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Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk in:

Katja Specht

"Wahre Freundschaft", page 45 - 92

Beziehungskulturen der Freundschaft - eine sozialpsychologische Untersuchung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4435-3, ISBN online: 978-3-8288-7449-7, https://doi.org/10.5771/9783828874497-45

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 32

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk Befragung von Nutzern eines sozialen Netzwerkes Ich beginne zunächst meine empirische Untersuchung mit der Befragung „Was heißt Freundschaft für mich?“ in einem sozialen Netzwerk. Wie ich schon im Kapitel über die Methoden geschrieben habe, haben an dieser Befragung 67 Mitglieder (Frauen und Männer verschiedenen Alters) in einem sozialen Netzwerk teilgenommen. Ihre Antworten geben bereits einen Überblick und Einblick über die verschiedenen Bedeutungsarten von Freundschaft. Zur Interpretation habe ich exemplarische Antworten der Befragten ausgewählt. Im Anschluss an diese Interpretationen folgen die Interpretationen von Gruppendiskussionen und Interviews mit SchülerInnen, mit StudentInnen, mit erwachsenen Berufstätigen und mit SeniorInnen. Die Auswertungen zeigen, dass es altersspezifische Bedeutungen von Freundschaftsbeziehungen gibt, die auch auf entwicklungspsychologisch bedingte Unterschiede von jungen, erwachsenen und älteren Menschen verweisen. „Freundschaft ist lebenswichtig und heilig.“ Andrea: „Für mich sind meine Freundschaften heilig, denn meine besten Freunde stehen jederzeit hinter mir und sind für mich da, wenn ich sie brauche, im Gegensatz zu meiner Familie. Eine wahre Freundschaft braucht Vertrauen, denn ohne Vertrauen und vor allem Ehrlichkeit taugt die beste Freundschaft nichts. Ein gegenseitiges Geben und Nehmen gehören natürlich auch dazu. Und meine Freunde können sich echt glücklich schätzen, da sie immer zwischendurch eine kleine Aufmerksamkeit von mir bekommen. Um die Freundschaft noch inniger werden zu lassen, habe ich mir sogar das japanische Schriftzeichen für Freundschaft täto- 45 wieren lassen, damit ich jeden Tag an meine Freunde erinnert werde.“ (S. 4) Andrea wünscht sich „innige“ Freundschaften. „Innige“ Freundschaften, die sich in einem ständigen „gegenseitigen Geben und Nehmen“ ausdrücken. Andrea macht gerne kleine Geschenke, „kleine Aufmerksamkeiten“: Gleichermaßen möchte sie „kleine Aufmerksamkeiten“ bekommen. „Gegenseitiges Geben und Nehmen“ unter Freunden ist für sie ein Zeichen für eine „innige“ Freundschaft. Dies Zeichen soll für sie ein für alle Mal und unverrückbar Geltung haben. In einem Tattoo − „das japanische Schriftzeichen für Freundschaft“ − hat sie den Wunsch nach inniger Freundschaft auch körperlich festgeschrieben. „Innige“ Freundschaft soll für sie lebenslang gelten und sie jeden Tag an ihre Freunde erinnern. Das Tattoo ist für sie ein Symbol, dass „innige“ Freundschaft für sie „heilig“ ist. Auch für Susi hat Freundschaft eine ähnlich tiefe Bedeutung. Sie sieht Freundschaft als etwas für ihr Leben sehr Positives und Besonderes. Sie braucht geradezu eine tiefe Freundschaft. Freundschaft ist für sie „lebenswichtig“. Susi ist auf die Unterstützung ihrer Freunde angewiesen. Susi: „Ja, Freundschaft ist unbedingt lebenswichtig! Hätte ich gerade jetzt nicht einen besten und ein paar gute Freunde, dann wäre ich schon lange durchgedreht. Erst starb mein Vater, dann ging meine Beziehung auseinander, Geldprobleme, jetzt schon Kleinkrieg wegen des Erbes meines Vaters, Krankheit meinerseits … und das alles in sechs Monaten … Ohne meinen besten Freund und meine wirklich guten Freunde würde ich nicht mehr hier sein. … also klares Ja! Freundschaft ist lebenswichtig.“ (S. 12) Susi wünscht sich Freunde, die ihr bei all ihren Problemen helfen, ihr Vorschläge zu Fragen machen, die sie selbst nicht beantworten kann und ihr in schwierigen Situationen zur Seite stehen. Susi hat in den letzten sechs Monaten viele traurige Ereignisse durchstehen müssen. Ohne ihre Freunde hätte sie daran zerbrechen können. Sie sagt selbst: „Ohne meinen besten Freund und meine wirklich guten Freunde würde ich nicht mehr hier sein.“ Mit der Hilfe ihrer Freunde konnte sie diese bedrohlichen Lebensereignisse bewältigen. Sie konnte aus ihrer Lebenssituation etwas für sich lernen und etwas daraus machen. Sie hat sich von ihrer Familie lösen können. So hat sie sich aus dem „Streit ums Erbe ihres Vaters“ heraushalten können. Im Sinne von: Lass die Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 46 Anderen sich aufreiben, ich baue auf die Unterstützung meiner Freunde. Für Susi sind Freunde diejenigen, die für sie da sind, auf die sie sich ganz beziehen kann. Freunde helfen ihr bei all ihren Problemen und machen ihr Vorschläge zur Lösung. „Um bei mir den Status Freund zu erreichen, braucht es Monate und eine Menge Bewährungen im Alltag.“ Kathrin: „Wenn ich jemanden als meinen Freund bezeichne, bin ich Tag und Nacht für ihn da und das von Herzen. Dann stehe ich für ihn ein, komme was wolle. Darüber hinaus ist meine Meinung: Lieber ein bis zwei wahre Freunde, für die ich dann auch wirklich da sein kann, wo die Freundschaft wirklich tiefgründig ist, als viele Freundschaften, die nur oberflächlich bleiben, weil man kaum für alle Freunde genug Zeit und Tiefe aufbringen kann. Ich denke, dass heutzutage viel zu schnell jemand als Freund bezeichnet wird. Bei mir braucht es Monate und eine Menge Bewährungen im Alltag, um bei mir den Status Freund zu erreichen.“ (S. 2) Kathrin macht es sich mit Freundschaften nicht leicht. Sie möchte nicht viele Freunde − ein bis zwei wahre Freunde genügen ihr. Für die möchte sie „dann auch wirklich da sein“. Sie möchte keine „oberflächlichen“ Freundschaften. Für ihre wenigen Freunde möchte sie „Zeit und Tiefe aufbringen“ können. Freundschaften sind für sie nicht schnelllebig. Ein Freund muss sich für sie „im Alltag“ bewähren und es braucht oft Monate bis jemand bei ihr „den Status Freund“ erreichen kann. Kathrin wünscht sich „tiefgründige“ Freundschaften. Es sollen intensive Beziehungen sein, in denen sie „Tag und Nacht“ für den Freund da sein kann. Sie will für den Freund „von Herzen“ da sein. Soll aber der Freund auch von Herzen für sie da sein? Dazu schreibt Kathrin nichts. Aber es ist schon deutlich, dass sie sich das sehr wünscht. Um von Herzen da zu sein, ist für sie schon eine beiderseitige Beziehung nötig, und eine solche, wenn sie nicht oberflächlich bleiben soll, bedarf der besonderen Prüfung. Sie möchte keine oberflächliche Freundschaft. Freunde sollen für sie schon Tag und Nacht und von Herzen füreinander da sein. So versteht Kathrin eine tiefgründige Freundschaft. Befragung von Nutzern eines sozialen Netzwerkes 47 „Beste Freundin“ − das gehört der Vergangenheit an! Man entwickelt sich immer weiter!“ Wenn man Freundschaft entweder nur als ein Geben oder als ein Nehmen versteht, kann man leicht enttäuscht und frustriert werden. Für Larissa ist es wichtig, dass Geben und Nehmen gleichgewichtig sind. Freundschaft gestaltet sich für sie als eine Tauschbeziehung, als ein ausgewogenes Geben und Nehmen. Larissa: „Für mich ist Freundschaft schon sehr wichtig, solange von beiden Seiten gleich viel und gleich wenig gegeben wird. Sollte eine Person jedoch feststellen, dass sie mehr gibt als die andere, sollte sie diese Freundschaft überdenken. Ich besitze immer nur eine Freundschaft und ich bin auch immer für diese Person da. Mit den Jahren verändern sich beide in ihrem Wesen und dann kann es passieren, dass es zwischen den beiden … Dann ist es Zeit, die Freundschaft noch einmal zu überdenken, denn sonst macht es einen kaputt. Bei mir war es bis jetzt immer so, dass eine Freundschaft immer super anlief und Jahre gut ging, bis ich merkte, dass ich mehr gab als ich zurückbekam, also ging ich dann meinen Weg alleine erstmal weiter. Zu meinen ehemaligen Freunden habe ich immer noch ein gutes Verhältnis und wir treffen uns noch hin und wieder mal, doch „beste Freundin“, das gehört der Vergangenheit an! Man entwickelt sich nun mal immer weiter!“ (S. 5.) Für Larissa ist Freundschaft wie eine Bilanz, mit einer Habenseite und einer Sollseite. Beide Seiten müssen immer miteinander ausgeglichen sein. Larissa achtet darauf, dass die Bilanz in der Freundschaft stimmt. Dass das, was man investiert, auch immer wieder zu einem zurückfließt, sonst stellt sich oft ein Gefühl des Ausgebeutetwerdens ein. Larissa sieht es als eine Entwicklung, wenn man Freundschaften auch hinter sich lassen kann. Sie möchte dann ihren „Weg alleine erstmal weiter“ gehen. Es scheint so, dass sie glaubt, dass sie in Zukunft schon wieder eine neue Freundschaft finden kann, in der Geben und Nehmen im Gleichgewicht sind. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 48 „Wir haben schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert und natürlich auch schon viel Spaß gehabt und wunderschöne Tage miteinander verbracht.“ Mit ihrer alten Schulfreundin und ihrer ehemaligen Arbeitskollegin hat Heide „schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert“. Dies gelang, weil sich die Freundinnen immer sicher waren, füreinander da sein zu können. Wie für Andrea, Susi, Kathrin und Larissa ist das Gefühl, dass man in einer Freundschaft „füreinander da sein“ muss, entscheidend dafür, das Besondere einer Freundschaftsbeziehung zu verstehen. Ohne ein wirkliches „füreinander da sein“ gibt es keine Freundschaft. So sieht es auch Heide: „Also, ich habe zwei langjährige Freundinnen (eine aus der Schulzeit und eine ehemalige Arbeitskollegin). Es gibt nichts Schöneres wie eine bzw. zwei beste Freundinnen, mit denen man alles bequatschen kann, die immer für einen da sind. Wir haben schon viele Schicksalsschläge zusammen gemeistert und im Gegenzug natürlich auch schon viel Spaß und wunderschöne Tage miteinander verbracht. Es ist ein Supergefühl zu wissen, da ist jemand, der immer für dich da ist, auf den du jederzeit zählen kannst und der in den meisten Dingen so denkt wie du.“ (S. 6) Es ist ein „super Gefühl zu wissen“, dass es jemanden gibt, der „immer für dich da ist, auf den du jederzeit zählen kannst“ und der „in den meisten Dingen so denkt wie du“. Wie für Heide ist für die meisten meiner Interviewpartner in dem sozialen Netzwerk Freundschaft im Fühlen wie im Denken „ein super Gefühl“, eine existentielle Erfahrung. Auch in den kurzen Antworten, die sie mir geschrieben haben, klingt wie in den meisten meiner Interviews und Gruppendiskussionen ein philosophischer Impuls an. Einmal ist es die gemeinsame Bewältigung von „Schicksalsschlägen“, ein anderes Mal ist es die große Freude, miteinander „wunderschöne Tage“ verbringen zu können. Dazu gehört, wie Heide es ausdrückt, dass es „nichts Schöneres“ gibt, als „zwei beste Freundinnen, mit denen man alles bequatschen kann“ und die immer füreinander da sind. In einer solchen Freundschaft wird gemeinsam, wie es der Psychoanalytiker und der Sozialpsychologe Erich Fromm formuliert, die Angst vor Einsamkeit und Isolation bewältigt. In diesem Sinne ist das „Supergefühl“ der Freundschaft ein existentieller Modus der Angstabwehr. Wenn man „jederzeit“ auf einander zählen Befragung von Nutzern eines sozialen Netzwerkes 49 kann und „in den meisten Dingen“ ähnlich denkt, gewinnt man zusammen eine Sicherheit, die ein Gefühl des Verlorenseins und der Isolation nicht aufkommen lässt. So hat man „viel Spaß und wunderschöne Tage miteinander“. „Wir sind immer füreinander da, ohne dass wir aneinanderkleben.“ Ina bringt noch einen weiteren Aspekt in diesen existentiellen Erfahrungsmodus der Freundschaft ein. Es ist die wechselseitige Anerkennung und Wertschätzung der Andersheit des anderen in der Freundschaftsbeziehung. Gute Freunde kleben nicht aneinander. Sie müssen sich im anderen nicht selbst sehen wollen. Freunde sollen nicht sein wie man selbst ist. Für Ina ist es wichtig, dass man nicht immer die gleiche Meinung haben muss, wie der Freund oder die Freundin sie vertritt. Für sie soll es möglich sein, sich auch zu streiten, wohl wissend, dass man nach dem Streit wieder zusammenfindet. Ina: „Wir haben uns in jungen Jahren beim Tanzen kennengelernt und sind seitdem dicke Freunde … Ja, auch mal mit Streit und ungleichen Meinungen. Aber wir respektieren und schätzen uns. Wir haben tiefe Täler gemeinsam durchwandert und uns über das Glück der Anderen gefreut. Wir waren in traurigen Situationen füreinander da und haben uns gegenseitig getröstet. Wahre Freundschaft übersteht alle Situationen − auch mal, dass man der anderen Freundin gnadenlos die Wahrheit sagt und sie mal zusammenstaucht, ohne dass man befürchten muss, dass die Freundschaft deshalb kaputt ist. Ich bin sehr dankbar, dass ich meine Freundin habe und dass wir IMMER füreinander da sind, ohne dass wir ständig aneinanderkleben.“ (S. 7) Ina wird mit ihrer Freundin zusammen alt. Sie halten in guten wie in schlechten Zeiten zusammen und entwickeln eine reife Beziehungsform, die konventionelle Verhältnisse, wie sie sich häufig in Familien finden, bei weitem überschreitet. Ina und ihre Freundin haben eine Beziehung entwickelt, in der sie sich nicht aus den Augen verlieren. Zugleich respektieren sie wechselseitig das, was sie voneinander unterscheidet, ihre jeweilige Eigenheit und Andersheit. Sie sind Freundinnen, die sich in der Andersheit der Anderen selbst erkennen und ihre Verschiedenheit miteinander ausleben können. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 50 Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern Zentrales Thema in meinen Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern der 8. und 9. Klasse war die Ablösung von der Familie, ein für die Entwicklungsphase der Adoleszenz typisches Thema. „Freunde sind meine ausgewählte Familie.“ Dennis: „Also mir ist grad etwas eingefallen: Man kann sich seine Familie nicht aussuchen und für mich sind so Freunde, die mir wirklich nahe stehen, für mich halt wie eine ausgewählte Familie, weil ich kann mit denen ja auch alles bereden, teilweise redet man über bestimmte Sachen lieber mit seinen Freunden als mit den Eltern. Und sonst, ja das ist so etwas wie eine ausgewählte Familie für sich selbst. Kann jeder selber auswählen.“ (S. 22) Freunde können zu einer Art Familie werden, die dann die eigene Familie ersetzen kann. Schüler sind oft mit ihrer eigenen Familie unzufrieden. Gerade in der adoleszenten Phase versuchen sie sich von ihrer Familie zu lösen und doch zugleich weiter zu ihr zu gehören. Es kommt zu einem ambivalenten Spiel von Ablösung und Heimkehr. Eine gute Freundschaft hilft, diese Ambivalenz zu mildern und den Jugendlichen nicht wie mit einem folgenden Entweder-Oder zu konfrontieren: „Entweder du kommst pünktlich nach Hause, oder du kannst gleich wegbleiben!“ Eine gute Familienbeziehung und auch eine gute Freundschaftsbeziehung zeichnen sich dadurch aus, dass in ihnen immer wieder Kompromisse statt dieser Entweder-Oder-Alternative gefunden werden. Dazu gehört auch, dass Freundschaften zeitweise die Familienbindungen ergänzen und ersetzen können. Mit Freunden zusammen kann man „Spaß haben“, den es in der Familie nicht so ohne Weiteres gibt. Auch gibt es eine Ernsthaftigkeit in Freundschaftsbeziehungen, die in der familialen Beziehung nicht häufig ist: Jette: „Also für mich ist Freundschaft, wenn man immer Spaß zusammen haben kann. Wenn es mal irgendwas Ernstes ist, dass man denjenigen auch um drei Uhr in der Nacht aus dem Bett klingeln kann … und dass der einem dann zuhört und hilft.“ (S. 22) Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern 51 Ungern lassen sich Eltern „in der Nacht aus dem Bett klingeln“. Geschieht das, fürchten sie meist das Schlimmste und Sohn oder Tochter können sich auf ein Donnerwetter und auf geharnischte Vorwürfe gefasst machen. Dagegen sind Freunde zu jeder Tages- und Nachtzeit füreinander da, um „zuzuhören und zu helfen“. Das heißt nun aber nicht, dass man seine Familie ganz aufgibt, sondern sich in ganz persönlichen Fragen an die Freunde wenden kann, zumal man sich bei denen jederzeit melden kann, es also keine Zeitbegrenzung gibt. Wenn es wichtig ist, soll man sich zu „jeder Tag- und Nachtzeit“ an sie wenden können. Jette: „Das gehört auch dazu, dass die Freundschaft von beiden Seiten kommt.“ (S. 22) In der Freundschaft wird von beiden Seiten eine gleichwertige Beziehung gewünscht, und eine solche ist in der Freundschaft auch möglich. In der Familie dagegen ist die Beziehung zwischen Vater, Mutter und Kind nicht gleichwertig. Auch in der Adoleszenzphase, in der sich die Schülerinnen und Schüler in meinen Gruppendiskussionen befanden, ist und bleibt die Beziehung eine der hierarchischen Abhängigkeit, gegen die sich der Wunsch nach einer Ablösung von der Familie richtet. In diesem Sinne ist die Freundschaftsbeziehung ein Schritt der Emanzipation von der familialen Beziehung. In einer guten Freundschaftsbeziehung fühlt man sich wechselseitig ernst genommen und kann auch „immer Spaß zusammen haben“, einen Spaß, der in der Familie nicht so ohne Weiteres erwünscht und erlaubt ist. Für die Schülerinnen und Schüler in den Gruppendiskussionen sind in einer Freundschaft Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft, wechselseitiger Respekt und Akzeptanz die wichtigen Merkmale einer Freundschaftsbeziehung auf Augenhöhe. So gilt z. B. für Zuverlässigkeit, selbstverständlich erwarten zu können, dass die Freundin oder der Freund im Krankheitsfalle hilft, z. B. „einem etwas für die Schule kopiert“, dass man so „alles mitbekommt, was man verpasst hat“. FreundInnen sollen sich respektieren. Für ein Mädchen ist es wichtig, dass der Junge, mit dem sie befreundet ist, „nicht nur nett“ zu ihr ist, „wenn er alleine mit (ihr)“ ist − sie würde sich nicht respektiert fühlen, wenn er hinter ihrem Rücken „dumme Sprüche kloppt“. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 52 Es ist für die Schülerin wichtig: „Egal in welcher Situation, dass man einfach einen respektiert.“ Es geht aber auch darum, „die Schwächen vom Freund“ zu akzeptieren: Jana: „Wenn jetzt z. B. ein Freund oder so vor einem raucht oder so, dass man ihm das sagt, dass man das nicht gut findet oder so, so Sachen, und wenn er dann sagt, ich mach‘s aber trotzdem, aus dem und dem Grund, dass man das dann trotzdem akzeptiert und ihn nicht irgendwie abschreibt oder so.“ (S. 23) Eine Freundschaft muss Vieles aushalten können, so auch einen handfesten Streit, aber man muss sich auch nicht alles gefallen lassen: Jette: „Wenn’s zu schlimm ist, dass man es nicht mehr verzeihen kann. Irgendwann ist dann schon eine Grenze.“ (S. 23) „Der beste Freund ist noch so eine höhere Instanz.“ Deutlich wird in meinen Gruppendiskussionen der SchülerInnen, dass sie sich häufig „beste“ Freunde wünschen. Lisa: „Gibt’s einen besten Freund?“ Nena: „Bei mir gibt’s nur einen. Ich glaub, da kann’s auch nur einen geben, der dich so versteht, der dir ähnlich ist. Und ja, ich glaube, da kann’s nicht so viele geben.“ Nena: „Für mich ist es total wichtig, einen besten Freund zu haben.“ Dennis: „Der beste Freund ist eigentlich nochmal so eine höhere Instanz, man kann in diese Person ein größeres Vertrauen haben. Meines Erachtens sollte man schon eine Person haben, der man voll und ganz vertrauen kann und ja, was ich unter besten Freunden verstehe, ist eine Person, die einen besser kennt als man sich selbst.“ Lisa: „Wie meinst du das?“ Dennis: „Manchmal habe ich das Gefühl, dass der beste Freund mehr über einen selbst weiß, also aus einer anderen Perspektive auf einen schaut, also von einer anderen Seite einen selbst sieht. Sich selbst sieht.“ Marta: „Ja, keine Ahnung … Ich glaub, jeder kennt das, wenn man mit seiner besten Freundin übernachtet und dann über jeden Scheiß redet. Ja, da gibt’s nichts Bestimmtes.“ (S. 27) Sieht man den Wunsch nach dem „besten Freund“ oder der „besten Freundin“ im Zusammenhang der adoleszenten Ablöseproblematik von der Familie, so könnte man diesen Wunsch auch als einen Wunsch nach einem älteren Bruder oder einer älteren Schwester verstehen. Gruppendiskussionen mit Schülerinnen und Schülern 53 Wenn man einen guten Rat und auch Trost braucht, möchte man sich jederzeit an sie wenden können. Der „beste Freund“, die „beste Freundin“ werden zum Ersatz von Bruder und Schwester, von denen man sich eine geschwisterliche Nähe wünscht. „Der beste Freund ist eigentlich nochmal so eine höhere Instanz“, in die man „noch ein größeres Vertrauen haben kann.“ „Manchmal habe ich das Gefühl, dass der beste Freund mehr über einen selbst weiß“. Der „beste Freund“ sieht einen „aus einer anderen Perspektive“, aus der man sich selbst nicht so einfach sehen kann. So hilft er einem bei einer Erweiterung des Selbstund Realitätsverständnisses. Der Blick des „besten Freundes“ ist ein wohlwollender, verstehender Blick, dem man Erfahrung und Reife zutraut, eine Erfahrung und Reife, mit der man andererseits dem „besten Freund“ begegnen möchte. „Beste Freunde“ haben hohe Ansprüche und Erwartungen aneinander, Ansprüche und Erwartungen, die nicht enttäuscht werden dürfen. So sind „beste Freundschaften“ auch labil. Tiefe Enttäuschungen können sie ein für alle Mal zerstören. Der „beste Freund“ soll jederzeit hinter mir stehen, jederzeit, wenn ich ihn brauche − im Gegensatz zu meinem Bruder oder meiner Schwester. Der „beste Freund“ unterliegt der strengen Entweder-Oder-Logik. Entweder er verdient sich jederzeit das Vertrauen, das man in ihn setzt, oder er wird in die Wüste geschickt. Es ist auch ein Ausdruck größerer Reife einer besten Freundschaft, wenn akzeptiert werden kann, dass jederzeitiges Vertrauen und Ehrlichkeit nicht immer erfüllt werden können. Der „beste Freund“ ist, wie man selbst, auch fehlerhaft. Er bedarf, wie man selbst, des Verzeihenkönnens. „Beste Freunde“ sollen sich verstehen und nicht idealisieren. Akzeptanz und Toleranz gewährleisten eine „beste Freundschaft“. Gruppendiskussionen mit Studierenden der Psychologie Studentinnen und Studenten machen sich in meinen Gruppendiskussionen selbst zum Thema. Selbsterfahrung und Selbsterkenntnis sind ihnen besonders wichtig. Sie denken gerne über ihre Stärken und Schwächen nach. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 54 „Wenn ich mich schwach fühle, hilft es mir, dass meine Freunde mir zeigen, dass ich eigentlich stark bin.“ Kim: „Wenn man traurig ist, ist das Selbstbewusstsein auch oft angekratzt und ich weiß nicht, ob es der richtige und gesündeste Weg ist, sich über seine Freunde wiederaufzubauen, aber erstmal hilft es einem, wenn sein Selbstwert sehr schlecht ist, wenn dann die Freunde den Selbstwert wiederaufbauen. Und die zeigen dann ja auch oft eine Reaktion, wie man ist, wenn man eigentlich gut drauf ist, dass man so wertvoll ist. Und mir hilft es auch – dass sie mich als stark wahrnehmen, wenn ich mich grad nicht stark fühle, dass sie mir dann zeigen, dass sie denken, dass ich eigentlich stark bin, dass ich das schaffen kann und das ist dann sehr gut für meinen Selbstwert. Und das hilft mir dann auch. Und umgekehrt mach ich das natürlich auch.“ (S. 2) Anders als die SchülerInnen suchen Kim und ihre KommilitonInnen nicht nach einer einzigen besten Freundin oder einem besten Freund. Kim bezieht sich auf eine Gruppe von FreundInnen, die ihr Selbstwertgefühl unterstützen und sie wieder aufbauen, wenn sie sich schlecht fühlt. Auch fühlt sie sich als Mitglied der Freundesgruppe, das anderen Mitgliedern hilft, ihr Selbstwertgefühl zu unterstützen und aufzubauen. Die Psychologiestudierenden suchen nicht so sehr nur nach einer besten Freundin oder einem besten Freund. Sie wünschen sich eine Gruppe von FreundInnen, die den einzelnen Mitgliedern Halt und Sicherheit geben und Selbstvertrauen stärken kann. Es ist die Gruppe, in der sie sich wohlfühlen. In der Gruppe ist nun auch wichtig, nicht nur das Selbstbewusstsein zu fördern, es ist auch „sehr wichtig“, über „die Beziehung in der Freundschaft sprechen zu können und da auch Kritik äußern“ zu können. Es gehört zum Selbstbewusstsein, dass man Kritik ertragen und annehmen kann und sich nicht scheuen muss, die Kritik, die man an die Anderen in der Gruppe hat, zu äußern. Arie: „Was mir auch sehr wichtig ist, über die Beziehung in der Freundschaft sprechen zu können und da auch Kritik äußern zu können, wenn ich das Gefühl habe, ich fühle mich irgendwie ein bisschen vernachlässigt. Ich kann Kritik ansprechen und umgekehrt kann ich Kritik auch annehmen, weil sie ein Zeichen für Freundschaft ist.“ (S. 3) Die Gruppendiskussionen zeigen deutlich den Wunsch der Psychologiestudierenden, sich psychologische und soziale Probleme bewusst zu machen. Es geht ihnen in den Gruppendiskussionen, in ihrem Studium sowie auch in ihrem studentischen Alltagsleben darum, psychologische Gruppendiskussionen mit Studierenden der Psychologie 55 Erkenntnisse und Selbsterkenntnisse ihrem Denken zugänglich zu machen und zu reflektieren. Sie haben einen starken Anspruch, die Welt und sich psychologisch zu erklären und zu verstehen. „Freundschaften von Blutsschwestern und Blutsbrüdern.“ Es gibt bei den Studierenden den starken Wunsch nach einer Freundschaft, die für das ganze Leben gilt, die „unkündbar“ ist. Vivian erzählt von ihren Freundinnen als „Blutsschwestern“, ein Ausdruck unauflösbarer körperlicher Verbindung, einer symbiotischen Vereinnahmung, ein miteinander Verschmelzen. Vivian: „Für mich ist es etwas Bedingungsloses, das klingt vielleicht etwas kindisch, aber ich habe Blutsschwestern und es ist mir immer noch wichtig und unsere Freundschaften sind unkündbar. Wir erneuern das auch jedes Jahr und wir dürfen uns nicht zerstreiten. Wir müssen uns vertragen. Das steht auch fast über der Familie für mich oder ist auch gleichwertig, und das ist bei mir auch sehr eng, weil ich ein Mensch bin, der sehr viel Sicherheit braucht. Die allerbeste Freundin ist für mich bedingungslos, weil, das Blut drückt es ja auch aus, dass das für immer dableibt und auch bleibt.“ (S. 3) Blutsschwesternschaft ist für Vivian mehr noch als eine Familienbindung. Blutsschwesternschaft leitet sich ab von dem Ritual von Blutsbrüderschaft. Als eine von den Studierenden aus der Ethnologie herbeigeholte Kenntnis, die von Vivian und ihren FreundInnen nicht nur als eine Metapher für „unkündbare“ Freundschaft verwendet wird, sondern auch im jährlichen Rhythmus praktiziert und wiederholt werden muss. Als Vorbild für die studentische Blutsschwesternschaft und Blutsbrüderschaft gilt ihnen die in den Romanen von Karl May geschilderte Freundschaft von Winnetou und Old Shatterhand. Sie ist Ausdruck einer spätadoleszenten Fantasie von jungen Menschen, die sich aus ihrer Familie herausgelöst haben und sich doch nach einer „unkündbaren“ Beziehung sehnen, wie es die Familie bei aller Problematik für die Studierenden noch ist. Die „Blutsschwesternschaft“ und die „Blutsbrüderschaft“ ersetzen gewissermaßen die Blutsverwandtschaft der Familie. Solche Überlegungen beschäftigen die Studierenden. Sie sind nicht nur erwünscht, sondern werden auch kritisch betrachtet: Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 56 Lutz: „Bei der Blutsschwester hat mich irritiert, dass es ja ´ne Schwester und keine Freundin mehr ist, also eine Verwandte. Also wo ist denn da jetzt der Unterschied zwischen Familie und Freundschaft?