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Matthias Kostrzewa, Rainer Vohwinkel, 8 Digitaler und inklusiver Unterricht verbunden in:

Sabrina Zeaiter, Jürgen Handke (Ed.)

Inverted Classroom - Past, Present & Future, page 67 - 76

Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4436-0, ISBN online: 978-3-8288-7451-0, https://doi.org/10.5771/9783828874510-67

Tectum, Baden-Baden
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Digitaler und inklusiver Unterricht verbunden Matthias Kostrzewa & Rainer Vohwinkel This paper outlines a workshop concept that has been conceived and implemented at Ruhr-Universität Bochum which is now being further developed. It connects inclusive education with the idea of an inverted or flipped classroom. In addition, the article intends to show how theoretical concepts from the digital transformation of education and the topic of inclusion meet and profit from each other in the inverted classroom concept: To what extent can personalized or individualized learning be combined with phases of learning together through the inverted classroom, e.g. in an inclusive class? In the concept of the inverted classroom, the digital and inclusive learning worlds meet and enable students of the teaching degree to access both worlds using a concrete teaching method as an example. Einleitung Zwei Unterrichtsfächer, bildungswissenschaftliche Veranstaltungen, Fachdidaktikseminare, Praxisphasen und zusätzlich übergreifende Themenbereiche wie Digitalisierung, Inklusion oder Sprachförderung: Nicht wenige Lehramtsstudierende fühlen sich spätestens mit den übergreifenden Themenbereichen überfordert. Der Monitor Digitale Bildung zeigte bereits 2017 auf, dass keine Gruppe unter den Studierenden digitalen Medien so kritisch gegenübersteht, wie Lehramtsstudierende (Schmid, Goertz, Radomski, Thom & Behrens, 2017). Der vorliegende Beitrag soll ein an der Ruhr-Universität Bochum konzeptioniertes, durchgeführtes und nun in der Weiterentwicklung befindliches Workshop-Konzept skizzieren, in welchem das Thema Inklusion mit dem inverted bzw. flipped classroom verbunden wird. Außerdem wird aufgezeigt, wie theoretische Konzepte aus den Themenkomplexen Digitalisierung und Inklusion sich im inverted classroom-Konzept treffen und voneinander profitieren: Inwiefern kann im Unterricht durch den inverted classroom binnendifferenziertes Lernen mit Phasen des gemeinsamen Lernens, z.B. in einer inklusiven Klasse, kombiniert werden? Zudem soll aufgezeigt werden, dass Teilnehmende des Workshops nicht nur erfahren, wie der inverted classroom im Unterricht konkret eingesetzt werden kann; sondern sie erlangen zusätzlich einen Zugang zu übergeordneten digital literacies, darunter z.B. die Aspekte communicative oder civic (Belshaw, 2011). 8 8.1 67 Inklusion und Digitalisierung? In unseren Schulklassen sitzen heute zunehmend unterschiedliche Kinder. Den Persönlichkeiten mit sehr verschiedenen Lebensbiographien, Leistungsfähigkeiten, geschlechtsspezifischen Stärken bzw. Schwächen, Handicaps, Behinderungen, ethnischer, kultureller und sprachlicher Vielfalt, sozialen Milieus, Religionen und Weltanschauungen sollte in unserem Bildungssystem strukturell und im Schulalltag wertschätzend begegnet werden. Inklusion ist diese wertschätzende Perspektive in unserem Schulsystem. Aufgrund der Heterogenität der Schülerschaft ist jede Konzeptarbeit unter den Vorgaben einer individuellen Förderung zu berücksichtigen. Die Entwicklung hin zu einer inklusionsorientierten Schule erfordert demnach den Blick auf zahlreiche Aspekte im schulischen Kontext. Diese Aussage