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Katja Specht

"Wahre Freundschaft"

Beziehungskulturen der Freundschaft - eine sozialpsychologische Untersuchung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4435-3, ISBN online: 978-3-8288-7449-7, https://doi.org/10.5771/9783828874497

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 32

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Psychologie Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe Psychologie Band 32 Katja Specht „Wahre Freundschaft“ Beziehungskulturen der Freundschaft – eine sozialpsychologische Untersuchung Tectum Verlag Katja Specht „Wahre Freundschaft“. Beziehungskulturen der Freundschaft – eine sozialpsychologische Untersuchung Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag Reihe: Psychologie; Bd. 32 Zugl. Diss. Universität Bremen 2019 © Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft, Baden-Baden 2020 ePDF 978-3-8288-7449-7 (Dieser Titel ist zugleich als gedrucktes Werk unter der ISBN 978-3-8288-4435-3 im Tectum Verlag erschienen.) ISSN 1861-7735 Umschlaggestaltung: Tectum Verlag, unter Verwendung des Bildes # 400017166 von CYC | www.shutterstock.com Alle Rechte vorbehalten Besuchen Sie uns im Internet www.tectum-verlag.de Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Ernst Bloch Die in dem Kapitel „Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und einer Befragung in einem sozialen Netzwerk“ eingefügten Unter- überschriften bestehen aus Kernsätzen, die ich in der empirischen Auswertung meiner Untersuchung entwickelt habe. Kernsätze sind aus zentralen Aussagen meiner Befragten in einem sozialen Netzwerk, meiner InterviewpartnerInnen und meiner GruppendiskussionsteilnehmerInnen sowie gegenstandsbezogenen Assoziationen von mir zu den betreffenden Textsequenzen zusammengesetzt. Die Kernsätze dienen der Gliederung als Wegweiser in meiner empirischen Untersuchung. In meiner Arbeit ist mir die sprachliche Differenzierung der Geschlechter sehr wichtig. Wenn an manchen Stellen eine neutrale Form verwendet wurde, wie z. B. „Freunde“ sind damit immer beide Geschlechter gemeint. Mein besonderer Dank gilt meinem Doktorvater Prof. Dr. Thomas Leithäuser, der mich in meiner Forschung und in dieser Arbeit wissenschaftlich beraten und wohlwollend begleitet hat. Inhaltsverzeichnis Vorwort von Thomas Leithäuser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . XIII Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1 Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive . . . . . . . 5 Mosaiksteine von Erich Fromm und Robert Spaemann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 Mosaiksteine von Margarete Mitscherlich, Sigmund Freud und Arthur Schopenhauer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 Mosaiksteine von Rainer Funk, Sören Kierkegaard und Hartmut Rosa . . . . . . . . . . . . . . . . 17 Mosaiksteine von Aristoteles, Martin Seel und Axel Honneth . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Der Rahmen des Mosaiks nach Immanuel Kant . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 26 Die Methoden der empirischen Untersuchung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Die Erhebungsmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 Die Haltung der Forscherin im Feld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 Die Befragung in einem sozialen Netzwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Die Auswertungsmethoden. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Die Methode der Kernsatzfindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Befragung von Nutzern eines sozialen Netzwerkes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 „Freundschaft ist lebenswichtig und heilig.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 „Um bei mir den Status Freund zu erreichen, braucht es Monate und eine Menge Bewährungen im Alltag.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47 IX „Beste Freundin“ − das gehört der Vergangenheit an! Man entwickelt sich immer weiter!“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 „Wir haben schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert und natürlich auch schon viel Spaß gehabt und wunderschöne Tage miteinander verbracht.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 „Wir sind immer füreinander da, ohne dass wir aneinanderkleben.“. . . . . . . . . . . . . . 50 Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 „Freunde sind meine ausgewählte Familie.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 „Der beste Freund ist noch so eine höhere Instanz.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Gruppendiskussionen mit Studierenden der Psychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 „Wenn ich mich schwach fühle, hilft es mir, dass meine Freunde mir zeigen, dass ich eigentlich stark bin.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55 „Freundschaften von Blutsschwestern und Blutsbrüdern.“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 Interview mit Hans, einem Politiker . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 „In der Politik hat man nur Freunde, wenn es einem gut geht.“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57 „Freunde sind einander Wohltäter und mehr.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62 „Können die eigenen Kinder zu Freunden werden?“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63 Interviews mit Elsa und Charles, einem Freundespaar aus einem Altenpflegeheim . . 65 „Er hält sich an meinem Rollator fest und ich schiebe das Ding.“. . . . . . . . . . . . . . . . . . 66 „Jeden Morgen bekomme ich meine drei Küsschen.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Interview mit Bernd, einem Unternehmer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 „In der Freundschaft gibt es ‚Inseln der Unbetretbarkeit‘, die man nicht betreten soll.“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 „Echte Freundschaften währen über den Tod hinaus, im stillen, inneren Rategespräch.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 „Ich habe viele, viele Freunde gehabt in meinem Leben, und sie sind alle schon tot. Aber sie sind alle noch bei mir und ich mit ihnen.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71 „Bernd, lass ihnen das. Sie haben auch nichts. Das ist Freundschaft.“ . . . . . . . . . . . . . 73 „Das tut Ihnen gut, dass Sie mal gerade sitzen lernen.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Interview mit Petra, einer Modedesignerin, und Arnold, einem Restaurateur . . . . . . . . 74 „Die gemeinsame Aufgabe hat uns zusammengeschweißt.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 „Eine Freundschaft kannst du dir aussuchen, eine Familie nicht.“. . . . . . . . . . . . . . . . . 75 „Unterlegenheit und Überlegenheit in einer Beziehung sind furchtbar.“ . . . . . . . . . 77 Inhaltsverzeichnis X Interview mit Otto, einem Friseur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 „Einen guten Freund möchte ich immer um mich haben.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 79 „Familie ist eine Säule, ganz private Sachen bespreche ich eher mit einer besten Freundin und einem besten Freund.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80 Interview mit Sven, einem Finanzberater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 „Warum soll ich zu Familienangehörigen eine besonders gute Beziehung haben?“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 „Also Partnerschaft wiegt um ein Zig-tausendfaches mehr als die Freundschaft für mich.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 „Sind Schulfreunde und Geschäftsfreunde wahre Freunde?“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Leas Freundschaften – eine Stellungnahme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 „Wir unterstehen eben keinem unsichtbaren Gefühls- und Handelsgesetzbuch.“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Freundin und Freund in den Blicken der Anderen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Der objektivierende Blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94 Der starre Blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96 Der familiale Blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98 Der liebende Blick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Der freundschaftliche Blick. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Exkurs: Lob der dritten Sache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 „Framing“ als Sinnproduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Geldbeziehung als ökonomisches „Framing“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121 Unbewusste „Interaktionsformen“ in Freundschaftsbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 124 Freundschaft als „Heimstätte sozialer Freiheit“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 „Intellektueller Egozentrismus“ in Freundschaftsbeziehungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 130 Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Inhaltsverzeichnis XI Vorwort von Thomas Leithäuser Freundschaft heißt eine soziale Beziehung, die jeder Mensch in der einen oder anderen Weise in seinem Alltag erlebt und erfahren hat. In unseren modernen Gesellschaften gibt es vielfältige Formen der Ausgestaltung von Freundschaftsbeziehungen, die Katja Specht als „Beziehungskulturen“ beschreibt. Diese können rein konventioneller Art sein, sie können sich aber auch zu einer individuellen und sehr persönlichen Beziehungsgestalt entwickeln. Für eine sozialpsychologische Untersuchung, wie sie Katja Specht unternommen hat, sind Freundschaftsbeziehungen ein weites Forschungsfeld. Freundschaft ist nicht ein fixes soziales Faktum, ein festzulegendes Konstrukt, das sich mit strengen Definitionen einfangen lässt. Freundschaft erschließt sich als ein soziales Phänomen weniger durch Erklärung von Ursachen- und Wirkungszusammenhängen als durch Sinnverstehen. Die Erkenntnis von Freundschaft bedarf der Hermeneutik, einer Methodik des Sinnverstehens. Sie bedarf einer qualitativen Sozialforschung. In der Perspektive einer qualitativen empirischen Forschung hat Katja Specht ihre Methoden des Interviews und der Gruppendiskussion entwickelt. Sie hat in einem sehr ausführlichen Kapitel ihre hermeneutische Methode dargestellt. Sie stützt sich dabei u. a. auf Arbeiten von Ruth Cohn, Alfred Lorenzer, Birgit Volmerg und Thomas Leithäuser. Ein Erkenntnisziel der hermeneutischen Interpretationen der erhobenen Gesprächstexte ist es, einen Begriff von „wahrer Freundschaft“ zu entwickeln. Mit Wahrheit ist hier nicht ein Begriff von objektiver Wahrheit, sondern eine von den Interviewten subjektiv gemeinte Wahrheit gedacht. Die Auswertungen von Katja Specht verweisen immer wieder auf einen tiefen Wunsch nach einer „wahren“, gelingenden Freundschaft. Es gehört zu den Ergebnissen der Untersuchung, dass die Interviewten und Gesprächsteilnehmer der Gruppendiskussionen in eine Art alltägliches Philosophieren geraten. Es gehört zu den theoretischen Erkennt- XIII nissen der Arbeit von Katja Specht, dass sie eine Verbindung dieser alltagsphilosophischen Erörterungen ihrer Gesprächspartner mit Reflexionen der akademischen Philosophie herstellt, so z. B. mit Reflexionen von Aristoteles, Kant, Schopenhauer und Bloch. Herausragend ist dabei die Sentenz von Ernst Bloch: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“, die Katja Specht vor dem Hintergrund ihrer empirischen Auswertungen als Ausdruck „wahrer und gelingender Freundschaft“ interpretiert. Das „Wir“, das Bloch meint, ist kein „gleichmachendes Wir“, sondern ein tendenziell „utopisches Wir“, das sich in der Gemeinschaft von „wahren Freunden“ bildet und die Individualisierung des je Einzelnen ermöglicht und anerkennt. Momente eines solchen „Wirs“ finden sich mehr oder weniger ausgeprägt in den Vorstellungen der TeilnehmerInnen der Untersuchung von Katja Specht. Sie hat daher die blochsche Sentenz zum „Kernsatz“ ihrer gesamten Untersuchung ausgewählt. Freundschaftsbeziehungen sind Bestandteile der menschlichen Sozialisation. Sie beeinflussen die Identitätsbildung der Freundinnen und Freunde. Es zeigt sich in einer gelingenden Freundschaft, inwieweit Freundin und Freund sich selbst Freundin und Freund sein können, sich selbst in ihrer Eigenheit erkennen, anerkennen und wertschätzen können. Eine „wahre Freundschaft“ bewährt sich, wie Katja Specht zeigt, nicht allein in der wechselseitigen persönlichen Anerkennung. Freundschaft ist nicht nur eine Beziehungsform zwischen zwei und mehreren Menschen. Freundschaft ist vielmehr vermittelt durch ein gemeinsames praktisches Tun, durch eine „dritte Sache“, an der man gemeinsam arbeitet. Eine Freundschaft entwickelt sich in der Herstellung eines gemeinsamen Projekts. Das kann z. B. die Bewältigung von gemeinsamen Arbeitsaufgaben sein, wie sie Katja Specht beispielhaft in ihren Interpretationen herausarbeitet. Die Beschäftigung mit einer „gemeinsamen Sache“ macht viele zu Freunden. Sie führt Freunde nicht selten in einen alltagsphilosophischen Diskurs, der ihre freundschaftliche Beziehung vertieft. Freunde können miteinander lernen, dass Arbeit mehr als Maloche und alltägliche Routine sein kann, wenn es gelingt, diese zu einer „gemeinsamen dritten Sache“ zu machen. So wird Freundschaft erfinderisch und lebendig. Vorwort von Thomas Leithäuser XIV Einleitung Würde in einem alltäglichen Gespräch die Frage gestellt: „Was heißt Freundschaft für mich?“, so würde man nicht lange nachdenken und hätte wahrscheinlich schnell eine Antwort. Mit solchen Alltagsantworten hatte ich in meinen Interviews und Gruppendiskussionen gerechnet. So war ich zunächst erstaunt, wie schnell meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner bei dieser Frage ins Nachdenken und Philosophieren gerieten. Alle TeilnehmerInnen meiner Untersuchung haben meine Forschungsfrage von Anfang an ernst genommen, und wir kamen rasch in ein intensives Gespräch. Dies ist auch der methodischen Anlage meiner Untersuchung geschuldet, die ich im Kapitel „Die Methoden der empirischen Untersuchung“ vorstelle. Bei meinen theoretischen Überlegungen zu meiner Arbeit bin ich von der theoretischen Studie „Formen des Alltagsbewußtseins“ (1979) des Sozialpsychologen Thomas Leithäuser ausgegangen. „Alltagsbewußtsein“ ist nach Leithäuser ein: „Bewußtseinsmodus, der unsere gesellschaftliche Wirklichkeit in sehr spezifischen Figuren verarbeitet und repräsentiert. (…) Alltagsbewußtsein soll hier also nicht gleichsam ‚wertneutral‘ und affirmativ eingeführt werden, sondern verstanden werden als eine auf die gesellschaftliche Wirklichkeit in erster Linie reaktiv wirkende und diese verzerrende Bewusstseinsbildung.“ (S. 10) Ich habe in dem Pretest meiner Untersuchung gelernt, dass meine Forschungsfrage den Modus des „Alltagsbewusstseins“ problematisiert. Es hat sich gezeigt, dass meine Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ meine GesprächspartnerInnen meist stark irritiert hat. Meine Forschungsfrage verlangt nicht nach einer spontanen Antwort, sondern fordert zum Nachdenken heraus. Solche Herausforderungen zum Nachdenken habe ich daher zur Leitlinie meiner Gesprächsführung gemacht. Nicht nach dem, was einem selbstverständlich einfallen kann, wird gefragt. Ich wollte auch keine bloßen Informationen darüber, was Freundschaft heißen könnte, sondern ich wollte meinen 1 Pretesterfahrungen folgen und zur Reflexion über die persönlichen Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen anregen. Über solche Erfahrungen sollte in meinen Interviews und Gruppendiskussionen erzählt und gesprochen werden. Solche Gespräche gestalteten sich häufig als eine Art intellektueller Spaziergang durch alles das, was meine GesprächspartnerInnen als Freundschaft erlebt hatten oder sich wünschten zu erleben. Meine GesprächspartnerInnen haben im Verlauf unserer Forschungsgespräche angefangen, meine Forschungsfrage an sich selbst zu stellen. Sie waren dann Fragende und Antwortende zugleich und meine Rolle war es, sie in diesem Frage- und Antwortspiel zu begleiten und zu unterstützen. Man könnte daher von einer die Reflexion fördernden Interviewmethode sprechen. Bernd, einer meiner Interviewpartner, hat diese Methode zum Ende des Interviews als ein „inneres Rategespräch“ bezeichnet. Folgende Methoden der qualitativen Sozialforschung habe ich in meiner empirischen Untersuchung angewendet und auf die themenbezogene Fragestellung und ein die Reflexion förderndes Antworten entsprechend modifiziert: Befragung in einem sozialen Netzwerk, qualitative Interviews, qualitative Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen. Mit der Anwendung dieser Methoden bin ich der Grundregel qualitativer Sozialforschung, der Anpassung der Methode an den Forschungsgegenstand gefolgt. Der Titel meiner Dissertation ist „Wahre Freundschaft“. Die Arbeit ist eine Suche nach der Wahrheit, die Suche nach der Freundschaft als einer grundlegend menschlichen Beziehung. Das belegt der empirische Teil meiner Forschungsarbeit. Bei der Suche nach der Wahrheit von Freundschaft habe ich mich an der Arbeit „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“ (1993) des Kulturphilosophen Rüdiger Safranski orientiert. Rüdiger Safranski fragt: „Wonach sucht man, wenn man nach der Wahrheit sucht? Man will etwas erkennen, was einem hilft, sich in der Wirklichkeit zu orientieren, und das freie Bewegung mit einem Minimum an Gefahr ermöglicht. Wer nach der Wahrheit fragt, will sich mit einem schwierigen Lebensgelände vertraut machen. Die Wahrheitssuche ist durchaus darauf gefasst, auf Abgründe zu stoßen. Wenn man die Abgründe kennt, ist die Gefahr, in sie hineinzustürzen, geringer. Die Wahrheitssuche ist ihrem Wesen nach eine vertrauensbildende Maßnahme: Die Wiederherstellung einer wenn auch Einleitung 2 behelfsmäßigen Geborgenheit. (…) Die Erwartungen, die sich an die Wahrheit knüpfen, lassen sich auf die Formel bringen: Erst die Wahrheit wird uns freimachen.“ (S. 193) In einer gelingenden Freundschaftsbeziehung kann solche „freimachende Wahrheit“ gefunden werden. Wie ich mit dem Sozialpsychologen Erich Fromm beschreiben werde, kann Freundschaft sich aus den gängigen marktförmigen Beziehungen des Alltags, der unser Alltagsdenken zunehmend beherrschenden Ökonomie der Warenproduktion und des Warentausches ein Stück weit herauslösen und emanzipieren. Aus einer im ökonomischen Sinn zur Ware gewordenen Freundschaft kann eine wahre Freundschaft werden. Diese Hoffnung lässt sich aus der Analyse meiner empirischen Untersuchung bestätigen. In den folgenden Kapiteln stelle ich die Forschungsperspektive meiner Untersuchung als ein theoretisches Mosaik dar. Daran anschlie- ßend behandle ich die Methoden der empirischen Forschung, darauf folgt die Auswertung der Befragung in einem sozialen Netzwerk, der Interviews und Gruppendiskussionen. An diese Auswertungen schließt wiederum ein theoretisches Kapitel an, in dem verschiedene Blickweisen von FreundInnen theoretisch dargestellt werden. Zum Abschluss dieses Kapitels diskutierte ich Freundschaft als ein „Framing“ von Beziehungen und als eine „Interaktionsform“. Einleitung 3 Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive Mosaiksteine von Erich Fromm und Robert Spaemann Erich Fromm charakterisiert mit seinem Begriff der „Marketing-Orientierung“, den er in seinem Aufsatz „Psychoanalyse und Ethik“ (1947a) beschrieben hat, eine zentrale Verhaltensweise des „modernen Menschen“. In der „Marketing-Orientierung“ begreifen die Menschen die Dinge, andere Menschen und sich selbst als eine Ware. In diesem Verständnis wird dann häufig eine Freundschaftsbeziehung mit Besitz verwechselt. In diesem Zusammenhang weist Erich Fromm darauf hin, dass das Wort „Gleichheit“ heute eine „andere Bedeutung angenommen“ hat: „Die Idee, alle Menschen seien gleich geschaffen, bedeutete, dass alle Menschen das fundamentale Recht haben, als Selbstzweck und nicht als Mittel angesehen zu werden. Heute bedeutet Gleichheit so viel wie Austausch- oder Auswechselbarkeit und ist damit gerade die Negierung der Individualität. Gleichheit sollte die Voraussetzung sein, dass der einzelne sich in seiner Eigenart entfalten kann.“ (S. 51) Ist wahre Freundschaft vielleicht ein Ort, der „Austausch- und Auswechselbarkeit“ ausschließt? Ein Ort, der Identität und Eigenart stiftet? Mit Erich Fromm kann man überlegen, ob wahre Freundschaft sich der „Marketing-Orientierung“ nicht gerade versperrt und Unterwerfungs- und Beherrschungsstrategien gerade keine Möglichkeiten zur Entwicklung bieten. Erich Fromm versucht zu zeigen, dass sich die „Marketing-Orientierung“ heute weitgehend auf alle menschlichen Beziehungen auswirkt: „Wird das Selbst der einzelnen mißachtet, dann müssen auch die Beziehungen der Menschen untereinander oberflächlich werden. Sie stehen nicht mehr als Einzelpersönlichkeit, sondern als austauschbare Ware miteinander in Beziehung und sind weder gewillt noch imstande, das Einmalige und Besondere des anderen zu erfassen.“ (S. 51) 5 Geht es denn überhaupt, dass man einen wahren Freund als Ware betrachten kann? Der, wenn er auf den Gedanken kommt seinen Freund zu verlassen, gefesselt werden muss? Den man in einer Freundschaft gefangen nimmt und ihn bestraft, wenn er sich anderen zuwendet? Kann man den Freund dann noch als einen Freund betrachten? In der „Marketing-Orientierung“ stehen Freunde miteinander im „Konkurrenzkampf “ und „leben in ständiger Angst zu versagen“, schreibt Erich Fromm. Ist das nicht ein Umstand, der das Leben jedes Menschen in seiner ganz eigenen individuellen Form zerstören kann? Die „Marketing-Orientierung“ ist ein Modus des „Habens“, den Erich Fromm in seinem Buch „Haben oder Sein“ (1976a) ausführlich analysiert: „Am Haben orientierte Menschen möchten den Menschen, den sie lieben oder bewundern, haben. Dies kann man im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern und unter Freunden beobachten. Beide Partner wollen den anderen zur alleinigen Verfügung haben und genügen sich nicht damit, die Nähe des anderen zu genießen; deshalb sind sie auf andere eifersüchtig, die den gleichen Menschen „haben“ wollen. Jeder klammert sich an den anderen, wie ein Schiffbrüchiger an eine Planke. Beziehungen, die wesentlich besitzorientiert sind, sind bedrückend, belastend, voll von Eifersucht und Konflikten.“ (S. 350) In meiner Befragung in einem sozialen Netzwerk kommt das Thema „Haben oder Sein“, so wie es Fromm diskutiert, häufig vor. Freunde „zur alleinigen Verfügung zu haben“, sie besitzen zu wollen, ist ein Wunsch, den auch viele meiner Befragten äußern. Wenn sich ein Mensch an seine Freunde „klammert“ wie ein „Schiffbrüchiger an eine Planke“ spricht das dafür, dass Beziehungen im Modus des „Habens“ geführt werden. Beziehungen, die als „bedrückend, belastend, voll von Eifersucht und Konflikten“ erlebt werden, haben nicht selten eine sadomasochistische Seite. In diesen Freundschaftsbeziehungen kann es darum gehen, nicht die Zeit miteinander zu genießen, sondern den Partner an sich zu binden, ihn als Besitz zu betrachten und in „Eifersucht“ zu verfallen, wenn er sich anderen zuwendet und sich damit in der Logik des Modus des „Habens“ vom Freund oder der Freundin abwendet. Auf meine Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“, die ich in einem sozialen Netzwerk gestellt habe, beschreibt Rita in ihrer Antwort den Modus des „Habens“ als ein Gebrauchen des Freundes: Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 6 „Freundschaft heißt für mich, dass eine Person für mich einsteht und da ist, wenn ich sie brauche.“ (S. 1) Was passiert mit dieser Person, wenn Rita sie nicht braucht? Ist sie dann weiterhin eine nahe Freundin oder ist sie dann das, was man eine Bekanntschaft nennen kann? Katrin macht den Unterschied zwischen Bekanntschaft und Freundschaft deutlich: „Wenn ich erlebe, dass ich jemandem vertrauen kann, er nichts Anvertrautes weitererzählt, aber auch nichts Anvertrautes im Streit gegen mich verwendet, um mich zu verletzen (leider schon erlebt), wenn ich erlebe, dass ich nicht nur Lückenbüßer bin, sondern der andere gerne Zeit mit mir verbringt, (…) wenn ich erlebe, dass er in der Not für mich da ist (…), dann kann aus Bekanntschaft Freundschaft werden.“ (S. 1) Für Katrin ist Freundschaft mehr als eine „Marketing-Orientierung“. Freundschaft als „Marketing-Orientierung“ ist für sie eine bloße Bekanntschaft. In vielen Antworten zu meiner Befragung drückt sich bei der näheren Charakterisierung dessen, was Freundschaft heißt, eine Spannung zwischen „Marketing-Orientierung“ und intensiver Zuwendung aus. Der Freund oder die Freundin sind nicht einfach austauschbare Personen, die man „haben“ oder auch „nicht haben“ kann. Sie können zugleich Glücksbringer oder Retter in der Not sein. Sind sie für einen da, dann gehört Freundschaft in Erich Fromms Sinn zum Modus des „Seins“. Im Gegensatz dazu steht der Modus des „Habens“. In seiner psychoanalytischen Analyse dieses Modus des „Habens“ zeigt Fromm „sadistische Tendenzen“ menschlichen Verhaltens auf, die die Freundschaftsbeziehungen durchdringen können.1 1 In ihrem Buch „Die Radikalität des Alters“ (2011) beschäftigt sich die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich auch mit dem Thema Freundschaft. Ihr geht es dabei darum, neue Formen des Zusammenlebens zwischen den Geschlechtern zu finden: „Mann und Frau wird zunehmend klar, dass eine neue Form des Zusammenlebens zwischen den Geschlechtern und damit auch zwischen den sozial Schwachen und Starken in dieser Welt angesichts des Hungers, der Gewalt, des Zerstörungs- und Selbstzerstörungspotentials dringend geschaffen werden muss.“ (S. 79) Freundschaft kann sich als eine „neue Form des Zusammenlebens“ entwickeln. Man kann sich fragen, wie man in Zeiten, die von Krieg und Gewalt auf der ganzen Welt bestimmt sind, freundschaftlich zusammenleben kann. Freundschaft ist tendenziell eine friedliche Lebensform. Mosaiksteine von Erich Fromm und Robert Spaemann 7 In seiner Arbeit „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941a) beschreibt Erich Fromm drei Arten solcher „sadistischer Tendenzen“: „Die eine Form besteht darin, dass man andere Menschen von sich abhängig macht und dass man sie in seine absolute uneingeschränkte Gewalt zu bekommen sucht, so dass sie nicht mehr sind als ein Werkzeug, als ‚Ton in Töpfers Hand‘. Eine andere Form des Sadismus besteht in dem Impuls, nicht andere auf diese absolute Weise zu beherrschen, sondern sie auszubeuten, auszunutzen, zu bestehlen, sie auszunehmen und sich sozusagen alles genießbare an ihnen einzuverleiben. (…) Eine dritte Form des Sadismus besteht in dem Wunsch, andere leiden zu machen oder leiden zu sehen. (…) Der Betreffende möchte den anderen verletzen, demütigen, in Verlegenheit bringen oder ihn in beschämenden und demütigenden Situationen erleben. (S. 301 f.) Im Einzelinterview hat mein Interviewpartner Sven eine große Freude daran, anderen ein Arbeitsverhältnis aufzukündigen. Er weiß, dass viele Unternehmer und Vorgesetzte Schwierigkeiten damit haben, Mitarbeiter zu kündigen. Gerne bietet er sich an, die Kündigungen für sie zu übernehmen. Sven sieht das als eine Art Freundschaftsdienst: „Ich finde es extrem angenehm, diese Beziehungen (Arbeitsbeziehungen) zu beenden. (…) Viele (Unternehmer und Vorgesetzte) haben sich immer schwergetan, Leute zu kündigen. Und dann habe ich gesagt, das mach’ ich für euch. Das habe ich immer gerne gemacht, einfach Leute gekündigt. Also zu sagen, fachlich, hier ist jetzt Feierabend. Schluss, aus, vorbei. Fertig. Die haben mich immer genommen dafür. Ich habe mich immer gut bezahlen lassen dafür. Die brauchten dann nicht ihr Gesicht zu verlieren. Also diese unangenehmen Entscheidungen zu treffen ist für mich nicht unangenehm. Das Leben hat ganz viele Entscheidungen. Man muss viele Entscheidungen im Leben treffen. Nicht nur angenehme, auch unangenehme. Das kann ich genauso gut.“ (S. 19) Margarete Mitscherlich fragt, wie man so zusammenleben kann, dass es keine „sozial Schwachen und Starken“ mehr geben muss. Sie bittet gerade die Frauen, sich über ein freundschaftliches Zusammenleben Gedanken zu machen. In ihrem Buch „Die friedfertige Frau“ (1985) schreibt sie: „Der in Jahrhunderten trotz aufgezwungener Unterwerfungslust und Resignation geschärfte Sinn der Frauen für Unterdrückung in jeder Form sollte von ihnen stärker eingesetzt werden, zu aller Nutzen. An der Frau liegt es, die primären sadomasochistischen Sozialisationsformen, die den Geschlechterbeziehungen zugrunde liegen, zu ändern.“ (S. 183) Im Verständnis von Margarete Mitscherlich hat „Unterwerfungslust“ in Freundschaftsbeziehungen keinen Platz. Darauf sollten gerade Frauen achten. „Unterwerfungslust“ ist eine besondere weibliche Erfahrung, die gerade Frauen der Reflexion zugänglich machen können, um sie in der Gesellschaft zu einem bewussten Thema zu machen. Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 8 Sven hat seine Freude daran, andere zu schädigen, sie zu kündigen, ihnen ihre Lebensgrundlage zu entziehen. Er möchte „den anderen verletzen, demütigen, in Verlegenheit“ (Fromm s. o.) und in existentielle Schwierigkeiten bringen. Er macht daraus regelrecht einen Job. Er dient sich anderen an, für sie zu kündigen, und lässt sich dafür gut bezahlen. Er macht das gerne. Seine Fähigkeiten, andere zu schädigen, seine sadistische Veranlagung ist für ihn eine berufliche, „fachliche“ Qualifikation. Sadismus ist für Sven eine „Marketing-Orientierung“. Der Philosoph Robert Spaemann beschreibt in seinem Buch „Personen. Versuche über den Unterschied zwischen ‚etwas’ und ‚jemand’“ (1996) dieses sadistische Moment als eine Seite des „radikalen, uneingeschränkten Egoismus“. Während Fromm einen solchen radikalen, sadistischen Egoismus als ein gesellschaftliches sozial vermitteltes Verhaltensmoment von Personen versteht, sieht Spaemann dieses Phänomen als etwas „Natürliches“ der Person an. Auch Spaemann sieht einen engen Bezug des „natürlichen“ Sadismus als einen Aspekt „des materiellen oder psychischen, emotionalen Gewinns“ an. Diesen ökonomischen Aspekt beschreibt Robert Spaemann folgendermaßen: „Bis zu einem gewissen Grad gehört die Berücksichtigung der Interessen anderer zu unserer Naturausstattung, also zum eigenen natürlichen Interesse. Beziehungen der Zugehörigkeit und der Sympathie sind ‚natürliche’ Beziehungen. Es gehört zur Person, daß sie dieses Natürliche in zweifacher Richtung überschreiten kann. Sie kann sich von allen natürlichen Bindungen und Rücksichten emanzipieren und sich für einen radikalen, uneingeschränkten Egoismus entscheiden. Sie muss dazu keineswegs jede auf Sympathie beruhende Beziehung aufgeben. Aber sie kann jede Beziehung dieser Art ausschließlich unter dem Aspekt des materiellen oder psychischen, emotionalen Gewinns betrachten, den sie daraus zieht.“ (S. 214 f.) Insofern eine Person ihr „Natürliches“ überschreiten kann, vermittelt sie ihre „Natürlichkeit“ mit ihren sozialen Beziehungen mit anderen, sei es als „Sympathie“, sei es als „ökonomischer Gewinn“, sei es als Sadismus. Aus ganz verschiedenen philosophischen und sozialpsychologischen Perspektiven heraus kommen Spaemann und Fromm zu einem ähnlichen Ergebnis der Vermittlung von der Natürlichkeit der Person und ihrer gesellschaftlichen Vermitteltheit. Eine solche Ver- Mosaiksteine von Erich Fromm und Robert Spaemann 9 mittlung kann als eine Selbstverständlichkeit erlebt und ein solches Erlebnis der „Reflexion“ zugänglich gemacht werden. Die Fähigkeit zu solchem Erleben und solcher Reflexion zeigt den Unterschied des Menschen als Naturwesen und Person an. Spaemann erläutert diese Fähigkeit: „Die Reflexion auf das eigene Erleben und die Degradierung des Anderen zur bloßen Funktion dieses Erlebens ist nur einem Wesen möglich, das den Anderen als den Anderen und sich als von ihm unterschieden weiß und dass sich reflektierend auf sich selbst als letztes Um-willen zurückwendet.(…). Nur Personen können radikale Egoisten sein. Aber Personen können auch, kraft der gleichen Reflexion, die den Anderen als den schlechthin Anderen, nicht durch meinen Lebenskontext Definierten weiß, ihn ausdrücklich als diesen wollen, respektieren, lieben und die eigene Perspektive zu einer Perspektive unter anderen relativieren. Personen sind eines uneigennützigen Wohlwollens2 fähig, angefangen mit dessen unterster und fundamentaler Stufe, der Gerechtigkeit.“ (S. 215) Mein Interviewpartner Hans gibt im Interview ein eindrucksvolles Beispiel des „uneigennützigen Wohlwollens“. Er beschreibt, wie in der Wohngemeinschaft, in der er lebt, eine an Krebs erkrankte Freundin von den Mitbewohnern gepflegt wurde. „Sie (die Freundin) wurde krebskrank und dann hat sie gesagt: ‚Ich möchte hierbleiben und keine fremden Leute zum Pflegen. Ich möchte 2 Spaemann stellt in seiner Erörterung über „Personen“ des öfteren Bezüge zur Philosophie von Aristoteles her, so zum Begriff des „Wohlwollens“ in der „Nikomachischen Ethik“. Allerdings macht Aristoteles einen Unterschied zwischen „Wohlwollen“ und „Freundschaft“: „Das Wohlwollen hat etwas an sich von einem freundschaftlichen Verhältnis, ist aber nicht eigentlich Freundschaft. Denn Wohlwollen ist auch gegenüber Unbekannten möglich und so, dass es nach außen gar nicht hervortritt, Freundschaft dagegen nicht. (…) Wohlwollen ist aber auch keine Form des Liebens, denn es hat nicht jene belebende Spannung und jenes Streben, das die Liebe begleitet. Liebe bedeutet ferner gegenseitige Vertrautheit, das Wohlwollen aber entsteht auch aus dem Erlebnis des Augenblicks“. (Aristoteles 1831a, Buch IX, [1166b 17–1167a 2]) Wohlwollen entspringt also einem spontanen Erlebnis, während wahre Liebe sich in gegenseitiger Vertrautheit in langer und andauernder Zeit entwickelt. Wohlwollen ist nach Spaemann Resultat einer „uneigennützigen“ „Reflexion“ (Spaemann, S. 215). Auch macht Aristoteles eine Unterscheidung zwischen dem „Wohlwollen“ und „wohlwollend“. Er sagt, „dass man für den Freund um seiner selbst willen Gutes wollen soll. Wer auf diese Weise Gutes will, den nennt man wohlwollend, wenn das nicht auf Gegenseitigkeit beruht. Denn das Wohlwollen, das auf Gegenseitigkeit beruht, nennt man Freundschaft.“ (Aristoteles, 1831b, Buch VIII, [1155b 30–35]). Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 10 das mit euch machen.‘ (…) Und dann haben wir sie zum Theater gefahren, da musste sie immer hin. Weil sie nicht mehr fahren konnte, haben wir sie dann abwechselnd gefahren. Als sie im Rollstuhl saß, hat sie sogar noch im Rollstuhl auf der Bühne gesessen. Da musste immer einer von uns mit. (…) Also hinter den Kulissen habe ich gestanden und geheult, weil mich das so ergriffen hat, was sie da machte. Und dann haben wir das Reihum gemacht. (…) Alle haben ihren Teil dazu beigetragen, dass sie nie alleine war.“ (S. 8 f.) Während wir mit Sven den radikalen, sadistischen Egoismus kennengelernt haben, berichtet uns Hans von einem „authentischen“ uneigennützigen „Wohlwollen“ in seiner Wohngemeinschaft. Der „radikale Egoismus“ gehört in der philosophisch–sozialpsychologischen Perspektive „der Existenzweise des Habens“ an. Das authentische uneigennützige „Wohlwollen“ dagegen gehört aus Erich Fromms Perspektive der „Existenzweise des Seins“ an. Fromm beschreibt beide Existenzweisen, die sich in ähnlicher Begrifflichkeit bei Spaemann finden, in „Haben oder Sein“ (1976a) auf die folgende Weise: „In der Existenzweise des Habens ist die Beziehung zur Welt die des Besitzergreifens und Besitzens, eine Beziehung, in der ich jedermann und alles, mich selbst miteingeschlossen, zu meinem Besitz machen will. Bei der Existenzweise des Seins müssen wir zwei Formen des Seins unterscheiden. Die eine ist das Gegenteil von Haben; (…). Sie bedeutet Lebendigkeit und authentische Bezogenheit zur Welt. Die andere Form des Seins ist das Gegenteil von Schein und meint die wahre Natur, die wahre Wirklichkeit einer Person im Gegensatz zum trügerischen Schein." (S. 290 f.) Im Sinne Fromms ist gelingende Freundschaft „Lebendigkeit und authentische Bezogenheit zur Welt“, eine „authentische Bezogenheit“, die man schwerlich allein und als einzelner Mensch haben kann, sondern sie vielmehr mit anderen teilt, so wie das unter den Freunden der Wohngemeinschaft von Hans im gemeinsamen und wechselseitigen Helfen und Unterstützen der Fall ist. Eine solche Freundschaft ist authentischer als die konventionellen Beziehungen, die man häufig in Familien vorfindet. Mosaiksteine von Erich Fromm und Robert Spaemann 11 Mosaiksteine von Margarete Mitscherlich, Sigmund Freud und Arthur Schopenhauer Freundschaften können zur Entwicklung der Persönlichkeit beitragen. Die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich schreibt in „Die Radikalität des Alters“ (2011): „Um aufrichtig zu sein, brauchen wir viel Mut, zu dem sich jeder von uns, wenn er sinnvoll mit sich selbst lebt, stets von neuem durchzuringen versucht. Aber in einem langen (…) gelebten Leben spürt man, wie veränderlich das eigene Erleben als Wahrheit erschien; dem fügen sich im Laufe der Zeit überraschende Aspekte hinzu, die frühere Wahrnehmungen verändern und uns durch neuerliches Nachdenken und Erleben zwingen, sich neu zu definieren.“ (S. 209) Der Begriff der „Nachträglichkeit“, den Margarete Mitscherlich von dem Psychoanalytiker Sigmund Freud übernommen hat, ist wichtig für Freundschaften. Es kommt vor, dass Freundschaften erst in der „Nachträglichkeit“ einen Sinn ergeben. Freud schreibt über das Erinnern in seinem Aufsatz „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (1914): „Ich schließe hier einige Bemerkungen an, die jeder Analytiker in seiner Erfahrung bestätigt gefunden hat. Das Vergessen von Eindrücken, Szenen, Erlebnissen reduziert sich zumeist auf eine ‚Absperrung’ derselben. Wenn der Patient von diesem ‚Vergessenen’ spricht, versäumt er selten hinzuzufügen: Das habe ich eigentlich immer gewußt, nur nicht daran gedacht. Er äußert nicht selten seine Enttäuschung darüber, dass ihm nicht genug Dinge einfallen wollen, die er als ‚vergessen’ anerkennen kann, an die er nie wieder gedacht, seitdem sie vorgefallen sind.“ (S. 127 f.) An diese Erfahrung des Psychoanalytikers stellt sich für mich die Frage: Lässt sich eine gute Freundschaft − auch eine, die keineswegs konfliktfrei und mit vielen Schwierigkeiten verbunden war − einfach vergessen? Oder drängen diese guten und schlechten Erlebnisse einer vergangenen Freundschaft nicht immer wieder in die Erinnerung? Das Vergessene bleibt unruhig, lässt sich nicht begraben und drängt immer wieder zur Oberfläche des Bewusstseins. Freundschaft wehrt sich gegen das Vergessen, gegen den psychischen Abwehrmechanismus der Verdrängung. Aufkommende Erinnerungen an gelungene Freundschaften lassen sich nicht einfach in das Reich des Unbewussten zurückdrängen. Eine solche Erinnerung beschreibt Bernd in seinem Interview. Diese Erinnerung Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 12 stammt aus seiner Zeit als deutscher Soldat auf dem Rückzug der deutschen Armee aus Russland im zweiten Weltkrieg: „Ich habe ein stilles, nie ausgesprochenes, mein ganzes Leben bis jetzt bewahrendes Freundschaftsgefühl gehabt zu einer polnischen Frau. Das war eine Bäuerin, und ich wurde nachts 1945 in Polen so schwer verwundet, dass ich auf einem Panjewagen zurückgekarrt werden musste. Da lag ich. Ich konnte nicht mehr gehen. Und dann haben mich zwei Sanitäter nachts bei der Bäuerin abgesetzt. Dann hat mich die Bäuerin − mich, den Feind − aufgenommen und die Sanitäter angewiesen, mich in ihr Bett zu legen. Das war, wie es so Sitte war, dieses große Bauernbett, wo die ganze Familie schlief, die Kinder, der Bauer und ich. Ich wurde auf ihre Seite gelegt in das Bett. Das kann niemand nachempfinden, was ich da erlebt habe, weil, es ging ja nichts mehr bei mir. Ich konnte nicht mehr laufen, nichts. Ich schlief ein, am Rande dieses Bettes, und dann wachte ich auf, da saß auf der Bettkante eine Frau, die Bäuerin, und löffelte mir Brühe in den Mund, wodurch ich wieder Lebenskräfte gewann. Und sie saß auf der Bettkante und ich wachte auf und sie löffelte mir ihre Fleischbrühe in den Mund, so dass ich wieder zum Leben kam. Und dieses Gottesgeschöpf habe ich heute noch nicht vergessen. Also zur Freundschaft gehören das Gespräch und die Dankbarkeit für die Toten.