“ (S. 11) Lona: „Ich finde die Metapher der Blutsschwesternschaft ein bisschen unpassend, weil die eine Sache, die für mich Freundschaften auch ganz wichtig mitdefiniert, ist die Wählbarkeit und auch die Abbrechbarkeit. In dem Moment, wo jemand meine Blutsschwester ist, ist das halt so eine Sache, die nicht mehr beendet werden kann, und das ist ja eine Sache bei Freundschaften, dass man sie frei wählen, aber auch frei beenden kann.“ (S. 14) Martin: „Das ist auch für mich sehr widersprüchlich, wenn Freundschaften unkündbar sind, warum muss ich sie dann jedes Jahr erneuern? Und was mir spontan dazu einfällt ist, dass da eigentlich ein Element der Unsicherheit dahintersteckt und deswegen so ein Bedürfnis nach einem Ritual da ist. Und eine Unendlichkeitsfantasie, so etwas wie Freundschaft über den Tod hinaus oder so.“ (S. 15) Für die Studierenden wird die Erkenntnis wichtig, dass man gerade aus Blutsverwandtschaften herauskommen und zu Beziehungen finden sollte, die man „frei wählen, aber auch frei beenden kann“. Freundschaften wollen sie nicht als einen naturhaft bedingter Zusammenhang, wie es die Familie bei allen gesellschaftlichen Varianten auch ist, verstehen. Freundschaften soll man „frei wählen“ und gleichermaßen „frei beenden“ können. Freundschaften sind für die Studierenden praktische Beziehungen. Sie bedürfen keiner Unendlichkeitsfantasie, sie sind handhabbar. Es bedarf nicht der Erwartung, dass „Freundschaft über den Tod hinaus“ dauern sollte. Interview mit Hans, einem Politiker Hans ist ein älterer Politiker mit viel Erfahrung in politischen Ämtern und seiner Partei. Politik ist für ihn ein konfliktreiches Geschäft und „nichts für zartbesaitete Leute“. „In der Politik hat man nur Freunde, wenn es einem gut geht.“ Hans: „Ja, Menschen zu haben, auf die man sich verlassen kann. (…), wo man nicht nur in guten Zeiten schöne Gemeinsamkeiten erlebt, sondern Interview mit Hans, einem Politiker 57 wo man weiß, wenn mal was schiefgelaufen ist, was schlecht gelaufen ist, dass sie dann zu einem stehen, ungefragt, einfach da sind.“ (S. 1) Der Wunsch nach „Menschen, auf die man sich verlassen kann“ bleibt meistens unerfüllt. Gleichwohl hat Hans diesen Wunsch nie aufgegeben. Freundschaften im „Politikgeschäft“ sieht Hans als eine große Ausnahme: „Das Politikgeschäft ist nichts für zartbesaitete Leute, die getragen werden wollen und müssen, sondern: da muss man eine ziemlich robuste Natur haben und auch viele Niederlagen einstecken können. Auch das Gefühl: Wenn es mir schlecht geht, sind sie alle weg. Die Freunde, die meisten Freunde in der Politik, die sind immer nur dann da, wenn es einem gut geht. Dann wollen sie dabei sein. Aber es gibt Ausnahmen und solche Ausnahmen habe ich erlebt, also erlebe ich immer noch.“ (S. 3) Für Hans gibt es Menschen in der Politik, die ihm freundlich begegnen, wenn es ihm gut geht, und viel seltener andere, die auch dann zu ihm halten, wenn es einmal für ihn nicht gut läuft. Hans wünscht sich Freunde, die für ihn „ungefragt einfach da sind“, wenn er ein schlechtes Blatt auf der Hand hat und es ihm nicht gut geht: „Also z. B. meine ganz verlässliche Freundschaft mit Hubert. Hubert und ich, wir haben als ganz junge Leute, als Außenseiter angefangen. Er war der Präsident des Landesjugendringes. Dann haben wir uns wirklich gegen ganz große Widerstände in der Partei durchgesetzt und gegenseitig gestützt. Er ist vor mir in der Regierung gewesen, dann auch lange vor mir ausgestiegen und bis heute halten wir sehr zusammen. Wir achten uns sehr und wir schützen uns sehr.“ (S. 3) Hans hat also auch die Erfahrung gemacht, dass es in der Politik nicht nur strategisch und manipulativ hergeht, sondern dass es auch ein „Zusammenhalten“, ein „Achten“ und ein „Schützen“ gibt. In der Regel aber kann man davon ausgehen, dass es in der Politik wenig freundschaftliche Kooperationen und häufig wechselseitiges Misstrauen gibt. Freundschaftsbeziehungen in der Politik sind eher etwas Besonderes. Diese stellen sich leichter ein, wenn man aus der aktiven Politik ausgeschieden ist: „Mit Karl z. B. war die politische Beziehung immer sehr kontrolliert. Ich habe gemerkt, der hält mich für ein Risiko. Jetzt, wo wir alt sind, da sind wir im gleichen Verlag. Wir schicken uns gegenseitig unsere Bücher zu. Er lebt mit seiner Frau im Seniorenstift und ganz anders als ich in meiner Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 58 Wohngemeinschaft. Ich empfinde das als wahnsinnig spannend, wie wir das machen. Wir haben manchmal zusammen Auftritte gehabt. Wir erzählen dann, er von seiner Sache, ich von meiner.“ (S. 3) Für Hans ging es mit seinen ParteikollegInnen mehr darum, sie und sich selbst zu kontrollieren, um das Risiko einer Konkurrenz möglichst klein zu halten. Nun im Alter und nicht mehr in der aktiven Politik tätig sieht Hans das gelassener. Freundschaft ist für ihn jetzt eine persönliche Beziehung und weniger eine politische, in der es um einen konstruktiven Austausch geht: „Wir halten ganz eng zusammen. Wir freuen uns auf jeden Termin, wo wir uns zusammentreffen und wo wir uns austauschen können und uns gegenseitig unsere Altersbiografien voreinander hinblättern.“ (S. 3) Hans und Karl unterstützen Wissenschaft und Forschung. Sozialforscher sollen alles fragen können, was sie interessiert. Sie möchten gerne mitdenken. So versteht Hans auch sein Interview mit mir: „Wir wollen mitdenken. Also, so was geht auch über Parteien hinweg.“ (S. 4) Freundschaftsbeziehungen können über Parteigrenzen hinausgehen. Dann ist man an einer gemeinsamen Sache interessiert. Es geht dann um eine gemeinsame Lust, um eine gemeinsame spontane Freude an einer Sache. Die Arbeit an einer gemeinsamen Sache überwindet ehemalige Parteigrenzen. So war es für Hans mit Hermann, den er als Konkurrenten empfand, und mit dem er viel Streit hatte: „Mit Hermann ist das so eine kombinierte Sache … Das war lange Zeit auf Spannung angelegt und auch auf kritische Begleitung. Jetzt werden wir alt, wir beiden, und wir halten zueinander. Unsere Frauen mögen sich. Wir mögen unsere Frauen auch. Ich mag die Corinna gerne, sehr gerne, und die Corinna schätzt meine Lotte. Hermann schätzt meine Lotte. Das ist eine wunderbare Erfahrung, dass so was geht. Also, dass man auch Stress erleben kann und nicht auseinanderläuft und dann übereinander hetzt, sondern dass man sagt, wir bleiben beieinander und wir achten aufeinander und im Zweifel verteidigen wir uns. Also das gibt es auch.“ (S. 4) Zwischen Hans und Hermann gab es zunächst politische und persönliche Spannungen, die zu einer „kritischen Begleitung“ führten. Alt Interview mit Hans, einem Politiker 59 geworden, herausgelöst aus dem politischen Alltag, sind die beiden persönliche Freunde geworden. Das hat auch ihre beiden Ehefrauen zusammengebracht, die sich schätzen und sehr gerne mögen. Für Hans „ist das eine wunderbare Erfahrung, dass so was geht!“. Kein „Stress“, kein „Auseinanderlaufen“ und „übereinander Hetzen“ – stattdessen ein „Aufeinander achten“, sich „wechselseitig verteidigen“ und in schwierigen Situationen „beieinanderbleiben“. So etwas muss auch möglich sein. Aus politischer Gegnerschaft muss spätestens im Alter eine persönliche Freundschaft werden können. Hans macht einen Unterschied zwischen politischer Freundschaft unter Männern und den familialen Beziehungen innerhalb einer Freundschaft. Die Frauen verstehen er und sein Freund Hermann als Begleiterinnen und Unterstützerinnen. Für Hans ist es selbstverständlich, dass er die Frau des Freundes auch mögen kann. Für eine Männerfreundschaft, so wie er sie versteht, gehört es dazu, dass die Frauen sich ebenfalls sympathisch sind und sich in die Männerfreundschaft eingliedern. Hans hat keinen Freund, dessen Frau ihm unsympathisch wäre. Die beiden Ehefrauen finden über die Freundschaft ihrer Männer zueinander. Ihre Freundschaft ist ganz traditionell durch die Männerfreundschaft ihrer Ehemänner vermittelt. So war es zunächst bei Hans und Hermann, so ist es aber nicht geblieben. Aus einer zunächst traditionalistisch organisierten Familienkonstellation konnte sich auch eine emanzipierte Freundschaftsbeziehung zwischen den beiden Frauen entwickeln. Hans versteht Freundschaftsbeziehungen als Brücken, über die man gehen muss, wenn man aus schwierigen Situationen wieder herausfinden will. Hat sich die Freundschaft als eine solche Brücke bewährt, dann gilt sie für immer: „Dann ist das richtig eine Brücke, über die ich wieder rauskomme aus dieser Hölle. So haben unsere Freunde, das glaube ich, erlebt. So reden sie.“ (S. 7) Hans beschreibt Freundschaft als „Brücke“, um der „Hölle“ zu entkommen, die seine Freunde im Konzentrationslager erleben mussten. Eine solche Freundschaft macht es möglich, sich der Hölle der Konzentrationslager zu erinnern und diese Erinnerungen in Worte zu fassen und Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 60 mitzuteilen. Solche Anteilnahme an Erinnerungen des Schreckens werden in einer Wohngemeinschaft möglich, wie sie Hans mit seinen Freunden entwickelt hat. So entstehen Freundschaften für immer. Freundschaften werden zu einem „Netzwerk“ menschlicher Beziehungen. Als ein solches Netzwerk versteht Hans das Zusammenleben in seiner Wohngemeinschaft: „Es ist wie so eine Art Netzwerk, in dem ich nicht einfach − peng − durchfalle und am Schluss irgendwo im Keller auf dem Fußboden liegen bleibe, sondern wo ich das Gefühl habe, die lassen mich nicht allein, die nehmen mich mit, die denken nicht nur, sondern sorgen auch für mich, mit Essen machen und allem, richtig einkaufen und so.“ (S. 9) Die Freundschaftsbeziehung in der WG ist für ihn wie eine Familie. Man „sorgt füreinander“. Die WG erlebt er als Ersatzfamilie. Sie übernimmt ganz viele verantwortungsvolle Aufgaben, die sonst eine Familie übernehmen würde. Eine Freundschaft ist für ihn ein „Netzwerk“. Ein Netz, das ihn auffängt. Ein Freund lässt einen nicht hängen. Selbstverständlich macht er auch den Einkauf und sorgt für einen, wenn es einem nicht gut geht: „Wenn die eigene Ehefrau nicht da ist … meine Lotte war anderthalb Jahre im Ausland. Als die Kinder aus dem Haus waren, wollte sie sich selber nochmal ausprobieren. Ich fand das eigentlich auch gut so und war stolz auf sie, dass sie sich noch so etwas zumutet, aber da war ich eben alleine und dann waren die Anderen da.“ (S. 10) Für Hans ist die WG ein Ort, an dem er sich aufgehoben fühlt, auch wenn seine Ehefrau im Ausland ist: „Wenn man nachhause kommt und kaputt ist, auch resigniert ist (…), dann weißt du, du kannst überall hingehen, keiner schmeißt dich raus. Entweder haben wir noch etwas zu essen oder wir haben Zeit oder das gemeinsame Reden oder sie stellen dir Blumen auf den Tisch oder sie kaufen für dich mit ein oder sie erzählen dir was anderes, was nun auch wichtig ist und nicht Politik ist, sondern Leben ist und so. Das habe ich genossen. Genieße ich immer noch.“ (S. 10) In der WG kümmert sich jeder um jeden. Für Hans ist es wichtig, ein eigenes soziales Leben außerhalb der Politik zu haben. So hat Hans auch gemeinsam mit seiner Frau „besondere Freundschaften“ in Südamerika. Interview mit Hans, einem Politiker 61 „Freunde sind einander Wohltäter und mehr.“ Hans: „Also unsere Freunde in Südamerika sind langjährige Freunde, aber das lebt davon, dass wir uns da immer regelmäßig sehen. Die kommen so gut wie nie hierher, ganz selten. Die leben da ihren Alltag, stressig, kämpfen von Tag zu Tag so ums Überleben. Mit Briefeschreiben ist das, wenn überhaupt, eine große Ausnahme. Das tun sie, wenn man dies einfordert. Das lässt der Alltag oft auch nicht zu. Es gibt da auch nicht so eine Briefschreibekultur wie bei uns. Also man muss da schon hin. Wenn man dann da hinkommt, gibt es eine große Freude, dass man treu ist, dass man wiederkommt und nicht nur einmal dort gewesen ist und sich nie wieder sehen lässt, dass man anhänglich ist, dass man auch begleitet, was die da vor Ort versuchen an Selbstbehauptung.“ (S. 11) Die Beziehung, die Hans zu seinen südamerikanischen Freunden hat, ist nicht an Briefe und E-Mails gebunden. Sie ist aber sofort präsent, wenn man, sei es auch nach langer Zeit, wieder einmal so richtig zusammen sein kann. Das ist dann eine „große Freude“, ein selbstverständliches Zusammensein, als wäre man nie voneinander getrennt gewesen. So ist es meist Hans, der mit seiner Frau nach Südamerika reist und dort Projekte fördert und unterstützt, die die Existenz seiner Freunde sichern: „Für die müssen wir also Spenden sammeln. Ich bin ständig unterwegs, um Spenden zu sammeln, damit die da was zu beißen haben. Das ist eine besondere Freundschaft. Da bist du nicht nur ein netter Kerl, sondern du bist derjenige, der dafür sorgt, dass ich noch leben kann mit meiner Familie. Also das entwertet die Freundschaft nicht, aber das ist eine besondere Qualität.“ (S. 11) Hans und seine Frau Lotte kümmern sich um das Überleben ihrer Freunde in Südamerika. Sie sorgen sich um deren ökonomische Existenz, wie Eltern sich um die Zukunft ihrer Kinder kümmern. So hat Lotte z. B. in Südamerika viele Kinder aufgenommen: „Lotte hat ja richtig Kinder eingesammelt und über die Musik gewonnen – Superkinder. Sie sind inzwischen studiert, haben Examen gemacht in Südamerika. Sie sind brillant ausgebildet und übernehmen nun die Aufgaben, die Lotte früher hatte. Das ist dann so, wie wenn wir da Kinder adoptiert hätten.