eine Duplikationsregel […].“2793 „Luhmanns Funktionssysteme sind insofern soziale Formen der Selbstbeobachtung des sozialen Systems Gesellschaft als Gesellschaft. […] Es reicht daher vollkommen aus, sich auf die jeweiligen Formen zu konzentrieren, ohne deswegen irgendeinen Verlust an deskriptiver und explikatorischer Schärfe in Kauf nehmen zu müssen. Von Funktionssystemen zu sprechen hätte dann nur noch den Vorteil, für die zahlreichen von funktionsspezifischen Codierungen abhängigen heterogenen Strukturen […] einen Einheitsbegriff zur Verfügung zu haben.“2794 In Luhmanns Theorie „[…] trifft man bei der Differenzierung der Gesellschaft einerseits auf Medien ohne Systembildungspotential, wie Moral und Werte, und andererseits auf Funktionssysteme ohne eindeutig bestimmbares Erfolgsmedium, wie Krankenbehandlung und Erziehung.“2795 7.2.5.3.3 Organisation Laut Karafillidis sind Organisationen von Ressourcen abhängig2796, „[w]as aus Sicht der Organisation als Problem erscheint, […] mit Referenz der Gesellschaft jedoch eine Lösung ist. Die Gesellschaft löst 2792 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 308 2793 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 308 2794 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 308 2795 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 306 2796 vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 297 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 550 ihr eigenes Ressourcenproblem, indem sie Organisation als Kommunikationsform absondert, die sich speziell dieser Frage widmet. Organisation hat also nur deshalb dieses Problem einer Abhängigkeit von Ressourcen, weil sie eine soziale Form ist, die genau für diese Art der Umweltbeobachtung der Gesellschaft spezialisiert ist. Organisation sorgt dafür, dass die Umwelt als Ressource behandelt und als Unsicherheit erlebt wird. Darunter fällt die Gewinnung von Rohstoffen genauso wie die Erzeugung von Energie oder die Bildung und Nutzung von Humanressourcen – ein Wort, das ohne Organisation ohnehin kaum denkbar gewesen wäre.“2797 Funktionssysteme und „[…] zahllose, vollkommen unterschiedliche Organisationen haben sich in der Gesellschaft nachbarschaftlich ausdifferenziert, das heißt sie schränken sich zwar wechselseitig ein, aber nicht derart, dass die Religion ein Subsystem der Wissenschaft oder eine Organisation ein Subsystem eines gesellschaftlichen Funktionssystems ist.“2798 In seiner Diplomarbeit hat sich Karafillidis intensiv mit dem Thema Organisation beschäftigt. „Organisation, so die These, ist ein Medium des Gesellschaftssystems. Wenn Organisation als Medium auf Ebene des Gesellschaftssystems eingeführt wird, bedeutet dies, dass Organisation bezogen auf Gesellschaft kein System ist.“2799 „Organisationen sind als Formen – als System/Umwelt-Differenzen – zu beobachten, die im gesellschaftlichen Medium Organisation gebildet sind. […] Organisation ist dann mit Referenz auf das Gesellschaftssystem als Medium, und nicht als System zu verstehen. Organisationssysteme sind bloß Formen in diesem Medium, das sich im Zuge der vollständigen Ausdifferenzierung des Gesellschaftssystems gebildet hat, um zum einen die zum gleichen Zeitpunkt sich entwickelnden Erfolgsme- 2797 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 297–298 2798 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 255–256 2799 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft. Diplomarbeit, 2002 (Gefunden unter: http://www.karafillidis.com/down loads/OrganisationAlsMedium.pdf, 15.02.2018, 14:15 Uhr), S. 45 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 551 dien abzusichern, und zum anderen um die dadurch erlittene Abstraktifizierung von der Alltagswelt zu kompensieren. Organisation sichert den unmöglichen Zugriff auf Umwelt, und ist deshalb ein paradoxes Unterfangen.“2800 Das heißt, dass „[…] davon auszugehen [ist], dass aus Sicht des Gesellschaftssystems Organisation (Singular!) kein System ist, wenngleich sich Organisationen als solche untersuchen lassen. Aber das würde einen Wechsel der Systemreferenz erfordern.“2801 Nur „[…] bei der Referenz auf das Gesellschaftssystem […] beobachtet die Systemtheorie die Herausbildung verschiedener Kommunikationsmedien [sic!] aber auch Differenzierungsprozesse und Evolution.“2802 Luhmann selbst vollzieht „[…] diesen Schritt […] in ‚Die Gesellschaft der Gesellschaft‘. Gleichsam nebenbei führt er Organisation als ein Medium der Gesellschaft in die Theorie ein:“2803 „Organisation ist, so gesehen, wie Geld ein gesellschaftliches Medium für jeweils nur temporär festgelegte Formen.“2804 Auch in „Organisation und Entscheidung“ äußert er sich indirekt hierzu: „Für die Gesellschaft selbst ist diese Möglichkeit organisatorisch aggregierter Kommunikation nur Medium, also eine lose Menge gekoppelter (= vielfältig, aber nicht beliebig kombinierbarer) elementarer Kommunikationen. Die Gesellschaft kann sich darauf verlassen, dass es dies Möglichkeit, Informationen zu raffen, gibt und dass die zustandekommenden Kommunikationen verstanden und mehr oder weniger anschlusssicher weiterbehandelt werden können. Aber die Gesellschaft kann nicht entscheiden, 2800 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 27 2801 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 5; vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 45 2802 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 45 2803 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 26–27 2804 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 134; vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 27 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 552 welche Formen in diesem Medium gewählt, welche bestimmten Kommunikationen realisiert werden […].“2805 Bei näherer Betrachtung differenziert Luhmann jedoch zwischen Medium und Organisation. „Medium und Organisation sind mithin zwei verschiedene Ebenen der Bildung ungewöhnlicher, anspruchsvoller Erwartungen, der Transformation von Unwahrscheinlichkeit in Wahrscheinlichkeit. In dieser Hinsicht sind es funktional äquivalente Mittel, und alle Funktionssysteme, besonders die Wirtschaft, sind auf ihr Zusammenspiel angewiesen.“2806 „Durch Medien werden die einzelnen Operationen eines Systems in extrem lockerer Weise verknüpft. […] [F]ür Organisationen gilt das Gegenteil. Sie führen zu einem viel dichteren Zusammenhang der einzelnen Operationen. […] Im Vergleich zum Medium beeindruckt […] umgekehrt die Dichte der wechselseitigen Festlegung der Operationen und der Beschränkung der Freiheitsspielräume im Verhältnis zueinander. Und Integration ist ja nichts anderes als dies: Beschränkung der Freiheitsspielräume der Elemente. Organisationen sind, mit anderen Worten, sehr viel stärker integriert als Medien.“2807 „[…] [E]ine Organisation [kann] […] dank der Menge ihrer ‚Stellen‘ sich selbst als Medium behandeln […].“2808 „Auf gesamtgesellschaftlicher Ebene unterscheiden Medium und Organisation sich schließlich darin, daß ein gesellschaftliches Funktionssystem jeweils nur ein einziges Medium benutzen kann, aber immer eine Mehrzahl von Organisationen aufweist.“2809 „Die Differenz von Medium und Organisation kann nicht aufgegeben werden. […] Die Differenz von Medium und Organisation findet sich demnach auch als Differenz von notwendiger Einheit und notwendiger Vielheit wieder.“2810 2805 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 389 2806 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 41 2807 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 41–42 2808 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 313 2809 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 315; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 42 2810 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 317–318 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 553 Karafillidis äußert sich bei der Betrachtung des Verhältnisses von Gesellschaft und Organisation auch kritisch zu Luhmanns Ebenendifferenzierung. „Die strikte Trennung in Systemtypen bewirkt, dass die Illustration der Interdependenz mit der modernen Gesellschaft zu kurz kommt. Denn: Organisation und moderne Gesellschaft müssen aufs schärfste unterschieden, können aber nicht getrennt werden. Dies sollte ursprünglich der Begriff der Ebenendifferenzierung von Interaktion, Organisation und Gesellschaft in Unterscheidung zum Begriff der Systemdifferenzierung verdeutlichen […]. Verschiedene Ebenen zu postulieren, signalisiert aber vor allem eines: das Verdecken einer Paradoxie […]. Organisierte Kommunikation ist gleichzeitig immer auch gesellschaftliche Kommunikation, aber eben auf bestimmte Weise spezifiziert, so dass sie als Organisation erkennbar ist. Die systemtheoretische Beobachtung hat diesen Aspekt von Organisation/Gesellschaft aus den Augen verloren; das System/Umwelt- Verhältnis ist dadurch in den Vordergrund gerückt. […] Organisation […] ist primär ein Fall von moderner Gesellschaft, ist Vollzug von moderner Gesellschaft. Erst an abgeleiteter, also theoretisch sekundärer Stelle steht die Tatsache, dass an einem bestimmten Punkt der Analyse auch Innen/Außen-Differenzen erkennbar werden. Es ist folglich nicht die mangelnde systemtheoretische Auseinandersetzung, sondern vielmehr der Beschreibungsmodus, der die Sicht versperrt für ein anderes, gesellschaftstheoretisches Verständnis dieser Relation.“2811 Karafillidis stellt fest, dass „[d]ie medientheoretische Fassung der Relation von Organisation und Gesellschaft […] sich bei näherer Betrachtung als äußerst komplexes Unterfangen [erweist]. Für die Ausarbeitung dieses Sachverhalts wird [von ihm] die allgemeine Theorie der Kommunikationsmedien [in die ‚Gesellschaft der Gesellschaft‘, S. 190 ff.], wie sie von Niklas Luhmann entwickelt worden ist […], als theoretischer Rahmen vorausgesetzt.“2812 „Die zentrale Frage, die sich 2811 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 18–19 2812 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 41 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 554 bei einer Fassung von Organisation als gesellschaftlichem Medium stellt, ist schließlich, wie man sich die lose gekoppelten Elemente eines medialen Substrats vorzustellen hat, das Organisationssysteme als Formen hervorbringt. Vermutlich ist dies das Hindernis gewesen, das bislang ein konsequentes Durchdenken dieser theoretisch angelegten Möglichkeit verhindert hat. Die Medium/Form-Unterscheidung muss an dieser Stelle mit einer Art ‚Genealogie‘ der Organisation ergänzt werden.“2813 Karafillids trifft folgende Aussagen zu dem Medium Organisation: ist kein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium2814 ist Sinnform2815 ist ein Kommunikationsmedium2816 ist weltgesellschaftliches Medium2817 ist ein Spezialfall eines Mediums, weil Formen dieses Mediums die Form eines Systems haben2818 Bei der Analyse ergibt sich, dass es sich bei Organisation um kein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium2819 und damit auch nicht um ein Erfolgsmedium2820 handelt. „Gesellschaft benötigt kein exklusives Erfolgsmedium für die Reproduktion von Kommunikation. Die Konzeption von Organisation als Medium der Gesellschaft verfolgt nicht das Ziel, ein Medium einzuführen, das analog zum Ef- 2813 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 28 2814 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 62 2815 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 63 2816 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 50–51 2817 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 108 2818 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 62–63 2819 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 62 2820 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 42 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 555 fekt und zur Funktion symbolisch generalisierter Kommunikationsmedien für Funktionssysteme verstanden werden kann.“2821 Ein weiteres Ergebnis ist, dass das Medium „[…] Organisation Sinnform ist […] [und daher] hinsichtlich der jeweils angezeigten sachlichen, sozialen und zeitlichen Verweise analysiert werden [kann].“2822 Die Sinnform Organisation ist das Kondensat des Informationsprozesses (Selbstinformation über strukturelle Kopplung).2823 „Diese Form ist die Form eines gesellschaftlichen Kommunikationsmediums, das die operative Behandlung einer Vielheit von Umweltbeobachtungen integriert. Sie ist die Form eines hoch generalisierten Mediums, das der Gesellschaft erwartungsleitende Wahrscheinlichkeiten für Kommunikation im Umgang mit der Unmöglichkeit eines Umweltzugriffs durch Kommunikation liefert. Deshalb ist es auch ein Kommunikationsmedium. Das System kann zwar nicht wissen, was die Umwelt wirklich ist, aber das spielt für die Entwicklung des Zugriffsmediums Organisation keine Rolle. Die Umwelt ist, wie sie ist. Aber das System ändert durch Organisation seine Art, sie zu sehen.“2824 Des Weiteren ist „Organisation […] ein weltgesellschaftliches Medium.“2825 „Das zeigt sich insbesondere darin, wie dezentral und isomorph die weltweite Durchsetzung dieses Mediums abläuft.“2826 „Organisationen (also Formen dieses Mediums) finden sich ‚in‘ allen Funktionssystemen wieder und lassen sich darüber hinaus in fast allen 2821 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 42 2822 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 63 2823 vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 50–51 2824 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 50–51 2825 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 108 2826 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 108; vgl. Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 60 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 556 anderen gesellschaftlichen Kontexten und Bereichen verorten. Mittlerweile sind Organisationen allgemein bekannte und anerkannte Formen, die in der Weltgesellschaft auf generalisierte Verstehbarkeit stoßen und Anschlussfähigkeit gewährleisten, denn es wird im Allgemeinen unterstellt, dass erkannt werden kann, wann Kommunikation in einem formal organisierten Kontext abläuft, was die Bildung entsprechender Erwartungen ermöglicht und immer wieder aktualisiert.“2827 „Das Medium Organisation ist ein Spezialfall eines Mediums. Es ist einzigartig aus dem Grund, weil Formen dieses Mediums die Form eines Systems haben, was ihm eine gewisse gesellschaftliche Prominenz und Dominanz beschert. Die Operationsweise dieser Formen (Systeme) – mit Entscheidungen als Letztelementen, Autorität, Hierarchie und Unsicherheitsabsorption – ist auf die Eigenarten des Mediums zurückzuführen, d. h. auf die Art und Weise, in der dieses Medium Formbildung erlaubt. Die Formbildung ist konditioniert durch das Problem des Zugriffs. Für den Zweck einer akribischen Analyse des Mediums lässt sich als Form des medialen Substrats die gesellschaftliche Sinnform Organisation identifizieren, die als massenhaft vorkommende potenzielle Organisationsfähigkeit von Sozialität das Medium ist, in dem sich Organisationen als Systemformen bilden, in die dann weitere Formen eingeführt werden: die des Unternehmens ausnahmslos immer und wahlweise dann die Form der Verwaltung, des Vereins, der Kirche etc. Die Unterscheidung von Organisation und Organisationen ist folglich auch konzeptionell wichtig, um den Überblick zu bewahren. Der Plural zeigt an, dass Formen in diesem Medium gemeint sind. Organisation im Singular hingegen meint die Form des Mediums (die Form der Elemente) oder bezeichnet das Medium als Einheit.“2828 2827 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 60 2828 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 62–63 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 557 Allgemein stellt Karafillidis fest, dass Organisationen (Plural) nur durch Beobachtung einem Funktionssystem zugeordnet werden.2829 „Fremdreferenz der Formen hingegen, und zwar als Referenz auf gesellschaftsinterne Umwelt, wird durch das Einlassen funktionssystemspezifischer Codierungen, und zwar gleichzeitig mehrerer Codierungen, markiert. Daher lässt sich eine Organisation niemals einem Funktionssystem zuordnen. Die Zuordnung und damit verbundene Bezeichnung als Unternehmen, Gericht, Partei, Universität oder Museum nimmt ein (Selbst-)Beobachter vor und hängt ab von der beobachteten Präferenz der Organisationen für bestimmte Codes. Ausnahmslos alle Organisationen operieren auch wirtschaftlich, d. h. lassen die Form des Unternehmens ein, eine Form, die Fremdreferenz auf das Funktionssystem Wirtschaft einstellt […]. Das Außen dieser Form ist das Wirtschaftssystem, so wie das Außen der Form der Partei das politische System ist. Orientieren sich die Entscheidungen primär an wirtschaftlichen Begebenheiten, bezeichnet man das Organisationssystem insgesamt als ein Unternehmen, sind es primär Forschungsprojekte [sic!] kann man z. B. von einem wissenschaftlichen Institut oder einer Universität sprechen. Ob Institut oder Universität entscheidet sich wiederum über die weiteren Codes, die in die Form (also das sich im Organisationsmedium gebildete soziale System Organisation) eingeführt werden, beispielsweise ob Erziehung stattfinden soll oder nicht. Nur so ist die Beobachtung angemessen zu verstehen, dass sich Funktionssysteme in Organisationen einnisten […] [s. Luhmann] und die Codes der Funktionssysteme übernehmen; oder dass eine Mehrfachbeteiligung von Organisationen an Funktionssystemen beobachtet werden kann […] [s. Kneer] bzw. Organisationen als durch multireferenzielle Umweltbezüge charakterisiert begriffen werden […] [s. Lieckweg/Wehrsig]. Die ohnehin problematische Vorstellung von ‚in‘ Funktionssystemen operierenden Organisationen wird dadurch unterlaufen und muss (etwas überspitzt formuliert) eher umgekehrt gedacht werden: nämlich dass Funktionssysteme ‚in‘ Organisationen operieren (jedoch selbstverständlich nicht nur dort). Mitnichten bedeutet dies, dass sich Operationen der Funktionssysteme dadurch irgendwie ver- 2829 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 65–66 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 558 mischen, sondern der Witz und ihre besondere Bedeutung für die Entwicklung und Reproduktion der modernen Gesellschaft scheint gerade zu sein, dass Organisationen eine solche funktionale Trennung aufrecht erhalten und reproduzieren. Organisation ist nicht nur Sicherheitsgrundlage und Katalysator für die Annahmefunktion der Erfolgsmedien, sondern im selben Zuge auch Sicherheitsgrundlage für die Perpetuierung der Differenz der verschiedenen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedien.“2830 Kurz erwähnt sei hier, dass auch Nassehi im Jahr 2002 in einem Sonderheft der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie diesen Gedanken Luhmanns aufgegriffen hat und ausgeführt hat, dass „[…] Funktionssysteme ihrerseits Organisationen als Medien für internen Ordnungsaufbau zu nutzen (vgl. O+E S. 389) [scheinen]. Organisationen bieten damit also ein relativ stabiles Medium elementarer Operationen an, auf deren Boden dann hoch aggregierte Formen möglich werden. Dieses Medium heißt im Falle von Organisationen Entscheidung.“2831 7.2.5.3.4 Netzwerke Es ist „[…] typisch für die Gesellschaft, und das verleiht ihr ihre Struktur, dass bestimmte Formen durch andere Formen konditioniert sind oder andere Formen erwartungsgemäß nach sich ziehen beziehungsweise voraussetzen. Wie das jeweils genau geschieht, lässt sich nicht theoretisch entscheiden, sondern nur empirisch untersuchen.“2832 Die „[…] Kopplung und Entkopplung von Formen verdeutlicht, dass man formtheoretisch notwendigerweise Netzwerke konstatieren und untersuchen muss. Netzwerke sind stets Netzwerke kommunikativ generierter Unterscheidungen […], was im Prinzip auf eine unterschied- 2830 Karafillidis, Athanasios: Organisation als generalisiertes Medium der modernen Gesellschaft, S. 65–66 2831 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 456 2832 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 281 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 559 liche Beobachtung desselben hinausläuft. Ist eine Kopplung von Formen jedoch erst einmal etabliert, ergibt dies eine neue Form: die Form des Netzwerks.“2833 7.3 Kritische Reflexion des Begriffs der strukturellen Kopplung Mit dem Begriff der strukturellen Kopplung wird ein sehr heteorgenes Phänomen beschrieben. Die Systemtheorie geht strikt von der Differenz von System und Umwelt sowie operativer Geschlossenheit und Autopoiesis der Systeme aus.2834 Damit „konfrontiert [diese Theorie] sich selbst mit dem Problem, wie die Beziehungen zwischen System und Umwelt [bzw. anderen Systemen] gestaltet sind […] [denn] der Kontakt zur Umweltkann nur über die Selbstreferenz der jeweiligen Systeme gedacht werden […].“2835 Luhmanns „[…] Theorie sieht sich […] dem Problem ausgesetzt, neue Begriffe entwickeln zu müssen, die der Tatsache Rechnung tragen, daß Systeme immer nur in einer 2833 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 281 2834 vgl. Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation. In: Soziale Systeme 7 (2001), Heft 2, S. 267–289, S. 267–268 vgl. Baecker, Dirk: Begriff und Phänomen der strukturellen Kopplung. In: Soziale Systeme 7 (2001), Heft 2, Editorial; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100; vgl. Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 363; vgl. Brodocz, André: Das politische System und seine strukturellen Kopplungen, S. 80; vgl. Lippuner, Roland: Die Abhängigkeit unabhängiger Systeme: Zur strukturellen Kopplung von Gesellschaft und Umwelt, S. 109; vgl. Brodocz, André: Das politische System und seine strukturellen Kopplungen, S. 91 2835 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation. In: Soziale Systeme 7 (2001), Heft 2, S. 267–289, S. 267–268; vgl. Baecker, Dirk: Begriff und Phänomen der strukturellen Kopplung. In: Soziale Systeme 7 (2001), Heft 2, Editorial; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100; vgl. Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 363; vgl. Brodocz, André: Das politische System und seine strukturellen Kopplungen, S. 80; vgl. Lippuner, Roland: Die Abhängigkeit unabhängiger Systeme: Zur strukturellen Kopplung von Gesellschaft und Umwelt, S. 109; vgl. Brodocz, André: Das politische System und seine strukturellen Kopplungen, S. 91 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 560 Umwelt existieren können und in gewisser Weise von ihr abhängig sind. Zu diesem Zweck hat Luhmann zunächst den von Parsons stammenden Begriff ‚Interpenetration‘ eingeführt und später in seiner allgemeinen Theorie sozialer Systeme von Maturana den Ausdruck ‚strukturelle Kopplung‘ übernommen.“2836 Der Begriff scheint eine Korrekturfunktion der operationalen Schließung in der Systemtheorie darzustellen und beschreibt vielleicht die möglichen Interdependenzen aller Phänomene.2837 Mit dem Begriff der strukturellen Kopplung wird allgemein alles umschrieben, was die System/Umwelt-Beziehungen und System-zu- System-Beziehungen betrifft, wobei die Autopoiesis und operative Geschlossenheit der Systeme unberührt bleibt. Der Begriff gilt durchgängig als wenig ausgearbeitet.2838 Der Begriff „[…] dient zu oft als Residualkategorie für Interdependenzphänomene, die nicht mit dem Autopoiesisbegriff zu fassen sind.“2839 Dennoch ist es einer der zentralen und vielleicht auch einer der anspruchsvollsten2840 Begriffe in der Luhmannschen Systemtheorie. Im Folgenden werden Fragestellungen erarbeitet, die sich durch die intensive Beschäftigung mit dem Begriff 2836 Schemann, Andreas: Strukturelle Kopplung. Zur Festlegung und normativen Bindung offener Möglichkeiten sozialen Handelns, S. 215; vgl. Brodocz, André: Das politische System und seine strukturellen Kopplungen, S. 82 2837 vgl. Baecker, Dirk: Begriff und Phänomen der strukturellen Kopplung, Editorial 2838 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 271; vgl. Krause, Detlef: Luhmann, Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 56; vgl. Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 85–86; vgl. Blaser, Jeremias: Die organisatorische Verdichtung struktureller Kopplung am Beispiel des Schweizer Vernehmlassverfahrens. In: Hellmann, Kai-Uwe; Fischer, Karsten; Bluhm, Harald (Hrsg.): Das System der Politik. Niklas Luhmanns politische Theorie. 1. Aufl. 2013, Westdeutscher Verlag, Wiesbaden, 2003, S. 95–107, S. 105–106; vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 171 2839 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 171 2840 vgl. Baecker, Dirk: Begriff und Phänomen der strukturellen Kopplung, Editorial 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 561 ergeben. Allgemein gilt, dass „[s]trukturelle Kopplungen […] genutzt [werden], um Umweltbedingungen im System Geltung zu verschaffen“2841 und dass die strukturelle Kopplung „[z]war […] nicht [bestimmt], was im System geschieht, sie muß aber vorausgesetzt werden, weil andernfalls die Autopoiesis zum Erliegen käme und das System aufhören würde zu existieren.“2842 Bei genauer Betrachtung scheint der Begriff der strukturellen Kopplung zu bedeuten, dass etwas (Systeme) strukturell gekoppelt wird/ist. Strukturell bedeutet eine bestimmte Struktur aufweisend oder von der Struktur her.2843 Synonym für Kopplung kann Verflechtung oder Verknüpfung stehen.2844 „[Strukturen] […] existieren nur im Moment ihres Gebrauchs, in dem sie den Übergang von einer Operation zu einer anderen dirigieren.“2845 „[…] [S]ie dienen der Autopoiesis dazu, sich von Ereignis zu Ereignis zu schwingen“2846, wobei „[…] Strukturen eines Systems nur durch die Operationen des Systems erzeugt oder jedenfalls fallweise benutzt oder nichtbenutzt, erinnert oder vergessen werden können. […] Autonomie heißt denn auch wörtlich: Selbstlimitierung.“2847 Verbindungen/Verknüpfungen zur Umwelt bzw. zu Systemen in der Umwelt haben durch Irritation eine Auswirkung auf die 2841 Borutta, Manfred: Wissensgenerierung und Wissenszumutung in der Pflege. Systemtheoretische Analyse am Beispiel der Einführung von Expertenstandards in der Pflege. Erste Auflage, Carl-Auer-Systeme, Heidelberg, 2012, S. 47 2842 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100–101; vgl. Borutta, Manfred: Wissensgenerierung und Wissenszumutung in der Pflege. Systemtheoretische Analyse am Beispiel der Einführung von Expertenstandards in der Pflege, S. 49 2843 vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/strukturell (01.11.2018, 17:45 Uhr) 2844 vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Kopplung (01.11.2018, 17:45 Uhr) 2845 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 23; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 328; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 2846 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 130 2847 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 63; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 281; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 27, S. 118; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 50; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 101 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 562 Strukturen eines Systems.2848 „Strukturelle Kopplungen selbst sind […] immer nur in den Systemen gegeben oder als durch sie identifizierte (beobachtete) Umweltzustände. Und nur auf der Ebene der Strukturen (nicht auf der Ebene der Operationen) ist Ähnlichkeit, Wiederholbarkeit und Reversibilität vorstellbar.“2849 Luhmann erklärt hierzu: „‚Strukturelle‘ Kopplung bezieht sich also nur auf die Strukturwahl (und damit: auf die Evolution), nicht aber auf die Autopoiesis selbst.“2850 Luhmann nutzt in den 1980er Jahren Parsons Begriff der doppelten Kontingenz im Zusammenhang der Konstitution sozialer Systeme,2851 Auffallend ist, dass die Begriffe der doppelten Kontingenz und der strukturellen Kopplung nah beieinander liegen.2852 Auch setzt er die Begriffe Interpenetration und doppelten Kontingenz in Beziehung. „Der Begriff der Interpenetration antwortet auf die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von doppelter Kontingenz. […] Die Ausgangsfrage ist […]: welche Realitätsvorgaben vorliegen müssen, damit es hinreichend häufig und hinreichend dicht zur Erfahrung doppelter Kontingenz und damit zum Aufbau sozialer Systeme kommen kann. Die Antwort heißt Interpenetration.“2853 Luhmann erklärt das Phänomen der doppelten Kontingenz folgendermaßen: Soziale und auch psychische Systeme sind „[…] für einander 2848 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 120, S. 124, S. 269; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 98–99; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 443; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30, S. 41, S. 530 2849 Luhmann, Niklas: Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 31 2850 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16 2851 vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 157; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3, S. 15–17 2852 vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas. Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 268 2853 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 293 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 563 nicht durchsichtig und nicht kalkulierbar […]“2854, sie sind also füreinander „black boxes“2855. „Die Grundsituation der doppelten Kontingenz ist dann einfach: Zwei black boxes bekommen es, auf Grund welcher Zufälle immer, miteinander zu tun. Jede bestimmt ihr Verhalten durch komplexe selbstreferentielle Operationen innerhalb ihrer Grenzen. Das, was von ihr sichtbar wird, ist deshalb notwendig Reduktion. Jede unterstellt das gleiche der anderen. Deshalb bleiben die black boxes bei aller Bemühung und bei allem Zeitaufwand (sie selbst sind immer schneller!) füreinander undurchsichtig. […] Selbst wenn sie ‚blind‘ operieren, fahren sie im Verhältnis zueinander besser, wenn sie sich wechselseitig Determinierbarkeit im System/Umwelt- Verhältnis unterstellen und sich daraufhin beobachten.“2856 „Luhmann hat auf Grundlage der Hypothese, dass jede Ausdifferenzierung innerhalb der Autopoiesis der Gesellschaft selbst ein autopoietisches System erzeugt, den Begriff der strukturellen Kopplung auf zweierlei Weise eingesetzt: einmal zur Beschreibung der Beziehungen sozialer Systeme und einmal zur Beschreibung der Beziehung sozialer Systeme zu nicht-sozialen Systemen in ihrer Umwelt.“2857 Ist es tatsächlich sinnvoll, mit ein und demselben Begriff Beziehungen von Systemen mit gleichen und unterschiedlichen Operationsweisen zu beschreiben? Es handelt sich um unterschiedliche Systemtypen oder aber auch um unterschiedliche Ebenen der Systembildung, wobei diese Begriffe nicht eindeutig von Luhmann geklärt und verwendet wurden (s. Kapitel 6.6.1.12). Daher sollten strukturelle Kopplungen von Systemen mit gleichen Operationsweisen (Kommunikation) von Systemkopplungen mit unterschiedlichen Operationsweisen (Bewusstsein und Kommunikation) gesondert betrachtet werden. Luhmann selbst hat der Kopplung von Bewusstsein und Kommunikation eine besondere Bedeutung zugeschrieben.2858 „Beide Systeme arbeiten mit fürei- 2854 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 156 2855 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 156 2856 Luhmann, Niklas: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, S. 156 2857 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms. transcript Verlag, Bielefeld, 2010, S. 276 2858 Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 239–240; 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 564 nander nicht erreichbaren, unzugänglichen Operationen. Bewusstseinssysteme operieren in der Form der Gedanken, Gesellschaft in der Form von Kommunikation.“2859 „Kommunikation läuft nur über Bewusstsein mithilfe von Bewusstsein, aber nie operativ als Bewusstsein.“2860 Lippuner wie auch Karafillidis, Lieckweg, Simsa und Borutta vertreten ebenfalls die Meinung, dass der Begriff der strukturellen Kopplung bei Luhmann zu allgemein gefasst ist. Die fünf Autoren haben zwei Typen von Kopplungen in ähnlicher Weise unterschieden. Der Kopplung von Kommunikation und Bewusstsein bzw. von Gesellschaftssystem und Bewusstsein (inklusive Wahrnehmung) wird eine Sonderstellung eingeräumt, da diese Voraussetzung für alle innergesellschaftlichen Zusammenhänge ist.2861 Lippuner nennt diese Kopplung primäre strukturelle Kopplung, Karafillidis beschränkt den Begriff der strukturellen Kopplung auf diese System-zu-System- Beziehung. Simsa und Borutta nutzen für diesen Fall die Bezeichnung der gesellschaftsexternen strukturellen Kopplung.2862 vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16–17; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 123; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 398; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 225 2859 vgl. Borutta, Manfred: Wissensgenerierung und Wissenszumutung in der Pflege. Systemtheoretische Analyse am Beispiel der Einführung von Expertenstandards in der Pflege, S. 246 2860 Backer, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 274; vgl. Backer, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 272; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 374; vgl. Luhmann, Niklas: Über systemtheoretische Grundlagen der Gesellschaftstheorie, S. 240 2861 Lippuner, Roland: Die Abhängigkeit unabhängiger Systeme: Zur strukturellen Kopplung von Gesellschaft und Umwelt, S. 111 (Fußnote); vgl. Lippuner, Roland: Die Abhängigkeit unabhängiger Systeme: Zur strukturellen Kopplung von Gesellschaft und Umwelt, S. 113; vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 263–264 2862 Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik. In: Hellmann, Kai-Uwe und Schmalz-Bruns, Rainer: Theorie der Politik. Niklas Luhmanns politische Soziologie. 1. Aufl., Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 2002, S. 149–170, S. 153 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 565 Als zweiten Typ von Kopplungen bezeichnet Lippuner „[…] innergesellschaftliche ‚System-zu-System-Beziehungen‘, insbesondere […] Beziehungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Funktionssystemen, […] [als] sekundäre Kopplungen, die stattfinden können, die aber nicht zwingend vorliegen müssen […].“2863 Lieckweg, Simsa und Borutta nutzen für System-System-Beziehungen von sozialen Systemen den Begriff der gesellschaftsinternen Kopplung2864, womit die Kopplung unterschiedlicher Funktionssysteme der Gesellschaft bzw. die strukturelle Kopplungen zwischen sozialen Systemen gemeint ist, die beide mit Kommunikation operieren.2865 Karafillidis verwendet allgemein „[f]ür Kopplungen innerhalb der Gesellschaft […] [den] Begriff der operativen Kopplung […]. Die Idee der sozialstrukturellen Kopplung bleibt dabei erhalten, wird aber als Struktur operativer Kopplung reformuliert.“2866 Karafillidis nutzt dabei den Begriff von Luhmann. Mit dem Begriff der operativen Kopplung wird bei Luhmann eine momenthafte Kopplung einer Einzeloperation eines Systems mit einer Einzeloperation eines anderen, in der Umwelt operierenden Systems bezeichnet.2867 Allerdings „[…] bleibt [wie Schemann anmerkt, Anm. d. Verf.] in der Luhmannschen Theorie recht diffus“2868, „[w]elche Phänomene mit dem Begriff der operati- 2863 Lippuner, Roland: Die Abhängigkeit unabhängiger Systeme: Zur strukturellen Kopplung von Gesellschaft und Umwelt, S. 111 (Fußnote) 2864 vgl. Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 268; vgl. Borutta, Manfred: Wissensgenerierung und Wissenszumutung in der Pflege. Systemtheoretische Analyse am Beispiel der Einführung von Expertenstandards in der Pflege, S. 247; vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 153 2865 vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 153; vgl. Borutta, Manfred: Wissensgenerierung und Wissenszumutung in der Pflege. Systemtheoretische Analyse am Beispiel der Einführung von Expertenstandards in der Pflege, S. 48, S. 247 2866 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 263–264 2867 vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 440–441 2868 Schemann, Andreas: Strukturelle Kopplung. Zur Festlegung und normativen Bindung offener Möglichkeiten sozialen Handelns, S. 220 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 566 ven Kopplung erfaßt werden […].“2869 Es fehlt „[…] bislang noch an der eindeutigen Abgrenzung [des Begriffs der strukturellen Kopplung] zu dem ‚verwandten‘ Begriff der operativen Kopplung bzw. zu den Leistungsbeziehungen zwischen autopoietischen Beziehungen.“2870 Karafillidis erklärt, dass „[…] operative Kopplungen Differenzierung […] voraussetzen, die selbst jedoch Beobachtung erfordert, die dann bestimmt, welche operative Kopplungen erfolgen und welche nicht. Die Beobachtung tritt in die Form der Differenzierung wieder ein und koppelt dadurch die differenzierten Formen.“2871 Für Karafillidis bedeutet „Differenzierung […], dass mit jedem kommunikativen Ereignis vielfach umgegangen wird, und zwar ohne dass das jeweilige Ereignis deshalb ebenfalls vielfach vorkommt. Es kann etwas in der Umwelt sozialer Systeme passieren und die Gesellschaft multipliziert es (und dabei: sich) in ein Vielfaches.“2872 „Es handelt sich im Fall operativer Kopplung also auch um differenzierte Beobachtung.“2873 „Operative Kopplungen kommen zahllos und sehr häufig vor, sind dafür aber längst nicht so verlässlich wie Strukturen. Sie sind flüchtig und unbeständig.“2874 In den Ausführungen von Karafillidis gilt „[f]ür beide Kopplungsformen […] zunächst einmal, dass sie nicht durch das System geplant oder kontrolliert werden können. Kopplungen passieren einem sozialen System und es kann nur noch registrieren, dass sie passiert sind. Darüber hinaus sind beide Kopplungsformen temporalisiert. Koppeln 2869 Schemann, Andreas: Strukturelle Kopplung. Zur Festlegung und normativen Bindung offener Möglichkeiten sozialen Handelns, S. 220 2870 Schemann, Andreas: Strukturelle Kopplung. Zur Festlegung und normativen Bindung offener Möglichkeiten sozialen Handelns, S. 224; vgl. Schemann, Andreas: Strukturelle Kopplung. Zur Festlegung und normativen Bindung offener Möglichkeiten sozialen Handelns, S. 225 2871 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 267 2872 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 283 2873 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 268 2874 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 279 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 567 und Entkoppeln geschieht ereignishaft. Es handelt sich nicht um dauerhafte Zustände. Das schließt eine Untersuchung dauerhafter Kopplung- und Entkopplungszustände nicht aus, sondern gerade ein, denn es macht eine genaue Bestimmung der Konditionen erforderlich, unter denen das möglich ist.“2875 Karafillidis beschreibt den Unterschied „[…] zwischen operativen und strukturellen Kopplungen […] [wie folgt]: operative Kopplungen müssen auf Beobachtung (Strukturen, Identität) setzen und sich auf sie verlassen, während strukturelle Kopplungen auf Operationen (Schlie- ßung, Autopoiesis) setzen, sie also voraussetzen und sich auf sie verlassen müssen. Ihr Unterschied wird jedoch erst richtig deutlich, wenn man ihre jeweilige Form notiert. Die Bezeichnung von Beobachtungen zur Bestimmung der Form operativer Kopplungen beziehungsweise die Bezeichnung von Operationen zur Bestimmung der Form struktureller Kopplungen reicht eben nicht aus, um nachvollziehen zu können, wie die Kopplungen sich vollziehen.“2876 Weitere Ausführungen zu der Formtheorie von Karafillis finden sich in Kapitel 7.2.5.3. Eine weitere Unterscheidung, die Luhmann bereits in seiner letzten Vorlesung im Wintersemester 1992/1993 selbst getroffen und später auch wiederholt hat, ist eine getrennte Betrachtung von System/Umwelt- und von System-zu-System-Beziehungen.2877 In seinem Werk „Die Wissenschaft der Gesellschaft“, das 1992 erstmalig veröffentlicht wurde, erwähnt er, dass „[…] der Begriff der strukturellen Kopplung […] nicht für jede beliebige Kausalbeziehung zwischen System und Umwelt [steht], sondern für ausgewählte System-zu- System Beziehungen […].“2878 In „Die Gesellschaft der Gesellschaft“ erklärt er ebenfalls, dass „[…] Irritationen nie auf ‚die Umwelt‘ (als 2875 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 266 2876 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 265 2877 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 600; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 247; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 410 2878 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 41 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 568 Einheit) zugerechnet werden können. Der Begriff bezieht also sich nicht auf das allgemeine System/Umwelt-Verhältnis, sondern auf System-zu-System-Beziehungen […].“2879 Hier stellt sich die Frage, ob ein System mit der Umwelt überhaupt strukturell gekoppelt sein kann. Karafillidis nimmt diesen Aspekt auf und beschreibt, dass „[…] strukturelle Kopplungen immer eine System-zu-System Beziehung [bezeichnet].“2880 Letztlich sind „[…] Strukturen in der Umwelt immer Strukturen eines Systems […], und zwar zumindest des Gesellschaftssystems. Alles andere würde letzten Endes nur auf Kosten des Gesellschaftsbegriffs gehen. Eine Formtheorie umgeht dieses Problem, weil sie auch Strukturen als Form kommunikativ aufgerufener Unterscheidungen bestimmen kann, ohne sich dazu auf ein anderes System als die Gesellschaft selbst berufen zu müssen.“2881 Auch Jahraus stellt fest, dass sich „[a]us der Konzeption der strukturellen Kopplung […] ableiten [lässt, dass nur Systeme] strukturell gekoppelt [sein] können […].“2882 Mit dem Begriff der strukturellen Kopplung werden zwei weitere unterschiedliche Sachverhalte von Luhmann beschrieben, was nicht deutlich hervorgehoben wird. Es geht zum einen darum, dass „[v]on strukturellen Kopplungen […] die Rede […] [ist], wenn ein System bestimmte Eigenarten seiner Umwelt dauerhaft voraussetzt und sich strukturell darauf verlässt […].“2883 Zum anderen wird beschrieben, dass sich strukturell gekoppelte Systeme „[…] wechselseitig irritieren (zum Beispiel in der Form von überraschenden Informationen oder der Enttäuschung von Erwartungen) [können], daß im jeweils irritierten System strukturelle Unsicherheiten entstehen, für die dann eine Lösung gesucht werden muß, die mit der Autopoiesis des Systems 2879 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 791 2880 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 277 2881 Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 277 (Fußnote) 2882 Jahraus, Oliver: Strukturelle Kopplung, S. 121–122 2883 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 569 […] kompatibel ist.“2884 „[…] [D]ie Umwelt [gewinnt] nur unter der Bedingung struktureller Kopplungen und nur im Rahmen von dadurch kanalisierten und gehäuften Möglichkeiten der Selbstirritation Einfluß auf die Strukturentwicklung von Systemen.“2885 „Im System selbst können strukturelle Kopplungen also nur Irritationen, Überraschungen, Störungen auslösen. Die Begriffe ‚strukturelle Kopplung‘ und ‚Irritation‘ bedingen einander wechselseitig.“2886 Kann in beiden Fällen von struktureller Kopplung gesprochen werden? Im Luhmann-Handbuch ist beschrieben, dass strukturell gekoppelte Systeme „[…] die Operativität des anderen Systems unabdingbar voraussetzen. […] Strukturelle Kopplung ist, wo sie auftritt, für die gekoppelten Systeme notwendig und konstitutiv. Deswegen definiert sie den Prozesscharakter der jeweiligen Systeme selbst. Strukturell gekoppelt zu sein ist keine akzidentelle, sondern eine substantielle Systemeigenschaft […].“2887 Möglicherweise hängt der nächstbetrachtete Aspekt mit den beiden zuvor genannten Fällen der dauerhaften Voraussetzung von Umwelteigenarten2888 und der wechselseitigen Irritation strukturell gekoppelter Systeme2889 eng zusammen. Wie bereits erwähnt wird mit dem Begriff der strukturellen Kopplung allgemein alles umschrieben, was die System/Umwelt-Beziehungen und System-zu-System-Beziehungen 2884 Luhmann, Niklas: Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 32; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 36 2885 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 120, S. 124, S. 269; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 98–99; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 443; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30, S. 41, S. 530 2886 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 442 2887 Jahraus, Oliver: Strukturelle Kopplung, S. 122 2888 vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441 2889 vgl. Luhmann, Niklas: Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 32; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 36 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 570 betrifft, wobei die Autopoiesis und operative Geschlossenheit der Systeme unberührt bleibt. Dabei wird nicht unterschieden, ob es sich bei den Selbstirritationen des Systems um bewusst beobachtete Ereignisse handelt oder um unbewusst Einwirkendes auf das System. Soziale Systeme, also auch Organisationen, beobachten.2890 „Komplexe soziale Systeme kommen ohne beobachtende Operation nicht aus, ihre Autopoiesis ist darauf angewiesen.“2891 „[…] Beobachten, Unterscheiden und Bezeichnen [ist] immer eine empirische Operation, die den Zustand des sie vollziehenden Systems verändert; und das heißt nicht zuletzt: eine ihrerseits beobachtbare Operation.“2892 „Die Selbstbeobachtung ist nichts weiter als ein besonderer Anwendungsfall [der Beobachtung] […], der in Bezug auf sich selber unter anderem die vorher/nachher-Unterscheidung anwenden muss.“2893 „[…] Ein geschlossenes System [kann] sich [durch Selbstbeobachtung] zur Umwelt hin öffnen […], obwohl es mit seinen eigenen Operationen die Umwelt nicht erreichen kann, weil es nicht außerhalb seiner eigenen Grenzen operieren kann.“2894 „Wie alles Beobachten erfordert Selbstbeobachtung die Unterscheidung von Selbst- und Fremdreferenz.“2895 2890 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 203–204 2891 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 77 2892 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 49 2893 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 60 2894 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 80–81; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 22; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 200; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 83 2895 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 72; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 80–81; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 22, S. 144; vgl. Luhmann, Niklas: Die Paradoxie der Form, S. 200; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 129; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 59; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 707; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 51–52, S. 175 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 571 Bora beschreibt, dass die Systemtheorie „[…] Beobachten fremder Komplexität, das für den eigenen Komplexitätsaufbau benutzt wird, […] strukturelle Kopplung [nennt].“2896 „Systeme beobachten sich selbst und ihre Umwelt. Sie sind deshalb in der Lage, die Operationen von Systemen in ihrer Umwelt zur Produktion eigener Unterscheidungen heranzuziehen. Dies wird häufig als Form der Programmierung des funktionsspezifischen Codes beschrieben. Darin kommt die Fähigkeit sozialer Systeme zum Ausdruck, Resonanz zu erzeugen – dies freilich jeweils aus der Systemperspektive operationeller Geschlossenheit. Beobachtung fremder Systemzustände löst intern Irritationen aus. […] Deshalb stehen derartige strukturelle Kopplungen zwischen einem System und seiner Umwelt nicht im Widerspruch zur These selbstreferentieller Geschlossenheit. Immer kann es nur darum gehen, Systeme für ihre Autopoiese mit intern prozessierbaren Irritationen zu versehen. […] Aber auch wenn aus der Systemperspektive die Beobachtung der Operationen anderer Systeme allenfalls als Irritation auftaucht, so kann aus einer externen Beobachtungsperspektive diese Resonanz anders beschrieben werden, nämlich als Leistung des beobachteten Systems. Das eröffnet reichhaltige Möglichkeiten, wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Systemen in den Blick zu nehmen. Diese kommen aber nur unter der Bedingung wechselseitiger Indifferenz zum Tragen.“2897 Gossel vertritt ebenfalls die Meinung, dass aufgrund der operativen Geschlossenheit Informationen nur durch Beobachtung „[…] Teil organisationaler Kommunikation werden. Alles, was der Umwelt zuzurechnen ist, kann erst durch den Schritt der Informationsselektion gewissermaßen Zugang zur Organisation bekommen. Durch das Prinzip der Umweltoffenheit wird dies möglich. Das Unternehmen beobachtet sich und seine Umwelt permanent selbst. In Form von selektiver Information, also beim Prozessieren der ersten Selektion von Kommunikation, können in der Umwelt beobachtete Aspekte Teil organisa- 2896 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 203 2897 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 203–204 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 572 tionaler Kommunikation werden.“2898 Luhmann spricht daher davon, dass „Organisationen […] auf jeden Fall Selbstversorger mit Information [sind].“2899 Systeme bzw. Organisationen definieren nach „[…] eigenen spezifischen Relevanzkriterien […], was Information ist und was Nicht-Information ist […].“2900 Das heißt, dass „[…] Organisationen folglich selbst festlegen, wovon sie sich irritieren lassen und wovon nicht […].“2901 „Organisationen verfügen über ordnende Instanzen, die eine Einschränkung der Irritationsmöglichkeiten bezwecken und so dem System innere Führung geben.“2902 „Solche regulativen Bedingungen für die Operationen eines Systems werden auf der Programmebene festgelegt.“2903 In diesem Sinne wäre es sinnvoll, sich intensiver mit dem Programmbegriff zu beschäftigen.2904 Daraus resultiert die Fragestellung, „[w]ie strukturiert […] Unternehmen ihre Umwelt [beobachten] – bzw. [….] [ob] von Unternehmungen Programme mit Bezug auf ‚fremde‘ Leitunterscheidungen herausgebildet [werden], welche die von der Umwelt im Unternehmen irritierte In- 2898 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“ In: Raabe, Johannes; Stöber, Rudolf; Theis-Berglmair, Anna M.; Wied, Kristina (Hrsg.): Medien und Kommunikation in der Wissensgesellschaft. UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz, 2008. S. 201–210, S. 202–203 2899 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 69 2900 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 205 2901 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 52 2902 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Soziale Systeme, S. 384 2903 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 203; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 225 2904 vgl. Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 203 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 573 formationsselektion strukturieren“2905. Denkbar wäre die „[…] Herausbildung von Programmen zur Informationsselektion und -weiterleitung […].“2906 Allerdings beschreibt Gossel auch, dass die Fragestellungen, „[…] wie […] Organisationen an Wissen [gelangen und] […] [w]oher […] sie überhaupt Informationen [erhalten]“2907 und „[w]ie strukturiert die Informationsaufnahme geschieht, […] [bisher] nicht im Fokus des Interesses [stehen].“2908 Zu überlegen ist auch, ob bei System-zu-System-Beziehungen von sozialen Systemen Unterscheidungen zwischen gleichen und unterschiedlichen Systemtypen zu konzipieren sind. Gerade die spezielle Operationsweise der Organisation könnte ggf. Spezifikationen notwendig machen. Bei der Beziehung von Funktionssystem und Funktionssystem werden zwei Systeme betrachtet, die durch Systemdifferenzierung entstanden sind. Müssen bei solchen System-zu-System- Beziehung, die Teilsysteme eines Systems sind, ebenso Besonderheiten beachtet werden? Ist hiermit ein Bereich des Phänomens der operativen Kopplung von Luhmann betrachtet worden? Zusammenfassend ergeben sich folgende Fragestellungen im Zusammenhang mit dem Begriff der strukturellen Kopplung: Ist es sinnvoll, die Beziehungen von Systemen mit gleichen und unterschiedlichen Operationsweisen mit dem gleichen Begriff zu beschreiben? Hierauf gibt es zunächst keine eindeutige Antwort, jedoch könnte es sinnvoll sein, zwischen strukturellen Kopplungen von 2905 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 205 2906 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 206 2907 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 201 2908 Gossel, Britta: Die beobachtende Organisation: Vorstellung einer systemtheoretisch orientierten Studie zur Frage „Wie strukturiert beobachtet die Organisation ihre Umwelt?