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2 Andreas Wittke: Drei Schritte zur Digitalen Hochschulpolitik – MOOCs, Blockchain und KI in:

Sabrina Zeaiter, Jürgen Handke (Ed.)

Inverted Classroom - Past, Present & Future, page 11 - 14

Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4436-0, ISBN online: 978-3-8288-7451-0, https://doi.org/10.5771/9783828874510-11

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Andreas Wittke: Drei Schritte zur Digitalen Hochschulpolitik – MOOCs, Blockchain und KI ICM Team Der Keynote-Speaker Dipl.-Ing. (FH) Andreas Wittke ist Leiter des Bereichs „Systementwicklung und Administration“ beim Institut für Lerndienstleistungen an der Technischen Universität Lübeck. Er ist ein Spezialist für Digitale Transformation, Innovation und Bildungstechnologien für die Hochschullehre. In mehreren Aufsehen erregenden Blogbeiträgen hat er 2017 gefordert, Deutschland müsse sich mehr um eine „Ed-Tech“ Gründerszene bemühen und hat in einem kontroversen Artikel erklärt „Warum E- Learning gescheitert ist“. Er hat die interaktive MOOC-Plattform mooin und das cloudbasierte Autorentool LOOP erfunden und arbeitet an zahlreichen Projekten zu Open Educational Resources (OER), Edtech, Blockchain und der Digitalisierung. Er ist Projektleiter von mehreren MOOC-Projekten, bloggt unter „Online by Nature“ und twittert als @onlinebynature. In seiner Keynote sprach Herr Wittke über die drei zentralen Themen MOOCs, Blockchain und KI. Die Keynote – Eine Zusammenfassung Die zentrale Frage, die immer wieder gestellt werde, sei, wie man digitale Bildung etablieren könne? Zwar gäbe es bereits neue Lernformate und -konzepte, wie beispielsweise die School42 in Paris, Hive, welches erst kürzlich in Helsinki gegründet worden sei, die CODEUniversity in Berlin sowie die XU University in Potsdam. Allerdings stelle sich weiterhin die Frage, was machen die alten Player? Mit den MOOCs sei bereits eine andere Perspektive auf die Bildung gezeigt worden. So besitze die TU Lübeck seit einigen Jahren eine eigene MOOC Plattform, mit rund 110–120 MOOCs. Ein wichtiger Schritt sei die Transformation von einer MOOC Plattform zu einer Bildungsplattform für alles. Im vergangenen Jahr wurde die Plattform zu einer „World of Learning“ umgeändert, welche auf einem Moodle- System basiere. Nach Außen scheine es, als hätte sich lediglich der Name der Plattform geändert, allerdings stecke weitaus mehr dahinter. Das Entscheidende sei hierbei, dass sich die einzelnen Abteilungen, wie die Öffentlichkeitsarbeit, Technik und Didaktik nun auf einer Plattform wiederfänden und dort zusammenarbeiten müssten. Dies sei ein Strukturwandel in der Interdisziplinarität, d. h. alle Arbeiten würden auf einer Plattform durchgeführt. Bei diesem System stünden die Studierenden im Mittelpunkt, weshalb die Zusammenarbeit der einzelnen Abteilungen von solcher Wichtig- 2 11 keit sei. Die Frage, warum hier das Moodle-System verwendet werde, ließe sich damit begründen, dass es zum einen eine Open Source sei und zum anderen bekommt man hier wesentlich mehr Plug-Ins als beispielsweise bei Ilias. Da es sehr schwer sei, als einzelne Hochschule eine solche Plattform zu erstellen, sei es wichtig, dass sich die einzelnen Hochschulen untereinander vernetzten. Aus solch einer Zusammenarbeit entstünde der MOOChub. In ihm würden alle Kurse sowohl aus Österreich, als auch aus Marburg gelistet, was auf Grund der Benutzung des gleichen Austauschformats möglich sei. Um eine nationale Bildungsplattform zu schaffen, oder ein Innovation Lab, sei die Zusammenarbeit im Bereich Blockchain dringend notwendig. Auf Basis des MOOCs sei bereits in Lübeck ein solches Innovation Lab gegründet worden. Erstaunlich sei die Wachstumskurve, die sich abzeichne. Es kämen monatlich ungefähr 1000 User hinzu. Auf der Plattform gäbe es 1128 Zertifikate und Badges, wovon täglich circa 200 verliehen würden. Aufgrund der Vielzahl an verliehenen digitalen Zertifikaten käme die Frage auf, wie man diese Informationen verwalten könne. Es sei die Idee entstanden, die Zertifikate mit einer Blockchain zu verbinden. Auch wenn dieses Projekt nicht sinnvoll seien sollte, stehe fest, dass es am Ende des Projekts einen digitalen Standard für digitale Zertifikate geben werde, den es so momentan noch nicht gäbe. Ziel der Verknüpfung von digitalen Zertifikaten und einer Blockchain sei es, den Nutzern zu ermöglichen, ihre Zertifikate sowohl auf diversen Plattformen zugänglich zu machen, diese aber auch