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Die Methoden der empirischen Untersuchung in:

Katja Specht

"Wahre Freundschaft", page 31 - 44

Beziehungskulturen der Freundschaft - eine sozialpsychologische Untersuchung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4435-3, ISBN online: 978-3-8288-7449-7, https://doi.org/10.5771/9783828874497-31

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 32

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Die Methoden der empirischen Untersuchung Die Interviews, die Gruppendiskussionen und die Befragung in einem sozialen Netzwerk habe ich alle mit der Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ begonnen. Die Antworten meiner InterviewpartnerInnen führten häufig zu einer intensiven Wahrheitssuche. Sie gerieten ins Philosophieren. Sie wollten häufig in der Freundschaft eine Wahrheit finden, die man mit einem Freund teilen kann. Dieser Wahrheitssuche, die für meine InterviewpartnerInnen Anlass zum Philosophieren, zu einer nicht alltäglichen Reflexion war, bin ich gefolgt. In meiner theoretischen Ausarbeitung habe ich versucht, in verschiedenen philosophischen, psychologischen und soziologischen Denkansätzen die Motive und Beweggründe aufzufinden, die meine InterviewpartnerInnen in ihrer Sprache als ihre Suche nach einer „wahren Freundschaft“ zum Ausdruck bringen wollten. In diesem Sinne greifen in meiner Arbeit theoretische Perspektiven mit der empirischen Erhebung ineinander. Ich versuche, philosophische Reflexion mit der Reflexion des Alltagsdenkens zu verbinden. Ich habe mich bei diesem Versuch an der Studie „Formen des Alltagsbewußtseins“ (1976) von Thomas Leithäuser orientiert. Es geht mir um ein hermeneutisches Offenlegen der Wünsche und der Sehnsucht nach „wahren“ Freundschaftsbeziehungen. Dazu bedarf es eines freimachenden und nicht eines methodisch einzwängenden Interpretationsverfahrens7, so wie es Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg in ihrer Arbeit „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) 7 Im Studierzimmer von Goethes Faust erteilt Mephistopheles einem Schüler, der Mephisto für Faust hält, einen Ratschlag. Dem listig-ironisch gemeinten Ratschlag des Mephisto bin ich nicht gefolgt: „Mein teurer Freund, ich rat Euch drum zuerst Collegium Logicum. Da wird der Geist Euch wohl dressiert, in spanische Stiefeln eingeschnürt, daß er bedächtiger so fortan 31 entwickelt haben. Im Sinne dieser Hermeneutik verstehe ich die von mir durchgeführten Interviews als eine Herstellung der Freiheit im Gespräch. Ein solches Interview folgt nicht einer im Vorweg festgelegten Logik des Fragens und Antwortens, sondern ist offen für zufällige Einfälle und spontanen Ideenfluss, an dem ich mich als Interviewerin auch als Gesprächspartnerin beteiligt habe und mich nicht allein mit der Rolle des bloßen Fragestellens begnügt habe. In einem solchen Interview als Forschungsgespräch, einer gemeinsamen Suche von Interviewtem und Interviewerin nach Erkenntnis, geht es also nicht um die Ausschaltung der Interviewerin als „subjektiven Faktor“, sondern es geht um ihre Beteiligung an dem Forschungsgespräch. Eine Ausschaltung der Subjektivität der Interviewerin ist auch bei allen Bemühungen um Methodenreinheit nicht möglich. Eine methodisch erzwungene Ausschaltung der eigenen Gedanken der Interviewerin erwiese sich auch als Störfaktor im Erkenntnisprozess des Interviews. Bezogen auf psychotherapeutische Verfahren zeigt Ruth Cohn, dass sich eine zu große Zurückhaltung von Therapeuten, ihr oft zu langes bloß schweigendes Zuhören als ein Störfaktor in der therapeutischen Beziehung erweisen kann. Solche Haltungen bei Therapeuten, die Nichteinmischung ihrer Persönlichkeit in den therapeutischen Prozess, ruft bei den Patienten nicht selten Projektionen auf Therapeuten hervor, die dieser gerade durch seine Zurückhaltung vermeiden möchte. Ruth Cohn schreibt in ihrer Arbeit „Von der Psychoanalyse zur Themenzentrierten Interaktion“ (1975): „Die thematische interaktionelle Methode entspringt gruppentherapeutischen Erfahrungen und psychoanalytischen Theorien. Es hatte mich immer wieder in Erstaunen versetzt, in welchem Ausmaß Mitglieder therapeutischer Gruppen mit Hilfe dieser Erfahrungsweisen ein ungeheuer anregendes und nutzbringendes Lernen erlebten, während die meisten Studenten in Hörsälen das Studieren als trocken und nicht bereichernd quasi erduldeten. So erfuhr ich den Unterschied zwischen ‚totem‘ und ‚lebendihinschleiche die Gedankenbahn und nicht etwa, die Kreuz und Quer, irrlichteliere hin und her.