“, S. 201 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 574 Systemen mit gleichen und unterschiedlichen Operationsweisen zu unterscheiden. Sollten System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen getrennt betrachtet werden? Kann ein System überhaupt mit der Umwelt strukturell gekoppelt sein? Karafillidis und Jahraus beziehen hier eindeutig Stellung, dass es sich bei strukturellen Kopplungen ausschließlich um Systemzu-System-Beziehungen handelt.2909 Handelt es sich um eine strukturelle Kopplung, wenn ein System bestimmte Eigenarten seiner Umwelt dauerhaft voraussetzt und sich strukturell darauf verlässt? Und/Oder handelt es sich um eine strukturelle Kopplung, wenn sich Systeme wechselseitig irritieren und durch Selbstirritation des Systems ggf. Einfluss auf die Strukturentwicklung genommen wird? Diese Fragestellung wurde bisher nicht aufgeworfen und damit auch nicht bearbeitet. Können bei der Betrachtung der Selbstirritationen im Rahmen der strukturellen Kopplung bewusst beobachtete Ereignisse oder unbewusst Einwirkendes auf das System unterschieden werden? Auch diese Fragestellung ist bislang unbekannt und daher nicht mit mithilfe einer Literatursichtung bearbeitbar. Gibt es Unterschiede bei System-zu-System-Beziehungen von gleichen und unterschiedlichen sozialen Systemtypen (Interaktion, Organisation, Gesellschaft)? Sind ggf. Spezifikationen notwendig? Diese Frage wurde bislang ebenfalls noch nicht gestellt. Gibt es Besonderheiten bei der Kopplung von Systemen, die durch Selbstdifferenzierung entstanden sind? Auch hierzu wurde keine Literatur ausgemacht. Festgehalten werden kann die Aussage, dass „[…] die Umwelt nur unter der Bedingung struktureller Kopplungen und nur im Rahmen von dadurch kanalisierten und gehäuften Möglichkeiten der Selbstirri- 2909 vgl. Karafillidis, Athanasios: Soziale Formen. Fortführung eines soziologischen Programms, S. 277; vgl. Jahraus, Oliver: Strukturelle Kopplung, S. 121, S. 122 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 575 tation Einfluß auf die Strukturentwicklung von Systemen [gewinnt].“2910 „Im System selbst können strukturelle Kopplungen also nur Irritationen, Überraschungen, Störungen auslösen. Die Begriffe ‚strukturelle Kopplung‘ und ‚Irritation‘ bedingen einander wechselseitig.“2911 Durch die strukturelle Kopplung als Zwei-Seiten-Form2912 wird die Irritabilität autopoietischer Systeme verdichtet und gesteigert.2913 Dies bedeutet, dass „Irritation […] nicht etwas [ist], was in der Umwelt schon vorhanden ist und dann in das System überführt werden kann.“2914 „Die Umsetzung von strukturellen Kopplungen […] in Irritationen verknüpft mithin einen System/Umwelt-Zusammenhang, den nur ein Beobachter sehen kann, mit Eigenzuständen, auf die das System autopoietisch reagieren kann und, mehr oder weniger folgenreich, reagieren muß. Strukturelle Kopplung gibt den Anstoß zu einer Art Dauerirritation der Systeme […].“2915 Somit ist „Irritation […] ein jeweils systemeigener Zustand ohne Entsprechung in der Umwelt des Systems.“2916 Dabei wird „[u]nter ‚Irritation‘ […] verstanden […], daß ein autopoietisches System auf dem eigenen Bildschirm Störungen, 2910 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 119; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 120, S. 124, S. 269; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 98–99; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 443; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30, S. 41, S. 530 2911 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 442 2912 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 163; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 441; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 103 2913 vgl. Luhmann, Niklas: Die operative Geschlossenheit psychischer und sozialer Systeme, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 779; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 110; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 58 2914 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 213, vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 124 2915 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 213 2916 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 792; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 213; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen, S. 17 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 576 Ambiguitäten, Enttäuschungen, Devianzen, Inkonsistenzen wahrnimmt in Formen, mit denen es weiterarbeiten kann.“2917 „Ein System, das eigene Irritation nicht verdrängt, sondern beobachtet und bearbeitet, gibt ihnen die Form einer Information.“2918 „Alle Information […] ist ein systeminternes Konstrukt und hängt von Unterscheidungen ab, mit denen ein System die Welt beobachtet.“2919 Und „[…] Information hat im System die Funktion der selektiven Beschränkung der Möglichkeiten der Fortsetzung eigener Operationen mit der weiteren Funktion, dass über Anschlussmöglichkeiten relativ schnell entschieden werden kann.“2920 „Eine Information ist eine Information, wenn sie nicht nur ein vorhandener Unterschied ist, sondern wenn ein System daraufhin den eigenen Zustand ändert, wenn also die Wahrnehmung […] eines Unterschieds einen Unterschied im System erzeugt.“2921 Zusätzlich muss „[e]ine Information […] neu sein […] [Sie] verliert […] im Wiederholungsfalle ihren Informationswert.“2922 „[…] [D]as System greift auf eigene Zustände, auf Irritationen, die es selbst erfährt, zu, um daraus Informationen zu machen und mit diesen Informationen weiterzuarbeiten. Das heißt eben auch, dass Information keine festen Körperchen sind, die von der Umwelt in das System übertragen werden können.“2923 2917 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 153 2918 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 99 2919 Luhmann, Niklas: Die Paradoxie des Entscheidens, S. 10; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 106; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53, S. 56; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 5, S. 38, S. 99; vgl. Luhmann, Niklas: Entscheidungen in der Informationsgesellschaft, S. 32 2920 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 53; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 321 2921 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 69; vgl. Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 354; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 306; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 57 2922 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 58 2923 Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Systemtheorie, S. 129–130; vgl. Backer, Dirk (Hrsg.): Einführung in die Systemtheorie, S. 296 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 577 Baecker beschreibt, dass Luhmann vorschlägt, „[…] den Begriff der strukturellen Kopplung […] auch für die Beschreibung der Strukturen fruchtbar zu machen, in denen diese Problembewältigung und diese Strukturgenese Form finden. Luhmanns Name für diese Form im Kontext struktureller Kopplung ist ‚Thema‘. In Themen findet die Kommunikation Strukturen, die es erlauben, die Anschlüsse, möglichen Beiträge und möglichen Beiträger für die Fortsetzung der Kommunikation zu identifizieren und zu kontrollieren. Und in Themen kann abgebildet werden, welche Umweltzustände von einem sozialen System jeweils unterstellt und beim Aufbau der eigenen Strukturen berücksichtigt werden. […] Jede strukturelle Kopplung zwischen Systemen, wenn sie denn stattfindet, wird in solchen Themen eine gewisse Beobachtbarkeit und Verläßlichkeit, anders gesagt: gewisse Ansatzpunkte des Managements, finden, ohne die Komplexität und Irritabilität weder verarbeitet noch bei Bedarf gesteigert werden könnten [sic!].“2924 Themen stellen eine Struktur dar, „[…] die Beobachtungen an Operationen koppelt und umgekehrt […].“2925 Luhmann erklärt hierzu, dass „‚[s]trukturelle‘ Kopplung […] sich also nur auf die Strukturwahl (und damit: auf die Evolution) [bezieht], nicht aber auf die Autopoiesis selbst. Im Falle sozialer Systeme bezieht sie sich nicht auf die Möglichkeit, Kommunikation fortzusetzen (sei es akzeptiert, sei es ablehnend), sondern nur auf die Themen der Kommunikation.“2926 7.4 System-zu-System-Beziehung von Organisationen und Funktionssystemen Drepper zieht den Schluss, dass „[d]as gesellschaftliche Theorem der funktionalen Differenzierung […] ohne Organisationsparadigma nicht zu begreifen, nicht aber darauf zu beschränken [ist]. Die Ausdifferenzierung und Stabilisierung der funktional differenzierten Gesellschaft 2924 Baecker, Dirk: Kapital als strukturelle Kopplung, S. 321 2925 Baecker, Dirk: Kapital als strukturelle Kopplung, S. 322 2926 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 578 ist ohne den Organisationsfaktor nicht zu erklären, aber ebenfalls nicht auf diesen reduzierbar.“2927 Luhmann stellt selbst die Frage, inwieweit Organisationen an strukturellen Kopplungen von Funktionssystemen beteiligt sind.2928 Andere systemtheoretisch orientierte Autoren haben ebenfalls versucht, sich mit dieser Fragestellung auseinanderzusetzen. Es werden Meinungen vertreten, dass strukturelle Kopplung auf Ebene des Gesellschaftsystems ohne Organisation unmöglich2929 bzw. für Luhmann von zentraler Bedeutung2930 sind, dass Organisationen strukturelle Kopplungen zwischen Funktionssystemen vermitteln2931 bzw. dazu beitragen,2932 dass strukturelle Kopplung von Funktionssystemen nur in einer mit Hilfe von Organisationen ausdifferenzierten Gesellschaft denkbar sind,2933 oder dass Organisationen erst durch die strukturell gekoppelten Funktionssysteme zur strukturellen Kopplung werden.2934 Begründet werden diese Ansätze mit den speziellen Eigenschaften von Organisationen, nämlich ihrer Kommunikationsfähigkeit,2935 der Fähigkeit, einen Überschusses an Entscheidungsmöglichkeiten erzeugen zu können,2936 dass sie „[…] ihre Fremdreferenzen für multiple Programmierungen ihrer Entscheidungen einsetzen können […]“2937, dass sich in 2927 Drepper, Thomas: Organisationen der Gesellschaft. Gesellschaft und Organisation in der Systemtheorie Niklas Luhmanns, S. 93 2928 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 397 2929 vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 163 2930 vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 159 2931 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 209 2932 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205 2933 vgl. Schemann, Andreas: Strukturelle Kopplung. Zur Festlegung und normativen Bindung offener Möglichkeiten sozialen Handelns, S. 222 2934 vgl. Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 379 2935 vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 162; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205 2936 vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 159 2937 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 209 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 579 ihnen „[…] mehrere Funktionssysteme […] ‚einnisten‘ können“2938 und dass sie „[…] als wechselseitiger Erwartungadressat für die jeweilig strukturell gekoppelten Funktionssysteme genutzt werden.“2939 Laut Kneer sind „[i]n der Regel […] Organisationen nicht nur mit einem einzigen Funktionssystem, sondern mit einer Vielzahl von Funktionssystemen operativ und strukturell gekoppelt. Zugleich gilt, dass die gesellschaftlichen Subsysteme zur Fortsetzung ihrer Operationen auf das gleichzeitige Operieren einer Vielzahl organisierter Sozialsysteme angewiesen bleiben.“2940 Simsa sieht ebenfalls, dass „[i]m Gegensatz zu Funktionssystemen […] sich Organisationen beim Vollzug ihrer Kommunikationen an mehreren Logiken orientieren […] und damit den Ausgleich und die Abstimmung verschiedener Funktionsorientierungen abwickeln.“2941 Ihrer Meinung nach finden „[s]trukturelle Kopplungen […] zwar auf der Ebene des Gesellschaftssystems statt, wären aber in der erforderlichen Komplexität ohne Organisationen nicht möglich.“2942 „Diese leisten die Abstimmung gro- ßer Mengen von Interaktionen […].“2943 Unterstützt wird diese These durch folgende Aussagen von Luhmann: „[…] Funktionssysteme [können nicht] selbst kommunikativ agieren […].“2944 Dies können nur Organisationen.2945 2938 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205; vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 159 2939 Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 379; vgl. Bora: Alfons, Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205 2940 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 417 2941 Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 162 2942 Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 163 2943 Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 162 2944 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 401 2945 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 401 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 580 Lieckweg gibt zu bedenken, dass „[w]enn im Zusammenhang mit strukturellen Kopplungen von Mehrsystemereignissen die Rede ist, […] dies auf den genannten Zusammenhang von operativer und struktureller Kopplung […] [hinweist]. Mehrsystemereignisse sind aber nicht als strukturelle Kopplung anzusehen, sondern sind operative Kopplung, die die strukturelle Kopplung verstärkt. Dies bezieht sich aber nur auf gesellschaftsinterne strukturelle Kopplungen.“2946 Simsa kritisiert, dass eine selektive Auswahl von Kopplungen eines Funktionssystems (hier: Politik) zu anderen Funktionssystemen (hier: Wirtschaft, Wissenschaft, Recht und Medien) nicht gerechtfertigt zu sein scheint. Sie ist der Meinung, dass die Analyse noch gewinnen würde, wenn auch Kopplungen berücksichtigt würden, die sie als indirekt oder vermittelt charakterisieren würde.2947 „So verlaufen zum Beispiel wechselseitige Irritationen zwischen der Politik und anderen Systemen teilweise vermittelt über dritte Funktionssysteme. Solche, hier als indirekt bezeichneten Kopplungen finden sich zum Beispiel zwischen dem Familiensystem und der Politik.“2948 7.4.1 Funktionen / Leistungen von Organisationen für die Operationsweise der Funktionssysteme „Luhmann [selbst, Anm. d. Verf.] fragt nach der Funktion von Organisationen für die Gesellschaft bzw. ihre Funktionssysteme und erwähnt zum einen die Funktion der Bindung von Personen, zum anderen die Funktion von Organisationen als Interdependenzunterbrecher innerhalb von Funktionssystemen und schließlich die Funktion der strukturellen Kopplung zwischen Funktionssystemen.“2949 2946 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 274 (Fußnote) 2947 vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 161 2948 Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 161 2949 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 444–445 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 581 Nassehi stellt ebenfalls „[…] die Frage nach dem spezifischen Beitrag von Organisationsbildung für die funktional differenzierte Gesellschaft.“2950 Zusammenfassend stellt er fest, „[…] dass sich das Verhältnis von Gesellschaft und Organisation aus der Perspektive der Theorie funktionaler Differenzierung in einer dreifachen Funktion bestimmen lässt:“2951 „Erstens bauen Organisationen durch ihre reflexive Zeitstruktur ein Moment von Reflexivität in die prinzipiell offene Rekursivität der Funktionssysteme ein.“2952 „Die bloße Rekursivität der Funktionssysteme versorgt sich durch die Reflexivität von Organisationssystemen mit Strukturvorgaben. Es impliziert diese Lösung zugleich mehr und weniger als Luhmanns Funktionsbestimmung von Organisationen als Interdependenzunterbrecher […].“2953 „Organisationen scheinen […] dazu zu dienen, […] für verdichtete Operationen von Funktionssystemen zu sorgen und damit für Interdependenzunterbrechung zu sorgen.“2954 Unter Interdependenz wird allgemein gegenseitige Abhängigkeit (Dependenz) verstanden.2955 Allerdings fungieren nach Nassehi „[…] Organisationen […] nicht als bloße Interdependenzunterbrecher, wie Luhmann formuliert. Organisationen stellen vielmehr selbst spezifische Formen von Interdependenzsicherungen 2950 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S.445 2951 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 47 2952 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 472; vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 460–461; vgl. Nassehi, Armin: Organizations as Decision Machines. Niklas Luhmanns Theory of Organized Social Systems, S. 188 2953 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 461 2954 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 455; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 71, S. 394, S. 396; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 829, S. 845; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 417 2955 vgl. https://www.duden.de/rechtschreibung/Interdependenz (02.11.2018, 11:45 Uhr) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 582 her, etwa durch die Bereitstellung von Konditionalprogrammen oder durch die strukturelle Verknappung von Handlungs- und Beobachtungsmöglichkeiten. Am schärfsten ‚sehen‘ Organisationen also auf Grund ihrer strukturellen und strukturierten Blindheit.“2956 „Zweitens besteht die Funktion von Organisationen für die moderne Gesellschaft darin, Momente rationaler Zurechnung zu ermöglichen. Keinesfalls werden Organisationen hier als Rationalitätsinseln konzipiert, aber ohne Organisationssysteme könnte es nicht gelingen, Entscheidungsstellen in Funktionssysteme einzubauen, deren Entscheidungen als solche sichtbar zu machen wären.