“ (S. 11) So ist Freundschaft nicht nur eine persönliche Wertschätzung. Darüber hinaus ist sie eine ganz praktische Lebenshilfe. Allerdings geht es dabei nicht nur um eine ökonomische Existenzsicherung: Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 62 „Wir sind hier nicht auf Kommerz aus, denn mit Musik, Kunst und Literatur kann man in Südamerika keinen Pott gewinnen, sondern wir sind auf diese Art Nähe und Vertrauen und Unterstützung und Gemeinsamkeit aus, und darauf bauen wir, und das gelingt uns. Das macht uns stark. Das gibt uns eine Sonderrolle, in der an sich ganz schwierigen und notleidenden Umgebung.“ (S. 12) Hans macht einen deutlichen Unterschied zwischen Kommerz und Freundschaft. Eine kommerzielle Beziehung ist immer auf Distanz aufgebaut. Nähe, Vertrauen und Unterstützung dagegen gehören für Hans zur Freundschaft: „Also das tut uns gut, weil das natürlich eine wundervolle Erfahrung ist, dass man nicht nur so zerronnen ist, wie ein Tropfen auf dem heißen Stein, sondern dass es weitergeht, und das gefällt uns sehr. Das ist was Besonderes. Da sind wir die Wohltäter.“ (S. 11) Freunde sind für Hans einander „Wohltäter“. Man fühlt sich selbst wohl, wenn man dem anderen wohltun kann, doch muss man mit seinen Wohltaten auch vorsichtig sein, denn der Freund und die Freundin sind zugleich auch mehr als „Wohltäter“: „Das ist dann eine Qualität von Freundschaft, die besonders ist. Da muss man behutsam mit umgehen. Für die sind wir keine Wohltäter, sondern für die sind wir Freunde.“ (S. 11) Es ist ganz selbstverständlich, dass Freunde sich wechselseitig etwas Gutes tun. Ein Freund ist immer schon ein „Wohltäter“. „Können die eigenen Kinder zu Freunden werden?“ Auf seine eigene Familie bezogen hat Hans immer besondere Wünsche und Vorstellungen. Die Kinder sollen sich nicht, wie in adoleszenten Entwicklungsphasen üblich, aus ihren Familienzusammenhängen herauslösen und sich von der Familie emanzipieren. Hans wünscht sich vielmehr, dass sich seine Familie zu einem großen Netz von Freundschaftsbeziehungen entwickeln soll. Aber seine Frau, seine Kinder und Enkelkinder bestehen auf ihren traditionellen Rollen in der Familie. Eltern sollen für sie Vater und Mutter bleiben. Familie sollte mehr als Freundschaft sein. Interview mit Hans, einem Politiker 63 Hans: „Freundschaft würden die sagen, glaube ich, ist das nicht. Das ist was anderes. Familie würden sie, glaube ich, sagen. Natürlich sind wir befreundet, das ist, glaube ich, für meine Frau, die würde sagen: Hey komm, wir sind verheiratet. Die Kinder würden sagen, hey wir sind deine Kinder. Wieso machst du uns zu Freunden? Und die Enkelkinder würden sagen: Hey, wir sind deine Enkelkinder. Wieso erklärst du uns zu Freunden? Wir sind deine Enkelkinder. Wir sind qualifiziert mit dir verbunden.“ (S. 14) Für Hans dagegen gibt es keine „qualifizierte“ Trennung zwischen Familie und Freundschaft. Für ihn sind die Übergänge von Familie zur Freundschaft fließend. Er kann allerdings akzeptieren, dass für seine Frau, seine Kinder und seine Enkelkinder ihre Familie eine qualitativ nahe Verbundenheit hat, die in einer Freundschaft nicht hergestellt werden kann. Er hat das Gefühl, dass er und seine Frau eher zu Geschwistern der Kinder geworden sind als diese zu ihren Freunden: „Bei meinen Kindern habe ich das Gefühl, wir sind übers Alter. Die sind nun alle 50 und älter, wir entwickeln uns zu Geschwistern.“ (S. 14) So macht Hans für sich einen Kompromiss und spricht von seiner Beziehung zu seinen Kindern als einer „geschwisterlichen Freundschaft“, die er auch als eine „existentielle Beziehung“ versteht. Es geht in der Beziehung mit den erwachsenen Kindern und Enkelkindern um die gleiche Augenhöhe. Die kann man auch in einer Freundschaftsbeziehung haben, aber es geht auch um den Wunsch nach Geborgenheit, der sich nur in dem Familienleben befriedigt finden kann. Eine Freundschaft kann solche emotionale Intensität des Familienlebens nicht erreichen und nicht kompensieren. So sagt Hans von seinem Sohn, dass er sich bei seiner Frau und ihm sehr geborgen fühle, wenn er sie besuche: „Der erholt sich bei uns. Der fühlt sich bei uns geborgen, aber nicht, weil wir die Eltern sind, sondern weil wir ihn verstehen und so nehmen wie er ist … also, ich weiß nicht, ob das alles noch als Freundschaft zu definieren ist. Ich erlebe es als eine existenzielle Beziehung.“ (S. 15) Hans teilt den Wunsch seines Sohnes nach Geborgenheit. Er versteht ihn sogar als einen Wunsch nach einer Geborgenheit als „existentielle Beziehung“, die sein Sohn in seiner Familie gefunden zu haben glaubt. Hans hat sich diesen Wunsch nach Geborgenheit, wie ich ihn oben beschrie- Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 64 ben habe, heute in seiner Wohngemeinschaft erfüllt. Den Wunsch nach Geborgenheit, auch ein tiefes Sicherheitsgefühl und das Wohlgefühl in der Gemeinsamkeit, die man gemeinhin familialen Beziehungen unterstellt, hat Hans in seiner Wohngemeinschaft gefunden. Hier gelten auch Verpflichtungen, die normalerweise von der Familie übernommen werden sollten. Im Lebensraum der Wohngemeinschaft entwickelt sich eine Freundschaft bis in den Tod. Wenn ein enger Freund sterbenskrank wird, ist es selbstverständlich, dass alle Mitglieder der Wohngemeinschaft ihn betreuen und begleiten. Interviews mit Elsa und Charles, einem Freundespaar aus einem Altenpflegeheim In einem Altenpflegeheim habe ich ein Freundespaar kennengelernt, das gerne bereit war, mir in einem Interview zu erzählen, was Freundschaft für sie heißt und wie sie sich im Altenpflegheim kennengelernt haben. Es hat sich zwischen den beiden eine sehr intensive Freundschaft entwickelt, die auf einer ganz praktischen wechselseitigen Hilfsbereitschaft beruht. Gemeinsam gewinnen sie ein Stück Unabhängigkeit und sind so weniger stark auf die Unterstützung der Pflegekräfte und der sozialen BetreuerInnen angewiesen. Sie haben im Altenheim ihr eigenes Beziehungsleben aufgebaut, eine freundschaftliche Gemeinsamkeit, die sie vor Vereinsamung schützt.10 10 Zur Fürsorge für alte Menschen gehört der Respekt vor ihren Wünschen, sich soweit es ihre Gesundheit, ihre körperliche und geistige Gesundheit erlaubt, ein Stück Freiheit und Unabhängigkeit in ihrem Leben zu erhalten oder vielleicht überhaupt erst zu gewinnen, wie es Bertolt Brecht in der Geschichte „Die unwürdige Greisin“ beschreibt. Nach dem Tod ihres Ehemannes beginnt die „unwürdige Greisin“ ein zweites Leben, das sich von ihrem ersten Leben „als Tochter, als Frau und als Mutter“ (S. 320) unterscheidet. Sie hat „etwa sechs Jahrzehnte“ (S. 320) ein ganz konventionelles Leben geführt, das von ihrer sozialen Umgebung nie beanstandet wurde. In ihrem zweiten Leben gewinnt sie eine ganz neue Erfahrung von Freiheit, Unabhängigkeit von ihren Kindern und sonstigen Verwandtschaften, als eine Frau, „eine alleinstehende Person, ohne Verpflichtungen und mit bescheidenen, aber ausreichenden Mitteln“. (S. 320) Sie findet neue Freundschaften, einen alten Schuster als ihren intimen Freund. „Sie war keineswegs vereinsamt.“ Darum machte sich ihre Familie aus ihrem ersten Leben große Sorgen. Sie dagegen liebte ihre neue Selbstständigkeit. „Bei dem Flickschuster verkehrten anscheinend lauter Interviews mit Elsa und Charles, einem Freundespaar aus einem Altenpflegeheim 65 „Er hält sich an meinem Rollator fest und ich schiebe das Ding.“ Elsa: „Ja, was heißt Freundschaft für uns? Dass wir uns gegenseitig unterstützen. Wenn wir spazieren gehen, hält sich Charles an meinem Rollator fest und ich schiebe das Ding. Denn es ist für mich auch sehr wichtig, ein bisschen mehr zu laufen. Charles hat aber eben Schwierigkeiten mit den Beinen und da habe ich keine Schwierigkeiten. Ich bin viel geländegängiger, wie man so schön sagt. Ich bin ja noch beweglich. Und da nehmen wir auch Rücksicht aufeinander, denn da bin ich auf ihn angewiesen.“ Charles: „Bei mir sind die Beine nicht mehr ganz in Ordnung. Das sind die Reste von meinem Schlaganfall.“ Elsa: „Ich sage denn zwar manchmal, ich gehe da alleine hin. Und dann sagt er, du kannst doch nicht alleine dahingehen. Da sag ich, Mensch lass mich doch. Nein, ich lass dich nicht, sagt er. Weil er genau weiß, dass ich ja nicht über die Straße komme, weil ich die Ampel nicht sehe.“ Charles: „Ja, da sie nicht mehr gucken kann, lese ich ihr abends die Zeitung vor.“ Elsa: „Wir ergänzen uns, wir helfen uns.“ (S. 2) Solche freundschaftlich praktische Hilfe führt beide in einen gemeinschaftlichen Lebensraum, den sie für sich allein nicht mehr herstellen könnten. Mit Charles zusammen kann Elsa wieder die Straße überqueren, und er findet einen Halt bei ihr, wenn seine Beine nicht mehr mitmachen wollen. Auf diese Weise gewinnen beide ein Stück von der Beweglichkeit zurück, die früher für sie in ihrem Alltagsleben selbstverständlich war, mit der sie sich unabhängig von anderen und zugleich mit anderen in ihrem Alltagsleben entwickeln können. Die wechselseitige Unterstützung bringt für sie im Altenpflegeheim eine gemeinschaftliche Lebendigkeit zurück, die ihnen auch ihre jetzige Lebenssituation verstehen und akzeptieren hilft. In der Freundschaftsbeziehung, die Elsa und Charles gefunden haben, spiegelt sich etwas von der praktischen Freundschaft und Unterstützung wider, die Hans in seiner Wohngemeinschaft gefunden hat. lustige Leute, und es wurde viel erzählt. Sie hatte dort immer eine Flasche ihres eigenen Rotweins stehen und daraus trank sie ihr Gläschen, während die Anderen erzählten und über die würdigen Autoritäten der Stadt loszogen. Dieser Rotwein blieb für sie reserviert, jedoch brachte sie mitunter der Gesellschaft stärkere Getränke mit.“ (S. 320) Von einer Hausfrau hatte sie sich in eine Freundin verwandelt, als die sie sich und ihren Freunden ein Wohlleben gönnte. „Sie hatte die langen Jahre der Knechtschaft und die kurzen Jahre der Freiheit ausgekostet und das Brot des Lebens aufgezehrt, bis auf den letzten Brosamen.“ (S. 320) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 66 Die Freundschaft beweist sich gerade immer wieder in praktischen Hilfen. Wechselseitiges Helfen und Unterstützen ist eine eigene Sprache. Es geht dabei nicht nur um ein bloßes Helfen, sondern um die Erfahrung, dass der andere für einen da ist, dass man sich sicher fühlen kann, wenn der andere einen begleitet.11 Solche Freundschaftsgefühle räumen die Unsicherheiten des Alltags beiseite.12 Elsa: „Ich kann ja nicht allein über die Kreuzung. Ich kann nicht sehen, wenn die Ampel umschaltet. Und dann sagt er schon immer, nein, ich kann dich ja nicht alleine laufen lassen. Ich gehe mit. Und das ist sehr schön. Da kann man sich voll drauf verlassen. Man kann sich aufeinander verlassen. Das kann ich ihm alles gar nicht so wiedergeben, wie er mir das gibt.“ (Interview 2: S. 1) Mit Charles gewinnt Elsa etwas von ihrer früheren Beweglichkeit zurück. Beide können gemeinsam für sich mehr erreichen, als sie es einzeln könnten. Ihre Freundschaft führt sie ein Stück weit aus dem Altenpflegeheim heraus. Das Altenpflegeheim kann sie nur von den gewöhnlichen Sorgen des Alltags entlasten. Ihre Freundschaft dagegen gibt ihnen die Möglichkeit zurück, ein Stück weit ihre Alltagssorgen wenigstens teilweise selbst zu bewältigen. Freundschaft gibt Elsa und Charles etwas, was die Institution Altenpflegeheim nicht geben kann, 11 Goethe hat im zweiten Teil seines Fausts die wechselseitige Fürsorge und Achtung, die gerade alte Menschen miteinander entwickeln können, dargestellt. Man spürt bei Goethe das Glück des Wohltuns und Schenkens, wie es auch meinen InterviewpartnerInnen Elsa und Charles eigen ist. Elsa ist Goethes „Baucis“ und Charles sein „Philemon“. So lässt Goethe das „sehr alte Mütterchen“ Baucis zu einem Besucher, einem „Kömmling“ sagen: „Lieber Kömmling! Leise! Leise! Ruhe! Laß den Gatten ruhn! Langer Schlaf verleiht dem Greise Kurzen Wachens rasches Tun.“ (S. 427) 12 In einem ihrer letzten Interviews „Blind und guter Dinge“ beschreibt die bekannte 92-jährige Sozialpsychologin Marie Jahoda solche freundschaftliche „Fürsorge“ von Passanten, die ihr beim Überqueren der Straße geholfen haben: „Ich habe keine Schmerzen und ich gehe noch mit meinem weißen Stock allein spazieren, weil ich das Gefühl der Unabhängigkeit schätze. Der Blindenstock hat mein Vertrauen in die Menschheit vergrößert. Wenn ich an einer Straßenecke stehe, dauert es nur zwei Minuten, und es kommt ein halbes Dutzend Leute, um mir über die Kreuzung zu helfen.“ (Dieses Interview mit Marie Jahoda findet sich im Internet unter dem folgenden Link: http://www.zeit.de/1999/24/199924.gr._geschi chte_j.xml/komplettansicht 9.04.2018) Interviews mit Elsa und Charles, einem Freundespaar aus einem Altenpflegeheim 67 es sei denn als persönliche Zuwendung von PflegerInnen und Sozialen BetreuerInnen als eine persönliche Beigabe, zu der auch eine freundschaftliche Haltung gehört. „Jeden Morgen bekomme ich meine drei Küsschen.“ Die Freundschaft zwischen Elsa und Charles ermöglicht ihnen auch körperliche Nähe. Elsa: „Ja wir sitzen mal nebeneinander.“ Charles: „Ja.“ Elsa: „Jeden Morgen bekomme ich meine drei Küsschen.“ Charles: „Weil das Bremer Recht ist.“ Elsa: „Neulich hatte ich Schnupfen, da kriege ich natürlich keinen Kuss. Er hat immer Angst, dass er sich ansteckt. Ich sag immer, sowas, das desinfiziert. Aber das glaubt er mir nicht. Nein, sich zu küssen ist eine gute freundschaftliche Sache. (…) Küsschen, das finde ich, das steht mir zu und das finde ich auch sehr schön und ich gebe ihm auch gerne einen Kuss.“ (Interview 2: S. 2) Die Freundschaft von Elsa und Charles schließt körperliche Nähe mit ein. Für beide ist es nicht verpönt, sich „Küsschen“ zu geben. Küsschen geben ist für beide ein Ritual. Elsa bekommt jeden Morgen von Charles „drei Küsschen“. Das ist ihr „Bremer Recht“, auf dem sie auch gerne besteht. Für sie ist „sich mal zu küssen“ „eine gute und freundschaftliche Sache.