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Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ in:

Katja Specht

"Wahre Freundschaft", page 117 - 134

Beziehungskulturen der Freundschaft - eine sozialpsychologische Untersuchung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4435-3, ISBN online: 978-3-8288-7449-7, https://doi.org/10.5771/9783828874497-117

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 32

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ Wie Familie und Liebe auch ist Freundschaft eine Beziehungsform. Sie ist nicht ein bloßes Ereignis, sie bildet sich und lebt in einer gemeinsamen Gestaltung und Formgebung. Solche Formgebungen von Beziehungen werden in der kognitiven Sozialwissenschaft als „Frames“ beschrieben. „Frames“ sind nun nicht einmalig hergestellte und festgelegte Beziehungsformen. Die Herstellung von Frames ist ein andauernder Prozess. Dabei geht es nicht um das bloße Zusammenstellen und Aufführen von sozialen Fakten, sondern um die Herstellung „gedanklicher Deutungsrahmen“, in denen soziale Fakten erst ihren Sinn finden. „Framing“ ist eine Methode der Sinnproduktion, die im Denken, Sprechen und Handeln zum Ausdruck kommt. Mit Hilfe von Frames gelingt es, den Sinn sozialer Fakten differenziert zu artikulieren. „Framing“ als Sinnproduktion Elisabeth Wehling gehört zu jenen KognitionswissenschaftlerInnen, die das „Framing“ erforscht haben. In ihrem Buch „Politisches Framing, Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ (2016) beschreibt sie das „Framing“, die Herstellung von „Frames“ auf folgende Weise: „Frames sind es, die Fakten erst eine Bedeutung verleihen, und zwar, indem sie Informationen im Verhältnis zu unseren körperlichen Erfahrungen und unserem abgesicherten Wissen über die Welt einordnen. Dabei sind Frames immer selektiv. Sie heben bestimmte Fakten und Realitäten hervor und lassen andere unter den Tisch fallen. Frames bewerten und interpretieren also. Und sind sie erst einmal über Sprache – etwa jener in öffentlichen Debatten – in unseren Köpfen aktiviert, so leiten sie unser Denken und Handeln an, und zwar, ohne dass wir es merkten.“ (S. 17f) 117 „Frames“ haben eine bewusste, eine nicht-bewusste und auch eine unbewusste Seite. Ganz in diesem Sinne möchte ich jetzt Freundschaft als ein Framing verstehen. Die Freundschaft als ein Frame trägt zum Zusammenhalt zwischenmenschlicher Beziehungen bei, indem ein Frame diesen Beziehungen einen Sinn verleiht. Der Frame stiftet eine Zugewandtheit und wechselseitiges Vertrauen der Freunde miteinander und untereinander, die auch einen Streit aushalten können. Man kann sich streiten, aber so, dass ein solcher Streit die Freunde nicht auseinanderbringen kann. Streit dient dann der Differenzierung der Argumente im freundschaftlichen Gespräch und bringt die Freunde nicht auseinander, sondern verstärkt ihre Bindungen aneinander. Freundschaft kann sich so gerade im Streit bewähren. Freundschaft macht einen Streit produktiv. Verschiedene Meinungen können ausgesprochen, gegeneinandergesetzt und erkenntnisstiftend aufgenommen werden. Freundschaft wendet die ursprüngliche Aggressivität der Streitenden in ein für sie gutes Verhältnis der einander wohlwollenden Freunde. Der Frame, der zum Streit führt, das Streiten, führt so nicht zu einem Zerwürfnis der Freunde, sondern verstärkt die psychische Energie der Freundschaftsbeziehungen. So kommt es in der Regel zu einem neuen Frame wechselseitigen Verstehens. Das wird aus der folgenden Sequenz einer Gruppendiskussion von SchülerInnen deutlich. Dennis: „Wenn man sich überhaupt nie gestritten hat oder streitet und auch nie zusammengefunden hat, dann kann es auch keine Freundschaft sein.“ Jette: „Das muss nicht unbedingt so sein. Es kommt darauf an.“ Dennis: „Aber es ist auch so als Beweis ganz gut, denn wenn man nach einem Streit wieder zusammengefunden hat, dann ist es auch ein Beweis. Auf der anderen Seite muss man auch Kritik an dem anderen äußern können, wenn man das nicht macht, sondern immer nur sagt, du bist sowieso schon perfekt …“ Jana: „Es muss ja nicht gleich ein Streit werden, wenn man die Kritik äu- ßert. Das ist ja nur eine Äußerung. Das hat ja nichts mit Streit zu tun.“ Melanie: „Wenn derjenige das annehmen kann und das verarbeiten kann, so macht, wie du es dir ungefähr vorgestellt hast, und ihr das dann ausdiskutiert habt, dann muss es ja nicht sofort in einem Streit enden.“ Dennis: „Ja, aber … ich hatte mal einen Freund, mit dem habe ich jetzt leider keinen Kontakt mehr, jedenfalls hab‘ ich mich mit dem ein paarmal gestritten und dann fünf Minuten später ist halt der eine zum anderen ge- Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 118 gangen und hat dann gesagt: ja, Tschuldigung, das war jetzt nicht so gut, so ungefähr und ja …“ Melanie: „Klingt irgendwie komisch, nach fünf Minuten.“ Dennis: „Ja, das war ein Beispiel!“ Melanie: „Ja, o.k.“ Jana: „Ja, man muss sich ja nicht gleich streiten, oder? Ja, also nicht jeder streitet ja, also. Du musst ja nicht mit deinen Freunden streiten, oder?