“ (S. 3) Solche Erinnerungen können nicht dem Vergessen verfallen. Sie sind „Dankbarkeit für die Toten“. Solche Erinnerungen erhalten das Leben und die Taten der Toten lebendig. Sie unterliegen nicht dem Zwang der Abwehr durch Verdrängung. Solche Erinnerungen sind ein Grundstein der menschlichen Verständigung und des Friedenswillens, die die Grausamkeiten, die Nöte und die Zwänge abscheulicher Kriege nicht beirren können. Für Bernd ist die Freundschaft zwischen den Völkern Friedensarbeit. Auch der in Lebensnot geratene „Feind“, der er für die Bäuerin war, hat ein Recht auf Hilfe. Das war die Lebensweisheit der polnischen Bäuerin, der Bernd in seinem Engagement für den Frieden bis heute treu geblieben ist. Solche tiefgründige Friedenserfahrung und Weisheit, wie sie sich Bernd zu eigen gemacht hat, ist existentiell und wirksam unter der Decke der Schwierigkeiten alltäglicher Ökonomie und Verständigung. Es sind aber gerade immer wieder alltägliche Zwänge, mit denen sich PsychotherapeutInnen und PsychoanalytikerInnen in ihrer therapeutischen Arbeit beschäftigen müssen. Das macht Margarete Mitscherlich in „Die Radikalität des Alters“ (2011) sehr deutlich: „Wo Zwänge existieren, schwinden die Möglichkeiten der Verständigung. Man muss sich die Möglichkeit zum Widerspruch bewahren, um im Fall Mosaiksteine von Margarete Mitscherlich, Sigmund Freud und Arthur Schopenhauer 13 von Meinungsverschiedenheiten, bisweilen auch nach langen Diskussionen, zu einem gemeinsamen Verständnis zu kommen oder zumindest zu einem ‚let us agree to disagree’.“ (S. 220) Freunde sollten sich „die Möglichkeit zum Widerspruch bewahren“ können, um zu einem „gemeinsamen Verständnis zu kommen“. Das heißt nicht, dass man immer der gleichen Meinung sein muss, ganz im Gegenteil: Man kann auch bewusst kontroverse Meinungen vertreten, ohne die Freundschaft in Frage zu stellen oder aufkündigen zu müssen. Das ist alltägliche Friedensarbeit, die Margarete Mitscherlich in ihrer Untersuchung „Müssen wir hassen?“ (1976) beschreibt. Sie berichtet, dass: „unsere Art zu lieben den kleinkindlichen Abhängigkeitscharakter beibehalten hat. Wir verlangen dann von unserem Liebesobjekt totale Befriedigung aller unserer Wünsche, ohne selber in der Lage zu sein, Einfühlung in die eigenen Bedürfnisse dieses Gegenübers zu entwickeln. In dieser Art primärer Liebe versagt die Realitätsprüfung. Das führt in innerer Konsequenz zu immer erneuten Enttäuschungen, die dann die Ursache dafür sind, dass Liebe in Hass umschlägt.“ (S. 56) Enttäuschungen, der immer mögliche Umschlag von „Liebe in Hass“, ist für Ruth ein alltägliches Merkmal von Freundschaftsbeziehungen, in denen für Ruth Streit und das Sich-wieder-Vertragen in stetigem Wechsel stattfinden: „Eine Freundschaft ist wie eine Beziehung. Man hält in guten wie in schlechten Zeiten zusammen. Man lacht zusammen und weint zusammen. Man hilft sich gegenseitig, wenn mal jemand zum Reden gebraucht wird, hört der andere zu. Man streitet und verträgt sich, ist nicht immer der gleichen Meinung und hält doch zueinander. Das ist für mich Freundschaft.“ (S. 3) Nicht immer aber verträgt man sich nach einem Streit. Es ist nicht immer leicht, nach einem Streit wieder zusammenfinden zu können. Die konventionelle Vorstellung „man streitet und verträgt sich“ gilt nicht in allen Fällen. Ein Streit kann zu Verletzungen führen, die nur schwer heilbar sind. An die Stelle der Heilung der Verletzungen tritt häufig ihre Verdrängung. So wie es Sigmund Freud in „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921) analysiert, hat Freundschaft immer auch einen „Bodensatz von ablehnenden, feindseligen Gefühlen“: Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 14 „Nach dem Zeugnis der Psychoanalyse enthält fast jedes intime Gefühlsverhältnis zwischen zwei Personen von längerer Dauer – Ehebeziehungen, Freundschaft, Eltern- und Kindschaft – einen Bodensatz von ablehnenden, feindseligen Gefühlen, der nur infolge von Verdrängung der Wahrnehmung entgeht.“ (S. 110) Es gibt durchaus Streitigkeiten als Ausdruck schwerer feindseliger Gefühle, die sich weder verdrängen noch durch Einsicht beruhigen lassen. Wahre Freundschaft zeigt sich dann darin, dass sie fähig ist, zwischen den Freunden feindselige Gefühle und Verletzungen besprechen und reflektieren zu können. Das gelingt am besten, wenn Freunde Nähe zueinander und Distanz voneinander ausbalancieren. Freud erläutert ein solches Ausbalancieren von Nähe und Distanz mit einem „Gleichnis“ von Arthur Schopenhauer aus „Parerga und Paralipomena“ (1965): „Eine Gesellschaft Stachelschweine drängte sich an einem kalten Wintertage recht nahe zusammen, um durch die gegenseitige Wärme sich vor dem Erfrieren zu schützen. Jedoch bald empfanden sie die gegenseitigen Stacheln, welche sie dann wieder voneinander entfernte. Wann nun das Bedürfnis der Erwärmung sie wieder näher zusammen brachte, wiederholte sich jenes zweite Übel; so dass sie zwischen beiden Leiden hin- und hergeworfen wurden, bis sie eine mäßige Entfernung voneinander herausgefunden hatten, in der sie das am besten aushalten konnten. − So treibt das Bedürfnis der Gesellschaft, aus der Lehre und Monotonie des eigenen Innern entsprungen, die Menschen zueinander; aber ihre vielen widerwärtigen Eigenschaften und unerträglichen Fehler stoßen sie wieder voneinander ab. Die mittlere Entfernung, die sie endlich herausfinden und bei welcher ein Beisammensein bestehen kann, ist die Höflichkeit und feine Sitte. Dem, der sich nicht in dieser Entfernung hält, ruft man in England zu: „Keep your distance!“ (Wahre deinen Abstand!). – Vermöge derselben wird zwar das Bedürfnis gegenseitiger Erwärmung nur unvollkommen befriedigt, dafür aber der Stich der Stacheln nicht empfunden. Wer jedoch viel eigene innere Wärme hat, bleibt lieber aus der Gesellschaft weg, um keine Beschwerde zu geben, noch zu empfangen.“ (S. 765) Freundschaft zeichnet sich auch nach Schopenhauer als eine Balance zwischen Nähe und Distanz aus. Freundschaft ist ein Prozess, in dem man die Grenzen des Freundes kennenlernt und respektiert. Diese Grenzen müssen einem allerdings bewusst werden. Die Stachelschweine drängen sich an einem kalten Wintertag zu einem Haufen zusammen, um sich gegenseitig vor dem Erfrieren zu Mosaiksteine von Margarete Mitscherlich, Sigmund Freud und Arthur Schopenhauer 15 schützen. Je enger sie zusammenrücken, desto eher piksen sich die Stachelschweine mit ihren Stacheln. Es ist ein ständiges „Hin- und Hergewerfe“, bis sie eine Entfernung zueinander gefunden haben, die sie am besten aushalten können. Es geht darum, nicht zu erfrieren und sich nicht gegenseitig zu verletzen. Freud vertieft in „Massenpsychologie und Ich – Analyse“ (1921) das von Schopenhauer ironisch gemeinte Gleichnis und beschreibt es als ernstzunehmende „Gefühlsambivalenz“. Eine gewisse untergründige „Feindseligkeit“ gegen „geliebte Personen“ ist nie ganz auszuschlie- ßen. Diese „Gefühlsambivalenz“ ist nicht einfach nur in „rationaler Weise” zu erklären. Ein bloßer Hinweis auf faktisch bestehende „Interessenkonflikte“ greift zu kurz und verdeckt eher die „Gefühlsambivalenz“ von Zuneigung und Feindseligkeit, die in den vielen Freundschaftsbeziehungen immer wieder zum Ausdruck kommen kann: „Wenn sich die Feindseligkeit gegen sonst geliebte Personen richtet, bezeichnen wir es als Gefühlsambivalenz3 und erklären uns diesen Fall in sicherlich allzu rationaler Weise durch die vielfachen Anlässe zu Interessenkonflikten, die sich gerade in so intimen Beziehungen ergeben. In den unverhüllt hervortretenden Abneigungen und Abstufungen gegen nahestehende Fremde können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, einen Narzissmus erkennen.“ (S. 111). 3 Auf solche „Gefühlsambivalenz“ ist bereits Sören Kierkegaard in „Entweder – Oder” (1843/2005) aufmerksam geworden. In der für ihn typischen Ironie schreibt er: „Man hüte sich also vor der Freundschaft. Wie definiert man einen Freund? Freunde sind nicht, was die Philosophie das notwendige andere nennt, sondern das überflüssige dritte. Welches sind die Zeremonien der Freundschaft? Man trinkt Brüderschaft, man öffnet eine Ader, man mischt sein Blut mit dem des Freundes. Wann dieser Augenblick kommt, ist schwer zu bestimmen; aber er kündigt sich selber auf rätselhafte Weise an, man fühlt es, man kann nicht mehr „Sie“ zueinander sagen. Wenn dieses Gefühl einmal da war, kann es sich niemals zeigen, dass man sich geirrt hat (…). Welches ist die Bedeutung von Freundschaft? Gegenseitiger Beistand mit Rat und Tat. Darum schliessen zwei Freunde sich eng zusammen, um einander alles zu sein; und das, obwohl der eine Mensch dem anderen Menschen gar nichts anderes sein kann, als ihm im Wege sein.“ (S. 343) Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 16 Mosaiksteine von Rainer Funk, Sören Kierkegaard und Hartmut Rosa Während Freud Freundschaft in seiner individualpsychologisch zentrierten Blickweise primär als eine Beziehung zwischen zwei Menschen sieht, in der das Wechselspiel von Nähe und Distanz in einer tiefgreifenden Gefühlsambivalenz zum Ausdruck kommt, richtet der an der psychoanalytischen Sozialpsychologie orientierte Psychoanalytiker Rainer Funk seinen Blick auf die gesellschaftlichen und historischen Vermittlungen, die die Freundschaft zu einem sich historisch wandelnden Phänomen machen. Rainer Funk entwickelt eng an der Charakteranalyse von Erich Fromm orientiert den Charaktertypus der „postmodernen Ich-Orientierung“. Diese offeriert einen besonderen Beziehungsmodus der Freundschaft, in dem der andere, der Freund oder die Freundin, zum Mittel einer „Selbstinszenierung“ wird. In seiner psychoanalytisch-sozialpsychologischen Untersuchung „Ich und Wir, Psychoanalyse des postmodernen Menschen“ (2005) schreibt Rainer Funk: „Die selbstbestimmte und unkonventionelle Art des Bezogenseins (Anm.: des postmodernen ich-orientierten Menschen) schließt alle zwischenmenschlichen Beziehungsarten aus, die auf Pflichtgefühl und emotionalem Verbundensein aufbauen und Rücksicht oder Verbindlichkeit verlangen; Erwartungen, die der andere auf einen richtet, sind beziehungsschädigend. Beziehungen gelingen, wenn jeder als autonomer Single versucht, sein Ich für den anderen zum Erlebnis zu machen und man sich des gegenseitigen Unterhaltungswertes auf diese Weise versichert. Die gewollte Unverbindlichkeit beinhaltet ein hohes Maß an Toleranz und Achtung vor dem anderen sowie an Kooperationsbereitschaft und Fairness im Umgang mit ihm, aber auch an Gleichgültigkeit gegenüber allem, was keinen Unterhaltungswert hat. Treue (die man als ein Merkmal der Freundschaftsbeziehung verstehen kann) gibt es meist nur projektorientiert, das heißt, so lange man gemeinsam Wirklichkeit neu schaffen kann. (…) Der aktive Postmoderne ist ausgesprochen kontaktfreudig. Tatsächlich versteht er unter Beziehungsfähigkeit in erster Linie die Fähigkeit, Kontakte herzustellen und unterhaltsam zu sein. Er ist der geborene Entertainer. Kommunikation bedeutet vor allem Selbstinszenierung und Offerieren von Erlebnissen unter Ausschluss von emotionaler Bindung und Nähe. (…) Überhaupt versteht er (Anm.: der Postmoderne) Trennungen nicht als Verluste, die ihn einsam und traurig machen könnten, sondern als Beendigungen von Projekten, die der selbstbestimmten eigenen Weiterentwicklung nur nützlich sind.“ (S. 66 f.) Mosaiksteine von Rainer Funk, Sören Kierkegaard und Hartmut Rosa 17 „Selbstinszenierung“ des „postmodernen Menschen“ ist nach Funk nicht nur eine auf das einzelne Individuum bezogene Ausdrucksform, sondern generell eine soziale Wirklichkeitskonstruktion, in der sich das Verständnis von Freundschaft weiter entfremdet. Ein Freund ist nicht mehr ein anderer, dem man sich nahe fühlt, den man zu kennen glaubt und weiter kennenzulernen versucht, mit dem man sich über eine „gemeinsame dritte Sache“ emotional und intellektuell verbunden fühlt. In der „Selbstinszenierung“ wird dagegen der andere zur bloßen Eigenschaft des Selbst und seine Andersheit unkenntlich gemacht. Wiederum in einem ironisch philosophischen Vorgriff hat Sören Kierkegaard in seinem Aufsatz „Die Wechselwirtschaft. Versuch einer sozialen Klugheitslehre“ im Sammelband „Entweder-Oder“ (1843/ 2005) die Enthaltung von Freundschaft als ein radikales Entfremdungsphänomen charakterisiert: „Weil man sich aber der Freundschaft enthält, darum muss man nicht etwa ohne Berührung mit den Menschen leben. Im Gegenteil, auch diese Beziehungen können zuweilen einen tieferen Schwung annehmen, nur dass man stets, obwohl man eine Zeitlang das Tempo der Bewegung teilt, doch so viel größere Geschwindigkeit hat, dass man davonlaufen kann. Man meint wohl, ein solches Verhalten hinterlasse unangenehme Erinnerungen, das Unangenehme liege darin, dass ein Verhältnis, das einem etwas bedeute, sich in nichts auflöst. Das ist jedoch ein Missverständnis. Das Unangenehme ist nämlich eine pikante Ingredienz in der Querköpfigkeit des Lebens.“ (S. 343 f.) Im Unterschied zur Auffassung von Kierkegaard ist in der „Selbstinszenierung“ des „postmodernen Ichs“ das Erlebnis des „Unangenehmen“ in der Freundschaftsbeziehung weitgehend verschwunden. Der Andere, der Freund, wird vom eigenen Selbst ununterschieden zu einem angenehmen Selbsterlebnis gemacht – von der „Querköpfigkeit“ des Freundes und einer „gemeinsamen dritten Sache“ mit ihm ganz zu schweigen. In der Sicht des Soziologen Hartmut Rosa bekommt die „Selbstinszenierung“ des Individuums noch eine weitere Bedeutung, die er in seinem Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (2013) beschreibt. Die „Selbstinszenierung“ des Individuums erscheint als ökonomische Notwendigkeit. Sie ist nicht nur ein innerer sozialpsychologischer Zwang, sondern ein notwendiges Mittel in den alltäglichen Konkurrenzkämpfen, in denen man sich selbst als besonders leistungsfähig in- Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 18 szenieren muss. Rosa beschreibt solche „Selbstinszenierung“ des Individuums als ein modernes Entfremdungsphänomen: Es „gibt aus der Perspektive der Individuen einen andauernden Konkurrenzkampf um Bildungsabschlüsse und Jobs, Einkommen, Güter zum demonstrativen Konsum, den Erfolg der Kinder, aber auch, und am wichtigsten, darum, einen Partner sowie eine Reihe von Freunden zu finden und zu halten. Es ist kein Zufall, dass sich Kontaktanzeigen in den Zeitungen zwischen den Anzeigen für Autos, Jobs und Immobilien finden. Und wir alle wissen, wie einfach es ist, unsere ‚Wettbewerbsfähigkeit’ im Kampf um soziale Beziehungen zu verlieren: Wenn wir uns nicht als nett, interessant, unterhaltsam und attraktiv genug präsentieren, wenden sich Freunde und sogar Verwandte recht schnell von uns ab. Am offensichtlichsten lassen sich die häufig bizarren Formen dieses kompetitiven sozialen Wettbewerbs in der Spätmoderne auf Internetseiten wie Facebook, MySpace, Twitter und Hot or Not beobachten, auf denen Menschen ihre Freunde zählen und ihre (physische) Attraktivität anhand von Fotos beurteilen lassen. Welche ‚Position’ ein Individuum in der modernen Gesellschaft einnimmt, wird demnach nicht durch Geburt bestimmt und ist nicht das ganze (Erwachsenen-)Leben über stabil, sondern Gegenstand permanenter kompetitiver Aushandlungen.“ (S. 37) „Entfremdung“ zeigt sich in der heutigen „postmodernen” Freundschaftsbeziehung in drei verschiedenen Weisen, in denen Freunde als mögliche andere, nur sehr reduziert in Erscheinung treten können. In der „postmodernen Ich-Orientierung“ ist der andere nur eine Eigenschaft des sich selbst inszenierenden „Ichs“. In den ökonomischen und sozialen Konkurrenzkämpfen ist das Selbst des Individuums seines Selbst nicht mächtig, wird es zu einer „Selbstinszenierung“ genötigt, die ihm keine „Querköpfigkeit“ erlaubt. Sowohl aus psychoanalytischer (Funk), soziologischer (Rosa) und philosophischer (Kierkegaard) Perspektive wird „Selbstinszenierung“ zu einem Modus gesellschaftlicher Anpassung. Die Ausdifferenzierung des Verhältnisses des individuellen Selbst und des individuellen anderen bleibt auf der Strecke. Dagegen verlangt ein ausdifferenziertes Verständnis von Freundschaft einen wechselseitigen Respekt der Freunde voreinander, eine tiefe wechselseitige Anerkennung der Freunde und eine Sensibilität, gerade solche Dinge nicht anzusprechen, von denen man weiß, dass sie die Freunde tiefgreifend verletzen können. Solche Sensibilität ist keine laute Zurschaustellung sich selbst entfremdender Selbstinszenierung. Sie achtet vielmehr die Andersheit der Freunde und will ihnen nicht zu Mosaiksteine von Rainer Funk, Sören Kierkegaard und Hartmut Rosa 19 nahe treten. Das ist meinem Interviewpartner Bernd besonders wichtig: „In dem, was mein Freund tut und treibt, gibt es Inseln der Unbetretbarkeit, die darf ich nicht betreten, denn dann verletze ich die Unberührbarkeit. Bei einem alten Menschen gehörten dazu die Diskretion, Humor, Güte und Geduld, Zärtlichkeit.“ (S. 2) Indem man dem Freund in seiner Andersheit „Inseln der Unbetretbarkeit“ zugesteht, wird man ihm zu einem wahren Freund. Mosaiksteine von Aristoteles, Martin Seel und Axel Honneth Man kann nun fragen, ob es nicht eine Freundschaft mit sich selbst gibt, eine Selbstachtung, die sich eigene „Inseln der Unbetretbarkeit“ zubilligt, eine Selbstachtung, die vor einer Verletzung des eigenen Selbst schützt. Solche Selbstachtung, die sich eigene „Inseln der Unbetretbarkeit“ eingesteht, solche Freundschaft mit sich selbst ist das Gegenstück zur „postmodernen Selbstinszenierung“, der modernen Selbstentfremdung, die ich mit Rainer Funk und Hartmut Rosa beschrieben habe. Sie ist die Voraussetzung für eine wahre Freundschaft mit anderen. Diese grundsätzliche freundschaftliche Haltung zu sich selbst und zu anderen beschreibt schon Aristoteles in der „Nikomachischen Ethik“ (1831a), die bis heute die philosophischen Erörterungen der Freundschaft beeinflusst. In der „Nikomachischen Ethik“ heißt es: „Man darf aber wohl sagen, dass es der denkende Teil ist, der das Wesen des einzelnen Menschen, ganz oder doch in erster Linie, ausmacht. Wer so ist, der wünscht in dauernder Lebensgemeinschaft mit sich selbst zu sein, denn er verwirklicht sie mit Freude: Das Vergangene ist ihm erfreuliches Gedenken, die Zukunft gute und somit angenehme Erwartung, und in seinem Geiste ist reicher Stoff für nachdenkliche Betrachtung. Schmerz und Freude empfindet er vor allem in der Gemeinschaft mit sich selbst, denn zu allen Zeiten ist ihm dasselbe unangenehm, dasselbe angenehm, und nicht das eine mal dies, dann wieder das. Nachträgliches Bedauern ist bei ihm sozusagen gar nicht denkbar. Weil sich nun bei dem Guten jedes der genannten Merkmale in dem Verhältnis zu sich selbst findet und er sich zu seinem Freunde so verhält wie zu sich selbst -– der Freund ist ja ein zweites Ich – so wird auch die Freundschaft (mit anderen) mit diesem und oder jenem der genannten Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 20 Merkmale gleichgesetzt und gelten als Freunde die, bei denen sich diese Merkmale finden.“4 (Buch IX [1166a 11–30]) Für Aristoteles ist eine entscheidende Voraussetzung für eine gelingende Freundschaft die Fähigkeit, sich selbst ein Freund zu sein, „in dauernder Lebensgemeinschaft mit sich selbst zu sein“. Das, was mein Interviewpartner Bernd dem „alten Menschen“ − er meint den guten Menschen − als Haltung der Freundschaft zu sich selbst und zu anderen zuschreibt: „Diskretion, Humor, Güte und Geduld, Zärtlichkeit“ sind solche „Merkmale“, auf die sich schon in anderen Worten Aristoteles bezieht. Ein schlecht gewordener Mensch muss „alle Kraft anspannen, um der Schlechtigkeit aus dem Wege zu gehen und muss versuchen ein guter Mensch zu sein. Denn nur so kann man zu sich selbst ein freundschaftliches Verhältnis haben und einem anderen Menschen Freund werden.“ (Buch X [1166b 17–1167a 2]) In seinem Buch „111 Tugenden, 111 Laster“ (2012) bezieht sich der Philosoph Martin Seel in seiner „philosophischen Revue“ (2012) immer wieder auf die „Nikomachische Ethik“ von Aristoteles. Seel aktualisiert die Erörterung über Freundschaft von Aristoteles: „Die Fähigkeit zur Freundschaft ist einer der Schlüssel zu einem gelingenden und gerechten Leben (Anm.: das Aristoteles „Eudaimonia“ nennt) Zwar geht dieses nicht in Verhältnissen der Freundschaft auf, ebenso wenig wie es von der Zahl der Freunde abhängt; ohne die Dimension der Freundschaft aber bleibt es den Menschen verschlossen. Ohne sie haben sie keinen Zugang zu Praktiken, in denen sich eigenes und fremdes Wohl gegenseitig durchdringen. Freunde teilen ihr Leben im Zeichen gegenseitiger Zuneigung und wechselseitigen Vertrauens. Das ist der ganze Zweck einer Freundschaft: mit einer, mit dieser Person zusammen zu sein und im Austausch zu stehen – einer Person, an der man hängt, die man mag und die einen selbst zu bereichern vermag.“ (S. 164) 4 In anderen Übersetzungen der „Nikomachischen Ethik“, wie der in der Meiner Ausgabe von Eugen Rolfes (1831c), wird anstelle des Begriffs des „zweiten Ichs“ der Begriff des „zweiten Selbst“ verwendet. Ich halte mich an die Übersetzung der „Nikomachischen Ethik“ von Franz Dirlmeier, weil mit ihr die Bezüge und Unterschiede zu dem „postmodernen Ich“, das ich mit Rainer Funk beschrieben habe, besser deutlich gemacht werden können. Der Begriff des „zweiten Ich“, mit dem Aristoteles hier den „guten“ Freund kennzeichnet, macht die praktische Nähe zwischen zwei „guten“ Freunden klarer, als es der im philosophischen Diskurs verbliebene Begriff des „Selbst“ tut. Mosaiksteine von Aristoteles, Martin Seel und Axel Honneth 21 Freundschaft schließt nach Martin Seel die erotische Beziehung zwischen zwei Menschen, die körperliche Liebe, „das körperliche Verlangen“ nicht grundsätzlich aus: „Ein einseitiges oder gegenseitiges körperliches Verlangen, und auch ein Ausleben dieses Verlangens, kann durchaus ein Stadium von Freundschaft sein. Es wird jedoch bei einem Durchgangsstadium bleiben. Die stürmischeren Wogen der Hingabe spielen hier, wenn überhaupt, nur eine marginale Rolle. Dennoch hat fast jede Freundschaft eine erotische Komponente, und dies ganz unabhängig vom Geschlecht und der sexuellen Ausrichtung der Beteiligten. Freunde haben Gefallen aneinander. Dieses Gefallen betrifft aber nicht allein diese und jene Eigenschaften, die ja auch bei anderen Menschen zu finden sind. Es ist vielmehr ein Gefallen an der Art des Freundes: an der unverwechselbaren Kombination seiner Tugenden und eher lässlichen Laster sowie an dem unverwechselbaren timing, mit dem er sie an den Tag legt. Diese Art des Freundes ist nicht davon zu trennen, wie er uns leiblich erscheint.“ (S. 164)5 Im Gegensatz zur Liebe, speziell der erotischen Liebe, ist eine Freundschaftsbeziehung nicht „exklusiv“. Sie ist vielmehr offen und kann weitere Freunde integrieren. Freundschaft muss nicht nur eine Beziehung zwischen zweien sein. Sie ist offen für mehrere Freunde. In einer Freundschaft werden andere Freunde toleriert und nicht als Konkurrenz zur eigenen Freundschaft gesehen, auch wenn man sie gar nicht leiden kann. Viele verschiedene Freunde bereichern das „eigene Selbstsein“ und geben Freundschaftsbeziehungen eine vielfältige Gestalt. Wahre Freunde fördern sich wechselseitig in solcher Vielfalt, zu der auch die Erkenntnis, dass man sich selbst ein Freund sein kann und soll, gefördert wird. Wie schon mit Aristoteles ausgeführt, kann auch der Freund, der man für sich selbst ist, als ein „zweites Ich“ verstanden werden. Andererseits „kann man – und soll − auch Freunde haben, die voneinander gar nichts wissen wollen, und selbst solche, die sich nicht ausstehen können. Verschiedene Freunde vermögen verschiedenen Seiten des eigenen Selbstseins eine intensivere Gestalt zu geben.“ (S. 165) 5 Die „erotische Komponente“ in der Freundschaftsbeziehung habe ich in meinem Kapitel „der liebende Blick“ weiter ausgeführt. Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 22 Für solche Vielfalt in Freundschaftsbeziehungen gibt mein Interviewpartner Hans ein Beispiel: „Dann geht es um die Menschen, mit denen ich regelmäßig zu tun habe, bei uns im Haus, mit denen ich Tag für Tag, Nacht für Nacht teile. Wir haben inzwischen jede Menge gemeinsamer Freunde. Wir haben unsere Freunde untereinander ausgetauscht, das finde ich besonders schön, wenn der eine seine mitbringt und der andere seine mitbringt und die dann so langsam Interesse aneinander kriegen.“ (S. 1) Wie die Wohngemeinschaft von Hans zeigt, können sich Freundschaftsbeziehungen ausweiten. Die Zahl der Freunde muss nicht, wie das der Regelfall ist, auf wenige Freunde beschränkt sein, sondern kann sich in Gruppen, wie sie sich in Wohngemeinschaften gebildet haben, ausweiten. Freundschaften nehmen dann die Aufgaben wahr, die in der Vergangenheit von Großfamilien übernommen wurden. In Seels summarischer Auflistung von „Tugenden und Lastern“ ist die Freundschaft keine herausragende Tugend. Sie steht nicht allein neben vielen anderen von Seel aufgeführten Tugenden, sondern ist mit vielen in enger Verbindung, wie mit der Liebe und auch der körperlichen Liebe, aber auch mit der ernsthaften „Klugheit“ und „Besonnenheit“, denen Seel ebenso wie der Freundschaft einen besonderen Rang auf seiner Tugendliste einräumt (S. 266). Freundschaft fördert die ernsthafte Klugheit und Besonnenheit der Freunde. Solche Klugheit und Besonnenheit sind nicht allein auf die Freundin oder den Freund bezogen. Sie entwickeln sich vielmehr in dem gemeinsamen Denken und der gemeinsamen Arbeit an einem gemeinsamen Objekt. In einem Kapitel meiner Arbeit „Lob der dritten Sache“ habe ich diesen gemeinschaftlichen Objektbezug der Freunde als ihre „gemeinsame dritte Sache“ weiter ausgearbeitet. In einer gelingenden Freundschaft entwickeln sich die Freunde in ihrem Denken und Arbeiten an einer „gemeinsamen dritten Sache“ zu „ernsthaft klugen und besonnenen Menschen“. „Klugheit“ und „Besonnenheit“ werden zu Tugenden, die in Verbindung mit der Freundschaft in der „philosophischen Revue“ der „Tugenden und Laster“ von Martin Seel einen herausragenden Rang gewinnen. Zur Erläuterung dieses Ranges verweist Seel auf den Essay „Wishfull thinking“ in den „Minima Moralia“ von Theodor W. Adorno. Darin „lässt Adorno für einen Augenblick die Klugheit als Leitstern der Mosaiksteine von Aristoteles, Martin Seel und Axel Honneth 23 Moral aufleuchten“ (S. 266). „Die Dummheit“, heißt es in den „Minima Moralia“ (1951) von Theodor W. Adorno: „…findet mit den moralischen Defekten, dem Mangel an Autonomie und Verantwortung regelmäßig sich zusammen (…), dass man einen ernsthaften klugen Menschen, dessen Gedanken auf Gegenstände gerichtet sind und nicht formalistisch in sich kreisen, kaum je als Bösen sich vorstellen kann. Denn die Motivation des Bösen, blinde Befangenheit in der Zufälligkeit des Eigenen, tendiert dazu, im Medium des Gedankens zu zergehen.“ (S. 226) „Die Motivation des Bösen“, die „blinde Befangenheit“ lösen sich in der gemeinsamen Reflexion der Freunde auf. Das Böse, die Boshaftigkeit ist nie allein die Eigenschaft eines Einzelnen. Boshaftigkeit ist ein Beziehungsproblem, das in der gemeinsamen Reflexion der Freunde gelöst werden kann. Das Böse ist ein Phänomen innerer und äußerer Zwänge, die im Gespräch und der Reflexion der Freunde „zergehen“, zumindest sich ein Stück weit auflösen können. Aus der Reflexion der Zwänge finden die Freunde zu einer „Sprache der Freiheit“. Seel schreibt: „Ein freier Mensch ist jemand, der sich von sich und den anderen auf die richtige Weise fesseln lässt. Dazu ist es oft nötig, die Fesseln abzuwerfen, die man sich selbst oder die die Gesellschaft einem angelegt hat. Frei zu sein bedeutet, frei von inneren wie äußeren Beschränkungen zu sein.“ (S. 170) Der Sozialphilosoph Axel Honneth untersucht in seinem Buch „Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit“ (2013) „das besondere an modernen Freundschaften“ als eine „Sprache der Freiheit“. Freiheit ist eine praktische Sprache, in der Freunde zueinander finden können. Die Praktiken solcher freien Sprache, der Freundschaft „ermöglichen eine wechselseitige Offenlegung von Gefühlen, Einstellungen und Absichten, die ohne den jeweils anderen kein Gehör fänden und damit als nicht darstellbar empfunden werden müßten. So selbstverständlich ist diese Erfahrung einer ‚Befreiung’ unseres Wollens im freundschaftlichen Gespräch und Beisammensein, daß wir für sie kaum mehr die Sprache der Freiheit verwenden, obwohl nur sie doch erklären könnte, was wir zunächst und vor allem in Freundschaften suchen und welchen Platz sie inmitten unseres gesellschaftlichen Lebens einnehmen.“ (S. 248) Freundschaft beschreibt Honneth als eine „Heimstätte sozialer Freiheit“, in der die selbstverständlich gewordenen Regeln der „Alltagskommunikation“ in Frage gestellt und durchbrochen werden können: Freund- Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 24 schaft ermöglicht es dem Einzelnen, „die ihm privilegiert zugänglichen Erlebnisse vor einem anderen (zu) enthüllen, so dass innere Grenzen wegfallen“ (S. 249) können. Axel Honneth spricht von einem „Freiheitsgewinn”, den Freundschaften ermöglichen: „Der Freiheitsgewinn (einer Freundschaftsbeziehung), der darin besteht, eigene Gefühle und Erlebnisse vorbehaltlos mitteilen zu können, besitzt die Eigentümlichkeit einer selbst kaum zu thematisierenden Erfahrung; sie vollzieht sich ohne bewußte Aufmerksamkeit, ist daher sprachlich nicht gesondert artikulierbar und zeigt sich doch indirekt an den Gefühlen plötzlicher Entkrampfung, Leichtigkeit und Zwanglosigkeit, die den kommunikativen Austausch unter Freunden typischerweise begleiten.“ (S. 249) In einer Gruppendiskussion, die ich mit Schülerinnen und Schülern geführt habe, beschreibt ein Schüler den Freiheitsgewinn einer Freundschaft auf die folgende Weise: Dennis: „Mir ist gerade was eingefallen, und zwar, es ist ja so, man sagt, man kann sich seine Familie nicht aussuchen, und für mich sind so Freunde, die mir wirklich nahestehen, für mich halt wie eine ausgewählte Familie, weil, ich kann mit denen ja auch alles bereden, teilweise redet man über bestimmte Sachen lieber mit seinen Freunden als mit den Eltern. Und sonst, ja das ist so etwas wie eine ausgewählte Familie für sich selbst. Kann jeder selber auswählen …, ich glaub jeder kennt das, wenn man mit seiner besten Freundin übernachtet und dann über jeden Scheiß redet. Ja, da gibt’s nichts Bestimmtes.“ (S. 22) Eine andere Schülerin ergänzt: Jette: „Für mich ist Freundschaft, wenn man immer Spaß zusammen haben kann. Wenn es einmal irgendwas Ernstes ist, dass man denjenigen auch um 3 Uhr in der Nacht aus dem Bett klingeln kann, und dass der einem dann zuhört und hilft, dass wenn irgendwas vorfällt, dass man denjenigen immer um Hilfe bitten kann. Wenn man sich jetzt voll mit seinen Eltern zerstreitet oder so, dann kann man hingehen und so: Ich hab‘ voll das Problem und so. Das ist halt schon toll.“ (S. 22) Der „Freiheitsgewinn“, den die SchülerInnen in der Freundschaft mit anderen finden, lässt sich als ein Schritt der Emanzipation von der Familie verstehen. Während in der Familie die Sozialisation, die Ein- übung und Eingewöhnung sozialer Beziehungsregeln, die Regeln der „Alltagskommunikation“ vorherrschen, also die Anpassung an gesell- Mosaiksteine von Aristoteles, Martin Seel und Axel Honneth 25 schaftliches Sozialverhalten dominant ist, ist für die SchülerInnen Freundschaft eine „Heimstätte sozialer Freiheit“. Den SchülerInnen geht es gerade darum, dass man seinen Freund jederzeit „aus dem Bett klingeln kann“, dass man den Freund „immer um Hilfe bitten kann“, ohne einen möglichen Streit − wie mit den Eltern − zu provozieren. Freundschaft ist ein Widerstandsnest. Beispielhaft dokumentiert das US-amerikanische Filmdrama des Regisseurs Peter Weir von 1989 „Dead Poets Society“, übersetzt „Der Club der toten Dichter“, solche widerständigen Freundschaftsbeziehungen. Freundschaft ist so gesehen ein Ausbruch aus festgelegten, nicht selten erzwungenen familialen Situationen, die dem psychologischen Entwicklungsstand der Adoleszenz von Jugendlichen nicht mehr angemessen sind. Der Freiheitsgewinn in der Freundschaft von Jugendlichen ist ein Entwicklungsschritt zu ihrem Erwachsenwerden. Der Rahmen des Mosaiks nach Immanuel Kant Mit Immanuel Kant können wir diesen Entwicklungsschritt des Erwachsenwerdens auch als einen Versuch der SchülerInnen verstehen, aus den Phasen der „Unmündigkeit“ der Adoleszenz herauszukommen. Diese Unmündigkeit hat eine eigentümliche Ambivalenz. Diese drückt sich in dem Streben der SchülerInnen aus, sowohl selbständig und mündig zu werden als sich auch die kindliche und jugendliche Unschuld zu erhalten. In einem solchen Festhalten am Stande der Unmündigkeit sieht Kant das Problem der „Aufklärung“. In seinem Aufsatz „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“ (1784) beschreibt Kant eine solche Unmündigkeit auch als „selbstverschuldet“: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. (…) Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt usw.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe es nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ (S. 53) Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 26 Nach Kant bestünde also Freundschaft darin, den Freund dabei zu unterstützen, „sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen“. Es wäre ein Missbrauch einer Freundschaft, wenn man dem Freund seinen „Verstand“ überließe oder wollte, dass dieser seinen „Verstand“ einem selbst überließe. Die Herstellung von „Mündigkeit“ ist ein gemeinsamer Akt von Freundschaft. Man könnte also fragen, ob „Mündigkeit“ nicht auch zu den „Tugenden“ gehört, die Martin Seel in seiner „Philosophischen Revue“ dargestellt hat. Martin Seel hat „Mündigkeit“ allerdings nicht als eine eigenständige Tugend untersucht. Mündigkeit ist eine eigenständige Tugend, wie Besonnenheit, Klugheit und Freiheit, eigenständige Tugenden sind. Diese stehen in einer engen Verbindung zur Tugend der Freundschaft. In der Perspektive des Aufklärungsbegriffs von Kant gesehen, werden die Ambivalenzen, die Freundschaftsbeziehungen zum Ausdruck bringen, deutlich sichtbar. Der Wunsch nach Freundschaft ist immer auch ein Wunsch nach gemeinsamer Mündigkeit wie auch ein Wunsch nach Abhängigkeit, also ein Wunsch nach „Unmündigkeit“. Auf meine Interviewfrage schreibt Rita über ihrem Wunsch nach Freundschaft Folgendes: „Freundschaft heißt für mich, dass eine Person für mich einsteht und da ist, wenn ich sie brauche. Auch wenn man sich lange Zeit nicht gesehen hat, fühlt es sich immer noch an wie früher, wenn man sich wiedersieht.“ (S. 1) Diese Äußerung lässt sich jetzt im doppelten Sinne verstehen. Einmal sucht Rita jemanden, an den sie sich anlehnen kann. Sie gibt gewissermaßen ihren Verstand an ihre Freundin ab. Sie möchte sich ihres Verstandes unter der Leitung der Freundin bedienen. So entlastet sich Rita von ihrer eigenen Verantwortung und delegiert ihren Verstand an ihre Freundin. So gelingt es ihr, ihr Bedürfnis nach Autoritätsabhängigkeit unter dem Mantel der Freundschaft zu verstecken. Freundschaft wird zu einem sozialen Ort „selbstverschuldeter Unmündigkeit“. Für Rita ist es wichtig, dass eine Freundin für sie da ist, wenn sie sie braucht. Wenn die Freundin nicht da wäre, wenn sie sie brauchte, dann fühlte sie sich hilflos. Rita könnte nicht verstehen, dass eine Freundin nicht für sie da wäre. Andererseits, wenn man die Auffassung von Kant von Freundschaft als einen gemeinsamen Weg zur Mündigkeit versteht, Der Rahmen des Mosaiks nach Immanuel Kant 27 braucht Rita gerade die Freundin auf dem Wege zu ihrer Mündigkeit. Der Wunsch nach Mündigkeit und der Wunsch nach Verbleib in „Unmündigkeit“ reiben sich in jeder unaufgeklärten Freundschaftsbeziehung. Bei Kant heißt es: „Daß der bei weitem größere Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.“ (S. 53)6 Fragen wir noch einmal: Was heißt „brauchen“ für Rita? Sie „braucht“ einerseits einen Freund oder eine Freundin, der/die für sie die Vormundschaft, die Oberaufsicht übernimmt. Sie braucht andererseits die Freundin/den Freund auf dem gemeinsamen Weg zur Mündigkeit. Sie braucht die Freundin und den Freund gleichermaßen auf dem gemeinsamen Weg aus der „Unmündigkeit“, die ich mit Kant auch als „selbstverschuldet“ interpretiere. Ich hatte bereits mit Fromm die „Unmündigkeit“, die Abhängigkeit von Autoritäten als Modus des „Habens“ beschrieben. In diesem Sinne heißt „brauchen“, ich „habe“ einen Freund/eine Freundin der/die für mich und über mich die „Oberaufsicht“ übernimmt, einen Freund/ eine Freundin, an den/die ich meine Selbstverantwortung delegiere. Im Gegensatz dazu habe ich mit Fromm im Sinne seines „Seins“-Begriffs die Freundschaftsbeziehung als Ausgang aus der („selbstverschuldeten“) „Unmündigkeit“ beschrieben (s. o.). Erst der Modus des „Seins“ ermöglicht mündige Freundschaftsbeziehungen. Das Selbstverständliche, nicht sonderlich Bedachte, nicht Reflektierte, das Axel Honneth der konventionellen Alltagskommunikation unterstellt, wird im „Modus des Seins“ in der wahren Freundschaft der gemeinsamen Reflexion der Freunde zugänglich. 6 Kant sieht sehr deutlich die patriarchalische Abhängigkeit der Frauen, die er leicht ironisch als das „schöne Geschlecht“ bezeichnet. Unmündigkeit hat auch ihre behagliche Seite. Sie muss nicht wie die „Mündigkeit“ als „beschwerlich“ und sogar „gefährlich“ angesehen werden. Selbstverantwortung und Selbsttätigkeit opfert man durchaus nicht ungern der „Oberaufsicht“ von „Vormündern“, die sich „gütigst“ anbieten, aufdrängen, aber auch gesucht werden. Kant sieht sehr deutlich die Ambivalenz im Wechselspiel von Unmündigkeit und Mündigkeit. Freundschaft als ein Beziehungsmosaik − eine theoretische Perspektive 28 Ernst Blochs philosophische Maxime aus der „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ (1977), die ich zum Kernsatz meiner Arbeit gewählt habe: „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst“ (S. 13), findet in der wahren Freundschaft jenseits der konventionellen Alltagskommunikation seine Erfüllung. Der Rahmen des Mosaiks nach Immanuel Kant 29 Die Methoden der empirischen Untersuchung Die Interviews, die Gruppendiskussionen und die Befragung in einem sozialen Netzwerk habe ich alle mit der Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ begonnen. Die Antworten meiner InterviewpartnerInnen führten häufig zu einer intensiven Wahrheitssuche. Sie gerieten ins Philosophieren. Sie wollten häufig in der Freundschaft eine Wahrheit finden, die man mit einem Freund teilen kann. Dieser Wahrheitssuche, die für meine InterviewpartnerInnen Anlass zum Philosophieren, zu einer nicht alltäglichen Reflexion war, bin ich gefolgt. In meiner theoretischen Ausarbeitung habe ich versucht, in verschiedenen philosophischen, psychologischen und soziologischen Denkansätzen die Motive und Beweggründe aufzufinden, die meine InterviewpartnerInnen in ihrer Sprache als ihre Suche nach einer „wahren Freundschaft“ zum Ausdruck bringen wollten. In diesem Sinne greifen in meiner Arbeit theoretische Perspektiven mit der empirischen Erhebung ineinander. Ich versuche, philosophische Reflexion mit der Reflexion des Alltagsdenkens zu verbinden. Ich habe mich bei diesem Versuch an der Studie „Formen des Alltagsbewußtseins“ (1976) von Thomas Leithäuser orientiert. Es geht mir um ein hermeneutisches Offenlegen der Wünsche und der Sehnsucht nach „wahren“ Freundschaftsbeziehungen. Dazu bedarf es eines freimachenden und nicht eines methodisch einzwängenden Interpretationsverfahrens7, so wie es Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg in ihrer Arbeit „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) 7 Im Studierzimmer von Goethes Faust erteilt Mephistopheles einem Schüler, der Mephisto für Faust hält, einen Ratschlag. Dem listig-ironisch gemeinten Ratschlag des Mephisto bin ich nicht gefolgt: „Mein teurer Freund, ich rat Euch drum zuerst Collegium Logicum. Da wird der Geist Euch wohl dressiert, in spanische Stiefeln eingeschnürt, daß er bedächtiger so fortan 31 entwickelt haben. Im Sinne dieser Hermeneutik verstehe ich die von mir durchgeführten Interviews als eine Herstellung der Freiheit im Gespräch. Ein solches Interview folgt nicht einer im Vorweg festgelegten Logik des Fragens und Antwortens, sondern ist offen für zufällige Einfälle und spontanen Ideenfluss, an dem ich mich als Interviewerin auch als Gesprächspartnerin beteiligt habe und mich nicht allein mit der Rolle des bloßen Fragestellens begnügt habe. In einem solchen Interview als Forschungsgespräch, einer gemeinsamen Suche von Interviewtem und Interviewerin nach Erkenntnis, geht es also nicht um die Ausschaltung der Interviewerin als „subjektiven Faktor“, sondern es geht um ihre Beteiligung an dem Forschungsgespräch. Eine Ausschaltung der Subjektivität der Interviewerin ist auch bei allen Bemühungen um Methodenreinheit nicht möglich. Eine methodisch erzwungene Ausschaltung der eigenen Gedanken der Interviewerin erwiese sich auch als Störfaktor im Erkenntnisprozess des Interviews. Bezogen auf psychotherapeutische Verfahren zeigt Ruth Cohn, dass sich eine zu große Zurückhaltung von Therapeuten, ihr oft zu langes bloß schweigendes Zuhören als ein Störfaktor in der therapeutischen Beziehung erweisen kann. Solche Haltungen bei Therapeuten, die Nichteinmischung ihrer Persönlichkeit in den therapeutischen Prozess, ruft bei den Patienten nicht selten Projektionen auf Therapeuten hervor, die dieser gerade durch seine Zurückhaltung vermeiden möchte. Ruth Cohn schreibt in ihrer Arbeit „Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion“ (1975): „Die thematische interaktionelle Methode entspringt gruppentherapeutischen Erfahrungen und psychoanalytischen Theorien. Es hatte mich immer wieder in Erstaunen versetzt, in welchem Ausmaß Mitglieder therapeutischer Gruppen mit Hilfe dieser Erfahrungsweisen ein ungeheuer anregendes und nutzbringendes Lernen erlebten, während die meisten Studenten in Hörsälen das Studieren als trocken und nicht bereichernd quasi erduldeten. So erfuhr ich den Unterschied zwischen ‚totem‘ und ‚lebendihinschleiche die Gedankenbahn und nicht etwa, die Kreuz und Quer, irrlichteliere hin und her.“ (S. 83) In meinen Interviews war das „hin und her irrlichtelieren“ erlaubt. Ein „freies Assoziieren“, der Psychoanalyse angelehnt, habe ich in meinen Interviews nicht unterbrochen, sondern zu fördern gesucht. Die Methoden der empirischen Untersuchung 32 gem‘ Lernen. (…) Bei meiner Suche nach solchen Elementen fiel mir auf, dass die Lebendigkeit gruppentherapeutischen Lernens vor allem mit einer achtungsvollen Einstellung zur Gefühlswelt und zum persönlichen Empfinden des einzelnen zu tun hat.“ (S. 111 f.) Auf ähnliche Erfahrungen, wie sie Ruth Cohn als Gruppentherapeutin gemacht hat, bin ich in meinen nicht-therapeutischen Gruppendiskussionen und Interviews gestoßen. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass meine persönlichen Bemerkungen in den Interviews und Gruppendiskussionen die InterviewpartnerInnen zu ausführlichen Antworten auf meine zentrale Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ angeregt haben. Auch der Philosoph Robert Spaemann bestätigt mit seinen methodenkritischen Reflexionen eine dezente persönliche Teilnahme im Verlauf des Forschungsgesprächs des Interviews und der Gruppendiskussion. Robert Spaemann schreibt in seinem Buch „Personen“ (1996): „Ein neutrales, intersubjektiv kontrollierbares psychologisches Testverfahren, in dem alle subjektiven Faktoren von der Seite des Versuchsleiters ausgeschaltet sind, gibt uns zwar exakte Ergebnisse, aber über das, was ein Mensch wirklich ist, sagen sie wenig aus. Die Persönlichkeit eines Menschen erschließt sich nur demjenigen in ihrer Tiefe und ihrem Reichtum, der etwas von sich selbst in diese Erfahrung investiert. Nicht die unpersönlichste, sondern die persönlichste Wahrnehmung offenbart uns am meisten von dem, was die Wirklichkeit an sich selbst ist. Es gehört zu den immer noch nicht ausgeräumten Vorurteilen des neuzeitlichen Denkens, etwas sei umso objektiver, je weniger subjektiv es ist.“ (S. 99) Ich habe mich bei meinen Interviews an der Tiefenhermeneutik der Psychoanalyse orientiert und dabei auch die Kritik des Psychoanalytikers Irvin Yalom an der orthodoxen Auffassung der Psychoanalyse, die oft an einem rein objektivistischen Denken orientiert ist, aufgenommen. Im Sinne Irvin Yaloms, der sich an der Psychoanalyse von Erich Fromm orientiert, soll in der Psychotherapie der Therapeut seine persönliche Subjektivität nicht auslassen. Der Therapeut darf keine „leere Leinwand“ für den Patienten sein und soll sich mit seiner Selbstreflexion einbringen. Dies war auch meine Haltung in meinen Interviews. Yalom begründet diese Haltung in seiner methodenkritischen Arbeit „Der Panama Hut“ (2002) auf die folgende Weise: „Menschen interagieren gerne miteinander, freuen sich, direkte Rückmeldungen geben und empfangen zu können, sehnen sich danach zu erfah- Die Methoden der empirischen Untersuchung 33 ren, wie sie von anderen wahrgenommen werden, möchten ihre Fassaden einreißen und sich nahe kommen.“ (S. 80) In diesem Sinne habe ich meine InterviewpartnerInnen nicht als bloße InformationsgeberInnen gesehen und behandelt. Es bedarf vielmehr auch im Interview einer Herstellung des „freundschaftlichen Blicks“, wie ich ihn in meinem Kapitel „Der freundschaftliche Blick“ dargestellt habe.8 Diesen „freundschaftlichen Blick“ stellt Birgit Volmerg als eine allgemeine Blickweise hermeneutischer Methoden heraus. In dem Gemeinschaftswerk mit Thomas Leithäuser „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) schreibt sie über hermeneutische Methoden: „Hermeneutische Methoden sind keine Versuchsanordnungen wie ein Experiment. Von ihnen soll abgewichen werden können, damit sich die Forschenden mit ihren Methoden an jenen Kontext anpassen können, der gilt, und von dem sie zu Beginn ihrer Forschung noch keine genaue Kenntnis besitzen (…). Ob dieser Zugang den vorgefundenen Feldgegebenheiten entspricht, welche Modifikationen eingeführt werden müssen und welche Veränderung notwendig wird, stellt sich erst in einer späteren Phase heraus. Es kommt in der Entwicklung der Forschungsfragen und deren methodischer Umsetzung also darauf an, den Spielraum des Forschungshandelns so flexibel wie möglich zu halten und sich nicht vorschnell einzugrenzen und festzulegen.“ (S. 131) An diese methodische Vorgehensweise habe ich mich in meiner Arbeit gehalten, um dem Anspruch der Subjektivität in der Forschung den angemessenen Spielraum zu geben. Die Erhebungsmethoden Das Thema Freundschaft betrifft jeden. Für meine Fragestellung „Was heißt Freundschaft für mich?“ habe ich Interviews mit Erwachsenen und Gruppendiskussionen mit SchülerInnen und StudentInnen sowie eine Befragung in einem sozialen Netzwerk durchgeführt. 8 Ähnliche Beschreibungen des Verhaltens des Sozialforschers finden sich auch in den sozialpsychologischen Untersuchungen von Maria Jahoda, Ruth Cohn, Thomas Leithäuser, Birgit Volmerg und Eva Senghaas-Knobloch (vgl. Literaturverzeichnis). Die Methoden der empirischen Untersuchung 34 Interessant an diesem Thema ist für mich vor allem die sozialpsychologische Seite. Seit jeher beschäftigten und beschäftigen sich auch Philosophen mit dem Thema Freundschaft. Daher geht es in meiner Untersuchung wesentlich um die Vermittlung von sozialpsychologischen und philosophischen Perspektiven. Solche Vermittlung möchte ich in meiner empirisch-qualitativen und theoretischen Untersuchung über Freundschaft analysieren und darstellen. Es geht maßgeblich darum zu verstehen, was Freundschaft in unseren sozialen Beziehungen für eine Bedeutung hat und entwickeln kann. Ich beginne meine Interviews und Gruppendiskussionen daher mit der offenen Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ Dies ist eine allgemeine Frage. Sie kann jedoch von jedem, dem sie gestellt wird, ganz persönlich und konkret aufgefasst werden. Leithäuser und Volmerg schreiben in „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988), dass sie ihre Interviews und Gruppendiskussionen häufig mit einer „scheinkonkreten Frage“ beginnen, um den GesprächspartnerInnen einen Weg anzubieten, auf dem sie leicht ihre Gedanken und Ideen entwickeln können. Eine solche einführende Forschungsfrage soll: „allgemein gefasst (…) aber zugleich konkret genug sein, dass alle Beteiligten sich persönlich angesprochen fühlen“ und von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählen und berichten können. „Die Diskussionsleitung hat sich sensibel auf den Gesprächsverlauf einzustellen; jede verallgemeinernde Äußerung auf einer anderen Ebene als der, auf der die Teilnehmerinnen sprechen, unterbricht die Verständigungsarbeit der Teilnehmerinnen. Es kommt drauf an, ihre Sicht der (…) Wirklichkeit und nicht die durch theoretische Vorannahmen gefilterte Sicht der Diskussionsleitung zum Sprechen zu bringen.“ (S. 181 f.) Mich interessieren die Wirkungen, die Freundschaften in den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern haben. Ich habe daher Gruppendiskussionen mit Schulklassen der 8. und der 9. Jahrgangsstufe in verschiedenen Schulen geführt sowie Gruppendiskussionen mit Studierenden der Psychologie. Des Weiteren habe ich Interviews mit einem Politiker, einem Unternehmer, einem alten Freundespaar im Altenpflegeheim, einer freischaffenden Modedesignerin, einem Künstler, einem Friseur und einem Steuerberater geführt. Dazu kommt meine Befragung in einem sozialen Netzwerk. Ich habe versucht, in meinen Forschungsgesprächen einen breiten gesellschaftlichen Einblick zu bekommen und den Begriff von Freund- Die Erhebungsmethoden 35 schaft möglichst differenziert zu verstehen. Die Beschreibungen und Erzählungen meiner GesprächspartnerInnen zum Thema „Freundschaft“ führten mich auch zu theoretischen und philosophischen Fragen, die ich im theoretischen Teil meiner Arbeit weiter ausgearbeitet habe. So konnte ich z. B. Bezüge zu den Philosophen Aristoteles, Hegel, Kant, Schopenhauer, Seel, Spaemann u. a. herstellen. Ich versuche die Vorstellungen meiner GesprächspartnerInnen mit philosophischen, psychologischen, soziologischen und pädagogischen Theorien systematisch zu vertiefen. Meine qualitativ empirischen Interviews und die Gruppendiskussionen zeigen immer wieder die starke soziale Bedeutung von Freundschaft. Die tiefe Bedeutung, die Freundschaft für das Zusammenleben der Menschen hat, lässt sich am besten mit einer psychoanalytisch orientierten sozialpsychologischen Methode verstehen. Ich habe mich daher bei meiner Untersuchung maßgeblich an dem Forschungsparadigma orientiert, wie es Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg in ihrer Einführung „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) ausgearbeitet haben. Mit diesem psychoanalytischen Forschungsansatz werden gesellschaftliche und soziale Beziehungen untersucht. Die Haltung der Forscherin im Feld Im Folgenden möchte ich die Methoden meiner Arbeit weiter vorstellen. Thomas Leithäuser schreibt in seiner Untersuchung „Gewalt und Sicherheit im öffentlichen Raum“ (2002), wie sich ForscherInnen im Feld verhalten sollten: „Auch wir (ForscherInnen) hören erst einmal zu, was uns alles erzählt wird, ohne zu strukturieren oder durch spezifische Fragen einzuschränken und unseren Gesprächspartnern eine möglichst offene und zugewandte Haltung entgegenzubringen. Auch wir sagen, wozu unsere Forschung, unsere Fragen und Auswertungen nützlich sind, wobei unsere Erkenntnisse helfen können und wobei nicht.“ (S. 54) Die Methoden der empirischen Untersuchung 36 In der Untersuchung „Lust und Unbehagen an der Technik“ (1991) schreibt Leithäuser: „Dass man die Person, von der man etwas für die Forschung wissen will, nicht als bloßes Forschungsobjekt, wie in der traditionellen Rolle der Versuchsperson, sondern als wirklichen Gesprächspartner, mithin als kooperierendes Subjekt ansprechen soll. Vagheit der Methode zu Beginn unserer Forschungsarbeit, die uns im Nachhinein bei der Auswertung stärker irritiert hat als in der Phase der Erhebung, hat den Vorteil des unerwartet reichhaltigen Auswertungsmaterials.“ (S. 74 f.) Zu diesem Auswertungsmaterial gehören bewusste und unbewusste Muster des Alltagsbewusstseins, wie sie Thomas Leithäuser in „Formen des Alltagsbewußtseins“ (1979) theoretisch beschrieben hat. Solche Muster hat in letzter Zeit die Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling mit ihrer Untersuchung „Politisches Framing, wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ (2016) empirisch zu fassen versucht. „Frames“ sind sowohl bewusst als auch nicht bewusst. Sie haben auch eine Dimension des „Unbewussten“, wie sie von der Psychoanalyse verstanden wird, Dimensionen die sich als unbewusste Muster im Alltagsbewusstsein sedimentiert haben. Wehling beschreibt „Frames“ auf die folgende Weise: „Frames werden durch Sprache im Gehirn aktiviert. Sie sind es, die Fakten erst eine Bedeutung verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen. Dabei sind Frames immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache (…) in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar ohne, dass wir es merkten.“ (S. 17 f.) Die neueste kognitionswissenschaftliche Forschung stößt also auf das Phänomen des sozialen Unbewussten als Forschungsgegenstand und entwickelt eine Sichtweise, die nicht weit von der psychoanalytischen Forschungsperspektive entfernt ist. Insofern nehme ich in meiner Arbeit auch das alltägliche „Framing“ in meine Freundschaftsuntersuchung auf. Ich versuche, unbewusste Formen des „Alltagsbewusstseins“ und „Frames“ als unbewusste Dimensionen von Freundschaftsbeziehungen in meinen Auswertungen der Interviews und Gruppendiskussionen zu interpretieren und damit in ein hermeneutisches Bewusstsein zu heben Die Haltung der Forscherin im Feld 37 − eine Absicht, die auch Elisabeth Wehling mit ihren empirischen Untersuchungen verfolgt. Alltägliche Muster (Formen) des „Alltagsbewusstseins“, „Frames“ in und von Freundschaftsbeziehungen, sind die zentralen Gegenstände meiner Untersuchung. Ihre eigenen alltäglichen Muster und „Frames“ darf der/die InterviewerIn im Forschungsgespräch nicht ausschließen wollen, sondern sollte sie vielmehr auf eine gewisse zurückhaltende Weise in das Forschungsgespräch einbringen. So habe ich mich, wie ich mit Ruth Cohn und Robert Spaemann begründet habe, als Interviewerin und Leiterin der Gruppendiskussionen verhalten. Man wird als Interviewerin zur Gesprächspartnerin und führt ein Gespräch mit der oder dem Interviewten auf möglichst gleicher Augenhöhe. Daher kann man auch das Interview und die Gruppendiskussion als einen methodischen „Frame“ der Forschung verstehen. In die „Formen des Alltagsbewusstseins“ und in die „Frames“ sind Erinnerungen eingebunden. „Frames“ geben einen selbstverständlich scheinenden Weg des Erinnerns vor, der, wie die Psychoanalyse gezeigt hat, durch unbewusste Mechanismen eingeschränkt und sogar blockiert werden kann. Sigmund Freud analysiert in seinem Aufsatz „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (1914) solche die Erinnerungen beeinträchtigenden, verändernden Mechanismen der „Absperrung“ von Erinnerungen. Er verdeutlicht sie am Phänomen des Vergessens in einer Passage, auf die ich mich bereits bezogen habe: „Das Vergessen von Eindrücken, Szenen, Erlebnissen reduziert sich zumeist auf eine ‚Absperrung’ derselben. Wenn der Patient von diesem ‚Vergessenen’ spricht, versäumt er selten, hinzuzufügen: Das habe ich eigentlich immer gewußt, nur nicht daran gedacht. Er äußert nicht selten seine Enttäuschung darüber, daß ihm nicht genug Dinge einfallen wollen, die er als ‚vergessen’ anerkennen kann, an die er nie wieder gedacht, seitdem sie vorgefallen sind.“ (S. 127 f.) In meinen Interviews habe ich versucht, Erinnerungen zu wecken. Durch eigene Erfahrungen und Erzählungen kam es oft vor, dass sich meine InterviewpartnerInnen an eigene Geschichten und Erfahrungen zum Thema aus ihrem Leben erinnert haben. Es sind Lebenserfahrungen mit Freunden, die meine InterviewpartnerInnen gemacht haben und an die sie sich im Interview erinnert haben. Die Methoden der empirischen Untersuchung 38 Mein methodischer Frame von Interview und Gruppendiskussion macht es leicht, Erinnerungen auszusprechen. Das Interview wird zu einem gemeinsamen Erinnern. Die wohlwollende empathische Haltung der Interviewerin begünstigt ein wechselseitiges Vertrauen im Gespräch. In dem Kapitel „Der freundschaftliche Blick“ habe ich eine solche Vertrautheit in Freundschaftsbeziehungen genauer analysiert. In meinen Interviews und Gruppendiskussionen bin ich wiederum dem Rat von Ruth Cohn gefolgt, gemeinsam mit meinen GesprächspartnerInnen das „Wesentliche“ von Freundschaftsbeziehungen herauszuarbeiten. Ruth Cohn beschreibt das Herausfinden des „Wesentlichen“ im therapeutischen Gespräch in ihrem Buch „Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion“ (1975) auf die folgende Weise: „Wann immer ich mich auf das Wesentliche konzentriere, erlebe ich zunächst klärende sinnliche Bewußtheit; dann empfinde ich Ruhe, Ausgeglichenheit und Empfänglichkeit. In dieser Stille erfahre ich Wissen, Intuition und Glauben, die ohne bewußte weitere intellektuelle Arbeit zur Integration einer klaren Antwort führen. Diese Antwort erlöst mich aus dem Wirrwarr zu vieler Dinge und Anforderungen. ‚Das Wesentliche’ erscheint als Klärung.“ (S. 225) Auf dieses „Wesentliche“, das sich in den alltäglichen Erinnerungen häufig verkapselt, zielen auch meine Forschungsmethoden. Meine Eingangsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ hat sich als Türöffner zum Wesentlichen, zur Wahrhaftigkeit von Freundschaftsbeziehungen bewährt. Meine an Ruth Cohn orientierte Interviewerinnenhaltung möchte ich mit dem qualitativen Methodenverständnis des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann weiter konkretisieren. Zur qualitativen Forschungsmethode schreibt er in seinem Buch „Das verstehende Interview. Theorie und Praxis.“ (1999): „Der Interviewer, der Zurückhaltung übt, hindert den Informanten daran, sich richtig auf das Interview einzulassen. Nur in dem Maße, in dem er sich selbst einbringt, wird sich auch der andere einbringen und sein tiefstes Wissen nach außen tragen. Hierfür bedarf es des genauen Gegenteils von Neutralität und Distanz, nämlich einer zwar diskreten, aber starken persönlichen Präsenz. Der Interviewer verschafft sich zwar Zugang zur Weltsicht seines Informanten, wird aber nicht zu dessen Doppelgänger. Er muß er selbst bleiben.“ (S. 59) Die Haltung der Forscherin im Feld 39 Für Jean-Claude Kaufmann hat ein Interview etwas von der Herstellung einer Freundschaftsbeziehung. Die Rolle einer „idealen Interviewerin“ erfordert zwei gegensätzliche Haltungen, eine der Nähe und eine der Distanz: „Der für den Informanten ideale Interviewer ist eine erstaunliche Persönlichkeit. Er muß ein Fremder sein, ein Unbekannter, dem man alles sagen kann, weil man ihn nie wiedersehen wird und er nicht zum eigenen Beziehungsnetz gehört. Gleichzeitig muß er einem während des Interviews so nahe kommen wie eine Vertrauensperson, jemand, den man sehr gut kennt, oder zu kennen glaubt, dem man alles sagen kann, weil er zu einem engen Freund geworden ist.“ (S. 59 f.) Eine solche Doppelrolle der Interviewerin als „Fremde“ und als „Freundin“ ist nicht eine methodische Anwendung. Sie ist nicht einfach zu erlernen, sondern bedarf immer wieder neu der Reflexion von Distanz und Nähe, von Fremdheit und freundschaftlicher Zugewandtheit. Das „verstehende Interview“ ist keine Technik der Methode, die man bloß lernen muss, um sie anzuwenden. Das „Verstehen“ im Interview bezieht die persönlichen Erfahrungen der Interviewerin mit ein. Im Interview lernt sie auch persönlich etwas von sich kennen, das ein Stück weit im Gespräch mit dem Interviewpartner und der Reflexion in einer zurückhaltenden Weise zum Ausdruck gebracht wird und in einer späteren Reflexion im Auswertungsprozess des Interviews aufgenommen werden sollte. Dieser methodischen Forderung an die Haltung der Interviewerin bin ich in meiner Arbeit nachgekommen. Die Befragung in einem sozialen Netzwerk Das Internet eignet sich besonders, um einen Überblick von verschiedenen Auffassungen von Freundschaft zu gewinnen. Soziale Netzwerke fördern einen schnellen Kontakt mit vielen Menschen, die bereit sind, etwas zum Thema Freundschaft mitzuteilen. Meine Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ hat sich für meine Befragung im Internet besonders bewährt. Bei dieser Befragung habe ich einen Kollegen, der in einem sozialen Netzwerk Mitglied einer großen Freundschaftcommunity ist, gebeten, meine Forschungsfrage an eine Gruppe von Mitgliedern weiterzuleiten. Ich bekam auf diesem Wege Die Methoden der empirischen Untersuchung 40 schnell 67 kürzere und auch längere zum Teil sehr persönliche Antworten von den Mitgliedern. Der Vorteil einer solchen Umfrage ist, dass sich niemand genötigt fühlen muss, auf die Forschungsfrage zu antworten. In einem solchen Fall antworten meist nur diejenigen, denen das Thema wichtig ist und die Lust und Interesse haben, sich an dieser Untersuchung zu beteiligen und sich schriftlich zu äußern. Bei meiner Befragung im Netz, meiner Erhebung und Auswertung habe ich mich an der Untersuchung von Thomas Leithäuser und Paulina Leicht „Junge Erwachsene im Netz. Kommunikation und Identitätsbildung in Chats und Rollenspielen“ (2001) orientiert. Für die Erhebung und Auswertung meiner Interviews und Gruppendiskussionen habe ich drei Typen von Freundschaftsbeziehungen, die sich aus der Befragung in dem sozialen Netzwerk ergeben haben, als Leitfaden aufgenommen: 1. Es gibt Menschen, die Freunde brauchen. Sie freuen sich über deren Unterstützung. 2. Es gibt Menschen, die für Freunde da sein wollen, wenn ihre Hilfe oder ihr freundschaftlicher Rat gebraucht wird. Es tut ihnen gut, wenn sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden. 3. Es gibt Menschen, die sich über freundschaftliche Unterstützung freuen und zugleich Freunden gerne ihre Unterstützung geben. Diese drei Typen von Freundschaftsbeziehungen charakterisieren den Frame der Interviews und Gruppendiskussionen meiner Untersuchung. Sie verweisen auf die Methode der Kernsatzfindung, die ich im nächsten Kapitel genauer darstellen werde. Die Auswertungsmethoden Die Antworten der Befragung aus dem sozialen Netzwerk liegen mir als schriftliche Texte vor. Die Interviews und Gruppendiskussionen habe ich mit einem Rekorder aufgenommen und anschließend transkribiert und auf diese Weise viel Textmaterial zur Auswertung meiner Untersuchung gewonnen. Für die Auswertung habe ich diese Texte anonymisiert. Es sind Texte in der Alltagssprache, die für das Alltagsverstehen einen selbstverständlichen Sinn zum Ausdruck bringen, der im Die Auswertungsmethoden 41 Alltagsgespräch nicht weiter nachgefragt wird, sondern von den Beteiligten ohne Problematisierung verstanden wird. Bei näherem Hinsehen weisen diese Texte über ihre alltäglichen Sinnbehauptungen auf Sinnzusammenhänge hin, die sich erst bei einer weiter- und tiefergehenden Sinnerschließung ergeben. Eine solche Sinnerschließung geschieht in meiner Untersuchung mit Verfahren der Interpretation, die einer eigenständigen Methode der Hermeneutik (Tiefenhermeneutik) folgen, wie sie von Alfred Lorenzer, Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg entwickelt wurde. Texte aus Interviews und Gruppendiskussionen (auch die Antworten, die ich in meiner Internetbefragung bekommen habe) werden in der Auswertungshermeneutik als „Sprachspiele“ aufgefasst. Der Begriff des „Sprachspiels“ geht auf den Philosophen Ludwig Wittgenstein zurück. Er ist die sprachphilosophische Grundlage der von Lorenzer, Leithäuser, Volmerg u. a. entwickelten empirischen Hermeneutik. Für eine solche empirische Hermeneutik charakterisiert Alfred Lorenzer in „Sprachzerstörung und Rekonstruktion“ (1973) den Begriff des „Sprachspiels“. In dem Konzept des „Sprachspiels“ sind Sprache, Verstehen, Lebenspraxis und Lebenssituation eng miteinander vermittelt. „Sprachspiele“ werden als „Einheiten von Sprachgebrauch, Lebensform und Welt-(Situations-)Erschließung“ (S. 195) verstanden. Das Verstehen eines „Sprachspiels“ führt über die praktische Teilnahme an ihm. Das Verstehen des „Sprachspiels“ ergibt sich, indem man der Regel des „Sprachspiels“ folgt. Auf diese Weise „lässt sich ein Zugang zu verborgenem Sinn finden“ (S. 199). Die aus den Interviews und Gruppendiskussionen für die näheren Interpretationen ausgewählten Textsequenzen fasse ich als solche „Sprachspiele“ auf. Es geht in meinen Textinterpretationen um die Entschlüsselung des verborgenen Sinns des Textes, indem ich der Regel des „Sprachspiels“, das im Text zum Ausdruck kommt, folge. Dies geschieht mit der Methode der „Kernsatzfindung“. Die Methode der Kernsatzfindung Mit der Methode der „Kernsatzfindung“ versuche ich, mir den Sinn des „Sprachspiels“ des Textes zu erschließen. Sie ist ein zentraler Zu- Die Methoden der empirischen Untersuchung 42 gang zum Textverständnis. Hierzu gebe ich das folgende Beispiel aus meinem Interview mit Bernd, einem Unternehmer: „Ich habe viele, viele Freunde gehabt in meinem Leben, und sie sind alle schon tot. Aber sie sind alle noch bei mir und ich mit ihnen. Ja.“ Interviewerin: „Dann ist doch bei der Freundschaft ganz wichtig die Erinnerung.“ Bernd: „Natürlich. In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück ins Gespräch. Ich hatte einen ganz engen Freund in dem Architekten Peter, der mehrere Häuser gebaut hat, mit dem ich auch gebaut habe. Und der wohnte, der hatte sich hier auf dem Hügel nebenan ein Haus gebaut. Und der ist entsetzlicherweise mit 49 Jahren gestorben, an Herzversagen. Das war einer der Freunde, unvergesslich.“ (S. 3) In dieser Textsequenz findet sich der Kernsatz, mit dem man den Text für die Interpretation aufschließen kann, schon vollständig formuliert: „In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück.“ Für Bernd sind auch seine verstorbenen Freunde „noch bei (ihm)“ in seiner Erinnerung. Bernds Erinnerung wird in unserem Interviewgespräch ganz konkret. Mein Hinweis, dass für „Freundschaft ganz wichtig die Erinnerung“ sei, weckt bei Bernd eine ganz konkrete Erinnerung an seinen Freund Peter. Neben dieser Erinnerung erzählt Bernd im weiteren Verlauf des Interviews immer wieder von Erinnerungen an andere vergangene Freunde. Insofern ist der Kernsatz „In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück“ ein Wegweiser für die Interpretation zentraler Passagen des Interviews mit Bernd (vgl. die Interpretation mit Bernd in einem der nachfolgenden Kapitel). Birgit Volmerg hat Kernsätze in „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) definiert. In diese Definition füge ich die konkreten Bezüge zu Bernds Kernsatz ein. Ich habe sie jeweils in Klammern gesetzt: „Kernsätze sind natürliche Verallgemeinerungen im Fluss der Diskussion (Bernd erzählt und verweist immer wieder auf seine Erinnerungen. Sie sind solche ‚natürlichen Verallgemeinerungen’ im Interview.). Sie bringen auf den Punkt, was besprochen wurde und schließen häufig eine Phase der Diskussion ab (Besprochen wird eine konkrete Erinnerung, die an den ‚ganz engen Freund Peter’, die den ‚Architekten Peter’ ins Bewusstsein ruft.). (…) Die Struktur eines Kernsatzes enthält alle relevanten Merkmale eines signifikanten Satzes der Umgangssprache: Die Methode der Kernsatzfindung 43 – den Situationsbezug in der Perspektive der Sprechenden (der Blick in die Vergangenheit) – den Sachverhalt, über den gesprochen wird (das gemeinsame Bauen von Häusern) – die Angesprochenen, an die sich die Äußerung richtet (die Interviewerin und die zukünftigen Leser meiner Untersuchung) und – die Intention der Sprechenden (an Erinnerungen zu erläutern, was Freundschaft für ihn heißt).“ (S. 245) Im Interview beschreibt Bernd sein Erinnern an alte Freunde als ein „stilles inneres Rategespräch“. Als ein sich Erinnernder spricht Bernd zu sich selbst von und über seine früheren Freunde. In dem Interview mit mir lässt er mich an seinem „inneren Rategespräch“ teilnehmen und gibt mir so die Möglichkeit, die Beziehungsmuster seiner Freundschaften zu verstehen. Indem Bernd mir sein „inneres Rategespräch“ eröffnet, werden seine Erinnerungen an seine Freunde immer konkreter. Seine Erinnerungen werden zu Erzählungen, die den Sinn des Kernsatzes „In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück“ konkretisieren. Und umgekehrt: In der Interpretation der konkreten Erinnerung an alte Freunde erweist sich der Kernsatz als Textaufschließer9 von Bernds Erinnerungen. Kernsätze sind Wegweiser der Sinnfindung und des hermeneutischen Verstehens von „Sprachspielen“ von Texten aus Interviews und Gruppendiskussionen und der Befragung im Netz. 9 Vgl. Volmerg, Senghaas-Knobloch, Leithäuser „Betriebliche Lebenswelt“ (1986), hier das Kapitel „Die Methode der Kernsatzfindung und die Modi des hermeneutischen Verstehens“, S. 269 f. Die Methoden der empirischen Untersuchung 44 Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk Befragung von Nutzern eines sozialen Netzwerkes Ich beginne zunächst meine empirische Untersuchung mit der Befragung „Was heißt Freundschaft für mich?“ in einem sozialen Netzwerk. Wie ich schon im Kapitel über die Methoden geschrieben habe, haben an dieser Befragung 67 Mitglieder (Frauen und Männer verschiedenen Alters) in einem sozialen Netzwerk teilgenommen. Ihre Antworten geben bereits einen Überblick und Einblick über die verschiedenen Bedeutungsarten von Freundschaft. Zur Interpretation habe ich exemplarische Antworten der Befragten ausgewählt. Im Anschluss an diese Interpretationen folgen die Interpretationen von Gruppendiskussionen und Interviews mit SchülerInnen, mit StudentInnen, mit erwachsenen Berufstätigen und mit SeniorInnen. Die Auswertungen zeigen, dass es altersspezifische Bedeutungen von Freundschaftsbeziehungen gibt, die auch auf entwicklungspsychologisch bedingte Unterschiede von jungen, erwachsenen und älteren Menschen verweisen. „Freundschaft ist lebenswichtig und heilig.“ Andrea: „Für mich sind meine Freundschaften heilig, denn meine besten Freunde stehen jederzeit hinter mir und sind für mich da, wenn ich sie brauche, im Gegensatz zu meiner Familie. Eine wahre Freundschaft braucht Vertrauen, denn ohne Vertrauen und vor allem Ehrlichkeit taugt die beste Freundschaft nichts. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen gehören natürlich auch dazu. Und meine Freunde können sich echt glücklich schätzen, da sie immer zwischendurch eine kleine Aufmerksamkeit von mir bekommen. Um die Freundschaft noch inniger werden zu lassen, habe ich mir sogar das japanische Schriftzeichen für Freundschaft täto- 45 wieren lassen, damit ich jeden Tag an meine Freunde erinnert werde.“ (S. 4) Andrea wünscht sich „innige“ Freundschaften. „Innige“ Freundschaften, die sich in einem ständigen „gegenseitigen Geben und Nehmen“ ausdrücken. Andrea macht gerne kleine Geschenke, „kleine Aufmerksamkeiten“: Gleichermaßen möchte sie „kleine Aufmerksamkeiten“ bekommen. „Gegenseitiges Geben und Nehmen“ unter Freunden ist für sie ein Zeichen für eine „innige“ Freundschaft. Dies Zeichen soll für sie ein für alle Mal und unverrückbar Geltung haben. In einem Tattoo − „das japanische Schriftzeichen für Freundschaft“ − hat sie den Wunsch nach inniger Freundschaft auch körperlich festgeschrieben. „Innige“ Freundschaft soll für sie lebenslang gelten und sie jeden Tag an ihre Freunde erinnern. Das Tattoo ist für sie ein Symbol, dass „innige“ Freundschaft für sie „heilig“ ist. Auch für Susi hat Freundschaft eine ähnlich tiefe Bedeutung. Sie sieht Freundschaft als etwas für ihr Leben sehr Positives und Besonderes. Sie braucht geradezu eine tiefe Freundschaft. Freundschaft ist für sie „lebenswichtig“. Susi ist auf die Unterstützung ihrer Freunde angewiesen. Susi: „Ja, Freundschaft ist unbedingt lebenswichtig! Hätte ich gerade jetzt nicht einen besten und ein paar gute Freunde, dann wäre ich schon lange durchgedreht. Erst starb mein Vater, dann ging meine Beziehung auseinander, Geldprobleme, jetzt schon Kleinkrieg wegen des Erbes meines Vaters, Krankheit meinerseits … und das alles in sechs Monaten … Ohne meinen besten Freund und meine wirklich guten Freunde würde ich nicht mehr hier sein. … also klares Ja! Freundschaft ist lebenswichtig.“ (S. 12) Susi wünscht sich Freunde, die ihr bei all ihren Problemen helfen, ihr Vorschläge zu Fragen machen, die sie selbst nicht beantworten kann und ihr in schwierigen Situationen zur Seite stehen. Susi hat in den letzten sechs Monaten viele traurige Ereignisse durchstehen müssen. Ohne ihre Freunde hätte sie daran zerbrechen können. Sie sagt selbst: „Ohne meinen besten Freund und meine wirklich guten Freunde würde ich nicht mehr hier sein.“ Mit der Hilfe ihrer Freunde konnte sie diese bedrohlichen Lebensereignisse bewältigen. Sie konnte aus ihrer Lebenssituation etwas für sich lernen und etwas daraus machen. Sie hat sich von ihrer Familie lösen können. So hat sie sich aus dem „Streit ums Erbe ihres Vaters“ heraushalten können. Im Sinne von: Lass die Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 46 Anderen sich aufreiben, ich baue auf die Unterstützung meiner Freunde. Für Susi sind Freunde diejenigen, die für sie da sind, auf die sie sich ganz beziehen kann. Freunde helfen ihr bei all ihren Problemen und machen ihr Vorschläge zur Lösung. „Um bei mir den Status Freund zu erreichen, braucht es Monate und eine Menge Bewährungen im Alltag.“ Kathrin: „Wenn ich jemanden als meinen Freund bezeichne, bin ich Tag und Nacht für ihn da und das von Herzen. Dann stehe ich für ihn ein, komme was wolle. Darüber hinaus ist meine Meinung: Lieber ein bis zwei wahre Freunde, für die ich dann auch wirklich da sein kann, wo die Freundschaft wirklich tiefgründig ist, als viele Freundschaften, die nur oberflächlich bleiben, weil man kaum für alle Freunde genug Zeit und Tiefe aufbringen kann. Ich denke, dass heutzutage viel zu schnell jemand als Freund bezeichnet wird. Bei mir braucht es Monate und eine Menge Bewährungen im Alltag, um bei mir den Status Freund zu erreichen.“ (S. 2) Kathrin macht es sich mit Freundschaften nicht leicht. Sie möchte nicht viele Freunde − ein bis zwei wahre Freunde genügen ihr. Für die möchte sie „dann auch wirklich da sein“. Sie möchte keine „oberflächlichen“ Freundschaften. Für ihre wenigen Freunde möchte sie „Zeit und Tiefe aufbringen“ können. Freundschaften sind für sie nicht schnelllebig. Ein Freund muss sich für sie „im Alltag“ bewähren und es braucht oft Monate bis jemand bei ihr „den Status Freund“ erreichen kann. Kathrin wünscht sich „tiefgründige“ Freundschaften. Es sollen intensive Beziehungen sein, in denen sie „Tag und Nacht“ für den Freund da sein kann. Sie will für den Freund „von Herzen“ da sein. Soll aber der Freund auch von Herzen für sie da sein? Dazu schreibt Kathrin nichts. Aber es ist schon deutlich, dass sie sich das sehr wünscht. Um von Herzen da zu sein, ist für sie schon eine beiderseitige Beziehung nötig, und eine solche, wenn sie nicht oberflächlich bleiben soll, bedarf der besonderen Prüfung. Sie möchte keine oberflächliche Freundschaft. Freunde sollen für sie schon Tag und Nacht und von Herzen füreinander da sein. So versteht Kathrin eine tiefgründige Freundschaft. Befragung von Nutzern eines sozialen Netzwerkes 47 „Beste Freundin“ − das gehört der Vergangenheit an! Man entwickelt sich immer weiter!“ Wenn man Freundschaft entweder nur als ein Geben oder als ein Nehmen versteht, kann man leicht enttäuscht und frustriert werden. Für Larissa ist es wichtig, dass Geben und Nehmen gleichgewichtig sind. Freundschaft gestaltet sich für sie als eine Tauschbeziehung, als ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Larissa: „Für mich ist Freundschaft schon sehr wichtig, solange von beiden Seiten gleich viel und gleich wenig gegeben wird. Sollte eine Person jedoch feststellen, dass sie mehr gibt als die andere, sollte sie diese Freundschaft überdenken. Ich besitze immer nur eine Freundschaft und ich bin auch immer für diese Person da. Mit den Jahren verändern sich beide in ihrem Wesen und dann kann es passieren, dass es zwischen den beiden … Dann ist es Zeit, die Freundschaft noch einmal zu überdenken, denn sonst macht es einen kaputt. Bei mir war es bis jetzt immer so, dass eine Freundschaft immer super anlief und Jahre gut ging, bis ich merkte, dass ich mehr gab als ich zurückbekam, also ging ich dann meinen Weg alleine erstmal weiter. Zu meinen ehemaligen Freunden habe ich immer noch ein gutes Verhältnis und wir treffen uns noch hin und wieder mal, doch „beste Freundin“, das gehört der Vergangenheit an! Man entwickelt sich nun mal immer weiter!“ (S. 5.) Für Larissa ist Freundschaft wie eine Bilanz, mit einer Habenseite und einer Sollseite. Beide Seiten müssen immer miteinander ausgeglichen sein. Larissa achtet darauf, dass die Bilanz in der Freundschaft stimmt. Dass das, was man investiert, auch immer wieder zu einem zurückfließt, sonst stellt sich oft ein Gefühl des Ausgebeutetwerdens ein. Larissa sieht es als eine Entwicklung, wenn man Freundschaften auch hinter sich lassen kann. Sie möchte dann ihren „Weg alleine erstmal weiter“ gehen. Es scheint so, dass sie glaubt, dass sie in Zukunft schon wieder eine neue Freundschaft finden kann, in der Geben und Nehmen im Gleichgewicht sind. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 48 „Wir haben schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert und natürlich auch schon viel Spaß gehabt und wunderschöne Tage miteinander verbracht.“ Mit ihrer alten Schulfreundin und ihrer ehemaligen Arbeitskollegin hat Heide „schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert“. Dies gelang, weil sich die Freundinnen immer sicher waren, füreinander da sein zu können. Wie für Andrea, Susi, Kathrin und Larissa ist das Gefühl, dass man in einer Freundschaft „füreinander da sein“ muss, entscheidend dafür, das Besondere einer Freundschaftsbeziehung zu verstehen. Ohne ein wirkliches „füreinander da sein“ gibt es keine Freundschaft. So sieht es auch Heide: „Also, ich habe zwei langjährige Freundinnen (eine aus der Schulzeit und eine ehemalige Arbeitskollegin). Es gibt nichts Schöneres wie eine bzw. zwei beste Freundinnen, mit denen man alles bequatschen kann, die immer für einen da sind. Wir haben schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert und im Gegenzug natürlich auch schon viel Spaß und wunderschöne Tage miteinander verbracht. Es ist ein Supergefühl zu wissen, da ist jemand, der immer für dich da ist, auf den du jederzeit zählen kannst und der in den meisten Dingen so denkt wie du.“ (S. 6) Es ist ein „super Gefühl zu wissen“, dass es jemanden gibt, der „immer für dich da ist, auf den du jederzeit zählen kannst“ und der „in den meisten Dingen so denkt wie du“. Wie für Heide ist für die meisten meiner Interviewpartner in dem sozialen Netzwerk Freundschaft im Fühlen wie im Denken „ein super Gefühl“, eine existentielle Erfahrung. Auch in den kurzen Antworten, die sie mir geschrieben haben, klingt wie in den meisten meiner Interviews und Gruppendiskussionen ein philosophischer Impuls an. Einmal ist es die gemeinsame Bewältigung von „Schicksalsschlägen“, ein anderes Mal ist es die große Freude, miteinander „wunderschöne Tage“ verbringen zu können. Dazu gehört, wie Heide es ausdrückt, dass es „nichts Schöneres“ gibt, als „zwei beste Freundinnen, mit denen man alles bequatschen kann“ und die immer füreinander da sind. In einer solchen Freundschaft wird gemeinsam, wie es der Psychoanalytiker und der Sozialpsychologe Erich Fromm formuliert, die Angst vor Einsamkeit und Isolation bewältigt. In diesem Sinne ist das „Supergefühl“ der Freundschaft ein existentieller Modus der Angstabwehr. Wenn man „jederzeit“ auf einander zählen Befragung von Nutzern eines sozialen Netzwerkes 49 kann und „in den meisten Dingen“ ähnlich denkt, gewinnt man zusammen eine Sicherheit, die ein Gefühl des Verlorenseins und der Isolation nicht aufkommen lässt. So hat man „viel Spaß und wunderschöne Tage miteinander“. „Wir sind immer füreinander da, ohne dass wir aneinanderkleben.“ Ina bringt noch einen weiteren Aspekt in diesen existentiellen Erfahrungsmodus der Freundschaft ein. Es ist die wechselseitige Anerkennung und Wertschätzung der Andersheit des anderen in der Freundschaftsbeziehung. Gute Freunde kleben nicht aneinander. Sie müssen sich im anderen nicht selbst sehen wollen. Freunde sollen nicht sein wie man selbst ist. Für Ina ist es wichtig, dass man nicht immer die gleiche Meinung haben muss, wie der Freund oder die Freundin sie vertritt. Für sie soll es möglich sein, sich auch zu streiten, wohl wissend, dass man nach dem Streit wieder zusammenfindet. Ina: „Wir haben uns in jungen Jahren beim Tanzen kennengelernt und sind seitdem dicke Freunde … Ja, auch mal mit Streit und ungleichen Meinungen. Aber wir respektieren und schätzen uns. Wir haben tiefe Täler gemeinsam durchwandert und uns über das Glück der Anderen gefreut. Wir waren in traurigen Situationen füreinander da und haben uns gegenseitig getröstet. Wahre Freundschaft übersteht alle Situationen − auch mal, dass man der anderen Freundin gnadenlos die Wahrheit sagt und sie mal zusammenstaucht, ohne dass man befürchten muss, dass die Freundschaft deshalb kaputt ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Freundin habe und dass wir IMMER füreinander da sind, ohne dass wir ständig aneinanderkleben.“ (S. 7) Ina wird mit ihrer Freundin zusammen alt. Sie halten in guten wie in schlechten Zeiten zusammen und entwickeln eine reife Beziehungsform, die konventionelle Verhältnisse, wie sie sich häufig in Familien finden, bei weitem überschreitet. Ina und ihre Freundin haben eine Beziehung entwickelt, in der sie sich nicht aus den Augen verlieren. Zugleich respektieren sie wechselseitig das, was sie voneinander unterscheidet, ihre jeweilige Eigenheit und Andersheit. Sie sind Freundinnen, die sich in der Andersheit der Anderen selbst erkennen und ihre Verschiedenheit miteinander ausleben können. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 50 Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern Zentrales Thema in meinen Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern der 8. und 9. Klasse war die Ablösung von der Familie, ein für die Entwicklungsphase der Adoleszenz typisches Thema. „Freunde sind meine ausgewählte Familie.“ Dennis: „Also mir ist grad etwas eingefallen: Man kann sich seine Familie nicht aussuchen und für mich sind so Freunde, die mir wirklich nahe stehen, für mich halt wie eine ausgewählte Familie, weil ich kann mit denen ja auch alles bereden, teilweise redet man über bestimmte Sachen lieber mit seinen Freunden als mit den Eltern. Und sonst, ja das ist so etwas wie eine ausgewählte Familie für sich selbst. Kann jeder selber auswählen.“ (S. 22) Freunde können zu einer Art Familie werden, die dann die eigene Familie ersetzen kann. Schüler sind oft mit ihrer eigenen Familie unzufrieden. Gerade in der adoleszenten Phase versuchen sie sich von ihrer Familie zu lösen und doch zugleich weiter zu ihr zu gehören. Es kommt zu einem ambivalenten Spiel von Ablösung und Heimkehr. Eine gute Freundschaft hilft, diese Ambivalenz zu mildern und den Jugendlichen nicht wie mit einem folgenden Entweder-Oder zu konfrontieren: „Entweder du kommst pünktlich nach Hause, oder du kannst gleich wegbleiben!“ Eine gute Familienbeziehung und auch eine gute Freundschaftsbeziehung zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen immer wieder Kompromisse statt dieser Entweder-Oder-Alternative gefunden werden. Dazu gehört auch, dass Freundschaften zeitweise die Familienbindungen ergänzen und ersetzen können. Mit Freunden zusammen kann man „Spaß haben“, den es in der Familie nicht so ohne Weiteres gibt. Auch gibt es eine Ernsthaftigkeit in Freundschaftsbeziehungen, die in der familialen Beziehung nicht häufig ist: Jette: „Also für mich ist Freundschaft, wenn man immer Spaß zusammen haben kann. Wenn es mal irgendwas Ernstes ist, dass man denjenigen auch um drei Uhr in der Nacht aus dem Bett klingeln kann … und dass der einem dann zuhört und hilft.“ (S. 22) Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern 51 Ungern lassen sich Eltern „in der Nacht aus dem Bett klingeln“. Geschieht das, fürchten sie meist das Schlimmste und Sohn oder Tochter können sich auf ein Donnerwetter und auf geharnischte Vorwürfe gefasst machen. Dagegen sind Freunde zu jeder Tages- und Nachtzeit füreinander da, um „zuzuhören und zu helfen“. Das heißt nun aber nicht, dass man seine Familie ganz aufgibt, sondern sich in ganz persönlichen Fragen an die Freunde wenden kann, zumal man sich bei denen jederzeit melden kann, es also keine Zeitbegrenzung gibt. Wenn es wichtig ist, soll man sich zu „jeder Tag- und Nachtzeit“ an sie wenden können. Jette: „Das gehört auch dazu, dass die Freundschaft von beiden Seiten kommt.“ (S. 22) In der Freundschaft wird von beiden Seiten eine gleichwertige Beziehung gewünscht, und eine solche ist in der Freundschaft auch möglich. In der Familie dagegen ist die Beziehung zwischen Vater, Mutter und Kind nicht gleichwertig. Auch in der Adoleszenzphase, in der sich die Schülerinnen und Schüler in meinen Gruppendiskussionen befanden, ist und bleibt die Beziehung eine der hierarchischen Abhängigkeit, gegen die sich der Wunsch nach einer Ablösung von der Familie richtet. In diesem Sinne ist die Freundschaftsbeziehung ein Schritt der Emanzipation von der familialen Beziehung. In einer guten Freundschaftsbeziehung fühlt man sich wechselseitig ernst genommen und kann auch „immer Spaß zusammen haben“, einen Spaß, der in der Familie nicht so ohne Weiteres erwünscht und erlaubt ist. Für die Schülerinnen und Schüler in den Gruppendiskussionen sind in einer Freundschaft Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, wechselseitiger Respekt und Akzeptanz die wichtigen Merkmale einer Freundschaftsbeziehung auf Augenhöhe. So gilt z. B. für Zuverlässigkeit, selbstverständlich erwarten zu können, dass die Freundin oder der Freund im Krankheitsfalle hilft, z. B. „einem etwas für die Schule kopiert“, dass man so „alles mitbekommt, was man verpasst hat“. FreundInnen sollen sich respektieren. Für ein Mädchen ist es wichtig, dass der Junge, mit dem sie befreundet ist, „nicht nur nett“ zu ihr ist, „wenn er alleine mit (ihr)“ ist − sie würde sich nicht respektiert fühlen, wenn er hinter ihrem Rücken „dumme Sprüche kloppt“. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 52 Es ist für die Schülerin wichtig: „Egal in welcher Situation, dass man einfach einen respektiert.“ Es geht aber auch darum, „die Schwächen vom Freund“ zu akzeptieren: Jana: „Wenn jetzt z. B. ein Freund oder so vor einem raucht oder so, dass man ihm das sagt, dass man das nicht gut findet oder so, so Sachen, und wenn er dann sagt, ich mach‘s aber trotzdem, aus dem und dem Grund, dass man das dann trotzdem akzeptiert und ihn nicht irgendwie abschreibt oder so.“ (S. 23) Eine Freundschaft muss Vieles aushalten können, so auch einen handfesten Streit, aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen: Jette: „Wenn’s zu schlimm ist, dass man es nicht mehr verzeihen kann. Irgendwann ist dann schon eine Grenze.“ (S. 23) „Der beste Freund ist noch so eine höhere Instanz.“ Deutlich wird in meinen Gruppendiskussionen der SchülerInnen, dass sie sich häufig „beste“ Freunde wünschen. Lisa: „Gibt’s einen besten Freund?“ Nena: „Bei mir gibt’s nur einen. Ich glaub, da kann’s auch nur einen geben, der dich so versteht, der dir ähnlich ist. Und ja, ich glaube, da kann’s nicht so viele geben.“ Nena: „Für mich ist es total wichtig, einen besten Freund zu haben.“ Dennis: „Der beste Freund ist eigentlich nochmal so eine höhere Instanz, man kann in diese Person ein größeres Vertrauen haben. Meines Erachtens sollte man schon eine Person haben, der man voll und ganz vertrauen kann und ja, was ich unter besten Freunden verstehe, ist eine Person, die einen besser kennt als man sich selbst.“ Lisa: „Wie meinst du das?“ Dennis: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass der beste Freund mehr über einen selbst weiß, also aus einer anderen Perspektive auf einen schaut, also von einer anderen Seite einen selbst sieht. Sich selbst sieht.“ Marta: „Ja, keine Ahnung … Ich glaub, jeder kennt das, wenn man mit seiner besten Freundin übernachtet und dann über jeden Scheiß redet. Ja, da gibt’s nichts Bestimmtes.“ (S. 27) Sieht man den Wunsch nach dem „besten Freund“ oder der „besten Freundin“ im Zusammenhang der adoleszenten Ablöseproblematik von der Familie, so könnte man diesen Wunsch auch als einen Wunsch nach einem älteren Bruder oder einer älteren Schwester verstehen. Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern 53 Wenn man einen guten Rat und auch Trost braucht, möchte man sich jederzeit an sie wenden können. Der „beste Freund“, die „beste Freundin“ werden zum Ersatz von Bruder und Schwester, von denen man sich eine geschwisterliche Nähe wünscht. „Der beste Freund ist eigentlich nochmal so eine höhere Instanz“, in die man „noch ein größeres Vertrauen haben kann.“ „Manchmal habe ich das Gefühl, dass der beste Freund mehr über einen selbst weiß“. Der „beste Freund“ sieht einen „aus einer anderen Perspektive“, aus der man sich selbst nicht so einfach sehen kann. So hilft er einem bei einer Erweiterung des Selbstund Realitätsverständnisses. Der Blick des „besten Freundes“ ist ein wohlwollender, verstehender Blick, dem man Erfahrung und Reife zutraut, eine Erfahrung und Reife, mit der man andererseits dem „besten Freund“ begegnen möchte. „Beste Freunde“ haben hohe Ansprüche und Erwartungen aneinander, Ansprüche und Erwartungen, die nicht enttäuscht werden dürfen. So sind „beste Freundschaften“ auch labil. Tiefe Enttäuschungen können sie ein für alle Mal zerstören. Der „beste Freund“ soll jederzeit hinter mir stehen, jederzeit, wenn ich ihn brauche − im Gegensatz zu meinem Bruder oder meiner Schwester. Der „beste Freund“ unterliegt der strengen Entweder-Oder-Logik. Entweder er verdient sich jederzeit das Vertrauen, das man in ihn setzt, oder er wird in die Wüste geschickt. Es ist auch ein Ausdruck größerer Reife einer besten Freundschaft, wenn akzeptiert werden kann, dass jederzeitiges Vertrauen und Ehrlichkeit nicht immer erfüllt werden können. Der „beste Freund“ ist, wie man selbst, auch fehlerhaft. Er bedarf, wie man selbst, des Verzeihenkönnens. „Beste Freunde“ sollen sich verstehen und nicht idealisieren. Akzeptanz und Toleranz gewährleisten eine „beste Freundschaft“. Gruppendiskussionen mit Studierenden der Psychologie Studentinnen und Studenten machen sich in meinen Gruppendiskussionen selbst zum Thema. Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis sind ihnen besonders wichtig. Sie denken gerne über ihre Stärken und Schwächen nach. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 54 „Wenn ich mich schwach fühle, hilft es mir, dass meine Freunde mir zeigen, dass ich eigentlich stark bin.“ Kim: „Wenn man traurig ist, ist das Selbstbewusstsein auch oft angekratzt und ich weiß nicht, ob es der richtige und gesündeste Weg ist, sich über seine Freunde wiederaufzubauen, aber erstmal hilft es einem, wenn sein Selbstwert sehr schlecht ist, wenn dann die Freunde den Selbstwert wiederaufbauen. Und die zeigen dann ja auch oft eine Reaktion, wie man ist, wenn man eigentlich gut drauf ist, dass man so wertvoll ist. Und mir hilft es auch – dass sie mich als stark wahrnehmen, wenn ich mich grad nicht stark fühle, dass sie mir dann zeigen, dass sie denken, dass ich eigentlich stark bin, dass ich das schaffen kann und das ist dann sehr gut für meinen Selbstwert. Und das hilft mir dann auch. Und umgekehrt mach ich das natürlich auch.“ (S. 2) Anders als die SchülerInnen suchen Kim und ihre KommilitonInnen nicht nach einer einzigen besten Freundin oder einem besten Freund. Kim bezieht sich auf eine Gruppe von FreundInnen, die ihr Selbstwertgefühl unterstützen und sie wieder aufbauen, wenn sie sich schlecht fühlt. Auch fühlt sie sich als Mitglied der Freundesgruppe, das anderen Mitgliedern hilft, ihr Selbstwertgefühl zu unterstützen und aufzubauen. Die Psychologiestudierenden suchen nicht so sehr nur nach einer besten Freundin oder einem besten Freund. Sie wünschen sich eine Gruppe von FreundInnen, die den einzelnen Mitgliedern Halt und Sicherheit geben und Selbstvertrauen stärken kann. Es ist die Gruppe, in der sie sich wohlfühlen. In der Gruppe ist nun auch wichtig, nicht nur das Selbstbewusstsein zu fördern, es ist auch „sehr wichtig“, über „die Beziehung in der Freundschaft sprechen zu können und da auch Kritik äußern“ zu können. Es gehört zum Selbstbewusstsein, dass man Kritik ertragen und annehmen kann und sich nicht scheuen muss, die Kritik, die man an die Anderen in der Gruppe hat, zu äußern. Arie: „Was mir auch sehr wichtig ist, über die Beziehung in der Freundschaft sprechen zu können und da auch Kritik äußern zu können, wenn ich das Gefühl habe, ich fühle mich irgendwie ein bisschen vernachlässigt. Ich kann Kritik ansprechen und umgekehrt kann ich Kritik auch annehmen, weil sie ein Zeichen für Freundschaft ist.“ (S. 3) Die Gruppendiskussionen zeigen deutlich den Wunsch der Psychologiestudierenden, sich psychologische und soziale Probleme bewusst zu machen. Es geht ihnen in den Gruppendiskussionen, in ihrem Studium sowie auch in ihrem studentischen Alltagsleben darum, psychologische Gruppendiskussionen mit Studierenden der Psychologie 55 Erkenntnisse und Selbsterkenntnisse ihrem Denken zugänglich zu machen und zu reflektieren. Sie haben einen starken Anspruch, die Welt und sich psychologisch zu erklären und zu verstehen. „Freundschaften von Blutsschwestern und Blutsbrüdern.“ Es gibt bei den Studierenden den starken Wunsch nach einer Freundschaft, die für das ganze Leben gilt, die „unkündbar“ ist. Vivian erzählt von ihren Freundinnen als „Blutsschwestern“, ein Ausdruck unauflösbarer körperlicher Verbindung, einer symbiotischen Vereinnahmung, ein miteinander Verschmelzen. Vivian: „Für mich ist es etwas Bedingungsloses, das klingt vielleicht etwas kindisch, aber ich habe Blutsschwestern und es ist mir immer noch wichtig und unsere Freundschaften sind unkündbar. Wir erneuern das auch jedes Jahr und wir dürfen uns nicht zerstreiten. Wir müssen uns vertragen. Das steht auch fast über der Familie für mich oder ist auch gleichwertig, und das ist bei mir auch sehr eng, weil ich ein Mensch bin, der sehr viel Sicherheit braucht. Die allerbeste Freundin ist für mich bedingungslos, weil, das Blut drückt es ja auch aus, dass das für immer dableibt und auch bleibt.“ (S. 3) Blutsschwesternschaft ist für Vivian mehr noch als eine Familienbindung. Blutsschwesternschaft leitet sich ab von dem Ritual von Blutsbrüderschaft. Als eine von den Studierenden aus der Ethnologie herbeigeholte Kenntnis, die von Vivian und ihren FreundInnen nicht nur als eine Metapher für „unkündbare“ Freundschaft verwendet wird, sondern auch im jährlichen Rhythmus praktiziert und wiederholt werden muss. Als Vorbild für die studentische Blutsschwesternschaft und Blutsbrüderschaft gilt ihnen die in den Romanen von Karl May geschilderte Freundschaft von Winnetou und Old Shatterhand. Sie ist Ausdruck einer spätadoleszenten Fantasie von jungen Menschen, die sich aus ihrer Familie herausgelöst haben und sich doch nach einer „unkündbaren“ Beziehung sehnen, wie es die Familie bei aller Problematik für die Studierenden noch ist. Die „Blutsschwesternschaft“ und die „Blutsbrüderschaft“ ersetzen gewissermaßen die Blutsverwandtschaft der Familie. Solche Überlegungen beschäftigen die Studierenden. Sie sind nicht nur erwünscht, sondern werden auch kritisch betrachtet: Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 56 Lutz: „Bei der Blutsschwester hat mich irritiert, dass es ja ´ne Schwester und keine Freundin mehr ist, also eine Verwandte. Also wo ist denn da jetzt der Unterschied zwischen Familie und Freundschaft?“ (S. 11) Lona: „Ich finde die Metapher der Blutsschwesternschaft ein bisschen unpassend, weil die eine Sache, die für mich Freundschaften auch ganz wichtig mitdefiniert, ist die Wählbarkeit und auch die Abbrechbarkeit. In dem Moment, wo jemand meine Blutsschwester ist, ist das halt so eine Sache, die nicht mehr beendet werden kann, und das ist ja eine Sache bei Freundschaften, dass man sie frei wählen, aber auch frei beenden kann.“ (S. 14) Martin: „Das ist auch für mich sehr widersprüchlich, wenn Freundschaften unkündbar sind, warum muss ich sie dann jedes Jahr erneuern? Und was mir spontan dazu einfällt ist, dass da eigentlich ein Element der Unsicherheit dahintersteckt und deswegen so ein Bedürfnis nach einem Ritual da ist. Und eine Unendlichkeitsfantasie, so etwas wie Freundschaft über den Tod hinaus oder so.“ (S. 15) Für die Studierenden wird die Erkenntnis wichtig, dass man gerade aus Blutsverwandtschaften herauskommen und zu Beziehungen finden sollte, die man „frei wählen, aber auch frei beenden kann“. Freundschaften wollen sie nicht als einen naturhaft bedingter Zusammenhang, wie es die Familie bei allen gesellschaftlichen Varianten auch ist, verstehen. Freundschaften soll man „frei wählen“ und gleichermaßen „frei beenden“ können. Freundschaften sind für die Studierenden praktische Beziehungen. Sie bedürfen keiner Unendlichkeitsfantasie, sie sind handhabbar. Es bedarf nicht der Erwartung, dass „Freundschaft über den Tod hinaus“ dauern sollte. Interview mit Hans, einem Politiker Hans ist ein älterer Politiker mit viel Erfahrung in politischen Ämtern und seiner Partei. Politik ist für ihn ein konfliktreiches Geschäft und „nichts für zartbesaitete Leute“. „In der Politik hat man nur Freunde, wenn es einem gut geht.“ Hans: „Ja, Menschen zu haben, auf die man sich verlassen kann. (…), wo man nicht nur in guten Zeiten schöne Gemeinsamkeiten erlebt, sondern Interview mit Hans, einem Politiker 57 wo man weiß, wenn mal was schiefgelaufen ist, was schlecht gelaufen ist, dass sie dann zu einem stehen, ungefragt, einfach da sind.“ (S. 1) Der Wunsch nach „Menschen, auf die man sich verlassen kann“ bleibt meistens unerfüllt. Gleichwohl hat Hans diesen Wunsch nie aufgegeben. Freundschaften im „Politikgeschäft“ sieht Hans als eine große Ausnahme: „Das Politikgeschäft ist nichts für zartbesaitete Leute, die getragen werden wollen und müssen, sondern: da muss man eine ziemlich robuste Natur haben und auch viele Niederlagen einstecken können. Auch das Gefühl: Wenn es mir schlecht geht, sind sie alle weg. Die Freunde, die meisten Freunde in der Politik, die sind immer nur dann da, wenn es einem gut geht. Dann wollen sie dabei sein. Aber es gibt Ausnahmen und solche Ausnahmen habe ich erlebt, also erlebe ich immer noch.“ (S. 3) Für Hans gibt es Menschen in der Politik, die ihm freundlich begegnen, wenn es ihm gut geht, und viel seltener andere, die auch dann zu ihm halten, wenn es einmal für ihn nicht gut läuft. Hans wünscht sich Freunde, die für ihn „ungefragt einfach da sind“, wenn er ein schlechtes Blatt auf der Hand hat und es ihm nicht gut geht: „Also z. B. meine ganz verlässliche Freundschaft mit Hubert. Hubert und ich, wir haben als ganz junge Leute, als Außenseiter angefangen. Er war der Präsident des Landesjugendringes. Dann haben wir uns wirklich gegen ganz große Widerstände in der Partei durchgesetzt und gegenseitig gestützt. Er ist vor mir in der Regierung gewesen, dann auch lange vor mir ausgestiegen und bis heute halten wir sehr zusammen. Wir achten uns sehr und wir schützen uns sehr.“ (S. 3) Hans hat also auch die Erfahrung gemacht, dass es in der Politik nicht nur strategisch und manipulativ hergeht, sondern dass es auch ein „Zusammenhalten“, ein „Achten“ und ein „Schützen“ gibt. In der Regel aber kann man davon ausgehen, dass es in der Politik wenig freundschaftliche Kooperationen und häufig wechselseitiges Misstrauen gibt. Freundschaftsbeziehungen in der Politik sind eher etwas Besonderes. Diese stellen sich leichter ein, wenn man aus der aktiven Politik ausgeschieden ist: „Mit Karl z. B. war die politische Beziehung immer sehr kontrolliert. Ich habe gemerkt, der hält mich für ein Risiko. Jetzt, wo wir alt sind, da sind wir im gleichen Verlag. Wir schicken uns gegenseitig unsere Bücher zu. Er lebt mit seiner Frau im Seniorenstift und ganz anders als ich in meiner Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 58 Wohngemeinschaft. Ich empfinde das als wahnsinnig spannend, wie wir das machen. Wir haben manchmal zusammen Auftritte gehabt. Wir erzählen dann, er von seiner Sache, ich von meiner.“ (S. 3) Für Hans ging es mit seinen ParteikollegInnen mehr darum, sie und sich selbst zu kontrollieren, um das Risiko einer Konkurrenz möglichst klein zu halten. Nun im Alter und nicht mehr in der aktiven Politik tätig sieht Hans das gelassener. Freundschaft ist für ihn jetzt eine persönliche Beziehung und weniger eine politische, in der es um einen konstruktiven Austausch geht: „Wir halten ganz eng zusammen. Wir freuen uns auf jeden Termin, wo wir uns zusammentreffen und wo wir uns austauschen können und uns gegenseitig unsere Altersbiografien voreinander hinblättern.“ (S. 3) Hans und Karl unterstützen Wissenschaft und Forschung. Sozialforscher sollen alles fragen können, was sie interessiert. Sie möchten gerne mitdenken. So versteht Hans auch sein Interview mit mir: „Wir wollen mitdenken. Also, so was geht auch über Parteien hinweg.“ (S. 4) Freundschaftsbeziehungen können über Parteigrenzen hinausgehen. Dann ist man an einer gemeinsamen Sache interessiert. Es geht dann um eine gemeinsame Lust, um eine gemeinsame spontane Freude an einer Sache. Die Arbeit an einer gemeinsamen Sache überwindet ehemalige Parteigrenzen. So war es für Hans mit Hermann, den er als Konkurrenten empfand, und mit dem er viel Streit hatte: „Mit Hermann ist das so eine kombinierte Sache … Das war lange Zeit auf Spannung angelegt und auch auf kritische Begleitung. Jetzt werden wir alt, wir beiden, und wir halten zueinander. Unsere Frauen mögen sich. Wir mögen unsere Frauen auch. Ich mag die Corinna gerne, sehr gerne, und die Corinna schätzt meine Lotte. Hermann schätzt meine Lotte. Das ist eine wunderbare Erfahrung, dass so was geht. Also, dass man auch Stress erleben kann und nicht auseinanderläuft und dann übereinander hetzt, sondern dass man sagt, wir bleiben beieinander und wir achten aufeinander und im Zweifel verteidigen wir uns. Also das gibt es auch.“ (S. 4) Zwischen Hans und Hermann gab es zunächst politische und persönliche Spannungen, die zu einer „kritischen Begleitung“ führten. Alt Interview mit Hans, einem Politiker 59 geworden, herausgelöst aus dem politischen Alltag, sind die beiden persönliche Freunde geworden. Das hat auch ihre beiden Ehefrauen zusammengebracht, die sich schätzen und sehr gerne mögen. Für Hans „ist das eine wunderbare Erfahrung, dass so was geht!“. Kein „Stress“, kein „Auseinanderlaufen“ und „übereinander Hetzen“ – stattdessen ein „Aufeinander achten“, sich „wechselseitig verteidigen“ und in schwierigen Situationen „beieinanderbleiben“. So etwas muss auch möglich sein. Aus politischer Gegnerschaft muss spätestens im Alter eine persönliche Freundschaft werden können. Hans macht einen Unterschied zwischen politischer Freundschaft unter Männern und den familialen Beziehungen innerhalb einer Freundschaft. Die Frauen verstehen er und sein Freund Hermann als Begleiterinnen und Unterstützerinnen. Für Hans ist es selbstverständlich, dass er die Frau des Freundes auch mögen kann. Für eine Männerfreundschaft, so wie er sie versteht, gehört es dazu, dass die Frauen sich ebenfalls sympathisch sind und sich in die Männerfreundschaft eingliedern. Hans hat keinen Freund, dessen Frau ihm unsympathisch wäre. Die beiden Ehefrauen finden über die Freundschaft ihrer Männer zueinander. Ihre Freundschaft ist ganz traditionell durch die Männerfreundschaft ihrer Ehemänner vermittelt. So war es zunächst bei Hans und Hermann, so ist es aber nicht geblieben. Aus einer zunächst traditionalistisch organisierten Familienkonstellation konnte sich auch eine emanzipierte Freundschaftsbeziehung zwischen den beiden Frauen entwickeln. Hans versteht Freundschaftsbeziehungen als Brücken, über die man gehen muss, wenn man aus schwierigen Situationen wieder herausfinden will. Hat sich die Freundschaft als eine solche Brücke bewährt, dann gilt sie für immer: „Dann ist das richtig eine Brücke, über die ich wieder rauskomme aus dieser Hölle. So haben unsere Freunde, das glaube ich, erlebt. So reden sie.“ (S. 7) Hans beschreibt Freundschaft als „Brücke“, um der „Hölle“ zu entkommen, die seine Freunde im Konzentrationslager erleben mussten. Eine solche Freundschaft macht es möglich, sich der Hölle der Konzentrationslager zu erinnern und diese Erinnerungen in Worte zu fassen und Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 60 mitzuteilen. Solche Anteilnahme an Erinnerungen des Schreckens werden in einer Wohngemeinschaft möglich, wie sie Hans mit seinen Freunden entwickelt hat. So entstehen Freundschaften für immer. Freundschaften werden zu einem „Netzwerk“ menschlicher Beziehungen. Als ein solches Netzwerk versteht Hans das Zusammenleben in seiner Wohngemeinschaft: „Es ist wie so eine Art Netzwerk, in dem ich nicht einfach − peng − durchfalle und am Schluss irgendwo im Keller auf dem Fußboden liegen bleibe, sondern wo ich das Gefühl habe, die lassen mich nicht allein, die nehmen mich mit, die denken nicht nur, sondern sorgen auch für mich, mit Essen machen und allem, richtig einkaufen und so.“ (S. 9) Die Freundschaftsbeziehung in der WG ist für ihn wie eine Familie. Man „sorgt füreinander“. Die WG erlebt er als Ersatzfamilie. Sie übernimmt ganz viele verantwortungsvolle Aufgaben, die sonst eine Familie übernehmen würde. Eine Freundschaft ist für ihn ein „Netzwerk“. Ein Netz, das ihn auffängt. Ein Freund lässt einen nicht hängen. Selbstverständlich macht er auch den Einkauf und sorgt für einen, wenn es einem nicht gut geht: „Wenn die eigene Ehefrau nicht da ist … meine Lotte war anderthalb Jahre im Ausland. Als die Kinder aus dem Haus waren, wollte sie sich selber nochmal ausprobieren. Ich fand das eigentlich auch gut so und war stolz auf sie, dass sie sich noch so etwas zumutet, aber da war ich eben alleine und dann waren die Anderen da.“ (S. 10) Für Hans ist die WG ein Ort, an dem er sich aufgehoben fühlt, auch wenn seine Ehefrau im Ausland ist: „Wenn man nachhause kommt und kaputt ist, auch resigniert ist (…), dann weißt du, du kannst überall hingehen, keiner schmeißt dich raus. Entweder haben wir noch etwas zu essen oder wir haben Zeit oder das gemeinsame Reden oder sie stellen dir Blumen auf den Tisch oder sie kaufen für dich mit ein oder sie erzählen dir was anderes, was nun auch wichtig ist und nicht Politik ist, sondern Leben ist und so. Das habe ich genossen. Genieße ich immer noch.“ (S. 10) In der WG kümmert sich jeder um jeden. Für Hans ist es wichtig, ein eigenes soziales Leben außerhalb der Politik zu haben. So hat Hans auch gemeinsam mit seiner Frau „besondere Freundschaften“ in Südamerika. Interview mit Hans, einem Politiker 61 „Freunde sind einander Wohltäter und mehr.“ Hans: „Also unsere Freunde in Südamerika sind langjährige Freunde, aber das lebt davon, dass wir uns da immer regelmäßig sehen. Die kommen so gut wie nie hierher, ganz selten. Die leben da ihren Alltag, stressig, kämpfen von Tag zu Tag so ums Überleben. Mit Briefeschreiben ist das, wenn überhaupt, eine große Ausnahme. Das tun sie, wenn man dies einfordert. Das lässt der Alltag oft auch nicht zu. Es gibt da auch nicht so eine Briefschreibekultur wie bei uns. Also man muss da schon hin. Wenn man dann da hinkommt, gibt es eine große Freude, dass man treu ist, dass man wiederkommt und nicht nur einmal dort gewesen ist und sich nie wieder sehen lässt, dass man anhänglich ist, dass man auch begleitet, was die da vor Ort versuchen an Selbstbehauptung.“ (S. 11) Die Beziehung, die Hans zu seinen südamerikanischen Freunden hat, ist nicht an Briefe und E-Mails gebunden. Sie ist aber sofort präsent, wenn man, sei es auch nach langer Zeit, wieder einmal so richtig zusammen sein kann. Das ist dann eine „große Freude“, ein selbstverständliches Zusammensein, als wäre man nie voneinander getrennt gewesen. So ist es meist Hans, der mit seiner Frau nach Südamerika reist und dort Projekte fördert und unterstützt, die die Existenz seiner Freunde sichern: „Für die müssen wir also Spenden sammeln. Ich bin ständig unterwegs, um Spenden zu sammeln, damit die da was zu beißen haben. Das ist eine besondere Freundschaft. Da bist du nicht nur ein netter Kerl, sondern du bist derjenige, der dafür sorgt, dass ich noch leben kann mit meiner Familie. Also das entwertet die Freundschaft nicht, aber das ist eine besondere Qualität.“ (S. 11) Hans und seine Frau Lotte kümmern sich um das Überleben ihrer Freunde in Südamerika. Sie sorgen sich um deren ökonomische Existenz, wie Eltern sich um die Zukunft ihrer Kinder kümmern. So hat Lotte z. B. in Südamerika viele Kinder aufgenommen: „Lotte hat ja richtig Kinder eingesammelt und über die Musik gewonnen – Superkinder. Sie sind inzwischen studiert, haben Examen gemacht in Südamerika. Sie sind brillant ausgebildet und übernehmen nun die Aufgaben, die Lotte früher hatte. Das ist dann so, wie wenn wir da Kinder adoptiert hätten.“ (S. 11) So ist Freundschaft nicht nur eine persönliche Wertschätzung. Darüber hinaus ist sie eine ganz praktische Lebenshilfe. Allerdings geht es dabei nicht nur um eine ökonomische Existenzsicherung: Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 62 „Wir sind hier nicht auf Kommerz aus, denn mit Musik, Kunst und Literatur kann man in Südamerika keinen Pott gewinnen, sondern wir sind auf diese Art Nähe und Vertrauen und Unterstützung und Gemeinsamkeit aus, und darauf bauen wir, und das gelingt uns. Das macht uns stark. Das gibt uns eine Sonderrolle, in der an sich ganz schwierigen und notleidenden Umgebung.“ (S. 12) Hans macht einen deutlichen Unterschied zwischen Kommerz und Freundschaft. Eine kommerzielle Beziehung ist immer auf Distanz aufgebaut. Nähe, Vertrauen und Unterstützung dagegen gehören für Hans zur Freundschaft: „Also das tut uns gut, weil das natürlich eine wundervolle Erfahrung ist, dass man nicht nur so zerronnen ist, wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, sondern dass es weitergeht, und das gefällt uns sehr. Das ist was Besonderes. Da sind wir die Wohltäter.“ (S. 11) Freunde sind für Hans einander „Wohltäter“. Man fühlt sich selbst wohl, wenn man dem anderen wohltun kann, doch muss man mit seinen Wohltaten auch vorsichtig sein, denn der Freund und die Freundin sind zugleich auch mehr als „Wohltäter“: „Das ist dann eine Qualität von Freundschaft, die besonders ist. Da muss man behutsam mit umgehen. Für die sind wir keine Wohltäter, sondern für die sind wir Freunde.“ (S. 11) Es ist ganz selbstverständlich, dass Freunde sich wechselseitig etwas Gutes tun. Ein Freund ist immer schon ein „Wohltäter“. „Können die eigenen Kinder zu Freunden werden?“ Auf seine eigene Familie bezogen hat Hans immer besondere Wünsche und Vorstellungen. Die Kinder sollen sich nicht, wie in adoleszenten Entwicklungsphasen üblich, aus ihren Familienzusammenhängen herauslösen und sich von der Familie emanzipieren. Hans wünscht sich vielmehr, dass sich seine Familie zu einem großen Netz von Freundschaftsbeziehungen entwickeln soll. Aber seine Frau, seine Kinder und Enkelkinder bestehen auf ihren traditionellen Rollen in der Familie. Eltern sollen für sie Vater und Mutter bleiben. Familie sollte mehr als Freundschaft sein. Interview mit Hans, einem Politiker 63 Hans: „Freundschaft würden die sagen, glaube ich, ist das nicht. Das ist was anderes. Familie würden sie, glaube ich, sagen. Natürlich sind wir befreundet, das ist, glaube ich, für meine Frau, die würde sagen: Hey komm, wir sind verheiratet. Die Kinder würden sagen, hey wir sind deine Kinder. Wieso machst du uns zu Freunden? Und die Enkelkinder würden sagen: Hey, wir sind deine Enkelkinder. Wieso erklärst du uns zu Freunden? Wir sind deine Enkelkinder. Wir sind qualifiziert mit dir verbunden.“ (S. 14) Für Hans dagegen gibt es keine „qualifizierte“ Trennung zwischen Familie und Freundschaft. Für ihn sind die Übergänge von Familie zur Freundschaft fließend. Er kann allerdings akzeptieren, dass für seine Frau, seine Kinder und seine Enkelkinder ihre Familie eine qualitativ nahe Verbundenheit hat, die in einer Freundschaft nicht hergestellt werden kann. Er hat das Gefühl, dass er und seine Frau eher zu Geschwistern der Kinder geworden sind als diese zu ihren Freunden: „Bei meinen Kindern habe ich das Gefühl, wir sind übers Alter. Die sind nun alle 50 und älter, wir entwickeln uns zu Geschwistern.“ (S. 14) So macht Hans für sich einen Kompromiss und spricht von seiner Beziehung zu seinen Kindern als einer „geschwisterlichen Freundschaft“, die er auch als eine „existentielle Beziehung“ versteht. Es geht in der Beziehung mit den erwachsenen Kindern und Enkelkindern um die gleiche Augenhöhe. Die kann man auch in einer Freundschaftsbeziehung haben, aber es geht auch um den Wunsch nach Geborgenheit, der sich nur in dem Familienleben befriedigt finden kann. Eine Freundschaft kann solche emotionale Intensität des Familienlebens nicht erreichen und nicht kompensieren. So sagt Hans von seinem Sohn, dass er sich bei seiner Frau und ihm sehr geborgen fühle, wenn er sie besuche: „Der erholt sich bei uns. Der fühlt sich bei uns geborgen, aber nicht, weil wir die Eltern sind, sondern weil wir ihn verstehen und so nehmen wie er ist … also, ich weiß nicht, ob das alles noch als Freundschaft zu definieren ist. Ich erlebe es als eine existenzielle Beziehung.“ (S. 15) Hans teilt den Wunsch seines Sohnes nach Geborgenheit. Er versteht ihn sogar als einen Wunsch nach einer Geborgenheit als „existentielle Beziehung“, die sein Sohn in seiner Familie gefunden zu haben glaubt. Hans hat sich diesen Wunsch nach Geborgenheit, wie ich ihn oben beschrie- Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 64 ben habe, heute in seiner Wohngemeinschaft erfüllt. Den Wunsch nach Geborgenheit, auch ein tiefes Sicherheitsgefühl und das Wohlgefühl in der Gemeinsamkeit, die man gemeinhin familialen Beziehungen unterstellt, hat Hans in seiner Wohngemeinschaft gefunden. Hier gelten auch Verpflichtungen, die normalerweise von der Familie übernommen werden sollten. Im Lebensraum der Wohngemeinschaft entwickelt sich eine Freundschaft bis in den Tod. Wenn ein enger Freund sterbenskrank wird, ist es selbstverständlich, dass alle Mitglieder der Wohngemeinschaft ihn betreuen und begleiten. Interviews mit Elsa und Charles, einem Freundespaar aus einem Altenpflegeheim In einem Altenpflegeheim habe ich ein Freundespaar kennengelernt, das gerne bereit war, mir in einem Interview zu erzählen, was Freundschaft für sie heißt und wie sie sich im Altenpflegheim kennengelernt haben. Es hat sich zwischen den beiden eine sehr intensive Freundschaft entwickelt, die auf einer ganz praktischen wechselseitigen Hilfsbereitschaft beruht. Gemeinsam gewinnen sie ein Stück Unabhängigkeit und sind so weniger stark auf die Unterstützung der Pflegekräfte und der sozialen BetreuerInnen angewiesen. Sie haben im Altenheim ihr eigenes Beziehungsleben aufgebaut, eine freundschaftliche Gemeinsamkeit, die sie vor Vereinsamung schützt.10 10 Zur Fürsorge für alte Menschen gehört der Respekt vor ihren Wünschen, sich soweit es ihre Gesundheit, ihre körperliche und geistige Gesundheit erlaubt, ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit in ihrem Leben zu erhalten oder vielleicht überhaupt erst zu gewinnen, wie es Bertolt Brecht in der Geschichte „Die unwürdige Greisin“ beschreibt. Nach dem Tod ihres Ehemannes beginnt die „unwürdige Greisin“ ein zweites Leben, das sich von ihrem ersten Leben „als Tochter, als Frau und als Mutter“ (S. 320) unterscheidet. Sie hat „etwa sechs Jahrzehnte“ (S. 320) ein ganz konventionelles Leben geführt, das von ihrer sozialen Umgebung nie beanstandet wurde. In ihrem zweiten Leben gewinnt sie eine ganz neue Erfahrung von Freiheit, Unabhängigkeit von ihren Kindern und sonstigen Verwandtschaften, als eine Frau, „eine alleinstehende Person, ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln“. (S. 320) Sie findet neue Freundschaften, einen alten Schuster als ihren intimen Freund. „Sie war keineswegs vereinsamt.“ Darum machte sich ihre Familie aus ihrem ersten Leben große Sorgen. Sie dagegen liebte ihre neue Selbstständigkeit. „Bei dem Flickschuster verkehrten anscheinend lauter Interviews mit Elsa und Charles, einem Freundespaar aus einem Altenpflegeheim 65 „Er hält sich an meinem Rollator fest und ich schiebe das Ding.“ Elsa: „Ja, was heißt Freundschaft für uns? Dass wir uns gegenseitig unterstützen. Wenn wir spazieren gehen, hält sich Charles an meinem Rollator fest und ich schiebe das Ding. Denn es ist für mich auch sehr wichtig, ein bisschen mehr zu laufen. Charles hat aber eben Schwierigkeiten mit den Beinen und da habe ich keine Schwierigkeiten. Ich bin viel geländegängiger, wie man so schön sagt. Ich bin ja noch beweglich. Und da nehmen wir auch Rücksicht aufeinander, denn da bin ich auf ihn angewiesen.“ Charles: „Bei mir sind die Beine nicht mehr ganz in Ordnung. Das sind die Reste von meinem Schlaganfall.“ Elsa: „Ich sage denn zwar manchmal, ich gehe da alleine hin. Und dann sagt er, du kannst doch nicht alleine dahingehen. Da sag ich, Mensch lass mich doch. Nein, ich lass dich nicht, sagt er. Weil er genau weiß, dass ich ja nicht über die Straße komme, weil ich die Ampel nicht sehe.“ Charles: „Ja, da sie nicht mehr gucken kann, lese ich ihr abends die Zeitung vor.“ Elsa: „Wir ergänzen uns, wir helfen uns.“ (S. 2) Solche freundschaftlich praktische Hilfe führt beide in einen gemeinschaftlichen Lebensraum, den sie für sich allein nicht mehr herstellen könnten. Mit Charles zusammen kann Elsa wieder die Straße überqueren, und er findet einen Halt bei ihr, wenn seine Beine nicht mehr mitmachen wollen. Auf diese Weise gewinnen beide ein Stück von der Beweglichkeit zurück, die früher für sie in ihrem Alltagsleben selbstverständlich war, mit der sie sich unabhängig von anderen und zugleich mit anderen in ihrem Alltagsleben entwickeln können. Die wechselseitige Unterstützung bringt für sie im Altenpflegeheim eine gemeinschaftliche Lebendigkeit zurück, die ihnen auch ihre jetzige Lebenssituation verstehen und akzeptieren hilft. In der Freundschaftsbeziehung, die Elsa und Charles gefunden haben, spiegelt sich etwas von der praktischen Freundschaft und Unterstützung wider, die Hans in seiner Wohngemeinschaft gefunden hat. lustige Leute, und es wurde viel erzählt. Sie hatte dort immer eine Flasche ihres eigenen Rotweins stehen und daraus trank sie ihr Gläschen, während die Anderen erzählten und über die würdigen Autoritäten der Stadt loszogen. Dieser Rotwein blieb für sie reserviert, jedoch brachte sie mitunter der Gesellschaft stärkere Getränke mit.“ (S. 320) Von einer Hausfrau hatte sie sich in eine Freundin verwandelt, als die sie sich und ihren Freunden ein Wohlleben gönnte. „Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt, bis auf den letzten Brosamen.“ (S. 320) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 66 Die Freundschaft beweist sich gerade immer wieder in praktischen Hilfen. Wechselseitiges Helfen und Unterstützen ist eine eigene Sprache. Es geht dabei nicht nur um ein bloßes Helfen, sondern um die Erfahrung, dass der andere für einen da ist, dass man sich sicher fühlen kann, wenn der andere einen begleitet.11 Solche Freundschaftsgefühle räumen die Unsicherheiten des Alltags beiseite.12 Elsa: „Ich kann ja nicht allein über die Kreuzung. Ich kann nicht sehen, wenn die Ampel umschaltet. Und dann sagt er schon immer, nein, ich kann dich ja nicht alleine laufen lassen. Ich gehe mit. Und das ist sehr schön. Da kann man sich voll drauf verlassen. Man kann sich aufeinander verlassen. Das kann ich ihm alles gar nicht so wiedergeben, wie er mir das gibt.“ (Interview 2: S. 1) Mit Charles gewinnt Elsa etwas von ihrer früheren Beweglichkeit zurück. Beide können gemeinsam für sich mehr erreichen, als sie es einzeln könnten. Ihre Freundschaft führt sie ein Stück weit aus dem Altenpflegeheim heraus. Das Altenpflegeheim kann sie nur von den gewöhnlichen Sorgen des Alltags entlasten. Ihre Freundschaft dagegen gibt ihnen die Möglichkeit zurück, ein Stück weit ihre Alltagssorgen wenigstens teilweise selbst zu bewältigen. Freundschaft gibt Elsa und Charles etwas, was die Institution Altenpflegeheim nicht geben kann, 11 Goethe hat im zweiten Teil seines Fausts die wechselseitige Fürsorge und Achtung, die gerade alte Menschen miteinander entwickeln können, dargestellt. Man spürt bei Goethe das Glück des Wohltuns und Schenkens, wie es auch meinen InterviewpartnerInnen Elsa und Charles eigen ist. Elsa ist Goethes „Baucis“ und Charles sein „Philemon“. So lässt Goethe das „sehr alte Mütterchen“ Baucis zu einem Besucher, einem „Kömmling“ sagen: „Lieber Kömmling! Leise! Leise! Ruhe! Laß den Gatten ruhn! Langer Schlaf verleiht dem Greise Kurzen Wachens rasches Tun.“ (S. 427) 12 In einem ihrer letzten Interviews „Blind und guter Dinge“ beschreibt die bekannte 92-jährige Sozialpsychologin Marie Jahoda solche freundschaftliche „Fürsorge“ von Passanten, die ihr beim Überqueren der Straße geholfen haben: „Ich habe keine Schmerzen und ich gehe noch mit meinem weißen Stock allein spazieren, weil ich das Gefühl der Unabhängigkeit schätze. Der Blindenstock hat mein Vertrauen in die Menschheit vergrößert. Wenn ich an einer Straßenecke stehe, dauert es nur zwei Minuten, und es kommt ein halbes Dutzend Leute, um mir über die Kreuzung zu helfen.“ (Dieses Interview mit Marie Jahoda findet sich im Internet unter dem folgenden Link: http://www.zeit.de/1999/24/199924.gr._geschi chte_j.xml/komplettansicht 9.04.2018) Interviews mit Elsa und Charles, einem Freundespaar aus einem Altenpflegeheim 67 es sei denn als persönliche Zuwendung von PflegerInnen und Sozialen BetreuerInnen als eine persönliche Beigabe, zu der auch eine freundschaftliche Haltung gehört. „Jeden Morgen bekomme ich meine drei Küsschen.“ Die Freundschaft zwischen Elsa und Charles ermöglicht ihnen auch körperliche Nähe. Elsa: „Ja wir sitzen mal nebeneinander.“ Charles: „Ja.“ Elsa: „Jeden Morgen bekomme ich meine drei Küsschen.“ Charles: „Weil das Bremer Recht ist.“ Elsa: „Neulich hatte ich Schnupfen, da kriege ich natürlich keinen Kuss. Er hat immer Angst, dass er sich ansteckt. Ich sag immer, sowas, das desinfiziert. Aber das glaubt er mir nicht. Nein, sich zu küssen ist eine gute freundschaftliche Sache. (…) Küsschen, das finde ich, das steht mir zu und das finde ich auch sehr schön und ich gebe ihm auch gerne einen Kuss.“ (Interview 2: S. 2) Die Freundschaft von Elsa und Charles schließt körperliche Nähe mit ein. Für beide ist es nicht verpönt, sich „Küsschen“ zu geben. Küsschen geben ist für beide ein Ritual. Elsa bekommt jeden Morgen von Charles „drei Küsschen“. Das ist ihr „Bremer Recht“, auf dem sie auch gerne besteht. Für sie ist „sich mal zu küssen“ „eine gute und freundschaftliche Sache.“ Aber Elsa sagt auch im weiteren Gespräch: „Du willst mich doch wohl nicht heiraten? Heiraten will ich dich nicht.“ Diese Verneinung ist nicht ihr Ernst. Sie ist Teil eines liebevollen Flirts, in den ihre Freundschaft immer wieder hinübergleitet. Freundschaft muss für sie körperliche Nähe und Liebe nicht ausschließen. In ihrer Freundschaft gewinnt eine Liebe ihre Gestalt, wie sie der Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956a) charakterisiert hat. Liebe ist „Fürsorge“, „Verantwortung“ füreinander, „wechselseitige Achtung“ und „Erkenntnis“. Diese schließt körperliche Zärtlichkeit, ein körperliches Erkennen mit ein. (S. 475) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 68 Interview mit Bernd, einem Unternehmer Bernd ist 87 Jahre alt. Er war ein Unternehmer und in bedeutenden wirtschaftlichen Positionen tätig. Er hat seine vielen wirtschaftlichen Kontakte genutzt, um soziale Projekte zu fördern. Es war ihm immer wichtig, nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer zu sein, sondern auch die sozialen Lebenszusammenhänge zu verbessern. In diesen ist für ihn das Thema Freundschaft angesiedelt. Es geht um den Respekt vor den anderen, es geht um die Wertschätzung der anderen, um die Anerkennung ihrer Andersartigkeit, die ihm besonders wichtig ist. Er wehrt sich gegen zu große Nähe, gegen Übergriffigkeiten, mit denen viele Menschen darauf aus sind, sich andere einfach nur anzueignen und sie so zu ihren FreundInnen zu erklären. Für Bernd sind Freund und Freundin nicht nur einfach Objekte, mit denen man sich ausstellt. Eine solche Haltung empfindet er als unangenehm. In der Freundschaft muss der andere sich wohlfühlen können und in seinen Eigenheiten gelten dürfen. In der Freundschaft soll es auch immer Zonen der „Unberührbarkeit" geben können. „In der Freundschaft gibt es ‚Inseln der Unbetretbarkeit‘, die man nicht betreten soll.“ Bernd erinnert sich an eine Rede, die er einmal für einen guten, alten Freund zum Geburtstag gehalten hat: „Zur Freundschaft gehört, das ist wichtig, gehören die Inseln der Unbetretbarkeit. In dem, was man tut und treibt gibt es Inseln der Unbetretbarkeit, die darf ich nicht betreten, denn dann verletze ich die Unberührbarkeit. Und bei einem alten Menschen gehört dazu die Diskretion, Humor, Güte und Geduld und Zärtlichkeit.“ (S. 2) Mit den „Inseln der Unbetretbarkeit“ meint Bernd, er müsse den Freund respektieren, ihm gegenüber Diskretion walten lassen und ihm mit „Humor, Güte und Geduld“ begegnen. Es ist Bernd wichtig, dem anderen Respekt entgegenzubringen, ihn nicht zu entlarven oder bloßzustellen, selbst wenn er die Verfehlungen und die „Sünde“ beim Anderen sieht. Er begründet das im Interview, mit Interview mit Bernd, einem Unternehmer 69 einem Spruch Salomons aus der Lutherbibel (Sprüche 17:9), den Bernd im Interview rezitiert: „Wer Sünde zudeckt, der macht Freundschaft; wer aber die Sache aufrührt, der macht Freunde uneins.“ (S. 1) Die Entlarvung, die Aufdeckung von Fehlern macht Freunde uneins. Wer eine Sünde, eine Verfehlung „zudeckt“, gerade der handelt im Sinne einer verständigen Freundschaft. Es gibt Menschen, sogenannte Freunde, die uns mit unseren Schwächen, Fehlern konfrontieren wollen, die in der Wunde herumstochern, statt sie heilen zu wollen. Ein solches Verhalten macht es schwierig, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten. Man spürt, dass der Freund einem Vorwürfe und Schuldgefühle machen möchte. Solche Haltungen sind meist schwierig aufzulösen und belasten die Freundschaft. Von außen sind die Schwächen und die Verfehlungen eines Menschen leicht zu erkennen. Das ist für den Freund, der zum Opfer der Entlarvung wird, schwierig zu ertragen. Er schämt sich vielleicht für seine Schwächen oder möchte sie nicht aufgedeckt haben, wünscht sich einen Freund, der ihn in seiner Unvollkommenheit respektiert. Er kennt wahrscheinlich seine Schwäche, möchte sie aber nicht entlarvt wissen. Das wäre für ihn zu schmerzvoll. Für Bernd ist Freundschaft ein verständnisvoller, respektvoller und geduldiger Umgang miteinander. Verstehen heißt für Bernd gerade nicht, einander zu entlarven und den Finger in die Wunde zu legen. Verstehen setzt die Anerkennung des anderen voraus. „Echte Freundschaften währen über den Tod hinaus, im stillen, inneren Rategespräch.“ Für Bernd reichen wahre Freundschaften „über den Tod hinaus“. Der Freund bleibt in der Erinnerung lebendig. Die Erinnerung an den verstorbenen Freund ist ein „stilles inneres Rategespräch“ mit ihm. In solchen inneren Dialogen kennt die Freundschaft keine zeitlichen und räumlichen Begrenzungen. Solche Freundschaften können nicht aussterben. Tiefe Freundschaft geht über ein bloßes Hier und Jetzt hinaus: Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 70 „Echte Freundschaft, echte Freundschaften währen über den Tod hinaus, im stillen, inneren Rategespräch.“ (S. 2) Auch nach dem Tod eines Freundes kann ein Mensch, mit dem man sich innerlich verbunden fühlt, mit einem verbunden bleiben. Das zwischenmenschliche Gespräch wird nach dem Tod des Freundes zu einem inneren Dialog13 mit ihm. Dieser innere Dialog kann auch stattfinden, wenn der Freund noch lebt und man nur räumlich voneinander getrennt ist. „Ich habe viele, viele Freunde gehabt in meinem Leben, und sie sind alle schon tot. Aber sie sind alle noch bei mir und ich mit ihnen.“ Als deutscher Soldat im zweiten Weltkrieg hat Bernd, vom Tode bedroht, eine existentielle Freundschaftserfahrung mit einer polnischen Bäuerin gemacht (vgl. S. 22): „Dann hat mich die (polnische) Bäuerin, den (deutschen) Feind, aufgenommen und die Sanitäter angewiesen, mich in ihr Bett zu legen. Das war, wie es so Sitte war, dieses große Bauernbett, wo die ganze Familie schlief, Kinder, der Bauer und sie. Ich wurde auf ihre Seite gelegt. Das kann niemand nachempfinden, was ich da erlebt habe, weil, es ging ja nichts mehr bei mir. Ich konnte nicht mehr laufen, nichts. Ich schlief ein und dann wachte ich auf, da saß auf der Bettkante eine Frau, die Bäuerin, und löffelte mir Brühe in den Mund, wodurch ich wieder Lebenskräfte gewann. (…) Und dieses Gottesgeschöpf habe ich heute noch nicht vergessen. Also zur Freundschaft gehören das Gespräch und die Dankbarkeit für die Toten. (…) Ich habe viele, viele Freunde gehabt in meinem Leben und sie sind alle schon tot. Aber sie sind alle noch bei mir und ich mit ihnen.“ (S. 3) Die polnische Bauersfrau, die für Bernd im Krieg den Feind symbolisiert, rettet ihm, dem schwerverwundeten deutschen Soldaten, das Le- 13 In seinem Roman „Erklärt Perreira“ beschreibt der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi einen solchen inneren Dialog: „Perreira (der Protagonist des Romans) erklärt, dass er seit einiger Zeit die Gewohnheit angenommen hatte, mit dem Bild seiner (verstorbenen) Frau zu sprechen. Er erzählte ihr, was er während des Tages gemacht hatte, vertraute ihr seine Gedanken an, bat um Ratschläge. Ich weiss nicht, in was für einer Welt ich lebe, sagte Perreira zum Foto. (…), das Problem ist, dass ich an nichts anderes als an den Tod denke, mir ist, als ob die ganze Welt tot wäre, oder drauf und dran sei, zu sterben.“ (S. 17) Interview mit Bernd, einem Unternehmer 71 ben. „Sie löffelte mir ihre Fleischbrühe in den Mund, so dass ich wieder zum Leben kam.“ Freundschaft zeigt hier einen tief menschlichen Aspekt. Indem die polnische Bäuerin Bernd Fleischbrühe in den Mund löffelt, rettet sie ihm, Löffel für Löffel, das Leben. Bernd wird von der Bäuerin wie ein Familienmitglied aufgenommen und von ihr gesund gepflegt. Der deutsche Soldat, der Feind, wird von ihr ganz selbstverständlich, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, aufgenommen. Menschlichkeit wird von dieser polnischen Bäuerin gelebt. Sie fordert keine Gegenleistungen und Bezahlung. In solcher Freundschaft ist das im Alltag so selbstverständliche Prinzip „Ich gebe – du nimmst, du gibst und ich nehme“ außer Kraft gesetzt. Freundschaft übersteigt hier das Tauschprinzip von gleichwertigen Leistungen und Gegenleistungen. Bernd hat die Erfahrung gemacht, dass Freundschaft eine tiefe Menschlichkeit erfahrbar macht und ökonomisch orientierte Beziehungen des Alltags übersteigt. Die Sorge der polnischen Bäuerin um sein Leben erlebt Bernd als eine „existentielle Beziehung“. Bernd erzählt viel von seinen konkreten Erinnerungen an frühere Freunde. So erzählt er von einem nahen Freund, einem Architekten, mit dem er zusammen gebaut hat. Aus diesem gemeinsamen Wirtschaften hat sich eine besondere Freundschaft herausgebildet. Dieser Freund ist schon im Alter von 49 Jahren an einem Herzversagen verstorben. Über diesen Freund sagt er: „Das war einer der Freunde, unvergesslich. Das Vertrauen. Das Zutrauen zum gemeinsamen Bauen von Häusern oder so Industrieanlagen und so weiter.“ (S. 3) Auch mit diesem Freund führt Bernd öfter „innere Rategespräche“, wenn er von diesem einen Rat hören möchte. Für Bernd ist es „wunderschön, das Gespräch mit ihm, die Rede, das Träumen (von ihm).“ (S. 4) „Innere Rategespräche“ haben etwas Traumhaftes. Sie sind Tagträume. In tagträumerischer Erinnerung wird die Freundschaft wieder konkret. Auf diese Weise fragt Bernd seinen verstorbenen Freund um Rat. So lebt er in seiner Erinnerung weiter: „Ich habe ein stilles, nie ausgesprochenes, mein ganzes Leben bis jetzt bewahrendes Freundschaftsgefühl.“ (S. 3) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 72 „Bernd, lass ihnen das. Sie haben auch nichts. Das ist Freundschaft.“ Gegen Ende des Krieges kamen Bernd und sein zwei Jahre älterer Freund Hermann zu einem polnischen Dorf. In diesem Dorf wohnte eine Bäuerin. Aus Angst vor den beiden Soldaten und ihren Waffen schob sie ihnen ihre eingemachten Gemüsereserven zu: „Da kam uns die Bauersfrau entgegen, die erschrak natürlich, so wie wir aussahen (…) und schob uns Gläser mit eingemachten Bohnen zu. Die sollten oder konnten wir essen, damit befreite sie sich vor der Angst vor den schwer bewaffneten Soldaten mit Helm und was weiß ich alles, Pistolen. Und wir standen hungrig am Rande ihrer Küche und verschlangen dieses Gemüse aus dem Dings. Ich sah auf ihrem Küchentisch noch ein weiteres Glas stehen und dachte mir, Mensch, das nimmst du mit als Reserveproviant, und griff nach diesem Glas mit den eingemachten Bohnen. Hermann sagt zu mir: ‚Bernd, lass ihr das. Sie hat auch nichts.‘ Dieses Wort von Hermann ist mir ein Leben lang nachgegangen. Hat mich nie verlassen, hat mir Pate gestanden. Hermanns Wort: ‚Bernd, lass ihnen das. Sie haben auch nichts.’ Das ist Freundschaft.“ (S. 4) Den Rat des Freundes zu befolgen, ist für Bernd wichtiger als die Befriedigung seines eigenen Wunsches. Bernd hört auf seinen Freund. Das ist ein Beispiel für Freundschaft, dass man den Rat eines guten Freundes annehmen kann und über seine eigenen Wünsche stellt. Diese Freundschaft besteht für Bernd darin, dass sein Freund Hermann ihn daran hinderte, in den Kriegsjahren als Soldat bei einer Bäuerin ein Glas Eingemachtes mitgehen zu lassen. Bernd hört auf die Worte seines zwei Jahre älteren Freundes und lässt das Glas mit Bohnen stehen. Auch heute noch schätzt er den guten Rat von Hermann. Ein guter Rat ist teuer, aber in guten Freundschaften ist er ein Geschenk. „Das tut Ihnen gut, dass Sie mal gerade sitzen lernen.“ Seine Ehefrau hat Bernd bei einer Begegnung vor der Kirche kennengelernt, vor der sie auf Freunde gewartet hatte, die nicht gekommen waren. Sie sind dann gemeinsam in den Gottesdienst gegangen und haben sich in eine der Bankreihen gesetzt. Interview mit Bernd, einem Unternehmer 73 Bernd: „Und den ersten Satz, den ich von diesem Geschöpf hörte, wir sa- ßen in diesen furchtbaren alten Bänken (…). Ich stöhnte in diesen Bänken. Da zischte sie mir den Satz zu: „Das tut Ihnen gut, dass Sie mal gerade sitzen lernen.“ (S. 6) Bernd mag solche ironischen Liebenswürdigkeiten. Sie gehören für ihn zu einer guten Freundschafts- und Liebesbeziehung. Man muss miteinander frotzeln können und gemeinsam über sich lachen können. Freundschaft ist für Bernd nicht nur eine ernste Sache. Zu ihr gehört ein herzliches Lachen. Interview mit Petra, einer Modedesignerin, und Arnold, einem Restaurateur „Die gemeinsame Aufgabe hat uns zusammengeschweißt.“ Petra und Arnold sind seit mehreren Jahren eng befreundet. Arnold hilft Petra gelegentlich bei ihren Modeschauen. Ursprünglich verband sie eine lose Freundschaft, die sich durch ihre Arbeitsbeziehung vertieft hat. In einer schwierigen beruflichen Situation von Petra ist Arnold eingesprungen und hat ihr geholfen. Petra: „Also relativ kurz vor der Modenschau hatte mir eine Freundin abgesagt. Eigentlich eine Freundin, die theoretisch eigentlich das viel früher hätte absagen können und eigentlich auch müssen, weil sie den Grund, warum sie es abgesagt hat, ja Monate vorher schon wusste. Also die hat mich da sehr, sehr, sehr hängengelassen. (…) Und zu dem Zeitpunkt kannten wir (Arnold und ich) uns ja noch gar nicht so intensiv. Und da habe ich gedacht, oh Gott, kann ich jetzt Arnold überhaupt fragen, oder…? (…) Und dann, ja und da war ich natürlich sehr, sehr glücklich, dass Arnold zugesagt hat. Und eigentlich durch diese Modenschau haben wir uns ja auch noch mehr kennengelernt.“ Arnold: „Ja, das war ein Zusammenschweißen.“ (S. 4) Durch die gemeinsame Aufgabe, die sie erfolgreich bewältigt haben, wurden sie „zusammengeschweißt“. Sie haben hinter den Kulissen des Laufstegs gut abgestimmt gearbeitet, ohne dass sie sich länger kannten, und diese Aufgabe hat sie zusammengeschweißt. Sie hatten kaum Zeit, sich lange zu verständigen, sie mussten einfach gemeinsam die Modenschau organisieren und das ist ihnen gut gelungen. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 74 Petra spricht von einer guten Kooperation mit Arnold. Ihr geht die Euphorie, mit der Arnold spricht, sehr nahe. Sie möchte die Freundschaft mit Arnold auch als eine Arbeitsbeziehung verstehen. Arnold wiederum ist eine intensive Freundschaftsbeziehung mit Petra sehr wichtig, die in ihrer gemeinsamen Arbeit ihren Ausdruck finden soll. In der gemeinsamen Kooperation sucht Arnold die Nähe zu Petra und sie seine Unterstützung in der Arbeit. Petra: „Arnold hat mich ja sehr in meinem Ding so unterstützt, also das war für mich ein ganz tolles Gefühl, dass ich so das Gefühl habe, dass jemand, zum einen inhaltlich, sich für das Gleiche interessiert wie ich selber und da aber auch selber so sein eigenes Herzblut da so reingelegt hat. Also wirklich seine ganze Kraft gegeben hat, um mich oder die Kollektion oder eben auch dieses gemeinsame Event ebenso nach vorne zu bringen. Das ist ja überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Und ich sage mal, da muss jemand schon sehr viel geben, damit so etwas so gut wird. In Arnold habe ich auch einen Menschen gefunden, der auf verschiedensten Ebenen auch sehr ähnliche Ansichten hat wie ich selber. (…) Also ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich Arnold durch diese Geschichte kennengelernt habe und da wirklich einen Freund gefunden habe.“ (S. 8) Die „Modenschau“ hat beide zusammengeführt. Sie sind Freunde geworden und ihre gemeinsame Arbeit hat zu erfolgreichen Ergebnissen der Modenschau geführt. „Eine Freundschaft kannst du dir aussuchen, eine Familie nicht.“ Arnold hat Erfahrung mit vielen „sozialen Kontakten“, die zum Teil zu sehr destruktiven Beziehungen führten und die er nicht wieder erleben möchte. So ist für ihn die Freundschafts- und Arbeitsbeziehung mit Petra „ein großes Glück“, was ihm nicht häufig begegnet ist. Arnold: „Ich habe soziale Kontakte in meinem Leben auch sehr destruktiv kennengelernt und auch Menschen kennengelernt, die mit sehr großer Destruktion halt leben und eigentlich mehr Kräfte brauchen und verbrauchen, ohne dass man da positiv etwas wiederkriegt, sozusagen. Und ich habe irgendwann angefangen, mich zu schützen und zu versuchen, also nach Möglichkeit, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich finde, es ist ein großes Glück, wenn man in seinem Leben Menschen begegnet, wo eine Gegenseitigkeit der Inspiration und des Sich-gegenseitig-etwas-Gebens und gegenseitig ja so, man befruchtet sich halt gegenseitig. Wenn das ist, das ist etwas Schönes, das ist wirklich etwas Schönes.“ (S. 13) Interview mit Petra, einer Modedesignerin, und Arnold, einem Restaurateur 75 Petra und Arnold haben sich bei der Vorbereitung der Modenschau gefunden. Sie haben miteinander erlebt, was „Gegenseitigkeit“ für sie bedeuten kann: „Sich gegenseitig etwas geben“, sich anregen, auf Ideen bringen und Spaß darin finden, diese Ideen zu realisieren. Das ist für beide eine wichtige Erfahrung, weil sie ihnen zeigt, dass man aus einer freundschaftlichen Arbeitsbeziehung die Destruktivität, die häufig zum Scheitern der Beziehung führt, ausschließen kann. Wenn das gelingt, erleben dies beide als „ein großes Glück“. „Sich-gegenseitig-etwas-geben“ führt zu gemeinsamer „Inspiration“ und zu guten Arbeitsergebnissen, was beide als eine Glückserfahrung erleben. Im Vergleich zu solcher Glückserfahrung in der Freundschaft waren für Arnold seine Erfahrungen mit der Familie, in der er aufgewachsen ist, eher enttäuschend. Arnold: „Ja, also ich habe eine sehr schwierige Familie. Und ich habe eigentlich eine Familie, in der immer sehr viel an den Menschen auch rumgezurrt und rumgezerrt worden ist. Positive soziale Kontakte habe ich eigentlich im Laufe meines Lebens halt über Freundschaft kennengelernt. Das empfinde ich auch als sehr angenehm. Aber die Familie ist halt immer ein, ja, wie soll ich das sagen, das ist ein Ballast, den man halt immer mit sich herumschleppt.“ Petra: „Ja, die Familie kannst du dir halt nicht aussuchen. Die sind, wie sie sind.“ Arnold: „Familienmitglieder sind wie rostige Scharniere und das ist halt schwierig, sich dann frei zu strampeln.“ (S. 17 f.) In die Familie wird man hineingeboren, ob man will oder nicht. Man kann sich seine Familie nicht in gleicher Weise aussuchen, wie man sich seine Freunde aussuchen kann. Familienbeziehungen können „rostige Scharniere“ sein, die können quietschen und die Türen, die sie verbinden, sind oft nur schwer zu öffnen. Ganz anders in der Beziehung von Arnold und Petra. Arnold ist für Petra der geborene Helfer. Er hilft aus, mit Ideen und auch ganz handfest, wenn Not am Mann ist. Arnold: „Also ich schiebe gerne mit Petra ihr Boot ins Wasser, um dann zu sehen, wie das fährt, aber ich möchte mich nicht mehr im sozialen Umgang sozusagen abmühen und abhampeln und am Ende, sagen wir mal, ist es eine Totgeburt, weil es irgendwie nicht funktioniert.“ (S. 18) Arnold möchte, dass die Zusammenarbeit mit ihm funktioniert, dass ohne Schwierigkeiten das „Boot ins Wasser“ geschoben werden kann. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 76 Das klappt mit Petra. Das geht für beide ganz locker ohne großes „Abmühen und Abhampeln“. Bei Arnold und Petra gibt es keine „Totgeburt“. „Unterlegenheit und Überlegenheit in einer Beziehung sind furchtbar.“ Petra: „Es gibt Menschen, die suchen sich Freunde, von denen sie denken, dass sie ihnen unterlegen sind, um sich selber so ein Gefühl von Überlegenheit zu verschaffen. Und das finde ich furchtbar. Das ist dann auch keine wirkliche Freundschaft.“ (S. 19) Arnold ist für Petra ein wirklicher Freund. Er will nicht, dass sie ihm unterlegen ist und auch sie möchte sich nicht „ein Gefühl von Überlegenheit“ über ihn verschaffen. „Unterlegenheit“ und „Überlegenheit“ in einer Beziehung sind für Petra „furchtbar“: „Es ist ein Unterschied, ob man einem anderen Menschen hilft und ihn unterstützt in irgendwelchen Dingen, auch mit Freude, oder ob ein Mensch einen manipuliert und benutzt.“ (S. 19) Petra weiß, dass Arnold ihr ehrlich und fair zur Seite steht. Sie weiß, dass er sich nie, wie andere sogenannte Freunde, ihre Entwürfe hinter ihrem Rücken aneignen und sie als eigene Produkte ausgeben würde. Eine „richtig gute Freundschaft“ zeigt eine wechselseitige, offene Wohlgesonnenheit. Eine solche ist Petra besonders wichtig: „Eine richtig gute Freundschaft ist ja etwas, wo Menschen auf Augenhöhe positiv miteinander umgehen und sich gegenseitig auch etwas Gutes wünschen.“ (S. 20) Solches „positiv miteinander Umgehen“ hat der Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm als Zeichen einer Liebesbeziehung verstanden, einer Liebesbeziehung im weiten Sinne, in die er die Freundschaftsbeziehung miteinbezieht. So lässt sich mit Erich Fromm aus „Psychoanalyse und Ethik“ (1947a) die Freundschaft von Petra und Arnold auf die folgende Weise charakterisieren: „Einen Menschen produktiv lieben heißt, dass man für ihn sorgt und sich für sein Leben verantwortlich fühlt. (…) (das) schließt Arbeit, Fürsorge und Verantwortungsgefühl ein. (…) Fürsorge und Verantwortung sind zwar wesentliche Elemente der Liebe (Freundschaft), aber ohne Achtung Interview mit Petra, einer Modedesignerin, und Arnold, einem Restaurateur 77 für den geliebten Menschen und ohne Erkenntnis artet Liebe (Freundschaft) in Herrschsucht und Besitzgier aus.“ (S. 67) „Fürsorge“, „Verantwortung“, „Achtung“ wünschen sich Petra und Arnold für jede Freundschaftsbeziehung. Das ist eine Erkenntnis, die sie aus vielen guten, aber auch schlechten Beziehungen gewonnen haben. Ohne die berühmte Studie „Die Kunst des Liebens“ (1956a) von Erich Fromm zu kennen, belegen sie mit ihren Erfahrungen mit Freunden Fromms Beschreibungen von Liebe und Freundschaft. Petra versteht sich selbst als jemand, der man vertrauen kann und die man kritisieren kann. Petra: „Mit mir kann man ganz pragmatisch über alles sprechen. Und lieber sagt mir jemand, wenn er etwas nicht weiß, dann kann ich in aller Ruhe das erklären, als wenn jemand behauptet, er wüsste alles, weil dann ist das Thema für mich abgehakt und wenn dann Probleme entstehen, dann wird es richtig dramatisch hinter den Kulissen. Also lieber Ehrlichkeit, Offenheit, das ist immer besser. Weil, je ehrlicher und offener man miteinander umgeht, desto besser wird das Endergebnis. Zum Beispiel als Arnold mir gesagt hat, du siehst aber so scheiße aus, du musst jetzt sofort zum Arzt, habe ich das ja nicht so empfunden, er kritisiert mich, sondern mir war dann klar, er hat sich Sorgen um mich gemacht.“ (S. 33) Wenn sich jemand Sorgen um Petra macht und sie zugleich energisch kritisiert, führt das bei ihr nicht zu einem Gefühl der Unterlegenheit. Sie spürt, dass Arnolds Sorge um sie ernst ist und dass er nicht ein Gefühl der Überlegenheit ihr gegenüber demonstrieren will. Arnold meint es ernst mit ihr. Er ist kein „Überflieger“ und kein „Oberguru“. Arnold verfügt über Menschenkenntnis, die man ernst nehmen muss. Petra: „Arnold hat eine ganz andere Qualifikation als manche anderen Leute, die sich als die großen Überflieger und Obergurus vorstellen, die das nicht richtig einschätzen und auch nicht richtig ernst nehmen. Also ich nehme dann Leute lieber ernst, wenn ich den Eindruck habe, dass die da einen richtigen Durchblick haben.“ (S. 33) Arnold sieht das ähnlich: „Ja, das ist ja auch Vertrauen. Also ich habe ja auch Vertrauen, wenn Petra mir jetzt was sagt oder wenn wir uns über Dinge unterhalten, das ist ja dann auch ein Vertrauen in die Person.“ (S. 33) Petra und Arnold können gut miteinander kooperieren. Ihre Freundschaft bewährt sich in der gemeinsamen Arbeit, in der die wechselsei- Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 78 tigen Vor- und Ratschläge − auch wenn sie kritisch sind − gewünscht werden. Und gerade in einem durchaus anstrengenden Zusammenarbeiten fühlen sie sich wohl. In ihrer Kooperation erleben sie, was „wahre Freundschaft“ für sie heißen kann. Für sie gilt: Auf einen guten Freund ist immer Verlass. Interview mit Otto, einem Friseur Otto hat viele Jahre einen Friseursalon geleitet. Einige seiner Kunden sind zu guten Freunden von ihm geworden. Für ihn haben Freundschaftsbeziehungen einen hohen moralischen Wert. „Einen guten Freund möchte ich immer um mich haben.“ Otto wünscht sich eine Freundschaft, in der man „herzlich willkommen ist“. Das Gefühl der Herzlichkeit möchte Otto in seinen Freundschaften spüren. Freunde sollen sich einander nahe fühlen, und Herzlichkeit steht dabei „an erster Stelle“. Otto: „Du musst wissen, dass du dich auf die Menschen verlassen kannst, die du um dich hast und die du lieb hast. Und dass man sich auch verstehen muss. Dass man auch herzlich willkommen ist und wirklich, das ist für mich an erster Stelle, dass ich ihn dann liebend gerne um mich habe. Man kann von mir alles haben und so. Es ist eigentlich ganz schön, wenn Du das Gespür hast, dass die Freunde das dann genauso sehen." (S. 1) Mit Freunden möchte Otto sich eine gemeinsame Umwelt schaffen, in der man sich „lieb haben“ kann und „sich auch verstehen“ können muss. Freunde helfen einander und nutzen sich nicht gegenseitig aus, sonst „gibt das Ärger“ und „die Freundschaft geht zu Bruch“. Otto: „Wenn du gute Freunde hast, kannst du aushelfen. Aber manchmal gibt das Ärger. Wenn du hilfst, kann man auch ausgenutzt werden. Von einigen. Da geht die Freundschaft zu Bruch, ja klar, weil, man ärgert sich ja. Ich habe z. B. dem einen eine gute Lammfelljacke geliehen, weil es draußen kalt war, als er zu Besuch war. Er war auch mit mir ein paarmal weg und da hat er sie auch angezogen und dann habe ich irgendwann mal ein Jahr oder zwei Jahre später zu einer Freundin gesagt: Mensch, wo ist Interview mit Otto, einem Friseur 79 denn meine Lammfelljacke? Die ist doch bei Karl, die hat doch der Karl. So, nie wiedergesehen, so.“ Interviewerin: „Vielleicht hat er gedacht, dass du sie ihm geschenkt hast?“ Otto: „Nee, nee, nee, der wusste ganz genau, dass nee, nee, nee, nee, das war so eine schöne warme ganz warme Lammfelljacke.“ Interviewerin: „Du trauerst ihr noch nach?“ Otto: „Nee, nee. Aber so was passiert.“ (S. 4) Otto ist gekränkt, dass Karl so tut, als habe Otto ihm die Jacke geschenkt, obwohl es für Otto doch nur eine Leihgabe war, damit Karl sich schützen konnte, „weil es draußen kalt war“. Ottos offen gemeinte Herzlichkeit, die ihm liebe Lammfelljacke zu verleihen, könnte Karl als Geschenk missverstanden haben. Otto sieht es jedenfalls so, dass Karl absichtlich die Leihgabe als „Geschenk“ genommen hat. Darüber ist Otto sehr verärgert. Er versucht erst gar nicht, ein mögliches Missverständnis aufzuklären. Für Otto ist die Sache klar, er wurde „ausgenutzt“ und die Freundschaft war zu Ende. Die für ihn so offene Herzlichkeit wurde als eine bloße Dummheit ausgenutzt. Otto ist enttäuscht. „Familie ist eine Säule, ganz private Sachen bespreche ich eher mit einer besten Freundin und einem besten Freund.“ Wie viele meiner InterviewpartnerInnen vergleicht auch Otto Familienbeziehungen mit Freundschaftsbeziehungen. Er schätzt ein gelingendes Familienleben sehr, er weiß aber auch, dass ein solches nicht sehr häufig ist und dass es viele Konflikte gibt, die Familien auseinanderreißen können. Eine Familie kann man sich nicht aussuchen. In die ist man hineingeboren und man kann sich nie ganz aus Familienbindungen lösen, sei es im Guten oder im Schlechten. In Freundschaftsbeziehungen ist es für Otto dagegen ganz anders. Eine Familie hat man, Freunde findet man. Und die Beziehung zu einer Freundin oder einem Freund kann viel herzlicher sein, als dies mit einem Familienmitglied möglich wäre. „Herzlichkeit“ stellt sich für Otto vor allem unter Freunden her. In Familien wird sie meist als selbstverständlich vorausgesetzt und gilt als vorbildlich. So ist es auch mit der Sorge und Fürsorge. In der Familie erwartet man sie ganz selbstverständlich vom anderen und ist dann tief enttäuscht, wenn von Sorge und Fürsorge nichts zu spüren Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 80 ist. Auf meine Frage: „Wie ist es denn mit der Familie und deinen Freunden in deinem Heimatland?“ antwortet Otto: „Der Familienstand ist da höher. Der hat mich aber immer schon erschrocken in Deutschland, so ein bisschen. Sind die Deutschen vielleicht ein bisschen oberflächlicher? Vielleicht durch den Wohlstand? In meiner Heimat ist nach wie vor immer noch nicht so der Wohlstand da. Die leben auch viel mehr auf einem engeren Raum. Du würdest z. B. in Deutschland mit deinen Eltern nicht unter einem Dach wohnen wollen. In meinem Land dagegen wohnen noch viele Familien unter einem Dach und gar nicht so großzügig. Die Omas spielen in meinem Land wirklich noch viel Oma und gerne.“ (S. 3) Der Zusammenhalt einer Familie hat für Otto Priorität. Sie bietet ihm nicht nur einen emotionalen Schutz, sondern auch ökonomische Unterstützung, auf die man nicht leichtfertig verzichten sollte. In Ottos Heimatland ist es ganz selbstverständlich, dass man mit seiner Familie unter einem Dach wohnt. Es ist dort nicht so einfach, sei es aus emotionalen, sei aus ökonomischen Gründen, aus der Familie auszuziehen. „Familie ist ja so ´ne Säule“, die in vielen Lebenslagen Halt bietet. Aber für Otto gibt es auch ganz „private Sachen“, die er nie in der Familie besprechen würde. Dazu hat man einen besten Freund oder eine beste Freundin. Einen besten Freund oder eine beste Freundin kann für Otto weder die Familie noch eine PsychotherapeutIn ersetzen. Empört hat Otto auf den Ratschlag einer Psychotherapeutin reagiert, die seinem besten Freund geraten habe, „er soll alles abbrechen, was früher in seinem Leben war, alles wegwischen“. Solche Ratschläge hält Otto für reinen Blödsinn. Für ihn sind dagegen Ratschläge und Vorschläge, die aus der Familie kommen, von größter Wichtigkeit. Seinem Freund hat er klarzumachen versucht: „Familie, das ist wirklich das, was du hast, und deine Familie ist auch an erster Stelle. Das ist doch wichtig, dass du den Zusammenhalt hast.“ Da hat man bessere Hilfe als von einer „blöden Therapeutin“. Otto setzt viel auf den familialen Zusammenhalt und die Unterstützung der Familie. Aus der Familie herauszuwachsen bedeutet für ihn nicht, den Kontakt mit ihr ganz oder auch nur teilweise abzubrechen. Interview mit Otto, einem Friseur 81 Interview mit Sven, einem Finanzberater Sven hat einen sehr strengen Begriff von Freundschaft. Für Sven gehen Geschäftsbeziehungen und Freundschaftsbeziehungen nur schwer zusammen. „Warum soll ich zu Familienangehörigen eine besonders gute Beziehung haben?“ Im Gegensatz zu Otto hat sich Sven vollständig von seiner Familie gelöst. Familienmitglieder haben für Sven keine größere Bedeutung als andere Menschen. „Alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz“. Auch die Beziehungen der „Familienangehörigen“ sind für Sven nicht viel mehr als Rechtsbeziehungen: „Also, Familie hat keine Bedeutung, also, alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz. Und warum soll ich zu Familienangehörigen eine besonders gute Beziehung haben, also, warum soll ich sie gut finden, wenn ich sie scheiße finde, nur weil das Blutsverwandte sind? Also, die Frage habe ich mir ganz nüchtern gestellt. Ich weiß, das ist eine absolute Einzelmeinung. Jeder denkt, ich habe nicht alle Tassen im Schrank. Das ist meine Meinung, schon immer gewesen. Die vertrete ich auch, ganz konsequent, denn ich find die (meine Familienmitglieder) alle total doof und deswegen habe ich zu denen keinen Kontakt mehr, fertig. Natürlich gibt‘s dafür Gründe, aber ich muss mit denen keine Zeit verbringen. Meine private Zeit ist heilig, die möchte ich so verbringen, dass es mir in meiner Freizeit gut geht und dass ich mich freue und dass ich mich nicht ärgere. Und zwar nur mit Personen, die ich gut finde, und nicht mit Leuten, die ich für Vollidioten halte − auch nicht, wenn es sich um Familienmitglieder handelt, deswegen spielt für mich Familie keine Rolle.“ (S. 9) In seiner Freizeit möchte sich Sven nur mit Menschen beschäftigen, die er „gut findet“. Im Gegensatz zur Familie sind Freunde für Sven sehr wichtig, allerdings hat er nur wenige Freunde in seinem Leben gehabt, weil er an eine Freundschaft sehr hohe Ansprüche stellt. Was Freundschaft ist, möchte er gerne definieren, aber: „Es gibt ja keine Definition. Jeder definiert ihn (den Freund) so, wie er es für richtig hält. Jeder Mensch macht das anders auf der ganzen Welt. Die beiden wichtigsten Parameter für Freundschaft sind Sympathie und Vertrauen, logischerweise.“ (S. 1) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 82 Sven macht es sich mit Freunden nicht leicht, und diese haben es auch schwer mit ihm. Sven berichtet viel von Freundschaften, die nicht lange gehalten haben oder aus seiner Sicht gar keine waren. Auch Freundschaften, die mehrere Jahre gedauert haben, sind letztlich gescheitert, und Sven hat dann immer die Beziehung endgültig abgebrochen, wie er das mit seinen Familienmitgliedern auch gemacht hat. „Also Partnerschaft wiegt um ein Zig-tausendfaches mehr als die Freundschaft für mich.“ Sven macht eine strikte Unterscheidung zwischen einer Partnerschaft und einer Freundschaft: „Ähm, was ist der Unterschied zwischen einem Ferrari und einem Fiat? Also Partnerschaft wiegt um ein Zigtausendfaches mehr, mehr als Freundschaft für mich. Partnerschaft ist das Wichtigste. Partnerschaft ist für mich ein Begriff, der den Begriff Freundschaft automatisch beinhaltet. Aber noch viel mehr. Freundschaft ist ein Teil von einer Partnerschaft. Alles das, was mit Liebe zu tun hat, und das hat ja mit Freundschaft nicht unbedingt zu tun, aber in einer Partnerschaft müssen natürlich auch die Elemente einer Freundschaft Niederschlag finden. Ist doch logisch. Wenn ich eine Partnerschaft eingehe und ich meine Partnerin nicht sympathisch finde, dann habe ich ein Problem. Geht ja nicht, und Vertrauen wäre auch nicht schlecht. Von daher sind diese Dinge, die Freundschaft determinieren, natürlich bei einer Partnerschaft ein Teil davon, aber zu einer Partnerschaft gehört natürlich noch viel mehr, deswegen ist Partnerschaft um ein Vielfaches wichtiger.“ (S. 6) Während für Sven Freundschaft Teil einer „Partnerschaft“ ist, ist „Partnerschaft“ nicht unbedingt Teil einer Freundschaft. Was Partnerschaft gegenüber Freundschaft auszeichnet, ist eine mögliche Liebesbeziehung, die die Partner miteinander eingehen können. Es ist die „Liebe“, die für Sven eine „Partnerschaft um ein Vielfaches wichtiger“ als eine Freundschaft macht. Für Sven schließt Liebe die Freundschaft mit ein, aber umgekehrt gilt das nicht: Liebe ist nicht „automatisch“ Teil einer Freundschaft. Interview mit Sven, einem Finanzberater 83 „Sind Schulfreunde und Geschäftsfreunde wahre Freunde?“ In meinem Interview mit Sven fragt er sich auch, inwieweit die Beziehungen, die er zur Zeit seiner Schulzeit mit Mitschülern gehabt hat, „Freundschaft“ genannt werden könnten. Das waren gewiss keine Freundschaften im Sinne einer Partnerschaft, es waren Jungen und Mädchen, mit denen man zur Schule ging und zusammen spielte. Waren das aber für Sven schon wahre Freunde? Es waren eher Spielkameraden und Schulkameraden, die Sven heute im Rückblick eher als „Schulfreunde“, aber nicht als wirkliche Freunde versteht: „Man hatte Freunde, die nach der heutigen Definition keine wären. Ja, klar waren das da Freunde, aber was hat man mit denen gemacht, man ist zur Schule gegangen als Kind. (…) Klar, Schulfreunde, Leute mit denen man in die Schule gegangen ist. Aber das sind keine Freunde. (…) Jeder, der quasi in meiner Klasse gewesen ist, ist mein Schulfreund gewesen. Schulfreund oder wenn ich mal, sag ich mal so, wenn man in irgendeiner Form geschäftlich tätig ist, mit dem man geschäftlich zu tun hat, mit dem man aber auch zum Essen geht, dann ist er für einen ein Geschäftsfreund. Kommt auch der Begriff Freund vor. Aber hat mit dem Begriff Freundschaft natürlich, zumindest nach meiner Definition, nichts zu tun.“ (S. 1) Was für Sven als Kind und Jugendlicher der „Schulfreund“ war, ist für ihn der „Geschäftsfreund“ als Erwachsener. Sven versteht sich als ein sehr tiefgründiger Mensch, der alles und jedes begrifflich klar haben möchte. Er möchte die Dinge in ihrer Logik begreifen. Gelingt ihm dies, dann kommt er zu für ihn ein für alle Mal feststehenden Erkenntnissen. In meinem Interview mit ihm sucht er immer wieder nach einer für ihn gültigen Definition von Freundschaft, die aber eine allgemeingültige sein soll: „Wenn man ein extrem tiefgründiger Mensch ist und den Begriff fünfmal auf die Goldwaage legt, und das tue ich bei allen Begriffen, dann kommt man eben zu solchen Erkenntnissen, dass Schulfreunde und Geschäftsfreunde, wenn man die Definition von Freundschaft ernst meint, keine wahren Freunde sein können. Heißt aber nicht, dass ich nie Freunde gehabt habe. (…) Im Sommer beispielsweise ist eine Freundschaft zu Ende gegangen, weil ich sie gekündigt habe, nach 13 Jahren, weil etwas passiert ist, was mir nicht gefallen hat und was, sag ich mal so, in der Freundschaft nichts zu suchen hat, und somit komme ich dann rückblickend zu der Erkenntnis, dass es keine Freundschaft gewesen ist.“ (S. 1) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 84 Für Sven ist die Suche nach einer strengen Definition von Freundschaft die Suche nach einer „Schutzwand“, die ihn vor Enttäuschungen schützen soll. Sven sieht durchaus, dass er mit seinem Bestehen auf strenge Definitionen in Schwierigkeiten geraten kann, so z. B. wenn er sich eigentlich gar nicht auf eine Freundschaft einlassen will und kann: „Das ist schwierig, das ist ganz schwierig, wenn man sich sagt, ich möchte von vorneherein eine Freundschaft oder ähnliches nicht zulassen. Da baut man dann eine kleine Schutzwand auf, dass man eben nicht enttäuscht werden kann. Also man kann ja nicht alles haben. Keine Enttäuschungen haben wollen, heißt eben auch, keine sozialen Kontakte haben. Das führt natürlich auch zu einer gewissen Einsamkeit. Das muss man dann auch sehen.“ (S. 15) Solche Erfahrungen hat Sven schon mit Schulfreunden gemacht, und er macht sie heute immer wieder mit Geschäftsfreunden. Solche „Schul- und Geschäftsfreundschaften“ scheitern meist dann, wenn sich die Geschäftsbedingungen ändern: „Man hat sich angefreundet auf einem Niveau, wo beide ungefähr gleichgestellt waren. D. h. beide haben vernünftiges Geld verdient und fertig. Irgendwann ging er aber in die Insolvenz, weil er nicht auf die richtigen Leute gehört hat. Bei mir war es umgekehrt. Bei mir hat sich alles positiv entwickelt. Und ich merkte, dass bei ihm (meinem Geschäftsfreund) der Begriff Neid eine Rolle spielte. Und dann sieht man natürlich, was Freundschaft ist. Darin darf der Begriff Neid nicht vorkommen. Wenn der Begriff Neid drin vorkommt, ist es keine Freundschaft mehr, und dadurch, dass der (Neid) eben ans Tageslicht kam, war für mich ganz klar, dass es zwischen uns gar keine Freundschaft gewesen ist.“ (S. 18) Sven möchte Situationen vermeiden, in denen Neid aufkommt. Er möchte nicht beneidet werden und er möchte auch selbst nicht neidisch sein. Er möchte „cool“ sein: „Also ich wirke nicht nur so cool. Ich bin cool. D. h. es prallt an mir ab. Das interessiert mich nicht. Wenn man aber beneidet wird von jemandem, den man näher an sich heranlässt als andere Personen, dann ist das eine unangenehme Situation. Mir ist das völlig fremd, jemanden zu beneiden, und wenn man dann mitkriegt, dass man von jemandem beneidet wird, der einem nähersteht als andere (als ein Freund gelten kann), dann ist das keine schöne Situation. Das ist unangenehm.“ (S. 18) Interview mit Sven, einem Finanzberater 85 Als Interpretin von Svens Auffassung von Freundschaft und diese mit anderen Auffassungen aus anderen Interviews vergleichend, kann man wohl fragen, ob Freundschaft nicht darin bestünde, schwierige Situationen, wie z. B. ein Neidischwerden unter Freunden, miteinander zu bewältigen, anstatt die Freundschaft aufzukündigen. Sven scheint dazu zu neigen, schwer zu lösende Probleme als Fehler und Schwächen des anderen, des bisher akzeptierten Freundes zu sehen. Einer, der sich in die Insolvenz manövriert hat, kann nicht länger sein Freund sein und zwar dann nicht, wenn dieser Neid ihm gegenüber entwickelt. Statt seinem Geschäftsfreund mit Rat und Tat zur Hilfe zu kommen, kündigt er die Freundschaft auf. Sven möchte keinen Versager als Freund. Freunde sind „auf einem Niveau“, wo beide ungefähr „gleichgestellt“ sind. Leas Freundschaften – eine Stellungnahme Lea ist Teilnehmerin meiner Internetbefragung. Sie hat sich in dieser Befragung sehr engagiert und mir ihre Ansichten zum Thema Freundschaft in einer ausführlichen Stellungnahme, die ich hier gesondert interpretiere, zum Ausdruck gebracht. „Wir unterstehen eben keinem unsichtbaren Gefühlsund Handelsgesetzbuch.“ Für Lea ist eine Freundschaftsbeziehung gar nichts Selbstverständliches. Sie sieht in jeder Freundschaft eine besondere Beziehung. Sie möchte sich in einer Freundschaft erleben und nutzt ihren Brief, um ihre ganz persönlichen Erlebnisse mit Freunden und Freundinnen auch für sich selbst zu klären. Ich verstehe ihren Brief als eine Selbstreflektion: „Gar nichts ist selbstverständlich und nichts will ich mehr erwarten, nur dankbar empfangen und mein natürliches Echo zurückschallen lassen.“ (S. 1) Lea möchte in einer Freundschaftsbeziehung ihr eigenes „Echo“ empfangen. Ihr geht es nicht primär darum, die Meinung des Freundes zu hören, sondern sie nutzt Freundschaft auch als „Resonanzraum“ für sich Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 86 selbst. Wie in anderen Interpretationen auch beziehe ich in meine Interpretation soziologische, psychologische und philosophische Theorien mit ein. Im Zusammenhang mit Leas Brief orientiere ich mich theoretisch an dem Soziologen Hartmut Rosa, der in seinem Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Wertbeziehungen“ (2006) Resonanzbeziehungen auf die folgende Weise erläutert: „Widerspruchsfähigkeit und -bereitschaft, nicht die blinde Übereinstimmung, sind geradezu eine Voraussetzung für Resonanzbeziehungen, erst sie ermöglichen es dem Subjekt, einen Widerhall in der Welt zu finden, der mehr ist als ein Echo.“ (S. 327) Für Hartmut Rosa ist es gerade ein Zeichen von wahrer Freundschaft, nicht bloß sein eigenes „Echo“ in der Freundschaft zu hören, sondern vom Freund einen „Widerhall“ zu empfangen, der gerade auch einen Widerspruch enthalten kann. Aus einem solchen Widerhall entwickelt sich das Verstehen des Anderen. Einen solchen Widerhall und nicht ein bloßes Echo erlebt Lea nun mit ihrem Freund A: „Ich verbringe gerne zum Beispiel mit Freund A meinen Sommer, im Winter aber mag ich es alleine zu sein und treffe dann lieber die Freundin B, weil die mich so herrlich versteht.“ (S. 1) Lea wünscht sich von Freund A so verstanden zu werden, wie sie von ihrer Freundin B verstanden wird: „Ich wünsche mir dann sooooo sehr, dass Freund A mich auch versteht und gehen lässt, mich neue Erfahrungen mit neuen inspirierenden Menschen machen lässt.“ (S. 1) Aber Lea ist sich unsicher, ob ihr Freund A ein solches intensives Verständnis ihr gegenüber aufbringen kann: „Die Erwartung des A sind vielleicht ganz andere und er fühlt sich ungeliebt und verstoßen, dabei brummt die weiche Hummel doch nur durch ihr Revier und sammelt fleißig Pollen, damit man dann zur gegebenen Zeit wieder zusammen naschen kann.“ (S. 1) Lea fühlt sich wie eine „weiche Hummel“, die „fleißig Pollen sammelt“. Die weiche Hummel fliegt umher, verlässt ihren Stamm. In dem Fall verlässt Lea ihren Freund für eine bestimmte Zeit, um „neue Erfahrungen“ zu machen. Sie möchte aber dann gerne ihre Erfahrungen gemeinsam mit ihrem Freund nutzen. Leas Freundschaften – eine Stellungnahme 87 In manchen Lebenssituationen muss Lea die Freundschaft verlassen können, wann sie es will, um sich anderweitig orientieren zu können. Sie möchte gerne entscheiden, wann sie die Freundschaft wieder aufnehmen kann. Sie wünscht sich von ihrem Freund, dass er ihr die Freiheit einräumt, ihn verlassen und zu jeder Zeit zu ihm zurückkommen zu können. „Wir unterstehen eben keinem unsichtbaren Gefühlsund Handelsgesetzbuch.“ Lea wünscht sich, dass ihr Freund A ihre Freundschaftsbeziehung nicht einem moralischen Gesetz unterwirft, das ihr ihre Freiheit nehmen könnte. Freundschaft ist für sie eine Beziehung, die sie nicht einschränken, sondern ihr Freiheit gewähren soll. Für sie ist es wichtig, dass ihr Freund auf ihre Rückkunft warten kann. Sie ist sich allerdings nicht sicher, dass er das auch wirklich tun wird. Von sich weiß Lea, dass sie im umgekehrten Falle nicht die von ihrem Freund gewünschte Großzügigkeit hat. So reagiert sie z. B. mit Wut und Distanz ihrer Freundin Margret gegenüber, von der sie sich in einer schwierigen Situation „im Stich gelassen“ fühlte: „Ich hatte meine Freundin Margret ein Jahr lang nicht besucht. Ich war zu dieser Zeit wütend, weil sie mich MEINER Meinung nach im Stich gelassen hatte, als ich sie am nötigsten brauchte. Sie versuchte alles Mögliche, um an mich heranzukommen, aber ich blieb unerreichbar, gratulierte ihr lediglich zum Geburtstag. Ich war beleidigt. Ein Jahr später kam ihre Mama dann ins Krankenhaus.“ (S. 1) Lea fühlte sich lange Zeit von ihrer Freundin Margret allein und im Stich gelassen, weil sie nicht für sie da war, als Lea Margret am nötigsten brauchte“. Erst als sie von der schweren Erkrankung der Mutter ihrer Freundin erfuhr, ändert sie ihre Haltung. Sie konnte jetzt ihr Gefühl im Stich gelassen worden zu sein, zurückdrängen. Ihr wurde schlagartig klar, dass Margret sie jetzt dringend brauchte, und ließ die Kontaktaufnahme zu. Sie beendete das Spiel: Wenn du für mich unerreichbar bist, bin ich es für dich auch. Beide fanden zu einer neuen intensiven Freundschaft zurück: „Ich ließ Margrets Anruf nun zu und ich fuhr zu ihr und wir redeten beide intensiv über den Auslöser und die jeweilige Sichtweise des Anderen. Ich gestand ihr meine Schwäche ein, nämlich beleidigt alle Schotten dicht zu machen, statt mich mit ihr auseinanderzusetzen, und sie bat mich um Verzeihung, weil sie an dem Tag, als ich sie „brauchte“ keine Köppe und null Bock hatte zu springen wie ICH es gerade wollte. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 88 Wir schworen uns von da an, absolute zeitnahe und schonungslose Ehrlichkeit, also genau in dem Moment, wo ‚es‘ gerade passierte.“ (S. 1) Man kann nun fragen, ob es Lea wirklich nur darum ging, ihrer neu gewonnen Freundin in einer Krise Beistand zu leisten. Ihr schien es auch wichtig zu sein, die Probleme, die zum Bruch ihrer Freundschaft geführt hatten, mit ihrer Freundin zu besprechen. Ihr starker Wunsch war, die alte Freundschaft zu begraben und eine neue Freundschaft ins Leben zu rufen, und diese mit einer Flasche Rotwein zu begießen und „schonungslose Ehrlichkeit“ miteinander zu beschließen. Das war Leas Wunsch: „Da ich Ehrlichkeit als einzige Bitte an andere richte, fange ich selber bei mir an, nämlich den alltäglichen Selbstbetrug auszuradieren − und dafür brauchst du eine Menge Ratzefummel.“ (S. 1) Lea ist Ehrlichkeit sehr wichtig, nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst. Sie will diese Ehrlichkeit bei sich selbst praktizieren, und das erwartet sie auch von ihren Freundinnen, gegen den „alltäglichen Selbstbetrug“ geht sie radikal mit dem „Ratzefummel“ vor. Sie möchte nicht, dass man einem „unsichtbaren Gefühls- und Handelsgesetzbuch“ untersteht. So etwas soll es in einer Freundschaftsbeziehung nicht geben. Leas Ansprüche an ihre Freunde und an sich selbst sind sehr hoch und es stellt sich die Frage, inwieweit sie für Lea immer einhaltbar sein können. Es scheint manchmal so, dass sie die radikale Ehrlichkeit von anderen fordert, aber nicht immer bei sich selbst einhalten kann. Lea spricht über „wahre Freundschaft“, nach der ich sie gefragt hatte. Sie fragt sich selbst: Existiert „wahre Freundschaft“? Lea sucht nach einem „gedanklichen Deutungsrahmen“, zu dessen Verständnis ich den Begriff des „Frame“, wie ihn Elisabeth Wehling in ihrer Untersuchung „Politisches Framing“ (2016) beschreibt, heranziehe. „Frames“ sind: „immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache (…) in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar ohne, dass wir es merkten.“ (S. 18) Leas Freundschaften – eine Stellungnahme 89 „Frames“ sind weitgehend nicht bewusst.14 So formuliert auch Lea ganz selbstverständlich ihren Frame von Freundschaft, den ich auf die folgende Weise interpretiere: Für Lea ist wahre Freundschaft das Vertrauen, über alle Probleme reden zu können, die man miteinander hat. Man muss einander „verzeihen und den anderen annehmen in seiner Vielfalt, mit seinen Spleens“ Man muss einander „gehen und wiederkommen lassen.“ Das ist Leas Frame von „wahrer Freundschaft“. Dieser schließt für sie von vornherein „Unwahrheit“ und „Falschheit“ aus, die sie an anderen kritisiert. Lea geht es um eine radikale Ehrlichkeit, die sie glaubt von anderen fordern zu können, aber bei sich selbst nicht immer einhalten kann. Leas Frame von Freundschaft ist dem von Sven ähnlich. Auch Sven schließt „Unwahrheit“ und „Falschheit“, zu der ja für Sven auch der „Neid“ gehört, aus seinem Frame der Freundschaft aus. Auch für Sven geht es um eine radikale Ehrlichkeit, die er von Freunden fordert, er selbst hat es aber schwer, sie einzuhalten. Lea und Sven glauben beide, dass sie mit anderen und sich selbst radikal ehrlich sind. Lea und Sven folgen einer strengen Moral. Sie dulden keine Unwahrhaftigkeit in Freundschaftsbeziehungen. Sie möchten, dass andere genauso denken wie sie. Ein solcher radikaler ausschließlicher Frame von Freundschaft, dem sich Lea und Sven verpflichtet fühlen, macht ihre Freundschaftsbeziehungen schwierig. Es kommt leicht zu Konflikten, die für sie unlösbar scheinen. Sie fühlen sich dann genötigt, die Freundschaft zu beenden. Im Folgenden konzentriere ich mich in meiner Interpretation wieder allein auf den „Freundschafts-Frame“ von Lea. 14 In seinem Buch „Jenseits der Illusionen“ (1962a) schreibt Erich Fromm: „Als das ‚gesellschaftliche Unbewußte‘ möchte ich jene Bereiche der Verdrängung bezeichnen, welche bei den meisten Mitgliedern einer Gesellschaft anzutreffen sind. Bei diesen von der Allgemeinheit verdrängten Elementen handelt es sich um Inhalte, die den Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft nicht bewußt werden dürfen, wenn diese Gesellschaft mit ihren spezifischen Widersprüchen reibungslos funktionieren soll.“ (S. 96) Fromm beschreibt hier die unbewußte Seite eines „Frames“, die Wehling in ihrer kognitionslinguistischen Untersuchung von „Frames“ durchaus thematisiert, aber kein eigenes auf die Psychoanalyse bezogenes Verständnis eines „Frames“ entwickelt. In meiner Interpretation von Leas Vorstellungen von Freundschaftsbeziehungen habe ich die Perspektive von Elisabeth Wehling mit der von Erich Fromm zu vermitteln gesucht. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 90 Lea möchte sich gerne ihre Freiheit in der Freundschaft bewahren, während „Freund A“ sie gerne an sich binden möchte und sich „ungeliebt“ und „verstoßen“ fühlt, wenn Lea ihn verlässt, um ihre Freiheit auszuleben. Es könnte auch sein, dass Freund A nicht so denkt wie Lea es beschreibt, und ein eigenes „Framing“ von Freundschaft hat. Zum „Framen“ gehört aber, dass man sich kaum vorstellen kann, dass der andere ein anderes Framing hat. So können wir auch den von mir schon interpretierten Streit, den Lea mit ihrer Freundin Margret hatte, als ein Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen, konfligierenden Frames verstehen. Für Lea ist es schwer vorstellbar, dass andere eine andere Vorstellung von Freundschaft haben könnten als sie. So kommt es leicht zum Streit, wenn jemand anders denkt und fühlt als sie es erwartet. Ihr Frame, ihr „gedanklicher Deutungsrahmen“ von Freundschaft, in dem sie sich so wohlfühlt, in dem sie die „weiche Hummel“ ist, die von „Polle zu Polle“, von Freund zu Freund fliegt, wird von ihrem Freund A nicht anerkannt. Das verletzt sie und es kommt zum Streit. Hummeln können auch gefährlich brummen. Eskaliert der Streit, können Hummeln auch schmerzhaft zustechen. Dann wird persönlich ausgetragen, was eigentlich ein Konflikt zwischen verschiedenen moralischen Frames ist. So schreibt Elisabeth Wehling in ihrer Untersuchung (2016) „Politisches Framing“: „Spannungen, Reibereien und Streit sind zumeist nichts anderes als das Kollidieren gegensätzlicher moralischer Frames – ob in der Familie, unter Freunden und Kollegen oder in der Politik.“ (S. 54) Wollte man sich in einen solchen Streit einmischen, so wäre der Vorschlag von Elisabeth Wehling sehr hilfreich, sich gar nicht erst auf den Frame des anderen einzulassen, sondern dem anderen seinen eigenen Frame entgegenzusetzen und ihn durchzusetzen. Man soll sich gar nicht erst auf den anderen einlassen, den Frame des anderen negieren wollen: „Frames zu negieren bedeutet immer, sich gedanklich auf sie einzulassen“ (S. 54) Nach Ansicht von Elisabeth Wehling ist ein Streit bereits verloren, wenn man seine „eigene Weltsicht“ nicht entgegensetzt. So hätte z. B. Freund A den möglichen Konflikt mit Lea bereits verloren, wenn er Leas Moral des Leas Freundschaften – eine Stellungnahme 91 „Herumhummelns“ in welcher Weise auch immer negieren würde. Denn das bedeutete für Freund A immer, sich auf die Gedanken aus Leas Frame einzulassen, Gedanken, die ihm unangenehm und peinlich erscheinen können, weil sie in der Moral seines eigenen Frames als unmoralisch gelten. Solche Gefühle und Gedanken haben ihre eigene Selbstverständlichkeit, die Elisabeth Wehling in ihrer kognitionslinguistischen Analyse theoretisch und an empirischen Beispielen beschreibt. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 92 Freundin und Freund in den Blicken der Anderen Sowohl aus meiner Aufarbeitung vielfältiger Theorien der Freundschaftsforschung als auch aus meiner empirischen Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk, ergibt sich eine eigenständige sozialpsychologische Untersuchungsperspektive der Freundschaft. Den folgenden Überlegungen liegen zentrale empirische Auswertungen und Theorien zum Thema Freundschaft zugrunde. Es geht um eine mit qualitativer Empirie fundierte Theorie der Freundschaft. Ich orientiere mich dabei an Thomas Fuchs „Analyse des Blicks“, wie er sie in seiner Untersuchung „Leib Raum Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie“ (2000) vorgenommen hat. Ich möchte zeigen, dass es einen freundschaftlichen Blick auf Menschen und Dinge in einer Gesellschaft geben muss. Der freundschaftliche Blick ist ein wesentlicher Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen. Bei der folgenden Blickanalyse geht es darum, wie man vom anderen gesehen wird und wie man den anderen sieht. Fuchs macht in seiner phänomenologischen Blickanalyse folgende Unterscheidungen: Er unterscheidet den „faszinierenden", den „objektivierenden“ und den „liebenden Blick“. „Der faszinierende Blick wirkt bannend, anziehend, ja einverleibend: Er fesselt den eigenen Blick, (…) die Liebe auf den ersten Blick ist von dieser Art. Wenn man sagt, dass jemand von einer Person geblendet (…) ist, so bezeichnet die Sprache damit treffend den Verlust des eigenen (Gegen-)Blicks und damit der Fähigkeit zur kritischen Distanzierung.“ (S. 284) In meinem Interview mit dem Restaurateur Arnold und der Modedesignerin Petra beschreiben die beiden, was sie fasziniert. Sie erzählen von einer Modenschau, auf der sie gemeinsam gearbeitet haben: Arnold: „Ja, also unglaubliche Ästhetik. Und da waren natürlich auch dann Schuhe von Alexander McQueen, die ich in London natürlich auch 93 live gesehen hatte, wie die Mädchen drauf laufen mussten und so. Und das ist für mich dann auch wieder interessant, in solche Welten dann reinzukommen. Aber was eben schön ist, ist dass ich dann nicht wie viele Männer, die dann mit Frauen unterwegs sind, dann so dasitzen und dann denken, wann ist die Alte denn endlich mal fertig und so. Sondern dass ich das wirklich schön finde, durch Petra quasi einen Zugang zu einer Welt zu kriegen und mich dann darin bewegen zu können und das auch selbst genießen zu können.“ Petra: „Ja, Du bist ja auch Teil dessen.“ (S. 11) Arnold ist von der Modenschau fasziniert. Er gewinnt „durch Petra quasi einen Zugang zu einer Welt“ und ist begeistert. Er möchte sich in dieser Welt bewegen können, genießen können und Teil von ihr sein. Seine Faszination von dieser Welt, „dieser unglaublichen Ästhetik“ führt dazu, dass er sich damit vollständig zu identifizieren sucht. Seine Faszination führt ihn zu dieser Identifikation. Sein „faszinierender Blick“ ist wie „gebannt“. Er fühlt sich von dieser Modewelt wie einverleibt. Zugleich fühlt er sich auch von Petra besonders angezogen. Sie fasziniert ihn auch als Person, als eine Person, die in diese Modewelt integriert ist. Als Modedesignerin strahlt Petra für Arnold die ganze Aura der Modewelt aus. Bei dieser Faszination ist es Petra allerdings etwas unbehaglich. Sie möchte mit Arnold eine Arbeitsbeziehung und nicht einen Verehrer. Der objektivierende Blick Fuchs setzt gegen den „faszinierenden Blick“ der Identifikation den „objektivierenden Blick": „Von anderer Art ist der objektivierende Blick: Als kalter, musternder, abweisender, verachtender oder feindlicher Blick verhindert er, der objektivierende Blick, gerade die Verschmelzung (die Fuchs in seiner Analyse des ‚faszinierenden Blicks‘ auch als ‚Einverleibung‘ beschrieben hat), wirft vielmehr den Angeblickten auf den eigenen Leib zurück, wirkt distanzierend und einengend. Er erzeugt Befangenheit, peinliche Selbstbewusstheit, Scham und löst eher Blickabwendung, nicht Blickfixierung aus.“ (S. 284) Der „objektivierende Blick“ fixiert nicht, wie der „faszinierende Blick“ das tut, sondern ist viel eher eine „Blickabwendung“. Er schafft Distanz zum Objekt und versucht so geradezu eine „Verschmelzung“ mit dem Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 94 „Angeblickten“ zu vermeiden. Er beengt und begrenzt sich und den anderen und erzeugt eine scharfe Trennung zwischen sich und dem von ihm angeblickten Objekt. Er objektiviert und will damit den von ihm Angeblickten zu einem bloßen Objekt machen, das dann „kalt“, „musternd“, „verachtend“ oder gar „feindlich“ angeblickt werden kann. Der „objektivierende Blick“ will distanzieren. Meinem Interviewpartner Sven macht es z. B. nichts aus, Mitarbeiter zu kündigen, wenn diese nicht mehr gebraucht werden. Er mustert sie und schaut sie nicht selten abweisend und verachtend an. Er wendet seinen Blick von ihnen ab, wenn sie für ihn nicht mehr nützlich sind. Er objektiviert sie, macht sie zu bloßen Gegenständen und vermeidet so jedes Mitgefühl mit ihnen. Er will nicht einmal Mitleid mit ihnen empfinden. Er vermeidet strikt die Teilnahme an ihrem Schicksal. Wer nichts mehr nützt, ist verachtenswert. Er positioniert sich feindlich denen gegenüber, die er „objektiviert“. Eine Verschmelzung mit ihnen soll von vornherein unmöglich sein. Auf diese Weise fällt es ihm leicht, Menschen einfach zu kündigen. Sven: „Ich finde es extrem angenehm, diese Beziehungen (Arbeitsbeziehungen) zu beenden.“ (S. 19) Diese Aufgabe, Mitarbeiter zu kündigen, hat Sven immer gerne auch für andere übernommen. Das hat ihm immer Spaß gemacht − für andere, die sich mit Kündigungen schwertun, zu kündigen: Sven: „Dann habe ich gesagt, das mache ich für euch. Das habe ich immer gerne gemacht. Einfach Leute gekündigt. Also zu sagen, fachlich, hier ist jetzt Feierabend. Schluss aus vorbei. Fertig. Die haben mich immer genommen dafür. Hab ich mich immer gut bezahlen lassen dafür. Die brauchten dann nicht ihr Gesicht (zu verlieren). (…) Also solche unangenehmen Entscheidungen zu treffen, ist für mich nicht unangenehm. Das Leben hat ganz viele Entscheidungen. Man muss viele Entscheidungen im Leben treffen. Nicht nur angenehme, auch unangenehme. Das kann ich genauso gut.“ (S. 19) Sven ist stolz auf seine Schamlosigkeit. Sein Blick auf die zu Kündigenden ist kalt, musternd, abweisend, verachtend, also „objektivierend“. Er macht die Mitarbeiter eines wirtschaftlichen Unternehmens zu bloßen ökonomischen Objekten. Der objektivierende Blick 95 Der starre Blick Varianten des faszinierenden und des objektivierenden Blicks finden sich im „starren Blick“. Im starren Blick ist wie im objektivierenden Blick das Moment der Fixierung enthalten. Aber auch der faszinierende Blick kann leicht etwas „Starres“ haben, wie Thomas Fuchs in seiner phänomenologischen Blickanalyse schreibt: „Beide Blicke lassen den Erblickten erstarren, der eine aber durch Bannung und Sich-Verlieren im Auge des Anderen, der andere dagegen durch distanzierende Verdinglichung, ja Entwertung bis hin zum ‚vernichtenden Blick‘“. (S. 284 f.) Der „starre Blick“ will den Angeblickten einschränken, ihm seine Lebendigkeit nehmen. So kann man sich in der Faszination gebannt, gefesselt und festgenagelt fühlen. Man fühlt sich dann ausgeliefert und verloren, eingesperrt, ohne eine Chance zu sehen, sich aus dem Blickgefängnis befreien zu können. Dennis, ein Schüler aus der 8. Klasse eines Gymnasiums, beschreibt, wie sein Blick starr wird, wenn es in der Freundschaftsbeziehung um Geld geht: „…dass man nur dem anderen immer Geld sonst wo hinschiebt, dann hört die Freundschaft auch irgendwann auf. Wenn’s halt auch nur immer kleine Beträge sind und das ein bissel so hin und her geht, man gibt jemanden was, dann gibt er einem was wieder zurück, das ist dann irgendwo schon in der Mitte, aber wenn man nur dem anderen immer, immer, immer Geld geben muss, dann sagt man sich irgendwann, ich kann doch nicht nur dem anderen sozusagen aus der Patsche helfen und dafür selbst aber überhaupt nichts bekommen, auch wenn’s ’ne Freundschaft ist, wenn man nur Verluste daraus macht, dass es nichts mit der Freundschaft zu tun hat.“ (S. 31) Dennis schildert seine Enttäuschung über eine Freundschaft, in der der Freund ihn nur als eine Geldquelle sieht. So wird eine Beziehung unter Freunden zu einer Geldbeziehung. Der Freund ist nur dann wichtig, wenn er in der Lage ist, Geld zu geben oder zu leihen. Der Freund wird zu einer baren Münze, zu einem Ding herabgesetzt. Freundschaft, die sich mehr und mehr zu einem Verlustgeschäft entwickelt, kann schwerlich als etwas anderes als eine tiefe Enttäuschung erlebt werden. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 96 Das gilt für beide Freunde, die sich zu einer Geldbeziehung, zu einem bloßen Nehmen und Geben entfremdet haben. Der Freund sieht sich als „Goldesel“ missbraucht, der ausgenommen und betrogen wird. Eine bloße Geldbeziehung lässt die Gefühle „erstarren“ und den Blick auch. Ein Freund, der lebendige Gefühle in eine solche Freundschaftsbeziehung investiert, ist von vornherein der Dumme, der sich manipulieren und ausnutzen lässt. Beide können sich nur als bloße Tauschpartner sehen. Sie manipulieren sich wechselseitig, so wie man Dinge manipuliert. Der Blick will sie zu manipulierbaren Dingen erstarren lassen. Mit Thomas Fuchs verstehe ich einen solchen „starren Blick“ auch als eine „distanzierende Verdinglichung“. Im starren Blick wird der Angeblickte zu einem Ding gemacht, der andere wird in seiner Persönlichkeit entwertet. Dennis kann sich schwerlich anders fühlen als die von Sven gekündigten Mitarbeiter, deren Situation wir schon interpretiert haben. Wie diese kann sich Dennis durchaus als bloßes verfügbares Humankapital fühlen. Aus der Bilanz gelöscht wird er sich vernichtet fühlen. So kann leicht aus einer bloß ökonomischen Kalkulation eine moralische Untat werden. Sartre schreibt in „Das Sein und das Nichts“ (1952) über den „starren Blick“ Folgendes: „So bin ich mein Ego für den anderen inmitten einer Welt, die zum anderen hin abfließt.“ (S. 471) „Es genügt, dass der Andere mich anblickt, damit ich das bin, was ich bin. Zwar nicht für mich selbst (…), wohl aber für den anderen. (…) Für den anderen sitze ich, wie dieses Tintenfass auf dem Tisch steht.“ (S. 473) Der „starre Blick“ auf den Anderen zerstört die Gleichwertigkeit der Freunde. Der so Angeblickte muss sich schwach gemacht fühlen.15 Dennis fühlt sich enttäuscht, wenn ihn sein Freund in die Schwäche eines manipulierbaren Dinges versetzt. Es fällt ihm schwer, sich dem 15 Zur gleichen Zeit, in der Sartre „Das Sein und das Nichts“ (1952) schrieb, schrieb Simone de Beauvoir ihren Roman „Sie kam und blieb“ (1953), in dem der starre Blick immer wieder zum literarischen Beziehungsthema wird. In einer Szene des Romans besucht der Schauspieler Guimoit seine Freundin Elisabeth. Es kommt zu folgender Liebesszene: Der starre Blick 97 Bann des „starren, verdinglichenden Blicks“ seines Freundes zu entziehen. Er kann nicht zugleich dem „starren Blick“ ausgesetzt sein und ihn reflektieren. Denn Reflexion distanziert die Erstarrung und löst sie damit auf. Sartre interpretiert solches Erlebnis des Angeblicktwerdens als einen Schwachpunkt unserer Wahrnehmung: „Wir können nicht die Welt wahrnehmen und gleichzeitig einen auf uns fixierten Blick erfassen; es muss entweder das eine oder das andere sein. Wahrnehmen ist nämlich Anblicken, und einen Blick erfassen ist nicht ein Blickobjekt in der Welt erfassen (…), sondern Bewusstsein davon erlangen, angeblickt zu werden.“ (S. 467) Der familiale Blick Familien haben ihre besondere Beziehungsdynamik, die in verschiedenen Rollen zum Ausdruck kommt und in den meisten Familien ganz selbstverständlich ist. Das Wort Familie lässt spontan an Eltern, Vater, Mutter und Kinder denken. Das Wort Familie weckt zunächst Gedanken und Gefühle an eine harmonische, bisweilen auch konfliktreiche Beziehungskultur, die sich wesentlich von Freundschaftsbeziehungen unterscheidet. Zuweilen rücken Vorstellungen, was Freundschaft alles sein könnte, in den Mittelpunkt von Gesprächen in der Familie. Diese „Er sah sie jetzt zwischen halb geschlossenen Lidern an; Elisabeth bot ihm ihren Mund und schloss die Augen, sie konnte diesen Blick nicht ertragen, den Blick des Professionals; als seine Finger über ihren Körper einen Schauer flaumiger Zärtlichkeit rieseln ließen, hat sie das Gefühl, dass es die Hände eines Spezialisten waren, genauso gut ausgebildet wie die eines Masseurs, eines Friseurs, eines Zahnarztes; Guimiot kam gewissenhaft seiner Mannesaufgabe nach, wie konnte sie nur diese ironisch erwiesene Gefälligkeit annehmen? (…) sie öffnete die Augen einen Spalt. Die Lust verzerrte Guimiots Mund, seine Augen sahen wie schräge Schlitze aus; jetzt dachte er mit einer Art von Profitgier nur noch an sich selbst. Sie schloss wieder die Augen; sie fühlte sich von dem Bewusstsein einer brennenden Schmach verzehrt. Sie hatte es jetzt eilig damit, nur zu Ende zu kommen.“ (S. 119) Beauvoir beschreibt Guimiot als eine Art kunstfertigen Liebestechniker, der sein Handwerk versteht, mit dem Blick des Professionals und den Händen eines Spezialisten unterwirft er seine Freundin Elisabeth zu einem bloßen Objekt. Der Profitgier des professionellen Sexspezialisten ist sie nicht gewachsen. Er macht sie zum Objekt seiner Sextechniken und seiner Lust, denen sie hilflos ausgeliefert ist und sich unterwerfen muss. „Sie schloss die Augen“, „es blieb ihr nichts als zu leiden“. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 98 Gespräche sind nicht immer harmonisch. Es kommt zu ernsten Konflikten. Eltern wünschen sich Kinder, die erwachsen werden wollen. Das bleibt ein ambivalenter Wunsch, gespeist von Erinnerungen an Erlebnisse glücklichen Zusammenseins mit eigenen Kindern. Dieser Wunsch nach einer glücklichen und spielerischen Kommunikation mit Kindern, ändert sich im Verlauf des Erwachsenwerdens der Kinder. Dann geht es um den Wunsch nach ernsten Gesprächen mit den älter gewordenen Kindern. Das sind Gespräche, die man auch als Gespräche unter Freunden beschreiben könnte. So kann der Wunsch entstehen, die Familie in eine echte Freundschaftsbeziehung zu verwandeln. Dieser Wunsch aus Kindern erwachsene Freunde zu machen, beschäftigte meinen Interviewpartner Hans: „Freundschaft, würde meine Familie glaube ich sagen, ist das nicht. Das ist was anderes. Familie würden sie glaube ich sagen. Natürlich sind wir befreundet, aber das ist glaube ich für meine Frau, die würde sagen: Hey komm, wir sind verheiratet. Die Kinder würden sagen: Hey, wir sind deine Kinder. Wieso machst du uns zu Freunden? Und die Enkelkinder würden sagen: Hey, wir sind deine Enkelkinder. Wieso erklärst du uns zu Freunden? Wir sind deine Enkelkinder. Wir sind qualifiziert mit dir verbunden. Bei meinen Kindern habe ich inzwischen das Gefühl (…) wir entwickeln uns zu Geschwistern.“ (S. 14) Die Kinder von Hans können sich ihren Vater, viel besser als einen Bruder vorstellen, weniger als einen Freund. Für seine Frau soll er Ehemann bleiben. Freundschaften sollen außerhalb der Familie entstehen. Innerhalb der Familie haben sie keinen Platz. Hans hat das Gefühl, dass er und seine Kinder sich zu Geschwistern entwickeln. Hans wünscht sich, mit seinen Kindern befreundet zu sein. Seine Kinder wünschen sich, ihn als Vater festzuhalten. Daraus entsteht eine Konstellation, in der seine Kinder und er sich zu „Geschwistern“ entwickeln können. Der familiale Blick hält ihn gefangen. Man kann sich seine Familie nicht aussuchen, seine Freunde aber schon. In einer Freundschaftsbeziehung gibt es einen starken Wunsch nach Gleichwertigkeit. Man wünscht sich keine Hierarchie. In der Regel wird die Familie als eine hierarchisch gegliederte Organisation aufgefasst. Dem Vater wird die oberste Position in der Familienhierarchie zugewiesen und die Geschwister werden eher als Der familiale Blick 99 gleichwertig gesehen, eine Gleichwertigkeit, wie sie ähnlich auch unter Freunden herrscht. Hans wünscht sich mit seiner Frau und seinen Kindern eine Beziehung, die der Gleichwertigkeit von Freunden entspricht. Es deutet sich eine Kompromissbildung zwischen Freundschaftlichkeit und Geschwisterlichkeit an. Mit diesem Kompromiss scheint Hans einverstanden zu sein: „Ich habe inzwischen das Gefühl, wir entwickeln uns zu Geschwistern“ (S. 14) Der familiale Blick wandelt sich zu einem Blick der Gleichwertigkeit unter Geschwistern. Die Familie bleibt erhalten, aber die Hierarchie in ihr wird abgebaut. In den familialen Blick wird zunehmend ein freundschaftlicher Blick integriert. Auf diese Weise wird die Verantwortung für die Familie, die hauptsächlich im traditionellen Familienbild beim Vater bzw. den Eltern liegt, auf alle Familienmitglieder verteilt. So kann es bei zunehmendem Heranwachsen der Kinder einen Übergang von einer traditionellen hierarchischen Familienorganisation über eine Organisation geschwisterlicher Beziehung zu einer außerfamilialen Organisation der Freundschaftsbeziehung geben. Solche Veränderungen in der Familienorganisation sind dem Erwachsenwerden der Kinder förderlich. Sie werden nicht in der Rolle der Kinder festgehalten, wie auch der Vater nicht in einer traditionellen Vaterrolle fixiert bleibt. So wird ein „starrer Blick“, von dem schon die Rede war, weitgehend vermieden. Eine solche Familienentwicklung ermöglicht eine größere Offenheit der Familienmitglieder untereinander. An die Stelle der Erstarrung in Familienrollen tritt die Chance einer Entwicklung zu größerer Reife und Selbstverantwortung, ohne dass man den familialen Lebenszusammenhang verlassen muss, ihn aber verlassen kann. Anders als Hans beschreibt Arnold im Interview auch die Schwierigkeiten, die in einer offenen Familienorganisation entstehen können, einer Familienorganisation von kreativen Menschen: „Also ich habe zum Beispiel zwei Nichten. So, und die Große, der bin ich auch sehr zugewandt und das ist auch sehr positiv, obwohl die sich auch sehr kompliziert entwickelt hat. Aber das ist halt auch ein kreativer Mensch und das ist auch ein Mensch, die sehr, also die sehr große Teile meiner Welt auch übernommen hat, auch innerlich für sich übernommen Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 100 hat. Und das ist etwas, was mich sehr freut und was ich auch sehr schön finde, aber wie gesagt, es sind so die anderen Familienmitglieder immer so als rostige Scharniere sozusagen dazwischen, und das ist halt schwierig dann oft, so sich dann freizustrampeln.“ (S. 17 f.) Die Beziehungen in einer offenen Familienorganisation sind durchaus konfliktreich. Die Familienmitglieder schwanken zwischen großem wechselseitigem Verständnis zueinander, so bei Arnold mit seiner Nichte, und verfestigten eingerosteten Beziehungsmustern, aus denen man sich „freistrampeln“ muss. Der familiale Blick hat also nicht nur eine harmonische Seite, in die er die Familienmitglieder einbindet, wie sie Hans beschrieben hat, sondern der familiale Blick ist gleichermaßen einschränkend und festhaltend wie „rostige Scharniere“, die quietschen und knarren, die man nur schwer öffnen kann und aus denen man sich erst „freistrampeln“ muss. Arnold versucht, die harmonische Seite seines Blicks auf die Familie, seine Erfahrungen mit seiner Nichte, in das Feld seiner Arbeitsbeziehung zu übertragen. Das gelingt ihm in der Beziehung mit seiner Kollegin Petra, die er auch als Freundin sieht, wie sie auch ihn als ihren Freund sieht: „Zum Beispiel, ich kann mit Petra auch Modenschauen und auch Fotoshoots oder so machen. Wir können das machen, weil wir miteinander harmonisch und unangestrengt und ohne große Reibung, ohne Anstrengung, ohne dieses Quietschen, was ich da meine, umgehen können. Und es gibt halt Menschen, und dazu gehört leider ein großer Teil meiner Familie, da ist für mich der soziale Kontakt anstrengend, und zwar im gro- ßen, großen, großen Maße anstrengend. Und mit zunehmendem Alter habe ich einfach festgestellt, dass ich das nicht mehr will, dass ich diese Form von Anstrengung nicht mehr auf mich nehmen will, dass ich mich gerne im Positiven anstrenge. Also ich schiebe gerne mit Petra ihr Boot ins Wasser, um dann zu sehen, wie das fährt, aber ich möchte mich nicht mehr im sozialen Umgang sozusagen abmühen und abhampeln und am Ende, sagen wir mal, ist es eine Totgeburt, weil es irgendwie nicht funktioniert.“ (S. 18) Während Arnold sich in der Beziehung zu seiner Familie eingesperrt und eingeengt fühlt, kann er mit Petra eine „produktive Orientierung“ für sein Leben realisieren. Mit ihr gemeinsam kann er das „Boot ins Wasser“ bringen. Arnold wünscht sich einen „sozialen Umgang“ und nicht mehr bloß einen familialen Umgang. Dann blüht er auf und Der familiale Blick 101 kann seine Potentiale nutzen. Mit Petra kann er sich auf die positiven Seiten, die ihm das Leben anbietet, konzentrieren. Erich Fromm schreibt in seinem Aufsatz „Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes“ (1970b): „Die Tendenz (…) etwa an Blut, Familie oder Sippe gebunden zu bleiben, findet sich bei allen Menschen. Sie steht in ständigem Konflikt mit der entgegengesetzten Tendenz (…), Fortschritte zu machen und zu wachsen. (…) Bisher gab es in der Geschichte die inzestuöse Fixierung an Familie, Sippe, Nation, Staat und Kirche bei den meisten Menschen zwar nicht extrem ausgeprägt, aber doch als wirksame Kraft. Sie ist einer der wichtigsten Faktoren gegen die menschliche Solidarität, und sie ist eine der tiefsten Quellen von Hass, Destruktivität und Irrationalität.“ (S. 316) Arnolds Erfahrungen mit seiner Familie lassen sich in das, was Fromm unter destruktiven Verhältnissen versteht, interpretieren. Arnold möchte sich nicht länger Anstrengungen und Reibungen, wie er sie in seiner Familie erleben musste, aussetzen. Er hat familiale Bindungen oft als sehr konfliktreich und aggressiv erlebt. Seine Familienbeziehungen hat Arnold selten als harmonisch empfunden, sondern eher als Quelle von „Hass, Destruktivität und Irrationalität“. Für ihn war das Familienleben keine Quelle „menschlicher Solidarität“. Solidarität hat er vielmehr in seiner Arbeitsbeziehung mit seiner Arbeitskollegin und Freundin Petra gefunden. Das ist eine Arbeitsbeziehung, ein produktives Verhältnis, in dem beide voneinander profitieren und miteinander wachsen können. Auch Jugendliche lösen sich in ihrer adoleszenten Entwicklungsphase ein Stück weit von dem familialen Blick auf soziale Beziehungen. Sie machen meist einen deutlichen Unterschied zwischen ihrem Leben in ihrer Familie und ihren Freundschaftsbeziehungen. Sie suchen zuweilen ihre Familie durch eine enge Freundschaftsbeziehung zu ersetzen. Nahestehende Freunde können für sie zu einer „ausgewählten Familie“ werden. Das wird zu einem Thema in einer der Gruppendiskussionen, die ich mit Schülerinnen und Schülern im Alter von 14 und 15 Jahren geführt habe. Die Schülerinnen Maren und Jette vergleichen ihre Freundschaften mit ihren Beziehungen zu ihren Eltern. Maren: „Wenn man sich jetzt z. B. mit seinen Eltern gestritten hat, dann kann man immer noch zu den Freunden gehen. Und zwar ist es ja so: Man sagt, man kann sich seine Familie nicht aussuchen, und für mich sind so Freunde, die mir wirklich nahe stehen, für mich halt wie eine ausgewählte Familie, denn ich kann mit denen ja auch alles bereden, teilwei- Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 102 se redet man über bestimmte Sachen lieber mit seinen Freunden, als mit den Eltern. Und sonst, ja das ist so etwas wie eine ausgewählte Familie für sich selbst. Kann jeder selber auswählen. Hinterher sozusagen. Ich glaub jeder kennt das, wenn man mit seiner besten Freundin übernachtet und dann über jeden Scheiß redet. Ja, da gibt’s nichts Bestimmtes.“ Jette: „Also für mich ist Freundschaft, wenn man immer Spaß zusammen haben kann, wenn‘s mal irgendwas Ernstes ist, dass man denjenigen auch um drei Uhr in der Nacht aus ‘m Bett klingeln kann … und dass der einem dann zuhört und hilft und so was. Das gehört auch zu einer Freundschaft dazu, dass es von beiden Seiten kommt.“ (S. 22) Mit seinen Freunden kann man Dinge besprechen, die in der Familie lieber nicht angesprochen werden. Gute Freunde erleben sich als Gleichwertige, während man Eltern meist als Autoritäten begegnet, die in letzter Instanz zu sagen haben, was sein darf und was nicht, während man unter Freunden das, was sein darf und was nicht, gemeinsam aushandeln kann. Auch kann man Freunde zu jeder Tages- und Nachtzeit ansprechen. Jette: „Das ist so ein Prinzip einfach, dass wenn irgendwas vorfällt, dass man denjenigen immer zu jeder Zeit um Hilfe bitten kann. Wenn man sich jetzt voll mit seinen Eltern zerstreitet oder so, dann kann man zu seinen Freunden gehen und ihnen sagen, so ich hab voll das Problem und so. Das ist halt schon toll.“ Maren: „Zuverlässigkeit ist auch sehr wichtig für mich; z. B. wenn man jetzt mit der Freundin zusammen was macht oder so, dass man sich auf diejenige verlassen kann.“ (S. 22) In einer guten Freundschaft lernt man auch etwas voneinander, man spricht über sich in einer Weise, wie es in einer Familie nicht üblich ist. Vom besten Freund erfährt man etwas über sich selbst, was man vorher nicht schon wusste. Dennis: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass der beste Freund mehr über einen selbst weiß, also von einer anderen Perspektive auf einen schaut, also dass man von einer anderen Seite sich selbst sieht.“ (S. 27) In einer guten Freundschaft gibt es keinen starren, den anderen festlegenden Blick, der in einer Familie durchaus üblich sein kann. Der starre Blick des Erziehers: „Du hast dich so zu verhalten, wie ich es von dir erwarte.“ In einer guten Freundschaft macht man sich gegenseitig keine Vorschriften. Der familiale Blick 103 Dennis schildert das Gefühl der Freundschaft zu seinem besten Freund ganz ähnlich, wie der Philosoph Byung-Chul Han es in seinem Buch über die Philosophie des Zen-Buddhismus (2002) beschreibt: „Die Freundschaft ist also eine Spiegelbeziehung zwischen sich und dem Anderen. Man nimmt sich selbst wahr im Freund. Man gefällt sich im Anderen. So ist der Freund seinem Wesen nach mein Freund. Er stellt ein Abbild des Ich dar.“ (S. 122) Aus dem zen-buddhistischen Denken greift Han den Begriff der archaischen Freundlichkeit auf. Darunter versteht er eine „ent-spiegelte" Beziehung, die das Ich „ent-innerlicht“ und „ent-leert“. Er zielt auf eine Freundschaftsbeziehung, die ohne jegliche narzisstische Projektionen ist. In den Freundschaftsbeziehungen, wie wir sie bisher interpretiert haben, geht häufig der Blick auf den Anderen verloren. Der Blick auf den Freund wird so zum Blick in den Spiegel, in dem man nur sich selbst zu Gesicht bekommt. Was Dennis sich wünscht − von dem Freund aus einer anderen Perspektive gesehen zu werden − geht im bloßen Spiegelbild verloren. Der liebende Blick Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel trägt uns seinen Begriff der Liebe in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ (1832–1845) vor: „Das wahrhafte Wesen der Liebe besteht darin, das Bewußtsein seiner selbst aufzugeben, sich in einem anderen Selbst zu vergessen, doch in diesem Vergehen und Vergessen sich erst selber zu haben und zu besitzen.“ (S. 155) Was meint Hegel mit dem Begriff „Bewußtsein seiner selbst“? Zunächst scheint das ganz einfach gedacht. „Bewußtsein seiner selbst“ als ein Bewusstsein, wie man sich selbst erlebt und erfährt, das aber noch nicht zu sich selbst gefunden hat. Der Weg, wie man zu sich selbst kommt, muss noch gefunden werden. Hegel beschreibt hier die Liebe als einen solchen Weg. Ein Weg ohne Stolpersteine. Ein Weg, den man beschreiten kann, ohne Störungen und Hemmungen, ein Weg, auf dem man sich gehen lassen kann, auf dem man sich „vergessen“ kann, auf dem man sich „aufgeben“ kann. Das ist kein einsamer Weg. Ein solcher Liebesweg lässt sich nur mit einem anderen, einer Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 104 oder einem Geliebten gemeinsam begehen. Er ist ein gemeinsames „Vergehen und Vergessen" im jeweils anderen. Er ist eine wechselseitige Hingabe, in der man sich getrost verlieren kann, ohne die Angst, verloren zu sein. Liebe ist ein neues Sichfinden in und mit dem anderen. So ist Liebe auch eine erweiterte Selbsterfahrung, in der man sich mit dem anderen auf neue Weise „selbst hat“ und „besitzt“. Liebe ist nach Hegel das „wahrhafte Wesen“ menschlicher Beziehungen. Das sieht mein Interviewpartner Hans ähnlich, sein liebender Blick auf seine Ehefrau, mit der er 55 Jahre verheiratet ist, ist auch ein Blick auf Ecken und Kanten, Störungen und Konflikte auf dem gemeinsamen Weg: „Also viele junge Leute denken, weil sie zu viele Hollywoodschinken geguckt haben, das geht alles über so eine Verliebtheit. Man ist verliebt und das hält dann sein Leben lang. Bis zum Ende ist man verliebt, und überall klingelt es, und überall ist es pinky. Das ist totaler Quatsch. Das ist eine Schnulze, die die Hollywoodindustrie erfunden hat. In Wahrheit ist es viel differenzierter und ich habe gelernt, wir sind jetzt im 55. Jahr verheiratet, es geht eigentlich nur gut, wenn beide bereit sind, in so eine lebenslange Beziehung immer neu zu investieren. Wo man sich nicht zurücklehnt und sagt: einmal verliebt, immer verliebt. Jetzt muss ich mich nicht mehr anstrengen, jetzt läuft das alles von alleine. Das ist dann irgendwann nur noch ein schönes Foto oder eine schöne Erinnerung. Man muss investieren, hieß bei uns: gemeinsame Kinder aufziehen. Das war unsere erste große Anstrengung, dann, dass wir beide berufstätig waren. Sie wollte unbedingt berufstätig sein, weil sie nicht zufrieden war mit Kindern und Zuhause.“ (S. 12) Für Hans geht der Weg der Liebe über den zarten, einfühlsamen, hingebungsvollen „liebenden Blick“ hinaus. Liebe ist für Hans auch das gemeinsame Meistern des Alltags, das gemeinsame Suchen nach Lösungen für immer wieder auftauchende Probleme. Man verliert und findet sich nicht nur in gemeinsamer Hingabe. Man muss auch ein Drittes finden, in das man gemeinsam „investieren" kann. Für Hans und seine Frau war und ist dieses Dritte das „Aufziehen gemeinsamer Kinder“. Liebe ist eine sehr intensive und aktive wechselseitige Beziehung. Der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm beschreibt Liebe als eine „Kunst“, als ein aktives intensives Miteinandersein, auch das Anpacken einer dritten Sache, sich einer dritten Sache gemeinsam zuzuwenden. Erich Fromm kritisiert die heute sehr häufig oberflächlichen Liebesbeziehungen, die weniger ein aktives Miteinander, sondern Der liebende Blick 105 häufig ein bloßes passives gemeinsames Erleben sind, so wie Hans es mit dem Begriff „pinky“ beschreibt. Solche Liebe sieht Fromm in „Die Kunst des Liebens“ (1956a) als ein Phänomen der sozialen Entfremdung an. Für die Liebende oder den Liebenden ist Liebe „in erster Linie“ ein Problem, „selbst geliebt zu werden, statt selber zu lieben“. Liebespaare „sehen sich unzählige Filme an, die von glücklichen oder unglücklichen Liebesgeschichten handeln, sie hören sich hunderte von kitschigen Liebesliedern an – aber kaum einer nimmt an, dass man etwas tun muss, wenn man es lernen will zu lieben.(…) Die meisten Menschen sehen das Problem der Liebe in erster Linie als das Problem, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben und lieben zu können.“ (S. 440) Erich Fromm versteht die Liebe als etwas, das man lernen muss und was nicht von allein, selbstverständlich geschieht, ganz ähnlich wie Hans, wenn er sagt, man muss in die Liebe „investieren“. Ein weiteres Beispiel gibt uns Bernd in seinem Interview. Er schildert eine „tiefe wunderbare Lebensfreundschaft“ zu einer Freundin, die seine „Sprachgefährtin“ geworden ist: „[Sie] ist meine Sprachgefährtin geworden. (…) Eine sehr sympathische Frau. Das ist eine tiefe, wunderbare Lebensfreundschaft. Sie hat mit mir zusammen Bücher gemacht, drei Bücher haben wir zusammen gemacht. Das eine haben wir gemacht im Strandkorb.“ (S. 9) Für Bernd und seine „Sprachgefährtin“ sind die Bücher, die sie miteinander schreiben, eine gemeinsame dritte Sache, auf die man gemeinsam schauen und an der man gemeinsam arbeiten kann. Eine gemeinsame dritte Sache verändert auch den Blick, den Freunde aufeinander haben. Eine gemeinsame dritte Sache schafft Vertrauen und Vertraulichkeit der Freunde. Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs hat in seiner Untersuchung „Leib Raum Person“ (2000) die Blickweisen der Anderen phänomenologisch beschrieben. Der „liebende Blick“ ist für ihn der „eigentliche Blick des Anderen“: „Der liebende Blick, in dem zwei Menschen sich füreinander öffnen, ohne ineinander zu versinken, sich in ihrem Selbst-Sein erkennen und anerkennen, ist der eigentliche Blick des Anderen.“ (S. 285) Das liebende ineinander Versinken und sich zugleich darin zu finden, wie es Hegel beschrieben hat, ist von Fuchs (2000) hier nicht gemeint. Fuchs versteht in dem Versinken in einer Liebesbeziehung Auflösung Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 106 und Selbstauflösung. Gleichwohl gibt es in Liebesbeziehungen eine Angst vor einem Versinken als Selbstauflösung, eine Angst, die nicht unberechtigt ist, aber in einer wahren tiefen Liebesbeziehung überwunden werden kann. Das endgültige ineinander Versinken wäre eine Selbstauflösung der beiden Liebenden. Wenn man mit oder in dem anderen versinkt, ist man ja nicht mehr da. Der „kleine Tod“, wie die Selbstauflösung in der Liebe auch genannt wird, ist ein kurzer zeitlich beschränkter Moment, wie der Orgasmus in einer sexuellen Beziehung. Der „liebende Blick" wird von den Geliebten auch körperlich aufgenommen: „Vom (zunächst) fremden (liebenden) Blick getroffen, ist der Leib nicht mehr, was er vorher war: der Andere hat sich ihm unauslöschlich eingeschrieben. Er ist nun auch Leib für andere.“ (S. 284) Die Liebesbeziehung ist Grenzen auflösend. Sie ist „raumgebend“ und ermöglicht, neue Grenzen zu setzen. Liebe ist ein aktives Feld der Freiheit, das ein kurzfristiges ineinander Versinken ermöglicht. Man kann sich dem Anderen hingeben, wenn man erlebt, dass dieser sich gleichermaßen hingibt. Solche Hingabe ist eine wechselseitige körperliche Anerkennung, in der die Liebenden einander finden und zugleich zu sich selbst finden. Der freundschaftliche Blick Der freundschaftliche Blick hat vieles mit dem liebenden Blick gemeinsam, doch schließt er die Momente der körperlichen und psychischen Verschmelzungswünsche, -fantasien und -absichten, wie sie dem liebenden Blick eigen sind, weitgehend aus. Der freundschaftliche Blick hat ein eigenes Spiel von Nähe und Distanz zum Anderen. Die intensive, körperliche, sinnliche Erfahrung der Liebe wird in der Freundschaft nicht zielstrebig verfolgt. Vielleicht wird sie zuweilen gewünscht, doch bleibt sie eher am Rande des Blickfeldes. Fassen wir mit Thomas Fuchs (2000) zusammen, was für den „liebenden Blick“ zentrale Geltung hat: „Der liebende Blick (…) enthält die ursprüngliche zwischenleibliche Kommunikation und führt doch nicht zu einer (endgültigen) Verschmelzung. In ihm (dem liebenden Blick) erscheint mir der Andere als solcher, Der freundschaftliche Blick 107 aber nicht verdinglicht zum fremden Körper, sondern als der Andere meiner selbst. Der liebende Blick ist nicht begrenzend und einengend, sondern raumgebend. In ihm verliere ich mich nicht, sondern finde mich.“ (S. 285) In Hinsicht auf die körperliche Erfahrung ist der freundschaftliche Blick durchaus „begrenzend“ und „einengend“. Doch öffnet der freundschaftliche Blick weite Räume des einander Mögens und der Sympathie. In diesem Sinne ist Freundschaft der Liebe ähnlich, ein aktives Feld freier Beziehungen. Freundschaft richtet sich aber weitaus stärker auf eine dritte Sache, die man gemeinsam hat, so ist die Beziehung von Bernd zu seiner „Sprachgefährtin“, mit der er im Strandkorb sitzend Bücher schreibt, eine Freundschaftsbeziehung. Im Sprechen und Schreiben ist die Freundschaft mit der Sprachgefährtin nicht „begrenzend“ und „einengend“, gleichwohl bleibt bei aller freundschaftlichen Nähe die körperliche Distanz weitgehend erhalten. Das miteinander Sprechen und das gemeinsame Schreiben ist für die beiden eine dritte Sache, die sie miteinander verbindet und zugleich getrennt hält. Freundschaft zeigt sich hier im Umgang mit einer dritten Sache als ein Ausbalancieren von Bindung und Trennung. Solches Ausbalancieren gelingt Bernd mit seiner Sprachgefährtin und seiner Sprachgefährtin mit ihm. Das Schreiben ist für sie eine gemeinsame dritte Sache, die aber nicht ein für alle Mal feststeht, sondern sich im Schreiben immer wieder neu herstellen muss. Das Ausbalancieren von Nähe und Distanz ist selten in der vollkommenen Harmonie zu halten, die man sich gleichwohl immer wünscht. In der Freundschaft gelingt das Ausbalancieren von Nähe und Distanz nicht immer. Solches Ausbalancieren bleibt mehr oder weniger ambivalent, um die gemeinsame dritte Sache muss immer wieder neu gerungen werden. Ein solches Ringen um eine dritte Sache zeigt uns das Interview mit Petra und Arnold. Petra ist Modedesignerin und Arnold ist Restaurateur, der viel von Modedesign versteht, aber darin kein ausgebildeter Fachmann ist. Bei der Entwicklung einer Modenschau war Petras Angestellte ausgefallen. Aber ihr Freund Arnold konnte aushelfen. Die Modenschau wurde zu einem großen Erfolg. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 108 Petra: „Am Tag nach der Show waren wir noch so was von durch.“ Arnold: „Ausgeschossen, ich war wirklich ausgeschossen. Also ich habe das selten, aber ich war echt ausgeschossen.“ Interviewerin: „Und hat das die Freundschaft intensiviert über dieses Ereignis?“ Petra: „Auf jeden Fall. Ja weil, ich sage mal, wenn man so wirklich spannende Dinge oder Dinge, die für einen selber sehr wichtig sind, also für mich bedeutet dies ja wirklich den Inhalt meines Berufes, wenn man so was zusammen erlebt und zusammen rettet und auch so das Gefühl hat, also, bin ich ja diejenige, der sozusagen geholfen worden ist. Arnold hat mich sehr in meinem Ding so unterstützt, also, das war für mich ein ganz tolles Gefühl, dass ich so das Gefühl habe, dass jemand, zum einen inhaltlich, sich für das Gleiche interessiert wie ich selber und da aber auch selber so sein eigenes Herzblut da so reingelegt hat. Also wirklich seine Kraft gegeben hat, um mich oder die Kollektion oder eben auch dieses gemeinsame Event ebenso nach vorne zu bringen. Das ist ja überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Und ich sage mal, da muss jemand schon sehr viel geben, damit so etwas so gut wird.“ (S. 8) Im weiteren Verlauf des Interviews beschreibt Arnold seine Haltung zu Petra, die eines helfenden Freundes: „Also ich schiebe gerne mit Petra ihr Boot ins Wasser, um dann zu sehen, wie das fährt.“ (S. 18) Was für Bernd und seine Sprachgefährtin das Schreiben des Buches ist, ist für Petra und Arnold „Petras Boot“, welches Arnold hilft, zum Schwimmen zu bringen, um Petras Modenschau zum Erfolg zu verhelfen. Für Petra und Arnold wird es immer wieder schwer, aus dem Boot eine gemeinsame dritte Sache zu machen − es bleibt im Endeffekt Petras Sache und ihr Freund Arnold wird zu ihrem Gehilfen. Petra: „Arnold hat mich sehr in meinem Ding so unterstützt, also das war für mich ein ganz tolles Gefühl, dass ich so das Gefühl habe, dass jemand, (…) sich für das Gleiche interessiert wie ich selber und da aber auch selber so sein eigenes Herzblut (…) reingelegt hat.“ (S. 8) Petra weiß die aufopfernde Hilfe von Arnold sehr zu schätzen. Sie kann sie als etwas Besonderes anerkennen und ist darüber beglückt, gleichwohl bleibt die gelungene Modenschau „ihr Ding“ und nicht eine dritte gemeinsame Sache mit Arnold. Als Modedesignerin ist Petra die Fachfrau und Arnold bleibt für sie ein freundschaftlicher Helfer, der mit Tatkraft und Kreativität für sie arbeitet, ihr „Boot“ ins Wasser schiebt. Ihr „Boot“ ist „ihr Ding“ und Der freundschaftliche Blick 109 keine gemeinsame dritte Sache mit Arnold. Eine gemeinsame dritte Sache stabilisiert die Freundschaftsbeziehungen und drängt die Ambivalenzen, die Befreundete miteinander haben, zurück. Die dritte Sache ist ein gemeinsames Produkt. Sie ist etwas, in dem sich die Freundschaftsbeziehung objektivieren kann. Die Freunde sind nicht nur einfach so miteinander, sie produzieren etwas gemeinsam, sie handeln gemeinsam und erkennen sich wechselseitig in diesem gemeinsamen Tun an. Über eine dritte Sache werden Freunde einander gleichwertig und ihr Zusammenhalt wird gefestigt. Eine solche gefestigte Freundschaft gelingt Bernd mit seiner Sprachgefährtin mit der Produktion des Buches. Die beiden Freunde teilen sich die Autorenschaft. So erzählt es Bernd. Seine Sprachgefährtin und er werden zu einem gemeinsamen Autor, bei wechselseitiger Anerkennung. Die Arbeit an einer dritten Sache schließt ein Machtverhältnis unter Freunden aus. Sie sind und bleiben einander gleichwertig. Eine solche Gleichwertigkeit stellt sich zwischen Petra und Arnold nicht her, obwohl beide sich sehr darum bemühen. Bei allem sehr ernst gemeinten wechselseitigen Lob und der Wertschätzung ihrer Freundschaftsbeziehung zeigt sich in ihrer gemeinsamen Arbeit ein hierarchisches Gefälle. Petra besteht darauf, als Modedesignerin die Fachfrau zu sein und Arnold, wohl wissend, dass er ihr Boot zum Schwimmen bringt, akzeptiert die ihm zugewiesene Rolle des Gehilfen. Petra ist die unausgesprochen anerkannte Chefin der Modenschau. Die Freundschaft zwischen Petra und Arnold wird so von der Vorstellung einer traditionellen hierarchisch gegliederten Arbeitsbeziehung überlagert. Exkurs: Lob der dritten Sache Eine ähnliche hierarchische Beziehungsvorstellung überlagert und erschwert eine durchaus mögliche gleichwertige, freundschaftliche und wechselseitige Anerkennung in der Familie. Die familialen Rollen Vater, Mutter, Kind mit ihren Ambivalenzen und Konflikten machen aus einer dritten Sache eher ein Spielzeug als eine ernstzunehmende, gemeinsame Unternehmung, was sich viele Familienmitglieder wünschen würden, wie z. B. Hans in seinem Interview äußert. Die Möglichkeit eines Herauswachsens der Freundschaft aus der Familie kann Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 110 er zwar deutlich sehen, sie wird ihm aber von den Mitgliedern seiner Familie verwehrt. Sie bleibt eine Utopie, ein literarischer Wunsch, den Bertolt Brecht in dem Lehrstück „Die Mutter“ (1932) als Gedicht „Lob der dritten Sache“ zu Bewusstsein bringt: „LOB DER DRITTEN SACHE Immerfort hört man, wie schnell Die Mütter die Söhne verlieren, aber ich Behielt meinen Sohn. Wie behielt ich ihn? Durch Die dritte Sache. Er und ich waren zwei, aber die dritte Gemeinsame Sache, gemeinsam betrieben, war es, die Uns einte. Oftmals selber hörte ich Söhne Mit ihren Eltern sprechen. Wieviel besser war doch unser Gespräch Über die dritte Sache, die uns gemeinsam war Vieler Menschen große, gemeinsame Sache! Wie nahe waren wir uns, dieser Sache Nahe! Wie gut waren wir uns, dieser Guten Sache nahe!“ (S. 878) Mutter und Sohn verstehen sich in diesem Lehrstück von Brecht als gleichwertige Erwachsene, die gesellschaftliche und politische Probleme, die weit über das Familienleben hinausgreifen und sie zugleich doch auch determinieren, miteinander diskutieren. Die „dritte Sache“, die sie miteinander besprechen, befreit ihre Beziehung von den hierarchischen familialen Rolleneinschränkungen und entwickelt zugleich die Familie zu einem Lebenszusammenhang von Menschen, die sich gegenseitig ernst nehmen und sich auf gleicher Ebene begegnen und anerkennen. Die „dritte Sache" ist nicht etwas, das man hat oder haben kann. Sie ist nicht ein Besitz, den man verteidigen muss oder einem anderen wegnehmen kann. Sie ist kein Ding, das man kaufen kann und das einen Preis hat. Die „dritte Sache“ ist kein Tauschobjekt, das man zu Markte trägt, das man als Ding verkauft oder als ein Ding kaufen kann. Die „dritte Sache“ ist etwas, das man nicht hat, aber an der man Exkurs: Lob der dritten Sache 111 mit anderen teilhaben kann.16 Nicht das Besitzen von anderen Menschen, so wie man Dinge besitzen kann, sondern die mit anderen gemeinsame Teilhabe an einer für alle gesehene „dritte Sache“ konstituiert Freundschaft. Sie ist, um mit dem Sozialpsychologen und Psychoanalytiker Erich Fromm zu sprechen, eine Sache im Modus des „Seins“ und nicht im Modus des „Habens". Erich Fromms „Haben oder Sein“ (1976a) macht zwischen diesen beiden Modi menschlichen Zusammenlebens einen scharfen Unterschied: „Am Haben orientierte Menschen möchten den Menschen, den sie lieben oder bewundern, haben. Dies kann man im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern und unter Freunden beobachten. Beide Partner wollen den andern zur alleinigen Verfügung haben und begnügen sich nicht damit, die Nähe des anderen zu genießen; deshalb sind sie auf andere eifersüchtig, die den gleichen Menschen ‚haben‘ wollen. Jeder klammert sich an den anderen wie ein Schiffbrüchiger an eine Planke. Beziehungen, die wesentlich besitzorientiert sind, sind bedrückend, belastend, voll von Eifersucht und Konflikten.“ (S. 350) Meine Auswertung der Antworten auf meine Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“, die in einem sozialen Netzwerk gestellt wurde, zeigt deutlich die Dominanz des Modus des „Habens“, des Besitzens. Man hat nicht gemeinsam mit einer Freundin oder einem Freund an einer Sache teil, sondern man hat die Freundin und den Freund, man besitzt die Freunde. Im Modus des „Habens“ wird Freundschaft als eine Tauschbeziehung verstanden, in der man die wechselseitige Zuwendung als Tausch von Dingen mit gleicher Wertigkeit versteht. Larissa: „Für mich ist Freundschaft schon sehr wichtig, so lange von beiden Seiten gleich viel und gleich wenig gegeben wird. Sollte eine Person 16 Margarete Mitscherlich beschreibt in ihrem Buch „Die Radikalität des Alters“ (2011) das Ende der Beziehung zu ihrem Freund, nachdem es den „gemeinsamen Feind“ nicht mehr gab. „Wie das aber leider oft so ist, wenn es keinen gemeinsamen Feind mehr gibt und die Zeiten sich ändern, zerbrach diese Beziehung nur wenige Jahre nach dem Krieg.“ (S. 33) Es kann eine gemeinsame dritte Sache sein, die zusammenschweißt, etwas worum man zusammen kämpft oder was man zusammen erlebt, etwas was verbindet, eine Aufgabe oder auch eine gemeinsame Not, wie Heide zu meiner Befragung in einem sozialen Netzwerk schreibt: „Wir haben schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert und im Gegenzug natürlich auch schon viel Spaß und wunderschöne Tage miteinander verbracht.“ Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 112 jedoch feststellen, dass sie mehr gibt als die andere, sollte sie die Freundschaft überdenken.“ (S. 5) Der Modus des „Habens“, des „Freunde-Habens“, wird durch das soziale Netzwerk gefördert, indem es zum Sammeln von Freunden, die sich in dem sozialen Netzwerk anbieten, geradezu auffordert. Sie zeigen dort gerne ganz öffentlich, dass sie viele Freunde „haben“. Sie sehen das als eine Demonstration allgemeiner Wertschätzung und erleben es auch als eine Steigerung ihres Selbstwertes. So gesehen wird das soziale Netzwerk zu einer Erlebniswelt im Modus des „Habens“. Das schließt nicht aus, dass in vielen Antworten zu meiner an die Nutzer gestellten Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ nicht auch der Modus des „Seins" anklingt. Freundschaft ist im Modus des „Seins“ eine authentische Beziehung zwischen Menschen, die füreinander da sind und da sein wollen. Vroni: „Ich erlebe eine sehr gute Freundschaftsbeziehung mit meinem Ex-Partner (…). Es gibt in unserer (jetzigen) Freundschaftsbeziehung Dinge, die sich nun viel offener besprechen lassen können. Der Aushandlungsprozess in allen Angelegenheiten gelingt in unserem Fall besser als (seinerzeit) in der Partnerschaft. Freundschaft bietet auch immer eine Rückzugsmöglichkeit. Selbstreflexion und Empathie sind ein wichtiger Bestandteil einer guten Freundschaft.“ (S. 12) In einer wahren Freundschaft können Dinge, die die Freunde gemeinsam betreffen, zu einer „gemeinsamen dritten Sache" werden, an der die an ihr Beteiligten teilhaben, ohne sie allein für sich besitzen zu wollen. Der Modus des „Habens“ ist ein egoistischer Modus. Der Modus des „Seins“ ist ein sozialer Modus. In ihm werden Freunde nicht zu einem Objekt gemacht, das man besitzen will, sondern Freunde sind Teil des Subjekts der Gemeinsamkeit. Im Modus des „Seins“ konkurrieren Freunde nicht um den Besitz von Dingen. Sie entwickeln einen gemeinsamen Umgang mit den Dingen. In der gemeinsamen Teilhabe an Dingen schließen sie sich nicht gegenseitig aus, machen die Dinge nicht zum persönlichen Privatbesitz, sondern gestalten sie zu einer „gemeinsamen dritten Sache“, deren Bindungskraft Brecht in seinem Lehrstück „Die Mutter“ (1932) ausgedrückt hat: Exkurs: Lob der dritten Sache 113 „Wie nahe waren wir uns, dieser Sache Nahe! Wie gut waren wir uns, dieser Guten Sache nahe!“ (S. 878) Wenn der freundschaftliche Blick gelingt, blicken die Freunde gemeinsam auf eine „dritte Sache“.17 Der freundschaftliche Blick ergibt sich nicht spontan, er wird in dem Prozess des Einander Freunde-Werdens erst hergestellt. So gesehen ist Freundschaft eine Herstellung von und eine Einigung auf eine gemeinsame Blickweise. Eine solche Einigung ist allerdings keine einmalige Festlegung und Definition einer Blickweise. In der Freundschaftsbeziehung steht die gemeinsame Blickweise immer zur Disposition. Sie kann durch andere Blickweisen ersetzt werden, neue Blickweisen können gemeinsam gefunden und erfunden werden. Auch kann man bei der Suche und Erfindung einer gemeinsamen Blickweise scheitern, ein Scheitern, das im Streit endet und so die Gemeinsamkeit im Blick auf die Dinge auflöst. Dann gibt es keine gemeinsame „dritte Sache“ mehr und die Blicke der Exfreunde vereinzeln sich. Die gemeinsame Blickweise in der Liebesbeziehung ist vergleichsweise noch fragiler als die im freundschaftlichen Blick. Sie ist weniger frei von jenen Ambivalenzen, die 14-jährige Schülerinnen in einer Gruppendiskussion sehr eindrucksvoll darstellen: Maren: „Ich find das ein bisschen blöd …, aber man kann ja nichts dafür, wenn man sich in den besten Freund verliebt. Aber es ist halt das Problem, dass, wenn man tatsächlich zusammenkommt und es dann Liebe ist … 17 Rüdiger Safranski beschreibt die „dritte Sache“ in der Freundschaft zwischen „Goethe und Schiller“ (2011) als „Arbeit am eigenen Werk, die in der Freundschaft zu einer gemeinsamen Arbeit wurde.“ Safranski zitiert Goethe: „Neigung, ja sogar Liebe hilft alles nichts zur Freundschaft,“ (…) „die wahre, die tätige, produktive (Freundschaft) besteht darin, dass wir gleichen Schritt im Leben halten, dass er (der Freund) meine Zwecke billigt, ich die seinigen, und dass wir so unverpackt zusammen fortgehen.“ Schiller, so Safranski, „nennt eine solche Freundschaft ein auf wechselseitige Perfektibilität gebautes Verhältnis, und Goethe, wenn er den Ertrag der Freundschaft mit einem Wort bezeichnen wollte, erklärte, sie habe ihn gefördert. Es handelte sich also (bei der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller) um einen Bund zur wechselseitigen Hilfe bei der Arbeit an sich selbst, ein gemeinsames Unternehmen der Selbststeigerung.“(S. 13 f.) Die „dritte Sache“ ist bei Goethe und Schiller „ein gemeinsames Unternehmen“, der „wechselseitigen Hilfe" und Förderung und „der Selbststeigerung“. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 114 Liebe ist halt eines der stärksten Gefühle und dass man dann verletzbar ist, ist auch eines der stärksten Gefühle. (…)“ Elli: „Man sollte sich auch überlegen, ob man das alles aufs Spiel setzten will. Wenn man sich z. B. in den besten Freund verliebt, muss man sich auch erst Gedanken darüber machen, wenn man jetzt zusammen geht, in unserem Alter, dass das nicht so lange hält und was danach ist, dass man miteinander nicht mehr redet und sich aus dem Weg geht, und ob man das wirklich in Kauf nehmen will, um für ’ne Zeit zusammen zu sein.“ Maren: „Wenn man sich jetzt in den besten Freund verliebt und mit dem zusammen ist und dann Schluss macht, dann kann man mit dem nicht mehr befreundet sein, ja man hat dann so viel mit dem erlebt, dann geht das nicht mehr gut.“ (S. 12) Maren und Elli sehen in der Liebe und ihrer Verletzbarkeit die stärksten Gefühle, mit denen sie vorsichtig umgehen möchten. Sie möchten gerne an der Freundschaft mit dem besten Freund festhalten und sie nicht durch eine leicht verletzbare Liebesbeziehung mit ihm aufs Spiel setzen. Sie fürchten sich vor heftigem Streit mit dem Freund und dem Ende der Beziehung. Der Gedanke an die Zerbrechlichkeit einer Liebesbeziehung, die vorher eine Freundschaftsbeziehung war, erweckt bei ihnen eine Zukunftsangst. Es ist der Gedanke: „…, wenn man jetzt zusammen geht, in unserem Alter, dass das nicht so lange hält und was danach ist, dass man miteinander nicht mehr redet und sich aus dem Weg geht.“ Elli und Maren machen sich Gedanken, ob sie das wirklich „in Kauf nehmen“ wollen, um „für ’ne Zeit zusammen zu sein.“ Für Maren und Elli schließen sich der freundschaftliche und der liebende Blick tendenziell aus. Entweder ist man befreundet oder man liebt sich. Beides zum gleichen Zeitpunkt können sie sich in der Realität kaum vorstellen. Das eine kann sich zwar aus dem anderen entwickeln, aber ist die Liebe einmal zerbrochen, scheint es für sie unmöglich, zu einer Freundschaft zurückzufinden. Wie Freundschaft ist auch Liebe eine Beziehungspraxis, die in Handlungen, Blicken, Haltungen und Gesprächen aktiv reproduziert und weiterentwickelt werden muss. Sie gelingt durch eine Einigung auf eine „dritte Sache“, die nun mehr von den Freunden in der gleichen Weise gesehen und bearbeitet werden kann. So wie ich in meiner Ar- Exkurs: Lob der dritten Sache 115 beit den Begriff des „Blickes“ verwende, ist mit ihm nicht allein die visuelle Wahrnehmung gemeint, sondern ein Sehen, Hören, Sprechen, Fühlen und Denken in einer sinnlichen Erfahrung von und mit Menschen und Dingen zusammengefasst. Solche sinnliche Erfahrung ist auch der liebende Blick. In einem Liebesbrief vom 29.10.1939 schreibt Simone de Beauvoir an Jean-Paul Sartre, der damals als Soldat zur französischen Armee eingezogen war: „Mon Amour. Es ist spät, und ich müsste schlafen gehen, aber ich werde Ihnen vielmehr einen langen Brief schreiben, ich habe eine unglaubliche Lust, mit Ihnen zu sprechen, und, ach! eine so starke und vergebliche Lust, Sie zu hören, wie Sie mir antworten – ich liebe Sie – den ganzen Tag sind mir eine Menge Erinnerungen gekommen, bei denen es mir weh ins Herz ist: ich habe eine Straße in Pompeji wiedergesehen, wo wir mitten in der Sonne spazierangegangen sind, und eine Terrasse in Tetuan, wo sie mir Zitronenlimonade gemacht haben – und ein Abendessen im Louis XIV, wo wir über den Krieg geredet haben – und eine Pause in den Pyrenäen, beim Aufstieg nach Quillan, auf einem aufgeweichten Weg; mein kleiner Sü- ßer“ (S. 289) Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 116 Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ Wie Familie und Liebe auch ist Freundschaft eine Beziehungsform. Sie ist nicht ein bloßes Ereignis, sie bildet sich und lebt in einer gemeinsamen Gestaltung und Formgebung. Solche Formgebungen von Beziehungen werden in der kognitiven Sozialwissenschaft als „Frames“ beschrieben. „Frames“ sind nun nicht einmalig hergestellte und festgelegte Beziehungsformen. Die Herstellung von Frames ist ein andauernder Prozess. Dabei geht es nicht um das bloße Zusammenstellen und Aufführen von sozialen Fakten, sondern um die Herstellung „gedanklicher Deutungsrahmen“, in denen soziale Fakten erst ihren Sinn finden. „Framing“ ist eine Methode der Sinnproduktion, die im Denken, Sprechen und Handeln zum Ausdruck kommt. Mit Hilfe von Frames gelingt es, den Sinn sozialer Fakten differenziert zu artikulieren. „Framing“ als Sinnproduktion Elisabeth Wehling gehört zu jenen KognitionswissenschaftlerInnen, die das „Framing“ erforscht haben. In ihrem Buch „Politisches Framing, Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ (2016) beschreibt sie das „Framing“, die Herstellung von „Frames“ auf folgende Weise: „Frames sind es, die Fakten erst eine Bedeutung verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgesicherten Wissen über die Welt einordnen. Dabei sind Frames immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache – etwa jener in öffentlichen Debatten – in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar, ohne dass wir es merkten.“ (S. 17f) 117 „Frames“ haben eine bewusste, eine nicht-bewusste und auch eine unbewusste Seite. Ganz in diesem Sinne möchte ich jetzt Freundschaft als ein Framing verstehen. Die Freundschaft als ein Frame trägt zum Zusammenhalt zwischenmenschlicher Beziehungen bei, indem ein Frame diesen Beziehungen einen Sinn verleiht. Der Frame stiftet eine Zugewandtheit und wechselseitiges Vertrauen der Freunde miteinander und untereinander, die auch einen Streit aushalten können. Man kann sich streiten, aber so, dass ein solcher Streit die Freunde nicht auseinanderbringen kann. Streit dient dann der Differenzierung der Argumente im freundschaftlichen Gespräch und bringt die Freunde nicht auseinander, sondern verstärkt ihre Bindungen aneinander. Freundschaft kann sich so gerade im Streit bewähren. Freundschaft macht einen Streit produktiv. Verschiedene Meinungen können ausgesprochen, gegeneinandergesetzt und erkenntnisstiftend aufgenommen werden. Freundschaft wendet die ursprüngliche Aggressivität der Streitenden in ein für sie gutes Verhältnis der einander wohlwollenden Freunde. Der Frame, der zum Streit führt, das Streiten, führt so nicht zu einem Zerwürfnis der Freunde, sondern verstärkt die psychische Energie der Freundschaftsbeziehungen. So kommt es in der Regel zu einem neuen Frame wechselseitigen Verstehens. Das wird aus der folgenden Sequenz einer Gruppendiskussion von SchülerInnen deutlich. Dennis: „Wenn man sich überhaupt nie gestritten hat oder streitet und auch nie zusammengefunden hat, dann kann es auch keine Freundschaft sein.“ Jette: „Das muss nicht unbedingt so sein. Es kommt darauf an.“ Dennis: „Aber es ist auch so als Beweis ganz gut, denn wenn man nach einem Streit wieder zusammengefunden hat, dann ist es auch ein Beweis. Auf der anderen Seite muss man auch Kritik an dem anderen äußern können, wenn man das nicht macht, sondern immer nur sagt, du bist sowieso schon perfekt …“ Jana: „Es muss ja nicht gleich ein Streit werden, wenn man die Kritik äu- ßert. Das ist ja nur eine Äußerung. Das hat ja nichts mit Streit zu tun.“ Melanie: „Wenn derjenige das annehmen kann und das verarbeiten kann, so macht, wie du es dir ungefähr vorgestellt hast, und ihr das dann ausdiskutiert habt, dann muss es ja nicht sofort in einem Streit enden.“ Dennis: „Ja, aber … ich hatte mal einen Freund, mit dem habe ich jetzt leider keinen Kontakt mehr, jedenfalls hab‘ ich mich mit dem ein paarmal gestritten und dann fünf Minuten später ist halt der eine zum anderen ge- Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 118 gangen und hat dann gesagt: ja, Tschuldigung, das war jetzt nicht so gut, so ungefähr und ja …“ Melanie: „Klingt irgendwie komisch, nach fünf Minuten.“ Dennis: „Ja, das war ein Beispiel!“ Melanie: „Ja, o.k.“ Jana: „Ja, man muss sich ja nicht gleich streiten, oder? Ja, also nicht jeder streitet ja, also. Du musst ja nicht mit deinen Freunden streiten, oder?“ Dennis: „Muss man nicht, aber wenn man sich danach zusammenfindet.“ Jette: „Es muss nicht unbedingt heißen, dass Streit eine Freundschaft ausmacht.“ Dennis: „Es kann auch eine Diskussion oder was weiß ich sein.“ Jana: „Ja, aber eine Diskussion ist aber kein Streit.“ Melanie: „Das ist was anderes.“ Jette: „Ja, weil, du hast ja behauptet, dass es eine gute Freundschaft ausmacht, dass man dann auch streitet.“ Dennis: „Ist auch meine Meinung!“ Jette: „Ja, komische Meinung.“ (S. 24) Dennis, Jette, Melanie und Jana sind Schulfreunde, die es sich leisten können, miteinander zu streiten. Ihr Streiten fördert ihre Freundschaft und ist zugleich das Thema ihres Streits, der, wie Dennis sagt, eigentlich auch eine „Diskussion“ sein könnte, die für ihn ein Streiten nicht ausschließt. Für Jette, Melanie und Jana ist Streiten etwas anderes als Diskutieren. Dagegen ist für Dennis Streiten ein Medium einer Diskussion. Wer „überhaupt nie gestritten hat“, könne nur schwer zusammenfinden. Im Streiten lernt man sich auch kennen. Dennis versteht Streit als wichtiges Moment des Zusammenfindens. So wird Streit zu einer konstruktiven Auseinandersetzung, in der sich die Streitenden anerkennen und verstehen lernen. Eine konstruktive Auseinandersetzung sieht Dennis als „Beweis", dass man sich zusammenfinden kann, ein Beweis für eine Freundschaft. „Man muss auch Kritik an dem Anderen äußern können“, meint Dennis. Aber Kritik, so meint Jana, „muss ja nicht gleich ein Streit werden“. Kritik ist für sie nur eine Äußerung, „das hat ja nichts mit Streit zu tun“. Der Frame von Freundschaft aus Sicht von Jana, Melanie und Jette schließt den Streit, ein Sichstreiten aus. Während in Dennis‘ Frame der Freundschaft Kritik ein konstruktives Streiten ist, hat für Jana, Melanie und Jette „Kritik nichts mit Streit zu tun“. So wie Melanie es sagt, muss „Kritik ja nicht sofort in einem Streit enden“. Für sie hat Streit keine konstruktive Seite. Kritik „Framing“ als Sinnproduktion 119 dagegen, die, wenn sie „ausdiskutiert“ wird, „nicht sofort in einem Streit enden muss“, ist für die drei Schülerinnen konstruktiv. In dieser Sequenz meiner Gruppendiskussion mit SchülerInnen treffen zwei verschiedene Frames von Freundschaft aufeinander. Es sind das Framing des konstruktiven Streitens und das Framing der konstruktiven Kritik und Diskussion. Die SchülerInnen sind auf dem Weg zu einem neuen, übergreifenden Frame, der aber schwer für sie zu finden ist. Für Melanie und Jette scheint Streit in einer Freundschaftsbeziehung „irgendwie komisch“, eine „komische Meinung“, die Dennis als seine eigene Meinung stark macht. Es ist für die SchülerInnen nicht so einfach, den Weg zu einem gemeinsamen Framing von Freundschaft zu finden, den z. B. Elisabeth Wehling in ihrer Theorie „Politisches Framing“ (2016) idealtypisch beschreibt: „Treffen zwei Menschen mit unterschiedlichen Werten aufeinander, liegt die Herausforderung darin, den jeweils andern zu verstehen und zugleich seine eigene moralische Perspektive begreifbar zu machen und im Zweifelsfall zu verteidigen (…). Nur so verstehen sich Menschen gegenseitig wahrhaft und nur so lässt sich konstruktiv streiten.“ (S. 53) Eine gelingende Freundschaft ist durch eine „dritte Sache" vermittelt. Eine „dritte Sache", die die Freunde nicht als Einzelne besitzen, sondern an der die Freunde gemeinsam teilhaben, stiftet eine Balance zwischen Nähe und Distanz in der Freundschaftsbeziehung. Freundschaft ist ein besonderer Frame. Framing ist in ihr ein in der Zeit andauerndes gelingendes Ausbalancieren von Nähe und Distanz zwischen den Freunden. Ein Frame, ein Beziehungs-Frame, bedarf der besonderen Pflege und des Schutzes. Der Frame der Freundschaft ist gefährdet durch die Ökonomie des Alltags, durch die Regeln des privaten Besitzes, der Aneignung von Dingen und des Tauschs. Es besteht die Gefahr, dass die Teilhabe an einer „dritten gemeinsamen Sache“ von den Freunden „monetarisiert“ wird. Und die „dritte Sache“ dann in einzelne, privatisierte Teile zerfällt. Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 120 Geldbeziehung als ökonomisches „Framing“ Der Moralphilosoph und Ökonom Michael Sandel beschreibt in „Was man für Geld nicht kaufen kann“ (2015) die Bedrohung der Freundschaft durch die Ökonomie: „Werden alle Formen des Gebens unter Freunden monetarisiert, kann das die Freundschaft utilitaristischen Normen unterordnen und sie so korrumpieren.“ (S. 128) Medium der Ökonomisierung des Alltags ist das Geld. Es stellt sich die Frage, inwieweit Geld die freundschaftsstiftenden Aufgaben einer „dritten Sache“ übernehmen kann oder ob die Einführung der Geldbeziehung in einer Freundschaft einen neuen Frame der Freundschaftsbeziehung konstituiert und sie zu einer Zweckbeziehung werden lässt, sie „utilitaristischen Normen“ unterordnet. Das Geldverhältnis problematisiert das Prinzip der Teilhabe an einer „dritten gemeinsamen Sache“, es macht aus der gemeinsamen Teilhabe ein Besitzverhältnis, das die Freunde tendenziell voneinander vereinzeln kann. Die Distanz verdrängt die Nähe. Das Geldverhältnis nährt eher das Misstrauen der Freunde, als dass es Vertrauen unter ihnen festigt. Geld reguliert das Geben und Nehmen. Es sorgt dafür, dass der Wert der gegebenen Dinge dem Wert der genommenen Dinge entspricht. Es „monetarisiert“ die Balance von Nähe und Distanz in der Freundschaft. Es macht tendenziell aus einer moralischen Beziehung der Freundschaft eine ökonomische Beziehung. Geld monetarisiert die gemeinsame dritte Sache, die gemeinsame Teilhabe wird ambivalent, das gemeinsame Vertrauen wird mehr und mehr von einem Gefühl des Misstrauens begleitet. Aus dem Framing freundschaftlichen Teilhabens kann ein Framing utilitaristischen Praktizierens werden. In der Gruppendiskussion der Schülerinnen und Schüler werden die Ambivalenzen, die das Geldverhältnis unter Freunden stiftet, diskutiert. Dennis: „Aber wenn man nur dem anderen immer, immer, immer Geld geben muss, dann sagt man sich irgendwann, ich kann doch nicht nur dem anderen sozusagen aus der Patsche helfen und dafür selbst aber überhaupt nichts bekommen, auch wenn’s ’ne Freundschaft ist, wenn man nur Verluste daraus macht, dass es nichts mit der Freundschaft zu tun hat.“ Michaela: „Ich find eine Freundschaft ist ein Geben und Nehmen. Es muss nicht unbedingt Geld sein, aber wenn du einfach was gibst, aber Geldbeziehung als ökonomisches „Framing“ 121 dass du es auch wieder zurückbekommst, weil sonst kann es einfach nicht funktionieren, die Basis, dass der eine nur kriegt oder dass der andere nur gibt, da fühlt sich jeder nur blöd, deswegen glaub ich, dass das Geben und Nehmen wichtig ist.“ Melanie: „Dass man von Verlusten redet und dann irgendwie Geben und Nehmen, aber von Verlusten zu reden ist auch dämlich.“ Dennis: „Das ist ja kein Verlust.“ Melanie: „Ja, das hast du aber gerade so gesagt.“ Dennis: „Verluste verstehe ich so: Wenn man immer nur Geld gibt über mehrere Jahre, ist es immer dasselbe. Du gibst ihm Geld immer, immer, immer wieder und dann aber kommt höchstens ein Danke oder sowas und Dahergesagtes. Das kann ja jeder sagen, danke, danke, danke, aber ob das jetzt ernst gemeint ist, das ist dann ja wieder was anderes, wenn man nur immer dem anderen irgendwas gibt dann und nichts zurückkommt, dann macht man ja nur Verluste. Dann ist es ja auch Verlust. Und beim Geld hört die Freundschaft auf!" (S. 31 f.) Eine Freundschaft ist „ein Geben und Nehmen“, wie Michaela es nennt. Man gibt etwas und hat so das Recht, sich etwas zu nehmen. Als Regulator solchen Gebens und Nehmens ersetzt das Geld die gemeinsame Teilhabe. Es stellt tendenziell sicher, dass der Wert dessen, was man gibt, dem Wert dessen entspricht, was man zurückbekommt. Nur so, glaubt Michaela, kann die Freundschaftsbeziehung „gut funktionieren“. Michaela: „Die Basis, dass der Eine nur kriegt oder dass der Andere nur gibt, da fühlt sich jeder nur blöd.“ (S. 31) Das Geld als wertbestimmendes Verhältnis macht Gewinne und Verluste in der Freundschaft deutlich. Die gemeinsame Teilhabe wird so zum Teilhaben von gleichen Teilen. Die gemeinsame Teilhabe wird zum individuellen Besitz von Teilen einer „dritten Sache“, die in dieser Funktion die Freunde tendenziell auseinanderrückt und voneinander separiert. Jeder freut sich still über seinen Gewinn und klagt laut über seine Verluste. Dennis: „Verluste verstehe ich so: Wenn man immer nur Geld gibt über mehrere Jahre, ist es immer dasselbe. Du gibst ihm Geld immer, immer, immer wieder und dann aber kommt höchstens ein Danke oder so was Dahergesagtes, das kann ja jeder sagen, danke, danke, danke, aber ob das jetzt ernst gemeint ist, (…) Wenn man nur immer dem anderen irgendetwas gibt und dann nichts zurückbekommt, dann macht man ja nur Verluste, dann ist es ja auch Verlust. Und beim Geld hört die Freundschaft auf!“ (S. 32) Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 122 Dennis wäre schon sehr verärgert, wenn er einem Freund Geld leiht im guten Glauben, dass er es zurückbekommt, und nur mit einem „Danke“ abgespeist wird. Er möchte einem Freund mit Geld zwar helfen, aber das geliehene Geld in angemessener Zeit auf Heller und Pfennig zurückbekommen. Freundschaft soll für ihn kein Verlustgeschäft sein: „Und beim Geld hört die Freundschaft auf!“ (S. 32) Für Dennis ist Geld keine „dritte Sache“, an der man gemeinsam teilhaben kann. Die Ökonomie setzt im Alltag der Freundschaft eine klare Grenze, die der Moralphilosoph Michael Sandel in seinem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ (2015) theoretisch charakterisiert: „Freundschaft beruht auf bestimmten Normen, Einstellungen und Tugenden. Macht man die mit ihr verbundenen Verhaltensweisen zur Ware, werden diese Normen − Sympathie, Großzügigkeit, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit − durch Marktwerte ersetzt. Ein gekaufter Freund ist nicht dasselbe wie ein echter; fast jeder kennt den Unterschied.“ (S. 134) In der Diskussion der SchülerInnen formulieren Michaela und Dennis die theoretische Reflexion von Sandel als markante Alltagsweisheiten. Michaela: „Freundschaft kann man nicht kaufen!“ (S. 33) Dennis: „Beim Geld hört die Freundschaft auf!“ (S. 32) Auch in der bedeutenden psychoanalytisch orientierten sozialpsychologischen Untersuchung von Erich Fromm „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“ (1980a) aus den dreißiger Jahren spielt die Frage nach dem Umgang mit Geld in Freundschaftsbeziehungen eine wichtige Rolle. In seinen Interviews hatte Fromm damals schon die Frage gestellt: „Verleihen Sie Geld oder Gegenstände an Freunde?“ Hiermit wollten er und seine Mitarbeiter „einen Einblick in das Verhältnis der Befragten zu ihrem Freundeskreis gewinnen.“ (S. 20) Sie vertraten die Hypothese, „dass der Wille zur Hilfe“ unter Freunden: „stärker ist als die Freude am Besitz oder die Furcht vor Verlusten. Ein Befragter gab an, dass er sowohl Geld als auch Gegenstände ausleihe, da Freunde einander helfen sollten. Eine andere Antwort lautete demgegen- über, dass man kein Geld verleihen solle, da hierdurch die Freundschaft Geldbeziehung als ökonomisches „Framing“ 123 zerstört werde. Beide Male wird hier die Bedeutung der Freundschaft betont, aber während der erste das Ausborgen unter Freunden für eine Pflicht hält, gelangt der zweite zu genau entgegengesetzten Schlussfolgerungen.“ (S. 20) Fromm und seine Mitarbeiter kommen zu dem psychologischen Ergebnis, „dass hinter der Weigerung, etwas zu verleihen, nicht die Furcht vor dem Verlust eines Freundes steht, sondern Angst vor Verlust der Leihgabe“. „Die Furcht vor dem Verlust eines Freundes“ und auch „die Angst vor Verlust der Leihgabe“ kann man auch als zwei sich ausschließende Frames in Freundschaftsbeziehungen verstehen, die Erich Fromm im Sinn der Psychoanalyse als typische Fälle von „moralisierenden Rationalisierungen“ begreift: „Mit Hilfe einer moralischen Entschuldigung soll etwas legalisiert oder – besser – verheimlicht werden, was der Befragte anderen und wohl auch sich selbst nicht zugestehen will oder kann.“ (S. 20) Solche „Rationalisierungen“ verweisen auf die unbewusste Seite von „Frames“, die Elisabeth Wehling bei ihrer Erörterung des kognitionswissenschaftlichen Begriffs „Framing“ andeutet, aber nicht weiter expliziert. Unbewusste „Interaktionsformen“ in Freundschaftsbeziehungen Hilfreich für eine solche Explikation ist der von Alfred Lorenzer in seiner psychoanalytischen Sozialisationstheorie „Zur Begründung einer materialistischen Sozialtheorie“ (1972) entwickelte Begriff der „Interaktionsform“. „Interaktionsformen“ entwickeln sich in der frühen Mutter-Kind-Beziehung, die Lorenzer als eine „dyadische Beziehung“ beschreibt. Es geht dabei darum, dass Mutter und Kind sich im Verlauf der kindlichen Entwicklung immer wieder neu dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend auf eine Beziehungsform einigen müssen, die Lorenzer „Interaktionsform“ nennt. Sie organisiert die Regeln der emotionalen, kognitiven und moralischen Beziehung. Das sind Regeln der jeweiligen Einigung zwischen Mutter und Kind, die besonders in Konfliktsituationen zwischen den beiden relevant werden. In den frühen Entwicklungsphasen sind die Interaktionsformen vorsprachlich, in den späteren gestalten sie den Spracherwerb. Erst durch die Einfüh- Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 124 rung der Sprache kommt es zur Ausdifferenzierung von bewusst und unbewusst. Vorsprachliche Interaktionsformen werden durch die Einführung der Sprache nicht einfach aufgelöst, sondern in Sprache überführt, oder aber sie wirken im Unbewussten als nunmehr Verdrängte und Ausgeschlossene weiter. Auf diesem sozialisatorischen Wege gewinnen sie gestaltenden Einfluss auf die familialen, die freundschaftlichen Beziehungen und die Liebesbeziehungen, wie ich sie in den vorangegangenen Abschnitten beschrieben habe. Interaktionsformen, wie sie Lorenzer dargestellt hat, beschreiben die unbewusste Seite der von Elisabeth Wehling beschriebenen kognitiven „Frames“. Lorenzer unterscheidet „drei Formen von Interaktionen“, die von „sprachfähigen Interaktionsformen“ ausgeschlossen sind, und kennzeichnet damit den Bereich des Unbewussten: „1. Interaktionsformen, die nie in den Bereich sprachlich begriffener Handlungsnormen aufgenommen wurden; 2. diejenigen Interaktionsformen, die aus dem Sprachkonsensus wieder ausscheiden, weil die Entwicklung mehr oder minder zwanglos weiterschritt; 3. diejenigen Interaktionsformen, die unter Zwang aus der Sprache ausgeschlossen, zugleich aber als Interaktionsformen fixiert werden. Sie bezeichnen wir als Klischees.“ (S. 133) In den Frames der Freundschaftsbeziehungen sind diese drei Modi des Unbewussten im Spiel. Interaktionsformen, die nie sprachlich geworden sind, stammen aus der ganz frühen Kindheit und sind in den unbewussten Beziehungen von Erwachsenen wirksam. Ad 1: Man kann die Interaktionsformen in Freundschaftsbeziehungen als Übertragungen von nicht-sprachlichen Mutter-Kind-Beziehungen entdecken, so z. B. in einem väterlichen Verhalten des besten Freundes oder in einem mütterlichen Verhalten der besten Freundin. Eltern nutzen nicht selten eine Befehlsgewalt ihren Kindern gegen- über. Diesen wird vorgeschrieben, was sie alles tun müssen und was sie zu lassen haben. Dass man etwas muss, dass man etwas tun und lassen muss, erfahren Kinder von Geburt an. Ein solches Müssen ist in den frühen Interaktionsformen zwischen Mutter und Kind, Vater und Kind sowie Eltern und Kind prägend und wird von Generation zu Generation als Interaktionsform weitergegeben. Solches Müssen findet sich dann in den Beziehungen, den Interaktionsformen der Erwachse- Unbewusste „Interaktionsformen“ in Freundschaftsbeziehungen 125 nen wieder und hat seine Quelle in den frühkindlichen Interaktionsformen. Es aktualisiert sich als Übertragung in den Beziehungen von Erwachsenen, so auch in ihren Freundschaftsbeziehungen: Mein Interviewpartner Otto, der Friseur, antwortet auf die Frage im Interview, was Freundschaft für ihn bedeutet: „Man muss sich mögen, natürlich. Da muss Sympathie da sein. Du musst ihn (den Freund) auch schätzen.“ (S. 1) Im Müssen drückt sich der normative Zwang frühkindlicher Sozialisation aus, den die Erwachsenen nur schwer loswerden können. Dieser sozialisatorische Zwang greift in unbewusster Übertragung in die Freundschaftsbeziehung von Heranwachsenden und Erwachsenen ein.18 Ad 2: In manchen Freundschaften findet sich auch eine Art von privater Sprache, von Worten und Sätzen, die nur von dem Kind und der Mutter erfunden, gebraucht und verstanden werden. Diese Privatsprache hat ihren Ursprung in Übertragungen aus frühen Phasen des Spracherwerbs. Gleichermaßen wirken Interaktionsformen „unbewusst“ weiter, 18 „Interaktionsformen“ der kindlichen Sozialisation haben alle ein Moment des Zwanghaften, das Unterwerfung fordern und Gehorsam erzwingen soll. Mit der Strafandrohung verbinden sich Belohnung und Strafe. Den „Interaktionsformen“ von Mutter und Kind ist eine ambivalente Struktur zu eigen. Diese drückt sich in vielen Märchen und Kindergeschichten aus, so z. B. im „Struwwelpeter“ (1845) von Heinrich Hoffmann: „‚K o n r a d!‘ sprach die Frau Mama, ich geh’ aus und du bleibst da. Sei hübsch ordentlich und fromm, bis nach Haus ich wieder komm’. Und vor allem, Konrad hör! Lutsche nicht am Daumen mehr; denn der Schneider mit der Scher kommt sonst ganz geschwind daher und die Daumen schneidet er ab, als ob Papier es wär.‘“ (S. 11) Solche drastischen Strafandrohungen aus früheren „Interaktionsformen“ zwischen Mutter und Kind finden sich als Regulationsprinzipien in Freundschaftsbeziehungen wieder. Sie bilden einen Frame, dessen unbewusste Seite aus frühkindlichen Interaktionsformen gespeist wird. Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 126 die aus dem Prozess der Sozialisation scheinbar zwanglos ausgeschieden sind. Zum Beispiel antwortet und schreibt Larissa auf meine Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ in einem sozialen Netzwerk: „Zu meinen ehemaligen Freunden habe ich immer noch ein gutes Verhältnis und wir treffen uns noch hin und wieder mal, doch beste Freundin, das gehört der Vergangenheit an!!! Man entwickelt sich nun mal immer weiter!“ (S. 6) Alte Interaktionsformen der Sozialisation können zwanglos und in der Weiterentwicklung der Freundschaftsbeziehung durch neue Interaktionsformen ersetzt werden. Ad 3: Die unter Zwang aus der Sprache ausgeschlossenen Interaktionsformen stammen aus der Moralentwicklung und werden als unbewusst wirksame Übertragungen in die moralische, zuweilen auch religiöse Regulierung der Freundschaftsbeziehung eingebracht. Andrea beschreibt in einem sozialen Netzwerk, was für sie Freundschaft bedeutet: „Für mich sind meine Freundschaften heilig, denn meine besten Freunde stehen jederzeit hinter mir und sind für mich da, wenn ich sie brauche, (…) wahre Freundschaft (besteht) aus Vertrauen, denn ohne Vertrauen und vor allem Ehrlichkeit taugt die beste Beziehung nichts. (…) Ich hab mir sogar das japanische Schriftzeichen für Freundschaft tätowieren lassen, damit ich jeden Tag an meine Freunde erinnert werde.“ (S. 4) Freundschaft wird von Andrea mit einer „heiligen“ Aura umgeben, die jede Problematisierung der Beziehung ausschließt. Ein miteinander Streitenkönnen und wieder zusammenfinden, sei es im praktischen Zusammenleben, sei es im Gespräch, ist tabu. An „wahre Freundschaft“ ist ohne „Vertrauen“ und „Ehrlichkeit“ nicht zu denken. Wahre Freundschaft ist unverbrüchlich. Sie ist ein für alle Mal festgeschrieben. Bei Andrea ist sie als japanisches Schriftzeichen, als heiliges Symbol, auf ihren Körper tätowiert. Auf solche Weise heiliggesprochene Freundschaft soll das ganze Leben über dauern können. Das Tattoo ist Verpflichtung, ein unbewusster Zwang fürs ganze Leben. Es stellt sich die Frage, inwieweit die von Lorenzer diagnostizierten „unbewussten Interaktionsformen“ der Sozialisation in Freundschaftsbeziehungen wirksam werden, oder ob Unbewusste „Interaktionsformen“ in Freundschaftsbeziehungen 127 sie tendenziell durchaus bewusstseinsfähig sind, also − um den freudschen Begriff des Vorbewussten heranzuziehen − in bestimmten Situationen bewusstgemacht werden können.19 Der Frame ist eine Situation, in der einerseits Interaktionsformen unbewusst gehalten werden, verdrängt bleiben, andererseits die Chance ihrer Bewusstwerdung zum Teil ermöglicht werden kann. Freundschaft ist ein Frame der Beziehungseinschränkung, zugleich aber auch der Befreiung. Freundschaft ist meistens ein Frame ambivalenter Beziehungen, die bewusst werden können oder unbewusst bleiben müssen. Freundschaft als „Heimstätte sozialer Freiheit“ Der Soziologe Axel Honneth beschreibt in „Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit“ (2013) die bewusstseinsfähigen Interaktionsformen der Freundschaft als institutionalisierte „vorreflexive Gemeinsamkeiten“. Für den Soziologen ist das Feld des Vorbewussten ein Feld der „Vorreflexivität“: „Beziehungen der Freundschaft bilden eine institutionalisierte Form vorreflexiver Gemeinsamkeiten, die durch den nicht weiter thematisierten Wunsch beider Seiten geprägt ist, die jeweils eigenen Gefühle und Einstel- 19 Freud charakterisiert den Zusammenhang von religiösen Symbolen – als ein solches versteht Andrea ihr Tattoo – und dem beschriebenen Modus des Unbewussten in seiner Arbeit „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1932– 1939): „…, dass das Bewusstsein eine flüchtige Qualität ist, die einem psychischen Vorgang nur vorübergehend anhaftet. Wir müssen daher für unsere Zwecke ‚bewußt’ ersetzen durch ‚bewußtseinsfähig‘ und nennen diese Qualität ‚vorbewußt‘. Wir sagen dann richtiger, das Ich ist wesentlich vorbewußt (…).“ „Das Verdrängte ist dem Es zuzurechnen und unterliegt auch den Mechanismen desselben (…). Die Differenzierung vollzieht sich in der Frühzeit, während sich das Ich aus dem Es entwickelt. Dann wird ein Teil der Inhalte des Es vom Ich aufgenommen und auf den vorbewußten Zustand gehoben, ein anderer Teil wird von dieser Übersetzung nicht betroffen und bleibt als das eigentliche Unbewußte im Es zurück. Im weiteren Verlauf der Ichbildung werden aber gewisse psychische Eindrücke und Vorgänge im Ich durch einen Abwehrprozess ausgeschlossen; der Charakter des Vorbewußten wird ihnen entzogen, so daß sie wiederum zu Bestandteilen des Es erniedrigt worden sind. (…). Was den Verkehr zwischen beiden seelischen Provinzen betrifft, so nehmen wir also an, daß einerseits der unbewußte Vorgang im Es aufs Niveau des Vorbewußten gehoben und dem Ich einverleibt wird, und daß andererseits Vorbewußtes im Ich den umgekehrten Weg machen und ins Es zurückversetzt werden kann.“ (S. 202 f.) Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 128 lungen einander vorbehaltlos zu offenbaren; die implizit gewußten Rollenverpflichtungen greifen hier derart ineinander, dass wechselseitig Vertrauen und Sicherheit darüber bestehen, selbst noch in den idiosynkratischsten oder abwegigsten Wünschen ernstgenommen und nicht verraten zu werden. Es ist diese Erfahrung einer zugleich gewollten und umsorgten Selbstartikulation, die die Freundschaft zu einer Heimstätte sozialer Freiheit werden lässt.“ (S. 248 f.) Die Bemühung um eine „Heimstätte sozialer Freiheit“ kann man als die Herstellung einer „gemeinsamen dritten Sache“ verstehen. Im Interview erzählt mein Interviewpartner Bernd, der Unternehmer, von seiner Lebensfreundschaft mit Harry. In dieser Erzählung wird das, was Honneth als „Heimstätte der sozialen Freiheit“ versteht, empirisch konkret. „Die Heimstätte“ ist für Bernd ein Ort der „gemeinsamen dritten Sache“: „Ich hatte einen ganz engen Freund in dem Architekten Harry, der viel gebaut hat, mit dem ich Bauten gemacht habe (…).“ Interviewerin: „Was hat denn die Freundschaft ausgemacht?“ Bernd: „Das Vertrauen. Das Zutrauen zum gemeinsamen Bauen von Häusern oder Industrieanlagen.“ (S. 3) Bernd: „Da haben wir eine Stiftung eröffnet. Da brach doch in Polen das Zeitalter der Solidarnosc aus, aber auch das Zeitalter der Hungerkatastrophe. Das war ja furchtbar in Polen, dieser Hunger. Die mangelnde Versorgung von Kinderheimen und allem Möglichen. Wir hörten vom Diakonischen Werk, die Verbindungen nach Warschau, Lublin, Lodz und Kalisz hatten, dass keine Hygienemittel für Kinder in den Heimen mehr da waren, eine furchtbare Hungersnot ausbrach. Da fasste ich den Entschluss, zusammen mit meinem Freund eine Stiftung zu gründen.“ (S. 7) In einer ökonomischen Kooperation, dem „gemeinsamen Bauen von Häusern“ hat Bernd einen „engen Freund“ gefunden. Beide sind Unternehmer, die über ihre ökonomische Kooperation hinaus zu einer „gemeinsamen dritten Sache“ finden, die für sie zu einer „Heimstätte sozialer Freiheit“ wird. Unabhängig von ihren unternehmerischen Tätigkeiten entdecken sie gemeinsam, dass sie ganz praktisch helfen können. Sie gründen eine „Stiftung“, um die „Not in Polen in den Jahren 1979/80/81“ zu lindern. Mit der Stiftung wollten sie bei der mangelhaften Versorgung in Kinderheimen in Polen Abhilfe schaffen. Die Stiftung wird eine „Heimstätte sozialer Freiheit“. Sie dient mit ökonomischen Mitteln einem humanen Zweck. Der humane Zweck, die Versorgung von Kin- Freundschaft als „Heimstätte sozialer Freiheit“ 129 derheimen, wird zu ihrer „dritten Sache“, in der sie beide sich mit ihren ökonomischen und sozialen Kompetenzen engagieren und eine „Lebensfreundschaft“ entwickeln. Der Begriff „Heimstätte sozialer Freiheit“ von Honneth verweist auf die von Wehling charakterisierte kognitive Dimension des „Framing“, die ich mit Lorenzers Konzept der unbewussten und vorbewussten „Interaktionsformen“ vertieft habe. Eine Vertiefung, die sich auch bei Wehling immer wieder angedeutet findet. Auch sie versucht, wie ich mit meiner Untersuchung der Freundschaft, einen Zusammenhang zwischen Kognition und Unbewusstem herzustellen. Der Begriff des Framing soll das leisten. „Intellektueller Egozentrismus“ in Freundschaftsbeziehungen Elisabeth Wehling greift in ihrer Untersuchung „Politisches Framing, Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ (2016) eine zentrale Problematik der Entwicklungspsychologie auf, in der kognitive Entwicklungen und Vorgänge des Unbewussten streng voneinander getrennt werden, aber auch immer wieder versucht wird, die Zusammenhänge beider Phänomene zu thematisieren. Nach wie vor ist das Resümee, das Jean Piaget in seiner Untersuchung „Sprechen und Denken des Kindes“ (1972) zieht, grundlegend für diese Debatte: „Die Psychoanalytiker haben sich genötigt gesehen, zwei fundamentale Arten des Denkens zu unterscheiden: das gelenkte oder intelligente Denken und das ungelenkte Denken (…), das Bleuler autistisches Denken nennt. Das gelenkte Denken ist bewußt, d. h. es verfolgt Ziele, die dem Geist des Denkenden gegenwärtig sind; es ist intelligent, d. h. der Wirklichkeit angepaßt, und sucht auf sie einzuwirken, es nimmt Wahrheit und Irrtum auf (empirische oder logische Wahrheit), und es ist durch die Sprache mitteilbar. Das autistische Denken ist unterbewußt, d. h. die Ziele, die es verfolgt, und die Probleme, die es sich stellt, sind dem Bewusstsein nicht gegenwärtig. Es ist der äußeren Wirklichkeit nicht angepaßt, sondern es schafft sich selbst eine aus Imagination oder Träumen bestehende Wirklichkeit; es versucht nicht, Wahrheiten festzustellen, sondern Wünsche zu erfüllen; es bleibt streng individuell und läßt sich nicht durch die Sprache mitteilen. Dieses Denken vollzieht sich vor allem in Bildern und muß, um sich mitzuteilen, indirekt vorgehen, wobei es die Gefühle, die es begleiten, durch Symbole und Mythen hervorruft. Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 130 Das sind zwei fundamental verschiedene Denkweisen. Ihrem Ursprung nach aber sind sie nicht getrennt, sie werden auch zusammen wirksam, folgen aber ihrer jeweiligen Logik, deren Richtungen divergieren. Das gelenkte Denken folgt im Laufe seiner Entwicklung immer mehr den Gesetzen der Erfahrung und der eigentlichen Logik. Das autistische Denken dagegen folgt einer Gesamtheit besonderer Gesetze (Gesetze des Symbolismus, der unmittelbaren Befriedigung usw.).“ (S. 49 f.) Elisabeth Wehlings Begriff des „Framing“ versucht Jean Piagets Unterscheidung von „gelenktem Denken“ und „ungelenktem Denken“ zu integrieren. Das, was im „Framing“ stattfindet, kann man mit Piaget als eine ganz selbstverständliche Vermischung von „gelenktem“ und „ungelenktem Denken“ verstehen. So sind in den Frames der Freundschaft Aspekte des „gelenkten“ und Aspekte des „ungelenkten Denkens“ verbunden. Ein gutes Beispiel für ein wechselseitiges Durchdringen von „ungelenktem“ und „gelenktem Denken“ gibt Lea in der Befragung im sozialen Netzwerk. In ihrer Beschreibung ihrer Erfahrungen steht ein begrifflich gelenktes Erfassen von Freundschaftsbeziehungen neben deren Beschreibung in Bildern und Symbolen. Es ist ein Beispiel für viele Frames, die ich auch in meinen Interviews gefunden habe: Lea: „Damals schlummerten gruselige Erwartungen an Freunde in meinem Innersten, die wie ein ungeschriebenes, verhängnisvolles Gesetz natürlich zerstörten, was einmal so schön begann … ich habe mich dabei erwischt, wie ich glaubte, im Recht zu sein, wenn ich dachte oder im schlimmsten Falle behauptete: Als Freund geht dieses nicht und jenes sollte doch selbstverständlich sein! Igittigitt! (…), dabei brummt die weiche Hummel doch nur durch ihr Revier und sammelt fleißig Pollen, damit man dann zur gegebenen Zeit wieder zusammen naschen kann.“ (S. 10 f.) In diesem Beispiel folgt das „gelenkte Denken“ einer moralischen Logik, „als Freund geht dieses nicht und jenes sollte selbstverständlich sein“. Für das „ungelenkte Denken“ steht das Bild der „weichen Hummel, die durch ihr Revier brummt und fleißig Pollen sammelt“. Lea fühlt sich im Bild der weichen, durch ihr Revier brummenden Hummel wohl. Die „weiche Hummel“ ist für sie eine Glücksfantasie, sie wünscht sich, dass ihre Freunde und Liebhaber, so wie sie, durch ein gemeinsames Revier brummen. Die Freunde sollen so wie sie sein, sie sollen sich nicht als andere von ihr unterscheiden. Mit ihren Freunden „Intellektueller Egozentrismus“ in Freundschaftsbeziehungen 131 zusammen ist sie ein Schwarm glücklich brummender Hummeln. In der Fantasie vom Hummelschwarm entwickelt sie die Freundschaftsbeziehung als ein gemeinsames Subjekt. Der Freund ist nicht länger ein Anderer, ein Beziehungsobjekt, das man als anderen anerkennen muss. Er ist vielmehr ein Teil von ihr, der sich nicht von ihr unterscheidet, der gleich ihr und mit ihr „durchs Revier brummt“. Piaget hat dieses Entdifferenzieren des Subjekt-Objekt-Verhältnisses als intellektuellen „Egozentrismus“ in seiner Untersuchung „Sprechen und Denken des Kindes“ (1972) beschrieben: „Was ist also der intellektuelle Egozentrismus? Er ist eine spontane Haltung, die am Anfang die psychische Aktivität des Kindes beherrscht und im Falle geistiger Trägheit während des ganzen Lebens bestehen bleibt. Negativ gesehen, leistet diese Haltung Widerstand gegen die Herstellung von Beziehungen zur Gesamtheit und gegen die unpersönliche Aktivität der Vernunft. Positiv gesehen besteht diese Haltung in einer Absorption des Ich in den Dingen und in der sozialen Gruppe; diese Absorption vollzieht sich so, dass das Subjekt glaubt, die Dinge und die Menschen in sich zu kennen, ihnen aber in Wirklichkeit über ihre objektiven Merkmale hinaus Eigenschaften zuschreibt, die aus seinem eigenen Ich stammen oder auf die besondere Perspektive, die es einnimmt, zurückzuführen sind. Um aus seinem Egozentrismus herauszukommen, braucht das Subjekt also nicht so sehr neue Kenntnisse über die Dinge oder die soziale Gruppe zu erwerben oder sich mehr dem Objekt als etwas Äußerem zuzuwenden; es muß sich vielmehr ‚dezentrieren‘ und das Subjekt vom Objekt trennen: Es muss sich des Subjektiven in sich selbst bewußt werden, sich in alle anderen möglichen Perspektiven versetzen und auf diese Weise zwischen seinem eigenen Ich und den Dingen und Personen ein System gemeinsamer und reziproker Beziehungen herstellen. Egozentrismus wendet sich also gegen die Objektivität, soweit Objektivität auf der physischen Ebene Relativität und auf der sozialen Ebene Gegenseitigkeit bedeutet.“ (S. 83) In der Hummelfantasie von Lea geht es allerdings nicht darum, aus dem „intellektuellen Egozentrismus“ herauszukommen, sondern vielmehr den Freund in einen kollektiven intellektuellen Egozentrismus hineinzuziehen, in einen „intellektuellen Egozentrismus“, der sich einer Differenzierung von ich und den anderen, von Subjekt und Objekt entzieht. Im Egozentrismus zu zweit oder in der Gruppe gibt es keine Ecken und Kanten, keine Unterscheidungen und Abgrenzungen, die auf die Andersartigkeit der anderen aufmerksam machen könnten. Der Egozentrismus zu zweit oder mehreren ist ein gemeinsames „Brummen“ und Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 132 Tun, ein gemeinsames „fleißiges Pollensammeln“. Auch die „Pollen“ sind für den Hummelschwarm nicht etwas von ihnen Unterschiedenes und Fremdes. Das Pollensammeln ist Teil der Gemeinsamkeit. Auch der Egozentrismus einer Freundschaftsbeziehung „wendet sich also gegen die Objektivität“. Es soll keine „Relativität auf der sozialen Ebene“ von Gegenseitigkeiten geben. Auch in der Freundschaft ist der gemeinsame Egozentrismus eine Abwehr der Differenzierung von Menschen und Dingen, die Lea im Bild der „Hummeln“ und „Pollen“ zu fassen sucht. Gemeinsam „Pollen sammeln“ ist keine gemeinsame Tätigkeit zur Herstellung einer „gemeinsamen dritten Sache“. Sammeln hat wenig von der kreativen Herstellung einer Sache, die zu einer „gemeinsamen dritten Sache“ wird, wenn sie unter Freunden stattfindet. Sammeln ist nicht gleich Herstellen. In der Herstellung einer gemeinsamen dritten Sache entwickelt sich Freundschaft als die Anerkennung der Verschiedenheit in der Gegenseitigkeit, die Anerkennung „gemeinsamer und reziproker Beziehungen“, wie sie Honneth als Möglichkeit vorreflexiver und reflexiver Gemeinsamkeiten beschrieben hat. Wahre Freundschaft ist eine bewusste Freundschaft. „Intellektueller Egozentrismus“ in Freundschaftsbeziehungen 133 Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“ Ich habe meiner Arbeit den philosophischen Satz von Ernst Bloch aus der „Tübinger Einleitung in die Philosophie“ (1977): „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ (S. 13) vorangestellt. Ich verstehe meine Auswertungen der Interviews, der Gruppendiskussionen und der Befragung als eine empirische Explikation des philosophischen Gehalts von Blochs Diktum. In meinen theoretischen Er- örterungen, zu denen ich vielfältige philosophische Reflexionen herangezogen habe, geht es mir darum, den Erfahrungsgehalt von Freundschaftsbeziehungen herauszuarbeiten. „Ich“ bin nichts, das meint Ernst Bloch mit dem Satz „Ich habe mich nicht“. Nur in der Beziehung mit anderen Menschen kann ich „werden“. Mit anderen zusammen kann ich, wie die Anderen mit mir, mich finden. Das von Bloch gemeinte „Wir“ verspricht für die Zukunft ein gelingendes Leben miteinander. Das „Wir“ ist ein utopischer Entwurf des Zusammenlebens, eines Miteinanders, in dem sich jede und jeder zugleich selbst finden kann. Blochs „Wir“ ist kein gleichmachendes „Wir“, in dem das „Ich“ der einzelnen uniformiert, isoliert, eingesperrt und seiner individuellen Entwicklung beraubt bleibt. Das „Wir“, an das Bloch denkt, ist eine Ausdifferenzierung der Gemeinsamkeit, die den einzelnen „Ichs“ eine volle individuelle Entwicklung ermöglicht. Der Wunsch nach einer „wahren“ Freundschaft ist der Wunsch nach einem solchen vielgestaltigen „Wir“. In all meinen empirischen Interpretationen und theoretischen Erörterungen bin ich immer wieder auf diesen zum Teil vage, zum Teil aber auch konkret formulierten Wunsch nach einer „wahren“ Freundschaft gestoßen. In diesem Sinne verspricht das Bloch‘sche „Wir“ eine „wahre“ Freundschaft für die Zukunft. In seiner philosophischen Untersuchung „ICH – DU – WIR. Liebe als zwischenmenschliche Wahrhaftigkeit? Eine philosophische Erkundung in elf Durchgängen“ (2017) hat Friedrich Voßkühler den Bloch‘schen Begriff des „Wir“ aufgenommen. Voßkühler versteht dieses „Wir“ als „ein offenes Projekt, in dessen Rahmen die Liebenden mitein- 135 ander solidarisch darum besorgt sind, gemeinsam – und doch jeder für sich selbst – ihre Möglichkeiten zu entfalten.“ (S. 370) Dieses „offene Projekt“ verstehe ich nicht nur als einen „Rahmen“ der Liebesbeziehungen. Er ist zugleich ein „offenes Projekt“, ein Rahmen wahrer Freundschaftsbeziehungen. Für Freundschaft gilt gleicherma- ßen, dass man „miteinander solidarisch darum besorgt“ ist, „gemeinsam – und doch jeder für sich selbst“ die Möglichkeiten der Beziehung zu entfalten. Freundschaft ist ein Beziehungsort, den man mit Bloch und Voßkühler als „Heimat“ verstehen kann. „Heimat“ ist eine „Gegend“, die man irgendwann einmal verlassen musste oder verlassen hat und zu der man sich zurücksehnt. Das Gefühl von „Heimat“ hat sich zunächst im engen Kreise der Familie gebildet und im Verlauf der Entwicklung von Einzelnen und Gruppen gewandelt. „Heimat“ mag als Familie verloren gegangen sein. In „wahrer“ Freundschaft wird etwas von „Heimat“ wiedergefunden. Die Sehnsucht, einen „besten Freund“ oder eine „beste Freundin“ zu haben, ist ein heimatliches Gefühl. Dieses Gefühl begleitet viele Menschen ihr Leben lang. „Heimat“ möchte immer wieder neu erfahren werden. Sie kann in einer Freundschaftsbeziehung gefunden werden oder verbleibt als ein unvergesslicher utopischer Wunsch, den Vosskühler als eine „Utopie, dass sich die Welt wie früher als freundlich erweise, als ein Ort selbstverständlichen und geglückten Lebens, als ein Ort des Glücks eben“ (S. 368) versteht. „Heimat“ ist die Sehnsucht nach einem unproblematischen Lebenszusammenhang, ein Ort, an dem die Wünsche in Erfüllung gehen. Mit Axel Honneth habe ich das Denken und Fühlen in einer solchen Wunschvorstellung als „vorreflexiv“ beschrieben. In diesem Verständnis zielen Fühlen und Denken auf eine Selbstverständlichkeit des Glückserlebens. Es bescheidet sich nicht mit einem „reflexiven“ Denken, das auf Erkenntnis zielt und in einer gewonnenen Erkenntnis sein Glück findet. Glück soll ganz selbstverständlich im praktischen Alltag erlebt werden können. Ein von problematisierendem Denken ungebundenes Glückserlebnis soll zugleich auch frei sein von den Einschränkungen und Zwängen des Alltags. Ein solches Glück wird in vielen Freundschaftsbeziehungen gesucht. „Wahr“ werden solche Freundschaftsbeziehungen Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“ 136 dann, wenn sie sich von zwingender Logik, den Zwängen und Einschränkungen eines konventionellen Alltagslebens befreien können. Es gibt einen Wunsch nach Freiheit von alltäglichen Konventionen, der begleitet wird von einer tiefgreifenden existentiellen Angst. Es ist eine Angst, die Erich Fromm als Angst vor der Isolation, der Verlassenheit und des Alleinsein-Müssens analysiert. Es ist eine Angst, die sich dann einstellt, wenn man versucht, die alltäglichen Konventionen aufzugeben. Bewältigen lässt sich solche Angst vor der Freiheit der Konventionslosigkeit in gelingenden Freundschaftsbeziehungen. In diesen fühlt man sich nicht verlassen. Sie motivieren zu einem „spontanen Tätigsein“, das einen aus konventionellen Beziehungen herausführen kann. Eine Freiheit von Konventionen wird dann zu einer Freiheit „spontanen Tätigseins“. Solche Freiheit bildet sich in gelingenden Freundschaftsbeziehungen. Erich Fromm beschreibt „spontanes Tätigsein“ als Modus der Freiheit in Beziehungen zu Menschen und Dingen in seiner Studie „Die Furcht vor der Freiheit“ (1941a): „Spontanes Tätigsein ist der einzige Weg, auf dem man die Angst vor dem Alleinsein überwinden kann, ohne die Integrität seines Selbst zu opfern, denn in der spontanen Verwirklichung des Selbst vereinigt sich der Mensch mit der Welt – mit dem Menschen, der Natur und sich selbst. Die wichtigste Komponente einer solchen Spontaneität ist die Liebe (…), die Liebe als spontane Bejahung der anderen, als Vereinigung eines Individuums mit anderen auf der Basis der Erhaltung des individuellen Selbst.“ (S. 369) Fromm hat einen sehr allgemeinen Begriff von der „Liebe“, die die Vorstellung von einer gelingenden „wahren Freundschaft“ einbezieht. Die Liebe ist gleichfalls eine wichtige Komponente einer „wahren“ Freundschaftsbeziehung, in der „spontanes Tätigsein“ wirklich werden kann. „Wahre Freundschaft“ in diesem Sinne überschreitet alle Frames und Interaktionsformen, mit denen die Menschen in die Konventionen des Alltags eingebunden werden und sind. Frames und Interaktionsformen, wie ich sie auch mit Erich Fromm als Konventionen des Alltags beschrieben habe, sind Bestandteile eines „gesellschaftlichen Unbewussten“. Fromm bestimmt dieses „gesellschaftliche Unbewusste“ als eine unbewusste Beziehungswelt, in die Gedanken und Gefühle verdrängt werden, deren Bewusstwerden innerhalb gesellschaftlicher Konventionen und Moral nicht erlaubt ist. Fromm versteht in seinem Buch „Jenseits der Illusionen“ (1962a) das „gesellschaftliche Unbewusste“ als: Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“ 137 „jene Bereiche der Verdrängung, (…) welche bei den meisten Mitgliedern einer Gesellschaft anzutreffen sind. Bei diesen von der Allgemeinheit verdrängten Elementen handelt es sich um Inhalte, die den Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft nicht bewusst werden dürfen, wenn diese Gesellschaft mit ihren spezifischen Widersprüchen reibungslos funktionieren soll.“ (S. 96). In diesem Sinn verstehe ich Konventionen als präreflexive Frames und unbewusste Interaktionsformen. Meine empirischen Auswertungen zeigen immer wieder ein Unbehagen aufgrund der unbewusst wirksamen gesellschaftlichen Konventionen. Besonders deutlich wird das Unbehagen im Familienleben, wie es in den Gruppendiskussionen mit den SchülerInnen und den StudentenInnen sowie dem Interview mit dem Politiker Hans thematisiert wird. Bei den SchülerInnen geht es um die Ablösung von ihrer Familie und von deren konventionellen Erziehungsvorstellungen, wenn sie diese als Einschränkungen ihrer psychischen Entwicklung erleben. Sie möchten frei werden von den familialen Zwängen und suchen in der Freundschaft mit Gleichgesinnten eine „wahre“ Beziehungsform. Die Studierenden entwickeln in ihrer Vorstellung von „Blutsbrüderschaft“ und „Blutsschwesternschaft“ die Vorstellung von einem Familienersatz, der die familialen Bindungen mit den Freiheiten „wahrer“ Freundschaftsbeziehungen vermitteln soll. Der Politiker Hans entwickelt in seinem Interview die Vorstellung, dass sich Familienbeziehungen in Freundschaftsbeziehungen überführen lassen sollten, wenn die Kinder erwachsen geworden sind. Vater, Mutter und Kinder sollen so zu „wahren“ Freunden miteinander werden können. Hans hat die Erfahrung machen müssen, dass seine Kinder und seine Ehefrau diesen Rollenwechsel vom Familienmitglied zum „wahren Freund“ nicht mitmachen wollten. Die Familienbeziehung sollte ihre emotionale Bindekraft auch im Erwachsenenleben behalten. „Wahre Freundschaft“ hat Hans in seiner mit anderen zusammen gegründeten Wohngemeinschaft gefunden. Dort ist es gelungen, familiale Fürsorge mit der praktischen Bewältigung des Alltags und der Arbeit zu vermitteln. Im privaten Bereich ist es Hans gelungen, Demokratie zu verwirklichen, für die er sich als Politiker auch in harten politischen Auseinandersetzungen eingesetzt hat. Politik ist für ihn ein konfliktreiches Feld. Es war für ihn immer schwer, unter Politikern vertrauenswürdige Freunde zu finden. Das gelang ihm erst, nachdem er nicht mehr aktiv in der Politik tätig war. In der Politik ist für Hans Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“ 138 Freundschaft weitgehend nur eine Utopie, um die immer wieder neu gerungen werden muss. Politik ist selten eine „gemeinsame dritte Sache“, wie ich sie mit Brecht beschrieben habe. In seinem Lehrstück „Die Mutter“ stellt Brecht eine Mutter-Sohn-Beziehung dar, in der die Politik für die Unterdrückten zu einer „gemeinsamen dritten Sache“ wird. Mutter und Sohn verstehen sich gut. Alle konventionellen Familienkonflikte werden durch ihr gemeinsames politisches Engagement zur Seite gerückt. Die „gemeinsame dritte Sache“ macht aus einer Familienbeziehung eine Freundschaftsbeziehung auf gleicher Augenhöhe. Über eine „gemeinsame dritte Sache“ wird Freundschaft zu einer gelingenden Beziehungsform, in der sich der Wunsch nach einer „wahren Freundschaft“ erfüllen kann. Dieser Wunsch ist ein ganz praktischer Wunsch, der in fast allen meinen Interviews, Gruppendiskussionen und Befragungen anklingt. Besonders deutlich wird das in der Arbeitsbeziehung von Petra und Arnold, die gemeinsam eine Modenschau gestalten. Die beiden machen aus ihrer Arbeitsbeziehung eine Freundschaftsbeziehung. So geht es Arnold nicht darum, mit der Arbeit von Petra Geld zu verdienen, es geht ihm darum, „Petras Boot zum Schwimmen zu bringen“. Er sorgt dafür, dass Petras Modenschau, an der er teilhat, erfolgreich wird. So wird die Modenschau zur „gemeinsamen dritten Sache“ von Petra und Arnold. Ihnen gelingt es, aus ihrer gemeinsamen Arbeit die Ökonomie der Geldbeziehung herauszuhalten. Das Ziel ihrer Kooperation ist nicht primär an einem rein ökonomischen Gewinn der erfolgreichen Modenschau orientiert. Der Gewinn der Modenschau ist für beide in der Hauptsache der Gewinn ihrer guten Freundschaft, in der die Modenschau für sie zu einer „gemeinsamen dritten Sache“ geworden ist. Diese „dritte Sache“ ist keine ökonomische Ware, deren Gewinn nach erfolgreichem Verkauf untereinander aufgeteilt wird und jedem sein Gewinn nach der Berechnung des Einsatzes seiner Kräfte und seiner Zeitaufwendung zugeteilt wird. Der Gewinn, an dem sie beide teilhaben, liegt in dem Erlebnis und der Erfahrung einer gelingenden Freundschaft. Petra und Arnold haben etwas von dem erfahren, was ich mit Bloch und Voßkühler als utopischen Entwurf des „Wir“ beschrieben habe. Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“ 139 Wiederum mit Erich Fromm können wir die Unterscheidung von ökonomischer und freundschaftlicher Arbeitsbeziehung als die Unterscheidung der Existenzweisen von „Haben“ und „Sein“ deutlich machen. Diese Unterscheidung beschreibt Erich Fromm in „Haben oder Sein“ (1976a). In der Existenzweise des „Habens“ bedeutet Freundschaft etwas anderes als in der Existenzweise des „Seins“. In der Existenzweise des „Habens“ wird Freundschaft zu einer Beziehungsform des Besitzens und Besitzergreifens. Sie wird zu einer ökonomischen Machtbeziehung, durch die die Freundin oder der Freund zu einem bloßen Objekt, einer ökonomischen Ware entfremdet wird. In der Existenzweise des „Seins“ wird die Freundin oder der Freund zu einem lebendigen Subjekt, an dessen Entwicklung man teilhat. So wird Freundschaft zu einer „wahren Natur“ (S. 290 f.) einer lebendigen und authentischen Beziehung außerhalb einer marktförmigen Warenbeziehung. Zu einer Ware, die man in seinen Beziehungen zu seinen Mitmenschen verkauft, kann man auch für sich selbst werden. Die Beziehung zu anderen gestaltet sich dann im Sinne eines ökonomischen Marktgeschehens. Ein Beispiel dafür gibt uns Lea, wenn sie sich als „Hummel“ beschreibt, die durch Freundschafts- und Liebesbeziehungen brummt. „Sich selbst zur Ware zu machen“ ist die entfremdete Form des „sich selbst zum Freunde zu machen“, wie ich es mit Aristoteles beschrieben habe. Den Freund in und von sich selbst findet man durch Selbstreflexion, die Aristoteles in der „Nikomachischen Ethik“ (1831a) auf die folgende Weise charakterisiert: „Man darf aber wohl sagen, daß es der denkende Teil ist, der das Wesen des einzelnen Menschen, ganz oder doch in erster Linie, ausmacht. Wer so ist, der wünscht in dauernder Lebensgemeinschaft mit sich selbst zu sein, denn er verwirklicht sie mit Freude: Das Vergangene ist ihm erfreuliches Gedenken, die Zukunft gute und somit angenehme Erwartung, und in seinem Geiste ist reicher Stoff für nachdenkliche Betrachtung.“ (S. 251) Man kann meinen Interviewpartner Bernd als einen Aristoteliker verstehen, wenn er von seiner Selbstreflexion als „inneres Rategespräch“ spricht. Bernd macht sich selbst zum Freund, der ihn und mit dem er sich berät. Das „innere Rategespräch“ ist eine Beratung unter Freunden, die man mit sich selbst führt. und in der man zugleich reflektierendes Subjekt und reflektiertes Objekt ist. So gewinnt das reflektierte Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“ 140 Objekt den Charakter eines reflektierenden Subjekts. Auf dem Wege des „inneren Rategesprächs“, in das Bernd viele Erinnerungen an vergangene Zeiten einbezieht, macht er sich selbst zum Freund und gewinnt eine „wahre Freundschaft“ mit sich selbst. „Wahre Freundschaft“ mit anderen stellt sich dann her, wenn man zu einem „wahren“ Freund für sich selbst geworden ist. Mit seinem „inneren Rategespräch“ zeigt Bernd, wie man selbst zu einem „wahren“ Freund wird. Das geschieht nicht von heute auf morgen, sondern es ist ein innerer Erfahrungs- und Reifungsprozess, der sich durch das ganze Leben zieht und in dem man zu seiner eigenständigen und individuellen Identität findet. Dies ist eine Identität, aus der heraus sich eine „wahre Freundschaft“ mit anderen entwickeln kann, in der sich ein Einklang von Fremderfahrung und Selbsterfahrung bildet. Auf einen solchen Einklang zielt das „Wir“, das Ernst Bloch als differenziertes Zusammenspiel von „Ich“ und den „Anderen“ vorgestellt hat. Es ist das „Wir“ einer „wahren Freundschaft“. Die Erfahrung von „wahrer Freundschaft“ 141 Literaturverzeichnis Adorno, T. W. (1951): „Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Aristoteles (1831a): „Nikomachische Ethik“ (Übersetzung und Nachwort von Franz Dirlmeier). Stuttgart: Reclam Verlag. (1969). Aristoteles (1831b): „Nikomachische Ethik“ (Übersetzung und Nachwort von Gernot Krapinger). Stuttgart: Reclam Verlag. (2017). Aristoteles (1831c): „Nikomachische Ethik“ (Übersetzung von Eugen Rolfes). Hamburg: Felix Meiner Verlag. (1995). Beauvoir, S. de (1953): „Sie kam und blieb“. Hamburg: Rowohlt Verlag. Beauvoir, S. de (1997): „Briefe an Sartre“. Hamburg: Rowohlt Verlag. Bloch, E. (1977): „Tübinger Einleitung in die Philosophie“. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch Verlag. Brecht, B. 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Zusammenfassung

Jeder hat eigene Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen, von denen er viel erzählen kann. In ihrer qualitativen sozialpsychologischen Untersuchung interpretiert Katja Specht diese Erzählungen als Alltagsphilosophien, die sie mit wissenschaftlichen Theorien aus Psychologie, Philosophie und Soziologie vergleicht. Auf diesem methodischen Wege entsteht ein weit gefächertes Mosaik von Freundschaftsbeziehungen.

In den Freundschaftsbeziehungen, von denen viele InterviewpartnerInnen in Katja Spechts Untersuchung berichten, geht es um die Suche nach einer „wahren Freundschaft“. Sowohl in Interviews und Gruppendiskussionen als auch in Fragen und Antworten aus dem Sozialen Netzwerk erzählen Katja Spechts GesprächspartnerInnen von ihren Freundschaften.

References
Literaturverzeichnis
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