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Johannes Krause, 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht in:

Sabrina Zeaiter, Jürgen Handke (Ed.)

Inverted Classroom - Past, Present & Future, page 149 - 164

Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4436-0, ISBN online: 978-3-8288-7451-0, https://doi.org/10.5771/9783828874510-149

Tectum, Baden-Baden
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Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht Johannes Krause In recent years, the use of wikis has gained more and more importance in economic as well as in teaching contexts. The following article is about the use of wiki-applications in literary studies as part of university teaching. The main challenge in lecturing is the differentiation and integration of students in lectures with many participants. A study of several lectures of the author at the Bielefeld University was aimed at uncovering the advantages and limitations of using wiki-applications with respect to the above-named challenges. The study is based on data from two sources: Exercises were implemented to ascertain the ways in which students were using the wiki. Observations of those exercises were collected and outlined. Then feedback from the students gave some indication as to where the use of wiki-applications is effective and where it needs to be strengthened. The results will help to improve the use of wikis in future terms. Einleitung Im Zuge der Anpassung der Hochschullehre an die Anforderungen aber auch an die Transformation der modernen Gesellschaft müssen Möglichkeiten der Digitalisierung in der Lehre vor allem durch das System ‚Trial & Error‘ und durch die Kollaboration von Lehrenden entwickelt werden. Besonders in der Literaturwissenschaft und -didaktik muss dieses Feld von Grund auf erschlossen werden, um zeitgemäßes Lehren und Lernen zu ermöglichen. Speziell für spätere Lehramtsanwärter ist die Digitalisierung der Lehre ein bedeutender Ausbildungsinhalt, da sie zum einen diese Methoden im Unterricht anwenden und zum anderen ihre Medienkompetenz an die Schülerinnen und Schüler weitergeben können müssen. Seit dem Wintersemester 2018/19 führe ich Lehrveranstaltungen im Bereich der „Kinder- und Jugendliteratur nach 1945“ und der „Leseentwicklung und literarischen Sozialisation“, sowie der Literaturdidaktik („Intermediale Lektüren im Deutschunterricht“) für Lehramtsstudierende an der Universität Bielefeld durch, seit dem aktuellen Sommersemester unter besonderer Berücksichtigung neuer Lehrformate. Hierbei geht es zunächst einmal um das Austesten von Systemen und das Ausloten der Möglichkeiten, die sich mit den verschiedenen digitalen Werkzeugen für den Literaturun- 14 14.1 149 terricht ergeben. In diesem Zusammenhang probiere ich im Rahmen meiner Lehre regelmäßig neue Methoden zur digitalen Unterstützung und Erweiterung des Lehrspektrums aus, beziehungsweise lasse diese von den Studierenden in selbstgestalteten Seminareinheiten erproben und evaluieren. In dem Prozess der Seminarplanung hat sich mir die Frage nach dem Potential einer Wiki-Anwendung für die literaturwissenschaftliche Arbeit gestellt. Im Mittelpunkt des Beitrags soll deshalb ein (keineswegs) abschließender Werkstattbericht über die bisherige Arbeit mit dem Erstellen dieses Wikis zu literaturwissenschaftlichen Zwecken und die bereits erschlossenen, aber auch denkbaren Anwendungsgebiete stehen, die ich für andere sichtbar machen möchte, damit hieraus Erkenntnisse und Ideen für die eigene Lehre gezogen oder Diskussionsgrundlagen geschaffen werden können. Der Werkstattbericht soll dabei nicht nur die mögliche Anwendung eines Wikis darstellen, sondern vor allem auch den Lernprozess des Lehrenden selbst. Zu beachten ist, dass der Einsatz des Wikis relativ spontan und ‚aus dem Gefühl heraus‘ erfolgte und deswegen nicht auf theoretische Grundlagen gestützt werden konnte. Die Orientierung an den theoretischen Grundlagen wurde erst im Nachhinein als Teil der Evaluierung vorgenommen. Hierdurch können Hinweise auf die Funktionsweise des Wikis und auch seine Problemfelder aufgenommen werden. Dabei soll das Wiki vor allem als Möglichkeit der Individualisierung und Differenzierung von Lernprozessen bei gleichzeitiger Partizipation, Kollaboration und Kooperation auf der einen, aber auch der ubiquitär nutzbaren und zeitgemäßen Wissensspeicherung und -verbreitung auf der anderen Seite in den Blick genommen werden. Dazu sollen zuerst eine kurze Definition und Einordnung eines Wikis und eine Beschreibung der Arbeitsweise gegeben werden. Dann werden verschiedene Anwendungsgebiete innerhalb meines Literaturunterrichts beschrieben und die Rückmeldungen der Studierenden auf die erprobten Lehrmethoden auszugsweise wiedergegeben. Daraus können Schlüsse für die Fortentwicklung der literaturwissenschaftlichen und -didaktischen Lehre gezogen werden, indem die Bedürfnisse, die mit dem Wiki-Einsatz schon erfüllt werden oder in späteren Veranstaltungen noch erfüllt werden müssen, festgestellt werden. Theoretische Grundlagen der Wikis in der Hochschullehre Die inzwischen vor allem wirtschaftlichen Einsatzgebiete1 eines Wikis – sei es zur Einarbeitung und Ausbildung von Azubis, sei es für die Optimierung innerbetrieblicher Prozesse – können auf die Anwendung im Bereich der Hochschullehre analog angepasst werden. Die Definitionen einer Wiki-Anwendung teilen sich auf in den technischen Bereich – der für diese Betrachtung allerdings zu vernachlässigen ist – sowie ihre Verwendungsmöglichkeiten für die Lehre im Allgemeinen und sind in der 14.2 1 Einen ersten Einblick in die wirtschaftlichen Wiki- Anwendungen bieten e.g. Groß & Hülsbusch (2005). 