“ (S. 83) In meinen Interviews war das „hin und her irrlichtelieren“ erlaubt. Ein „freies Assoziieren“, der Psychoanalyse angelehnt, habe ich in meinen Interviews nicht unterbrochen, sondern zu fördern gesucht. Die Methoden der empirischen Untersuchung 32 gem‘ Lernen. (…) Bei meiner Suche nach solchen Elementen fiel mir auf, dass die Lebendigkeit gruppentherapeutischen Lernens vor allem mit einer achtungsvollen Einstellung zur Gefühlswelt und zum persönlichen Empfinden des einzelnen zu tun hat.“ (S. 111 f.) Auf ähnliche Erfahrungen, wie sie Ruth Cohn als Gruppentherapeutin gemacht hat, bin ich in meinen nicht-therapeutischen Gruppendiskussionen und Interviews gestoßen. Es hat sich immer wieder gezeigt, dass meine persönlichen Bemerkungen in den Interviews und Gruppendiskussionen die InterviewpartnerInnen zu ausführlichen Antworten auf meine zentrale Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ angeregt haben. Auch der Philosoph Robert Spaemann bestätigt mit seinen methodenkritischen Reflexionen eine dezente persönliche Teilnahme im Verlauf des Forschungsgesprächs des Interviews und der Gruppendiskussion. Robert Spaemann schreibt in seinem Buch „Personen“ (1996): „Ein neutrales, intersubjektiv kontrollierbares psychologisches Testverfahren, in dem alle subjektiven Faktoren von der Seite des Versuchsleiters ausgeschaltet sind, gibt uns zwar exakte Ergebnisse, aber über das, was ein Mensch wirklich ist, sagen sie wenig aus. Die Persönlichkeit eines Menschen erschließt sich nur demjenigen in ihrer Tiefe und ihrem Reichtum, der etwas von sich selbst in diese Erfahrung investiert. Nicht die unpersönlichste, sondern die persönlichste Wahrnehmung offenbart uns am meisten von dem, was die Wirklichkeit an sich selbst ist. Es gehört zu den immer noch nicht ausgeräumten Vorurteilen des neuzeitlichen Denkens, etwas sei umso objektiver, je weniger subjektiv es ist.“ (S. 99) Ich habe mich bei meinen Interviews an der Tiefenhermeneutik der Psychoanalyse orientiert und dabei auch die Kritik des Psychoanalytikers Irvin Yalom an der orthodoxen Auffassung der Psychoanalyse, die oft an einem rein objektivistischen Denken orientiert ist, aufgenommen. Im Sinne Irvin Yaloms, der sich an der Psychoanalyse von Erich Fromm orientiert, soll in der Psychotherapie der Therapeut seine persönliche Subjektivität nicht auslassen. Der Therapeut darf keine „leere Leinwand“ für den Patienten sein und soll sich mit seiner Selbstreflexion einbringen. Dies war auch meine Haltung in meinen Interviews. Yalom begründet diese Haltung in seiner methodenkritischen Arbeit „Der Panama Hut“ (2002) auf die folgende Weise: „Menschen interagieren gerne miteinander, freuen sich, direkte Rückmeldungen geben und empfangen zu können, sehnen sich danach zu erfah- Die Methoden der empirischen Untersuchung 33 ren, wie sie von anderen wahrgenommen werden, möchten ihre Fassaden einreißen und sich nahe kommen.