“ Aber Elsa sagt auch im weiteren Gespräch: „Du willst mich doch wohl nicht heiraten? Heiraten will ich dich nicht.“ Diese Verneinung ist nicht ihr Ernst. Sie ist Teil eines liebevollen Flirts, in den ihre Freundschaft immer wieder hinübergleitet. Freundschaft muss für sie körperliche Nähe und Liebe nicht ausschließen. In ihrer Freundschaft gewinnt eine Liebe ihre Gestalt, wie sie der Sozialpsychologe Erich Fromm in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ (1956a) charakterisiert hat. Liebe ist „Fürsorge“, „Verantwortung“ füreinander, „wechselseitige Achtung“ und „Erkenntnis“. Diese schließt körperliche Zärtlichkeit, ein körperliches Erkennen mit ein. (S. 475) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 68 Interview mit Bernd, einem Unternehmer Bernd ist 87 Jahre alt. Er war ein Unternehmer und in bedeutenden wirtschaftlichen Positionen tätig. Er hat seine vielen wirtschaftlichen Kontakte genutzt, um soziale Projekte zu fördern. Es war ihm immer wichtig, nicht nur ein erfolgreicher Unternehmer zu sein, sondern auch die sozialen Lebenszusammenhänge zu verbessern. In diesen ist für ihn das Thema Freundschaft angesiedelt. Es geht um den Respekt vor den anderen, es geht um die Wertschätzung der anderen, um die Anerkennung ihrer Andersartigkeit, die ihm besonders wichtig ist. Er wehrt sich gegen zu große Nähe, gegen Übergriffigkeiten, mit denen viele Menschen darauf aus sind, sich andere einfach nur anzueignen und sie so zu ihren FreundInnen zu erklären. Für Bernd sind Freund und Freundin nicht nur einfach Objekte, mit denen man sich ausstellt. Eine solche Haltung empfindet er als unangenehm. In der Freundschaft muss der andere sich wohlfühlen können und in seinen Eigenheiten gelten dürfen. In der Freundschaft soll es auch immer Zonen der „Unberührbarkeit" geben können. „In der Freundschaft gibt es ‚Inseln der Unbetretbarkeit‘, die man nicht betreten soll.“ Bernd erinnert sich an eine Rede, die er einmal für einen guten, alten Freund zum Geburtstag gehalten hat: „Zur Freundschaft gehört, das ist wichtig, gehören die Inseln der Unbetretbarkeit. In dem, was man tut und treibt gibt es Inseln der Unbetretbarkeit, die darf ich nicht betreten, denn dann verletze ich die Unberührbarkeit. Und bei einem alten Menschen gehört dazu die Diskretion, Humor, Güte und Geduld und Zärtlichkeit.“ (S. 2) Mit den „Inseln der Unbetretbarkeit“ meint Bernd, er müsse den Freund respektieren, ihm gegenüber Diskretion walten lassen und ihm mit „Humor, Güte und Geduld“ begegnen. Es ist Bernd wichtig, dem anderen Respekt entgegenzubringen, ihn nicht zu entlarven oder bloßzustellen, selbst wenn er die Verfehlungen und die „Sünde“ beim Anderen sieht. Er begründet das im Interview, mit Interview mit Bernd, einem Unternehmer 69 einem Spruch Salomons aus der Lutherbibel (Sprüche 17:9), den Bernd im Interview rezitiert: „Wer Sünde zudeckt, der macht Freundschaft; wer aber die Sache aufrührt, der macht Freunde uneins.“ (S. 1) Die Entlarvung, die Aufdeckung von Fehlern macht Freunde uneins. Wer eine Sünde, eine Verfehlung „zudeckt“, gerade der handelt im Sinne einer verständigen Freundschaft. Es gibt Menschen, sogenannte Freunde, die uns mit unseren Schwächen, Fehlern konfrontieren wollen, die in der Wunde herumstochern, statt sie heilen zu wollen. Ein solches Verhalten macht es schwierig, eine Freundschaft aufrechtzuerhalten. Man spürt, dass der Freund einem Vorwürfe und Schuldgefühle machen möchte. Solche Haltungen sind meist schwierig aufzulösen und belasten die Freundschaft. Von außen sind die Schwächen und die Verfehlungen eines Menschen leicht zu erkennen. Das ist für den Freund, der zum Opfer der Entlarvung wird, schwierig zu ertragen. Er schämt sich vielleicht für seine Schwächen oder möchte sie nicht aufgedeckt haben, wünscht sich einen Freund, der ihn in seiner Unvollkommenheit respektiert. Er kennt wahrscheinlich seine Schwäche, möchte sie aber nicht entlarvt wissen. Das wäre für ihn zu schmerzvoll. Für Bernd ist Freundschaft ein verständnisvoller, respektvoller und geduldiger Umgang miteinander. Verstehen heißt für Bernd gerade nicht, einander zu entlarven und den Finger in die Wunde zu legen. Verstehen setzt die Anerkennung des anderen voraus. „Echte Freundschaften währen über den Tod hinaus, im stillen, inneren Rategespräch.“ Für Bernd reichen wahre Freundschaften „über den Tod hinaus“. Der Freund bleibt in der Erinnerung lebendig. Die Erinnerung an den verstorbenen Freund ist ein „stilles inneres Rategespräch“ mit ihm. In solchen inneren Dialogen kennt die Freundschaft keine zeitlichen und räumlichen Begrenzungen. Solche Freundschaften können nicht aussterben. Tiefe Freundschaft geht über ein bloßes Hier und Jetzt hinaus: Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 70 „Echte Freundschaft, echte Freundschaften währen über den Tod hinaus, im stillen, inneren Rategespräch.“ (S. 2) Auch nach dem Tod eines Freundes kann ein Mensch, mit dem man sich innerlich verbunden fühlt, mit einem verbunden bleiben. Das zwischenmenschliche Gespräch wird nach dem Tod des Freundes zu einem inneren Dialog13 mit ihm. Dieser innere Dialog kann auch stattfinden, wenn der Freund noch lebt und man nur räumlich voneinander getrennt ist. „Ich habe viele, viele Freunde gehabt in meinem Leben, und sie sind alle schon tot. Aber sie sind alle noch bei mir und ich mit ihnen.“ Als deutscher Soldat im zweiten Weltkrieg hat Bernd, vom Tode bedroht, eine existentielle Freundschaftserfahrung mit einer polnischen Bäuerin gemacht (vgl. S. 22): „Dann hat mich die (polnische) Bäuerin, den (deutschen) Feind, aufgenommen und die Sanitäter angewiesen, mich in ihr Bett zu legen. Das war, wie es so Sitte war, dieses große Bauernbett, wo die ganze Familie schlief, Kinder, der Bauer und sie. Ich wurde auf ihre Seite gelegt. Das kann niemand nachempfinden, was ich da erlebt habe, weil, es ging ja nichts mehr bei mir. Ich konnte nicht mehr laufen, nichts. Ich schlief ein und dann wachte ich auf, da saß auf der Bettkante eine Frau, die Bäuerin, und löffelte mir Brühe in den Mund, wodurch ich wieder Lebenskräfte gewann. (…) Und dieses Gottesgeschöpf habe ich heute noch nicht vergessen. Also zur Freundschaft gehören das Gespräch und die Dankbarkeit für die Toten. (…) Ich habe viele, viele Freunde gehabt in meinem Leben und sie sind alle schon tot. Aber sie sind alle noch bei mir und ich mit ihnen.“ (S. 3) Die polnische Bauersfrau, die für Bernd im Krieg den Feind symbolisiert, rettet ihm, dem schwerverwundeten deutschen Soldaten, das Le- 13 In seinem Roman „Erklärt Perreira“ beschreibt der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi einen solchen inneren Dialog: „Perreira (der Protagonist des Romans) erklärt, dass er seit einiger Zeit die Gewohnheit angenommen hatte, mit dem Bild seiner (verstorbenen) Frau zu sprechen. Er erzählte ihr, was er während des Tages gemacht hatte, vertraute ihr seine Gedanken an, bat um Ratschläge. Ich weiss nicht, in was für einer Welt ich lebe, sagte Perreira zum Foto. (…), das Problem ist, dass ich an nichts anderes als an den Tod denke, mir ist, als ob die ganze Welt tot wäre, oder drauf und dran sei, zu sterben.“ (S. 17) Interview mit Bernd, einem Unternehmer 71 ben. „Sie löffelte mir ihre Fleischbrühe in den Mund, so dass ich wieder zum Leben kam.“ Freundschaft zeigt hier einen tief menschlichen Aspekt. Indem die polnische Bäuerin Bernd Fleischbrühe in den Mund löffelt, rettet sie ihm, Löffel für Löffel, das Leben. Bernd wird von der Bäuerin wie ein Familienmitglied aufgenommen und von ihr gesund gepflegt. Der deutsche Soldat, der Feind, wird von ihr ganz selbstverständlich, ohne eine Gegenleistung zu erwarten, aufgenommen. Menschlichkeit wird von dieser polnischen Bäuerin gelebt. Sie fordert keine Gegenleistungen und Bezahlung. In solcher Freundschaft ist das im Alltag so selbstverständliche Prinzip „Ich gebe – du nimmst, du gibst und ich nehme“ außer Kraft gesetzt. Freundschaft übersteigt hier das Tauschprinzip von gleichwertigen Leistungen und Gegenleistungen. Bernd hat die Erfahrung gemacht, dass Freundschaft eine tiefe Menschlichkeit erfahrbar macht und ökonomisch orientierte Beziehungen des Alltags übersteigt. Die Sorge der polnischen Bäuerin um sein Leben erlebt Bernd als eine „existentielle Beziehung“. Bernd erzählt viel von seinen konkreten Erinnerungen an frühere Freunde. So erzählt er von einem nahen Freund, einem Architekten, mit dem er zusammen gebaut hat. Aus diesem gemeinsamen Wirtschaften hat sich eine besondere Freundschaft herausgebildet. Dieser Freund ist schon im Alter von 49 Jahren an einem Herzversagen verstorben. Über diesen Freund sagt er: „Das war einer der Freunde, unvergesslich. Das Vertrauen. Das Zutrauen zum gemeinsamen Bauen von Häusern oder so Industrieanlagen und so weiter.“ (S. 3) Auch mit diesem Freund führt Bernd öfter „innere Rategespräche“, wenn er von diesem einen Rat hören möchte. Für Bernd ist es „wunderschön, das Gespräch mit ihm, die Rede, das Träumen (von ihm).“ (S. 4) „Innere Rategespräche“ haben etwas Traumhaftes. Sie sind Tagträume. In tagträumerischer Erinnerung wird die Freundschaft wieder konkret. Auf diese Weise fragt Bernd seinen verstorbenen Freund um Rat. So lebt er in seiner Erinnerung weiter: „Ich habe ein stilles, nie ausgesprochenes, mein ganzes Leben bis jetzt bewahrendes Freundschaftsgefühl.“ (S. 3) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 72 „Bernd, lass ihnen das. Sie haben auch nichts. Das ist Freundschaft.“ Gegen Ende des Krieges kamen Bernd und sein zwei Jahre älterer Freund Hermann zu einem polnischen Dorf. In diesem Dorf wohnte eine Bäuerin. Aus Angst vor den beiden Soldaten und ihren Waffen schob sie ihnen ihre eingemachten Gemüsereserven zu: „Da kam uns die Bauersfrau entgegen, die erschrak natürlich, so wie wir aussahen (…) und schob uns Gläser mit eingemachten Bohnen zu. Die sollten oder konnten wir essen, damit befreite sie sich vor der Angst vor den schwer bewaffneten Soldaten mit Helm und was weiß ich alles, Pistolen. Und wir standen hungrig am Rande ihrer Küche und verschlangen dieses Gemüse aus dem Dings. Ich sah auf ihrem Küchentisch noch ein weiteres Glas stehen und dachte mir, Mensch, das nimmst du mit als Reserveproviant, und griff nach diesem Glas mit den eingemachten Bohnen. Hermann sagt zu mir: ‚Bernd, lass ihr das. Sie hat auch nichts.‘ Dieses Wort von Hermann ist mir ein Leben lang nachgegangen. Hat mich nie verlassen, hat mir Pate gestanden. Hermanns Wort: ‚Bernd, lass ihnen das. Sie haben auch nichts.’ Das ist Freundschaft.“ (S. 4) Den Rat des Freundes zu befolgen, ist für Bernd wichtiger als die Befriedigung seines eigenen Wunsches. Bernd hört auf seinen Freund. Das ist ein Beispiel für Freundschaft, dass man den Rat eines guten Freundes annehmen kann und über seine eigenen Wünsche stellt. Diese Freundschaft besteht für Bernd darin, dass sein Freund Hermann ihn daran hinderte, in den Kriegsjahren als Soldat bei einer Bäuerin ein Glas Eingemachtes mitgehen zu lassen. Bernd hört auf die Worte seines zwei Jahre älteren Freundes und lässt das Glas mit Bohnen stehen. Auch heute noch schätzt er den guten Rat von Hermann. Ein guter Rat ist teuer, aber in guten Freundschaften ist er ein Geschenk. „Das tut Ihnen gut, dass Sie mal gerade sitzen lernen.“ Seine Ehefrau hat Bernd bei einer Begegnung vor der Kirche kennengelernt, vor der sie auf Freunde gewartet hatte, die nicht gekommen waren. Sie sind dann gemeinsam in den Gottesdienst gegangen und haben sich in eine der Bankreihen gesetzt. Interview mit Bernd, einem Unternehmer 73 Bernd: „Und den ersten Satz, den ich von diesem Geschöpf hörte, wir sa- ßen in diesen furchtbaren alten Bänken (…). Ich stöhnte in diesen Bänken. Da zischte sie mir den Satz zu: „Das tut Ihnen gut, dass Sie mal gerade sitzen lernen.“ (S. 6) Bernd mag solche ironischen Liebenswürdigkeiten. Sie gehören für ihn zu einer guten Freundschafts- und Liebesbeziehung. Man muss miteinander frotzeln können und gemeinsam über sich lachen können. Freundschaft ist für Bernd nicht nur eine ernste Sache. Zu ihr gehört ein herzliches Lachen. Interview mit Petra, einer Modedesignerin, und Arnold, einem Restaurateur „Die gemeinsame Aufgabe hat uns zusammengeschweißt.“ Petra und Arnold sind seit mehreren Jahren eng befreundet. Arnold hilft Petra gelegentlich bei ihren Modeschauen. Ursprünglich verband sie eine lose Freundschaft, die sich durch ihre Arbeitsbeziehung vertieft hat. In einer schwierigen beruflichen Situation von Petra ist Arnold eingesprungen und hat ihr geholfen. Petra: „Also relativ kurz vor der Modenschau hatte mir eine Freundin abgesagt. Eigentlich eine Freundin, die theoretisch eigentlich das viel früher hätte absagen können und eigentlich auch müssen, weil sie den Grund, warum sie es abgesagt hat, ja Monate vorher schon wusste. Also die hat mich da sehr, sehr, sehr hängengelassen. (…) Und zu dem Zeitpunkt kannten wir (Arnold und ich) uns ja noch gar nicht so intensiv. Und da habe ich gedacht, oh Gott, kann ich jetzt Arnold überhaupt fragen, oder…? (…) Und dann, ja und da war ich natürlich sehr, sehr glücklich, dass Arnold zugesagt hat. Und eigentlich durch diese Modenschau haben wir uns ja auch noch mehr kennengelernt.“ Arnold: „Ja, das war ein Zusammenschweißen.