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht 150 Literatur hinreichend behandelt worden.2 Deswegen soll sich im Folgenden auf eine Zusammenfassung der Ergebnisse beschränkt werden, die die wichtigsten Merkmale dieser Anwendungen aufführen. Wissensvermittlung mithilfe eines Wikis Unter Wikis oder WikiWikis versteht man eine Sammlung „Lernender Texte“ (Häfele & Maier-Häfele, 2012, S. 58) oder anders ausgedrückt „hypertextbasiert[er] kollaborative[r] Schreibprozesse“ (Endres, 2012, S. 122). Diese bestehen aus untereinander verlinkten Einzelseiten, die von allen (teilnehmenden) Personen veränderbar sind. Die Erstellung eines Wikis ist eine „ergebnisorientierte Vorgehensweise“ (Bremer, 2012, S. 86), bei der die Kooperation und Kollaboration im Vordergrund stehen (ibid., S. 88). Das „Einautorenprinzip“ (Endres, 2012, S. 123) anderer Unterrichtsformen wird damit in Frage gestellt. Das Besondere an diesem Vorgehen ist, dass informative Texte von den Teilnehmerinnen und Teilnehmer individuell und differenziert erarbeitet und formuliert werden und diese Informationen später intuitiv aufgefunden werden können (cf. Häfele & Maier-Häfele, 2012, S. 55). Die Anwenderinnen und Anwender können selbstorganisiert arbeiten, werden aber nicht zur Mitarbeit gezwungen (cf. Bremer, 2012, S. 91). Dadurch wird "die Grenze zwischen Konsumenten und Produzenten von Wissen aufgehoben, die Nutzer erstellen selbst eigene Inhalte und erlauben den kostenlosen Zugriff." (Moskaliuk, 2008b, S. 17). Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines Wikis sind in der Lage, die Struktur des Wikis zu verändern, indem sie Seiten und Verweise selbst schaffen und über Hypertexte verbinden (Beißwenger, 2012). Erwin Abfalterer (2007, S. 15) bezeichnet dieses „kollaborative Erlebnis“ als eine der Hauptstärken der Wiki-Anwendungen. Die User können teilhaben an dem Schreibprozess und werden so „zu aktiven Produzenten statt passiven Konsumenten von Medienprodukten“ (Groß & Hülsbusch, 2005, S. 50, zitiert nach Abfalterer, 2007, S. 14). Johannes Moskaliuk (2008d) analysiert die Wissensvermittlung durch ein Wiki auf zwei Ebenen unter konstruktivistischer (cf. S. 51–55) und systemischer (cf. S. 55–61) Perspektive und macht dabei folgenden Ablauf aus: 1. Externalisierung des Wissensraums und 2. Internalisierung des Wissens. Zunächst externalisiert das Individuum sein spezielles Wissen in den allgemeinen Informationsraum, das Wiki. Hierbei erfährt das Individuum einen Wissenszuwachs durch das erneute Bearbeiten der und die intensive Beschäftigung mit den Informationen. Der Schreibprozess an sich führt also durchaus zu einer Verfestigung des Wissens und einer Überprüfung der eigenen Wissensbestände. Der zweite Schritt – der keineswegs in einer hierarchischen Ordnung zu sehen ist – besteht in der Internalisierung des Wissens aus dem Informationsbestand des Wikis heraus. Das heißt, die aufgenommenen Informationen werden dekodiert und in den eigenen Wissensbestand überführt. Hieraus können neues Wissen und neue Verknüpfungen entstehen (cf. ibid., S. 61– 14.2.1 2 Einen guten sowie umfassenden Überblick liefern beispielsweise Abfalterer (2007), Beißwenger und Meyer (2018) oder Moskaliuk (2008a). 14.2 Theoretische Grundlagen der Wikis in der Hochschullehre 151 62). Moskaliuk (2008d, S. 62) bezeichnet diese Kommunikation zwischen dem Rezipienten/Produzenten und dem Wiki-Informationsbestand als „Ko-Evolution des Wissens und Informationsraums“, durch die sich sowohl der Informationsgehalt des Wikis, als auch das Wissen des Rezipienten vermehren. Die Motivation zur Mitarbeit an dem Wiki könne sich unter anderem aus der Inkongruenz von Wissens- und Kommunikationsraum speisen (cf. Moskaliuk, 2008d, 63f.). Wikis in der Hochschullehre Wikis in der Hochschullehre sind am ehesten vergleichbar mit einem sogenannten Projekt-Wiki aus der Wirtschaftsforschung, einer Mischung aus selbst- und fremdgesteuertem Wiki3. Das Wiki ist zum Teil von der Lehrkraft (fremd-)gesteuert, da es von einem bestimmt inhaltlichen Rahmen umgrenzt wird, nämlich dem Thema der Vorlesung oder des Seminars und den Vorgaben der Lehrperson. Die zu bearbeitenden Unterpunkte können sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer allerdings selbst wählen. Das Thema kann dabei das gesamte Semester, Teile davon oder einzelne Sitzungen umfassen. Auch handelt es sich zumeist um eine kleine Anzahl an – eher homogenen – Nutzerinnen und Nutzern, nämlich den Studierenden, die sich bereiterklärt haben, sich mit einem Themenkomplex zu befassen (cf. Moskaliuk, 2008b, 22f.). Die Gestaltung des Wikis sollte nach Kimmerle (2008, S. 81) dabei möglichst frei und wenig restriktiv sein, um Selbstbestimmung zu gewährleisten, der Gegenstand zu einem möglichst großen Teil frei gewählt sein, damit er dem Interesse jedes Einzelnen entspricht. Genauso solle jeder Studierende die Anforderungen, die er an sich selbst stellt, frei wählen können, um durch die richtige Balance aus Forderung und Machbarkeit der Aufgabe eventuell in einen ‚Flow‘ geraten zu können. Dadurch könne