“2957 „Drittens schließlich ermöglicht gerade die Zurechnungsfähigkeit von Organisationen die evolutionäre (sic!) ‚Gestaltung‘ von interaktionsnahen Lebenslagen, die über Mitgliedschaftsarrangements für eine Passung von Individuen und gesellschaftlichen Dynamiken sorgt.“2958 Zum Thema Rekursivität und Reflexivität stellt Nassehi fest, dass Funktionssysteme und Organisationen Zeit unterschiedlich handhaben. „Entscheidung ist ein Zeitschema, das von einem Moment zum anderen die Situation ändert (oder gleich bleiben lässt). […] Es ist exakt diese Zeithandhabung, die Funktionssysteme und Organisationssysteme unterscheidet – und dieser unterschiedlichen Zeithandhabung lässt sich auch der spezifische Beitrag von Organisationsbildung für die Autopoiesis der Funktionssysteme entnehmen. Dies scheint […] [Nassehi] der entscheidende, bisher nicht ausgearbeitete link zu sein, an dem sich das Verhältnis von Organisationen und Funktions- 2956 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 465–466 2957 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 472–473; vgl. Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 461, S. 467 2958 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 473 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 583 systemen festmachen lässt.“2959 Funktionssysteme sind „[…] nur die in Echtzeit wieder verschwindende Ereignishaftigkeit von Operationen, deren Ordnungsaufbau in der Zeit erfolgt. Funktionssysteme muss man sich insofern relativ blind vorstellen, blind deshalb, weil ihre Ordnungszumutung letztlich nur bis zum nächsten Ereignis reicht – flankiert freilich von semantischen Schemata, die bestimmte Anschluss-, Programm- und Motivationsformen wahrscheinlicher machen.“2960 Auch Drepper erwähnt die Funktion der Interdependenzherstellung. Er sieht „[…] Organisationen als Strukturen […], die an der Interdependenzherstellung gesellschaftlicher Teilsysteme beteiligt sind und daran mitwirken, dass trotz der operativen Geschlossenheit, der eindeutigen Grenzziehung und Grenzstabilisierung autonomer Teilsysteme, Zusammenhänge in Teilsystemen und auch zwischen Teilsystemen möglich werden und bleiben. […] Teilsystemische Medien werden qua Organisationen aufeinander beziehbar, ohne einander zu substituieren.“2961 Tratschin hebt die Interdependenzunterbrechung durch Organisation hervor. „Damit Funktionssysteme intern an Struktur gewinnen können, muss die Möglichkeit unterbunden werden, dass alle Kommunikationen grundsätzlich aneinander anschließen können.“2962 „[…] [T]atsächlich sind Organisationen in gewissen Fällen auch Interdependenzhersteller zwischen Funktionssystemen.“2963 Weitere Funktionen/Leistungen, die Organisationen der Gesellschaft zur Verfügung stellen bzw. Beiträge, die sie unentbehrlich machen, identifizieren Nassehi, Brodocz, Simsa, Bora, Drepper und Tratschin: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen bzw. deren Verdichtung/ Multireferenzialität (Nassehi, Brodocz, Simsa, Bora) 2959 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 459 2960 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 459–460 2961 Drepper, Thomas: Organisationen der Gesellschaft, S. 237–238 2962 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 152 2963 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 155 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 584 Organisationen „[…] scheint es […] zu gelingen, die Funktionssysteme strukturell zu koppeln. […] Alfons Bora spricht treffend von der ‚Multireferentialität von Organisationen‘.“2964 Luhmann hat daher als „[w]eitere [...] [Funktion] von Organisationen für die moderne Gesellschaft […] in der Verdichtung von strukturellen Kopplungen der Funktionssysteme untereinander […] ausgemacht“2965, und zwar „[…] aufgrund ihrer Mehrsprachigkeit […].“2966 „Im Gegensatz zu Funktionssystemen können sich Organisationen beim Vollzug ihrer Kommunikationen an mehreren Logiken orientieren und damit den Ausgleich und die Abstimmung verschiedener Funktionsorientierungen abwickeln.“2967 „[…] [S]ie [können] ihre Fremdreferenzen für multiple Programmierungen ihrer Entscheidungen einsetzen […].“2968 „Organisationen tragen zur strukturellen Kopplung von Funktionssystemen bei, speziell dadurch, dass sich mehrere Funktionssysteme, wie es bei Luhmann an einer Stelle heißt, in einer Organisation ‚einnisten‘ können.“2969 „Sie bilden gerade deswegen aber und weil sie adressierbare, also kommunikationsfähige Sozialsysteme 2964 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 455; vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 209 2965 Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 362; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 195; vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 162 2966 Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 162; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 195 2967 Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 162; vgl. Tacke, Veronika: Funktionale Differenzierung als Schema der Beobachtung von Organisationen. Zum theoretischen Problem und empirischen Wert von Organisationstypologien, S. 166; vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 40, S. 43 2968 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 209 2969 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205; vgl. Simsa, Ruth: Strukturelle Kopplung: Die Antwort der Theorie auf die Geschlossenheit sozialer Systeme und ihre Bedeutung für die Politik, S. 159 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 585 sind, die Folie für intra- und interorganisatorische Konflikte, in welchen sich Selbst- und Fremdbeschreibungen der Funktionssysteme gewissermaßen niederschlagen können.“2970 Ermöglichung des gleichzeitigen Gebrauchs von Ereignissen in unterschiedlichen Funktionssystemen (Nassehi, Tratschin) „Organisationssysteme scheinen […] unter anderem die Funktion zu haben, Ereignisse zum gleichzeitigen Gebrauch in unterschiedlichen Funktionssystemen zu ermöglichen […].“2971 Zu dem Problem der Mehrsystemzugehörigkeit wird auf das Kapitel 7.4.4 verwiesen. Erzeugung von Positionen und Zurechenbarkeiten an Personen (Nassehi) „Organisationen sind in diesem Sinne auch Maschinen zur Erzeugung von Positionen und Zurechenbarkeiten an Personen, die jene inkludierende und exkludierende Struktur erzeugen, die uns als das Organisationsarrangement der klassischen Moderne ein Normalmodell vorgaukelt, dem noch die soziologische Nomenklatur ihre grundlegenden Unterscheidungen verdankt.“2972 Kommunikationsfähigkeit von Organisationen (Tratschin) Luhmann hat Organisationen als einziger kommunikationsfähiger Typ sozialer Systeme beschrieben.2973 Laut Tratschin ist diese These nicht haltbar, denn es wird „ […] das systemtheoretische Kommunikations- und Systemkonzept [ignoriert].“2974 „Das schliesst [sic!] aber nicht aus, dass Organisationen Kommunikation zugerechnet werden kann und es lässt sich weiterhin argumentieren, dass Organisation der einzige Typ sozialer Systeme ist, auf den Kommunikation zurechenbar ist. Dies ist mit dem 2970 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 205 2971 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 455; vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 163 2972 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 469 2973 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 388 2974 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 158 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 586 Sachverhalt begründbar, dass die hierarchische Strukturierung von Organisation Kommunikationszurechnung ermöglicht, während Funktions- und Interaktionssysteme keine solche Zurechnung ermöglichende Struktur aufweisen.“2975 Generierung und Sichtbarmachen sozialer Ungleichheiten (Nassehi) „Zugleich generiert diese Zuweisung von Positionen nicht nur soziale Ungleichheiten, sondern macht sie zugleich noch sichtbar, benennbar und in Teilen sogar legitimierbar. Das gilt sowohl innerhalb von Organisationen als auch zwischen ihnen. […] Erst eine organisationssoziologische Perspektive kann zeigen, dass soziale Ungleichheit keine Abweichung vom Selbstverständnis der Moderne ist, sondern ihre Folge.“2976 „Organisationen sind in diesem Sinne nicht nur Exklusionsmaschinen nach außen, sondern auch Ungleichheitsmaschinen nach innen.“2977 Regulierung von Inklusion und Exklusion für die Funktionssysteme (Nassehi, Brodocz, Tratschin) Luhmann verweist auf das „[…] Umkehrverhältnis von Inklusion und Exklusion.“2978 „Sind Funktionssysteme der modernen Gesellschaft letztlich Inklusionsmaschinen, könnte man Organisationen als Exklusionsmaschinen bezeichnen, deren Grundstruktur in entscheidungsgestützten selektivem Zugriff auf Menschen besteht und damit zugleich als Generator von Inklusion fungiert.“2979 2975 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 159 2976 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 469 2977 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 470 2978 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 192 2979 Nassehi, Armin: Die Organisationen der Gesellschaft. Skizze einer Organisationssoziologie in gesellschaftstheoretischer Absicht, S. 469; vgl. Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 362; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 844; vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 192–193; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 390; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 232–233; 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 587 Sichtbarmachen von Leistungsstörungen und Konflikten (Bora) „Leistungsstörungen und Konflikte [zwischen Funktionssystemen] werden allerdings auf Ebene von Organisationen sichtbar, da Funktionssysteme selbst nicht mit anderen Systemen kommunizieren können“2980, „[…] und zwar vor allem dort, wo Organisationen der strukturellen Kopplung zwischen Funktionssystemen dienen.“2981 Wechselseitiger Erwartungsadressat (Brodocz) Brodocz beschäftigt sich intensiv mit dem Politiksystem und dessen Besonderheiten in Bezug auf strukturelle Kopplungen und deren Rückgriff auf Verbände2982, wobei „Verbände […] Organisationen [sind].“2983 „[…] [A]us der Sicht des Theorems der strukturellen Kopplung [fungieren] […] bei dieser Art der strukturellen Kopplung Organisationen als diejenigen Einrichtungen […], die als wechselseitiger Erwartungadressat für die jeweilig strukturell gekoppelten Funktionssysteme genutzt werden. […] Zur strukturellen Kopplung werden Organisationen erst durch die strukturell gekoppelten Funktionssysteme.“2984 Erwartungsstrukturen (Drepper) Laut Drepper fungieren „[…] strukturelle Kopplungen […] ausnahmslos als Erwartungsstrukturen, in denen die Erwartungen vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 16; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 392; vgl. Baecker, Dirk (Hrsg.): Niklas Luhmann. Einführung in die Theorie der Gesellschaft, S. 283; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 42; vgl. Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 159; vgl. Nassehi, Armin: Organizations as Decision Machines. Niklas Luhmanns Theory of Organized Social Systems, S. 189 2980 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 203–205 2981 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 204; vgl. Nassehi, Armin: Organizations as Decision Machines. Niklas Luhmanns Theory of Organized Social Systems, S. 189 2982 vgl. Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 372 2983 Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 379 2984 Brodocz, André: Strukturelle Kopplung durch Verbände, S. 379 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 588 der Teilsysteme aneinander kondensieren. […] Der entscheidende Punkt ist […] [Dreppers Meinung nach], dass strukturelle Kopplungen an den Strukturen der gekoppelten Systeme ansetzen und dort Kompatibilität und Sinngeneralisierung nutzen. […] Es scheint so, als könnten strukturelle Kopplungen immer dann stärker abstrahiert eingerichtet werden, wenn Medien als abstrakte Ebenen der Sinngeneralisierung und die Konditionierung von Selektionsangeboten hoch technisiert sind, sprich eine klare binäre Codierung vorliegt und die Programmierung exklusiv auf diesen Code bezogen werden kann.“2985 Verschränkung der Programme und (Entscheidungs-)Programme (Drepper, Lieckweg und Wehrsig, Baecker) Drepper stellt fest, dass der Programmbegriff bei Luhmann „[…] sowohl für die Ebene von Teilsystemen wie für die Ebene von Organisationen verwendet [wird]. Diese Doppelverwendung des Programmbegriffs für die Ebene der Erwartungsstrukturierung in Teilsystemen und Organisationssystemen […] ist von Luhmann nicht systematisch geklärt worden. Darunter leidet auch die systematische Ausarbeitung der Relation von Teilsystemen und Organisation.“2986 Nach Lieckweg und Wehrsig sind „[…] die (Entscheidungs-)Programme der Organisationen mit den Programmen der Funktionssysteme verschränkt […]. Und zwar in der Weise, dass die Unbestimmtheit der Programme der Funktionssysteme auf der Ebene von Organisationen in Bestimmtheit überführt wird. Liefern die Programme der Funktionssysteme wichtige Strukturvorgaben, so werden die Inhalte erst von Organisationen gestaltet. Vertragsformen sind z. B. solche Programmstrukturen des Rechtssystems, erfahren ihre je konkrete Ausgestaltung aber erst in der Kommunikation von Organisationen.“2987 „Die 2985 Drepper, Thomas: Organisationen der Gesellschaft, S. 240 2986 Drepper, Thomas: Organisationen der Gesellschaft, S. 79 2987 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 53; vgl. Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 57–58 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 589 Programme der Funktionssysteme sind auf Entscheidbarkeit angewiesen und die Programme der Organisationen auf funktionssystemweite Anschlussmöglichkeiten. Dabei darf man die Programme der Organisationen allerdings nicht als lediglich ausführende Programme der Funktionssysteme verstehen. Erst die Unabhängigkeit und gleichzeitige Bezugnahme der Programme aufeinander macht deutlich, warum in der modernen Gesellschaft die Leistungsfähigkeit (fast) aller Funktionssysteme auf organisierten Sozialsystemen gründet. Denn entscheidbar werden die Programme der Funktionssysteme erst auf der Ebene der Organisationen.“2988 Laut Baecker bringt „[e]ine Differenzierung von Funktionssystem und Organisationssystemen […] einen erhebliche Entspannung und damit auch Entlastung zustande. Das erste und wichtigste Produkt einer solchen Differenzierung ist die Möglichkeit, zwischen der Codierung des Funktionssystem [sic!] auf der einen Seite und den Programmen von Organisationen, die sich an diesem Code orientieren, auf der anderen Seite zu unterscheiden.“2989 Baecker bezieht sich hier auf das Werk „Ökologische Kommunikation“ von Luhmann, wobei Luhmann hier nicht explizit den Begriff Programm auf Organisationen bezieht. So kann und muß „[…] auf der Ebene der Organisation entschieden werden […], was auf der Ebene des Funktionssystems nicht entschieden werden kann […].“2990 Unsicherheitsabsorption (Tratschin) „Die mit dem Autoritätsverlust der funktionalen Differenzierung verbundenen Unsicherheiten der Gesellschaft können teilweise 2988 Lieckweg, Tania; Wehrsig, Christof: Zur komplementären Ausdifferenzierung von Organisationen und Funktionssystemen. Perspektiven einer Gesellschaft der Organisation, S. 57–58 2989 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 2, 1994, S. 93–110, S. 105 2990 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 105 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 590 durch Organisationen kompensiert werden.“2991 „Durch organisationale Autorität kann Unsicherheit absorbiert werden […].“2992 Luhmann selbst hat in „Organisation und Entscheidung“ festgestellt, dass „[…] Organisationen [das] fehlt […], was in den gesellschaftlichen Funktionssystemen die binäre Codierung leistet, die Orientierung an einer einzigen Positiv-negativ-Unterscheidung wie Haben/Nichthaben, Wahrheit/Unwahrheit, Recht/Unrecht. […] Entscheidungsprämissen sind […] auf der Ebene der Organisationssysteme das funktionale Äquivalent für die Codierung der Funktionssysteme. […] Aber sie sind, im Unterschied zu den Codes der Funktionssysteme, veränderbar, wenn auch nur in ständiger selbstreferenzieller Anpassung an das, was im Moment nicht zur Disposition steht.“2993 Drepper hat sich zusätzlich mit Funktionssystemen ohne Kommunikationsmedium beschäftigt.„In solchen Systemen, in denen kein elaboriertes und hoch technisiertes Medium zur Verfügung steht, müssen für die Kopplung von Selektionsofferte und Selektionsannahme funktionale Äquivalente gefunden werden. […] [Dies betrifft] die Funktionssysteme, die überwiegend mit der personalen Umwelt der Gesellschaft zu tun haben, in denen es in der Kommunikation um people crossing und people changing geht. Und das sind die Systeme, die in ihrer sachlichen Generalisierung von Weltbezügen immer auch starke Rücksichten auf Kompatibilitäten in der Sozialdimension nehmen müssen, etwa wie das Erziehungssystem oder das medizinische System. In diesen sozialintensiven Systemen müssen andere Strukturebenen für die Überbrückung des Annahme-/Ablehnungsrisikos jeder Kommunikation sorgen, etwa Personalautorität oder auch Professionsrollen (Arzt, Lehrer, Professor), die asymmetrische Kompetenzen ver- 2991 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 160; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 837 2992 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 160 2993 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 238–239; vgl. Vogd, Werner: Zur Soziologie der organisierten Krankenbehandlung, S. 153– 154 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 591 sprechen und somit zur Annahme der jeweiligen Selektionsofferte motivieren sollen, oder aber der Verweis auf tradierte und habitualiserte Organisationsroutinen (‚Das wird hier so gemacht‘). Solche Strukturen, und das ist der Kardinalunterschied zu anderen ausdifferenzierten Funktionssystemen der Gesellschaft, werden interaktionsförmig reproduziert und organisationsfähig stabilisiert.