“ Dennis: „Muss man nicht, aber wenn man sich danach zusammenfindet.“ Jette: „Es muss nicht unbedingt heißen, dass Streit eine Freundschaft ausmacht.“ Dennis: „Es kann auch eine Diskussion oder was weiß ich sein.“ Jana: „Ja, aber eine Diskussion ist aber kein Streit.“ Melanie: „Das ist was anderes.“ Jette: „Ja, weil, du hast ja behauptet, dass es eine gute Freundschaft ausmacht, dass man dann auch streitet.“ Dennis: „Ist auch meine Meinung!“ Jette: „Ja, komische Meinung.“ (S. 24) Dennis, Jette, Melanie und Jana sind Schulfreunde, die es sich leisten können, miteinander zu streiten. Ihr Streiten fördert ihre Freundschaft und ist zugleich das Thema ihres Streits, der, wie Dennis sagt, eigentlich auch eine „Diskussion“ sein könnte, die für ihn ein Streiten nicht ausschließt. Für Jette, Melanie und Jana ist Streiten etwas anderes als Diskutieren. Dagegen ist für Dennis Streiten ein Medium einer Diskussion. Wer „überhaupt nie gestritten hat“, könne nur schwer zusammenfinden. Im Streiten lernt man sich auch kennen. Dennis versteht Streit als wichtiges Moment des Zusammenfindens. So wird Streit zu einer konstruktiven Auseinandersetzung, in der sich die Streitenden anerkennen und verstehen lernen. Eine konstruktive Auseinandersetzung sieht Dennis als „Beweis", dass man sich zusammenfinden kann, ein Beweis für eine Freundschaft. „Man muss auch Kritik an dem Anderen äußern können“, meint Dennis. Aber Kritik, so meint Jana, „muss ja nicht gleich ein Streit werden“. Kritik ist für sie nur eine Äußerung, „das hat ja nichts mit Streit zu tun“. Der Frame von Freundschaft aus Sicht von Jana, Melanie und Jette schließt den Streit, ein Sichstreiten aus. Während in Dennis‘ Frame der Freundschaft Kritik ein konstruktives Streiten ist, hat für Jana, Melanie und Jette „Kritik nichts mit Streit zu tun“. So wie Melanie es sagt, muss „Kritik ja nicht sofort in einem Streit enden“. Für sie hat Streit keine konstruktive Seite. Kritik „Framing“ als Sinnproduktion 119 dagegen, die, wenn sie „ausdiskutiert“ wird, „nicht sofort in einem Streit enden muss“, ist für die drei Schülerinnen konstruktiv. In dieser Sequenz meiner Gruppendiskussion mit SchülerInnen treffen zwei verschiedene Frames von Freundschaft aufeinander. Es sind das Framing des konstruktiven Streitens und das Framing der konstruktiven Kritik und Diskussion. Die SchülerInnen sind auf dem Weg zu einem neuen, übergreifenden Frame, der aber schwer für sie zu finden ist. Für Melanie und Jette scheint Streit in einer Freundschaftsbeziehung „irgendwie komisch“, eine „komische Meinung“, die Dennis als seine eigene Meinung stark macht. Es ist für die SchülerInnen nicht so einfach, den Weg zu einem gemeinsamen Framing von Freundschaft zu finden, den z. B. Elisabeth Wehling in ihrer Theorie „Politisches Framing“ (2016) idealtypisch beschreibt: „Treffen zwei Menschen mit unterschiedlichen Werten aufeinander, liegt die Herausforderung darin, den jeweils andern zu verstehen und zugleich seine eigene moralische Perspektive begreifbar zu machen und im Zweifelsfall zu verteidigen (…). Nur so verstehen sich Menschen gegenseitig wahrhaft und nur so lässt sich konstruktiv streiten.“ (S. 53) Eine gelingende Freundschaft ist durch eine „dritte Sache" vermittelt. Eine „dritte Sache", die die Freunde nicht als Einzelne besitzen, sondern an der die Freunde gemeinsam teilhaben, stiftet eine Balance zwischen Nähe und Distanz in der Freundschaftsbeziehung. Freundschaft ist ein besonderer Frame. Framing ist in ihr ein in der Zeit andauerndes gelingendes Ausbalancieren von Nähe und Distanz zwischen den Freunden. Ein Frame, ein Beziehungs-Frame, bedarf der besonderen Pflege und des Schutzes. Der Frame der Freundschaft ist gefährdet durch die Ökonomie des Alltags, durch die Regeln des privaten Besitzes, der Aneignung von Dingen und des Tauschs. Es besteht die Gefahr, dass die Teilhabe an einer „dritten gemeinsamen Sache“ von den Freunden „monetarisiert“ wird. Und die „dritte Sache“ dann in einzelne, privatisierte Teile zerfällt. Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 120 Geldbeziehung als ökonomisches „Framing“ Der Moralphilosoph und Ökonom Michael Sandel beschreibt in „Was man für Geld nicht kaufen kann“ (2015) die Bedrohung der Freundschaft durch die Ökonomie: „Werden alle Formen des Gebens unter Freunden monetarisiert, kann das die Freundschaft utilitaristischen Normen unterordnen und sie so korrumpieren.