der Forderung nach Individualisierung und Differenzierung immanent Rechnung getragen werden und eine intrinsische Motivation entstehen, die der extrinsischen jederzeit von den Individuen vorgezogen werde (cf. ibid., S. 70). Lernraum Plus Als technische Grundlage dient der sogenannte „Lernraum Plus“ (Universität Bielefeld, o. J.) der Universität Bielefeld, in den die Anwendung moodle implementiert ist (moodle, 2019). Innerhalb des moodle findet sich eine Wiki-Anwendung, die mit allen oben beschriebenen (cf. 2.1.; 2.2.), standardmäßigen Funktionen ausgestattet ist, also mit einer Hyperlink- und Kommentarfunktion, die von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmer bearbeitbar und jederzeit einsehbar sind. 14.2.2 14.2.3 3 Für einen detaillierten Einblick in die verschiedenen Abstufungen des Verhältnisses von fremd- und selbstgesteuerten Wikis und der Verortung des Projekt-Wikis cf. Moskaliuk, 2008b. 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht 152 Inhaltliche und didaktische Verortung der Wiki-Anwendung Ich habe Wikis im Sommersemester 2019 sowohl in den Seminaren zur ‚Kinder- und Jugendliteratur nach 1945‘ und den ‚Intermedialen Lektüren im Deutschunterricht‘ als auch in der Vorlesung ‚Leseentwicklung und literarische Sozialisation‘ mit unterschiedlichen Zielsetzungen angewendet. Die Veranstaltungen sind im Bereich des Grundschullehramtsstudiums im Modul ‚sprachliche Grundbildung‘ verortet, das den Studierenden die Grundlagen der germanistischen Literaturwissenschaft und -didaktik näherbringen soll. Seminare ‚Kinder- und Jugendliteratur nach 1945‘ Im Sommersemester 2019 habe ich zwei Seminare zum Thema ‚Kinder- und Jugendliteratur nach 1945‘ gegeben, an denen jeweils rund 40 Studierende teilnahmen. Die Seminare bieten einen Überblick über die Kinder- und Jugendliteratur von der Nachkriegszeit bis heute. Dabei werden sowohl literaturwissenschaftliche Herangehensweisen an die zu analysierenden Werke eingeübt, als auch ein literaturgeschichtlicher Überblick über die Epochen gegeben, in die die ausgewählten, behandelten Werke eingeordnet werden können. Die erlernten Fähigkeiten werden in einer 15-seitigen Hausarbeit verfestigt, in der sich die Studierenden einem Werk unter einer literaturwissenschaftlichen Fragestellung nähern sollen. Beispiel zu den Dozentenvorgaben (Erzähltheoretische Begriffe – moodle / LernraumPlus, Stand: 17.11.2019) Die ersten drei Seminarveranstaltungen werden genutzt, um theoretische Grundlagen festzulegen und bieten zudem einen Überblick über mögliche digitale Methoden, die innerhalb des Seminars verwendet werden. Anhand zweier theoretischer Texte werden zunächst erzähltheoretische sowie rezeptionsästhetische Begriffe wie Erzählsitua- 14.3 14.3.1 Abb. 1: 14.3 Inhaltliche und didaktische Verortung der Wiki-Anwendung 153 tionen oder Handlungskonstellationen geklärt (cf. Gansel, 2016, S. 50–90) und dann ein Überblick über die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur nach 1945 gegeben (cf. Weinkauff & Glasenapp, 2018, S. 74–115), um eine gemeinsame theoretische Basis für die Werksanalyse zu schaffen. In den folgenden Sitzungen wird jeweils ein kinderliterarisches Werk von 1945 bis heute literaturwissenschaftlich und -geschichtlich analysiert und – auch mithilfe der in den ersten Sitzungen gewonnenen Erkenntnisse – in einen historischen Gesamtzusammenhang eingeordnet. In den theoretischen Einführungssitzungen wurde die Wiki-Anwendung des „LernraumPlus“ genutzt, um die literaturtheoretischen Begriffe durch die Studierenden erarbeiten und zusammenstellen zu lassen. Ziel war es, eine Art Enzyklopädie oder Glossar zu erstellen, in dem die Studierenden in der alltäglichen Seminararbeit literaturwissenschaftliche Begrifflichkeiten nachschlagen und dementsprechend schnell anwenden können. Als Beispiele kann hier die Unterscheidung zwischen auktorialem, personalem und Ich-Erzähler dienen. Die Begriffe wurden von den Studierenden in Gruppen erarbeitet und für die Kommilitoninnen und Kommilitonen aufbereitet. Dabei sollten die Gruppen jeweils eine Definition des Begriffs sowie Anwendungsbeispiele für die anderen Studierenden bereitstellen. Die Auswahl der einschlägigen Begriffe, die die Basis für die literaturwissenschaftliche Verständigung innerhalb des Seminars darstellen, erfolgte durch die Lehrkraft. An diesem Punkt ist der fremdgesteuerte Part der Wiki-Anwendung sichtbar, der in diesem Fall zu Beginn der Wiki-Benutzung erforderlich ist, um dem Seminar die nötige Rahmung zu geben. Beispieldefinition (auktorialer Erzähler) und weiterführende Verlinkungen der Studierenden (moodle / LernraumPlus, Stand: 17.11.2019) Die Studierenden gestalteten außerdem als verpflichtende Studienleistung in Gruppen eine der Seminarsitzungen selbst, in der sie jeweils eine literaturwissenschaftliche Fragestellung für die Kommilitoninnen und Kommilitonen aufbereiten und im Seminarzusammenhang beantworten sollten. Dabei standen ihnen sämtliche Möglichkei- Abb. 2: 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht 154 ten des „Lernraum-Plus‘“ (Universität Bielefeld, o. J.), aber auch anderer Medien offen. So konnten zum Beispiel gemeinsam bearbeitete Word- und Powerpoint-Dokumente erstellt werden, um die Ergebnisse der Gruppenarbeiten für die Kommilitoninnen und Kommilitonen zu visualisieren, die eigenen Ergebnissen mit denen anderer zusammenzuführen