“ (S. 80) In diesem Sinne habe ich meine InterviewpartnerInnen nicht als bloße InformationsgeberInnen gesehen und behandelt. Es bedarf vielmehr auch im Interview einer Herstellung des „freundschaftlichen Blicks“, wie ich ihn in meinem Kapitel „Der freundschaftliche Blick“ dargestellt habe.8 Diesen „freundschaftlichen Blick“ stellt Birgit Volmerg als eine allgemeine Blickweise hermeneutischer Methoden heraus. In dem Gemeinschaftswerk mit Thomas Leithäuser „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) schreibt sie über hermeneutische Methoden: „Hermeneutische Methoden sind keine Versuchsanordnungen wie ein Experiment. Von ihnen soll abgewichen werden können, damit sich die Forschenden mit ihren Methoden an jenen Kontext anpassen können, der gilt, und von dem sie zu Beginn ihrer Forschung noch keine genaue Kenntnis besitzen (…). Ob dieser Zugang den vorgefundenen Feldgegebenheiten entspricht, welche Modifikationen eingeführt werden müssen und welche Veränderung notwendig wird, stellt sich erst in einer späteren Phase heraus. Es kommt in der Entwicklung der Forschungsfragen und deren methodischer Umsetzung also darauf an, den Spielraum des Forschungshandelns so flexibel wie möglich zu halten und sich nicht vorschnell einzugrenzen und festzulegen.“ (S. 131) An diese methodische Vorgehensweise habe ich mich in meiner Arbeit gehalten, um dem Anspruch der Subjektivität in der Forschung den angemessenen Spielraum zu geben. Die Erhebungsmethoden Das Thema Freundschaft betrifft jeden. Für meine Fragestellung „Was heißt Freundschaft für mich?“ habe ich Interviews mit Erwachsenen und Gruppendiskussionen mit SchülerInnen und StudentInnen sowie eine Befragung in einem sozialen Netzwerk durchgeführt. 8 Ähnliche Beschreibungen des Verhaltens des Sozialforschers finden sich auch in den sozialpsychologischen Untersuchungen von Maria Jahoda, Ruth Cohn, Thomas Leithäuser, Birgit Volmerg und Eva Senghaas-Knobloch (vgl. Literaturverzeichnis). Die Methoden der empirischen Untersuchung 34 Interessant an diesem Thema ist für mich vor allem die sozialpsychologische Seite. Seit jeher beschäftigten und beschäftigen sich auch Philosophen mit dem Thema Freundschaft. Daher geht es in meiner Untersuchung wesentlich um die Vermittlung von sozialpsychologischen und philosophischen Perspektiven. Solche Vermittlung möchte ich in meiner empirisch-qualitativen und theoretischen Untersuchung über Freundschaft analysieren und darstellen. Es geht maßgeblich darum zu verstehen, was Freundschaft in unseren sozialen Beziehungen für eine Bedeutung hat und entwickeln kann. Ich beginne meine Interviews und Gruppendiskussionen daher mit der offenen Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ Dies ist eine allgemeine Frage. Sie kann jedoch von jedem, dem sie gestellt wird, ganz persönlich und konkret aufgefasst werden. Leithäuser und Volmerg schreiben in „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988), dass sie ihre Interviews und Gruppendiskussionen häufig mit einer „scheinkonkreten Frage“ beginnen, um den GesprächspartnerInnen einen Weg anzubieten, auf dem sie leicht ihre Gedanken und Ideen entwickeln können. Eine solche einführende Forschungsfrage soll: „allgemein gefasst (…) aber zugleich konkret genug sein, dass alle Beteiligten sich persönlich angesprochen fühlen“ und von ihren Erlebnissen und Erfahrungen erzählen und berichten können. „Die Diskussionsleitung hat sich sensibel auf den Gesprächsverlauf einzustellen; jede verallgemeinernde Äußerung auf einer anderen Ebene als der, auf der die Teilnehmerinnen sprechen, unterbricht die Verständigungsarbeit der Teilnehmerinnen. Es kommt drauf an, ihre Sicht der (…) Wirklichkeit und nicht die durch theoretische Vorannahmen gefilterte Sicht der Diskussionsleitung zum Sprechen zu bringen.“ (S. 181 f.) Mich interessieren die Wirkungen, die Freundschaften in den verschiedenen gesellschaftlichen Feldern haben. Ich habe daher Gruppendiskussionen mit Schulklassen der 8. und der 9. Jahrgangsstufe in verschiedenen Schulen geführt sowie Gruppendiskussionen mit Studierenden der Psychologie. Des Weiteren habe ich Interviews mit einem Politiker, einem Unternehmer, einem alten Freundespaar im Altenpflegeheim, einer freischaffenden Modedesignerin, einem Künstler, einem Friseur und einem Steuerberater geführt. Dazu kommt meine Befragung in einem sozialen Netzwerk. Ich habe versucht, in meinen Forschungsgesprächen einen breiten gesellschaftlichen Einblick zu bekommen und den Begriff von Freund- Die Erhebungsmethoden 35 schaft möglichst differenziert zu verstehen. Die Beschreibungen und Erzählungen