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1 Einleitung in:

Barbara Bowert

Das Krankenhaus "zwischen" Funktionssystemen und Organisation, page 1 - 4

Eine systemtheorietische Analyse über die Wirkung bzw. Nicht-Wirkung gesellschaftlicher Erwartungen auf die Strukturen von Krankenhäusern

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4439-1, ISBN online: 978-3-8288-7456-5, https://doi.org/10.5771/9783828874565-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Sozialwissenschaften, vol. 94

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
1 Einleitung 1 1 Einleitung Viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse und Ansprüche wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft wirken auf die Krankenbehandlung ein und damit auch auf die Institutionen, in denen Krankenbehandlung stattfindet. Krankenhäuser müssen sich den vielfältigen, überfordernden und oftmals nicht zueinander passenden Ansprüchen einer funktional differenzierten Gesellschaft stellen. „Im Krankenhaus bestehen medizinische, ökonomische, juristische Funktionsbezüge gleichzeitig nebeneinander und ineinander, überlappen sich, irritieren sich wechselseitig und werden darüber hinaus überlagert von den ,Einzellogiken‘ einer Vielzahl von Akteuren, die als psychische Systeme jeweils innerhalb der Organisation Krankenhaus ihre eigenen ,Interessen‘ verfolgen.“8 „So wird innerhalb des Gesundheitssystems der Kranke zum Patienten, an dem sich Diagnose- und Therapiemöglichkeiten anschließen lassen, im Wirtschaftssystem wird der Kranke zum Schadensfall, der Versicherungen zu Zahlungen veranlasst oder das Rechtssystem transformiert den Kranken zum Klienten und überprüft, ob alle Schritte rechtmäßig abliefen.“9 Insbesondere rechtliche Vorgaben und Regelungen werden von außen mit der Erwartung an die Organisation Krankenhaus herangetragen, dass diese stets Berücksichtigung finden bzw. vollständig und dauerhaft umgesetzt werden. Mit dem Mysterium der Organisation im Allgemeinen beschäftigen sich Menschen seit der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert und dem Aufkommen moderner Großunternehmen. Damals festigte „[…] sich ein Sprachgebrauch, der Organisationen als soziale Forma- 8 Vogd, Werner: Ärztliche Entscheidungsprozesse des Krankenhauses im Spannungsfeld von System- und Zweckrationalität. Eine qualitativ rekonstruktive Studie unter dem besonderen Blickwinkel von Rahmen und Rahmungsprozessen. Erstauflage 2004, VWF (Gefunden unter: http://userpage.fu-berlin.de/~vogd/Habil.pdf), S. 116 9 Lippmann, Stefan: Organisationen im Spannungsfeld von Funktionssystemen. Eine systemtheoretische Diskussion am Beispiel der Organisation Krankenhaus. Books on Demand GmbH, Norderstedt Germany, 1. Aufl., 2010, S. 5 1 Einleitung 2 tionen besonderer Art von anderen sozialen Ordnungen (zum Beispiel von Gemeinschaften und sozialen Klassen) unterscheidet.“10 In der modernen Gesellschaft werden die Menschen das ganze Leben – von der Geburt bis zu ihrem Tod – von Organisationen begleitet. Dies macht deutlich, dass Organisationen einen zentralen Baustein der heutigen Gesellschaft bilden.11 „[…] [N]ur weniges, was heute unsere gesellschaftlichen Verhältnisse bestimmt, gäbe es ohne Organisationen.“12 Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass „[s]eit dem Ende des zweiten Weltkrieges […] die Organisationsforschung einen Umfang angenommen [hat], der es ausschließt, über Trends, Ergebnisse, Autoren und Publikationen adäquat zu berichten.“13 Die ganzen Bemühungen verfolgen das Ziel, Organisationen – ihr Entstehen, ihr Bestehen und ihre Funktionsweise – zu erklären und zu verstehen. Da Organisationen hochkomplexe Gebilde sind und der Gegenstandsbereich sehr breit ist, ist es nicht verwunderlich, dass eine Vielzahl von verschiedenen Organisationstheorien entstanden ist. Die entwickelten Theorien wollen/sollen der Verbesserung des Verständnisses der Organisationspraxis dienen. Hinzu kommt, dass Organisationen nicht isoliert betrachtet werden können, da sie in einem engen Verhältnis bzw. in einer engen Beziehung zur Gesellschaft und deren Entwicklung stehen. Trotzdem ist es noch nicht gelungen, herauszufinden, ob und wie Organisationen mit den Ansprüchen und Erwartungen, die an sie gestellt werden, umgehen bzw. wie diese verarbeitet werden und welche Auswirkungen diese haben. Speziell für das Gesundheitswesen gilt, „[…], daß es sich hier um eine ‚eigene Welt‘ handelt, eine ‚Welt‘, die anderen Regeln folgt als andere 10 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung. Westdeutscher Verlag, Opladen/Wiesbaden, 2000, S. 11 11 vgl. Preisendörfer, Peter: Organisationssoziologie. Grundlagen, Theorien, Problemstellungen. 4. überarbeitete Aufl., Springer VS, Wiesbaden, 2016, S. 7–8 12 Simon, Fritz B.: Einführung in die systemische Organisationstheorie. Erste Auflage, Carl-Auer Verlag, Heidelberg, 2007, S. 10 13 Luhmann, Niklas: Organisation und Entscheidung, S. 15 1 Einleitung 3 Bereiche des gesellschaftlichen Lebens.“14 Dabei nimmt das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs ein.15 Daher ist es lohnenswert, das Krankenhaus innerhalb einer modernen funktional differenzierten Gesellschaft genauer zu betrachten und die Fragestellung zu bearbeiten, wie überhaupt Ansprüche und Erwartungen in die Organisation Krankenhaus gelangen und sich dort Geltung verschaffen können. 14 Bauch, Jost: Medizinsoziologie, S. 15 15 vgl. Vogd, Werner: Medizinsystem und Gesundheitswissenschaften – Rekonstruktion einer schwierigen Beziehung, S. 237

