3. Die Idee des Lehrers in:

Peter Gostmann

Die Idee des Lehrers, page 43 - 56

Mehr als Pädagogik

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4438-4, ISBN online: 978-3-8288-7454-1, https://doi.org/10.5771/9783828874541-43

Tectum, Baden-Baden
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Die Idee des Lehrers Im Licht unserer letzten Feststellungen mit Blick auf Petrarcas Idee der Lehrerin, d.h. um nicht seine Voraussetzungen ungeprüft zu übernehmen, müssen wir zum einen sehen, dass wir uns für das weitere an eine Autorität halten, die in verschiedenen Kreisen, die eine Lehreridee hegen (oder keine Lehreridee hegen wollen) im Gespräch ist; und zum anderen, dass wir diese Autorität nicht so verstehen, wie sie selbst nicht verstanden werden will. Die Lösung für das erste Problem ergibt sich aus unseren Überlegungen im ersten Kapitel. Wir haben gesehen, dass, wer von der Idee des Lehrers sprechen (oder ausdrücklich nicht von ihr sprechen) will, von Platon nicht schweigt. Für das zweite Problem gibt es keine einfache Lösung. Immerhin können wir, um die Möglichkeit zu minimieren, dass wir Platons Idee der Lehrerin falsch verstehen, uns auf die Darstellung eines ausdrücklichen Lehrakts konzentrieren; deswegen beschäftigen wir uns mit dem Dialog Menon. Es hilft überdies sicher, wenn wir ein paar Informationen sammeln, die uns ermöglichen, die Umstände dieses Lehrakts einzuschätzen. Wir sollten z.B. wissen, wer die Beteiligten sind. Davon abgesehen können wir nur versuchen, im Rahmen des Möglichen gründlich zu lesen. * Der Dialog Menon spielt im Jahr 402 v.Chr. an einem nicht überlieferten öffentlichen Ort in der Stadt Athen. In Athen gilt seit 403 wieder eine demokratische Ordnung, d.h. wieder die 3. 43 Regierungsform, die man mehr als ein halbes Jahrhundert zuvor anstelle eines Rats von Aristokraten (Areopag) eingesetzt hatte. Vorausgegangen sind ein sich über einen Zeitraum von annähernd dreißig Jahren erstreckender Krieg Athens und verbündeter Städte gegen einen spartanischen Bund um die Vorherrschaft auf der Halbinsel Peloponnes, und im Anschluss mehrere Monate eines oligarchischen Regimes (Herrschaft der Dreißig), das sich nach der Niederlage Athens mit spartanischer Unterstützung, gedeckt vom Stadtrat (Rat der 500), etabliert hatte. Bereits ein paar Jahre zuvor, im Zuge einer prekären Kriegsentwicklung, hatten Mitglieder eines exklusiven politischen Clubs kurzfristig ein Regime der Wenigen eingerichtet.128 Einfach gesagt, die Zeiten, in denen unser Lehrakt spielt, sind unsicher. Vier Personen sind am Dialog beteiligt. Der erste, der das Wort hat, ist Menon, dem daraufhin Sokrates antwortet. Nach einem mehr als das erste Drittel des Dialogs umfassenden Wechselgespräch beider129 bekommt als Dritter ein Knabe, genauer Sklave Menons das Wort. Sein folgendes Wechselgespräch mit Sokrates, in das Menon zwischenzeitlich kurz einbezogen ist, hat nicht ganz die Hälfte des Umfangs des vorangegangenen Austauschs zwischen Menon und Sokrates.130 Der Rest des Dialogs umfasst drei Sequenzen. In der ersten und der dritten, jeweils ähnlich umfangreich wie der Austausch von Sokrates mit dem Knaben-Sklaven, ist sein Widerpart erneut Menon.131 In der kürzeren, mittleren ist es Anytos.132 Weitere 128 Vgl. Döring, Klaus. 