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Sophie Oldenstein

Verzauberte Moderne, page I - XII

Zauberkunst im 19. und frühen 20. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4440-7, ISBN online: 978-3-8288-7455-8, https://doi.org/10.5771/9783828874558-I

Series: Kleine Mainzer Schriften zur Theaterwissenschaft, vol. 29

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Kleine Mainzer Schriften zur Theaterwissenschaft Kleine Mainzer Schriften zur Theaterwissenschaft Band 29 Verzauberte Moderne Zauberkunst im 19. und frühen 20. Jahrhundert von Sophie Oldenstein Herausgegeben von Peter Marx, Kati Röttger und Friedemann Kreuder Tectum Verlag Sophie Oldenstein Verzauberte Moderne. Zauberkunst im 19. und frühen 20. Jahrhundert Die vorliegende Arbeit wurde vom Fachbereich 05 der Johannes Gutenberg- Universität Mainz im Jahr 2019 als Dissertation zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie (Dr. phil.) angenommen. Kleine Mainzer Schriften zur Theaterwissenschaft; Band 29 Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 eBook 978-3-8288-7455-8 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4440-7 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN 1867-7568 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes# 94009201 von Everett Collection | www.shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Informationen zum Verlagsprogramm finden Sie unter www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar. Danksagungen Ich möchte von Herzen allen Menschen danken, die mich bei der Arbeit an meiner Dissertation unterstützt haben. Bei meinem Doktorvater Michael Bachmann, ohne den ich mich nie zu diesem Projekt entschlossen und alle mit einer berufsbegleitenden Dissertation verbundenen Widrigkeiten überwunden hätte. Bei Friedemann Kreuder für sein reges Interesse und die Hilfestellungen bei der Publikation dieser Arbeit. Bei Robert Kaldy-Karo und dem Österreichischen Circus- und Clownmuseum für die aufschlussreichen Interviews. Beim Deutschen Akademischen Austauschdienst, insbesondere bei Heike Schreitz, für mein Stipendium, das mir die Forschungsaufenthalte ermöglicht hat, die für diese Arbeit essentiell waren. Bei Wiebke Schwegler und Ulrike Oldenstein für das fleißige Korrekturlesen, obwohl ich das Wort „widerspiegeln“ 81 Mal falsch geschrieben habe. Und ganz besonders bei meiner Familie – bei meinen Eltern Ulrike und Jürgen Oldenstein für die seelische, moralische und die leider hin und wieder auch nötige materielle Unterstützung dieses Projekts sowie bei meinen Geschwistern Moritz, Carolin und David, die immer an mich geglaubt haben, und vor allem bei Clara, die schon lange vor mir wusste, dass ich das schaffen kann. Sophie Oldenstein Altenburg, im Februar 2020 V Vorwort Die Zauberkunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts gehört zu den zahlreichen Formen populärer Unterhaltung, denen kultur- und theaterwissenschaftlich bislang kaum Beachtung geschenkt wurde. Wenn sie doch untersucht wird – z.B. in Simon Durings Modern Enchantments (2002) –, geschieht dies meist als Grundlegung einer größeren Theorie der Moderne, oft im kritischen Dialog mit Max Webers berühmter Gleichsetzung von Entzauberung, Rationalisierung und Modernisierungsprozess. Bei During etwa dient die Ausdifferenzierung von „echter“ Magie und Unterhaltungszauberei einer Aufwertung des Massengeschmacks gegen kulturkritische Positionen: Weit mehr als ihnen manchmal zugestanden wird, seien Zuschauer*innen in der Lage, der Verführungskraft des Spektakels – seiner „magischen“ Seite – zu widerstehen, und das Spektakel als Unterhaltung (Zauberei) zu begreifen. Eine solche Argumentationslinie tendiert nicht nur bei During dazu, Zauberkunst selbst auf eine Vorgeschichte des Kinos – als der spektakulären Kunst des 20. Jahrhunderts – zu reduzieren und sie darüber als Aufführungspraxis aus dem Blick zu verlieren. Einer solchen Marginalisierung von Zauberkunst als Aufführungsund, wie die Autorin argumentiert, auch schauspielerischer Praxis wirkt das hier vorliegende Buch entgegen. Es ist die große Leistung von Sophie Oldenstein, dass sie mit genauen Analysen erweist, wie viel Widerstand die von ihr untersuchten Zauber- und spiritualistischen Praktiken einer bloßen Indienstnahme von Unterhaltungszauberei als Säkularisierungs- und Regulierungsphänomen der europäischen Moderne entgegensetzen. Zurecht bettet auch Oldenstein die Zauberkunst des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in den Modernediskurs ein und untersucht sie in ihrem Verhältnis zu Spektakelkultur, Mediengeschichte, Verbürgerlichung und Wissenschaftsinszenierung. Dabei zeigt sie aber, dass die Vermittlungsfunktion der Zauberei zwischen Rationalisierung und traditionellen Glaubensordnungen, zwischen Wissenschaftsinszenierung (Aufklärung) und Spiritismus (Geister- VII glauben) die von ihr untersuchten Praktiken nicht im Sinne einer Modernetheorie einhegen kann. Erst durch diesen Widerstand kommt Zauberkunst als theatrale Praxis zu ihrem Recht. Michael Bachmann Glasgow, im Februar 2020 Vorwort VIII Inhaltsverzeichnis Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1. 1 Zauberkunst in The Prestige . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.1 1 Zu dieser Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.2 20 Hypothesen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.3 26 Forschungsstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.4 29 Aufbau der Arbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .1.5 33 Historisch-theoretischer Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2. 37 Der akademische Magiediskurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.1 38 Der Magiebegriff im Mittelalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.2 46 Magie und Religion im Mittelalter und der Frühen Neuzeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.3 49 Magie und Wissenschaft im Mittelalter und der Frühen Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . .2.4 56 Zauberkunst im Mittelalter und der frühen Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.5 63 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .2.6 68 Zauberkunst und Spektakelkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3. 71 Das Zeitalter der Modernisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.1 72 Gesellschaftlicher Wandel im Umbruch zur Moderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.2 75 Die neue Visualität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.3 76 Die Spektakelkultur des 19. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.4 79 Die Bühne als Massenmedium . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.5 83 Harry Houdini als Zauberkünstler des Spektakels . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.6 89 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .3.7 98 IX Zauberkunst und Spiritismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4. 99 Das Unheimliche im 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.1 100 Die unheimliche Literatur der schwarzen Romantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.2 105 Die Fox-Schwestern und der Spiritismus als neue magische Kulturpraxis . . . . . . .4.3 110 Die spiritistischen Bühnenshows der Davenport Brothers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.4 121 Antispiritismus und der Streit zwischen Houdini und Sir Arthur Conan Doyle . . .4.5 130 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .4.6 141 Zauberkunst in Zauberbüchern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5. 143 Natürliche Magien als Sammlungen naturkundlichen Wissens . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.1 144 Zauberbücher als Instrument der Aufklärung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.2 150 Tricksammlungen zu Unterhaltungszwecken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.3 155 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5.4 162 Zauberkunst zwischen Bürgerlichkeit und Exotismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6. 165 Zauberkunst und Zivilisationsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.1 166 Der Zauberkünstler als Schauspieler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.2 167 Jean-Eugène Robert-Houdin als bürgerlicher Bühnenkünstler . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.3 173 Johann Nepomuk Hofzinser als Salonzauberer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.4 181 Chung Ling Soo als Zauberkünstler mit exotistischer Bühnenpersona . . . . . . . . . . .6.5 186 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .6.6 197 Zauberkunst im Kontext von Wissenschaft und Technik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7. 201 Zauberkunst zwischen Täuschung und Wissenspopularisierung. . . . . . . . . . . . . . . . .7.1 203 Zauberautomaten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.2 212 Optische Experimente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.3 218 Zauberkunst und Film . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.4 224 Großillusionen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.5 231 Zaubertheater zwischen Laboratorium und Varieté. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.6 236 Zusammenfassung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .7.7 257 Inhaltsverzeichnis X Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .8. 261 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 Gesprächsprotokoll 1 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 279 Gesprächsprotokoll 2 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 Inhaltsverzeichnis XI