“ (S. 128) Medium der Ökonomisierung des Alltags ist das Geld. Es stellt sich die Frage, inwieweit Geld die freundschaftsstiftenden Aufgaben einer „dritten Sache“ übernehmen kann oder ob die Einführung der Geldbeziehung in einer Freundschaft einen neuen Frame der Freundschaftsbeziehung konstituiert und sie zu einer Zweckbeziehung werden lässt, sie „utilitaristischen Normen“ unterordnet. Das Geldverhältnis problematisiert das Prinzip der Teilhabe an einer „dritten gemeinsamen Sache“, es macht aus der gemeinsamen Teilhabe ein Besitzverhältnis, das die Freunde tendenziell voneinander vereinzeln kann. Die Distanz verdrängt die Nähe. Das Geldverhältnis nährt eher das Misstrauen der Freunde, als dass es Vertrauen unter ihnen festigt. Geld reguliert das Geben und Nehmen. Es sorgt dafür, dass der Wert der gegebenen Dinge dem Wert der genommenen Dinge entspricht. Es „monetarisiert“ die Balance von Nähe und Distanz in der Freundschaft. Es macht tendenziell aus einer moralischen Beziehung der Freundschaft eine ökonomische Beziehung. Geld monetarisiert die gemeinsame dritte Sache, die gemeinsame Teilhabe wird ambivalent, das gemeinsame Vertrauen wird mehr und mehr von einem Gefühl des Misstrauens begleitet. Aus dem Framing freundschaftlichen Teilhabens kann ein Framing utilitaristischen Praktizierens werden. In der Gruppendiskussion der Schülerinnen und Schüler werden die Ambivalenzen, die das Geldverhältnis unter Freunden stiftet, diskutiert. Dennis: „Aber wenn man nur dem anderen immer, immer, immer Geld geben muss, dann sagt man sich irgendwann, ich kann doch nicht nur dem anderen sozusagen aus der Patsche helfen und dafür selbst aber überhaupt nichts bekommen, auch wenn’s ’ne Freundschaft ist, wenn man nur Verluste daraus macht, dass es nichts mit der Freundschaft zu tun hat.“ Michaela: „Ich find eine Freundschaft ist ein Geben und Nehmen. Es muss nicht unbedingt Geld sein, aber wenn du einfach was gibst, aber Geldbeziehung als ökonomisches „Framing“ 121 dass du es auch wieder zurückbekommst, weil sonst kann es einfach nicht funktionieren, die Basis, dass der eine nur kriegt oder dass der andere nur gibt, da fühlt sich jeder nur blöd, deswegen glaub ich, dass das Geben und Nehmen wichtig ist.“ Melanie: „Dass man von Verlusten redet und dann irgendwie Geben und Nehmen, aber von Verlusten zu reden ist auch dämlich.“ Dennis: „Das ist ja kein Verlust.“ Melanie: „Ja, das hast du aber gerade so gesagt.“ Dennis: „Verluste verstehe ich so: Wenn man immer nur Geld gibt über mehrere Jahre, ist es immer dasselbe. Du gibst ihm Geld immer, immer, immer wieder und dann aber kommt höchstens ein Danke oder sowas und Dahergesagtes. Das kann ja jeder sagen, danke, danke, danke, aber ob das jetzt ernst gemeint ist, das ist dann ja wieder was anderes, wenn man nur immer dem anderen irgendwas gibt dann und nichts zurückkommt, dann macht man ja nur Verluste. Dann ist es ja auch Verlust. Und beim Geld hört die Freundschaft auf!" (S. 31 f.) Eine Freundschaft ist „ein Geben und Nehmen“, wie Michaela es nennt. Man gibt etwas und hat so das Recht, sich etwas zu nehmen. Als Regulator solchen Gebens und Nehmens ersetzt das Geld die gemeinsame Teilhabe. Es stellt tendenziell sicher, dass der Wert dessen, was man gibt, dem Wert dessen entspricht, was man zurückbekommt. Nur so, glaubt Michaela, kann die Freundschaftsbeziehung „gut funktionieren“. Michaela: „Die Basis, dass der Eine nur kriegt oder dass der Andere nur gibt, da fühlt sich jeder nur blöd.“ (S. 31) Das Geld als wertbestimmendes Verhältnis macht Gewinne und Verluste in der Freundschaft deutlich. Die gemeinsame Teilhabe wird so zum Teilhaben von gleichen Teilen. Die gemeinsame Teilhabe wird zum individuellen Besitz von Teilen einer „dritten Sache“, die in dieser Funktion die Freunde tendenziell auseinanderrückt und voneinander separiert. Jeder freut sich still über seinen Gewinn und klagt laut über seine Verluste. Dennis: „Verluste verstehe ich so: Wenn man immer nur Geld gibt über mehrere Jahre, ist es immer dasselbe. Du gibst ihm Geld immer, immer, immer wieder und dann aber kommt höchstens ein Danke oder so was Dahergesagtes, das kann ja jeder sagen, danke, danke, danke, aber ob das jetzt ernst gemeint ist, (…) Wenn man nur immer dem anderen irgendetwas gibt und dann nichts zurückbekommt, dann macht man ja nur Verluste, dann ist es ja auch Verlust. Und beim Geld hört die Freundschaft auf!“ (S. 32) Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 122 Dennis wäre schon sehr verärgert, wenn er einem Freund Geld leiht im guten Glauben, dass er es zurückbekommt, und nur mit einem „Danke“ abgespeist wird. Er möchte einem Freund mit Geld zwar helfen, aber das geliehene Geld in angemessener Zeit auf Heller und Pfennig zurückbekommen. Freundschaft soll für ihn kein Verlustgeschäft sein: „Und beim Geld hört die Freundschaft auf!“ (S. 32) Für Dennis ist Geld keine „dritte Sache“, an der man gemeinsam teilhaben kann. Die Ökonomie setzt im Alltag der Freundschaft eine klare Grenze, die der Moralphilosoph Michael Sandel in seinem Buch „Was man für Geld nicht kaufen kann“ (2015) theoretisch charakterisiert: „Freundschaft beruht auf bestimmten Normen, Einstellungen und Tugenden. Macht man die mit ihr verbundenen Verhaltensweisen zur Ware, werden diese Normen − Sympathie, Großzügigkeit, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit − durch Marktwerte ersetzt. Ein gekaufter Freund ist nicht dasselbe wie ein echter; fast jeder kennt den Unterschied.