“ (S. 4) Durch die gemeinsame Aufgabe, die sie erfolgreich bewältigt haben, wurden sie „zusammengeschweißt“. Sie haben hinter den Kulissen des Laufstegs gut abgestimmt gearbeitet, ohne dass sie sich länger kannten, und diese Aufgabe hat sie zusammengeschweißt. Sie hatten kaum Zeit, sich lange zu verständigen, sie mussten einfach gemeinsam die Modenschau organisieren und das ist ihnen gut gelungen. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 74 Petra spricht von einer guten Kooperation mit Arnold. Ihr geht die Euphorie, mit der Arnold spricht, sehr nahe. Sie möchte die Freundschaft mit Arnold auch als eine Arbeitsbeziehung verstehen. Arnold wiederum ist eine intensive Freundschaftsbeziehung mit Petra sehr wichtig, die in ihrer gemeinsamen Arbeit ihren Ausdruck finden soll. In der gemeinsamen Kooperation sucht Arnold die Nähe zu Petra und sie seine Unterstützung in der Arbeit. Petra: „Arnold hat mich ja sehr in meinem Ding so unterstützt, also das war für mich ein ganz tolles Gefühl, dass ich so das Gefühl habe, dass jemand, zum einen inhaltlich, sich für das Gleiche interessiert wie ich selber und da aber auch selber so sein eigenes Herzblut da so reingelegt hat. Also wirklich seine ganze Kraft gegeben hat, um mich oder die Kollektion oder eben auch dieses gemeinsame Event ebenso nach vorne zu bringen. Das ist ja überhaupt keine Selbstverständlichkeit. Und ich sage mal, da muss jemand schon sehr viel geben, damit so etwas so gut wird. In Arnold habe ich auch einen Menschen gefunden, der auf verschiedensten Ebenen auch sehr ähnliche Ansichten hat wie ich selber. (…) Also ich bin sehr, sehr glücklich, dass ich Arnold durch diese Geschichte kennengelernt habe und da wirklich einen Freund gefunden habe.“ (S. 8) Die „Modenschau“ hat beide zusammengeführt. Sie sind Freunde geworden und ihre gemeinsame Arbeit hat zu erfolgreichen Ergebnissen der Modenschau geführt. „Eine Freundschaft kannst du dir aussuchen, eine Familie nicht.“ Arnold hat Erfahrung mit vielen „sozialen Kontakten“, die zum Teil zu sehr destruktiven Beziehungen führten und die er nicht wieder erleben möchte. So ist für ihn die Freundschafts- und Arbeitsbeziehung mit Petra „ein großes Glück“, was ihm nicht häufig begegnet ist. Arnold: „Ich habe soziale Kontakte in meinem Leben auch sehr destruktiv kennengelernt und auch Menschen kennengelernt, die mit sehr großer Destruktion halt leben und eigentlich mehr Kräfte brauchen und verbrauchen, ohne dass man da positiv etwas wiederkriegt, sozusagen. Und ich habe irgendwann angefangen, mich zu schützen und zu versuchen, also nach Möglichkeit, solchen Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich finde, es ist ein großes Glück, wenn man in seinem Leben Menschen begegnet, wo eine Gegenseitigkeit der Inspiration und des Sich-gegenseitig-etwas-Gebens und gegenseitig ja so, man befruchtet sich halt gegenseitig. Wenn das ist, das ist etwas Schönes, das ist wirklich etwas Schönes.“ (S. 13) Interview mit Petra, einer Modedesignerin, und Arnold, einem Restaurateur 75 Petra und Arnold haben sich bei der Vorbereitung der Modenschau gefunden. Sie haben miteinander erlebt, was „Gegenseitigkeit“ für sie bedeuten kann: „Sich gegenseitig etwas geben“, sich anregen, auf Ideen bringen und Spaß darin finden, diese Ideen zu realisieren. Das ist für beide eine wichtige Erfahrung, weil sie ihnen zeigt, dass man aus einer freundschaftlichen Arbeitsbeziehung die Destruktivität, die häufig zum Scheitern der Beziehung führt, ausschließen kann. Wenn das gelingt, erleben dies beide als „ein großes Glück“. „Sich-gegenseitig-etwas-geben“ führt zu gemeinsamer „Inspiration“ und zu guten Arbeitsergebnissen, was beide als eine Glückserfahrung erleben. Im Vergleich zu solcher Glückserfahrung in der Freundschaft waren für Arnold seine Erfahrungen mit der Familie, in der er aufgewachsen ist, eher enttäuschend. Arnold: „Ja, also ich habe eine sehr schwierige Familie. Und ich habe eigentlich eine Familie, in der immer sehr viel an den Menschen auch rumgezurrt und rumgezerrt worden ist. Positive soziale Kontakte habe ich eigentlich im Laufe meines Lebens halt über Freundschaft kennengelernt. Das empfinde ich auch als sehr angenehm. Aber die Familie ist halt immer ein, ja, wie soll ich das sagen, das ist ein Ballast, den man halt immer mit sich herumschleppt.“ Petra: „Ja, die Familie kannst du dir halt nicht aussuchen. Die sind, wie sie sind.“ Arnold: „Familienmitglieder sind wie rostige Scharniere und das ist halt schwierig, sich dann frei zu strampeln.“ (S. 17 f.) In die Familie wird man hineingeboren, ob man will oder nicht. Man kann sich seine Familie nicht in gleicher Weise aussuchen, wie man sich seine Freunde aussuchen kann. Familienbeziehungen können „rostige Scharniere“ sein, die können quietschen und die Türen, die sie verbinden, sind oft nur schwer zu öffnen. Ganz anders in der Beziehung von Arnold und Petra. Arnold ist für Petra der geborene Helfer. Er hilft aus, mit Ideen und auch ganz handfest, wenn Not am Mann ist. Arnold: „Also ich schiebe gerne mit Petra ihr Boot ins Wasser, um dann zu sehen, wie das fährt, aber ich möchte mich nicht mehr im sozialen Umgang sozusagen abmühen und abhampeln und am Ende, sagen wir mal, ist es eine Totgeburt, weil es irgendwie nicht funktioniert.“ (S. 18) Arnold möchte, dass die Zusammenarbeit mit ihm funktioniert, dass ohne Schwierigkeiten das „Boot ins Wasser“ geschoben werden kann. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 76 Das klappt mit Petra. Das geht für beide ganz locker ohne großes „Abmühen und Abhampeln“. Bei Arnold und Petra gibt es keine „Totgeburt“. „Unterlegenheit und Überlegenheit in einer Beziehung sind furchtbar.“ Petra: „Es gibt Menschen, die suchen sich Freunde, von denen sie denken, dass sie ihnen unterlegen sind, um sich selber so ein Gefühl von Überlegenheit zu verschaffen. Und das finde ich furchtbar. Das ist dann auch keine wirkliche Freundschaft.“ (S. 19) Arnold ist für Petra ein wirklicher Freund. Er will nicht, dass sie ihm unterlegen ist und auch sie möchte sich nicht „ein Gefühl von Überlegenheit“ über ihn verschaffen. „Unterlegenheit“ und „Überlegenheit“ in einer Beziehung sind für Petra „furchtbar“: „Es ist ein Unterschied, ob man einem anderen Menschen hilft und ihn unterstützt in irgendwelchen Dingen, auch mit Freude, oder ob ein Mensch einen manipuliert und benutzt.“ (S. 19) Petra weiß, dass Arnold ihr ehrlich und fair zur Seite steht. Sie weiß, dass er sich nie, wie andere sogenannte Freunde, ihre Entwürfe hinter ihrem Rücken aneignen und sie als eigene Produkte ausgeben würde. Eine „richtig gute Freundschaft“ zeigt eine wechselseitige, offene Wohlgesonnenheit. Eine solche ist Petra besonders wichtig: „Eine richtig gute Freundschaft ist ja etwas, wo Menschen auf Augenhöhe positiv miteinander umgehen und sich gegenseitig auch etwas Gutes wünschen.“ (S. 20) Solches „positiv miteinander Umgehen“ hat der Sozialpsychologe und Psychoanalytiker Erich Fromm als Zeichen einer Liebesbeziehung verstanden, einer Liebesbeziehung im weiten Sinne, in die er die Freundschaftsbeziehung miteinbezieht. So lässt sich mit Erich Fromm aus „Psychoanalyse und Ethik“ (1947a) die Freundschaft von Petra und Arnold auf die folgende Weise charakterisieren: „Einen Menschen produktiv lieben heißt, dass man für ihn sorgt und sich für sein Leben verantwortlich fühlt. (…) (das) schließt Arbeit, Fürsorge und Verantwortungsgefühl ein. (…) Fürsorge und Verantwortung sind zwar wesentliche Elemente der Liebe (Freundschaft), aber ohne Achtung Interview mit Petra, einer Modedesignerin, und Arnold, einem Restaurateur 77 für den geliebten Menschen und ohne Erkenntnis artet Liebe (Freundschaft) in Herrschsucht und Besitzgier aus.“ (S. 67) „Fürsorge“, „Verantwortung“, „Achtung“ wünschen sich Petra und Arnold für jede Freundschaftsbeziehung. Das ist eine Erkenntnis, die sie aus vielen guten, aber auch schlechten Beziehungen gewonnen haben. Ohne die berühmte Studie „Die Kunst des Liebens“ (1956a) von Erich Fromm zu kennen, belegen sie mit ihren Erfahrungen mit Freunden Fromms Beschreibungen von Liebe und Freundschaft. Petra versteht sich selbst als jemand, der man vertrauen kann und die man kritisieren kann. Petra: „Mit mir kann man ganz pragmatisch über alles sprechen. Und lieber sagt mir jemand, wenn er etwas nicht weiß, dann kann ich in aller Ruhe das erklären, als wenn jemand behauptet, er wüsste alles, weil dann ist das Thema für mich abgehakt und wenn dann Probleme entstehen, dann wird es richtig dramatisch hinter den Kulissen. Also lieber Ehrlichkeit, Offenheit, das ist immer besser. Weil, je ehrlicher und offener man miteinander umgeht, desto besser wird das Endergebnis. Zum Beispiel als Arnold mir gesagt hat, du siehst aber so scheiße aus, du musst jetzt sofort zum Arzt, habe ich das ja nicht so empfunden, er kritisiert mich, sondern mir war dann klar, er hat sich Sorgen um mich gemacht.“ (S. 33) Wenn sich jemand Sorgen um Petra macht und sie zugleich energisch kritisiert, führt das bei ihr nicht zu einem Gefühl der Unterlegenheit. Sie spürt, dass Arnolds Sorge um sie ernst ist und dass er nicht ein Gefühl der Überlegenheit ihr gegenüber demonstrieren will. Arnold meint es ernst mit ihr. Er ist kein „Überflieger“ und kein „Oberguru“. Arnold verfügt über Menschenkenntnis, die man ernst nehmen muss. Petra: „Arnold hat eine ganz andere Qualifikation als manche anderen Leute, die sich als die großen Überflieger und Obergurus vorstellen, die das nicht richtig einschätzen und auch nicht richtig ernst nehmen. Also ich nehme dann Leute lieber ernst, wenn ich den Eindruck habe, dass die da einen richtigen Durchblick haben.“ (S. 33) Arnold sieht das ähnlich: „Ja, das ist ja auch Vertrauen. Also ich habe ja auch Vertrauen, wenn Petra mir jetzt was sagt oder wenn wir uns über Dinge unterhalten, das ist ja dann auch ein Vertrauen in die Person.“ (S. 33) Petra und Arnold können gut miteinander kooperieren. Ihre Freundschaft bewährt sich in der gemeinsamen Arbeit, in der die wechselsei- Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 78 tigen Vor- und Ratschläge − auch wenn sie kritisch sind − gewünscht werden. Und gerade in einem durchaus anstrengenden Zusammenarbeiten fühlen sie sich wohl. In ihrer Kooperation erleben sie, was „wahre Freundschaft“ für sie heißen kann. Für sie gilt: Auf einen guten Freund ist immer Verlass. Interview mit Otto, einem Friseur Otto hat viele Jahre einen Friseursalon geleitet. Einige seiner Kunden sind zu guten Freunden von ihm geworden. Für ihn haben Freundschaftsbeziehungen einen hohen moralischen Wert. „Einen guten Freund möchte ich immer um mich haben.“ Otto wünscht sich eine Freundschaft, in der man „herzlich willkommen ist“. Das Gefühl der Herzlichkeit möchte Otto in seinen Freundschaften spüren. Freunde sollen sich einander nahe fühlen, und Herzlichkeit steht dabei „an erster Stelle“. Otto: „Du musst wissen, dass du dich auf die Menschen verlassen kannst, die du um dich hast und die du lieb hast. Und dass man sich auch verstehen muss. Dass man auch herzlich willkommen ist und wirklich, das ist für mich an erster Stelle, dass ich ihn dann liebend gerne um mich habe. Man kann von mir alles haben und so. Es ist eigentlich ganz schön, wenn Du das Gespür hast, dass die Freunde das dann genauso sehen." (S. 1) Mit Freunden möchte Otto sich eine gemeinsame Umwelt schaffen, in der man sich „lieb haben“ kann und „sich auch verstehen“ können muss. Freunde helfen einander und nutzen sich nicht gegenseitig aus, sonst „gibt das Ärger“ und „die Freundschaft geht zu Bruch“. Otto: „Wenn du gute Freunde hast, kannst du aushelfen. Aber manchmal gibt das Ärger. Wenn du hilfst, kann man auch ausgenutzt werden. Von einigen. Da geht die Freundschaft zu Bruch, ja klar, weil, man ärgert sich ja. Ich habe z. B. dem einen eine gute Lammfelljacke geliehen, weil es draußen kalt war, als er zu Besuch war. Er war auch mit mir ein paarmal weg und da hat er sie auch angezogen und dann habe ich irgendwann mal ein Jahr oder zwei Jahre später zu einer Freundin gesagt: Mensch, wo ist Interview mit Otto, einem Friseur 79 denn meine Lammfelljacke? Die ist doch bei Karl, die hat doch der Karl. So, nie wiedergesehen, so.“ Interviewerin: „Vielleicht hat er gedacht, dass du sie ihm geschenkt hast?“ Otto: „Nee, nee, nee, der wusste ganz genau, dass nee, nee, nee, nee, das war so eine schöne warme ganz warme Lammfelljacke.“ Interviewerin: „Du trauerst ihr noch nach?“ Otto: „Nee, nee. Aber so was passiert.“ (S. 4) Otto ist gekränkt, dass Karl so tut, als habe Otto ihm die Jacke geschenkt, obwohl es für Otto doch nur eine Leihgabe war, damit Karl sich schützen konnte, „weil es draußen kalt war“. Ottos offen gemeinte Herzlichkeit, die ihm liebe Lammfelljacke zu verleihen, könnte Karl als Geschenk missverstanden haben. Otto sieht es jedenfalls so, dass Karl absichtlich die Leihgabe als „Geschenk“ genommen hat. Darüber ist Otto sehr verärgert. Er versucht erst gar nicht, ein mögliches Missverständnis aufzuklären. Für Otto ist die Sache klar, er wurde „ausgenutzt“ und die Freundschaft war zu Ende. Die für ihn so offene Herzlichkeit wurde als eine bloße Dummheit ausgenutzt. Otto ist enttäuscht. „Familie ist eine Säule, ganz private Sachen bespreche ich eher mit einer besten Freundin und einem besten Freund.