“2994 Auch Tratschin weist darauf hin, dass „[d]as Kommunikationsmediendefizit in Medizinsystem und Erziehung […] unter anderem durch Organisation kompensiert werden [kann].“2995 Zusätzlich wird „[…] [d]ie Unwahrscheinlichkeit der Selektionen dieser beiden Subsysteme der Gesellschaft in einem ersten Schritt durch Professionen bearbeitet, die für rollenförmige Interaktionen sorgen.“2996 Luhmann selbst legt großen Wert auf die Unterscheidung der Begriffe Funktion und Leistung. „Von der Funktion der Teilsysteme ist ihre Leistung für die Gesellschaft zu unterscheiden. Im Grunde besteht die Differenz darin, dass eine potenziell gesicherte Leistung, Funktion genannt, als aktuelle Leistung auch tatsächlich erbracht wird. Der Unterschied ist gleichwohl nicht unerheblich, da sich nur auf der Ebene der Leistungen Austauschbeziehungen zwischen jeweils partizipierenden Systemen beobachten lassen.“2997 „Erst unter dem Regime der funktionalen Differenzierung lassen diese beiden Aspekte, Funktion und Leistung, sich unterscheiden […].“2998 Die Leistungen, die das Rechtssystem für andere Funktionssysteme erbringt, sind Verhaltenssteuerung und Konfliktlösung.2999 Schimank äußert hierzu: „Die Teilsysteme benötigen vielerlei Leistungen voneinander, müssen also gewissermaßen aufeinander zugehen, ohne doch miteinander reden zu 2994 Drepper, Thomas: Organisationen der Gesellschaft, S. 240–241 2995 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 15 2996 Tratschin, Luca: Organisation und moderne Gesellschaft: Zum Verhältnis von Organisation und funktionaler Differenzierung in Niklas Luhmanns Systemtheorie, S. 151 2997 Krause, Detlef: Luhmann–Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 46 2998 Luhmann, Niklas: Das Recht der Gesellschaft, S. 157 2999 vgl. Luhmann, Niklas, Das Recht der Gesellschaft, S. 157 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 592 können.“3000 „Es geht […] [also] nicht nur um wechselseitige Störung.“3001 7.4.2 Strukturelle Kopplung über Organisation Lieckweg beschäftigt sich zusätzlich mit Luhmanns Formulierung „strukturelle Kopplung über Organisation“. Luhmann selbst stellt fest, dass strukturelle Kopplungen „[…] in der notwendigen Komplexität und Differenziertheit kaum möglich [wären], wenn es nicht Organisationen gäbe, die Informationen raffen und Kommunikationen bündeln können und so dafür sorgen können, dass die durch strukturelle Kopplungen erzeugte Dauerirritation der Funktionssysteme in anschlussfähige Kommunikation umgesetzt wird.“3002 Luhmann formuliert, dass sich diese Art von Kopplung „[…] vor allem für die Beziehungen der Politik zu Funktionssystemen anzubieten [scheint], in denen interaktionsintensiv, also personalintensiv, also kostenträchtig gearbeitet werden muß. Das gilt für das Erziehungssystem und, weniger zwingend, auch für das System der Krankenbehandlung – also für Fälle, in denen die Gesellschaft nicht nur die Annahme und Weiterführung der Kommunikation gewährleisten muß, sondern über Kommunikation auch Personen zu verändern sucht. Ein solches ‚people processing‘ erfolgt in der Interaktion unter Anwesenden. Diese kann aber nicht dem Zufall ihres Zustandekommens überlassen bleiben, sondern wird, wenn der Bedarf eine bestimmte Größenordnung erreicht, organisiert. Nur so können rationale Formen der Zusammenfassung und Differenzierung von Fallgruppen sowie langwierige Behandlungssequenzen sichergestellt werden; und nur so kann eine gewisse Unabhängigkeit von den Finanzmittlern Einzelner und eine generalisierte Vorsorge für Behandlungsmöglichkeiten sichergestellt werden.“3003 3000 Schimank, Uwe: Kapitel 4. Luhmanns Sicht gesellschaftlicher Differenzierung als Polykontexturalität selbstreferentiell geschlossener Teilsysteme, S. 169 3001 Schimank, Uwe: Kapitel 4. Luhmanns Sicht gesellschaftlicher Differenzierung als Polykontexturalität selbstreferentiell geschlossener Teilsysteme, S. 169 3002 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 400 3003 Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 396 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 593 Für Lieckweg hat „[…] die Formulierung ‚strukturelle Kopplung über Organisation‘ einen sehr zusammenfassenden Charakter […]. Zwar wird die Rolle von Organisationen im Zusammenhang mit strukturellen Kopplungen stark betont, aber es bleibt offen in welcher Weise Organisationen beteiligt sind.“3004 Es gibt drei mögliche Bedeutungen für die Formulierung „strukturelle Kopplung von Funktionssystemen über Organisation“:3005 „Organisationen stellen ganz allgemein mit ihren Strukturen die Voraussetzungen für die strukturelle Kopplung von Funktionssystemen bereit“3006, oder Organisationen können „[…] selbst als strukturelle Kopplungen von Funktionssystemen […]“3007 verstanden werden, allerdings nur in einigen Ausnahmen, oder sie dienen „[…] der Vermittlung der strukturellen Kopplung zweier Funktionssysteme […]“3008 bzw. sie beziehen sich „[…] auf die aus der strukturellen Kopplung notwendig gewordenen Übersetzungsleistungen […].“3009 In der Vermittlerfunktion „[…] ermöglichen [sie] die Realisierung struktureller Kopplung und sind damit Ausdruck der strukturellen Kopplung. Sie sind selbst nicht als strukturelle Kopplung anzusehen, erscheinen aber auf den ersten Blick als solche, da sie die strukturelle Kopplung tragen und innergesellschaftlich als Adressat fungieren.“3010 „Aber Organisationen, die Kopplungssysteme sind, müssten folgende Kriterien erfüllen: sie müssten die Lösung für die Selbstreferenzprobleme der gekoppelten Systeme sein und sie dürfen kein ‚Zwischen‘ den Systemen sein, sondern müssten von beiden Sys- 3004 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 287 3005 vgl. Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 280 3006 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 267 3007 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 276 3008 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 278 3009 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 271 3010 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 279 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 594 temen gleichermaßen, aber auf je eigene Weise in Anspruch genommen werden.“3011 „[…] [A]uf Ebene der Funktionssysteme, [sic!] sind die Besonderheiten des Systemtyps Organisation vor allem darin zu sehen, daß sie entscheidungsfähige Sozialsysteme sind, die im eigenen Namen kommunizieren können. Aufgrund dieser Eigenschaft ermöglichen sie Funktionssystemen Kommunikations- und Entscheidungsfähigkeit. […] Aufgrund der eigenen Entscheidungsfähigkeit werden Organisationen zu Trägern der Programmstrukturen der Funktionssysteme […].“3012 Auch Beetz stellt diesbezüglich Fragen, „[…] was es für ein Funktionssystem bedeutet, seine Irritabilität über strukturelle Kopplungen mit Organisationen laufen zu lassen.“3013 Hierbei können seiner Meinung nach drei Aspekte diskutiert bzw. analysiert werden, nämlich (1) die Möglichkeit der strukturellen Kopplung von Organisationen untereinander, um die Kopplung eines Funktionssystems mit Organisation auf Konsequenzen hinsichtlich der Integration des Funktionssystems zu untersuchen, (2) Organisation als Mechanismus struktureller Kopplung von gesellschaftlichen Funktionssystemen und (3) Organisation als Vermittler zwischen den Funktionssystemen der Gesellschaft und den einzelnen Interaktionen unter Anwesenden sowie schließlich den Menschen.3014 Offensichtlich bezieht er sich dabei auf Lieckweg, deren Ausarbeitung auch im Literaturverzeichnis zu finden ist, benennt dies aber nicht. 7.4.3 Externe Kommunikationsfähigkeit von Organisationen Luhmann hat Organisationen besondere Eigenschaft zugesprochen, nämlich dass diese „[…] die einzigen Sozialsysteme sind, die mit Sys- 3011 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 276 3012 Lieckweg, Tania: Strukturelle Kopplung von Funktionssystemen „über“ Organisation, S. 272 3013 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 68–69 3014 vgl. Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssysteme, S. 71 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 595 temen ihrer Umwelt kommunizieren können.“3015 Organisationen können trotz ihrer operativen Geschlossenheit „[…] intern erarbeitete Resultate nach außen […] kommunizieren.“3016 Sie statten also Funktionssysteme, in denen sie gebildet werden, mit externer Kommunikationsfähigkeit aus.3017 „Dies Nach-außen-Kommunizieren setzt Autopoiesis auf der Basis von Entscheidungen voraus. Denn die Kommunikation kann intern nur im rekursiven Netzwerk der eigenen Entscheidungstätigkeit angefertigt werden; sie wäre andernfalls nicht als Kommunikation erkennbar. Die Kommunikation widerspricht also nicht der operativen Geschlossenheit des Systems; im Gegenteil: sie setzt sie voraus.“3018 „Am liebsten kommunizieren Organisationen mit Organisationen […].“3019 „Es gibt also durchaus Kommunikationen, die systeminterne Systemgrenzen überschreiten.“3020 Luhmann beschreibt aber auch das Verhältnis von moderner Gesellschaft zu dem, was Organisationen leisten können, allgemein durch den Ausdruck der „Irritation“.3021 Irritation als Vorschaltebegriff zur Information ist eine „[…] noch undefinierte Überraschung, die auf die Umwelt bezogen, aber im System selber erzeugt wird. Nicht die Umwelt ist irritiert, sondern das System.“3022 „Als Empfänger von Kommunikation regeln die eigenen Strukturen der Organisation, durch 3015 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 842–843; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 241; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383, S. 388–389, S. 401 3016 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 672–673 3017 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 842–843; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 388–389; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 241 3018 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383, S. 388 3019 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 834; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 383, S. 388; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 607 3020 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 607; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 52 3021 vgl. Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 17–18; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 190, S. 192 3022 Luhmann, Niklas: Sich im Undurchschaubaren bewegen. Zur Veränderungsdynamik hochentwickelter Gesellschaften, S. 17 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 596 welche Informationen sie sich irritieren und zu eigener Informationsverarbeitung anregen lässt. Als Absender von Kommunikationen trifft die Organisation Entscheidungen darüber, was sie mitteilen will und was nicht. Insofern bleibt die Umwelt für die Organisation eine eigene Konstruktion, deren Realität natürlich nicht bestritten wird.“3023 Kneer stellt entgegen Luhmanns Ausführungen zur, „[…] grenzüberschreitenden Kommunikationsfähigkeit von Organisationen […] [fest, dass diese nicht] mit dem Autopoiesis-Konzept vereinbar [sind].“3024 „Aus den Grundannahmen des Autopoiesis-Konzepts ergibt sich […] zwingend, dass auch diese Entscheidungen – wie im übrigen auch die Entscheidung für ein Nach-Außen-Kommunizieren – stets interne Operationen organisierter Sozialsysteme sind, also die Organisation nicht verlassen können. Die Organisation selbst mag das anders sehen, mag sich also als kommunizierende Einheit beschreiben. Hierbei handelt es sich jedoch um eine Selbstbeschreibung. Die Autopoiesis- Theorie unterscheidet sorgfältig zwischen operativer Selbsterzeugung der Organisation und Selbstbeschreibung der Organisation. Auf operativer Ebene bleibt grenzüberschreitendes Kommunizieren ausgeschlossen, auf der Ebene der Selbstbeschreibungen nicht – weil hier Kommunikation handlungstheoretisch in ein nach außen gerichtetes Mitteilungshandeln umgedeutet wird.“3025 Kneer reformuliert die These der Kommunikationsfähigkeit von Organisationen. „Orientiert man sich an den Prämissen des Autopoiesis- Konzepts, dann ist ein operativer Kontakt zwischen zwei Organisationssystemen vollkommen ausgeschlossen. Nicht ausgeschlossen ist dagegen, dass zwei Organisationssysteme in eine Situation doppelter Kontingenz geraten, sich also wechselseitig beobachten, wechselseitig 3023 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 52 3024 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414; vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 413 3025 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 414 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 597 Erwartungen aufbauen und sich mit ihren stets internen Operationen am jeweiligen Gegenüber orientieren. Eine Grundannahme der Theorie sozialer Systeme besagt, dass zwei operativ geschlossene Systeme, die es in diesem Sinne miteinander zu tun gekommen, ein drittes System konstituieren. Dieses Drittsystem ist mit keinem der beiden Ausgangssysteme identisch, sondern etabliert eine eigenständige System/Umwelt-Differenz.“3026 „Vor allem Funktionssysteme übernehmen die Rolle von Drittsystemen.“3027 Kneer führt den Begriff der kooperativen Person ein, da „Organisationen […] als Attributionsadressen gesellschaftlicher Kommunikation [fungieren.“3028 Er knüpft damit an den Personenbegriff von Luhmann an und greift Luhmanns Aussage auf, dass Funktionssysteme durch Organisationen mit externer Kommunikationsfähigkeit ausgestattet werden.3029 Das heißt, dass organisierte Sozialsysteme kommunikationsfähig sind.3030 Kneer bezeichnet allgemein „[…] Orientierungspunkte, denen Kommunikationen als Handlungen zugerechnet werden, als kommunikativ konstruierte Adressen […].“3031 „Personen […] sind Konstruktionen der Kommunikation für Zwecke der Kommunikation. […] Immer wenn Organisationen kommunikativ thematisiert werden, […] [spricht Kneer] im Weiteren allgemein von korporativen Personen. Ebenso wie bei individuellen Personen handelt es sich bei korporativen Personen um kommunikativ produzierte Einheiten, um kommunikative 3026 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 418 3027 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 418 3028 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 419 3029 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 409; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 843 3030 vgl. Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 413 3031 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 419 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 598 Strukturen, die die Kommunikation ausschließlich für Zwecke der Kommunikation erzeugt.“3032 „Bei korporativen Personen handelt es sich, ebenso wie bei individuellen Personen, um reale Fiktionen. Personen sind fiktiv, da sie nicht mit psycho-physischen Menschen bzw. sozialen Organisationen identisch sind. Und sie sind real, weil die Fiktion Strukturwert gewinnt.“3033 Organisationen lassen sich also „[…] unter einem Doppelaspekt thematisieren […]: als Organisationssysteme und als korporative Personen. Als Organisationssysteme stellen Organisationen einen besonderen Typus sozialer Systeme dar, die sich dadurch reproduzieren, dass die Entscheidungen rekursiv an Entscheidungen anschließen. Als korporative Personen handelt es sich bei Organisationen um kommunikativ konstituierte Zuschreibungsinstanzen. Wenngleich sich beide Aspekte wechselseitig ergänzen, so sind sie begrifflich doch sorgfältig zu unterscheiden.“3034 „Von einer Kommunikationsfähigkeit [von Organisationen] lässt sich nicht auf der Ebene der operativen Selbstkonstitution, sondern ausschließlich auf der Ebene der kommunikativen (Selbst-)Beschreibung sprechen.“3035 Da das Konzept der kooperativen Personen auf der doppelten Kontingenz beruht, wird hier die Zusammenfassung von Esposito aufgegriffen: „Doppelte Kontingenz beschreibt für Luhmann die Begegnung zweier black boxes, die füreinander intransparent bleiben, aber voneinander abhängig sind und gegenseitig darum wissen. Eine gewisse Transparenz für das In-Gang-Setzen einer sozialen Dynamik, [sic!] entsteht nicht, weil jeder weiß, was der jeweils andere denkt und will (eine unrealistische und sogar beunruhigende Perspektive), sondern weil beide wissen, dass auch der andere entscheidet, wie er sein Ver- 3032 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 419–420 3033 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 420 3034 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 420 3035 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 420 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 599 halten nach dem Verhalten der Gegenseite ausrichtet. Transparenz entsteht also aus Abhängigkeit. Beide sind frei in der Entscheidung, und gerade deshalb wissen sie zunächst nicht, was zu tun ist. Es reicht dann, dass etwas passiert (eine Begrüßung, eine Mitteilung, eine Geste), um eine Dynamik der gegenseitigen Konditionierung in Gang zu setzen und eine Art Koordination zu produzieren.“3036 „Um eine solche emergente Ordnung zu produzieren, ist die gegenseitige Abhängigkeit der beteiligten Systeme, aber auch ihre Freiheit nötig: Jedes System kann zwischen verschiedenen Verhaltensweisen wählen, was es gleichzeitig intransparent macht. […] Doppelte Kontingenz bedeutet […] die zirkuläre Lage, in der die Möglichkeiten des einen von den Möglichkeiten des anderen abhängig sind.