2017. Zur Biographie Platons. In Platon-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, hrsg. Christoph Horn, Jörn Müller und Joachim Söder, S. 2–18. Stuttgart: Metzler, S. 8–10. 129 Platon, Μένων – Menon, S. 506–540. 130 Platon, Μένων – Menon, S. 540–553. 131 Platon, Μένων – Menon, S. 552–569 und S. 580–599. 132 Platon, Μένων – Menon, S. 568–581. 3. Die Idee des Lehrers 44 Knaben-Sklaven Menons sind anwesend, kommen aber nicht zu Wort. Wer sonst noch anwesend ist, aber schweigt, wissen wir nicht. Während wir von Menons Knaben-Sklaven nicht einmal die Namen wissen, ist von Menon bekannt, dass er zur Aristokratie Thessaliens gehört, eines traditionellen, aber etwas unzuverlässigen Bündnispartners Athens. Er gehört, genauer, zur jungen Herrschaft; zum Zeitpunkt des Dialogs ist er etwa 20 Jahre alt. Er ist der Liebhaber des thessalischen Politikers Aristipp, den Sokrates zu Beginn beider Gesprächs erwähnt. Aristipp stellt seinerzeit ein Heer zusammen, das in den Sold des persischen Königsbruders Kyros treten soll, eines wichtigen Unterstützers Spartas zu Zeiten des Peloponnesischen Kriegs. Menon wird dieses Heer nach Persien führen und nach dessen Niederlage getötet werden (was Platon, während er den Dialog verfasst, selbstverständlich bekannt ist). Er ist in Athen Gast von Anytos. In unserem Zusammenhang ist überdies von Bedeutung, dass er, was Sokrates ebenfalls gleich anspricht, ein Schüler des aus Sizilien stammenden, inzwischen mehr als 80 Jahre alten Gorgias, eines professionellen und höchst erfolgreichen Rhetorikers, ist. Gorgias hat auch unter dem athenischen Adel zahlreiche Schüler; in einer frühen Phase des Kriegs war er, im Amt eines Gesandten, in Athen ein einflussreicher politischer Redner.133 Menon eröffnet das Gespräch, indem er an Sokrates die Frage richtet, „ob die Tugend gelehrt“, und wenn nicht gelehrt, so doch „geübt“ werden könne; d.h. er spricht ihn als Pädagogen an. Dabei setzt er voraus, dass die Tugend, wenn sie weder gelehrt noch geübt werden könne, „den Menschen einwohn[en]“ bzw. „zuteil“ geworden sein müsse (z.B. „von Na- 133 Vgl. Nails, Debra. 2002. The People of Plato. A Prosopography of Plato and Other Socratics. Indianapolis: Hackett, S. 204–205, S. 50 und S. 156–157; Platon, Μένων – Menon, S. 506–507. 3. Die Idee des Lehrers 45 tur“).134 Sokrates, den Menon als Pädagogen anspricht, war mit Menons späterem Lehrer Gorgias in der Kriegszeit aneinandergeraten, im Anschluss an einen von dessen Vorträgen, indem er ihm bestritt, dass die Rhetorik ein Wissen sei.135 Sokrates ist ein fast siebzigjähriger, verarmter Aristokrat, der sich im Krieg einen guten Namen gemacht und später in Athen eine gewisse Berühmtheit als nonkonformistischer öffentlicher Disputant erlangt hat; er ist eine beliebte Spottfigur der zu den Dionysosfesten aufgeführten Komödien. Etwa drei Jahre nach dem Gespräch mit Menon, dessen namenlosem Knaben-Sklaven und Anytos wird Sokrates (wie Platon, während er den Dialog verfasst, bestens bekannt ist136) angeklagt und von einem der Gerichtshöfe der Demokratie für schuldig befunden, die Götter der Stadt nicht anzuerkennen, neue Götter einzuführen und die Jugend zu verderben, wofür er zum Tod verurteilt wird.137 Menons Gastgeber Anytos ist einer der führenden Vertreter der restaurierten Demokratie. In einer späten Phase des Kriegs, etwa zehn Jahre vor dem Dialog, hat er sich vor einem athenischen Gericht wegen einer wichtigen Niederlage, die er als Flottengeneral erlitt, verantworten müssen, wobei er sich auf den Wohlstand seines Vaters, eines erfolgreichen Athener Handwerkers, herausgeredet hat. Während des oligarchischen Regimes hat er anfangs versucht mitzumischen, ist dann aber in Ungnade gefallen; noch als Vertreter der Demokratie macht 134 Platon, Μένων – Menon, S. 506–507; Platon, Menon oder Über die Tugend, S. 19. 