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References

Abstract

„A magician isn’t a juggler, but an actor playing the part of a magician,“ said Jean-Eugène Robert-Houdin, founder of the first magic theater in Paris. In the transition to modernity, stage magic was a catalyst and battlefield of the conflict between the development of bourgeois culture and the rationalization process in the course of scientific progress on the one hand and the desire for myth, exoticism and spectacle on the other hand. Although it is highly theatrical, stage magic is a marginalized form of art. Sophie Oldenstein examines stage magic in the 19th and early 20th centuries from the perspective of theatre studies. Among other things, she analyzes the scenic practice and trick technique of stage magicians and contextualizes them with the societal, cultural, social und scientific discourses of the period of investigation.

Zusammenfassung

„Ein Zauberkünstler [ist] kein Gaukler, sondern ein Schauspieler, der die Rolle eines Zauberkünstlers spielt“, befand Jean-Eugène Robert-Houdin, Gründer des ersten Zaubertheaters in Paris. Beim Umbruch zur Moderne fungierte die Unterhaltungszauberei als Katalysator und Austragungsort des Spannungsfeldes zwischen der Herausbildung bürgerlicher Kultur und dem Rationalisierungsprozess im Zuge des wissenschaftlichen Fortschritts einerseits und einer Sehnsucht nach Mythos, Exotismus und Spektakel andererseits. Obwohl sie in hohem Maße theatral ist, ist Zauberkunst eine in der Theaterwissenschaft bisher marginalisierte Kunstform. Sophie Oldenstein untersucht Zauberkunst im 19. und frühen 20. Jahrhundert aus theaterwissenschaftlicher Perspektive. Sie analysiert unter anderem die Inszenierungspraktiken und Tricktechniken von Zauberkünstlern und kontextualisiert diese mit gesellschaftlichen, kulturellen, sozialen und wissenschaftlichen Diskursen des Untersuchungszeitraums.