und diese dann später allen zugänglich zu machen. Durch die exemplarische Vorstellung medialer Möglichkeiten in den Theoriesitzungen wurde die Benutzung digitaler Medien im Allgemeinen und durch die Offenheit der Seminargestaltung die Erprobung selbstgewählter Medienunterstützung im Speziellen forciert. Den Studierenden sollte durch die freie Erprobung ein Methodenüberblick über mediale Möglichkeiten für den späteren Deutschunterricht vermittelt werden. Regelmä- ßig gestalteten die Studierenden diese Seminareinheiten als Gruppenarbeiten aus, in denen die Kommilitoninnen und Kommilitonen das jeweilige Werk analysierten. Die Ergebnisse sicherten sie dabei vor allem gerne mithilfe der Wikis. Jede Gruppe beschrieb ihren Teil der Aufgabe in der von ihnen gewählten Form in einem Hyperlink des neu erstellten Wikis, ähnlich dem der theoretischen Definitionen (cf. Abb. 2). Vorlesung ‚Leseentwicklung und literarische Sozialisation‘ Andere Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten bietet die Anwendung eines Wikis innerhalb der Veranstaltung ‚Leseentwicklung und literarische Sozialisation‘, die als Vorlesung mit im Sommersemester 2019 circa 260 Teilnehmerinnen und Teilnehmern angelegt war. Vermittelt werden die Grundlagen der Lese- sowie der literarischen Sozialisation und Kompetenz von Kindern und Jugendlichen. Sowohl die Anzahl der Studierenden als auch die inhaltliche Verschiebung in den literaturdidaktischen Bereich beeinflussen die Anforderungen, die an die mediale Aufbereitung gestellt werden. Ziel muss es sein, in einer großen Vorlesung auch kollaborative Elemente zu implementieren, sodass alle Studierenden an einer gemeinsamen Erarbeitung teilnehmen können und sich nicht aufs reine Rezipieren beschränken müssen. Zu Beginn der Veranstaltung erstellten die Studierenden zunächst in freier Form sogenannte Leseautobiographien („LABs“) nach dem Vorbild Werner Grafs (2011). In diesen sollte die eigene Entwicklung zum kompetenten Leser / zur kompetenten Leserin rückblickend reflektiert und möglichst detailliert aufgezeichnet werden. Diese Autobiographien sollten vorlesungsbegleitend immer wieder mit der Theorie abgeglichen werden und den Studierenden einen in der eigenen Leseentwicklung erfahrenen Praxisbezug ermöglichen. Dies war bisher ob der Größe der Veranstaltung stets eine große Herausforderung. Die Vorlesung ist aufgeteilt in drei inhaltliche Blöcke, die jeweils drei bis vier Sitzungen umfassen. Im ersten Block steht die begriffliche Abgrenzung der literarischen von der Lesesozialisation vor allem auf Grundlage des Lesekompetenzmodells von Rosebrock und Nix im Mittelpunkt (Rosebrock & Nix, 2017). In einem zweiten Block werden die sozialisatorischen Voraussetzungen der Lese- sowie der literarischen Sozialisation behandelt. Hier steht der Einfluss der Sozialisationsinstanzen Familie, Schule und Peers auf den Erwerb basaler Lesekompetenzen im Mittelpunkt (cf. Graf, 2011, S. 82–84). Der dritte Block schließlich behandelt konkrete 14.3.2 14.3 Inhaltliche und didaktische Verortung der Wiki-Anwendung 155 Methoden zum Erwerb literarischer Kompetenzen im Schulunterricht anhand verschiedener Beispiele wie dem sogenannten „Vorlesegespräch“ (Preußer & Merklinger, 2014) oder dem „Schreiben zu Vorgaben“ (Dehn, Merklinger & Schüler, 2011). Jeder der zunächst im klassischen Vorlesungsmodus durchgeführten Blocks wird geschlossen durch eine ‚Selbststudiumssitzung‘, in der die Studierenden in ‚kollaborativer Einzelarbeit‘ verschiedene Aufgaben zu den Inhalten der Vorlesung mit Hilfe des Wikis bearbeiten und so ihr Verständnis vertiefen und erweitern. Hierzu wurden am Ende des zweiten Vorlesungsblocks, der vor allem theoretischen Inhalts war, die Begriffe, die in der Vorlesung behandelt wurden, durch die Studierenden in Unterpunkten des Wikis definiert (cf. Abb. 3). Definition Lesen (moodle / LernraumPlus, Stand: 17.11.2019) Es wurde also – analog zum Seminarkontext (cf. Kap. 3.1.) – zunächst eine Ergebnissicherung vorgenommen. Die Qualität der einzelnen Einträge wurde durch die Beund Überarbeitung der Kommilitoninnen und Kommilitonen erheblich angehoben. Anschließend erfolgte durch mich eine Qualitätsüberprüfung der einzelnen Beiträge, damit diese von den Studierenden im Verlauf der Vorlesung ohne Bedenken weiterverwendet werden konnten. Der etwas mehr an der Praxis orientierte dritte Block der Vorlesung wiederum wurde abgeschlossen mit einer zweigeteilten Wiki-Aufgabe (zur Aufgabenstellung cf. Abb. 4). Zunächst sollten erneut theoretische Begriffe, diesmal zum literarischen Lernen – also der Umsetzung der theoretischen Grundlagen der Blöcke eins und zwei im Unterricht –, zusammengetragen werden. Danach sollten die Studierenden zunächst für sich selbst einen kleinen Unterrichtsentwurf erstellen, den sie dann schließlich im Wiki für alle zugänglich machen und gemeinsam bearbeiten sollten. Abb. 3: 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht 156 Teilaufgabe des 3. Vorlesungsblocks zur Wiki-Erstellung Die Bearbeitung der theoretischen Begriffe erfolgte analog zum ersten Block mit ähnlicher Zielsetzung. Positiv ist zu vermerken, dass vielfach selbstständige Recherchen durchgeführt wurden, die über die Erkenntnisse der eigentlichen Vorlesung hinausgingen und durch die Wiki-Struktur anderen zugänglich gemacht wurden. Eine neue Form der Kollaboration sollte die Bearbeitung des