“ Wie viele meiner InterviewpartnerInnen vergleicht auch Otto Familienbeziehungen mit Freundschaftsbeziehungen. Er schätzt ein gelingendes Familienleben sehr, er weiß aber auch, dass ein solches nicht sehr häufig ist und dass es viele Konflikte gibt, die Familien auseinanderreißen können. Eine Familie kann man sich nicht aussuchen. In die ist man hineingeboren und man kann sich nie ganz aus Familienbindungen lösen, sei es im Guten oder im Schlechten. In Freundschaftsbeziehungen ist es für Otto dagegen ganz anders. Eine Familie hat man, Freunde findet man. Und die Beziehung zu einer Freundin oder einem Freund kann viel herzlicher sein, als dies mit einem Familienmitglied möglich wäre. „Herzlichkeit“ stellt sich für Otto vor allem unter Freunden her. In Familien wird sie meist als selbstverständlich vorausgesetzt und gilt als vorbildlich. So ist es auch mit der Sorge und Fürsorge. In der Familie erwartet man sie ganz selbstverständlich vom anderen und ist dann tief enttäuscht, wenn von Sorge und Fürsorge nichts zu spüren Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 80 ist. Auf meine Frage: „Wie ist es denn mit der Familie und deinen Freunden in deinem Heimatland?“ antwortet Otto: „Der Familienstand ist da höher. Der hat mich aber immer schon erschrocken in Deutschland, so ein bisschen. Sind die Deutschen vielleicht ein bisschen oberflächlicher? Vielleicht durch den Wohlstand? In meiner Heimat ist nach wie vor immer noch nicht so der Wohlstand da. Die leben auch viel mehr auf einem engeren Raum. Du würdest z. B. in Deutschland mit deinen Eltern nicht unter einem Dach wohnen wollen. In meinem Land dagegen wohnen noch viele Familien unter einem Dach und gar nicht so großzügig. Die Omas spielen in meinem Land wirklich noch viel Oma und gerne.“ (S. 3) Der Zusammenhalt einer Familie hat für Otto Priorität. Sie bietet ihm nicht nur einen emotionalen Schutz, sondern auch ökonomische Unterstützung, auf die man nicht leichtfertig verzichten sollte. In Ottos Heimatland ist es ganz selbstverständlich, dass man mit seiner Familie unter einem Dach wohnt. Es ist dort nicht so einfach, sei es aus emotionalen, sei aus ökonomischen Gründen, aus der Familie auszuziehen. „Familie ist ja so ´ne Säule“, die in vielen Lebenslagen Halt bietet. Aber für Otto gibt es auch ganz „private Sachen“, die er nie in der Familie besprechen würde. Dazu hat man einen besten Freund oder eine beste Freundin. Einen besten Freund oder eine beste Freundin kann für Otto weder die Familie noch eine PsychotherapeutIn ersetzen. Empört hat Otto auf den Ratschlag einer Psychotherapeutin reagiert, die seinem besten Freund geraten habe, „er soll alles abbrechen, was früher in seinem Leben war, alles wegwischen“. Solche Ratschläge hält Otto für reinen Blödsinn. Für ihn sind dagegen Ratschläge und Vorschläge, die aus der Familie kommen, von größter Wichtigkeit. Seinem Freund hat er klarzumachen versucht: „Familie, das ist wirklich das, was du hast, und deine Familie ist auch an erster Stelle. Das ist doch wichtig, dass du den Zusammenhalt hast.“ Da hat man bessere Hilfe als von einer „blöden Therapeutin“. Otto setzt viel auf den familialen Zusammenhalt und die Unterstützung der Familie. Aus der Familie herauszuwachsen bedeutet für ihn nicht, den Kontakt mit ihr ganz oder auch nur teilweise abzubrechen. Interview mit Otto, einem Friseur 81 Interview mit Sven, einem Finanzberater Sven hat einen sehr strengen Begriff von Freundschaft. Für Sven gehen Geschäftsbeziehungen und Freundschaftsbeziehungen nur schwer zusammen. „Warum soll ich zu Familienangehörigen eine besonders gute Beziehung haben?“ Im Gegensatz zu Otto hat sich Sven vollständig von seiner Familie gelöst. Familienmitglieder haben für Sven keine größere Bedeutung als andere Menschen. „Alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz“. Auch die Beziehungen der „Familienangehörigen“ sind für Sven nicht viel mehr als Rechtsbeziehungen: „Also, Familie hat keine Bedeutung, also, alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz. Und warum soll ich zu Familienangehörigen eine besonders gute Beziehung haben, also, warum soll ich sie gut finden, wenn ich sie scheiße finde, nur weil das Blutsverwandte sind? Also, die Frage habe ich mir ganz nüchtern gestellt. Ich weiß, das ist eine absolute Einzelmeinung. Jeder denkt, ich habe nicht alle Tassen im Schrank. Das ist meine Meinung, schon immer gewesen. Die vertrete ich auch, ganz konsequent, denn ich find die (meine Familienmitglieder) alle total doof und deswegen habe ich zu denen keinen Kontakt mehr, fertig. Natürlich gibt‘s dafür Gründe, aber ich muss mit denen keine Zeit verbringen. Meine private Zeit ist heilig, die möchte ich so verbringen, dass es mir in meiner Freizeit gut geht und dass ich mich freue und dass ich mich nicht ärgere. Und zwar nur mit Personen, die ich gut finde, und nicht mit Leuten, die ich für Vollidioten halte − auch nicht, wenn es sich um Familienmitglieder handelt, deswegen spielt für mich Familie keine Rolle.“ (S. 9) In seiner Freizeit möchte sich Sven nur mit Menschen beschäftigen, die er „gut findet“. Im Gegensatz zur Familie sind Freunde für Sven sehr wichtig, allerdings hat er nur wenige Freunde in seinem Leben gehabt, weil er an eine Freundschaft sehr hohe Ansprüche stellt. Was Freundschaft ist, möchte er gerne definieren, aber: „Es gibt ja keine Definition. Jeder definiert ihn (den Freund) so, wie er es für richtig hält. Jeder Mensch macht das anders auf der ganzen Welt. Die beiden wichtigsten Parameter für Freundschaft sind Sympathie und Vertrauen, logischerweise.“ (S. 1) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 82 Sven macht es sich mit Freunden nicht leicht, und diese haben es auch schwer mit ihm. Sven berichtet viel von Freundschaften, die nicht lange gehalten haben oder aus seiner Sicht gar keine waren. Auch Freundschaften, die mehrere Jahre gedauert haben, sind letztlich gescheitert, und Sven hat dann immer die Beziehung endgültig abgebrochen, wie er das mit seinen Familienmitgliedern auch gemacht hat. „Also Partnerschaft wiegt um ein Zig-tausendfaches mehr als die Freundschaft für mich.“ Sven macht eine strikte Unterscheidung zwischen einer Partnerschaft und einer Freundschaft: „Ähm, was ist der Unterschied zwischen einem Ferrari und einem Fiat? Also Partnerschaft wiegt um ein Zigtausendfaches mehr, mehr als Freundschaft für mich. Partnerschaft ist das Wichtigste. Partnerschaft ist für mich ein Begriff, der den Begriff Freundschaft automatisch beinhaltet. Aber noch viel mehr. Freundschaft ist ein Teil von einer Partnerschaft. Alles das, was mit Liebe zu tun hat, und das hat ja mit Freundschaft nicht unbedingt zu tun, aber in einer Partnerschaft müssen natürlich auch die Elemente einer Freundschaft Niederschlag finden. Ist doch logisch. Wenn ich eine Partnerschaft eingehe und ich meine Partnerin nicht sympathisch finde, dann habe ich ein Problem. Geht ja nicht, und Vertrauen wäre auch nicht schlecht. Von daher sind diese Dinge, die Freundschaft determinieren, natürlich bei einer Partnerschaft ein Teil davon, aber zu einer Partnerschaft gehört natürlich noch viel mehr, deswegen ist Partnerschaft um ein Vielfaches wichtiger.“ (S. 6) Während für Sven Freundschaft Teil einer „Partnerschaft“ ist, ist „Partnerschaft“ nicht unbedingt Teil einer Freundschaft. Was Partnerschaft gegenüber Freundschaft auszeichnet, ist eine mögliche Liebesbeziehung, die die Partner miteinander eingehen können. Es ist die „Liebe“, die für Sven eine „Partnerschaft um ein Vielfaches wichtiger“ als eine Freundschaft macht. Für Sven schließt Liebe die Freundschaft mit ein, aber umgekehrt gilt das nicht: Liebe ist nicht „automatisch“ Teil einer Freundschaft. Interview mit Sven, einem Finanzberater 83 „Sind Schulfreunde und Geschäftsfreunde wahre Freunde?“ In meinem Interview mit Sven fragt er sich auch, inwieweit die Beziehungen, die er zur Zeit seiner Schulzeit mit Mitschülern gehabt hat, „Freundschaft“ genannt werden könnten. Das waren gewiss keine Freundschaften im Sinne einer Partnerschaft, es waren Jungen und Mädchen, mit denen man zur Schule ging und zusammen spielte. Waren das aber für Sven schon wahre Freunde? Es waren eher Spielkameraden und Schulkameraden, die Sven heute im Rückblick eher als „Schulfreunde“, aber nicht als wirkliche Freunde versteht: „Man hatte Freunde, die nach der heutigen Definition keine wären. Ja, klar waren das da Freunde, aber was hat man mit denen gemacht, man ist zur Schule gegangen als Kind. (…) Klar, Schulfreunde, Leute mit denen man in die Schule gegangen ist. Aber das sind keine Freunde. (…) Jeder, der quasi in meiner Klasse gewesen ist, ist mein Schulfreund gewesen. Schulfreund oder wenn ich mal, sag ich mal so, wenn man in irgendeiner Form geschäftlich tätig ist, mit dem man geschäftlich zu tun hat, mit dem man aber auch zum Essen geht, dann ist er für einen ein Geschäftsfreund. Kommt auch der Begriff Freund vor. Aber hat mit dem Begriff Freundschaft natürlich, zumindest nach meiner Definition, nichts zu tun.“ (S. 1) Was für Sven als Kind und Jugendlicher der „Schulfreund“ war, ist für ihn der „Geschäftsfreund“ als Erwachsener. Sven versteht sich als ein sehr tiefgründiger Mensch, der alles und jedes begrifflich klar haben möchte. Er möchte die Dinge in ihrer Logik begreifen. Gelingt ihm dies, dann kommt er zu für ihn ein für alle Mal feststehenden Erkenntnissen. In meinem Interview mit ihm sucht er immer wieder nach einer für ihn gültigen Definition von Freundschaft, die aber eine allgemeingültige sein soll: „Wenn man ein extrem tiefgründiger Mensch ist und den Begriff fünfmal auf die Goldwaage legt, und das tue ich bei allen Begriffen, dann kommt man eben zu solchen Erkenntnissen, dass Schulfreunde und Geschäftsfreunde, wenn man die Definition von Freundschaft ernst meint, keine wahren Freunde sein können. Heißt aber nicht, dass ich nie Freunde gehabt habe. (…) Im Sommer beispielsweise ist eine Freundschaft zu Ende gegangen, weil ich sie gekündigt habe, nach 13 Jahren, weil etwas passiert ist, was mir nicht gefallen hat und was, sag ich mal so, in der Freundschaft nichts zu suchen hat, und somit komme ich dann rückblickend zu der Erkenntnis, dass es keine Freundschaft gewesen ist.“ (S. 1) Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 84 Für Sven ist die Suche nach einer strengen Definition von Freundschaft die Suche nach einer „Schutzwand“, die ihn vor Enttäuschungen schützen soll. Sven sieht durchaus, dass er mit seinem Bestehen auf strenge Definitionen in Schwierigkeiten geraten kann, so z. B. wenn er sich eigentlich gar nicht auf eine Freundschaft einlassen will und kann: „Das ist schwierig, das ist ganz schwierig, wenn man sich sagt, ich möchte von vorneherein eine Freundschaft oder ähnliches nicht zulassen. Da baut man dann eine kleine Schutzwand auf, dass man eben nicht enttäuscht werden kann. Also man kann ja nicht alles haben. Keine Enttäuschungen haben wollen, heißt eben auch, keine sozialen Kontakte haben. Das führt natürlich auch zu einer gewissen Einsamkeit. Das muss man dann auch sehen.“ (S. 15) Solche Erfahrungen hat Sven schon mit Schulfreunden gemacht, und er macht sie heute immer wieder mit Geschäftsfreunden. Solche „Schul- und Geschäftsfreundschaften“ scheitern meist dann, wenn sich die Geschäftsbedingungen ändern: „Man hat sich angefreundet auf einem Niveau, wo beide ungefähr gleichgestellt waren. D. h. beide haben vernünftiges Geld verdient und fertig. Irgendwann ging er aber in die Insolvenz, weil er nicht auf die richtigen Leute gehört hat. Bei mir war es umgekehrt. Bei mir hat sich alles positiv entwickelt. Und ich merkte, dass bei ihm (meinem Geschäftsfreund) der Begriff Neid eine Rolle spielte. Und dann sieht man natürlich, was Freundschaft ist. Darin darf der Begriff Neid nicht vorkommen. Wenn der Begriff Neid drin vorkommt, ist es keine Freundschaft mehr, und dadurch, dass der (Neid) eben ans Tageslicht kam, war für mich ganz klar, dass es zwischen uns gar keine Freundschaft gewesen ist.“ (S. 18) Sven möchte Situationen vermeiden, in denen Neid aufkommt. Er möchte nicht beneidet werden und er möchte auch selbst nicht neidisch sein. Er möchte „cool“ sein: „Also ich wirke nicht nur so cool. Ich bin cool. D. h. es prallt an mir ab. Das interessiert mich nicht. Wenn man aber beneidet wird von jemandem, den man näher an sich heranlässt als andere Personen, dann ist das eine unangenehme Situation. Mir ist das völlig fremd, jemanden zu beneiden, und wenn man dann mitkriegt, dass man von jemandem beneidet wird, der einem nähersteht als andere (als ein Freund gelten kann), dann ist das keine schöne Situation. Das ist unangenehm.“ (S. 18) Interview mit Sven, einem Finanzberater 85 Als Interpretin von Svens Auffassung von Freundschaft und diese mit anderen Auffassungen aus anderen Interviews vergleichend, kann man wohl fragen, ob Freundschaft nicht darin bestünde, schwierige Situationen, wie z. B. ein Neidischwerden unter Freunden, miteinander zu bewältigen, anstatt die Freundschaft aufzukündigen. Sven scheint dazu zu neigen, schwer zu lösende Probleme als Fehler und Schwächen des anderen, des bisher akzeptierten Freundes zu sehen. Einer, der sich in die Insolvenz manövriert hat, kann nicht länger sein Freund sein und zwar dann nicht, wenn dieser Neid ihm gegenüber entwickelt. Statt seinem Geschäftsfreund mit Rat und Tat zur Hilfe zu kommen, kündigt er die Freundschaft auf. Sven möchte keinen Versager als Freund. Freunde sind „auf einem Niveau“, wo beide ungefähr „gleichgestellt“ sind. Leas Freundschaften – eine Stellungnahme Lea ist Teilnehmerin meiner Internetbefragung. Sie hat sich in dieser Befragung sehr engagiert und mir ihre Ansichten zum Thema Freundschaft in einer ausführlichen Stellungnahme, die ich hier gesondert interpretiere, zum Ausdruck gebracht. „Wir unterstehen eben keinem unsichtbaren Gefühlsund Handelsgesetzbuch.