meiner GesprächspartnerInnen zum Thema „Freundschaft“ führten mich auch zu theoretischen und philosophischen Fragen, die ich im theoretischen Teil meiner Arbeit weiter ausgearbeitet habe. So konnte ich z. B. Bezüge zu den Philosophen Aristoteles, Hegel, Kant, Schopenhauer, Seel, Spaemann u. a. herstellen. Ich versuche die Vorstellungen meiner GesprächspartnerInnen mit philosophischen, psychologischen, soziologischen und pädagogischen Theorien systematisch zu vertiefen. Meine qualitativ empirischen Interviews und die Gruppendiskussionen zeigen immer wieder die starke soziale Bedeutung von Freundschaft. Die tiefe Bedeutung, die Freundschaft für das Zusammenleben der Menschen hat, lässt sich am besten mit einer psychoanalytisch orientierten sozialpsychologischen Methode verstehen. Ich habe mich daher bei meiner Untersuchung maßgeblich an dem Forschungsparadigma orientiert, wie es Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg in ihrer Einführung „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) ausgearbeitet haben. Mit diesem psychoanalytischen Forschungsansatz werden gesellschaftliche und soziale Beziehungen untersucht. Die Haltung der Forscherin im Feld Im Folgenden möchte ich die Methoden meiner Arbeit weiter vorstellen. Thomas Leithäuser schreibt in seiner Untersuchung „Gewalt und Sicherheit im öffentlichen Raum“ (2002), wie sich ForscherInnen im Feld verhalten sollten: „Auch wir (ForscherInnen) hören erst einmal zu, was uns alles erzählt wird, ohne zu strukturieren oder durch spezifische Fragen einzuschränken und unseren Gesprächspartnern eine möglichst offene und zugewandte Haltung entgegenzubringen. Auch wir sagen, wozu unsere Forschung, unsere Fragen und Auswertungen nützlich sind, wobei unsere Erkenntnisse helfen können und wobei nicht.“ (S. 54) Die Methoden der empirischen Untersuchung 36 In der Untersuchung „Lust und Unbehagen an der Technik“ (1991) schreibt Leithäuser: „Dass man die Person, von der man etwas für die Forschung wissen will, nicht als bloßes Forschungsobjekt, wie in der traditionellen Rolle der Versuchsperson, sondern als wirklichen Gesprächspartner, mithin als kooperierendes Subjekt ansprechen soll. Vagheit der Methode zu Beginn unserer Forschungsarbeit, die uns im Nachhinein bei der Auswertung stärker irritiert hat als in der Phase der Erhebung, hat den Vorteil des unerwartet reichhaltigen Auswertungsmaterials.“ (S. 74 f.) Zu diesem Auswertungsmaterial gehören bewusste und unbewusste Muster des Alltagsbewusstseins, wie sie Thomas Leithäuser in „Formen des Alltagsbewußtseins“ (1979) theoretisch beschrieben hat. Solche Muster hat in letzter Zeit die Kognitionswissenschaftlerin Elisabeth Wehling mit ihrer Untersuchung „Politisches Framing, wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ (2016) empirisch zu fassen versucht. „Frames“ sind sowohl bewusst als auch nicht bewusst. Sie haben auch eine Dimension des „Unbewussten“, wie sie von der Psychoanalyse verstanden wird, Dimensionen die sich als unbewusste Muster im Alltagsbewusstsein sedimentiert haben. Wehling beschreibt „Frames“ auf die folgende Weise: „Frames werden durch Sprache im Gehirn aktiviert. Sie sind es, die Fakten erst eine Bedeutung verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgespeicherten Wissen über die Welt einordnen. Dabei sind Frames immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache (…) in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar ohne, dass wir es merkten.