“ (S. 134) In der Diskussion der SchülerInnen formulieren Michaela und Dennis die theoretische Reflexion von Sandel als markante Alltagsweisheiten. Michaela: „Freundschaft kann man nicht kaufen!“ (S. 33) Dennis: „Beim Geld hört die Freundschaft auf!“ (S. 32) Auch in der bedeutenden psychoanalytisch orientierten sozialpsychologischen Untersuchung von Erich Fromm „Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches“ (1980a) aus den dreißiger Jahren spielt die Frage nach dem Umgang mit Geld in Freundschaftsbeziehungen eine wichtige Rolle. In seinen Interviews hatte Fromm damals schon die Frage gestellt: „Verleihen Sie Geld oder Gegenstände an Freunde?“ Hiermit wollten er und seine Mitarbeiter „einen Einblick in das Verhältnis der Befragten zu ihrem Freundeskreis gewinnen.“ (S. 20) Sie vertraten die Hypothese, „dass der Wille zur Hilfe“ unter Freunden: „stärker ist als die Freude am Besitz oder die Furcht vor Verlusten. Ein Befragter gab an, dass er sowohl Geld als auch Gegenstände ausleihe, da Freunde einander helfen sollten. Eine andere Antwort lautete demgegen- über, dass man kein Geld verleihen solle, da hierdurch die Freundschaft Geldbeziehung als ökonomisches „Framing“ 123 zerstört werde. Beide Male wird hier die Bedeutung der Freundschaft betont, aber während der erste das Ausborgen unter Freunden für eine Pflicht hält, gelangt der zweite zu genau entgegengesetzten Schlussfolgerungen.“ (S. 20) Fromm und seine Mitarbeiter kommen zu dem psychologischen Ergebnis, „dass hinter der Weigerung, etwas zu verleihen, nicht die Furcht vor dem Verlust eines Freundes steht, sondern Angst vor Verlust der Leihgabe“. „Die Furcht vor dem Verlust eines Freundes“ und auch „die Angst vor Verlust der Leihgabe“ kann man auch als zwei sich ausschließende Frames in Freundschaftsbeziehungen verstehen, die Erich Fromm im Sinn der Psychoanalyse als typische Fälle von „moralisierenden Rationalisierungen“ begreift: „Mit Hilfe einer moralischen Entschuldigung soll etwas legalisiert oder – besser – verheimlicht werden, was der Befragte anderen und wohl auch sich selbst nicht zugestehen will oder kann.“ (S. 20) Solche „Rationalisierungen“ verweisen auf die unbewusste Seite von „Frames“, die Elisabeth Wehling bei ihrer Erörterung des kognitionswissenschaftlichen Begriffs „Framing“ andeutet, aber nicht weiter expliziert. Unbewusste „Interaktionsformen“ in Freundschaftsbeziehungen Hilfreich für eine solche Explikation ist der von Alfred Lorenzer in seiner psychoanalytischen Sozialisationstheorie „Zur Begründung einer materialistischen Sozialtheorie“ (1972) entwickelte Begriff der „Interaktionsform“. „Interaktionsformen“ entwickeln sich in der frühen Mutter-Kind-Beziehung, die Lorenzer als eine „dyadische Beziehung“ beschreibt. Es geht dabei darum, dass Mutter und Kind sich im Verlauf der kindlichen Entwicklung immer wieder neu dem Entwicklungsstand des Kindes entsprechend auf eine Beziehungsform einigen müssen, die Lorenzer „Interaktionsform“ nennt. Sie organisiert die Regeln der emotionalen, kognitiven und moralischen Beziehung. Das sind Regeln der jeweiligen Einigung zwischen Mutter und Kind, die besonders in Konfliktsituationen zwischen den beiden relevant werden. In den frühen Entwicklungsphasen sind die Interaktionsformen vorsprachlich, in den späteren gestalten sie den Spracherwerb. Erst durch die Einfüh- Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 124 rung der Sprache kommt es zur Ausdifferenzierung von bewusst und unbewusst. Vorsprachliche Interaktionsformen werden durch die Einführung der Sprache nicht einfach aufgelöst, sondern in Sprache überführt, oder aber sie wirken im Unbewussten als nunmehr Verdrängte und Ausgeschlossene weiter. Auf diesem sozialisatorischen Wege gewinnen sie gestaltenden Einfluss auf die familialen, die freundschaftlichen Beziehungen und die Liebesbeziehungen, wie ich sie in den vorangegangenen Abschnitten beschrieben habe. Interaktionsformen, wie sie Lorenzer dargestellt hat, beschreiben die unbewusste Seite der von Elisabeth Wehling beschriebenen kognitiven „Frames“. Lorenzer unterscheidet „drei Formen von Interaktionen“, die von „sprachfähigen Interaktionsformen“ ausgeschlossen sind, und kennzeichnet damit den Bereich des Unbewussten: „1. Interaktionsformen, die nie in den Bereich sprachlich begriffener Handlungsnormen aufgenommen wurden; 2. diejenigen Interaktionsformen, die aus dem Sprachkonsensus wieder ausscheiden, weil die Entwicklung mehr oder minder zwanglos weiterschritt; 3. diejenigen Interaktionsformen, die unter Zwang aus der Sprache ausgeschlossen, zugleich aber als Interaktionsformen fixiert werden. Sie bezeichnen wir als Klischees.