“3037 Beetz betrachtet den Begriff der doppelten Kontingenz eher kritisch: „Zur Klärung von Intersystembeziehungen leistet der Begriff der Doppelten Kontingenz insofern einen Beitrag, als er erklärt, wie die offene Beziehung zweier Systeme über emergierendes drittes System (insbesondere der Gesellschaft als Koordinationsinstanz menschlichen Verhaltens) geregelt werden kann. Er dient weniger der Erklärung als vielmehr der theoretischen Rechtfertigung der Möglichkeit von Emergenz.“3038 Luhmann selbst hat „Organisationen […] [als] die einzigen Sozialsysteme [bezeichnet], die regulär als ‚kollektive Akteure‘ auftreten können; die einzigen Sozialsysteme, die im Kommunikationssystem Gesellschaft „im eigenen Namen“ kommunizieren“ können.“3039 Das können sie nur deshalb, „[…] weil sie Mitglieder durch Entscheidungen rekrutieren und sich, wenn Mitgliedschaft akzeptiert wird, zur Anerkennung der Entscheidungen der Organisation verpflichten.“3040 3036 Esposito, Elena: Doppelte Kontingenz (4. Kapitel). In: Horster, Detlef (Hrsg.): Niklas Luhmann. Soziale Systeme. Akademie Verlag, Deutschland, 2013, S. 49–59, S. 50–51 3037 Esposito, Elena: Doppelte Kontingenz (4. Kapitel), S. 52 3038 Beetz, Michael: Organisation und Gesellschaft. Eine systemtheoretische Analyse des Verhältnisses von Organisationen zu gesellschaftlichen Funktionssystemen, S. 50 3039 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft und ihre Organisationen, S. 191 3040 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 390 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 600 7.4.4 Mehrsystemzugehörigkeit Zum Begriff Mehrsystemzugehörigkeit äußert sich Luhmann dahingehend, dass „[…] innerhalb der Gesellschaft […] Mehrsystemzugehörigkeiten von Ereignissen (zum Beispiel eine Zahlung als Änderung eines Rechtszustandes) zu beobachten [sind].“3041 „Solche Mehrsystemereignisse sind zwar artifizielle Konstruktionen. Sie haben keine einheitliche Vergangenheit und keine einheitliche Zukunft. Sie führen Geschichte zusammen und wieder auseinander. Sie integrieren und desintegrieren die unterschiedlichen Systeme, aber alles nur für den Moment, in dem die Operation Beobachtung sich aktualisiert. Die Beobachtung konstruiert also eine temporale Realität, eine zeitdurchwirkte Wirklichkeit, in der sie selbst Eigenzeit braucht, um sich orientieren zu können. Wenn die Welt die Möglichkeit einschließt, sich selbst zu beobachten, entsteht damit eine Realität, die mit operativer Geschlossenheit kompatibel ist, ja dieses Strukturgesetz auch in der Operation Beobachtung wieder voraussetzt, aber davon abhebt und sich ihr mit eigenen Reduktionen überlagert. Und schließlich ist diese Eigenleistung des Beobachters selbstanwendungsfähig: Der Beobachter kann seine Beobachtung mit dem beobachteten Ereignis identifizieren, kann als Mehrsystemzugehörigkeiten produzieren – aber auch dies nur als faktische Operation, nur von Moment zu Moment, nur als autopoietisches System.“3042 „Eine besondere Leistung der Beobachtung besteht [also] vor allem darin, Ereignisse mit Mehrsystemzugehörigkeit als Einheiten identifizieren zu können.“3043 Auch im Luhmann-Lexikon wird der Begriff der Mehrsystemzugehörigkeit erläutert: „Mehrsystemzugehörigkeit eines Ereignisses ist immer dann gegeben, wenn das betreffende bestimmte Ereignis für mindestens zwei autopoietische Systeme gleichzeitig unterschiedlich informationell […] relevant ist. Die Gleichzeitigkeit des Ereignisses begründet keine Gemeinsamkeit der Elemente in dem Sinne, dass z. B. eine Zahlung in Erfüllung einer Rechtspflicht den Code Recht/Unrecht zum Code des wirtschaftlichen Systems machte, also dessen Code 3041 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 32 3042 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 89 3043 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 88 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 601 Zahlen/Nichtzahlen substituierte. Die bezüglich des betreffenden Ereignisses beteiligten Systeme operieren nach wie vor mit ihrem spezifischen Code, müssen also das betreffende Ereignis in ihren Code übersetzen […]. Ein Beobachter, der eines der beteiligten Systeme selbst sein kann […], kann dennoch eine Leistungsbeziehung beobachten […]. Die Trennung der beteiligten Elemente bleibt trotz allem bestehen.“3044 Kneer legt hierzu Einwände ein. „Legt man das Autopoiesis-Konzept zugrunde, dann ist für Kommunikationen, aufgrund ihres systemrelativen Charakters, eine Mehrsystemzugehörigkeit nicht möglich. Ausgenommen hiervon ist allein der folgende Fall: Elemente eines Subsystems sind zugleich auch Elemente des Gesamtsystems, aus dem sich das Teilsystem differenziert.“3045 Nach der Definition von dem Begriff Autopoieses kann dem Einwand von Kneer die Zustimmung nicht versagt werden. „Autopoiesis heißt: Selbstreproduktion des Systems auf der Basis seiner eigenen Elemente. Oder anders gesagt: Ein autopoietisches System ist ein System, das die Elemente, aus denen es besteht, durch das Netzwerk der Elemente, aus denen es besteht, selbst reproduziert.“3046 „Elemente […] sind […] für diese Systeme nicht weiter auflösbar, sondern fungieren als basale Operation.“3047 Das heißt, die Elemente werden innerhalb eines Systems produziert und sind die Letztelemente dieses Systems. Hier stellt sich allerdings ähnlich die Frage wie bei dem Verhältnis von Organisationen und Funkti- 3044 Krause, Detlef: Luhmann-Lexikon. Eine Einführung in das Gesamtwerk von Niklas Luhmann, S. 172 3045 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 412 3046 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 189; vgl. Luhmann, Niklas: Interventionen in die Umwelt? Die Gesellschaft kann nur kommunizieren, S. 40; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 30; vgl. Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 49, S. 71; vgl. Luhmann, Niklas: Die Politik der Gesellschaft, S. 125; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 12; vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 65–66; vgl. Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 180 3047 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 180 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 602 onssystemen, ob es sich hier tatsächlich um ein topografisches Problem handelt. Für Schmidt bedeutet Mehrsystemzugehörigkeit, dass Organisationen mehreren Funktionssystemen zugeordnet sind, oder aber es muss ganz auf eine Zuordnung verzichtet werden.3048 Er macht dies an einem konkreten Beispiel fest: „Ein Krankenhaus ist ein Krankenhaus, und in welches Funktionssystem es fällt, hängt davon ab, welchen Systemkontext seine Operationen mit Hilfe welcher Codereferenz jeweils aufrufen. Das kann in einem Moment dieser und im nächsten Moment jener sein, und nicht selten werde es mehrere zugleich. Aber es wird nie nur ‚der eine‘ sein, den ‚wir alle‘ nahezu reflexartig assoziieren, wenn die Rede auf Krankenhäuser kommt. Man hat also realistischerweise von Mehrsystemzugehörigkeit auszugehen.“3049 „Ein kommunikationstheoretisch gefaßter Systembegriff schärft den Blick für solche Mehrsystemzugehörigkeiten […] [von Organisationen].“3050 Er nutzt den Begriff ähnlich wie den der Multireferenzialität. 7.4.5 Steuerung/Regulierung/Einflussnahme In der Theorie selbstreferenziell-geschlossener Systeme geht „[…] es um strukturdeterminierte Systeme […], das heißt um Systeme, die ihre eigenen Strukturen nur durch eigene Operationen ändern können.“3051 „Alle Steuerung ist daher immer eine Operation (oder ein Teilsystem von Operationen) neben vielen anderen im System, das dadurch reproduziert wird, und zwar unabhängig von der weiteren Frage, ob die Steuerung sich mit dem System selbst oder mit seiner Umwelt befaßt.“3052 3048 vgl. Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 410–411 (teils Fußnote) 3049 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 411 3050 Schmidt, Volker H.: Die Systeme der Systemtheorie. Stärken, Schwächen und ein Lösungsvorschlag, S. 411 3051 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 331 3052 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 331–332 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 603 „Was im Steuerungsprozeß als Input wahrgenommen wird, ist nur eine im System selbst konstruierte Information, und diese Konstruktion ist nichts anderes als eine Komponente der Unterscheidung, deren Differenz das System zu minimieren sucht. In der Außenwelt gibt es weder Inputs noch Outputs, weder Informationen noch Möglichkeitsbereiche, aus denen Informationen ausgewählt werden. Die Außenwelt ist, wie sie ist: stur, möglichkeitslos und unbekannt.“3053 „Die Steuerung des Systems ist also immer Selbststeuerung, ob sie nun mit Hilfe einer intern konstruierten Unterscheidung von Selbstreferenz und Fremdreferenz sich auf das System selbst bezieht oder auf seine Umwelt“3054 „[…] und nur in diesem Rahmen handlungsleitendes Unterscheiden.“3055 Das heißt: „Es gibt keine Mitwirkung von außen, keine Beratung, wohl aber Möglichkeiten des Einbaus temporärer, fremdartiger Beratungssysteme in das System.“3056 Auch ist die Strukturentwicklung davon abhängig, „[…] an welche Umweltausschnitte ein System langfristig gekoppelt ist […] – einfach deshalb, weil das System seine Strukturen aus Anlass von spezifischen Irritationen aufbaut und ändert.“3057 Die Organisation als soziales System entfaltet „[…] ihre eigene Dynamik. Wenn alles auf Entscheidungen zurückgeführt werden kann, muß nichts so bleiben, wie es ist. Aus demselben Grund kann es aber auch so bleiben, wie es ist. […] Auch wird oft entschieden, den Zustand des Systems festzustellen und entsprechende Statistiken anzufertigen, die dann möglicherweise den Planern als Entscheidungsgrundlage dienen. Schließlich laufen auch die Kontakte mit dem Rechtssystem über Entscheidungen, denn wie anders sollte vor Ort beobachtet werden, daß das Recht beachtet wird.“3058 Veränderungen bzw. Evolution von Organisationen bedeutet im systemtheoretischen Sinne Strukturveränderungen bzw. Veränderungen von Entscheidungsprämis- 3053 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 334 3054 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 334 3055 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 338 3056 Luhmann, Niklas: Die Wirtschaft der Gesellschaft, S. 332–333 3057 Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft, S. 40–41 3058 Luhmann, Niklas: Das Erziehungssystem der Gesellschaft, S. 162–163 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 604 sen.3059 Sie beziehen sich nicht auf die Operationen, da dies „[…] Ereignisse sind, die sich nicht ändern können, sondern mit ihrem Entstehen schon wieder vergehen.“3060 Schimank stellt dazu fest, dass „[d]as Evolutionskonzept […] Luhmann letztlich eher zur pauschalen Zurückweisung aller Arten von ambitionierteren theoretischen Prognose- und praktischen Gestaltungsbestrebungen im Hinblick auf gesellschaftliche Strukturdynamiken [dient]. Man weiß nie, was kommen wird; und die wohlüberlegtesten Planungen scheitern. Beides gilt nicht nur auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene, sondern auch für jedes einzelne Teilsystem. Diese radikale Verunsicherung wird noch weiter zugespitzt, wenn Luhmann gesellschaftliche Strukturdynamiken auch noch jede Fortschrittsgarantie abspricht. Diese Lebenslüge der Moderne ist evolutionstechnisch durch nichts gedeckt. Wissenschaft führt nicht automatisch zu immer besserer Erkenntnis, Wirtschaft nicht zu immer höherem Wohlstand, Krankenbehandlung nicht immer zu mehr Gesundheit.“3061 Bendel, Willke, Bora und Baecker haben den Zusammenhang von operativer Geschlossenheit und Offenheit von Funktionssystemen beleuchtet. Hierbei werden neue Begrifflichkeiten konzipiert bzw. Begriffe systemtheoretisch erklärt, wie Regulierung Responsivität indirekte Kontextsteuerung reflexive Mechanismen dezentrale Kontextsteuerung Kontextbedingungen Intervention 3059 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 351–353; vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S 331 3060 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S 331 3061 Schimank, Uwe: Theorie der modernen Gesellschaft nach Luhmann – eine Bilanz in Stichworten, S. 277–278 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 605 Die vier systemtheoretischen Ausarbeitungen beschäftigen sich damit, wie Systeme gesteuert bzw. reguliert werden können oder wie auf diese Einfluss genommen werden kann unter Beachtung der Autopoiesis der jeweiligen Systeme. Insbesondere geht es (meist) um die Beziehungen von Funktionssystemen. Stellvertretend kritisiert Bendel, dass Luhmanns „[…] ausschließliche Orientierung auf die Eigenselektivität und Selbstkonditionierung eines Systems […] an diesem Punkt eher den Blick auf den Umfang und den Charakter fremdreferentieller Einflüsse [verstellt].“3062 „Das Paradigma systemischer Selbstreproduktion kann […] keineswegs bedeuten, daß soziale Systeme sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigen.“3063 Autopoietische Systeme beobachten ihre Umwelt bzw. die Systeme in der Umwelt und ggf. wirken sich diese Beobachtungen auf die weitere Selbstproduktion aus. Willke und Baecker beziehen sich dabei nicht explizit auf Beobachtungen, deuten dies aber an. Letztlich beschreiben die vier Autoren auf unterschiedliche Weisen einen ähnlichen Sachverhalt. 7.4.5.1 Regulierung / Responsivität (Bora) Bora führt den Begriff der Regulierung ein. Seiner Meinung nach ist „[…] Regulierung durch das Ziel des Beeinflussens hinreichend abgegrenzt. Sie kann also als Kommunikationsform verstanden werden, die mit der Unterscheidung: ‚Einfluss erwartet/nicht erwartet‘ operiert. […] Regulierung bezeichnet eine Systemoperation, die von der Erwartung geleitet ist, dass ein anderer auf Grund der Beobachtung dieser Operation seinen Zustand ändern werde. […] Die kommunizierte Erwartung von Einfluss ist nach dieser Auffassung also entscheidend für 3062 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 268 3063 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 272 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 606 das Verständnis von Regulierung. […] Alle Regulierung trifft auf einen mehr oder minder weiten Bereich des Nicht-Kontrollierten oder Nicht-Kontrollierbaren. Das ergibt sich zwingend aus der […] Autonomie sozialer Systeme. […] Regulierung ist auf die Annahme einer wie immer gearteten Einflussmöglichkeit auf den zu regulierenden Bereich angewiesen. Diese stets mitlaufende Fiktion – im Sinne einer notwendigen Unterstellung – des ‚Unter-Kontrolle-Bringen-Könnens‘ kann mithin als Bedingung der Möglichkeit von Regulierung bezeichnet werden. Und der dadurch markierte Latenzbereich wird auch im Falle von Regulation durch unterschiedliche Kommunikationsmechanismen geschützt.“3064 Solche Mechanismen sind z. B. Thematisierungsschwellen oder Symbolverstärkung.3065 Ein wechselseitiges Beobachtungsverhältnis nennt Bora Responsivität. „Wenn man unter Resonanz generell die Beobachtung von Umweltereignissen versteht, also das Operieren unter Ausnutzung von Umweltkomplexität, so lässt sich Responsivität als ein voraussetzungsreicher Fall von Resonanz begreifen. Von Responsivität kann dort gesprochen werden, wo Systemoperationen systematisch und verlässlich auf die Beobachtung von Umweltereignissen eingestellt werden und eben dadurch wiederum beobachtbare Resonanzen in anderen Systemen auszulösen vermögen.“3066 „Es hat fast den Anschein, als ob im Konzept der Responsivität ein systemtheoretisches Komplement für den subjektphilosophischen Begriff der Verantwortung gefunden werden könnte – responsivity als responsitiblity.“3067 „Reflexion heißt Beobachtung der jeweiligen System-Umwelt- Differenz. In responsiven Kopplungen werden in einer zweiten Reflexionsschleife die Reflexionsleistungen anderer Systeme zum Gegen- 3064 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 211 3065 vgl. Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 211 3066 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 212 3067 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 212 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 607 stand der Beobachtung und der Programmierung von Systemoperationen. Im Spannungsfeld von […] [zwei Funktionssystemen] wäre diese Sensibilität für die Funktionsbedingungen des je anderen Systems über resonanzhaltige strukturelle Kopplungen zu gewinnen, aus denen jedes System hinreichend Irritationen und damit Komplexitätsgewinne für seine eigenen Operationen schöpfen könnte.“3068 7.4.5.2 Indirekte Kontextsteuerung (Bendel) „[…] [D]ie funktionale Ausdifferenzierung operativ geschlossener gesellschaftlicher Teilsysteme [schließt] Möglichkeiten gezielter sozialer Koordination und Beeinflussung grundsätzlich nicht […] aus, sondern [generiert] ihr entsprechende Formen intersystemischer Kopplung […], die modernen, weithin dezentrierten Gesellschaften ein Potential an rationaler Selbstreproduktion erhalten.“3069 Auf die Frage, „[w]ie […] intendierte intersystemische Einflüsse trotz der Eigenselektivität jeweils spezifischer binärer Codes möglich [sind]“3070, verweist Bendel „[…] auf das Modell der ‚indirekten Kontextsteuerung‘ aufgrund der reflexiven Struktur von Sinn.“3071 Die „[…] Gesellschaft wie auch ihren ausdifferenzierten Teilsystemen [bilden] ihre Selbstproduktion in der Weise […] [aus], daß sie als emergenter Zusammenhang in ihrer Umwelt Resonanzen erzeugen, um deren Rückwirkungen zur Selbstreproduktion zu nutzen.