mit dem Smartphone aufrufen zu können. Um dies umzusetzen, sei für Moodle ein Plug-In erstellt worden, das nun alle Moodle-Zertifikate in die Blockchain schreibe, wodurch man nun die eigenen Zertifikate auch mit dem Smartphone aufrufen könne. Das neu gegründete Konsortium „Digicerts“ solle diese Blockchain betreiben. Im März werde dieses dann der Öffentlichkeit präsentiert. Unterstützt werde Digicerts vom Land Schleswig-Holstein sowie eventuell auch vom Land Nordrhein-Westfalen. Herr Wittke ist der Meinung, dass die Blockchain nur so viel Wert ist, wie das Netzwerk stark. Es ginge nicht um die Technologie, sondern vielmehr um diejenigen, die hinter dem Netzwerk stünden. Denke man nun weiter, wenn massenhaftes Lernen mit wenig Aufwand schon funktionierte, was wäre, wenn wir keine menschliche Betreuung hätten? Das würde bedeuten, ohne Dozenten im System, könnte man Kurse schaffen, die zu jeder Zeit, unabhängig voneinander angefangen werden könnten. In Washington hätte es vor zwei Jahren bereits solche Versuchsprojekte gegeben, bei denen ein Teaching Bot bei gleicher Qualität Tutorien abhielt, bei denen die Studierenden gar nicht bemerkt hätten, dass sie von einem Bot unterrichtet wurden. Um eine solche Online-Betreuung umzusetzen, müsse man sich die Standardfragen der Studierenden stellen, wie beispielsweise: Welche Hilfsmittel sind erlaubt? Was ist klausurrelevant? Gibt es eine Probeklausur mit Lösungen? Oder auch Fachfragen. Das Wissen über diese Standardfragen und das Wissen über gute Lehre könne man anschließend verknüpfen, um einen Online-Bot zu erstellen. Das Team um Herrn Wittke habe dann einen Motivations-Bot für die Moodle Plattform erstellt, welcher die User mithilfe eines Katzenfotos zur regelmäßigen Arbeit motiviere. Parallel dazu hätten sie auf ihrer Homepage einen Bot gestartet. Bisweilen gäbe es dort immer einen Live-Chat, den User nutzen könnten, um Fragen zu stellen. Mes- 2 Andreas Wittke: Drei Schritte zur Digitalen Hochschulpolitik – MOOCs, Blockchain und KI 12 sungen zufolge kämen bis zu 30 % aller Anfragen über diesen Chat. Betreut werde dieser Chat seit kurzer Zeit durch einen Bot, der lediglich Fragen zum Bachelor-Studium beantworte. Die derzeitige Bot-Developerin habe BWL online in Kiel studiert und absolviere ihren Master im Business Development und Vertrieb. Anhand dieses Beispiels möchte Herr Wittke verdeutlichen, dass man nicht aus dem IT-Bereich kommen müsse, um sich solchen Aufgaben stellen zu können. Seit den ersten sechs Wochen, in denen der Bot zum Einsatz kam, zeichne sich eine erste Bilanz ab. 29 % der Anfragen würden vom Bot eigenständig beantwortet. 11 % seien so abgeschlossen worden, dass der Bot eine Erfolgsmeldung zurück gab und bei den restlichen 60 % sei der Chatpartner ausgestiegen, das heißt, hier gibt es keine Informationen, ob die Anfrage zu komplex war oder der User selbstständig ausgestiegen ist. Daraus ergebe sich, dass bis zu 38 % automatisiert werden könnte mithilfe des Bots. Seit Kurzem gebe es eine neue KI, die im Bereich Roboterjournalismus zum Einsatz komme. OpenAI sei eine KI, die Texte schreibe, in einer Qualität, die es so bislang nicht gäbe. Lediglich anhand eines Satzes erstelle OpenAI einen ganzen Text zusammen, dessen sprachliche Qualität im sehr guten Bereich liege. Die Forscher des Projekts hätten allerdings Bedenken, diese Software zu veröffentlichen, da man damit zu viele Fake News verbreiten könne. Jedoch biete diese auch eine Vielzahl an Möglichkeiten und Erleichterungen. Diese Neuerung sei nicht destruktiv zu sehen, es sei vielmehr ein Wandel, der in den nächsten Jahren kommen werde, beziehungsweise schon da sei. Siri, Alexa, Cortana und der Google Assistent gehörten bereits dazu. Abschließend zu seiner Keynote, erklärte Herr Wittke, dass an den wenigsten Hochschulen bisher digitale Lehre angekommen sei. Dokumente in eine PDF umzuwandeln und anschließend auf eine Plattform hochzuladen sei keine Digitalisierung. Bei der analogen Lehre kämen die Lernenden zum Unterricht, in der digitalen Lehre komme der Unterricht zu den Lernenden. Dies sei der wesentliche Unterschied, den Viele immer noch nicht begriffen hätten. Daher sei es wichtig, weiterhin digitale Aufklärung zu betreiben. Man müsse die Fähigkeiten des Internets in Bezug auf die Lehre verstehen und anwenden. Dafür sei das Schaffen von Synergien und Kooperationen von essentieller Bedeutung. 2 Andreas Wittke: Drei Schritte zur Digitalen Hochschulpolitik – MOOCs, Blockchain und KI 13

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Zusammenfassung

Die Inverted Classroom Fachtagung hat sich zu einem willkommenen Forum zum Austausch über das Lehren und Lernen im 21. Jahrhundert für die deutschsprachige Gemeinschaft von Lehrkräften, Experten und Interessierten entwickelt, die sich der Digitalisierung der Lehre verschrieben haben. 2019 fand die achte und vorerst letzte „Inverted Classroom Konferenz“ in Marburg statt. Der Fokus lag diesmal auf den nächsten Schritten in der Entwicklung von Lehren und Lernen in der digitalen Zukunft. Themen wie Blockchain, Open Educational Resources, MOOCs oder auch Makerspaces kamen in den Fokus.

Die Autorinnen und Autoren beschäftigen sich in ihren Artikeln mit dem Inverted Classroom in der Lehramtsbildung, dem wirkungsvollen Einsatz von Wikis oder Badge-Systemen, wie Inklusion und ICM sich gegenseitig befruchten können, aber auch mit Flipped Lab Szenarien und dem Einsatz von humanoiden Robotern in der Schulbildung und der Hochschullehre. Darüber hinaus gibt es Beiträge, die sich mit dem digitalen Lehren und Lernen im Ganzen beschäftigen oder auch das Thema ICM und Nachhaltigkeit betrachten.

Der Tagungsband fasst folglich nicht nur die Ergebnisse dieser 8. Fachtagung zusammen, sondern bietet neben ausgewählten Fallstudien und Untersuchungen im Praxiskontext auch einen Einblick in die Zukunft der Digitalisierung der Lehre im Allgemeinen und der Rolle, die der Inverted Classroom hierbei spielen kann.