“ (S. 133) In den Frames der Freundschaftsbeziehungen sind diese drei Modi des Unbewussten im Spiel. Interaktionsformen, die nie sprachlich geworden sind, stammen aus der ganz frühen Kindheit und sind in den unbewussten Beziehungen von Erwachsenen wirksam. Ad 1: Man kann die Interaktionsformen in Freundschaftsbeziehungen als Übertragungen von nicht-sprachlichen Mutter-Kind-Beziehungen entdecken, so z. B. in einem väterlichen Verhalten des besten Freundes oder in einem mütterlichen Verhalten der besten Freundin. Eltern nutzen nicht selten eine Befehlsgewalt ihren Kindern gegen- über. Diesen wird vorgeschrieben, was sie alles tun müssen und was sie zu lassen haben. Dass man etwas muss, dass man etwas tun und lassen muss, erfahren Kinder von Geburt an. Ein solches Müssen ist in den frühen Interaktionsformen zwischen Mutter und Kind, Vater und Kind sowie Eltern und Kind prägend und wird von Generation zu Generation als Interaktionsform weitergegeben. Solches Müssen findet sich dann in den Beziehungen, den Interaktionsformen der Erwachse- Unbewusste „Interaktionsformen“ in Freundschaftsbeziehungen 125 nen wieder und hat seine Quelle in den frühkindlichen Interaktionsformen. Es aktualisiert sich als Übertragung in den Beziehungen von Erwachsenen, so auch in ihren Freundschaftsbeziehungen: Mein Interviewpartner Otto, der Friseur, antwortet auf die Frage im Interview, was Freundschaft für ihn bedeutet: „Man muss sich mögen, natürlich. Da muss Sympathie da sein. Du musst ihn (den Freund) auch schätzen.“ (S. 1) Im Müssen drückt sich der normative Zwang frühkindlicher Sozialisation aus, den die Erwachsenen nur schwer loswerden können. Dieser sozialisatorische Zwang greift in unbewusster Übertragung in die Freundschaftsbeziehung von Heranwachsenden und Erwachsenen ein.18 Ad 2: In manchen Freundschaften findet sich auch eine Art von privater Sprache, von Worten und Sätzen, die nur von dem Kind und der Mutter erfunden, gebraucht und verstanden werden. Diese Privatsprache hat ihren Ursprung in Übertragungen aus frühen Phasen des Spracherwerbs. Gleichermaßen wirken Interaktionsformen „unbewusst“ weiter, 18 „Interaktionsformen“ der kindlichen Sozialisation haben alle ein Moment des Zwanghaften, das Unterwerfung fordern und Gehorsam erzwingen soll. Mit der Strafandrohung verbinden sich Belohnung und Strafe. Den „Interaktionsformen“ von Mutter und Kind ist eine ambivalente Struktur zu eigen. Diese drückt sich in vielen Märchen und Kindergeschichten aus, so z. B. im „Struwwelpeter“ (1845) von Heinrich Hoffmann: „‚K o n r a d!‘ sprach die Frau Mama, ich geh’ aus und du bleibst da. Sei hübsch ordentlich und fromm, bis nach Haus ich wieder komm’. Und vor allem, Konrad hör! Lutsche nicht am Daumen mehr; denn der Schneider mit der Scher kommt sonst ganz geschwind daher und die Daumen schneidet er ab, als ob Papier es wär.‘“ (S. 11) Solche drastischen Strafandrohungen aus früheren „Interaktionsformen“ zwischen Mutter und Kind finden sich als Regulationsprinzipien in Freundschaftsbeziehungen wieder. Sie bilden einen Frame, dessen unbewusste Seite aus frühkindlichen Interaktionsformen gespeist wird. Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 126 die aus dem Prozess der Sozialisation scheinbar zwanglos ausgeschieden sind. Zum Beispiel antwortet und schreibt Larissa auf meine Frage „Was heißt Freundschaft für mich?“ in einem sozialen Netzwerk: „Zu meinen ehemaligen Freunden habe ich immer noch ein gutes Verhältnis und wir treffen uns noch hin und wieder mal, doch beste Freundin, das gehört der Vergangenheit an!!! Man entwickelt sich nun mal immer weiter!“ (S. 6) Alte Interaktionsformen der Sozialisation können zwanglos und in der Weiterentwicklung der Freundschaftsbeziehung durch neue Interaktionsformen ersetzt werden. Ad 3: Die unter Zwang aus der Sprache ausgeschlossenen Interaktionsformen stammen aus der Moralentwicklung und werden als unbewusst wirksame Übertragungen in die moralische, zuweilen auch religiöse Regulierung der Freundschaftsbeziehung eingebracht. Andrea beschreibt in einem sozialen Netzwerk, was für sie Freundschaft bedeutet: „Für mich sind meine Freundschaften heilig, denn meine besten Freunde stehen jederzeit hinter mir und sind für mich da, wenn ich sie brauche, (…) wahre Freundschaft (besteht) aus Vertrauen, denn ohne Vertrauen und vor allem Ehrlichkeit taugt die beste Beziehung nichts. (…) Ich hab mir sogar das japanische Schriftzeichen für Freundschaft tätowieren lassen, damit ich jeden Tag an meine Freunde erinnert werde.“ (S. 4) Freundschaft wird von Andrea mit einer „heiligen“ Aura umgeben, die jede Problematisierung der Beziehung ausschließt. Ein miteinander Streitenkönnen und wieder zusammenfinden, sei es im praktischen Zusammenleben, sei es im Gespräch, ist tabu. An „wahre Freundschaft“ ist ohne „Vertrauen“ und „Ehrlichkeit“ nicht zu denken. Wahre Freundschaft ist unverbrüchlich. Sie ist ein für alle Mal festgeschrieben. Bei Andrea ist sie als japanisches Schriftzeichen, als heiliges Symbol, auf ihren Körper tätowiert. Auf solche Weise heiliggesprochene Freundschaft soll das ganze Leben über dauern können. Das Tattoo ist Verpflichtung, ein unbewusster Zwang fürs ganze Leben. Es stellt sich die Frage, inwieweit die von Lorenzer diagnostizierten „unbewussten Interaktionsformen“ der Sozialisation in Freundschaftsbeziehungen wirksam werden, oder ob Unbewusste „Interaktionsformen“ in