findet u. a. Ausdruck im Schulgesetz für das Land Nordrhein-Westfalen als Recht auf Bildung, Erziehung und individuelle Förderung und ist Grundlage für die weitere Erlasslage (Bereinigte Amtliche Sammlung der Schulvorschriften NRW 2019). Die notwendigen, umfassenden Herausforderungen für das Schulsystem und im Besonderen für Lehrerinnen und Lehrer bedingen u.a. eine Hinwendung zur Multiprofessionalität schon in der Konzeptentwicklung. Die zahlreichen, individuellen Förderziele erfordern folglich im Hinblick auf die Förderplanerstellung – neben pädagogischen und medizinischen Unterstützern – Lehrerprofessionen unterschiedlichster Ausrichtung. Allein die sonderpädagogische Förderplanung unterscheidet sieben sonderpädagogische Förderbedarfe. Eine notwendige inhaltliche, methodische und organisatorische Differenzierung führt ebenso zu Entscheidungen bei dem bedarfsentsprechenden Einsatz von Medien. Die Ausstattung der Schulen entspricht selten dem vielfältigen Bedarf. Besonders digitale Medien und Lernmittel ermöglichen die erforderliche Vielfalt im Unterricht durch die Erweiterung individueller Lernwege in heterogenen und inklusiven Lerngruppen. Die technischen Möglichkeiten eines passgenauen Einsatzes im Unterricht bieten eine vielseitige und zudem pädagogisch kluge, abwechslungsreiche Anwendung. Nutzen Lehrkräfte z. B. Plattformen mit freien Bildungsmaterialien (Open Educational Resources / OER), die mit einer freien Lizenz bereitgestellt werden, profitieren die Schülerinnen und Schüler von einem passgenauen inhaltlichen Angebot. Die kontinuierliche Erweiterung durch den ständigen Austausch bietet ein unerschöpfliches Angebot an differenzierten Inhalten. So ist dies eine wichtige Voraussetzung für den Umgang mit Heterogenität im Unterricht. Diese daraus erwachsende Flexibilität ist ein zentraler Vorteil der digitalen, frei verfügbaren Bildungsmaterialien gegenüber den herkömmlichen Schulbüchern oder vorgefertigten Apps (Müller 2019). Im Vergleich zwischen Inklusion und Digitalisierung im schulischen Kontext lassen sich ähnliche Herausforderungen für die Umsetzung beider Bereiche identifizieren. Zum einen braucht es auf mehreren Ebenen Unterstützungsangebote in Form von Personal, Ressourcen und baulichen Veränderungen. Für eine erfolgreiche Imple- 8.2 8 Digitaler und inklusiver Unterricht verbunden 68 mentierung der Inklusion braucht es zum anderen Fachkräfte: Sonderpädagogen, Psychologen, Sozialarbeiter etc. Zudem müssen Materialien als binnendifferenzierte Lernelemente erstellt und zur Verfügung gestellt werden. Die Qualität individueller Förderung wird erhöht, die Lehrperson entlastet. Auch infrastrukturelle Maßnahmen, wie die Anschaffungen bedarfsspezifischen Lehr- und Lernmitteln, z.B. von Mikrofonen oder speziellen Leselampen, müssen getätigt und koordiniert werden und sind vor Allem zunächst einmal zu begründen. Voraussetzung dafür ist eine umfängliche Förderdiagnostik vornehmlich der sonderpädagogischen Lehrkräfte, der Lehrkräfte der allgemeinen Schule, der Mediziner, der Therapeuten etc. Diese stehen in ständigem Austausch mit den Eltern. In Helfergesprächen mit allen Akteuren werden die notwendigen Maßnahmen beschlossen in einem individuellen Förderplan festgehalten und dann umgesetzt. Im Bereich Digitalisierung sieht dies ganz ähnlich aus. Auch hier braucht es Fachkräfte: Medienpädagogen, Bildungstechnologen und Systemadministratoren. Ebenso werden Materialien für die Umsetzung von digitalisierungsbezogenen Unterrichtseinheiten benötigt sowie infrastrukturelle Maßnahmen, in erste Linie: Breitband, WLAN und Endgeräte. Der Fortbildungsbedarf