“ (S. 17 f.) Die neueste kognitionswissenschaftliche Forschung stößt also auf das Phänomen des sozialen Unbewussten als Forschungsgegenstand und entwickelt eine Sichtweise, die nicht weit von der psychoanalytischen Forschungsperspektive entfernt ist. Insofern nehme ich in meiner Arbeit auch das alltägliche „Framing“ in meine Freundschaftsuntersuchung auf. Ich versuche, unbewusste Formen des „Alltagsbewusstseins“ und „Frames“ als unbewusste Dimensionen von Freundschaftsbeziehungen in meinen Auswertungen der Interviews und Gruppendiskussionen zu interpretieren und damit in ein hermeneutisches Bewusstsein zu heben Die Haltung der Forscherin im Feld 37 − eine Absicht, die auch Elisabeth Wehling mit ihren empirischen Untersuchungen verfolgt. Alltägliche Muster (Formen) des „Alltagsbewusstseins“, „Frames“ in und von Freundschaftsbeziehungen, sind die zentralen Gegenstände meiner Untersuchung. Ihre eigenen alltäglichen Muster und „Frames“ darf der/die InterviewerIn im Forschungsgespräch nicht ausschließen wollen, sondern sollte sie vielmehr auf eine gewisse zurückhaltende Weise in das Forschungsgespräch einbringen. So habe ich mich, wie ich mit Ruth Cohn und Robert Spaemann begründet habe, als Interviewerin und Leiterin der Gruppendiskussionen verhalten. Man wird als Interviewerin zur Gesprächspartnerin und führt ein Gespräch mit der oder dem Interviewten auf möglichst gleicher Augenhöhe. Daher kann man auch das Interview und die Gruppendiskussion als einen methodischen „Frame“ der Forschung verstehen. In die „Formen des Alltagsbewusstseins“ und in die „Frames“ sind Erinnerungen eingebunden. „Frames“ geben einen selbstverständlich scheinenden Weg des Erinnerns vor, der, wie die Psychoanalyse gezeigt hat, durch unbewusste Mechanismen eingeschränkt und sogar blockiert werden kann. Sigmund Freud analysiert in seinem Aufsatz „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (1914) solche die Erinnerungen beeinträchtigenden, verändernden Mechanismen der „Absperrung“ von Erinnerungen. Er verdeutlicht sie am Phänomen des Vergessens in einer Passage, auf die ich mich bereits bezogen habe: „Das Vergessen von Eindrücken, Szenen, Erlebnissen reduziert sich zumeist auf eine ‚Absperrung’ derselben. Wenn der Patient von diesem ‚Vergessenen’ spricht, versäumt er selten, hinzuzufügen: Das habe ich eigentlich immer gewußt, nur nicht daran gedacht. Er äußert nicht selten seine Enttäuschung darüber, daß ihm nicht genug Dinge einfallen wollen, die er als ‚vergessen’ anerkennen kann, an die er nie wieder gedacht, seitdem sie vorgefallen sind.“ (S. 127 f.) In meinen Interviews habe ich versucht, Erinnerungen zu wecken. Durch eigene Erfahrungen und Erzählungen kam es oft vor, dass sich meine InterviewpartnerInnen an eigene Geschichten und Erfahrungen zum Thema aus ihrem Leben erinnert haben. Es sind Lebenserfahrungen mit Freunden, die meine InterviewpartnerInnen gemacht haben und an die sie sich im Interview erinnert haben. Die Methoden der empirischen Untersuchung 38 Mein methodischer Frame von Interview und Gruppendiskussion macht es leicht, Erinnerungen auszusprechen. Das Interview wird zu einem gemeinsamen Erinnern. Die wohlwollende empathische Haltung der Interviewerin begünstigt ein wechselseitiges Vertrauen im Gespräch. In dem Kapitel „Der freundschaftliche Blick“ habe ich eine solche Vertrautheit in Freundschaftsbeziehungen genauer analysiert. In meinen Interviews und Gruppendiskussionen bin ich wiederum dem Rat von Ruth Cohn gefolgt, gemeinsam mit meinen GesprächspartnerInnen das „Wesentliche“ von Freundschaftsbeziehungen herauszuarbeiten. Ruth Cohn beschreibt das Herausfinden des „Wesentlichen“ im therapeutischen Gespräch in ihrem Buch „Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion“ (1975) auf die folgende Weise: „Wann immer ich mich auf das Wesentliche konzentriere, erlebe ich zunächst klärende sinnliche Bewußtheit; dann empfinde ich Ruhe, Ausgeglichenheit und Empfänglichkeit. In dieser Stille erfahre ich Wissen, Intuition und Glauben, die ohne bewußte weitere intellektuelle Arbeit zur Integration einer klaren Antwort führen. Diese Antwort erlöst mich aus dem Wirrwarr zu vieler Dinge und Anforderungen. ‚Das Wesentliche’ erscheint als Klärung.“ (S. 225) Auf dieses „Wesentliche“, das sich in den alltäglichen Erinnerungen häufig verkapselt, zielen auch meine Forschungsmethoden. Meine Eingangsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ hat sich als Türöffner zum Wesentlichen, zur Wahrhaftigkeit von Freundschaftsbeziehungen bewährt. Meine an Ruth Cohn orientierte Interviewerinnenhaltung möchte ich mit dem qualitativen Methodenverständnis des französischen Soziologen Jean-Claude Kaufmann weiter konkretisieren. Zur qualitativen Forschungsmethode schreibt er in seinem Buch „Das verstehende Interview. Theorie und Praxis.