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Abstract

At first, there is a systematic examination of Niklas Luhmann's sociological systems theory in order to comprehend the essential fundamental terms in all their facets. Building on this, the hospital is inspected more closely within a modern, functionally differentiated society, and it is analysed whether and how structures in such organisations arise as a result of society's requirements. It is based on the fact that the healthcare system has a firm place in the health policy and public discourse, but follows different rules than other areas of social life. Health is an undisputed good – possibly even the highest good in society – and is therefore outside of all ideological controversy. Numerous and highly different influences affect the institutions in which medical treatment takes place, such as from business, law, politics and science.

Zusammenfassung

Zunächst erfolgt eine systematische Auseinandersetzung mit der soziologischen Systemtheorie von Niklas Luhmann, um die wesentlichen Grundbegriffe in all ihren Facetten zu erfassen. Darauf aufbauend wird das Krankenhaus innerhalb einer modernen, funktional differenzierten Gesellschaft genauer betrachtet, und es wird analysiert, ob und wie Strukturen in derartigen Organisationen in Folge von Anforderungen der Gesellschaft entstehen. Zugrunde gelegt wird, dass das Gesundheitswesen einen festen Platz im gesundheitspolitischen und öffentlichen Diskurs einnimmt, jedoch anderen Regeln folgt als andere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Denn Gesundheit ist ein unumstrittenes Gut – möglicherweise sogar das höchste Gut in der Gesellschaft – und steht somit außerhalb aller ideologischen Kontroversen. Dabei wirken viele, hochgradig unterschiedliche Einflüsse auf die Institutionen ein, in denen Krankenbehandlung stattfindet, wie z. B. aus Wirtschaft, Recht, Politik und Wissenschaft.