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Einleitung in:

Katja Specht

"Wahre Freundschaft", page 1 - 4

Beziehungskulturen der Freundschaft - eine sozialpsychologische Untersuchung

1. Edition 2020, ISBN print: 978-3-8288-4435-3, ISBN online: 978-3-8288-7449-7, https://doi.org/10.5771/9783828874497-1

Series: Wissenschaftliche Beiträge aus dem Tectum Verlag: Psychologie, vol. 32

Tectum, Baden-Baden
Bibliographic information
Einleitung Würde in einem alltäglichen Gespräch die Frage gestellt: „Was heißt Freundschaft für mich?“, so würde man nicht lange nachdenken und hätte wahrscheinlich schnell eine Antwort. Mit solchen Alltagsantworten hatte ich in meinen Interviews und Gruppendiskussionen gerechnet. So war ich zunächst erstaunt, wie schnell meine Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner bei dieser Frage ins Nachdenken und Philosophieren gerieten. Alle TeilnehmerInnen meiner Untersuchung haben meine Forschungsfrage von Anfang an ernst genommen, und wir kamen rasch in ein intensives Gespräch. Dies ist auch der methodischen Anlage meiner Untersuchung geschuldet, die ich im Kapitel „Die Methoden der empirischen Untersuchung“ vorstelle. Bei meinen theoretischen Überlegungen zu meiner Arbeit bin ich von der theoretischen Studie „Formen des Alltagsbewußtseins“ (1979) des Sozialpsychologen Thomas Leithäuser ausgegangen. „Alltagsbewußtsein“ ist nach Leithäuser ein: „Bewußtseinsmodus, der unsere gesellschaftliche Wirklichkeit in sehr spezifischen Figuren verarbeitet und repräsentiert. (…) Alltagsbewußtsein soll hier also nicht gleichsam ‚wertneutral‘ und affirmativ eingeführt werden, sondern verstanden werden als eine auf die gesellschaftliche Wirklichkeit in erster Linie reaktiv wirkende und diese verzerrende Bewusstseinsbildung.“ (S. 10) Ich habe in dem Pretest meiner Untersuchung gelernt, dass meine Forschungsfrage den Modus des „Alltagsbewusstseins“ problematisiert. Es hat sich gezeigt, dass meine Forschungsfrage „Was heißt Freundschaft für mich?“ meine GesprächspartnerInnen meist stark irritiert hat. Meine Forschungsfrage verlangt nicht nach einer spontanen Antwort, sondern fordert zum Nachdenken heraus. Solche Herausforderungen zum Nachdenken habe ich daher zur Leitlinie meiner Gesprächsführung gemacht. Nicht nach dem, was einem selbstverständlich einfallen kann, wird gefragt. Ich wollte auch keine bloßen Informationen darüber, was Freundschaft heißen könnte, sondern ich wollte meinen 1 Pretesterfahrungen folgen und zur Reflexion über die persönlichen Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen anregen. Über solche Erfahrungen sollte in meinen Interviews und Gruppendiskussionen erzählt und gesprochen werden. Solche Gespräche gestalteten sich häufig als eine Art intellektueller Spaziergang durch alles das, was meine GesprächspartnerInnen als Freundschaft erlebt hatten oder sich wünschten zu erleben. Meine GesprächspartnerInnen haben im Verlauf unserer Forschungsgespräche angefangen, meine Forschungsfrage an sich selbst zu stellen. Sie waren dann Fragende und Antwortende zugleich und meine Rolle war es, sie in diesem Frage- und Antwortspiel zu begleiten und zu unterstützen. Man könnte daher von einer die Reflexion fördernden Interviewmethode sprechen. Bernd, einer meiner Interviewpartner, hat diese Methode zum Ende des Interviews als ein „inneres Rategespräch“ bezeichnet. Folgende Methoden der qualitativen Sozialforschung habe ich in meiner empirischen Untersuchung angewendet und auf die themenbezogene Fragestellung und ein die Reflexion förderndes Antworten entsprechend modifiziert: Befragung in einem sozialen Netzwerk, qualitative Interviews, qualitative Gruppendiskussionen und teilnehmende Beobachtungen. Mit der Anwendung dieser Methoden bin ich der Grundregel qualitativer Sozialforschung, der Anpassung der Methode an den Forschungsgegenstand gefolgt. Der Titel meiner Dissertation ist „Wahre Freundschaft“. Die Arbeit ist eine Suche nach der Wahrheit, die Suche nach der Freundschaft als einer grundlegend menschlichen Beziehung. Das belegt der empirische Teil meiner Forschungsarbeit. Bei der Suche nach der Wahrheit von Freundschaft habe ich mich an der Arbeit „Wieviel Wahrheit braucht der Mensch?“ (1993) des Kulturphilosophen Rüdiger Safranski orientiert. Rüdiger Safranski fragt: „Wonach sucht man, wenn man nach der Wahrheit sucht? Man will etwas erkennen, was einem hilft, sich in der Wirklichkeit zu orientieren, und das freie Bewegung mit einem Minimum an Gefahr ermöglicht. Wer nach der Wahrheit fragt, will sich mit einem schwierigen Lebensgelände vertraut machen. Die Wahrheitssuche ist durchaus darauf gefasst, auf Abgründe zu stoßen. Wenn man die Abgründe kennt, ist die Gefahr, in sie hineinzustürzen, geringer. Die Wahrheitssuche ist ihrem Wesen nach eine vertrauensbildende Maßnahme: Die Wiederherstellung einer wenn auch Einleitung 2 behelfsmäßigen Geborgenheit. (…) Die Erwartungen, die sich an die Wahrheit knüpfen, lassen sich auf die Formel bringen: Erst die Wahrheit wird uns freimachen.“ (S. 193) In einer gelingenden Freundschaftsbeziehung kann solche „freimachende Wahrheit“ gefunden werden. Wie ich mit dem Sozialpsychologen Erich Fromm beschreiben werde, kann Freundschaft sich aus den gängigen marktförmigen Beziehungen des Alltags, der unser Alltagsdenken zunehmend beherrschenden Ökonomie der Warenproduktion und des Warentausches ein Stück weit herauslösen und emanzipieren. Aus einer im ökonomischen Sinn zur Ware gewordenen Freundschaft kann eine wahre Freundschaft werden. Diese Hoffnung lässt sich aus der Analyse meiner empirischen Untersuchung bestätigen. In den folgenden Kapiteln stelle ich die Forschungsperspektive meiner Untersuchung als ein theoretisches Mosaik dar. Daran anschlie- ßend behandle ich die Methoden der empirischen Forschung, darauf folgt die Auswertung der Befragung in einem sozialen Netzwerk, der Interviews und Gruppendiskussionen. An diese Auswertungen schließt wiederum ein theoretisches Kapitel an, in dem verschiedene Blickweisen von FreundInnen theoretisch dargestellt werden. Zum Abschluss dieses Kapitels diskutierte ich Freundschaft als ein „Framing“ von Beziehungen und als eine „Interaktionsform“. Einleitung 3

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Zusammenfassung

Jeder hat eigene Erfahrungen mit Freundschaftsbeziehungen, von denen er viel erzählen kann. In ihrer qualitativen sozialpsychologischen Untersuchung interpretiert Katja Specht diese Erzählungen als Alltagsphilosophien, die sie mit wissenschaftlichen Theorien aus Psychologie, Philosophie und Soziologie vergleicht. Auf diesem methodischen Wege entsteht ein weit gefächertes Mosaik von Freundschaftsbeziehungen.

In den Freundschaftsbeziehungen, von denen viele InterviewpartnerInnen in Katja Spechts Untersuchung berichten, geht es um die Suche nach einer „wahren Freundschaft“. Sowohl in Interviews und Gruppendiskussionen als auch in Fragen und Antworten aus dem Sozialen Netzwerk erzählen Katja Spechts GesprächspartnerInnen von ihren Freundschaften.