“ (1999): „Der Interviewer, der Zurückhaltung übt, hindert den Informanten daran, sich richtig auf das Interview einzulassen. Nur in dem Maße, in dem er sich selbst einbringt, wird sich auch der andere einbringen und sein tiefstes Wissen nach außen tragen. Hierfür bedarf es des genauen Gegenteils von Neutralität und Distanz, nämlich einer zwar diskreten, aber starken persönlichen Präsenz. Der Interviewer verschafft sich zwar Zugang zur Weltsicht seines Informanten, wird aber nicht zu dessen Doppelgänger. Er muß er selbst bleiben.“ (S. 59) Die Haltung der Forscherin im Feld 39 Für Jean-Claude Kaufmann hat ein Interview etwas von der Herstellung einer Freundschaftsbeziehung. Die Rolle einer „idealen Interviewerin“ erfordert zwei gegensätzliche Haltungen, eine der Nähe und eine der Distanz: „Der für den Informanten ideale Interviewer ist eine erstaunliche Persönlichkeit. Er muß ein Fremder sein, ein Unbekannter, dem man alles sagen kann, weil man ihn nie wiedersehen wird und er nicht zum eigenen Beziehungsnetz gehört. Gleichzeitig muß er einem während des Interviews so nahe kommen wie eine Vertrauensperson, jemand, den man sehr gut kennt, oder zu kennen glaubt, dem man alles sagen kann, weil er zu einem engen Freund geworden ist.“ (S. 59 f.) Eine solche Doppelrolle der Interviewerin als „Fremde“ und als „Freundin“ ist nicht eine methodische Anwendung. Sie ist nicht einfach zu erlernen, sondern bedarf immer wieder neu der Reflexion von Distanz und Nähe, von Fremdheit und freundschaftlicher Zugewandtheit. Das „verstehende Interview“ ist keine Technik der Methode, die man bloß lernen muss, um sie anzuwenden. Das „Verstehen“ im Interview bezieht die persönlichen Erfahrungen der Interviewerin mit ein. Im Interview lernt sie auch persönlich etwas von sich kennen, das ein Stück weit im Gespräch mit dem Interviewpartner und der Reflexion in einer zurückhaltenden Weise zum Ausdruck gebracht wird und in einer späteren Reflexion im Auswertungsprozess des Interviews aufgenommen werden sollte. Dieser methodischen Forderung an die Haltung der Interviewerin bin ich in meiner Arbeit nachgekommen. Die Befragung in einem sozialen Netzwerk Das Internet eignet sich besonders, um einen Überblick von verschiedenen Auffassungen von Freundschaft zu gewinnen. Soziale Netzwerke fördern einen schnellen Kontakt mit vielen Menschen, die bereit sind, etwas zum Thema Freundschaft mitzuteilen. Meine Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ hat sich für meine Befragung im Internet besonders bewährt. Bei dieser Befragung habe ich einen Kollegen, der in einem sozialen Netzwerk Mitglied einer großen Freundschaftcommunity ist, gebeten, meine Forschungsfrage an eine Gruppe von Mitgliedern weiterzuleiten. Ich bekam auf diesem Wege Die Methoden der empirischen Untersuchung 40 schnell 67 kürzere und auch längere zum Teil sehr persönliche Antworten von den Mitgliedern. Der Vorteil einer solchen Umfrage ist, dass sich niemand genötigt fühlen muss, auf die Forschungsfrage zu antworten. In einem solchen Fall antworten meist nur diejenigen, denen das Thema wichtig ist und die Lust und Interesse haben, sich an dieser Untersuchung zu beteiligen und sich schriftlich zu äußern. Bei meiner Befragung im Netz, meiner Erhebung und Auswertung habe ich mich an der Untersuchung von Thomas Leithäuser und Paulina Leicht „Junge Erwachsene im Netz. Kommunikation und Identitätsbildung in Chats und Rollenspielen“ (2001) orientiert. Für die Erhebung und Auswertung meiner Interviews und Gruppendiskussionen habe ich drei Typen von Freundschaftsbeziehungen, die sich aus der Befragung in dem sozialen Netzwerk ergeben haben, als Leitfaden aufgenommen: 1. Es gibt Menschen, die Freunde brauchen. Sie freuen sich über deren Unterstützung. 