135 Platon Γοργίας – Gorgias. In Werke in acht Bänden. Griechisch und Deutsch. Zweiter Band, S. 269–503. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Vgl. Nails, The People of Plato, S. 326–327. 136 Vgl. Platon. 2019. Ἀπολογία Σωκράτους – Des Sokrates Verteidigung. In Werke in acht Bänden. Griechisch und Deutsch. Zweiter Band, S. 1–69. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. 137 Nails, The People of Plato, S. 264–268. 3. Die Idee des Lehrers 46 er Deals mit Vertretern der alten Oligarchie. Er wird (und auch dies weiß Platon selbstverständlich) drei Jahre später an der Anklage gegen Sokrates beteiligt sein.138 Der Beginn des ausdrücklichen Lehrakts, dem unser Interesse gilt, fällt zusammen mit dem Moment, als Sokrates an den namenlosen Knaben-Sklaven das Wort richtet: Er, den Gorgias Schüler Menon bereits als Pädagogen angesprochen hat, ist der Lehrer, der Knaben-Sklave der Schüler in dem pädagogischen Szenario, das Platon berichtet. Der Hintergrund ist, dass das Wechselgespräch zwischen Menon und Sokrates, das mit der Frage Menons nach Tugendlehre, Tugendübung und Tugendnatur begonnen hat, einen entscheidenden Punkt erreicht hat. Sokrates hat mit einigem autoritativem Pomp (Hinweisen auf „Priester und Priesterinnen“ sowie den Helden-Dichter Pindar) die Behauptung aufgestellt, „daß wir nicht lernen, sondern das, was wir so nennen, nur ein Erinnern ist“, was zugleich bedeutet, dass „keine Belehrung“ möglich ist.139 Von den drei Lösungen, die Menon eingangs des Gesprächs über die Tugend zur Disposition gestellt hat (dass sie lehrbar sei, geübt werden könne oder jemandem einwohne) hat Sokrates also soeben die erste verworfen. Die anderen Lösungen dagegen spielen beidesamt in seinen Ausführungen wichtige Rollen: Der Gegenstand der Erinnerung (z.B. die Tugend), die Sokrates dem Lernen bzw. Lehren gegen- überstellt, ist Teil des reichen Erfahrungs- und Wissensschatzes der („unsterblichen“) menschlichen „Seele“, d.h. wohnt dem Menschen ein; Erinnern aber (z.B. eines Tugendwissens) gelingt unter der Voraussetzung, dass „man nur den Mut nicht 138 Nails, The People of Plato, 37–38. Vgl. Platon, Ἀπολογία Σωκράτους – Des Sokrates Verteidigung, S. 18–25. 139 Platon, Μένων – Menon, S. 538–541. 3. Die Idee des Lehrers 47 verliert und die Mühe des Forschens nicht scheut“, d.h. durch die rechte Übung.140 An dieser Stelle ersucht Menon Sokrates, ihn zu „belehren“, was es mit der Erinnerung auf sich hat. Mit anderen Worten, er will offensichtlich nicht auf den Pomp religiöser und dichterischer Autoritäten vertrauen, sondern fordert Erklärungen. Diese Erklärung kann aber nach dem, was Sokrates behauptet hat, nicht die Form der (theoretischen) Lehre haben, sondern muss die Form einer (demonstrativen) Übung haben. Diese demonstrative Übung des Erinnerns an ein Wissen, das der Seele innewohnt, stellt das folgende Gespräch mit dem namenlosen Knaben-Sklaven dar.141 Um diesen Lehrakt richtig einzuordnen, müssen wir festhalten, dass Menon Sokrates, indem er ihn um Belehrung ersucht, nicht mehr, wie eingangs, als Pädagogen anspricht (der eine Frage der Lehrbarkeit beantworten soll), sondern nun als Lehrer – nachdem er den Pädagogen Sokrates wegen dessen enervierender Argumentationsführung bereits einen „Krampffisch“ und jemanden, der auch als „Zauberer ab[ge]führ[t]“ werden könnte, genannt hat.142 Sokrates hat es also im Lehrakt mit zwei Schülern zu tun: Während er den Knaben-Sklaven zu einem Wissen leiten soll, das (seiner Behauptung zufolge) diesem bereits einwohnt, soll er Menon eine Übung zeigen, durch die solches verborgenes Wissen erlangt werden könnte. An dieser Stelle sollten wir uns daran erinnern, dass nicht allein Menon dieser Lehrdemonstration beiwohnt, sondern ein größerer Kreis, unter ihnen der windige Anytos, der später in das Gespräch einbezogen wird. 140 Platon, Μένων – Menon, S. 538–539; Platon, Menon oder Über die Tugend, S. 39. 141 Platon, Μένων – Menon, S. 540–541. 142 Platon, Μένων – Menon, S. 536–537. 3. Die Idee des Lehrers 48 Um Platons Idee der Lehrerin nachzuvollziehen, müssen wir uns um den besonderen Gegenstand des Lehrakts (bestimmte geometrische Probleme) nicht kümmern. Auch die Frage, ob der Erfolg des Lehrakts (dass der Knabe-Sklave die besagten Probleme unter Sokrates’ Anleitung löst) tatsächlich als Beleg für die Behauptung eines verborgenen seelischen Wissens taugt,143 ist in diesem Zusammenhang nebensächlich. Interessant ist für uns, wie Sokrates praktiziert, d.h. ist das Bild eines, der den Mut nicht verliert und die Mühe des Forschens nicht scheut, das er im Lehrakt Menon und den Übrigen präsentiert. Sokrates praktiziert überwiegend in der Form suggestiven Fragens; in der Regel muss der Knaben-Sklave dem, was Sokrates ihm vorstellt, nur zustimmen (durch „Allerdings“, „Ja“, Freilich“ usw.); als Sokrates zwischenzeitlich Menon einbezieht, ist es nicht anders. Überdies bringt Sokrates den Knaben-Sklaven ab und an dazu, Wissen, über das er bereits verfügt, in den Gedankengang einfließen zu lassen (Kenntnisse einfacher geometrischer Figuren oder einfache Rechenleistungen). Punktuell lobt Sokrates ihn („Gut!“, „Wohl!“, „Schön!“).144 Gegen Ende des Wechselgesprächs, als der Knaben-Sklave einmal nicht in Form einfacher Zustimmung oder der Angabe eines Zahlenwerts antwortet, sondern mit: „Ich wenigstens denke so“ bzw. „Meiner Meinung nach, ja“, schließt Sokrates an das Lob für diese Antwort eine Ermutigung an: „Denn immer nur, was du denkst, mußt du antworten“ bzw. „nichts anderes als deine Meinung sollst du in deiner Antwort zum Ausdruck bringen“.145 An dieser Stelle sollten wir uns erinnern, dass es bei dem ganzen Lehrakt darum geht, exemplarisch zu zeigen, 143 Platon, Μένων – Menon, S. 552–557. 144 Platon, Μένων – Menon, S. 540–553. 145 Platon, Μένων – Menon, S. 547; Platon, Menon oder Über die Tugend, S. 43. 