der Akteure vor Ort ist in beiden Themenbereichen ebenfalls hoch und wird noch nicht systematisch aufgegriffen. Inklusionsspezifische Schulentwicklung berührt das gesamte Schulleben. Inklusion durchdringt neben konzeptionellen Überlegungen die methodischen und didaktischen Themenfelder aller Fächer. Die Erstellung eines differenzierten Fortbildungsplans kann zudem nur auf Grundlage einer Prozessbegleitung erfolgen. Der Bedarf an Fortbildung zu den sehr differenzierten Betrachtungen zum Thema Digitalisierung ist ebenso sehr hoch. Die Lehrkräfte sind schon bei der Erstellung der Konzepte in den Schulen mit einzubeziehen und auf die technischen Innovationen und die sich dadurch verändernden methodischen und didaktischen Möglichkeiten und Notwendigkeiten vorzubereiten. Fortbildungskapazitäten entsprechen trotz der Initiativen der entsprechenden Ministerien noch nicht den Bedarfen. Das führt nach den Bedarfsanzeigen schwerpunktabhängig immer wieder zu längeren Wartezeiten. Dieses Problemfeld ist möglichst zeitnah in den Blick zu nehmen. Die Möglichkeit einer Unterstützung und Intensivierung der individuellen Förderung durch den Einsatz digitaler Medien in einem heterogenen Umfeld, unterstützt durch eine Verzahnung beider Fortbildungsinhalte, wird sichtbar. Es finden sich folglich viele parallelen in beiden Themenfelder und auch ähnliche Herausforderungen für Ausstattungen und multiprofessionelle Teams. Daraus stellt sich die Frage, ob Digitalisierung und Inklusion mit diesen Grundvoraussetzungen und -problemen in Konkurrenz zu einander stehen oder sie voneinander profitieren können? Der Workshop Einmal im Jahr veranstalten die Universitäten der Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr) eine Zukunftswerkstatt Inklusion. In der UA Ruhr bündeln die Ruhr-Universität Bo- 8.3 8.3 Der Workshop 69 chum, die Universität Duisburg-Essen und Technische-Universität Dortmund seit 2007 ihre Kompetenzen und Ressourcen in den Bereichen Forschung und Lehre (Universitätsallianz Ruhr 2019). Die Zukunftswerkstatt Inklusion stellt darin einen kleinen Baustein dar, bei dem die jeweiligen lehramtsbildenden Zentren der drei Universitäten im Bereich inklusives Lernen zusammenarbeiten. Dabei sollen Lehramtsstudierende im Master of Education einen Überblick über Konzepte und Basiskompetenzen zum inklusiven Unterricht erhalten. Die Zukunftswerkstatt finde einmal pro Jahr im Wechsel an jeweils einer der drei Universitäten statt. Masterstudierende aller Lehramtsfächer der UA-Ruhr können teilnehmen. Für die Organisation und Durchführung der Zukunftswerkstatt sind die Zentren für Lehrerbildung bzw. Professional Schools of Education der beteiligten Universitäten zuständig. Die Zukunftswerkstatt teilt sich in drei Phase auf, die fast vollständig in Präsenz verlaufen. Den Einstieg bildet eine einführende, halbtägige Plenarveranstaltung (Phase 1) mit Vorträgen und Diskussionen. Anschließend finden im Nachmittagsbereich desselben Tages Workshops statt (Phase 2), die von Dozierende der beteiligten Universitäten gestaltet werden. Thematisch orientieren sich die Workshops an Ideen und Konzepten für konkrete Umsetzungen von inklusivem Lernen. Die Zukunftswerkstatt setzt somit an der Schnittstelle von universitärer Ausbildung und schulischer Praxis an. In der dritten Phase finden in den kommenden Wochen weitere, vertiefende Workshops an allen drei Universitäten statt, die freiwillig und zusätzlich belegt werden können. Die Studierenden können unabhängig von ihrer eigenen Universität alle Veranstaltungen besuchen. Die Zukunftswerkstatt wird mit einem Zertifikat