2. Es gibt Menschen, die für Freunde da sein wollen, wenn ihre Hilfe oder ihr freundschaftlicher Rat gebraucht wird. Es tut ihnen gut, wenn sie das Gefühl haben, gebraucht zu werden. 3. Es gibt Menschen, die sich über freundschaftliche Unterstützung freuen und zugleich Freunden gerne ihre Unterstützung geben. Diese drei Typen von Freundschaftsbeziehungen charakterisieren den Frame der Interviews und Gruppendiskussionen meiner Untersuchung. Sie verweisen auf die Methode der Kernsatzfindung, die ich im nächsten Kapitel genauer darstellen werde. Die Auswertungsmethoden Die Antworten der Befragung aus dem sozialen Netzwerk liegen mir als schriftliche Texte vor. Die Interviews und Gruppendiskussionen habe ich mit einem Rekorder aufgenommen und anschließend transkribiert und auf diese Weise viel Textmaterial zur Auswertung meiner Untersuchung gewonnen. Für die Auswertung habe ich diese Texte anonymisiert. Es sind Texte in der Alltagssprache, die für das Alltagsverstehen einen selbstverständlichen Sinn zum Ausdruck bringen, der im Die Auswertungsmethoden 41 Alltagsgespräch nicht weiter nachgefragt wird, sondern von den Beteiligten ohne Problematisierung verstanden wird. Bei näherem Hinsehen weisen diese Texte über ihre alltäglichen Sinnbehauptungen auf Sinnzusammenhänge hin, die sich erst bei einer weiter- und tiefergehenden Sinnerschließung ergeben. Eine solche Sinnerschließung geschieht in meiner Untersuchung mit Verfahren der Interpretation, die einer eigenständigen Methode der Hermeneutik (Tiefenhermeneutik) folgen, wie sie von Alfred Lorenzer, Thomas Leithäuser und Birgit Volmerg entwickelt wurde. Texte aus Interviews und Gruppendiskussionen (auch die Antworten, die ich in meiner Internetbefragung bekommen habe) werden in der Auswertungshermeneutik als „Sprachspiele“ aufgefasst. Der Begriff des „Sprachspiels“ geht auf den Philosophen Ludwig Wittgenstein zurück. Er ist die sprachphilosophische Grundlage der von Lorenzer, Leithäuser, Volmerg u. a. entwickelten empirischen Hermeneutik. Für eine solche empirische Hermeneutik charakterisiert Alfred Lorenzer in „Sprachzerstörung und Rekonstruktion“ (1973) den Begriff des „Sprachspiels“. In dem Konzept des „Sprachspiels“ sind Sprache, Verstehen, Lebenspraxis und Lebenssituation eng miteinander vermittelt. „Sprachspiele“ werden als „Einheiten von Sprachgebrauch, Lebensform und Welt-(Situations-)Erschließung“ (S. 195) verstanden. Das Verstehen eines „Sprachspiels“ führt über die praktische Teilnahme an ihm. Das Verstehen des „Sprachspiels“ ergibt sich, indem man der Regel des „Sprachspiels“ folgt. Auf diese Weise „lässt sich ein Zugang zu verborgenem Sinn finden“ (S. 199). Die aus den Interviews und Gruppendiskussionen für die näheren Interpretationen ausgewählten Textsequenzen fasse ich als solche „Sprachspiele“ auf. Es geht in meinen Textinterpretationen um die Entschlüsselung des verborgenen Sinns des Textes, indem ich der Regel des „Sprachspiels“, das im Text zum Ausdruck kommt, folge. Dies geschieht mit der Methode der „Kernsatzfindung“. Die Methode der Kernsatzfindung Mit der Methode der „Kernsatzfindung“ versuche ich, mir den Sinn des „Sprachspiels“ des Textes zu erschließen. Sie ist ein zentraler Zu- Die Methoden der empirischen Untersuchung 42 gang zum Textverständnis. Hierzu gebe ich das folgende Beispiel aus meinem Interview mit Bernd, einem Unternehmer: „Ich habe viele, viele Freunde gehabt in meinem Leben, und sie sind alle schon tot. Aber sie sind alle noch bei mir und ich mit ihnen. Ja.“ Interviewerin: „Dann ist doch bei der Freundschaft ganz wichtig die Erinnerung.“ Bernd: „Natürlich. In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück ins Gespräch. Ich hatte einen ganz engen Freund in dem Architekten Peter, der mehrere Häuser gebaut hat, mit dem ich auch gebaut habe. Und der wohnte, der hatte sich hier auf dem Hügel nebenan ein Haus gebaut. Und der ist entsetzlicherweise mit 49 Jahren gestorben, an Herzversagen. Das war einer der Freunde, unvergesslich.