3. Die Idee des Lehrers 49 wie im Allgemeinen verborgenes Wissen erinnert werden möchte. Wenn Sokrates dem Knaben-Sklaven bestätigt, dass es recht sei, seiner Meinung zu vertrauen und sie auszusprechen, sofern ihr eine sorgfältige Prüfung vorausgegangen ist, betrifft dies also nicht nur Fragen der Geometrie. Es würde z.B. ebenso gelten, wenn Sokrates mit dem Knaben-Sklaven über Fragen der Tugend redete. Tatsächlich kommt Sokrates nach der Lehrdemonstration auf dieses Ausgangsproblem Menons zurück, wobei er in der Rolle des Lehrers bleiben will, d.h. Menon anbietet, seinerseits an die Stelle des Knaben-Sklaven zu treten und mit ihm die Tugend „zu untersuchen“, so wie der Knaben-Sklave die Geometrie untersucht hat: als etwas, das er „noch nicht weiß“. Wenn nun Menon dieses Angebot nicht annimmt, d.h. nicht wissen will, „was wohl die Tugend ist“, sondern wie anfangs immer noch vor allem wissen will, ob dies, was er nicht kennt, „etwa[s] Lehrbares“ oder „von Natur“ sei,146 so bedeutet dies, dass er nicht verstanden hat, was ihm Sokrates‘ Demonstration zeigen sollte. Von dessen beiden Schülern hat also nur einer seine Lektion gelernt. Besonders problematisch ist der Misserfolg im Fall Menons, weil er nicht nur nicht verstanden hat, um was es Sokrates geht, sondern anscheinend wegen dem, was er falsch verstanden hat, weitere Belehrungen von Sokrates wünscht; man muss den Eindruck gewinnen, dass er, wenn er sich von einem Lehrer etwas erhofft, leicht beeinflussbar ist. Sokrates‘ Idee der Lehrerin entspricht es offensichtlich nicht, wegen Menons Misserfolg die Lektion zu wiederholen oder abzubrechen. Er lässt Menon zwar wissen, dass der Versuch, etwas über den Besitz der Tugend zu sagen, ohne zu wissen, was Tugend ist, scheitern muss; aber er unternimmt ihn dennoch. Der Grund, den er dafür angibt, lautet, dass nicht 146 Platon, Μένων – Menon, S. 556–559. 3. Die Idee des Lehrers 50 nur er selbst über sich, sondern auch Menon über ihn „gebiete[]t“ bzw. ihn „beherrsch[]t“.147 Weil bereits feststeht, dass alle folgenden Schritte, die Frage nach Tugendlehre oder Tugendnatur zu klären, nur durchgeführt werden, um zu scheitern, müssen uns die Details nicht besonders interessieren. Die Durchführung entspricht dem Wechselspiel suggestiver Fragen und einfacher Zustimmung („Freilich“, „Ja“, „Ganz gewiß“, „So scheint es“, „Das denke ich wohl“ usw.), das Sokrates bereits mit dem Knaben-Sklaven ge- übt hat.148 Wir können sagen, dass er Menon eine Lektion erteilt, was es heißt, die Mühen des Forschens nicht zu scheuen, und wie schwierig es ist, den Mut nicht zu verlieren, wenn man eigentlich nicht weiß, wovon man spricht. Interessant ist für uns allerdings der Schritt, mit dem Sokrates Anytos in seine Lehrdemonstration einbezieht. Bei diesem Schritt geht es darum, nun im Besonderen an der Frage, ob es „Lehrer der Tugend“ geben kann, zu demonstrieren, dass man Fragen der Tugend nicht beantworten kann, ohne geklärt zu haben, was Tugend ist.149 Dass Sokrates statt mit Menon mit dessen Gastgeber Anytos über das Problem der Lehrer der Tugend sprechen will, begründet er damit, dass Anytos als Sohn eines „reichen und verständigen Vater[s]“, eines Menschen von „Verstand“, „Sorgfalt“ und gutem „Ruf “ („sittsam“ und „stattlich“), überdies selbst vom „athenischen Volk [in die höchsten Ämter]“ gewählt, als im Besonderen „wohl erzogen und gebildet“ gelten dürfe.150 Wie wir gesehen haben, hat der windige Anytos (und haben womöglich auch Menon und die übrigen 147 Platon, Μένων – Menon, S. 558–559; Platon, Menon oder Über die Tugend, S. 49. 148 Platon, Μένων – Menon, S. 560–567. 149 Platon, Μένων – Menon, S. 566–67. 150 Platon, Μένων – Menon, S. 568–569. 3. Die Idee des Lehrers 51 Anwesenden) allen Grund, diese Begründung für Ironie zu halten. Das Wechselgespräch zwischen Sokrates und Anytos verläuft nur kurz nach dem bekannten Muster suggestiver Fragen und einfacher Zustimmung; als Sokrates die Rede auf die „Sophisten“ bringt, „Lehrer der Tugend“ nach „Bezahlung“ so wie Menons Lehrer Gorgias, tut Anytos, wozu Sokrates zuvor den Knaben-Sklaven ermutigt hatte: Er vertraut seiner Meinung und spricht sie aus. Ihr zufolge sind Sophisten „das offenbare Verderben und Unglück derer, die mit ihnen umgehen“.151 Sokrates wird später, wenn er zum Wechselgespräch mit Menon zurückkehrt, ausführlich erläutern, dass diese Leute, namentlich Gorgias, tatsächlich, recht betrachtet, keine Lehrer (schon gar nicht der Tugend) sind.152 Anytos‘ Meinung über die Sophisten dagegen begegnet er mit Spott, da Anytos „ganz und gar unbekannt“ mit ihnen ist, aber ernsthaft meint, ohne eine sorgfältige Prüfung der sophistischen Lehren auf der Rechtschaffenheit seiner Meinung über sie bestehen zu können.153 Anytos‘ Haltung zeigt, dass er so wenig wie Menon verstanden hat, was ihm Sokrates‘ Lehrdemonstration zeigen sollte. Wie das Ende des Wechselgesprächs zeigt, hat er sie aber auf andere Weise missverstanden. Sokrates, der mit der Praxis suggestiven Fragens fortfährt, bringt die Rede nun auf eine Reihe „rechtschaffene[r] Männer […] in dieser Stadt“, die also „gute und tüchtige Lehrer […] in bürgerlichen Dingen“ sein müssten, um mit Verweis auf das traurige Auftreten ihrer Söhne zu argumentieren, dass sie es aber tatsächlich nicht sind.154 Sein Gesprächspartner Anytos hat, wie wir wissen, selbst einen Vater, der als rechtschaffen gilt, 151 Platon, Μένων – Menon, S. 570–573. 152 Platon, Μένων – Menon, S. 581–589, insbes. S. 586–587. 153 Platon, Μένων – Menon, S. 575. 154 Platon, Μένων – Menon, S. 576–581. 3. Die Idee des Lehrers 52 während man Vergleichbares von dessen eigenem Auftreten in bürgerlichen Dingen nicht sagen kann. Anytos reagiert auf die sokratische Übung zur Tugend nicht, wie Menon auf die geometrische Übung mit dem Knaben-Sklaven reagiert hat, d.h. nicht, indem er zwar das falsche, aber doch etwas über die Tugend wissen will; sondern indem er anhand der Übung eine Meinung über Sokrates‘ Tugend aufbaut: „du scheinst mir sehr leichthin schlecht von den Menschen zu reden“. Daran knüpft er die Warnung, Sokrates möge sich zukünftig „vor[]sehen“ und bedenken, dass es in Athen „vorzüglich leicht“ sei, „jemandem Böses anzutun“.155 Was Menon anbetrifft, so können wir festhalten, dass Sokrates ihm schließlich noch, nachdem hinreichend deutlich geworden ist, dass man nicht sagen kann, ob Tugend lehrbar ist oder jemandem einwohnt, so lange man nicht weiß, was Tugend ist (was bereits feststand, aber Menon erst mühevoll lernen musste), mit Worten Homers (also wie ein rechter Rhetor) empfiehlt, einstweilen den Besitz der Tugend als eine „göttliche Schickung“ zu behandeln. Ausdrücklich möge Menon, der sich sehr einverstanden mit Sokrates‘ Empfehlung zeigt, dieses Ergebnis auch Anytos weitergeben, „damit er sanftmütiger werde“.156 * Während wir uns zuletzt auf Sokrates‘ Idee des Lehrers konzentriert haben, interessiert uns, wie erinnerlich, eigentlich Platons Idee des Lehrers, d.h. diejenige des Verfassers des Dialogs, in den eingebettet der Lehrakt stattfindet, den wir untersucht haben. Und wir haben keinen Grund anzunehmen, dass Platon Sokrates einfach seine Ideen in den Mund legt; im Gegenteil 155 Platon, Μένων – Menon, S. 581. 156 Platon, Μένων – Menon, S. 596–599. 3. Die Idee des Lehrers 53 haben wir gesehen, dass Platon entscheidende Dinge weiß, von denen Sokrates keine Ahnung hat: dass Menon wenig später im Sold des persischen Putschisten (und Spartas Unterstützer) Kyros getötet werden wird, und dass Anytos ihn drei Jahre später anklagen und er zum Tod verurteilt werden wird. Besonders dieser letzte Aspekt muss uns vor dem Hintergrund dessen, was im Dialog zwischen Sokrates und Anytos geschieht (Spott und Drohung), interessieren: Platon lässt uns wissen, dass Sokrates etwas in seinem Unterricht nicht richtig gemacht hat, d.h. an seiner Idee des Lehrers etwas Lebenswichtiges fehlt. Die Welt, in die Platon die Idee der Lehrerin einzeichnet, ist eine Welt, in der man mit der Unsicherheit der Grundlagen der politischen Ordnung rechnen sollte. Relativ sicher ist allerdings, dass sie sich, ähnlich wie die Welten Schleiermachers und Petrarcas, allgemein nach Leitenden und Geleiteten (hier: Herren und namenlosen Sklaven) ordnet. Der Lehrer Sokrates unterrichtet offensichtlich Sklaven nicht in anderer Weise als Herren und unterstützt sie, wenn sie sich nur die rechte Mühe gegeben haben, in ihren Meinungen, während er Herren, die sich keine Mühe geben, ihre Meinungen nicht zulässt. Wir können also sagen, dass der Sokrates, den Platon uns zeigt, eine radikal-egalitäre Lehreridee pflegt. Ob dies auch für Platon selbst gilt, können wir nicht präzise bestimmen. Dafür spricht immerhin, dass er einen unbestrittenen Lehrerfolg Sokrates‘ schildert, d.h. nichts vorbringt, was Sklaven z.B. ,von Natur‘ die Legitimität der Schülerschaft abspräche. Überdies lässt er Sokrates dessen Ermutigung der Meinungsäußerung des Sklaven recht gut (in einer geometrischen Diskussion) verbergen, so dass keiner der anwesenden Herren einen Verstoß gegen die überkommenen Sitten monieren kann; tatsächlich wird später, als Anytos und andere Athener Anklagepunkte gegen Sokrates sammeln, niemand auf die Idee kommen, ihn als Sklaven-Agitator oder ähnliches zu denunzieren. 3. Die Idee des Lehrers 54 Die Welt, die Platon vorstellt, kennzeichnet, dass in ihr windige Leute wie Anytos, die unter jedem Regime (Oligarchie wie Demokratie) versuchen, zu den Machthabern zu gehören, die deswegen Deals machen mit allen, die ihnen nutzen könnten, und sich bei Schwierigkeiten auf den Wohlstand ihrer Familien herausreden, tatsächlich das Sagen haben. Eine Lehrerin, d.h. jemand, die mit Mut und Mühe sich und andere darin übt, den Dingen auf den Grund zu gehen, agiert in dieser Welt, wie die Anytos-Episode zeigt, in einer höchst exponierten Position. Sie bedarf deshalb gerade dessen, das Sokrates hier (aber nicht bei der Ermutigung des Knaben-Sklaven) vermissen lässt: besonderer Achtsamkeit, was sie wie und wem gegenüber äu- ßert. Nach allem, was wir wissen, hat Sokrates‘ allen Grund, Anytos zum Gegenstand seines Spotts zu machen. Wir können sagen, dass er die exponierte Position des Lehrers nutzt, um öffentlich anzuzeigen, was die Öffentlichkeit der Stadt zu deren Bestem diskutieren sollte; d.h. er agiert als Lehrer-Intellektueller. Aber er vergisst paradoxerweise, während er wiederholt darauf anspielt, was für ein windiger Charakter Anytos ist, dass Anytos dieser windige Charakter ist: Wenn Anytos, wie wir gesehen haben, seine Warnung gegen Sokrates damit begründet, dieser rede leichthin schlecht von den Menschen, so zeigt uns dies, dass er bei Gelegenheit nicht zögern wird, aus Rache Sokrates Verstöße gegen das vorzuwerfen, was er erfolgreich missachtet und Sokrates in praxi verteidigt: die gute demokratische Sitte. Mit anderen Worten, Platons Anytos zeigt uns an, dass der Aufstieg der Parvenüs und der Populisten den Tod der Lehrer-Intellektuellen bedeutet. Platons Lehrerin agiert also vorsichtiger, als ein Lehrer-Intellektueller es täte. Ihr Bild finden wir in den Wechselgesprächen, die er den Lehrer Sokrates mit Menon führen lässt. Denn hier zeigt Sokrates sich gewärtig (spätestens nachdem Menon, Vertreter der jungen Herrschaft, ihn wissen lässt, dass man ihn 3. Die Idee des Lehrers 55 als Zauberer denunzieren könnte), dass er, indem er einen Lehrakt vollzieht, gerade wenn er währenddessen ganz bei sich ist (über sich gebietet), mit der Macht seiner Schüler*innen und aller, die sich für deren Wohl zuständig erklären könnten, zu rechnen hat. Die platonische Lehrerin ist sich überdies bewusst, dass sie nicht der erste Lehrer ihrer Schüler*innen (und nicht der Lehrer von deren selbsterklärten oder wirklichen Hütern) ist. Wo sie bemerkt, dass ein Schüler die falsche Frage stellt (weil er von falschen Voraussetzungen ausgeht), geht sie deswegen davon aus, dass dieser Schüler (weil er seinen früheren Lehrern vertraut) wirklich glaubt, dass diese falsche die richtige Frage sei. Schon deswegen lässt die platonische Lehrerin sich auf eine solche falsche Frage ein; allerdings um zu zeigen, wie man richtig fragt. Wo sie bemerkt, dass der Schüler trotz aller Bemühungen (oder weil er die größeren Mühen des Denkens scheut) es nicht versteht, den Dingen auf den Grund zu gehen, arbeitet sie daran, dass er, wenn er schon mit bloßem Glauben zufrieden ist, so wenigstens an etwas glaubt, das weniger Schaden anrichten kann als das, was er sonst glauben könnte (dass er z.B. glaubt, die Tugend sei den Göttern der Stadt anvertraut, aber nicht, sie sei eine Sache der eigenen ‚Natur‘). Allerdings ist die platonische Lehrerin sich auch bewusst, dass es kein einfaches Schema gibt, dem sie folgen könnte, um Schaden abzuwenden: Bekanntlich hat Menon sein Glaube an die göttliche Schickung nicht davon abgehalten, bald darauf gemäß der Regeln seines alten Milieus den unheilvollen Solddienst in Persien anzutreten; und er genügte offensichtlich auch nicht, Anytos zu besänftigen. Wegen solcher Dinge ist es jedenfalls gut, wenn die Lehrerin eine unter vielen ist. 3. Die Idee des Lehrers 56

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Zusammenfassung

Was ist die Idee des Lehrers? Den Hintergrund für diese Frage bildet die Beobachtung, dass Lehrer heute allzu häufig auf eine bloße Funktion oder Rolle reduziert werden. Dagegen geht Peter Gostmann davon aus, dass es gerade angesichts der Herausforderungen der Gegenwart Lehrern bedarf, die eine selbstbewusste und aufgeklärte Perspektive auf ihren Beruf haben. Der Autor lädt die Leser ein, der Frage nach der Idee des Lehrers in Form eines Gedankenexperiments nachzugehen. Auf dem Weg dieses Gedankenexperiments begegnen sie historischen Autoren wie Adorno, Kerschensteiner, Dilthey, Schleiermacher und Petrarca, um dann mit Platon die transhistorische Bedeutung der Idee des Lehrers zu entdecken und schließlich Anregungen zum Weiterdenken zu finden.