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3 Alexander Schnücker: Open Educational Resources (OER) in:

Sabrina Zeaiter, Jürgen Handke (Ed.)

Inverted Classroom - Past, Present & Future, page 15 - 18

Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4436-0, ISBN online: 978-3-8288-7451-0, https://doi.org/10.5771/9783828874510-15

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Alexander Schnücker: Open Educational Resources (OER) ICM Team Der Keynote Speaker Alexander Schnücker, M.A., war wissenschaftlicher Mitarbeiter für digitale Lehre und didaktische Designs in der Hochschuldidaktik an der Universität Siegen. An der Schnittstelle von Medien, Didaktik und Design hat er dort Lehrende zu innovativen Lehr-Lernsettings beraten. Derzeit ist er an der Freien Universität Berlin im BMBF- Projekt LEON (Learning Environments Online) tätig, das sich mit der Konzeption und dem Ausbau standortübergreifender Studienangebote in nationalem und internationalem Kontext befasst. Seit 2014 beschäftigte Schnücker sich mit Open Educational Resources als Möglichkeit der hochschuldidaktischen Kompetenzentwicklung. Dafür hat er die OER- Postkarten entwickelt und dabei das Brettspiel „Mensch OERgere dich nicht“ erfunden. Im Rahmen von „Eine Uni – ein Buch“ hat er zusammen mit Lehrenden an der Universität Siegen offene Bildungsmaterialien zum Deutschen Grundgesetz entwickelt und umgesetzt. In seiner Keynote bei der 8. ICM stellte er Themen rund um digitale Lehre, OER und hochschuldidaktische Designs vor. Die Keynote – Eine Zusammenfassung Herr Schnücker begann seinen Vortrag, indem er zunächst über Hochschuldidaktik im Allgemeinen sprach. Die Schwellendidaktik, also unvorbereiteter Unterricht ohne Überlegungen zu Lernzielen o. Ä., die bisher vorherrschte, sollte es nach einer hochschuldidaktischen Qualifizierung nicht mehr geben. Ziel sollten stattdessen gut strukturierte und gut geplante Lehreinheiten mit transparenten Lernzielen sein. Zudem müssten eigene Inhalte in Frage gestellt, überdacht und überarbeitet werden. Das Ziel hierbei sei der sogenannte „Shift from Teaching to Learning” oder auch “From the sage on the stage to the guide on the side”. Eine Entwicklung weg, von der Einzelperson, die vor der Gruppe referiert, hin zu einem kooperativen und individuellen Lernweg. Lehrende sollten den Lernprozess so gestalten, dass Studierende mit unterstützenden Methoden Wissen verknüpfen, gemeinschaftlich erarbeiten und individuell erweitern können. Eine Entwicklung weg vom reinen Abfragen von Fakten am Ende des Semesters, hin zu einem kompetenzorientierten, lösungsorientierten und kreativen Lehr- Lernszenario. Kreativ bedeute hierbei, das Finden eigener Lösungen auf Basis der vermittelten Inhalte. Yuval Noah Harari erkläre in seinem Buch 21 Lektionen für das 21. Jahrhundert "Die einzige Konstante ist der Wandel". Es werde nicht mehr den Status des "Ausge- 3 15 lernt-sein" geben, vielmehr befinde sich die Gesellschaft in einem ständigen Wandel, welcher unter anderem durch die fortschreitende Technologisierung bedingt sei. Die Hochschuldidaktik und Digitalisierung seien heutzutage eng miteinander verknüpft. Allerdings nehme ein Großteil der Hochschulen in Deutschland bisher eine eher passive, abwartende Haltung ein, dies sei jedoch nicht der richtige Weg. Man solle den Fokus nicht auf die technischen Endgeräte legen, sprich welche Tablets oder Smartphones angeschafft werden sollten, denn die Digitalisierung sei keine technische Innovation, sondern vielmehr eine soziale und gesellschaftliche. Das, was mit der technischen Innovation ermöglicht werden könne, müsse allerdings auf eine offene Gesellschaft treffen, um angenommen zu werden. Die soziale Interaktion über die neuen Medien sei grundsätzlich eingebettet in die Bestandteile, aus der sich die Realität der Digitalisierung zusammensetze. Darunter fielen die Punkte Referentialität, Gemeinschaftlichkeit und Algorithmizität. Dabei bedeute Referentialität, dass jeder Text im Internet nicht nur ein bloßer Text sei, sondern er sei referenzierbar mit anderen Texten im Internet, was einen großen Vorteil biete für das wissenschaftliche Arbeiten. Gemeinschaftlichkeit beschreibe die Tatsache, dass Inhalte frei im Netz verfügbar sind und man die Möglichkeit habe, selbst daran teilzuhaben und daran mitzuwirken. Algorithmizität bedeute dann, dass dies auswertbar und automatisierbar sei. Im Hinblick auf die Lehre wiederum böte dies eine große Chance, da man dadurch die Lernprozesse von einzelnen Studierenden so genau benennen könne, dass sich automatisch neue Möglichkeiten zum Lehr & Lernen ergäben. Es gehe also um eine neue Form der gesellschaftlichen Teilhabe. In den letzten Jahren habe ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Aus dem rein rezipierenden Individuum sei ein potenziell zum produzieren fähiges Individuum geworden, mit der Chance von allen tatsächlich gehört und gesehen zu werden. Solch ein Wechsel sei aus der Mediengeschichte bereits bekannt. Man spreche von Old Media und dem Prinzip „One to many“, wobei eine Instanz das Recht hätte, ihre Informationen an eine breite Masse zu verteilen. Diese habe sich zu New oder Social Media entwickelt, bei denen das Prinzip laute „Many to many“, das heiße es gäbe einen Übergang vom Konsumenten zum Produzenten. Dieser Wandel zeige eine klare Parallelentwicklung zur Hochschullehre, denn auch hier sei das vorherrschende Prinzip „One to many“ gewesen. Der Wandel vom Lehren zum Lernen ermögliche ebenfalls, die Aufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen wobei digitale Werkzeuge zusätzlich unterstützend wirken können. In diesem Zusammenhang würden nun auch die Open Educational Resources (OER) auftreten. OER seien Materialien, die eine Creative Commons Lizenz besitzen. Die Komplexität der Materialien könne variieren, zwischen Fotos und auf mehrere Wochen angelegte Onlinekurse mit wöchentlichen Videos, Arbeitsblättern, etc. Für die Hochschuldidaktik habe OER einen großen Reiz, da nicht alle Lehrenden immer alles neu erfinden müssten, sondern auf bereits bestehende Materialien zurückgreifen könnten. Zwar erleichtere dies den Einstieg, jedoch erspare es nicht die inhaltliche und lernzielorientierte Reflektion der Inhalte. OER seien momentan vorrangig eine Sache der Haltung. Die technischen Möglichkeiten seien bereits da, wie auch ein 3 Alexander Schnücker: Open Educational Resources (OER) 16 funktionierendes Lizenzmodell, im Grunde könne jeder sofort damit beginnen, selbst OER zu erstellen. Was seien nun die Herausforderungen der OER? Man sei sich beispielsweise noch nicht im Klaren darüber, wie und in welchem Umfang mit Versionen einer Ressource umgegangen werden sollte, zudem stelle sich die Frage, wie die Qualität der OER gewährleistet werden sollte und wo die OER gespeichert werden sollten. Aktuell gäbe es zahlreiche Datenbanken, auf denen OER gespeichert würden, allerdings seien diese noch nicht ideal. Daher käme die Frage auf, ob nicht eine zentrale Plattform wünschenswert sei, auf der man alles findet. Herr Schnücker beantwortete diese Frage sowohl mit einem ja, als auch mit einem nein. Er spricht sich dafür aus, dass es eine zentrale Sammelstelle geben soll, allerdings sollte es keinesfalls eine Datenbank sein. Für viel sinnvoller erachtet er Social Media Plattformen. Man könnte neue Dinge entwickeln, diese bereitstellen, diskutieren, wieder verändern und sich darüber austauschen. Vernetzung sei auch hier wieder das Stichwort. Dadurch könne nachvollzogen werden, wer die OER benutzt, beziehungsweise, ob diese verändert oder weiterentwickelt wurde. Hier spräche man also vom „Shift from Accessibility to Usability", also dem Wechsel von Zugänglichkeit zu Nutzbarkeit. Daraus resultiere weiterhin der „Shift from OER to SERO (Social Educational Resources Open + Online)”. Die soziale Komponente biete wesentlich mehr Handlungsspielräume und prozessorientierte Materialien müssten entsprechend genutzt werden. Es gehe nicht darum, fertiggestellte Materialien einfach abzulegen, sondern diese weiterzuentwickeln und weiterzuverwenden. Das heißt, laut Schnücker, eine zeitgemäße Lehre braucht einerseits das richtige didaktische Design und andererseits das richtige digitale Design, um zu einem Mehrwert für Studierende und Lehrende beizutragen. Literaturverzeichnis Muuß-Merholz, Jöran. (2018). Wider die Ordnungsphantasien! Argumente gegen ein zentrales Verzeichnis für OER. Verfügbar unter: https://open-educational-resources.de/wider-die-ordnungsphantasien-argumente-gegen-ein-zentralesverzeichnis-fuer-oer/. Penova, Z. (o. J.) Was User Experience und OER verbindet. Verfügbar unter: http://mapping-oer.de/ themen/qualifizierung/ux-design-und-oer-ein-ungleiches-paar/. Stalder, Felix. (2016). Kultur der Digitalität. Berlin: Edition Suhrkamp. Wittke, Andreas. (2017). Warum E-Learning gescheitert ist. Verfügbar unter: https://hochschulforumdigitalisierung.de/de/blog/warum-e-learning-gescheitert-ist. 3.1 3.1 Literaturverzeichnis 17

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Zusammenfassung

Die Inverted Classroom Fachtagung hat sich zu einem willkommenen Forum zum Austausch über das Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert für die deutschsprachige Gemeinschaft von Lehrkräften, Experten und Interessierten entwickelt, die sich der Digitalisierung der Lehre verschrieben haben. 2019 fand die achte und vorerst letzte „Inverted Classroom Konferenz“ in Marburg statt. Der Fokus lag diesmal auf den nächsten Schritten in der Entwicklung von Lehren und Lernen in der digitalen Zukunft. Themen wie Blockchain, Open Educational Resources, MOOCs oder auch Makerspaces kamen in den Fokus.

Die Autorinnen und Autoren beschäftigen sich in ihren Artikeln mit dem Inverted Classroom in der Lehramtsbildung, dem wirkungsvollen Einsatz von Wikis oder Badge-Systemen, wie Inklusion und ICM sich gegenseitig befruchten können, aber auch mit Flipped Lab Szenarien und dem Einsatz von humanoiden Robotern in der Schulbildung und der Hochschullehre. Darüber hinaus gibt es Beiträge, die sich mit dem digitalen Lehren und Lernen im Ganzen beschäftigen oder auch das Thema ICM und Nachhaltigkeit betrachten.

Der Tagungsband fasst folglich nicht nur die Ergebnisse dieser 8. Fachtagung zusammen, sondern bietet neben ausgewählten Fallstudien und Untersuchungen im Praxiskontext auch einen Einblick in die Zukunft der Digitalisierung der Lehre im Allgemeinen und der Rolle, die der Inverted Classroom hierbei spielen kann.