“ (S. 3) In dieser Textsequenz findet sich der Kernsatz, mit dem man den Text für die Interpretation aufschließen kann, schon vollständig formuliert: „In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück.“ Für Bernd sind auch seine verstorbenen Freunde „noch bei (ihm)“ in seiner Erinnerung. Bernds Erinnerung wird in unserem Interviewgespräch ganz konkret. Mein Hinweis, dass für „Freundschaft ganz wichtig die Erinnerung“ sei, weckt bei Bernd eine ganz konkrete Erinnerung an seinen Freund Peter. Neben dieser Erinnerung erzählt Bernd im weiteren Verlauf des Interviews immer wieder von Erinnerungen an andere vergangene Freunde. Insofern ist der Kernsatz „In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück“ ein Wegweiser für die Interpretation zentraler Passagen des Interviews mit Bernd (vgl. die Interpretation mit Bernd in einem der nachfolgenden Kapitel). Birgit Volmerg hat Kernsätze in „Psychoanalyse in der Sozialforschung“ (1988) definiert. In diese Definition füge ich die konkreten Bezüge zu Bernds Kernsatz ein. Ich habe sie jeweils in Klammern gesetzt: „Kernsätze sind natürliche Verallgemeinerungen im Fluss der Diskussion (Bernd erzählt und verweist immer wieder auf seine Erinnerungen. Sie sind solche ‚natürlichen Verallgemeinerungen’ im Interview.). Sie bringen auf den Punkt, was besprochen wurde und schließen häufig eine Phase der Diskussion ab (Besprochen wird eine konkrete Erinnerung, die an den ‚ganz engen Freund Peter’, die den ‚Architekten Peter’ ins Bewusstsein ruft.). (…) Die Struktur eines Kernsatzes enthält alle relevanten Merkmale eines signifikanten Satzes der Umgangssprache: Die Methode der Kernsatzfindung 43 – den Situationsbezug in der Perspektive der Sprechenden (der Blick in die Vergangenheit) – den Sachverhalt, über den gesprochen wird (das gemeinsame Bauen von Häusern) – die Angesprochenen, an die sich die Äußerung richtet (die Interviewerin und die zukünftigen Leser meiner Untersuchung) und – die Intention der Sprechenden (an Erinnerungen zu erläutern, was Freundschaft für ihn heißt).“ (S. 245) Im Interview beschreibt Bernd sein Erinnern an alte Freunde als ein „stilles inneres Rategespräch“. Als ein sich Erinnernder spricht Bernd zu sich selbst von und über seine früheren Freunde. In dem Interview mit mir lässt er mich an seinem „inneren Rategespräch“ teilnehmen und gibt mir so die Möglichkeit, die Beziehungsmuster seiner Freundschaften zu verstehen. Indem Bernd mir sein „inneres Rategespräch“ eröffnet, werden seine Erinnerungen an seine Freunde immer konkreter. Seine Erinnerungen werden zu Erzählungen, die den Sinn des Kernsatzes „In der Erinnerung kommen die Freunde wieder zu mir zurück“ konkretisieren. Und umgekehrt: In der Interpretation der konkreten Erinnerung an alte Freunde erweist sich der Kernsatz als Textaufschließer9 von Bernds Erinnerungen. Kernsätze sind Wegweiser der Sinnfindung und des hermeneutischen Verstehens von „Sprachspielen“ von Texten aus Interviews und Gruppendiskussionen und der Befragung im Netz. 9 Vgl. Volmerg, Senghaas-Knobloch, Leithäuser „Betriebliche Lebenswelt“ (1986), hier das Kapitel „Die Methode der Kernsatzfindung und die Modi des hermeneutischen Verstehens“, S. 269 f. Die Methoden der empirischen Untersuchung 44

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References

Zusammenfassung

Jeder hat eigene Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen, von denen er viel erzählen kann. In ihrer qualitativen sozialpsychologischen Untersuchung interpretiert Katja Specht diese Erzählungen als Alltagsphilosophien, die sie mit wissenschaftlichen Theorien aus Psychologie, Philosophie und Soziologie vergleicht. Auf diesem methodischen Wege entsteht ein weit gefächertes Mosaik von Freundschaftsbeziehungen.

In den Freundschaftsbeziehungen, von denen viele InterviewpartnerInnen in Katja Spechts Untersuchung berichten, geht es um die Suche nach einer „wahren Freundschaft“. Sowohl in Interviews und Gruppendiskussionen als auch in Fragen und Antworten aus dem Sozialen Netzwerk erzählen Katja Spechts GesprächspartnerInnen von ihren Freundschaften.