“3072 Soziale Systeme 3068 Bora, Alfons: Politik und Recht. Krisen der Politik und die Leistungsfähigkeit des Rechts, S. 212 3069 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 262–263; vgl. Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 271–273 3070 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 268 3071 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 268 3072 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 270; 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 608 können den „[…] Prozeß basaler Selbstreferenz nochmals beobachten und als Baustein der Selbstregulation nutzen. […] Sinnsysteme können also kurz gesagt sich selbst ebenso wie andere Systeme als Einheit in Differenz zu ihrer Umwelt beobachten. Diese Fähigkeit eröffnet ihnen im Hinblick auf intersystemische Einflußbereiche die Möglichkeit, sich als Umwelt anderer Systeme zu betrachten und die eigenen Operationen unter dem Gesichtspunkt ihrer externen Wirkungen zu gestalten.“3073 „[…] [D]er Gesellschaft wie ihren Teilsystemen […] [wird] eine emergente Form reflexiver Selbstreflexion zugestanden […].“3074 Bendel greift die von Luhmann formulierte Differenzierung von Codierung und Programmierung auf.3075 „Trotz eines eigenständigen Codes können externe Ereignisse, wie Luhmann selbst erkennt, die Programme eines Systems offenbar in unterschiedlichem Ausmaß beeinflussen.“3076 Bendel spricht hier die so genannte Umweltoffenheit von Systemen an. Luhmann formuliert hierzu: „Die Differenz von Codierung und Programmierung ermöglicht mithin, und das ist ihre eigentliche Funktion, Geschlossenheit und Offenheit […] zugleich.“3077 „Da […] die Möglichkeit intersystemischer Beeinflussung auf der Ebene der Systemprogramme unabhängig von der operativen Geschlossenheit spezifischer Kommunikationscodes besteht, eröffnen vgl. Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 268–269 3073 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 268–269; vgl. Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 271–272 3074 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 272 3075 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 261 3076 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 268 3077 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 4, S. 197–198 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 609 reflexive Mechanismen die Chance, fremdreferentielle Sachverhalte durch Beobachtung zur Selbstproduktion gezielt zu nutzen. […] Die Binnenkomplexität anderer Systeme schließt dabei keineswegs aus, daß beabsichtigte Effekte mit hoher Wahrscheinlichkeit auch eintreten.“3078 „Der Aufbau von Erfahrungswerten bei der Beobachtung fremdreferentieller Sachverhalte eröffnet Chancen komplexitätsreduzierender Gegenstrategien, ohne die Differenz zwischen den Systemen aufgrund ihrer jeweiligen Eigenselektivität aufheben zu können.“3079 Die beteiligten Systeme „[…] konstituieren und stabilisieren ihre Identität nur durch den Aufbau und die Bestätigung von Erwartungen im Rahmen einer Beteiligung an intersystemischen Kommunikationsprozessen.“3080 „Reflexive Mechanismen tangieren […] nicht den Charakter der Intransparenz intersystemischer Beziehungen, sondern stellen lediglich eine gesteigerte Form der Selbstreferenz dar, ohne die Grenze zwischen System und Umwelt zu relativieren. Sie schaffen keinerlei intersystemische Kontaktbereich oder Austauschbeziehungen.“3081 Bendel verbindet mit diesen Effekten im Gegensatz zu Luhmann eine „[…] Relativierung des autopoietischen Charakters der Reproduktion sozialer Systeme.“3082 7.4.5.3 Dezentrale Kontextsteuerung (Willke) Willke beschäftigt sich mit dem Thema der Steuerung hochentwickelter, moderner Gesellschaften und formuliert: „Besonders wichtig ist […] eine Klärung des Zusammenhangs von operativer Geschlossen- 3078 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 269 3079 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 269–270 3080 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 270 3081 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 269 3082 Bendel, Klaus: Funktionale Differenzierung und gesellschaftliche Rationalität. Zu Niklas Luhmanns Konzeption des Verhältnisses von Selbstreferenz und Koordination in modernen Gesellschaften, S. 269 (Fußnote) 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 610 heit der spezialisierten Kommunikationskreisläufe einerseits und der dadurch bedingten Offenheit gegenüber relevanten leitenden Differenzen in der Umwelt, aus denen das autopoietische System seine Informationen ableitet.“3083 „Es liegt auf der Hand, daß eine Lösung nur dann möglich ist, wenn eine gleichzeitige Steigerung der Abhängigkeiten und Unabhängigkeiten der jeweiligen Subsysteme der Gesellschaft gelingt. Genau auf diese Leistung ist die Idee eines autopoietischen Systems zugeschnitten, welches eine spezifische hochentwickelten Umweltsensibilität gerade auf der zirkulären Geschlossenheit seiner basalen Operationen gründet.“3084 Willke beschreibt die Organisation des Zusammenspiels der gesellschaftlichen Subsysteme als „[r]eflexive dezentrale Steuerung der Kontextbedingungen aller Teilsysteme und selbstreferentielle Selbststeuerung jedes einzelnen Teilsystems.“3085 „Dezentrale Steuerung der Kontextbedingungen soll heißen, daß ein Mindestmaß an gemeinsamer Orientierung oder ‚Weltsicht‘ zwar unumgänglich ist für die Konstitution einer komplexen differenzierten Gesellschaft; daß aber dieser gemeinsame Kontext nicht mehr von einer zentralen Einheit oder von einer hierarchischen Spitze der Gesellschaft erzeugt und vorgegeben werden kann.“3086 „Es gibt keine prinzipiell übergeordneten, dominanten oder steuernden Teile innerhalb des systemischen Kreislaufs – und gerade dies ist der Punkt, der dem herkömmlichen Denken zu begreifen außerordentlich schwer fällt.“3087 „In der Organisationsform dezentraler Kontextsteuerung wird das Dilemma funktionaler Differenzierung mithin gelöst durch eine Kombination von Partizipation und 3083 Willke, Helmut: Gesellschaftssteuerung, S. 46–47 3084 Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 5 3085 Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 5 3086 Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 5–6 3087 Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 13 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 611 Selbstverpflichtung: man könnte von einem Prinzip der Ordnung durch Selbstbindung sprechen.“3088 „[…] [Dezentrale] Kontextsteuerung [mißversteht] die Steuerimpulse nicht als unmittelbare Eingriffe […]. Kontextsteuerung muß ihre Steuerungsabsichten in der Sprache und im Diskriminierungsbereich des jeweils zu steuernden Systems anbieten, um überhaupt steuerungswirksam zu werden.“3089 Ein System kann nur gesteuert/irritiert werden, indem es „[…] systemintern Informationen und Bedeutungen generiert, welche die strukturelle Organisation seines Operationsmodus in seiner bestimmten Weise verändert. Wenn dies gelingt, wenn in dieser Weise Kontextbedingungen in die Autonomie eines zirkulär geschlossenen Operationsmodus eingeschleust werden, dann kann man in einer dem Entwicklungsniveau komplexer lebender Systeme angemessenen Weise von Steuerung sprechen.“3090 Das heißt, dass ein Funktionssystem „[…] Veränderungsabsichten [in anderen Systemen] kanalisiert, die diese Teilsysteme von sich aus haben.“3091 Kontextbedingungen sind für Willke „[…] Strukturvorgaben […], die der Koordination, Abstimmung und Integration der Subsysteme nicht einzelne konkrete Inhalte, sonern [sic!] eher Richtungen im Sinne prozeduraler Muster vorgeben.“3092 „Kontextsteuerung zielt nun genau darauf ab, soziale Systeme in ihrer Fähigkeit zu stärken, die externen Folgen bestimmter Ereignisse – hier vor allem: die Wirkungen der 3088 Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 6 3089 Willke, Helmut: Gesellschaftssteuerung, S. 47; vgl. Willke, Helmut: Gesellschaftssteuerung, S. 48; vgl. Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 10 3090 Willke, Helmut: Gesellschaftssteuerung, S. 50; vgl. Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 9 3091 Willke, Helmut: Kontextsteuerung durch Recht. Zur Steuerungsfunktion des Rechts in polyzentrischer Gesellschaft, S. 21 3092 Willke, Helmut: Gesellschaftssteuerung, S. 45 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 612 selbst produzierten Externalitäten in der Umwelt des Systems – mit zu bedenken und in das eigene Entscheidungskalkül aufzunehmen.“3093 „Durch […] differentielle Zuordnung zu jeweils verschiedenen Kontexten wird aus einem scheinbar ‚einheitlichen‘ gesellschaftlichen Ereignis, wie z. B. einem Flugzeugabsturz, ein ‚poly-kontexturaler‘ Vorgang, der ganz unterschiedliche Informationen liefert, je nachdem, ob er verkehrstechnisch, versicherungsrechtlich, kriminologisch, ökonomisch, politisch oder sonstwie gelesen wird. In diesem Lesen und Verarbeiten der Botschaft eines Ereignisses ist ein selbstreferentielles System souverän. Aber es kann natürlich nicht darüber hinweg sehen, daß dasselbe Ereignis für andere Systeme oder Akteure etwas ganz anderes bedeuten kann.“3094 „Weder die Idee der Außensteuerung sozialer Systeme durch ihre Umwelt noch die Vorstellung reiner Innensteuerung bieten brauchbare Lösungen des Problems der Abstimmung komplexer, selbstreferentieller Systeme. Erst die geordnete Verschränkung beider Perspektiven, das Pendeln zwischen Fremdreferenz und Selbstreferenz in ‚transferentiellen Operationen‘ ergibt jene Art aufgeklärter Selbstbestimmung, welche dem Idealtypus einer durch Reflexion moderierten Selbststeuerung (oder: einer dezentralen Kontextsteuerung) entspricht.“3095 Das heißt, dass ein funktional differenziertes Teilsystem der modernen Gesellschaft „[…] in seinem Operationsmodus – und nur in diesem – unabhängig von äußeren Ereignissen […] wird. Und genau dies konstituiert das eigentliche Steuerungsproblem hochdifferenzierter Gesellschaften: ihre Teile lassen sich nicht mehr direkt und unmittelbar beeinflussen. Jede Intervention von außen muß über die Barriere einer eigengesetzlichen Kausalstruktur hinweg und macht sich damit in ih- 3093 Willke, Helmut: Kontextsteuerung und Re-Integration der Ökonomie – zum Einbau gesellschaftlicher Kriterien in ökonomische Rationalität, S. 170 3094 Willke, Helmut: Kontextsteuerung und Re-Integration der Ökonomie – zum Einbau gesellschaftlicher Kriterien in ökonomische Rationalität, S. 170 3095 Willke, Helmut: Kontextsteuerung und Re-Integration der Ökonomie – zum Einbau gesellschaftlicher Kriterien in ökonomische Rationalität, S. 170 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 613 ren Wirkungen vom internen Operationsmodus des betreffenden Teilsystems abhängig.“3096 Wechselseitige Beeinflussbarkeit von Funktionssystemen verlangt strukturelle Kopplung.3097 7.4.5.4 Intervention (Baecker) „Der Interventionsbegriff ist […] ein Begriff der Reflexion auf die Differenz zwischen System und Umwelt, ein Begriff der Wiedereinführung dieser Differenz in das System und damit ein Begriff der Beschreibung der Umwelt des Systems mithilfe einer dem System aus seinen eigenen Unterscheidungen verfügbaren Sprache. Die Intervention beschreibt Umweltzustände aus der Perspektive der Systemreferenz des intervenierenden Systems.“3098 „Tatsächlich ist diese Konditionierung eine Selbstkonditionierung, nämlich ein Einbau von Fremdreferenzen, die selbstreferentiell verwaltet werden.“3099 „Dieser Interventionsbegriff, der auf die Orthogonalität (also kausale Unbeeinflußbarkeit) des intervenierenden im Verhältnis zum intervenierten und, schärfer noch, auf die Selbstreferenz der Intervention, abstellt, zwingt das intervenierende System dazu, von Vorstellungen Abschied zu nehmen, die auf der Seite des Systems nur gute Absichten und auf der Seite seiner Umwelt nur die Reduktion der Eigendynamik der Systeme in dieser Umwelt zulassen.“3100 „Die Einführung einer Systemreferenz in den Begriff der Intervention führt demnach einerseits zur Reflexion auf die Selbstreferenz der Intervention und sie führt andererseits zu einer reichhaltigeren Beschreibung möglicher Systemreferenzen in der Umwelt des intervenierenden Systems, deren Eigendynamik sowohl als Einschränkung wie als Voraussetzung einer erfolgreichen Intervention entdeckt wird.“3101 „Intervention […] [im Sinne von Hineinintervenieren in Personen oder 3096 Willke, Helmut: Gesellschaftssteuerung, S. 47; vgl. Willke, Helmut: Kontextsteuerung und Re-Integration der Ökonomie – zum Einbau gesellschaftlicher Kriterien in ökonomische Rationalität, S. 171 3097 vgl. Willke, Helmut: Gesellschaftssteuerung, S. 50 3098 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 106 3099 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 106 3100 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 107 3101 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 108 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 614 Funktionssysteme] ist unmöglich.“3102 Aber es können Kommunikationen angeboten werden, die von diesen Systemen als hilfreich aufgegriffen werden und diese ggf. verändern.3103 „Nur in diesem Sinne der Überbrückung einer Differenz, die auf beiden Seiten nach wechselseitig nicht bestimmbaren Regeln verwaltet wird, ist Intervention möglich.“3104 „Das heißt, der Erfolg einer Intervention ist Zufall. […] Der Erfolg einer Intervention (aber auch ihr Mißerfolg) ist das Ergebnis der strukturellen (nicht: operationalen) Kopplung zweier Systeme […]. Der Erfolg einer Intervention ist ebenso wie ihr Mißerfolg das Ergebnis der Selbstanpassungen des ‚intervenierten‘ Systems.“3105 „Der Interventionsbegriff zielt nicht auf Aussichtslosigkeit, sondern ganz im Gegenteil auf die Beobachtung einerseits der Selbstbeobachtung des intervenierenden Systems und andererseits der Kopplungseffekte gegenüber Systemen in der Umwelt des intervenierenden Systems.“3106 7.4.5.5 Thema Baecker beschreibt, dass Luhmann vorschlägt, „[…] den Begriff der strukturellen Kopplung […] auch für die Beschreibung der Strukturen fruchtbar zu machen, in denen diese Problembewältigung und diese Strukturgenese Form finden. Luhmanns Name für diese Form im Kontext struktureller Kopplung ist ‚Thema‘. In Themen findet die Kommunikation Strukturen, die es erlauben, die Anschlüsse, möglichen Beiträge und möglichen Beiträger für die Fortsetzung der Kommunikation zu identifizieren und zu kontrollieren. Und in Themen kann abgebildet werden, welche Umweltzustände von einem sozialen System jeweils unterstellt und beim Aufbau der eigenen Strukturen berücksichtigt werden. […] Jede strukturelle Kopplung zwischen Systemen, wenn sie denn stattfindet, wird in solchen Themen eine gewisse Beobachtbarkeit und Verläßlichkeit, anders gesagt: gewisse Ansatz- 3102 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 108 3103 vgl. Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 108 3104 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 108 3105 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 108 3106 Baecker, Dirk: Soziale Hilfe als Funktionssystem der Gesellschaft, S. 108 7 Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen 615 punkte des Managements, finden, ohne die Komplexität und Irritabilität weder verarbeitet noch bei Bedarf gesteigert werden könnten [sic!].“3107 Themen stellen eine „[…] Struktur […] [dar], die Beobachtungen an Operationen koppelt und umgekehrt […].“3108 „‚Strukturelle‘ Kopplung bezieht sich also nur auf die Strukturwahl (und damit: auf die Evolution), nicht aber auf die Autopoiesis selbst. Im Falle sozialer Systeme bezieht sie sich nicht auf die Möglichkeit, Kommunikation fortzusetzen (sei es akzeptiert, sei es ablehnend), sondern nur auf die Themen der Kommunikation.“3109 3107 Baecker, Dirk: Kapital als strukturelle Kopplung, S. 321 3108 Baecker, Dirk: Kapital als strukturelle Kopplung, S. 322 3109 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 6, S. 16

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References

Abstract

At first, there is a systematic examination of Niklas Luhmann's sociological systems theory in order to comprehend the essential fundamental terms in all their facets. Building on this, the hospital is inspected more closely within a modern, functionally differentiated society, and it is analysed whether and how structures in such organisations arise as a result of society's requirements. It is based on the fact that the healthcare system has a firm place in the health policy and public discourse, but follows different rules than other areas of social life. Health is an undisputed good – possibly even the highest good in society – and is therefore outside of all ideological controversy. Numerous and highly different influences affect the institutions in which medical treatment takes place, such as from business, law, politics and science.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um die wesentlichen Grundbegriffe in all ihren Facetten zu erfassen. Darauf aufbauend wird das Krankenhaus innerhalb einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft genauer betrachtet, und es wird analysiert, ob und wie Strukturen in derartigen Organisationen in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Zugrunde gelegt wird, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt, jedoch anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn Gesundheit ist ein unumstrittenes Gut – möglicherweise sogar das höchste Gut in der Gesellschaft – und steht somit außerhalb aller ideologischen Kontroversen. Dabei wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse auf die Institutionen ein, in denen Krankenbehandlung stattfindet, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft.