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Jürgen Handke, 6 Digital Badges im Inverted Classroom in:

Sabrina Zeaiter, Jürgen Handke (ed.)

Inverted Classroom - Past, Present & Future, page 45 - 50

Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4436-0, ISBN online: 978-3-8288-7451-0, https://doi.org/10.5771/9783828874510-45

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Digital Badges im Inverted Classroom Jürgen Handke The System of Digital Badges is an option to increase student motivation not only in the self-guided learning phase of the Inverted Classroom Model but especially when it comes to mastery testing. Using our experience over several years, this contribution discusses the general and the organizational principles of using digital badges on the Virtual Linguistics Campus. Badge-Varianten1 Digitale Badges sind Indikatoren für die Leistung und den Wissensstand, die in einer digitalen Lernumgebung erworben werden können. Sie werden den Teilnehmern an digital integrativen Kursen in der Regel auf der Basis mehrerer Einzelfragen oder in Form von kompakten elektronischen Tests verliehen. In den Kursen des Virtual Linguistics Campus (www.linguistics-online.com, VLC) sind die in Abb. 1 dargestellten Badges erreichbar. Badge Name Nobadge Rookie Junior Senior Expert Genius Score (%) < 60 60 to 69 70 to 79 80 to 89 90 to 99 100 Badges in VLC-Kursen (Badge-Symbole als Thumbnails) Die VLC-Badges basieren auf den Leistungen in den „Mastery Worksheets“ eines Kurses, eine für jede Lerneinheit2 und haben zwei Funktionen: a. eine kursbezogene Funktion („Final Badge“) b. eine „Unit“-bezogene Funktion („Momentary Badge“) 6 6.1 Abb. 1: 1 Alle generischen Formen schließen alle Geschlechter mit ein. Auf die wortinterne Großschreibung, den Genderstern oder den Unterstrich wurde auf Grund der Empfehlungen des Rechtschreibrates von 2018 verzichte 2 Für Details zu den VLC Mastery Worksheets siehe Video1 [INT1] und Handke (2013). 45 Der kursbezogene „Final Badge“ zeigt die Leistungen basierend auf allen am Ende eines Kurses eingereichten Arbeitsblättern und kann für die Zertifizierung oder Benotung verwendet werden. Um beispielsweise einen pMOOC zu bestehen, müssen die Teilnehmer mindestens die "Rookie"-Stufe am Ende der Klasse erreichen ("Statement of Accomplishment"). Der auf die aktuelle Lerneinheit bezogene „Momentary Badge“ hingegen ist eine Momentaufnahme des Fortschritts eines Kursteilnehmers zu einem bestimmten Zeitpunkt. Damit ist dieser Badge nicht nur ein Indikator für den eigenen Fortschritt, sondern gleichzeitig auch ein Maß, das dem Lernbetreuer (im VLC als "Coach" bezeichnet) anzeigt, wie gut die Kursteilnehmer zu einem bestimmten Zeitpunkt vorbereitet sind. Abb. 2 zeigt eine solche Momentaufnahme aus der Sicht des Kursbetreuers („Admin-View“) nach acht Lerneinheiten. No. Total Badge Title Last Name FirstName JIT-WS ... 10 43 % (7/13) Ms. Linnemann Sabine - 11 58 % (8/13) Ms. Müller Meike + 12 None Mr. Land Stefan - 13 64 % (9/13) Ms. Johann Toni + 14 52 % (7/13) Mr. Klaus Tom + ... „Momentary Badges“ nach acht Lerneinheiten aus der Sicht des Lernbetreuers (Namen anonymisiert) Während Teilnehmer #12, Stefan Land, keinen Badge-Status hat und bisher noch kein Worksheet eingereicht/bestanden hat und somit möglicherweise gar nicht mehr Teil des Kurses ist, liegt Meike Müller (#11) genau auf Kurs. Teilnehmer #13, Toni Johann, hat sogar mehr Worksheets als bisher gefordert eingereicht. Für seinen „Momentary Badge“ kommen aber nur die ersten acht Worksheets in die Wertung, in seinem Fall führt das zum Expert-Badge. Bei den Teilnehmern #10 und #14 fehlt jeweils ein Worksheet. Solange es nicht das aktuelle ist, wie bei Tom Klaus (#14), schmälert das zwar den bisher erreichten Badge-Status, der Teilnehmer gilt aber als vorbereitet für die aktuelle Präsenzsitzung. Anders ist dies bei Sabine Linnemann (#10). Sie hat zwar Abb. 2: 6 Digital Badges im Inverted Classroom 46 den Rookie-Status erreicht, aber das nur auf der Basis der Worksheets 1 bis 7. Das achte Worksheet hat sie nicht eingereicht und gilt somit als nicht vorbereitet für die aktuelle Präsenzsitzung. Über den „Admin View“ kann der Lernbegleiter somit nicht nur die Momentary Badges seiner Kursteilnehmer einsehen, sondern auch den Einreichungsstand der aktuellen Mastery Tests (Spalte JIT-Worksheet in Abb. 2). Zugriff auf den Badge-Status (Kursteilnehmer) Auf der Startseite eines Kurses können die Kursteilnehmer über den Link „My Worksheets“ auf ihren eigenen Badge-Status zugreifen (in Abb. 3 umrahmt). Die Kursstartseite "Introduction to Linguistics for BA Students of English" Der in Abb. 3 dargestellte Kurs umfasst 13 Lerneinheiten und enthält damit 13 Mastery Worksheets (siehe auch Abb. 1 im Vorwort dieses Tagungsbandes). Die aktuelle Lerneinheit im Fokus ist Lerneinheit 9 ("Semantics"), d.h. der momentane Badge basiert auf den Ergebnissen der Worksheets der Lerneinheiten 1 bis 8. Ein einfacher Klick auf "My Worksheets" öffnet ein Overlay mit allen persönlichen Details zu den bis zu diesem Zeitpunkt eingereichten, Worksheets. 6.1.1 Abb. 3: 6.1 Badge-Varianten 47 Worksheet-Einreichungen (Teilnehmeransicht, Name gelöscht) Im Infofenster "Worksheet Submissions" wird der jeweilige Badge-Status als Miniaturbild in der rechten oberen Ecke angezeigt (Abb. 4). < 60 % no badge Die VLC-Badges zum Ausdrucken (Originalgröße 600 x 600 Pixel) Ein Klick auf dieses Miniaturbild lädt die größere Version des Badges zum Ausdrucken herunter (Abb. 5). Abb. 4: Abb. 5: 6 Digital Badges im Inverted Classroom 48 Berechnung des Badge-Status Der aktuelle Badge-Status wird wie folgt berechnet (vgl. Abb. 4): Nach acht Lerneinheiten wird die Punktzahl der eingereichten Mastery Worksheets (Spalte "Your Score" = 750 Punkte) durch 800 (die aktuelle Maximalpunktzahl bei 8 Lerneinheiten) geteilt. Das ergibt 83 %, also den Badge-Status "Senior". (Der in Abb. 4 angezeigte Kursteilnehmer, in Abb. 2 Nr. #11, Meike Müller, hat übrigens zu diesem Zeitpunkt alle 8 Worksheets eingereicht. Der aktuelle Kursprozentsatz (in Abb. 4 umrandet) wird als "My Overall Worksheet Score" angezeigt. Auch dieser Wert wird auf der Basis der eingereichten Mastery Worksheets berechnet (Spalte "Your Score" = 750 Punkte), wird aber nun durch den maximalen Mastery Worksheet-Wert (hier: 1.300 Punkte bei allen 13 Lerneinheiten) dividiert. Der resultierende Wert, d.h. derzeit 58 %, ist zu diesem Zeitpunkt nicht bedeutsam, sondern er definiert den bisher erreichten finalen Badge-Wert. Bei Kursende allerdings sollte dieser Wert >= 60 % sein, erst dann gelten eventuelle Leistungsbedingungen als erfüllt (z.B. das „Statement of Accomplishment“ in den VLC pMOOCs, die ebenfalls das Badge-System nutzen). Die Meinung der Studenten Ohne Übertreibung kann festgestellt werden: Das Digitale Badge-System motiviert die studentischen Kursteilnehmer in erheblichen Maße. Zu diesem Urteil sind wir in verschiedenen anonymen Live-Votings (über das PINGO-Live-Voting-System) in den Präsenzphasen verschiedener Kurse gelangt, als wir den Studenten folgende Frage gestellt haben „Does the digital badge system motivate you doing the worksheets (well)?“ und die Mehrheit aller Kursteilnehmer dabei mit „YES“ geantwortet hat. Allerdings gab es Unterschiede, die offenbar mit dem Status der Mastery Worksheets in einzelnen Kursen zusammenhängen. Es gibt nämlich zwei Möglichkeiten, diese in Kursen zu verankern: a. Die Worksheets sind optional und nicht Teil des Leistungsportfolios eines Kurses (Workload < 4 ECTS). b. Die Worksheets sind obligatorisch und Teil des Leistungsportfolios eines Kurses (Workload >= 4 ECTS). Zwar werden die Worksheets in beiden Kursvarianten (auch ohne den Druck der Leistungsmessung) eingereicht, allerdings sind die Studenten in Kursen, in denen die Worksheets nicht verpflichtend sind, gelinde gesagt etwas entspannter, was die Einreichung von Worksheets und auch deren Ergebnisse anbelangt und somit anscheinend auch weniger durch das Badge-System motivierbar. Abb. 6 zeigt diese Unterschiede. 6.1.2 6.1.3 6.1 Badge-Varianten 49 Worksheets Die Badges sind motivierend Die Badges sind nicht motivierend Die Badges sind mir gleichgültig Optional 47 % 42 % 11 % Verpflichtend 85 % 0 % 15 % Studentische Einschätzung zur Motivation durch Digitale Badges Um es nochmal herauszustreichen: Die geringere Motivation von „Digital Badges“ in Kursen, in denen die Worksheets nicht Teil der Leistungsmessung ist, sagt nur aus, dass die Motivation geringer ist, nicht aber der Mastery Level selbst. Denn in beiden Fällen reichen die Studenten die Just-in-Time Mastery Worksheets in hohen Prozentsätzen (>70 %) ein. Nur die Motivation Top-Badges zu erreichen ist bei Kursen ohne verpflichtende Worksheets offenbar geringer. Möglicherweise lässt sich hier schlussfolgern, dass Aspekte der „Gamification“, egal in welcher Ausprägung, in der heutigen Zeit immer erst dann ihre volle Wirkung entfalten, wenn sie verpflichtend sind. Es bleibt zu hoffen, dass sich hier mittel- und langfristig Änderungen dieser Lernerhaltung in einer immer digitaler werdenden Welt einstellen. Zusammenfassung Das System der Digitalen Badges ist ein probates Mittel, die Studenten zu motivieren und „bei der Ehre zu packen“. Letzteres erreicht man unter anderem auch über gezielte Ansprachen der Badge-Levels in den Präsenzphasen (siehe Handke, dieser Tagungsband). Nicht personenbezogene Ansagen zu Beginn einer Präsenzphase wie: „Ich begrüße sieben Experts und zwei Studenten mit dem „Genius Status“!“ können durchaus motivierend wirken und Anreize hervorrufen, bessere Leistungen zu zeigen. Und ein bisschen Leistung darf es ja wohl auch sein. Literaturverzeichnis Handke, Jürgen. (2013). Beyond a Simple ICM. In Handke, Jürgen, Kiesler, Natalie & Wiemeyer, Leonie (Hrsg). (2013). The Inverted Classroom Modell. München: Oldenbourg: S. 15–22. [INT1] E-Assessment on the VLC https://youtu.be/qtCf0ra6SeU Zugriff: 15.12.2019 [INT2] Studying Online on the VLC. https://youtu.be/Zxv 8cECxEH8 Zugriff: 15.12.2019 Abb. 6: 6.2 6.3 6 Digital Badges im Inverted Classroom 50

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Zusammenfassung

Die Inverted Classroom Fachtagung hat sich zu einem willkommenen Forum zum Austausch über das Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert für die deutschsprachige Gemeinschaft von Lehrkräften, Experten und Interessierten entwickelt, die sich der Digitalisierung der Lehre verschrieben haben. 2019 fand die achte und vorerst letzte „Inverted Classroom Konferenz“ in Marburg statt. Der Fokus lag diesmal auf den nächsten Schritten in der Entwicklung von Lehren und Lernen in der digitalen Zukunft. Themen wie Blockchain, Open Educational Resources, MOOCs oder auch Makerspaces kamen in den Fokus.

Die Autorinnen und Autoren beschäftigen sich in ihren Artikeln mit dem Inverted Classroom in der Lehramtsbildung, dem wirkungsvollen Einsatz von Wikis oder Badge-Systemen, wie Inklusion und ICM sich gegenseitig befruchten können, aber auch mit Flipped Lab Szenarien und dem Einsatz von humanoiden Robotern in der Schulbildung und der Hochschullehre. Darüber hinaus gibt es Beiträge, die sich mit dem digitalen Lehren und Lernen im Ganzen beschäftigen oder auch das Thema ICM und Nachhaltigkeit betrachten.

Der Tagungsband fasst folglich nicht nur die Ergebnisse dieser 8. Fachtagung zusammen, sondern bietet neben ausgewählten Fallstudien und Untersuchungen im Praxiskontext auch einen Einblick in die Zukunft der Digitalisierung der Lehre im Allgemeinen und der Rolle, die der Inverted Classroom hierbei spielen kann.