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4 Aufbau der Arbeit in:

Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation, page 19 - 24

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565-19

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
4 Aufbau der Arbeit 19 4 Aufbau der Arbeit Für den Bereich der Soziologie existieren keine Standards für eine systematische und qualitätsgesicherte Literaturrecherche wie in anderen Disziplinen. Dabei sind „Literaturrecherchen […] zentraler Bestandteil des wissenschaftlichen Arbeitens. Die recherchierten Literaturangaben und -quellen bilden den Grundstein, auf dem die Darstellung des Forschungsstandes […] basiert“81 und informieren über den neuesten Forschungs- bzw. Erkenntnisstand in einem bestimmten Themenbereich. Daher wird zunächst ein Vorschlag erarbeitet, wie solch eine Literaturrecherche standardisiert durchgeführt und dokumentiert werden kann, um auch für diesen Wissenschaftsbereich die Nachvollziehbarkeit und Transparenz der Vorgehensweise sicherzustellen. Dabei wird Bezug auf bereits vorhandene und bewährte Instrumente genommen. Im Anschluss erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, welche die theoretische Grundlage dieser Arbeit bildet (s. Kapitel 3), um die Grundbegriffe wie z. B. Funktionssystem und Organisation in all ihren Facetten im Sinne von Niklas Luhmann zu erfassen und das Forschungsinteresse bzw. die Arbeitshypothese unter Berücksichtigung des theoretischen Hintergrunds bearbeiten zu können. In Luhmanns Theorieperspektive gelten „Gesellschaft als umfassendes Kommunikationssystem und Organisationen als entscheidungsbasierte Sozialsysteme […] als zwei unterschiedliche Typen sozialer Systeme, die sich auf ihre jeweils eigene Weise von einer nicht dazugehörenden Umwelt abgrenzen.“82 Die moderne Gesellschaft begreift Luhmann als funktional ausdifferenzierte Gesellschaft.83 Diese Teilsysteme, so genannte Funktionssysteme, übernehmen für die Gesellschaft exklusiv spezifi- 81 https://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-2010081634029/ 3/TutorialSystematischeLiteraturrecherche.pdf, (08.10.2017, 12:50 Uhr), S. 4 82 Kneer, Georg: Organisation und Gesellschaft. Zum ungeklärten Verhältnis von Organisations- und Funktionssystemen in Luhmanns Theorie sozialer Systeme. In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 30, Heft 6, Dezember 2001, S. 407–428, S. 408 83 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 743 4 Aufbau der Arbeit 20 sche Funktionen, die nur von ihnen erfüllt werden können.84 Es gibt in der Gesellschaft keine Zentralkompetenz für die Behandlung von Problemen.85 „Jedes Funktionssystem ist auf sich selbst angewiesen. […] Jedes Funktionssystem kann auf die eigene Weise reagieren […].“86 Da sich in der Zeitspanne von über 40 Jahren und der Veröffentlichung einer Vielzahl von Werken auf ca. 15.000 Seiten87 Luhmanns Systemtheorie verändert bzw. weiterentwickelt, was sich wiederum auf seine Ausarbeitungen zu Organisationen und Funktionssystemen auswirkte, werden die Begriffe Funktionssystem und Organisation sowie System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen rekonstruiert bzw. der chronologische Entwicklungsverlauf nachvollzogen. „Zwar finden sich die meisten der systemtheoretischen Grundbegriffe, die Luhmann in den sechziger und siebziger Jahren formuliert hat, auch noch weiterhin, aber viele der Konzepte werden später neu definiert oder erhalten innerhalb der Theorie einen anderen Stellenwert – das gilt insbesondere für die Formel der Komplexität, die ihre dominante Position innerhalb der Theorie sozialer Systeme einbüßt. […] Sein Anliegen ist es […], Weiterentwicklungen der Allgemeinen Systemtheorie, die sich in anderen wissenschaftlichen Disziplinen – und hier vor allem innerhalb der Biologie und Neurophysiologie – vollzogen haben, auf die Soziologie zu übertragen und für eine Theorie sozialer Systeme fruchtbar zu machen.“88 Luhmanns Ziel war es, „[…] auf eine allgemeine Theorie sozialer Systeme oder sogar auf die Grundlagenprobleme der allgemeinen Systemtheorie [zurückzugreifen].“89 Dabei lässt sich „[…] das Spezifische von Organisationen […] nur erkennen […], wenn man Organisa- 84 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 131 85 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 803 86 Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 804–805 87 vgl. http://www.humboldtgesellschaft.de/inhalt.php?name=luhmann (12.02.2018, 10:45 Uhr) 88 Kneer, Georg und Nassehi, Armin: Niklas Luhmanns Theorie sozialer Systeme, S. 45–46 89 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 4 Aufbau der Arbeit 21 tionen von anderen Arten der Systembildung unterscheiden kann; und wenn man also […] die besondere Art und Weise angeben kann, in der Organisationssysteme die Differenz von System und Umwelt erzeugen.“90 Voraussichtlich wird dabei auch eine Auseinandersetzung mit dem „schwierigen Begriff der strukturellen Kopplung“91 erfolgen müssen. Für diese Rekonstruktion werden Methoden bzw. Kriterien benötigt, die im Vorfeld entwickelt werden. Diese Kriterien dienen als Leitfaden, um die entsprechende Literatur zu sichten und Schlüsselbegriffe zu definieren. Zu Beginn werden diesbezüglich alle Zitate gesammelt und im Anschluss sortiert. Zur besseren Verständlichkeit werden auch grundsätzliche Aussagen über soziale Systeme berücksichtigt, um die Besonderheiten von Organisationen herausstellen zu können. Die Analyse ist nah an den Texten von Luhmann orientiert, so dass ebenfalls seine Sprache übernommen wird, um auch Nuancen von Veränderungen feststellen zu können. Abschließend werden die Ergebnisse anhand der verschiedenen Kriterien einem Vergleich unterzogen und die Veränderungen aufgezeigt. In gleicher Weise werden System/Umwelt- und System-zu-System-Beziehungen rekonstruiert bzw. analysiert. Diese Rekonstruktionen und Analysen dienen der Schärfung und Präzisierung der Begrifflichkeiten und ggf. auch der Darstellung von Widersprüchlichkeiten bzw. der Formulierung von Fragestellungen. Im Kapitel „Interpretationen des Verhältnisses von Funktions- und Organisationssystemen“ wird die vorhandene Literatur anderer systemtheoretisch orientierter Autoren, die sich intensiv mit Luhmanns Systemtheorie auseinandergesetzt haben, gesichtet und analysiert, um zu erforschen, wie diese die Beziehung von Funktionssystemen und Organisationen beschreiben. Grundsätzlich gilt, dass Organisationen – wie alle sozialen Systeme – ein Interesse daran haben, in ihrer Umwelt weiter bestehen zu können und ihre Strukturen und Prozesse entsprechend zu gestalten. Unangefochten gilt, dass die funktionale Differen- 90 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 38 91 vgl. Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 100 4 Aufbau der Arbeit 22 zierung unmittelbar mit der Ausbildung von Organisationen zusammenhängt – und umgekehrt.92 So stellt sich die Frage, in welcher Beziehung oder auch in welchen Beziehungen Funk-tionssysteme und Organisationen zueinander stehen. In der Literatur findet sich hierzu teils Kritik an Luhmanns Systemtheorie. Nach den allgemein gehaltenen Überlegungen wird Bezug auf das (Funktions-) System zur Gesundheit/Krankheit (bei Luhmann Medizinsystem/System der Krankenbehandlung) genommen. Nach der Darstellung der wenigen Abhandlungen von Luhmann werden wiederum Werke von Autoren, die sich ebenfalls im systemtheoretischen Sinne mit diesem Thema beschäftigt haben, gesichtet, geprüft und dahingehend analysiert, ob die verschiedenen Ausführungen ggf. Konsequenzen für die weitere Bearbeitung der Fragestellung haben und um eigene weiterführende Gedanken entwickeln zu können. Besonderes Interesse liegt dabei auf der Diskussion um den medizinischen Code und damit der Frage, ob das Medizinsystem autonom ist oder welche sonstigen Konstellationen vorstellbar sind. Im Anschluss finden die Erkenntnisse gemeinsam mit weiteren Rechercheergebnissen Anwendung auf die Organisation Krankenhaus, um somit dem Ziel dieser Arbeit näher zu kommen. Abschließend werden die neu erworbenen Erkenntnisse exemplarisch auf das seit Herbst 2017 neu einzuführende Entlassmanagement im Krankenhaus übertragen. Mit der Methodenreichweitendiskussion, d. h. der abschließenden Betrachtung und kritischen Reflexion des methodischen Vorgehens bzw. der gewählten Forschungsmethoden, werden die Qualität und Validität der Forschungsergebnisse gesichert. Die anschließenden qualitätssichernden Maßnahmen gewährleisten, den Kriterien, die an eine Dissertationsschrift gestellt werden, gerecht zu werden und eine Gutachterposition zur eigenen Arbeit zu entwickeln. 92 vgl. Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 380; Luhmann, Niklas: Die Gesellschaft der Gesellschaft, S. 840 4 Aufbau der Arbeit 23 Im Schlusswort wird ein kurzes Resümee gezogen und ein Ausblick geboten.

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Abstract

At first, there is a systematic examination of Niklas Luhmann's sociological systems theory in order to comprehend the essential fundamental terms in all their facets. Building on this, the hospital is inspected more closely within a modern, functionally differentiated society, and it is analysed whether and how structures in such organisations arise as a result of society's requirements. It is based on the fact that the healthcare system has a firm place in the health policy and public discourse, but follows different rules than other areas of social life. Health is an undisputed good – possibly even the highest good in society – and is therefore outside of all ideological controversy. Numerous and highly different influences affect the institutions in which medical treatment takes place, such as from business, law, politics and science.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um die wesentlichen Grundbegriffe in all ihren Facetten zu erfassen. Darauf aufbauend wird das Krankenhaus innerhalb einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft genauer betrachtet, und es wird analysiert, ob und wie Strukturen in derartigen Organisationen in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Zugrunde gelegt wird, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt, jedoch anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn Gesundheit ist ein unumstrittenes Gut – möglicherweise sogar das höchste Gut in der Gesellschaft – und steht somit außerhalb aller ideologischen Kontroversen. Dabei wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse auf die Institutionen ein, in denen Krankenbehandlung stattfindet, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft.