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Freundin und Freund in den Blicken der Anderen in:

Katja Specht

"Wahre Freundschaft", page 93 - 116

Beziehungskulturen der Freundschaft - eine sozialpsychologische Untersuchung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4435-3, ISBN online: 978-3-8288-7449-7, https://doi.org/10.5771/9783828874497-93

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 32

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Freundin und Freund in den Blicken der Anderen Sowohl aus meiner Aufarbeitung vielfältiger Theorien der Freundschaftsforschung als auch aus meiner empirischen Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk, ergibt sich eine eigenständige sozialpsychologische Untersuchungsperspektive der Freundschaft. Den folgenden Überlegungen liegen zentrale empirische Auswertungen und Theorien zum Thema Freundschaft zugrunde. Es geht um eine mit qualitativer Empirie fundierte Theorie der Freundschaft. Ich orientiere mich dabei an Thomas Fuchs „Analyse des Blicks“, wie er sie in seiner Untersuchung „Leib Raum Person. Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie“ (2000) vorgenommen hat. Ich möchte zeigen, dass es einen freundschaftlichen Blick auf Menschen und Dinge in einer Gesellschaft geben muss. Der freundschaftliche Blick ist ein wesentlicher Bestandteil zwischenmenschlicher Beziehungen. Bei der folgenden Blickanalyse geht es darum, wie man vom anderen gesehen wird und wie man den anderen sieht. Fuchs macht in seiner phänomenologischen Blickanalyse folgende Unterscheidungen: Er unterscheidet den „faszinierenden", den „objektivierenden“ und den „liebenden Blick“. „Der faszinierende Blick wirkt bannend, anziehend, ja einverleibend: Er fesselt den eigenen Blick, (…) die Liebe auf den ersten Blick ist von dieser Art. Wenn man sagt, dass jemand von einer Person geblendet (…) ist, so bezeichnet die Sprache damit treffend den Verlust des eigenen (Gegen-)Blicks und damit der Fähigkeit zur kritischen Distanzierung.“ (S. 284) In meinem Interview mit dem Restaurateur Arnold und der Modedesignerin Petra beschreiben die beiden, was sie fasziniert. Sie erzählen von einer Modenschau, auf der sie gemeinsam gearbeitet haben: Arnold: „Ja, also unglaubliche Ästhetik. Und da waren natürlich auch dann Schuhe von Alexander McQueen, die ich in London natürlich auch 93 live gesehen hatte, wie die Mädchen drauf laufen mussten und so. Und das ist für mich dann auch wieder interessant, in solche Welten dann reinzukommen. Aber was eben schön ist, ist dass ich dann nicht wie viele Männer, die dann mit Frauen unterwegs sind, dann so dasitzen und dann denken, wann ist die Alte denn endlich mal fertig und so. Sondern dass ich das wirklich schön finde, durch Petra quasi einen Zugang zu einer Welt zu kriegen und mich dann darin bewegen zu können und das auch selbst genießen zu können.“ Petra: „Ja, Du bist ja auch Teil dessen.“ (S. 11) Arnold ist von der Modenschau fasziniert. Er gewinnt „durch Petra quasi einen Zugang zu einer Welt“ und ist begeistert. Er möchte sich in dieser Welt bewegen können, genießen können und Teil von ihr sein. Seine Faszination von dieser Welt, „dieser unglaublichen Ästhetik“ führt dazu, dass er sich damit vollständig zu identifizieren sucht. Seine Faszination führt ihn zu dieser Identifikation. Sein „faszinierender Blick“ ist wie „gebannt“. Er fühlt sich von dieser Modewelt wie einverleibt. Zugleich fühlt er sich auch von Petra besonders angezogen. Sie fasziniert ihn auch als Person, als eine Person, die in diese Modewelt integriert ist. Als Modedesignerin strahlt Petra für Arnold die ganze Aura der Modewelt aus. Bei dieser Faszination ist es Petra allerdings etwas unbehaglich. Sie möchte mit Arnold eine Arbeitsbeziehung und nicht einen Verehrer. Der objektivierende Blick Fuchs setzt gegen den „faszinierenden Blick“ der Identifikation den „objektivierenden Blick": „Von anderer Art ist der objektivierende Blick: Als kalter, musternder, abweisender, verachtender oder feindlicher Blick verhindert er, der objektivierende Blick, gerade die Verschmelzung (die Fuchs in seiner Analyse des ‚faszinierenden Blicks‘ auch als ‚Einverleibung‘ beschrieben hat), wirft vielmehr den Angeblickten auf den eigenen Leib zurück, wirkt distanzierend und einengend. Er erzeugt Befangenheit, peinliche Selbstbewusstheit, Scham und löst eher Blickabwendung, nicht Blickfixierung aus.“ (S. 284) Der „objektivierende Blick“ fixiert nicht, wie der „faszinierende Blick“ das tut, sondern ist viel eher eine „Blickabwendung“. Er schafft Distanz zum Objekt und versucht so geradezu eine „Verschmelzung“ mit dem Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 94 „Angeblickten“ zu vermeiden. Er beengt und begrenzt sich und den anderen und erzeugt eine scharfe Trennung zwischen sich und dem von ihm angeblickten Objekt. Er objektiviert und will damit den von ihm Angeblickten zu einem bloßen Objekt machen, das dann „kalt“, „musternd“, „verachtend“ oder gar „feindlich“ angeblickt werden kann. Der „objektivierende Blick“ will distanzieren. Meinem Interviewpartner Sven macht es z. B. nichts aus, Mitarbeiter zu kündigen, wenn diese nicht mehr gebraucht werden. Er mustert sie und schaut sie nicht selten abweisend und verachtend an. Er wendet seinen Blick von ihnen ab, wenn sie für ihn nicht mehr nützlich sind. Er objektiviert sie, macht sie zu bloßen Gegenständen und vermeidet so jedes Mitgefühl mit ihnen. Er will nicht einmal Mitleid mit ihnen empfinden. Er vermeidet strikt die Teilnahme an ihrem Schicksal. Wer nichts mehr nützt, ist verachtenswert. Er positioniert sich feindlich denen gegenüber, die er „objektiviert“. Eine Verschmelzung mit ihnen soll von vornherein unmöglich sein. Auf diese Weise fällt es ihm leicht, Menschen einfach zu kündigen. Sven: „Ich finde es extrem angenehm, diese Beziehungen (Arbeitsbeziehungen) zu beenden.“ (S. 19) Diese Aufgabe, Mitarbeiter zu kündigen, hat Sven immer gerne auch für andere übernommen. Das hat ihm immer Spaß gemacht − für andere, die sich mit Kündigungen schwertun, zu kündigen: Sven: „Dann habe ich gesagt, das mache ich für euch. Das habe ich immer gerne gemacht. Einfach Leute gekündigt. Also zu sagen, fachlich, hier ist jetzt Feierabend. Schluss aus vorbei. Fertig. Die haben mich immer genommen dafür. Hab ich mich immer gut bezahlen lassen dafür. Die brauchten dann nicht ihr Gesicht (zu verlieren). (…) Also solche unangenehmen Entscheidungen zu treffen, ist für mich nicht unangenehm. Das Leben hat ganz viele Entscheidungen. Man muss viele Entscheidungen im Leben treffen. Nicht nur angenehme, auch unangenehme. Das kann ich genauso gut.“ (S. 19) Sven ist stolz auf seine Schamlosigkeit. Sein Blick auf die zu Kündigenden ist kalt, musternd, abweisend, verachtend, also „objektivierend“. Er macht die Mitarbeiter eines wirtschaftlichen Unternehmens zu bloßen ökonomischen Objekten. Der objektivierende Blick 95 Der starre Blick Varianten des faszinierenden und des objektivierenden Blicks finden sich im „starren Blick“. Im starren Blick ist wie im objektivierenden Blick das Moment der Fixierung enthalten. Aber auch der faszinierende Blick kann leicht etwas „Starres“ haben, wie Thomas Fuchs in seiner phänomenologischen Blickanalyse schreibt: „Beide Blicke lassen den Erblickten erstarren, der eine aber durch Bannung und Sich-Verlieren im Auge des Anderen, der andere dagegen durch distanzierende Verdinglichung, ja Entwertung bis hin zum ‚vernichtenden Blick‘“. (S. 284 f.) Der „starre Blick“ will den Angeblickten einschränken, ihm seine Lebendigkeit nehmen. So kann man sich in der Faszination gebannt, gefesselt und festgenagelt fühlen. Man fühlt sich dann ausgeliefert und verloren, eingesperrt, ohne eine Chance zu sehen, sich aus dem Blickgefängnis befreien zu können. Dennis, ein Schüler aus der 8. Klasse eines Gymnasiums, beschreibt, wie sein Blick starr wird, wenn es in der Freundschaftsbeziehung um Geld geht: „…dass man nur dem anderen immer Geld sonst wo hinschiebt, dann hört die Freundschaft auch irgendwann auf. Wenn’s halt auch nur immer kleine Beträge sind und das ein bissel so hin und her geht, man gibt jemanden was, dann gibt er einem was wieder zurück, das ist dann irgendwo schon in der Mitte, aber wenn man nur dem anderen immer, immer, immer Geld geben muss, dann sagt man sich irgendwann, ich kann doch nicht nur dem anderen sozusagen aus der Patsche helfen und dafür selbst aber überhaupt nichts bekommen, auch wenn’s ’ne Freundschaft ist, wenn man nur Verluste daraus macht, dass es nichts mit der Freundschaft zu tun hat.“ (S. 31) Dennis schildert seine Enttäuschung über eine Freundschaft, in der der Freund ihn nur als eine Geldquelle sieht. So wird eine Beziehung unter Freunden zu einer Geldbeziehung. Der Freund ist nur dann wichtig, wenn er in der Lage ist, Geld zu geben oder zu leihen. Der Freund wird zu einer baren Münze, zu einem Ding herabgesetzt. Freundschaft, die sich mehr und mehr zu einem Verlustgeschäft entwickelt, kann schwerlich als etwas anderes als eine tiefe Enttäuschung erlebt werden. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 96 Das gilt für beide Freunde, die sich zu einer Geldbeziehung, zu einem bloßen Nehmen und Geben entfremdet haben. Der Freund sieht sich als „Goldesel“ missbraucht, der ausgenommen und betrogen wird. Eine bloße Geldbeziehung lässt die Gefühle „erstarren“ und den Blick auch. Ein Freund, der lebendige Gefühle in eine solche Freundschaftsbeziehung investiert, ist von vornherein der Dumme, der sich manipulieren und ausnutzen lässt. Beide können sich nur als bloße Tauschpartner sehen. Sie manipulieren sich wechselseitig, so wie man Dinge manipuliert. Der Blick will sie zu manipulierbaren Dingen erstarren lassen. Mit Thomas Fuchs verstehe ich einen solchen „starren Blick“ auch als eine „distanzierende Verdinglichung“. Im starren Blick wird der Angeblickte zu einem Ding gemacht, der andere wird in seiner Persönlichkeit entwertet. Dennis kann sich schwerlich anders fühlen als die von Sven gekündigten Mitarbeiter, deren Situation wir schon interpretiert haben. Wie diese kann sich Dennis durchaus als bloßes verfügbares Humankapital fühlen. Aus der Bilanz gelöscht wird er sich vernichtet fühlen. So kann leicht aus einer bloß ökonomischen Kalkulation eine moralische Untat werden. Sartre schreibt in „Das Sein und das Nichts“ (1952) über den „starren Blick“ Folgendes: „So bin ich mein Ego für den anderen inmitten einer Welt, die zum anderen hin abfließt.“ (S. 471) „Es genügt, dass der Andere mich anblickt, damit ich das bin, was ich bin. Zwar nicht für mich selbst (…), wohl aber für den anderen. (…) Für den anderen sitze ich, wie dieses Tintenfass auf dem Tisch steht.“ (S. 473) Der „starre Blick“ auf den Anderen zerstört die Gleichwertigkeit der Freunde. Der so Angeblickte muss sich schwach gemacht fühlen.15 Dennis fühlt sich enttäuscht, wenn ihn sein Freund in die Schwäche eines manipulierbaren Dinges versetzt. Es fällt ihm schwer, sich dem 15 Zur gleichen Zeit, in der Sartre „Das Sein und das Nichts“ (1952) schrieb, schrieb Simone de Beauvoir ihren Roman „Sie kam und blieb“ (1953), in dem der starre Blick immer wieder zum literarischen Beziehungsthema wird. In einer Szene des Romans besucht der Schauspieler Guimoit seine Freundin Elisabeth. Es kommt zu folgender Liebesszene: Der starre Blick 97 Bann des „starren, verdinglichenden Blicks“ seines Freundes zu entziehen. Er kann nicht zugleich dem „starren Blick“ ausgesetzt sein und ihn reflektieren. Denn Reflexion distanziert die Erstarrung und löst sie damit auf. Sartre interpretiert solches Erlebnis des Angeblicktwerdens als einen Schwachpunkt unserer Wahrnehmung: „Wir können nicht die Welt wahrnehmen und gleichzeitig einen auf uns fixierten Blick erfassen; es muss entweder das eine oder das andere sein. Wahrnehmen ist nämlich Anblicken, und einen Blick erfassen ist nicht ein Blickobjekt in der Welt erfassen (…), sondern Bewusstsein davon erlangen, angeblickt zu werden.“ (S. 467) Der familiale Blick Familien haben ihre besondere Beziehungsdynamik, die in verschiedenen Rollen zum Ausdruck kommt und in den meisten Familien ganz selbstverständlich ist. Das Wort Familie lässt spontan an Eltern, Vater, Mutter und Kinder denken. Das Wort Familie weckt zunächst Gedanken und Gefühle an eine harmonische, bisweilen auch konfliktreiche Beziehungskultur, die sich wesentlich von Freundschaftsbeziehungen unterscheidet. Zuweilen rücken Vorstellungen, was Freundschaft alles sein könnte, in den Mittelpunkt von Gesprächen in der Familie. Diese „Er sah sie jetzt zwischen halb geschlossenen Lidern an; Elisabeth bot ihm ihren Mund und schloss die Augen, sie konnte diesen Blick nicht ertragen, den Blick des Professionals; als seine Finger über ihren Körper einen Schauer flaumiger Zärtlichkeit rieseln ließen, hat sie das Gefühl, dass es die Hände eines Spezialisten waren, genauso gut ausgebildet wie die eines Masseurs, eines Friseurs, eines Zahnarztes; Guimiot kam gewissenhaft seiner Mannesaufgabe nach, wie konnte sie nur diese ironisch erwiesene Gefälligkeit annehmen? (…) sie öffnete die Augen einen Spalt. Die Lust verzerrte Guimiots Mund, seine Augen sahen wie schräge Schlitze aus; jetzt dachte er mit einer Art von Profitgier nur noch an sich selbst. Sie schloss wieder die Augen; sie fühlte sich von dem Bewusstsein einer brennenden Schmach verzehrt. Sie hatte es jetzt eilig damit, nur zu Ende zu kommen.“ (S. 119) Beauvoir beschreibt Guimiot als eine Art kunstfertigen Liebestechniker, der sein Handwerk versteht, mit dem Blick des Professionals und den Händen eines Spezialisten unterwirft er seine Freundin Elisabeth zu einem bloßen Objekt. Der Profitgier des professionellen Sexspezialisten ist sie nicht gewachsen. Er macht sie zum Objekt seiner Sextechniken und seiner Lust, denen sie hilflos ausgeliefert ist und sich unterwerfen muss. „Sie schloss die Augen“, „es blieb ihr nichts als zu leiden“. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 98 Gespräche sind nicht immer harmonisch. Es kommt zu ernsten Konflikten. Eltern wünschen sich Kinder, die erwachsen werden wollen. Das bleibt ein ambivalenter Wunsch, gespeist von Erinnerungen an Erlebnisse glücklichen Zusammenseins mit eigenen Kindern. Dieser Wunsch nach einer glücklichen und spielerischen Kommunikation mit Kindern, ändert sich im Verlauf des Erwachsenwerdens der Kinder. Dann geht es um den Wunsch nach ernsten Gesprächen mit den älter gewordenen Kindern. Das sind Gespräche, die man auch als Gespräche unter Freunden beschreiben könnte. So kann der Wunsch entstehen, die Familie in eine echte Freundschaftsbeziehung zu verwandeln. Dieser Wunsch aus Kindern erwachsene Freunde zu machen, beschäftigte meinen Interviewpartner Hans: „Freundschaft, würde meine Familie glaube ich sagen, ist das nicht. Das ist was anderes. Familie würden sie glaube ich sagen. Natürlich sind wir befreundet, aber das ist glaube ich für meine Frau, die würde sagen: Hey komm, wir sind verheiratet. Die Kinder würden sagen: Hey, wir sind deine Kinder. Wieso machst du uns zu Freunden? Und die Enkelkinder würden sagen: Hey, wir sind deine Enkelkinder. Wieso erklärst du uns zu Freunden? Wir sind deine Enkelkinder. Wir sind qualifiziert mit dir verbunden. Bei meinen Kindern habe ich inzwischen das Gefühl (…) wir entwickeln uns zu Geschwistern.“ (S. 14) Die Kinder von Hans können sich ihren Vater, viel besser als einen Bruder vorstellen, weniger als einen Freund. Für seine Frau soll er Ehemann bleiben. Freundschaften sollen außerhalb der Familie entstehen. Innerhalb der Familie haben sie keinen Platz. Hans hat das Gefühl, dass er und seine Kinder sich zu Geschwistern entwickeln. Hans wünscht sich, mit seinen Kindern befreundet zu sein. Seine Kinder wünschen sich, ihn als Vater festzuhalten. Daraus entsteht eine Konstellation, in der seine Kinder und er sich zu „Geschwistern“ entwickeln können. Der familiale Blick hält ihn gefangen. Man kann sich seine Familie nicht aussuchen, seine Freunde aber schon. In einer Freundschaftsbeziehung gibt es einen starken Wunsch nach Gleichwertigkeit. Man wünscht sich keine Hierarchie. In der Regel wird die Familie als eine hierarchisch gegliederte Organisation aufgefasst. Dem Vater wird die oberste Position in der Familienhierarchie zugewiesen und die Geschwister werden eher als Der familiale Blick 99 gleichwertig gesehen, eine Gleichwertigkeit, wie sie ähnlich auch unter Freunden herrscht. Hans wünscht sich mit seiner Frau und seinen Kindern eine Beziehung, die der Gleichwertigkeit von Freunden entspricht. Es deutet sich eine Kompromissbildung zwischen Freundschaftlichkeit und Geschwisterlichkeit an. Mit diesem Kompromiss scheint Hans einverstanden zu sein: „Ich habe inzwischen das Gefühl, wir entwickeln uns zu Geschwistern“ (S. 14) Der familiale Blick wandelt sich zu einem Blick der Gleichwertigkeit unter Geschwistern. Die Familie bleibt erhalten, aber die Hierarchie in ihr wird abgebaut. In den familialen Blick wird zunehmend ein freundschaftlicher Blick integriert. Auf diese Weise wird die Verantwortung für die Familie, die hauptsächlich im traditionellen Familienbild beim Vater bzw. den Eltern liegt, auf alle Familienmitglieder verteilt. So kann es bei zunehmendem Heranwachsen der Kinder einen Übergang von einer traditionellen hierarchischen Familienorganisation über eine Organisation geschwisterlicher Beziehung zu einer außerfamilialen Organisation der Freundschaftsbeziehung geben. Solche Veränderungen in der Familienorganisation sind dem Erwachsenwerden der Kinder förderlich. Sie werden nicht in der Rolle der Kinder festgehalten, wie auch der Vater nicht in einer traditionellen Vaterrolle fixiert bleibt. So wird ein „starrer Blick“, von dem schon die Rede war, weitgehend vermieden. Eine solche Familienentwicklung ermöglicht eine größere Offenheit der Familienmitglieder untereinander. An die Stelle der Erstarrung in Familienrollen tritt die Chance einer Entwicklung zu größerer Reife und Selbstverantwortung, ohne dass man den familialen Lebenszusammenhang verlassen muss, ihn aber verlassen kann. Anders als Hans beschreibt Arnold im Interview auch die Schwierigkeiten, die in einer offenen Familienorganisation entstehen können, einer Familienorganisation von kreativen Menschen: „Also ich habe zum Beispiel zwei Nichten. So, und die Große, der bin ich auch sehr zugewandt und das ist auch sehr positiv, obwohl die sich auch sehr kompliziert entwickelt hat. Aber das ist halt auch ein kreativer Mensch und das ist auch ein Mensch, die sehr, also die sehr große Teile meiner Welt auch übernommen hat, auch innerlich für sich übernommen Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 100 hat. Und das ist etwas, was mich sehr freut und was ich auch sehr schön finde, aber wie gesagt, es sind so die anderen Familienmitglieder immer so als rostige Scharniere sozusagen dazwischen, und das ist halt schwierig dann oft, so sich dann freizustrampeln.“ (S. 17 f.) Die Beziehungen in einer offenen Familienorganisation sind durchaus konfliktreich. Die Familienmitglieder schwanken zwischen großem wechselseitigem Verständnis zueinander, so bei Arnold mit seiner Nichte, und verfestigten eingerosteten Beziehungsmustern, aus denen man sich „freistrampeln“ muss. Der familiale Blick hat also nicht nur eine harmonische Seite, in die er die Familienmitglieder einbindet, wie sie Hans beschrieben hat, sondern der familiale Blick ist gleichermaßen einschränkend und festhaltend wie „rostige Scharniere“, die quietschen und knarren, die man nur schwer öffnen kann und aus denen man sich erst „freistrampeln“ muss. Arnold versucht, die harmonische Seite seines Blicks auf die Familie, seine Erfahrungen mit seiner Nichte, in das Feld seiner Arbeitsbeziehung zu übertragen. Das gelingt ihm in der Beziehung mit seiner Kollegin Petra, die er auch als Freundin sieht, wie sie auch ihn als ihren Freund sieht: „Zum Beispiel, ich kann mit Petra auch Modenschauen und auch Fotoshoots oder so machen. Wir können das machen, weil wir miteinander harmonisch und unangestrengt und ohne große Reibung, ohne Anstrengung, ohne dieses Quietschen, was ich da meine, umgehen können. Und es gibt halt Menschen, und dazu gehört leider ein großer Teil meiner Familie, da ist für mich der soziale Kontakt anstrengend, und zwar im gro- ßen, großen, großen Maße anstrengend. Und mit zunehmendem Alter habe ich einfach festgestellt, dass ich das nicht mehr will, dass ich diese Form von Anstrengung nicht mehr auf mich nehmen will, dass ich mich gerne im Positiven anstrenge. Also ich schiebe gerne mit Petra ihr Boot ins Wasser, um dann zu sehen, wie das fährt, aber ich möchte mich nicht mehr im sozialen Umgang sozusagen abmühen und abhampeln und am Ende, sagen wir mal, ist es eine Totgeburt, weil es irgendwie nicht funktioniert.“ (S. 18) Während Arnold sich in der Beziehung zu seiner Familie eingesperrt und eingeengt fühlt, kann er mit Petra eine „produktive Orientierung“ für sein Leben realisieren. Mit ihr gemeinsam kann er das „Boot ins Wasser“ bringen. Arnold wünscht sich einen „sozialen Umgang“ und nicht mehr bloß einen familialen Umgang. Dann blüht er auf und Der familiale Blick 101 kann seine Potentiale nutzen. Mit Petra kann er sich auf die positiven Seiten, die ihm das Leben anbietet, konzentrieren. Erich Fromm schreibt in seinem Aufsatz „Der Gesellschafts-Charakter eines mexikanischen Dorfes“ (1970b): „Die Tendenz (…) etwa an Blut, Familie oder Sippe gebunden zu bleiben, findet sich bei allen Menschen. Sie steht in ständigem Konflikt mit der entgegengesetzten Tendenz (…), Fortschritte zu machen und zu wachsen. (…) Bisher gab es in der Geschichte die inzestuöse Fixierung an Familie, Sippe, Nation, Staat und Kirche bei den meisten Menschen zwar nicht extrem ausgeprägt, aber doch als wirksame Kraft. Sie ist einer der wichtigsten Faktoren gegen die menschliche Solidarität, und sie ist eine der tiefsten Quellen von Hass, Destruktivität und Irrationalität.“ (S. 316) Arnolds Erfahrungen mit seiner Familie lassen sich in das, was Fromm unter destruktiven Verhältnissen versteht, interpretieren. Arnold möchte sich nicht länger Anstrengungen und Reibungen, wie er sie in seiner Familie erleben musste, aussetzen. Er hat familiale Bindungen oft als sehr konfliktreich und aggressiv erlebt. Seine Familienbeziehungen hat Arnold selten als harmonisch empfunden, sondern eher als Quelle von „Hass, Destruktivität und Irrationalität“. Für ihn war das Familienleben keine Quelle „menschlicher Solidarität“. Solidarität hat er vielmehr in seiner Arbeitsbeziehung mit seiner Arbeitskollegin und Freundin Petra gefunden. Das ist eine Arbeitsbeziehung, ein produktives Verhältnis, in dem beide voneinander profitieren und miteinander wachsen können. Auch Jugendliche lösen sich in ihrer adoleszenten Entwicklungsphase ein Stück weit von dem familialen Blick auf soziale Beziehungen. Sie machen meist einen deutlichen Unterschied zwischen ihrem Leben in ihrer Familie und ihren Freundschaftsbeziehungen. Sie suchen zuweilen ihre Familie durch eine enge Freundschaftsbeziehung zu ersetzen. Nahestehende Freunde können für sie zu einer „ausgewählten Familie“ werden. Das wird zu einem Thema in einer der Gruppendiskussionen, die ich mit Schülerinnen und Schülern im Alter von 14 und 15 Jahren geführt habe. Die Schülerinnen Maren und Jette vergleichen ihre Freundschaften mit ihren Beziehungen zu ihren Eltern. Maren: „Wenn man sich jetzt z. B. mit seinen Eltern gestritten hat, dann kann man immer noch zu den Freunden gehen. Und zwar ist es ja so: Man sagt, man kann sich seine Familie nicht aussuchen, und für mich sind so Freunde, die mir wirklich nahe stehen, für mich halt wie eine ausgewählte Familie, denn ich kann mit denen ja auch alles bereden, teilwei- Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 102 se redet man über bestimmte Sachen lieber mit seinen Freunden, als mit den Eltern. Und sonst, ja das ist so etwas wie eine ausgewählte Familie für sich selbst. Kann jeder selber auswählen. Hinterher sozusagen. Ich glaub jeder kennt das, wenn man mit seiner besten Freundin übernachtet und dann über jeden Scheiß redet. Ja, da gibt’s nichts Bestimmtes.“ Jette: „Also für mich ist Freundschaft, wenn man immer Spaß zusammen haben kann, wenn‘s mal irgendwas Ernstes ist, dass man denjenigen auch um drei Uhr in der Nacht aus ‘m Bett klingeln kann … und dass der einem dann zuhört und hilft und so was. Das gehört auch zu einer Freundschaft dazu, dass es von beiden Seiten kommt.“ (S. 22) Mit seinen Freunden kann man Dinge besprechen, die in der Familie lieber nicht angesprochen werden. Gute Freunde erleben sich als Gleichwertige, während man Eltern meist als Autoritäten begegnet, die in letzter Instanz zu sagen haben, was sein darf und was nicht, während man unter Freunden das, was sein darf und was nicht, gemeinsam aushandeln kann. Auch kann man Freunde zu jeder Tages- und Nachtzeit ansprechen. Jette: „Das ist so ein Prinzip einfach, dass wenn irgendwas vorfällt, dass man denjenigen immer zu jeder Zeit um Hilfe bitten kann. Wenn man sich jetzt voll mit seinen Eltern zerstreitet oder so, dann kann man zu seinen Freunden gehen und ihnen sagen, so ich hab voll das Problem und so. Das ist halt schon toll.“ Maren: „Zuverlässigkeit ist auch sehr wichtig für mich; z. B. wenn man jetzt mit der Freundin zusammen was macht oder so, dass man sich auf diejenige verlassen kann.“ (S. 22) In einer guten Freundschaft lernt man auch etwas voneinander, man spricht über sich in einer Weise, wie es in einer Familie nicht üblich ist. Vom besten Freund erfährt man etwas über sich selbst, was man vorher nicht schon wusste. Dennis: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass der beste Freund mehr über einen selbst weiß, also von einer anderen Perspektive auf einen schaut, also dass man von einer anderen Seite sich selbst sieht.“ (S. 27) In einer guten Freundschaft gibt es keinen starren, den anderen festlegenden Blick, der in einer Familie durchaus üblich sein kann. Der starre Blick des Erziehers: „Du hast dich so zu verhalten, wie ich es von dir erwarte.“ In einer guten Freundschaft macht man sich gegenseitig keine Vorschriften. Der familiale Blick 103 Dennis schildert das Gefühl der Freundschaft zu seinem besten Freund ganz ähnlich, wie der Philosoph Byung-Chul Han es in seinem Buch über die Philosophie des Zen-Buddhismus (2002) beschreibt: „Die Freundschaft ist also eine Spiegelbeziehung zwischen sich und dem Anderen. Man nimmt sich selbst wahr im Freund. Man gefällt sich im Anderen. So ist der Freund seinem Wesen nach mein Freund. Er stellt ein Abbild des Ich dar.“ (S. 122) Aus dem zen-buddhistischen Denken greift Han den Begriff der archaischen Freundlichkeit auf. Darunter versteht er eine „ent-spiegelte" Beziehung, die das Ich „ent-innerlicht“ und „ent-leert“. Er zielt auf eine Freundschaftsbeziehung, die ohne jegliche narzisstische Projektionen ist. In den Freundschaftsbeziehungen, wie wir sie bisher interpretiert haben, geht häufig der Blick auf den Anderen verloren. Der Blick auf den Freund wird so zum Blick in den Spiegel, in dem man nur sich selbst zu Gesicht bekommt. Was Dennis sich wünscht − von dem Freund aus einer anderen Perspektive gesehen zu werden − geht im bloßen Spiegelbild verloren. Der liebende Blick Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel trägt uns seinen Begriff der Liebe in seinen „Vorlesungen über die Ästhetik“ (1832–1845) vor: „Das wahrhafte Wesen der Liebe besteht darin, das Bewußtsein seiner selbst aufzugeben, sich in einem anderen Selbst zu vergessen, doch in diesem Vergehen und Vergessen sich erst selber zu haben und zu besitzen.“ (S. 155) Was meint Hegel mit dem Begriff „Bewußtsein seiner selbst“? Zunächst scheint das ganz einfach gedacht. „Bewußtsein seiner selbst“ als ein Bewusstsein, wie man sich selbst erlebt und erfährt, das aber noch nicht zu sich selbst gefunden hat. Der Weg, wie man zu sich selbst kommt, muss noch gefunden werden. Hegel beschreibt hier die Liebe als einen solchen Weg. Ein Weg ohne Stolpersteine. Ein Weg, den man beschreiten kann, ohne Störungen und Hemmungen, ein Weg, auf dem man sich gehen lassen kann, auf dem man sich „vergessen“ kann, auf dem man sich „aufgeben“ kann. Das ist kein einsamer Weg. Ein solcher Liebesweg lässt sich nur mit einem anderen, einer Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 104 oder einem Geliebten gemeinsam begehen. Er ist ein gemeinsames „Vergehen und Vergessen" im jeweils anderen. Er ist eine wechselseitige Hingabe, in der man sich getrost verlieren kann, ohne die Angst, verloren zu sein. Liebe ist ein neues Sichfinden in und mit dem anderen. So ist Liebe auch eine erweiterte Selbsterfahrung, in der man sich mit dem anderen auf neue Weise „selbst hat“ und „besitzt“. Liebe ist nach Hegel das „wahrhafte Wesen“ menschlicher Beziehungen. Das sieht mein Interviewpartner Hans ähnlich, sein liebender Blick auf seine Ehefrau, mit der er 55 Jahre verheiratet ist, ist auch ein Blick auf Ecken und Kanten, Störungen und Konflikte auf dem gemeinsamen Weg: „Also viele junge Leute denken, weil sie zu viele Hollywoodschinken geguckt haben, das geht alles über so eine Verliebtheit. Man ist verliebt und das hält dann sein Leben lang. Bis zum Ende ist man verliebt, und überall klingelt es, und überall ist es pinky. Das ist totaler Quatsch. Das ist eine Schnulze, die die Hollywoodindustrie erfunden hat. In Wahrheit ist es viel differenzierter und ich habe gelernt, wir sind jetzt im 55. Jahr verheiratet, es geht eigentlich nur gut, wenn beide bereit sind, in so eine lebenslange Beziehung immer neu zu investieren. Wo man sich nicht zurücklehnt und sagt: einmal verliebt, immer verliebt. Jetzt muss ich mich nicht mehr anstrengen, jetzt läuft das alles von alleine. Das ist dann irgendwann nur noch ein schönes Foto oder eine schöne Erinnerung. Man muss investieren, hieß bei uns: gemeinsame Kinder aufziehen. Das war unsere erste große Anstrengung, dann, dass wir beide berufstätig waren. Sie wollte unbedingt berufstätig sein, weil sie nicht zufrieden war mit Kindern und Zuhause.“ (S. 12) Für Hans geht der Weg der Liebe über den zarten, einfühlsamen, hingebungsvollen „liebenden Blick“ hinaus. Liebe ist für Hans auch das gemeinsame Meistern des Alltags, das gemeinsame Suchen nach Lösungen für immer wieder auftauchende Probleme. Man verliert und findet sich nicht nur in gemeinsamer Hingabe. Man muss auch ein Drittes finden, in das man gemeinsam „investieren" kann. Für Hans und seine Frau war und ist dieses Dritte das „Aufziehen gemeinsamer Kinder“. Liebe ist eine sehr intensive und aktive wechselseitige Beziehung. Der Psychoanalytiker und Sozialpsychologe Erich Fromm beschreibt Liebe als eine „Kunst“, als ein aktives intensives Miteinandersein, auch das Anpacken einer dritten Sache, sich einer dritten Sache gemeinsam zuzuwenden. Erich Fromm kritisiert die heute sehr häufig oberflächlichen Liebesbeziehungen, die weniger ein aktives Miteinander, sondern Der liebende Blick 105 häufig ein bloßes passives gemeinsames Erleben sind, so wie Hans es mit dem Begriff „pinky“ beschreibt. Solche Liebe sieht Fromm in „Die Kunst des Liebens“ (1956a) als ein Phänomen der sozialen Entfremdung an. Für die Liebende oder den Liebenden ist Liebe „in erster Linie“ ein Problem, „selbst geliebt zu werden, statt selber zu lieben“. Liebespaare „sehen sich unzählige Filme an, die von glücklichen oder unglücklichen Liebesgeschichten handeln, sie hören sich hunderte von kitschigen Liebesliedern an – aber kaum einer nimmt an, dass man etwas tun muss, wenn man es lernen will zu lieben.(…) Die meisten Menschen sehen das Problem der Liebe in erster Linie als das Problem, selbst geliebt zu werden, statt zu lieben und lieben zu können.“ (S. 440) Erich Fromm versteht die Liebe als etwas, das man lernen muss und was nicht von allein, selbstverständlich geschieht, ganz ähnlich wie Hans, wenn er sagt, man muss in die Liebe „investieren“. Ein weiteres Beispiel gibt uns Bernd in seinem Interview. Er schildert eine „tiefe wunderbare Lebensfreundschaft“ zu einer Freundin, die seine „Sprachgefährtin“ geworden ist: „[Sie] ist meine Sprachgefährtin geworden. (…) Eine sehr sympathische Frau. Das ist eine tiefe, wunderbare Lebensfreundschaft. Sie hat mit mir zusammen Bücher gemacht, drei Bücher haben wir zusammen gemacht. Das eine haben wir gemacht im Strandkorb.“ (S. 9) Für Bernd und seine „Sprachgefährtin“ sind die Bücher, die sie miteinander schreiben, eine gemeinsame dritte Sache, auf die man gemeinsam schauen und an der man gemeinsam arbeiten kann. Eine gemeinsame dritte Sache verändert auch den Blick, den Freunde aufeinander haben. Eine gemeinsame dritte Sache schafft Vertrauen und Vertraulichkeit der Freunde. Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs hat in seiner Untersuchung „Leib Raum Person“ (2000) die Blickweisen der Anderen phänomenologisch beschrieben. Der „liebende Blick“ ist für ihn der „eigentliche Blick des Anderen“: „Der liebende Blick, in dem zwei Menschen sich füreinander öffnen, ohne ineinander zu versinken, sich in ihrem Selbst-Sein erkennen und anerkennen, ist der eigentliche Blick des Anderen.“ (S. 285) Das liebende ineinander Versinken und sich zugleich darin zu finden, wie es Hegel beschrieben hat, ist von Fuchs (2000) hier nicht gemeint. Fuchs versteht in dem Versinken in einer Liebesbeziehung Auflösung Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 106 und Selbstauflösung. Gleichwohl gibt es in Liebesbeziehungen eine Angst vor einem Versinken als Selbstauflösung, eine Angst, die nicht unberechtigt ist, aber in einer wahren tiefen Liebesbeziehung überwunden werden kann. Das endgültige ineinander Versinken wäre eine Selbstauflösung der beiden Liebenden. Wenn man mit oder in dem anderen versinkt, ist man ja nicht mehr da. Der „kleine Tod“, wie die Selbstauflösung in der Liebe auch genannt wird, ist ein kurzer zeitlich beschränkter Moment, wie der Orgasmus in einer sexuellen Beziehung. Der „liebende Blick" wird von den Geliebten auch körperlich aufgenommen: „Vom (zunächst) fremden (liebenden) Blick getroffen, ist der Leib nicht mehr, was er vorher war: der Andere hat sich ihm unauslöschlich eingeschrieben. Er ist nun auch Leib für andere.“ (S. 284) Die Liebesbeziehung ist Grenzen auflösend. Sie ist „raumgebend“ und ermöglicht, neue Grenzen zu setzen. Liebe ist ein aktives Feld der Freiheit, das ein kurzfristiges ineinander Versinken ermöglicht. Man kann sich dem Anderen hingeben, wenn man erlebt, dass dieser sich gleichermaßen hingibt. Solche Hingabe ist eine wechselseitige körperliche Anerkennung, in der die Liebenden einander finden und zugleich zu sich selbst finden. Der freundschaftliche Blick Der freundschaftliche Blick hat vieles mit dem liebenden Blick gemeinsam, doch schließt er die Momente der körperlichen und psychischen Verschmelzungswünsche, -fantasien und -absichten, wie sie dem liebenden Blick eigen sind, weitgehend aus. Der freundschaftliche Blick hat ein eigenes Spiel von Nähe und Distanz zum Anderen. Die intensive, körperliche, sinnliche Erfahrung der Liebe wird in der Freundschaft nicht zielstrebig verfolgt. Vielleicht wird sie zuweilen gewünscht, doch bleibt sie eher am Rande des Blickfeldes. Fassen wir mit Thomas Fuchs (2000) zusammen, was für den „liebenden Blick“ zentrale Geltung hat: „Der liebende Blick (…) enthält die ursprüngliche zwischenleibliche Kommunikation und führt doch nicht zu einer (endgültigen) Verschmelzung. In ihm (dem liebenden Blick) erscheint mir der Andere als solcher, Der freundschaftliche Blick 107 aber nicht verdinglicht zum fremden Körper, sondern als der Andere meiner selbst. Der liebende Blick ist nicht begrenzend und einengend, sondern raumgebend. In ihm verliere ich mich nicht, sondern finde mich.“ (S. 285) In Hinsicht auf die körperliche Erfahrung ist der freundschaftliche Blick durchaus „begrenzend“ und „einengend“. Doch öffnet der freundschaftliche Blick weite Räume des einander Mögens und der Sympathie. In diesem Sinne ist Freundschaft der Liebe ähnlich, ein aktives Feld freier Beziehungen. Freundschaft richtet sich aber weitaus stärker auf eine dritte Sache, die man gemeinsam hat, so ist die Beziehung von Bernd zu seiner „Sprachgefährtin“, mit der er im Strandkorb sitzend Bücher schreibt, eine Freundschaftsbeziehung. Im Sprechen und Schreiben ist die Freundschaft mit der Sprachgefährtin nicht „begrenzend“ und „einengend“, gleichwohl bleibt bei aller freundschaftlichen Nähe die körperliche Distanz weitgehend erhalten. Das miteinander Sprechen und das gemeinsame Schreiben ist für die beiden eine dritte Sache, die sie miteinander verbindet und zugleich getrennt hält. Freundschaft zeigt sich hier im Umgang mit einer dritten Sache als ein Ausbalancieren von Bindung und Trennung. Solches Ausbalancieren gelingt Bernd mit seiner Sprachgefährtin und seiner Sprachgefährtin mit ihm. Das Schreiben ist für sie eine gemeinsame dritte Sache, die aber nicht ein für alle Mal feststeht, sondern sich im Schreiben immer wieder neu herstellen muss. Das Ausbalancieren von Nähe und Distanz ist selten in der vollkommenen Harmonie zu halten, die man sich gleichwohl immer wünscht. In der Freundschaft gelingt das Ausbalancieren von Nähe und Distanz nicht immer. Solches Ausbalancieren bleibt mehr oder weniger ambivalent, um die gemeinsame dritte Sache muss immer wieder neu gerungen werden. Ein solches Ringen um eine dritte Sache zeigt uns das Interview mit Petra und Arnold. Petra ist Modedesignerin und Arnold ist Restaurateur, der viel von Modedesign versteht, aber darin kein ausgebildeter Fachmann ist. Bei der Entwicklung einer Modenschau war Petras Angestellte ausgefallen. Aber ihr Freund Arnold konnte aushelfen. Die Modenschau wurde zu einem großen Erfolg. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 108 Petra: „Am Tag nach der Show waren wir noch so was von durch.“ Arnold: „Ausgeschossen, ich war wirklich ausgeschossen. Also ich habe das selten, aber ich war echt ausgeschossen.“ Interviewerin: „Und hat das die Freundschaft intensiviert über dieses Ereignis?“ Petra: „Auf jeden Fall. Ja weil, ich sage mal, wenn man so wirklich spannende Dinge oder Dinge, die für einen selber sehr wichtig sind, also für mich bedeutet dies ja wirklich den Inhalt meines Berufes, wenn man so was zusammen erlebt und zusammen rettet und auch so das Gefühl hat, also, bin ich ja diejenige, der sozusagen geholfen worden ist. Arnold hat mich sehr in meinem Ding so unterstützt, also, das war für mich ein ganz tolles Gefühl, dass ich so das Gefühl habe, dass jemand, zum einen inhaltlich, sich für das Gleiche interessiert wie ich selber und da aber auch selber so sein eigenes Herzblut da so reingelegt hat. Also wirklich seine Kraft gegeben hat, um mich oder die Kollektion oder eben auch dieses gemeinsame Event ebenso nach vorne zu bringen. Das ist ja überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Und ich sage mal, da muss jemand schon sehr viel geben, damit so etwas so gut wird.“ (S. 8) Im weiteren Verlauf des Interviews beschreibt Arnold seine Haltung zu Petra, die eines helfenden Freundes: „Also ich schiebe gerne mit Petra ihr Boot ins Wasser, um dann zu sehen, wie das fährt.“ (S. 18) Was für Bernd und seine Sprachgefährtin das Schreiben des Buches ist, ist für Petra und Arnold „Petras Boot“, welches Arnold hilft, zum Schwimmen zu bringen, um Petras Modenschau zum Erfolg zu verhelfen. Für Petra und Arnold wird es immer wieder schwer, aus dem Boot eine gemeinsame dritte Sache zu machen − es bleibt im Endeffekt Petras Sache und ihr Freund Arnold wird zu ihrem Gehilfen. Petra: „Arnold hat mich sehr in meinem Ding so unterstützt, also das war für mich ein ganz tolles Gefühl, dass ich so das Gefühl habe, dass jemand, (…) sich für das Gleiche interessiert wie ich selber und da aber auch selber so sein eigenes Herzblut (…) reingelegt hat.“ (S. 8) Petra weiß die aufopfernde Hilfe von Arnold sehr zu schätzen. Sie kann sie als etwas Besonderes anerkennen und ist darüber beglückt, gleichwohl bleibt die gelungene Modenschau „ihr Ding“ und nicht eine dritte gemeinsame Sache mit Arnold. Als Modedesignerin ist Petra die Fachfrau und Arnold bleibt für sie ein freundschaftlicher Helfer, der mit Tatkraft und Kreativität für sie arbeitet, ihr „Boot“ ins Wasser schiebt. Ihr „Boot“ ist „ihr Ding“ und Der freundschaftliche Blick 109 keine gemeinsame dritte Sache mit Arnold. Eine gemeinsame dritte Sache stabilisiert die Freundschaftsbeziehungen und drängt die Ambivalenzen, die Befreundete miteinander haben, zurück. Die dritte Sache ist ein gemeinsames Produkt. Sie ist etwas, in dem sich die Freundschaftsbeziehung objektivieren kann. Die Freunde sind nicht nur einfach so miteinander, sie produzieren etwas gemeinsam, sie handeln gemeinsam und erkennen sich wechselseitig in diesem gemeinsamen Tun an. Über eine dritte Sache werden Freunde einander gleichwertig und ihr Zusammenhalt wird gefestigt. Eine solche gefestigte Freundschaft gelingt Bernd mit seiner Sprachgefährtin mit der Produktion des Buches. Die beiden Freunde teilen sich die Autorenschaft. So erzählt es Bernd. Seine Sprachgefährtin und er werden zu einem gemeinsamen Autor, bei wechselseitiger Anerkennung. Die Arbeit an einer dritten Sache schließt ein Machtverhältnis unter Freunden aus. Sie sind und bleiben einander gleichwertig. Eine solche Gleichwertigkeit stellt sich zwischen Petra und Arnold nicht her, obwohl beide sich sehr darum bemühen. Bei allem sehr ernst gemeinten wechselseitigen Lob und der Wertschätzung ihrer Freundschaftsbeziehung zeigt sich in ihrer gemeinsamen Arbeit ein hierarchisches Gefälle. Petra besteht darauf, als Modedesignerin die Fachfrau zu sein und Arnold, wohl wissend, dass er ihr Boot zum Schwimmen bringt, akzeptiert die ihm zugewiesene Rolle des Gehilfen. Petra ist die unausgesprochen anerkannte Chefin der Modenschau. Die Freundschaft zwischen Petra und Arnold wird so von der Vorstellung einer traditionellen hierarchisch gegliederten Arbeitsbeziehung überlagert. Exkurs: Lob der dritten Sache Eine ähnliche hierarchische Beziehungsvorstellung überlagert und erschwert eine durchaus mögliche gleichwertige, freundschaftliche und wechselseitige Anerkennung in der Familie. Die familialen Rollen Vater, Mutter, Kind mit ihren Ambivalenzen und Konflikten machen aus einer dritten Sache eher ein Spielzeug als eine ernstzunehmende, gemeinsame Unternehmung, was sich viele Familienmitglieder wünschen würden, wie z. B. Hans in seinem Interview äußert. Die Möglichkeit eines Herauswachsens der Freundschaft aus der Familie kann Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 110 er zwar deutlich sehen, sie wird ihm aber von den Mitgliedern seiner Familie verwehrt. Sie bleibt eine Utopie, ein literarischer Wunsch, den Bertolt Brecht in dem Lehrstück „Die Mutter“ (1932) als Gedicht „Lob der dritten Sache“ zu Bewusstsein bringt: „LOB DER DRITTEN SACHE Immerfort hört man, wie schnell Die Mütter die Söhne verlieren, aber ich Behielt meinen Sohn. Wie behielt ich ihn? Durch Die dritte Sache. Er und ich waren zwei, aber die dritte Gemeinsame Sache, gemeinsam betrieben, war es, die Uns einte. Oftmals selber hörte ich Söhne Mit ihren Eltern sprechen. Wieviel besser war doch unser Gespräch Über die dritte Sache, die uns gemeinsam war Vieler Menschen große, gemeinsame Sache! Wie nahe waren wir uns, dieser Sache Nahe! Wie gut waren wir uns, dieser Guten Sache nahe!“ (S. 878) Mutter und Sohn verstehen sich in diesem Lehrstück von Brecht als gleichwertige Erwachsene, die gesellschaftliche und politische Probleme, die weit über das Familienleben hinausgreifen und sie zugleich doch auch determinieren, miteinander diskutieren. Die „dritte Sache“, die sie miteinander besprechen, befreit ihre Beziehung von den hierarchischen familialen Rolleneinschränkungen und entwickelt zugleich die Familie zu einem Lebenszusammenhang von Menschen, die sich gegenseitig ernst nehmen und sich auf gleicher Ebene begegnen und anerkennen. Die „dritte Sache" ist nicht etwas, das man hat oder haben kann. Sie ist nicht ein Besitz, den man verteidigen muss oder einem anderen wegnehmen kann. Sie ist kein Ding, das man kaufen kann und das einen Preis hat. Die „dritte Sache“ ist kein Tauschobjekt, das man zu Markte trägt, das man als Ding verkauft oder als ein Ding kaufen kann. Die „dritte Sache“ ist etwas, das man nicht hat, aber an der man Exkurs: Lob der dritten Sache 111 mit anderen teilhaben kann.16 Nicht das Besitzen von anderen Menschen, so wie man Dinge besitzen kann, sondern die mit anderen gemeinsame Teilhabe an einer für alle gesehene „dritte Sache“ konstituiert Freundschaft. Sie ist, um mit dem Sozialpsychologen und Psychoanalytiker Erich Fromm zu sprechen, eine Sache im Modus des „Seins“ und nicht im Modus des „Habens". Erich Fromms „Haben oder Sein“ (1976a) macht zwischen diesen beiden Modi menschlichen Zusammenlebens einen scharfen Unterschied: „Am Haben orientierte Menschen möchten den Menschen, den sie lieben oder bewundern, haben. Dies kann man im Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, Lehrern und Schülern und unter Freunden beobachten. Beide Partner wollen den andern zur alleinigen Verfügung haben und begnügen sich nicht damit, die Nähe des anderen zu genießen; deshalb sind sie auf andere eifersüchtig, die den gleichen Menschen ‚haben‘ wollen. Jeder klammert sich an den anderen wie ein Schiffbrüchiger an eine Planke. Beziehungen, die wesentlich besitzorientiert sind, sind bedrückend, belastend, voll von Eifersucht und Konflikten.“ (S. 350) Meine Auswertung der Antworten auf meine Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“, die in einem sozialen Netzwerk gestellt wurde, zeigt deutlich die Dominanz des Modus des „Habens“, des Besitzens. Man hat nicht gemeinsam mit einer Freundin oder einem Freund an einer Sache teil, sondern man hat die Freundin und den Freund, man besitzt die Freunde. Im Modus des „Habens“ wird Freundschaft als eine Tauschbeziehung verstanden, in der man die wechselseitige Zuwendung als Tausch von Dingen mit gleicher Wertigkeit versteht. Larissa: „Für mich ist Freundschaft schon sehr wichtig, so lange von beiden Seiten gleich viel und gleich wenig gegeben wird. Sollte eine Person 16 Margarete Mitscherlich beschreibt in ihrem Buch „Die Radikalität des Alters“ (2011) das Ende der Beziehung zu ihrem Freund, nachdem es den „gemeinsamen Feind“ nicht mehr gab. „Wie das aber leider oft so ist, wenn es keinen gemeinsamen Feind mehr gibt und die Zeiten sich ändern, zerbrach diese Beziehung nur wenige Jahre nach dem Krieg.“ (S. 33) Es kann eine gemeinsame dritte Sache sein, die zusammenschweißt, etwas worum man zusammen kämpft oder was man zusammen erlebt, etwas was verbindet, eine Aufgabe oder auch eine gemeinsame Not, wie Heide zu meiner Befragung in einem sozialen Netzwerk schreibt: „Wir haben schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert und im Gegenzug natürlich auch schon viel Spaß und wunderschöne Tage miteinander verbracht.“ Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 112 jedoch feststellen, dass sie mehr gibt als die andere, sollte sie die Freundschaft überdenken.“ (S. 5) Der Modus des „Habens“, des „Freunde-Habens“, wird durch das soziale Netzwerk gefördert, indem es zum Sammeln von Freunden, die sich in dem sozialen Netzwerk anbieten, geradezu auffordert. Sie zeigen dort gerne ganz öffentlich, dass sie viele Freunde „haben“. Sie sehen das als eine Demonstration allgemeiner Wertschätzung und erleben es auch als eine Steigerung ihres Selbstwertes. So gesehen wird das soziale Netzwerk zu einer Erlebniswelt im Modus des „Habens“. Das schließt nicht aus, dass in vielen Antworten zu meiner an die Nutzer gestellten Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ nicht auch der Modus des „Seins" anklingt. Freundschaft ist im Modus des „Seins“ eine authentische Beziehung zwischen Menschen, die füreinander da sind und da sein wollen. Vroni: „Ich erlebe eine sehr gute Freundschaftsbeziehung mit meinem Ex-Partner (…). Es gibt in unserer (jetzigen) Freundschaftsbeziehung Dinge, die sich nun viel offener besprechen lassen können. Der Aushandlungsprozess in allen Angelegenheiten gelingt in unserem Fall besser als (seinerzeit) in der Partnerschaft. Freundschaft bietet auch immer eine Rückzugsmöglichkeit. Selbstreflexion und Empathie sind ein wichtiger Bestandteil einer guten Freundschaft.“ (S. 12) In einer wahren Freundschaft können Dinge, die die Freunde gemeinsam betreffen, zu einer „gemeinsamen dritten Sache" werden, an der die an ihr Beteiligten teilhaben, ohne sie allein für sich besitzen zu wollen. Der Modus des „Habens“ ist ein egoistischer Modus. Der Modus des „Seins“ ist ein sozialer Modus. In ihm werden Freunde nicht zu einem Objekt gemacht, das man besitzen will, sondern Freunde sind Teil des Subjekts der Gemeinsamkeit. Im Modus des „Seins“ konkurrieren Freunde nicht um den Besitz von Dingen. Sie entwickeln einen gemeinsamen Umgang mit den Dingen. In der gemeinsamen Teilhabe an Dingen schließen sie sich nicht gegenseitig aus, machen die Dinge nicht zum persönlichen Privatbesitz, sondern gestalten sie zu einer „gemeinsamen dritten Sache“, deren Bindungskraft Brecht in seinem Lehrstück „Die Mutter“ (1932) ausgedrückt hat: Exkurs: Lob der dritten Sache 113 „Wie nahe waren wir uns, dieser Sache Nahe! Wie gut waren wir uns, dieser Guten Sache nahe!“ (S. 878) Wenn der freundschaftliche Blick gelingt, blicken die Freunde gemeinsam auf eine „dritte Sache“.17 Der freundschaftliche Blick ergibt sich nicht spontan, er wird in dem Prozess des Einander Freunde-Werdens erst hergestellt. So gesehen ist Freundschaft eine Herstellung von und eine Einigung auf eine gemeinsame Blickweise. Eine solche Einigung ist allerdings keine einmalige Festlegung und Definition einer Blickweise. In der Freundschaftsbeziehung steht die gemeinsame Blickweise immer zur Disposition. Sie kann durch andere Blickweisen ersetzt werden, neue Blickweisen können gemeinsam gefunden und erfunden werden. Auch kann man bei der Suche und Erfindung einer gemeinsamen Blickweise scheitern, ein Scheitern, das im Streit endet und so die Gemeinsamkeit im Blick auf die Dinge auflöst. Dann gibt es keine gemeinsame „dritte Sache“ mehr und die Blicke der Exfreunde vereinzeln sich. Die gemeinsame Blickweise in der Liebesbeziehung ist vergleichsweise noch fragiler als die im freundschaftlichen Blick. Sie ist weniger frei von jenen Ambivalenzen, die 14-jährige Schülerinnen in einer Gruppendiskussion sehr eindrucksvoll darstellen: Maren: „Ich find das ein bisschen blöd …, aber man kann ja nichts dafür, wenn man sich in den besten Freund verliebt. Aber es ist halt das Problem, dass, wenn man tatsächlich zusammenkommt und es dann Liebe ist … 17 Rüdiger Safranski beschreibt die „dritte Sache“ in der Freundschaft zwischen „Goethe und Schiller“ (2011) als „Arbeit am eigenen Werk, die in der Freundschaft zu einer gemeinsamen Arbeit wurde.“ Safranski zitiert Goethe: „Neigung, ja sogar Liebe hilft alles nichts zur Freundschaft,“ (…) „die wahre, die tätige, produktive (Freundschaft) besteht darin, dass wir gleichen Schritt im Leben halten, dass er (der Freund) meine Zwecke billigt, ich die seinigen, und dass wir so unverpackt zusammen fortgehen.“ Schiller, so Safranski, „nennt eine solche Freundschaft ein auf wechselseitige Perfektibilität gebautes Verhältnis, und Goethe, wenn er den Ertrag der Freundschaft mit einem Wort bezeichnen wollte, erklärte, sie habe ihn gefördert. Es handelte sich also (bei der Freundschaft zwischen Goethe und Schiller) um einen Bund zur wechselseitigen Hilfe bei der Arbeit an sich selbst, ein gemeinsames Unternehmen der Selbststeigerung.“(S. 13 f.) Die „dritte Sache“ ist bei Goethe und Schiller „ein gemeinsames Unternehmen“, der „wechselseitigen Hilfe" und Förderung und „der Selbststeigerung“. Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 114 Liebe ist halt eines der stärksten Gefühle und dass man dann verletzbar ist, ist auch eines der stärksten Gefühle. (…)“ Elli: „Man sollte sich auch überlegen, ob man das alles aufs Spiel setzten will. Wenn man sich z. B. in den besten Freund verliebt, muss man sich auch erst Gedanken darüber machen, wenn man jetzt zusammen geht, in unserem Alter, dass das nicht so lange hält und was danach ist, dass man miteinander nicht mehr redet und sich aus dem Weg geht, und ob man das wirklich in Kauf nehmen will, um für ’ne Zeit zusammen zu sein.“ Maren: „Wenn man sich jetzt in den besten Freund verliebt und mit dem zusammen ist und dann Schluss macht, dann kann man mit dem nicht mehr befreundet sein, ja man hat dann so viel mit dem erlebt, dann geht das nicht mehr gut.“ (S. 12) Maren und Elli sehen in der Liebe und ihrer Verletzbarkeit die stärksten Gefühle, mit denen sie vorsichtig umgehen möchten. Sie möchten gerne an der Freundschaft mit dem besten Freund festhalten und sie nicht durch eine leicht verletzbare Liebesbeziehung mit ihm aufs Spiel setzen. Sie fürchten sich vor heftigem Streit mit dem Freund und dem Ende der Beziehung. Der Gedanke an die Zerbrechlichkeit einer Liebesbeziehung, die vorher eine Freundschaftsbeziehung war, erweckt bei ihnen eine Zukunftsangst. Es ist der Gedanke: „…, wenn man jetzt zusammen geht, in unserem Alter, dass das nicht so lange hält und was danach ist, dass man miteinander nicht mehr redet und sich aus dem Weg geht.“ Elli und Maren machen sich Gedanken, ob sie das wirklich „in Kauf nehmen“ wollen, um „für ’ne Zeit zusammen zu sein.“ Für Maren und Elli schließen sich der freundschaftliche und der liebende Blick tendenziell aus. Entweder ist man befreundet oder man liebt sich. Beides zum gleichen Zeitpunkt können sie sich in der Realität kaum vorstellen. Das eine kann sich zwar aus dem anderen entwickeln, aber ist die Liebe einmal zerbrochen, scheint es für sie unmöglich, zu einer Freundschaft zurückzufinden. Wie Freundschaft ist auch Liebe eine Beziehungspraxis, die in Handlungen, Blicken, Haltungen und Gesprächen aktiv reproduziert und weiterentwickelt werden muss. Sie gelingt durch eine Einigung auf eine „dritte Sache“, die nun mehr von den Freunden in der gleichen Weise gesehen und bearbeitet werden kann. So wie ich in meiner Ar- Exkurs: Lob der dritten Sache 115 beit den Begriff des „Blickes“ verwende, ist mit ihm nicht allein die visuelle Wahrnehmung gemeint, sondern ein Sehen, Hören, Sprechen, Fühlen und Denken in einer sinnlichen Erfahrung von und mit Menschen und Dingen zusammengefasst. Solche sinnliche Erfahrung ist auch der liebende Blick. In einem Liebesbrief vom 29.10.1939 schreibt Simone de Beauvoir an Jean-Paul Sartre, der damals als Soldat zur französischen Armee eingezogen war: „Mon Amour. Es ist spät, und ich müsste schlafen gehen, aber ich werde Ihnen vielmehr einen langen Brief schreiben, ich habe eine unglaubliche Lust, mit Ihnen zu sprechen, und, ach! eine so starke und vergebliche Lust, Sie zu hören, wie Sie mir antworten – ich liebe Sie – den ganzen Tag sind mir eine Menge Erinnerungen gekommen, bei denen es mir weh ins Herz ist: ich habe eine Straße in Pompeji wiedergesehen, wo wir mitten in der Sonne spazierangegangen sind, und eine Terrasse in Tetuan, wo sie mir Zitronenlimonade gemacht haben – und ein Abendessen im Louis XIV, wo wir über den Krieg geredet haben – und eine Pause in den Pyrenäen, beim Aufstieg nach Quillan, auf einem aufgeweichten Weg; mein kleiner Sü- ßer“ (S. 289) Freundin und Freund in den Blicken der Anderen 116

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Zusammenfassung

Jeder hat eigene Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen, von denen er viel erzählen kann. In ihrer qualitativen sozialpsychologischen Untersuchung interpretiert Katja Specht diese Erzählungen als Alltagsphilosophien, die sie mit wissenschaftlichen Theorien aus Psychologie, Philosophie und Soziologie vergleicht. Auf diesem methodischen Wege entsteht ein weit gefächertes Mosaik von Freundschaftsbeziehungen.

In den Freundschaftsbeziehungen, von denen viele InterviewpartnerInnen in Katja Spechts Untersuchung berichten, geht es um die Suche nach einer „wahren Freundschaft“. Sowohl in Interviews und Gruppendiskussionen als auch in Fragen und Antworten aus dem Sozialen Netzwerk erzählen Katja Spechts GesprächspartnerInnen von ihren Freundschaften.