Freundschaftsbeziehungen 127 sie tendenziell durchaus bewusstseinsfähig sind, also − um den freudschen Begriff des Vorbewussten heranzuziehen − in bestimmten Situationen bewusstgemacht werden können.19 Der Frame ist eine Situation, in der einerseits Interaktionsformen unbewusst gehalten werden, verdrängt bleiben, andererseits die Chance ihrer Bewusstwerdung zum Teil ermöglicht werden kann. Freundschaft ist ein Frame der Beziehungseinschränkung, zugleich aber auch der Befreiung. Freundschaft ist meistens ein Frame ambivalenter Beziehungen, die bewusst werden können oder unbewusst bleiben müssen. Freundschaft als „Heimstätte sozialer Freiheit“ Der Soziologe Axel Honneth beschreibt in „Das Recht der Freiheit. Grundriss einer demokratischen Sittlichkeit“ (2013) die bewusstseinsfähigen Interaktionsformen der Freundschaft als institutionalisierte „vorreflexive Gemeinsamkeiten“. Für den Soziologen ist das Feld des Vorbewussten ein Feld der „Vorreflexivität“: „Beziehungen der Freundschaft bilden eine institutionalisierte Form vorreflexiver Gemeinsamkeiten, die durch den nicht weiter thematisierten Wunsch beider Seiten geprägt ist, die jeweils eigenen Gefühle und Einstel- 19 Freud charakterisiert den Zusammenhang von religiösen Symbolen – als ein solches versteht Andrea ihr Tattoo – und dem beschriebenen Modus des Unbewussten in seiner Arbeit „Der Mann Moses und die monotheistische Religion“ (1932– 1939): „…, dass das Bewusstsein eine flüchtige Qualität ist, die einem psychischen Vorgang nur vorübergehend anhaftet. Wir müssen daher für unsere Zwecke ‚bewußt’ ersetzen durch ‚bewußtseinsfähig‘ und nennen diese Qualität ‚vorbewußt‘. Wir sagen dann richtiger, das Ich ist wesentlich vorbewußt (…).“ „Das Verdrängte ist dem Es zuzurechnen und unterliegt auch den Mechanismen desselben (…). Die Differenzierung vollzieht sich in der Frühzeit, während sich das Ich aus dem Es entwickelt. Dann wird ein Teil der Inhalte des Es vom Ich aufgenommen und auf den vorbewußten Zustand gehoben, ein anderer Teil wird von dieser Übersetzung nicht betroffen und bleibt als das eigentliche Unbewußte im Es zurück. Im weiteren Verlauf der Ichbildung werden aber gewisse psychische Eindrücke und Vorgänge im Ich durch einen Abwehrprozess ausgeschlossen; der Charakter des Vorbewußten wird ihnen entzogen, so daß sie wiederum zu Bestandteilen des Es erniedrigt worden sind. (…). Was den Verkehr zwischen beiden seelischen Provinzen betrifft, so nehmen wir also an, daß einerseits der unbewußte Vorgang im Es aufs Niveau des Vorbewußten gehoben und dem Ich einverleibt wird, und daß andererseits Vorbewußtes im Ich den umgekehrten Weg machen und ins Es zurückversetzt werden kann.“ (S. 202 f.) Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 128 lungen einander vorbehaltlos zu offenbaren; die implizit gewußten Rollenverpflichtungen greifen hier derart ineinander, dass wechselseitig Vertrauen und Sicherheit darüber bestehen, selbst noch in den idiosynkratischsten oder abwegigsten Wünschen ernstgenommen und nicht verraten zu werden. Es ist diese Erfahrung einer zugleich gewollten und umsorgten Selbstartikulation, die die Freundschaft zu einer Heimstätte sozialer Freiheit werden lässt.“ (S. 248 f.) Die Bemühung um eine „Heimstätte sozialer Freiheit“ kann man als die Herstellung einer „gemeinsamen dritten Sache“ verstehen. Im Interview erzählt mein Interviewpartner Bernd, der Unternehmer, von seiner Lebensfreundschaft mit Harry. In dieser Erzählung wird das, was Honneth als „Heimstätte der sozialen Freiheit“ versteht, empirisch konkret. „Die Heimstätte“ ist für Bernd ein Ort der „gemeinsamen dritten Sache“: „Ich hatte einen ganz engen Freund in dem Architekten Harry, der viel gebaut hat, mit dem ich Bauten gemacht habe (…).“ Interviewerin: „Was hat denn die Freundschaft ausgemacht?“ Bernd: „Das Vertrauen. Das Zutrauen zum gemeinsamen Bauen von Häusern oder Industrieanlagen.“ (S. 3) Bernd: „Da haben wir eine Stiftung eröffnet. Da brach doch in Polen das Zeitalter der Solidarnosc aus, aber auch das Zeitalter der Hungerkatastrophe. Das war ja furchtbar in Polen, dieser Hunger. Die mangelnde Versorgung von Kinderheimen und allem Möglichen. Wir hörten vom Diakonischen Werk, die Verbindungen nach Warschau, Lublin, Lodz und Kalisz hatten, dass keine Hygienemittel für Kinder in den Heimen mehr da waren, eine furchtbare Hungersnot ausbrach. Da fasste ich den Entschluss, zusammen mit meinem Freund eine Stiftung zu gründen.