gemeinsamen Unterrichtsentwurfs darstellen. Die zunächst in Einzelarbeit erarbeiteten praktischen Anwendungen konnten so mit anderen geteilt, abgeglichen und modifiziert werden. Auf diese Weise konnte eine Bearbeitungsform ähnlich dem Prinzip ‚Think-Pair-Share‘ forciert werden. Es entstand ein Unterrichtsentwurf, der von allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern beeinflusst worden war. Dieser war bewusst nicht prüfungsrelevant, um Freiheit und Unabhängigkeit des Denkens bei den Bearbeiterinnen und Bearbeitern zu garantieren. Das Wiki ermöglichte die gemeinsame Arbeit, aber auch die Abgleichung und Modifizierung eigener Erkenntnisse und Ideen mit denen der Kommilitoninnen und Kommilitonen. Allerdings stellte sich heraus, dass nur ein kleiner Teil der Studierenden ihren eigenen Entwurf zur Bearbeitung online stellte und die Teilnahme an den Überarbeitungen erheblich höher ausfiel (zur genaueren Auswertung der Ergebnisse cf. Kap. 4.2.). Intermediale Lektüren im Deutschunterricht Im Mittelpunkt der Veranstaltung ‚Intermediale Lektüren im Deutschunterricht‘ stehen diverse Medienverbünde und deren gewinnbringende Anwendung im Deutschunterricht. Die Veranstaltung ist als Blockseminar angelegt, die Studierenden beschäf- Abb. 4: 14.3.3. 14.3 Inhaltliche und didaktische Verortung der Wiki-Anwendung 157 tigen sich also innerhalb einer Woche intensiv mit den Themen der Veranstaltung. Es werden Kinder- und Jugendbücher untersucht, deren Themen auch in anderen Medien wie Hörbüchern oder Verfilmungen umgesetzt wurden. Neben den theoretischen Grundlagen erarbeiten sich die Studierenden in Kleingruppen schrittweise exemplarische Planungen einer Unterrichtsreihe zu einem Medienverbund und stellen diese anschließend im Plenum vor. Das Wiki wurde in diesem Seminar auch hier zum einen zur Sicherung der theoretischen Begriffe, zum anderen zur Verbindung der Theorie mit der Praxis genutzt. An jedem Seminartag war eine der Gruppen für die Eintragung der Ergebnisse in das Wiki verantwortlich. Das Wiki wurde hier organisch parallel zur Veranstaltung gepflegt und erweitert. Die theoretischen Begriffe sollten dabei mit den praktischen Beispielen der Studierenden verbunden und um diese Informationen erweitert werden. Möglichkeiten und Beobachtungen der Wiki-Anwendungen Die Auswertung der Chancen, aber auch der Grenzen der Wiki-Anwendungen innerhalb der literarischen Veranstaltungen stützt sich auf zweierlei Erkenntnis-Quellen. Zum einen werde ich meine eigenen Beobachtungen und die Ergebnisse, die die Wiki-Arbeit in verschiedenen Zielbereichen lieferte, auswerten und darlegen. Zum anderen sollen die Rückmeldungen der Studierenden zur Effektivität der Wiki-Anwendungen in den Ausführungen Beachtung finden.4 Gefragt wurde sowohl nach den Vorund Nachteilen der Wiki-Anwendungen für die jeweilige Veranstaltung als auch nach der Einschätzung von deren Effektivität und Nutzen. Das Wiki als literaturwissenschaftliche Begriffsbasis Der Einsatz des Wikis als literaturwissenschaftliche Begriffsbasis im Rahmen von ‚Kinder- und Jugendliteratur nach 1945‘ erwies sich in der Praxis als durchaus effektiv. Für literaturwissenschaftliche Untersuchungen ist eine gemeinsame exakt festgelegte ‚Fachsprache‘ von größter Bedeutung, um sich präzise über literarische Phänomene austauschen zu können. Das Wiki bietet eine gute Möglichkeit, eine an den Rezipienten orientierte selbstgeschaffene Sammlung literaturwissenschaftlicher Begrifflichkeiten zu erstellen. Es ersetzt damit eine Begriffssammlung, die alle Studierenden für sich selbst erstellen müssten, durch ein kollaboratives Ergebnis, das zum einen den Studierenden eine gemeinsame Diskussions- und Analyseebene bietet und zum anderen auch für etwaige Prüfungen ein für alle Seiten transparentes Grundwissen 14.4 14.4.1 4 Die Evaluationen wurden im Rahmen der allgemein üblichen Lehrveranstaltungsevaluationen mithilfe des ‚LernraumPlus‘ (Universität Bielefeld, o. J.) durchgeführt. Es handelt sich also nicht um eine wissenschaftliche Erhebung zur Wirksamkeit von Wiki-Anwendungen, sondern um Rückmeldungen zum speziellen Verlauf der betreffenden Veranstaltungen. Deshalb soll die Auswertung lediglich auszugsweise und exemplarisch dargestellt und der Fokus auf die daraus folgenden Modifikationen für kommende Semester gelegt werden. 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht 158 schafft, auf dessen Grundlage die Bewertung möglich ist. Wichtig ist im Hinblick auf diese Aspekte, dass das Ergebnis in Zusammenarbeit entsteht und die Aufgabenstellung klar vorgegeben ist. Der von Johannes Moskaliuk (2008d, S. 61) beschriebene Externalisierungs-Internalisierungs-Effekt konnte in diesem Zusammenhang gut beobachtet werden. Die durch die theoretischen Texte erworbenen Informationen wurden von den einzelnen Studierendengruppen in das Wiki eingespeist. Dabei festigten die jeweiligen Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch die genaue Formulierung der Einträge das eigene Verständnis der theoretischen Begriffe. Außerdem wurde die Qualität durch die Menge an Mitwirkenden und auch durch die Besprechung der Ergebnisse im Plenum sichergestellt. Im zweiten Schritt wurden dann die Informationen des Wikis während der Arbeit im Seminar und während der Hausarbeitsvorbereitung aktiv entnommen. Es konnte beobachtet werden, dass die Studierenden während der Gruppenarbeitsphasen, in