“ Für Lea ist eine Freundschaftsbeziehung gar nichts Selbstverständliches. Sie sieht in jeder Freundschaft eine besondere Beziehung. Sie möchte sich in einer Freundschaft erleben und nutzt ihren Brief, um ihre ganz persönlichen Erlebnisse mit Freunden und Freundinnen auch für sich selbst zu klären. Ich verstehe ihren Brief als eine Selbstreflektion: „Gar nichts ist selbstverständlich und nichts will ich mehr erwarten, nur dankbar empfangen und mein natürliches Echo zurückschallen lassen.“ (S. 1) Lea möchte in einer Freundschaftsbeziehung ihr eigenes „Echo“ empfangen. Ihr geht es nicht primär darum, die Meinung des Freundes zu hören, sondern sie nutzt Freundschaft auch als „Resonanzraum“ für sich Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 86 selbst. Wie in anderen Interpretationen auch beziehe ich in meine Interpretation soziologische, psychologische und philosophische Theorien mit ein. Im Zusammenhang mit Leas Brief orientiere ich mich theoretisch an dem Soziologen Hartmut Rosa, der in seinem Buch „Resonanz. Eine Soziologie der Wertbeziehungen“ (2006) Resonanzbeziehungen auf die folgende Weise erläutert: „Widerspruchsfähigkeit und -bereitschaft, nicht die blinde Übereinstimmung, sind geradezu eine Voraussetzung für Resonanzbeziehungen, erst sie ermöglichen es dem Subjekt, einen Widerhall in der Welt zu finden, der mehr ist als ein Echo.“ (S. 327) Für Hartmut Rosa ist es gerade ein Zeichen von wahrer Freundschaft, nicht bloß sein eigenes „Echo“ in der Freundschaft zu hören, sondern vom Freund einen „Widerhall“ zu empfangen, der gerade auch einen Widerspruch enthalten kann. Aus einem solchen Widerhall entwickelt sich das Verstehen des Anderen. Einen solchen Widerhall und nicht ein bloßes Echo erlebt Lea nun mit ihrem Freund A: „Ich verbringe gerne zum Beispiel mit Freund A meinen Sommer, im Winter aber mag ich es alleine zu sein und treffe dann lieber die Freundin B, weil die mich so herrlich versteht.“ (S. 1) Lea wünscht sich von Freund A so verstanden zu werden, wie sie von ihrer Freundin B verstanden wird: „Ich wünsche mir dann sooooo sehr, dass Freund A mich auch versteht und gehen lässt, mich neue Erfahrungen mit neuen inspirierenden Menschen machen lässt.“ (S. 1) Aber Lea ist sich unsicher, ob ihr Freund A ein solches intensives Verständnis ihr gegenüber aufbringen kann: „Die Erwartung des A sind vielleicht ganz andere und er fühlt sich ungeliebt und verstoßen, dabei brummt die weiche Hummel doch nur durch ihr Revier und sammelt fleißig Pollen, damit man dann zur gegebenen Zeit wieder zusammen naschen kann.“ (S. 1) Lea fühlt sich wie eine „weiche Hummel“, die „fleißig Pollen sammelt“. Die weiche Hummel fliegt umher, verlässt ihren Stamm. In dem Fall verlässt Lea ihren Freund für eine bestimmte Zeit, um „neue Erfahrungen“ zu machen. Sie möchte aber dann gerne ihre Erfahrungen gemeinsam mit ihrem Freund nutzen. Leas Freundschaften – eine Stellungnahme 87 In manchen Lebenssituationen muss Lea die Freundschaft verlassen können, wann sie es will, um sich anderweitig orientieren zu können. Sie möchte gerne entscheiden, wann sie die Freundschaft wieder aufnehmen kann. Sie wünscht sich von ihrem Freund, dass er ihr die Freiheit einräumt, ihn verlassen und zu jeder Zeit zu ihm zurückkommen zu können. „Wir unterstehen eben keinem unsichtbaren Gefühlsund Handelsgesetzbuch.“ Lea wünscht sich, dass ihr Freund A ihre Freundschaftsbeziehung nicht einem moralischen Gesetz unterwirft, das ihr ihre Freiheit nehmen könnte. Freundschaft ist für sie eine Beziehung, die sie nicht einschränken, sondern ihr Freiheit gewähren soll. Für sie ist es wichtig, dass ihr Freund auf ihre Rückkunft warten kann. Sie ist sich allerdings nicht sicher, dass er das auch wirklich tun wird. Von sich weiß Lea, dass sie im umgekehrten Falle nicht die von ihrem Freund gewünschte Großzügigkeit hat. So reagiert sie z. B. mit Wut und Distanz ihrer Freundin Margret gegenüber, von der sie sich in einer schwierigen Situation „im Stich gelassen“ fühlte: „Ich hatte meine Freundin Margret ein Jahr lang nicht besucht. Ich war zu dieser Zeit wütend, weil sie mich MEINER Meinung nach im Stich gelassen hatte, als ich sie am nötigsten brauchte. Sie versuchte alles Mögliche, um an mich heranzukommen, aber ich blieb unerreichbar, gratulierte ihr lediglich zum Geburtstag. Ich war beleidigt. Ein Jahr später kam ihre Mama dann ins Krankenhaus.“ (S. 1) Lea fühlte sich lange Zeit von ihrer Freundin Margret allein und im Stich gelassen, weil sie nicht für sie da war, als Lea Margret am nötigsten brauchte“. Erst als sie von der schweren Erkrankung der Mutter ihrer Freundin erfuhr, ändert sie ihre Haltung. Sie konnte jetzt ihr Gefühl im Stich gelassen worden zu sein, zurückdrängen. Ihr wurde schlagartig klar, dass Margret sie jetzt dringend brauchte, und ließ die Kontaktaufnahme zu. Sie beendete das Spiel: Wenn du für mich unerreichbar bist, bin ich es für dich auch. Beide fanden zu einer neuen intensiven Freundschaft zurück: „Ich ließ Margrets Anruf nun zu und ich fuhr zu ihr und wir redeten beide intensiv über den Auslöser und die jeweilige Sichtweise des Anderen. Ich gestand ihr meine Schwäche ein, nämlich beleidigt alle Schotten dicht zu machen, statt mich mit ihr auseinanderzusetzen, und sie bat mich um Verzeihung, weil sie an dem Tag, als ich sie „brauchte“ keine Köppe und null Bock hatte zu springen wie ICH es gerade wollte. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 88 Wir schworen uns von da an, absolute zeitnahe und schonungslose Ehrlichkeit, also genau in dem Moment, wo ‚es‘ gerade passierte.“ (S. 1) Man kann nun fragen, ob es Lea wirklich nur darum ging, ihrer neu gewonnen Freundin in einer Krise Beistand zu leisten. Ihr schien es auch wichtig zu sein, die Probleme, die zum Bruch ihrer Freundschaft geführt hatten, mit ihrer Freundin zu besprechen. Ihr starker Wunsch war, die alte Freundschaft zu begraben und eine neue Freundschaft ins Leben zu rufen, und diese mit einer Flasche Rotwein zu begießen und „schonungslose Ehrlichkeit“ miteinander zu beschließen. Das war Leas Wunsch: „Da ich Ehrlichkeit als einzige Bitte an andere richte, fange ich selber bei mir an, nämlich den alltäglichen Selbstbetrug auszuradieren − und dafür brauchst du eine Menge Ratzefummel.“ (S. 1) Lea ist Ehrlichkeit sehr wichtig, nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst. Sie will diese Ehrlichkeit bei sich selbst praktizieren, und das erwartet sie auch von ihren Freundinnen, gegen den „alltäglichen Selbstbetrug“ geht sie radikal mit dem „Ratzefummel“ vor. Sie möchte nicht, dass man einem „unsichtbaren Gefühls- und Handelsgesetzbuch“ untersteht. So etwas soll es in einer Freundschaftsbeziehung nicht geben. Leas Ansprüche an ihre Freunde und an sich selbst sind sehr hoch und es stellt sich die Frage, inwieweit sie für Lea immer einhaltbar sein können. Es scheint manchmal so, dass sie die radikale Ehrlichkeit von anderen fordert, aber nicht immer bei sich selbst einhalten kann. Lea spricht über „wahre Freundschaft“, nach der ich sie gefragt hatte. Sie fragt sich selbst: Existiert „wahre Freundschaft“? Lea sucht nach einem „gedanklichen Deutungsrahmen“, zu dessen Verständnis ich den Begriff des „Frame“, wie ihn Elisabeth Wehling in ihrer Untersuchung „Politisches Framing“ (2016) beschreibt, heranziehe. „Frames“ sind: „immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache (…) in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar ohne, dass wir es merkten.“ (S. 18) Leas Freundschaften – eine Stellungnahme 89 „Frames“ sind weitgehend nicht bewusst.14 So formuliert auch Lea ganz selbstverständlich ihren Frame von Freundschaft, den ich auf die folgende Weise interpretiere: Für Lea ist wahre Freundschaft das Vertrauen, über alle Probleme reden zu können, die man miteinander hat. Man muss einander „verzeihen und den anderen annehmen in seiner Vielfalt, mit seinen Spleens“ Man muss einander „gehen und wiederkommen lassen.“ Das ist Leas Frame von „wahrer Freundschaft“. Dieser schließt für sie von vornherein „Unwahrheit“ und „Falschheit“ aus, die sie an anderen kritisiert. Lea geht es um eine radikale Ehrlichkeit, die sie glaubt von anderen fordern zu können, aber bei sich selbst nicht immer einhalten kann. Leas Frame von Freundschaft ist dem von Sven ähnlich. Auch Sven schließt „Unwahrheit“ und „Falschheit“, zu der ja für Sven auch der „Neid“ gehört, aus seinem Frame der Freundschaft aus. Auch für Sven geht es um eine radikale Ehrlichkeit, die er von Freunden fordert, er selbst hat es aber schwer, sie einzuhalten. Lea und Sven glauben beide, dass sie mit anderen und sich selbst radikal ehrlich sind. Lea und Sven folgen einer strengen Moral. Sie dulden keine Unwahrhaftigkeit in Freundschaftsbeziehungen. Sie möchten, dass andere genauso denken wie sie. Ein solcher radikaler ausschließlicher Frame von Freundschaft, dem sich Lea und Sven verpflichtet fühlen, macht ihre Freundschaftsbeziehungen schwierig. Es kommt leicht zu Konflikten, die für sie unlösbar scheinen. Sie fühlen sich dann genötigt, die Freundschaft zu beenden. Im Folgenden konzentriere ich mich in meiner Interpretation wieder allein auf den „Freundschafts-Frame“ von Lea. 14 In seinem Buch „Jenseits der Illusionen“ (1962a) schreibt Erich Fromm: „Als das ‚gesellschaftliche Unbewußte‘ möchte ich jene Bereiche der Verdrängung bezeichnen, welche bei den meisten Mitgliedern einer Gesellschaft anzutreffen sind. Bei diesen von der Allgemeinheit verdrängten Elementen handelt es sich um Inhalte, die den Mitgliedern der jeweiligen Gesellschaft nicht bewußt werden dürfen, wenn diese Gesellschaft mit ihren spezifischen Widersprüchen reibungslos funktionieren soll.“ (S. 96) Fromm beschreibt hier die unbewußte Seite eines „Frames“, die Wehling in ihrer kognitionslinguistischen Untersuchung von „Frames“ durchaus thematisiert, aber kein eigenes auf die Psychoanalyse bezogenes Verständnis eines „Frames“ entwickelt. In meiner Interpretation von Leas Vorstellungen von Freundschaftsbeziehungen habe ich die Perspektive von Elisabeth Wehling mit der von Erich Fromm zu vermitteln gesucht. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 90 Lea möchte sich gerne ihre Freiheit in der Freundschaft bewahren, während „Freund A“ sie gerne an sich binden möchte und sich „ungeliebt“ und „verstoßen“ fühlt, wenn Lea ihn verlässt, um ihre Freiheit auszuleben. Es könnte auch sein, dass Freund A nicht so denkt wie Lea es beschreibt, und ein eigenes „Framing“ von Freundschaft hat. Zum „Framen“ gehört aber, dass man sich kaum vorstellen kann, dass der andere ein anderes Framing hat. So können wir auch den von mir schon interpretierten Streit, den Lea mit ihrer Freundin Margret hatte, als ein Aufeinandertreffen von zwei verschiedenen, konfligierenden Frames verstehen. Für Lea ist es schwer vorstellbar, dass andere eine andere Vorstellung von Freundschaft haben könnten als sie. So kommt es leicht zum Streit, wenn jemand anders denkt und fühlt als sie es erwartet. Ihr Frame, ihr „gedanklicher Deutungsrahmen“ von Freundschaft, in dem sie sich so wohlfühlt, in dem sie die „weiche Hummel“ ist, die von „Polle zu Polle“, von Freund zu Freund fliegt, wird von ihrem Freund A nicht anerkannt. Das verletzt sie und es kommt zum Streit. Hummeln können auch gefährlich brummen. Eskaliert der Streit, können Hummeln auch schmerzhaft zustechen. Dann wird persönlich ausgetragen, was eigentlich ein Konflikt zwischen verschiedenen moralischen Frames ist. So schreibt Elisabeth Wehling in ihrer Untersuchung (2016) „Politisches Framing“: „Spannungen, Reibereien und Streit sind zumeist nichts anderes als das Kollidieren gegensätzlicher moralischer Frames – ob in der Familie, unter Freunden und Kollegen oder in der Politik.“ (S. 54) Wollte man sich in einen solchen Streit einmischen, so wäre der Vorschlag von Elisabeth Wehling sehr hilfreich, sich gar nicht erst auf den Frame des anderen einzulassen, sondern dem anderen seinen eigenen Frame entgegenzusetzen und ihn durchzusetzen. Man soll sich gar nicht erst auf den anderen einlassen, den Frame des anderen negieren wollen: „Frames zu negieren bedeutet immer, sich gedanklich auf sie einzulassen“ (S. 54) Nach Ansicht von Elisabeth Wehling ist ein Streit bereits verloren, wenn man seine „eigene Weltsicht“ nicht entgegensetzt. So hätte z. B. Freund A den möglichen Konflikt mit Lea bereits verloren, wenn er Leas Moral des Leas Freundschaften – eine Stellungnahme 91 „Herumhummelns“ in welcher Weise auch immer negieren würde. Denn das bedeutete für Freund A immer, sich auf die Gedanken aus Leas Frame einzulassen, Gedanken, die ihm unangenehm und peinlich erscheinen können, weil sie in der Moral seines eigenen Frames als unmoralisch gelten. Solche Gefühle und Gedanken haben ihre eigene Selbstverständlichkeit, die Elisabeth Wehling in ihrer kognitionslinguistischen Analyse theoretisch und an empirischen Beispielen beschreibt. Auswertung der Interviews, Gruppendiskussionen und der Befragung in einem sozialen Netzwerk 92

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Zusammenfassung

Jeder hat eigene Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen, von denen er viel erzählen kann. In ihrer qualitativen sozialpsychologischen Untersuchung interpretiert Katja Specht diese Erzählungen als Alltagsphilosophien, die sie mit wissenschaftlichen Theorien aus Psychologie, Philosophie und Soziologie vergleicht. Auf diesem methodischen Wege entsteht ein weit gefächertes Mosaik von Freundschaftsbeziehungen.

In den Freundschaftsbeziehungen, von denen viele InterviewpartnerInnen in Katja Spechts Untersuchung berichten, geht es um die Suche nach einer „wahren Freundschaft“. Sowohl in Interviews und Gruppendiskussionen als auch in Fragen und Antworten aus dem Sozialen Netzwerk erzählen Katja Spechts GesprächspartnerInnen von ihren Freundschaften.