“ (S. 7) In einer ökonomischen Kooperation, dem „gemeinsamen Bauen von Häusern“ hat Bernd einen „engen Freund“ gefunden. Beide sind Unternehmer, die über ihre ökonomische Kooperation hinaus zu einer „gemeinsamen dritten Sache“ finden, die für sie zu einer „Heimstätte sozialer Freiheit“ wird. Unabhängig von ihren unternehmerischen Tätigkeiten entdecken sie gemeinsam, dass sie ganz praktisch helfen können. Sie gründen eine „Stiftung“, um die „Not in Polen in den Jahren 1979/80/81“ zu lindern. Mit der Stiftung wollten sie bei der mangelhaften Versorgung in Kinderheimen in Polen Abhilfe schaffen. Die Stiftung wird eine „Heimstätte sozialer Freiheit“. Sie dient mit ökonomischen Mitteln einem humanen Zweck. Der humane Zweck, die Versorgung von Kin- Freundschaft als „Heimstätte sozialer Freiheit“ 129 derheimen, wird zu ihrer „dritten Sache“, in der sie beide sich mit ihren ökonomischen und sozialen Kompetenzen engagieren und eine „Lebensfreundschaft“ entwickeln. Der Begriff „Heimstätte sozialer Freiheit“ von Honneth verweist auf die von Wehling charakterisierte kognitive Dimension des „Framing“, die ich mit Lorenzers Konzept der unbewussten und vorbewussten „Interaktionsformen“ vertieft habe. Eine Vertiefung, die sich auch bei Wehling immer wieder angedeutet findet. Auch sie versucht, wie ich mit meiner Untersuchung der Freundschaft, einen Zusammenhang zwischen Kognition und Unbewusstem herzustellen. Der Begriff des Framing soll das leisten. „Intellektueller Egozentrismus“ in Freundschaftsbeziehungen Elisabeth Wehling greift in ihrer Untersuchung „Politisches Framing, Wie eine Nation sich ihr Denken einredet – und daraus Politik macht“ (2016) eine zentrale Problematik der Entwicklungspsychologie auf, in der kognitive Entwicklungen und Vorgänge des Unbewussten streng voneinander getrennt werden, aber auch immer wieder versucht wird, die Zusammenhänge beider Phänomene zu thematisieren. Nach wie vor ist das Resümee, das Jean Piaget in seiner Untersuchung „Sprechen und Denken des Kindes“ (1972) zieht, grundlegend für diese Debatte: „Die Psychoanalytiker haben sich genötigt gesehen, zwei fundamentale Arten des Denkens zu unterscheiden: das gelenkte oder intelligente Denken und das ungelenkte Denken (…), das Bleuler autistisches Denken nennt. Das gelenkte Denken ist bewußt, d. h. es verfolgt Ziele, die dem Geist des Denkenden gegenwärtig sind; es ist intelligent, d. h. der Wirklichkeit angepaßt, und sucht auf sie einzuwirken, es nimmt Wahrheit und Irrtum auf (empirische oder logische Wahrheit), und es ist durch die Sprache mitteilbar. Das autistische Denken ist unterbewußt, d. h. die Ziele, die es verfolgt, und die Probleme, die es sich stellt, sind dem Bewusstsein nicht gegenwärtig. Es ist der äußeren Wirklichkeit nicht angepaßt, sondern es schafft sich selbst eine aus Imagination oder Träumen bestehende Wirklichkeit; es versucht nicht, Wahrheiten festzustellen, sondern Wünsche zu erfüllen; es bleibt streng individuell und läßt sich nicht durch die Sprache mitteilen. Dieses Denken vollzieht sich vor allem in Bildern und muß, um sich mitzuteilen, indirekt vorgehen, wobei es die Gefühle, die es begleiten, durch Symbole und Mythen hervorruft. Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 130 Das sind zwei fundamental verschiedene Denkweisen. Ihrem Ursprung nach aber sind sie nicht getrennt, sie werden auch zusammen wirksam, folgen aber ihrer jeweiligen Logik, deren Richtungen divergieren. Das gelenkte Denken folgt im Laufe seiner Entwicklung immer mehr den Gesetzen der Erfahrung und der eigentlichen Logik. Das autistische Denken dagegen folgt einer Gesamtheit besonderer Gesetze (Gesetze des Symbolismus, der unmittelbaren Befriedigung usw.).“ (S. 49 f.) Elisabeth Wehlings Begriff des „Framing“ versucht Jean Piagets Unterscheidung von „gelenktem Denken“ und „ungelenktem Denken“ zu integrieren. Das, was im „Framing“ stattfindet, kann man mit Piaget als eine ganz selbstverständliche Vermischung von „gelenktem“ und „ungelenktem Denken“ verstehen. So sind in den Frames der Freundschaft Aspekte des „gelenkten“ und Aspekte des „ungelenkten Denkens“ verbunden. Ein gutes Beispiel für ein wechselseitiges Durchdringen von „ungelenktem“ und „gelenktem Denken“ gibt Lea in der Befragung im sozialen Netzwerk. In ihrer Beschreibung ihrer Erfahrungen steht ein begrifflich gelenktes Erfassen von Freundschaftsbeziehungen neben deren Beschreibung in Bildern und Symbolen. Es ist ein Beispiel für viele Frames, die ich auch in meinen Interviews gefunden habe: Lea: „Damals schlummerten gruselige Erwartungen an Freunde in meinem Innersten, die wie ein ungeschriebenes, verhängnisvolles Gesetz natürlich zerstörten, was einmal so schön begann … ich habe mich dabei erwischt, wie ich glaubte, im Recht zu sein, wenn ich dachte oder im schlimmsten Falle behauptete: Als Freund geht dieses nicht und jenes sollte doch selbstverständlich sein! Igittigitt! (…), dabei brummt die weiche Hummel doch nur durch ihr Revier und sammelt fleißig Pollen, damit man dann zur gegebenen Zeit wieder zusammen naschen kann.