denen sie die einzelnen literarischen Werke analysierten, immer wieder auf das Wiki zurückgriffen, um die literaturwissenschaftlichen Begriffe nachschlagen und einsetzen zu können. Im Vergleich zu früheren Semestern war eine Steigerung des korrekten und letztlich auch kompetenten Einsatzes der Fachbegriffe durch die vorherige Verständigung mit Hilfe der Wikis und damit auch qualitativ hochwertigere Analyseergebnisse und ergiebigere Diskussionen zu verzeichnen. Dies ließ sich vor allem anhand der Besprechung der Hausarbeitsthemen feststellen, die begrifflich wie inhaltlich auf einem merklich höheren Niveau als im Semester davor begann. Die Rückmeldungen der Studierenden bestätigten dabei, dass diese Ertragsvorteile auf die Wiki-Arbeit zurückzuführen seien: Die gemeinsame Basis für die literaturwissenschaftliche Arbeit wurde von den Studierenden als sehr hilfreich empfunden. Im Mittelpunkt des Interesses steht aus Sicht der Studierenden diese ‚Lexikonfunktion‘ des Wikis. Sie gaben an, das Wiki besonders für Hausarbeiten und für die weitere Vorbereitung des Seminars genutzt zu haben. Als vorteilhaft empfanden die Studierenden in diesem Zusammenhang vor allem den Umstand, dass die Begriffe von ihnen selbst definiert und eingestellt wurden. Hierdurch sei zum einen noch eine intensivere Beschäftigung mit der Theorie forciert und zum anderen ein Pflichtbewusstsein für die Korrektheit der Definitionen und Anwendungsbeispiele implementiert worden, welches die Qualität der Definitionen positiv beeinflusste. Au- ßerdem konnte sich auf diese Weise jeder Studierenden individuell mit seinen eigenen Stärken in den Prozess einbringen. Kollaborative Arbeit innerhalb großer Lerngruppen Besonders wertvolle Erkenntnisse über die kollaborativen Aspekte können aus den Antworten auf die offen gestellten Fragen nach negativen und positiven Aspekten der Wiki-Anwendung gezogen werden. Diese Fragen waren möglichst frei formuliert, damit die Studierenden ihre Wahrnehmung des Wikis selbst formulieren und so aktiv reflektieren mussten. Besonders hervorgehoben haben die Studierenden die Verbindung aus Kollaboration und Datensicherung in unterschiedlichen Ausprägungen. Es zeigte sich auch in diesem Zusammenhang ein großes Vertrauen in die ‚Schwarmin- 14.4.2 14.4 Möglichkeiten und Beobachtungen der Wiki-Anwendungen 159 telligenz‘, die die Qualität der Ergebnisse durch die Menge an Bearbeiterinnen und Bearbeiter sicherstellen könne. Dadurch dass sich jeder jederzeit beteiligen und auf die Aufgaben zugreifen könne, werde die Vollständigkeit der Angaben garantiert. Es könne eine (digitale) Diskussion entstehen, die offene Fragen kläre. Das Erarbeiten durch die Studierenden erhöhe die Verständlichkeit der Definitionen. Auch die Ergebnissicherungsfunktion ergebe sich zum einen ebenfalls aus der Zusammenarbeit in einer größeren Gruppe, zum anderen aus der intensiven, selbst gewählten Beschäftigung mit einem Thema. Die Ergebnisse der Evaluationen haben gezeigt, dass die kollaborative, das heißt interaktive Partizipation an den Themen der Vorlesung, den Bedürfnissen der Studierenden nach Einbeziehung in die Ergebnissicherung entspricht. Im Blockseminar zu den ‚Intermedialen Lektüren im Deutschunterricht‘, aber auch der Vorlesung ‚Leseentwicklung und literarische Sozialisation‘ wurden die Sammlungen theoretischer Begriffe verbunden mit praktischen Aufgaben, die als Beispiele für die Theorien dienten. Besonders im Rahmen der Vorlesung sollten diese bewusst nicht einfach nur ‚vorgesetzt‘, sondern von den Studierenden selbst erarbeitet werden. Durch die kollaborative Arbeit nicht nur an den Definitionen verschiedener theoretischer Begriffe, sondern auch der praktischen Anwendung in Form eines gemeinsamen Unterrichtsentwurfs konnten auch in diesem Bereich Qualitätsverbesserungen der Lehre beobachtet werden. Die Studierenden mussten sich mit Hilfe der digitalen Anwendung auf einen gemeinsamen Entwurf verständigen. Dieser eigentlich auf individuelle Arbeit angelegte Lehr- und Lernprozess wird durch das Wiki ‚kollektiviert‘. Die Lernenden müssen also die Arbeit anderer am ‚eigenen‘ Wiki akzeptieren, beziehungsweise sich aktiv damit auseinandersetzen, um so kollaborativ zu qualitativ hochwertigeren Ergebnisse zu gelangen. Das Verfahren, das durch die Anwendung des Wikis forciert werden konnte, ist vergleichbar mit dem aus dem Schulunterricht bekannten ‚Think-Pair-Share‘, also einer der Einzelarbeit entsprungenen gemeinsamen Bearbeitung einer Aufgabe. Das Ergebnis ist trotz der Größe der Gruppe aussagekräftig über den Lernstand, allerdings glich der eigentliche Entwurf eher einer erweiterten Ideensammlung als einem ‚richtigen‘ Unterrichtsentwurf. Dies resultierte aus der relativ offenen Aufgabengestaltung, die es den Studierenden freistellte, ihre eigenen Entwürfe hochzuladen oder die der anderen zu modifizieren. Hier könnten ein paar mehr Vorgaben sowohl im formalen als auch im inhaltlichen Bereich für noch hochwertigere Ergebnisse sorgen. Die Verständigung durch die Zusammenarbeit im Wiki wurde durch die Studierenden positiv aufgenommen, das Ergebnis als durchaus produktiv bewertet. Ein weiterer deutlicher Vorteil, der sich aus der Arbeit mit dem Wiki ergibt, ist vor allem der (vorgegebene) kontinuierliche Einbau der LABs und deren Verknüpfung mit den theoretischen Überlegungen im Hinblick auf die literarische und Lesesozialisation. So können die eigenen – zunächst formfrei reflektierten Erkenntnisse – über das eigene Leselernen theoretisch analysiert und gleichzeitig die Theorien mit praktischen Beispielen aus dem eigenen Leben angereichert und so besser verstanden werden. Dieses Verständnis dürfte auch der späteren Arbeit in der Schule zuträglich sein. 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht 160 Wiki als Gesamtergebnis einer Lehrveranstaltung Während das Wiki als Glossar zur Veranstaltung sehr gut dazu geeignet zu sein scheint, die Qualität eines literaturwissenschaftlichen Seminars zu steigern, bietet die Ergebnissicherung einzelner literaturwissenschaftlicher Analysesitzungen zunächst kaum Vorteile gegenüber anderen Formen der Ergebnissicherung. Die Anwendung ist zwar intuitiv und die Ergebnisse sind schnell zusammengetragen, allerdings wären zur kollaborativen Erarbeitung von Analyseergebnissen auch andere mediale Formen mit ähnlichen Effekten denkbar, beziehungsweise haben sogar gewisse Vorteile gegenüber dem Wiki. So hat sich zum Beispiel ein von allen parallel bearbeitetes Textdokument bewährt. Die Vorteile der Wiki-Anwendungen erwiesen sich erst durch die Vernetzungsfunktion, durch die sich die einzelnen Ergebnisse mit der Glossarfunktion verbinden lassen, also einer besseren Theorie-Praxis-Verknüpfung. Dies gelang in dem literaturdidaktischen Blockseminar schon deutlich besser. Hier wurden die von den Studierenden erstellten Unterrichtsreihen innerhalb des Wikis in ihren jeweiligen Bezugsrahmen eingepasst. Konkret hat an dieser Stelle die Hyperlinkstruktur des Wikis dazu geführt, dass die jeweiligen theoretischen Begriffe über Links direkt mit den praktischen Umsetzungen verbunden werden konnten. Grenzen und Ausblick Neben den Vorteilen, die die Wiki-Nutzung für literaturwissenschaftliche Veranstaltungen bietet, muss sich die Lehrperson zur verbesserten Anwendung natürlich auch mit den Grenzen und Problemfeldern des Wikis beschäftigen, um die Lehre dahingehend stetig verbessern zu können. Hierzu lohnt sich erneut der Blick in die Rückmeldungen der Studierenden. Kritisiert wurden zum einen technische Probleme, sowie Startschwierigkeiten mit dem teilweise unbekannten Programm. Zum anderen wurde eine typische Ambivalenz in der Benutzung eines Wikis sichtbar: Etwa ein gutes Dreiviertel der Studierenden vertraute wie oben erwähnt auf die ‚Schwarmintelligenz‘ und sah darin sogar einen qualitativen Vorteil für die Ergebnissicherung, während die anderen Studierenden genau in dieser selbstständigen Arbeit ein Problem ausmachen konnten. Dieser Ambivalenz muss in folgenden Semestern durch eine bessere Aufklärung seitens der Lehrkraft über zum Beispiel eine gemeinsame, für alle transparente Überprüfung der ersten Ergebnisse Rechnung getragen werden. Überhaupt empfanden einige Studierende die Wiki-Arbeit in allen drei Zusammenhängen als noch etwas ziellos und ungeleitet. Als problematisch erweise sich in diesem Zusammenhang, dass jeder Eintrag nur von einem Verfasser / einer Verfasserin gleichzeitig bearbeitet werden konnte, was durch die große Anzahl an Teilnehmenden zu Problemen führte. Daraus folgte in Verbindung mit der großen Menge an zu definierenden Begriffen, die teilweise auch unter mehreren Hyperlinks doppelt bearbeitet wurden, eine gewisse Unübersichtlichkeit, die sich mit der Menge der teilnehmenden Personen steigerte. In diesem (ersten) Semester wurde bewusst auf eine zu stark reglementierte Anleitung verzichtet, um die Effekte der Wiki-Arbeit bestmög- 14.4.3 14.4.4 14.4 Möglichkeiten und Beobachtungen der Wiki-Anwendungen 161 lich auswerten und an die Bedürfnisse der Studierenden anpassen zu können. Im Folgenden muss der fremdgesteuerte Teil in bestimmten Bereichen allerdings deutlich erhöht werden, um den Bedürfnissen der Studierenden Rechnung zu tragen und die Effektivität der Lehrveranstaltungen weiter zu steigern. Um eine noch bessere gemeinsame Basis schaffen zu können, müsste das Wiki noch systematischer eingeführt und angewandt werden. Der Aufbau des Wikis und die Kontrolle der Ergebnisse müssen zunächst exemplarisch durch die Lehrkraft angeleitet erfolgen, um den Studierenden die Scheu vor der Wiki-Anwendung zu nehmen und die Eintragung in dieses Medium zu ‚normalisieren‘, das heißt, die Studierenden zum selbstständigen Bearbeiten zu animieren. Hierzu muss die Modifikation der einzelnen Einträge noch mehr in den Seminarablauf eingebunden werden, um einen Automatismus zu implementieren. In den nächsten Semestern wird es das Ziel sein, die Verwendung des Wikis als literaturwissenschaftliche Basis beziehungsweise als Arbeitsgrundlage, durch kontinuierliche Arbeit weiter auszubauen. An diesem Punkt allerdings zeigt sich eine der größten Grenzen der Wiki-Arbeit. Wie alle technischen Medien, benötigt auch die Anwendung eines Wikis eine gewisse Übung und Automatisierung, die schließlich Vertrauen in die jeweilige Methode schafft und die Studierenden das Wiki ‚wie selbstverständlich‘ nutzen lässt. Dies allerdings scheitert zu häufig an institutionellen Grenzen. Durch die Menge an Seminaren unterschiedlicher Fachrichtungen, die gerade im Grundschulbereich zu belegen sind, kann der Fokus der Studierenden nicht genug auf die Verwendung dieses Mediums gelegt werden. Die Einarbeitung und Anwendung kann nur innerhalb des einzelnen Seminars oder zumindest übergreifend