bescheinigt. (Zukunftswerkstatt Inklusion 2019). Wie bereits aufgezeigt, haben die Themen inklusiver und digitaler Unterricht strukturell viele Gemeinsamkeiten. Zudem können Fragen und Probleme bei der Umsetzung von inklusiven Settings mit Hilfe von digitalen Medien beantwortet und gelöst werden. Bei Schülerinnen und Schüler mit einer Seh- oder Hörschwäche können z. B. Tablets mit speziell eingestellten Farb- und Kontrastwerten oder Mikrofone für Unterstützung sorgen. Bei den bisherigen Durchgängen der Zukunftswerkstatt spielte das Thema Digitalisierung strukturell wie inhaltlich jedoch nur eine untergeordnete Rolle. Für den Durchgang 2019, durchgeführt im März, sollte dies geändert werden. Dabei stand u.a. die Frage im Raum, wie (Binnen-)Differenzierung mit Hilfe von digitalen Medien gelingen kann. Es sollte insbesondere aufgezeigt werden, wie das Inverted Classroom-Model dazu beitragen kann. Durchgeführt wurde der Workshop von Matthias Kostrzewa, Digitalisierungsbeauftragter für die Lehrerbildung an der Ruhr-Universität Der vierstündige Workshop bestand aus drei Phase: Input, Stationenlernen, Diskussion. Es nahmen 14 Studierende teil. Im ersten Teil wurden zunächst die Ziele und Erwartungen der Teilnehmenden für den Workshop geklärt. Es wurde deutlich, dass sich die Studierenden einen starken Praxisbezug und konkrete Ideen für den Unterricht wünschten (Kostrzewa, 2019). Im theoretischen Input wurde das Inverted Classroom-Konzept anhand von Fragen erklärt: wie in-class und out-of-class-Phase definiert sein, wie sich der Inverted Classroom strukturell vom klassischen Unterricht 8 Digitaler und inklusiver Unterricht verbunden 70 unterscheide oder ob es einen Unterschied zwischen Inverted und Flipped Classroom gibt. Neben dem Was und dem Wie stand vor allem die Frage im Raum, warum man den Inverted Classroom einsetzt. Hier wurden die vier Dimensionen der Bildung nach Fadel, Bialik & Trilling (2017) beschrieben und auf ihre Kompatibilität hin mit dem Inverted Classroom reflektiert. Zudem wurden die acht Elemente der digital literacies nach Douglas Belshaw (2011) angesprochen sowie konkrete didaktische Szenarien für die in-class-Phase beschrieben, z.B. das aktive Plenum (Spannagel, 2015). Der theoretische Input erfolgte in Form eines klassischen Vortrags mit kurzen aktivierenden Phasen, in denen die Studierende eigene Eindrücke zu den vier Dimensionen der Bildung in Kleingruppen sammelten. Ablauf- Zukunftswerkstatt Inklusion Workshop zum Flipped Classroom-Konzept, 28.03.2019 13:00h 13:10h 13:25h 14:15h 14:30h 16:15h 16:30h 16:50h 17:00h Vorrede, Begrüßung und Vorstellungsrunde Meine Ziele/Erwartungen für heute Theoretischer Input, didaktische Einordnung Pause Stationenlernen Pause Besprechung der „Ergebnisse“/Erfahrungen, Diskussion Meine Ziele/Erwartungen II Ende Ablaufplan des Workshops In der zweiten Phase konnten die Teilnehmenden den Inverted Classroom praktisch mit Tools und Ideen ausprobieren. In verschiedenen Stationen wurde Elemente zur Video- und Audioproduktion (z.B. Legetechnik), zum Gestalten interaktiver Inhalte (H5P) und zur Konzeption von Multimediainhalten vorgestellt und konnten direkt ausprobiert werden, sodass erste Produkte für Unterrichtsszenarien entstanden. Dabei standen Techniken im Zentrum, die auch in der Schule umgesetzt werden können: Vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten mit geringem Ressourcenaufwand. In weiteren Stationen konnten Elemente für die Präsenzphase erprobt werden, darunter Möglichkeiten Abstimmungen und Quizzes in die Lehre einzubauen sowie die einfache Erstellung und Bearbeitung von Arbeitsblättern. In einer übergeordneten Station wurde zudem das Thema Open Educational Resources behandelt. Im zeitlichen Ablauf des vierstündigen Workshops nahm das Stationenlernen mit 1 ¾ Stunden den größten Zeitslot in Anspruch. Für eine optimale Nutzung der Stationen wurde neben viel Zeit auch ein großer physischer Raum bereitgestellt. Der Workshop fand dafür in einem Seminarraum mit Platz für 70 Studierende statt. So konnten z.B. während des Stationenlernens erste Videos erstellt werden. Zudem wurde technische Endgeräte, wie Tablets oder Mikrofone zur Verfügung gestellt. Der Referent stand während dieser Zeit für Fragen und Anregungen zur Verfügung. Abb. 1: 8.3 Der Workshop 71 Stationenlernen Workshop zum Flipped Classroom-Konzept, 28.03.2019 Station 0.1 Station 1.1 Station 1.2 Station 1.3 Station 1.4 Station 1.5 Station 2.1 Station 2.2 Station 2.3 Station 2.4 Open Educational Resources Legetechnik (Videoerstellung) Podcasts H5P (interaktive Inhalte) Adobe Spark (multimediale Inhalte) pädagogische Prinzipien der Multimediagestaltung Etherpad, HackMD (Kollaboration) Abstimmungs-Tools (Quizzes) Tutory (digitale Arbeitsblätter) Umsetzungsbeispiele aus der Schule Übersicht der Stationen Bei der Fülle an Stationen und Möglichkeiten konnten sich die Studierenden nicht mit jeder Station in aller Ausführlichkeit beschäftigen. Die Stationen wurden in einer gemeinsamen Phase kurz vorgestellt. Welche Stationen die Studierenden bearbeiteten und in welcher Reihenfolge, wurde komplett ihnen überlassen. Die Stationen waren mit Steckbriefen, Beispielanwendungen und technischen Hilfsmitteln so aufgebaut, dass eine Bearbeitung eigenständig oder, wenn gewollt, auch in Kleingruppen erfolgen konnte. Die vorhandenen Tools sollten möglichst niederschwellig eingesetzt werden können, weshalb z.B. Testaccounts zur Verfügung standen. Im Zentrum jeder Station standen drei Aufgaben im Mittelpunkt: Kennenlernen der Idee oder des Tools, praktisches Ausprobieren und Reflexion für einen Einsatz in den eigenen Unterrichtsfächern. Die abschließende Diskussion wurde schon während der Praxisphase eingeleitet, in dem die Studierende ihre Eindrücke auf verschiedenen Themenplakaten festhielten: In welchen Fächern und zu welchen Inhalten könnten sie sich vorstellen, den Inverted Classroom einzusetzen? Welche Aspekte des Inverted Classroom gefielen ihnen gut und was sahen sie eher kritisch? In der vom Referenten moderierten Diskussion wurden diese Eindrücke gesammelt und gemeinsam mit den Teilnehmenden besprochen. Abschließend wurde die Verbindung zur schulischen Inklusion hergestellt. Es ging folglich weniger darum, die kennengelernten Tools auf einer technischen oder Anwenderebene zu reflektieren, als vielmehr ihre Potentiale für den Inverted Classroom und für den Einsatz im inklusiven Unterrichten herauszuarbeiten. Die Studierenden konnten sich dabei auf die am Vormittag gehört Keynote zum Thema Universal Design for Learning von Prof. Rumann der Universität Duisburg-Essen beziehen sowie auf die zuvor im theoretischen Teil des Workshops erarbeiteten Inhalte der vier Bildungsdimensionen (Fadel et al. 2017) und der digital literacies (Belshaw 2011). Sie stellten vor allem die Bereiche Binnendifferenzierung in heterogenen Klassen und individuelle Förderung als Potentiale des Inverted Classroom für inklusiven Unterricht heraus. Insbesondere der Aspekt mit Hilfe einer gut gestalteten out-of-class-Phase unterschiedliche Lerntempi und -stände besser unterstützten zu können, wurde posi- Abb. 2: 8 Digitaler und inklusiver Unterricht verbunden 72 tiv hervorgehoben. Zudem wurde die Bedeutung der Open Educational Resources hoch eingeschätzt, sodass die Erstellung von Materialien, wie Videos oder Arbeitsblättern, nicht komplett in den Händen der einzelnen Lehrpersonen liegt. Die Studierenden stellten somit den Aspekt, dass digitale Anwendungen und Tools einen inklusiven Unterricht im Bereich der Binnendifferenzierung ermöglichen können, in den Mittelpunkt. Die kennengelernten Tools stellten dabei mehr als Hilfsmittel oder Werkzeuge dar; sie sind vielmehr essenziell für das Gelingen eines Unterrichtsvorhabens in einer inklusiven Klasse. Ein Ergebnisplakat aus dem Workshop Den Abschluss des Workshops bildete eine Feedbackrunde. Hierbei ging es nicht um einen wissenschaftlichen Blick auf die Veranstaltung, sondern um das persönliche und direkte Feedback der Studierende in einer gemeinsamen Feedbackrunde. Grundlage waren die zu Beginn des Workshops formulierten Ziele und Erwartungen der Abb. 3: 8.3 Der Workshop 73 Studierenden. Aufgrund des Feedbacks soll das Workshop-Konzept für Folgeveranstaltungen angepasst werden. Ein Teil des Inputs soll – wie im Inverted Classroom – in die Workshop-Vorbereitung ausgelagert werden, um Platz für mehr und konkrete Bezugspunkte zur Inklusion bereitstellen zu können. Die Studierenden wünschten sich außerdem konkrete Beispiele aus der realen (schulischen) Praxis für den Einsatz des Inverted Classroom im inklusiven Unterricht. Daher sollen für einen folgenden Workshop Good Practices-Beispiele von Lehrerinnen und Lehrern in den Workshop integriert werden. Digitales und Inklusives verbunden Der Einsatz neuer digitaler Medien kann einen wichtigen Beitrag zur Umsetzung inklusiver Schulkonzepte leisten. Digitale Medien können in vielfältiger Weise an die individuellen Bedürfnisse von Schülerinnen und Schüler angepasst werden, insbesondere hinsichtlich der visuellen, auditiven und haptischen Gestaltung von Lernmaterialien. Diese Eigenschaften machen digitale Medien für den individuellen Lernprozess von Kindern und Jugendlichen besonders wertvoll. Dadurch sollen in allen Schulformen bestehende Barrieren bezüglich individueller Bedürfnisse überwunden und abgebaut werden. Alle Schülerinnen und Schüler sollen ermutigt werden, sich Lerninhalte mit Hilfe der motivationsfördernden Medien zu erschließen. Die digitale Transformation verändert unsere Umwelt und somit auch unseren Bildungsalltag. Bei der Frage, welche Kompetenzen und Handlungsfähigkeiten (agency) sowohl Schülerinnen und Schüler als auch Lehrkräfte erwerben sollen, stellen die Autoren verschiedener Kompetenzmodelle auch kulturelle Aspekte (Belshaw 2011) heraus. Bei Fadel et al. (2017) spielen in der Dimension Charakter die Eigenschaften Ethik und Achtsamkeit und damit auch die dazugehörigen Eigenschaften wie Menschlichkeit und Mitgefühl eine entscheidende Rolle. Belshaws (2011) Elemente cultural und civic der digital literacies geben eine ähnliche Richtung vor. In der Beschäftigung mit digitalisierungsbezogenen Kompetenzmodellen werden somit auch Kompetenzen angesprochen, die Gelingensbedingungen für einen inklusiven Unterricht darstellen, als Teil eines umfassenden, gemeinsamen Lernens. Der Inverted Classroom scheint für dieses Vorhaben ein idealer Einstieg zu sein. Lassen sich in ihm doch beide Welten miteinander verbinden. Zudem stellt er das gemeinsame und aktive Lernen in den Vordergrund der didaktischen Konzeption für die gemeinsame Lern- und Präsenzzeit (Werner et al. 2018). Literaturverzeichnis Autorengruppe Fachdidaktik. (2017). Was ist gute politische Bildung? Leitfaden für den sozialwissenschaftlichen Unterricht (2. Aufl.). Schwalbach/.Ts.: Wochenschau Verlag. Belshaw, A. J. Douglas. (2011) „What is ‘digital literacy‘?“ Verfügbar unter: https://clalliance.org/wpcontent/uploads/files/doug-belshaw-edd-thesis-final.pdf. 8.4 8.5 8 Digitaler und inklusiver Unterricht verbunden 74 Bereinigte Amtliche Sammlung der Schulvorschriften NRW (BASS) (2019). BASS online. Verfügbar unter: https://bass.schul-welt.de/. Fadel, Charles, Maya Bialik und Trilling, Bernie (2017). Die vier Dimensionen der Bildung. Was Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert lernen müssen. Übersetzt von Jöran Muuß-Merholz. Hamburg: Verlag ZLL21 e.V. Kostrzewa, Matthias (2019). Zukunftswerkstatt Inklusion: Workshop-Dokumentation. Verfügbar unter: https://matthias-kostrzewa.de/zuwi2019. Müller, Frank J. (2019). Chancen und Herausforderungen staatlich finanzierter, frei verfügbarer Bildungsmaterialien (OER) am Beispiel der Plattform ndla.no in Norwegen. Ein Weg zu mehr Inklusion?. Hamburg: Verlag ZLL21 e.V. Schmid, Ulrich, Goertz, Lutz, Radomski, Sabine, Thom, Sabrina & Behrens, Julia (2017). Monitor Digitale Bildung. Die Hochschulen im digitalen Zeitalter. Verfügbar unter: https://www.bertelsma nnstiftung.de/fileadmin/files/BSt/Publikationen/GrauePublikationen/DigiMonitor_Hochschulen_final.pdf. Spannagel, Christian (2015). Das aktive Plenum in Mathematikvorlesungen. In Berger, L., J. Grezega & Spannagel, Christian. Lernen durch Lehren im Fokus. Bericht von LdL-Einsteigern und LdL-Experten. Berlin: epubli GmbH. Universitätsallianz Ruhr (2019). Gemeinsam besser studieren, forschen und lehren. Verfügbar unter: http://www.uaruhr.de/mam/content/ua_ruhr_deutsch_flyer_2018_final.pdf. Werner, Julia, Ebel, Christian, Spannagel, Christian & Bayer Stephan (2018). Flipped Classroom – Zeit für deinen Unterricht. Praxisbeispiele, Erfahrungen und Handlungsempfehlungen. Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung. Zukunftswerkstatt Inklusion (2019). Zukunftswerkstatt Inklusion 2019 – Veranstaltungsflyer. Verfügbar unter: https://zlb.unidue.de/palapala/zukunftswerkstatt/2019/Flyer_ZuwI_2019.pdf. 8.5 Literaturverzeichnis 75

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References

Zusammenfassung

Die Inverted Classroom Fachtagung hat sich zu einem willkommenen Forum zum Austausch über das Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert für die deutschsprachige Gemeinschaft von Lehrkräften, Experten und Interessierten entwickelt, die sich der Digitalisierung der Lehre verschrieben haben. 2019 fand die achte und vorerst letzte „Inverted Classroom Konferenz“ in Marburg statt. Der Fokus lag diesmal auf den nächsten Schritten in der Entwicklung von Lehren und Lernen in der digitalen Zukunft. Themen wie Blockchain, Open Educational Resources, MOOCs oder auch Makerspaces kamen in den Fokus.

Die Autorinnen und Autoren beschäftigen sich in ihren Artikeln mit dem Inverted Classroom in der Lehramtsbildung, dem wirkungsvollen Einsatz von Wikis oder Badge-Systemen, wie Inklusion und ICM sich gegenseitig befruchten können, aber auch mit Flipped Lab Szenarien und dem Einsatz von humanoiden Robotern in der Schulbildung und der Hochschullehre. Darüber hinaus gibt es Beiträge, die sich mit dem digitalen Lehren und Lernen im Ganzen beschäftigen oder auch das Thema ICM und Nachhaltigkeit betrachten.

Der Tagungsband fasst folglich nicht nur die Ergebnisse dieser 8. Fachtagung zusammen, sondern bietet neben ausgewählten Fallstudien und Untersuchungen im Praxiskontext auch einen Einblick in die Zukunft der Digitalisierung der Lehre im Allgemeinen und der Rolle, die der Inverted Classroom hierbei spielen kann.