“ (S. 10 f.) In diesem Beispiel folgt das „gelenkte Denken“ einer moralischen Logik, „als Freund geht dieses nicht und jenes sollte selbstverständlich sein“. Für das „ungelenkte Denken“ steht das Bild der „weichen Hummel, die durch ihr Revier brummt und fleißig Pollen sammelt“. Lea fühlt sich im Bild der weichen, durch ihr Revier brummenden Hummel wohl. Die „weiche Hummel“ ist für sie eine Glücksfantasie, sie wünscht sich, dass ihre Freunde und Liebhaber, so wie sie, durch ein gemeinsames Revier brummen. Die Freunde sollen so wie sie sein, sie sollen sich nicht als andere von ihr unterscheiden. Mit ihren Freunden „Intellektueller Egozentrismus“ in Freundschaftsbeziehungen 131 zusammen ist sie ein Schwarm glücklich brummender Hummeln. In der Fantasie vom Hummelschwarm entwickelt sie die Freundschaftsbeziehung als ein gemeinsames Subjekt. Der Freund ist nicht länger ein Anderer, ein Beziehungsobjekt, das man als anderen anerkennen muss. Er ist vielmehr ein Teil von ihr, der sich nicht von ihr unterscheidet, der gleich ihr und mit ihr „durchs Revier brummt“. Piaget hat dieses Entdifferenzieren des Subjekt-Objekt-Verhältnisses als intellektuellen „Egozentrismus“ in seiner Untersuchung „Sprechen und Denken des Kindes“ (1972) beschrieben: „Was ist also der intellektuelle Egozentrismus? Er ist eine spontane Haltung, die am Anfang die psychische Aktivität des Kindes beherrscht und im Falle geistiger Trägheit während des ganzen Lebens bestehen bleibt. Negativ gesehen, leistet diese Haltung Widerstand gegen die Herstellung von Beziehungen zur Gesamtheit und gegen die unpersönliche Aktivität der Vernunft. Positiv gesehen besteht diese Haltung in einer Absorption des Ich in den Dingen und in der sozialen Gruppe; diese Absorption vollzieht sich so, dass das Subjekt glaubt, die Dinge und die Menschen in sich zu kennen, ihnen aber in Wirklichkeit über ihre objektiven Merkmale hinaus Eigenschaften zuschreibt, die aus seinem eigenen Ich stammen oder auf die besondere Perspektive, die es einnimmt, zurückzuführen sind. Um aus seinem Egozentrismus herauszukommen, braucht das Subjekt also nicht so sehr neue Kenntnisse über die Dinge oder die soziale Gruppe zu erwerben oder sich mehr dem Objekt als etwas Äußerem zuzuwenden; es muß sich vielmehr ‚dezentrieren‘ und das Subjekt vom Objekt trennen: Es muss sich des Subjektiven in sich selbst bewußt werden, sich in alle anderen möglichen Perspektiven versetzen und auf diese Weise zwischen seinem eigenen Ich und den Dingen und Personen ein System gemeinsamer und reziproker Beziehungen herstellen. Egozentrismus wendet sich also gegen die Objektivität, soweit Objektivität auf der physischen Ebene Relativität und auf der sozialen Ebene Gegenseitigkeit bedeutet.“ (S. 83) In der Hummelfantasie von Lea geht es allerdings nicht darum, aus dem „intellektuellen Egozentrismus“ herauszukommen, sondern vielmehr den Freund in einen kollektiven intellektuellen Egozentrismus hineinzuziehen, in einen „intellektuellen Egozentrismus“, der sich einer Differenzierung von ich und den anderen, von Subjekt und Objekt entzieht. Im Egozentrismus zu zweit oder in der Gruppe gibt es keine Ecken und Kanten, keine Unterscheidungen und Abgrenzungen, die auf die Andersartigkeit der anderen aufmerksam machen könnten. Der Egozentrismus zu zweit oder mehreren ist ein gemeinsames „Brummen“ und Freundschaft als „Framing“ und als „Interaktionsform“ 132 Tun, ein gemeinsames „fleißiges Pollensammeln“. Auch die „Pollen“ sind für den Hummelschwarm nicht etwas von ihnen Unterschiedenes und Fremdes. Das Pollensammeln ist Teil der Gemeinsamkeit. Auch der Egozentrismus einer Freundschaftsbeziehung „wendet sich also gegen die Objektivität“. Es soll keine „Relativität auf der sozialen Ebene“ von Gegenseitigkeiten geben. Auch in der Freundschaft ist der gemeinsame Egozentrismus eine Abwehr der Differenzierung von Menschen und Dingen, die Lea im Bild der „Hummeln“ und „Pollen“ zu fassen sucht. Gemeinsam „Pollen sammeln“ ist keine gemeinsame Tätigkeit zur Herstellung einer „gemeinsamen dritten Sache“. Sammeln hat wenig von der kreativen Herstellung einer Sache, die zu einer „gemeinsamen dritten Sache“ wird, wenn sie unter Freunden stattfindet. Sammeln ist nicht gleich Herstellen. In der Herstellung einer gemeinsamen dritten Sache entwickelt sich Freundschaft als die Anerkennung der Verschiedenheit in der Gegenseitigkeit, die Anerkennung „gemeinsamer und reziproker Beziehungen“, wie sie Honneth als Möglichkeit vorreflexiver und reflexiver Gemeinsamkeiten beschrieben hat. Wahre Freundschaft ist eine bewusste Freundschaft. „Intellektueller Egozentrismus“ in Freundschaftsbeziehungen 133

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References

Zusammenfassung

Jeder hat eigene Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen, von denen er viel erzählen kann. In ihrer qualitativen sozialpsychologischen Untersuchung interpretiert Katja Specht diese Erzählungen als Alltagsphilosophien, die sie mit wissenschaftlichen Theorien aus Psychologie, Philosophie und Soziologie vergleicht. Auf diesem methodischen Wege entsteht ein weit gefächertes Mosaik von Freundschaftsbeziehungen.

In den Freundschaftsbeziehungen, von denen viele InterviewpartnerInnen in Katja Spechts Untersuchung berichten, geht es um die Suche nach einer „wahren Freundschaft“. Sowohl in Interviews und Gruppendiskussionen als auch in Fragen und Antworten aus dem Sozialen Netzwerk erzählen Katja Spechts GesprächspartnerInnen von ihren Freundschaften.