der Seminare einer Lehrperson stattfinden. Ein Automatismus kann so nur schwer erzeugt werden. Hier wäre eine gemeinsame Zielsetzung der Universität oder zumindest eines Fachbereichs sinnvoll, wie in so vielen anderen Bereichen aber nur schwer realisierbar. So muss der Fokus der einzelnen Lehrpersonen, wie erwähnt, vor allem auf der stärkeren Planung und Anleitung liegen, um die Wiki-Anwendung möglichst effektiv und gewinnbringend einzusetzen. Im Optimalfall würde so ein seminarumspannendes Wiki als Gesamtergebnissicherung entstehen, das die Theorie durch die Vernetzung mit der Praxis verbinden könnte. Abschließende Bemerkungen Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass durch den Einsatz von Wiki-Anwendungen in den literaturwissenschaftlichen Seminaren ‚Kinder- und Jugendliteratur nach 1945‘ und ‚Intermediale Lektüren im Deutschunterricht‘ sowie der Vorlesung ‚Leseentwicklung und literarische Sozialisation‘ durchaus Erfolge nachgewiesen, aber vor allem Ansätze für den Ausbau der medialen Ausgestaltung weiterer Semester ausgemacht werden konnten. Sowohl im Seminar-, als auch im Vorlesungskontext hat sich das Wiki als Tool zur kollaborativen Ergebnissicherung bewährt, da die Menge an Bearbeiterinnen und Bearbeiter eine gewisse Qualität der Definitionen sicherstellen konnte. 14.5 14 Wikis in der literaturwissenschaftlichen und literaturdidaktischen Universitätslehre – Ein Werkstattbericht 162 Nicht nur, aber besonders in der Vorlesung wurde außerdem eine bessere Einbeziehung der Studierenden erreicht, die den Vortragscharakter etwas ‚aufweichen‘ und eine höhere Partizipation der Teilnehmenden gewährleisten konnte. Das Wiki erwies sich schon in den ersten Versuchen als ein angemessenes Tool, um die Menge von 260 Studierenden aus einer eigentlich als Einzelarbeit angelegten Aufgabe in einen ubiquitär anwendbaren, kollaborativen Arbeitskontext hineinzubringen, der dazu geeignet ist, die Erarbeitung gemeinsamer Definitionen sowie deren praktische Umsetzung in Form eines Unterrichtsentwurfs sinnvoll zu verbinden. Dies diente nicht nur der gemeinsamen Arbeit, sondern steigerte auch die Auseinandersetzung mit den eigenen Ergebnissen. Außerdem war durch die Freiheit bei der Aufgabenstellung und -gestaltung, die der Wiki-Anwendung inhärent ist, eine spezifische Differenzierung jeder/ jedes einzelnen Studierenden möglich. Diese aktive Mitarbeit soll mit einer höheren Effizienz der Wiki-Arbeit einhergehen. Hierzu muss die Wiki-Anwendung nicht nur punktuell in den Abschlusssitzungen des jeweiligen Blocks, sondern semesterbegleitend eingesetzt werden. Denkbar ist sowohl das Einrichten einer organischen ‚Datenbank‘ theoretischer Begriffe, die im Verlauf des Semesters von den Teilnehmenden gepflegt und den eigenen Bedürfnissen angepasst werden kann als auch weitere kollaborative Anwendungsübungen. Nicht zuletzt kann dieses theoretische Wissen durch den Bezug zu den eigenen LABs für die Studierenden selbst erfahrbar gemacht werden. Die Wiki-Oberfläche könnte dann einen portfolioähnlichen Charakter aufweisen und für folgende Lern-, Prüfungs-, sowie Arbeitszusammenhänge nutzbar gemacht werden. Gerade die Vermittlung literarischen Lernens würde von dieser ‚Praktisierung‘ theoretischen Wissens durch eigene Anwendung deutlich profitieren. Es konnte also eine große Bandbreite an Einsatzmöglichkeiten der Wiki-Anwendungen innerhalb der literaturwissenschaftlichen und -didaktischen Seminare nachgewiesen werden, die vielfältige Ansätze bieten, um sie in folgenden Semestern in modifizierter Form noch gewinnbringender einzusetzen. Literaturverzeichnis Abfalterer, Erwin. (2007). Foren, Wikis, Weblogs und Chats im Unterricht (E-Learning). Boizenburg: Werner Hülsbusch Fachverlag für Medientechnik und -wirtschaft. Verfügbar unter: http://www .socialnet.de/rezensionen/isbn.php?isbn=978-3-9802643-3-4. Beißwenger, Michael. (2012). 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Zusammenfassung

Die Inverted Classroom Fachtagung hat sich zu einem willkommenen Forum zum Austausch über das Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert für die deutschsprachige Gemeinschaft von Lehrkräften, Experten und Interessierten entwickelt, die sich der Digitalisierung der Lehre verschrieben haben. 2019 fand die achte und vorerst letzte „Inverted Classroom Konferenz“ in Marburg statt. Der Fokus lag diesmal auf den nächsten Schritten in der Entwicklung von Lehren und Lernen in der digitalen Zukunft. Themen wie Blockchain, Open Educational Resources, MOOCs oder auch Makerspaces kamen in den Fokus.

Die Autorinnen und Autoren beschäftigen sich in ihren Artikeln mit dem Inverted Classroom in der Lehramtsbildung, dem wirkungsvollen Einsatz von Wikis oder Badge-Systemen, wie Inklusion und ICM sich gegenseitig befruchten können, aber auch mit Flipped Lab Szenarien und dem Einsatz von humanoiden Robotern in der Schulbildung und der Hochschullehre. Darüber hinaus gibt es Beiträge, die sich mit dem digitalen Lehren und Lernen im Ganzen beschäftigen oder auch das Thema ICM und Nachhaltigkeit betrachten.

Der Tagungsband fasst folglich nicht nur die Ergebnisse dieser 8. Fachtagung zusammen, sondern bietet neben ausgewählten Fallstudien und Untersuchungen im Praxiskontext auch einen Einblick in die Zukunft der Digitalisierung der Lehre im Allgemeinen und der Rolle, die der Inverted Classroom hierbei spielen kann.